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Uns allen, denen das Leben nicht entglitten ist wie ein weicher, warmer, klangloser Spätsommertag, und die wir auf der Höhe des Lebens stehend die Abschnitte und Wendepunkte unseres Daseins betrachten – wie der Wanderer den zurückgelegten Weg – uns treten bei der Rückschau andere Punkte als Abgrenzung der einzelnen Wegstrecken hervor als auf dem Wege selbst; was einem da gleichgültig und nebensächlich erschien, zeigt sich später bei der Rückschau als beherrschender Ausgangs- und Wendepunkt. Undeutlich und verschwommen tauchen Tage und Erinnerungen aus der frühesten Jugend auf, die bestimmend für unser Leben wurden; hier und dort spricht eine Jahreszahl vom Tode … und immer herber und klarer eilen die Zahlen durch unser Gedächtnis. Da haben wir eine Niederlage zu verzeichnen gehabt, dort eine Enttäuschung überwunden – hier wiederum schienen wir dem Leben eine neue Bedeutung abzugewinnen. Und im Kaleidoskop des Geschehens sprechen endlose Tage und Nächte ihre uns unvergeßliche Sprache und klingen nach! Und je schwerer das Geschehen und Erleben war, desto härter geprägt stehen unverlöschlich die Daten da und geben aneinandergereiht das Bild eines Lebens!

 

Wenn ich heute Rückschau halte und mein Leben überdenke, so erinnere ich mich eines Septembertages, wo ich mit meinem Vater und ein paar Freunden von ihm zum Monte Albano hinaufstieg. Damals und noch lange nachher erschien er mir nicht von überragender Bedeutung in der Reihe seiner Geschwister; aber heute weiß ich es besser: Und dann sage ich mir, hätte mein Vater an jenem Tage sich anders entschieden, so wäre mein Leben in ganz anderen Bahnen verlaufen, und ich hätte nicht all das Schöne, aber auch nicht all das unsagbar Schwere und Unbegreifliche erlebt, was mein Leben dann zerbrach.

Wir stiegen den Monte Albano hinauf. Hinter uns lag die Florentiner Ebene. Der Pfad ging schnurgerade und ohne Windungen zwischen trockenem Gesträuch und kleinen, krummen Eichen. Vater und der Bildhauer Hans Hannsen gingen voran, Frau Hannsen und ich folgten ihnen auf dem Fuß. In ziemlicher Entfernung tauchte dann und wann der dunkle Kopf von Pietro Benoni, Hannsens Schüler, auf. Er schien allein sein zu wollen in dieser erhabenen Natur, darum hielt er sich von den anderen fern. Der Wind blies uns ins Gesicht, stach gleichsam mit eiskalten Nadeln und blendete unsere Augen. Wir stiegen höher und höher; der Aufstieg war anstrengend, aber mit jedem Schritt wurde der Blick weiter und die Ferne klarer … Durch den Wind wurden die Stimmen der vor uns Schreitenden zu uns beiden Frauen getrieben; ich hörte, wie Vater sagte: »Ja, lieber Hannsen, Sie haben in allem recht, was Sie mir da vorbringen, und ich glaube auch, daß es für mein Kind von unendlichem Nutzen wäre, wenn es noch einige Zeit bei Ihnen bleiben könnte. Venedig bietet wie kaum eine andere Stadt einem kunstbegeisterten Menschen eine Fülle herrlichster Offenbarungen.«

Ich konnte die Antwort Hannsens nicht verstehen, aber dann klang Vaters Stimme wieder: »Aber das Eine können Sie doch verstehen: wenn man Tag für Tag, Jahr um Jahr nur mit einem Menschen zusammenlebt, fühlt und denkt – und dieser eine Mensch ist mir Maria stets gewesen, nachdem ihre Mutter so früh starb – dann wird es einem unsagbar schwer, sich auf unbestimmte Zeit von diesem Gefährten zu trennen.«

Beide Männer schwiegen. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Ich wußte jetzt, wovon die Rede war. Und in zwiespältigen Gefühlen lauschte ich auf Bildhauer Hannsens Antwort.

Aber ich hörte nichts mehr, denn der Wind war unerträglich geworden und peitschte mit unbarmherzigen Hieben unsere Gestalten, die sich ihm auf diesem öden, wilden Gebirge entgegenstemmten. Hier oben war schon der Herbst, auf den Bäumen sproßte kein Leben mehr, und das Gras war fahl. Es roch nur nach feuchtem Moos.

Ich sah hinüber zu Frau Hannsen. Aber sie schien nichts gehört zu haben, ihr von Kälte gerötetes Gesicht drückte nur die Anstrengung des Aufstiegs aus.

›Wie wird es werden?‹ dachte ich, ›werde ich noch mit Hannsen von hier nach Venedig zurückkehren und durch des Künstlers für alle Schönheit empfängliches Auge Venedig verstehen und würdigen lernen?‹

Und so mächtig war der Gedanke in mir, daß ich voll Sehnsucht nach der Erfüllung dieses Wunsches alles vergaß und auch an meinen Vater nicht dachte, den ich doch über alles liebte.

Wir hatten die Höhe erreicht.

Nichts als nacktes Gestein und blauer Himmel. Das Tal, in dem Florenz lag, war von hier aus nicht mehr sichtbar. Aber die ganze weite Ebene gegen Empoli lag vor unseren Blicken: im Vordergrunde warfen lilagraue Berge mit ihren scharfen Vorsprüngen und tiefen Gründen breite Schatten, weit hinten zogen sich die fernen Höhen von Livorno über Castellino – Maritimo und Volterrano bis San Gimignano …

Es war ein Anblick von erhabener Größe.

Nun standen wir alle nebeneinander, ich dicht neben meinem Vater. Der hatte die Augen zusammengekniffen, den Kopf gesenkt und den Hut mit der Hand ins Gesicht gedrückt, um sich so des Windes zu erwehren.

Der Sturm war so groß, daß wir nicht sprechen konnten.

Da legte ich meine Hand in die des Vaters.

»Möchtest du hierbleiben?« hörte ich seine Stimme.

Ich nickte nur und sah zu den trüben, lilagrauen Bergen in tiefer Ferne. Sprechen konnte ich nicht, meine Kehle war wie zugeschnürt.

Als ich aufsah und seinen Blick suchte, trafen mich seine Augen mit unendlicher Güte und Liebe.

»Ich danke dir,« sagte ich mit tränenerstickter Stimme, »ich werde auch bald wieder zu dir kommen.«

So war denn die Entscheidung gefallen, und alles war so gekommen, wie ich es mir in wachen Träumen ausgemalt hatte. Aber in den vollen Becher des Glücks fiel ein herber Tropfen der Wehmut. Der Gedanke, daß nun mein Vater, mein einziger Freund, allein zurückkehren würde, erfüllte mich mit Bangen und bedrückte mich.

Als wir vom Monte Albano herabstiegen, war die Sonne im Sinken. Unter ihren grellen, gelben Strahlen standen die Zypressen dunkel wie Silhouetten, und die verschwindenden Berge leuchteten zart und durchsichtig wie Amethyst.

Der Wind legte sich.

Wir näherten uns Anchiano. Nach einer Biegung des Weges erblickten wir plötzlich unten im tiefen Tale wie in einer Wiege gebettet ein kleines, dunkles Dorf und seinen Festungsturm, schwarz und spitz, wie eine Zypresse. »Das ist Vinci,« sagte Pietro Benoni und zeigte hinunter, »dort ist unser Leonardo geboren!« Ich sah zu dem jungen Künstler hin. Sein Gesicht schien verklärt, als er das Wort: »unser Leonardo« sprach.

Da kam eine unendliche Freude über mich und nahm von mir alles, was schwer und traurig war. – – – – – – – –

 

Am selben Abend noch trennten sich unsere Wege. Wein Vater fuhr zurück in die berühmte deutsche Kunststadt, wo er seit einem Jahre Direktor der Kunstakademie war; mich nahmen Hannsens mit nach Venedig. – Die Florentiner Tage hatten ihr Ende erreicht.

*

Über Venedig war der Herbst gekommen!

Venedig, das göttliche Venedig, die Stadt ewiger Schönheit und Melancholie prangte in den wonnesamen Farbentönen des südlichen Septemberhimmels.

Am Canale grande, der »schönsten Straße der Welt«, lag der Palazzo Domini. Er gehörte einem reichen Engländer, der ihn in einer Laune gekauft hatte. Da sich aber der Eigentümer den größten Teil des Jahres auf seinen Schlössern in England oder Schottland aufhielt, so hatte er den Palazzo an Hannsen vermietet. Hannsen war ein bedeutendes Talent gewesen, künstlerisch veranlagt und fein empfindend. Er war zugleich einer der liebenswürdigsten, elegantesten Männer an der Wiener Akademie, und man hatte ihm eine große Zukunft prophezeit. – Da lernte er ein reiches Mädchen kennen und heiratete es. Diese Verbindung war der Tod seines Talents; von dem Augenblick an, wo er sich nicht mehr durchzusetzen brauchte und nicht mehr Geld verdienen mußte, erlahmte die schöpferische Kraft in ihm. Aber er blieb doch ein Liebhaber und Kenner der Kunst, und es gab wohl keinen, der mehr geeignet gewesen wäre, in die wahren Schönheiten der Bildhauerei einzuführen und durch sein künstlerisches Empfinden junge Talente anzuregen. Darum eignete er sich in hervorragendem Maße zum Lehrer.

Von Hannsens Schülern war Pietro Benoni der begabteste. Er war Römer, und man munkelte, daß in seiner Wäsche, als er vor der Tür des Findelhauses von Florenz aufgefunden worden war, eine kleine Fürstenkrone eingestickt gewesen sei. – Was davon der Wahrheit entsprach, weiß ich nicht, nur so viel ist sicher, daß diese Legende dazu beitrug, den weiblichen Wesen im Palazzo Domini die schöne Gestalt dieses römischen Jünglings besonders anziehend zu machen.

Er wohnte nicht im Palazzo, war aber den ganzen Tag bei Hannsen.

Nun kam ich, Gräfin Maria Lynar, nach dem Palazzo.

Oben im ersten Stock mit dem Blick auf den königlichen Kanal hatte ich ein hohes, lichterfülltes Zimmer.

Die ersten Tage lebte ich wie im Traum.

Ich gab mich ganz dem melancholisch-süßen Zauber hin, den Venedig auf mich ausübte! – Des Morgens hielt ich mich meist in der Stadt selbst auf. Ich wanderte durch das Wirrsal der Gäßchen und der Marmorbrücken, durchschritt dämmerige Säulengänge und saß dann stundenlang versunken im Hof des Dogenpalastes. Dort ließ ich all die Herrlichkeiten der Frührenaissance auf mich einwirken und staunte über die Porta della carta, dieses zierliche, reiche, vielleicht überreiche Schmuckstück der spätgotischen Bildnerei. Ich verglich unermüdlich die gotischen Fassaden des Palastes mit der gesamten Privatarchitektur Venedigs, in der das Maßwerk der Arkaden, die farbig gemusterte Mauerfläche, die gewundenen Ecksäulen, die Zinnen tausendfältig wiederholt und abgewandelt waren.

Dann und wann schloß Hannsen sich mir an, und dadurch erlangte ich doppelten Genuß, verstärktes Empfinden, tieferes Verständnis. Nun wurde mir erst klar, daß ich zur wahren Erkenntnis der Kunst nur gelangen könnte, wenn ich Geschichte trieb. Ging doch Kunstgeschichte und Geschichte Hand in Hand; gab doch die Geschichte mir erst den goldenen Schlüssel zur Erkenntnis des künstlerischen Geschehens!

Und meine Gedanken flogen zurück nach Konstantinopel und fanden Anklänge, die mir vertraut und begreiflich waren.

Wir gingen in Erinnerung versunken über die Seufzerbrücke, schlenderten über den herrlichen Markusplatz, der sich wie ein unendlicher, marmorner Saal in festlicher Pracht ausnahm. Und Hannsen ließ in geistreichem Geplauder vor meinen inneren Augen die Tage von Venedigs Herrlichkeit von neuem erstehen. –

 

Ich versenkte mich ganz in Venedigs Kunst und seine entschwundenen Tage.

Am Spätnachmittag ließ ich mich meist von dem Gondeliere in dem weißblauen Nachen hinaus nach dem Lido rudern.

Wir waren in jenen golddurchtränkten Septembertagen von ewiger Sonne begünstigt.

Pietro Benoni, der von morgens 6 Uhr unermüdlich fleißig arbeitete und die Nachmittage wie ich ausnutzte, begleitete mich oft hinaus.

Dann kauerten wir beide auf weichen Kissen im Nachen, ließen die Gondel von den zarten Wellen des adriatischen Meeres schaukeln und träumten. – Oh, wie wunderbar ließ sich da träumen, wenn man in die unendliche Bläue des Himmels sich versenkte und sie verglich mit den türkisfarbigen Wogen des adriatischen Meeres, bis Wasser und Himmelsbläue sich am Horizonte vermählten, bis Himmel und Meer eins wurden in überirdischer Schönheit, so daß es keine Vergleiche mehr gab.

Und dann glitt unmerkbar die gesättigte, dämmerige Bläue in nächtliches Dunkel über. Langsam erstrahlten die Sterne des südlichen Firmaments in hehrer Unsterblichkeit.

Leise klatschten die Ruderschläge durch die Lagunen, und am Eingang zum Canale grande tauchte wieder Venedig auf und malte zitternde Lichter in das Gewirr der Kanäle.

So kehrten wir heim, bei der St. Maria della Salute wendete Pietro die Gondel, und mit ein paar kräftigen Stößen landeten wir wieder am Palazzo Domini. – – – – – –

 

Ich weilte erst wenige Tage in Venedig, als Hannsen eines Morgens ein wenig verlegen seine Serviette hin und her warf und dann zu mir gewendet ausrief: »Liebste, verehrteste, kleine Gräfin, ich habe eine sehr große Bitte, lassen Sie sich modellieren.«

Nun war ich diese geisttötende Beschäftigung des Modellsitzens schon in reichlichem Maße gewöhnt, und der Gedanke, mir dadurch meinen Aufenthalt in Venedig zu verderben, war bitter.

Dies sagte ich ihm auch, aber während ich es aussprach, erinnerte ich mich gottlob beizeiten, daß ich doch Hannsens Gast war, ihm also die Bitte nicht rundweg abschlagen durfte.

So kam also meine Weigerung weniger ablehnend heraus, als ich innerlich empfand. Hannsen faßte sie als bloße Phrase auf und führte gleich lebhaft aus, zu welchem Werke ich ihm sitzen sollte.

Damit ich nicht allzuviel Zeit im Atelier zu verbringen hätte, wurde vereinbart, daß ich morgens von 8 bis 10 Uhr Modell stand.

Am folgenden Morgen war ich nun nicht wenig erstaunt, als nicht nur Hannsen sich einfand, sondern noch Pietro Benoni und ein Freund des Hauses, der Maler Peter Schlomann.

Ich trug ein loses, zartes Gewebe. Mein leuchtend goldenes Haar mußte ich lösen. Es fiel in reichen, flutenden Wellen gescheitelt bis zu den Knien.

Hannsen modellierte mich als Nixe.

Pietro machte auf Hannsens Geheiß nur Tonstudien von allen Seiten.

Schlomann schleppte mehrere Meter Leinewand herbei, spannte sie in mächtige Rahmen, und nach einer halben Stunde schon hörte man in der Stille des fleißigen Schaffens Schlomanns Stift, der in Riesenumrissen sein Motiv festhielt.

Ich wußte, daß die Künstler nicht gern schon beim Anfang ihrer Arbeit eine Kritik hören wollen. So verließ ich meist nach beendigter Sitzung den Raum, ohne mir die Arbeiten anzusehen.

Nach zehn Tagen nahm Schlomann mich an der Hand und zog mich, ohne ein Wort zu sagen, vor seinen Blendrahmen.

Ich war ganz ergriffen, als ich sein Werk betrachtete, und erstaunt, es schon seiner Vollendung entgegengehen zu sehen.

Der größte Teil des Bildes stellte den südlichen Sternenhimmel dar. Im Hintergrund das schlafende Venedig. Am Eingang der Lagunen sah man eine Gondel. Ein träumender Gondeliere lag in ihr, die Arme unter dem Nacken, das Gesicht – vorläufig noch unausgeführt, später Pietro Benonis Züge tragend – dem Nachthimmel zugewandt.

Am Bug der Gondel, dem Meere entstiegen, saß eine Jungfrau. Sie trug kein Gewand, aber ihr goldenes Haar, welches solche Leuchtkraft ausströmte, daß alles um sie herum wie in Licht getaucht erschien, floß als schimmernder Mantel, die Gestalt einhüllend, bis in das Wasser. Auf den Wellen lag es wie flüssiges Gold und paarte sich mit dem Spiegelbild der funkelnden Sterne, die im Wasser erglänzten wie Millionen glitzernder Funken.

Die Züge dieser Meerjungfrau drückten Schmerz und tiefes Sinnen aus. Um den Mund lag es wie verhaltenes Weinen. Ihr Blick war auf Venedig gerichtet, das in der Ferne erschimmerte.

Der Eindruck war ergreifend und die Darstellung von vollendeter Technik und malerischer sowie sachlicher Wirkung.

»Wie soll das Bild heißen?« fragte ich leise.

»Venedigs Vergangenheit«, sagte Schlomann ernst, »und ich glaube, dieses Bild wird seinen Weg machen.« – – – – – –

 

Mir fiel auf, daß, wenn die Männer fleißig schafften, Pietro Benoni mich oft lange versunken ansah und nicht arbeitete.

Eines Tages, als er mich wieder so anstarrte, sagte ich ruhig, zu ihm gewandt:

»Signor Benoni, warum arbeiten Sie nicht, habe ich die Stellung vielleicht verändert?«

Da warf er plötzlich die Modellierhölzer hin und lief ohne ein Wort der Erwiderung mit zorniger Gebärde aus dem Atelier.

Ich wurde verlegen, fühlte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg, und Hannsen und Schlomann lächelnde Blicke tauschten. Ich verstand dieses Gebaren nicht und nahm mir vor, mit Pietro über dieses mir unerklärliche Benehmen zu reden.

Am Spätnachmittage forderte ich Pietro auf, mich mit der Gondel nach der Insel Murano zu rudern. Pietro sah mich stutzend und beschämt an, willigte dann aber mit Freuden ein.

Wir sprachen zunächst kein Wort. Ich hatte beide Hände in die lauen Fluten getaucht und ließ die glitzernden Wellen meine Arme umspülen. Pietro saß gerade vor mir, das Gesicht mir zugewandt. Er trug ein weißes Hemd, und aus diesem stieg ein edelgeformter, bräunlicher Hals empor. Sein geschmeidiger, schlanker Körper beugte sich bei der Arbeit des Ruderns vor und rückwärts und bildete eine leuchtende Silhouette gegen das Blau des Himmels. Das Weiß seiner Kleidung im Gegensatz zu dem Dunkel seiner Hautfarbe bot einen malerischen Anblick von überraschender Schönheit.

Dann und wann hob er den Kopf und sah mich mit seinen leidenschaftlichen, dunklen Augen forschend an.

Ich dachte, gleichsam erwachend: Solch einen schönen Menschen hast du doch noch nie gesehen, und eine süße, nie gekannte Bangigkeit nahm Besitz von mir.

»Signor Pietro«, sagte ich so unvermittelt, daß der junge Mensch einen Augenblick die Ruder lockerte und aufsah. »Sagen Sie mir ehrlich, habe ich Ihnen etwas getan? Warum waren Sie so merkwürdig, ja verletzend heute morgen?«

Einen Augenblick war es ganz still, Pietro zog mit einem Ruck die Ruder ein, und für einige Augenblicke schwankte die Gondel, die Fluten klatschend, auf und nieder.

Ich lehnte mich zurück, wand den Schal um die Arme und wartete auf eine Entgegnung.

Ich sah, wie es in seinem Gesicht arbeitete, wie er etwas sagen wollte und nicht konnte, plötzlich sprang er auf und stürzte mir vor die Füße.

Einen Augenblick saß ich wie gelähmt vor Schrecken, dann fühlte ich, wie Pietros Arm meine sitzende Gestalt umklammerte, sein Kopf wühlte in meinem Schoß, und abgerissene, italienische Liebesworte sprudelten in leidenschaftlicher Erregung über seine Lippen.

»Komtessa, Schönste, Holdeste, amoreamore – ich glaubte zu wissen, was Liebe ist, aber seitdem ich Sie gesehen, hab' ich das Gefühl, als hätte ich nie geliebt, nur Sie – nur Sie! – Jeder, der Sie einmal sieht, ist entzückt und begreift meine Empfindungen. Ich kann nichts schaffen – ich kann nicht schlafen – ich weiß, wie hoffnungslos meine Liebe ist, aber ich kann sie nicht aus meinem Herzen reißen. – Ich habe keinen anderen Gedanken. – Ich bin verzweifelt, bin am Ende meiner Kräfte. – Ich möchte mir das Leben nehmen – weiß nicht mehr, was ich tun soll, weiß nur, daß ich Sie liebe mit aller Glut, aller Hingabe, mit einer Leidenschaft, die an Wahnsinn grenzt!«

Seine sehnigen Arme hatten mich in die Höhe gerissen, und es schienen mir Ewigkeiten zu sein, daß ich so dastand, umklammert von diesem jungen, wilden, leidenschaftlichen Manne.

Zitternd versuchte ich seine Finger zu lösen; tief erschreckt stammelte ich nur immer:

»Armer Pietro, beruhigen Sie sich doch, oh, bitte, bitte, lassen Sie mich los!«

Ich sah wie im Traum die saphirblauen Tiefen und lauschte halb unbewußt auf das seltsame Raunen und Murmeln, mit dem die Flut an den Bootrand schlug.

Pietro ließ mich nicht los. Ich empfand die Glut seines Körpers, die durch meine Kleider drang, fühlte, wie seine Arme an mir emporstrebten, mich fester und fester drückten, und empfand in unklarem Weibeserwachen mit Entsetzen, wie mein ganzer junger, weicher Körper in zitterndem, ungekanntem Verlangen dem anderen entgegenstrebte.

Und als Himmel und Erde um mich zu versinken drohten, schrie ich auf, klagend, verzweifelt, wie ein junger Vogel, der sein Nest nicht findet und einen Raubvogel über sich kreisen sieht.

Dieser Schrei brach durch die Stille.

Er riß die Arme des Mannes von meinem Leibe und brachte Pietro zur Besinnung.

Er warf sich nieder und schluchzte.

Ich hatte noch nie einen Mann weinen sehen, so stand ich ratlos und verzweifelt da.

»Pietro,« sagte ich, indem ich mich zu fassen suchte, und ergriff seine Hand, »nun lassen Sie uns doch einmal ein paar Worte vernünftig sprechen, wenn es Ihnen möglich ist. Sehen Sie, das, was Sie eben ausgesprochen haben, dürfen Sie mir nie wieder sagen. Ich hab' Sie sehr, sehr gern, aber Sie lieben, nein, das tue ich nicht. Ich will Ihnen nicht wehe tun,« stammelte ich, als ich seine Augen schmerzerfüllt aufblicken sah, »aber ich muß doch ehrlich sein. Ich bin ja noch so jung und nie allein gewesen, stets mit meinem Vater gereist, bin kaum mit jungen Männern zusammengekommen. Die Bewunderung und Verehrung, die mir zuteil wurde, nahm ich stets hin in dem Gefühl, daß sie mir dargebracht wurden, weil ich die Tochter eines berühmten Malers bin. Daß sie vielleicht meiner Person galten, darauf bin ich nie gekommen. Heute zum ersten Male spricht ein Mann von Liebe zu mir. Aber das, was ich unter Liebe verstehe, fühle ich nicht.

Das, was ich für Sie empfinde und auch erst seit dieser Stunde, ist nur – – – –«

Plötzlich brach ich ab.

Eine tiefe Röte flog mir über das Gesicht.

Als ich die letzten Worte aussprach, hob Pietro langsam den Kopf.

In seine glutvollen Augen stieg ein heißes Verlangen, und seine Lippen öffneten sich.

Als ich so abbrach, kam er auf mich zu.

Ich glaubte, er sah nie schöner aus, als in diesem Augenblick, wo die Leidenschaft ihn schüttelte. Er murmelte:

»Was du nicht aussprichst, weiß ich, es ist das, was mich ausfüllt mit schäumender Kraft, daß ich's nicht mehr zwingen kann. Laß mich dich einmal küssen, nur einmal, ein einziges Mal. Ich möchte dich unter meinen Küssen erbeben sehen, ich möchte dich lehren, was es heißt, seligste Wonne empfinden!«

Wie erstarrt ließ ich ihn meinen Kopf in seine zitternden Hände nehmen.

Glühendes Verlangen nach seinen Küssen durchloderte mich. Doch ehe er mich berührte, riß ich mich los, drückte meine Hände gegen seine Brust, und so stemmten sich im Kampf zwischen Verlangen und anerzogener Moral unsere Körper sehnend und doch abwehrend gegeneinander.

Dann war ich frei. – Über meine Wangen liefen große Tränen, meine Brust hob und senkte sich stürmisch im Zwiespalt mannigfacher Gefühle.

»Nein, nein«, rief ich schluchzend. – »Das geht nicht, das darf nicht sein. Sie wissen ja nicht, wie ich denke; ich will nur den Mann küssen, den ich liebe und heirate, ich will ganz rein in die Ehe gehen. Wie würde ich vor meinem Manne dastehen, wenn ich in leichtsinniger Liebelei mich jetzt küssen ließe! – Verstehen Sie mich doch, bitte, bitte, wir nordischen Mädchen sind anders und haben andere Begriffe von Sitte und Anstand.«

Schluchzend brach ich ab.

Es war mir, als ob Pietro in meinen Augen alles lesen könnte, was mich bedrängte. Voll mädchenhafter Scham schlug ich die Hände vor das Gesicht.

Ohne eine Silbe zu sagen, die Lippen zusammengepreßt, riß er die Ruder aus den Gabeln und wandte die Gondel heimwärts.

So saßen wir ganz still. Pietro wagte nichts mehr zu erwidern, als er sah, wie ich bitterlich weinte.

Etwas war gerissen, eine Saite war gesprungen, und über den Wassern klagte der Liebesgott, daß ich ihm diese Stunde entweiht.

*

Am Abend dieses Tages stand ich zum ersten Male in meinem Leben lange vor dem Spiegel und betrachtete mich.

Als Tochter eines Künstlers war ich gewohnt, einen Menschen daraufhin zu betrachten, ob sich an ihm besondere Normen und Farbenschönheiten oder Unregelmäßigkeiten entdecken ließen.

Aber mich selbst hatte ich noch nie mit diesen sehend gewordenen Augen betrachtet. – Ich war so ganz anders aufgewachsen als andere junge Mädchen.

Junge Mädchen haben Freundinnen. Eine meint immer etwas gescheiter und welterfahrener zu sein als die andere. So führt eine die andere unbewußt immer einen Schritt weiter ins Leben hinein. Sie sammeln »Erfahrungen« – wie es diese jungen Dinger nennen –, die ihnen, mit vollem Recht, sehr wichtig erscheinen. Denn es tut nicht gut, wenn ein Kind plötzlich zum Weibe wird. Ein halbwüchsiges Mädelchen muß Schritt für Schritt neben einer Freundin die Stufen hinaufgehen, die vom Kind zum Weibe führen. Auf jeder Stufe wird ihm ein Stück Idealismus, Unbewußtheit und Weltunwissenheit sanft genommen, so sanft, daß das junge Weib es nicht empfindet. Ist es oben angekommen, so ist diese Verwandlung so unbewußt vor sich gegangen, daß das zum Weibe gewordene Menschenkind gar nicht gemerkt hat, wie es zum wissenden Menschen ward.

Meine Mutter war an Schwindsucht gestorben, als ich zwei Jahre zählte. Mein Vater hatte ihre Erscheinung in mannigfachen Skizzen und Bildern festgehalten und bewahrte ihr Andenken wie das einer Heiligen. Sie muß sehr schön gewesen sein und von einer Blondheit, wie man sie ganz selten antrifft. In Rom in der Kirche St. Giovanni hängt ein Madonnenbild. Das hat Vater geschaffen; es stellt meine Mutter dar. Ich habe nie solch bezauberndes Lächeln gesehen und solche tiefblauen Augen, die an die Adria erinnern.

Sie vereinigte die Blondheit von Tizians Frauen mit dem sanften Gesichtsausdruck von Peruginos Madonna.

Mein Vater hat nie den Schmerz überwunden, den ihr früher Tod ihm brachte. Ich war das einzige Kind dieser Ehe, und mein Vater wollte sich niemals von mir trennen. Da er aber dauernd seinen Aufenthaltsort wechselte, so bin ich nie in eine Schule gegangen. Dadurch, daß Erzieherinnen und Lehrer, die ins Haus kamen, mich unterrichteten, erhielt ich eine anders geartete Bildung und Erziehung als die jungen Mädchen unserer Kreise.

Als ich siebzehn Jahre alt war, gab mein Vater das ruhelose Wanderleben auf; er folgte einem Rufe des Großherzogs von W… als Direktor der Kunstakademie.

Als wir in der stillen, vornehmen, kleinen Residenz das ehrwürdige Haus am Frauenplan bezogen, hatte ich trotz meiner großen Jugend schon die halbe Welt gesehen und eine für ein junges Mädchen ungewöhnlich reiche Bildung genossen.

In Rom, wo auch das Grab meiner Mutter liegt, war ich geboren, am goldenen Horn hatte ich, umgeben von der byzantinischen Pracht, in der Abend- und Morgenland verschmelzen, die Jahre meiner Kindheit verbracht. Jahrelangen Aufenthalt nahmen wir in Paris, Wien und Petersburg. London war mir nicht fremd.

Zeitweise weilten wir auf den prächtigen Herrensitzen Schlesiens, Schottlands und Englands, wo mein Vater im Auftrage reicher Edelleute Frauenbildnisse schuf. Und überall, wohin seine Reisen oder irgendein Auftrag ihn führten, nahm Vater mich mit. Das war die Bedingung, die er stellte. So lernte ich spielend die fünf bedeutendsten europäischen Sprachen.

Damit nun bei meiner Erziehung meine Neigungen und Fähigkeiten nicht zersplittert würden, leitete mein Vater mit größter Aufmerksamkeit persönlich meinen Unterricht. Ja, er wurde selbst mein bester Lehrer. Ihm verdanke ich es allein, daß ich die kostbaren Schätze der Wissenschaft, der Kunst und Natur, die sich mir jungem Geschöpf in überreichem Maße in allen Ländern darboten, zu würdigen verstand und ihnen, wenn es über mein Verstehen hinaus ging, die schuldige Ehrfurcht entgegenbrachte.

Mein Vater war ein Mann mit vielseitigem Wissen und lehrte mich zunächst, daß die Natur die Quelle der Philosophie und Kunst ist. Hiervon ging er bei allen Betrachtungen aus, um mir dann zu zeigen, daß alle Wissenschaft dasselbe Ziel hat, eine widerspruchslose Theorie der Natur zu finden.

So lehrte er mich »sehen«, und das ist die Quelle, aus der das Verstehen und Verarbeiten entsteht. –

Er las mit mir Goethe, vertiefte sich mit mir in Rousseau, erläuterte mir die Weltanschauungen der Philosophen, brachte mir Abhandlungen über Kulturgeschichte und verlangte vor allem eine völlige Durchbildung in der Kunstgeschichte aller Länder.

Dadurch wurde meine Bildung, wie ich schon sagte, für ein Mädchen in diesem jugendlichen Alter ungewöhnlich an Umfang und Tiefe.

Ich empfand nie die geringste Verlegenheit, wenn geistvolle Männer mich in ein Gespräch verwickelten und mich um meine Ansicht fragten.

Ich hörte oft die Äußerung, daß ich äußerlich einem kindlichen, jungen Mädchen gliche, aber in der Unterhaltung es mit jedem gebildeten Manne aufnehmen könnte.

Die Schattenseiten dieser seltsamen Erziehung traten bald hervor.

Völlig auf den Umgang mit Erwachsenen angewiesen, als noch nicht neunzehnjähriges Mädchen die Freundin, die Vertraute des Vaters, blieb ich gerade dadurch über alles im unklaren, was man unter dem Worte sexuelle Aufklärung versteht. Man vermied in meiner Gegenwart natürlich Gespräche, die diese Dinge streiften. So fehlte der Übergang, die Stufen, die vom Kinde zum Weibe führen – ich blieb trotz allen Wissens weltfremd.

Andere junge Mädchen haben Schwärmereien, unschuldige erste Lieben, Tanzstunden, Umgang mit jungen Männern, Kotillonerinnerungen und dergleichen harmlose Freuden mehr – mir fehlte dies alles. Ich hatte im Verkehr mit Herren, die ich in der Gesellschaft oder im Atelier meines Vaters traf, den selbstverständlichen Umgangston einer jungen Frau, verstand nicht das Anschmachten eines harmlosen Jünglings, das Werben eines reiferen Mannes.

Vor meinen Augen stand die Ehe als ein heiliger, goldener Thron, mit Rosenketten umwunden. Er, der Herrlichste von allen, würde eines Tages kommen, mich auf diesen Thron heben und mich zu seiner angebeteten Königin machen.

So war sicherlich die Ehe meines Vaters gewesen, und so würde es auch einmal bei mir sein.

Die Liebe, die ich mir vorstellte, trug mehr den Stempel platonischer Anbetung und Geistesgemeinschaft, und alles, was mit den Freuden der Sinne zu tun hatte, empfand ich unklar als etwas so Großes, Reines, Heiliges, daß man mit Gedanken und Fragen nicht daran rühren durfte.

So war es bis heute gewesen, bis heute, als Pietro Benoni mich umklammert gehalten. Wenn er mich auch nicht das Küssen gelehrt hatte, so waren doch die Flammen von ihm zu mir geschlagen und hatten das Verlangen in meinem Blute entzündet!

Wie ein schöner Schmetterling, der aus der Puppe geschlüpft die Flügel wohlig in der Sonne erzittern läßt, so stand ich an jenem Septemberabend im Palazzo Domini in Betrachtungen versunken vor dem Spiegel und fühlte, wie die Kindheit von mir abfiel und ich zum Weibe wurde, das den Wonnen der Liebe entgegenstrebt.

*

Pietro Benoni erschien nicht mehr im Atelier – ich wurde unruhig; da aber Hannsen und Schlomann lächelten, so schwieg ich und suchte mich zu beruhigen.

Als ich eines Abends mein Zimmer betrat, stand auf dem Tische eine venetianische Schale, silbern angefüllt mit glänzenden Blüten.

Wie oft hatte ich mit Pietro davon gesprochen, daß diese Wasserblumen, die im Schilf am Ufer der Insel Murano wachsen – wohin wir an jenem Tage nicht mehr gekommen waren, – nur mit Lebensgefahr zu pflücken sind. Sie liegen wie die Seerosen flach auf den Fluten, aber unter dem Wasser sind sie von armdicken Schlinggewächsen gehalten, die oft verhindern, daß sich die Gondel überhaupt ihren Weg bahnt. Sie ziehen den Räuber häufig hinab.

An diesen seltenen Blüten hing ein Briefchen. Darin stand das alte, von Lorenzo dem prächtigen verfasste Liebeslied, das einst den Karnevalszug des Bacchus und der Ariadne begleitet hatte, das unendlich freudige und doch so traurige Lied, das Lied der Mediceer, das so heiß die Mahnung ausspricht, den Tag zu genießen:

» Quant e belle giovenezza
Che si fugga tuttavia!
Chi vuol esser lieto sia –
Di doman' non c' è certezza.
«

Pietro Benoni.

Da warf ich mich auf mein Bett und weinte und wußte nicht, ob ich froh oder unglücklich war, weil ich Pietros Küssen widerstanden. Als dann aber meine Sinne im Schlafe schwanden, erschien mir die Gestalt des Jünglings, und was ich im Leben ihm versagt, gab ich ihm tausendfach im Traum. Wir standen eng umschlungen in der Gondel, und er bedeckte mein Antlitz mit unzähligen Küssen. Ich aber ward von seligster Wonne erfaßt.

*

Die Tage gingen dahin, wie schöne Kinder, die sich an der Hand halten und heiter und sorglos die Gegenwart genießen.

Das Erlebnis mit Pietro war von mir nicht vergessen. Als einmal die Unterhaltung auf ihn kam, hörte ich, er sei nach Rom gezogen. Man ging aber so schnell auf ein anderes Gesprächsthema über, daß ich fühlte: Pietro Benoni war für alle anderen nichts mehr als eine flüchtige Erinnerung.

Mein Vater sandte liebe, gütige Briefe – es ging ihm gut – er freue sich, daß ich so glücklich und befriedigt sei, und ich möchte noch ruhig in Venedig bleiben, bis die goldenen Farben erloschen wären, und der Winter käme.

*

Alle zarten, pastellklaren Farben, jedes Lichtgefunkel und alle Märchenpracht, die von den Palästen und Marmorgebilden, von den Lagunen und vom Himmelsbaldachin Venedigs ausstrahlten, waren verschwunden. – Es regnete – Venedig im Regen – alle Leuchtkraft war erstorben – alles war grau in grau, man blickte verwundert auf die stolzen Paläste, die Balkone und zartgliederigen Friese, die ihres schönsten Schmuckes beraubt erschienen, und fragte sich, ob man träume oder ob es dasselbe Venedig sei, das einem noch gestern so unwirklich wundersam in seiner holden Schönheit erschienen.

Die angeketteten Gondeln zerrten ungeduldig an den bemalten Pfeilern, die vorn Meereswasser zernagt und zerspült den Zeiten trotzen; die Gondeliere hockten gähnend und faulenzend umher und bettelten die Fremden an. Nur die kleinen Vaporetti sausten mit lautem Getöse den Canale grande hinauf und hinab und brachten Leben in das tote Bild.

An diesem ersten Regentage in Venedig standen Hannsen und ich eines Morgens auf einem dieser kleinen Dampfboote.

Wir waren an der Rialtobrücke eingestiegen.

Naß und schwer lag über uns das triefende Zeltdach, und der Regen schlug klatschend immer von neuem darauf nieder.

Da niemand bei diesem Wetter im Nachen fahren mochte, war das kleine Gefährt von Reisenden überfüllt.

Hannsen und ich konnten kaum unterkommen.

An jedem Anlegeplatz strömten neue Menschenmengen hinein. So wurden wir, im Gedränge stehend, auseinandergerissen und konnten nur dadurch eine Verbindung zwischen uns herstellen, daß wir dann und wann einer nach dem anderen durch die Menge spähten.

Ich stand, den Gummimantel bis unter das Kinn geschlossen, den Lederhut tief in die Stirn gedrückt, gegen die Kabinenwand geschoben und beobachtete die Fahrgäste.

Der mit freudigem Erstaunen ausgerufene Name »Hannsen!« liest mich aus meinem Sinnen aufblicken. Ich sah, wie der Bildhauer von einem Herrn aufs herrlichste begrüßt wurde, und wie beide Männer sich immer wieder die Hände schüttelten. Der Fremde überragte den stattlichen Hannsen noch um ein Beträchtliches. Während die Herren in ein lebhaftes Gespräch gerieten, hatte ich Muse, den Ankömmling zu betrachten.

Sein Alter war schwer zu bestimmen. Das schmale, aristokratische und kluge Gesicht war bartlos und zeigte den Schnitt des vornehmen Engländers. An den Schläfen war das Haar leicht ergraut und so kurz geschnitten, daß man den feingeformten Kopf hindurch schimmern sah. Er trug einen weichen, hellgrauen Filzhut und war mit großer Sorgfalt gekleidet, ohne im geringsten geckenhaft zu wirken. Während er sprach, blickten die grauen Augen aus dem braunen Gesicht forschend belebt; hörte er dem Gespräch zu, so lag auf seinen Zügen eine nervöse Abspannung. Die linke Hand hatte er beim Sprechen leicht in die Hüfte gestemmt. Sie war unbekleidet, und als ich darauf niedersah, dachte ich: ›Vielleicht ist er Geigenspieler oder Bildhauer‹, denn bei beiden werden die Fingerspitzen von ihrer Kunst breit und flach.

Wir standen nicht allzu weit voneinander.

Somit drangen einzelne Worte und kurze Sätze zu mir hinüber, aus denen ich mir die Unterhaltung deuten konnte.

»So, so, geradeswegs aus Ägypten?«

»Nein, vier Wochen in Rom – Station gemacht – Sehnsucht, – Heimat, viele Jahre fern, – Venedig – wenige Tage.«

Das kleine Boot legte pustend und lärmend an den Steinstufen der Piazzetta an. Die meisten Fahrgäste verließen das Verdeck.

Ich sah, wie Hannsen nach mir ausblickte und dann winkte, auch auszusteigen.

Der Regen hatte jetzt aufgehört, und der Seewind trieb und riß an den Wolken, daß sie verängstigt in die Weite stoben und klare, blaue, duftige Bahnen zurückließen.

Ich stand auf den nassen, spiegelnden Steinplatten, und Hannsen und der Fremde kamen im Gespräch ganz vertieft die Stufen herauf.

Als Hannsen auf mich zutrat, rief er erfreut: »Gräfin Maria, darf ich Ihnen meinen lieben, alten Freund, unser berühmtes Ausgrabetier, Professor Wislicenus, vorstellen?« und dann nannte er meinen Namen.

Das also war Wislicenus, der sich solch berühmten Namen durch seine Ausgrabungen in Pompeji und Herkulanum gemacht, der in Griechenland die wichtigsten Funde an das Licht des Tages gefördert hatte und der dann mit ähnlichen Aufträgen nach Ägypten geschickt worden war.

Ich streckte ihm die Hand hin und sagte: »Sie sind mir natürlich nicht fremd, Herr Professor, ich habe manches Ihrer Werke mit großem Interesse gelesen.«

Über sein Gesicht huschte ein Lächeln, das an den schmalen, etwas spöttischen Lippen hängen blieb, so, als ob er sagen wollte: ›Du und meine Werke gelesen? Das ist eine Arbeit für Männer mit großen Vorkenntnissen, aber nicht für junge Mädchen.‹

Aber dann trat ein anderer Ausdruck in sein Gesicht, und er sagte, indem er meine Gestalt prüfend umfaßte: »Auch Sie, Gräfin, sind mir, glaube ich, nicht unbekannt, wenn Ihr Name identisch ist mit dem des Grafen Lynar, der vor etwa zwanzig Jahren in Rom lebte!«

Eine rosige Welle schlug mir ins Gesicht, als ich freudig ausrief: »Ja, das ist mein Vater!«

»Das habe ich mir sofort gedacht, als ich Ihren Namen hörte und dies goldene Haar sah«, – und sein Blick streifte wieder unter meinen Lederhut, der diese Fülle nicht ganz verbergen konnte.

»Dieses Haar hab' ich nur einmal gesehen, das war bei der Gräfin Lynar, Ihrer seligen Mutter.«

»Sie haben meine Mutter gekannt?«

Ein großes Glücksgefühl ergriff mich bei seinen Worten. Kannte ich doch außer meinem Vater niemand in der Welt, der sich der so früh Verstorbenen noch erinnerte.

»Ja, sie war eine der schönsten Frauen, die ich je gekannt,« sagte Wislicenus sinnend, »aber sie war nicht im landläufigen Sinne schön. Es war der wunderbare Ausdruck ihrer Züge, diese unendliche Güte und Reinheit, die ihre blauen, ernsten Augen ausstrahlten, die sie in Verbindung mit dem goldenen Haar, wie man es nur noch auf alten Bildern sieht, zu einer Madonnenschönheit stempelten.«

Ich hing an seinen Lippen, als er dies erzählte, und fragte:

»Sie waren oft bei meinen Eltern?«

»Oft? Nein, aber ein paarmal. Ich studierte dazumal Kunstgeschichte in Rom und war ein junger Mensch Anfang der zwanzig. Graf Lynar hielt ein offenes, gastliches Haus für alle deutschen Künstler. So führte mich ein Freund ein. Ihr Herr Vater wird sich meiner kaum aus jener Zeit erinnern, wo so viele Kunstbeflissene sein Atelier betraten, um seine berühmten Madonnenbilder zu sehen.«

»Nun kommt um Gottes willen,« sagte Hannsen, sich die Füße vertretend, »ich klebe hier in der Nässe fest!«

»Peter,« er wandte sich an Wislicenus, »du kommst natürlich heute abend zu uns, und dann könnt ihr euch ausgiebig unterhalten.«

Wir schüttelten uns lachend zum Abschied die Hände.

Hannsen und ich strebten eilig durch die schmalen, heute ganz menschenleeren Gässchen und Brücken dem Palazzo Domini zu, denn der Regen fiel wieder.

 

Am Abend saßen wir alle mit unserem Gast in dem großen Salon des Palazzo Domini.

Frau Hannsen hatte die großen Türen, die nach dem Canale grande führten, geöffnet, und durch die Stille des Abends klang melodisch und traumhaft die Serenade herauf.

Eine Unzahl von Gondeln, die mit farbigen Lampions geschmückt waren, glitten wie leuchtende Girlanden vorüber. Rote, blaue, gelbe und grüne Lichter glühten aus den schwärzesten Tiefen der Nacht, und wie ein Feenschloß schimmerte durch die Dunkelheit die Kuppelkirche von Maria della Salute.

Der Salon war in dem Geschmack des modernen Venedig eingerichtet. Überall Delphine und überreiche Schnitzereien. Der Raum wirkte ohne Zweifel sehr warm mit den vielen Armsesseln, den kleinen Sofas und Nischen, den alten Teppichen und schönen venezianischen Gläsern, und ich sah, wie Wislicenus, der am Kamin saß, sich behaglich zurücklehnte und mit einer gewissen, angenehmen Mattigkeit alles in sich aufnahm.

Wislicenus hatte zunächst viel von seinen letzten Ausgrabungen in Ägypten erzählt, war dann auf frühere Zeiten zu sprechen gekommen. Da er vor vielen Jahren eine Weltreise gemacht hatte, kannte er auch alle Plätze, wo mein Vater mit mir gelebt hatte.

So kam es, daß das Gespräch plötzlich nur noch zwischen ihm und mir geführt wurde, denn wir hatten tausend Anknüpfungspunkte, die uns beide erfreuten.

Als ich zu meiner Verlegenheit bemerkte, daß wir allein die Unterhaltung führten, zog ich schnell Frau Hannsen ins Gespräch, die freilich ganz andere Neigungen hatte.

Frau Hannsen, die Wislicenus von früher her kannte, neckte ihn sofort damit, daß er noch immer unverheiratet sei.

»Es gibt Männer, die zu Junggesellen geboren sind«, sagte er in seiner ruhigen Art.

»Ich habe, so merkwürdig es klingen mag, noch niemals ein weibliches Wesen so geliebt, daß ich es dauernd als Lebensgefährtin hätte besitzen mögen.«

»Nun,« lächelte Frau Hannsen und sah ihn mit ihren schönen Augen kokett an, »es gibt doch viele schöne Geschöpfe, und es kann besonders für Sie, der andauernd in der Welt herumsegelt, nicht schwer sein, eine Auswahl zu treffen.«

»Da haben Sie allerdings recht, aber auf die Schönheit allein kommt es bei einer Ehe doch wirklich nicht an, wenn ich auch ein großer Schönheitsfanatiker bin und mir nie eine häßliche Frau genommen hätte. Aber was ich vor allem suchte, ein wirkliches Verständnis für meinen Beruf, fand ich nirgends.«

»Das glaube ich,« nickte Frau Hannsen, »allerdings gibt es sehr selten junge Mädchen, die einen Mann wie Sie verstehen und ihm eine wirkliche Freundin sein könnten.«

»Ja, und dann bin ich auch zu alt – nun schon Anfang der Vierzig – viel zu alt, ein junges Mädchen mit allen seinen Idealen, Hoffnungen und Wünschen glücklich zu machen. Und ein älteres Mädchen oder eine Witwe, nun das ist eben nicht jedermanns Geschmack.«

Wir lachten bei seinen letzten Worten, und Hannsen sagte: »Und doch kann ich mir denken, daß du einen famosen Ehemann abgeben würdest, wenn du die richtige fändest.«

»Ich habe es aufgegeben«, sagte Wislicenus nun auch lachend und stand auf.

Er ging auf und ab.

In dem feingeschnittenen, nervösen Gesicht lag ein düsterer Zug.

Hannsen, der wohl ahnte, daß Wislicenus solche Gespräche nicht liebte, lenkte das Gespräch wieder auf die gemeinsam verlebte Wiener Zeit zurück.

»Und was ist aus Paul Schirmer geworden, diesem begabten, ja bedeutenden Menschen, der leider die Fülle seiner geistigen, körperlichen und moralischen Kräfte vergeudete?«

»Schirmer ist ein Heiliger geworden. Kein Moralprediger – sein Leben, sein Wesen, sein Wirken ist ein Leben für andere, ein Verstehen der Not anderer.«

»Wie ist das möglich?«

»Ich weiß nicht. Er muß ein Erlebnis gehabt haben, das ihn so änderte.«

»Früher war ihm nichts heilig!«

»Nein, er verführte die Männer zu ausschweifendem Lebenswandel, die Ehre des Weibes galt ihm nichts!«

»Kann solch ein Mann zum Heiligen werden?«

»Kann jener Mann anderen etwas sein?« fragte ich.

»Ich weiß nicht,« sann Wislicenus und blieb auf seiner Wanderung stehen, »aber ich möchte wohl sagen ja! Denn nur ein Mensch, der selbst in den Tiefen des Daseins versank, der selbst Schlechtigkeiten beging, kann die verstehen, die ebenso handeln. Ihn völlig verstehen, ist die größte Wohltat, die man einem Sünder erweisen kann. Und ein Sündiger wird lieber auf die Moralpredigten eines Menschen hören, der gleich ihm die Tiefen des Lebens durchwatet hat, die ihn zu ersticken drohen, als wenn ein Mensch ihn bessern will, der stets auf dem goldenen Wege der Tugend wandelte und ihn nun wie von einem Thron herab zu sich hinaufziehen will. Ich weiß von vielen anderen, daß Paul Schirmer einen eigenartigen Einfluß auf die jungen Künstler ausübt. Und mancher hat sich wieder zurechtgefunden, nachdem Schirmer ihm die Hand bot.«

Er schwieg.

Jeder hing seinen Gedanken nach – suchte Vergleiche – Bestätigungen.

Von der Maria della Salute schlug es Mitternacht, glockenklar strömten die Töne zu uns herüber.

Wislicenus ging auf Frau Hannsen zu, um sich zu verabschieden.

Wir erhoben uns alle, und Wislicenus verabredete sich mit mir, wir waren ja beide ohne Pflichten. So wollten wir am anderen Morgen zu der Gasbläserinsel Murano hinüberfahren, deren Erzeugnissen er lebhaftes Interesse entgegenbrachte.

*

Nun kamen Tage, so von Glück und Sonnenschein erfüllt, wie ich sie seither nie wieder erleben durfte. Und diese Erinnerung ist mir eine der schönsten geblieben in meinem Leben. Wie überglücklich war ich in jenen kurzen Tagen und Stunden, die mich mit Wislicenus vereinigten.

Während ich mich in meinem bisherigen Leben stets belehren ließ, so war dies zum ersten Male hier nicht der Fall.

Wir waren Tag für Tag in allen Kunstsammlungen, die Venedig in so reichem Maße birgt, zusammen. Wislicenus erläuterte mir nichts, fragte nur dann und wann nach meinem Urteil, das in den meisten Fällen dem seinen entsprach, und zum ersten Male fühlte ich, was es heißt: mit einem Menschen schweigend sich verstehen. Ich wußte stets, was er dachte, wie er fühlte. Ich sehe uns noch vor einem Torso im unteren Geschoß des Dogenpalastes stehen. Es war eines der schönsten Werke, die ich je gesehen, aus der Antike von unbekanntem Meister, und tastend glitten meine Finger bewundernd und verstehenwollend über die marmornen Flächen. Da sah ich auf und begegnete seinem Blick, der mit merkwürdig forschendem Ausdruck auf mir ruhte. Und als ich seinen Augen begegnete, wußte ich plötzlich, daß ich ihn liebte und daß meine Liebe unerwidert bleiben würde.

Ich liebte. – Ist nicht die erste Liebe das Schönste, was ein Mensch früher oder später empfinden kann? – Und diese Liebe hatte übermächtig von mir Besitz genommen mit der ganzen Glut und Hingebung, deren ich fähig war.

Venedig erschien mir schöner denn je, der Sonnenglanz leuchtender, der Himmel von tieferem Blau. Die Paläste grüßten mich wie Märchenschlösser.

Ich lebte nur der Gegenwart, nur der Stunde, die ich mit dem geliebten Manne zusammen war.

Ich wußte nicht, daß diese Liebe aus mir strahlte, so unbewußt, so überwältigend, daß ich schöner, blühender wurde von Tag zu Tag. – Ich wußte nicht, daß ich diese Liebe leuchten ließ wie einen köstlichen Edelstein, den man stolz ist zu besitzen und zur Schau zu tragen.

Und darum konnte es Peter Wislicenus, dem Frauen- und Menschenkenner, nicht verborgen bleiben, wie es um mich stand.

Ich aber war so vom Glück der Liebe erfüllt, daß ich der Mitwelt wie mit geschlossenen Augen gegenübertrat. Ich glaubte, daß keiner etwas ahnte, obwohl doch jeder sah, wie mich die Liebe ergriffen hatte.

*

Es war um die Mittagsstunde.

Frau Hannsen, Schlomann und ich schlenderten über den Markusplatz dahin.

»Wo nur Wislicenus steckt? Er wollte doch um 12 Uhr hier sein!«

Ich fuhr in die Höhe, als ich diesen Namen hörte und blickte verständnislos Frau Hannsen an.

Nun sahen Frau Hannsen und Schlomann sich an und dann mich und lächelten, so daß ich ganz rot wurde. Ich fühlte mich erkannt.

»Wislicenus muß eine Abhaltung bekommen haben, er ist doch sonst so pünktlich«, meinte Schlomann, als wir nun schon seit einer halben Stunde vergebens wartend durch die Säulengänge hin und her schritten.

Die Sonne stand heiß und erdrückend über uns.

In den marmornen Gängen aber herrschte Kühle.

Mir war dieses Warten wie der Vorgeschmack eines köstlichen Genusses, die verwöhnte Frau Hannsen empfand es indes als Zumutung.

»Wir gehen jetzt nach Hause,« entschied sie kurz, »Wislicenus, der verwöhnte Frauenliebling, braucht sich nicht einzubilden, daß er mit uns nach seinem Belieben umgehen kann!«

Sie war ganz ärgerlich geworden und schritt nun so hastig dem Landungsplatze zu, als ob sie jede verlorene Minute einholen müßte.

Wir konnten ihr kaum folgen.

Auf dem Dampfboot ließ sie sich außer Atem nieder.

Sie nickte kaum dem zurückbleibenden Schlomann noch einen Gruß zu.

Ich zog mir einen Klappstuhl zu Frau Hannsen heran und suchte ihren Ärger zu zerstreuen.

»Warum nannten Sie ihn einen verwöhnten Frauenliebling?« nahm ich den Faden wieder auf.

Mein Blick schweifte ins Unbestimmte.

»Gott, Kind, Wislicenus und die Frauen, das ist ein Kapitel für sich.« Frau Hannsen lachte.

Etwas stieg heiß und weh in mir auf. War es Eifersucht?

»Alle Frauen schwärmen für ihn, meinen Sie das?«

»Und er für die Frauen«, lächelte Frau Hannsen.

Ich schwieg, ich wollte sagen: ›Wissen Sie etwas Bestimmtes, so erzählen Sie es mir.‹ – Ich konnte es nicht.

Ich starrte hinaus auf den Kanal, immer auf den kleinen weißen Schaumschweif, der sich hinter unserem Boot dahinschlängelte.

Ich sann unserer Unterhaltung nach, und der Mann, der meine Liebe geweckt, dem alle meine Gedanken, all meine Träume galten, erschien mir unerreichbar in weite Fernen gerückt.

Nun fühlte ich erst, daß ich, mir selbst unbewußt, mich Hoffnungen – ganz unberechtigten Hoffnungen hingegeben hatte.

Wie gut war es, daß ich mir selbst klar wurde.

Wie gut, daß ich erfuhr, Wislicenus spiele mit den Frauen.

Tausend andere Frauen verloren also ihr Herz, wie ich es nur allzu schnell verloren hatte.

Scham, Trotz und Traurigkeit erfüllten mich in dem Gedanken, daß ich meine Liebe so offen getragen.

Als ich die Stufen zum Palazzo Domini hinaufstieg, trieb mich nur der Gedanke: ›Heim, heim!‹

Ich wollte diese verlockende Märchenstadt verlassen und den Traum zerreißen, in dem ich befangen war.

*

Es war am Spätnachmittag.

Ich stand am Fenster meines Zimmers und blickte auf den strömenden Regen.

Ein Gewitter war im Abziehen.

Hier und da zuckte noch ein fahles Licht über das Meer.

Die Ferne war verhangen.

Das Wasser war aufgewühlt, und ein übler Geruch stieg aus den Lagunen.

Die Paläste sahen mißmutig und wie erstorben in Mattigkeit drein.

Den Gedanken, sofort heimzureisen, hatte ich ebenso schnell, wie er mir gekommen, wieder fallen lassen. Eine plötzliche Abreise hätte zu allen möglichen Mutmaßungen Anlaß gegeben. So hatte ich meine Heimkehr auf zwei Tage nach dem Korso festgelegt und schon mit Hannsens darüber gesprochen.

Ein Brief an meinen Vater, der ihm mein Kommen melden sollte, lag auf dem Tisch.

So war nichts übereilt. Ich würde Wislicenus bis zu diesem Zeitpunkt noch öfter sehen und so Gelegenheit haben, ihn durch betont zurückhaltendes Wesen über die Gefühle zu täuschen, die er bei mir anzunehmen ein Recht hatte.

Das Pfeifen einer kleinen Dampfbarkasse, die gerade auf den Palazzo zusteuerte, ließ meine Gedanken zur Gegenwart zurückkehren.

Ein Mann in Uniform schwang sich aus dem Boot. Als er die Stufen heraufsprang, um den Klopfer zu schlagen, erkannte ich den Depeschenboten.

Eine plötzliche Gewißheit, daß etwas Schreckliches geschehen war, erfaßte mich. Ich eilte aus dem Zimmer – um die Galerie des Innenhauses herum die Treppen herab – auf den Boten zu. Und ehe er noch die Adresse entziffern konnte, hatte ich ihm schon das unheilverkündende Papier entrissen und las Hannsens, die beide hinzutraten, mit klangloser Stimme vor:

»Graf Lynar schwer erkrankt.
Bitte komm sofort.

Katinka.«

Wie ich die Koffer gepackt – Abschied genommen – zur Bahn gekommen, das weiß ich heute nicht mehr. Eine Stunde, nachdem ich jene Nachricht erhalten hatte, ging der Nachtzug, den ich noch erreichen mußte, wenn ich nicht erst am anderen Tage reisen wollte.

Ich atmete erlöst auf, als ich, von Hannsen allein begleitet, den Bahnhof betrat.

Nachdem ich mir einen Platz im Schlafwagen gesichert hatte, waren es nur noch einige Minuten bis zum Abgang des Zuges. Ich stieg noch einmal auf den Bahnsteig hinab.

Als ich aufsah, stand Wislicenus vor mir.

Und Hannsen machte ein Gesicht wie ein Schuljunge, der einen guten Streich gespielt hat und sich nun freut – aber dabei doch auch ein wenig schämt: er war ganz rot.

Ehe ich mich von meinem Erstaunen erholen konnte, hatte Hannsen mir abschiednehmend mit ein paar herzlichen Trostworten beide Hände geschüttelt und stürmte davon. Ich sah nur noch seinen fliegenden Mantel durch die Bahnhofstür verschwinden.

Dann sah ich auf und blickte in Wislicenus' Augen; die drückten so viel Liebe und gütiges Verstehen aus, daß ich meinte, alles sei ein Traum, und ich müsse nun erwachen.

Da sagte Wislicenus in seiner ruhigen, ernsten Art: »Hannsen hat es mir sofort mitgeteilt, und es ist gut so, denn sonst hätte ich Sie nicht mehr gesehen.«

Ich reichte ihm zum Dank die Hand.

Ich vergaß, kühl und zurückhaltend zu sein, wie ich mir vorgenommen hatte, und Scham und Trotz versanken.

Mein Herz füllte sich wie eine güldene Schale voll Liebe.

Der Schaffner rief. Die Türen schlugen zu. Ich wollte schnell einsteigen.

Da ergriff er plötzlich meine Hände, und mich nah an sich heranziehend, sagte er eindringlich und innig: »Maria, vergessen Sie mich nicht, bis ich komme.«

Da hob ich meinen Kopf und – Erziehung und Sitte verleugnend, nur dem Naturgesetz der Liebe folgend – bot ich ihm die Lippen.

Ich sah, wie ein Aufleuchten über die Züge des geliebten Mannes ging – dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Ich sah nicht mehr hinaus – ich legte mich hin, und mit geschlossenen Augen lag ich Stunden um Stunden da mit seligem Lächeln, und in dem eisernen Rhythmus der singenden Räder hörte ich immer und immer dasselbe Lied: Er liebt dich, er liebt dich. –

*

Mitten im deutschen Herbstschweigen liegt die kleine Residenz. Vom Scheerenberge ziehen die frühen Abendnebel herein, füllen die Straßen mit wogenden Schleiern, umhüllen die alten, giebligen Häuser und winkligen Straßen und geben allem ein antikes Gepräge.

Hier und da taucht in dem Nebel eine Gestalt auf und verschwindet.

Man fühlt die Stille der kommenden Nacht, und nur der alte Goethebrunnen am Mägdeplan murmelt in eintönigem Selbstgespräch wie schon vor hundert Jahren.

Durch das abendliche Schweigen rattert mein Wagen über das holprige Pflaster, am Hoftheater vorbei, der Breiten Straße zu.

Mit dem Blick auf den Schloßpark lag dort das alte, düstere Haus, das der Großherzog meinem Vater angewiesen.

Nun hält der Wagen, und ich steige aus – erregt, von tausend Gefühlen der Liebe und Angst bestürmt.

Lichter flackern auf und streuen in zitternden Kreisen flimmernde Helligkeit in das Dunkel. Einen Augenblick stehe ich geblendet in dem Kampf der Finsternis mit dem Licht, dann erblicke ich unsere alte, treue Katinka auf den ausgetretenen Stufen unter dem spitzbogigen Portal.

In der erhobenen Rechten hält sie den messingenen Leuchter. Der wirft sein Licht auf ihre Gestalt, und da sehe ich, daß sie nicht die große, weiße Schürze trügt, die sie immer vorgebunden hat, und in der ich sie kenne, so weit mein Erinnern mich trägt.

Dieses scheinbar belanglose Merkmal sagt mir alles – ich sehe nicht das verweinte, blasse Gesicht der treuen Seele, sehe nur mit lähmendem Verstehen, daß Katinkas schwarzes Kleid ohne häuslichen, weißen Schmuck ist, und weiß alles – weiß, daß das erste große Leid in mein Leben gebrochen ist, und daß mein bester Freund mich für immer verlassen hat.

Ohnmächtig fängt mich die alte Frau auf, und Dunkelheit umgibt mich von neuem.

*

Wenn man an schwerem Herzeleid zu tragen hat, so schleichen die Wochen träge dahin in endloser Qual.

Die einzigen Verwandten, die ich noch besaß, waren eine alte Tante meiner Mutter, die in Kopenhagen lebte, und die einzige Schwester meines Vaters, Tante Adele, die ich fast gar nicht kannte. Ich hatte als kleines sechsjähriges Kind auf einer Durchreise durch Deutschland mit Vater ein paar Tage bei ihr gewohnt. Sie war an einen General von Hartenstein verheiratet, und ich wußte von Vater, daß die Geschwister sich stets wesensfremd geblieben waren.

Am Tage nach Vaters Begräbnis hatte Tante Adele, die zur Bestattung gekommen war, in seinem Atelier vor mir gestanden und mir klarzumachen versucht, wie meine Zukunft sich gestalten sollte.

Mein guter Vater hatte, wie so viele Künstler, nicht zu rechnen verstanden. Und da er nun im besten Alter so unerwartet durch eine Lungenentzündung dahingerafft war, war das Vermögen, das er mir hinterlassen hatte, nur sehr gering.

»Dein Vermögen wird gerade für eine anständige Aussteuer reichen, denn daß du heiratest, ist doch selbstverständlich«, hatte die Tante gesagt, und ihr strenges, kühles Gesicht hatte dabei einen sehr bestimmten Ausdruck angenommen.

»Einstweilen wirst du für die nächsten Jahre zu uns ziehen. Du wirst das Leben deiner gleichalterigen Cousinen teilen und unser liebes Pflegetöchterchen sein, denn Onkel Eberhard ist dein Vormund geworden.«

Dies alles hatte ich stillschweigend mit angehört – noch ganz benommen vom Schmerz und unfähig, all diese neuen auf mich einstürmenden Zukunftspläne zu erfassen und zu erwägen.

»Laß mich einstweilen hier, liebe Tante«, hatte ich nur erwidert. »Ich möchte bis Ostern, wo Vaters Nachfolger unsere Wohnung nimmt, mit Katinka hierbleiben. Ich muß mich erst sammeln und mag mich auch nicht von all den lieben Möbeln, Bildern und Studien sofort trennen. So kann ich in Ruhe alles ordnen und mich entscheiden, was ich behalten will.«

Zu dieser Entgegnung wurde ich bewogen von dem einen Gedanken, der mich während der ganzen Unterhaltung beseelte: – niemals werde ich zu euch ziehen; wenn ich von hier fortgehe, folge ich dem geliebten Manne ins eigne Heim.

Und meine Hand tastete nach dem Brief, den ich immer bei mir trug, und der mein Schicksal umschloß.

Gleich nachdem ich telegraphisch den Tod meines Vaters nach Venedig gemeldet hatte, war ein Brief von Wislicenus eingetroffen, den ich am Begräbnistage erhielt, und der allein mich davor bewahrte, daß ich an der Gruft vor Herzeleid zusammenbrach.

In diesem Briefe hatte unter anderem gestanden:

 

… der erste Gedanke, der mich bei der Trauerbotschaft erfüllte, war der, sofort zu Ihnen zu eilen, um Ihnen in diesen schweren Tagen beizustehen. Ich weiß, daß Sie mehr verloren haben als jede andere Tochter, die ihren Vater sterben sieht; denn er war Ihnen Vater, Freund, ja alles auf der Welt. Und da ich zu hoffen wage, daß die tiefe, reine Neigung, die ich für Sie, geliebtes Kind, empfinde, voll erwidert wird, so durfte ich annehmen, daß meine Anwesenheit Ihnen ein Trost und eine Stütze gewesen wäre. Die Gründe, die mich trotzdem bewogen, Ihnen fernzubleiben, werden Sie zu ehren wissen.

Als ich Sie vor wenigen Wochen kennenlernte, gehörte ich zu den Männern, die mit dem Gedanken an eine Ehe so gut wie abgeschlossen haben. Ich spielte wohl einmal mit der Möglichkeit, aber ernstlich erwog ich sie nicht mehr. Erlebnisse, die ich Ihnen später einmal, wenn Sie, geliebtes Mädchen, erst meine angebetete, kleine Frau sind, beichten werde – jetzt sind Sie noch zu jung, um mich ganz zu verstehen – ließen mich den Gedanken an eine dauernde Verbindung stets von mir weisen. Ich war auf dem besten Wege, ein Junggeselle zu bleiben.

Da lernte ich Sie kennen. Ihre ganze holde Persönlichkeit, Ihr reger, selbständiger Geist, gepaart mit so viel weiblicher Sinnigkeit und Gemütstiefe, erweckten in mir Gefühle, wie ich sie nie mehr zu empfinden geglaubt hatte.

Ich liebte und wurde gegen meinen Willen von so viel Jugend und Schönheit, so viel Geist und Güte gefesselt, daß ich mich dieser tiefen Neigung nicht entziehen konnte, zumal ich – verzeihen Sie meine Kühnheit – hoffen durfte, sie erwidert zu sehen.

Doch ernste Gründe bewogen mich, den Schritt zu prüfen, der für uns beide von gleich weittragender Bedeutung werden konnte.

Da teilte mir Hannsen Ihre plötzliche Abreise mit, und der Gedanke, Sie zu verlieren, Sie vielleicht nie mehr zu sehen, ließ mich alle Vernunftgründe beiseiteschieben. Ich wollte, ich mußte Sie sehen und sprechen.

Und im letzten Augenblick, als wir uns trennten, wurde uns wohl beiden klar, daß unser Schicksal unlösbar für alle Zeiten verknüpft ist, daß wir uns lieben, und daß diese Liebe all die Hindernisse aus dem Weg räumen wird, die sich uns vielleicht entgegenstellen.

Geliebte Maria, Sie sind noch ein halbes Kind – verzeihen Sie, das soll kein Vorwurf sein, im Gegenteil, es ist ja so wunderbar, jung zu sein und das Leben noch vor sich zu haben. Aber ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß Sie trotz allen Wissens, aller Weltreisen das wirkliche Leben noch wenig kennen, und darum bin ich der Teil von uns beiden, der die Verantwortung für eine dauernde Vereinigung zu tragen hat.

Das größte Bedenken, das ich habe und dessen Schwere wir uns trotz aller Liebe nicht verhehlen dürfen, ist der große Altersunterschied, der zwischen uns besteht. Wenn ich nicht irre, sind Sie noch nicht zwanzig Jahre alt, und ich zähle schon zweiundvierzig.

Da ist es nur zu selbstverständlich, daß zwischen uns dann und wann Meinungsverschiedenheiten eintreten werden, daß vieles Sie noch freuen wird, was für mich allen Reiz verloren hat, daß wir dies und jenes mit verschiedenen Augen betrachten werden.

Sie geben mehr auf als ich, denn Sie ketten Ihr Leben an einen älteren Mann, ich aber nehme mir die Jugend zum holden Gefährten und muß mir darüber klar sein, ob ich wohl imstande bin, Ihnen ein schönes, reiches Leben zu gestalten.

Und darum, geliebtes Mädchen, bin ich auch jetzt nicht zu Ihnen geeilt, als Ihre Trauerbotschaft mich erreichte. Ich sagte mir: Komme ich, um Ihnen in diesen schweren Zeiten zur Seite zu stehen, so bin ich vor der Welt Ihnen verbunden.

Das würde ich als eine Überrumpelung empfunden haben, die Sie in eine Zwangslage versetzt. Denn in dem Gefühl völliger Verwaistheit und in der Freude, mich wiederzusehen, hätten Sie mir vielleicht Ihr Jawort gegeben, ohne sich erst reiflich zu prüfen, ob die Neigung, die Sie für mich empfinden, groß genug ist, trotz aller Bedenken, die ich hege, das Leben mit mir zu teilen.

Ich selbst werde stets der Überzeugung sein, daß ich mich unsagbar glücklich schätzen müßte, Ihre Hand zu erhalten, und werde alles tun, Sie glücklich zu machen.

Wir wollen uns oft und offen schreiben; so werden wir uns nähertreten, und Sie werden Zeit und Ruhe haben, den richtigen Entschluß zu treffen.

Und sollten Sie auch zu der Überzeugung kommen, daß wir nicht zusammenpassen, so werde ich trotz aller Enttäuschung froh sein, Ihnen selbst zu einem Entschluß verholfen zu haben, der uns ein Leben voller Enttäuschungen ersparen muß.

Wenn Sie aber in einem halben Jahre noch ebenso denken wie heute, so werde ich mit tausend Freuden kommen, um Sie als meine angebetete, kleine Frau in meine Arme zu schließen.

Ihr Ihnen in tiefer Verehrung ergebener
Peter Wislicenus.«

 

Dieser Brief erfüllte mich, als ich mit Frau Adele von Hartenstein sprach und vergeblich zu begreifen suchte, wie diese kalte, vornehme Erscheinung, zu der mich keine Herzensregung zog, die Schwester meines liebevollen Vaters sein könne.

In kindlicher Schwärmerei trug ich die köstlichen Zeilen am Halse und las sie jeden Abend von neuem. Dann lächelte ich wohl überlegen – ungläubig – selig: »Prüfen? – Prüfen? – Ich liebe dich heute, ich liebe dich in einem halben Jahr und werde dich in Ewigkeit lieben. Und ist die Liebe nicht so groß, daß sie Berge versetzen kann?«

*

Tante Adele war abgereist.

Ich ging wenig aus – nähere Freunde hatten wir in der kurzen Zeit unseres Aufenthaltes in der kleinen Residenz noch nicht gefunden.

Ich lebte von Brief zu Brief – wir schrieben uns täglich – und in jedem Brief gab eines dem anderen ein Stück Eigenes, Erlebtes, Empfundenes. Jedes hatte den Wunsch, sich dem anderen nahezubringen. Und zwischen all den Gesprächen über Leben und Erleben, über Kunst und Wissen zog sich das güldene Band zärtlich werbender Liebe.

Und ein jeder Brief war ein Sonnenblick, der den grauen Werktag mit farbigem Abglanz übergoldete.

*

Mit wuchtigen, langatmigen Stößen kam der Sturm dahergeprescht – das Flachland schien ihm nicht Raums genug – er mußte sich austoben. So stob er mit Heulen in die stille, kleine Stadt und schüttelte in stürmischer Umarmung die Häuser, daß die Dachziegeln mit krachendem Gepolter herabflogen. An den Ulmen und Pappeln in der Allee zerrte er mit seinen Riesenarmen, daß sie ächzten und stöhnten im Kampf mit dem Riesen. Manch herrlicher Stamm unterlag trotz zähen Widerstandes endlich doch und schlug wie gefällt zu Boden, daß Zweige und Blätter in Todeszuckungen durcheinander wirbelten.

Ja, es war fast gefährlich auszugehen, aber der Sturm brachte den Frühling mit sich, und darum hielt es mich nicht in den stillen Räumen, die mich jetzt oft beengten; der Frühling trieb mich hinaus.

Es war Ende Februar.

In grauen schmutzigen Flecken lag der letzte Schnee auf dem feuchten Rasen, und auch die Felder waren von der weißen Winterdecke entblößt und strömten ihren kalten Atem aus.

In einigen Tagen, am 4. März, beging ich meinen zwanzigsten Geburtstag.

Ich hatte gestern Peter Wislicenus nur wenige Zeilen geschrieben, und die lauteten:

 

»Ich weiß, daß ich Dich liebhabe – heute noch mehr als an dem Tage, da ich Dir die Lippen zum Kusse bot – und ich gebe mich der Zuversicht hin, daß dieses Gefühl dauern wird. – Am Sonntag werde ich zwanzig Jahre alt. Komm an diesem Tage und hole Dir die Gewißheit unseres Glückes.

Deine kleine Maria.«

 

Ich hatte den Brief in den blauen Kasten gesteckt, und als ich ihn aufschlagen hörte, durchflog es mich wie ein freudiger Schreck: ›So, nun hast du dein Jawort gegeben, nun bist du seine Braut.‹

Und dieses bräutliche Gefühl erfüllte mich mit banger, zärtlicher Sehnsucht, die mir die Tage bis zur Ankunft des Geliebten wie Wochen erscheinen ließ.

Gegen Abend schien der Sturm sich ein wenig gelegt zu haben. Um noch einen weiten Spaziergang zu machen, war es zu spät.

Ich stülpte den weichen, kleinen Lodenhut auf, um in den inneren Teil des Schloßparkes zu gehen.

Wie ausgestorben lag der Park da – ich schritt tapfer aus, um warm zu werden, denn jetzt fühlte ich erst, wie stark die Luft noch von der Winterkälte durchflutet war; der Frühling mußte schon mit ganzer Macht einsetzen, wenn er ihrer Herr werden wollte.

Als ich eine Weile gewandert war, sah ich eine hohe weibliche Gestalt mir entgegenkommen, und in der Dämmerung erkannte ich ein mir befreundetes Fräulein Grützner. Sie schloß sich mir an, und so setzten wir den Abendspaziergang gemeinsam fort.

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ich mußte über das sprechen, was mich dauernd beschäftigte. Um mich aber nicht zu verraten, so erzählte ich von meiner Zeit in Venedig, dabei ließ ich wie nebensächlich die Bemerkung fallen, daß ich Peter Wislicenus dort getroffen hätte, und fragte sie, ob sie ihn vielleicht dem Namen nach kenne.

»Und ob ich ihn kenne,« sagte Fräulein Grützner erstaunt und belustigt zugleich – »das ist aber ein merkwürdiger Zufall. Wir kennen uns von frühester Jugend her. Die Güter unserer Väter, Molsdorf und Kirchroda, grenzen aneinander, und der Peter ist der beste Freund meines ältesten Bruders.«

Nun war das Erstaunen auf meiner Seite, und beglückend durchströmte mich das Gefühl, nun einen Menschen gefunden zu haben, mit dem ich über den Geliebten sprechen konnte.

»Erzählen Sie mir von ihm,« bat ich, unfähig, meine Neugierde zu meistern – »er ist solch eine fesselnde Persönlichkeit, daß es mich freuen würde, mehr von ihm zu hören.«

»Auch du mein Sohn Brutus?« lachte das schöne Mädchen und riß im Vorbeigehen neckend an den nassen Zweigen, so daß es wie ein Sprühregen auf uns niederging.

Ich fühlte, wie ich rot wurde, und eine lähmende, unerklärliche Bangigkeit erfaßte mich bei ihren Worten. War es wieder Eifersucht, die mich beschlich, wie dazumal auf dem Dampfboot, als Frau Hannsen mir von dem Frauenliebling Wislicenus erzählte?

»Nun, nun,« meinte Fräulein Grützner begütigend, als ich auf ihr Scherzwort hin schwieg, »so ist's nicht gemeint, übrigens könnte ich es nur allzu gut verstehen, wenn man an ihm Gefallen findet. Ich habe über ihn und sein Leben durch meinen Bruder recht viel gehört und weiß, daß sich alle Frauen in ihn verliebten – meine Wenigkeit ausgenommen,« setzte sie lachend hinzu – »wenn man von frühester Jugend neben einem Menschen aufwächst, da verliert man den Blick für die sogenannte interessante Persönlichkeit – oder vielmehr, man verliert ihn nicht, sondern man hat ihn nie besessen und betrachtet den lieben Nächsten mit den nüchternen Augen der Wirklichkeit.«

»Ihr Herr Bruder hat Ihnen viel von Peter Wislicenus erzählt?« versuchte ich das Gespräch wieder auf den Geliebten zu bringen.

»Ja, wie ich schon sagte – die beiden waren und blieben die besten Freunde.

Später, als Peter stark verleumdet wurde, und ich auch den Stab über ihn brach, nahm mein Bruder Veranlassung, mit mir über ihn zu sprechen, ihn zu entschuldigen, sein Tun zu erklären. Da hab' ich mehr von ihm gehört.«

»Und warum wurde Wislicenus verleumdet?« fragte ich, und ich fühlte, wie ahnungsschwer eine dunkle Wolke sich über mir auftürmte, die dem Sonnenglanz meiner hoffnungsfrohen Stimmung mit Verfinsterung drohte.

»Das ist eine dunkle Geschichte, trotzdem darüber viel geredet worden ist«, sprach meine Begleiterin.

»Peter studierte mehrere Jahre in Paris. Er soll dort ein Mädchen sehr geliebt haben und hat mit ihr jahrelang zusammengelebt. Sie war ein sehr schönes, aber ganz ungebildetes Geschöpf, irgendein Modell, glaube ich. Aus dieser Verbindung entsprossen zwei Kinder. Man nahm nun allgemein an, daß Peter die Geliebte heiraten und die Kinder anerkennen oder doch jedenfalls der Gefährtin treu bleiben würde. Anstatt dessen löste er eines Tages das Verhältnis, fand die Frau, die ihm ihre Jugend und Schönheit geschenkt, ihm Kinder geboren und für ihn gelebt hatte, mit Geld ab und verließ sie. Man hat ihm das vielfach nicht verziehen, denn an dieser Verbindung hatte nichts weiter gefehlt als der kirchliche Segen oder das Standesamt. Vor seinem Gewissen war sie sein Weib gewesen, und ob sie für ihn klug oder gebildet genug war, das hätte er sich vorher überlegen müssen.

Man hat versucht, Entschuldigungsgründe für sein Verhalten zu finden, und hat zu seinen Gunsten angeführt, daß er noch blutjung gewesen sei, als er jenes unwürdige Verhältnis einging, daß sie durch ihre Unbildung auf die Dauer ihn nicht hätte fesseln können und ihm in seiner Laufbahn hinderlich gewesen wäre, und was solcher schönen Gründe mehr sind. Ich habe das nie recht gelten lassen und immer an Goethe erinnert, der sich selber zu der strengsten Verpflichtung gegenüber dem selbstgewählten Geschick bekannt hat, indem er sich mit der alternden Geliebten verband.

Es sind nun ungefähr zehn Jahre seit dieser Geschichte vergangen, aber Peter hat nicht geheiratet. Er selbst mag nach jener wilden Ehe, oder wie man es nennen will, keine Neigung zu einer dauernden Verbindung mehr gehabt haben. Auch ist es nicht jedermanns Sache, einen Mann mit solchem Vorleben zu heiraten. Ich hätte es jedenfalls nicht getan. Dann ist er der »berühmte Wislicenus« geworden, und man hat viel davon gemunkelt, daß alle Frauen sich in ihn vernarrt hätten. So erzählt man sich, daß eine Prinzessin ihm ihre Gunst geschenkt habe und dergleichen mehr. – Jedenfalls hat er eine reiche Vergangenheit hinter sich, und all das, verbunden mit seinem großen Wissen, seiner glänzenden Erscheinung und seinem Namen, dem er durch seine archäologischen Forschungen einen Weltruf verliehen hat, stempelt ihn ohne Zweifel zu einem ungewöhnlichen Menschen.«

Ich hatte dies alles mitangehört, wie man in einem Traum irgend etwas Schreckliches erlebt: man möchte schreien und rufen, um das Entsetzliche abzuwenden, und muß doch wie gebannt alles über sich ergehen lassen. Ich fühlte, wie ganz allmählich etwas in mir erlosch, verschwand; es war mir, als wenn in meinem Gemüt eine ungeheure Leere entstünde. Ich begriff nicht mehr, was meine Begleiterin sagte, sah und hörte nur, wie man im Traum sieht und hört. Mein sonst so beweglicher Geist war wie gelähmt.

Das fortgesetzte, starke Klopfen in meinen Adern, ein dumpfes, betäubendes Sausen in den Ohren waren die einzigen Empfindungen, deren ich mir bewußt war. Der Boden unter meinen Füßen schien bei jedem Schritt zu weichen wie Schlamm oder weicher Sand. Alles, worauf mein Blick fiel, das Schloß, dem wir uns näherten, die Schilderhäuser vor dem Portal, drehte sich und zerfloß. Alle Dinge und auch mein eigenes Leben erschienen mir wie in Nebel gehüllt, fern, vergessen, für immer verschwunden.

Dann ergriff mich plötzlich eine namenlose Angst: Nur nichts verraten; sie darf nicht merken, was ihre Erzählung mir bedeutet. Ein ungeheurer Stolz, eine wilde Verzweiflung packten mich und halfen mir, den namenlosen Schmerz, der mich würgte, zu bezwingen.

Nur nicht jetzt daran denken! Das kannst du nachher tun, wiederholte ich mir krampfhaft. – Dann raffte ich mich mit aller Kraft auf, gleichgültig zu erscheinen, und sprach, so tonlos, daß ich selbst davor erschrak:

»Ja, Fräulein Grützner, Sie haben recht, Wislicenus ist eine Persönlichkeit, die Eindruck erwecken muß, und alles, was Sie mir erzählen, interessierte mich natürlich sehr.«

Dann sprach ich von diesem und jenem etwas hastig, mit aller Mühe mich zusammenraffend, bis wir das Parkgitter erreichten.

Die stillen Straßen waren schon in Dunkelheit gehüllt, die spärlichen Laternen warfen matte Lichtkreise von karger Helligkeit auf das Pflaster.

Ein feiner Regen fiel und legte undurchdringliche Schleier über die Häuser, so daß sie wie Phantome wirkten.

Fräulein Grützner reichte mir die Hand: »Auf Wiedersehen, Gräfin Lynar, ich hab' mich gefreut, daß ich Sie traf, und daß wir solch nettes Plauderstündchen zusammen hatten!«

Und durch all mein Weh und Herzeleid hindurch empfand ich die unbewußte Ironie, die in diesen Abschiedsworten lag.

Ich ging gerade vor mich hin.

Ich hätte die ganze Nacht so gehen können. Die Straßen der Stadt waren schon ausgestorben. Es kam mir vor, als wäre alles um mich her tot und ich allein auf der Welt. Ich biß die Zähne zusammen. Ich hätte aufschreien und mich an etwas klammern oder mich hinwerfen und schluchzen mögen, aber ich tat es nicht und ging nur immer so vor mich hin mit brennenden, trockenen Augen und einem Würgen in der Kehle.

Ich weiß nicht, wie lange ich so vor mir selbst geflüchtet bin, und erinnere mich nur noch dunkel, daß die Nässe und Kälte mich bis auf die Haut durchdrangen und mich zur Umkehr nötigten, und daß Katinka in großer Sorge war, als ich mich endlich heimfand.

Und dann sehe ich noch, wie Katinka mich auszog und von bodenlosem Leichtsinn redete, bei diesem Wetter bis in die Nacht hinein spazierenzugehen.

Als ich im Bett lag, erfaßte mich ein Schüttelfrost, und ein lautloses Weinen überfiel mich.

Mit Mühe konnte ich Katinka davon abbringen, zum Arzt zu schicken, und sie bewegen, sich hinzulegen.

Dann kam die Nacht.

*

Zwei Tage und zwei Nächte quälte ich mich namenlos.

Ich fühlte, daß etwas in mir zerbrochen war, was auch die größte Liebe nicht heilen konnte, und wußte nicht mehr, ob ich den erst so angebeteten Mann überhaupt noch liebte.

Alles, was mir als heilig, als groß und schön gegolten hatte, schien mir in den Schmutz gezerrt, aller Schönheit und Würde bar.

Und als der dritte Tag graute, saß ich an meinem Schreibtisch und schrieb bei Kerzenlicht nur die wenigen abgerissenen Zeilen:

 

»Komm nicht, ich habe vieles erfahren, was mich so unsagbar unglücklich macht, daß ich nicht darüber hinweg kann. Ich vermag nach allem, was Du erlebt hast, Dein Weib nicht zu werden.

Für Dich würde nichts mehr neu sein – alles hast Du unzählige Male erlebt, ein süßes Liebeserlebnis hat das andere in Deinem Leben abgelöst. Du kennst die Ehe, aber ihre Heiligkeit ist Dir fremd – Du hast Kinder, aber die Liebe und Pflichten ihnen gegenüber gelten Dir nichts! – Ich habe Dich geliebt, ja angebetet wie nichts auf der Welt – es gibt Augenblicke, wo ich mich daran halten möchte – aber ich kann nicht – – komm nicht, – es hat keinen Sinn, daß wir uns sprechen – nichts, was Du vorbringen magst, kann meine Auffassung umstoßen, meine Ansicht über Dich ändern.

Maria.«

 

Ich schickte diesen Brief mit Eilpost ab, damit er Wislicenus noch erreiche, ehe er nach W… abreiste.

Gegen Abend legte ich mich.

Das Fieber kam und nahm mir das Denken.

Ich redete irre.

Am anderen Morgen war das Bewußtsein nur noch auf Augenblicke vorhanden.

Ich sah das Gesicht des Arztes, hörte wie in weiter Ferne seine fragende Stimme – ob ich irgend etwas Erschütterndes erlebt hätte.

Dann ging mir das Bewußtsein in einem Nervenfieber unter.

Am anderen Tage war mein zwanzigster Geburtstag.

*

Ich war sehr lange krank. Aber dann kam doch der Tag, wo ich gestützt von Kissen, gehüllt in Decken am Fenster im Sessel saß und wehmütig das Wiederkehren der Kräfte empfand. Katinka ging lautlos umher – in rührender Sorgfalt um mich bemüht – zum ersten Male ein Lächeln auf dem lieben, ernsten Gesicht.

Dann sagte ich, während meine Blicke an ihr vorüberglitten: »Katinka, bitte bring' mir die Briefe, die während meiner Krankheit eingetroffen sind.«

Die gute Alte erschrak, zögerte.

»Du kannst sie mir ruhig geben«, sagte ich und sah sie nun fest an. Meine Augen hielten ihren forschenden Blick ruhig aus.

Hatte ich in den Fieberphantasien viel erzählt?

Wußte Katinka von meiner Liebe?

Der Gedanke war mir peinlich.

Katinka kam zurück und legte mit sichtlichem Widerstreben einige Briefe vor mich hin.

Nun zitterte doch meine Hand, als ich die Briefe sichtend durch die Finger gleiten ließ.

Dann las ich.

Und beim Lesen dachte ich mit merkwürdig kritischer Kühle: »Wann kommen die Entschuldigungen, die Bitte um Verzeihung?« – Aber die kamen nicht; und als ich die Schlußworte des eigentlich recht kurzen Briefes gelesen hatte, packte es mich doch, was dieser Mann zu sagen hatte.

Er schrieb:

 

»Ich hoffe annehmen zu dürfen, daß Du mir glaubst, wenn ich sage, daß es nicht Feigheit war, wenn ich dir dies alles verschwieg. – Aber so, wie ich Dich kannte, mit all der kindlichen Zartheit Deiner Mädchenträume, mit Deiner Reinheit, mit Deiner, wie mir schien, völligen Unwissenheit über alle Beziehungen der Geschlechter, deuchte es mir roh und entheiligend, Dir schon vor der Ehe alles zu beichten. Meine Absicht war, Dir alles, alles ohne Rückhalt zu erzählen und zu erklären, wenn Du erst meine kleine Frau wärst. Du hättest dann alles mit andern Augen angesehen – mich verstanden. Und alles verstehen heißt ja wohl auch, alles verzeihen! – Ich weiß ja nicht, wer Dir alles beigebracht hat, aber darauf kommt es ja gerade im Leben an. C'est le ton, qui fait la musique! Bin ich verächtlich hingestellt worden, hat man mich klein machen wollen in Deinen Augen? Oder hat man Dir die Pariser Geschichte als pikantes Histörchen eines bekannten Mannes lüstern zugetuschelt?

Oder hast Du einen Menschen getroffen in des Wortes wahrer Bedeutung, einen Menschen, dem nichts Menschliches fremd ist, und der darum den anderen zu verstehen, in ihn zu dringen, ihn zu erfassen versucht? Hat Dir einer meine Geschichte erzählt, um Dir den ›Menschen Wislicenus‹ näherzubringen?

Was soll ich sagen – erzählen? Du weißt ja alles – nur, fürchte ich, durchtränkt von dem Gifte gehässiger Verleumdung.

Ich kann und will aber meine Handlungsweise nicht entschuldigen, weil ich heute über vieles anders denke als vor zwölf Jahren. Ohne Frage würde ich heute ganz anders handeln, aber jede Lebensepoche hat ihre eigene Auffassung und Entwicklung.

Es liegt mir fern, Dich zu beeinflussen, nur so viel laß mich sagen, daß ich Dich mehr liebe, als ich je eine Frau geliebt habe.

Erst Deine Reinheit und Schönheit haben mich gelehrt, was es heißt, ein Weib zu lieben, voller Andacht zu ihm aufzuschauen wie zu Dir. Solche Gefühle waren mir vorher immer fremd geblieben. Das glaube mir.

Und so stelle ich – hoffend und bangend – nur diese eine Frage: Ist Deine Liebe stark genug, um die Enttäuschung, die ich Dir bereitet habe, zu ertragen?

Dein
Peter Wislicenus.«

 

Aber die seelische Erschütterung war zu groß gewesen. Wie goldene Blätter, die der Wintersturm vom Baume losgerissen hat, zertreten und beschmutzt und unkenntlich am Boden liegen, so hatten sich meine Gefühle von meiner Seele gelöst, waren von mir abgefallen, und ich stand weinend davor und konnte nicht verstehen, daß unklare, häßliche, schmutzige Gedanken dort wühlten, wo einst meine sonnigen Liebesempfindungen geglüht hatten.

Wohl wollte ich dem Geliebten Gerechtigkeit widerfahren lassen. – Aber tote Blätter und tote Gefühle können nie wieder zu sprossendem Leben erwachen.

Einige Tage kämpfte mein Herz in zitterndem Hoffen, die Liebe möge sich durchringen; aber ihr Zauberbann war gebrochen, und es erschien mir leichter, einen Mann ohne Liebe zu heiraten, als einen Mann, den man nicht mehr lieben kann.

Und während draußen durch die Stille der Gärten das Gezwitscher der Amseln erscholl, und die Natur sich in bräutlicher Sehnsucht zur Hochzeitsfeier schmückte, saß ich an meinem kleinen Schreibtisch und schrieb Wislicenus, daß ich sein Weib nicht werden könne. Ein anderer Brief an Tante Adele lag daneben, der nur die wenigen Zeilen enthielt, daß ich in zwei Monaten nach C… kommen würde. Ich sei noch sehr angegriffen von meiner langen Krankheit und wolle mit Katinka für zwei Monate nach Südtirol. – Tags darauf reisten wir ab.

*

Ich verließ Tirol. – Der Zug sauste durch die Ebene.

Hinter mir versank nicht nur das Bergland, – nein – auch eine Vergangenheit, die unwiederbringlich verloren war. Mit dem Abschied von Katinka schied sich mein Leben in zwei Teile, wie Tag von Nacht sich scheidet. Hinter mir ließ ich das freie, ungezwungene Leben, wie ich es als Tochter eines berühmten Malers geführt hatte. Überall, wohin wir gekommen waren, hatte man uns empfangen, wie man eben Fürsten des Geistes oder der Kunst begrüßt. Die liebenswürdige Art meines Vaters trug nicht minder dazu bei, daß man uns stets gern aufnahm. Ich wurde über alle Begriffe von den Menschen verwöhnt, die ihre Dankbarkeit und Verehrung für den berühmten Maler auf diese Weise zum Ausdruck bringen wollten.

Und welchem Leben ging ich nun entgegen?

Ich machte mir gar keine rechte Vorstellung von dem Dasein, das ich führen würde. Dieses Leben im Hause eines Offiziers mit seinen Vorurteilen – seiner einseitigen Lebensanschauung – seiner Tradition.

Es bangte mir davor – Ich lag Nächte lang wach und suchte es nur auszumalen, wie es wohl sein möchte. – Doch was nützte das Grübeln?

Ich machte aller Pein ein Ende, indem ich eines Abends, als Katinka und ich am Fuße der Burg Karneit saßen, zu ihr sagte: »Liebe Alte, wir müssen uns trennen – ich reise morgen – – der Kampf soll beginnen!«

 

Durch die zitternde, ersterbende Helligkeit des Maienabends schob sich wuchtig, stöhnend und stampfend der Zug in die Bahnhofshalle der großen, rheinischen Industriestadt C…

Schon von weitem sah ich Tante Adeles stolze, hohe Erscheinung in tiefer Trauer, flankiert von zwei Mädchengestalten, meinen Cousinen. Die ältere, Gabriele – kurzweg Gabi genannt – war etwa Mitte der Zwanzig, zierlich und graziös im Wuchs. Unter einem schwarzen Samthute lag ein zartes, liebliches Gesicht, und warme, dunkle, leuchtende Augen sahen mir liebevoll entgegen.

Herta, die jüngere, glich auffallend der Mutter. Ebenso groß – mit betont gerader Haltung – hatte sie auch das vornehme, kühle Gesicht und die blonden, glatten Haare Tante Adeles.

Aber alle Scheu, alle Bangigkeit fiel von mir ab, als ich, im Haus meiner Verwandten angelangt, in der Diele Onkel Eberhardt mit ausgebreiteten Armen stehen sah. Der alte Herr, der mich nur als kleines Kind einmal flüchtig gesehen hatte, umarmte mich so herzlich und wußte gleich so warme, gütige Worte zu finden, daß ich beruhigt und dankbar zu ihm aufsah.

Er hatte Gabis Augen und ihr gutes, liebes Gesicht.

*

Schon nach wenigen Tagen hatte ich mich einigermaßen eingelebt, jedenfalls mich in den Ton des Hauses gefunden.

Meine Befürchtungen, die Tante Adele betrafen, erfüllten sich leider nur zu sehr. Sie war das A und das O des Hauses. Was sie sagte, mußte geschehen; was sie dachte, war maßgebend.

Gabi, das zarte, feinbeseelte Mädchen, das unter der herrischen Art der Mutter litt und alles tat, ihrem Vater das Leben zu verschönen oder zu erleichtern, war mir in vielem wesensgleich – was wir beide beglückend empfanden. Sie und die Mutter verstanden sich nicht.

Herta war das Erziehungswerk ihrer Mutter und ihr in vielen Zügen völlig ähnlich. Ich trat ihr nie näher. Sie sprach ganz ohne Scheu davon, daß sie nur eine gute Partie machen oder gar nicht heiraten würde. Adel und Kavallerie sei »das einzig Wahre«, in eine »arme Ehe« passe sie nicht mit ihren Ansprüchen und Lebensgewohnheiten.

*

Der Sommer war dahingegangen, schon tanzten die gelben, buntschillernden Blätter im wirbelnden Todesreigen über die Parkwege. – Der Herbst war da.

Der Todestag meines Vaters jährte sich. Ich fuhr allein nach W… zu seinem Grab, denn mein Heimweh war immer wach in mir, seitdem er mich verlassen.

Und dann kamen Schneestürme; unsere Ritte, die wir täglich unternommen hatten, mußten aufhören. Das Rakett hing am Nagel, die Golfstöcke standen in der Ecke. Ich hatte meinen Cousinen zuliebe viel Sport getrieben und war ganz auf ihre Liebhabereien eingegangen, um ihnen näherzutreten.

Nun sprachen sie dauernd von der kommenden »Saison«, Gabriele mit Seufzen und Unlust, Herta voll Lebensfreude.

Silvester gaben meine Verwandten ein großes Diner. Ich sollte an diesem Tage in die C…sche Gesellschaft eingeführt werden.

Am Abend vor jenem Fest kam Gabriele zu mir. Wenn Herta eingeschlafen war, schlüpfte die Schwester oft herüber und hockte im leichten Überwurf auf meinem Bettrand. So plauderten wir stundenlang.

Heute schüttete sie mir verzagt ihr Herz aus.

»Mama hat mir sehr ins Gewissen geredet«, berichtete sie gedrückt. »Ich weiß, es ist nicht recht, wenn ich dir dies alles erzähle, aber ich muß mich doch einem Menschen gegenüber aussprechen. Sie sagte, dies sei nun der vierte Winter, den ich ausgehe, es sei die höchste Zeit, daß ich heirate, wenn ich Herta nicht schaden wolle.«

Sie seufzte. Ein paar große Tränen stahlen sich über ihr schmales Gesichtchen.

Ich zog Gabi in mein Bett. Nun lag sie zitternd bei mir und fuhr schluchzend fort:

»Sieh, Maria, Mama war heute sehr, sehr verstimmt. Sie sagte: Eure Cousine ist so schön und liebreizend, daß alle Männer nur auf sie sehen werden, alle eure Bewerber wird sie euch wegschnappen. Ihr beiden müßt daher ganz besonders klug und vorsichtig sein, sonst bleibt ihr sitzen. – Ach, wie häßlich dies alles klingt! Im Grunde hatte sie nicht unrecht. Aber was soll ich bloß anfangen? Mir ist dieser Heiratsmarkt schon längst so zuwider. – Nun kommen morgen unter all den vielen jungen Herren zwei, auf die Mama ganz besondere Hoffnungen setzt: der bekannte Friedrich van Overbeek und Dieter von Laßberg, der reiche junge Husar bei der Reitschule.«

»Wer ist Friedrich van Overbeek?« fragte ich, um auch etwas zu sagen.

»Ach, du liebes Schäfchen,« lachte nun Gabi leise, »ich glaube, jeder Mensch in Deutschland und darüber hinaus kennt den Namen van Overbeek, und du hast ihn noch nicht gehört. Van Overbeeks gehören doch die berühmtesten Maschinenwerke Deutschlands. Overbeeks sind vielfache Millionäre und haben eine herrliche, schloßartige Besitzung bei Herrenhausen, einen Reitstall mit den prachtvollsten Rennpferden und die schönsten Gewächshäuser, die du dir denken kannst. Friedrich van Overbeek wurde vor zwei Jahren, als sein Vater starb, Alleinherrscher aller Reußen. Er ist Anfang dreißig, sieht recht gut aus und scheint auch ein netter Mensch zu sein. Du kannst dir denken, wie alle Mütter heiratsfähiger Töchter ihn umschmeicheln, was ihm selber sichtlich zuwider ist; darum hält er sich recht zurück. Immerhin macht er ebenso wie Laßberg Herta etwas den Hof, und da hofft Mama nun, daß einer von ihnen sich ernstlich um Herta bewirbt.

»Und du?« fragte ich zögernd und suchte Gabis Augen.

Sie wurde leicht verlegen und flüsterte: »Ach, liebe, liebe Maria, von mir ist wenig zu berichten. Vor drei Jahren lernte ich einen jungen, armen Infanterieoffizier kennen. Du weißt ja, wie elegant wir stets angezogen gehen, und daß nichts dahintersteckt! Dies wußte ich damals aber noch nicht, weil uns Mama über alle Geldfragen ganz im unklaren liest. Somit glaubte ich, ich könnte Kurt Hegewald heiraten, und wir verlobten uns heimlich. – Ja, und dann mußten wir uns trennen.«

Gabis Stimme brach.

Ich legte ihren Kopf an meine Schulter und streichelte sie, bis sie zu weinen aufhörte und weiterreden konnte.

Und dann sagte sie so leise, daß ich es kaum hörte: »Maria, sieh, jeden Abend beim Einschlafen, da hab' ich solche Sehnsucht, solch unsagbare Sehnsucht. Dann male ich mir aus, wie er dazumal meine Leidenschaft wach küßte, und wie ich nun darnach hungere. Und diese Sehnsucht wächst von Jahr zu Jahr, weil sie keine Befriedigung findet. Ich fühle, wie mich diese Sinnensehnsucht quält und aufreibt. Mama ging einmal mit mir zum Arzt, weil ich elend wurde. Als er mich untersucht hatte, sah er mich lange sonderbar an. Dann hörte ich, wie er leise zu Mama sagte: ›Ihr Fräulein Tochter ist ganz gesund, sie müßte nur heiraten!‹ – Ach, Maria, ist das nicht ekelhaft, daß ich diese Liebe, die ich so heilig und tief mit Leib und Seele empfinde, schließlich nur als körperliches Bedürfnis betrachten soll?«

»Ja, Gabi«, konnte ich mich nicht enthalten zuzustimmen.

»Jeder Mann kann sich befriedigen, aber wir armen Mädchen seufzen, wenn wir nicht heiraten, unsere Sehnsuchtsqualen nachts in die Kissen und malen uns Bilder aus von Wonne und Süße, die wir nie verwirklicht sehen. – Und wenn wir älter werden, nagen diese heimlichen Qualen an unserer Gesundheit, wir werden hysterisch, kränklich. Aber die Erlösung ist uns versagt.«

Gabi richtete sich aus den Kissen auf und ergriff wie beschwörend meine Hand, indem sie ausrief: »Sag, Maria, warum ist dies alles so? – Sind denn nicht alle diese Sittenregeln nur von der Gesellschaft aufgestellt? Jedes Jahrhundert hat andere Sitten. Würde ich schlechter sein, wenn ich ein kurzes seliges Glück mit Hegewald genossen hätte, das mich aussöhnen könnte mit all den freudlosen Jahren, die mir bevorstehen? Nehme ich denn einem Menschen etwas, wenn ich mich dem geliebten Manne gebe, um dann ein ganzes Leben allein zu bleiben? Ich will doch keinen Mann betrügen. Bin ich nicht mein eigener Herr über meinen Leib? Ist es moralischer, sich Nacht für Nacht auszumalen, wie man in den Armen des Geliebten liegt, als dieses Glück in Wirklichkeit zu genießen? Sag', sag', Maria!«

Ich wußte auf all diese Fragen keine Antwort. So lagen wir still nebeneinander, bis ich an den tiefen Atemzügen neben mir merkte, daß Gabi eingeschlafen war. Ich betrachtete lange ihr Gesicht. Die Züge waren so lieblich und so zart wie Treibhausrosen, die nur kurze Zeit blühen.

Ich aber lag noch lange wach und träumte von dem leisen Aufklatschen der Ruder in den Lagunen. Ich sah einen dunklen, schönen Jünglingskopf und hörte weich und einschmeichelnd über die Wasser klingen:

O, dearo Napoli. – – –

 

Am Silvesterabend fand mein erstes Auftreten in der Gesellschaft statt.

Mein Tischherr war der junge Baron von Laßberg. Wir waren in gänzlich verschiedenen Kreisen aufgewachsen und hatten völlig entgegengesetzte Auffassungen in allen Dingen, so daß ein anregendes Gespräch nicht zustande kam.

Er war ein eleganter junger Offizier, etwas verlebt trotz seiner Jugend, und ein glänzender Tänzer.

Wir sprachen fast nur von Pferden, ein Gesprächsstoff, den er wie die meisten Kavalleristen sehr liebte.

Nach dem Essen stellte mir Herta ihren Tischnachbar, Friedrich van Overbeek, vor.

Er war groß und blond und hatte ein freundliches einfaches Wesen, das mir gut gefiel.

Später merkte ich, daß diese Einfachheit gesucht war, er posierte und war andauernd mit dem Gedanken beschäftigt, welchen Eindruck er bei seinen Mitmenschen hervorrief.

Diese Art Menschen stellen unwillkürlich ihr ganzes Tun und Lassen, ihre Auffassungsweise nach der Meinung desjenigen Menschen ein, auf den sie gerade Eindruck machen wollen. Dadurch werden sie zu Schauspielern, die ihre Rollen wechseln.

Das empfand ich an jenem Abend noch nicht.

Overbeek gefiel mir gut, er verstand es, in gewinnender Art auf meine Neigungen einzugehen, und gab vor, eine begeisterte Liebe für meines Vaters Bilder zu haben. Dies nahm mich bei meiner großen Liebe zu meinem Vater gleich für ihn ein. Bald waren wir in ein eifriges Gespräch über Petersburg vertieft, das er auch kannte und ebenso liebte wie ich.

Overbeek führte mich an einen Platz, von dem man alle drei Gesellschaftsräume übersehen konnte. In dem mittleren Salon saßen viele würdige, ältere Damen in großer Toilette und mit großer Wichtigkeit. Irgendein Thema wurde recht ausgiebig behandelt. Sobald eine kleine, korpulente Dame in grauer Moiréetoilette sprach, schwieg alles und sah mit gespannter Miene und zustimmender Kopfbewegung nach ihr hin.

Durch eine Wolke von Rauch sah man in das Herrenzimmer, und in dem Gewimmel von Uniformen, Orden und Hemdenbrüsten konnte ich nur mühsam Onkel Eberhards liebes Gesicht erkennen.

»Wie sonderbar mutet es mich an«, sagte ich zu Overbeek, »daß man in Deutschland nach dem Essen die Geschlechter trennt: in einem Zimmer sitzen die Herren, in dem anderen die Damen – nur die Jugend darf zusammenbleiben.«

»Und alles ist so steif«, pflichtete mir Overbeek bei.

»Ja, nicht nur das,« entgegnete ich, »die Behaglichkeit des englischen Heims, die schöne Harmonie des ganzen Lebensstils, die Sicherheit der persönlichen Haltung, die Freiheit der Umgangsformen zwischen den Geschlechtern, das Fehlen der steifen Komplimente und Titel, alle diese in Fleisch und Blut übergegangenen Errungenschaften einer stolzen alten Kultur kennt man hier nicht.«

Ich seufzte unwillkürlich.

»Sie haben recht«, sprach mein Partner und warf einen prüfenden Blick über die versammelten Gäste. »Hier in Deutschland erstaunt die Einförmigkeit nicht nur der Manieren, sondern auch der Anschauungen und Gesinnungen. Alle diese Menschen, die Sie hier sehen, denken und reden fast genau dasselbe.«

»Ich liebe Deutschland sehr,« sagte ich, »und wenn wir jahrelang im Ausland lebten, so hatte mein Vater oft ein wahres Heimweh – aber man wird in der Fremde auch sachlicher und kritischer selbst dem Vaterland gegenüber, und Vater sagte oft: ›Man kann das Deutschtum nicht genug bewundern, aber seine Geselligkeit, seine Gastfreundschaft in großem Stile – nein, die ist schrecklich, das verstehen die Deutschen nicht. Es wird immer langweilig und steif – oder derb und unfein.‹«

Overbeek sah mich an: »Es muß Ihnen sehr schwer fallen, sich in so veränderte Verhältnisse einzuleben?«

»Ja.«

»Sie kommen mir vor wie eine verwunschene Prinzessin.« Halb Scherz, halb Mitleid klang in diesen Worten.

»Und wer wird mich erlösen?« wollte ich neckend fragen, aber es fiel mir noch rechtzeitig ein, daß diese Äußerung mißverstanden werden konnte. – Ich wurde rot und brach das Thema ab, indem ich ganz unvermittelt fragte:

»Wer ist die schöne, lebhafte Frau mit dem schwarzen Haar und dem blaßgrünen Crêpe de Chine-Kleid? Obgleich ich kein Wort verstehen kann, muß ich sie immer ansehen, während sie spricht, sie hat so etwas Bezauberndes an sich.«

»Es ist Frau Treuenfels, ihr Mann ist Landrat auf Hohenfries; das Landratsamt liegt ganz in meiner Nähe, und so hab' ich oft Gelegenheit, mit dem Ehepaar zusammenzukommen.«

»Ist sie so reizend, wie sie aussieht?«

»Ja, und sie ist nicht nur reizend. Sie ist auch eine kluge Frau, spielt meisterhaft die Geige, ist eine liebevolle Mutter ihrer beiden kleinen Töchter und eine gute Kameradin ihres Mannes.«

»Also eine Musterfrau«, ich mußte bei dieser begeisterten Schilderung ein wenig lächeln.

»Ja – man ist allgemein der Ansicht, daß die Treuenfels' das netteste Haus machen. Er ist nicht der konservative Landrat, bei dem man in erster Linie Adel und Landwirte antrifft. Man kommt dort mit allen Kreisen zusammen, Finanzleuten, Künstlern, Kaufleuten. Alles trifft man dort.«

»Ist er auch eine Persönlichkeit?«

»Ja, er ist ein ganz vortrefflicher, kluger und weitsichtiger Mann, der sehr beliebt ist.«

»Wer ist der Offizier, mit dem Frau Treuenfels spricht?«

»Graf Boyneburg, der bekannte Herrenreiter.«

Ich sah ihn genauer an. Es war ein Hüne, eine elegante Erscheinung, Habichtnase, Monokel.

»Ein sogenannter schöner Mann«, sagte ich mit leisem Spott.

»Nicht frühzeitig spötteln, Gräfin,« sagte Overbeek und sah mich lächelnd von der Seite an, »Boyneburg hat unzähligen Frauen das Herz schon gebrochen, die auch zuerst solch ungläubiges Gesicht machten.«

»Das kommt auf die Frau an«, sagte ich in verändertem Ton und stand auf, denn ich sah, wie Gabi mir bedeutete, zu ihrem Kreis zu kommen, und die Wendung unseres Gespräches paßte mir nicht.

Overbeek und ich gingen hinüber, und Gabi, die mit einer großen, blonden Dame zusammenstand, stellte mich vor.

Es war Elisabeth van Overbeek, seine Schwester.

Gleich in der Art, wie diese Frau – sie mochte am Ende der Dreißig stehen und hatte große, offne Züge – mir die Hand entgegenstreckte, lag so viel ruhige Sicherheit, ja Würde, daß ich mich sofort zu ihr hingezogen fühlte. Die klaren, blauen Augen sahen den Partner forschend an, und die ungekünstelte Sicherheit ihrer vornehmen Erscheinung atmete eine ungewöhnliche Abgeklärtheit.

Onkel Eberhard hatte mir viel von ihr erzählt. Sie sollte ganz Ungewöhnliches auf sozialem Gebiet leisten. Die großen Mittel und der berühmte Name, die ihr zu eigen waren, ermöglichten ihr eine reiche Betätigung. Hinter Herrenhausen, wo sich die großen Maschinenwerke dehnten, breitete sich die Arbeitersiedlung aus, die zu den Werken gehörte. Man konnte es schon eine Arbeiterstadt nennen, was da im Laufe von dreißig Jahren erstanden war. An dreißigtausend Arbeiter beschäftigten die Werke, und diese lebten mit ihren Familien in dem Ort, der nach dem verstorbenen Friedrich van Overbeek » Friedrichsort« genannt war. Und diese Frau, diese Elisabeth van Overbeek, opferte ihr ganzes Leben, um in dieser Arbeiterstadt die Schäden der Gesellschaft zu heilen und die Förderin, Helferin und Trösterin von vielen tausend Menschen zu werden.

Im Laufe des Gespräches sagte sie lächelnd in ihrer schlichten Art: »Ich hatte das Heiraten vergessen, und nun habe ich für so viele Familien zu sorgen, daß ich, so merkwürdig es klingen mag, mir oft sage, ich durfte gar nicht heiraten, denn was wäre dann aus Friedrichsort geworden! Dieser Aufgabe muß ich mich ungeteilt mit Leib und Seele widmen, sie erfordert den ganzen Menschen. Und wer etwas Ganzes leisten will, darf sich nicht zwischen einer eigenen Familie und einer großen sozialen Tätigkeit zersplittern.«

Ich fühlte mich zu dieser Frau ungemein hingezogen – bald waren wir in so angeregte Unterhaltung vertieft, daß ich ganz traurig war, als sich die ersten Klänge eines Walzers zu uns verirrten, und Graf Boyneburg sich vor mir verbeugte.

Ein Tänzer löste den anderen ab – eine Melodie verdrängte die andere – die Paare glitten an mir vorüber, und ich kam erst zur Besinnung, als kurz vor Mitternacht die älteren Herrschaften in der Flügeltür erschienen und zum Aufbruch mahnten.

*

Ich kam gar nicht mehr zur Sammlung, zum ruhigen Sichbesinnen, das jedem so not tut. Ich wurde mitgetrieben vom Strom der Jugend, die sich austoben wollte.

Es gab keinen Abend mehr, an dem wir zu Hause waren.

Wenn ich einen Ballsaal betrat, ward ich sogleich von einem großen Kreis Herren umdrängt, die um einen Tanz baten; meine Tanzkarte wurde mir förmlich entrissen; beim Blumenwalzer konnte ich die Fülle der mir überbrachten Sträuße nicht bergen. Beim Morgenritt losten die Herren untereinander, wer an meiner Seite reiten durfte. Einmal bekam ich im Laufe einer Woche drei Anträge, von dem jungen Marc Cartee, der Attaché bei der englischen Botschaft war, einem Regierungsassessor und einem Offizier. Ich war darüber völlig erstaunt, ja fassungslos – denn ich bemerkte das Unheil erst, als es geschehen war, und der betrübte Ritter abzog.

Dann kam auch der junge Laßberg.

Und als ich auch ihm das selbstverständliche Nein sagte, wurde ich plötzlich gewahr, daß ich mir nicht klar bewußt war, wohin ich trieb, und was ich eigentlich wollte.

Da man über das Chaos der einen bestürmenden Gefühle oft erst Klarheit erhält, wenn man sich mit einem wohlgesinnten Menschen ausspricht, so benutzte ich einen Spaziergang mit Onkel Eberhard, um ihm einmal das Herz auszuschütten.

Der klare, gütige Mann, der sich ein köstliches Verständnis für die Jugend bewahrt hatte, hörte sich meinen Bericht ruhig an.

»Wie mir scheint«, sagte er – dabei blieb er einen Augenblick stehen und zog scharf die Luft durch die Nase – »weißt du nicht, was du willst, aber heiraten wollt ihr Mädels doch schließlich alle.«

»Aber Onkel!«

»Na, na – nicht verletzt sein, Kind, ich drücke mich eben etwas derb aus, meine es aber ehrlich.«

»Onkel, ich sprach mit Tante Adele davon, daß ich einen Beruf ergreifen wollte, das war schon vor einem Jahre, aber sie vertröstete mich auf die Zukunft.«

»Da muß ich deiner Tante ausnahmsweise einmal recht geben«, lachte Onkel Eberhard, und als er merkte, daß er sich im Ausdruck wohl vergriffen hatte, setzte er verlegen hinzu: »Deine Tante, meine gute Adele, ist eine sehr vernünftige Frau, das muß man ihr lassen.«

»Und der Beruf?« beharrte ich – –

»Kind, großer Gott, nun sei doch auch mal vernünftig – komm, setz' dich mit mir ein wenig auf jene Bank in die Sonne. – Wie? Zu kalt? – Märzsonne wärmt alte Glieder – heute ist's köstlich sonnig – so – sitzt du gut? – Nun höre mich mal an, und dann kannst du mir hinterher deine Bedenken sagen, wenn du noch welche hast.

Sieh' – Beruf hin, Beruf her – um glücklich zu werden, mußt man auch zu einem Beruf passen. – Du nickst, siehst du, wir verstehen uns schon, Paß auf! Geh' mal all' die weiblichen Berufe durch, die so junge Mädchen deiner Kreise ergreifen, wenn nicht irgendein ausgesprochnes Talent, das du nicht hast, ihnen den Beruf vorschreibt!

Hofdame? – Du sagst: ›Schrecklich‹ – na, Lehrerin, Bibliothekarin, Säuglingsschwester, um einem Kinderheim vorzustehen, und was es sonst noch an weiblichen Berufen für ›höhere Töchter‹ gibt, kannst du doch unmöglich werden.«

»Warum nicht?«

»Aber Maria! Da fragst du noch? Ich sagte vorhin, man muß zu seinem Beruf passen, und du stimmtest dem bei. Sag' mal, paßt du zu einer Bibliothekarin? – Das Studium mag ja sehr interessant sein, schön, aber dabei bleibt's nicht. Später mußt du Punkt neun Uhr bei Sturm und Regen dich zur Bibliothek trollen, Bücher ausleihen, katalogisieren usw. – Nachmittags wieder hinpilgern – dasselbe in Grün und so alle Tage – glaubst du, daß eine junge, unsagbar verwöhnte, elegante Dame wie du sich dazu eignet?«

»Nein.«

»Also weiter – Lehrerin – nun, du schüttelst schon den Kopf – Säuglingsschwester?«

»Würde ich mit Freuden werden«, warf ich schnell ein.

Onkel Eberhard hob erstaunt den Kopf.

»Nun schön, aber kann man solch' Puttchen nicht auch pflegen und behüten als eigne Mutter – in der Ehe –?«

Ich schwieg.

»Ich würde gern studieren,« sprach ich leise und hob den Kopf – »Kunstgeschichte zum Beispiel oder auch Philosophie!«

»Aber Kind.« Der gute Mann wurde ganz erregt und wandte mir voll das Gesicht zu. »Du bist klug, ungewöhnlich klug und gebildet, ich geb's zu, schüttele nicht in falscher Bescheidenheit den Kopf, aber all' dein Wissen nützt dir bei der Unregelmäßigkeit deiner Durchbildung zu Studienzwecken herzlich wenig. Heutzutage werden alle möglichen Abgangszeugnisse, geregelte Schulbildung, Abiturium usw. verlangt, um zum Universitätsstudium zugelassen zu werden. Du hast nie eine Schule besucht, tausend Anfangsgründe würden dir fehlen, du würdest unzählige Schwierigkeiten zu überwinden haben. – Dein kleines Vermögen würde über jahrelangem Arbeiten draufgehen, ohne dass dir Gewissheit für eine gesicherte Zukunft geboten würde.«

Ich seufzte.

»Zum Unglücklichsein, liebes Kind, liegt gar keine Veranlassung vor – denn einen Beruf weiß ich, für den du dich vorzüglich eignest, und der allein für dich in Betracht kommen kann.«

»Und der wäre?« Erfreut wandte ich mich ihm zu.

»Eine glückliche Ehe, Kind. Das ist es – –«

Wir schwiegen beide.

Ich hatte die Hand auf den Arm des alten Mannes gelegt und blickte verloren vor mich hin. Ein Buchfink kam geflogen, hüpfte vergnügt vor unseren Füßen, sah uns mit seinen klugen Äuglein an und flatterte davon.

Die Sonne war im Sinken. Herbfeuchte Märzkühle kroch wieder empor und verdrängte das Frühlingsahnen. Wir erhoben uns. Ich ließ meinen Arm in dem des alten Herrn. So schritten wir in den Abend hinein.

»Onkel,« sagte ich mit bedeckter Stimme, »du sprichst von einer glücklichen Ehe. Ach, ich weiß ja, daß des Weibes Bestimmung die Ehe ist, und daß es nichts Schöneres geben kann, als wenn sich zwei Menschen von Herzen gut sind. Ich habe einmal geliebt,« fügte ich leiser hinzu, »es war eine unglückliche Liebe. Ich kann nicht wieder lieben und will darum auch nicht heiraten!«

»Maria, Liebe und Ehe sind nicht die gleichen Dinge«, hörte ich die Stimme des Mannes an meiner Seite. »Wenn man jung ist, glaubt man, das gehört zusammen. Ist man alt, so weiß man, daß es nur wenige Bevorzugte gibt, die beides in einem erleben. – Du mißverstehst mich aber, wenn du nun annimmst, ich wäre durchaus dafür, daß du den Laßberg heiratest oder den Regierungsassessor. Zu dem einen paßt du ebensowenig wie zu dem andern. Aber wenn einmal ein Mann zu dir tritt, dessen Beruf, Lebensgewohnheiten, Ansichten und äußere Eigenschaften zu dir passen, so wage getrost den Schritt; meist werden solche Ehen glücklicher – denn die Liebe kommt oft nach – als jene, die in großer Liebesleidenschaft geschlossen werden.«

»Ja, Onkel – du hast recht.«

 

Ich lag jetzt nachts oft lange wach.

Das Gespräch, das ich mit Onkel Eberhard geführt, hatte mir zur inneren Klarheit verholfen. Er hatte recht, ja, er hatte recht.

Was waren das alles für verschwommene Träumereien gewesen, die ich mir da unter dem Worte »Beruf« vorgestellt hatte. »Beruf« ist ein höllisch ernstes Wort und will ernst genommen sein. Ja, und zum Beruf mußte man passen – da hatte er wiederum recht.

Und die Ehe war auch ein Beruf – der schönste und der schwerste. Je mehr man von der Ehe erwartete, desto schwerer war er. Und der schönste – wurde das Weib doch erst durch den Mann vollendet, und der Vollendung Krone war und blieb das Kind!

*

Der Winter hielt dies Jahr lange an.

Ende März hatten wir wieder große Kälte und starken Schneefall. Die Jugend jubelte – man konnte sich nicht genug tun – unaufhörlich reihte sich Fest an Fest.

Wir ritten viel im Tattersal, denn meine Basen waren ebenso leidenschaftliche Reiterinnen wie ich.

Und als eines Morgens der Reitlehrer mit uns allen hinaus in den Wald reiten konnte – denn mit Macht setzte endlich der Frühling ein – da sah ich bei der hellen Märzsonne, wie abgespannt und müde alle die jungen Gesichter aussahen.

Als wir zurückritten, schritt Overbeeks Halifax an meiner linken Seite.

Die Märzsonne machte so müde – wir fühlten es beide, wir sprachen nicht. Man hatte sich ja auf unzähligen Gesellschaften gesehen und ausgesprochen, und was sich eine junge Dame von Welt und ein junger Herr in der Gesellschaft zu sagen haben, bleibt im Grunde immer das gleiche Lied, allenfalls mit Variationen. Sie glauben einander zu kennen und sind sich doch völlig fremd, wie Blätter, die der Herbstwind im gleichen Wirbel über die Stoppeln fegt.

Am Nachmittag desselben Tages ließ Onkel Eberhard mich zu sich rufen.

In freudiger Erregung ging der alte Herr mir entgegen und ergriff meine beiden Hände:

»Maria, liebes Kind, eine große Überraschung, eine sehr ehrenvolle Anfrage – nun du ahnst es? – du schüttelst den Kopf? – kleine Heuchlerin!« – er lachte.

»Onkel, was meinst du?« – ich fühlte, daß ich nervös wurde.

»Na also, wenn du mir nicht helfen willst, polterte Onkel Eberhard in seiner gutgemeinten graden Art hervor – »also Herr van Overbeek hat um dich angehalten! – Nun, was sagst du, bist du selig? Ihr werdet ein prächtiges Paar abgeben, ihr paßt gut zusammen – nein, solch eine Partie – wie ich mich freue! Was werden wohl die Menschen zu unserem Glückskind sagen!«

Der gute alte Mann überstürzte sich in seiner Freude und sah nicht meine Erschütterung. – Nun wo es da war, was ich längst geahnt hatte, kam es mir doch so plötzlich, daß ich kaum Zeit fand, mich zu sammeln. Onkel Eberhard öffnete schon die Tür und ließ uns allein.

*

»Sie werden überrascht sein, mich hier zu sehen«, sagte Overbeek, als ich eintrat.

Ich dachte: So wird also ein Antrag eingeleitet, wenn er formvollendet und standesgemäß ist? Und etwas wie Humor regte sich in mir, als ich den großen stattlichen Mann, der stets so selbstbewußt auftrat, in leichter Erregung vor mir stehen sah.

»Nein,« sagte ich, »ich habe damit gerechnet.«

Diese Antwort schien er durchaus nicht erwartet zu haben. Sie war offen und ohne die geringste Ziererei und paßte darum gar nicht in sein Programm. Eine leichte Verlegenheit kam über ihn, als er nun fortfuhr: »Ich habe soeben Ihren Herrn Onkel um seine Genehmigung gebeten, um Ihre Hand anzuhalten. Ich habe Sie sehr lieb und würde mich unendlich glücklich schätzen, wenn Sie meine Frau würden.«

Wie er mir später sagte, hatte er erwartet, daß ich ihm mit freudiger Zustimmung die Hand reichen würde, da er mir ein fürstliches Vermögen und eine fürstliche Stellung bot. Desto überraschter war er, als ich ihn ruhig bat, Platz zu nehmen, und, indem ich seinen Augen offen begegnete, sagte:

»Wie Sie sehen, Herr van Overbeek, finden Sie mich nicht überrascht – ja, ich kann wohl sagen, ich habe damit gerechnet. Da mir Ihr Antrag, der mich ehrt, nicht überraschend kommt, brauche ich keine Bedenkzeit, um mich zu entscheiden. Denn wenn man mit einer Möglichkeit rechnet, wird man sich natürlich darüber klar, wie man sich dazu stellen soll.«

In seine Augen trat ein leichter Spott, als er mit einem mir unangenehmen Selbstbewußtsein die Frage dazwischenwarf: »Wird es Ihnen denn so schwer, die Frau eines van Overbeek zu werden?«

»Sie mißverstehen mich,« sagte ich kühl und bog den Hals in den Nacken – »wir gehen beide von verschiedenen Gesichtspunkten aus – das ist alles.«

Er schob mit einer schroffem Bewegung die Blumenschale beiseite, die zwischen uns stand:

»Merkwürdige Auffassung einer so jungen Dame.«

»Ich hatte früher nicht diese Auffassung – erst das Leben hat sie mich gelehrt.«

Meine Stimme hatte einen dunklen Klang.

»Sie haben Schweres durchgemacht?« Er zog seinen Sessel näher an mich heran und bog den Oberkörper vor.

Seine langen gepflegten Hände spielten nervös mit den grauen Handschuhen zwischen den Knien.

»Ja.«

»Und darum wird es Ihnen schwer, sich zu binden.«

»Ja – deshalb.«

Es war gut, dieses Fragen. Antworten ist leichter, als das Herz von selbst öffnen.

»Und haben Sie kein Vertrauen zu mir? Können Sie sich nicht entschließen, mein Leben zu teilen?«

»Ich bin Ihnen Offenheit schuldig – ja, es ist unbedingt nötig, daß ich Ihnen alles sage,« erwiderte ich zögernd und preßte die Hände aneinander. »Ich habe einen Mann über alle Begriffe liebgehabt und erfuhr eine Enttäuschung – nun kann ich nicht wieder lieben.«

»Das denkt beim erstenmal ein jeder und läßt sich dann eines Bessern belehren.«

»Ich nicht,« sagte ich hochmütig und fühlte, wie meine Züge kühl und abwehrend wurden.

»Und Sie haben ihn noch lieb«, forschte er.

Ich verzieh ihm diese Zudringlichkeit, die seine Lage ihm erlaubte.

»Ich weiß es nicht – ich glaube nein – jedenfalls brachte ich es nicht über mich, ihn zu heiraten.

Ich habe dann daran gedacht, einen Beruf zu ergreifen, aber ich fühlte aus allem heraus, daß ich dazu nicht paßte. – Meine Erziehung, meine Lebensgewohnheiten behaupteten sich im Kampf gegen den Wunsch, einen der Frauenberufe zu ergreifen, die mir offen standen.«

»Sie und einen Beruf ergreifen!« – Er lächelte. »Sie mit den Ansprüchen und Lebensgewohnheiten einer Prinzessin.«

»Ich weiß nur einen Beruf, für den ich passe: Frau und Mutter zu sein – darum will ich heiraten«, sagte ich ernst.

Ich hatte meine Ruhe wiedergewonnen und sah ihn voll an.

»Und warum erhören Sie gerade mich? Ich weiß ja, wie viele sich um Sie bewerben.«

Diese Frage war eine kleine Bosheit – ich fühlte es. Der Mann dachte: »Mein Reichtum ist doch schließlich der Gott, den sie anbetet.«

»Herr van Overbeek,« sagte ich, und eine leichte Blutwelle kam und ging, »Sie sagten soeben: ›Sie mit den Ansprüchen und Lebensgewohnheiten einer Prinzessin‹ – Ich glaube, daß weit mehr als die Liebe gleiche Gewohnheiten und Bedürfnisse entscheidend dafür sind, ob man miteinander glücklich wird. – Sie kennen mein Leben – es ist so verschieden von dem gewesen, das andere junge Mädchen unserer Kreise führen. Ich hatte die Freiheit einer Prinzessin, ich kannte nicht das ängstliche Hinschauen nach Vorgesetzten und Maßgebenden, wie es in deutschen Beamten- und Offizierkreisen Sitte ist. Nie hatte ich das Gefühl, daß jemand gesellschaftlich über uns stand, und niemand fiel mir mit Wendungen lästig wie: »man sagt« oder »man sieht es gern, wenn …« Ich würde darum unglücklich sein, wenn mein Mann all' dies von mir verlangte. Von Ihnen weiß ich, daß Sie das nicht von mir verlangen werden. Ich weiß es, Sie sind selbst ein Fürst in Ihrem Reich, Sie haben im gewissen Sinne dieselben Lebensforderungen wie ich – das ist für mich ausschlaggebend, und dann: das Herz kommt nach, wenn der Kopf sagt: so ist's vernünftig, so muß es sein. Das hilft nach, sobald der Verstand einen unabänderlichen Lebenszustand festgelegt hat. Und endlich die Gewohnheit! – Lieber Herr van Overbeek, was man für Verständnis und Liebe hält, ist ja oft bloß Gewohnheit!«

Und während ich all dies sprach, dachte ich: und so sprichst du – du – die du solch große Idealistin – solch reines Kind in deiner großen Liebe warst.

»Da ich Sie sehr lieb habe, hoffe ich, daß auch Sie glücklich werden und mich lieben lernen«, sagte Overbeek und stand auf. – Da erhob ich mich auch und ging auf ihn zu.

*

Fast jede Verlobung bringt freudige Unruhe in ein Haus.

Es war ja vorauszusehen gewesen, wie die Familie Hartenstein die Nachricht von meiner Verbindung mit Friedrich van Overbeek aufnahm.

Onkel Eberhard schloß mich gerührt und erfreut in die Arme und beteuerte allen, daß ich ein Glückskind ohnegleichen sei und dementsprechend sehr zufrieden. Gabi, die einzige, der ich meine Unterredung mit Friedrich mitgeteilt hatte, war von warmherzigen Wünschen für meine Zukunft erfüllt.

Tante Adele und Herta konnten zunächst nur schwer ihre Enttäuschung meistern. Es war ja auch sehr hart für sie, denn sie hatten sich im stillen mit der festen Hoffnung getragen, daß Herta die Erwählte sein werde. Aber gottlob empfanden sie es bei ihrer Eitelkeit schließlich als eine Genugtuung, daß eine nahe Verwandte von ihnen diese »berühmte Partie« machte, von der alle Welt sprach.

Und ich? Ich war glücklich. Wenigstens sagte ich es mir täglich, wie glücklich ich sein müsse, und wie diese Heirat das allerbeste für mich sei – denn was hatte Onkel Eberhard gesagt? – Und Onkel Eberhard mußte es wissen; er hatte aus reiner Liebe geheiratet!

 

An einem schönen Vorfrühlingstage sandte Friedrich uns sein Juckergespann, das uns nach Schloß Petersdorf bringen sollte. Mein Verlobter wollte mir mein künftiges Reich zeigen.

Schloß Petersdorf liegt, von einem großen alten Park umschlossen, eine halbe Stunde von dem Vorort Herrenhausen entfernt am Eingang der Arbeiterstadt Friedrichsort. Die Schlote und Werke von Friedrichsort steigen wie eine düstere Kulisse hinter dem Schloßpark empor und tragen in die Welt vornehmen Herrentums den schroffen Gegensatz werktätiger Arbeit.

Das Schloß ist im schottischen Stil erbaut und kaum ein halbes Jahrhundert alt.

Ruhig und vornehm steigt die Fassade aus dem satten Grün des Parkes empor, nach der hinteren Parkseite der ganzen Länge nach von stattlichen, breiten Terrassen begleitet, der Ehrenhof durch eine eindrucksvolle Portalanlage abgeschlossen.

Das Innere hatte nach den Angaben des verstorbenen Herrn van Overbeek für die vorhandenen Kunstschätze einen entsprechend würdigen Rahmen abgeben sollen und war den edelsten Schöpfungen dieser Art im Inland und Ausland mindestens ebenbürtig.

Es war nicht ein lebloses Privatmuseum, sondern ein bei aller Seltenheit der Einrichtung, bei aller Pracht der Ausstattung durchaus wohnliches Heim; wohnlich und festlich zugleich, wie geschaffen für eine Geselligkeit großen Stils.

Im Erdgeschoß lagen die Empfangsräume. Diese durchweg klassischen Proportionen der einzelnen Räume, diese Harmonien der Farbe! – Man konnte nicht genug bewundern und staunen, wie der Bauherr, der doch kein Fachmann gewesen, alles bis ins kleinste zur Vollendung gestaltet hatte.

Im Obergeschoß waren die Schlaf- und Ankleideräume, in dem linken Flügel die Gemäldegalerie, im rechten die Fremdenzimmer.

Ich war ganz überrascht von allem, was ich da zu sehen bekam; war ganz überwältigt in dem Gedanken, daß ich Herrin dieses fürstlichen Besitzes sein sollte.

Als Tante Adele mit Onkel und den Cousinen vorausgegangen war, um den Park zu besichtigen, blieb ich einen Augenblick zurück. – Friedrich sah mich fragend an.

Da legte ich den Kopf in den Nacken, hob die Augen zu ihm empor und sagte leise und dankbar: »Wie wundervoll werde ich es haben! Wie werde ich alles tun, um auch dich glücklich zu machen!«

In sechs Wochen sollte Hochzeit sein – schon im Mai.

Es kam mir viel zu plötzlich – ich bat bis zum Herbst zu warten, aber Friedrich sagte, er wolle nicht einen Tag länger warten als nötig, er war ungeduldig verliebt und beteuerte immer wieder, ich hätte doch außer meiner Brautausstattung nichts zu besorgen, und das gehe doch sehr schnell.

Er kam oft zweimal am Tage mit seinem Dogcart vorgefahren, brachte Adressen von Wiener und Pariser Modehäusern, prüfte selbst die englischen Stoffe, das Leder des Automantels, befühlte die Seidenproben, die er aus Lyon hatte kommen lassen, und war dermaßen genau über all das unterrichtet, was eine Dame von Welt und Geschmack braucht, daß ich nicht genug staunen konnte.

Tante Adele sagte mir, daß sie sich mit Friedrich darüber verständigt habe, daß mein kleines Vermögen ganz für den Trousseau angelegt werden solle, und daß dieser nicht schön und geschmackvoll genug sein könne.

Mir war der Gedanke unbegreiflich, ja erschreckend, für Kleider, Wäsche, Stiefel und all die tausend schönen Nichtigkeiten einer verwöhnten Frau ein Vermögen anzulegen, aber ich sah wohl ein, daß ich, wie die Dinge lagen, meines Verlobten Wunsch erfüllen mußte.

Nicht einen Augenblick kam mir der Gedanke, daß ein deutsches Modehaus, eine deutsche Wäschefirma mir doch sicher ebensolche Dinge hätte liefern können. Ich war viel zu kosmopolitisch erzogen und hatte kein Gefühl für das Wort Vaterland. Es gab für mich kein Volk – keine Heimat. Ich kannte nur die Menschheit und die Welt.

In all das unruhige Getriebe, das einer kurz anberaumten Hochzeit vorausgeht, kam neue und vermehrte Unruhe, wenn auch freudiger Natur.

Herta hatte sich verlobt – mit Dieter von Laßberg.

Sie strahlte – Tante strahlte – und so strahlte das ganze Haus, Auch dieses Paar wollte mit der Hochzeit nicht lange warten und bedrängte die Mutter. Das war der armen Tante Adele trotz allen Stückes etwas zu viel.

So sagte sie diktatorisch:

»Maria heiratet im Mai, du im Juli – damit basta! Wenn Maria fort ist, kommst du daran, denn bei dir gibt es viel mehr Arbeit, mit Möbeleinkauf und Wohnungsuchen.«

Wie in einem Bienenhause ging es nun bei uns zu. Die Stimmung war fröhlich, erregt – es gab so viel zu bestaunen und zu beraten, und ich wäre vollkommen glücklich gewesen, wenn ich nicht gesehen hätte, wie Gabi unter all dieser Fröhlichkeit litt.

Es war ja kein Wunder – mit einem Schlage waren zwei Bräute im Hause, und nur sie, die Älteste, blieb unverlobt.

Oft sah ich sie mit Tränen kämpfen, aber ich mochte sie nicht mit leeren Worten trösten und sprach dann davon, daß sie viel bei uns draußen in Petersdorf sein müsse, wir wollten viel Jugend im Hause sehen und mit ihr recht vergnügt sein. Und zu Hause würde doch nun alles viel leichter für sie sein, wo sie fortan die einzige Tochter sei.

Sie schüttelte dann so eigen den Kopf. – Ich vermute, das war ihr ein sehr schwacher Trost.

Was ihr fehlte, wusste ich ja.

*

Wenn mich die Äußerung irgendeines Menschen verletzt oder befremdet hatte, so konnte ich es nie lassen, Klarheit zwischen mir und ihm zu schaffen.

Eine Unterhaltung mit Herta hatte solch' unklare, quälende Gefühle in mir ausgelöst.

Es war wenige Tage vor der Hochzeit.

Friedrich hatte mich mit dem Dogcart abgeholt, und als die Stadt hinter uns lag, und den entzückten Blicken sich eine liebliche Landschaft auftat, die Herz und Seele mit Ruhe und Frieden füllte, faßte ich mir ein Herz.

»Du, Friedrich, hast du mich wirklich lieb?«

Er lachte, nickte, »aber natürlich, Schatz, sehr.«

»Ich meine nicht nur meinen äußeren Menschen, sondern meine Seele – mein Innerstes – verstehst du mich?«

Es muß wohl etwas Banges, Flehendes in meinem Ton gelegen haben, denn er ließ das Pferd plötzlich langsam gehen, sah mich verwundert an, und sein sonst so energisches, aber etwas brutales Gesicht spiegelte jetzt eine gewisse Ratlosigkeit wieder.

»Aber Kind, was machst du dir für Gedanken?«

»Du – Herta deutete mir neulich an, du hättest ihr erst so sehr den Hof gemacht, daß sie annehmen mußte, du würdest ihr einen Antrag machen. Aber als du mich kennen lerntest, sei deine Neigung für sie plötzlich erloschen.«

Ich erwartete nun, daß er sagen würde: Ich fühlte, Herta ist eine schöne, aber hohle Puppe, du aber bist ein feiner, guter Mensch, eine Frau, die man sich als Kameradin wünscht, mit der einen gleiche Anschauungen verbinden, und deren reine Seele einen mit inniger Liebe erfüllt.

So Ähnliches hoffte ich zu hören!

Er aber sagte lachend: »Ach, die kleine, eitle Kröte, die Herta – nun, ich bin eine bessere Partie als der kleine Laßberg, cela tout, sie ist beleidigt, weil ich dich wählte.

Nun ja, sie hätte ganz gut zu mir gepaßt, sie ist eine elegante, schöne Erscheinung und eine glänzende Reiterin, dabei vergnügt und voll kleiner Kaprizen – man hätte mit ihr Staat machen können. – Aber dann kamst du, Maria; deine Schönheit übertraf die Hertas doch bei weitem – alle Welt sprach von dir: Du bist die Tochter des berühmten Malers – bist viel in der Welt herumgekommen – ganz große Dame und Gräfin!

Ich hatte von jeher das Gefühl gehabt, daß mir nie eine junge Dame einen Korb geben würde – nun, so wählte ich dich, weil du den meisten Herren als unerreichbar galtest, und alle dich umschwärmten – und bin nun stolz und glücklich, daß ich dich habe!«

»Also so ungefähr, wie wenn man ein berühmtes Pferd oder Bild kauft und stolz ist, daß die anderen es nicht bekommen haben?« fragte ich tonlos.

»Ja, so ungefähr,« sagte Friedrich lachend, ohne im entfernteren zu ahnen, wie weh mir ums Herz war, wie schmerzlich mich seine Worte berührt hatten.

Er spornte das Pferd an, und nun ging es wieder im Trabe in den lachenden Maientag hinein.

*

Ich liege im Park, und der Altweibersommer spinnt seine Märchenfäden. Unter einer Rotbuche ist der Liegestuhl aufgeschlagen, und von meinem Platz habe ich einen wundervollen Blick auf die Rückseite des Schlosses mit seiner breit vorgelagerten Terrasse. Es ist sehr warm, und die Luft schläfert ein. Zwischen halbgeschlossenen Lidern kann ich beobachten, was auf der Terrasse vorgeht – wie die Diener den Frühstückstisch abräumen, wie der Gärtner die Blumen bringt. Dann regt sich gar nichts mehr, nicht auf der Terrasse und nicht im Park – die Natur selber liegt im Banne der drückenden Sommerwärme. Zwischen den Fingern halte ich ein Buch, aber ich lese schon seit geraumer Weile nicht mehr, sondern träume, sinne, grüble.

Nun bin ich schon vier Monate verheiratet, aber vor zwei Wochen sind wir erst auf Schloss Petersdorf eingetroffen.

Nordöstlich von der Hafenstadt Cork in Irland liegt in lorbeerumwucherter Einsamkeit des Lord Mac Donald Stammschloss Castle Carrignavare. Mac Donald und Friedrich hatten sich vor Jahren im Klub in London kennengelernt und angefreundet. Jetzt war Mac Donald Offizier in Indien und hatte Friedrich Carrignavare als Aufenthalt für den »Honigmond« angeboten.

Drei Monate hatten wir auf dem Landsitz zugebracht, waren viel geritten und hatten Ausflüge nach den Killaneyseen gemacht, die in ihrer subtropischen Schönheit an Kaschmir, Indiens Perle, erinnern. Aber schließlich hatte doch alles unter dem Eindruck gestanden, unter dem alle Hochzeitsreisen stehen. Und wenn ich jetzt an meine Hochzeitsreise zurückdenke, so verfolgen mich gleich Zwangsvorstellungen immer und immer wieder zwei Bilder:

Ich denke an eine kleine, weiße Angorakatze, die ich in Konstantinopel besaß. Es war ein auserlesen schönes Tier und wurde von allen im Hause verwöhnt und behütet wie ein Schatz. Und das Tier fühlte das, und es war eigenartig anzusehen, mit welch königlichen Gebärden es durch das Haus schritt, und wie unnahbar es auf dem Balkon saß und in der Abenddämmerung in den Garten hinaussah, wo unzählige Kater in jämmerlichen Flötentönen vergebens um seine Gunst buhlten. – Und darum liebte ich dieses Tier so, weil es auf seine Schönheit stolz war und etwas auf sich hielt. Aber einmal müssen die Verführungskünste doch wohl zu stark gewesen sein – eines Nachts war Cleopatra verschwunden. Am anderen Morgen kam sie wieder, und ich werde nie den Anblick vergessen: Wie sah sie aus! – so mitgenommen, das schöne Fell zerzaust, die Haltung schleichend und müde – aller Glanz war von dem Tiere genommen. Es ist nie wieder meine schöne, stolze, unnahbare Cleopatra geworden.

Und das zweite Bild, das mich verfolgt, ist eine Weinstube in Amsterdam, ich weiß nicht mehr, welche, und weiß auch nicht mehr, wie der Holländer hieß, mit dem mein Vater und ich vor vielen Jahren einmal abends dort saßen. Aber ich muß immer das Gesicht dieses Genießers sehen, als er die Austern schlürfte.

Mich friert bei diesen Erinnerungen, und ich fasse unwillkürlich auf meine Schulter, um den Pelzkragen über mich zu ziehen. Aber er ist nicht da, und es ist ja auch so heiß, ich habe ganz vergessen, daß ich mein indisches Mullkleid anhabe und eben noch unter der Wärme litt.

Friedrich ist immer sehr aufmerksam, denke ich weiter und versuche, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er wird nie heftig – ist immer formvollendet, vielleicht oft zu formvollendet – aber herzlich, gütig, liebevoll kann er nicht sein; was ihn zu mir zieht, ist bloße Sinnlichkeit. Das weiß ich jetzt und muß mich damit abfinden. Ich hab' es ja selber nicht anders gewollt, sage ich mir, und richte mich auf, als ob ich innerlich etwas abschütteln wollte. Habe ich ihm dazumal nicht gesagt: wenn zwei Menschen dieselben Forderungen ans Leben stellten und in gleichen Lebenskreisen aufgewachsen wären, kurz, wenn sie gesellschaftlich gleichständen, das wäre entscheidend fürs Glück!

Ich lege mich wieder zurück und schließe die Augen. Es ist doch nicht so leicht, das Glück zu finden, wenn auch der Wille zu gegenseitigem Verstehen stark ist. – Friedrich klagt, daß ich keine Leidenschaft zeige, ich sei eine kalte Schönheit, die er »falsch taxiert« habe. Mich ekelt das alles, ich liege in seinen Armen, teilnahmslos den Kopf in den Nacken gedrückt, eingehüllt in meinen goldenen Mantel, der mir vom Scheitel fällt und bis an die Knie reicht – der mich wie ein Schild deckt und doch keinen Schutz gewährt. – Und ich kann es mit dem besten Willen nicht lassen, gleichsam außerhalb des Geschehens wie im Schauspiel meinen Mann zu beobachten, wie er, der ewig Korrekte, Ruhige, im Sinnentaumel alle Schranken fallen läßt und wild, tierisch, roh über mich herfällt.

Und das nennt er Liebe.

Sicher, er hat recht, es ist nicht schön, wenn eine Frau so leidenschaftslos ist, wie ich es bin – aber bin ich es denn? Bin ich überhaupt leidenschaftslos, nur weil ich für ihn keine Leidenschaft empfinde?

Eines Nachts fällt mir ein, was ich für Pietro Benoni empfunden habe, und wie mich die Sehnsucht nach Wislicenus gequält und mir süße Bilder vorgezaubert hat! Diese Erkenntnis quält mich, denn ich sage mir, daß ich meinen Mann ungewollt um das betrüge, was ihm als Höchstes gilt. Und darum ziehe ich, von diesen Erinnerungen hingerissen, Friedrich an mich und ergebe mich ihm erschauernd in dem ewigen Kampf der Geschlechter. Friedrich ist berauscht, wie von Sinnen – ich aber weine mich in den Schlaf. Frau Königin ist zur Komödiantin geworden – zur Dirne. – Ich fahre in die Höhe – wer sagte das eben? – Das ist doch Wahnsinn. – Warum quäle ich mich? – Ich übertreibe.

Wieder sinke ich zurück und grüble, sinne, träume.

Nun verlangt Friedrich, daß ich immer so bin – –

Und ich muß weiterspielen.

Wo hab' ich denn das Lied gehört: »Du aber, du mußt tanzen, und ich weine?«

Und weiter grüble ich: Warum verhütet Friedrich, daß bei mir die natürliche Folge von der Paarung der Geschlechter eintritt?

Warum soll ich kein Kind bekommen?

Und warum ist mein Mann so gleichgültig darüber? Müßte er es nicht als größtes Glück betrachten, wenn ich ihm einen Erben schenkte, einen Erben seines königlichen Werkes und Vermögens?

Als ich dies Friedrich einmal klagte, antwortete er: »Ich möchte keine Kinder haben.«

Und während diese Worte fallen, wird er blaß und nervös und bricht das Gespräch ab, als ob es ihm unangenehm wäre.

Schüchtern wende ich ein: »Aber dann fällt doch Friedrichsort an deinen Vetter Karl.« – Karl van Overbeek ist Anfang der 20 und arbeitet seit zwei Jahren auf den Werken.

»Ja, dann fällt es an Karl.«

»Und das ist dir gleichgültig – ich verstehe das nicht.«

Schweigen.

Mir ist dies alles unfaßbar.

»Und ich,« stammle ich, »ich – –«

»Du – du führst ein Leben wie eine Prinzessin und bist meine angebetete Frau.«

Er will mich umarmen.

Ich wehre ihn ab – mir kommen Tränen.

»Warum hast du mir das nicht gesagt, als ich deine Braut war. Dann wäre ich nicht deine Frau geworden.«

Da wird er verstimmt – er versteht mich nicht – nennt mich kindisch – und ich schweige.

Ich will aber Frau und Mutter werden, das ist der Wunsch und die Bestimmung jeder gesund denkenden Frau.

Und ich werde meinen Willen durchsetzen – ich habe keine Sorge deshalb. Ich weiß, daß Männer ihre schwachen Stunden haben.

Aber warum will er kein Kind?

Ich grüble, sinne, träume – und der Altweibersommer spinnt weiter Märchenfäden.

 

Elisabeth van Overbeek war nicht zu bewegen, ihre Mahlzeiten bei uns einzunehmen, obgleich ich ihr tausendmal versicherte, daß es eine irrige Auffassung von ihr sei, wenn sie annehme, jungverheiratete Ehepaare wollten allein bleiben. Im Gegenteil, Elisabeth brachte stets viel Anregung mit, und ich war immer glücklich, wenn sie da war.

Wir waren eben nicht wie »jungverheiratete Ehepaare«.

Elisabeth blieb aber in ihrem Flügel.

Es verging oft eine Woche, ehe sie sich blicken ließ, und wenn sie dann in der Abendstunde kam, strahlte ihre ganze Persönlichkeit so viel Frische und Zufriedenheit aus, daß ich sie oft im stillen beneidete.

Ich kam mir vor wie ein gefangener Vogel in einem goldenen Käfig.

Die dauernde Beschäftigungslosigkeit und Einsamkeit machten mich unfroh und gaben mir zu viel Zeit zu nutzlosen Grübeleien.

Die Bilder der Galerie kannte ich besser als der Diener, der dort herumführte, wenn Gäste kamen.

Die hohen stillen Gemächer atmeten peinliche Ordnung, die Diener waren alt und geschult. Der Koch lieferte vollendete Diners, ich hätte nie gewagt, eine andere Anordnung zu treffen.

Meine Jungfer und der Kammerdiener hielten unsere Toiletten mustergültig und waren jedes Winkes gewärtig.

Wo wollte ich mich da betätigen?

Viel Freude macht es mir, Gäste bei mir zu sehen. Aber die konventionelle Geselligkeit lag mir nicht.

Hier kamen nur Menschen zusammen, die gleichen Standes waren, die sogenannten »ersten Kreise«, wie Friedrich sich selbstbewußt ausdrückte. Da hieß es: Was ist sie für eine geborene – in welchem Kavallerieregiment ist er Reserveoffizier – was war ihr Vater? und dergleichen. Ach, eine Welt trennte mich von solcher Auffassung.

Bei meinem Vater und all den Menschen, die er zu seinen Freunden und Bekannten zählte, galt nur die Persönlichkeit etwas. Titel machten keinen Eindruck auf ihn. Nur was der Mensch geleistet hatte, darnach wurde er beurteilt.

Ich versuchte durch meine Cousinen und die bei ihnen gemachten Bekanntschaften Leben ins Haus zu bringen. Bald hörte man fröhliche Stimmen auf dem Tennisplatz, wo regelmäßig zweimal in der Woche gespielt wurde.

Herta, die als junge Frau einen sehr vergnügten Eindruck machte, war immer eifrig beim Spiel.

Doch eines Tages war sie offensichtlich verstimmt, sah blaß und vergrämt aus und spielte nicht.

Als ich sie unter einem Vorwand in mein Zimmer führte, um nach dem Grund ihres Kummers zu fragen, stieß sie unter Tränen hervor:

»So ein Unglück – ich bekomme ein Kind –«

»Aber Herta!« – ich war empört über solche Roheit.

»Du mußt dich doch freuen, denk' doch einmal, wie entzückend solch' kleines Wesen ist.«

»Ach Unsinn – das hatte wirklich noch Zeit, ich wollte erst ein paar Jahre mein Leben genießen.«

Mit diesen Worten stürzte sie davon.

Kopfschüttelnd sah ich ihr nach.

Das Leben genießen?

Genoß man das Leben nicht doppelt und dreifach, wenn man sich Mutter fühlte?

Genoß ich denn mein Leben?

Sehnte ich mich nicht nach einem Kinde mit allen Fasern meiner Seele!

Nein – ich verstand die Menschen nicht,

Genießen! Genießen?

*

Wie rann doch die Zeit dahin, obgleich das Leben so arm an Ereignissen war.

Bald war ich drei Jahre verheiratet – was hatte ich erfahren außer nichtigen Zerstreuungen!? Da entschloß ich mich, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Ich erschien eines Tages bei Elisabeth und flehte sie mit Tränen in den Augen an, mir irgendeine Betätigung zu verschaffen, die mein nutzloses Leben segensreich und befriedigend ausfüllen möchte. Elisabeth war in der verständnisvollsten Weise darauf eingegangen und hatte mir einen Posten in dem großen Getriebe gegeben, dem sie vorstand.

Die ersten Wochen war ich befriedigt, aber dann wurde mir das Sinnlose meines Lebens klar: Mußte ich Friedrich van Overbeek heiraten, um dann die Stelle einer Sekretärin auszufüllen, die durch jedes andere vernünftige, unverheiratete, weibliche Wesen besetzt werden konnte, das nicht halb soviel Bildung hatte wie ich, und das mit diesem Broterwerb vielleicht seine Familie unterstützte, während ich es bloß tat, um eine sogenannte »befriedigende Tätigkeit« zu erlangen?

Ich belog mich – etwas anderes war es nicht.

Ich gab meine Arbeit auf.

Die heiße Sehnsucht, Mutter zu werden, erfüllte mich glühender denn je. Es wurde mir schmerzlich bewußt, daß nur da mein Heil und mein Glück zu finden sei.

Und mein Entschluß stand fest.

Ich wußte keinen anderen Weg.

*

Friedrich hatte mich bei meiner Hochzeit überraschen wollen. Die Überraschung bestand in meinem Schlaf- und Toilettenzimmer. Beide Räume waren in fahlem Taubenblau, meiner Lieblingsfarbe, ausgeschlagen, das zu meinem Haar und zu meiner Haut paßte. Die schweren Seidenvorhänge, die abends zugezogen wurden, bildeten mit den seidenen Tapeten und dem Filzbelag des Fußbodens eine köstliche Einheit. Die beiden, nicht zu großen Räume wirkten mit den zierlichen Boulemöbeln und den vielen, tiefen Sesseln ungemein behaglich. Das Licht lag verdeckt in matten Alabasterschalen, und nur der Widerschein fiel gedämpft von der Decke in den Raum und ließ die silbernen und kristallenen Gegenstände auf dem Tischchen matt erschimmern. Es waren Räume, zu zärtlichem Gekose – zu stürmischem Liebesspiel geschaffen. Mein Bett war so breit, wie es sich eine Marquise des Rokoko nur hätte wünschen können. Der Betthimmel war mir anfangs zu schwer vorgekommen, aber später hatte ich mich daran gewöhnt, und ich ertappte mich zuweilen dabei, daß ich alle Vorhänge zuzog und mir einbildete, von aller Welt abgeschlossen zu sein.

Ach wie fern, wie weltenfern lagen meinem Wesen jene feilen Künste, die mir die Erfüllung meines Herzenswunsches bringen sollten.

Aber wußte ich einen anderen Weg?

Und eines Nachts war es geschehen. Es war Elisabeths Geburtstag gewesen. – Einige Gäste waren erschienen. Ich trug ein Kleid aus gelblichen Valenciennespitzen, Friedrichs Lieblingstoilette, am Gürtel einige La-France-Rosen, und als ich Friedrichs verliebte Blicke beobachtete, war ich in scherzender Weise darauf eingegangen.

Dann waren wir allein.

Allein in diesen Räumen, die zu Verführung und seligen Wonnen erdacht waren. Lockten nicht Farben, Form, Duft und Licht!

Friedrich empfand es sofort und loderte in begehrlicher Leidenschaft auf.

Ich wußte: heute – oder nie!

Es war ein Spiel – ich mußte es gewinnen!

*

Und ich gewann das Spiel.

Lag zitternd und erschöpft da, während die Tränen unaufhaltsam über mein Gesicht flossen. Keine Freude konnte in mir aufkommen. – Kein Siegesgefühl hob mich empor; Ekel, nichts als Ekel war es, was mich erfüllte, Ekel, der mir bis zur Kehle stieg, daß ich zu ersticken meinte – Ekel vor der Ehe und Ekel vor mir selbst. Wußte man so tief sinken? – War das Ehe?

*

Ich fühlte, daß ich Mutter wurde! – Wie von einem Zaubermantel umflossen, der mich gegen alles Häßliche und Gemeine schützte, ging ich umher.

Von scheuem, schmerzlichem Glück erfüllt.

Geweiht mich fühlend zum heiligsten Berufe, dem Guten, Schönen, Edlen alle Fächer meines Herzens öffnend.

Wie sah doch jetzt alles so anders aus als vorher!

Ich lebte nicht mehr der Gegenwart – nur in der Zukunft.

Träumte Tag und Nacht von weichen, tastenden Kinderhänden, von Kinderlächeln und Kinderlallen.

Es war Sommer.

Noch ging ich leichten Schrittes durch den Park und suchte in Gedanken ein Fleckchen aus, wo im nächsten Jahre die Wiege stehen sollte. Kein Platz war mir schön genug; dieser erschien mir zugig, jener zu sonnenlos. Endlich sah ich eine Rotbuche, die nicht weit von der Terrasse stand. Ja, hier sollte mein Bübchen – denn ein Junge mußte es doch werden – unter dem roten Blätterschirm die ersten Lebenswochen durchschlummern.

Es wurde Herbst. Mein Schritt wurde schwer. Ich fühlte nachts das erste Pochen des erwachenden Lebens und konnte vor Glück nicht schlafen. Und als ich die ersten Blätter wie von unsichtbarer Hand gepflückt fallen sah, lächelte ich hoffnungsfroh und dachte voll seliger Zuversicht: Ob Bübchen wohl nächsten Herbst schon nach den goldenen Blättern greifen kann?

Es wurde Winter – mein Körper zeigte sichtbar die Zeichen baldiger Ernte. – Mühsam stapfte ich durch den schneegeschütteten Park, erfreute mich des Unendlichkeitsgefühls und der beseligenden Ruhe, die mich beim Anblick der weiten Schneeflächen und der belasteten Fichten erfaßte, und dachte: Warte – warte nur geduldig – bald stapft neben dir im Schnee dein kleiner Sohn.

*

Wie heilig war dieses Jahr der Menschwerdung!

Es war mir, als ob eine Wand mich von der gemeinen Außenwelt schiede und verhinderte, daß Leid und Kummer mich so stark treffen konnten, wie sie es vordem getan.

Alles Bittere glitt an dieser Wand ab wie ein ermatteter Pfeil – auch Friedrichs unerklärlicher Unmut bei meiner Eröffnung.

Ach, mußte er nicht jubeln, einen Sohn – einen Erben zu bekommen!

Natürlich kamen auch Augenblicke, wo ich schmerzlich litt, daß mein Mann so ganz anders empfand als ich. Nicht begreifen konnte ich, warum er keine Kinder wünschte.

Aber ich schüttelte es von mir.

War erst ein gesundes Kind da, dann mußte er sich doch freuen – das würde dann ganz von selbst kommen, tröstete ich mich.

Aber während ich meinem Innenleben in süßen Träumen nachhing, konnte ich nicht verhindern, daß hinter der Wand das Leben für alle Menschen weiterrollte in freudevollem und schmerzlichem Wechselspiel.

Im Herbst starb Onkel Eberhard ganz plötzlich.

Ich hatte ihn so von Herzen liebgewonnen in der kurzen Zeit meines Aufenthaltes in seinem Hause, daß ich davon schmerzlich bewegt wurde. Aber wie ich schon sagte, nichts traf mich in jener Zeit so tief, wie es sonst wohl geschehen wäre; alles prallte ab, weil ich mich völlig der Sehnsucht hingab, die in wenigen Monaten zur Erfüllung gelangen sollte.

Tante Adele zog mit Gabi in einen stillen Villenort. Gabi litt unsagbar.

»Das Leben geht an mir vorüber!« jammerte sie mit der Bitterkeit aller Leidenschaftlichen, »für euch alle kommt einmal das Glück – mag es nun eine glückliche Ehe oder ein Kind sein oder auch nur eine befriedigende, frohmachende Tätigkeit.

Ich muß mit Mama leben, die mir so wesensfremd ist, daß ich unser Zusammenleben als Qual empfinde.«

»Arme Gabi!« – Ich sann in mancher Stunde nach, wie ich ihr helfen könnte.

Herta hatte einen prächtigen Jungen.

Sie war ganz die Alte – tändelte spielerisch mit dem Kind, machte ihren Mann eifersüchtig mit törichten Koketterien und jagte jedem Vergnügen nach.

Laßberg tat mir leid; denn aus dem flotten, leichtlebigen Offizier war ein guter Ehemann geworden, der unter Hertas Launen litt und vergebens ein ruhiges Eheglück suchte.

Doch da wir Frauen uns so wesensfremd waren, kamen wir sehr selten zusammen.

*

Es war Sonntag mittag.

Zwei Besuchskarten lagen auf dem goldnen Brettchen, das der Diener mir bot.

›Hans von Henningsdorf, Hauptmann im Großen Generalstab‹, stand darauf.

Ich hielt die Karten zögernd in der Hand, während der Diener, meiner Antwort wartend, noch an der Flügeltür stand, die aus meinem Zimmer auf die Galerie führte.

Ich überlegte, wo hatte ich diesen Namen doch schon gehört? – Ach so – richtig. Gabi hatte mir neulich strahlend erzählt: »Der beste Freund von Kurt Hegewald ist zur Zeit hier beim Generalkommando. Er ist für einige Jahre herkommandiert und hat bei uns Besuch gemacht. Neulich war er zum Essen da, und da hab' ich ihm gesagt, er möchte bei dir Besuch machen – auf diese Weise käme er gleich in die Gesellschaft. Es ist dir doch recht?«

Ja, das hatte Gabi gesagt, und dabei war sie rot geworden und hatte so glücklich ausgesehen.

»Er macht einen sehr guten Eindruck«, hatte sie hinzugefügt, als sie meinen fragenden Augen begegnete.

Und ich hatte im stillen gedacht: »Ein Freund von Hegewald? So – so, und er soll bei mir Besuch machen – ich bin nicht so dumm, wie ich dir gegenüber tue, kleine Gabi – also du denkst, auf diese Weise kannst du hier ausgiebig mit diesem Freund über den Geliebten sprechen.«

War es richtig, diese Bekanntschaft zu begünstigen und alles wieder in ihr aufzuwühlen?

Ich nahm seit kurzer Zeit, durch meinen Zustand verhindert, keine Besuche mehr an, aber ich wußte, wieviel Gabi daran lag, daß ich diesen Mann kennenlernte. Auch hatte ich schon lange genug warten lassen. So sagte ich eilig: »Ich lasse bitten – im gelben Salon.«

»Schade,« dachte ich, während der Besucher sich über meine Hand beugte, und ich mit schnellem Blick die einnehmende Gestalt des Offiziers umfing, »schade, daß ich so antimilitärisch erzogen bin, und daß mir jedes Verständnis für den auch den Ausländern so unbegreiflichen Militarismus abgeht. Dadurch fehlt mir jede Unbefangenheit diesem Manne gegenüber, der doch einen so vorzüglichen Eindruck macht.«

Er sprach wie ein Mensch, der nicht gewöhnt war, überflüssige Worte zu machen. Der bartlose Mund schloß nach jedem Satz die schmalen Lippen dicht aufeinander. Die hohe Stirn unter dem einfach gescheitelten lichtbraunen Haar, die stillen, offenen Augen vollendeten den Eindruck selbstbewusster Reife und Entschlossenheit.

»Wenn Hegewald diesem Freunde gleicht,« ging es mir durch den Sinn, »kann ich Gabrielens Geschmack begreifen.«

Herr von Henningsdorf erzählte mir, daß er schon als Kind seine Eltern verloren habe. Von seinem Onkel, der sein Vormund wurde und der selbst genug Sorgen mit eigenen Kindern hatte, war er dann aus Bequemlichkeit in eine Kadettenanstalt getan worden. Dort hatte er eine freudlose und liebeleere Jugend verbracht und war in einem qualvollen Drill aufgewachsen. Als er älter wurde, wollte er gern studieren – Ingenieur werden, aber da er kein Vermögen besaß, und die Henningsdorfs überdies seit undenklichen Zeiten Offiziere geworden waren, so mußte er, der Not und der Familienüberlieferung gehorchend, ebenfalls in diesem Beruf bleiben. – Aber nun wollte er es doch wenigstens weiterbringen als der Durchschnitt, da es ihm unerträglich schien, Jahr aus Jahr ein als Frontoffizier auf dem Kasernenhof zu stehen. So war er durch große Begabung in wenigen Jahren Hauptmann im Großen Generalstabe geworden.

Wie traurig und fremd klang mir das alles. Was mußte dieser Mann gelitten haben, dessen ganzes Leben unter einem Joch gestanden, dessen Natur vergewaltigt worden war durch die Begriffe der Tradition und Konvention – Worte, die ich nie gekannt!

Das äußerte ich Gabi gegenüber, als sie einige Tage später zu mir kam.

Gabi hatte etwas Unstetes, Nervöses bekommen, was sie früher nie gehabt hatte, und durch diese Ruhelosigkeit wirkte sie planlos. –

Wenn ich sie so sah, fiel mir das Verslein ein:

»Vor jedem sieht ein Bild des, was er werden soll;
So lang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll«.

»Gabi, du mußt dir eine Betätigung suchen, die dich einigermaßen befriedigt – solch ein Leben der Untätigkeit ist für dich wirklich nichts«, sagte ich offen zu ihr.

»Ja, du hast recht, Maria – aber was soll ich werden? Ich habe gar kein ausgesprochenes Talent – keine bestimmte Neigung. Sieh dir meine drei Jugendfreundinnen, die nicht geheiratet haben, an: die eine – der Vater ist Arzt – ist Gärtnerin; die zweite – Offizierstochter wie ich – Musiklehrerin; die dritte – ihr Vater ist der bekannte Senatspräsident Wolff – ist, du wirst erstaunt sein, Hebamme geworden. – Sieh mal, sie alle drei sprechen glücklich und befriedigt von ihrem Beruf: aber – ich fühle immer heraus, daß es doch nur ein Notbehelf ist. Sie belügen sich und andere – denn sie wollen es nicht zugeben, daß ihr wirklicher Beruf, der ihnen versagt blieb, gewesen wäre, »Weib und Mutter zu werden«, Am liebsten möchte ich noch Bibliothekarin werden – wenn Mama einmal nicht mehr lebt, bleibt mir doch sowieso nichts anderes übrig als mir mein Brot selber zu verdienen!«

Es klang mutlos und müde.

»Du sagst, eine ist Hebamme geworden,« warf ich ein, um sie abzulenken – »ich stelle mir diesen Beruf ebenso schwer wie häßlich vor. Wenn ich bedenke, früher – das Wort Hebamme wurde kaum in den Mund genommen – einfache, derbe Frauen aus dem Volke waren es – wie hat sich alles geändert!«

»Und denk' dir,« meinte Gabi, »dabei ist diese Käte Wolff noch weitaus zufriedener als die anderen mit ihrem Lose, soweit ich es beurteilen kann. Neulich sagte sie mir: der Augenblick, wo das Kind den ersten Schrei ausstößt, und die Mutter es anlächelt, versöhnt mich mit allem, was vorangegangen ist; es ist doch schön, einer Frau in ihren schwersten Stunden hilfreich zur Seite zu stehen. Warum sollte auch eine gebildete Frau das nicht viel besser verstehen, als eine derbe Frau aus dem Volk!«

»Das mag sein«, antwortete ich versonnen und sah voll süßen Bangens meiner schweren Stunde entgegen.

*

Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären.

Das Wort sollte sich an mir in seiner schwersten Bedeutung erfüllen. Unter unsagbaren Schmerzen verging Stunde um Stunde eines trüben Januartages; als nachts die Qualen ihren Höhepunkt erreicht hatten, umfing mich die erlösende Narkose. Der Arzt wich nicht von meinem Bett.

Wie ein armes Kind, das in die strahlende Herrlichkeit eines wundersam geschmückten Christbaumes starrt, nachdem es lange im dunklen Zimmer gestanden hat, so empfand ich, als ich die Augen aufschlug.

Am Bettende stand die Wartefrau und hielt ein kleines, zappelndes Etwas in einem Bündel aus Linnen und Spitzen, und ein kleines, hellbeflaumtes Köpfchen lugte empor.

»Ist das mein Kind?«

»Ja, und ein Junge«, sagte Dr. Ebert, nahm das Bündel und reichte es mir.

Eine unbeschreibliche Seligkeit nahm von mir Besitz, als ich das süße Körperchen in meinen Armen hielt, und auch Friedrich war erfreut und gerührt, als er sich auf Fußspitzen meinem Bett näherte und mir die Stirn küsste.

Ich streckte ihm verklärt meine Hand hin und hielt ihn fest, dabei suchte ich in seinen Augen dasselbe Glücksgefühl zu finden, das mich beseelte, und zum ersten Male glaubte ich mich eins mit ihm, der doch der Vater meines Kindes war.

So unermeßlich mir das Glück schien, das ich mir errungen, ein bitterer Tropfen war doch darin: das Kind war zart, sehr zart – ja, beängstigend zart! Dieser Tatsache konnte ich mich nicht verschließen, Aber wie viele Kinder kamen schwächlich auf die Welt und wurden später große, kräftige Männer! Das hielt ich mir immer vor, wenn ich auf das kleine, blasse Gesichtchen mit seinen großen, altklug blickenden Augen sah.

Dr. Ebert hatte jene wundervolle Art, mich immer wieder zu beruhigen, wenn ich ihm verängstigt entgegensah. Er kam fast täglich, denn der kleine Hans – so hatte mein Vater geheißen, und so wurde das Kindlein getauft – wollte nicht gedeihen, trotz der prächtigen Amme und der zuverlässigen, alten Kinderfrau.

Das Kind hatte einen häßlichen, bläschenartigen Ausschlag am Öhrchen und in den Handflächen, und zu meinem tiefsten Kummer hatte Dr. Ebert mir verboten, das Kind zu küssen, solange es den Ausschlag habe – aber der ging nicht vorüber.

Ich wurde von Tag zu Tag verzagter und war der Verzweiflung nahe. Ruhig wurde ich nur, wenn Dr. Ebert da war.

Dr. Ebert war der erste Frauenarzt unserer Stadt und galt als Größe in seinem Fach.

Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren; seine Klugheit und Güte, sein Zartgefühl und Verständnis, seine Geschicklichkeit, Dinge zu erraten, die man nicht aussprechen mochte: alle diese Vorzüge machten ihn neben seiner Tüchtigkeit zu einem begehrten Arzt, der es zu einer großen Praxis gebracht hatte.

Eines Tages zog er einen berühmten Kinderarzt hinzu. – Ich sah die Augen jenes Mannes merkwürdig ernst auf das Kind blicken und sich dann auf mich richten. Während der Untersuchung sprach er kein Wort.

Mir war die Kehle wie zugeschnürt. Von Angst geschüttelt beobachtete ich den Gelehrten, und doch verließ mich nicht die schüchterne Hoffnung: »Es ist nichts – das Kind ist nur zu zart.«

Dann zogen sich die Herren zurück – nur kurze Zeit – und als ich gerufen wurde – – sprachen sie von außergewöhnlicher Zartheit, die sich sicher bald geben würde.

Ich fühlte, daß sie mich belogen, wie man eben jede Mutter belügt, um ihr nicht den Todesstoß zu versetzen.

*

Und doch wollte ich's nicht glauben und klammerte mich an die geringfügigste Hoffnung, quälte mich namenlos.

Was sollte denn dem Kinde fehlen?

Ich war doch gesund – blühender denn je!

Und Friedrich? – Ich wüßte nicht, daß er krank ist.

Und Tag und Nacht lagen meine Augen auf dem kleinen, blassen Gesichtchen mit der angstvollen Frage: »Warum kannst du nicht bei mir bleiben?«

Und wenn die Macht einer Seele die andere hätte halten können, dann wäre es in jenen himmlischen Frühjahrsnächten geschehen, als draußen die Nachtigallen schlugen, Tag für Tag neues Leben sproß, und mein Sproß, mein Kind, nicht gedeihen wollte, wie all die Frühlingskinder draußen in Gottes Natur.

In jenen Nächten, wo ich das, was mir das Schönste und Liebste auf der Welt war, mir langsam entgleiten sah, fühlte ich die ganze Schwere und Hoffnungslosigkeit aller Philosophie.

Aber wo die Macht der Philosophie keinen Trost – keine Hoffnung gibt, regen sich die Schwingen des Glaubens. Es gab Stunden, wo ich mich fragte: Gibt es vielleicht doch einen Gott? – Soll ich's nicht versuchen und ihn anflehen, mir das Kind zu lassen? Aber die Lehren meines Vaters hatten zu tief Wurzel gefaßt; ich stand an der Wiege – den Kopf gebeugt, tränenlos, versteinert – aber meine Lippen bewegten sich nicht.

*

Und als es geschehen war – als die kleine Seele davon gegangen war, und die irdischen Reste im Park ihre Ruhestätte gefunden hatten, erfuhr ich auch, warum mein Kind nicht hatte leben können. Es war ein Zufall, der mir Klarheit brachte. Hätte ich es nicht erfahren, wäre all das nicht geschehen, was nun kommen mußte.

Die Amme packte, die Wärterin packte auch; sie waren beide Pfälzerinnen, und verließen das Haus gemeinsam. Die Kinderzimmer, wo der noch ganz unbenutzte Wagen, die Spielsachen und Stühlchen standen, sollten abgeschlossen werden.

Die beiden Frauen waren noch damit beschäftigt, alles fortzuräumen, und ahnten nicht, daß ich kommen würde, da ich seit Tagen stumpf und teilnahmslos in meinem Zimmer brütete.

Friedrich war traurig, sicher – ich sah es. Aber was ist die Trauer eines Mannes um ein Kind von wenigen Monaten, das er kaum gekannt und – nicht gewünscht hat!

Er litt nicht mit mir, darum konnte seine Anwesenheit, seine Teilnahme mir keinen Trost gewähren. Das fühlte er und überließ mich meinem Schmerz.

Und mit müden Schritten schlich ich mich noch einmal nach den Räumen, die so kurze Zeit mein Kind beherbergt hatten.

Da hörte ich sprechen – ich stutzte. Eine Blutwelle flog mir ins Gesicht – ich blieb stehen und lauschte, die Hände in die Vorhänge gekrampft. »Das arme Fraule,« hörte ich die Wärterin sagen, »sie ahnt es net, Dr. Ebert war sehr bös, als ich es ihm eweil gesächt hab', awwer ich hab' doch Erfahrung. Er sächt, ich irrte mich – aber Unsinn – er wollte nur net das arme Fraule noch unglücklicher mache.« Dann sprach die andere Stimme: »Jo, jo – … die Sünde der Väter – das arme Würmche! – Ob er schon krank war, als er geheiratet hot? – Durfte net heirate – Ist das wahr, daß in Schwede de Männer sich untersuche lasse müsse, alleweil sie heirate?« »Ich weiß net,« vernahm ich wieder die Stimme der Wärterin, »aber es wäre ein vernünftig Gesetz – dann passierte solche Sache net.«

»Vielleicht ist er gar erst in der Eh' krank geworden und hat Liebschaft gehabt – man munkelt so allerlei« – ein spöttisches Lachen folgte – »na jo – die feine Herre – da schimpft man über unsereins – eweil man ein Kindche kriegt und alleweil noch net heirate kann. – – Ha, jo – das nenne se a Schand – wenn wir a frische, gesunde und junge Bub habe, un den nur noch net heirate könne. – Dafür komme nu solche Kinder zur Welt!«

Ich hörte nicht weiter, meine Knie wankten – die Wände drehten sich: Nur nicht ohnmächtig werden, nur keinen Laut von dir geben, dachte ich, sie dürfen nicht ahnen, daß ich ihr Gespräch belauscht habe! Ich tastete mich zurück – ganz leise wie ein Dieb und erreichte mühsam mein Zimmer. Vor dem Sofa sank ich nieder, die Hände vor das Gesicht geschlagen – wimmernd – tränenlos. So lag ich bis zum Abend.

*

Von diesem Tage an waren wir Feinde.

Friedrich und ich, Mann und Frau –

Das Furchtbarste, was es gibt –

Ich haßte ihn – meinen Mann!

Ich sprach kein Wort von all dem, was ich gehört – ich fragte ihn nicht. Ich wollte nichts wissen. Ich wußte genug!

Ich wußte nun, warum er keine Kinder wollte. Also vor der Ehe oder – was hatte die Amme gesagt? Man munkelt so allerlei – also während der Ehe! Unwillkürlich stieß ich mit dem Fuß die schmutzigen Gedanken hinweg. Ich wollte es nicht wissen. Es war ja alles einerlei. Die Tatsache, die vernichtende, rohe, gemeine Tatsache bestand.

Das genügte mir.

Kein Wort wurde je zwischen Friedrich und mir darüber gesprochen. Es ekelte mich zu sehr. – Aber er fühlte plötzlich, daß ich alles wußte, daß ich in ihm den Mörder meines Kindes, meines Glückes sah. Er wich meinen Augen aus.

*

In jenen Monaten wurde ich alt.

Alles Blühende, Strahlende fiel von mir ab. Wenn ich einmal flüchtig in den Spiegel sah, blickte mir eine fremde, überzarte Frau mit müden Bewegungen entgegen. Das Haar trug ich nun gescheitelt und tief im Nacken und lange, faltige Gewänder.

*

Nur Dr. Ebert gegenüber sprach ich mich in Andeutungen aus. Er, der Zartfühlende, wußte sofort, worauf ich hinauswollte, und beruhigte meine Angst mit den Worten: »Sie sind ganz gesund, und Ihr Gatte – jetzt auch!«

*

Aber das Leben geht weiter – ob wir wollen oder nicht.

Wir können es nicht fassen, daß die Sonne so hell scheinen kann, daß die Blumen und Bäume weiterblühen, daß wir selbst essen, schlafen, weiterleben – oder besser gesagt, weitervegetieren – nichts steht still, die Menschen um uns herum lachen – und wenn es uns auch weh tut – wir können es nicht hindern.

Was ist das Schicksal eines einzelnen?

Was sind wir, die sich drängen, treiben, quälen, lautlos und schnell entstehend und vergehend in anfangs- und endloser Zeit!

Ja, was ist das Schicksal eines einzelnen?

Der Alltag fordert sein Recht – alles wird vergessen, ja wir selbst vergessen, bis auch uns Vergessenheit deckt.

Der Schmerz tötet nicht – auch wenn wir es wünschen; aber er gräbt seine Furchen, wirft die Körner bittersten Erlebens hinein und geht weiter zu anderen.

Und wenn die Saat aufgeht, wird offenbar, was der Sämann vollbracht hat: ob Verbitterung emporwuchert, oder ob große weiße Blumen der Saat entsprießen – liliengleich – die da heißen Läuterung und Abgeklärtheit.

Dann – ja, auch nur dann will ich den Sämann preisen!

*

Es konnte so nicht weitergehen mit mir, das sahen alle; ich siechte dahin – teilnahmlos – abgestumpft für alles – dahinwelkend – nun schon ein Jahr.

Und ob ich wollte oder nicht – die Menschen kamen zu mir und brachten andere Menschen mit – ich sollte mich zerstreuen. Und da Friedrich alle Bekannten gebeten hatte, mich viel zu besuchen, damit ich nicht soviel allein sei und grübele, so war das Haus dauernd voller Gäste; die Nachmittage war ich nie mehr allein, und auch des Abends nur selten ohne Besuch.

Es war mir eine Qual – aber keiner wollte es sehen.

Nicht einmal die zartfühlende Gabi.

Im Gegenteil: Friedrich hatte sich gerade an sie gewandt, und sie veranstaltete nun mit wahrem Feuereifer Tees und Abendessen, begleitete mich zu Premieren, Konzerten und Ausstellungen oder ritt mit mir aus – kurz, sie schleppte mich mit ihrer eigenen Ruhelosigkeit, ihrer Sucht, mich zu betäuben, von einer Zerstreuung zur anderen.

Gabi bildete sich zur Bibliothekarin aus, aber sie hatte viel freie Zeit und war froh, wenn sie von ihrer Tätigkeit nicht zu sprechen brauchte.

Unter meinen alten Bekannten verkehrten nun auch Graf Boyneburg, die schöne Frau von Treuenfels und Henningsdorf häufig bei mir.

Ich sah, wie Gabis Augen der vornehmen Erscheinung Henningsdorfs überallhin folgten, und sie keine Gelegenheit vorübergehen ließ, ihn zu sehen.

Als ich nun eines Tages zufällig erfuhr, daß Gabis erste Liebe, der Hauptmann Hegewald, längst geheiratet hatte, wurden mir die Augen geöffnet, daß Gabi in Henningsdorf nicht einen Mittler ihrer Jugendliebe sah, sondern ihn selber liebte.

Ich war tief erschrocken, denn es bedurfte da weiter keiner Überlegung. Gabi war arm, sehr arm, obgleich Tante Adele es immer noch nicht unterlassen konnte, ihren kleinen Hausstand und ihre Kleidung nach außen hin über ihre Verhältnisse hinaus zu schrauben. Ich habe dies in keinem anderen Lande, nur in deutschen Offiziershäusern angetroffen, weil der deutsche Staat seine treuen Diener anstatt mit klingendem Solde mit der »Ehre« bezahlt. Die mußte eben alles zudecken. Und darum wischten Tante Adele und Gabi an Waschtagen ihre Zimmer selbst auf und hielten nur ein kleines Dienstmädchen. – Aber nie sah ich sie anders als mit weißen wildledernen Handschuhen.

Daß Henningsdorf arm war – daraus machte er keinen Hehl. Was dachte sich Gabi? Sie wollte doch nicht die gleiche Enttäuschung erleben wie mit Hegewald. – Warum machte sie Henningsdorf keine Andeutungen über ihre wirtschaftliche Lage? Dann würde er sich beizeiten zurückziehen und beiden eine schmerzliche Aussprache ersparen.

Oder suchte Gabi – die feine, leidenschaftliche Gabi, die so viel litt und so viel Komödie spielen mußte – ein Abenteuer?

Ich wäre auf diesen Gedanken nie gekommen, wenn Gabi mich nicht letzthin über ihre Freundinnen aufgeklärt und mir Sachen erzählt hätte, die mir ganz unfaßbar dünkten.

Es war Gabis dreißigster Geburtstag gewesen. Und wenn sie auch sonst stets zu mir kam, zu diesem Tage mußte ich sie natürlich besuchen. Als ich erschien, war eine Anzahl junger Damen versammelt, darunter auch jene Ellen Kramer, die Gärtnerin geworden war, die Musiklehrerin Edith von Leixner und die Hebammenschwester Käthe Wolff.

Sie waren in angeregter Unterhaltung und fast alle rauchten mit mehr oder weniger Grazie Zigaretten. Man sprach über den Beruf, über Theater, Konzerte.

Die paar Frauen, die zugegen waren, verhielten sich mehr passiv.

Es herrschte ein angeregter, frischer Ton unter diesen Damen, die nicht mehr zu den jungen Mädchen rechneten, aber auch keine Spur von dem hatten, was man früher unter altjüngferlich verstand und was mit den dreißiger Jahren anfing, wenn Enttäuschung über Enttäuschung die Frauen heimgesucht hatte, und die ungestillte Sehnsucht nach Mann oder Kind oder nach beiden an ihnen nagte.

Als alle Gäste sich verabschiedet hatten, blieb ich noch bei Gabi zurück, da ich mit Tante Adele und dem Geburtstagskinde zu Abend essen sollte.

»Du Gabi,« sagte ich, als wir allein waren, und lehnte mich behaglich in den tiefen Sessel zurück, »du, ich kann dir gar nicht sagen, wie nett ich es bei dir gefunden habe. Deine Freundinnen gefallen mir wirklich gut, ich hab' sie ja früher nur flüchtig auf Bällen gesehen, als ich mit euch tanzte – und das ist schon so lange her, da waren wir alle junge Dinger.«

»Sie sind mächtig selbstbewußt, findest du nicht?« warf Gabi lächelnd ein.

»Ja, aber in angenehmer Weise – man merkt, sie wissen, was sie wollen, sie sind befriedigt von ihrem Beruf, sie entbehren weder die Ehe noch Kinder.«

»So?« machte Gabi, und ein feiner, etwas wehmütiger Spott lag um ihre blassen Lippen.

»Was meinst du, ich verstehe dich nicht?«

»Nun«, sagte Gabi mit gezwungenem Lachen, und ihre Stimme klang plötzlich scharf: »Es macht mir Spaß, daß du annimmst, Ellen Kramer, Edith von Leixner oder die anderen vermißten nicht Ehe und Kinder! Sieh mal, für Außenstehende klingt das alles ja sehr schön, was sie heute von ihrem Beruf sprachen, und sie sind ja auch leidlich davon befriedigt, aber viel ist doch dabei Komödie; und weil sie nicht entbehren und nicht verbittert werden wollen – haben sie eben mehr oder minder heimlich ihr Verhältnis.«

»Gabi – das ist nicht wahr!«

»Doch, du kannst es mir glauben.«

»Gabi, du übertreibst und bezeichnest Flirts – meinetwegen recht weitgehende Flirts mit einem scharfen Wort.«

»Nein, Maria, sicher nicht – du kannst es mir glauben.«

»Hast du Beweise?«

»Ich würde sonst nicht so sprechen.«

»Aber sicher nicht Käthe Wolff, die macht doch solch' netten Eindruck.«

»Die ist schlimmer als die anderen.«

»Du sagst, alle hätten ein Verhältnis?« Ich war ganz benommen.

»Alle, das hab' ich nicht gesagt – aber viele – je nach Temperament und Veranlagung. Natürlich gibt's auch anständige, junge Damen.«

Das Wort »anständige« betonte sie so, daß es mir weh tat und ich rot wurde.

»Aber Gabi, ich bin entsetzt.«

»Ja, Maria, so geht es zu in der Welt: mit den Idealen, die wir als junge Mädchen hatten, hat man aufgeräumt.«

»Und du, Gabi?« Schon in dem Augenblick, als ich fragte, bereute ich es. Aber Gabi schien die Frage erwartet zu haben. Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen. Sie beugte sich vor und legte ihre Hände in meinen Schoß. »Ach, Maria, du bist der einzige Mensch, dem ich mich anvertrauen kann. Sieh – ich möchte manches Mal wohl – aber ich kann nicht. Die, die uns wirklich lieben, würden uns nie zum Verhältnis herabwürdigen; man mag es drehen wie man will, der Mann nimmt als Lebensgefährtin und Mutter seiner Kinder doch nur eine sogenannte ›reine‹ Frau, und die Ungerechtigkeit in den Beziehungen zwischen Mann und Frau bleibt bestehen. Und nur Leidenschaft finden ohne Achtung, das bring' ich nicht fertig. Dem Mann nur das zu sein, was ihm bisher jedes Ladenmädel war – nein und nochmals nein – das kann ich nicht!

Wenn es mir ginge wie Käthe Wolff, – aber sprich nicht darüber, – ich würde mir das Leben nehmen. Sie hatte eine Liebschaft mit einem jungen Offizier – die Neigung bei ihr war tiefer, als sie sich selbst eingestehen wollte, und ihr Verhältnis hatte Folgen. Sie ging zu einer Frau, die alte Geschichte: Erpressung. Sie gab dauernd alles Geld, was sie verdiente, und mußte lügen – ihre Leidenschaft war verflogen unter den Widerwärtigkeiten. Sie trug sich mit Selbstmordgedanken, war ganz verzweifelt, plötzlich, es war wie eine Himmelsfügung, starb die Frau – und sie war frei. – Wenige Monate später heiratete der Offizier ihre beste Freundin. Die war reich, Käthe Wolff hätte er nicht heiraten können, hätte es auch nach dem Vorangegangenen gar nicht getan. Da brach Käthe mit den Nerven zusammen. In einer verzweifelten Stimmung erzählte sie mir das alles.«

»Und jetzt?«

»Du siehst, sie ist getröstet: die Geschichte hat ihr allerdings einen Knacks gegeben. Seitdem ist sie anders.«

»Und nun hat sie für ihr Leben genug, nicht wahr?«

»Nein – seit kurzem hat sie wieder ein Verhältnis – aber sie ist vorsichtiger geworden – dieses Mal hat sie – einen jungen Arzt!«

Mich fröstelte, ich stand auf, als ob ich mit den Kleidern all das abschütteln könnte, was ich da Unerquickliches vernommen.

Dann ließ ich mich wieder in den Sessel fallen. Es war ganz still zwischen uns geworden – Gabi hatte die Ellbogen auf die Knie gelegt und ihr feines Köpfchen zwischen den Händen vergraben. Sie schluchzte lautlos. Ich sah, wie ihre Schultern bebten, sah ihren zarten, schön geformten Nacken, die dunklen, weichen Löckchen an den Schläfen, die edelgeformten, schlanken Hände, ihre ganze, so unendlich liebliche Erscheinung. Meine Gabi ging – das fühlte ich – nicht den Weg, den die anderen gingen. Aber sie ging auch zugrunde, nur im anderen Sinne.

Ich beugte mich über sie und streichelte sie, ohne ein Wort zu sagen. – Was sind Worte? Sie trösten doch nicht. Wieviel mehr eine Bewegung, ein Blick, ein Händedruck, der da zeigt: ›Ich verstehe dich und fühle mit dir.‹

Schritte kamen näher, wir fuhren auseinander und erhoben uns; es war Tante Adele.

Die Jahre hatten ihrem Äußeren wenig angetan, weil ihr kühles Herz nie einen wirklichen Kummer gespürt hatte.

Mit ihr kam Herta Laßberg, die die Zeichen baldiger Erfüllung trug. Als beide Frauen vor mir standen, sah ich, wie Herta immer mehr ihrer Mutter ähnelte.

»Warum kommst du erst jetzt?« fragte ich die junge Frau verwundert.

»Wie kannst du fragen?« gab Herta verstimmt zurück. »In meiner Lage ist es mir doch peinlich, mich vor so vielen Damen zu zeigen.«

»Aber Herta,« sagte ich entrüstet, »ich verstehe dich wirklich nicht. Wie kann dir das peinlich sein?«

Wie war ich stolz auf meine entstellte Figur, als ich das Kind erwartete! Ein Kind erwarten ist doch etwas Heiliges! – Ich seufzte und fühlte, daß mir die Tränen kamen.

Gabi trat an mich heran und legte mir die Arme um die Schulter.

»Sei nicht traurig, Liebste,« flüsterte sie, »du wirst auch noch einmal eine glückliche Mutter werden.«

»Ja,« pflichtete Tante Adele ihr bei und versuchte herzlich zu sein, »das Kindchen war sehr zart, das kommt so oft bei jungen Müttern vor, daß das erste Kind nicht lebensfähig ist; aber später haben sie ein halbes Dutzend gesunder, kleiner Rangen.«

Damit gingen wir zu Tisch.

*

Ich war in jenem Herbst sechs Wochen allein in Baden-Baden.

Wir reisten nicht mehr zusammen. Nach dem Tode des Kindes war dies ein stillschweigendes Einvernehmen zwischen uns. Wir lebten nebeneinander her; nur dem Namen nach war ich seine Frau.

Ich reiste also allein, wohnte mit meiner Jungfer in einem bescheidenen Hotel und hatte nur einen einzigen Koffer mit, der keine Abendkleider barg. Ich lebte ganz zurückgezogen, ging stets allein spazieren und suchte sehnsüchtig in der Natur Ruhe und Kraft zu finden.

Aber was mir fehlte, war ein Mensch, zu dem ich Vertrauen hätte fassen können, bei dem ich mich einmal hätte ausweinen, aussprechen dürfen. In der großen Einsamkeit, in die ich mich freiwillig begeben hatte, wurde ich schwermütig; ich hatte das Bewußtsein, daß niemand in der Welt so verlassen dastände wie ich.

So kam ich elender von der Reise zurück als ich gegangen, und Dr. Ebert stellte kopfschüttelnd fest, daß mein Körpergewicht noch immer im Sinken begriffen war.

»Gnädige Frau,« sagte er eines Morgens, als ich gleichgültig und müde seine Fragen beantwortete, »ich sehe, wie Sie leiden; aber wenn ich mich nicht täusche, ist es mehr die Seele als der Körper, die bei Ihnen den Arzt braucht. Eine offene Aussprache täte Ihnen gut. Ich weiß, das läßt sich nicht erzwingen, man muß Vertrauen haben. Ihnen fehlt leider die Mutter, eine ältere Freundin oder dergleichen – soviel ich weiß, steht Ihnen niemand näher.« – Ich nickte, und er fuhr fort:

»Ich kenne eine wundervolle Frau, die für meine Begriffe das Mütterlichste und Gütigste ist, was Sie sich denken können – dabei klug, sogar selten klug. – Sie schütteln ängstlich den Kopf. Ich will mich Ihnen nicht aufdrängen – ich verstehe Ihr Zögern vollkommen; aber wenn ich Ihnen das Leben der Frau erzähle, werden Sie mich vielleicht begreifen.«

Ich durfte nicht unhöflich sein, da ich merkte, wie gut Dr. Ebert es meinte, wenn mir diese ganze Freundschaftsvermittlung auch widersinnig erschien, denn Freunde sucht man nicht – man findet sie. So nickte ich zustimmend, und er erzählte: »Frau Hedwig Volkmann – eine geborene Rotschild – trat als junges Mädchen mit Eltern und Geschwistern zur christlichen Kirche über. Mit siebzehn Jahren verliebte sie sich in einen eleganten Offizier. Sie war sehr schön, und als er um sie anhielt, glaubte sie, er liebe sie ebenfalls. Sie heirateten, und kurze Zeit darnach erfuhr sie, daß er sie nur geheiratet habe, um seine drückenden Schulden loszuwerden, da er sonst den Abschied hätte nehmen müssen.

Das war ein harter Schlag für eine junge Frau, die ihren Mann abgöttisch liebte. Diese häßliche Geschichte warf den ersten Schatten in ihr bisher so glückliches Leben.

Da sie in seltener Weise Herzensgüte, Klugheit und Schönheit vereinigte, war es für den Mann, der sie vor der Ehe kaum gekannt hatte, nicht schwer, die Frau lieben zu lernen. Die Ehe wurde sehr glücklich, blieb aber zu ihrem großen Kummer kinderlos.

Sie ging immer den Weg, den ihr Gewissen ihr vorschrieb, sprach nur das, was sie vor sich selbst verantworten konnte, und erregte so des öfteren Ärgernis, wenn sie dem üblichen, gesellschaftlichen Sittengesetz widersprechende Auffassungen äußerte. Als sie erfuhr, daß ihr Mann Alimente für ein Kind zahlen mußte, mit dessen Mutter er als junger Mensch ein Verhältnis gehabt hatte, und daß dieses Kind seit dem Tode seiner Mutter bei Pflegeeltern aufwuchs, rang sich die prachtvolle Frau zu einem wirklich edlen Entschluß durch, der ihr schwere innere Kämpfe kostete.

Sie selbst hatte keine Kinder und würde keine haben. Sie liebte Kinder über alles, und da wuchs versteckt bei fremden Leuten ein kleiner Knabe auf, der ihres Mannes Fleisch und Blut. Und sie liebte ihren Mann! Sie sagte sich, daß es das Natürlichste sei, dies Kind zu sich zu nehmen. Ihr Mann war gerührt von soviel Selbstlosigkeit und Güte und fühlte sein Gewissen erleichtert. Der Knabe kam – ein nettes Kind mit guten Anlagen.

Dies wurde ihnen zum Verhängnis. Der Oberst ließ Volkmann, der Hauptmann geworden war, kommen – es gab erregte Auseinandersetzungen. Der Oberst sprach von Schändung des Offizierskorps, von liederlichem Lebenswandel, den man dadurch züchte, und faßte alle seine Grundsätze, wie er sich ausdrückte, in dem einen Satze zusammen:

»Lieber Volkmann – machen Sie Schweinereien, soviel Sie wollen, das geht mich nichts an – nur schonen Sie die Öffentlichkeit! Ich darf nichts davon wissen, der Schein muß gewahrt werden. Wir alle haben Dummheiten gemacht und machen sie zum Teil heute noch« – er selber war seiner Frau ausgiebig untreu – »aber ihr Mäntelchen müssen sie umhaben. – Sie dagegen reißen da den schützenden Mantel von Jugendtorheiten herunter und reizen zur Kritik. Das ist Herausforderung.«

Und Volkmann bekam den Abschied.

Daß man anständig handelte, obwohl es einem selbst schwer fiel, sich dem öffentlichen Urteil preiszugeben – das vertrug sich nicht mit der Offiziersehre und mit dem Gesetz der augenblicklich herrschenden bürgerlichen Sitte.

Und in vielen anderen Ländern und zu anderen Zeiten wurden Bastarde den eigenen Kindern gleichgestellt, jedenfalls nicht feige verleugnet.

Volkmann, der mit Leib und Seele Soldat war, litt schwer. Mit einem winzigen Vermögen zog er sich mit seiner Frau aus der Öffentlichkeit zurück und lebte nur der Erziehung des Knaben, der ein tüchtiger Mann wurde und jetzt Chirurg in Berlin ist. Wir sind sehr befreundet schon seit der Studentenzeit, durch ihn hörte ich von dem Schicksal seiner Eltern. Er sprach in großer Verehrung von seiner Mutter, die nicht seine Mutter ist. Und durch ihn kam ich in ihr Haus.

Volkmann ist jetzt tot, sie lebt ganz still für sich, und nur wenige Menschen unserer rheinischen Industriestadt kennen noch ihre Geschichte. Aber ihr Leben ist ein Leben nur für andere, und vor allem hilft sie denen, die sich aus Scham und Schande erheben wollen, und die es wert sind, daß man ihnen hilft, aber den Kopf nicht heben können, weil das herrschende Sittengesetz sie verdammt.

Ich begehe keinen Vertrauensbruch, wenn ich Ihnen das alles erzähle«, schloß Dr. Ebert seine Geschichte. »Ich bat Frau Volkmann, ob ich es tun dürfe, damit Sie wissen, was für eine Persönlichkeit diese Frau ist.

Und da es mir stets eine Wohltat ist, wenn ich mit Frau Volkmann zusammen bin, so glaube ich, daß Sie sie vielleicht gerne kennenlernen möchten. Ich habe ihr viel von Ihnen erzählt – selbstverständlich nichts von der Krankheit des Kindes – das ist Arztgeheimnis,« fügte er hinzu, als er meinen erschrockenen Blick sah, »und da hatte sie so sehr den Wunsch, Sie etwas aufzuheitern.«

»Ich danke Ihnen, lieber Doktor, es ist so gut von Ihnen, daß Sie an mich fürsorglich denken – ich werde es mir überlegen – Sie verstehen, ich bin augenblicklich etwas menschenscheu und hab' hier schon mehr Besuch, als mir lieb ist. Ich geb' Ihnen noch Bescheid.«

Wenige Tage nach Dr. Eberts Besuch ging ich schon in früher Morgenstunde nach den Zimmern meines Mannes. Friedrich war zu einer Besprechung nach Paris verreist gewesen und in der Nacht zurückgekommen. Der Obergärtner wollte die Rotbuche im Parke fällen, weil dies durchaus notwendig sei, und da es mein Lieblingsbaum war, wollte ich Friedrich bitten, es, wenn möglich, zu unterlassen.

Die Türen der zusammenhängenden Zimmer standen offen, als ich sie durchschritt. Im Schlafzimmer war Friedrich nicht mehr. Ich trat ins Ankleidezimmer. Vom Badezimmer her hörte ich die Brause gehen. Einen Augenblick überlegte ich, Friedrich mußte gleich herauskommen; das beste war, ich wartete hier die paar Minuten. Ich setzte mich auf einen Hocker. Auf dem Boden stand der kleine Kabinenkoffer, den Friedrich immer auf kurze Reisen mitnahm. Er war halb entleert, die verbrauchte Wäsche war achtlos herausgeworfen und lag in losem Haufen daneben. Gleichgültig streifte mein Blick darüber hin. plötzlich stutzte ich – aus der Herrenwäsche lugte etwas mattrosa Seidenes hervor. Bei näherem Hinschauen entpuppte es sich als ein Damenhemd, übersät mit Valencienne-Volants. Ich griff mit spitzen Fingern darnach – ich trug doch keine rosa Wäsche – und hob es hoch: auf der linken Brustseite war in feinster Batiststickerei ein kleines Herz eingestickt, und darin stand »Loulou«. Verächtlich ließ ich das Wäschestück fallen. Das also waren die häufigen Sitzungen in Paris!

Schritte näherten sich, der Kammerdiener stand in der Tür: »Ah, gnädige Frau!« – Sein verschlagenes Gesicht drückte größtes Erstaunen aus.

»Sagen Sie dem Herrn, ich hätte ihn wegen der Rotbuche sprechen wollen – es hätte mir aber zu lange gedauert. – Ich sehe ihn ja auch nachher!« Dann wandte ich mich um und ging langsam, den Kopf im Nacken, Gleichmütigkeit betonend, nach meinem Zimmer.

Es war klar; eine andere Frau hätte bei dieser Entdeckung lähmender Schrecken und tiefster Kummer erfaßt – sie hätte ihren Mann zur Rede gestellt, vielleicht nach Scheidung gesucht. Ich fühlte von all' dem nichts. Es wurde mir nur bewußt wie noch nie, daß ich Friedrich nie geliebt hatte, ja, daß ich ihn kaum noch haßte wie damals, als ich erfuhr, wie er mich um mein Lebensglück betrogen hatte. – Daß er mir nun untreu war, konnte mich nicht weiter verletzen; denn unsere Ehegemeinschaft hatte längst aufgehört. Ich erstaunte nicht einmal darüber, wie kalt mich diese Entdeckung ließ. Wo eine Frau nicht mehr liebt, hat sie gerichtet.

Eine Stunde später saßen Friedrich und ich uns am Kaffeetisch gegenüber. Der Kammerdiener hatte wohl dieselbe Entdeckung gemacht wie ich und sie Friedrich mitgeteilt, wohl auch von meiner Anwesenheit im Ankleidezimmer gesprochen. – Friedrich beobachtete ängstlich und verstohlen meine Züge, zuletzt schien er beruhigt, wurde heiter, sogar liebenswürdig und sagte mir Artigkeiten, wie wundervoll mir das Morgenkleid aus weißem Tuch stände. Dann ging er, eine Operettenmelodie pfeifend, vom Frühstückstisch fort.

An jenem Abend rief ich Dr. Ebert an und bat ihn um Frau Volkmanns Besuch.

 

Es war eine Frau mit schönem, weißem Haar und ruhigen klaren Gesichtszügen. Das Ausdrucksvollste waren ihre Augen, die, dunkel und strahlend zugleich, von Geist und Güte belebt waren; diese Augen vergaß man nicht mehr.

Sie hatte den Hut abgelegt und kam ohne Umstände wie eine alte Freundin.

Sie reichte mir beide Hände, und ihre Stimme schwang mir dunkel und gütig entgegen, als sie sprach: »Sie sind mir gar nicht unbekannt, und ich bin so froh, daß ich bei Ihnen bin. Sie sind noch fremd hier, und bis Sie erst bei uns mehr Fuß gefaßt haben, würde ich mich freuen, wenn ich Ihnen etwas sein könnte!«

Ich atmete auf, fühlte erst jetzt, wie sehr ich davor gebangt hatte, daß sie von dem Kinde sprechen würde, und bewunderte ihren Herzenstakt.

Und sie fuhr fort, denn sie fühlte, daß alles in mir stumpf und hart und verbittert war, und ich nicht sprechen konnte:

»Wenn wir jung sind, stehen wir immer mit offenen Händen da und warten auf das Glück und gehen gleichsam unter beladenen Bäumen einher, die ihre köstlichen Früchte nur für uns erzeugt haben, und wollen die Beschenkten sein.

Später, wenn wir reifer sind, verstehen wir das Gleichnis von den beladenen Bäumen anders: wir selbst sind dann die Bäume und wollen von unseren Schätzen der Seele und des Geistes die beschenken, die nach dem Glück die Hände ausstrecken.«

»Aber wenn man jung ist,« sprach ich leise, »sehnt man sich so sehr nach eigenem Glück.«

»Da haben Sie recht,« fuhr die Frau fort und faltete die Hände leicht im Schoß, »und doch ist es eine Binsenwahrheit, die uns das Leben alle Tage lehrt, daß es kein eigenes Glück gibt, und daß die einzige Glücksmöglichkeit darin beruht, anderen das Glück zu geben. Jeder weiß das, und doch, wie wenige kommen trotz dieser Erkenntnis zu dieser einzigen Lebensmöglichkeit!«

»Aber man braucht sich doch nur umzusehen,« sagte ich gequält, »um zu finden, wieviel Menschen ganz glücklich sind; ach, ich verlange ja nur so wenig – nur ein Kind – wie es jede Arbeiterfrau hat – nichts mehr.«

Frau Volkmann lächelte traurig: »Sie sagen, ich verlange nur so wenig – ein Kind – und jede Arbeiterfrau hat oft fünf und mehr. Für Sie ist das Kind der Quell, nach dem Sie schmachten, und die Arbeiterfrau, die nicht weiß, wie sie mit den fünf Kindern durchkommen soll, die vielleicht auch gar nicht das bei Ihnen so stark ausgeprägte Muttergefühl besitzt, beneidet Sie um Ihren Reichtum und Ihr sorgenloses Dasein und stöhnt über ihren Kindersegen. Glauben Sie mir, ich bin eine alte Frau, die viel erlebt hat: ich habe noch nie einen Menschen getroffen – ich wiederhole: noch nie, der nicht sein Herzeleid trug. Es kommt nur darauf an, wie er sich mit seinem Schicksal abfindet. Jetzt, wo Sie selbst Leid tragen, werden Ihnen die Augen dafür geöffnet, wie schwer die Menschen unter den Prüfungen des Lebens zu tragen haben, und daß sie nicht nur Ihre Mitmenschen, sondern Ihre Leidensgefährten sind in des Wortes vollster Bedeutung. Wie wahr sagt Schopenhauer: ›Es ist ganz gleich, ob der Mensch schön oder häßlich, reich oder arm, gesund oder krank ist, die Hauptsache ist, daß er ein glückliches Gemüt hat; hat er das, dann mag er arm, häßlich oder krank sein – er ist doch glücklich.‹ – Nicht wahr? Und Sie haben doch ein glückliches Gemüt?«

 

Nun kam Frau Hedwig Volkmann jede Woche einen Nachmittag zu mir heraus.

Wir traten uns immer näher, sie wurde mir Freundin und Lebenserzieher im schönsten Sinne. – Ich liebte diese Frau.

Es wurde immer stiller in mir, die Bitterkeit in mir ließ nach.

Aber die Heiterkeit der Seele wollte sich noch nicht finden.

Wie gut tat mir alles, was sie sagte. Ich dachte viel darüber nach, las mit ihr Schopenhauers »Parerga« und »Paralipomena«, Nietzsches »Fröhliche Wissenschaft«, Kant und Plato und sah nach und nach das Leben von einer höheren Warte an, als ich es bisher getan!

»Wir glauben immer,« sagte sie ein anderes Mal, »daß das Glück im Genusse liegt. Aber Schopenhauer lehrt uns, daß das Glück unseres Lebens nicht nach seinen Freuden und Genüssen abzuschätzen ist, sondern nach der Abwesenheit der Leiden.«

»Mit vergnügten Menschen zusammen zu sein, tut mir weh«, klagte ich Frau Volkmann eines Tages. Auch dafür fand sie eine Erklärung: »Es ist so verständlich, daß die seelisch Geprüften die meiden, die das Schicksal noch nicht gestreift hat. Die immer vergnügten Menschen sind wie Wein, der jung ist – aber der Erfahrene weiß einen herben Tropfen zu schätzen.«

*

Seitdem ich Henningsdorf von meiner neuen Freundin erzählt hatte, hegte er den Wunsch, diese eigenartige Frau kennenzulernen. Als er und Elisabeth sie einmal bei mir trafen, kam das Gespräch wieder auf unsere herrschende Sitte. »Die meisten Menschen,« sagte Frau Volkmann, »leben nach diesen Gesetzen und ahnen nicht, wie tief sie sich oft dadurch an sich selbst versündigen, und wie schuldlos, rein und edel oft gerade jene sind, die gegen jene Gesetze verstoßen. Ich möchte nur folgendes Beispiel erzählen: Ich kannte ein junges Mädchen aus gutem Hause; sie liebte einen Mann, der ihrer nicht würdig war, was sie nicht ahnte. Er verführte sie. – Als sie fühlte, daß sie Mutter wurde, ging sie eines Abends in ihrer Verzweiflung zu ihm. Er erbot sich sofort, sie zu heiraten, um ihre bürgerliche Ehre zu retten. Aber in jener Unterhaltung wurde ihr zu ihrem Entsetzen klar, daß dieser Mann, dem sie all ihr Vertrauen, all ihre Liebe geschenkt, unedel und kleinlich war und bei dem Entschluß, sie zu heiraten, von häßlichen, feigen Gründen geleitet wurde. Sie fühlte qualvoll, daß ihre Liebe sich von dem beliebten ein Bild gemacht hatte, dem er gar nicht entsprach, und verachtete ihn. Sie wußte, wenn sie ihn nicht heiratete, war ihr Leben vernichtet.

Aber sie sagte sich, wenn sie ihn jetzt heirate, wo sie sich seiner niedrigen Gesinnung bewußt geworden, würde es Angst und Feigheit bei ihr sein! – Wohl jedes andere Mädchen würde es trotzdem getan haben – denn welch Los erwartete es sonst? – Aber sie tat es nicht. Sie ging mutig den dornenvollen Weg, den all die gehen müssen, die nicht auf der breiten Heerstraße des Lebens wandern. Entschlossen nahm sie alle Schmach und Schande auf sich, getragen von dem Gedanken, daß sie sittlich tausendmal höher stehe als all' die Mädchen, für die weniger auf dem Spiel gestanden hatte, als für sie, und die sich verkauften, nur um versorgt zu sein.

Ein Durchschnittsmensch wäre an diesem Schicksal zugrunde gegangen. – Sie wurde geläutert, reif, groß, ein edler Mensch, eine bekannte Sozialistin, die für die gerechte Wertung der Frau kämpft. So hat sie schon viele Mitschwestern aufgerüttelt und auf den rechten Weg geführt. Sie ist meine beste Freundin«, fügte Trau Hedwig Volkmann leise hinzu und sah mit ihren beseelten Augen versonnen vor sich hin.

*

Der Einfluß dieser bedeutenden Frau blieb nicht aus: Ihre bedanken und Empfindungen erweckten in mir einen Widerhall, wie ich ihn nie empfunden hatte.

Ich grübelte jetzt oft über meine Jungmädchenjahre nach, die wie verlorene, duftige Schleier im Winde der Erinnerung flatterten. Besonders nachts jagte ich diesen Bildern der Vergangenheit nach. Früher hatte ich geglaubt, es gäbe nur Reue über begangene Taten, jetzt fühlte ich, es gab auch Reue über unterlassene. – Und die brannten noch schmerzlicher!

Hätte ich Pietro Venonis Leidenschaft nachgegeben, sagte ich mir, so würde ich heute nicht mit dem Gefühl herumgehen, nie die Wonnen der sinnlichen Liebe gekostet zu haben – –

Hätte ich Peter Wislicenus, den ich über alle Maßen liebte, nicht nach spießbürgerlichen Anschauungen gemessen und mich nicht auf das hohe Roß unberührter Reinheit gesetzt – wie anders wäre mein Leben geworden! – Vorbei!

War es nicht das, was Hedwig Volkmann meinte, wenn sie von der Sünde gegen sich selbst sprach? Törin, Närrin, die ich gewesen! Je richtiger ich hatte handeln wollen, desto törichter – sinnloser war es ausgefallen.

Ich hatte mich selbst ins Fleisch geschnitten.

Und dann dachte ich an Gabi und Kurt Hegewald und ihr freudloses, verbittertes Leben, an Herta und ihre Gleichgültigkeit, wenn sie bloß eine »Partie« machen konnte.

War das nicht alles dasselbe!

Moral – Moral – du Chamäleon!

O, wie bitter weh, wie tief aufwühlend war dieses »Erkenne dich selbst«.

*

Der Winter setzte dieses Jahr früh ein. Schon im November lag der Park so dicht verschneit, daß man nur auf den vom Schnee befreiten Wegen gehen konnte. Tag und Nacht flatterten die tanzenden Flocken vom Himmel, lockten die Menschenkinder hinaus, hupften ihnen auf die Nase, belasteten ihre Hüte, kitzelten ihnen die Augen und sprangen neckend zwischen Hals und Kragen. Bald wurde es auch bitterkalt, und ich konnte mir nichts Schöneres denken, als diese Winternachmittage, wo es draußen fror, und bei mir ein Kreis lieber Menschen zusammenkam. Am Mittwoch nachmittag hieß es stets, wenn Besuche kamen: ich sei verhindert. Nur Frau Volkmann, Henningsdorf, Gabi – hin und wieder Elisabeth wurden empfangen. Ich ließ dann nicht bedienen, bereitete selbst den Tee in der kleinen goldenen Teemaschine und füllte die alten Meißner Tassen, die noch aus der Sammlung meines Vaters stammten. Es war urbehaglich, und ich sah es den Gesichtern der andern an, daß auch sie diese Nachmittage liebten und ihre Ruhe auf sich einwirken ließen. Friedrich ließ sich hin und wieder sehen, um sich bald zu entschuldigen – es war nur Formsache; er hatte viel zu tun, so daß seine Abwesenheit erklärlich war. – Sogar Dr. Ebert, der überlastete Arzt, erschien, wenn er es irgend möglich machen konnte, für ein halbes Stündchen. Dann freute ich mich besonders!

Als ich ihm eines Tages in glücklicher Stimmung dafür dankte, daß er die Freundschaft zwischen Frau Hedwig Volkmann und mir vermittelt hatte, lächelte er erfreut, als ob er sagen wollte: Ich wußte es ja! Er war eben nicht nur Arzt für die körperlichen Leiden der Frau. –

Es war wieder einmal Mittwochnachmittag kurz vor Weihnachten.

Frau Volkmann hatte in letzter Stunde absagen müssen, auch Gabi war nicht gekommen. Nur Henningsdorf war erschienen.

Ich hatte ihn gebeten, da er doch allein stände, den kommenden heiligen Abend bei uns zu verbringen.

Ich wollte nicht mit Friedrich allein dieses Fest der Liebe verleben; es erinnerte mich allzusehr an das vergangene Jahr, wo ich das Kind erwartet und in seliger Vorfreude die Lichter am Baum entzündet hatte. Henningsdorf dankte mir so beglückt für die Aufforderung, daß ich ganz gerührt war. Warum hab' ich mich nicht schon früher seiner angenommen, flog es mir durch den Sinn; man wird recht selbstsüchtig im Schmerz.

Und dann fiel mir plötzlich ein, daß ich heute, wo wir allein waren, die beste Gelegenheit hatte, mit ihm über Gabi zu sprechen. Er war ihr doch offensichtlich zugetan und nahm vielleicht an – wie es viele taten – daß Tante Adele noch recht wohlhabend sei. Er sollte wenigstens klar sehen – dann ersparte ich ihnen beiden eine Enttäuschung! Und daß Gabi ihn liebte, des war ich gewiß, obgleich wir beide nie darüber sprachen, denn ich fühlte, daß sie mir stets auswich.

Ich wußte auch, wie leidenschaftlich das zurückhaltende Mädchen war. Eine neue Enttäuschung in ihrem Alter würde sie zur Verzweiflung bringen.

So faßte ich mir ein Herz und sagte ihm alles. Henningsdorf unterbrach mich nicht, er war ja auch von Natur aus schweigsam und beherrschte sich in Wort und Miene. »Fräulein von Hartenstein ahnt selbstverständlich nicht, daß ich mit Ihnen spreche,« fügte ich zum Schluß hinzu, »aber ich wollte vorbeugen – Sie verstehen – ich habe Gabi sehr lieb.«

»Gnädigste Frau« – jetzt merkte ich, daß Henningsdorf erregt war, »Sie sehen mich erschrocken, aber aus ganz anderem Grunde, als Sie annehmen. Ich bin mir nämlich gar nicht bewußt, daß ich Fräulein von Hartenstein den Hof gemacht habe. – Ich bin sehr gern mit Ihrem Fräulein Cousine zusammengewesen, weil sie ein feiner, lieber Mensch ist, aber ich habe nie eine tiefere Neigung für sie empfunden und bin bestürzt, gnädigste Frau, zu hören, daß ich diesen Eindruck erweckt habe.«

Ich fühlte, wie eine feine Blutwelle mir in das Gesicht schoß, denn die Lage war für mich peinlich.

»Nicht Sie, Herr von Henningsdorf«, sagte ich entschuldigend, »dürfen sich Vorwürfe machen, denn wie ich Ihnen nochmals ehrenwörtlich versichere, ahnen weder meine Tante noch meine Cousine, daß ich in der Annahme lebte, Ihnen wäre Fräulein von Hartenstein nicht gleichgültig. Meine Verwandten haben nie Ihren Namen in diesem Zusammenhang erwähnt, und ich bin ganz beruhigt, zu wissen, daß ich im Irrtum war.«

»Ich bin sehr froh, daß Sie mit mir gesprochen haben, gnädigste Frau, und ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen.«

Er reichte mir plötzlich die Hand und sah mich an. Und da geschah etwas so Sonderbares, mir so Unbegreifliches, daß ich es nicht fassen konnte. Es durchströmte mich plötzlich das Gefühl: dich könnte ich lieben, dir könnte ich namenlos vertrauen. Wie überglücklich muß die Frau werden, die du liebst!

Dann kam ein süßes Erschrecken, und ich zog meine Hand, die er lange in der seinen gehalten hatte, zurück.

Es ist eine Tatsache, daß gerade in scheinbar gleichgültigen, bedeutungslosen Augenblicken schweigend, gleichsam hinter den Kulissen des wirklichen Geschehens, den Beteiligten oft unbewußt, immerfort allerlei Fäden zwischen Menschen gesponnen werden.

Es war ganz still zwischen uns geworden.

Henningsdorf beugte sich vor. Ich sah das Licht auf seinem hellbraunen Haar spielen, die hohe kluge Stirn, die graublauen ernsten Augen, die nie lächelten.

Dann sprach er:

»Ich kann es nicht begreifen, wie Sie annehmen konnten, ich liebte Fräulein von Hartenstein, – weil – ich eine andere liebe – von der meine Gedanken ganz erfüllt sind. Wie kann man da so scheinen!«

»Ich sagte Ihnen ja, es war ein Versehen.«

Verlegen kam es von meinen Lippen.

»Ich spreche nie darüber, aber heute,« sagte er ernst, »habe ich das Bedürfnis, mich Ihnen gegenüber auszusprechen.«

»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen.«

»Es ist eine merkwürdige Geschichte«, fuhr er fort. »Es sind ungefähr sechs Jahre her, da sah ich bei Schulte in Berlin ein Bild. Es war eine Mädchengestalt, die mich aufs höchste entzückte, solch holder Liebreiz, solch kindliche Reinheit lag in dem Gesichtchen, wie man es heutzutage selten trifft. Die jungen Damen von heute – ich weiß nicht, ich bin wohl sehr altmodisch – aber ich finde nicht eine, die ich von ganzem Herzen liebhaben könnte; ich habe vielleicht noch etwas von den Rittern im Mittelalter an mir – lachen Sie mich ruhig aus! – die da von den reinen, minniglichen Frauen singen.«

Ich hörte ernst zu, und er sprach weiter:

»Einige Jahre darauf traf ich eine Frau, die mich sehr an das Bild erinnerte, nur daß alles, was in dem jungen Mädchengesicht bloß angedeutet war, bei ihr viel ausgeprägter erschien. Eine zarte Melancholie lag auf ihrem Madonnengesicht, ihre Schönheit war reifer, ihre Augen von traurigem Wissen erfüllt. – Ich liebte sie.« – Er schwieg.

»Sie liebte Sie wieder?« fragte ich leise.

»Nein, ich weiß es nicht – glaube es kaum; sie war unglücklich verheiratet, ich ahnte es. Angedeutet hat sie es nie – sie war viel zu vornehm und unnahbar. Sie war reich – in glänzenden Verhältnissen – ich konnte ihr nicht zumuten, eine simple, kleine Hauptmannsfrau zu werden. Ich hab' ja kein Vermögen. Auch glaube ich kaum, daß sie von meiner Liebe etwas ahnte.«

»Also der reine Ritter Toggenburg«, sagte ich lächelnd.

Er lächelte nun auch: »Ja, jedenfalls war und blieb sie für mich die unnahbare Königin. Ich zermarterte mir den Kopf, wie ich aus meiner trostlosen wirtschaftlichen Lage herauskönnte – aber ich fand keinen Ausweg. Jetzt endlich scheint mir das Glück hold zu sein – bitte, sprechen Sie noch nicht darüber! Ich stehe in Verhandlungen mit Krupp und habe starke Aussichten, von den Werken übernommen zu werden. Sie brauchen da tüchtige Offiziere – ich bin ja Artillerist. Dann bekomme ich ein hohes Gehalt und bin völlig frei.«

»Sie werden sich ihr dann nähern?«

»Ja – nur dann.«

Er hatte dies alles so erzählt, als ob es vor Jahren geschehen wäre, und so sagte ich arglos: »Wenn Ihre Jugendschwärmerei ein bekanntes, altes Bild ist, so besitzen Sie vielleicht eine Reproduktion oder eine Kopie davon? Ich würde gerne Ihren Geschmack sehen, um mit Ihnen empfinden zu können.«

»Nein, es ist ein modernes Bild, Lichtwark kaufte es für Hamburg, dort hängt es nun im Museum. Es war von einem ziemlich unbekannten Maler – einem gewissen Schlomann und hieß: ›Venedigs Vergangenheit‹.«

Ein leiser Schrei kam von meinen Lippen. Ich stand auf – zitternd.

Auch Henningsdorf hatte sich erhoben.

Er war ganz blaß geworden.

»Sie kennen das Bild?« sagte er heiser.

»Ich bin es selbst.«

Eine beklemmende Stille trat ein.

Wir standen zwei Schritte voneinander entfernt, Auge in Auge, beide in seliges, fassungsloses Staunen versunken. Mein Taftkleid knisterte – der Teekessel summte – das Rokokoührchen machte silberfein ticktack, ticktack. – Keines von uns regte sich. Es war alles wie ein Märchen – ein wunderbares, wonnesames Märchen, was ich in seiner ganzen, süßen Schwere erleben durfte. Ich war es, die er schon vor zwei Jahren im Bilde geliebt hatte und der er nun wider Willen seine Liebe verraten! Dieser wunderbare Zufall gab uns das tiefe, beseligende Gefühl, füreinander bestimmt zu sein.

Diese Gedanken durchwogten mich, während wir Auge in Auge standen, und ich in seinen Blicken eine Welt voll Liebe und Anbetung für mich sah.

»Maria!«

Er streckte die Arme aus.

Da löste sich meine Starrheit.

»Noch nicht – noch nicht – sprechen Sie heute noch nicht!« rief ich. »Noch kann ich das alles nicht begreifen – alles ist mir noch so neu.« – Und ehe er sich versah, war ich mit flüchtigen Schritten aus dem Zimmer geeilt.

*

Wie einzig schön ist doch Platons Vergleich mit dem Würfel, den der Gastfreund in Griechenland beim Abschied zerteilte, um dem Freunde eine Hälfte zurückzulassen, woran er ihn später erkennen konnte. So ist jeder Mensch ein geteilter Würfel und sucht nun im Leben immerfort die andere Hälfte, die allein zu ihm paßt. Und wenn sich die Hälften finden, so fügen sich beide so innig zusammen, daß sie wieder eins werden und nicht mehr voneinander lassen können.

*

Ich hatte Hans von Henningsdorf zugerufen: »Noch nicht!« Aber bedurfte es denn irgendwelcher Bedenken bei mir?

Nach der wunderbaren Entdeckung an jenem Abend war es wie ein seliges Erwachen über mich gekommen: Ich liebte – liebte ohne Bedenken, ohne Zweifel, ohne Scheu – so, wie Frauen lieben, deren Zeit gekommen ist.

Ich fragte weder nach Vorleben noch Beruf, nicht nach all dem, worauf ich früher mein Leben aufgebaut hatte, um schließlich daran zu scheitern. Ich fühlte, daß ich die Fähigkeit hatte, auf alles zu verzichten, ich würde es sogar fertigbringen, als Hauptmannsfrau zu leben – was mir noch vor kurzem als ein Unding erschienen wäre – denn ich paßte da nicht hin und würde nie dorthin passen! Daran konnte ich meine Liebe ermessen. Aber ich wußte, daß sich an uns die wundervolle Kameradschaft erfüllen würde, die den Eheschließenden als höchstes Ziel vorschwebt. Und diese Gewißheit ließ keine Bedenken aufkommen!

Das erstemal sahen wir uns wenige Tage darauf in der Oper wieder. Ich erblickte ihn, wie er sich den Weg durch die Menge bahnte. Ich hatte ihn nicht gleich erkannt, denn er war im Smoking. Meine Loge war an jenem Abend während des ersten Aktes leer. ›Wundervolle Gunst des Himmels‹, dachte ich, als ich ihn während der ersten Klänge der Meistersinger-Ouvertüre hinter meinem Sessel sah.

Es war sehr dunkel in der kleinen Loge.

Da wandte ich mich um, winkte ihm mit den Augen, hinter mir Platz zu nehmen, und sagte leise, mit vor Erregung versagender Stimme: »Wie schön, daß du da bist, Hans!«

Diese wenigen Worte von mir gaben mich ihm völlig und machten alles Fragen und Werben von seiner Seite überflüssig, stellten uns und unsere Liebe auf ein Fundament langen Kennens – tiefer Freude am gegenseitigen Besitz.

So machte ich ihn und mich glücklich!

Dann sprachen wir von unserer Zukunft.

Und die herrlichen Klänge der Ouvertüre begleiteten unsere Worte.

*

So sehr es Hans rührte und beglückte, daß ich ihm als Hauptmannsfrau zu folgen bereit war, so wollte er doch durchaus nichts davon wissen. Er mußte die Größe des von mir angebotenen Opfers zu schätzen und war nicht zu bewegen, es anzunehmen.

»Nein – warum soll ich dich zwingen, in einer Gesellschaft zu leben, die deinem ganzen Wesen zuwider ist? Es ist ja so gut wie gewiß, daß ich den Posten bei Krupp bekomme, da kann ich dir auch den Namen geben, den du brauchst, – freilich nicht entfernt so glänzend, wie du ihn jetzt hast – aber alles in allem doch sehr annehmbar.«

Das waren seine Worte. Da half alles Beteuern von meiner Seite nichts! Zum 1. April – spätestens zum 1. Oktober sollte Henningsdorf den Posten übernehmen, in wenigen Wochen konnte er Bescheid bekommen. Bis dahin wollte der Geliebte unser Haus meiden. Ich verstand und ehrte sein Empfinden: er mochte das Haus des Mannes nicht betreten, dessen Frau ihm in kurzer Zeit folgen sollte. – Aber wie sollten wir uns sehen?

Wir verabredeten, daß wir mehrere Male in der Woche morgens zusammen ausreiten wollten, und ich deutete es Friedrich an mit der Begründung, Herr von Henningsdorf wäre momentan sehr beschäftigt und könnte darum nicht mehr zu meinen Teenachmittagen kommen. Friedrich hörte flüchtig hin; meine Bekannten waren ihm viel zu gleichgültig.

*

Nun kamen schöne, lebenswarme Tage und Wochen. Ich lebte nur von einem Ausritt zum anderen. Wir trafen uns in der Regel vor der Stadt und ritten dann durch den Wald oder nach den umliegenden Dörfern. Je mehr wir uns kennenlernten, desto größer wurde das Glück, das wir bei dem Gedanken empfanden, in kurzer Zeit einander zu gehören. Ich begriff jetzt auch, daß man den deutschen Soldaten nicht kalt und vorurteilsvoll mit der Lupe des Ausländers betrachten dürfe. Der Ausländer sah nicht die Vorzüge, die in der spartanisch-strengen Auffassung des Lebens, in der altpreußischen Einfachheit und Schlichtheit lagen – lauter Eigenschaften, die auch den Grundzug in Hans von Henningsdorfs Charakter bildeten und durch eine Reihe von Ahnen entwickelt und auf ihn vererbt waren.

Wenn ich so verstehen und milder beurteilen lernte, so blieb doch eins, was den Geliebten schmerzlich berührte: daß ich so international empfand. Meine ganze Erziehung und Jugend hatte mich zu dem gestempelt, was ich geworden war; ich dachte persönlich und politisch international und konnte durchaus nicht die befühle aufbringen, die Hans mit dem Worte »Deutschland – Vaterland« verband!

*

Im Februar mußte Hans vierzehn Tage Urlaub nehmen. Er fuhr nach Essen und schrieb von dort, daß er nun von den Kruppschen Werken übernommen sei, aber erst am 1. Oktober seine neue Stellung antreten könne. Der Brief klang enttäuscht, weil er gehofft hatte, daß wir C… schon im April verlassen könnten. Er schlug mir vor, bis zu meiner Scheidung bei einer weitläufigen Verwandten von ihm zu wohnen, unterdes wollte er die Scheidung betreiben; er hätte unter der Hand genügende Beweise gesammelt – Dinge, die für mich zu häßlich seien, und die er mir nicht erzählen wolle, die aber genügen würden, um meine Scheidung von Overbeek zu erreichen. –

Ich war auch während der Abwesenheit des beliebten regelmäßig morgens ausgeritten, um alles Gerede zu vermeiden. Aber jetzt, wo ich allein war, hörte die Spannung auf, mit der ich von Tag zu Tag – von Wiedersehen zu Wiedersehen gelebt hatte. Ich fühlte mich matt und angegriffen: es war die natürliche Reaktion, die ja nach allem, was ich seelisch die letzten Jahre durchkämpft hatte, nicht ausbleiben konnte.

An einem schönen, warmen Märzmorgen ritt ich durch den Wald, der an Friedrichsort stößt. Es waren nur noch wenige Tage bis zur Wiederkehr des Geliebten. Friedrich sah es ungern, daß ich ohne Reitknecht ausritt; so nahm ich Karl, den netten, jungen Stallburschen, hin und wieder mit. Auch an jenem Morgen. Unterwegs entdeckte ich, daß ich einen meiner leuchtenden Schildpattkämme verloren hatte, und befahl Karl, umzukehren und den kleinen Gegenstand zu suchen. Ich bedeutete ihm, daß er mir dann nicht mehr zu folgen brauche, und ritt in schlankem Trabe durch den Buchenwald auf Schierfelde zu. Das liebliche Dorf liegt malerisch in einer Talmulde, ungefähr anderthalb Stunden von Friedrichsort entfernt. Ich war früher öfter dort gewesen: Friedrich hatte mich im Anfang unserer Ehe einige Male mit dem Dogcart hingefahren. Wir hatten dann in einem traulichen Wirtshausgarten ein Glas Milch getrunken, es war immer sehr hübsch gewesen. Wir kam plötzlich der Gedanke, meinen Ritt so weit auszudehnen. Ich konnte ja dort rasten – zu Hause erwartete mich doch niemand. Es war zu schön an jenem Morgen, nicht zu warm trotz Sonnenschein und wolkenloser Bläue.

Schon war ich meinem Ziele nahe. Das letzte Stück des Weges war unbequem: ein steiniger Pfad voll Geröll und abschüssig. Ich ließ mein Pferd langsam bergab steigen. Der Wald lichtete sich, und das Dorf lag vor mir. Noch zehn Minuten Ritt, und ich war da. – Da erblickte ich zwei Reiter, die jenseits aus dem Walde kamen – ich entsann mich; es führten zwei Wege nach Schierfelde. Es waren ein Herr und eine Dame; aber ich konnte sie nicht erkennen, denn sie waren noch zu weit von mir entfernt. Sie lenkten ebenfalls ihre Pferde der Talmulde und dem Dorfe zu. Ich überlegte: wer mochte es sein? – Der Mann war groß, ein Hüne; die weibliche Gestalt, zierlich und gertenschlank, saß gut im Sattel. Ich habe scharfe Augen, aber ich konnte ihre Züge nicht unterscheiden.

Da sah ich, wie ihre Pferde, ehe sie den Abstieg nahmen, einen Augenblick innehielten. Die Tiere standen dicht nebeneinander – und nun beugte sich der weiter zur Seite, die Reiterin ihm zu – und sie küßten sich – – – Es war ein wundervolles Bild – ich sehe es noch heute vor mir: Die edlen Pferde, die eleganten Gestalten, die sich zueinander neigten und in langem Kuß verharrten, der dunkle, rauschende Buchenwald als Hintergrund, das blaue Zelt des Himmels über ihren Häuptern, die klare Luft und die roten Dächer des Dorfes ihnen zu Füßen – ich konnte den Blick nicht von ihnen reißen! – Dann sah ich, wie sie ihre Pferde anspornten, und in wenigen Augenblicken waren sie meinen Blicken entschwunden.

*

Im Wirtshausgarten war es sonnig und heiß; es waren kaum Gäste da. Ein Fuhrknecht hockte schläfrig auf einer Tischkante und goß ein Glas Bier hinunter. Die kleinen Sitzplätze waren durch künstliche Lauben und Efeuwände getrennt. Ich setzte mich an einen blank gescheuerten Tisch und wartete auf ein Glas Milch.

Die Hühner gackerten um mich herum. Eine Katze lag auf den Steinfliesen des Wirtshauses und ließ ihr Fell von der Frühjahrssonne durchwärmen. Ich wurde ebenfalls von der einschläfernden Stimmung angesteckt, lehnte verträumt meinen Kopf an die Efeuwand und vergaß ganz den Heimritt.

Da hörte ich Stimmen – Worte konnte ich nicht verstehen – von der entferntesten Laube herüberklingen.

Ich entdeckte nun, daß dort das Paar Platz genommen hatte, das ich vorhin zu Pferde gesehen. Die Frau konnte ich nicht erkennen, denn sie saß mit dem Rücken mir zugewandt; aber das Gesicht des Mannes schimmerte deutlich durch die Efeuwand – es war Graf Boyneburg.

Im ersten Augenblick wollte ich aufstehen und erfreut meine Anwesenheit zu erkennen geben – aber da fiel mir glücklicherweise zur rechten Zeit ein, daß dem Paare meine Anwesenheit vielleicht gar nicht erwünscht wäre. Wer mochte das junge Mädchen sein? – Man sprach seit kurzem von einer bevorstehenden Verlobung Graf Boyneburgs mit einem Fräulein Gebhardt, der Tochter eines rheinischen Großindustriellen; aber dies Fräulein Gebhardt kannte ich nicht persönlich. – Aber – Boyneburg war als Lebemann bekannt, man konnte nie wissen. Ich sah sein Gesicht, ohne selbst erblickt zu werden. Er sprach halblaut, und ich hörte dann und wann ein leises, spöttisches Lachen von ihrer Seite. – Es war wie ein Werben und Widerstreben, das dort ausgekämpft wurde. Boyneburg hatte sich über den schmalen Tisch gebeugt – das verlebte, schöne Gesicht war erregt – er hielt die Hand seines Gegenüber zwischen den seinen und redete auf die Frau ein.

Aus begreiflicher weiblicher Neugier hätte ich gern ihr Gesicht gesehen, um festzustellen, wer sie war. Aber das war unmöglich, wenn ich mich nicht zu erkennen geben wollte – und das mochte ich um ihretwillen nicht.

Boyneburg riß plötzlich die Hand der Reiterin an seine Lippen, streifte den Ärmel brüsk zurück und bedeckte den weißen, schlanken Arm mit leidenschaftlichen Küssen. Zu meinem Erstaunen ließ sie es geschehen, und da erblickte ich auch ihre linke Hand. Es war eine kleine, ausdrucksvolle, schmale Hand, und am Ringfinger reihten sich drei gleichgeformte Ringe aneinander. Sie bestanden aus Rubinen, Smaragden, Saphiren, immer von Brillanten unterbrochen. Unter all' den vielen Menschen, die ich kannte, hatte ich diese Zusammenstellung nur bei einer Frau gesehen, und diese würde ich daran unter Tausenden wiedererkannt haben.

Es war Frau von Treuenfels. – – –

*

Ich hab' mich davongeschlichen und bin, wie vor den Kopf geschlagen, nach Hause geritten.

Ich hatte nur die Hand gesehen und wußte nun alles – und doch wieder nichts – Frau von Treuenfels – ich konnte es nicht fassen. Wie oft hatte ich sie mit ihrem Manne bei mir gesehen, wieviel mich mit ihr unterhalten. – Wenn diese beiden nicht glücklich waren – wer sollte es dann sein! Und sie waren es auch ohne Zweifel. Der herzliche Ton, der zwischen ihnen herrschte, betätigte es. Frau von Treuenfels war sicher temperamentvoll und schön, aber ich würde sie nie und nimmermehr für leichtfertig gehalten haben. Häufig hatte ich mich mit ihr über Ehe, Kindererziehung und dergleichen unterhalten und mich über die ernste Auffassung gefreut, mit der sie an all' diese Dinge heranging, welch' hohe Anforderungen sie an sich stellte und wie klar und sachlich ihr Urteil war. Einer großen, leidenschaftlichen Liebe, die alles, was sich ihr in den Weg stellte, umreißen mochte, hätte ich sie für fähig gehalten, aber nie einer oberflächlichen Liebelei. Und um nichts anderes konnte es sich bei ihr und Boyneburg handeln. Sie mußte ihn kennen, wie ihn alle kannten. Es war meines Erachtens ganz ausgeschlossen, daß sie diesem Lebemann, dem man die abenteuerlichsten Verhältnisse nachsagte, in wirklicher Liebe zugetan war – besonders da sie einen solchen Mann hatte.

Was mußte in der Seele dieser Frau vorgehen? Was hatte sie zu diesem Schritt getrieben? Welch dunkle Ungeklärtheiten ließen sie so handeln?

Ich wußte es nicht und würde es nie erfahren!

*

Es war mein vorletzter Ritt. In den er ersten Märztagen erfaßte mich eine heftige Influenza, aus der sich eine Lungenentzündung entwickelte, und als Hans nach dem 10. März zurückkehrte, lag ich zwischen Leben und Tod.

So sah ich den Geliebten erst nach der bedeutungsvollen Aussprache mit Dr. Ebert.

Bei der letzten, gründlichen Untersuchung, als ich schon ein wenig im Freien gewesen war – denn wir hatten dies Jahr schon Ende März eine Wärme wie sonst im Mai – hatte mich Ebert besonders dringlich und besorgt ausgefragt.

»Sie haben Nachtschweiße, sagen Sie, und wie lange? – Schon vor der Erkrankung? Und das sagen Sie erst jetzt, gnädige Frau! – Aber ich bitte Sie, das ist doch unglaublich. Ein halbes Jahr lassen Sie diesen bedenklichen Zustand unbeachtet? Sie sagen, Sie seien immer so gesund gewesen; dabei wissen Sie aber doch, daß Ihre Frau Mutter lungenkrank wurde und an Schwindsucht starb. Sie brauchen sich darüber nicht aufzuregen – Sie sehen mich so erschrocken an – aber wenn man solchen Fall in der Verwandtschaft gehabt, sogar die Mutter daran verloren hat, ist es doch selbstverständlich, daß man das im Auge behält!«

Und dann kam das vernichtende Urteil: »Ein halbes Jahr Arosa genügt!« Ich war wie versteinert. Jahrelang war ich wie durch einen dunklen Wald geirrt und sah nun den Weg ins Freie – den Weg ins Leben. Und nun, wo ich das Ziel vor Augen hatte, kam ein böses Tier und bedrohte mich! – Wenn ich nicht den Geliebten gefunden, so hätte ich diese Eröffnung ruhig, ja freudig hingenommen, denn ich hatte mein Leben bis zu jenem Tage als Last empfunden. Und da der gute Dr. Ebert dies natürlich nicht ahnte, so begriff er auch meine Todesangst nicht – die sonst so gar nicht mit meinem Wesen in Einklang zu bringen war.

Ich bat Ebert um vollkommene Wahrheit, aber er versicherte mir, ja auch Friedrich gegenüber immer nur dasselbe: ich hätte seinen Befund viel zu tragisch genommen, er sei sehr vorsichtig und verordne Arosa nur vorbeugend.

Als ich Hans wiedersah, waren sechs Wochen verstrichen; es war wenige Tage vor meiner Reise nach der Schweiz.

Ich bat ihn, von einer dauernden Verbindung mit mir unter diesen Umständen abzusehen.

Da sah ich ihn zum ersten Male böse.

»Einmal beurteilst du in deiner Sorge die Erkrankung zu schwer, und dann wäre sie für mich niemals ein Grund, dich aufzugeben. Im Gegenteil! Wenn es nur noch wenige Jahre wären, die dir beschieden, würde ich unendlich dankbar sein, daß mir noch die Möglichkeit gegeben ist, dir die kurze Lebenszeit schön und reich zu machen.«

Das waren seine letzten Worte.

*

Am 4. April wollte ich allein nach Arosa fahren. Nicht einmal meine Jungfer nahm ich mit, obgleich Friedrich das empörend fand und als nicht standesgemäß bezeichnete.

In einer kleinen Villa abseits vom Kurbetrieb hatte ich mich als Gast angemeldet.

Es war am Abend vor meiner Abreise. Friedrich hatte ein kleines Herrenessen gegeben. Bald hatte ich mich verabschiedet und zurückgezogen.

Die Koffer waren schon gepackt. Ich ordnete noch einige Kleinigkeiten, nahm mit den Blicken freudig Abschied von diesen Räumen und legte mich früh schlafen. – Es war schon zwischen zwei und drei Uhr nachts, als ich von heftigem Klopfen und der Stimme meines Mannes geweckt wurde.

Was mochte geschehen sein? Seit des Kindes Tode hatte er nie mehr mein Schlafzimmer betreten, da er ja ahnte, wie ich ihm gegenüber empfand.

Eilig erhob ich mich und öffnete: »Was ist geschehen?« fragte ich erschrocken.

Friedrich trat ein und schloss hinter sich die Tür.

Jetzt sah ich, dass er stark angetrunken war.

»Was soll geschehen sein?« sagte er mit breitem Lachen und griff roh nach meinem Arm: »Ich werde doch meine schöne Frau besuchen können, wenn es mir beliebt!«

»Nun sei mal vernünftig«, fuhr er fort, als er sah, wie ich mich voll Ekel von ihm losmachte. »Du hast lange genug geschmollt – wir wollen uns versöhnen.« Dann sprang er auf ein anderes Gebiet über und fuhr fort: »Du, der Puttlitz ist ganz verliebt in dich, er sagte: ›Overbeek, Sie haben doch die schönste Frau – das macht Ihnen keiner so leicht nach – ja, und Rasse hat sie auch – Donnerwetter!‹ – Ja, und was ich sagen wollte, der Boyneburg sagt auch« – –

»Ich bin müde, Friedrich – laß mich schlafen, morgen habe ich die weite Reise vor.«

»Ja« Friedrich kam auf mich zu, ich hatte mich schon wieder niedergelegt. »Gib mir noch einen Abschiedskuß«, lallte er.

Ich stieß ihn von mir.

Das ernüchterte ihn. »Nanu«, sagte er grob, beugte sich über mich und riß mich hoch.

Ich roch seinen weindurchtränkten Atem.

Dann kämpften wir – lautlos – erbittert.

Endlich bezwang er mich.

*

Arosa – – –

Es war Ende Juli. Fast vier Monate lebte ich schon da, und es ging mir sehr gut. Ich fühlte mich kräftiger und wohler, als seit Jahren, und alle Befürchtungen und Sorgen hatten mich verlassen.

Ich hauste in völliger Einsamkeit – sprach höchstens mit der netten Wirtin und lebte sonst nur mit meinen Büchern und den Briefen, die täglich von dem Geliebten eintrafen, und deren Beantwortung mein Dasein ausfüllte.

Und diese Abgeschlossenheit von aller Welt hatte wohl auch zur Folge, daß ich das, was ich in den Zeitungen las, nicht für so ernst nahm. Das Kriegsgeschrei hielt ich für leere Drohung. Wie oft war es schon so gewesen, und die Wogen hatten sich wieder geglättet.

Aber eine merkwürdige Unruhe lag über der Welt. Ich sah, wie die Menschen in kleinen Gruppen zusammenstanden und aufgeregt redeten, wobei sie Depeschen aus der Tasche zogen und herumreichten. Dann sah ich sie nicht mehr wieder – sie waren abgereist. – Es wurde leer in Arosa.

Ich ward stutzig – fragte – hörte – erschrak. Und angstvolle Fragen klangen durch die Drähte über die Berge ins Flachland.

Es ließ sich nicht mehr aufhalten – wie der Sturmwind brauste es über Europa – die Menschen erzitterten – das Ungeheuer war erwacht!

Lange hatte es geschlafen, und während dieser Zeit war es den Menschen gut ergangen, zu gut. Sie hatten ruhig dahin gelebt, waren zu Wohlstand gekommen, ihre Kinder sollten es noch besser haben. – Da erwachte das Ungetüm – in Sarajevo war es – und als es sich drohend erhob, erbebte die Erde, es blinzelte den Ländern entgegen, und die Menschen erstarrten vor Grauen. Es blies seinen giftigen Atem den Menschen ins Blut, da wurden sie gepackt von dem bösen Fieber des Hasses, des Neides, der Wut! Das Gift nahm ihnen den kühlen Kopf – sie sahen in ihren Brüdern Feinde und schlugen los. – Der Krieg war entbrannt!

*

Alles eilte, hastete, jagte und raste der Heimat zu. Die Hotels wurden mit einem Schlage leer; selbst die Kränkesten wollten fort – in die Heimat. Wer gesund war, wollte ins Feld – aber zuerst natürlich in die Heimat. Wer Angehörige hatte, die sich stellen mußten, fieberte, nur von dem einen Gedanken beseelt, die Liebsten noch einmal zu sehen. – Also fort – schnell fort!

Angstvolle Depeschen jagte ich dem Geliebten zu. Alle desselben Inhalts: »Wo werd' ich dich noch einmal sehen? Ich muß dich sehen.« – Und als ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, Antwort zu erhalten, wo doch alle dieselbe bange Frage ins Weite stießen, kamen die Worte zurück: »Erwarte mich auf Truppendurchgangsstation Güsten – muß zum Regiment – wann unbestimmt!«

Da reiste ich ab. Mit Tausenden und aber Tausenden der Heimat zu.

Es erscheint mir heute noch ein Wunder, daß ich überhaupt mitgekommen bin! Ich mußte mit, das sagte ich mir bei den ungezählten Schwierigkeiten, die sich mir in den Weg stellten.

Gestoßen, verhungert, übermüdet – an allen Gliedern zerschlagen, traf ich ohne Koffer nach mehr als sechzigstündiger Fahrt in Güsten ein.

Es war über alle Begriffe anstrengend gewesen. Aber kein Hindernis war mir zu groß gewesen, um zu dem Geliebten zu kommen.

*

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein.

Ich wehrte mich gegen dieses unfaßliche Wunder, dieses beseligende Wunder opferfreudigster Begeisterung, das mich erfüllte. Ich wehrte mich dagegen, wollte meine Gefühle zergliedern, mit Vernunftgründen meine Empfindungen unterdrücken – aber es war mir nicht möglich.

Wie auf einer Woge wurde ich emporgehoben in heiliger Begeisterung und ließ mich fortreißen, widerstandslos, beseligt, bekehrt!

Eine Wiedergeburt vollzog sich in mir.

Und ich schaute und schaute auf die nie endenwollenden Züge, die von Ost nach West, von Nord nach Süd dahinrollten, angefüllt mit fröhlichen, lachenden, in heiligem Eifer erglühenden Männergesichtern, und hörte die Lüfte brausen vom Gesang herrlicher, unsterblicher Lieder.

Die Tränen liefen mir über die Wangen, ich merkte es kaum, fühlte mich nur getragen von herzerschütternder Begeisterung.

Und die Züge rollten. Tag und Nacht. – Ich stand und wartete. – Die Glocken läuteten. Die Fahnen wehten. – Die Menschen fieberten! – Wenn ich sechs – acht Stunden Zug auf Zug hatte vorbeigleiten sehen und Tausende von Männergesichtern durchforscht nach dem einen Gesicht – dem einzigen, das ich suchte – dann fiel ich ermattet auf die Bank, die auf dem staubigen Bahnsteig stand, und schloß für kurze Zeit die Augen.

Aber dann trieb es mich wieder hoch: Er konnte ja kommen – jetzt gerade kommen, wo ich die Augen in tiefer Erschöpfung schloß – und wieder eilte ich auf meinen Posten.

Und die Züge rollten Tag und Nacht. – Ich stand und wartete. – Es gab keine Unterbrechung in diesem monotonen Geschehen.

Durch die Helle des sonnigen Sommermorgens kamen die Wagen in endloser Zahl. Man sah es den Männern an, daß sie kaum geschlafen hatten, das Fieber der Erwartung lag auf ihren Gesichtern. In der drückenden Glut des Mittags erschienen sie und fuhren dahin, weiter, immer weiter hinunter dem Feind entgegen. – Und in der Nacht tauchten die unermüdlichen Lokomotiven auf und versanken wieder in der Dunkelheit. – Endlos – unerschöpflich an Zahl.

Ich sah nichts mehr – begriff nichts mehr – vernahm nur noch das ewige Rollen der Räder und das immer wieder erwachende, jubelnde: »Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein.«

Die Züge rollten, und ich wartete, wartete.

Sechsundvierzig Stunden waren seit meinem Eintreffen in Güsten verflossen. Es war am Spätnachmittag des fünften Mobilmachungstages. Kaum fähig, mich noch aufrecht zu erhalten, hockte ich auf der Bank. In der Hand hielt ich ein Butterbrot – war aber zu erschöpft, es zu genießen. Ich konnte nicht mehr warten; er würde nun wohl nicht mehr kommen! Es war das beste, heimzureisen – aber wie? – Es gingen nur Militärzüge. Ich mußte also in diesem kleinen Nest vermutlich noch viele Tage ausharren, bis mir Erlösung kam.

Eine völlige Mutlosigkeit nahm von mir Besitz. Ich entschloß mich, in dem nahen Gasthof einzukehren. Hier konnte ich doch nicht länger bleiben.

Aber ich blieb, und es wurde wieder Abend. Von neuem sah ich, wie die spärlichen Laternen des kleinen Bahnsteigs entzündet wurden. Wieder erfolgte die Ablösung des Roten Kreuzes und des Bahnhofsdienstes.

Und die Züge rollten.

Da erschien plötzlich der Bahnhofsvorsteher mit der roten Mütze und fragte mich mit halber Stimme: »Ich bitte um Verzeihung, Frau van Overbeek?«

Ich nickte, sprechen konnte ich nicht mehr.

Er ging fort, und plötzlich stand ein anderer Mann vor mir, der, den ich tagelang gesucht und unter den Tausenden von Soldaten nicht gefunden. – Ich fragte nicht: »Wo kommst du her? Wie war es dir noch möglich zu kommen?« Ich fühlte nur, daß sein Arm mich umschlungen hielt, und daß nun alles gut war. Nichts mehr in meinem armen Leben konnte diese Stunde an Größe und Schönheit übertreffen. Und dann saßen wir im Wirtshauszimmer des Goldenen Schwans in einer Ecke an einem Tisch mit rotgewürfelter Decke und hielten uns an den Händen und konnten nicht sprechen vor Glück.

Und wir dachten nicht an die Menschen, die um uns herum saßen. Sie achteten auch nicht auf uns.

In diesen Tagen fiel aller äußerliche Zwang der Gesellschaft von den Menschen ab. Lieb' und Leid zeigten sich offen und ohne Scheu. Und da jeder nur mit sich selbst beschäftigt war, fiel es nicht auf, daß da am Tisch zwei Menschen saßen, die das Glück stumm gemacht.

»Wir wollen in unsere Zimmer gehen,« sagte Hans, »da können wir uns ungestörter sprechen.«

Er sah mich erblassen und fügte hinzu: »Ich habe zwei Zimmer bestellt und in das Fremdenbuch eingetragen: Kaufmann Fahrenkamp und Schwester. – Komm'!«

Da erhob ich mich.

Und als wir auf dem wurmstichigen, kleinen Sofa in dem für mich bestimmten einfachen Stüblein saßen, dünkte mich dieser Raum schöner als die prunkvollen Gemächer von Schloss Petershof mit seinen seidenbespannten Wänden. An den Geliebten geschmiegt, erzählte ich ihm mit bebender Stimme, welch Wunder sich an mir vollzogen hatte durch die einmütige Erhebung und Kriegsbegeisterung des Volkes.

Hans riß mich stürmisch an sich: »Maria, das ist das Schönste, das Beste, was du mir mit auf den Weg gibst; jetzt trennt uns nichts mehr!«

»Jetzt trennt uns nichts mehr?« Fast tonlos kam es von meinen Lippen.

»Herz«, sagte er da und wandte den Kopf so, daß er mir voll in die Augen blickte. »Nein, Maria, nun trennt uns nichts mehr – nichts, als der Krieg. Jetzt braucht mich das Vaterland, wie es jeden braucht, und ich bin froh und dankbar, daß ich diese große Zeit erleben darf. – Aber wenn ich wiederkomme, dann fordere ich mein Recht.«

»Ach, Hans – wenn du wiederkommst – dann kommt das Glück – ach, Hans – das Glück, das Glück, von dem alle sprechen, und das nur so wenige kennen und begreifen. Wir werden es erkennen und es halten – ja, Hans?«

»Vielleicht werden wir glücklicher sein als die meisten, Maria,« hörte ich seine Stimme gedämpft und klangvoll an meinem Haar, »weil wir es uns erkämpft haben.«

»Ja, Hans.«

»Bist du froh?«

»Ich glaube, es ist nur ein Traum.«

»Dann wollen wir nie mehr erwachen.«

»Hans – du.«

»Weib, mein Glück!«

*

Die Kerze, die auf dem Tisch gebrannt hatte, war längst erloschen. Nur die kleine Straßenlaterne vor dem Hause schickte ihren matten Schein durch die Fenster ins Zimmer, wie eine treue Hüterin, die ihr Kind beschützen will. Ihr fahler Glanz fiel in breiten, ruhigen Streifen quer durch das winzige Stüblein. – Nur der Tisch lag in seinem Licht. Auf der bunten Decke stand ein Blumenstrauß, Georginen und Maßliebchen, ich sehe sie noch vor mir, als sei es gestern gewesen. Und zwischen den Blüten steckte ein papiernes Fähnlein – schwarz-weiß-rot. Ach, Gott, es war ja Krieg. – Konnte es etwas geben, das dieses welterschütternde Ereignis in den Hintergrund drängte? – Die Liebe vermochte es. Aber nur für Augenblicke. Dann schrie es wieder in meiner Seele: Krieg! Krieg! Wie konnte man auch nur einen Augenblick lang vergessen! »Hans, Hans, und wenn du nicht wiederkommst?« schluchzte ich plötzlich auf in dem Bewußtsein meiner Verlassenheit und Ohnmacht. »Weib, süßes, geliebtes, daran denk' nicht, hoff und bleib' stark, bis der Tag des Friedens kommt. – Hoffe und harre mit all den tausend Müttern und Frauen. Ihr tragt ja alle dasselbe Leid – und wenn ich nicht wiederkomme, so halte dich an diesen Abend, dessen karge Stunden uns das Glück eines Lebens ersetzen müssen.«

Draußen erlosch das Laternenlicht.

Völlige Dunkelheit herrschte plötzlich in dem kleinen Raum.

»Hans,« sagte ich und suchte das Schluchzen zu dämmen, »geh nun schlafen.« Es waren nur noch wenige Stunden bis zum Morgen. Er mußte um 5 Uhr weiterfahren.

Ich zog ihn mit zu der Tür, die unsere beiden Zimmer verband, und drückte leise die Klinke.

Da riß er mich an sich.

»Maria.«

Ich fühlte das Werben und Flehen in seiner Stimme.

Ich wankte – kämpfte – fühlte, Körper an Körper gedrängt, wie die Leidenschaft über uns zusammenschlug. – Da riß ich mich los – hielt ihn von mir.

»Heute nicht, Hans – heute nicht – wenn du wiederkommst!«

Da ließ er mich allein.

*

Ich trat ans Fenster – mein Herz klopfte stürmisch. Ich lauschte. – Hörte keinen Laut. Schlief er schon?

Auf dem winkligen Marktplatz herrschte trotz mitternächtlicher Stunde noch reges Leben. Von dem nahen Kirchturm hallte es 12 Uhr. Der Hufschlag von Pferden schlug an mein Ohr. Hin und wieder sah man aus der Dunkelheit eine männliche Gestalt auftauchen, ein weibliches Wesen im Arm. Schluchzen klang herauf. – Ich hatte die Hände auf das Fensterkreuz gelegt und quälte mich. Das Glück hatte mir den Geliebten geschickt. In wenigen Stunden mußte er ins Feld. Vielleicht würde ich ihn nie wiedersehen – würde nie glücklich werden – würde ihn nie mehr glücklich machen können. Mein Mann war nur dem Namen nach noch mein Mann. Er betrog mich – er liebte mich nicht – hatte mich nie geliebt – hatte mich nur genommen, um seine Eitelkeit und seine Leidenschaft zu befriedigen.

Und wenn Hans nicht wiederkam? – Es war nicht auszudenken. – Sollte ich mich ihm nicht geben, uns beide zum ersten und vielleicht zum letzten Male in unserem Leben namenlos glücklich machen? – Einmal, einmal im Leben glücklich!

Mein Herz und meine Seele, Leib und alle Sinne verlangten nach ihm. War das überhaupt Sünde, sich dem geliebten Manne zu schenken? War es nicht viel größere Sünde, in einer Ehe zu leben, wie meine war, die mich sittlich herabzog und tief erniedrigte?

Wenn er nicht wiederkam, würde ich es nicht namenlos bereuen, die einzige Stunde des Glücks, die sich mir bot, versäumt zu haben!

Dieser Gedanke riß mich in die Höhe.

Ich ging mit schnellen Schritten auf die Tür zu, die unsere Zimmer verband, als ob es zu spät werden könnte in der Jagd nach dem Glück. Ich schob den Riegel zurück und trat ein. Das Zimmer war völlig dunkel – aber am Fenster sah ich seinen Kopf als Silhouette, wie auch er in die Nacht hinaussah, die letzte Nacht vielleicht in der Heimat.

»Maria?« hörte ich seinen unterdrückten Schrei.

Ich glitt aus in der Finsternis.

Starke Arme fingen mich auf.

*

Wie schien alles verändert!

Wie war alles verändert!

Menschen, die jahrelang aneinander vorübergegangen waren in kleinlicher Feindschaft, redeten sich an und fragten teilnehmend nach Sohn oder Mann, ob er schon im Felde stehe oder noch hinausmüsse. – Es schien, als ob die Menschen besser geworden waren, opferbereiter, gütiger, selbstloser!

Ja, es schien!

Wie war ich namenlos glücklich!

Ging wie getragen von Glück umher, blühte auf und sah so gesund aus, daß alle Welt staunte und es unbegreiflich fand, wie drei Monate Arosa schon so gut geholfen hatten.

Ja, es schien!

Dr. Ebert, der mich auch erst freudig betrachtete, schüttelte nach der Untersuchung bedenklich den Kopf.

»Gnädige Frau sehen glänzend aus – aber es scheint nur so; der Befund ist fast noch derselbe. Eine kleine Besserung ist allerdings vorhanden – aber doch nicht so, daß Sie sich wieder allerhand zumuten dürfen. Das ist ja auch kein Wunder: sechs bis acht Monate sollten Sie fortgehen. Nun kommen Sie nach so kurzer Zeit fluchtartig zurück, sind erregt von der allgemeinen Kriegsbegeisterung, die Kräfte in Ihnen ausgelöst, die Sie in Wirklichkeit nicht besitzen. – Strohfeuer – also Vorsicht! Vorsicht ist auch weiterhin dringend nötig, und ich lasse nicht davon ab, Sie müssen noch einmal ein halbes Jahr in die Schweiz. – Nicht unglücklich sein, gnädige Frau! Ich verstehe, wenn Sie jetzt nicht gleich wieder fort wollen, wo alles noch so unsicher ist, und wir nicht wissen, ob heute dies, morgen jenes Land uns den Krieg erklärt. Nachher will es das Unglück, daß wir Sie in ein Land schicken, das Sie morgen interniert. Davor wollen wir uns hüten. Aber in einem Jahr spätestens – dann müssen Sie fort, es ist dringend nötig, und ich laß' nicht davon ab.«

Mit diesen Worten empfahl er sich.

Ich wußte, wie gewissenhaft er war und wie freundschaftlich mir zugetan. Und doch war jene Eröffnung schmerzlich gewesen. Ich hatte noch zwei Tage in Güsten zubringen müssen, ehe ich mit einem Zug, der sonst die Strecke in acht Stunden fährt, nach einundzwanzig Stunden in C… eintraf. Mein Mann, dem ich meine Abreise aus Arosa gemeldet hatte, war um mich sehr in Sorge gewesen und schalt, daß ich nicht dort geblieben war. Er war aufgeregt und durch Arbeit völlig in Anspruch genommen, da die Werke in fieberhafter Tätigkeit Tag und Nacht arbeiteten. Wenn es dunkelte, sah man den Feuerschein der Hochöfen über dem Park stehen.

Alle Betriebe waren auf Kriegsbedarf umgestellt und arbeiteten mit doppelter Wucht, um in dem Vernichtungskampf den Sieg zu erringen. Mein Mann war als unabkömmlich reklamiert, denn in der Leitung des Betriebes, in der Führung und Behandlung der Arbeitermassen war er bei seiner Energie unersetzbar. Ich sah ihn jetzt nur wenig, so fiel es ihm nicht auf, daß ich verändert aussah und ein inneres Glück ausstrahlte. Nach dem letzten Brief des Geliebten stand das Garde-Feld-Artillerie-Regiment, dem er angehörte, bei Reims. Fast täglich hatte ich einige Zeilen, die mir über Frau Volkmann zukamen, der ich alles anvertraut hatte.

Meinem ganzen Wesen widersprach es, nach dem, was zwischen Hans und mir vorgefallen war, bei meinem Mann zu leben. Wie sehr hatte ich gewünscht, vor Friedrich hintreten zu können, ihm alles zu sagen und dann mit den paar Habseligkeiten, die mir gehörten, zu Frau Volkmann zu ziehen und dort zu bleiben, bis ich Hans Henningsdorf angetraut wurde. Aber Frau Hedwig riet dringend ab. »Sagen Sie jetzt nichts,« bat sie, »es gibt bloß furchtbare Szenen, wie Sie sich denken können. Er wird sich sofort an Henningsdorf wenden – das müssen wir verhüten; denn der Mann, der draußen täglich sein Leben einsetzt, darf nicht noch in Aufregung und Sorge hierher denken.« Das sah, ich ein. »Und dann«, fuhr Frau Volkmann fort, »müssen Sie sich über eines klar sein: wenn Ihr Mann erfährt, daß Sie und Henningsdorf sich in Güsten getroffen haben – dann sind Sie der schuldige Teil, nur Sie, und das gibt alles Recht in die Hände Ihres Mannes.«

»Aber, ich bitte Sie,« warf ich ein, »mein Mann ist mir dauernd untreu – Hans hat Beweise – und Sie erinnern sich, was ich Ihnen erzählte?«

»Ja, das tut nichts; was Sie sahen, ist verjährt, Sie haben damals keine Schritte getan, und seitdem ist mehr als ein Jahr verflossen. Was Sie jetzt wissen, sind bloß Vermutungen, die Ihnen nichts nützen.«

Ich schwieg betroffen: »Aber Hans hat Beweise!«

»Ja, darum warten Sie, bis er kommt.«

*

Es war Ende September,

Dunkele, unklare Gerüchte über den Rückzug an der Marne, über große Verluste zitterten über Deutschland.

Die Herzen aller bebten.

Und wer Mann, Sohn, Vater oder Geliebten im Westen hatte, griff voll Bangen nach der Verlustliste. – Man suchte – fand den Namen nicht und atmete erleichtert auf.

Ich fuhr täglich in die Stadt und wartete oft stundenlang, nur um die Listen zu bekommen.

Bis jetzt hatte sein Name nicht in der Verlustliste gestanden. Zehn Tage lang hatte ich keine Nachricht; aber nach allem, was man hörte, war das auch kaum möglich.

Ich blieb mutig und tapfer. Ich bin doch eine Soldatenbraut, versuchte ich mich tröstend und scherzend zu ermutigen.

 

Es war wieder Freitag, wo gewöhnlich die Listen herauskamen. Schon am Vormittag war ich zur Stadt gefahren. Mein Wagen fuhr in schlankem Trabe die Hauptstraße entlang. Da sah ich in der Nähe des Reiterdenkmals zwei ältere Damen stehen, die mir bekannt vorkamen. Ich ließ langsamer fahren und erkannte in der schlichten, vornehmen Erscheinung der einen die Frau eines bekannten Heerführers. Ich verließ den Wagen und trat auf die Damen zu, um mich nach ihren Männern und Söhnen zu erkundigen.

Frau von F. sah sehr ernst aus, und die andere Dame, eine alte Generalin, mühte sich, ihre Tränen zu unterdrücken. »Frau von Behrens hat ihren jüngsten Sohn verloren«, sagte Frau von F. zur Erklärung. Als ich mich über die Hand der alten Frau beugte, um ihr einige Worte des Trostes zu sagen, fuhr Frau von F. fort und deutete auf die neue Verlustliste, die sie zusammengepreßt in der Hand hielt: »nicht wahr? Sie haben gelesen – schrecklich – die vielen Bekannten, Major Burgdorf schwer verwundet, Herr von Henningsdorf gefallen – und dann nannte sie noch andere Namen.

Ich weiß heute nicht mehr, was ich darauf erwiderte – weiß nicht mehr, wie ich mich verabschiedete und wie ich den Wagen erreichte, der wartend wenige Schritte von mir entfernt stand. Wie in einen leichten Nebel gehüllt, glaubte ich zu bemerken, daß mich die beiden Frauen verwundert ansahen. Eine Erklärung für mein sonderbares Benehmen werden sie wohl erst später gefunden haben.

*

Wenn ich heute über jenes grausame Geschehnis nachgrübele, so frage ich mich: »Warum hat die Natur es nicht so eingerichtet, daß namenloser Schmerz den Menschen tötet? Aber nur wenige Herzkranke oder alte Leute werden durch einen raschen Tod von ihrem Jammer erlöst; den anderen bleibt die wunderbare Ruhe und Stille versagt, die alles Unertragbare auslöscht.

Mein Jammer war unermeßlich. Jetzt, wo ich erlöst werden sollte aus einer schmachvollen Ehe – jetzt, wo ich den Mann gefunden, der mir die frohe Aussicht auf ein glückliches Zusammenleben bot; wo ich aufatmen sollte nach Jahren bitterster Enttäuschung und Leere, jetzt mußte ich den Geliebten verlieren – den einzigen Menschen, der mich aus all' meiner Not erretten konnte.

Und der Wagen rollte weiter.

Da wurde ich von solcher Verzweiflung gepackt, daß ich den Kutscher und den Diener vom Bock reißen und rufen wollte: ›Halt – halt – fahrt mich nicht wieder zurück ins Elend!‹ – Aber die Räder rollten, höhnten und sangen: ›Er ist ja tot – er ist tot – er ist tot – und darum bringen wir dich zurück.‹

Ich wollte schreien: ›Steht still! – Die Räder gehen über mein Herz.‹ Kalter Schweiß lag mir auf der Stirn, die Hände hatte ich ins Polster gekrampft – die Zähne zusammengebissen, ich konnte es nicht mehr ertragen, wie um mich herum tausend Kobolde grinsten – höhnten – schrien – lachten: ›Er ist tot – er ist tot – er ist tot!‹ Dann hielt der Wagen.

Am ganzen Körper in kalten Schweiß gebadet, das Gesicht verzerrt und leichenblass, stieg ich aus. Ich setzte den Fuß auf das Trittbrett, sah aber nicht die entgegengestreckte, helfende Hand des Dieners – mir war, als ob das Brettchen sank – immer tiefer – endlos – bodenlos – und ein reißender, wirbelnder Strudel zog mich in die Tiefe.

*

Es wurde kein Nervenfieber, wie ich es als junges Mädchen gehabt hatte und der sofort herbeigerufene Dr. Ebert befürchtete. Es war nur eine beängstigend lange Ohnmacht, die mich umfangen hielt und, als ich zum Bewußtsein kam und mich gerade soweit sammeln konnte, um Dr. Ebert und die Jungfer zu erkennen, mich von neuem umfing.

Das ging so den ganzen Tag. Gegen Abend erwachte ich und lag klar und seltsam wach in den Kissen.

Mein Mann stand an meinem Bett und hielt meine Hand. Er sah sehr besorgt aus. Wiederholt strich er sich mit der linken Hand über den Hinterkopf, was er immer tat, wenn ihn etwas stark beschäftigte.

Dr. Ebert stand am Fenster und sah in die Dämmerung des scheidenden Septembertages hinaus.

»Gottlob, daß du wieder wach bist,« sagte Friedrich und küßte mir die Stirn – »wir waren in großer Sorge um dich – aber glücklicherweise scheint die tiefe Ohnmacht« –

Er wollte weitersprechen, aber bei diesen Worten wandte sich Dr. Ebert vom Fenster ab und bedeutete Friedrich, sich zu entfernen.

Dann setzte er sich an mein Bett.

Völlig teilnahmslos sah ich ihn an.

»Liebe, kleine Frau«, sagte Dr. Ebert plötzlich wie selbstvergessen und fuhr liebkosend über meine langen, blonden Zöpfe, die auf der Decke lagen und in der matten Dämmerung wie silberne Schlangen glänzten.

»Die Ursache Ihrer Unpäßlichkeit ist eine ganz natürliche. Sie werden allem Anschein nach wieder ein Kindchen bekommen!«

Ich schrie auf, gellend – dann sank ich zurück in die Kissen, und ein Weinkrampf schüttelte mich.

Dr. Ebert war aufs tiefste erschrocken über die Wirkung seiner Worte, die mich hatten beruhigen und erfreuen sollen.

»Liebe, gnädige Frau, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Sie schaden ja sich und dem Kinde!«

Und als ich nicht aufhörte mit Weinen und den Kopf nicht aus den Kissen erhob, sagte er in seiner tröstenden Art, die immer solch' guten Einfluß auf mich ausgeübt hatte: »Ich weiß, Sie denken an Ihr erstes Kindchen, und das regt Sie auf, der Gedanke, daß es wieder ein krankes Kind wird – aber das braucht es dieses Mal gar nicht zu sein, passen Sie auf – wir lachen noch einmal recht vergnügt über solch' kleinen, dicken Strampel, der munter ins Leben hineinmarschiert!«

So sprach der Gute sicher gegen seine Überzeugung. Langsam versiegten meine Tränen.

Wenn er ahnte, warum ich weinte!

Es war zu viel für mich – Tod und Leben an einem Tage.

Ich lag jetzt ganz teilnahmslos da, fühlte keinen Schmerz und keine Angst und war wie abgestorben gegen alles Leid des Lebens.

Dr. Ebert saß an meinem Bett und hielt immer noch meine Hand in der seinen. Dämmerung herrschte im Zimmer. Alle Gegenstände verschwammen in unklaren Umrissen. Der bläuliche Schein der seidenen Tapete wob alles in magische Beleuchtung. Nur das Silber und Kristall auf den Tisch sogen die letzten Tagesfunken auf und spritzten sie in glänzenden Reflexen in das dunkle Gemach.

»Dr. Ebert«, sagte ich leise – meine Stimme versagte mir fast.

»Ja, gnädige Trau?«

»Sind Sie mein Freund – mein wirklicher Freund?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Ich werde Sie eines Tages brauchen – kann ich auf Sie zählen?«

»Ja, gnädige Frau.«

*

Und ich zog die Folgerungen aus meiner Tat.

Ich ging fort – fort von meinem Mann, meinem Heim, das ich leichten Herzens verließ wie ein Fremder, der dort eine Zeit als Gast geweilt.

Aber nicht feige schlich ich mich von dannen.

Ich bat Friedrich um Gehör und sagte ihm alles – unerbittlich, beschönigte nichts, bereute nichts.

Er geriet in maßlose Wut.

Er hatte nie etwas geahnt – er wollte es nicht glauben.

Und in jener Stunde lernte ich ihn in seiner ganzen Hohlheit, seiner ganzen Charakterlosigkeit kennen!

Er war so außer sich, daß ich fürchtete, er würde mich schlagen. – Meine große Ruhe reizte ihn noch mehr. Die Maske der Konvention, die ihn stets umgab wie Stuck ein morsches Haus, fiel von ihm ab wie eine letzte, schützende Hülle – und dahinter zeigte sich sein wahres Ich in seiner ganzen Erbärmlichkeit.

Eine Verständigung war nicht möglich; ich hatte damit auch nicht gerechnet. Ich war für ihn die Frau, die eine Liebschaft gehabt und nun die Dreistigkeit besaß, sie zu beichten.

Plötzlich kam ein böses Funkeln in seine Augen.

Brutal griff er nach meinem Arm und zerrte mich unter den Kronleuchter. »Wer sagt dir denn,« schrie er gellend, »daß das Kind unbedingt von deinem sauberen Geliebten stammt? – Du hast mir auch angehört in der Nacht vor deiner Abreise nach Arosa; nach den Gesetzen kann es auch mein Kind sein.«

»Davon kann nie die Rede sein,« sprach ich mit mühsam erkämpfter Ruhe, »den 4. April reiste ich nach Arosa – im Dezember oder Januar müßte dann das Kind kommen oder früher, aber unmöglich vier bis fünf Monate später, sprich mit Dr. Ebert – er weiß alles!«

»Er weiß alles?« – Friedrich war außer sich.

»Du willst mich wohl zum Gespött der Leute machen! Setzt deinem Mann Hörner auf! – Die ganze Stadt weiß es wohl schon – nur ich nicht?«

»Es weiß niemand außer Dr. Ebert und Frau Volkmann, zu der ich noch heute gehen werde!«

»Du bleibst!«

»Nein – ich bleibe nicht eine Stunde länger, als nötig!«

Da lenkte er ein. Und nun kam etwas, das mich schamrot werden läßt bei dem Gedanken, einem solchen Mann jemals angehört zu haben.

»Maria« – flüsterte er rauh – »sei vernünftig – wenn es sonst niemand weiß – die beiden sind ja verschwiegen – ich will dir verzeihen – will das Kind als das meine anerkennen – es braucht nie einer zu erfahren – es war eine Verirrung von dir! – Das kommt bei so schönen Frauen, wie du es bist, schon einmal vor, daß sie sich von einem Frauenjäger übertölpeln lassen. Sieh' mal den Skandal – es ist doch gar nicht auszudenken – das ertrag ich nicht, mich so durch alle Mäuler gezerrt zu sehen! Für dich ist's doch auch keine Kleinigkeit. Jede andere Frau würde ihrem Schöpfer auf den Knien danken für diese Lösung. – Wir wollen noch einmal anfangen, und mit gutem Willen kann es wieder erträglich zwischen uns werden. Denk' einmal, was die Leute klatschen werden – es ist ja gar nicht auszudenken – durch alle Zeitungen werden unsere Namen geschleift – der Skandal – der Skandal –

Maria – bleib' – bitte, bleib'!«

Mit immer mehr wachsendem Erstaunen hatte ich seinen Worten zugehört, sein schamloses Anerbieten vernommen.

Wie gelähmt stand ich, die Hände schwer auf einen Sessel gestützt. Meine Kehle war wie zugeschnürt.

»Du hast recht,« kam es halb erstickt von meinen Lippen, »ich bin töricht, daß ich in die Welt laufe, arm und mit Schande bedeckt. Aber wenn ich bei dir bleibe, nicht etwa, weil du in barmherzigem Verstehen mir verzeihst – dann hätte ich's vielleicht um des Kindes willen getan – sondern weil du nur von dem lebst, was die Menschen denken – weil du kein Ehrgefühl hast und vor dem Gerede der Leute zitterst – dann müßte ich aus Scham vor mir selber in die Erde sinken und könnte nicht mehr mein Gesicht im Spiegel sehen!

So aber schäme ich mich nur für dich!«

Das waren meine letzten Worte.

*

Ein Jahr ist seitdem vergangen.

Ich wohne bei Frau Volkmann, und an meinem Bett steht eine kleine Wiege. Die Augen des gefallenen Geliebten sehen mir daraus entgegen, dieselben ernsten, schönen Augen, die ich so geliebt. Das blonde, dichte Haar hat das Kindlein von mir, aber es steht in flaumigen Löckchen um das süße Gesicht des kleinen Mädchens. Ja, es ist ein Mädchen und hat zu Paten Hedwig Volkmann, deren Vornamen es trägt, und meinen guten, lieben Freund Dr. Ebert. Sie sind die einzigen Menschen, deren Treue mich in mein neues Leben begleitete.

Tante Adele hatte Gabi verboten, mit mir weiter zu verkehren. – Aber sie kommt heimlich und hat mich wieder lieb.

Ich sage »wieder« – denn als Gabi alles erfuhr, brach sie vor Kummer zusammen und haßte mich! Sie hat mir alles reumütig gestanden. Sie sagte: »Ich will meinen Gefühlen kein Mäntelchen umhängen und dir die Wahrheit sagen: ich habe Henningsdorf über alle Begriffe geliebt, und nichts anderes als Neid ließ mich dich hassen. Neid, wahnsinniger Neid, daß er dich geliebt, daß du ihn besessen. – Nun hab' ich's mühsam überwunden. Was du getan, hätt' ich auch getan – jede Stunde!

Ich habe nie geahnt, was du in deiner Ehe erduldet hast, woran dein Kind gestorben. Nun sehe ich alles in einem anderen Lichte. Wie schwer können doch Außenstehende eine Ehe beurteilen! Nie hat jemand geahnt, wie es zwischen dir und Overbeek stand.«

Nun sind Gabi und ich wieder die alten.

Ich trage wieder meinen Mädchennamen. Friedrich hatte es so gewollt; ich sollte nicht länger seinen Namen schänden.

Man munkelt, daß er sich schon wieder mit dem Gedanken an eine neue Ehe trägt. Es soll eine schöne, elegante Witwe sein, ihr Mann war ein bekannter Herrenreiter, der mit dem Pferde stürzte.

Gabi erzählte mir dies alles, und ich hörte zu, wie man das Schicksal anderer Menschen in Romanen liest – so gleichgültig.

Mich bewegten ganz andere Gedanken, das heißt eigentlich nur ein Gedanke: Was soll aus dem Kinde und mir werden?

Ich war schon die längste Zeit bei Hedwig Volkmann gewesen. Ich wußte, wie sehr sie sich einschränkte; sie hatte kein Vermögen mehr und lebte nur von einer kleinen Rente, die nach ihrem Tode erlosch.

Mein kleines Vermögen war zu jener kostspieligen Aussteuer verwandt worden, als ich heiratete. Den größten Teil davon besaß ich noch.

Von Friedrich hatte ich keinen Pfennig angenommen. In einem verletzenden Brief bot er mir eine kleine Rente an – »die ich nicht verdiente.« Er wollte großmütig sein – aber es mißlang.

Ich wollte keine Almosen von ihm.

Ich habe während der Verhandlungen, die meiner Scheidung vorangingen – in denen ich all die Möglichkeiten, die mir der Anwalt bot, um meine Schuld geringer hinzustellen und Vorteile noch zu erlangen, beiseite ließ – so oft daran denken müssen, wie die Japaner doch ein viel feineres Ehrgefühl haben als unsere Kreise, wieviel höher sie doch zu bewerten sind mit ihrem Gesetz von Bushido. Ihre höchste Weihe liegt in dem ihnen innewohnenden Gefühl der Ehre, recht zu tun. – Ich fühle mit ihnen und bekenne mich zur Kantschen Lehre, die das moralische Gesetz im Gewissen als Stimme Gottes erkennt.

 

Meine Gesundheit geriet in Verfall; ich konnte es mir nicht verhehlen, und oft ergriff mich namenlose Angst: was wird aus dem Kinde, wenn du stirbst?

Aber Dr. Ebert behauptete, das seien trübselige, dumme Gedanken, ich würde wieder froh und gesund werden und mich meines Kindes freuen.

Seit Wochen suchte ich einen Beruf, der mich genug Geld verdienen ließ, um uns zu ernähren, einen Posten, wohin ich das Kind mitnehmen konnte. Frau Volkmann wollte es mir abnehmen, falls ich nichts passendes fände; denn sie sah voraus, welche Enttäuschungen mir noch bevor standen, und wie schwer, ja, wie unmöglich es für eine geschiedene, schöne, kränkliche Gräfin Lynar sein würde, eine Stelle zu bekommen.

Elisabeth erwies sich als der vornehme, großzügige Charakter, für den ich sie stets gehalten hatte. Auch bei der Scheidung blieb sie unparteiisch und schrieb mir einen Brief, in dem sie mich ihrer dauernden Freundschaft versicherte. Aber sie war seine Schwester, und da war es erklärlich, daß ich in meiner Not nicht zu ihr ging.

Von meinen Zukunftssorgen gepeinigt, stehe ich stundenlang am Fenster und sehe in einen wundervollen Garten hinab, der an die Rückseite unseres Hauses stößt. Am Ende des Gartens windet sich ein Fluß vorbei, der in den Rhein mündet. Er ist schmal, aber sehr tief, und von allen Gärten fallen die Blätter der überhängenden Obstbäume hinein und treiben dem Rheine zu. Es ist so lieblich hier draußen in dem stillen, kleinen Villen-Vorort, so friedlich und träumerisch, daß es gar nicht zu meinem Innern passen will, wo alles weh und zerrissen ist, – viel mehr, als Frau Hedwig ahnt.

Der Sommer ging, und der Winter, der nun folgte, stand wieder ausschließlich unter dem Eindruck der Berufsfrage.

Eine quälende Unruhe hatte mich ergriffen, daß ich nirgends eine Anstellung finden konnte, die mir ein längeres Bleiben geboten hätte. Noch viel weniger war ein Posten zu haben, wohin ich das Kind hätte mitnehmen können.

In vier Monaten hatte ich drei Stellen als Hausdame inne, zwei in Berlin, eine in Darmstadt. Immer war es dasselbe gewesen; der erste Hausherr gab mir schon nach wenigen Wochen zu verstehen, daß er in mir ein Verhältnis zu sehen wünsche. Der zweite war ein so ungebildeter Emporkömmling, daß mir das Leben in seinem Hause unerträglich wurde. Die dritte Stellung nahm ich nun bei einem kinderlosen Ehepaar an; die Dame war schwer leidend. Ich fühlte mich sehr wohl dort. Beide waren von warmer, herzlicher Teilnahme erfüllt, als sie von meinem Schicksal hörten, und überboten sich in zartfühlenden Aufmerksamkeiten. Ich war glücklich. Es war sogar Aussicht vorhanden, daß ich vielleicht mein Kind eines Tages bei mir haben dürfte – doch auch hier verfolgte mich das Mißgeschick. Eines Tages ließ mich die junge Frau an ihr Bett kommen und bat mich unter Tränen, ihr nicht zu zürnen, wenn sie mich entließe. Aber ihr Mann spräche andauernd so begeistert von mir, daß sie es vor Eifersucht nicht ertragen könne. Sie flehte mich an, ihren Mann nichts von dem Gespräch merken zu lassen. Er würde außer sich sein.

So reiste ich ab – wieder ins Ungewisse – zunächst nach C… zu Frau Volkmann.

Die leidende Frau hatte mir noch eine Empfehlung gegeben; durch diese hatte ich Aussicht, den Posten einer Oberin in einem ungarischen Krüppelheim für Offiziere zu erhalten, deren Verletzungen so schwer waren, daß sie dauernd dort leben sollten.

Ich verhandelte mit dem Kuratorium des Heims, alles war günstig; ich durfte sogar mein Kind mitbringen, und man stellte mir im Arzthaus ein paar schöne Zimmer zur Verfügung. Daß ich sprachkundig und Gräfin war, schien den Ausschlag gegeben zu haben.

Allerdings sollte ich erst ein Jahr als Schwester praktisch arbeiten, und dazu bedurfte es eines Zeugnisses, daß ich völlig gesund sei. Diese Bescheinigung würde mir kein Arzt geben, das wußte ich; meine Gesundheit war sehr schwankend, obgleich man mir äußerlich nichts anmerkte.

Aber Dr. Ebert – der würde mir natürlich das Zeugnis ausstellen, er wußte ja, was für mich davon abhing – er war mein Freund – ich eilte zu ihm.

*

Wir standen uns in seinem düsteren Sprechzimmer gegenüber – der Schreibtisch zwischen uns.

»Und Sie wollen mir das Zeugnis nicht ausstellen?«

Meine Stimme war tonlos.

»Ich kann es vor meinem Gewissen nicht verantworten. Sie halten es dort nicht aus. Wenn Sie eine anstrengende Tätigkeit ausüben, gebe ich Ihnen nur wenige Jahre Lebenszeit.«

»Das ist übertrieben«, brauste ich auf. »Sie haben mir oft genug versichert, bei ruhigem Leben könnte ich alt werden.«

»Ja – bei ruhigem Leben –,« er hielt inne, »kurz und gut – Frau Gräfin. Erschrecken Sie nicht – aber ich bin ein Mann von wenig Worten – ich bitte um Ihre Hand – ich verlange nichts – weiß, was hinter Ihnen liegt, ich habe Sie lieb. Ich komme, wenn ich nur den Wunsch äußere, als Professor an die gynäkologische Abteilung nach Marburg. Sie haben davon wohl schon gehört?«

Ich schüttelte verneinend den Kopf.

»Nun jedenfalls,« sagte er fest und stemmte beide Hände hart auf den Tisch – »wir kämen von hier fort. Für Sie wäre es auch viel angenehmer, als hier zu sein, wo jeder Sie kennt.

Ich würde Ihr treuer Freund und Ihrem Kinde ein Vater sein!«

Er schwieg, nervös an der Unterlippe nagend, und sah mich an.

»Dr. Ebert«, schluchzte ich auf und ließ mich auf den tiefen Ledersessel gleiten, der neben dem Schreibtisch stand. »Lieber, guter Ebert! Warum mußte das kommen? Ich dachte immer, Sie seien mein Freund, andere bedanken lägen Ihnen fern – lieber Dr. Ebert, bitte, bitte, seien Sie mir nicht böse – aber ich kann nicht – kann wirklich nicht. Ich weiß – ich müßte von Herzen dankbar sein – aber – ich bin müde – so müde allen Erlebens, ich kann Ihnen nichts mehr sein – und ohne Liebe heirate ich nicht wieder!«

Verweint sah ich zu ihm auf.

Sein Gesicht erschien mir plötzlich verändert, – grau – alt.

»Ich bedränge Sie nicht«, sprach er, und seine Worte klangen mir so fremd und kalt, daß ich erschrak.

»Und mein Attest?« klagte ich.

»Das kann ich Ihnen nicht ausstellen!«

 

Wie bin ich eigentlich die Treppe heruntergekommen? – Ja, die Läufer waren auf der einen Seite mit Milch begossen – und der Mohr auf dem Schreibtisch – der Briefbeschwerer – war geschmacklos gewesen, und das Mohrengesicht hatte so frech vergnügt dreingesehen, als ich aus dem großen, dunklen Raum ging.

Ach, und unten war eine Dame gerade zur Haustür hereingekommen. Und obgleich es schon stark dämmerte, war mir aufgefallen, daß sie hohe, braune Stiefelchen anhatte und stark parfümiert war.

Ja – das hab' ich alles gesehen an jenem Märzabend, als ich verzweifelt die Treppe hinab ging und ratlos auf der Straße stehenblieb.

Ich wollte nicht nach Hause.

Was sollte ich da? – Wenn ich mein süßes Kind sah, wühlte der Kummer noch stärker. Meine kleine Hedwig – mein Liebstes auf der Welt, was sollte aus ihr werden?

Wären wir doch beide bei der Geburt gestorben! Dann hätten wir endlich einen Platz, wo wir in Ruhe liegen könnten!

Ich stand noch immer, wurde von den vorbeihastenden Menschen gestoßen, fiel auf; man sah sich nach mir um.

Ich lief ein paar Schritte planlos weiter. –

Es wurde dunkel – es regnete, der Sturm kam auf – ich ging durch die Pfützen, fror – lief immer weiter der Stadt zu.

Die Menschen wurden immer spärlicher. Es war wohl schon spät. Ein junges Ehepaar ging an mir vorüber, er hatte sie untergefaßt – sie lachten sich an – sie trug, eine Tüte im Muff – steckte ihm daraus etwas in den Mund.

Sie lachten wieder.

Ich blieb stehen, starrte ihnen nach.

Es kamen nur noch wenige Menschen.

*

Als ich an einer Seitenstraße vorüberging, sah ich einen großen Herrn in langem Ulster – er prüfte mich, als ich an einer Laterne vorüberglitt. Ich sah fort – es war wohl ein Irrtum – ich hörte schnelle Schritte – meinen Namen nennen – blieb stehen – ach, Graf Boyneburg.

Er sah wohl, wie verstört ich war – er ergriff meinen Arm: »Frau Gräfin – um Gottes willen – was ist mit Ihnen geschehen?« Er ging neben mir her; stockend, verzweifelt deutete ich ihm die Unmöglichkeit an, einen Beruf zu finden, ein Unterkommen für mich und mein Kind.

Boyneburg hörte alles ruhig an. Er hatte meinen Arm unter den seinen geschoben, ich ließ es geschehen. Er war wieder mit mir umgekehrt, die Stadt im Rücken – dem Strom zu.

Ein kleines dürres Männlein lief vor uns her mit einer langen Stange und zündete die Laternen an. Es war nun ganz dunkel geworden. Am Himmel lagen gelbe, grelle Lichter und kämpften lautlos mit der Nacht, bis auch sie versanken.

Wir waren schweigend eine Strecke gegangen.

Plötzlich blieb Boyneburg stehen: »Frau Gräfin«, sagte er, kurz und erregt die Worte hervorstoßend:

»Ich habe eine Möglichkeit für Sie und Ihr Kind; nehmen Sie sie an, so können Sie sorglos leben – und – und machen mich sehr glücklich!«

Ich sah ihn an, fragend; ein schwacher Hoffnungsschimmer stieg in mir auf.

»Und das wäre?«

»Ich bin sehr wohlhabend«, stieß er leise und heiser hervor, »und kann es mir leisten – ich werde Ihnen eine Etage mieten – nicht hier natürlich – vielleicht – in Düsseldorf.

Sie können da leben, ganz wie es Ihnen zusagt – ich halte Ihnen sogar ein Pferd.

Über Sonntag komme ich zu Ihnen herüber – Dann müssen Sie mir ein wenig – gut sein. Sie verstehen?«

Ich schrie auf – griff nach meinem Kopf – starrte ihn an – alles um mich wankte. – Dann hob ich den Arm und schlug ihn mitten ins Gesicht!

Ich hörte einen Fluch, raffte meine letzte Kraft zusammen und rannte – immer schneller, wie gehetzt, der Stadt zu. Atemlos blieb ich stehen und sah mich um: kein Mensch war zu sehen. Dann lief ich wieder weiter, getrieben, gefoltert – in den Ohren das gellende Wort: zur Dirne wollt' er dich machen – zur Dirne – zur Dirne!

*

Ich stand in meinem Zimmer – atemlos – durchnäßt, die Flechten hatten sich gelöst, die klammen Hände gekrampft.

Niemand hatte mich kommen hören; nur das Mädchen hatte mir aufgemacht. Später kam Frau Volkmann und klopfte an. Ich bedeutete ihr, daß ich eine aufregende Unterredung mit Ebert gehabt hätte; nun fühle ich mich so unwohl, daß ich mich gleich hingelegt habe; ich könne nicht essen, nicht sprechen, wolle niemand sehen – bis auf morgen. Auf morgen!

Und Hedwig Volkmann, die Feinfühlige, war leise in ihr Zimmer zurückgegangen.

*

Ich zog mich nicht aus. So durchnäßt, wie ich war, sank ich auf den Stuhl nieder, der an dem Kinderbettchen stand, und starrte das schlafende Mädchen an. Nur die Nachttischlampe warf ihren matten Schein in den kleinen Raum.

Ich war keines klaren Gedankens mehr mächtig und fühlte nur: Nun ist alles aus, du bist vogelfrei! Und was wird aus dem Kind? Nach und nach wurde ich ruhiger – aber keine wohltuende Ruhe nahm Besitz von mir. Wie versteinert saß ich da, und mein Leben glitt an mir vorüber: was ich gewesen! – was ich geworden!

Mir wurde so tief bewußt, wie nie zuvor, daß ich auf der Welt nie etwas mehr geliebt hatte als meine Kinder. Es gibt keine Liebe, die der Mutterliebe gleichkommt; bei Mensch und Tier waltet sie gleich unverbildet, gleich selbstlos, gleich opferbereit. Ewig war sie und ewig wird sie bleiben, und keine Sitte und keine Zeit wird daran etwas ändern! – Denn Mutterliebe ist Natur, und die Natur ist wahr.

Ich hörte die Uhr von der nahen Marienkirche schlagen – jede halbe Stunde – jede Stunde. Es war zwölf – es wurde eins: ich saß immer noch unbeweglich, die Augen auf das süße Kindergesicht gerichtet. Aber immer wieder kam die verzweifelte Frage: Was soll aus deinem Kinde werden? Wenn das Kind nicht wäre, wollte ich ja alles ertragen, denn lange würde ich doch nicht leben. Aber das Kind soll, das Kind muß es gut haben! Was wird aus dem Kinde?« – Und die Turmuhr schlug wieder. Stunde auf Stunde verrann. Ich hörte es vier Uhr schlagen!

Da trat zu mir ein Gedanke, der war von draußen hereingeschlichen, von dem Fluß her, der am Garten vorbeigleitet. Der kam zu mir durch den Garten herein, sein Gesicht war weiß, seine Augen geschlossen, die Züge von steinerner Ruhe verklärt, und setzte sich auf die andere Seite des Kinderbettchens und legte die kalte, starre Hand auf den Rand des Lagers.

Erst erschrak ich bis ins Mark, als ich so dem Gedanken gegenübersaß, der mich trotz der geschlossenen Augen so beredt anzusehen schien. Das Haar lag ihm glatt und feucht am Kopf, und ein kalter, nasser Hauch ging von seinem Körper aus.

So saßen wir uns gegenüber, Stunde auf Stunde versank; wir hielten stumme Zwiesprache, und als die ersten Märzsonnenstrahlen verstohlen an den Gardinen entlang zitterten, war mir alle Angst genommen. Der Gedanke war mein Freund geworden. Er nahm mich an der Hand – da entsetzte ich mich von neuem, denn die Hand war die eines Toten. – Aber als ich auf das schlummernde Kind sah, und der Gedanke mit dem Haupte zustimmend nickte, warf ich schnell eine lederne Weste um die Kleine und schritt mit dem Gedanken hinaus – durch den Garten, der vom Morgennebel erfüllt war, dem Flusse zu.

Einen Augenblick zögerte ich – erschauerte, drückte das Kind fester an mich und sah angstvoll auf das trübe, eisige Wasser, das gurgelnd vorüberschoß.

Da sah ich unterhalb der Stelle, wo die Mühle und das Wehr liegen, zwei Männer, die mit einem Boot beschäftigt waren – ich wartete. – Sie ketteten das Boot an und gingen fort. Ich erklomm die niedrige Mauer. Da sah ich die Männer wiederkommen und zögerte. Dann gingen sie weiter. – Ich zögerte wieder.

Der Gedanke aber stand am Ufer, deutete auf das Kind und winkte.

Da sprang ich; eisige Wasser schlugen über mir zusammen! – Nach wenigen Augenblicken kam ich wieder hoch, von der grausamen Kälte waren meine Hände so erstarrt, daß mir das Kind entglitten war, und nun sah ich mit namenlosem Entsetzen, daß die Kleine von der Lederweste getragen, mit leisem Wimmern mehrere Meter vor mir hertrieb. In wahnsinniger Verzweiflung versuchte ich das Kind zu erreichen. Ich war stets eine gute Schwimmerin gewesen; aber meine Glieder versagten mir fast den Dienst, denn das eisige Wasser nahm ihnen alle Kraft.

Das Kind! Das Kind! Es durfte nicht leben bleiben! Gerade um des Kindes willen, weil seine Zukunft mir so unbeschreibliche Sorge machte, tat ich doch diesen letzten Schritt, den Schritt aus dem Leben. Starb ich allein, und das Kind blieb leben, so war alles umsonst.

Ein paar Stöße – ich erreichte das Kind und riß mit letzter Kraft die lederne Hülle herab.

Da versank es.

Halb wahnsinnig sah ich, wie die Wasser über ihm zusammenschlugen! – Dann ließ ich mich treiben.

*

Es ist furchtbar, wenn Tote wieder erwachen, wenn Menschen, die mit dem Leben abgeschlossen haben und an die goldene Tür des ewigen Friedens anpochen, sie verschlossen finden und wieder umkehren müssen: lebende Leichname, Menschen, die seelisch abgestorben sind und sich weiterschleppen müssen, bis endlich die Natur sagt: Nun ist's genug!

*

Ich war wieder erwacht.

Mir sollte nichts erspart bleiben.

Langsam kam mir das Gedächtnis zurück.

Ich fühlte, ich war in einem Bett – in meinem Bett, von fürsorgender Liebe umgeben. Und dann fiel mir alles ein – alles!

Aber ich war so schwach, daß ich nicht denken konnte; ich hatte auch kein Gefühl des Schmerzes, weder an Leib noch Seele, und vor Mattigkeit konnte ich nicht einmal die Augen öffnen.

Ich hörte zwei Stimmen, eine männliche und eine weibliche, die halblaut im Nebenzimmer sprachen.

Die Tür stand offen.

Ich wollte leise rufen, aber ich hatte so ein merkwürdig lähmendes Gefühl auf der Brust und im Halse, daß ich schier zu ersticken meinte, und konnte mich nicht bemerkbar machen.

Der Mann sprach:

»Ich allein bin daran schuld, ich allein; vor Ihren Augen, liebste Freundin, will ich nichts beschönigen. Es tut not, daß man's beim wahren Namen nennt. Es war Eigennutz, der mich so handeln ließ. Ich hoffte, Gräfin Lynar würde doch noch meine Frau werden, wenn sie keinen anderen Ausweg sah.«

Nun wußte ich, daß es Dr. Ebert war, der so sprach.

Und dann vernahm ich Frau Hedwigs leise, wohltuende Stimme, und jedes Wort klang so warm und schmerzvoll: »Lieber Ebert – wir alle begehen Irrtümer. Wir alle handeln wohl auch einmal aus Selbstsucht. Es ist besonders tragisch für Sie, daß es so ausgehen mußte. Sie bleiben doch der Mann, der Sie sind, wenn Sie auch gefehlt!«

»Ja, wenn ich ihr wenigstens jetzt helfen könnte – jetzt, wo dies Furchtbare ihr droht«, stöhnte Ebert.

»Wie ich Maria kenne,« sprach Frau Volkmann leise, »wird sie sich nicht mit einer Lüge eine Freiheit erkaufen wollen, der sie zu entfliehen suchte.«

»Ja! – Die Männer, die sie aus dem Wasser zogen, haben sie beobachtet. Beide beteuern, sie hätte nur das Kind töten wollen und sei dabei von den Fluten dem Wehr zugetrieben.

»Das glaube ich nicht.«

»Ich auch nicht.«

»Das wird nur wenig helfen. Auf Zeugen kommt es an – wir sind keine.«

»Und was kann sie treffen?« Angstvoll kam es von Frau Volkmanns Lippen.

»Auf Mord steht Tod, auf Totschlag Gefängnis, ob sie nun mit dem Kinde gehen wollte oder nicht, natürlich sprechen hier mildernde Umstände mit – aber einige Monate Gefängnis wird sie bekommen.«

»Furchtbar.«

»Wäre sie doch mit ertrunken!«

»Ja.«

»Gibt es gar keinen Ausweg, keine Rettung?«

»Doch.« Eberts Stimme klang tief erregt.

»Ich habe ihr das Zeugnis verweigert, dafür werde ich einen Meineid leisten, um sie zu retten. Ich werde aussagen, daß sie am Abend vorher bei mir war und einen geistesgestörten Eindruck machte. Daraufhin wird sie freigesprochen. Ich werde sagen, daß sie seelisch vorübergehend gestört war durch die großen Erschütterungen, die sie seit Jahren erlitten. Ich war ihr Arzt, – ich war ihr Freund – weiß alles – mir wird geglaubt.«

Entsetzt hatte ich dem Gespräch gelauscht – wollte schreien, rufen; aber der furchtbar beklemmende Druck auf der Brust benahm mir den Atem.

Da ließ er nach – ich schrie auf, richtete mich hoch. Warm und salzig fühlte ich etwas auf der Zunge, dann floß es breit und rot über die Bettdecke. Ich griff angstvoll mit beiden Händen in die Luft, sah Ebert und Frau Volkmann bestürzt zu mir eilen und mich stützen. Dann sank ich hintenüber in die Kissen.

Es wurde mir ganz leicht; jeder Druck war von mir genommen, erdentrückt und still lag ich da und sah die beiden Menschen sich um mich bemühen. Mit matter Bewegung reichte ich Ebert die Hand. Und in der Art, wie ich es tat, lag wohl Vergeben und Vergessen vereint, denn der Mann beugte sich über mich, und warme Tropfen fielen auf meine Hand.

*

Das, was meine Freunde für mich fürchten, bleibt mir wohl nun erspart – die Verurteilung.

Der Blutsturz gibt meinem Leben nun das schnelle Ende, das ich so ersehne.

Ich habe Frau Volkmann alles erzählt, was an jenem Abend geschehen. Sie hat es auf meinen Wunsch Ebert berichtet. Keiner fragt mich nun. Wir sprechen nicht mehr darüber.

Das Bett darf ich nach vielen Wochen verlassen, aber nur, um zum Lehnstuhl gebracht zu werden. Und da sitze ich nun bei geöffneten Fenstern während draußen der Mai kommt und geht.

Ich könnte glauben, daß ich ganz gesund sei, denn ich fühle mich so leicht und frei auf der Brust. Aber wenn ich huste, kommen immer noch hin und wieder Blutstropfen – und es ist gut so! Manchesmal ergreift mich die Angst, daß es noch zu einem Verhör kommt. Bisher hat Ebert es verhüten können, daß die sogenannte irdische Gerechtigkeit nach mir greift. Aber die Angst ist von mir gewichen, seitdem ich die Gewißheit habe, daß es mit mir bald zu Ende geht. Und sollte es doch noch dazu kommen, so werde ich Ebert keinen Meineid schwören lassen; ich werde dann einen Weg gehen, von dem Menschenhände mich nicht wieder ins Leben zurückbringen. Und seitdem ich diesen Weg weiß, ist es ganz still in mir geworden.

Ich bin nicht feige, bin es nie gewesen. Aber nach den Gesetzen bin ich eine Ehebrecherin und Kindesmörderin. Ich habe jedoch stets bei allen Handlungen der Menschen nach den Motiven gefragt, und nach diesen spreche ich mich frei. Wenn es einen Gott und ein Jüngstes Gericht geben sollte – so weiß ich, Gott wird mir gnädig sein. Das genügt mir. Und Goethes tröstende Worte: »Wer ewig strebend sich bemüht – den können wir erlösen«, lassen keine Selbstvorwürfe aufkommen!

An mein Kind kann ich ganz ruhig denken und freue mich, daß ihm das Leben erspart bleibt, denn sein Los wäre nie ein glückliches gewesen: unehelich, arm, mit dem Keim unheilbarer Krankheit erblich belastet; was hätte es erleiden müssen!

Frau Hedwig hat alles versucht, um von mir die Zeitungen fernzuhalten, aber ich habe es doch durch Zufall erfahren, daß meine Tat bekannt geworden ist.

In der Zeitung, die mir in die Hand fiel, steht unter anderen Einzelheiten: »Aus Reue und Verzweiflung tötete die geschiedene Frau eines bekannten Großindustriellen ihr Kind. Sie wäre dabei fast selbst ertrunken, konnte aber noch gerettet werden.«

Dr. Ebert ist außer sich über die Entstellung der Tatsachen, und Frau Volkmann sagt mir, daß er überall erzählt, daß ich weder aus Reue gehandelt noch das Kind allein habe töten wollen. Ich verstehe seine Aufregung nicht. Was tut es, ob man ihm glaubt? Frau Volkmann lächelt auch darüber wehmütig. Sie und ich – wir kennen das Leben – wir kennen die Moral der Gesellschaft.

*

Und doch hat es mich gefreut, obgleich ich es mir nicht eingestehen wollte, daß Elisabeth und Gabi mich sehen wollten. Aber man hat sie abgewiesen, da ich niemand mehr sehen will außer meinen zwei alten Freunden, die bis zu meiner letzten Stunde bei mir bleiben werden.

Aber etwas, was mich noch mehr freut und mit Staunen erfüllt, ist ein Blumengruß, der alle zwei, drei Tage mir auf die Decke gelegt wird. Eine Karte liegt dabei: »Carola von Treuenfels«, sonst kein Wort – aber die Blumen sprechen zu mir ihre ganz besondere Sprache.

Ich kann stundenlang die Blüten zwischen den heißen, trocknen Händen halten und fühle, wie die Frau zu mir sprechen will. Die Blumen nicken mit den Köpfchen und sagen: »Sieh', ich denke ebenso wie du, aber ich hatte nicht den Mut – ich fürchtete die Gesellschaft – ich fürchtete mich vor den herrschenden Begriffen der Sitte. Ich bin feige, ich getraue mich nicht einmal, mich öffentlich zu dir zu begeben, denn das könnte aussehen, als ob ich mich zu dir bekenne – und das könnte mir schaden. Aber mich drängt es so, dir die Hand zu drücken!«

*

Ich kann und darf nicht viel sprechen. Ich sitze stundenlang und schaue in die tiefe, strahlende Bläue des heißen Junihimmels.

Obgleich Dr. Ebert es viel zu anstrengend für mich findet, kritzele ich Bogen für Bogen voll, – ich schreibe mein Leben: wie alles kam – wie sich alles entwickeln mußte.

Ich grübele viel nach über den Sinn des Lebens. Ich habe bisher immer geglaubt, was die meisten glauben, daß unser Dasein sinn- und zwecklos ist, daß wir Sandkörner sind – ewig aufgewühlt und wieder verweht – daß wir Pflanzen sind, Tiere – entstehend – vegetierend und vergehend – in endloser Zeit.

Ich glaube das jetzt nicht mehr: ich denke, daß das Ziel der Menschheit nicht in ihrem Ende liegt, sondern in ihren höchsten Vertretern, und daß wir versuchen sollen, uns zu höheren Wesen auszubilden, um die Vorläufer zu werden für noch höhere Stufen.

Dann ist das Leben nicht umsonst gelebt!

*

Hin und wieder tritt Frau Hedwig an meinen Lehnstuhl. Ihre Hand gleitet liebevoll über meine Flechten, die unaufgesteckt mir über die Brust fallen. Dann setzt sie sich an meine Seite, ihre Hand in der meinen, und träumt mit mir schweigend hinaus in die Sonnenglut des Gartens. Wir unterhalten uns ein wenig – oft nur ein paar Worte, und ich betrachte voll Entzücken ihre Züge, die in ihrer Feinheit einer alten Gemme gleichen.

»Ich denke so viel darüber nach,« sagt Frau Volkmann, »wen vor allem die Schuld trifft, daß so viele Ehen heutzutage unglücklich sind, und ich glaube fest: es liegt an den Müttern – an der Erziehung.

Die Töchter müßten in dem Gefühl erzogen werden, daß die Neigung zu irgendeinem Beruf ein weit sicheres Glück verspricht als eine noch so glänzende Heirat ohne Neigung, daß die Ehe nur dann als ein Glück gelten kann, wenn sie die Wahrscheinlichkeit in sich birgt, einer Liebe zu leben. Es sind dies natürlich nur ideale Forderungen, und die Ehe wird als Versorgungsanstalt für viele weiter bestehen – aber diese müssen dann auch die Folgen tragen.

Alle Beziehungen der Menschen zu den Dingen unterliegen im Laufe der Zeiten entscheidenden Veränderungen. Am wesentlichsten scheint mir eine Wiedergeburt der Ehe, denn, wie sie heute besteht, ist sie oft nur ein Zerrbild.

Eine Erneuerung bestände darin, daß man zurückgriffe auf die uralte Idee der Ehe, die mit ihren hohen, sittlichen Grundbegriffen das Heiligste ist, was Menschenherzen geboren. Denn findet in der Ehe ein Ausgleich der Persönlichkeiten statt – sind beide, Mann und Weib, von der großen Verantwortung gegen die kommenden Geschlechter beseelt und gewillt, die Leiden und die Not des Lebens als treue Kameraden miteinander zu tragen, so wird die gesetzliche Ehe das Wünschenswerteste und Wunderbarste bleiben.

Selig sind, die dies erleben dürfen! Nicht vielen ward dies Glück zuteil!«

»Man heiratet in so großer Unwissenheit,« entgegne ich matt, »jede Fähigkeit muß erlernt werden. Nur bei der Liebe verlangt man vom Weibe keine Erfahrung.

Wirft man einen des Schwimmens Unkundigen ins Wasser, so ergreift er den ersten besten Halm. Weiß er aber die Gefahren des Wassers richtig zu schätzen, so wartet er geduldig, bis er einen starken Ast findet, der ihm dauernden Halt gewährt. – Nicht anders ist es mit der Ehe!«

»Solange die körperliche Reinheit bei der Frau höher bewertet wird als die Reinheit der Gesinnung, kann es nie besser werden«, klingt es ernst zurück. »Wenn hier nicht Wandel eintritt, werden Heuchelei und Betrug weiter fortbestehen. Aber es wird noch die Zeit kommen – wir beide erleben sie nicht mehr – wo die Mädchen zu der Überzeugung erzogen werden, daß eine Heirat ohne Liebe Prostitution ist, und wo ein ganz anderer Ehrgeiz entstehen wird: nicht auf Ansehen und Stellung eine Ehe zu gründen, sondern auf Neigung. Und jene, die – getragen von denselben hohen, sittlichen Begriffen – eine Verbindung eingehen, die nicht gesetzlich sein kann, weil soziale Schwierigkeiten ihnen die Möglichkeit hierzu versagen, werden nicht mehr geächtet sein, und auch das Kind nicht, das jener Vereinigung entsprießt.«

Ich richte mich mühsam aus den Kissen empor und sage bewegt: »Ach, liebste Frau, käme doch endlich die Zeit! Horchten doch alle auf die Vorkämpfer, die es zu allen Zeiten gegeben, und deren Stimmen so beredt erklangen! Denken Sie doch an Friedrich Schlegel, der in seinen philosophischen Schriften eine Auffassung vom Wesen der Liebe vertritt, die ganz der unserigen entspricht. Und wie wurde er angegriffen, obgleich der feine, vornehm gesinnte Prediger Schleiermacher voll begeisterter Wärme den idealistischen Charakter seiner Werke hervorhob, und heute noch der Philosoph Windelband seine Bestrebungen ›erhaben‹ nennt.«

Frau Volkmann unterbricht mich und sagt mit wehem Lächeln: »Mein Kind, die erste Predigt einer neuen Ethik galt von jeher als Immoralität. Nicht nur Friedrich Schlegel und Schleiermacher vertraten unsere Auffassungen, sondern diese neue Stellung zur Liebe brach sich auch in anderen Kulturländern Bahn. In Frankreich ist Stendhal mit seinem Werke ›Über die Liebe‹ einer der größten Vertreter dieser Ideen gewesen. Balzac und George Sand verlangten in ihren Romanen die Befreiung vom Druck des Geldes, der Konvenienz und Gesetze; Kirgegard in Dänemark, Almquist in Schweden, Godwin und Shelbey in England predigten die Allmacht der Liebe. Nietzsche sah sein höchstes Ziel in der Veredlung und Hebung der Rasse, und als er über die Liebe sprach, hieß seine Losung: ›Verantwortlichkeit, Steigerung des Lebens.‹ Immer wieder hat er die Verantwortlichkeit als das echteste Kennzeichen der Sittlichkeit betont. Und Wilhelm von Humboldt hat in seinen ›Ideen zu einem Versuch über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates‹, die leider zum Teil der Zensur zum Opfer fielen, ausgesprochen, daß er die Einmischung des Staates in Liebes- und Eheangelegenheiten, insofern sie nicht die Kinder und deren Wohl betreffen, für ungerechtfertigt ansieht. Auch müßte der schreckliche Begriff der freien Liebe ausgerottet werden, der heute nur auf das Verhältnis jener hemmungslosen Persönlichkeiten angewendet wird, die sich triebhaft, egoistisch und feig ausleben wollen und nur ein Mäntelchen für ihr unverantwortliches Handeln suchen. Weder Liebe noch Ehe ist ›Freiheit‹! Liebe, in welcher Form sie auch auftreten mag, soll eine innere Gebundenheit an einen anderen Menschen bedeuten. Ein Mensch soll verantwortlich sein für das Glück des anderen, und beide sollen im gleichen Maße die Folgen der gemeinsamen Handlungen tragen!«

Erregt steht die sonst so geruhsame Frau auf und tritt in das Nebenzimmer, wo in dunklen Reihen ihre Bücher stehen. Sie kommt bald zurück, und während sie in einem Bande blättert, sage ich ergriffen: »Ja, Liebste, Menschen, die ihren Halt in sich selbst tragen, vertragen die Freiheit. Diese erlangen sie aber erst durch Lebenserfahrung. Deshalb müssen auch die Mädchen gereift über ihr Lebensglück entscheiden dürfen, nicht nur die Männer; man erwartet von keinem Mann, daß er mit zwanzig Jahren sich für sein ganzes Leben binden soll, weil er das Leben noch nicht kennt. Die Liebe eines gereiften Menschen bietet aber die beste Gewähr für sein Glück.«

Hedwig Volkmann scheint die Stelle gefunden zu haben, die sie sucht. Es ist ein Band von Schleiermacher, der ihr im Schoße liegt, und ihre Worte, die von heiliger Begeisterung getragen sind, klingen in die Stille meines Sterbezimmers gleich einer Verheißung: »Sie sagen zwar, die Liebe als Fülle der Lebenskraft, als Blüte der Sinnlichkeit sei bei den Alten etwas Göttliches gewesen, bei uns sei sie ein Skandal. Ist sie es aber wohl aus einem anderen Grunde, als weil wir sie immer dem intellektuellen, mystischen Bestandteil der Liebe, der das höchste Produkt der modernen Kultur ist, entgegensetzen? Deshalb sind uns die schönen Denkmäler der Alten erhalten worden, weil die Liebe wiederhergestellt werden soll in einem höheren Sinn als ehedem, wie es der neuen schöneren Zeit würdig ist: die alte Lust und Freude und die Vermischung der Körper und des Lebens nicht nur als das abgesonderte Werk einer eigenen, gewaltigen Gottheit, sondern eins mit dem tiefsten und heiligsten Gefühl, mit der Verschmelzung und der Vereinigung der Hälfte der Menschheit zu einem mystischen Ganzen. Wer nicht so in das Innere der Gottheit und der Menschheit hineinschaut und die Mysterien der Religion nicht fassen kann, der ist nicht würdig, ein Bürger dieser neuen Zeit zu sein. Damit es aber jeder werde, der es werden kann, so muß es auch Priester und Liturgen dieser Religion geben, so bald und so viele es immer kann.«

Meine Hand tastet gleichsam als Ausdruck meines Einverständnisses zu der ihren und liegt dort welk und weiß wie ein krankes Blatt.

Es klopft; – Frau Volkmann erhebt sich und verläßt das Zimmer.

Ich bleibe allein.

Mein Blick fliegt aus dem niedrigen, offenen Fenster über die Gärten hinaus. In seidiger, dunkler Bläue hebt sich über rote Ziegeldächer der warme, gütige Sommerhimmel. Reifende Wärme brütet in den Gärten, und der Duft von Levkoien erfüllt die Luft. An den Gärten vorüber klingt das lustige Pfeifen eines Burschen und das Klappern eines Stockes, der an den Zäunen entlanggleitet.

In weiter Ferne bellt ein Hund.

Ein Vogel ruft – ein anderer antwortet: Er lockt wieder – ein Flattern – dann zärtliches Gurren. Die Männchen werden immer rufen und die Weibchen kommen.

Das Leben schreitet weiter.

*

Ich träume.

Im Halbschlaf befangen höre ich das Erwachen der Vögel – das Zwitschern; schüchterne Sonnenlichter huschen verstohlen über die schützende Decke. – Mit halben Sinnen nehme ich das alles wahr und kann doch nicht zu klarem Bewußtsein kommen. Bleierne Schwere kniet auf meinem Körper und hält mit schmerzlosem Griff mein Leben nieder.

Auf einmal ist mir, als ob ich in der Campagna wäre. – Ich habe keine Erinnerung mehr, die sich bang und schwer an meine Seele hängt, und fühle mich losgelöst von allem Schweren, was mir geschehen, als hätte ich aus den Wassern Lethes getrunken. Ich harre unter einer Zypresse und beschatte mit der Hand meine Augen, um einen Wanderer zu erkennen, der mir auf der Straße entgegenkommt. Es ist Abend – die Sonne schüttet im Versinken verklärenden, rosigen Schein auf die heroische Landschaft.

Der Fremde nähert sich nur langsam.

Es ist ein merkwürdiges Bild, wie er im Rahmen der Sonne mir entgegenschreitet und sich so als Silhouette gegen den leuchtenden Abendhimmel abhebt. Eine kurz geraffte Tunika läßt jugendlich-schlanken Wuchs erkennen, Sandalen bedecken die schöngeformten Füße, und in der Hand trägt er einen Stab. Sein Gang ist eines, der weite Wege gewandert ist.

Wie der Fremde mir so entgegenschreitet, glaube ich plötzlich, es sei Pietro Benoni – schön und leidenschaftlich leuchten seine Züge. Doch wie er näher kommt, wundere ich mich, daß ich diese Ähnlichkeit empfunden habe, denn nun meine ich, es sei Peter Wislicenus, und die beiden hatten doch nichts miteinander gemein.

Der Jüngling hebt die Hand zum Gruß und setzt sich neben mich. Wie ich ihn von der Seite betrachte, sehe ich, wie müde sein Antlitz und wie bestaubt seine Kleidung.

»Ihr seid weit gewandert«, rede ich ihn an, und mich deucht, ich hätte noch nie einen Menschen gesehen, der so schön und edel gebildet war, und dessen Augen so viel Liebe und Leidenschaft widerspiegelten.

»Ja, ich komme weit her«, klingt seine Stimme dunkel und tonreich mir entgegen. »Ich bin durch Jahrtausende gewandert und habe allen Menschen wenigstens einmal im Leben in die Augen geschaut. Und wer mich gesehen, der sah das Bild des Geliebten in mir, und Herz und Sinne wurden entflammt von heißer Leidenschaft. Das war schön, denn die Menschen, die so ergriffen waren, begingen in meinem Namen Taten voll Mut und Größe – sagten Dinge voll unerhörter Süße und Schönheit – ihre Kraft wurde gestärkt – ihr Geist gefördert – sie erlebten das Höchste!

So war es früher – und obgleich die Jahrhunderte im Zeiträume versanken – eins nach dem anderen, obgleich Sitten und Menschen sich änderten, ich blieb ihnen treu – sie mir. Und ich hab' viel Großes gesehen! Sah Jakob und Rahel – Hektor und Andromache – Odysseus und Penelope – Romeo und Julia – Tristan und Isolde, um dir nur wenige zu nennen, deren Liebe unsterblich geworden!«

Der Jüngling hält inne und seufzt.

Ich biege meinen Kopf in den Nacken und frage zagend: »Und jetzt?«

»Ja, und jetzt«, wiederholt er, und seine Stimme klingt müde und hoffnungslos – »ich irre umher – von Land zu Land – von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und finde mich nicht mehr zurecht. Ich kenne die Menschen nicht wieder, sie entweihen die Liebe. Was sie Liebe nennen, ist mir fremd. In meinem Namen begehen sie häßliche, niedrige Dinge, ihre Sittlichkeit ist verlogen und verbildet, – ihr Treiben Unzucht – ihr Liebesleben Unnatur.«

Er wendet plötzlich den Kopf und sieht mich voll an. Seine leidenschaftlichen Augen glühen von edlem Feuer.

»Du bist anders gewesen,« fährt er fort – »du hast mutig gekämpft gegen Unnatur und gegen falsche Sitte. – Du warst eine Vorkämpferin; Vorkämpfer sind Ketzer – die werden verbrannt. – Auch du bist gescheitert! – Aber es ist nicht vergebens geschehen. Nichts wirkt so überzeugend wie das Beispiel! Darum glaube nicht, daß du umsonst gelebt hast. Es wird eine andere Zeit kommen, dann ist auch meine Irrfahrt zu Ende, und es hebt ein neues Reich an: das Reich wissender und unschuldsvoller Liebe.«

»Wer seid Ihr?« frage ich beklommen, denn seine Worte dünken mir wundersam und wahr.

»Ich bin das Kind des Uranos und der Gäa – mein Name ist Eros – und ich bin unsterblich!«

 

Ende.

*


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