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Dresden, Silvester 1930

Mein Gott – Sopherl – in Siedlungshäusern sollte man keinen Silvesterabend feiern. Ich meine so mit Jazz und Jazz und nur Jazz und immer wieder dieselben Schlager. – Und auf verstimmtem Grammophon! – Und wenn die Reihenfolge einmal wechselt, erschrickt man schon und glaubt an eine Variation des Abends. – –

Wie kann man überhaupt in diese winzigen zwei Vorderräume acht Paare zu Silvesterpunsch und Tanz einladen! – Mausi Merker war heute gegen Abend bei uns und bat, wir möchten entschuldigen, wenn es heute ein wenig länger dauern würde. Nun sind wir dieses »ein wenig länger« ja reichlich gewohnt; aber schließlich und endlich, Merkers sind ganz junge Leute, zwei – drei Jahre verheiratet, kinderlos – berufstätig, und da versteht man schon – wenn – –

Ich weiß jetzt, was Du denkst, mein Liebes: »Arme kleine Jo – aus dir spricht maßlose Verbitterung. Kaum dreißig Jahre alt und seit elf Jahren einen gelähmten Mann – kein Wunder.« – –

Weiß Gott, Sopherl, Gutes, ich bin nicht verbittert, glaubte es nie zu sein, aber Silvester sollten Menschen, die keine Zukunft haben und die Augen schließen, wenn sie an die Vergangenheit denken, nicht feiern. Sie sollten ein Schlafpulver nehmen und früh zu Bett gehen. – Aber Dieter will eben aufbleiben. Er will das an jedem Silvester. Ich mußte ihm sogar heute abend die bessere Litewka anziehen – den Punsch nahe an den Rollstuhl stellen, Festo hockt auf seinen Knien, und auf seinem Rücken blättert er im Album mit den Regimentsbildern. –

Rührend – nicht wahr? Ich bewundere es, Sophie, daß er das kann. Das wäre so – als wenn ich heute nacht die Bilder des kleinen Dieterle – – aber nein – – sprechen wir nicht davon. – – – –

Aber ich schreibe heute abend, um Dir zum Jahreswechsel alles erdenkliche Gute zu wünschen. Was soll ich Dir noch wünschen, meine Sophie! Du hast doch alles, was eine Frau sich wünschen kann. Ich hoffe, die Kinder haben die Masern gut überstanden. Ob Ihr schon mit den Skiern auf dem Semmering seid? Wie herrlich muß das dort oben sein! – Es war eigentlich fein, daß Ihr an die Wiener Gesandtschaft kamt. Ob Jochen noch Gesandter wird? Ich wünschte es Euch sehr, Sopherl. Ich weiß, Du wärest die geborene Gesandtenfrau. Aber wie dem auch sei: Bewahre mir Deine Freundschaft, Dein Verstehen, Deine Liebe auch im neuen Jahr. – Du weißt ja, welchen Trost es mir bedeutet, zu wissen: da ist ein Mensch auf der Welt, bei dem du auspacken darfst – alles – jedes – – das tut gut, wenn einem das Herz schwer ist, wie mir heute nacht. – –

Innigst
Jo.

 

 

Neujahr 1931

Mein Liebes!

Heute früh kam Dein Brief an, nachdem ich gestern nacht noch den meinen an Dich in den Kasten warf. Ich will Dir aber gleich Deine Fragen beantworten: Also hab innigen Dank für die fabelhaften Aufträge. Ich will Deiner Empfehlung Ehre machen. Es sind da noch einige wunderbare Leder, die ich für die Einbände verwenden kann in Saffian und Oasenziege. Sind Dir das Begriffe? Auch die Bezahlung ist anständig. Du ahnst ja nicht, wie froh das macht, so das neue Jahr mit neuen Aufträgen zu beginnen. Es tut auch arg not – denn Dieters Skizzen – Sopherl, wir wollen uns nichts vormachen. Ich weiß nur zu gut, daß der Redakteur sie aus lauter Mitleid für Dieter annimmt. Ich habe letzthin sogar bemerkt, daß sie noch irgendwie gefeilt sind. Das ist nicht Dieters Stil. –

Gestern abend – sag offen – mein Brief – klang er nicht doch recht verbittert? Vielleicht ist das nicht das rechte Wort! Ich war so seelisch müde, vor allem über die Sache mit Hans. – – Du fragst danach. Ich kann heute noch nicht darüber schreiben, da ist noch so viel, was schmerzt. – Gestern nacht habe ich dauernd zu mir gesagt: nicht an das Dieterle denken! – Und sah fort von den Kinderbildern auf meinem Schreibtisch; und dann gingen meine Gedanken zu Hans – und da sagte ich mir immer: nur nicht an Hans denken! – Und oben der Jazz marterte mich. Dazwischen sagte Dieter: »Ist es nicht nett, daß man das alles hört! So kommt doch etwas Leben zu uns heran, nicht wahr, kleine Jo? –« Und da mußte ich doch nicken und sagen: »Gewiß, Dieterle.« Übrigens nenne ich jetzt meinen Dieter auch Dieterle. Es verwischt sich dadurch ein wenig das Gefühl für das Kind, und schließlich, muß ich jetzt nicht alle meine mütterliche Kraft und Liebe Dieter geben? – – – Aber dann schloß die Nacht doch noch mit einem Ausblick. Du weißt ja, daß ich Silvester immer auf Bruder Fritz' Anruf aus Berlin warte. Er, das heißt eigentlich Bärbel, ruft stets kurz nach Mitternacht an. Dann kommen auch die Jungens ans Telephon, auch hie und da ein Gast, der mich kennt. Es ist dies schon zur Gewohnheit geworden, denn sie wissen, daß Dieter »seinen Silvester« feiert, daß wir »aufbleiben« – Bärbel war rührend: sie sagte sofort: »Schreibe baldigst an Deine Schwiegermutter, sie ist doch die Güte selbst, sag ihr, daß Du mal ausspannen mußt, und komm auf zwei Wochen zu uns!« Ich erzählte ihr von Aufträgen, und daß diese erst abgeliefert werden müßten, aber dann würde ich Mutter Käthe bitten. Bärbel sagte so etwas von Februar, – – das wäre die beste Zeit für Berlin.

Nun habe ich etwas, auf das ich mich freuen kann! – – – Ach Sopherl, ich schäme mich so, daß ich so klein war. – Aber Du weißt ja – ich war es nie, all die vielen Jahre – – erst seit der Sache mit Hans – – – aber sprechen wir heute noch nicht davon.

Viel Liebes
Deine kleine Jo.

 

 

8. Januar 1931

Mein Liebes – ich bin nun ruhiger, und trotz der Kürze der Zeit habe ich schon ein wenig Abstand zu der Sache bekommen. – Silvester war alles noch so neu. Ich hatte mein seelisches Gleichgewicht noch nicht wiedergewonnen. Aber nun geht es schon wieder – muß ja gehen. Also – ich will Dir chronologisch berichten, um so mehr, als vorgestern Deine lakonischen Zeilen kamen: »Warum, weshalb reist Ihr nicht nach Paris? Was ist geschehen? – Sorge mich!« – – –

Du bist rührend, Sopherl. So voll Verstehen und weißt, was es für eine Frau wie mich bedeutet – von der Ellinor neulich etwas taktlos sagte: sie lebe hinter einer Friedhofsmauer – wenn ihr plötzlich die Tore des Lebens, des sprühenden, heißen Lebens und Erlebens zugeschlagen werden. Aber was sagst Du, wenn ich Dir beichte, daß ich sie zuschlug. Ich! Ich! Klingt das nicht ganz wahnsinnig?

Und doch war es so – aber verzeih – ich wollte doch berichten: Du weißt, wie glücklich Dieter und ich letztes Frühjahr waren, als Hans plötzlich aus Berlin telephonierte: Komme als Chefarzt des Sanatoriums Meißner nach Dresden! – – Ich kann Dir nicht sagen, wie wir uns freuten. Dieters bester – einziger Freund, dabei ein so ungewöhnlich amüsanter, kluger Mensch, außerdem Arzt – was Dieter unbewußt doch auch immer irgendwie guttut. Denn die nehmen ihn doch immer etwas anders, ihn, den Armen, Gelähmten.

Also der Sommer – dieser wunderbare Sommer. – Wir werden völlig herausgerissen! Wenn Hans ins Zimmer tritt, spürt man die Aktivität seines Lebens, alles ist Bewegung, Frische, Kraft. Er selbst ist wie ein Trunk frischen Wassers. Jeden Sonntag kommt er in seinem bequemen großen Wagen, hebt eigenhändig den gelähmten Freund hinein, und nun geht's in die Baumblüte der Lößnitz oder zu den Kamelien des Pillnitzer Schloßparkes oder an die Moritzburger Seen. Hans hat die reizende Art und nennt es Picknick, wenn wir im Wagen die Erfrischungen verzehren (weil Dieter doch nicht aussteigen kann).

Wir beide leben auf. Wir waren ja abgefunden, nannten es »zufrieden«. Aber nun sah man ja erst, wie reich das Leben sein konnte, wie schön die Welt war!

Dann kommt der Herbst. Hans kommt eines Tages mit einem 5-Röhren-Apparat und lacht wie ein Junge, wenn er unser Glück und Erstaunen sieht, wenn er so mit einem Griff Berlin – Prag – Paris – Rom – Warschau herbeizaubert. – Ich weiß, Sophie, das kann sich kein Mensch vorstellen, kein Mensch, der »draußen« in der Welt lebt – nicht so vergraben – so abseitig wie wir. Hans bringt Bücher, Broschüren, nimmt mich mit auf den Internistenkongreß, der gerade in Dresden tagt. Er bringt das Leben in jeglicher Gestalt, nein, er ist das Leben selbst! – Eines Abends hat er zwei Plätze für die Walküre besorgt. Und was für Plätze! Ich armes Hascherl war schon froh, wenn ich mir hie und da einen Platz im 3. Rang leisten konnte. – Es ist ein feuchtheißer Septemberabend. Wir wandern zu Fuß über die Brühlsche Terrasse. Vielleicht weht es von dort ein wenig kühler vom Fluß her – stehen lange schweigend an der Brüstung und sehen die schwerfälligen Elbkähne mit den roten Laternen lautlos in der Dunkelheit vorbeigleiten. Und drüben in Loschwitz blinken die Lichter. – – – –

Hans will mich auf etwas aufmerksam machen und berührt meine Schulter. Es ist alles so unbeabsichtigt, unser Reden zueinander so gelassen, so vertraut wie stets. – – Aber plötzlich – durch diese Berührung – ich weiß nichts mehr heute zu sagen, nur das, daß es wie ein Funken war, der in eine Scheune flog. – Was dann kam, war blitzartig, elementar. Da ist kein Denken mehr, keine Warnung, keine Überlegung. Es ist Schicksal! Er vergräbt mich unter seinem Kuß. – Wir sind eins wie eine lodernde Flamme, die zusammenschlägt. Dies ist alles nur ein Augenblick – ein verzehrender Augenblick. Ich weiß nicht mehr, wie ich dann nach Hause kam. Als Hans mich verläßt, warte ich, bis seine Schritte verhallt sind. Ich kann jetzt nicht zu Dieter hineingehen. – – – Ich kehre um und wandere – wandere zurück – denselben Weg, den wir gekommen. Ich habe unermeßlich lange an der Stelle gestanden, wo er mich im Arm hielt. Ich weiß nichts mehr – nur das eine, daß mein Blut seit jener Nacht vergiftet ist, erfüllt von einer verzehrenden Süße. Als wir uns das nächste Mal in Dieters Gegenwart sahen, ist unsere Unbefangenheit vorbei – aber gottlob spürt Dieter nichts davon. Aber mein Liebes, Du weißt – wenn ich Dir in meinen Briefen auch nur Andeutungen machte, – denn ich konnte nicht davon schreiben, solange ich im Chaos dieser Leidenschaft stand – das Letzte, die Hingabe war noch nicht geschehen.

Es ist ein unhaltbarer Zustand. Das fühlen wir beide. Denn Hans ist wie ein Junge, der zum ersten Male liebt; lauert mir auf – versäumt den Anfang der Sprechstunde – ruft dauernd an und hängt ab, wenn er fühlt, daß Dieter im Zimmer ist.

Noch zaudre ich, denn ich liebe Dieter und weiß, Dieter würde es den Todesstoß geben, wenn er wüßte: Hans, sein bester, einziger Freund, und seine Frau – – – – –

Immer noch halte ich die Festung dem stürmischsten Angriff gewachsen, aber täglich mehr bereit, zu kapitulieren.

Hans bestürmt mich mit einem Vorschlag: Er weiß, jedes Jahr fahre ich einige Male auf 8 bis 10 Tage zu Bruder Fritz nach Berlin oder zu Rose-Marie nach Bonn. Dann kommt Mutter Käthe und betreut Dieter. Die kleinen Entspannungen brauche ich nur zu nötig. Ich soll also Rose-Marie benachrichtigen und Bonn als Alibi angeben. Und jene 10 Tage werden Hans und ich in Paris verbringen. Es wird erst nach Weihnachten sein – dann ist die ruhige Zeit im Sanatorium, erst dann kann er Urlaub nehmen.

Und eines Tages stimme ich zu – – – – –

Ja, und dann kam der Herbst Alles hat einen anderen Glanz, ein anderes Gesicht. Goldner liegt das Laub im Park, wölbte sich je der Himmel so saphirblau über der schönen Stadt? Störte es mich im geringsten, wenn oben Merkers tanzten, oder Mausi Merker Rumba übte, oder ohne jegliches Gefühl immer denselben Schlager pfiff! War es nicht gleichgültig, daß die Buchaufträge spärlicher waren! – War ich nicht geduldig bis zum äußersten, wenn das arme Dieterle seine »bösen« Tage hatte, mit versperrtem Gesicht im Stuhle saß, und kein Handgriff ihm recht geschah! – – – – – –

Ich hatte mir angewöhnt, nachts nicht gleich einzuschlafen, sondern erst eine geraume Zeit zu warten. Es kam oft vor, daß Dieter mich noch einmal leise bittend anrief: »Jo, schläfst du schon, sonst bitte – ich liege so schlecht. – –« Im Anfang war ich oft aus erstem Schlummer gerissen. Da fiel es mir schwer, seiner Bitte nachzukommen. Und Dieter ist so rücksichtsvoll. Merkte er, daß ich schlief, so weckte er mich nicht auf, sondern quälte sich stundenlang, bis der Schlaf ihn übermannte. – Das war so grausam. So hatte ich mir angewöhnt, wachzubleiben, bis ich an seinen Atemzügen verspürte, daß er schlief. Das war eine Selbstverständlichkeit in meinem Leben geworden. So wie für jeden anderen das Verlöschen des Lichtes.

Jetzt ist die Spanne des Wartens keine liebe Pflicht, sie ist erfüllt von Wachträumen beglückendster Form. – – Ein ungeheurer Lebenshunger hat mich erfaßt. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Ist dieser leidenschaftliche Mensch, der noch einmal allen Reichtum der Sinne, alle Süße, alle Gestaltung des Lebens an sich reißen will – der gleich einem Seiltänzer in schwindelnder Höhe mit einer beängstigenden Gleichgültigkeit über die Möglichkeit einer Entdeckung hinwegbalanciert, Jo, die kleine pflichttreue Jo, die stets so selbstsicher elf Jahre neben dem Rollstuhl eines gelähmten Mannes lebte und sich zu bescheiden wußte! Der immer klar war, daß für sie Tausende von harmlosen Freuden, ja sagen wir Selbstverständlichkeiten, nicht existierten, nicht existieren durften. Der nie mehr die Möglichkeit gegeben war, ein Kind zu besitzen. Die jede Verehrung oder Verliebtheit anderer Männer – und die waren ja weiß Gott nicht selten gewesen – nicht anders buchte, als wären sie kleine Attribute der Eitelkeit, die jede von uns braucht, um sich noch als Frau zu fühlen. –

Der nie die Möglichkeit zu Reisen gegeben – die Welt zu sehen. Die keinen Sport trieb – nie in die Natur hinauswanderte – um ihrem Manne nicht die Schmerzlichkeit des Verzichtes zu stark vor Augen zu führen – und anderes mehr.

Ich bin plötzlich wie ein Amokläufer, der vorwärtsrast, blindlings, taub; was geschehen wird, muß geschehen, ist das Recht des Gesunden, Lebenden, Verhungerten. – – – –

Ich bleibe also wach. Aber diese Spanne Zeit zwischen dem Verlöschen der Lampe und dem Einschlafen ist nun unermeßlich köstlich. Kein mühsames Wachbleiben, keine verschlafene Quälerei. Es sind nur noch fünf Wochen – vier Wochen – drei Wochen – ich beginne zu zählen. – Höre das Heranbrausen des FD-Zuges Warschau-Berlin-Paris. Sehe uns auf dem Bahnsteig. Hans' weiten, eleganten Mantel – sein lebendiges frisches Gesicht – sein kühnes zerrissenes Profil, seine schmalen, langen, nervösen Hände, auf deren Knöcheln sich die Haut spannt – den Klang seiner tiefen, warmen, vitalen Stimme, die mir im Blut rauscht. – Sehe uns im Speisewagen – höre das eintönige Rattern des Zuges, höre Namen wie Namur, Verdun (nein, nicht Verdun, gottlob nicht Verdun) – – Paris: Gare du Nord … Hotel d'Angleterre … Rausch der Sinne, Tage der Erfüllung … Tage der Schönheit und des Erlebens. Ja, denn wir werden Paris erleben! Diesen Himmel von einem Blau, wie er eben nur in Paris ist, dieses flimmernde Blau, durch Seeluft erzeugt, diese subtile, zitternde, goldene Atmosphäre, die darum nur hier Künstler wie meine geliebten Manet und Monet hervorbrachte. Natürlich sind zehn Tage nicht viel für eine Stadt wie Paris. Man sollte hier monatelang studieren, sich bereichern. Aber wir sind gut vorbereitet, und Hans kennt Paris. Und so werden wir in allem nur Bekanntes begrüßen, eine Verstärkung, eine Vertiefung erleben! – – –

Am Morgen sagt Dieterle zu mir: »Kleine Jo, ich glaubte, du wärest wach … ich rief dich heute nacht zweimal an, aber du hörtest mich nicht!« …

Ja, ich war wach, aber ich hörte ihn nicht – – ich war so weit – weit fort von dem Gefährten an meiner Seite. – – – – –

 

 

Zwei Tage später

Liebes. Ich konnte meine Beichte nicht weiterschreiben … wurde abgehalten. Dieter war nicht wohl – nichts Schlimmes, nur ein wenig erkältet. Aber Martha konnte ihn nicht ausfahren. Er entbehrte es sehr. Saß nun immer zu Hause. Kurz, ich kam nicht zum Schreiben.

Also höre mich weiter:

Wie mag es aber dann werden, wenn ich wiederkomme, denke ich in lichten Momenten. Wie mag es dann werden! Nicht zwischen Hans und mir. Ich habe zu Hans gesagt: »Was nun kommt, wird ein großes Erleben sein, etwas Einmaliges. Wenn wir zurückkommen, muß es aus zwischen uns sein! Ich kann und mag nicht mit dauernden Lügen leben. Ich leide schon so genug darunter, ich habe Dieter nie die geringste Lüge gesagt!« Wenn ich jetzt in den langen Dezemberabenden Dieter gegenübersitze, leide ich irgendwie. – In drei Wochen werden wir reisen – der Tag ist schon festgelegt. Es sind nur noch zwanzig Tage … nein achtzehn … jetzt nur noch zwölf …

Dieter sitzt mir gegenüber wie all die langen, langen Jahre, so unsagbar tapfer, so ahnungslos. – –

»Warum, wohl Hans kaum mehr kommt?«

»Er wird soviel zu tun haben, Dieterle.«

»Schade« – – – – –

»Ja schade.«

»Ob du ihn mal anrufst?«

»Nein, kleine Jo, ich will mich nicht aufdrängen. Er wird Wichtigeres zu tun haben.«

»Sicher hat er irgend etwas Wichtiges, Dieterle, sonst würde er kommen.«

Nach einer Weile: »Ob er etwas übelgenommen hat, kleine Jo?«

»Aber Dieterle, was sollte das bloß sein! Bestimmt nicht. – Er wird sicher im neuen Jahr wieder öfters kommen.«

»Sicher, Jo – also warten wir. Nicht wahr, kleine Jo, wir haben uns bescheiden gelernt!«

»Ja, Dieterle.« – – – –

Ich jage aus dem Zimmer hinüber in die Werkstatt und vergrabe mich auf der Couch … Ich möchte losheulen, aber stecke nur das Taschentuch in den Mund und würge. Ich darf nicht weinen … darf nicht weinen. – –

Ich kehre wieder ins Zimmer zurück und setze mich Dieter gegenüber. Festo liegt wie so oft auf seinem Schoß, und Dieter spielt mit seinen langen Ohren. Das hat Festo gern. –

Ich seh Dieters klare und so gütige Augen, ich sehe den Schmerzenszug um seinen Mund, den schönen, großen, schmallippigen Mund, der immer aussieht, als ob er alles Leid zurückpreßte. Und darüber die gelassene Stirn. – Ich kann nicht neben Dieter leben – ständig leben – mit dieser Lüge – mit diesem Betrug – geht es mir plötzlich durch den Sinn. Ich bin überreizt, grüble ich, es ist Wahnsinn, daß mir jetzt solche Bedenken kommen! – – –

Ich habe nun keine seligen Wachträume mehr. Ich habe Angstträume. Habe irgendwie das Gefühl, daß ich dieses Erleben nicht verwirklichen kann, weil – weil – – jetzt weiß ich es – endlich – weil Hans Dieters bester Freund ist, daran scheitere ich.

Er wird es nie erfahren, rede ich mir zu. Und du hast Recht auf ein wenig Glück! Ich werde später gelassener mein Leben weiter tragen. Aber Hans – wenn er später – nach allem – wiederkommt – müssen wir beide nicht immer Komödie spielen – kann nicht ein unbedachtes Wort, eine unbewachte Geste Dieter alles verraten! – – Soll er, der bei Verdun durch schwere Verschüttung zu lebenslänglichem Siechtum verurteilt ist, auch noch Frau und Freund verlieren? –

Einen Augenblick ist mir, als ob ich vor Dieters Rollstuhl niederknien möchte, den Kopf in seinem Schoß und ihn bitten, Dieterle, Dieterle, hilf mir doch … versteh mich … laß mich …! –

Aber im letzten Augenblick fange ich mich, mir voll bewußt, daß ich Dieter diesen Konflikt nie und nimmer auch noch aufbürden kann, und daß ich dadurch für alle Zeit unsere Unbefangenheit zu dritt gleich mit zerstöre.

— — — — — —

Und dann, eines Nachts, habe ich das unabänderliche Gefühl, daß es mir leichter ist, zu verzichten, als Dieter mit seinem besten Freund zu betrügen; denn als Betrug würde ich es immer empfinden … würde nie die Kraft aufbringen, mit dieser Lüge neben ihm zu leben, oder Hansens Gegenwart ihm entziehen, was eine weitere Folge. Dieter hat genug gelitten.

Am Heiligen Abend sind es nur noch zehn Tage bis zur Reise. In mir ist alles ganz tot und gleichgültig. Jetzt muß ich es nur noch Hans sagen, der doch gar nichts ahnt. Bei mir ist nun alles durchgekämpft, aber ihn wird es wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen!

Dieter sieht mich oft so prüfend und traurig an. Oder bilde ich mir das ein? Aber kann Dieter denn blind sein, muß er nicht sehen, daß aus seinem stets heiteren Lebensgefährten ein verstörtes, zerrissenes kleines Wesen wurde, das zerstreut durch sein Leben flattert.

Und nun ist also Weihnachtsabend. Vielleicht flockt oben im Erzgebirge schon der Schnee. Hier unten liegt alles in der bleigrauen Reglosigkeit, wie an einem Novemberabend. Die kleine Tanne kauert noch ungeschmückt in der Werkstatt. Ich habe das Gefühl, ich muß erst diesen Kampf austragen, ehe ich an den Baum und meine kleinen Gaben für Dieter denken kann.

Obgleich es erst drei Uhr ist, schummert schon die Dämmerung herein. Dieter ist eingenickt. »Um sechs Uhr bin ich zurück«, sage ich zu Marthe, die gerade den Tisch abräumt.

Zerstreut nehme ich meinen alten blauen Trenchcoat und setze die kleine rote Mütze auf, weil Hans sie so liebt. (Ach, müßte mir das jetzt nicht gleichgültig sein?) Ich riß die rote Mütze vom Kopf … setzte die alte schwarze auf! – Als ich oben im Sanatorium lande und mich im Spiegel sehe, habe ich wieder die rote Mütze auf dem Ohr. Drollig, nicht wahr?

Die Sprechstunde war fast leer. Die Oberschwester erkannte mich und erschrak: Herr Major ist doch nicht – – –

»Nein, liebe Schwester.«

Instinktiv nehme ich neben der Tür im Wartezimmer Platz, damit Hans mich nicht sehen kann, wenn er sie öffnet. Es ist nur noch ein Ehepaar da und eine Dame.

»Bitte, der nächste«, höre ich seine Stimme. Das Ehepaar verschwindet. Das Herz schlägt mir in der Kehle. – Ich versuche, auf und ab zu gehen, aber die Knie gehorchen mir kaum. Ich bleibe vor einem Stich stehen und denke ganz dumm: Ist das eine Radierung oder ein Stich?

»Es dauert sehr lange«, beginnt die Dame ein Gespräch.

Ich schrecke auf: »Ja – vielleicht erste Konsultation.«

»Es ist Heiliger Abend, man hat so viel noch zu tun«, jammert sie von neuem.

Ich nicke nur. Die ganze Person ist mir so gleichgültig, nein widerwärtig; sie lagert so breit und fett im Sessel, trägt einen kostbaren Pelzmantel … eine starke Parfümwelle umgibt sie. Jeden Augenblick zieht sie den kleinen Handspiegel … pudert sich … zieht die Lippen nach. Mein Gott – alles für Hans, denke ich belustigt. Eine silberne Dose zückt sie vor mir. »Nein danke.«

»Bitte, der nächste« – – – – –

Ich sitze allein. Nur noch wenige Minuten. Ich hänge auf einer Stuhllehne … das Bein übergeschlagen und betrachte krampfhaft meinen nassen Schuh … fühle nur das Herz ganz hart, bum – bum – bum. Es ist unerträglich – ich sehe alles verwischt – – – –

Ich höre in weiter Ferne das Klappern der äußeren Türe, die Stimme der Oberschwester: »Nein, Herr Professor, aber Frau von Hellberg sitzt im Wartezimmer« –

»Jo, du?«

Hans hat die Tür aufgerissen. Er ist nicht mehr der Professor … der bedeutende Internist. Es ist Hans – Hans!!

Ob Hans die Situation mißversteht? … Mein Kommen – zu ihm – heute abend! Ich erfasse das blitzartig – sein Jubel –

Ach liebste Sopherl, was dann kommt, kann ich nicht wiedergeben, denn ich kann es auch heute noch nicht fassen …

Zunächst sein Erschrecken, sein Nichtglaubenwollen, sein Hoffen und Bestürmen, seine Beredsamkeit, alles diktiert von seiner Leidenschaft. Er will es nicht glauben … er nennt mich nervös … ich sähe Gespenster. –

Ich lehne gegen seinen Schreibtisch, habe meine Hände rückwärts darangeklammert und schüttle nur immer den Kopf, verzagt, verzweifelt. Hatte ich ihm nicht alles mit mühsam beherrschter Ruhe erklärt – alles vor ihm hingebaut. Er, der vorgab, Dieter zu lieben, der meine Liebe zu Dieter kannte, konnte er mich nicht begreifen?

Sopherl, da wir so aneinander vorüberredeten und uns zu überzeugen suchten, erkannte ich, daß von Hans zu mir keine Brücke führte. Denn als Hans mich unbeirrbar sah, kam das Unfaßbare: Er wurde heftig, nein jähzornig, nannte mich ein törichtes kleines Mädel. Meine Auffassung sei kleinbürgerlich … ich stamme wohl aus der Biedermeierzeit. Es war häßlich. Es war geschmacklos. Es war ernüchternd. Ich raffte mich auf, als der Strom von Schmähungen über mich brauste, und sagte nun ganz ruhig: »Hans, das bist nicht du, – aus dir spricht lediglich Enttäuschung und Verbitterung des Augenblicks. Wenn ich mir das nicht sagte – Hans – ich könnte dich gar nicht mehr so gern haben. Laß uns die alten Freunde bleiben – um Dieters willen.« Ich streckte ihm die Hand hin. Er übersah sie und drehte sich um. – – –

»Leb wohl, Hans«, sagte ich nochmals. Da – über seine Schulter hinweg … knapp:

»Dieter hat keine Rechte … er ist ein Krüppel!« –

»Du bist gemein, Hans«, sagte ich wie unter einem Schlag.

Die Tür schlug hinter mir zu.

 

 

14. Januar 1931

Der Brief, Liebes, soll nun endlich fort. Es ist eine tagebuchartige Epistel geworden. Du verstehst … ich konnte nicht alles auf einmal berichten … mußte Dir aber doch alles im Zusammenhang beichten, damit Du ein Bild hast.

Nun verstehst Du wohl auch meine Gefühle Silvester? –

Wenn Hans bloß käme! Um Dieters willen! – Und Hans will ein Arzt sein! Er muß doch wissen, daß Dieter ihn entbehrt – sich Gedanken macht. Gestern zur Sprechstundenzeit verband ich mich mit Hans und legte im letzten Augenblick Dieter die Hörmuschel hin …

Ich hörte Dieter fragen …

Es war so rührend … ob Hans irgendwie zürne … Hans erzählte wohl irgendeine lange plausible Geschichte … versprach bald zu kommen. Als Dieter abhängte, sah er ganz glücklich aus.

»Hans wird in den nächsten Tagen kommen«, verkündete er strahlend. Gottlob! Ich bin ganz ruhig.

Jo.

 

 

20. Januar 1931

Das ist so wieder ganz Du, liebe Seele –, diese herrlichen Blumen als Antwort auf meine Beichte.

Wir sind beide selig! Die ganzen Fensterbretter sind voll. Und doch wunderbare Exemplare! Habe Dank, innigen Dank. Ich freue mich von Herzen über all die guten Nachrichten von Euch. Es muß ja herrlich dort oben sein. Daß Lotti, die Kleine, schon solch gute Skiläuferin ist! Ich sehe sie noch in der Wiege. Ach Sophie, ein Jammer für mich, daß Du nicht mehr in Berlin lebst! Übrigens, verzeih, Du hast schon mehrfach nach unserer neuen Wohnung gefragt. Ich habe Dir darauf nie geantwortet. Ich war so erfüllt von dem anderen …

Du irrst, Liebe: Die Richthofen-Siedlung liegt nicht am Schweizer Viertel, sondern in Strehlen – nicht allzu weit vom Großen Garten. Wie ich Dir schon schrieb, es war ein unhaltbarer Zustand. Diese 1. Etage in der Fürstenstraße. Immer der Rollstuhl herunter. Unmöglich. Da wurde diese Siedlung gebaut. Ein- und Zweifamilienhäuser. Eine Wohnung in einem Zweifamilienhaus war für uns das Gegebene. Drei nicht zu kleine Zimmer, Küche, Mädchenkammer, Bad. Zwei Stufen ins Freie. Das konnten Marthe und ich gut bewerkstelligen, und es genügte. Wir mieteten schon, eh das Haus fertig war. Merkers, die teuren, ebenfalls. So war es möglich, einige kleine Wünsche zu äußern, die der Architekt gern erfüllte, zum Beispiel den Farbton der Wände.

Wir haben es wirklich nett. Ich will mich bemühen, Dir ein genaues Bild zu geben, da Du doch in Gedanken mit uns lebst: Die Vorderfront der elf Siedlungshäuser liegt nach Osten, besser gesagt, Nordosten. Das ist bedauerlich, denn somit durchflutet die Sonne nur in sehr langen Tagen die zwei kleinen quadratischen Räume und macht sie hell und froh. Der arme Dieter weiß schon ganz genau, wann die belebenden Strahlen kommen, die uns für gewöhnlich nicht allzu lange beglücken. Er läßt dann den Rollstuhl in die Strahlen rücken, nennt sich lächelnd Sonnenanbeter und fühlt sich ohne Zweifel wohler. Ich sehe es an seinem Mund. Er klagt ja nie. Die beiden Räume sind gleich groß. Ich habe unseren Wohnraum mit wenig Geld sehr behaglich eingerichtet. – Für uns war ein Speisezimmer sinnlos, weil Dieter seine Mahlzeiten auf dem Brett gedeckt bekommt, und ich neben ihm am runden Tisch sitze. Arbeitszimmer? Überflüssig. Salon? überflüssig. Alles überflüssig. So verkaufte ich alle Möbel bis auf eine behagliche Sofaecke, einen Ohrenstuhl mit englischem Leinenhanddruck bezogen, einige große Sessel, einen breiten Schreibtisch, eine antike Kommode mit Elfenbeinintarsien, antike Stühle und behielt nur einen alten holländischen Schrank … ließ die Wände gelb – zitronengelb – streichen. Darauf nehmen sich die Stiche und alten Familienbilder vorzüglich aus! Auf der Kommode einige Porzellane … Englisch … Wedgewood von Großmama … altes Meißner … Heroldepoche – und einige Arbeiten von mir: einige besonders schöne Einbände in Saffian, Maroquin, Schweinsleder, Pergament, Ecrasé. – Gleich ein wenig zur Reklame! … falls ein Mensch kommt!!!

Am Fenster quer der Schreibtisch mit dem Telephon, so daß auch Dieter telephonieren kann, dessen Stuhl stets so steht, daß wir einander ansehen können, wenn ich am Schreibtisch sitze. In der Ecke an der Tür rechts ein kleiner grüner Kachelofen mit Ofenbank, auf der gewöhnlich Festo schläft, falls er nicht mit akrobatenartiger Geschicklichkeit seinen Sprung auf Dieters Schoß wagt. Dort liegt er stundenlang. Daneben das zweite Vorderzimmer ist nur Werkstatt: Quer vor den zwei Fenstern, den ganzen Raum einnehmend, steht der Werktisch mit der Handpresse und den Leimtöpfen. Der weitere Raum ist ganz angefüllt durch die Stockpresse, Schneidemaschine, den Spannapparat, die Heftlade, verschiedene Handpressen und den Materialschrank. In der Ecke hängt das Brett mit den Treibmitteln Ochsengalle, Terpentin, Seifenspiritus, Petroleum. Auf der anderen Seite klebt ein kleiner Glasschrank an der Wand, daraus blinken die Messingstempel und Rollen zum Vergolden. – Die Wände sind weiß gestrichen, und nur Material und Werkzeug baumelt da an starken Nägeln: Hanfzwirne, Lineale, Lederproben, ein Brett mit Schraubenziehern, Stemmeisen, Bohrern, ein weiteres Brett mit Vergoldestempeln und Bogensätzen, darunter der Schriftkasten. Du Armes, Du weißt sicher gar nicht, was das alles ist? Aber das braucht alles Deine kleine Jo, wenn sie arbeitet – Arbeit hat!! – Der einzige Schmuck im Raum ist ein riesiger Steindruck, der zwischen den Fenstern hängt, eine Kopie eines Stiches von Hans Sachs mit den Versen:

Ich bind mancherter Bücher ein
Geistlich und weltlich, groß und klein
in Pergament or Bretter pur
und schlag daran gute Glasur
und stampf sie auch zu einer Zier
und sie auch im Anfang planier.
Etlich verguld ich auf dem Schnitt
da verdiene ich viel Geldes mit.

(Von letzterem habe ich noch nichts gemerkt.) Ganz in der Ecke vorn an der Tür … obgleich eigentlich kein Platz dafür vorhanden, steht meine Couch. Couch ist eine maßlose Übertreibung. In Wirklichkeit ist es eine alte Chaiselongue, die diesen bombastischen Namen trägt. Ich habe eigenhändig mit Hilfe eines Arbeitslosen die gedrechselten Beine abgenommen, vier Pflöcke daruntergeleimt und über alles eine bunte Rupfendecke und einige lustige Kissen aus Japanseide geworfen. – Wie die Couch sein soll, ist mir schon längst klar. Ich habe sogar schon eine Zeichnung gemacht, wie sie aussehen soll: 160:200 cm … drei Auflagematratzen, alles bezogen mit englischem Leinenhanddruck, in der Mitte ein Griff, und wenn man die ganze Herrlichkeit daran aufklappt, liegt in seinem Innern ein hartes, kleines Roßhaarkissen und eine Daunendecke! Blöde – was?

Manchesmal habe ich 40 bis 60 Mark in der alten Drahtkassette als Grundstock zu einer Couch. – Aber jedesmal wandern sie den Weg alles Irdischen! Wie gesagt, einstweilen nenne ich mein altes Lager abwechselnd Hunnenlager, Mottenkiste oder Couch, und die wirkliche Couch gehört zu den drei »perversen« Wünschen meines Daseins, die da sind: eine Reise nach Paris, die Kunstgeschichte, Propyläenausgabe, und … eine Couch.

All die Jahre, wenn ich mich »mal sammeln muß« … allein sein, »mal denken will«, wie Dieterle so frech sagt – oder wenn mir mal schwer ums Herz ist, was Dieterle nicht merken soll, so verziehe ich mich auf meine »Couch« – ich ziehe die Füße hoch, unter den Körper, lege den Kopf auf die Seite, und wenn Dieterl mich so sehen könnte, würde er sicher sagen, ich sehe aus wie ein verregneter Spatz auf einer Telegraphenstange. Wenn ich mit mir »im reinen« bin, wie ich es nenne, kommt mein Kopf langsam aus den etwas hochgezogenen Schultern hervor, … ein Bein nach dem anderen rutscht auf die Erde und »ich fliege« wieder ins Nest …

Aber nun gute Nacht, Sophie. Mir fallen fast die Augen zu vor lauter Beschreibungen. In Zukunft weißt Du aber genau, wo Deine Gedanken mich treffen.

Herzlichst
Jo.

P. S. Hans war noch nicht da. Wenn ich bloß wüßte, was ich machte! Ich saß heute lange auf meinem Hunnenlager! …

 

 

8. Februar 1931

Also heute nur wenige Zeilen in aller Eile. Hans war da! Gottlob! Das heißt ich traf ihn heute früh. Ich kam von der Redaktion des Anzeigers mit einer Novelle von Dieter. Leider abgewiesen. Dr. Müller tat es offensichtlich leid. Aber diese war zu schlecht. Wir sprachen lange darüber. Sie sind eben reichlich primitiv (Dieter erlebt ja auch nichts), und haben alle ein happy-end. Es muß doch »gestaltetes Leben« sein, aber nicht Phantasien eines armen Kranken, der am Leben vorbeilebt. – – – –

Nun – also ich komme so in Gedanken – so mit dem Seelendruck: »Wie sag' ich's meinem Kinde« aus der Breiten Straße und biege in die Prager Straße ein und sehe im Gedränge zwanzig – dreißig Schritt vor mir Hans.

Ich tose auf dem Fahrweg voran, um ihn einzuholen, denn wie gewöhnlich war die Straße um die Mittagsstunde sehr belebt. Ganz außer Atem bin ich, als ich ihn erreiche und anrufe. – – Er dreht sich abrupt um und schien erfreut. Einen Augenblick hoffte ich es – aber es »schien« wohl nur so, denn in der nächsten Sekunde betrachtete er mich finster und sagte mit betonter Gleichgültigkeit: »Bitte?« Ich fühlte, wie ich abwechselnd rot und blaß wurde, als ich hervorstieß: »Ach bitte Hans – komm doch – – – zu Dieter!« – – – Sein merkwürdiges Gehaben mochte ihm nun wohl doch leid tun, denn er wurde zugänglicher, fragte nach Dieters Befinden und einige Belanglosigkeiten. Am selben Abend kam er noch. Es ging alles so tausendmal besser, als ich gefürchtet hatte … Gottlob. Ich muß schließen,

tausend Grüße
Jo.

 

 

15. Februar 1931

Mutter Käthe ist da –

Liebste – und morgen reise ich! – Reise nach Berlin! Hurra! – Ach, das wird mir gut tun. Die letzten Wochen – sagen wir lieber Monate – schleppte ich mich nur so. –

Als ich dieser Tage in den Spiegel sah, dachte ich, dein Gesicht wird auch jeden Tag kleiner und die Augen größer. Ein Zustand, der bei mir immer eintritt, wenn ich sehr elend bin. –

Gestern mittag kam Mutter Käthe. Sie lebt seit 1916 bei ihrer einzigen verwitweten Tochter in Kassel, und unterstützt diese mit ihrer Generalswitwenpension und hilft ihr bei der Erziehung ihrer drei Kinder.

Ach – es tat schon gut, als Mutter Käthe eine Stunde da war.

Sie füllt die Zimmer mit ihrer Behaglichkeit, ihrer Wärme, ihrer tatkräftigen Frische und ihrem herrlichen Humor, den keines ihrer Kinder erbte. – Mutter Käthe meint, Dieter hätte ihn gehabt. Nun, daß er ihn verlor, ist ja kein Wunder! –

Gestern abend übergab ich ihr alle meine Schlüssel, gab ihr noch Anweisungen. Marthe war gerade mit Dieter auf der Spazierfahrt. Ich stand mit ihr in der Werkstatt, wo ich etwas geheizt hatte, denn es war noch einige Arbeit zu vollenden und Pakete zu verschnüren. Mutter Käthe saß auf der »Mottenkiste« und sah mir zu. (Wenn ein anderer darauf sitzt, nenne ich sie Mottenkiste.)

Sie behauptet immer, es mache ihr so viel Spaß, meiner Arbeit zuzusehen, besonders wenn ich vergolde. Jedesmal, wenn sie kommt, fragt sie: »Ach, Kindchen, hast du nichts zu vergolden. Ich sehe so gern, wie du die Goldblättchen schneidest, sie legierst, auflegst, stampfst und so weiter.« (Aber leider, leider wird es immer seltener verlangt.) Als ich fertig bin und mich mit einem Seufzer der Erleichterung umwende, sagt sie plötzlich: »Hör mal, Kind. Du siehst dieses Mal jämmerlich aus. Ich sage es dir nur, damit du ruhig acht Tage länger bei deinen Geschwistern bleiben kannst, wenn es dir gut tut. Ich vertrete dich hier gern. Ich bin dir das wirklich schuldig.« Meine Nerven müssen recht kaputt sein, denn zu meinem Schrecken rollten mir plötzlich die Tränen über das Gesicht. Mutter Käthe zog mich auf die Mottenkiste, und plötzlich gab ich völlig nach … Ich lag an ihre Schulter gelehnt, von ihrem Arm liebevoll umschlungen und weinte – herzzerbrechend. – Es tat so gut. Mal keine Beherrschung bis zum äußersten … wie all die Monate … mal sich ausweinen dürfen. »Sag, Kind, ist etwas geschehen?« Sie hielt mich ein wenig von sich und sah mich besorgt an, … und dann fügte sie plötzlich hinzu, und sie sah in diesem Augenblick ganz alt und wiederum ganz jung aus: »Jo, Kind, ich kenne dich doch und liebe dich wie ein eigenes Kind. Ich weiß, wie schwer du es hast … Sei überzeugt, daß ich für alles Verständnis haben würde, nie den Stein heben – obgleich Dieter mein einziger Sohn.« – – – – –

Ich fühlte sofort die Größe dieser Worte. – Blitzartig kam mir der Gedanke – wenn Dieter so zu mir gesprochen – wenn er Hans und mir den Weg freigegeben, ob er uns allen dreien nicht durch diese Einstellung geholfen hätte. – Aber ich stieß den Gedanken so schnell wieder von mir, wie er gekommen. – Man konnte nichts Übermenschliches von Dieter verlangen, dessen ganzes Leben ja schon Verzicht bedeutete!

Ich faßte mich sofort und stand nun vor Mutter Käthe, als ich gepreßt sagte: »Nein, gute Mutter, das ist es ja gerade: Ich habe Dieter so lieb, daß ich ihm noch nicht einmal ein Unrecht zufügen kann, von dem er nie etwas erfahren sollte!«

Die alte Frau grübelte zu mir hinauf.

Sie hatte die Stirn etwas kraus gezogen, als ob sie über jene halben Worte nachsänne, ihre Tiefe ermessen wollte. – – –

Sie erhob sich schweigend – zog das Tuch fest um ihre Schultern … und dann plötzlich – ich war ebenso erschrocken wie beschämt … nahm sie meine Hand und – küßte sie.

Jo.

 

 

Berlin W., 19. Februar 1931

Liebes Sopherl!

Hurra, ich bin in Berlin!

Bärbel wartete auf dem Bahnsteig. Sie stand da – etwas abgehetzt – sie hatte seit sieben Uhr vormittags unzählige Dinge erledigt … hatte für ihren Mann Briefe getippt … zwei Matrosenanzüge zugeschnitten … ungefähr dreißig Personen telephonisch zusammengetrommelt, die am nächsten Donnerstag einen jungen Geiger hören müssen – natürlich bei ihr – und bezahlen müssen sie auch … fügte sie strahlend hinzu, denn der Junge hat nichts zu beißen.

Sie hat telephonisch Jagd auf den berühmten Jeßner gemacht, denn der muß den Geiger lancieren … und er kommt auch … denn er kann es Bärbel nicht abschlagen.

Das ist es vielleicht – Bärbel erreicht alles – wie, wissen die Götter, aber sie erklärt, mißbilligend den Kopf schüttelnd, wenn ihr einer jammernd erzählt, ihm sei dieses oder jenes abgeschlagen worden: »Mein Lieber, das gibt es nicht, dann sind Sie nicht zur richtigen Tür hineingegangen!« …

Also da steht Bärbel, hat auch schon die Plätze für die Premiere und meinen Lieblingskuchen für den Kaffee besorgt …, ist als blinder Passagier Straßenbahn gefahren …, worauf sie besonders stolz ist … (sie nennt das ihren Sport und schenkt dann hin und wieder dem Schaffner eine Mark) und hat … »natürlich« wieder etwas stehen lassen: ihren Schirm! – –

Ihr sehr frisches lebendiges Gesicht mit den braunen intelligenten Augen reizvoll belebt, ist nicht im landläufigen Sinne schön … sie ist auch schon sehr ergraut und ihr streng geschnittener Kopf nicht immer gut frisiert … aber sie hat einen unerhörten Charme, dem alle – – ich wiederhole »alle« erliegen.

Und nun genieße ich Berlin … genieße alles so intensiv und primitiv – Dinge, die kein Mensch so empfinden würde. Genieße einfach diese Atmosphäre von Benzin- und Untergrundbahngeruch … von Auto und Asphalt … und flirrender, schwindelnder Lichtreklame und das Tempo – Tempo! Herrlich!

Fritz kennst Du ja, – er ist ein grundvornehmer Kerl – still, äußerlich etwas indifferent wirkend … und beruflich sehr in Anspruch genommen, so daß er weniger im Hause in Erscheinung tritt. Dort herrscht ein Leben!! … Klar: Vier Buben im Alter von 11 bis 20 Jahren, und dabei alle so grundverschieden, und jeder bringt sein halb' Dutzend Freunde mit, für die Bärbel Freundin und Beraterin ist! – Sie ist unerhört vital … besitzt solchen Reichtum von innerer Kraft und Herzenswärme, die sie über jedes arme Hascherl verströmen muß – aber aus einem unversiegbaren Quell. – – – –

Um Bärbel bildhaft zu machen, müßte man einige der Anekdoten erzählen, die sie täglich liefert. Gleich im Wagen machte sie ein Programm für die nächsten Tage: Première im Staatstheater … Konzert mit Furtwängler … Ausstellung im Zoo … ja und dann kam noch eine Kaskade herrlicher Dinge.

Zwischendurch steckte sie mir einen Briefumschlag in meine alte Tasche und sagte diktatorisch: »Du brauchst Taschengeld … hier ist alles teuer« und sie machte ein Gesicht, als ob sie sagen wollte: Ich stell dich hier auf eigene Füße. – Dabei … ach Sopherl – Du ahnst ja nicht, wie gut die Bärbel zu mir ist. Wenn ich etwas Nettes zum Anziehen habe, von wem ist's? – Der Wein für Dieter … der große Baumkuchen zu Silvester … das Kuvert für unbezahlte Rechnungen … alles – alles.

Sie sagt und schielt aus Ulk zum Entsetzen der Kinder wie ein Idiot: »Kinder – heut hat jeder einen Komplex, und mein Komplex ist Tante Jo!« – –

Ja, und dieser Komplex äußert sich, indem sie mich maßlos verwöhnt. Also das ist Bärbel!

Ich mußte sie Dir so ausführlich schildern, damit Du beurteilen kannst, was sie in meinem Leben bedeutet, wie gut ich es habe.

Deine glückliche Jo.

 

 

Berlin, 19. Februar 1931

Geliebte Sophie!

Ich bin heute ganz elektrisiert – von einer Begegnung! Und Du wirst auch überrascht sein. – Es ist ein alter Bekannter von mir aus der Genfer Zeit, und ich ahnte ja nicht im entferntesten, daß auch Ihr Euch kennt. Er läßt Dich sehr grüßen: van Straaten, z. Zt. holländischer Gesandter in Berlin!! Na – nun staunst Du – nicht wahr – wieso wie – –

Aber laß mich chronologisch berichten:

Also gestern früh – ich sitze gerade mit meinem roten Schleiflackfrühstückstablett im Bett (herrlich, mal so verwöhnt zu werden!) kommt Bärbel herein … eilig …, tätig wie stets. Also kurz – Fritz hat eine wichtige Akte vergessen … ruft aus der Reichstagssitzung an, sie möchte ihm sofort gebracht werden. – Die Mädchen würden ihn vielleicht nicht finden – ob ich – – na also … eine halbe Stunde später stehe ich auf dem Bus. Eine Stunde später schlittre ich schon durch die Wilhelmstraße zurück. Ich sage schlittre – es hat geregnet … es hat gefroren … wieder geregnet. Na, es war kein Vergnügen, so über die Pfützen weg. Die Wilhelmstraße ist um diese Zeit wenig belebt. Da kurz vor mir hält ein Wagen … vor irgendeiner Gesandtschaft. Ein Herr steigt aus … er ist groß, sehr groß, hager, dabei breitschultrig gebaut … bartlos … so wie der englische Typ oft ist. Sehr gute distinguierte Erscheinung … so – so Mann um die Fünfzig denke ich. Ganz dichtes weißes Haar. (Er nahm gerade seinen Zylinder ab, um jemand zu begrüßen.) Mit einer merkwürdigen Gedankenverbindung schaue ich nur auf den Zylinder … und sehe mich als Kind in London bei Großmama, wo vor dem Krieg alle Herren ständig nur den Zylinder trugen. – Also ich blödes Schaf gucke eigentlich nur auf den Zylinder (Du denkst jetzt sicher auch, die Jo ist das reine Minchen vom Lande geworden) und kaum auf den Herrn, … als dieser mich plötzlich ganz spontan mit dem Guttural etwas schweren Deutsch anruft:

»Mein Gott, gnädigste Frau – wo kommen Sie denn her?«

Nun muß ich einen großen Sprung tun, um Dir meine, oder wollen wir lieber sagen, unsere Beziehungen zu van Straaten zu erklären.

Du weißt – kurz nach unserer Verheiratung wird Dieter bei Verdun schwer verwundet … verschüttet.

Ich bei Mutter Käthe in Kassel. Die Geburt Dieterles. Dann 1919–20 dauernd unterwegs mit dem gelähmten Mann, zunächst begleitet von einem Pfleger … später, nachdem ich die Handgriffe gelernt hatte, allein … kaum zwanzig Jahre alt. Der Herbst in der Klinik in Berlin … später in München. (Wo lebtest Du eigentlich in jener Zeit, da wir uns noch nicht kannten?) Doch entsinne ich mich, Dein Mann war damals Botschaftsrat in Madrid. Gut – also wir ständig unterwegs von einer Berühmtheit zur anderen … letzte Hoffnung Professor Latour in Genf. – – Der kalte Winter in Genf im Hotel. Dort das Hangen und Bangen monatelang. Wir sitzen im kleinen Hotel am Quai – an den anderen Tischen Herren vom Völkerbund. –

Wenn Dieter schläft, gehe ich durch die Straßen von Genf oder spreche im Hotel mit diesem oder jenem Vertreter anderer Nationen. Durch meine irische Mutter spreche ich ja englisch so gut wie deutsch. Jeder kennt uns – ich falle nicht auf mit meiner Kinderfigur, aber der Rollstuhl, in dem der Offizier sitzt, – (sehr schmal, sehr elend, noch immer in der Uniform mit dem schwarzweißen Band, kaum Mitte der Dreißig und doch so gelassen), der sich mit stoischer Ruhe in den Rollstuhl und herausheben läßt und zu den unzähligen schmerzhaften Untersuchungen in der Universitätsklinik gefahren wird. Die Professoren selbst wünschen, daß wir nicht in der Klinik wohnen. Die Atmosphäre dort ist zu trostlos. Und wir brauchen ein wenig Ablenkung, die ist schon durch das Hotelleben gegeben.

An einem der Nebentische sitzt ein älterer Herr … Holländer: van Straaten. – So lernen wir einander kennen. Ehe er an seinen Platz geht, spricht er uns regelmäßig an, erkundigt sich nach Dieters Befinden. Er hat viel Charme … eine unendliche Liebenswürdigkeit in Form und Sprache – die man so selten bei Männern trifft.

Am Weihnachtsabend kommen herrliche Blumen.

Wir konnten nie erfahren, von wem sie sind. Van Straaten lehnte es ab, aber … kurz – er war es.

Ich bin hin- und hergerissen. In Kassel ist das Kind, und wenn Mutter Käthe, die Unermüdliche, Gütige, auch jede Woche lange Berichte über das Dieterle schreibt, »auf ihre alten Tage« photographieren lernt, nur um mir jede Woche ein kleines Bildchen schicken zu können – ich leide begreiflicherweise doch sehr, die Entwicklung des Kindes nicht miterleben zu dürfen.

Anfang Februar läßt mich Professor Latour kommen. Erst zögert er, während er mich so betrachtet – ich sah dazumal noch wie ein kleines Mädel aus – aber schließlich, gesagt muß es ja sein – und ich bin Dieters Lebensgefährtin. –

Er versucht – um so mehr, als ich der französischen Sprache nicht so mächtig bin – in Laienausdrücken sich verständlich zu machen: Wenn also jene Kur – acht Spritzen ins Rückenmark – keine Belebung der gelähmten Extremitäten hervorruft, so ist die Verletzung unheilbar. Das werden die nächsten drei Wochen ergeben. Die Lähmung wird langsam – ganz langsam fortschreiten; jahrelang so unerheblich, daß es kaum spürbar, später im Alter mehr. Lebensgefahr sei nicht vorhanden. Wenn die Lähmung später – – seien Sie gefaßt, Madame, vielleicht in 15 bis 20 Jahren die Hände ergreift, wird auch der Geist nachlassen. Das Ende erfolgt dann eines Tages mit Herzmuskellähmung. – »Soyez tranquille, madame. Soyez tranquille, madame!« – – – – – Professor Latour sagt dieses: »Seien Sie gefaßt« mehrere Male, obgleich diese Ermahnung völlig unnötig. Ich habe schon seit einiger Zeit mit der Unheilbarkeit – mit der Unabänderlichkeit von Dieters Geschick gerechnet. –

Ich sehe noch nach vielen Jahren diesen Augenblick vor mir. Ich habe nicht mit Dir, liebste Sophie, über jene Genfer Zeit gesprochen – ich ließ gleichsam ein Visier herunter, wenn ich nur daran dachte … Du hattest sicherlich auch von meinen Verwandten, durch die wir einander kennenlernten, alles gehört! Und nun – ich sehe jene Stunde noch heute mit erschütternder Klarheit vor mir: der berühmte Arzt im weißen Kittel, und ich an dem großen geöffneten Fenster seines Sprechzimmers in der Genfer Universitätsklinik. Im Garten draußen alles naß und unbelebt, und ich habe nur ein dumpfes Gefühl irgendeiner Botschaft, die – wenn man sich auch längst mit dem Gedanken trug – letzten Endes doch zu schwer ist, in ihrer ganzen Tiefe gleich erfaßt zu werden. – –

Ich gehe dann am Quai entlang, alles ist naß und grau, das Pflaster, die Mauern, der See, grau die Menschen, die Zukunft – – – Ich bin erst zwanzig Jahre alt, … Dieter ist meine erste Liebe gewesen – die Lauterkeit seines Charakters, das Heldenhafte im Ertragen seines Schicksals haben meine Liebe noch gesteigert. Ich sehe in ihm den Helden des Weltkrieges – sein Opfer. – – – –

Aber gottlob ist da noch das Kind!

An diesen Gedanken klammere ich mich in den Wochen, die nun folgen. Für mich und Dieter wird das Kind Trost, Lebensaufgabe – Zukunft bedeuten.

Dieser Gedanke gibt mir Halt … Kraft.

Und dann kommt das Unausdenkbare: Der Brief, die Kinder hätten alle Scharlach, hätten auch das Dieterle angesteckt, und dann die Nachricht: Dieterle tot. – – Mutter Käthe teilt es erst mit, als es zu spät ist. Der Arzt hätte bis zum letzten Augenblick geglaubt, der kleine kräftige Kerl würde es überleben. Was dann kommt, ist unermeßlich. Ich fahre nach Kassel, lasse Dieter verzweifelt in fremden Händen. Mutter Käthe kommt mit mir zurück nach Genf, um den unheilbaren Sohn und die zerbrochene junge Frau in die Heimat zu begleiten. Es sind so dunkle Wochen, ja Monate, die dann folgen, daß ich gar nicht mehr daran zu rühren vermag. – Wie zwei Schiffbrüchige treiben wir zunächst dahin. Dieter spricht fast gar nicht. Der schmale, große ausdrucksvolle Mund ist noch schmäler geworden. Er ist grau geworden und fahl. Es macht wohl auch das bewegungslose Leben im Rollstuhl. Es erschüttert jeden, der ihn beobachtet, daß er trotz allem immer noch in gestraffter Haltung sitzt, stets in der alten Litewka mit dem schwarzweißen Band im Knopfloch …

Mich hatte es gefällt. – Dies doppelte Schicksal. – Wie einen jungen Baum, dem der Sturm die Krone brach. – Wochenlang war ich ganz apathisch. Dann eines Tages raffe ich mich auf, um Jahre gealtert – – fahre nach Berlin … zu Fritz. Er ist Anwalt … bedeutende Praxis, Abgeordneter. Fritz hat Verständnis für meine Wünsche … hilft. Er leiht mir die nötige Summe zur Ausbildung. Dieter und ich ziehen nach Dresden. Ich lerne das künstlerische Buchbinden … bin nach fünf Jahren Meisterin. – Meine Arbeit wird geschätzt … und die ersten Jahre hatte ich gute Aufträge.

— — — — — —

Das Leben, das wir dann führen, hast Du kennengelernt. Es war glücklich zu nennen, so eigenartig es klingen mag. Wir hatten uns »abgefunden«.

Dies Wort besagt alles, und ich liebe Dieter – und Dieter liebt mich. Es gibt natürlich Stunden – wo Dieter gereizt und schwierig ist – aber ist das ein Wunder?

Es gibt Stunden, wie in jener Silvesternacht, daß mich Bitterkeit ankommt in dem Gedanken, das Leben gleitet an mir vorbei; daß die Gegenwart zu entsagungsreich, die Vergangenheit zu schwer und unser Dasein ohne Zukunft – – aber ist das ein Wunder?

Im allgemeinen aber sagen alle, die mit uns zusammenkommen, daß man weder bei Dieter noch bei mir etwas von der Herbheit unseres Geschickes spüre – bis – – – ja bis Hans in unser Leben trat. – Aber gottlob ist auch das überwunden.

 

 

Am nächsten Morgen

Ich habe gestern nacht bis zwei Uhr geschrieben – ich habe Dir ja nie davon gesprochen, und Du hast in Deiner lieben Art nie daran gerührt.

Ja – das war unsere Begegnung mit van Straaten. – Wir waren seinerzeit Hals über Kopf aus dem Hotel aufgebrochen. Wir hatten die sehr nette Frau eines deutschen Diplomaten – die uns packen half – gebeten, alle im Hotel … alle unsere Bekannten in Genf zu verständigen und uns zu entschuldigen. Wir erhielten dann später einige Briefe des Beileids, auch einen ungewöhnlich gütigen Brief von van Straaten. –

Und nun steht da van Straaten, und die ganze Genfer Zeit wurde in mir lebendig.

Er war anscheinend ebenso überrascht und erfreut ob der Begegnung: »Also meine gnädigste Frau … können Sie fünf … sagen wir zehn Minuten hier in meinem Wagen warten? Dann bin ich fertig, und wir frühstücken irgendwo … Ich muß doch alles wissen.«

Also – eine halbe Stunde später saßen wir bei Borchardt, und ich erzählte ihm das wenige, was von uns zu berichten war: Dieters unveränderter Gesundheitszustand, und daß wir in Dresden leben, und ich hier mal zwei Wochen zu Besuch bin.

Und nun kommt etwas zu Drolliges … Du wirst lachen! Als er dem Chauffeur meine Adresse angeben will, und ich sie ihm nenne, stutzt er und fragt: »Mein Gott, sind Sie eine Verwandte der charmanten Frau Barbara Schliemann?«

Und als ich ihm lachend erkläre: Fritz … ist mein Bruder, ist das Erstaunen auf seiner Seite. Also van Straaten ist einer der unglücklichen Dreißig, die zu dem Geigertee kommen müssen! – –

Bei Tisch war die Überraschung nun auch bei Fritz und Bärbel. Bärbel sagte, sie »liebe« Straaten, er wäre einer der wenigen »Kavaliere alten Stils«, von dem die heutige Jugend nur lernen könne!

Dabei sieht Bärbel »streng und gerecht«, wie Fritz es nennt, von einem Jungen zum anderen und bleibt mit vorwurfsvollem Blick an Fritz hängen. – Alles lacht natürlich!

Zum Tee war es sehr gemütlich. Ich höre zu gern, wenn Bärbel aus ihrem Leben erzählt. Sie tut das so bildhaft. Man erlebt alles mit. Sie spricht gern in Superlativen, weil sie alles so gesteigert empfindet. – Und das klingt so amüsant.

Herzlichst
Jo.

 

 

Berlin, 25. Februar 1931

Liebling – vorgestern nachmittag war der Geigertee … Bärbel sagte vor acht Tagen: »Es kommen zirka dreißig Leute – – es kamen aber siebenundsechzig! – Aber das ist man hier gewohnt. Es fing um sechs Uhr an. Mittags sagte Fritz: »Bärbel, sage bloß, wer alles kommt, sonst zeige ich meine Überraschung allzusehr!« – Es soll mal geschehen sein, daß Fritz – übermüdet – bei einem Vortrag in seinem Hause einnickte, und als er wieder zu sich kam und so viele fremde Gesichter um sich sah … überlegte … wo er wohl sei! – – Weißt Du – ich glaube die Geschichte nicht recht … es ist nur eine Legende. – Sie erzählen gern solche Witze voneinander. Was mich immer wundert: Bärbel ist doch so maßlos zerstreut und hat so viel zu überdenken, daß trotzdem nie etwas fehlt und immer alles klappt! Sie behauptet, das läge an »Gustav«! Gustav ist ein kleines Notizbuch, das auf ihrem Schreibtisch liegt, und in dem sie alles notiert und alles Geschaffte durchstreicht.

Also van Straaten war da … und das war natürlich für mich die Hauptsache.

Erstens bin ich gar nicht musikalisch, und zweitens fand ich Bärbels Schützling weiß Gott nicht überragend, so setzten Straaten und ich uns in eine Ecke im zweiten Zimmer und plauderten … Ja – in dem Zusammenhang erfuhr ich, daß Ihr einander kennt! Er sprach von Madrid, und da fragte ich ihn, ob er mit Euch zur gleichen Zeit dort war. Er war sehr begeistert von Dir. – Na, klar! – – – Mein Sopherl – wer sollte das nicht sein!

Leider blieb er nur sehr kurz, er mußte dann noch auf die russische Botschaft.

Übrigens, wußtest Du, daß van Straaten schon über sechzig Jahre alt ist? … Bärbel erzählte es mir. Sie sagte, er sei vor ungefähr dreißig Jahren verheiratet gewesen mit einer Belgierin … sei geschieden und kinderlos. Nein, das hätte ich nicht gedacht! Ich hielt ihn für zehn Jahre jünger … Bärbel meint, jeder glaube das. –

Merkwürdig, Sopherl – dann ist er ja eigentlich schon ein alter Mann!

— — — — — —

Herzlichst
Deine kleine Jo.

 

 

Berlin, 2. März 1931

Also Du siehst, ich bin noch da!

Gestern abend war der übliche, dienstägliche Bridgeabend. Fritz sagt, er brauche das zur Entspannung. Die Gäste waren schon da … nur Bärbel nicht. Man will mit dem Essen anfangen – Fritz macht ein irritiertes Gesicht. Plötzlich erscheint Mäxchen Müller, der fünfte Sprößling des Portiers: »Frau Doktor kann nicht kommen, sie erwartet das Kind!« … Jubelndes Gelächter … auch als Bärbel ½12 Uhr abends erscheint. Keiner sieht, wie müde sie aussieht … Keiner, daß sie einen überanstrengten, gespannten Zug um die Augen hat … nur Jürgen, der Älteste, reicht ihr liebevoll ein Glas Wein, das sie hastig trinkt. – Sie ist zerstreut … dann schüttelt sie das starke graumelierte Haar nach hinten … entzündet sich eine Zigarette … und greift nach den Karten – – – – –

Heute morgen saß Bärbel auf meinem Bettrand wie gewöhnlich. Im Pyjama … eine Zigarette zwischen den Lippen … den unvermeidlichen »Gustav« in der Hand – – Dies Viertelstündchen morgens mit Bärbel genieße ich. Sie kommt meist zur gleichen Zeit mit dem Stubenmädchen, das mir auf einem verstellbaren Tablett das Frühstück bringt.

Als wir heute so beisammen plauschen, wird Bärbel ans Telephon gerufen. Als sie wiederkommt … sagt sie: »Straaten war am Telephon … fragte, ob du das Pergamonmuseum schon gesehen … Als ich verneinte, meinte er, er hätte heute ab 12 Uhr 20 eine Stunde Zeit. Er wolle dich abholen lassen und es dir zeigen!«

Ich – raus aus dem Bett … hinüber ins Bad. Als ich Bärbel Lebewohl sagen will – sie saß wie gewöhnlich in ihrem Arbeitszimmer und rechnete – sagte sie: »Kleine, da kannst du dir etwas darauf einbilden – Manche Frau in Berlin würde sich über diese Einladung freuen. Die Frauen sind alle verliebt in Straaten!« – –

Komisch – Sopherl. Straaten ist doch ein alter Mann!! – –

Ich will den Brief noch schnell mitnehmen.

Darum Schluß – Kuß –
Jo.

 

 

Berlin, 5. März 1931

Vielen Dank, Liebes, für Deinen langen lieben Brief aus Budapest. – Wie drollig, daß Du Straaten so gut kennst … Übrigens Dein Urteil deckt sich ja mit dem von Bärbel – wenn Du schreibst, daß die Frauen in Madrid so – – – na ja – – er ist so ein ungewöhnlich charmanter alter Herr und sieht so gepflegt und distinguiert aus. –

Aber das mit dem Pergamonmuseum hat alle meine Erwartungen – alle meine Vorstellungen übertroffen! Ich meine nicht die antiken Bauwerke allein, – die ja, obgleich sie aus ihrem Mutterboden gerissen sind – sich auch hier den Schimmer des Göttlichen bewahrt haben, … sondern durch van Straatens Führung. Er war lange in Konstantinopel und kennt darum Anatolien sehr gut. Er sagt, er sei wochenlang in Pergamon gewesen, … hätte den Ausgrabungen beigewohnt und all die Entdeckerfreuden miterlebt. – – So war es doch etwas anderes, die architektonischen Kunstwerke so herausgerissen bewundern zu müssen – wie es die meisten Menschen tun müssen – oder wie es Straaten tat: das Geschichtliche darum erstehen zu lassen, so daß man alles mit ganz anderen, erweiterten Augen betrachtete! –

Als er mich zu Hause absetzte, sagte er: »Es ist keine der üblichen Phrasen, meine gnädigste Frau, daß ich mich über unser Begegnen sehr freute. – Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich demnächst in Dresden bin, dann besuche ich natürlich Sie und den Gatten.« –

Als ich das abends Bärbel und Fritz erzähle, goß Bärbel reichlich viel Wasser in meinen Freudenbecher und sagte: »Man muß solche Redensarten nicht wörtlich nehmen, kleine Jo … van Straaten ist ein Weltmann … ungeheuer in Anspruch genommen … dauernd unterwegs … Er wird das vergessen – fürchte ich.«

Sieh' Sopherl, bei jeder anderen Frau hätte ich geglaubt, Neid und Eifersucht schwänge in diesen Worten. – Bei Bärbel ist das ausgeschlossen. – Sie weiß, wie ereignisarm mein Leben dahingeht! Sie will nicht, daß ich mich umsonst auf etwas freue … Sie will mich vor Enttäuschungen bewahren!

Tausend Grüße …
Jo.

P.S. Heute abend erzählte mir das Stubenmädchen – als es mein Schlafzimmer zur Nacht richtete, daß Bärbel der Portiersfrau neulich durch ihre Umsicht und Tatkraft das Leben gerettet habe. – – Der Arzt hat dies zum Portier gesagt. – – – –

 

 

Berlin, 20. März 1931

Liebste Sophie! Nicht wahr, Du staunst, daß ich noch in Berlin bin? Mutter Käthe schrieb mir, Dieterle ginge es vorzüglich, und ich möchte auf alle Fälle noch bleiben, wenn es mir guttäte. Ich lasse mir dies nicht ein zweites Mal sagen und habe der guten Seele gedankt.

Am Freitag war ich noch bei Kusine Ellinor, die Dich grüßen läßt. – Ihr habt Euch ja mal bei mir getroffen … und Du sagtest, sie sähe doch ungeheuer »bildhaft« aus. Das ist sie auch heute noch … nur noch etwas betonter … unterstrichener, so daß man auf sie die Redensart anwenden könnte: »Etwas weniger wäre mehr!«

Es waren noch zwei Frauen da und ein junger Mann, der lange in England gewesen ist. Anscheinend das einzige, was er von dort mitbrachte, waren die saloppen Manieren – die dorthin passen und hier unerzogen wirken. – Er legte seine Füße auf Ellinors Sessel! … Du hättest Ellinors Augen sehen sollen! – Ellinor ist weiß Gott Weltdame – dabei reichlich burschikos – aber das war ihr doch zuviel: ihre Augen zog sie erst hoch und stierte … dann blinzelte sie … als ob sie nicht recht sähe, und als der junge Fant es noch nicht merkte, sagte sie: »Wissen Sie, mein Lieber, wir wollen den Platz auf alle Fälle freihalten, es könnte doch noch jemand kommen!« – Das zog. – Als sie alle fort waren, bat sie mich noch, mit ihr zu Abend zu essen … Wußtest Du, daß sie seit zwei Jahren geschieden ist? Wovon sie einen solch eleganten Haushalt bestreitet, wissen die Götter … Nach dem Essen à deux – es wird auf silbernen Platten serviert – gut temperierte Weine – kleine Delikatessen – sieht sie mich plötzlich so prüfend an … schiebt ihren Stuhl vom Tisch … legt den Kopf ein wenig nach hinten … und blinzelt hinter einer Wolke Zigarettenrauch. – (Ich habe meine Beine doch nicht auf dem Sessel, überlege ich blitzschnell.) –

»Na –« frage ich lachend, denn ich fühle, Ellinor hat etwas auf dem Herzen.

»Höre, Jo«, sagt Ellinor förmlich emphatisch, »du siehst unerhört aus! Wenn du ein wenig mehr aus dir machen würdest – – alle Männer würden dir zu Füßen liegen!«

Ich wußte nicht, sollte ich darüber lachen oder böse sein. – Die Sache kam mir reichlich dumm vor. –

»Bitte komm in mein Toilettenzimmer«, fuhr Ellinor fort und strich hastig die Asche von der Zigarette – und da ich denke – man soll Verwandte, die man nur einmal im Jahre sieht – – – (!) nicht vor den Kopf stoßen – so folgte ich ihr brav! –

Nun kam etwas wirklich Spaßiges. – Sopherl. – Du hättest gelacht! Ellinor ist nur wenig größer als ich … also kann ich zur Not ihre Kleider tragen … Sie warf mir eine schwarze Tüllrobe über … von Kuhnen … es war wirklich ein Gedicht … mit blutroter Moiréschärpe … und begann mein Gesicht nach dem Ton der Schärpe »zu bearbeiten«. – Sie zog meine Augenbrauen lang … an den Schläfen etwas kühn geschweift … machte meinen nicht sehr großen Mund zu einem blutroten Fleck … legte mein dunkles strenggeschnittenes Haar noch strenger an die Schläfen und straff nach hinten …

Ellinor war ganz aufgeregt bei der Arbeit. Sie kniete vor mir … den Kasten mit Farbstiften und dem Puder neben sich … sie bürstete unermüdlich mein Haar, es war das reine Affentheater. – – Ich schaute auf ihr brandrotes Haar, ihr weißes bildhaftes Gesicht. –

»Du darfst nicht in den Spiegel sehen« – schrie sie zwischendurch, was ich ja gar nicht gewagt hätte. –

»So, jetzt bist du fertig«, verkündete sie dann aufatmend und riß die Tür auf: »Anna«, rief sie strahlend, »kommen Sie einmal her und schauen Sie die gnädige Frau an! Ist sie nicht ganz ›große Klasse‹? Was sollte die arme Jungfer anders sagen, als dies bestätigen. – Ich mußte so bleiben – nachdem ich schon wieder mein kleines Sportkleid übergeworfen hatte, und sollte anrufen und sagen, was Bärbel und Fritz – – Auf dem Heimweg ging ich ins Café Wien auf dem Kurfürstendamm und gab der Garderobenfrau einen Fünfziger!!! – –

So landete ich wieder in der Keithstraße als Deine

»alte« Jo.

 

 

Dresden, 10. April 1931

Verzeih, liebste Sophie, daß ich Deine zwei Briefe nicht beantwortete und somit auch nicht Deine Fragen bezüglich der Einbände. Ich habe sie schon abgeschickt. – Ich nehme an, daß Du jeden Tag die Nachricht vom Zollamt bekommst.

Du sorgst Dich, daß ich Dir drei Wochen nicht schrieb. Ein Faktor, der bei mir nur auf Ungewöhnliches schließen läßt. –

Aber wenn ich Dir sage, was ich in diesen Wochen durchmachte, wirst Du begreifen, daß ich nicht fähig war, Dir zu schreiben. – – Ich wollte nicht klagen – aber ich war selten in meinem Leben, so gedrückter Stimmung wie in diesen Wochen – ja – bin es heute noch. –

Mutter Käthe holte mich von der Bahn ab, als ich aus Berlin kam. Das tut sie für gewöhnlich nicht … So war ich schon ein wenig beunruhigt, als ich sie auf dem Bahnsteig sah. Und noch mehr, als sie mir erklärte, wir wollen erst eine Tasse Kaffee bei Hülfert trinken, sie müsse mit mir vor meiner Begegnung mit Dieter sprechen. – –

Natürlich vermutete ich, daß er schwer krank sei, … aber nein … er sei soweit ganz gesund. –

Ja und nun berichtete sie folgendes: Hast Du, Sophie, einmal etwas von Euthanasie gehört? Da ich annehme, daß Du es auch nicht weißt, will ich es Dir in großen Umrissen erklären. Euthanasie heißt Sterbehilfe (ein Strafrechtsparagraph, den wir noch nicht haben, und der von verschiedenen Ländern angestrebt wird). Du weißt: auf Mord steht Zuchthaus oder Todesstrafe! – Nun soll ein Paragraph eingeführt werden, der die Vergehen der Euthanasie anders beurteilt, anders handhabt. – Zum Beispiel eine Mutter tötet ihr unheilbar idiotisches Kind oder dergleichen … oder ein Mann verletzt sich schwer … erblindet oder verliert noch die rechte Hand … nun – Du weißt schon – worauf ich hinauswill! – – – –

Wenn man also bisher aus Mitleid oder aus Liebe tötete, so wurde dies nicht anders strafrechtlich verfolgt als glatter Mord! Wenn ein Schwerkranker sich aber Gift besorgen läßt und es selbst einnimmt, so ist dies nur Beihilfe zum Selbstmord und ist straffrei! – So – nun brauche ich Dir wohl kaum noch etwas zu sagen! Hans hat uns vor einiger Zeit einmal einige medizinische Monatsschriften mitgebracht – einen Artikel über Euthanasie – der darin gestanden hat – wohl übersehen; und nun quält sich der arme, arme geliebte Dieter seit Monaten mit diesem schrecklichen Problem! – Er ist so verschlossen, hat mir nie darüber eine Andeutung gemacht. Ich hätte ihm doch alle Bedenken zerstreuen können!

Nun hat er eines Abends mit seiner Mutter über diese erschütternden Fragen debattiert und sie gebeten, wenn es einmal viel schlimmer mit ihm wird – ihm –

Du kannst Dir denken, wie er die alte Frau damit belastet hat, – wie unglücklich sie war. –

Er soll geäußert haben, er sei doch nur eine Last für mich … verdürbe mir mein ganzes Leben … wenn er stürbe, könne ich bei meiner Jugend noch ein glückliches Leben an der Seite eines gesunden Mannes führen und Kinder bekommen. –

Die arme Mutter Käthe hat ihn beruhigen wollen. Und um ihm die Haltlosigkeit seiner Argumente zu beweisen – seine Bedenken zu widerlegen, daß ich soviel entbehre – hat sie – unglücklicherweise angedeutet: im Gegenteil, ich liebe ihn so, daß ich freiwillig auf eine Bereicherung meines Lebens – die sich mir geboten – verzichtet hätte. Dieter stutzte – war nicht so beruhigt und beglückt, wie Mutter Käthe es gehofft, und stellte Fragen. – Sie wußte nicht zu antworten. – – Er fragte wieder … quälte sie … begann sich zu beunruhigen – und so stand es, als ich in Dresden landete.

Als ich Dieter begrüßte, war er wenig herzlich … ja … was er sonst nie tat – er machte bittere Bemerkungen, ob ich mich in Berlin auch gut amüsiert hätte! –

Es war wie ein Krug kalten Wassers. Ich Arme, die ich das reinste Gewissen hatte. Und das sagte Dieter, mein gutes altes Dieterle, der immer froh war, wenn mir diese oder jene kleine Zerstreuung geboten wurde, der stets wohltuend empfand, wenn ich belebt von Eindrücken heimkehrte! –

Mutter Käthe reiste am nächsten Morgen ab.

Eine Stunde später – ich half gerade dem Festo auf seinen Stammplatz – sagte Dieter hart und unvermittelt: »Was ist zwischen dir, und Hans geschehen?«

Mir wurde ganz kalt. Aber noch ehe ich antworten konnte … fuhr Dieter eisig fort: »Also ihr habt mir Hörner aufgesetzt? Gesteh es nur! – –«

»Aber Dieterle! – Um Gottes willen!«

»Nun leugne es noch!« drängte Dieter unduldsam.

»Nein, Dieter – sicher nicht so, wie du denkst!« –

»Was heißt – so wie du denkst? Sag es nur offen!«

»Was soll ich gestehen?«

»Ihr liebt euch?«

»Nein, Dieterle – ich liebe dich« – –

»Also – du liebst zwei«, höhnte Dieter. Sein Gesicht war fahl und verzerrt.

Ich sah – ich mußte etwas sagen.

»Dieterle«, begann ich …

»Die Wahrheit« … forschte er bitter.

»Ja – die Wahrheit« … sagte ich entschlossen und trat an seinen Stuhl.

»Über Hans und mich ist es eines Tages gekommen – ich weiß nicht – es war wie ein Rausch – aber – aber – ich habe dir nichts genommen – ich – ich – habe mich ihm nicht gegeben … weil – weil ich dich zu lieb habe!« –

Pause – gräßliche Pause. –

»Ist das wahr?«

»Ja, Dieterle.« –

»Aber geküßt habt ihr euch?« –

Ich will ja sagen … aber kein Wort kommt aus meiner Kehle. – Meine Lippen formen steif ein Ja … aber ein Laut kommt nicht. –

Ich höre nur ein häßliches Lachen.

Dann unvermittelt: »Gib mir die Zeitung!«

Das war vor drei Wochen! Seit drei qualvollen Wochen herrscht dieser unerträgliche Zustand zwischen uns! –

Zunächst wollte er Hans anrufen … auch mit ihm sprechen. Ich beschwor ihn, es zu lassen. Ich sagte: »Du nimmst ihm alle Unbefangenheit. Er hat sich abgefunden. Laß jetzt alles ruhen. – Wühle nicht mehr. Es ist doch alles vorbei!« – –

»Vorbei?« sagte Dieter, und es kam wieder so hart, und er hatte solch versperrtes Gesicht … wie in seinen schwersten Stunden. –

Als Hans dann einige Tage später kam, war Dieter frostig … unliebenswürdig. – Hans sah mich stutzend an … Ich machte ein indifferentes Gesicht …

Heute abend … als ich Dieter ins Bett gebracht hatte, … blieb ich einen Augenblick am Fußende seines Bettes stehen und sagte:

»Dieterle: dafür, daß eine Leidenschaft über einen Menschen kommt … dafür kann er doch nicht, gell?«

Schweigen – – –

»Aber, wie er sich dazu stellt, – schau – ich mein', darauf kommt es an!« – –

Schweigen – – –

»Dieterle«, fuhr ich fort, »ich habe ja gerade verzichtet – auf so ein bissel Rausch der Sinne, auf ein Kiek-in-die-Welt, – was ich mir oft wünschte – – nur weil ich dich eben so lieb habe – – – –«

Schweigen – – –

»Und ich glaub' halt, es müßte umgekehrt sein! … du müßtest glücklich sein und stolz, daß ich verzichtete – weil ich dich nicht kränken wollte. – Und sieh – erstens hätte ich doch lügen können … und mir sagen … und ich habe doch ein Recht auf ein bissel Frohsein«, setz' ich bitter hinzu, denn Dieter schweigt noch immer … »und anstatt, daß du alles anerkennst – behandelst du mich noch, als ob ich dir etwas angetan hätte. – Das ist ebenso ungerecht wie unbegreiflich. – – – – Dieterle!!!«

»Schon gut« … sagt Dieter müde mit abgewandtem Gesicht. –

— — — — — —

Es ist aber nicht mehr gut! –

Deine
Jo.

 

 

Dresden, 21. April 1931

Nun kann es nicht schwerer werden, Sophie!

Es ist mir, als ob ich den Becher bis zur Neige ausgetrunken! Du schreibst, Liebes: »Ich verstehe euch beide, die Männer sehen alles so anders an, was bei dir Opfer war, ist bei ihm Selbstverständlichkeit! Es ist sicher unrecht von Dieter. Aber – er ist ein armer Kranker! Das müssen wir nie vergessen. – Merkwürdig und unlogisch bleibt es aber auf der anderen Seite, daß er an Euthanasie – an Selbstmord denkt, um dir das Leben freizugeben … auf der anderen Seite kann er nicht ertragen, wenn – – – –«

Ach lassen wir das Thema, Sophielein. Es gibt so viele Ungereimtheiten in der menschlichen Natur, die wir nicht ergründen können. – Die letzten Wochen spitzten sich immer mehr zu. Ich machte Dieter nichts mehr recht. Er behandelt mich abwechselnd kalt oder gleichgültig. Ich litt unbeschreiblich … war zu stolz, um es zu zeigen. Ich hatte ihm nichts getan … darum konnte ich ihn auch nicht um Verzeihung bitten! –

Das Essen war ihm nie recht, das Fleisch sei grob geschnitten … der Kaffee nicht heiß genug … jede Nacht mußte ich ihn ein-, zweimal umbetten! Dabei nie ein warmes Wort. Es war ein Martyrium. Ich fühlte klar – meine Nerven hielten dies Leben nicht mehr lange aus. Wollte mich Dieter erniedrigen – peinigen? Wußte er nicht, wie er sich verändert hatte! –

Unser wundervolles Verhältnis zueinander war in seinen Grundfesten erschüttert. Es wurde nicht wieder, wie es gewesen – so war mein Leben wirklich ein Martyrium. – –

Als ich eines Nachts neben Dieter lag … kam es wie Sturzwellen über mich: Reue … Reue … daß ich so selbstlos und heldenmütig auf ein bißchen Glück verzichtet hatte. – Erkenntnis, daß der Verzicht zwecklos … sinnlos war! –

Das war der schwerste Augenblick! – Ich versank förmlich in einer schwarzen Woge, die über mir zusammenschlug. – – –

In jener Nacht bekam ich Angstzustände … Erbrechen, fühlte, daß ich seelisch erkrankte. Ich hatte Dieter doch verloren. – Das Opfer war umsonst … mein Leben war untragbar. –

Eines Abends, als Dieter durch eine ungeduldige Bewegung die Bestecke vom Tablett warf und nicht einmal dankte, als ich ihm frische hinlegte – kam es wie eine rote Welle über mich … Mühsam verließ ich das Zimmer – es war ein naßkalter Spätnachmittag – und irrte einige Stunden in den Straßen umher – als ich dann zu sehr fror, ging ich in ein Kino. –

Ich hatte plötzlich die Gewißheit: dies ist das Ende … ich kann nicht mehr tragen … es ist alles so zwecklos … sinnlos diese Quälerei. – – –

Die leichte Musik … die flirrenden Bilder taten mir weh, und so verließ ich wieder das Lichtspielhaus und irrte draußen umher. – Ich sah mich plötzlich an der Brücke stehen und in die Elbe hinabschauen … aber mich schauderte … breite Eisteller schwammen flußabwärts. – – –

Es war unterdessen spät geworden. –

Flüchtig und gleichgültig dachte ich an Dieter, und daß Marthe ihn wohl nun zu Bett brachte. –

Ob Dieter sich sorgte? – – Es erschien mir müßig, darüber nachzudenken.

Ich grübelte über so belanglose Dinge nach … ob Mutter Käthe meine Möbel verkaufen würde, … wenn sie später Dieter nach Kassel holte, … ob der Verkauf der Werkstatt und der schönen Handpresse etwas einbringen würde, … ob davon Dieter den nötigen Wintermantel bekommen würde. – – Ja – und ob Mausi Merker die Kommode mit den Intarsien erstehen würde, die sie stets so bewunderte. – Denk, Sophielein, ich dachte an all diesen Unsinn – aber nicht an Dich und nicht, was Dieter sagen würde, wenn seine kleine Jo aus seinem Leben geglitten. – –

Da kam mir plötzlich ein erlösender Gedanke: Ich brauche ja nur in die Werkstatt zu gehen und dort den Gashahn anzudrehen … den ich immer zum Vergolden anstecke. – – Dieser Gedanke löste ein so wundersam beruhigendes Gefühl in mir aus. So auf meiner lieben alten Couch einschlafen zu dürfen – ein paar von den weichen Kissen unter dem Kopf. –

Mir wurde ganz leicht zumute, als ich mir das vorstellte –

Es war nach Mitternacht, als ich in unserem Häuschen landete … Endlose Zeit gebrauchte ich, um ungestört in die Werkstatt zu gelangen; auf Strümpfen glitt ich über die Schwelle von Dieters Schlafzimmer – – –

Er konnte mich nicht hören … schlief sicher schon lange. – – Mit einem Griff hatte ich in der Dunkelheit den Hahn entsichert und kroch leise auf das geliebte Lager …

Da hörte ich es klingeln – nochmals – zu ärgerlich – sicher war es Dieter! Aber war es nicht unmöglich, daß er mich gehört hatte! – Das Klingeln riß nicht ab … es klingelte nun Sturm … Ich hörte in Marthes Kammer an einen Stuhl stoßen … da springe ich auf, drehe den Hahn ab und gehe zu Dieter. –

Da saß er – beim Schein der Nachtlampe.

Sein Gesicht gezeichnet und um Jahre gealtert. – In den Augen so viel Herzensnot, wie ich sie nie bei einem Menschen gesehen. Er streckte mir die Arme entgegen – ein verwischtes – mühseliges Lächeln glomm in seinen Zügen auf, als er sagte: »Verzeih mir, Jo … alles geschah nur, weil ich dich zu sehr liebe« … Meine Knie gaben jählings nach. Ich lag vor seinem Bett … den Kopf auf seiner Decke, fühlte, wie er zitternd meine Schulter umschlang, und wußte, daß nun alles gut sei, und uns nie wieder etwas trennen könne in der Verbundenheit unseres gemeinsamen Geschicks.

Jo.

 

 

Dresden, 4. Mai 1931

Liebes. Es ist jetzt unerhört schön im Großen Garten. Nicht, weil die Beete von samtlila Heliotrop gleich Ornamenten ein schönes Bild umrahmen und ihren Duft zu uns herüberströmen … nicht, weil das grüne Dach des alten Barockpalais so silbern in der Luft steht und die Schwäne so hoheitsvoll ihre Bahn ziehen und sich der Rhododendronhain in schaumig weißer Pracht entfaltet, sondern weil über allem dieser Hauch von Erwachen, von Erschließen liegt – solch göttliche Daseinsfreude in jedem Blatt – in jeder Blüte – in jedem Baum. –

Wir sind jetzt fast jeden Nachmittag am großen Rondell unter der Blutbuche. Marthe geht dann fort und macht Besorgungen. Ich sitze mit einem Buch bei Dieter. Er liest die Zeitung … und ich nahm den Bogen vor, der an Dich begonnen. Er war aber so zerknittert, daß ich ihn noch einmal beginnen muß. Festo liegt unweit … blinzelt in die Sonne, er leckt das Gras. (Ich mußte ihn aber eben wegholen, denn der Schutzmann sagte: »Na heern Se … Ihr Dierchen darf aber nich uff'n Ras'n!«) – – –

Dieter sieht zufrieden aus – so bin ich's auch! – –

Vor einigen Tagen traf ich Hans. Er erzählte mir, daß er eine Berufung nach Prag bekommen habe. Er hätte sie gern abgelehnt; da ihm Prag nicht läge, – aber seit der »leidigen« Geschichte, ja – so nannte er es, »leidigen« Geschichte! wäre ihm Dresden verleidet, und er hätte es angenommen. – Er reise schon in vierzehn Tagen. Er würde es Dieter selbst sagen … Ich wunderte mich … wie gleichgültig dies mich alles ließ – ja eigentlich war ich sogar ein bisserl froh. – Unser Zusammensein zu dritt hatte etwas Verquältes bekommen, – nie mehr die Unbefangenheit, die so beglückend für uns alle war. – –

Ich habe letzthin keine Aufträge, das ist schlimm. Denn es ist unbedingt nötig. Marthe kann ich nicht entlassen. Ich habe versucht, den Rollstuhl zu schieben, aber es ist mir unmöglich. Marthes bäuerliche Kraft und zwanzig Lebensjahre sind unersetzlich.

Nun – ich will es einmal in die Zeitung setzen; es müssen ja nicht immer Luxuseinbände sein … zerlesene Schulbücher bringen auch Geld. Ich habe in einer Berliner Zeitung annonciert … viel Zweck wird es nicht haben, aber versuchen muß man es halt. –

Schade, Liebes, daß Du jetzt nicht neben mir auf der Bank sitzest! Ich muß immer wieder aufblicken, so unbeschreiblich schön ist dieser Maientag im Großen Garten … Erinnerst Du Dich der Figur von Balestra? Ich glaub', es war ein Schüler Berninis. Es ist auch dies bewegte Barock – so reizvoll und beschwingt steht diese köstliche Gruppe: ein geflügelter Greis – der eine schöne junge Frau in den Armen hält, die sich heftig wehrt. Am Sockel weint ein Liebesgott. – – »Das Alter raubt die Jugend« heißt die symbolische Bezeichnung dieser Gestaltung. – Sag mal, Sopherl, warum wehrt sich die Frau so verzweifelt, daß das Alter sie überfällt – – – Ist es so schwer, alt zu werden? –

Ich würde mich nicht wehren!

Deine
»alte« Jo.

 

 

Dresden, 9. Mai 1931

Denk bloß, Sophie – Liebe – die Annonce hat Erfolg gehabt! Hurra! Hurra! Grad als ich am Mittwoch mit Dieter und Marthe aus dem Großen Garten kam – in dem ich an Dich geschrieben – fand ich den Brief eines gewissen Doktor Wolf vor – aus Berlin. Der Mann ist Industrieller – Bibliophile … hat einige meiner Arbeiten auf einer Kunstgewerbe-Ausstellung gesehen und betont, daß die »individuelle Note« ihn reize. – Hoffentlich reizt sie ihn lange! – – Sollte sofort auf seine Kosten zur Rücksprache nach Berlin kommen. Also – tagsüber – kann ich zur Not schon einmal fort … und Mausi Merker versprach, nach Dieter zu sehen …

Nun, der Wolf wird mich nicht fressen – im Gegenteil … er war ungewöhnlich großzügig und nett zu mir. –

Ganz aufgeregt war der kleine Mann, als er mir seine Bibliothek zeigte. Mein Gott … ich muß schon sagen … das war schon etwas! Diese Frühdrucke … Inkunabeln … diese unerhört künstlerischen Einbände – Du, ich muß doch etwas leisten, daß der Mann ausgerechnet auf mich kommt!

Drollig war, wie er vor seinen Bücherreihen hin und her wippte. Er hat einen guten Kopf, ist aber klein und zierlich und geht gespreizt … so ein bisserl lächerliche Figur. –

Du Sophie, mag er vier Hörner auf der Stirn haben und wie ein Pfau gehen – cela ne me fait rien.

Jo.

 

 

Dresden, 17. Mai 1931

Sophie, Liebes! Du wirst staunen!

Gestern stehe ich im Vorgarten – so um die sechste Stunde. Das breite Fenster ist hochgezogen, und ich erblicke gerade noch – während ich meinen Goldlack, die Stiefmütterchen und die roten Tulpen gieße – Dieters gelichteten hellen Scheitel, den er hin und wieder reckt, um mir zuzuschauen … Der Himmel ist knallblau, und die braunen Fensterläden an unserem Häusel kontrastieren lustig mit all der Farbenfreudigkeit! Über der weißhölzernen Eingangstür graubelt sich schon der Crimson-Rambler als schaumiggrüner Schleier. Unsere wilde Kirsche hatte tags zuvor im Gewittersturm ihre weiße Herrlichkeit verloren, und auf den Blumenbeeten lag es wie frischgefallener Schnee.

Mustafa – Mausi Merkers blauschwarzer Angorakater mit den Bernsteinaugen schnellte von der Klinkerbrüstung zu mir herab, und so beharrlich versuchte er sich an meinem Kleide emporzukrallen, daß ich den Ungestümen auf den Arm nahm.

Da klappert die Gartentür, und in seiner Höhe den Eingang füllend steht in weitem Reisemantel – van Straaten.

Ach Sopherl, – mein Herz tat einen Freudensprung. – Ahnte er im entferntesten, was mir sein Besuch bedeutete! – – –

»Ich halte Wort«, scherzte er. Er nahm meine freigebliebene Linke, denn ich hielt immer noch Mustafa im Arm.

»Ich beobachtete Sie schon einen Augenblick«, sagte van Straaten lachend, als wir die wenigen Schritte ins Haus zurücklegten, »in Ihrem gelben Kleid mit dem schwarzen Haar und braunen Gesicht und dem gelbäugigen schwarzen Kater im Arm – – weiß Gott – Sie sehen wie ein Bild von Goja aus.«

»Das keltische Blut meiner irischen Mutter wirkt sich in mir aus«, klärte ich ihn vergnügt auf.

Als van Straaten Dieter begrüßte, lag so viel Ehrerbietung in seiner Haltung vor dem Kriegsinvaliden, daß ich ihm um dieser Geste willen Dank schulde.

Marthe mußte davonjagen … begleitet von Festino, genannt Festo, der seinem Namen Ehre machte, und in Kürze hatten wir einen Imbiß gerichtet: Toast, kaltes Fleisch, Eier, Sardinen, einen guten Mosel. (Lach nicht: mein Weinkeller besteht durchschnittlich aus vier bis sechs Flaschen!)

Als ich hineinkam, saßen die Herren schon im lebhaften Plausch, und van Straaten erzählte Dieter von seinem kleinen alten Haus im Haag, das in der Schinkelepoche erbaut sei, und wo er einige erlesene Tulpensorten züchten lasse. »Ich bin ja nur leider zu selten da«, sagte er gerade, als ich mich an den Tisch setzte. – Was war das für ein netter Abend! – Dieter völlig verändert … nicht mehr so einsilbig – ja ein leichter Humor schwang sogar hin und wieder in seinen Berichten mit, wenn er von unserem Alltag sprach.

»Mein Gott«, sagte van Straaten erschrocken, »ich wollte ja noch mit dem Abendzug nach Berlin – nun ist es zu spät – na, da muß ich den Frühzug nehmen, er geht, glaub' ich, gegen acht Uhr.« Er war aufgestanden, und als er sich so reckte, breit, sehr groß, mit dem weißen starken Haar und dem braunen frischen Gesicht, kam ich mir so vor ihm stehend in meiner Knabenfigur weiß Gott wie ein kleines Schulmädel vor …

Blöde – was?! – –

Aber dann trat eine unerwartete Wendung ein, die mich aus meinem Schulmädel-Minderwertigkeitskomplex zu einer ganz ernst zu nehmenden Person machte: van Straaten hatte die Bücher auf der Kommode entdeckt und sagte ganz spontan: »Verzeihen Sie, aber was sind das für prachtvolle Einbände? Ich bin Bibliophile und habe viel Spaß an diesen Arbeiten.«

Und Dieter ließ ihn kaum zu Ende reden, sondern unterbrach ihn stolz: »Das sind Jos Arbeiten, … sie ist Buchbinderin!«

Nun war höchstes Erstaunen auf seiner Seite. Und soll ich Dir sagen, Sopherl – van Straaten blieb noch eine Stunde. Stand lange sehr interessiert in meiner Werkstatt … zeigte großes Verständnis und kultivierten Geschmack … legte förmlich mit Andacht meine fertigen Arbeiten aus der Hand, besichtigte, begutachtete alles so gründlich, daß es eine Riesenfreude für mich war. –

»Ja, weiß der Himmel, meine gnädige Frau«, sagte van Straaten herzlich, »jetzt sehe ich Sie ja noch mit ganz anderen Augen. – Bisher waren Sie mir immer als der kleine heldenmütige Kamerad Ihres Gatten erschienen, aber Sie sind ja auch eine große Künstlerin!«

Ich fühlte, wie mir vor Freude die Röte in die Wangen stieg. – Als er den Spruch von Hans Sachs las – überlegte er einen Augenblick und sagte dann in einer, ich möchte es behutsamen Art nennen: »Hören Sie, gnädige Frau, ich habe da in meiner Bibliothek im Haag eine große Anzahl Bücher, die noch nicht gebunden sind. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese eingruppierten. Ich schicke Ihnen einige fertige Exemplare, damit Sie sehen können, in welchem Stil die Bibliothek bisher aufgebaut war. Ich bin überzeugt, daß Sie mit Ihrem Stilgefühl schon das Richtige treffen, … damit die neuen Einbände nicht aus dem Rahmen fallen.«

Er war bei diesen Ausführungen in unseren kleinen Vorplatz getreten und nahm Mantel und Schirm vom Ständer …

Ich war ganz benommen vor Glück, daß ich kaum danken konnte; aber mußte er nicht meine Freude spüren! –

Und dann – noch ehe er den Hut ergriff, umschloß er mit seinen beiden großen, starken Händen meine Rechte, um mir Lebewohl zu sagen. Sieh, dieser Augenblick, als meine Hand sich in dieser Umschließung verlor, hatte so unendlich viel Beglückendes für mich. – Meine Hand erschien mir wie ein kleiner Vogel, der in sein Nest kraucht. – Eine Welle von Glück und Dankbarkeit überflog mein Herz, und ohne mich zu besinnen – völlig unbewußt, legte ich meine Arme auf seine Schultern und küßte ihn – – –

Ob Straaten ebenso erschrocken war wie ich! – Ich erwachte förmlich, – und noch ehe er ein Wort auf diese Zärtlichkeit erwidern konnte, hatte ich die Tür zur Werkstatt hinter mir geschlossen und stand darangelehnt mit klopfendem Herzen … hörte die Haustür schließen … ihn fortgehen. – Nun würde er zurückschauen, – oder auch nicht – – – War ich irrsinnig geworden! Hatte ich nicht alles zerstört durch dies unglaubliche Benehmen! Würde er je wiederkommen! Mußte er mich nicht für ein hysterisches Frauenzimmer halten, das sich einem Manne an den Hals wirft! – – –

Du kennst mich, Liebes, ich bin nicht prüde.

Aber diese Nacht, die darauf folgte, schämte ich mich maßlos.

Straaten konnte doch nicht ahnen, was er mir gegeben … durch seine Güte … sein Verstehen … durch den Reichtum, den er durch sein Kommen plötzlich in mein Leben trug!

Du weißt, Sopherl: die Nacht ist keines Menschen Freund. – Während ich Dieters ruhigen Atemzügen lauschen konnte, steigerte sich in mir die Gewißheit – aus Angst geboren: van Straaten wird nie wiederkommen. Er wird die Bücher machen lassen – nun ja – aus Mitleid; aber er selbst wird nicht mehr kommen. –

Ein rettender Gedanke glomm plötzlich in mir auf. – Ich habe immer im Leben erfahren, daß alles Ursprüngliche, Spontane, das Richtige ist. Ich mußte ihn noch einmal sprechen! – – Ja, den Versuch mußte ich wagen. Es war ja doch alles verschüttet. Mehr verderben konnte ich nicht …

Nach diesem Entschluß wurde ich ruhiger … entspannter … todmüde. Nur nicht die Zeit verschlafen, überlegte ich noch, als ich den Schlaf kommen fühlte, und draußen schon die Helligkeit Besitz ergriff. –

»Wo mag das Kursbuch sein?« war mein letzter Gedanke, ehe ich hinüberschlummerte.

Erschreckt wachte ich auf – Dieter schlief noch – es war sieben Uhr – also noch reichlich Zeit, wenn der Zug erst gegen acht Uhr ging. Es war schon fast ¾8 Uhr, als ich die Bahnhofsuhr erblickte … »Der Zug muß gleich die Halle verlassen, er geht 7 Uhr 46«, sagte der Portier.

Ich renne … stoße die Menschen beiseite … nehme zwei bis drei Stufen … jage durch die Sperre … der Bahnsteig ist fast leer. Die Türen werden schon zugeschlagen. Da sehe ich Straaten am Fenster stehen. Er sieht mich sofort und läßt blitzartig die Scheibe herunter.

»Herr van Straaten«, stammle ich, »ich – ich bin so bedrückt, – was müssen Sie von mir gedacht haben – ich weiß nicht, – ich – war nur so glücklich – weiter nichts!«

Der Zug setzt sich in Bewegung. »Aufpassen« … schreit der Zugführer … schwingt sich auf das Trittbrett. Straaten beugt sich weit heraus, damit er nicht zu laut zu sprechen braucht … Ich sehe seine Augen, graublau, ernst über mir und versuche, neben dem Zug Schritt zu halten. – – – – – –

»Kind – Jo«, sagt er eindringlich: »Ich habe nichts falsch verstanden … gewiß nicht … im Gegenteil – – ich bin heute nacht nach Hause gegangen – mit einem Glücksgefühl – wie ein Primaner! – – Genügt das? …« –

Ich nicke strahlend … fühle Tränen, die mir in die Augen treten … Eine Hand reißt mich zurück … Die Wagen rollen an mir vorüber … immer schneller … schneller.

Ich hebe die Hand … er auch. Er winkt herzlich … warm … vertraut. – Ich erwidere den Gruß. – – – Sehe noch einige Augenblicke weißes volles Haar, das der Wind rauft. – – –

Ich bin glücklich – glücklich – glücklich!

Jo.

 

 

Dresden, 30. Mai 1931

Sophie – Liebe!

Ich danke Dir. Wie ist es auch anders möglich, als daß Du mich verstehst und das Vertrauen würdigst, das ich Dir in meinen Beichten entgegenbringe.

Ach, liebste Freundin, wie ist das Leben lebenswert, seit ich ihn weiß! – – – – –

Alles wird leicht – ist recht und gut, so wie es ist – und ich habe das Gefühl, als ob Geduld und Güte in mir wächst wie nie zuvor. Ich glaube, ein wenig Glück ist eine Lebensnotwendigkeit wie die Wärme – das Licht. Ohne diese Elemente verkümmert man, kommt jedenfalls nicht zur Entfaltung.

Denke, Sophie, ich habe plötzlich – zum erstenmal in meinem Leben so ein Gefühl von Geborgensein. So die Gewißheit, da ist ein Mensch, zu dem du flüchten kannst, der dir zur Seite stehen wird. Voll Verstehen und Güte!

Verzeih, Sopherl – nein, ich bin nicht undankbar. Ich bin mir voll bewußt, indem ich dies niederschreibe, was Du mir bist, und daß ich all das ja auch in Dir fand und finden werde. Aber sieh, Du hast Mann und Kinder … Dein reiches, erfülltes Leben! Und Dieter … Dieter darf ich nie mit meinen Sorgen kommen – im Gegenteil, ich muß alles von ihm abhalten, ich muß ihm Stütze und Halt bleiben! Aber hier – in meinen Gefühlen für van Straaten schwingt so viel mit – so viel – was ich nicht definieren kann. – Ich fühle mich wie ein Kind, sein Kind, – das losgelöst von allem Schweren ist, seit ich ihn weiß.

Schließe ich die Augen, so fühle ich meine Hand zwischen den seinen geborgen. – – –

Jo.

 

 

Dresden, 9. Juni 1931

Heute nur die erfreuliche Nachricht, daß eine große Bücherkiste aus dem Haag kam. Der Zollbeamte machte ein ganz verdutztes Gesicht, als er die vielen zerzausten Exemplare erblickte. Du Liebes, die Bücher machen zum Teil einen merkwürdigen Eindruck … Ich glaube, da hat Hendrik van Straaten etwas nachgeholfen, – noch gute Einbände abgerissen, um mir Arbeit zu geben. – – – Der Gute! – Ich habe mir köstliches Leder besorgt. Die Haager Bibliothek soll ganz einheitlich werden. Je nach den Wissensgebieten in Schweinsleder oder Saffian.

Ich war heute früh schon vier Stunden bei der Arbeit. Ich muß die Bücher alle erst vorrichten, neu heften, Vorsätze machen. Für den Vorsatz habe ich mir köstliches, fournierfreies, echtes Japanpapier besorgt. Du, das werden herrliche Einbände! – –

Und noch nie im Leben habe ich mit so viel Liebe gearbeitet! Ich habe für Monate zu tun. –

Deine sehr glückliche, sehr fleißige
Jo.

 

 

Dresden, 20. Juni 1931

Heute sitze ich wieder mit Dieter unter unserer Blutbuche im Großen Garten. Darum verzeih den Bleistift. –

Es ist feucht und heiß und drückend schon seit Tagen – aber die Rosen sind erblüht.

Sag, sind es erst sechs Wochen, daß ich hier saß und über die Balestra-Gruppe dünkelhafte Betrachtungen anstellte? –

Ach – es erscheinen mir Jahre, die dazwischenliegen, und beschämt sehe ich auf die schöne, sich wehrende Frau. – – – Hatte ich sie nicht verurteilt, … weil sie sich gegen das Alter wehrte? Möchte ich heute alt sein! Nein, weiß Gott – – nein!

Jo.

 

 

PS. Abends 8 Uhr

Ich finde soeben einige Zeilen von van Straaten vor. Er wolle es einzurichten versuchen, am Montag – also morgen – gegen Abend herüberzukommen. Er würde noch vorher telephonieren.

Ach – ich werde vor Glück kaum schlafen – –

Ich sende den Brief nicht ab, damit ich Dir von dem Besuch berichten kann.

 

 

Am nächsten Morgen, 10 Uhr

Dieter hat Schmerzen. Es ist harmlos, aber er darf dann nie das Bett verlassen. –

Was mache ich nur, wenn Straaten kommt. – – –

 

 

1 Uhr

Soeben rief sein Sekretär von der Botschaft an: S. Exzellenz lassen sagen, er käme gegen fünf Uhr zum Tee nach Dresden.

Es war mir ganz feierlich zumute, als ich diese würdige, steife Ankündigung erhielt …

Auch wurde mir etwas bänglich: sein Alter, seine Stellung distanzieren ihn mir wieder und stempeln ihn zu einem würdigen, alten Herrn. – Ach – all das hatte ich vergessen.

— — — — — —

Ich sprach mit Dieter. Er sagte: »Bring Straaten einen Augenblick zu mir herein, damit ich ihn begrüßen kann, aber dann fahr doch mit ihm zum Louisenhof.«

Das ist ein guter Vorschlag.

Ach Du – ich will – will mich nicht belügen, so sehr ich mich auch schämen müßte – so bitter leid mir Dieter tut: eine zitternde Freude erfüllt mich bei dem Gedanken, daß ich van Straaten heute ganz allein besitzen soll.

Ich zähle schon die Stunden …

Jo.

 

 

Dienstag

Ja, Sophie – gegen fünf Uhr kam er. Seit vier Uhr mindestens stand ich schon am Fenster, oder feilte immer wieder die Nägel … ordnete Gläser … spitzte Bleistifte … entfernte Dieters Zigarettenasche … gab den Blumen zum zweiten Male Wasser, kurz, ich benahm mich ganz irrsinnig.

Zunächst war ich ein wenig befangen. Wir gingen aber gleich zu Dieter hinein. Der saß, von Kissen gestützt, und van Straaten setzte sich an sein Bett, während ich mich auf das meine hockte. Ich sah zufällig im Toilettenspiegel mein Bild und freute mich, daß ich so nett aussah. Ich trug ein weißes Kleid … ein weißes Cape und einen weißen Hut. –

Die Lichter von Blasewitz drunten glitzerten schon herauf, als wir auf dem Louisenhof landeten.

Kennst Du den herrlichen Fernblick von dort auf den Fluß und die Stadt, der abends jede Minute köstlicher wird, bis Hunderttausende von Lichtern unten flimmern? – –

Ein zitronenfarbener Mond schwamm über den Ahornbäumen und schüttete sein pulvriges Licht in den tiefen Schatten des Gartens, in dem wir saßen.

Wir hatten einen Platz an der Brüstung und konnten so die ganze Herrlichkeit der Sommernacht sich entfalten sehen … Die Elbe umschloß als metallisch leuchtendes Band die Stadt, deren Kuppeln und Türme nur silhouettenhaft gegen den aquamarinfarbenen Nachthimmel standen.

Hin und wieder summte leichte Musik von den vorbeigleitenden lampionbehangenen Dampfern zu uns herauf.

Während wir auf das Essen warteten, lehnten wir beide schweigend in dem breiten Rahmen des Fensters und schauten auf diese sich entfaltende schimmernde Nacht. Seine Schulter berührte die meine. Wieder überkam mich das Gefühl des Geborgenseins – des Beschütztseins – diese versinkende Welle wunschlosen Glückes. –

Der Kellner riß uns aus unserer Versunkenheit, und während wir zulangten, sagte van Straaten plötzlich, und es erschien mir wie eine Selbstverständlichkeit, daß er mich »Du« und »Kleine Jo« benannte: »Ich habe dich von jeher bewundert, kleine Jo, um deines positiven Wesens – um deiner Haltung willen, mit der du so unbeirrt durch dein Leben schreitest, – dein Leben trägst!«

»Es ist Dieter, – der es mir leicht macht«, sagte ich abwehrend.

»Nein«, beharrte van Straaten, »dieser Gleichmut, diese Selbstverständlichkeit bei jedem Verzicht, mein Gott, den macht dir so leicht kein Zweiter nach! Man muß Ehrfurcht, ja Ehrfurcht davor haben, kleine Jo. – Du bist doch noch eine ganz junge Frau!«

— — — — — —

»Ich habe auch einmal eine Panne gehabt«, sagte ich abwehrend, denn seine Lobrede beschämte mich, und es erschien mir nun eine Selbstverständlichkeit, daß ich ihm die Geschichte mit Hans erzählte – von Anbeginn und ohne ein Wort der Beschönigung.

Und das tat gut. Das einmal herausstellen, einmal davon sprechen dürfen. Es erschien mir beim Erzählen, als ob ich das gar nicht gewesen sei, oder als ob es Jahre seien, die seitdem verflossen. – Er hörte aufmerksam zu, sehr aufmerksam. Er hatte seine breiten Schultern ein wenig über den Tisch gebeugt – die Ellbogen aufgestützt, und drückte die Fingerspitzen aneinander, während ich gleichmütig sprach …

»Du konntest gar nicht anders handeln«, sagte van Straaten, als ich meine Geschichte damit schloß, wie es mich monatelang gereut – verzichtet zu haben. –

»Was der eine kann, an dem zerbricht der andere. Jeder muß nach seinen Gesetzen leben! Du wärest nicht du, kleine Jo, wenn du anders gehandelt. – Ich hätte dir ein großes Erleben gewünscht – es würde dir viel Kraft für die Zukunft gegeben haben, aber ich verstehe: der Freund deines Mannes – – nein – das konntest du nicht tun!« – – – –

Wir schwiegen beide.

Van Straaten sah hinunter in die flimmernde Tiefe, und ich betrachtete sein Profil: dies kluge gütige Gesicht mit den feinen Fältchen um die Augen, das eckige starke Kinn mit der breiten Narbe, das dichte weiße Haar, das auf der einen Seite über die Stirn fiel. – –

Er nahm das Einglas, das an einer schwarzen feinen Schnur hing, spielend zwischen die Finger und sagte: »Vertrauen erheischt Vertrauen.« Flüchtig streifte er sein politisches Leben … flüchtig die Zeit in Indien und Madrid, als Attaché und Botschaftsrat. Bescheiden und resigniert erwähnte er die Zeit in Genf, wo wir uns trafen – sprach von der ungeheuren Last der Sitzungen, Empfänge und gesellschaftlichen Verpflichtungen in Berlin, das er nicht liebe. – Und wie er – trotz des Getriebes um ihn herum, doch letzten Endes einsam – sehr einsam sei. – – –

Und als ich ihn fragend ansah, weil ich ahnte, wohin er zielte, begann er mir von seiner Ehe zu berichten … Von der kapriziösen, eleganten jungen Belgierin, die ihn, den Dreißigjährigen, entflammte – die Trostlosigkeit seiner Ehe nach kurzem Sinnenrausch … sein Wunsch nach einem Lebensgefährten – nach Kindern. Wünsche, die die mondäne Weltdame nie begriff und darum nie erfüllte … Wie sie – diese – seine Wünsche als altmodische Auffassungen von der Ehe belächelte … wie er sich die Schuld beimaß – nicht ihr, die ihn eines Tages verließ. – War es nicht seine Schuld, einen Kolibri einzufangen! Seine Schuld, daß er diese Wahl getroffen! –

»Warum hast du nicht wieder geheiratet?« konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, und ich erschrak über mein erstes »Du«.

»Warum ich nicht geheiratet habe – kleine Jo – ja warum – – –? Lach nicht … jetzt kommt nicht der schöne Satz: weil ich nicht die Richtige fand – –, sondern einer, der dich enttäuschen wird, – ein ganz illusionsloser –, weil – nun, weil ich nie eine glückliche Ehe sah!« –

»Meine Ehe ist glücklich«, protestierte ich.

»Ja, Kind, deine Ehe ist glücklich – und daß sie glücklich ist, ist dein Verdienst, und daß sie glücklich bleibe – darauf« – – – und van Straaten hob das Glas mit einer feierlichen Gebärde und trank mir zu. –

— — — — — —

Nach 10 Uhr ging schon sein Zug, – so mußten wir ach – allzu früh aufbrechen.

Wir nahmen einen Wagen. Vom Weißen Hirsch bis hinab zur Richthofen-Siedlung ist ein weiter Weg.

Als wir im Wagen saßen, schob er seinen Arm unter den meinen und umschloß meine Hand, und diese schlüpfte wieder in ihr Nest. Ich schloß die Augen … fühlte seine beiden guten Hände, und wieder überkam mich dieses wunschlose Glücksgefühl. – – – –

Wir sprachen nicht mehr, während der Wagen über die Mordgrundbrücke hinab, dann über die Elbe glitt …

Plötzlich sagte van Straaten: »Sag mal, Kind – darf ich dich etwas fragen?«

»Natürlich« – ich hob mich aus den Kissen und suchte seine Augen.

»Du hast doch – hin und wieder einmal – ein – – nun – ein Erleben gehabt. Du weißt – was ich meine?« – –

»Nein – nie –«

»Ist das wirklich so« –

Ich nickte.

»Bereust du das – mit – – mit – du weißt schon –«

»Nein –«

»Wirklich nicht?«

»Nicht mehr« – ich wollte noch etwas hinzufügen – aber ich spürte, wie sein Arm sich um meine Schultern legte und ein Kuß mich an Weiterem hinderte.

— — — — — —

Deine glückliche
Jo.

PS. Ich habe Hendrik gebeten, mir postlagernd unter »Plato« zu schreiben. – Übrigens, ich sage nur in Gedanken »Hendrik«. Vor ihm habe ich mich über das »Du« noch nicht hinausgeschwungen. Ich würde gern »Onkel Hendrik« sagen, aber das geht doch wohl nicht?

 

 

Dresden, 14. Juli 1931

Geliebte Sopherl!

Nein – natürlich – wie soll ich Dir das übel nehmen, es ist doch selbstverständlich, daß Du nicht so oft schreiben kannst wie ich an Dich. Ich erwarte das auch nicht. Du hast Deinen Mann, Deine Kinder, und das Dich sehr beanspruchende repräsentative Leben. Aber ich weiß, daß Du mit freundschaftlichster Anteilnahme mein Leben und Erleben verfolgst, das ich fast tagebuchartig vor Dir ausbreite. –

Ich bin Dir ja so dankbar, daß ich so geöffneten Herzens alles vor Dir hinlegen darf, ohne das peinliche Gefühl zu haben, Du könntest mich einmal nicht verstehen. »Verstehen« bleibt doch das größte Geschenk, das ein Mensch dem anderen geben kann. – – Ich nenne es Gnade! – –

Jo.

PS. Du schreibst: Du wärest entsetzt, daß ich Hendrik bat, mir unter Chiffre »Plato« zu schreiben. Warum? Ich finde, es kennzeichnet so recht unsere Beziehungen.

Übrigens hatte ich heute nacht einen törichten Traum. Ich war in Berlin. Bruder Fritz wollte mich küssen – ich wehrte ihm und sagte: »Laß doch, das tut ja van Straaten.« Und Bärbel saß auf meiner Couch – sah zu und lachte und sagte: »Das ist doch dasselbe.« Ich war so ärgerlich und darum froh, als ich erwachte.

 

 

Dresden, 6. August 1931

Sopherl – ich mag gar nicht gern, wenn er mich telephonisch anruft – er ist dann immer so offiziell – mir fremd. Ich verstehe … er muß so sein, … jeder in der Leitung kann ihn hören. – Er rief mehrfach an – heute – um mir zu sagen, er müsse für 14 Tage nach dem Haag, und ein Brief wäre abgegangen.

Er schreibt selten, aber seine Briefe sind unendlich fein.

Bei Hendrik ist Liebe: geben wollen, frohmachen wollen, helfen wollen. Hendriks Liebe ist Zartheit – Sprache in halben Tönen – Fürsorglichkeit, Behutsamkeit. –

Ich war nie glücklicher und werde nie glücklicher sein. –

Das Leben erscheint mir jetzt so leicht, – ich bin ausgeglichen … erfüllt.

Auch Dieter empfindet es. Er sagte dieser Tage: »Ich bin so froh, kleine Jo, du bist wieder ganz die Alte« – – –

Die Alte? Nein, ich bin nicht mehr die Alte! –

Aber was bin ich, Sopherl? –

Ach, es ist müßig, darüber nachzudenken! Ich weiß nur das eine: Ich bin glücklich – glücklich – glücklich –. Dir alles Gute!

Jo.

 

 

Dresden, 14. August 1931

Liebe Sophie. Gestern war ich wieder für einige Stunden in Berlin. Ein Jammer, daß Hendrik noch im Haag ist.

Dr. Wolf wollte mich sprechen, – – über einige Legierungsprozesse Auskunft haben und neue Bestellungen machen. Natürlich war ich heilfroh, daß meine Arbeiten diesem einflußreichen Mann gefallen. Hendriks Bücher haben ja keine Eile, so kann ich erst diese Aufträge erledigen. –

Also: der Wolf will mich nun doch »beißen«! – Er wurde recht zudringlich … fragte mich ganz ungeniert mit lustigem Augenzwinkern, ob ich auf Wochenende nicht einmal mit ihm nach Warnemünde fahren möchte! – –

Ich durfte ihn aber nicht vor den Kopf stoßen. Er ist doch mein Brotgeber, wie, es so schön heißt. So sagte ich nur: »Die Idee ist herrlich, Herr Doktor, ich habe aber einen gelähmten Mann zu Hause, den kann ich über Sonntag nicht allein lassen.«

Er wurde puterrot. – – –

Daß manche Männer so gar keine Taxe haben. – Lieber in ein Massengrab – – – als mit Dr. Wolf nach Warnemünde!

Bärbel, die Gute, kam trotz der Hitze auf den Anhalter Bahnhof. Ich erzählte es ihr … Sie nahm die Sache humoristisch, was das einzig Richtige ist, und meinte: »Laß dem armen Kerl doch seine Verliebtheit. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich auch in dich verlieben!« Nett gesagt, nicht wahr?

Vielleicht interessiert Dich … neulich kam Ellinor hier durch. – Ich hörte Sturm klingeln … sah aus dem Fenster und erblickte eine elegante Limousine, … eine elegante Dame mit rotem Haar … einen »Gent« (übrigens den, der die Füße auf den Sessel legte) und einen bezaubernden Drahthaarigen. –

(Im Vertrauen gesagt, gefiel mir der Drahthaarige von der ganzen Gesellschaft am besten!)

Ellinor kam einen Augenblick herein, um Dieter zu begrüßen. Aber Dieter hatte seinen verquerten Tag, und so zeigte er der armen Ellinor zu offensichtlich, daß er sie nicht leiden kann. Ellinor blieb aber bewundernswert »in Form«. (Ich war hinterher sehr böse mit Dieterle.)

Später saß ich mit Ellinor und ihrem Freund ein halbes Stündchen bei Rumpelmayer zusammen und gab mir viel Mühe, Ellinor den unerquicklichen Empfang durch Dieter vergessen zu lassen …

Als dann der elegante Wagen davonfuhr, – (sie wollten mich auf die Bastei mitnehmen – aber ich mochte Dieter an diesem herrlichen Sommerabend nicht allein lassen) kam mich nicht wie früher in ähnlichen Fällen ein vages Gefühl von Sehnsucht an – mitzutun, hinauszufahren in die Herrlichkeit der Sächsischen Schweiz, die ich seit Jahren nicht gesehen. – Ein flüchtiger Gedanke streifte Hendrik – ich ging hinein zu Dieter … ich las ihm vor und war zufrieden.

Jo.

 

 

Dresden, 20. August 1931

Liebes, warum schreibst Du plötzlich so ängstlich … so besorgt? Ich lese Deine Worte: »Kind, platonische Liebe bei einem Manne gibt es nicht, wenn er eine dreißig Jahre jüngere, reizvolle Frau im Arm hält und küßt!«

Aber Sopherl, vergiß doch nicht, van Straaten ist ein alter Mann … sogar dreiunddreißig Jahre älter als ich!!!

Du kanntest ihn vor zehn Jahren, … es ist doch ein Unterschied, ob ein Mann 63 Jahre alt ist oder 10 Jahre jünger! – –

Herz, leg nicht in unsere Beziehungen Dinge, an die keiner von uns denkt! – –

Mißversteh mich nicht, Liebes: natürlich sollst Du alle Bedenken aussprechen, die Du auf dem Herzen hast …

Ich will Dich nur beruhigen. – – –

Innigst
Jo.

 

 

Dresden, 2. September 1931

Nun endlich sahen wir uns wieder. – Er schrieb mir, daß er einen Zug überspringen würde auf der Reise nach Wien. Er hätte 1½ Stunden Aufenthalt. Ich möchte ihn abholen.

Schon eine reichliche Viertelstunde früher stand ich auf dem Bahnsteig, in dem blauen Wollkleid mit dem weißen Kragen, das Du so liebst, und verfolgte den Zeiger, der seine drolligen Sprünge machte … Ein kindliches Spiel flog mir durch den Sinn … Ich sagte zu ihm: wenn du noch dreimal springst, ist es 4 Uhr 32 und dann bin ich die glücklichste Frau! – – – – –

Aber der Zeiger sprang nur noch zweimal, und als ich Hendrik aus dem Wagen steigen sah, vergaß ich alles, den Zeiger … die Menschen um uns … alles … und fiel ihm um den Hals. – –

Als ich aufblickte, lachte Hendrik ein wenig und sagte mit einer leichten Bewegung zu einem jüngeren, eleganten großen Mann, der neben ihm stand und meine Begrüßung natürlich gesehen hatte: »Darf ich vorstellen … Legationsrat Strömberg … meine Nichte, Frau von Hellberg« – –

Mein Gott, – umsonst ist Hendrik kein Diplomat …

Ich riß mich zusammen, damit ich ihn nicht noch blamierte, denn den Herrn mußte die zärtliche Nichte sehr überraschen. – –

Später – als wir zum Tee im Bellevue saßen (Strömberg besuchte unterdessen eine Tante – vielleicht solch eine wie Hendriks Nichte) mußten wir noch darüber lachen. –

Aber Hendrik hatte nicht die Gelassenheit, die ihm sonst eigen. Er saß sozusagen mit der Uhr in der Hand … Er durfte den Zug nicht versäumen …

»Nun haben wir uns wochenlang aufeinander gefreut«, sagte ich traurig, als er mit einer bekümmerten Geste auf seine Uhr zeigte – »und nun dieses gehetzte Stündchen« – –

Wir saßen in der großen Vorhalle … an den Nebentischen andere Menschen … der Kellner schob sich zwischen die Teetische. – –

Ich ward jede Minute verzagter, in dem Maße, wie die Zeit fortschritt. »Weißt du, Hendrik, was ich mir wünschte«, sagte ich sehnsüchtig: »wir würden einmal wandern – richtig wandern – in der Sächsischen Schweiz – und dann abends an der Elbe entlang zurückkommen und in irgendeinem kleinen Gasthof am Fluß zu Abend essen!« –

»Ja – wir haben so wenig voneinander«, meinte Hendrik ernst, »ich habe schon oft erwogen, – in der Woche bin ich so gehetzt und völlig in Anspruch genommen – ob du nicht einmal über Sonntag zu mir herüberkommen kannst. Wir können hinaus an die Havelseen fahren« … Er wollte mir die Reize der Seen schildern, aber ich schüttelte traurig den Kopf – (Du weißt, Sopherl – ich kann unmöglich Dieter an Sonntagen allein lassen) – –

Auch Hendrik verstand diese mutlose Bewegung meiner Schultern, und plötzlich sagte er – ganz unvermittelt – ganz selbstverständlich: »Ich weiß einen Ausweg, mein Kind; du sprachst davon, daß du im Oktober eine kurze Erholungszeit antrittst. – Wir werden diese zusammen verbringen auf einem herrlichen Stückchen Erde! Ich schreibe dir noch Näheres. Einverstanden? – – – –«

Ich war nicht überrascht. Es war für mich das selbstverständlichste Ding der Welt, daß ich ein Ja sagte. – Aber dieses Ja klang so merkwürdig – … nicht sentimental oder pathetisch … aber merkwürdig. – – Benommen vom Klang dieses Ja sah ich auf, sah seine Augen auf mich gerichtet – und wußte plötzlich mit hellsichtiger Gewißheit: das ist kein alter Mann, das ist ein junger Mann, der diesen Vorschlag macht.

— — — — — —

Gedankenlos war ich, vom Bahnhof kommend, in entgegengesetzter Richtung weitergegangen … Als ich dessen gewahr wurde … lenkte ich meine Schritte zum Großen Garten. Jetzt nach den Regengüssen mußte es fast menschenleer dort sein. –

Alle Augenblicke blieb ich stehen … sah blicklos in die Schaufenster … über die Straßenkreuzungen … auf die Wagen, die an mir vorbeisausten … stand dann vor den Rosenrondells und hob gedankenlos eine abgerissene Knospe auf, die ich in den Gürtel steckte. – Die ungekannte Reife der Frau erwachte in mir auf einen Augenblick, aus der langen Unbewußtheit kleiner Entschlüsse, asketischer Jahre, gehetzter Nichtigkeiten, spartanischer Pflichterfüllung, äußerster Selbstlosigkeit und harten Verzichts – –

Erwachend sah ich auf: ich stand vor dem geflügelten Gott, der in den Armen die sich wehrende Frau trägt. – Lächelte sie nicht zu mir herüber … spöttisch – überlegen – war ihr Kampf nicht Farce, sondern nur Steigerung – Anfachung – Begehren?

Demütig, gereinigt, verworren sah ich in das dunkle Gesicht des Liebesgottes, und der Schauer eines köstlichen Mysteriums erfaßte mich – – – – –

Jo.

 

 

Dresden, 27. September 1931

Liebes – – ich gehe dem Erlebnis entgegen, – ähnlich wie ich einst Dieter entgegenging – so voll zitternder Vorfreude. –

Und doch so anders – ganz anders.

Ich zittre, daß ich ihn enttäuschen werde, daß er erkennen wird, daß meine Empfindungen – – – –

Sophie – ich liebe ihn. – Ich glaube, ich habe nie einen Menschen so geliebt wie Hendrik. –

Aber meine Liebe ist anders als die gemeiniglich zwischen einer Frau und einem Mann.

Ich war ein Bettler – er hat mich reich gemacht, … ich war hungrig, er hat mich satt gemacht; ich fühle seine Hände auf meinen Schultern, und dann ist das Leid und die Entsagung aus meinem Leben gewischt. – Er hat mich das Lachen gelehrt – er hat mich das Lieben gelehrt, denn seit ich ihn liebe – Gott helfe mir, – liebe ich Dieter tausendmal mehr. – – – – –

Ich liebe ihn – aber da ist kein Rausch und kein Begehren, aber da ist auch kein Versagen – denn wiederum freue ich mich auf ihn, denn eine Frau, die liebt, will genommen sein. – –

Sophie – in mir ist Musik, wenn ich gehe – und die Sonne ist heller und die Luft klarer – und ich kann besser atmen, seit ich ihn liebe – – – –

Ich wünsche nur das eine, daß er nicht enttäuscht wird, wenn er fühlt, … daß – – –

Ach Liebste, Beste – – –

Ich liebe ihn und darum wird – darum muß alles gut werden – – – –

Jo.

 

 

Dresden, 1. Oktober 1931

Hendrik wird staunen, woher ich weiß, daß er morgen seinen 64. Geburtstag hat.

Ich habe dieser Tage meinen schönsten Frühdruck verkauft. Ich bekam einhundertundfünfzig Mark dafür – eine lächerliche Summe – und habe ihm davon ein sehr schönes Schildpatt-Zigarettenetui gekauft. Das wird er tragen und muß somit täglich an mich denken – – – Er darf nie erfahren, daß nur dieser Verkauf meines liebsten Stückes mir diese Freude ermöglichte.

Heute früh kam von Hendrik ein Prospekt. Mir verschlug es den Atem, als ich ihn durchblätterte: es ist Hôtel du Château d'Ardenne – ein früheres Schloß des Königs von Belgien unweit von Charleroi im Ardenner Wald, – Eines der schönsten Hotels der Welt! Ich kann Dir den Eindruck der Bilder gar nicht wiedergeben: Riesige Golfplätze, eine Kavalkade vor dem Schloß, Tennisplätze, ein Teich im Stil von Versailles, köstliche Marmorstatuen, ein eigener Flugplatz … »Schau dir das an, mein Kind, – hier verbringe ich gern im Herbst ein paar Tage beim Golfspiel. Richte Dich ein für Ende Oktober. Dann ist es dort ziemlich still, und die Wälder schöner denn je – – Warte in Bonn auf mich bei Deiner Freundin, ich gebe Dir dorthin Bescheid. – Lebe wohl, geliebtes Kind. Es umarmt Dich in treuer Verbundenheit Dein alter H. v. St.«

Jo.

 

 

Dresden, 4. Oktober 1931

Liebes, Du verstehst, daß ich jetzt nicht viel Zeit habe. Ich bin ungeheuer in Anspruch genommen, wie Du Dir denken kannst: Vereinbarungen mit Mutter Käthe, mit Rose-Marie in Bonn und vor allem – – – meine Garderobe! Ich – die ich jeden Groschen überlege – gewissenhaft überlege – bin leichtsinnig – himmlisch leichtsinnig … Wenn Hendrik zu mir kommt, kann ich schon in meinen bescheidenen Fähnchen dahergehen, aber ich kann nicht den holländischen Gesandten ins Hotel d'Ardenne damit begleiten. – Auch weiß ich, daß Hendrik großen Wert auf einen ästhetischen Anblick legt. Du erinnerst Dich, wie gepflegt, ja elegant er selbst ist: »wie aus dem Schachterl« würdest Du, liebe Wienerin, sagen! Es hat mich amüsiert, als Du mir neulich schriebst, er sei schon immer in Madrid durch seine große elegante Erscheinung aufgefallen, sei stets in Grau gekleidet gewesen mit weißen Gamaschen. – So trägt er sich auch heute noch.

Also woher nehmen – und nicht stehlen? Es gab für mich keine andere Möglichkeit, … ich verkaufte den Anhänger, den Tante Lore mir zur Hochzeit schenkte. Ich hatte ja noch nie einen Ball mitgemacht, darum nie Gelegenheit, ihn zu tragen, und Dieter hat nie danach gefragt.

Also höre … staune!

Ich habe mir bei der Streit drei wunderbare Toiletten gekauft: ein großes Abendkleid … schwarzer Tüll mit einem Silberlamécape … ein rostbraunes Spitzenkleid mit langen Ärmeln … ein grünes englisches Kostüm mit einem Pull. Das Leopardenfell, das mir Onkel Kurt aus Afrika mitbrachte, habe ich zerschnitten und auf das Kostüm einen Kragen und große Stulpen machen lassen.

Wenn ich abends den Karton unter dem Hunnenlager hervorziehe und all die Herrlichkeiten betrachte, so komme ich mir wie das Aschenbrödel im Märchen vor. –

Weiß Gott – Sopherl, der Vergleich ist glänzend! Ich muß schließen

Dein glückliches Aschenbrödel.

 

 

Dresden, 15. Oktober 1931

Sophie, Sophie, morgen früh reise ich. Mutter Käthe ist schon da. Es gibt nur noch einen schweren Moment – wenn – ich Dieterle Lebewohl sage! –

Da muß ich tief, tief Atem holen. –

Aber ich habe keine Bedenken – keine Angst, keine Gewissensbisse. Im Gegenteil – kannst Du verstehen, wenn ich Dir sage: mein Empfinden ist anders als für Dieter – Hans – anders – ganz anders – fast möchte ich sagen, schöner – heiliger! – –

Und in mir blüht Gewißheit: »Alles, was aus Liebe geschieht, geschient jenseits von Gut und Böse …«

Jo.

 

 

Bonn, 26. Oktober 1931

Geliebte Freundin! Als ich Dir den letzten Brief aus Dresden sandte, sagte ich mir: wenn ich wieder schreibe, so ist es aus Belgien – aus dem Zusammensein mit Hendrik. – – –

Ich habe Dir all die Tage schreiben wollen, aber ich war nicht in der Lage – ich war so benommen – versuchte, Abstand zu gewinnen. Also … erschrick nicht! Hendrik hat mir abgeschrieben! – – Er schrieb liebevoll – unendlich liebevoll – wie immer … aber er wäre zur Zeit in Berlin derartig unabkömmlich, daß er – – na – usw. – – – – – – – – – –

Sieh, Sophie, ich will mich nicht belügen, aber ich glaube das nicht. Ich möchte einmal sehen, wenn er sagt, ich nehme drei, vier Tage Urlaub – ob das nicht einzurichten sei!

— — — — — —

Ich glaube ihm nicht – und darum bin ich schwer verletzt!

Du irrst, wenn Du jetzt vielleicht annimmst, ich sei verzweifelt – unglücklich. Nein, Sophie … das bin ich nicht. Ich wäre es, wenn er krank geworden wäre, oder wenn ich verhindert gewesen wäre; aber hier schwingt etwas anderes bei mir mit: maßlos verletztes Frauentum – –

Muß ich mir nicht sagen: er hat mit dir gespielt und bereut die Verabredung!

Kannst Du Dir vorstellen, mit welchen Gefühlen ich meine Kleider betrachte, wie mir die Schamröte ins Gesicht steigt … beim Öffnen des Schrankes, wenn mich diese Gebilde von Schönheit und Lebensbejahung hohnlächelnd angrinsen … Sie sollten mich schön machen für ihn, den ich liebe, … ich hatte eine für meine Begriffe fantastische Summe verschwendet – ich, die, wie Du weißt, immer sparsam und gewissenhaft bis zum äußersten ist. – – – – – – – – –

»Du bist sehr, sehr herunter, mein Armes«, sagt Rose-Marie mehrfach am Tage und stellt an meinen Liegestuhl immer etwas anderes, um mich zu kräftigen.

Ich schlucke geduldig die Milch … den Haferkakao … würge die dickbelegten Brötchen herunter … ich schließe die Augen und lasse die Herbstsonne über mein armes, verquältes Gesicht gehen, weil Rose-Marie es will. – – Ich liege nachts stundenlang mit dem Kopf unter der Decke, weil ich Angst habe, ich könnte einmal aufschluchzen. – Dabei weine ich doch nicht – nein, ich will nicht weinen. – An meinen Liegestuhl kommt der dicke, süße, kleine Christian. Er rupft gegen jedes Verbot heimlich die Trauben vom Spalier – das heißt immer ein Beerchen. – Aber nicht für sich. Nein, er bringt mir jede Beere in seinen kleinen, süßen, schmutzigen Fingerchen: »Hier dute Tante, iß« – –

Ich schließe meine Arme um die Kindergestalt und drücke dabei die Ellbogen an meinen Körper, weil Christian erschreckt fragt: »Frierst du, Tante Jo, du zitterst ja« …

Rose-Marie kommt über den Rasen, an den Händen die dreijährigen, braunäugigen Zwillinge …

»Du Schlingel, laß Tante Jo – sie muß Ruhe haben.«

Aber Christian will nicht fort … er klettert auf das Fußende des Liegestuhls und sagt: »Ich bin der Onkel Doktor … ich pflege Tante Jo« – –

»Er stört mich nicht, Rose-Marie«, sage ich müde – und presse die Lippen zusammen.

Die Zwillinge haben sich losgerissen und krabbeln unter meinen Stuhl.

»Unmöglich«, ruft Rose-Marie lachend, – »das ist zu viel. Das ist keine Erholung.«

Ich wehre ab – – »ach, die Kinder stören mich wirklich nicht, liebe Rose-Marie« – – –

Aber plötzlich springe ich auf und laufe ins Haus – ich kann doch nicht herausschreien: »Euer Anblick quält mich. – Du, Rose-Marie, in deiner blühenden Mütterlichkeit – die Kinder in ihrem Zauber – dein guter, gesunder Mann, der mit euch scherzt und lacht! – – – – Ihr quält mich, weil ihr mir täglich … stündlich … minütlich … zeigt – was ich entbehre. – Daß all meine Herzensnot und Zerrissenheit und die Verquältheit dieser Tage nie geschehen – wenn – ach wenn – Dieter gesund – und wenn mein Kind am Leben geblieben!«

Jo.

 

 

Bonn, 30. Oktober 1931

Liebes!

Es ist nicht Rose-Maries Schuld. Wie kann sie ahnen, daß ihre Umgebung in meiner jetzigen seelischen Verfassung gerade das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erstrebt. Ich werde täglich elender und fühle mich irgendwie undankbar, daß ich all das Bemühen der lieben Freunde nicht rechtfertige. »Nein, Frau Jo muß laufen – muß sich tüchtig auslaufen«, verkündet Rose-Maries Mann in rührender Emphase, als ob er endlich den Stein der Weisen entdeckt hätte. – Nun kommt er gegen sechs Uhr abends abgespannt vom Dienst – trinkt schnell noch einmal eine Tasse Kaffee und trabt mit mir davon. – Der Ärmste, ich weiß, wieviel lieber er in seinem schönen Garten bliebe … sich auf den Rasen legte … mit den Kindern spielte. – Nun hält er es für seine Pflicht, mit mir zu wandern.

Ich sehe ihn von der Seite an – wie der arme, gute, dicke Albrecht sich quält, dabei spricht er dauernd von Rose-Marie in Tönen restloser Begeisterung. –

Ist das nicht rührend? –

Heute abend auf dem Spaziergang werde ich ihm erzählen, daß ich morgen reise … Wie werden die Guten aufatmen, diesen belastenden Besuch endlich loszuwerden. – –

Ich liege wieder im Stuhl … während ich diese Zeilen schreibe – meinen kleinen Christian im Arm. Er lutscht am Däumchen, dieser große, wonnige Bub. Ich laß ihn gewähren … es ist so süß, dies Schmatzen … dies behagliche Stöhnen wie bei einem kleinen molligen Tier. – – –

Der Herbst dieses Jahres ist unwahrscheinlich schön. Der Wein im Spalier und die Pfirsiche größer – ausgereifter – durchsonnter als manches Jahr. – Der große altmodische Garten mit den zwei bunten Glaskugeln und der Zwerg ist mein ganzes Entzücken … Astern, Georginen, das Silberkraut, die Kamille, Karthäuser Nelken, Fingerhüte und Glockenblumen, alles wächst … blüht … reift … wild und frei durcheinander – unberührt und unbekümmert, wie seine glücklichen Insassen.

Jo.

 

 

Dresden, 4. November 1931

Meine Liebste –

Deinen besorgten Brief fand ich hier vor und zwei von Hendrik – nein Herrn van Straaten.

Du beschwörst mich, nicht abzubrechen … »ohne ihn gehört zu haben«, schriebst so rührend: »Du brauchst ihn zu Deinem Leben – es wird zu dunkel, zu schwer für Dich, wenn Du ihn läßt« – –

Aber Sophie, laß ich ihn denn?

Weißt Du nicht, Du allein, was Hendrik in meinem Leben bedeutet, nein bedeutete – –

Sag mir nicht – es konnte sein, daß er nicht kommen konnte! – Ich glaube es nicht. Zwei Tage konnte er kommen, und wenn er mir nach Hannover entgegenreiste – mich nach Berlin bat – was weiß ich. – Die Liebe weiß immer Wege und Ziele.

Er ist ein alter Mann, Sophie – das wird es sein – er war plötzlich dieses Erlebens schon müde … ehe es zur Reife kam. – Ich will mich nicht belügen. – –

Sagte ich nicht – zwei – nein drei Briefe von van Straaten sind gekommen. Zärtlich wie immer, besorgt ob meines Schweigens – verstehst Du das?

Ich weiß, Du wirst ungeduldig Dein liebes Haupt schütteln und sagen: »Nun, schau, hör' ihn erst an!«

Nein, Sophie – ich bin sicher keine kluge Frau – aber mein Fingerspitzengefühl – meine Sensibilität hat mich nie betrogen! – Er wollte nicht kommen. – Ich werde ihm schreiben – wenn ich mehr Abstand gewonnen, und werde diese unhaltbar gewordenen Beziehungen lösen.

Deine alte
Jo.

PS. Die schönen Kleider habe ich in einem Karton unter die »Mottenkiste« geschoben. – Wenn ich bloß wüßte, was ich damit anfange. – Verkaufen? – und wo? –

 

 

Dresden, 14. November 1931

Ob Du wieder einmal recht hast, meine Sophie? Ich hatte vorgestern den bewußten Brief an Hendrik geschrieben, sachlich, ohne Bitterkeit – und so, daß ich mir nichts vergab. – Ich weiß, wie Du dieses Wort haßt. Du sagst, es gibt Beziehungen, wo die Frau die Initiative ergreifen muß. Ja Sophie, Du magst recht haben, aber ich bin – obgleich 1900 geboren – mehr der altmodische Frauentyp der Vorkriegsjahre … Jetzt versteh' ich auch, warum einmal ein Mann in Genf zu mir sagte: »Nein, Sie können nicht 1900 geboren sein. – In Ihrer Mentalität sind Sie der Typ der Frau vor der Jahrhundertwende.«

Nun, sei es, wie es sei – sagt man nicht: die Frau von vorgestern ist die Frau von morgen!

Hoffen wir also – daß ich noch einmal in meine Zeit passe! – – – – – – – – – – – – –

— — — — — —

Ich war gestern … wie meist – gegen 10 Uhr zu Bett gegangen … kaum eingeschlafen … als Dieter mich mehrere Male anruft: »Jo, das Telephon – –« Unmöglich, denke ich, jetzt in der Nacht – aber es schrillt ununterbrochen … und Marthe hat ihren Ausgangstag. – Ich springe aus dem Bett … eile vor an meinen Schreibtisch … zitternd hebe ich den Hörer – mein Blick streift die Uhr – es erschien mir bereits wie Mitternacht – –

»Sie werden von Berlin verlangt …«

Mein Herz stößt bum … bum. Kaum hörbar ist mein Ja. – – –

»Melden Sie sich doch« – sagt das Fräulein ungeduldig. – – –

»Jo – bist du es – Hendrik.«

»Ja – bitte?« ich kühl fragend.

»Kind – um Himmels willen – ich erhielt heute deinen Brief – bitte, ich muß dich sprechen – verstehst du – ich muß dich sprechen. – Kannst du herüberkommen? Sonst komme ich, – aber ich wäre dir dankbar, du kämst. – Ich kann es dir nicht telephonisch – mag es nicht schriftlich auseinandersetzen. – Und ich bin derartig überlastet, … daß ich nicht recht fortkann.«

»Eine Frage« – –

»Ja?« –

»Die Absage war – war eine Ausrede?«

Zögernd: »Ja« – –

»Also gut« – – –

»Nein – nicht gut«, schreit Hendrik, und ich höre ihn zum ersten Male wütend … und freue mich … freue mich unsagbar. – –

»Also du wirst kommen, Jo?« –

»Vielleicht – – –«

»Nicht vielleicht – hör', Jo … ich darf dich nicht verlieren … hörst du … bist du noch da?«

War seine Stimme heiser – geängstigt – oder bilde ich's mir ein? – –

»Schön, ich komme« – – –

»Ich danke dir, Jo« – –

»Ich muß trennen – dringendes Ferngespräch«, sagt eine fremde Frauenstimme.

»Es war sicher falsch verbunden – – –« murmelt Dieter schlaftrunken. – –

 

 

Dresden, 20. November 1931

Bitte Sopherl – triumphiere nicht zu früh. Spiele auch keine Weltweise und orakle nicht wie eine Pythia. So glücklich, wie Du mich schon glaubst, bin ich noch nicht. – –

In nüchternen Augenblicken quälen mich Mutmaßungen, Zweifel – – ach, und doch weiß ich, wenn er aus meinem Leben geht – wird es untragbar. – Dieter ist nicht ganz wohl … leichte Erkältung … für ihn aber stets gefährlich. An eine Reise nach Berlin ist darum augenblicklich nicht zu denken. Ich schrieb es Hendrik. Vor Dezember wird es unmöglich sein –

Verzeih die Kürze und Gehetztheit dieser Zeilen. Habe durch Dieters Unpäßlichkeit sehr viel zu tun.

Deine alte
Jo.

 

 

Dresden, 4. Dezember 1931

Morgen reise ich mit dem Mittagszug – bin gegen fünf Uhr in Berlin. Hendrik erwartet mich um acht Uhr Hotel Bristol. –

Mir ist so angstvoll zumute. – Ach Sopherl – wärst Du doch bei mir. Ich muß den Nachtzug, 11 Uhr, wieder nach Dresden nehmen. – – Ach, die wenigen Stunden, welche Unsumme von Glück oder Leid werden sie bergen?

Deine kleine
Jo.

 

 

Dresden, 6. Dezember 1931

Meine liebe, liebe Sophie!

Die Götter wollen mir wohl! Nur zwei Tage sind vergangen, und die Welt hat für mich wieder ein anderes Gesicht! Laß mich Glückliche Dir ausführlich berichten …

Ich komme in Berlin an – nehme mir ein kleines Zimmer – und lege mich aufs Bett, denn ich fühlte mich so elend und zerrieben, daß ich glaubte, Ruhe täte mir not. –

Doch je länger ich lag … desto unruhiger wurde ich … sah dauernd auf die Uhr … zog mich wieder an und entschloß mich, nach dem Westen zu fahren, um mich ein wenig von dem Strom der »Bummelnden« auf dem Kurfürstendamm treiben zu lassen. – Ich bereute es auch nicht … denn der Lärm … dies Brausen und Jagen … diese fiebernde Unruhe … dieses Tempo um mich – an der gleichsam alles vorbeiflutete – hatte etwas ungemein Beruhigendes für mich.

Nun gibt es sicher eine Tücke des Objektes … jedenfalls merkwürdige Zufälle. Denn – Du magst drei Leute in Berlin kennen … die Du ausgerechnet nicht treffen willst – wette – Du läufst gleich einem von ihnen in die Arme.

»Mein Gott – Jo – du – allein hier?« Bärbel steht vor mir – wie immer den Hut etwas verrutscht … übermäßig mit Paketen beladen … am Zeigefinger noch ein Netz baumelnd … um das Handgelenk die Hundeleine. – – –

»Tag, Bärbel«, sag' ich – hilflos – wie entdeckt – tue erfreut … fühle zu meinem größten Ärger, daß ich verlegen und immer verlegener werde. Was soll Bärbel, die beste aller Frauen, denken, daß ich hier in Berlin bin, ohne sie davon in Kenntnis zu setzen? – Wir gehen nebeneinander her – ich – ungewohnt, sie zu belügen – nach einem Ausweg ringend. Bärbel durch mein Schweigen verletzt – selbst ermüdet und nun argwöhnisch – wird heftig. Ihr Temperament bricht durch: »Bitte genier' dich nicht – ich will mich dir nicht aufdrängen.«

»Um Gottes willen, Bärbel«, sag' ich und bleibe stehen; alles verschwimmt vor meinen Augen … ich fühle, wie ich in den Knien irgendwie verrutsche, und in diesem Zusammenbruch presse ich alle meine Not in die irrsinnigen Worte: »Bärbel, um Gottes willen, hab' Erbarmen.«

Ich sehe in ein erschrecktes Gesicht … fühle Bärbels starken Arm um meine Schulter … finde mich in einer Taxi und wenige Minuten später in einem Café. – Ich darf nicht erklären – bekomme einen Kognak und spüre nur Bärbels gute feste Hand, die meinen Arm streichelt. –

Als ich wieder beisammen bin, bringt sie mich wieder in eine Taxi. Ich denke, sie steigt mit hinein … aber nein … sie ruft nur dem Chauffeur zu: »Die Dame wird Ihnen das Ziel angeben« – – – und ehe ich Bärbel danken kann – ist sie schon im Getriebe verschwunden. – – Rührendste Bärbel – ich werde es ihr nie vergessen!

Im Wagen sehe ich zu meiner Freude, daß es kurz vor acht Uhr ist und fahre darum direkt ins Hotel.

Als ich hinkomme – es war sehr ruhig in diesem eleganten, behaglichen Hotel, sehe ich Hendrik im Vorraum auf mich warten. Er stand da, so schlicht und distinguiert, daß alles uns nachblickte, als wir hineingingen. Er hatte ein Tischchen reserviert.

»Nun, kleine Jo« – versuchte Hendrik zu scherzen, als der Kellner sich entfernt hatte, »du willst also nichts mehr von mir wissen?«

»Ach, Hendrik«, sage ich, und all meine Herzensnot muß er wohl empfunden haben, denn er sah liebevoll auf mein Gesicht, als ich ihm erklärte, daß er meine Empfindungen doch begreifen müsse: ich am Rhein und auf ihn wartend und dann die Absage, die ich nicht glauben konnte. Daß ich das beschämte Gefühl einer Frau gehabt hätte, »die man bestellt und nicht abgeholt«. Das kam so trocken und komisch bei mir heraus, daß ich wider Willen in sein befreiendes Lachen einstimmen mußte.

»Ja, kleine Jo«, sagte Hendrik und fuhr mit der Hand über die Augen – »du hast vollkommen recht – nur die Motive, Kind – sind andere – völlig andere. Es ist schwer für einen Mann, darüber zu sprechen – aber ich habe dich zu lieb, um dich mit Unwahrheiten abzuspeisen. – Will versuchen, es dir zu erklären.« –

Und dann, Sopherl – ach, um ein Haar hätte ich jubelnd gelacht – denk Dir, er weiß doch mein Erlebnis mit Hans, unsere Leidenschaft – und fürchtete, er als alter Mann könne mich enttäuschen, wenn er mir nicht mehr diese Leidenschaft entgegenbringen könne, die ich erwarten dürfte. Der große Altersunterschied habe ihm plötzlich unüberbrückbare Bedenken aufgetürmt. – – – –

Du lieber Gott … am liebsten hätte ich ihm gebeichtet, daß auch ich – – – ach Sopherl – die Liebe ist eine Sprache des Himmels, und die Menschen haben es verlernt, sie zu sprechen. –

Als er mein Lächeln sah, und ich ihm mit ein paar guten Worten jegliche Bedenken nahm, kam ein Rausch von Glück über uns beide … Hendrik ließ Sekt kommen … neckte mich: Hans sei Sekt … er aber nur Selterswasser mit einem Schuß Kognak. – »Nein, guter, alter Rheinwein«, sagte ich lachend und hob ihm mein Sektglas entgegen – –.

— — — — — —

Ich mußte den 11-Uhr-Zug nehmen. – Hendrik brachte mich zum Zug. Als er mich küßte, entzündete sich mein Blut zum erstenmal in seinen Armen – –.

Ich hielt ihn mit ausgestrecktem Arm ein wenig von mir und sagte leise und zärtlich: »Ach, Hendrik – ich mach' mir nichts aus Sekt, – – Rheinwein ist doch das Schönste!«

Deine glückliche
Jo.

 

 

Dresden, 18.Dezember 1931

Liebes. – Seit jener Aussprache sind wir uns noch nähergekommen, und unsere Briefe steigern sich in beglückender Zärtlichkeit. – – – Glücklicher als jetzt kann ich doch nie werden – mit dieser scheuen Sehnsucht nach Erfüllung – nach Hingabe. –

Dieter geht es seit einiger Zeit nicht gut. Ich machte mir Sorgen und ließ den Arzt kommen. – Er konnte aber nichts Positives feststellen … Ist es ein Wunder, daß mein armes Dieterle keinen Appetit hat – keinen Schlaf findet? – Marthe mußte ich auf Urlaub schicken. – (Ihre Mutter sei schwer krank???) So verzeih … wenn ich einige Zeit nicht schreiben kann, denn ungelegener konnte Marthes Abreise nicht kommen – als jetzt so kurz vor dem Fest.

Frohe Festtage Dir, Jochen und den Kindern.

Jo.

 

 

Dresden, 1. Januar 1932

Meine liebe, gute Sophie!

Hendrik sandte mir zum Fest einen schmalen Ring … kleine Rubinen und Brillanten in alter Fassung. Er schrieb dazu, es sei das Wertvollste, was er besitze, denn dieser bescheidene Ring war das einzige Schmuckstück seiner geliebten, schlichten Mutter. Sie habe für ihn den Inbegriff der Mütterlichkeit verkörpert, ihr Leben sei Güte und Verstehen für ihre Kinder gewesen. Er schloß seine Zeilen: »Sie war meine beste Freundin, die einzige Frau, die mich in allen Phasen meines bewegten Lebens verstand.«

Verstehst Du nun, Sophie, daß ich jetzt, da Hendrik mir diesen Ring schenkte, an die Dauer – ich möchte das kühne Wort »Ewigkeit« gebrauchen – unserer Beziehungen glaube? – – – – – – – –

Und dann hatte ich noch eine reizende Überraschung.

Als Bärbel und Fritz – wie stets nach Mitternacht – anriefen, glaube ich meinen Ohren nicht zu trauen: ich höre eine geliebte Stimme: »auch von mir meine ergebensten Glückwünsche zum neuen Jahr, meine gnädige Frau – hier van Straaten.« – – – – – –

»Ah, Exzellenz … Sie auch da?«

»Jawohl – Ihre Geschwister waren so gütig …«

Und drüben steht Fritz, Bärbel und viele … viele Leute, und hier sitzt Dieter und keiner ahnt, – was hinter unseren Worten schwingt. – –

Deine glückliche
Jo

 

 

Dresden, 27. Januar 1932

Liebe Sophie. Dieter ist krank … schwer krank. Ich habe Dir all die Zeit nicht schreiben mögen, weil ich immer hoffte, Dir endlich mitteilen zu dürfen, daß ich nun ohne Sorge um ihn bin. – Andererseits bin ich so abgejagt, daß ich keine Zeit zum Schreiben finde. Kaum ein paar Zeilen wandern hin zu Hendrik.

Dieterle hatte Anfang Januar Grippe … dann kam unerklärlicherweise ein Rückfall … wie es bei Menschen, die sich nie bewegen, leicht geschieht. Dann trat Lungenentzündung hinzu. –

Dieterle ist so geduldig, und gottlob ahnt er nicht, wie krank er ist. – –

Dr. Herrmann wollte eine Nachtschwester bestellen, weil Dieterle Tag und Nacht beobachtet werden muß – aber ich lasse es nicht zu. Wer kennt die erleichternden Handgriffe so wie ich – wer all die tausend kleinen Wünsche eines längst Gelähmten …

Ach Sophie – diese Nächte – diese stillen, langen Nächte, die ich bei ihm sitze. Ich habe den Ohrenstuhl aus meinem Zimmer an sein Bett gestellt und sitze darin nachts in halbem Schlummer.

Ach Sophie – nur Du, Du sollst es wissen, wie ich leide. – Keiner ahnt, welch widerstreitende Gefühle mich zerreiben. – – –

Sophie, er darf nicht sterben, … Sophie, bestimmt – er darf nicht sterben – sonst würde ich mir einreden – – ach Sophie, wäre ich nicht so allein in diesen stillen, langen – endlos langen Nächten. – Nein, – sie sind nicht still … die Luft ist erfüllt von Gedanken – Hoffnungen – Wünschen – Angst und Qual.

Jo.

 

 

Dresden, 4. Februar 1932

Der Zustand dauert fort … nein – er wird schlimmer. – Dr. Herrmann gibt mir wenig Hoffnung. Er sagte heute abend: »Wir wollen ihm das Ende wünschen!«

Dieterle ist besinnungslos – schon seit Tagen. – Mühsam löffle ich ihm Flüssigkeiten ein – gebe ihm die Spritzen – – – –

Sophie – ich halte es nicht mehr lange aus. – Dieterle soll leben bleiben – – – – – – – – – soll er leben bleiben?

Jo.

 

 

Dresden, 5. Februar 1932

Heute kam von Hendrik ein Brief –

Ich hatte ihm nicht geschrieben, wie hoffnungslos krank Dieter ist. Warum hatte ich's ihm nicht geschrieben? – Ich teilte ihm doch mit, als jener Rückschlag einsetzte?

Nun glaubt er Dieter genesen: »Ihr seid nun hoffentlich wieder über den Berg, und Dein Gatte genießt die schöne stille Winterluft, die ihm guttun wird!«

Und er fährt fort: »Vom Freitag mittag bis Montag abend habe ich in Hamburg zu tun. Erwarte Dich Freitag mittag. Anhalter Bahnhof. Wir fahren dann zusammen weiter. – Du mußt es einrichten, hörst Du, geliebtes Kind, Du mußt es einrichten – wie – überlasse ich Deinem gescheiten Köpfchen. – Ich bin bloß froh, daß Du nun unbeschwert abreisen kannst!« –

Ich – und unbeschwert!!

Aber war's nicht meine Schuld, daß Hendrik nichts ahnte? – Hatte ich ihm überhaupt in letzter Zeit geschrieben? Ich weiß es nicht zu sagen: Tage und Nächte schmelzen für mich zusammen – ich weiß kein Datum – lese keine Zeitung – schrieb wohl auch nie an Hendrik?! – – –

Ein Telegramm sandte ich: Dieter hoffnungslos erkrankt.

Jo.

 

 

Dresden, 10. Februar 1932

Es muß eine Krisis kommen!

Dieterle muß erlöst werden! Er soll leben bleiben oder von mir gehen – aber soll sich nicht so weiterquälen …

Dieterle darf nicht mehr leiden, und ich kann nicht mehr leiden. Jede Nacht träume ich in meinem Stuhl – immer denselben Traum: Hendrik und ich sitzen auf einer breiten Terrasse eines schlichten Landhauses, – vor uns spielt ein Kind. – Hendrik sieht mich liebevoll an und zeigt auf einen großen Garten mit Tulpen – gelben Tulpen! – – – –

War das ein Traum, oder ist das ein Wunschtraum – ein Wachtraum? – – –

Ich möchte beten: »Herr, erlöse uns von dem Übel.«

Jo.

 

 

Dresden, 11. Februar 1932

Soeben sagt Dr. Herrmann, daß Dieterle heute nacht die Krisis überstanden.

Jo.

 

 

Dresden, 2. März 1932

Liebes … draußen im Vorgarten lachen schon die lila Krokusse, und bei uns herrscht richtige Genesungsstimmung.

Mutter Käthe ist da … sie pflegt uns beide – – ja, uns beide! – Meine Zeilen vom 11. Februar (das war doch wohl der Tag nach der Krisis?) habe ich gar nicht mehr in den Kasten gesteckt. Als die Spannung nachließ, … als die Ungewißheit und Angst vorüber … gab mein Körper nichts mehr her. – – – –

Nun werden wir beide gepflegt, und wir erholen uns um die Wette. Mein Bettzeug wurde auf das »Hunnenlager« gebracht, und ich mußte schlafen – schlafen – schlafen. –

Ich fühle die Fürsorge und Mütterlichkeit von Mutter Käthe, die uns beide in gleicher Weise umgibt. –

Ach Sopherl – und ich spüre, es wird Frühling … Frühling. Berge von Tulpen stehen in den Zimmern, die uns direkt aus dem Haag geschickt wurden: von seinen Feldern! – –

Dieter meinte wehmütig: »Wie aufmerksam von ihm, aber wie schade, daß Straaten nie mehr kommt!«

Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, oder traurig sein, daß Dieter stets die Männer schätzt, die mich lieben.

Deine noch immer recht müde
Jo.

 

 

Dresden, 21. März 1932

Liebe, gute Sophie! Hendrik schrieb mir heute, daß er ganz plötzlich für vier bis sechs Wochen nach Washington geht … und wir können uns vorher nicht mehr sehen! Die Entscheidung kam – wie er schreibt – ganz unerwartet und war unaufschiebbar. Er fährt schon heute nacht. Das ist sehr schmerzlich für mich. Wie lange haben wir uns nicht gesehen. – Aber seine Briefe erfüllen mein Leben und geben mir Halt und Kraft. – Sagt das nicht alles?

Jo.

 

 

Berlin, 9. April 1932

Gute Sophie! Ich bin hier für vier Tage bei Fritz und Bärbel. Die Bibliophilen hatten hier eine große Ausstellung veranstaltet: einige meiner Einbände sind auch vertreten und stehen an einem guten Platz. Dafür hat Dr. Wolf gesorgt. Wolf ist nun ein zahmes, gutes Wölfchen geworden und seit jener »Abfuhr« rührend gut zu mir. – Ich weiß das wohl zu würdigen, denn für gewöhnlich vergessen es Männer nie, daß – nun Sophie – Du weißt ja selbst – – –

Ich sollte sagen: Berlin ist eine Wüste ohne Hendrik. Im Gegenteil: Die Welt ist durch ihn schön und voller Reichtum, und ich habe ein Jasagen zu meinem Leben und Geschick gefunden.

Ich trage so gelassen – ja heiter mein Schicksal – meine Einsamkeit – die täglichen, oft quälenden Nichtigkeiten. Zwinge mich nicht mehr zu Geduld und Güte – wenn Dieter schwere Tage hat – ich bleibe gleichmütig. – Ich finde mich geduldig ab, wenn ich auch weiß, ich sehe Hendrik nur drei- bis viermal im Jahr. – Ich weiß doch, er ist da – er liebt mich – ich liebe ihn. Das genügt mir. – – – Ja, Sophielein – ich habe mich bescheiden gelernt.

Jo.

 

 

Berlin, 11. April 1932

Liebes! Ich trug mich lange mit dem Gedanken, was ich Bärbel sagen soll … wie ihr danken – ohne mein Geheimnis preiszugeben. – So deutete ich ihr heute an, wie dankbar ich es empfunden, daß sie – ohne mich zu fragen – in einer schweren Krisis meines Lebens … und daß ich später einmal …

»Ach, Unsinn«, sagte Bärbel in ihrer graden, derben, treuen Art. »Was gibt es da zu danken; wenn man jemand aus dem Wasser zieht, so fragt man auch nicht, warum … wieso er dahineingekommen … bringt ihn ins Trockne. Du sollst mir gar nichts erzählen. – Ich sehe ja, daß du wieder im Trocknen bist, … das ist die Hauptsache.« Mit einem liebevollen Kuß ging sie aus dem Zimmer. – Muß man nicht Bärbel lieben! –

Am Abend erlebte ich wieder einmal eine »Schliemannsche Tragödie«: Fritz und Bärbel sind bei Olderkamp eingeladen … dem großen Reeder und Finanzmann …

Fritz verspricht sich viel von diesem Abend. Er will den Mann für seine Pläne gewinnen. Es ist dort sehr exklusiv. Fritz hat Bärbel eine – für meine Begriffe – fantastische Summe gegeben. Sie soll eine gute Toilette an dem Abend tragen, denn ihr schwarzes Kleid ist eng und altmodisch.

Am Abend höre ich Fritz schimpfen … Türen schlagen. Plötzlich erscheint Bärbel in meinem Zimmer mit erhitztem Gesicht: »Sag mal, Jo, könntest du mir nicht für heute abend irgendein nettes Kleid leihen?« Ich muß laut lachen: »Aber Bärbel, ich und dir … ausgeschlossen … abgesehen von meiner Kindergröße.«

»Ja … Jo …«, sagt Bärbel zerknirscht und setzt sich auf den Wäschepuff.

»Aber«, wage ich einzuwenden, »ich denke, Fritz …«

»Ach laß«, seufzt Bärbel, »das Geld brauchte jemand so nötig« … (Ich denke beschämt an meine Toiletten unter dem Hunnenlager.) Also Fritz und Bärbel fahren los … Fritz tief verstimmt … Bärbel völlig zerstreut … kann im letzten Augenblick nichts finden … nicht die Tasche, die sie noch soeben in der Hand hielt – nicht die Handschuh – alles rennt durch die Wohnung – sucht und natürlich fehlt wieder … der Schirm! –

Die Stimmung erreicht ihren Siedepunkt. Bärbel hat ihr altes schwarzes Kreppsatin-Kleid von Anno dazumal an, sieht aber trotzdem reizend aus mit ihrem sprühenden Gesicht und den schönen Augen.

Alle vier Jungen umstehen den Wagen, als sie losfahren. – Jürgen, der reizende Bengel, drückt Bärbel im letzten Augenblick noch einen Schirm in die Hand, so mit großer Geste – daß es alle sehen – als ob er sagen wollte: Mein Gott … nur Ruhe, Mutter hat ja alles! – Auf der Treppe sagt er lachend zu mir: »Das war Minnas Schirm … Mutters Schirm steht sicher irgendwo am Alexanderplatz.«

Am anderen Morgen sagt Fritz zu mir strahlend: »Du, die Bärbel hat's wieder einmal geschafft – wie – weiß der Himmel, denn ich habe sie gar nicht mit dem Olderkamp zusammen gesehen. – Der kommt plötzlich auf mich zu und sagt: ›Übrigens Schliemann – – Ihre Gattin hat mir da Ihre Idee bezüglich der … erzählt – – ich muß schon sagen – –‹«

Ich muß jetzt schließen.

In Eile
Jo.

 

 

Berlin, 13. April 1932

Meine Liebe! Ich bin nun doch noch zwei Tage länger geblieben, da ich noch geschäftliche Besprechungen und Aussicht auf Aufträge hatte. Heute nachmittag war ich bei Ellinor. Sie lag in ihrem Streckstuhl auf dem Balkon … bis zum Hals eingehüllt in ihren Pelz, aus dem sie mir ihre unwahrscheinlich lange Hand reichte. In ihrem zerzausten Haar flatterte der Wind.

Du wirst mich nicht gleich verstehen, wenn ich Dir sage: so wesensfremd wir sind, ich bewundere Ellinor. Denn diese Frau ist einer der seltenen Menschen, die mit einer ungemeinen Ehrlichkeit sich selbst leben. Sie beschönigt nichts … nichts vor anderen … nichts vor sich selbst. Sie ist amoralisch und vital, aber nie selbstsüchtig. Sie ist vegetativ und sinnenfreudig – aber mutig. Sie ist freigebig bis zum äußersten: sie verschenkt mit vollen Händen ihr Geld … ihre Zeit … ihre Hilfsbereitschaft, nicht minder wie die Schönheit ihres Körpers. –

Ich habe gelernt, nie den Maßstab meines eigenen Denkens und Handelns bei anderen anzulegen. Jeder muß nach seinen Gesetzen leben, – muß so leben, wie er es vor sich verantworten kann.

Dieter wird Ellinor nie verstehen – schade.

Zum Schluß muß ich Dir etwas beichten: seit Dieters schwerer Krankheit habe ich jede Nacht vor dem Einschlafen dasselbe Bild … Hendrik und ich auf der Terrasse seines Hauses im Haag, … auf dem Rasen vor uns spielt ein Kind, das hat Hendriks blaue Augen und mein braunes Gesicht, und hinter ihm liegen gelbe Tulpenbeete. – – – Ich weiß, daß das nie sein wird, aber es macht mich schon glücklich, zu denken, es könnte Wirklichkeit sein. – – –

Bitte zerreiße sofort diese Zeilen

Deiner verrückten
Jo.

 

 

Dresden, 16. Mai 1932

Im Großen Garten.

Alles blüht, Liebes, blüht, blüht und in hunderttausend Farben … mit hunderttausend Schönheiten … und mit hunderttausend Freuden – und in dreiundneunzig Stunden sehe ich Hendrik – meinen geliebten Hendrik. –

Heuer ist kein Frühjahr in Deutschland. Kalt war es bis vor acht Tagen, und nun ist es gleich glühender Sommer geworden. – Und so übersteigert sich die Natur in ihrer Gestaltung und in ihrem Erschließen – so wie wir nach all den Monaten der Trennung alles an Liebe vor uns ausbreiten werden, wenn wir uns wiedersehen.

Hendrik schreibt, er zähle die Stunden. –

Und ich – – – – ich möchte jubeln und singen wie die kleine Amsel dort im Verborgenen: er kommt, er kommt!

Es ist drückend heiß und die Sonne sticht, und man sollte nicht meinen, daß es Mai sei – es ist vielmehr wie ein schwüler gewitterlicher Augusttag.

Den Rollstuhl zu schieben, fällt mir schwer. Aber Dieterle soll dies nicht ahnen. Marthe hat ihrem Liebsten wohl zu tief in die Augen geschaut, – nun trägt sie schwer – nicht nur körperlich, und ich muß ihr Mut zusprechen: Mut und Freude auf das zu erwartende Kind. – Die Glückliche, Gesegnete! –

Lebewohl für heute

Deine alte
Jo.

 

 

Berlin, 19. Mai 1932

Liebes – – was soll ich in den Stunden des Wartens Besseres tun als mit Dir plaudern.

Es ist unmenschlich heiß – und das nennt sich Mai! Ich wohne im vierten Stock des Excelsior in einem kleinen billigen Zimmer unter dem Dach … liege völlig entkleidet auf dem Bett und zähle die Tapetenmuster, nachdem ich die Zeitungen bis auf die Annoncen durchblättert habe …

Vorfreude, herrlichste aller Freuden! –

Telephonisch sprach ich schon mit Hendrik. Du weißt – er will mich keiner Neugier … keinen Vermutungen aussetzen, so treffen wir uns heute abend – auch er ohne seinen Wagen kommend, auf dem Halenseer Bahnhof. Wir wollen mit der Bahn nach Wannsee fahren … von dort mit der Fähre nach der Pfaueninsel. –

Dort am Wasser im schwedischen Pavillon wollen wir den Abend verbringen …

Ich vergaß: heute früh traf ich mein »Wölfchen«. Er sah mich schon von weitem … verkündete strahlend, er hoffe, mir einen neuen Kunden zuführen zu können. Als ich ihm dankend die Hand schüttelte (wir waren unterdessen vor meinem Hotel gelandet), sagte er mit komischem Seufzer: »Es ist nicht leicht, immer so danebenzustehen und zuzuschauen, wie andere glücklicher sind.« »Sie irren, lieber Doktor Wolf«, sagte ich lachend, »da ist niemand, der ›glücklicher‹ ist, so wie Sie sich das denken!« – – »Lassen Sie einem alten erfahrenen Mann seine Mutmaßungen!« erwiderte das Wölfchen. Der ganze Mann war Bewegung … er wippte nervöser denn je und fuchtelte derartig mit seinem Stock, daß die Vorübergehenden im Bogen auswichen: »So schön und strahlend sieht nur eine Frau aus, die liebt und sich geliebt weiß!«

»Sie müssen es also wissen«, protestierte ich übermütig.

Ich verabschiedete mich lachend, und er stimmte in mein Lachen ein. – –

Ach Sopherl – wie ist das Leben schön!

Jo.

 

 

Nachts drei Uhr

Sophie, Du mußt mir schreiben – sofort schreiben und sagen – was geschehen soll …

Ich bin so verwirrt, daß ich Dir nur alles schildern kann und Dich anflehen: Urteile Du, rate mir, hilf mir! Ich bin nicht objektiv genug – bin nur benommen und verängstigt wie ein Mensch, der dunkle Wolken am Himmel sieht und ein Gewitter spürt. – – –

Und ein Gewitter steht am Horizont … sicher Sopherl … sicher. – Ich stehe also um acht Uhr auf dem Halenseer Ringbahnhof, als der Zug einläuft … Eine Minute Aufenthalt … Hendrik blickt heraus und zieht mich in sein Abteil, und wir halten uns an den Händen und schauen uns an wie ein kleines glückseliges Liebespaar. – – – Es ist unmenschlich heiß, und wir sitzen in der Zugluft, und ich ordne pedantisch den Rock meines weißen Leinenkostüms über den Knien, während Hendrik mich mit tausend Fragen bestürmt: »Ach, Jo – wie bist du schön … schöner denn je«, sagt er immerzu wie ein verliebter Bub – und ich freue mich, freue mich, wie sich halt eine Frau freuen kann, die der Liebste schön findet.

Ja, und dann sitzen wir am Wasser und der Abend vergeht, wie er zwischen Millionen Liebespaaren vergeht und vergehen wird, die sich lange Zeit nicht gesehen: Worte der Zärtlichkeit und der Beglückung. Eine Hand, die die andere streift und hält … ein Blick, der sucht und findet, was er sucht – Liebe, Liebe, Liebe.

Es ist auch hier heiß, und der Mücken muß man sich erwehren, indem man eine Zigarette nach der anderen raucht. Es ist sehr einfach – man sitzt an eisernen Gartentischen, mit Windlichtern, und kleine Verkäuferinnen mit ihren Liebsten an den Nebentischen … aber das ist's halt grade, was uns freut! –

Es ist zu heiß, als daß man warme Speisen bestellen kann, und so einigen wir uns auf eine schwedische Platte und eine Erdbeerbowle und auf ein Sahneneis »für das Kind« – Geliebter Hendrik! – Aber nach einigen Augenblicken schauen wir uns an und Hendrik sagt: »Laß den Fisch mit der Mayonnaise stehen, Kind – sonst krepieren wir noch beide an Fischvergiftung!«

Ich nehme diese Sache spaßhaft und meine lachend: »Stell dir vor, Hendrik – wie witzig – wenn wir beide an Fischvergiftung stürben – du in Berlin – ich in Dresden und beide am gleichen Tag. – – – Was würden Bärbel und Fritz und Dieter sich wundern: beide an Fischvergiftung – am selben Tag … komische Duplizität der Fälle!!« »Kleine Jo«, sagt plötzlich Hendrik und seine Augen sind sehr nahe und warm, als er mich anschaut: »ich bin ein alter Mann … wäre ich zwanzig Jahre jünger und du frei … ich würde dich heute nacht fragen – und wir würden nach dem Haag gehen und dort leben und viele Kinder haben!«

Ich versuche zu lächeln – aber fühle doch, wie meine Augen ernst bleiben …

»Hendrik – nicht wenn du zwanzig Jahre jünger wärst – wenn ich frei wäre, würde ich dich heute heiraten.« –

»Ist das wahr – kleine Jo?«

»Wie kannst du fragen – Hendrik!«

»Hättest du wirklich den Mut! Ich bin mehr als dreißig Jahre älter!« –

»Ja – Hendrik« –

»Ich bin ein alter Mann, Jo!« –

»Ja, – Hendrik« – – – – – –

»Ich denke das Tag für Tag, Jo. – –«

»Ich jede Nacht, Hendrik – –«

Wir sprechen nun nicht mehr viel … Die Nacht schwingt in einem ungeheuren Rhythmus … Das Mondlicht liegt verstreut auf See und Booten und wirft seltsame, verzeichnete Schatten.

Ich traue mich nicht zu sprechen … aus Furcht, daß das gesprochene Wort etwas zerbrechen könnte.

Die Tische um uns herum sind längst leer, als wir endlich aufstehen und Hendrik zahlen will. Als ich ihn verstohlen betrachte – sehe ich, daß sein Gesicht grau und müde aussieht – und seine Hand, die die Geldbörse hält, weiß und geädert, wie bei einem alten Mann … Und ich schäme mich, daß mir solche Betrachtungen kommen, während wir über den Rasen schreiten …

»Zum Bahnhof, bitte«, sagt Hendrik und faßt mich mit sanfter Bewegung am Arm und hebt mich in den Wagen. – – – – –

Der Himmel ist dunkel geworden. Das Sternbild des Bären funkelt nicht mehr durch die Kiefern … Der Wagenschlag klappt zu. – Der Wagen ruckt an und gleitet lautlos durch den finstern Wald. – – Hendrik hat mich in spontaner Zärtlichkeit auf seinen Schoß gerissen … seine Küsse, seine Hände überfluten mich in wilder, leidenschaftlicher Besitznahme.

Ich bin erschreckt … liege in seinen Armen mit geschlossenen Augen, … fühle, wie ich erblasse, … wie ich steif werde. Blitzartig kommen mir Bilder an Hans – an Dieterle – mein Gott – das jetzt! – Halb besinnungslos spüre ich in seinen Armen, daß hier wohl Ruf, doch keine Antwort schwingt. – – – – – –

Der Wagen hält erschreckend plötzlich. Ernüchtert, mit verlegenem Lachen läßt Hendrik mich aus seinen Armen gleiten. –

Ganz verzagt und verwirrt entsteige ich – mir wird gar nicht bewußt, daß Hendrik den Mann entlohnt und aus der Dunkelheit in den schwachen Lichtkreis des Bahnhofs tritt.

Das Gebäude liegt klar und schwarz und undurchdringlich wie Kohle. Ich bleibe einfach stehen … wie ein törichtes Kind … in mir fürchterliche Not, weil ich fühle – ich muß eine Erklärung geben – ich habe Hendrik tödlich verletzt. –

»Willst du nicht kommen, Jo?«

Ich höre seine liebe Stimme abwägend und sanft wie stets.

Der Chauffeur wendet den Wagen … Ich stehe noch immer mit schlaffen Armen. – Ich kann nicht so ohne Wort jetzt mit ihm gehen. – –

»Hendrik – ach Hendrik –«, ich lege meine Hände auf seine Schultern, »ich bitte – bitte komm, ich muß mit dir sprechen.« –

Gleich neben dem Haus verdämmert ein schmaler Wiesenpfad. Es ist wie ein Hohlweg zwischen Hecken … ganz verblaßt in milchigem Mondlicht – die Grillen zirpen … sommerliche Reife und der bittere Geruch des Grases weht mir entgegen. –

Wir stehen eng aneinandergelehnt. – Alles erglänzt in zartem Licht. Wie Ironie empfinde ich diese silberne, schimmernde Mondnacht, wo alles Liebe atmet, fühle nur das Versagen meines Blutes. – – –

»Hendrik – sei nicht böse – ich weiß nicht … weiß nicht, mein Blut scheint vergiftet – von – – Hans – – –« (mein Gott, das durfte nicht kommen … das bestimmt durfte nicht kommen). Ich werde immer verstörter, denn Hendrik betrachtet mich ganz bestürzt. – Ich spüre es, wenn ich auch sein Gesicht kaum erkenne. –

»Jo – sag – liebst du ihn denn noch –?«

»Nein … um Gottes willen – nein! Ich bin nur so unglücklich – weil – – –«

»Kind, Liebes, quäl dich nicht – es ist nur der große Altersunterschied … weiter nichts!«

»Nein«, protestiere ich verzweifelt, »nein, Hendrik – bestimmt nicht!«

»Doch, kleine Jo – – –«

Ich presse mich an ihn … umschlinge ihn, suche seinen Mund, den er zärtlich auf meine Lippen preßt – aber ich spüre weder Schmerz noch Freude, weder Unruhe noch Begierde, und vor lauter Herzensnot auch keinen Frieden! – –

»Quäl dich doch nicht, Kleines«, sagt Hendrik und er hält mich in seinen lieben, starken Armen wie ein erschrecktes Kind.

»Es braucht ja das nicht zu sein … dies Allerletzte«, sagt er in schlichter, großmütiger Duldsamkeit.

»Aber, ich liebe dich doch«, schluchze ich, »und ich habe mich nach dir gesehnt all die Jahre, glaube es mir.« – – –

In der Nähe braust ein Zug vorbei … Ich küsse Hendrik noch einmal – inbrünstig – verzehrend. – Fröstelnd spüre ich auf seinen Lippen nur den Rauch seiner Zigarre. – – –

Es blitzt – eine Brise weht vom See herüber – es kommen große, harte, ungeduldige Tropfen … In der Ferne rollt der Donner … »Komm, kleine Jo – wir müssen uns in Sicherheit bringen. Wir können ja warten – wenn es sein soll – – wird die Zeit kommen!«

— — — — — —

Wir fahren zurück … den weiten – weiten Weg zurück. Wir sprechen von tausend Dingen, aber nicht von dem, was uns erfüllt. –

Ein Regenguß trommelt an die Scheiben. In den Abteilen sitzen ermüdete Liebespärchen. – Der Zugführer geht durch den Wagen … Ich weiche Hendriks Blicken aus – ich schäme mich und weiß wiederum nicht warum … liebe Hendrik mehr denn je – kann es aber nicht mehr sagen. –

Die Kehle ist mir zugeschnürt …

Ich fühle ein versagendes Gefühl in den Kniekehlen, als er mich in seltsamer Zärtlichkeit zum Abschied küßt.

Deine törichte
Jo.

 

 

Dresden, 20. Mai 1932

Dein Brief, geliebte Sophie, hat mich recht erschreckt: Du schreibst: »das vergibt kein Mann … zum wenigsten ein Mann von fünfundsechzig Jahren. Warum warst Du so ehrlich! Welch ein Wahnsinn! Hättest Du geschwiegen, vielleicht hätte er es nicht gemerkt. –«

Nein, Sophie, er mußte es merken, – und weil ich ihn so liebe, suchte ich eine Entschuldigung. –

Ich weiß, was Du jetzt denkst: »das ist doch keine Entschuldigung, wenn du so törichtes Zeug schwätzest und deine verflossene Leidenschaft für Hans erwähnst!«

Ja, Sopherl, recht hast Du schon! Aber dieser Vergleich, der mich im Wagen überfiel, erschreckte mich … und ich suchte nach einer Entschuldigung, weil ich so verzweifelt war, daß alles in mir schwieg. – Weißt Du, was ich getan habe? Ich habe gleich von hier aus einen kurzen liebevollen Brief geschrieben, ihn gebeten, mein kindisches Benehmen zu vergessen. Habe ihn erinnert, was ich ihm noch eine Stunde vorher Liebes sagte und als Erklärung angegeben, ich hätte mich überfreut … nach so langer Trennung … die unsinnige Hitze … so wäre die Reaktion entstanden. –

Ich bin jetzt ruhiger – seit mein Brief fort ist.

Jo.

 

 

Dresden, 4. Juni 1932

Liebes – in aller Eile nur drei Zeilen. Soeben kam ein Brief von Hendrik. Rührend und gütig wie stets. Es habe ihn erst sehr erschreckt, als er meinen eingeschriebenen Brief gesehen, aber dann habe er gelacht. Ich sollte mir bloß keine Sorgen machen. – Er hätte mich schon recht verstanden und der »schöne Wannseeabend« klänge noch in ihm nach! –

Deine glückliche
Jo.

 

 

Dresden, 20. Juni 1932

Liebste Sophie.

Meine Hände kleben abwechselnd von Leim und Erdbeersaft … Ich helfe Marthe in der Küche bei dem Einmachen und arbeite in der Werkstatt, sobald die Gläser sieden.

Und so wandre ich hin und her – und bin froher Dinge – denn Dieterle geht es die letzte Zeit gesundheitlich besser – (d. h.: er fühlt sich wohler … besser kann es ja nie werden), er schriftstellert sogar wieder etwas.

Wenn ich uns beide betrachte, so denke ich oft: es ist nicht jedem beschieden, ein glückliches Leben zu führen – aber ein heroisches sollte man anstreben!

Nächste Woche gehen die letzten Einbände nach dem Haag.

Ob Hendrik glücklich ist, wenn er sie sieht? Du, ist es nicht ein schönes Gefühl für mich, zu wissen: das wird da in dem Hause stehen bei ihm – und wenn er mal später dort lebt, so bin ich immer um ihn durch meine Arbeit. – Und wenn er die Bibliothek überschaut, muß er immer und immer an seine kleine Jo denken. – – –

Ach, Sopherl, warum werde ich nie das Haus sehen – warum werde ich nie mit Hendrik dort leben – warum?

Jo.

 

 

Dresden, 2. Juli 1932

Morgen abend, Sophie, kommt Hendrik. – Endlich, endlich.

Die letzte Zeit war ich oft recht verzagt … immer wieder kamen Absagebriefe, die von Sitzungen, Empfängen erzählten, und wie gehetzt er sei – und wie er sich nach Ruhe sehne. Aber Du weißt ja, ich habe mich bescheiden gelernt! –

Ich bin ja schon glücklich, zu wissen, daß er in meinem Leben steht, unverrückbar – ewig – – ewig? –

Jo.

 

 

Dresden, 5. Juli 1932

Liebes – Hendrik war da – er wohnte im Hotel Bellevue. Ich kam spät hin. Wir saßen im Garten am Wasser. Er sah sehr grau und müde aus, und es war ein verquälter Abend. Ich hatte mich so unsinnig auf ihn gefreut, und nun war alles so anders. Er war so apathisch. Ich bin sicher, er ist völlig überarbeitet; müßte einmal ausspannen. Er vergißt sein Alter – weil er es andere vergessen läßt. Ich habe ihm so sehr zugeredet, er möchte doch einige Wochen in die Schweiz gehen. Der Gedanke regte ihn an. »Ja, Kind, das ist eine vernünftige Idee. – Ich fahre in die Schweiz und von dort – wenn ich mich besser fühle, schreibe ich dir, und du fährst mir bis München entgegen.«

Der Gedanke beschwingte uns beide … und so schloß der Abend noch mit einem Ausblick.

Deine alte
Jo.

 

 

Dresden, 26. Juli 1932

Liebste. Hendrik ist in Sils Maria. – Wie froh bin ich, daß er sich überreden ließ … Seine Briefe sind zart und liebevoll – aber müde – irgendwie müde sind sie doch. – – –

Ich möchte, ich wäre jetzt bei ihm, um ihn aufzuheitern … mit ihm spazieren zu gehen, denn er schreibt, er mache täglich größere Spaziergänge. Er will sechs Wochen bleiben, dann langsam über Oberbayern zurück.

Ich warte auf eine Nachricht, wo ich ihn treffen soll. Ich gehe ihm entgegen – so in mir ruhend, in der heiligen Gewißheit, daß alles gut wird, wie es auch sein mag – da ich ihn liebe.

Jo.

 

 

Dresden, 4. August 1932

Liebste Sophie – Gestern kam ein Brief von Hendrik – aus Berlin. Er schrieb, er wäre Hals über Kopf nach Berlin gerufen worden, darum hätte er mich nicht bitten können. – –

Jetzt muß ich wieder warten. – – – –

Mein Leben ist nur noch ein Warten, Wünschen, Hoffen. –

Jo.

P.S. Hendrik schreibt: Ich bin viel mit Strömberg zusammen. Er fragt jedesmal nach Dir – möchte Dich durchaus kennenlernen, und Hendrik schließt scherzend: »den Mann hat's!« – Ich will Strömberg aber nicht kennenlernen! Ich will nur Hendrik – nur Hendrik – –

 

 

Dresden, 20. August 1932

Meine Liebste. Sieh, ich wollte es nicht wahrhaben – aber ich will mich nicht mehr belügen – ich muß es einsehen: es ist aus – ganz aus. – Ich weiß es schon so lange – aber ich wollte es nicht wissen. Ein Mann, der eine Frau liebt, findet Zeit, und wenn es einige Stunden sind. Aber Hendrik findet keine Zeit herüberzukommen – er findet keine Zeit mich kommen zu lassen – und seine Briefe sind gehetzt – … flüchtig … zwischen Sitzungen, Empfängen hingeworfen.

Seit jenem Wannseeabend ist es aus – – –

Was hat er dazumal gesagt: »Es braucht ja nicht das Allerletzte zu sein …«

Aber das ist nicht wahr; denn daran scheitert er … er ganz allein. Ich will mich nicht belügen. –

Ich habe heute an ihn geschrieben und ihm gesagt, daß ich am Ende meines seelischen Vermögens bin. –

Ich versteh ihn nicht mehr … Sophie … das ist es.

Ich bin zu allem bereit. Er soll den Weg bestimmen, den er mich führen will – denn ich liebe ihn – unverändert.

Jo.

 

 

Dresden, 26. August 1932

Meine Liebe. Heute kam ein lieber, lieber Brief von Hendrik. Er scheint wieder der Alte. Er schreibt: »Kind, quäl dich nicht – sei glücklich und zufrieden – so wie es zwischen uns ist! –«

Was heißt das? – Es ist nicht mehr so zwischen uns … wie es war. Ach Sopherl – ich versteh ihn nicht mehr. – – –

Jo.

 

 

Dresden, 3. September 1932

Sophie – er will es mir nicht sagen, daß es aus ist. So muß ich es tun. –

Ich habe heute Hendrik den Ring seiner Mutter zurückgesandt (denn nun durfte ich ihn nicht behalten) und ihn gebeten, mir nicht zu zürnen. –

Der Weg zu Hendrik ist mir verbaut, und er trägt die Steine nicht mehr hinweg! Der Zustand ist unhaltbar …

Jo.

 

 

Dresden, 6. September 1932

Liebste Sophie. Ich lebe jetzt wie ein Mensch, der den Atem anhält. Ich denke immer noch, daß irgendeine Lösung dieses Konfliktes kommt. – Es kann doch nicht so alles zwischen uns versanden. – –

 

 

Abends 10 Uhr

Heute gegen Abend kam die Antwort. Ich zitterte, fürchtete, hoffte. Alles in einem Augenblick. Hendrik schrieb: »Wie könnte ich Dir jemals zürnen, kleine Jo. Ich war nur sehr, sehr traurig, als ich Deinen Brief und meinen Ring in Händen hielt, denn Du weißt, daß ich Dich liebe und immer lieben werde. Ich wünsche Dir aus tiefstem Herzen, daß glücklichere Hände eines jüngeren Mannes Dir noch einmal recht viel Sonne in Dein Leben bringen, und daß die Last, die auf Deinen Schultern ruht, ertragbar werde. Dann denke zuweilen Deines alten Hendrik. –«

Sophie – ich versteh all das nicht mehr! – Das ist das Schlimmste. Ich will doch nur Hendrik – meinen alten lieben Hendrik und bin zufrieden, so wie es ist. Ich habe ihm das nochmals geschrieben und ihm gesagt, was er in meinem Leben bedeutet … ihn gebeten, unsere Liebe doch auf dieser seelischen Höhe zu halten … Sophie, ich bin so verzweifelt. –

Ich kann Hendrik nicht mehr halten, weil ich ihn nicht mehr verstehe! –

Jo.

 

 

Dresden, 20. September 1932

Sophie, Liebe. Er hat mir nicht mehr geantwortet. Also wollte er den Abbruch unserer Beziehungen … Immer noch gehe ich auf die Post und frage nach einem Brief. Immer noch fahre ich zusammen, wenn in ungewöhnlicher Stunde das Telephon schrillt …

Sophie, Liebste. Es kann doch nicht alles zwischen uns aus sein, wenn er mir schreibt, daß er mich liebt, und weiß, daß ich ihn liebe!?

Oft nachts schrecke ich hoch und denke, es ist alles ein böser Traum und ich müsse erwachen.

Der September ist dieses Jahr wieder unwahrscheinlich schön, aber ich sehe ihn kaum, denn was nützt mir das Erfülltsein der Natur und die goldene Reife um mich, da mein Leben ohne solche dahingeht …

Eine tragische Spannung ergibt sich aus dem Mißverhältnis eines Menschen zu seinem Schicksal: ich weiß nun ganz hellsichtig, daß sich durch Dieters Schicksal alles in mir verschoben hat, durch den Verzicht auf all das, was eine Frau braucht, die ein wirkliches Weib im höchsten Sinne ist, Geliebte, Mutter, Lebenskameradin.

Ich habe mein Leben lang nur ahnen dürfen, was das alles ist … hätte alles durch meinen Lebenskameraden gefunden, wenn er gesund geblieben wäre!

Das mütterliche Prinzip aber, das sich bei mir nie auswirken konnte, hat sich dann auf Dieter übertragen – als ich ihm unbewußt den Namen unseres Kindes gab. – –

Und je kränker Dieter wird … desto mehr … immer mehr muß ich ihm all meine mütterliche Kraft und Liebe geben. – Das allein wird meine Zukunft sein. –

Kein Frohsinn … kein Kinderlachen, keine Zärtlichkeit, keine Liebe und Wärme, keine Behutsamkeit, keine Hand, die mich führt.

Deine
Jo.

 

 

Dresden, 2. Oktober 1932

Liebes Sopherl.

Nein, er schreibt nicht mehr, und doch warte ich noch. Ich weiß, wie töricht es ist. Ich habe gehört, daß im Kriege Frauen, deren Männer schon jahrelang vermißt waren, und denen man versicherte, daß keine Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr bestände, doch noch hofften. – – – – –

Sie konnten dann das Leben besser ertragen – – – Und so ist es wohl auch bei mir. –

Ein Schriftsteller, der Bescheid um die Liebe wußte, Arne Garborg, ein Mann vom fin du siècle, sagte: Liebe ist unglückliche Liebe. Man kann es wahrhaftig nicht präziser ausdrücken!

Lebe wohl, mein Liebes.

Innige Grüße Dir, Jochen – den Kindern.

Immer Deine
Jo.

 

 

Dresden, 18. Oktober 1932

Meine alte Liebe.

Das Leben geht wieder seinen alten Trab …

»Kleinvieh gibt auch Mist«, sagte Dieterle derb scherzend, als ich mich heute, mit komischem Augenaufschlag einen Haufen zerlesene Schul-Leihbibliotheksbücher unter dem Arm, in die Werkstatt verzog. Das war keine geringe Arbeit. Alles mußte auseinandergenommen werden … neu geheftet … beschnitten. Bei vielen Büchern mußten die Kapitäle neu umstochen werden, bei manchen die Bünde neu abgeschnürt, und die meisten bekamen neue Vorsatzpapiere … Und doch kann ich Tintenflecke … Eselsohren … Risse und Abdrücke schmutziger Bubenhände nicht entfernen! –

Aber ich bin dem Direktor des Gymnasiums doch dankbar, daß er mir diese Arbeit zuwies. Ja – Dieterle hat schon recht: »Kleinvieh …«

»Guten Tag, Jo« – ich spüre eine Hand auf meiner Schulter, schau mich um – noch ganz vertieft in meine Arbeit, und sehe in Hansens vergnügtes Gesicht. Und sehe auf den ersten Blick, daß das wieder der alte – ganz der alte Hans ist … der gute Kamerad von Dieter und mir!

»Wie nett, daß du endlich mal wieder da bist«, sage ich aufrichtig erfreut, »komm, wir wollen gleich zu Dieter gehen.«

»Ich war schon drüben – er sieht schlecht, sehr schlecht aus«, sagt Hans ernst und bedeutungsvoll.

»Ja – Hans – es wird schlimm.«

Hans nickt. – Wir stehen uns gegenüber … beide erfüllt von Dieters Los. – – – – –

»Jo –«

»Ja?«

»Bist du mir noch böse?«

»Böse – ach nein, Hans – es ist so Ewigkeiten her – – – –«

»Wie schön«, sagt Hans sichtbar erleichtert.

Wir schweigen beide – – – – –

»Also komm, Hans, – ich mache einen Tee – ich hoffe – du hast noch soviel Zeit?«

»Natürlich«, sagt Hans gewollt lebhaft und geht mit mir hinüber. Und dann haben wir eine nette Teestunde zu dritt, fast so wie vor zwei Jahren, und es freut mich so für Dieter, obgleich der irgendwie versperrt dasitzt, ich weiß wirklich nicht recht – warum … »Ich bin jetzt sehr, sehr gern in Prag«, sagt Hans, »ich will euch ein paar Aufnahmen zeigen. Es ist eine wunderbar schöne Stadt.« Und er zieht seine Brieftasche und zeigt uns ganz herrliche Aufnahmen vom Hradschin und der Karolibrücke. Was muß das schön dort sein!

Und da fällt aus den Städte-Aufnahmen ein kleines Bild von einem netten blonden Mädel, das am Kühler steht … und als ich's Hans reichen will, wird er etwas verlegen – aber dann lacht er … Und da ändre ich meine Handbewegung und zeige das Bild Dieter … und da lacht er auch, und der versperrte Ausdruck ist fort, – – ach so – – – – und wir sind wirklich sehr vergnügt beisammen.

»Ihr müßt mal herüberkommen«, sagt Hans, als er uns Lebewohl sagt.

»Ich hol' euch im Wagen und zeig Dieter und dir Prag.«

Ich sage »ja« – »wie schön« – und »danke, aber weiß, daß diese Anstrengung für Dieter ein Unding ist – und ich auch nie allein nach Prag fahren würde – denn sonst könnte Dieterle wieder vermuten – –

Und so ist Hans wieder fortgefahren, und es ist wieder still bei uns … so gleichförmig … so totenstill … wie es stets war.

Deine alte
Jo.

 

 

Dresden, 24. Oktober 1932

Liebste. Gestern nahm ich Mausi Merker in meine Werkstatt und zeigte ihr die Toiletten im Karton unter dem »Hunnenlager« … Dann erzählte ich ihr einen Roman. – – –

Da sie mich schätzt – überschätzt sie mich … glaubte das Märchen. – Nannte mich einen Engel – (in jenem Augenblick empfand ich sie als einen Engel) und kaufte mir die Kleider ab … sogar zu einem anständigen Preis. Ich brauche Dir nicht zu schildern, was ich empfand, als sie – den Karton unter den Arm klemmend – zwei … drei Stufen auf einmal nehmend, die Stiege zu ihrer Etage hinaufsprang, dabei einen Schlager pfeifend. – (Mausi Merker kennt nur Schlager!) Wenn ich in Zukunft bei Merkers schleifende Schritte höre – so weiß ich … oben schwebt mein schwarzes Tüllkleid mit dem Silbercape oder das braune Spitzenkleid vorüber – – – –

Ob die beiden zarten Gebilde es sich hätten träumen lassen – einmal auf Mausi Merker in einem Siedlungshaus – – –

Ach Sophie – ist das Leben nicht eine Groteske?

Die Kleider sollen sich trösten: ich habe auch vom Chateau d'Ardenne geträumt und beschließe mein Leben in einem Siedlungshaus. –

Jo.

 

 

Dresden, 26. Oktober 1932

Mein Liebes.

Sicher sehe ich erbärmlich aus – aber ich habe immer gehofft, Dieterle würde es nicht merken, und meine äußere Gelassenheit würde ihn über meinen inneren Zustand täuschen. Aber wenn ich am Tage auch noch so beherrscht meine Pflicht tue – nachts so im Dunkeln – dann versinke ich oft in einen flirrenden Strudel und sehne mich nach einer Hand, die mich hält.

So war es auch letzte Nacht …

Ich darf nicht weinen, denke ich, um Himmels willen nicht weinen … Dieterle darf nichts merken. – –

Aber ich spüre, wie die Tränen unaufhaltsam über mein Gesicht laufen, und leise schiebe ich das Laken über mich. Er darf nichts ahnen.

Und da – ich liege wie versteinert – träume ich – ich weiß doch, Dieterle kann sich aus dem Bette nicht bewegen – – Nein, es ist kein Wahn, Dieter hebt sich – kraucht mit unmenschlicher Anstrengung von seinem Schmerzenslager und strebt zu mir … Ich will aufschreien, ihm die Arme entgegenstrecken … aber es verschlägt mir den Atem, und ich beiße nur in das Laken. – – Weiß, daß seit jener furchtbaren Nacht bei Verdun, in der der Mann an meiner Seite unermeßliche Anstrengungen machte, sich aus der Verschüttung herauszuarbeiten – er nie wieder solche Qualen erlebte, wie in dieser Nacht – die für ihn ein zweites Verdun – ein zweites Ringen zum Licht bedeutet. – –

Ich spüre seinen Arm, der sich an den meinen klammert – wie der eines Ertrinkenden … Ich hebe die Decke und ziehe den Geliebten zu mir – er zittert am ganzen Körper von dieser unerhörten Kraftanstrengung. – – – Ich schließe meine Arme um seinen armen Körper und bette seinen Kopf an seine »liebe Stelle«. –

Wir beide können nicht sprechen. Seine zitternde Hand streichelt immer wieder mein Gesicht – immer wieder. – – – –

Und dann höre ich seine gute Stimme, aber sie klingt, als ob sie von weit her kommt – und ist sie nicht auch die Stimme eines Menschen, der von weit her kommt … durch eine ganze Nacht … nein durch Nächte voll Herzensnot – – – –

»Liebste kleine Jo – – denk nicht an mich. Ich will nicht wissen, wer es ist. Und wenn du mir ein Kind bringst – – ich will es liebhaben wie ein eigenes – Weine nur nicht, Liebste, weine nicht!« – – In einem Augenblick erfasse ich die Größe eines Mannes – sehe den weiten Weg, den er heldenmütig und stillschweigend an meiner Seite zurücklegte, bis er sich aus einem Stirb und Werde zu diesem entsagenden Vorschlag durchrang. – – – Wie groß muß seine Liebe sein! – »Dieterle«, schluchze ich und lege meinen Arm um seine Brust … ihn einhüllend in eine Woge von Liebkosungen. – »Quäl dich nicht – es ist nichts Derartiges geschehen, und es ist alles aus – alles aus. Hab nur Geduld mit mir … Dieterle, habe Geduld.«

Wir liegen nebeneinander … zärtliche Worte tauschend. Ich weiß, Dieterle wird Geduld – Engelsgeduld mit mir haben …

Endlich bricht durch die grünen Vorhänge graues Licht, und ich höre am regelmäßigen Atem, daß Dieter schläft. Vorsichtig ziehe ich meinen eingeschlafenen Arm zurück … Sein Gesicht kann ich noch nicht erkennen – es liegt verwischt und unerkennbar in der Dämmerung – ich weiß aber, daß es nun und für alle Zeit keinen verquälten Ausdruck mehr tragen wird.

Lebe wohl.

Deine müde
Jo.

 

 

Dresden, 2. November 1932

Es ist ein schwacher Trost für uns, mein Liebes, wenn Du schreibst, daß es in Wien ebenso unaufhörlich regnet wie in Dresden. Sollte es so weiter strömen, so können wir uns eine Arche Noah bauen! – Das schlimmste ist wohl diese Dunkelheit! Es wird kaum hell, und Dieter ist seit 14 Tagen nicht mehr an die Luft gekommen. –

Gestern war der Arzt da. Er untersuchte Dieter diesmal viel länger als sonst. Später, als er sich im Vorraum verabschiedete, sagte er: »Gnädige Frau, Sie müssen sich schonen, frisch erhalten, denn es steht nicht gut, und Sie werden Ihre Kräfte noch benötigen.«

Als ich ihn erschreckt ansah, sagte er: »Die Lähmung ist sehr vorgeschritten – zu machen ist da nichts … das wissen Sie ja selbst!« – Ja, das weiß ich. Armer geliebter Dieter! – Ich gehe auf Verordnung des Arztes nun täglich »trotz strömenden Regens« eine Stunde in dem Großen Garten auf und ab. – Oft denke ich an Rose-Maries Mann, wie dieser Gute sich in Bonn mit mir abquälte … Heute stand ich lange vor der mit einer Bretterhülle verborgenen Marmorgruppe – – – Es rieselte unaufhörlich darauf nieder, und ich dachte: so alltäglich und jedem zugänglich die kleine, die gewöhnliche Liebe ist, so selten ist die große Liebe. Zur großen Liebe gehört eine Veranlagung, eine Genialität, wie zum großen Kunstwerk.

Deine alte
Jo.

 

 

Dresden, 19. November 1932

Liebste! Ich danke Dir für Deinen warmen ehrlichen Brief. Sicher kann keiner besser urteilen als Du, die Du alle Phasen dieser Liebe miterlebtest, alle Auf und Nieder dieser seltsamen Liebesgeschichte. Und es wird schon so sein, wie Du sagst, daß es da gar kein Wie und Weshalb und Warum gibt, sondern nur die einzige Erklärung, mit der Du Deinen lieben Brief schließt: »Kleine Jo, Du liebtest eben einen alten Mann.« – –

Deine treue
Jo.

 

 

Dresden, 4. Dezember 1932

Ehe Dich, Liebes, dieser Brief erreicht, wirst Du es schon durch Deinen Mann wissen – Hendrik verläßt Europa! – Das heißt für mich: Hendrik verläßt diese Welt. – – –

Bärbel schrieb mir heute: »Du erinnerst Dich des guten Straaten, so wird es Dich interessieren, daß er als Gesandter nach Tokio oder Mexiko kommt … Ich habe vergessen – wohin, aber irgend etwas mit einem »o« war es! Na, Du wirst es vielleicht in der Zeitung gelesen haben.« (Das ist wieder so echt Bärbel!)

Liebes, bestes Sopherl – Hendrik geht fort – für immer fort!

Bärbel schreibt weiter: »er verläßt Deutschland … voraussichtlich Anfang Januar, und so habe ich ihn gebeten, mit uns wenigstens den Silvesterabend zu verbringen. Es ist schade, daß er fortkommt. Berlin wird ihm nachtrauern. Bei uns in Deutschland würde er ja mit fünfundsechzig Jahren pensioniert werden – nicht so in Holland – Und da er ja wie ein rüstiger Fünfziger ist, so hat man ihn sogar noch in das Land … na ja, Jo, etwas mit »o« berufen.« –

Sophie – Hendrik geht fort – ganz fort, nun gewißlich für immer fort aus meinem Leben!

Deine
Jo.

 

 

Dresden, Silvester 1932

Mein Liebes – Nur noch zwei Stunden bis Mitternacht. –

Und ich horche jetzt mit meiner Seele dorthin, woher der Anruf kommt. Nur noch zwei Stunden, und dann höre ich Hendriks Stimme zum letztenmal. –

Was ich wohl dabei empfinden werde, Sophie? – Schmerz oder Verbitterung – oder – – nein, nein nicht Verachtung. – ach Gott, dieses Erleben darf nicht in einem Mißakkord versinken! – – –

Wenn ich auch nicht die Kraft hatte, Hendrik mitzureißen, wenn es uns auch nicht vergönnt war, unsere Liebe auf der Höhe zu halten, die in meinem Herzen heute noch besteht – trotzdem – nein, nein – nicht ein Ton – ein Klang von Verbitterung darf dieses letzte Wort zwischen uns trüben. – –

Ich muß ihm doch dankbar sein, denn diese zwei Jahre habe ich doch gelebt und war glücklich durch ihn, und er hat so viel Reichtum in mein Leben gebracht – in die Armseligkeit meines Lebens.

Bei Merkers ist man wieder fröhlich … Oben schwebt nun mein schwarzes Tüllkleid mit dem Silbercape, und denk doch, Sophie – ich kann an das Tüllkleid mit dem Silbercape denken und kann Mausis Tanzschritt hören, ohne daß ein Hauch von Verbitterung meine Seele trübt. – – –

Ich möchte nur – mein Gott – nur ein einziges, liebes, warmes Wort – das in die Jahre hinüberragen soll, die dann kommen.

Ich möchte nicht, daß er so von mir geht – so ohne Abschied.

Jo.

 

 

5 Uhr morgens

Bärbel rief an. Ich hörte zunächst kaum ihre Stimme, vor lauter Gläsergeklirr … Musik … Geschrei …

»Na, kleine Jo – alles Gute – –«

»Danke, Bärbel –«

(Wann kommt Hendrik, denke ich krampfhaft.)

»Hier ist Fritz …«

»Ja, danke, Fritz.«

(Hendrik? Hendrik?)

»Ach so … du bist's, Jürgen?«

»So, so … so fleißig vor dem Abitur? – alles Gute, mein Junge!«

(Hendrik – wann kommt Hendrik?)

»Ellinor – auch du – wie nett!«

»Hier bin ich noch einmal: Bärbel …«

»Ja – Bärbel? … Ja, danke – ich komm' schon einmal, vielleicht im Februar. – – Warte – – einen Augenblick! Bärbel –?«

»Ja?«

»Sag mal – Hendrik – ich meine van Straaten. Ist er nicht bei euch? Ich wollte ihm auch Glück wünschen!« – –

»Nein – kleine Jo, er ist nicht da«, höre ich nun ganz deutlich Bärbels Stimme: »ja – sieh mal, er fühlte sich die ganze letzte Zeit nicht recht wohl, weißt du – und so konnte er sich wohl doch nicht entschließen – nach Tokio zu gehen. – So nun noch einmal anfangen und im Osten – hm – dazu muß man doch wohl jünger sein, und – er war schließlich doch ein alter Mann! Nicht wahr, man vergaß das immer. – Er hat den Abschied aus dem Staatsdienst genommen und ist nach Ägypten gefahren, – – – er wird dann im Haag leben. Schade, daß er fort ist. – – – Hörst du noch, Jo?«

»Ja, Bärbel – – – – – – –«

Jo.

 

 

Dresden, 20. Januar 1933

Nun ist es schon eine Woche her, geliebtes Sopherl, daß Du bei mir warst … Wenn es überhaupt möglich ist, so sind wir uns in den Tagen Deines Hierseins noch näher gekommen! Wie soll ich Dir je im Leben danken, was Du mir gewesen und daß Du sofort kamst, als Du meinen Brief erhieltest. – – –

Ich sehe Dich noch auf der alten Hunnenkiste sitzen und so tröstlich und lieb wie zu einem Kinde sagen: Schau, kleine Jo, du hast noch so eine Unmenge Freunde, die dich lieben und die dich brauchen: das Dieterle, und meine Wenigkeit, und die Bärbel, und der Fritz, und die Rose-Marie, und Du zähltest sie alle an den Fingern auf und sprachst wie zu einem kleinen Kind. Und ich lag mit geschlossenen Augen vor Dir, und die Tränen versiegten …

Ach Sopherl – ich schäme mich nicht, daß ich mich so schwach vor Dir zeigte. Ich habe jetzt das unumstößliche Gefühl, daß ich seit jener Stunde über den Berg bin. – Sieh, was jetzt kommt, weiß ich: Jahre der Dunkelheit, Jahre des Kampfes mit dem Tod, der mit Dieterle Fangball spielt … Was jetzt kommt, weiß ich – es heißt: Zähne zusammenbeißen und vorwärts, vorwärts schreiten. Ohne Frage – ohne dies klägliche – verzweifelte »Warum«. Weil mir der Befehl kam – auszuhalten – durchzuhalten – weiterzuschreiten. – Nenn' den Befehlshaber, wie Du magst: Gott oder Schicksal.

Deine dankbare
Jo.

 


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