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Das vorliegende Werk von Franz Rehbein über sein Leben als Landarbeiter ist die vierte der von mir herausgegebenen Arbeiterbiographien Die bisherigen waren: Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters (Karl Fischer), Band I 1903 bei Eugen Diederichs, Jena und Leipzig; Band II 1904 ebenda. Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters (William Bromme), 1905 ebenda. Lebensgang eines deutsch-tschechischen Handarbeiters (Wenzel Holek), 1909 ebenda.. Tat ich recht, daß ich sie den bisher erschienenen folgen ließ? Ich habe lange gezögert, ehe es geschah. Das Interesse der Öffentlichkeit an solchen Arbeiterlebensgeschichten erscheint seit einigen Jahren stark zurückgegangen. Als die erste erschien, war sie eine Sensation; jede der nachfolgenden aber hat, ganz ohne Rücksicht auf ihre Qualität, einen immer geringeren Absatz gefunden. Das ist nun freilich leicht erklärlich. Die Arbeiterklasse selbst hat kein intensiveres Interesse an solchen Büchern. Das, was sie erzählen, kennt jeder einzelne aus ihr als sein eigen Schicksal nur zu genau. Im Bürgertum aber ist der Kreis derer, die tieferen Anteil an Arbeiterschicksalen nehmen, noch immer ein verhältnismäßig kleiner. Dessen Wissensdurst war aber zum großen Teil schon durch das Erscheinen der zwei Bände der ersten, der Fischerschen Biographie, die noch obendrein die beste aller bisher erschienenen ist, befriedigt. Es ist also sehr wohl möglich, daß auch das Rehbeinsche Werk keine größeren Erfolge haben wird wie das von Bromme und namentlich von Holek. Trotzdem wage ich seine Veröffentlichung, Was mich schließlich am meisten dazu bewog, ist die Tatsache, daß hier zum erstenmal ein ostelbischer Landarbeiter mit seinen Lebensschicksalen auf den Plan tritt. Das ist eine Sache, die allein schon im höchsten Maße bemerkenswert ist. Und ich hoffe, daß namentlich die deutschen Landwirte sie auch wirklich genügend gründlich bemerken. Denn es muß für sie von höchstem Werte sein, in einer ungeschminkten und durchaus zuverlässigen Darstellung Einblick in die Psyche »ihrer« Arbeiter zu erhalten, zu erfahren, wie diese ihren Beruf, den ländlichen Arbeitsbetrieb, ihre Vorgesetzten und Arbeitgeber, ihre Arbeitsleistungen und Lebensverhältnisse ansehen und einschätzen. Und wenn sie klug sind, lernen sie daraus.
Allerdings hat Rehbein – im Gegensatz zu seinen Vorgängern Fischer, Bromme und Holek – sein Buch nicht geschrieben, während er selbst noch Arbeiter, Landarbeiter war. Doch war das wahrlich nicht seine Schuld. Im Alter von 28 Jahren, im Jahre 1895, riß ihm eine Dampfdreschmaschine seinen rechten Arm aus und machte so mit einem Schlage seinem Landarbeiterleben ein Ende. Erst 12 Jahre später, im Alter von 40 Jahren hat Rehbein die nachfolgenden Kapitel verfaßt. Und in diesen 12 Jahren lag für ihn ein entscheidendes Stück innerer und geistiger Weiterentwicklung. Erst Ortsarmer ging er damals nach Kiel, handelte oder besser »bettelte« (wie er sich selbst einmal ausdrückt) dort eine Zeitlang mit Zwirn und Band, und wurde schließlich mit seiner Frau Zeitungsausträger des Kieler sozialdemokratischen Parteiorgans, der »Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung«. Einige Zeit darnach, 1899 erhält er den Verlag dieser Zeitung in Elmshorn. Nachdem er inzwischen mit der linken Hand zu schreiben gelernt, wird er gleichzeitig gelegentlicher Mitarbeiter seiner Zeitung, indem er hauptsächlich über die Lage der ländlichen Arbeiter in Dithmarschen Berichte einschickt. Drei Jahre später kommt er nach Berlin als »Lokalberichterstatter« an den »Vorwärts«, um 1907 in das Bureau der Berliner Gewerkschaftskommission als Hilfsarbeiter einzutreten. Hier ist er am 14. März 1909, genau 42 Jahre alt, unter Hinterlassung einer Frau und sechs unerwachsener Kinder, plötzlich gestorben. Seine Arbeit war ein halbes Jahr vorher fertig geworden, nachdem er etwa ein Jahr lang, meist zur Nachtzeit, an ihr gearbeitet hatte.
Es ist klar, daß diese unerwartete Entwicklung des Mannes auch in seinem Werke zum Ausdruck kommen mußte. Er würde es, hätte er überhaupt jemals dazu Anstoß und Gelegenheit gefunden, als reiner Landarbeiter sicher vielfach in anderer Weise geschrieben haben, als wie es jetzt vorliegt. Es hätte dann gewiß nicht diesen präzisen knappen, klaren Charakter erhalten, den es jetzt zeigt. Auch die Auseinandersetzungen allgemeiner Art über allerhand landwirtschaftliche Verhältnisse, mit denen er gelegentlich beginnt, um dann erst seine eignen Erlebnisse gleichsam als Illustrationen dazu daran zu hängen, sind ihm nur möglich gewesen, nachdem er Jahre hindurch gelernt hatte, auch schwierigere Dinge im klaren Zusammenhange schriftlich auseinanderzusetzen. Trotzdem hat man nicht den Eindruck, daß der eigentliche Mensch, der Landarbeiter Rehbein dadurch in seiner Darstellung totgemacht worden ist: im Gegenteil, seine derbe, knorrige, selbständige und oft rauhborstige, aber auch grundehrliche und gute Art, seine überaus realistische Denk- und Anschauungsweise steht noch immer durchaus im Vordergrund, bricht überall durch, bildet das Fundament der Darstellung im ganzen Buch. Der spätere journalistische Beruf hat seinem innersten Wesen im Grunde nicht viel anzuhaben vermocht, es nicht verfälscht und verflüssigt.
Das gilt auch im besondern von Rehbeins Stil. Nichts Unbeholfenes ist mehr an ihm; er ist vollkommen Herr seiner Gedanken, Bilder, Worte, Sätze. Selbst Fremdwörter handhabt er völlig souverän. Trotzdem wirkt seine Sprache ungemein urwüchsig, drastisch ungeschminkt, in echter Bauernart. Echt ländlich ist auch das naturhafte Behagen an allerlei komischen, lustigen oder gar peinlichen Erlebnissen. Er schildert gerade sie gern besonders breit. Aber auch sonst liegt über allem ein herber Humor, oft selbst grimmige Satire. Mit besonderem Geschick, gewöhnlich da, wo er charakterisiert, sind ein paar Sätze plattdeutsch eingestreut; in der Kunst knappster Charakterisierung scheint er mir besonders stark und wieder ganz journalistisch unverwässert zu sein. Sehr eindrucksam ist er da, wo er die Natur oder Arbeitsvorgänge oder beides zusammen schildert; da hat er eine ganz besonderliche Art. Alle Achtung vor der geistigen Kraft solcher Landarbeiter. Haben wir viele von der Art in Deutschland, dann ist die Sünde unserer Agrarier an ihnen, die sie noch immer am liebsten wie mittelalterliche Leibeigene einschätzen und behandeln, doppelt schwer und groß.
Ganz abgesehen von dem ganz anderen Stoff unterscheidet sich die Rehbeinsche Biographie auch noch in einem anderen sehr bedeutsamen Punkte von derjenigen seiner Vorgänger. Diese schrieben wirklich nur, um ihr Leben und seinen unendlich reichen und merkwürdigen Inhalt anderen zum Darübernachdenken mitzuteilen; Rehbein dagegen ist es deutlich nicht nur um die Darstellung seines eigenen Lebens, sondern mindestens ebenso sehr um die des gesamten ländlichen Arbeiterlebens überhaupt zu tun. Er tut das freilich stets nur in Verbindung mit der Schilderung eigener Erlebnisse, aber diese sind ihm sichtlich mehr nur die Farben, mit denen er das allgemeine Los zu kolorieren trachtete. In einem Vorwort, das er schließlich, kurz bevor er starb, noch entworfen hat, kommt diese Tendenz seiner Niederschriften auch ganz ungeschminkt zum Ausdruck. Er sagt da:
»Je mehr die Landarbeiterfrage an Bedeutung gewinnt, desto nützlicher dürfte es sein, auch im einzelnen die Zustände kennen zu lernen, unter denen die ländlichen Arbeiter – sei es in diesen oder jenen Distrikten Deutschlands – leben und vegetieren müssen. Aus diesem Grunde entschloß ich mich, die hauptsächlichsten Vorkommnisse während meiner eigenen Tätigkeit als früherer Landarbeiter niederzuschreiben.«
Einige Sätze weiter fügt er dann noch – um das gleich hier zu erledigen – folgendes hinzu:
»Meine Schrift enthält durchaus nichts Außergewöhnliches oder gar Sensationelles, wodurch sie etwa künstlich interessant gemacht worden wäre, sondern lediglich die einfache nüchterne Schilderung dessen, was ich als gewöhnlicher Landarbeiter erlebt, erfahren und beobachtet habe. Der Inhalt ist nackte ungefärbte Wirklichkeit, der als solcher für sich selbst sprechen soll. Zweckmäßig erschien es mir indessen, verschiedene Orts- und Personennamen zu ändern, da die wirklichen Namen um so weniger zur Sache tun, als hier nicht irgendwelche Personen, sondern die ländlichen Dienst- und Arbeitsverhältnisse beleuchtet werden sollen.«
Äußerst sympathisch ist in dem ganzen Buch die ausgesprochne und noch viel mehr die nicht direkt ausgesprochne Liebe zum Landleben. Hier ist einer, der aus innerster Befriedigung heraus Landarbeiter war, der es heute noch wäre, hätte das Schicksal ihn nicht vom Lande weggerissen! Diese Liebe überträgt sich auch auf den Arbeitgeber und dessen und Gut, in der Form eines steten Gerechtigkeitssinnes und pfleglicher Sorgfalt. Wie weiß Rehbein alle, die zu ihm und seinen Mitknechten auch nur einigermaßen menschlich gewesen, gütig zu schildern; wie voll Haß aber faßt er die an, die er als Ausbeuter erkennt und erlebt. In dieser Tatsache liegt mehr als in Rehbeins eigner Versicherung die Gewähr, daß, was er geschildert hat, auch wirklich völlig wahrheitsgemäß geschildert ist.
Aber darum wirkt nur um so niederdrückender, was sich unsers Erachtens als der Grundzug der heutigen ländlichen Arbeiterexistenz aus dem ganzen Buche herausschält: der einer unendlichen Eintönigkeit der Arbeit und Leere des Lebens dieser armen, von allen Kulturannehmlichkeiten der Gegenwart geradezu fast hermetisch abgeschlossenen Landarbeiter. Ein Sklavendasein nennt es Rehbein an einer Stelle – wer, der seine Schilderungen gelesen, dürfte es wagen, ihm darin Unrecht zu geben? Insofern ist das ganze Buch, Seite für Seite, eine einzige Anklageschrift gegen die, die kraft ihrer Macht diese Zustände heute noch künstlich und erfolgreich weiter kultivieren.
Freilich den Gipfel dieser unsäglichen Lebenseintönigkeit erklimmt auch der Landarbeiter Rehbein erst außerhalb des Rahmens seines geliebten ländlichen Berufs, als Kavallerist drei Jahre lang in Metz. Die Existenz eines gewöhnlichen deutschen Soldaten, der weder über Geld noch über auch nur ein Fünkchen Protektion verfügt, geht in ihrer tötenden Langweile und Leere noch weit über die jedes Landarbeiters hinaus! Was Rehbein in dem Kapitel über seine Militärzeit mitteilt, ist, so anregend sich auch dies Kapitel noch liest, geradezu ein hohes Lied auf die Schablone, den Drill, die Entpersönlichung und Entsittlichung des Menschen, wer selbst Soldat war, weiß, wie wahrhaftig auch in diesem Kapitel Rehbein erzählt hat. Nur Kriegervereinsbegeisterung vermag auch das Leben des Arbeiters, der Soldat ward und nun in der Kaserne weiter fronden muß, noch in rosigem Lichte zu sehen, zu schildern, zu verherrlichen.
Unverständlich ist auf den ersten Blick an dem reichen Inhalt des ganzen Buches vielleicht nur eins: daß Rehbein meines Wissens mit keinem Worte die – Sozialdemokratie berührt. Mehrmals, bei den Schilderungen einzelner Gespräche, führen diese seine Schilderungen fast unmittelbar an sie heran: schon sieht man sie hinten, im Nebel der dargelegten Gedanken auftauchen – um aber sofort wieder zu verschwinden. Nur in seinem kurzen Schlußwort spricht Rehbein von ihr. Wie ist das möglich bei einem Mann, der wenige Jahre nach seiner Verunglückung schon mit in den vorderen Reihen der sozialdemokratischen Bewegung stand und bis zu seinem letzten Lebenstage kämpfend für sie sein Bestes hingegeben hat? Wo setzt bei diesem Landarbeiter die Entwicklung zur Sozialdemokratie ein? Ich habe Rehbein ein halbes Jahr vor seinem Tode diese Frage direkt vorgelegt, und er hat mir bestätigt, was ich schon vermutete: er war schon als Tagelöhner, ja schon als Großknecht Sozialdemokrat; aber nur mehr heimlich, selten etwas davon bekennend. Und darum, so sagte er mir, habe es nach seiner Meinung auch nicht ins Buch gehört, darin davon Worte zu machen. Auf meine Bitte gab er mir schließlich nachstehende Darstellung von seiner Entwicklung zur Sozialdemokratie:
»Zu Hause in meiner Heimat bin ich außerordentlich religiös und patriotisch erzogen worden, und gerne las ich religiöse oder vaterländische Geschichten. Ich las überhaupt gerne. Als mich das Schicksal nun aber frühzeitig von einer Ecke Deutschlands in die andere warf, als ich mich dann, so mutterseelenallein in der Welt stehend, als blutjunges Bürschchen von fremden Leuten umherstoßen lassen mußte, als ich sah, wie diese Leute mich zum Teil nur als eine niedere menschliche Arbeitskreatur betrachteten und mich in ihrem Interesse lieblos ausnutzten – da kamen mir sehr bald die Gedanken, daß es mit all den schönen Geschichten, die ich gelesen hatte, doch wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könne. Weshalb waren die Leute so herzlos? Weshalb half mir kein Gott? Das waren Fragen, die ich mir sehr oft vorlegte, wenn ich mich unter dem Drucke deprimierender Gemütsstimmung in irgend einer Ecke sattweinte.
»Da lernte ich im Jahre 1886, als ich aus Kossenbüttel entflohen war, in Süderdeich einen Schuster namens Schröder kennen (später ist er nach Amerika gezogen). Ich ließ als Knecht mein Schuhzeug bei ihm machen und ging auch des Abends oft bei ihm ein und aus. Dieser Mann erzählte mir immer allerhand von der Sozialdemokratie, ohne daß ich jedoch besonderes Interesse dafür zeigte, denn einmal war das, was er sagte, meistens herzlich konfus und wenig überzeugend, dann aber auch hatte ich in meiner bisherigen Lektüre, besonders in den Zeitungen, nur stets sehr Ungünstiges über die Sozialdemokratie gelesen.
»Eines Tages aber hielt mir Schröder ein Blatt vor, wie mir's bis dahin noch nicht in die Hände gekommen war, den Züricher ›Sozialdemokrat‹. Ganz geheimnisvoll sagte er mir, daß dieses Blatt in Deutschland eigentlich verboten sei, doch ein Verwandter von ihm habe es ihm im Paket aus Hamburg zugeschickt, er habe schon sogar einen ganzen Haufen davon. Ich selbst hatte ja kaum eine Ahnung davon, daß damals das Sozialistengesetz existierte und diese Blätter nach Deutschland eingeschmuggelt wurden; so viel hatte ich mich um diese Dinge damals ja noch gar nicht gekümmert. Mein Schuster gab mir nun eine Anzahl jener Blätter mit, und ich las darin, zuerst aus Langerweile, dann aber mit steigendem Interesse.
»Donnerwetter, war das eine Tonart in diesen Dingern! Da wurden die Regierung und die gesellschaftlichen Einrichtungen ja in einem ganz anderen Lichte gezeigt, als wie ich das sonst immer gelesen hatte. Und wie warm das Blatt für die Arbeiter schrieb! Da wurde das Arbeiterelend und die Abhängigkeit der Arbeiter von Kapitalisten und Grundbesitzern mit einer Lebendigkeit und Naturtreue geschildert, daß ich ganz verblüfft wurde. Mir fiel's förmlich wie Schuppen von den Augen. Teufel noch einmal, das war ja wahr, was in diesen Blättern stand; mein ganzes bisheriges Leben war Beweis dafür. Konnten die Leute, die so etwas schrieben, schlecht sein? Unmöglich.
»Die Folge davon war, daß ich die ganzen Blätter, die mein Schuster auf Lager hatte, auf das emsigste durchstudierte, nicht einmal, sondern drei-, viermal, und eine Anzahl alter Flugblätter dazu. Mein junges Gemüt hatte Feuer gefangen. Als dann Anfang 87 die Wahlen kamen, da meinte Schröder zu mir, ich könne jetzt an den Winterabenden, wo doch nicht so spät Feierabend sei, in einigen Dörfern Flugblätter und Stimmzettel bei den Tagelöhnern verbreiten, dazu eigne ich mich besser wie ein anderer, da ich ein loser lediger Kerl sei und als Fremder nach niemanden zu fragen brauche. Gewissenhaft besorgte ich die Verbreitung.
»Zuweilen schien es mir nun zwar, als wenn in den sozialdemokratischen Schriften trotz all ihrer wahrheitsgemäßen Darstellungen des Volkselends doch ein bißchen zu scharfe Kritik an den herrschenden und besitzenden Klassen geübt würde. Doch von dieser Annahme wurde ich bald gründlich kuriert, und zwar nirgends anders als beim Kommiß, wenn ich noch nicht ganz Sozialdemokrat gewesen war – dort beim Militär bin ich's geworden. Dort mußte man's ja werden, ganz aus sich selbst heraus, ohne jede Agitation, wenn man sonst seinen gesunden Verstand gebrauchte.
»Mit Ablauf meiner Militärjahre war zugleich auch das Sozialistengesetz gefallen. Nun wurde auch auf dem platten Lande viel mehr von der Sozialdemokratie gesprochen wie früher; an den Unterhaltungen darüber beteiligte ich mich häufig. Ein alter Krabbenfischer bei uns hielt sogar den ›Wahren Jakob‹, der uns damals als volkstümliches Witzblatt recht viel Spaß machte. Nach meiner Verheiratung abonnierte ich gleich anderen das schon ziemlich bekannt gewordene Wochenblatt ›Die Nordwacht‹ und später die ›Schlesw.-Holst. Volks-Ztg.‹, woraus ich manche Belehrung und Aufklärung schöpfte, besonders über das Wesen und die Forderungen der Sozialdemokratie; auch besuchte ich nun Versammlungen, sobald solche bei uns abgehalten wurden. Als ich dann im Jahre 1893 zum ersten Male wählen konnte, gab ich stolz meinen Stimmzettel für den Sozialdemokraten Martikke ab, auch hatte ich außer mehreren Bekannten noch 14 Ziegeleiarbeiter bewogen, für denselben Kandidaten zu stimmen.
»Obwohl ich den wissenschaftlichen Untergrund der sozialdemokratischen Lehren noch keineswegs begriffen hatte – wer sollte mich auch drin einweihen –, so sagte mir doch mein einfacher Instinkt, daß die Sozialdemokratie das Richtige für den Arbeiter wollen müsse. Die schwere Arbeit, die winterliche Arbeitslosigkeit, das kümmerliche Leben von der Hand in den Mund, und dann der Vergleich meines Tagelöhnerdaseins mit den meistens im Überfluß schwelgenden Hofbesitzern – das alles redete eine deutlichere Sprache zu mir, als wie es alle wissenschaftlichen Lehrbücher hätten tun können.
»Sollte es angesichts dessen wirklich ein Verbrechen sein, an einen künftigen Idealzustand zu glauben, in dem die Gleichberechtigung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, einst zur Wirklichkeit wird, wo die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende hat? Ich konnte es mir nicht denken. Mußte nicht jeder, der diesen Glauben hegte, nach der baldigen Verwirklichung jenes Ideals streben? Mir schien das selbstverständlich, wer aber kümmerte sich denn überhaupt um das Wohl und Wehe der Arbeiterklasse? Einzig und allein die Sozialdemokratie. Sie alleine führte dem Arbeiter das Unwürdige seiner Lebenslage vor Augen, zeigte ihm, unter welcher Unsumme von Ungerechtigkeit er dahinvegetieren mußte; sie alleine pflanzte auch neue Ideale in seine Brust.
»All diese Dinge ließ ich mir nach und nach durch den Kopf gehen, sowohl bei der Arbeit als in den Mußestunden, wenn ich dann öfters mit meinen Arbeitsgenossen hierüber sprach, so fand ich, daß viele ganz ebenso dachten wie ich; auch sie hatten längst im Stillen darüber nachgegrübelt, daß es doch ein unhaltbarer Zustand sei, wenn die untere Masse des Volkes immer und ewig nur für eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Reichen und Besitzenden zu wahren Jammerlöhnen schwer arbeiten soll, während diese Herrschaften ein teilweise recht ausschweifendes Wohlleben führen, ohne kaum einen Finger dafür krumm zu machen.
»Es gab allerdings auch genug von solchen, die da meinten, es habe gar keinen Zweck, sich über derartige Fragen den Kopf zu zerbrechen. Wir Schlag Menschen seien nun einmal zur Arbeit geboren und die ›anderen‹ zum Genießen. ›Wi sünd Schlawen, und bliwt Schlawen; dat ward ok ni anners, solang de Welt steiht.‹ Sie fragten mich, was mir mein vieles Lesen, mein Wissen und meine Anteilnahme an öffentlichen Dingen denn schon genützt habe? Ich sähe es doch tagtäglich, daß auch der ›dusseligste Kirl‹, wenn er nur gute Knochen und gesunde Glieder habe, seine Arbeit genau so gut verrichten könne, wie ich. Er handhabe den Spaten, die Sense, den Dreschflegel und die Mistforke ebenso gut wie ich und verdiene auch denselben Lohn, womöglich noch mehr. Wenn ich ihnen dann erwiderte, das sei wohl alles richtig, doch ich fühlte mich dafür auch mehr als Mensch und nicht nur als Arbeitstier – dann meinten sie, das möge schon stimmen, aber dafür nage das Bewußtsein, hier als untergeordneter Tagelöhner umherlaufen zu müssen, auch umsomehr in mir, und dadurch würde mein Los nur noch schlechter, weil ich doch nichts anderes werden könne und eine Änderung der Allgemeinverhältnisse vorläufig nicht zu erwarten sei. Erst wenn ich sie darauf hinwies, daß auch die Landwirte den Wert einer gewissen Bildung jetzt ungleich höher einzuschätzen wüßten wie früher und in den landwirtschaftlichen Vereinen ihre Interessen gerade den Arbeitern gegenüber sehr nachdrücklich wahrzunehmen suchten, dann pflichteten sie mir darin bei, daß sich die Hebung des Bildungsgrades und die Anteilnahme an den großen Fragen der Neuzeit doch wohl mit dem trübseligen Dasein eines Landarbeiters vertragen möchten. Trotz allem Fatalismus, den die Leute zeigten, wußte ich doch aus meinem steten Umgang mit ihnen, daß sie über ihre Lage innerlich mehr nachdachten, als wie dies äußerlich den Anschein hatte. Nicht klare Erkenntnis – denn dazu mangelte es ihnen an Aufklärung – wohl aber ihr natürlicher Arbeiterinstinkt brachte sie unbewußt der Sozialdemokratie nahe. Was in aller Welt sollten sie schließlich auch anders werden, als Sozialdemokraten?
»Als ich dann meinen Arm verloren hatte, widmete ich mich erst recht dem Studium sozialistischer Schriften; ich hatte jetzt ja die beste Zeit dazu, wie erstaunte ich, als mir da eines Tags ein Wesselburner Lehrer den stattlichen Band ›Lassalles Reden und Schriften‹ übergab. Er beteuerte zwar, daß er selbst kein Sozialdemokrat sei, aber da er wisse, daß ich einer wäre, so könne mir das Lesen dieses Werkes ja weiter keinen Schaden tun; besser sei es noch, wenn ich es lieber gleich zweimal lese. Und ich las, mit Eifer und mit Freude. Mir ging förmlich eine neue Welt auf. Bald darauf borgte mir ein Tagelöhner – wohlgemerkt: ein Tagelöhner – aus Norddeich, wegen seiner sozialdemokratischen Gesinnung allgemein der ›rote Hannes‹ genannt, das Buch ›die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft‹ und Bebels ›Frau‹. Er selbst hatte diese Bücher aus Itzehoe bezogen. Ich muß sagen, die Lektüre dieser Werke machte auf mein einfaches Arbeitergemüt den nachhaltigsten Eindruck. Das las sich in der Tat anders, wie schöngeistige Schnurren, Grafenromane oder Räubergeschichten. Was gingen mich jetzt noch all die seichten Literaturschmarren an, in denen die Arbeiter nur stets wie das fünfte Rad am Wagen behandelt wurden? Hier hatte ich etwas für mich, für den Arbeiter, für meine Klassengenossen; aus jeder Zeile sprach heiliger Ernst, innerste Überzeugung, schlagende Beweisführung. Das wirkte belebend, anfeuernd, belehrend. Ich sah die Welt mit ganz anderen Augen an. Wo hatte ich jemals Aufsätze oder Bücher gefunden, die sich auch nur annähernd ähnlich für die geistige und materielle Hebung der Arbeiterklasse, für deren Befreiung aus Knechtschaft und Unterdrückung aussprachen, wie diese sozialdemokratischen Werke? Mir wurde es immer klarer: Leute, die solche Bücher geschrieben hatten, konnten unmöglich gewöhnliche Hetzer oder Aufwiegler sein, so sehr sie auch als solche verschrien waren.
»Was mir auf dem Lande aber trotzalledem noch an sozialistischer Erkenntnis fehlen mochte, das holte ich hernach in Kiel bald vollends ein. Nicht nur, daß ich dort die Bibliothek des sozialdemokratischen Vereins von einem Ende bis zum andern durchbüffelte, nein, abschnittweise machte ich mir aus den grundlegenden Werken der Sozialdemokratie schriftliche Auszüge und verarbeitete sie auf diese Weise für mich, so daß mir deren Inhalt einfach in Fleisch und Blut überging. Hieraus gewann ich dann die unumstößliche Überzeugung, daß die sozialistische Arbeiterbewegung nicht das Produkt einiger wohlmeinender Arbeiterfreunde oder Hetzapostel ist, sondern die notwendige Folge unserer heutigen kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Seitdem ist mir der endliche Sieg der Arbeiterklasse zur inneren Gewißheit geworden.
»Ich schreibe das alles, nur um Ihnen zu zeigen, wie auch auf dem platten Lande der Sozialismus Wurzel schlägt. Nicht in der Stadt bin ich zur Sozialdemokratie ›betört‹ oder ›terrorisiert‹ worden, sondern hinten in ländlicher Abgeschiedenheit an einsamer Wasserkante, wo die Welt ›mit Brettern vernagelt‹ ist, dort nahm ich das Samenkorn des Sozialismus in mich auf, und es fand fruchtbaren Boden bei mir, weil mich die Zustände, unter denen ich leben und arbeiten mußte, zum Nachdenken über meine soziale Lage als Arbeiter angeregt hatten.«
Ich meine, diese Darlegungen könnten einigermaßen zu denken geben.
Schließlich dürfte es noch zur Vervollständigung des Bildes, das sein Buch von seinem Verfasser entwirft, und das man vor Augen behalten muß, um ganz zu verstehen, was es schildert, wichtig sein, von dem Verhältnis zu erfahren, das Rehbein auch in der Fremde mit seiner Mutter verband. Es ist ja ein altes Wort, daß ein Mann durch nichts besser charakterisiert und sein Wesen durch nichts klarer erkannt wird, als durch die Art, wie er zu seiner Mutter steht. Rehbein hat mir über dies sein Verhältnis zu seiner Mutter auf meine Bitte auch noch einmal ausführlicher geschrieben, freilich unter der Bedingung, davon nichts an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn: »was geht die Menschen meine Mutter an?« …
»Ich will die Arbeiterzustände auf dem Lande erzählen so wie ich sie sah und erlebte, nichts weiter. Alles andere, auch das aus der Familie, ist rührseliger Kaffeeklatsch, wozu ich mich nicht entschließen kann. Ich habe im ersten Abschnitt das Nötige von ihr gesagt, und im ›Sachsengänger‹-Abschnitt dann noch angeführt, daß ich sie erst nach reichlich 20 Jahren wiedersah – das genügt doch in diesem Falle?« Meines Erachtens genügt das nicht, und so begehe ich, um seinetwillen, weil gerade diese Mitteilungen ein Stück seines Inneren treffend charakterisieren und da er ohnehin auch im Buche selbst von sich eher zu wenig als zu viel berichtet, die Indiskretion und setze seinen schönen Bericht noch hierher.
»Meine Mutter«, schrieb er, »war eine ehrenwerte, arbeitsame, starke Frau, die ich bis zu meinem letzten Atemzuge in Ehrfurcht hochachten werde. Aber sie war außerordentlich bigott und ist es mit zunehmendem Alter noch mehr geworden, was übrigens ganz erklärlich ist, da sie zeitlebens nicht aus Hinterpommern herauskam. Wir standen stets in regem Briefwechsel miteinander, auch habe ich ihr öfter einige Taler meines Lohnes zur Unterstützung geschickt. Das hat sie aber nie gebraucht, sondern sie hat – nachdem mein jüngster Bruder als Schlächtergeselle ebenfalls in die Welt ging – jeden überflüssigen Pfennig zum Schaden ihres eigenen Körpers aufgespart, so daß sie bei ihrem Tode – als Waschfrau – noch über 900 Mark hinterließ. Nun können Sie sich denken, wie sie gelebt haben muß.
»In meiner Elmshorner Parteistellung packte mich einst die Sehnsucht nach der Heimat. Kurz entschlossen und im Einverständnis mit meiner Frau fuhr ich nach Neustettin. Geschrieben hatte ich zuvor nichts. Das Wiedersehen zwischen mir und meiner Mutter gestaltete sich zu einer ebenso gelungenen wie freudigen Überraschung.
»Als 14jähriger Junge war ich fortgemacht, als verheirateter Mann von 34 Jahren kam ich wieder. Freilich trauerte sie um den Verlust meines Armes, doch da es mir sonst leidlich gut ging, nahm sie den Unfall als ›Gottes Fügung‹ hin. Aber einen Stich gab's ihr, als ich ihr bekannte, daß ich Sozialdemokrat sei. ›Ein richtiger Sozialdemokrat bist du?‹ fragte sie mich immer wieder. Und als ich bejahend antwortete, war's mir, als nehme ihr sonst so freundliches Gesicht einen fast starren, entfremdenden Ausdruck an. Hier machten sich die Folgen der hinterpommerschen Pfaffenmeinung über die Sozialdemokratie in unverkennbarer Weise bemerkbar.
»Als ich wieder abfuhr, gab sie mir einen ganzen Haufen Sonntagsblätter und sonstiges Zeugs mit, die mit dem gewöhnlichen Blödsinn über die Sozialdemokratie angefüllt waren. Ihr zu Gefallen nahm ich den Kram auch wirklich bis nach dem Bahnhof mit.
»Ein paar Jahre später besuchte sie mich in Berlin, wie erstaunt war Sie nun, daß ein ›richtiger‹ Sozialdemokrat eine ›richtige‹ Frau und ›richtige‹ Kinder hatte. Der Haushalt und das Zusammenleben bei uns waren so ›nett‹, wie sie das von einem Sozialdemokraten niemals erwartet hatte. Sie war immer der Meinung gewesen, bei Sozialdemokraten müsse es in der Familie einfach drunter und drüber gehen, etwa so wie bei Zigeunern.
»Es gefiel ihr sogar bei mir.
»Doch als ich ihr den Vorschlag machte, ihren Hausrat in N. zu verkaufen und für immer zu mir zu ziehen, da lehnte sie entschieden ab.
»Sie sei das Leben ›da hinten‹ nun einmal gewöhnt. In der Großstadt sei es ihr zu unruhig. Sie müsse ihre Kirche sehen und die Glocken läuten hören, dann fühle sie sich wohl trotz aller Arbeit in der Woche. So wie sie gelebt, so wolle sie auch sterben. Auf ihre alten Tage könne sie sich an andere Verhältnisse nicht mehr gewöhnen.
»Es nützte auch nichts, daß ich ihr versprach, sie jeden Sonntag nach der Kirche hin begleiten und wieder abholen zu wollen. Nein, meinte sie, nun sei sie bald 25 Jahre auf einer Stelle als Waschfrau tätig; sie werde also demnächst ihr Jubiläum feiern können. Und dann bekäme sie von einer hohen Amtsperson eine Medaille an solcher hübschen Schleife; wie schön das dann wäre, wenn sie als alte greise Waschfrau mit der Medaille auf der Brust in der Kirche sitzen würde, aller Blicke auf sich gerichtet, allseitig gegrüßt und geachtet als Mutter Rehbein.
»Nun, ich konnte es nicht ändern, so leid es mir tat. Wo ich sechs Kinder ernährte, hätte ich auch sicher meine alte Mutter noch mit durchgebracht. Doch sie wünschte mir viel Glück und Segen und fuhr wieder heim.
»Ihre Medaille hat sie nicht mehr bekommen und ihre Altersrente auch nicht. Denn kurz vor ihrem Jubiläum starb sie. Damit hatte ein Leben geendet, von dem im vollsten Sinne des Wortes gesagt werden konnte: es war reich an Arbeit und Entbehrung. Wie ein Hohn erklang mir deshalb auch die Salbaderei des Pastors in der Grabrede: Und wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen.«
Und damit mag auch diese vierte Arbeiterbiographie hinausgehn und ihre Wirkung tun. Auch sie ist und wird in Zukunft immer mehr werden ein Kulturdokument unsrer Zeit.
Berlin-Zehlendorf, 1. August 1911
Paul Göhre