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Von allen erfreulichen, feststehenden Dingen in ihrem Leben war Nina Henry ihr Bad das liebste. Dafür gab es gute Gründe. Einer, der beste vielleicht, lag darin, daß sie zweiundvierzig Jahre alt war. Mit zwanzig und auch mit dreißig Jahren hatte sie niemals einen Gedanken an das Baden gewendet. Sie badete einfach. Man tat es eben. Aber als sie, ganz allmählich und unmerklich, älter wurde, begann sie das Bad mehr auszukosten und zu schätzen. Nur während sie im Bad war, konnte sie wirklich ausspannen. War sie für sich. Sicher vor jeder Unterbrechung. Sie nahm zwei Bäder – eines natürlich, wenn sie aufstand, und ein zweites selbstverständlich, wenn sie sich zum Dinner umzog. Mindestens zweimal im Laufe des Tages konnte sie dann in einem Zustand völliger geistiger Freiheit denken. Es war Nina klar, daß ihr Denken ein langsamer und oftmals verworrener Prozeß war. Wenn sie Eile hatte, geriet sie durcheinander. Ganz besonders brachte Wilson, ihr Mann, sie durcheinander. Er war ein lebhafter, ein ungestümer und ungeduldiger Mensch. Aber in ihrem Bad belästigte er sie nicht. Er hätte es tun können, das wußte Nina – sie war in solchen Dingen nicht prüde – aber er tat es nicht. Das heißt, er tat es nicht mehr. Langsam, wie die Zeit verstrich, hatte das gemeinsame Leben der beiden gewisse konventionelle Formen angenommen.

Nina Henry saß aufrecht in einer mit mäßig heißem Wasser gefüllten Wanne, noch zufriedener sogar als sonst in diesem Zustand seelischen und körperlichen Behagens. Wilson kann sie nicht mit seinen hartnäckigen Fragen bedrängen; sie ist frei von der scharfen und häufig beunruhigenden Kritik ihrer Kinder. Sie rief sich ins Gedächtnis, daß Acton nahezu neunzehn war; Cordelia war siebzehn. Nun, das bereitet ihr jetzt keine Sorge! In ihrem Bad. Eine weitere Ursache dafür, daß ihr dieses so viel Vergnügen bereitete, war die Köstlichkeit seiner Einzelheiten – das Wasser, das genau die richtige Temperatur hatte, war mit den allerbesten, den teuersten, für eben diesen Zweck hergestellten Salzen parfümiert, ihr Schwamm und der weiche Waschlappen mit dem eindrucksvollen Monogramm waren ebenso vollkommen; die Elizabeth-Vernon-Badeseife war eine Quelle wunderbar weichen und üppigen Schaums. Die niedrige, weite Porzellanwanne, der Fußboden und die Wände um sie, die mit weißer, satinierter Leinwand bespannt waren, die Porzellanflächen und das leuchtende, silberfarbene Metall: alles war in seiner Art hervorragend. Wilson Henry hatte sehr viel Erfolg. Sie begriff, daß das Unbedingte seines Charakters, das ihn zu Hause auf die Dauer so schwierig, so ermüdend machte, sehr wesentlich für ihre mehr als behagliche Situation war. Vor allem im letzten Jahr. Wilson war wirklich wunderbar vorwärtsgekommen.

Diese Tatsache an sich gab Nina ein Gefühl warmer Geborgenheit. Was sonst Extravaganz ist, was für nahezu alle Frauen, die sie kennt, Extravaganz ist, für sie ist es jetzt nicht extravagant. Zum Beispiel ihr neues Kleid. Das von Ishtarre entworfene französische Kleid. Langsam, bedauernd stieg sie aus dem Bad, und während sie ihren zierlichen Körper mit einem besonders dicken Badetuch abtrocknete, auf dem, wie auf dem Waschlappen, ein Monogramm prangte, fiel ihr ein, daß es noch einen Grund für die Zufriedenheit gab, von der sie im Augenblick ganz durchdrungen war – ihre Gestalt war, wenn man bedachte, daß sie über vierzig war, nicht übel. Mehr als nicht übel, sie ist recht gut. Sie ist schlank, von Hüften oder von Bauch kann man eigentlich nicht sprechen, und ihre Brüste sind hübsch. Selbstverständlich sitzen sie nicht mehr so hoch wie damals, als sie zwanzig war, bevor ihre Kinder geboren waren, aber sie sitzen nicht tief. Ihre Haut ist weiß und blütenzart. Weniger zufrieden betrachtete Nina in einem Spiegel ihr Gesicht.

Ihre Augen waren noch jung, aber ihr Gesicht, das ließ sich nicht leugnen, war es nicht mehr. Sie fand nicht, daß es verwelkt sei, aber es war eben nicht jung. Unter ihren Augen lagen, auch wenn sie ausgeruht war, Schatten, ihr Mund hatte seine einst klaren Linien verloren, und ihr Kinn selbst war eigentlich hübsch; es war, dachte Nina, fest wie ihre Überzeugungen; aber an der Unterfläche war es weich und unfrisch. Es zeigte schon, was bald mit ihrem Hals, mit ihr geschehen muß. Ein rasches Bedauern, eine schwere Melancholie drohte sie zu fassen, aber sie vertrieb sie wieder. Nina wollte jetzt nicht traurig sein. Zu vieles, was köstlich war, wartete auf sie nicht weiter als im nächsten Zimmer, und mit entschlossenen Bewegungen griff sie nach einer weichen, blauen Quaste aus Lammwolle und hüllte sich in eine duftende Puderwolke.

Wilson war vom Golfturnier im Eastlake Landklub – es war der Bürgerkriegsgedenktag – noch nicht zurückgekommen; und mit nicht mehr als schwarzen Pantöffelchen bekleidet, ging Nina in das gemeinsame Schlafzimmer hinüber. Sie öffnete eine Schublade in dem eingebauten Schrank und wählte unter ordentlich zusammengelegten Strümpfen ein Paar, das die Farbe ihrer Haut hatte und besonders zart war, sie holte einen Büstenhalter heraus und einen Crêpe-de-chine-Schlüpfer, der ein Muster aus ganz kleinen lustigen Blümchen hatte. Nina nahm einen Gürtel aus rosa- und silberfarbenem Brokat und ging dann langsam daran, sich die Strümpfe anzuziehen. Sie brauchte immer unnötig lange zum Ankleiden. Die Halter, an denen ihre Strümpfe befestigt waren, endigten in kleinen rosa Schleifen. Ihr Büstenhalter war eine Handbreit Binche-Spitze. Als Nina mit geöffnetem Mund ihre Wangen mit zartem Rouge bestäubt hatte, verweilte sie vor dem Spiegel ihres Toilettetisches. Sie schob absichtlich das außerordentliche Vergnügen hinaus, das sie in dem Wandschrank, wo ihre Kleider hingen, erwartete. Nina freute sich darüber, daß sie ihr Haar nicht kurz trug. Das würde für ihr Gesicht zu streng aussehen. Auf jeden Fall wird es gut sein, wenn Miss Beach die Linie ihrer Wasserwellen das nächste Mal weicher legt.

Endlich konnte sie nicht länger warten; sie ging zur anderen Wand und drückte auf den Knopf der Küchenklingel. Fast augenblicklich waren Schritte auf der Treppe vor ihrer Tür zu hören, und in wachsender Erregung rief Nina Henry: »Rhoda, Sie müssen mir bei meinem neuen französischen Kleid helfen.« Es mußte Rhoda sein; Harriet, das andere farbige Mädchen Ninas, hatte Ausgang; und Rhoda war wie gewöhnlich, wenn es sich um Vorbereitungen für Fröhlichkeit und Vergnügen handelte, von wilder Begeisterung gepackt. »Miss Nina«, rief sie, »Sie wollen Ihr französisches Kleid zum Tanzen anziehen! Das ist recht. Ich würde es auch tun. Ganz bestimmt würde ich es tun. Ich möchte es holen. Ich weiß genau, wo es im Wandschrank hängt.«

»Nein, Rhoda«, sagte ihr Nina Henry, »ich werde es holen. Ich möchte nur, daß Sie mir beim Anziehen helfen, vielleicht verhakt es sich im Rücken. Ich weiß nicht mehr recht, wie man es anzieht.« Sie ging zu einem tiefen Wandschrank, wo eine lange Reihe Kleider, manche davon in Überzügen aus glänzendem Kattun, an einer Stange hingen, und nahm mit nahezu religiösen Gebärden ein Kleid aus schwarzem Tüll und Atlas heraus. »Ich muß sehr vorsichtig sein«, erklärte sie. »Die Franzosen arbeiten so, daß die Sachen wirklich sitzen. Es wird gerade gehen.« Rhoda sagte in einem Ton wie bei einer heiligen Beschwörung: »Ja, M'am!« »Wissen Sie, Rhoda«, fuhr Nina Henry fort, »das ist das erste französische Kleid, das ich in meinem Leben habe. Ich habe natürlich schon französische Modelle gehabt, aber das waren nur Kopien, die für den Verkauf in amerikanischen Geschäften gemacht waren. Das bekomme ich direkt aus Paris. Mrs. Gow hat es mir mitgebracht.« Rhoda sagte, wenn Mrs. Gow damit zu tun gehabt habe, werde es ganz bestimmt schön sein. »Ich glaube, es wird gut aussehen, wenn es angezogen ist«, fügte sie hinzu. Rhoda war sich offenbar eines Unterschiedes bewußt zwischen dem, was ihrer Ansicht nach ein solches Kleid sein sollte, und dem, was sie tatsächlich vor sich hatte. »Es muß auch schön sein«, sagte Nina Henry zu ihr. Wenn Nina übermäßig erregt war, sprach sie über solche Dinge wie Kleider mit Rhoda ganz offen. Sie hatte sie seit neun Jahren und empfand eine sehr echte Zuneigung für das Mädchen, das ihr ergeben war und nie klagte. »Es muß schön sein. Mr. Wilson hat dreihundert Dollar dafür bezahlt.« Rhodas Überraschung war recht befriedigend. »Miss Nina! Dreihundert Dollar. Für dieses glatte schwarze Kleid. Miss Nina, das ist ein fürchterlicher Preis. Mr. Wilson ist wirklich gut zu Ihnen.« Nina Henry war derselben Meinung. »Ja, nicht wahr? Aber Mr. Wilson ist uns allen gut, Rhoda. Er ist auch zu Ihnen und Harriet gut.« Das sei er ganz bestimmt, sagte Rhoda. »Ich habe noch nie ein Kleid in der Hand gehabt, das dreihundert Dollar gekostet hat. Da, ich muß es ein bißchen glattstreichen. Es geht etwas knapp an.« Ein heftiger Schrecken packte Nina – vielleicht hatte Ishtarre es zu eng gemacht. Wenn es nach all dem Warten, nach diesen Sorgen und den hohen Kosten nicht paßte, konnte sie es nicht tragen. Sie wurde ungeduldig mit Rhoda. »Sie dürfen nicht ziehen«, rief sie, »Sie zerreißen das Unterkleid.«

 

Rhoda trat einen Schritt zurück. Es sehe gut aus, versicherte das Dienstmädchen. »Wenn Sie noch ein paar rote Rosen hätten«, fuhr sie fort, »oder eines von Ihren Glasbuketts an die Schulter stecken würden, dann würde es erst richtig wirken. Sie werden wohl ein buntes Taschentuch ins Armband stecken, wie gewöhnlich.« Nina Henry dankte Rhoda. »Das wäre alles. Wenn Sie die Sachen für die Cocktails hergerichtet haben, können Sie gehen. Machen Sie lieber auch noch ein paar Kaviarbrötchen. Vergessen Sie nicht, kleine. Mr. Wilson wird das Eis holen.« Sie sprach in ruhigem Ton, aber sie war so erregt, daß sie dachte, ihre Stimme müsse zittern oder ihr ganz versagen. Sie wollte allein sein. Nina betrachtete sich erstaunt in dem schwarzen Kleid, das Ishtarre in Paris gemacht hatte. Es war, wie Rhoda angedeutet hatte, einfach, ja streng – eine enganliegende Atlastaille, an beiden Schultern von Trägern gehalten, und ein sehr fülliger Tüllrock, nicht so kurz, wie er hätte sein können, mit einem Zipfel an der linken Seite. So hätte Nina Henry das Kleid geschildert, aber ihre Worte wären sinnlos gewesen. Es hatte gar keinen Sinn, von dem Kleid als Kleid zu sprechen. Etwas aus Atlas und Tüll. Es war wie ein Resultat von Zauberei – Nina erkannte sich kaum wieder.

Sie merkte, daß sie sich noch nicht frisiert hatte und zwang sich dazu, sich wieder vor den verkleinernden Spiegel ihres Toilettetisches zu setzen. Ihr Haar legte sich zu ihrer großen Überraschung augenblicklich. Es war hübsches Haar. Aschfarben – sie wußte, daß die Franzosen das cendré nennen – aber jetzt hatte sie an manchen Stellen, vor allem an der Stirn, kurze Härchen, die ihr oft Mühe machten.

Nina Henry studierte sich mit einer weiblichen Sorgfalt, in die sich eine starke instinktive Beunruhigung mischte. Das, sagte sie sich, ist lächerlich. Aber trotz allem wollte ihre Erregung nicht weichen. Es ist nicht das erste gute, oder sie zur Wirkung bringende, oder ganz einfach teure Kleid, das sie besitzt. Es ist teurer als alle anderen Kleider, die sie jemals gehabt hat; es ist auch das kultivierteste Kleid, das jemals auf ihrem Leib gewesen ist; aber alle diese Phrasen sagen nichts. Es ist wahr und zugleich unwesentlich zu sagen, daß es sie von allen Kleidern, die sie jemals getragen hatte, am besten zur Wirkung bringt. Ishtarre hat nicht nur erreicht, daß sie so gut aussieht wie noch nie; er hat es zuwege gebracht, daß sie eine andere zu sein scheint.

Das macht, so glaubte Nina Henry, die Linie. Ja, das ist es. Jeder Schneider kann Farben zusammenstellen, aber fast keiner, auch nicht der allerbeste, hätte ihr diese ausgeglichene Anmut geben können, diese einzige, durch nichts gebrochene Kurve, die an ihrer Schulter beginnt und zu ihren Fußgelenken hinunterfließt. Auch auf ihr Gesicht erstreckt sich die Wirkung. Es ist anders – Nina schien es, ihr Kinn sei schärfer geschnitten, ihr Hals fester als noch einen Augenblick vorher. Die grünen und braunen Pünktchen auf der Iris ihrer grauen Augen kommen zur Geltung. Ihr ganzes Gesicht ist markanter, lebhafter, als sie es in Erinnerung hat. Auf ihrem aschfarbenen Haar liegen Lichter wie von matt poliertem Metall. Nina geriet ein wenig aus der Fassung. Sie wußte nicht recht, ob sie damit einverstanden war. Sie hatte in einen Spiegel gesehen und darin, nach mehr als vierzig Jahren, statt ihrer selbst eine Fremde erblickt. Im Grunde ihres Wesens war Nina vernünftig. Sie war frei von jeder Hysterie oder verschwommenen, romantischen Sentimentalität und bereit, die meisten ihrer Empfindungen im Augenblick ihres Auftauchens zu ignorieren. Trotzdem blieb die Wirkung ihres Aussehens. Mit einemmal begann sie sich mit langsamer Anmut vor dem Spiegel zu drehen, und die Linie, die ihr Körper war, bebte und balancierte wie eine schlanke Wassersäule in der Luft. Ihre Hüften, die stets eine anmutige Zierlichkeit hatten, waren jetzt pikant gerundet, gleichzeitig schmal und betont. Ihre Taille war sowohl fest wie zart. Ihre Brüste waren zu unverhüllt vollkommener Form gebracht.

Sie setzte sich. Daß ein Kleid so etwas mit einem tun kann, sagte sich Nina, ist ganz und gar unrecht. Es ist nicht anständig. Es ist unmoralisch. Sie dachte an alte Kleider, an Kleider, die sie noch vor ihrer Hochzeit getragen, und an Kleider, die sie in den ersten Jahren ihres Lebens mit Wilson Henry besessen hatte. Einfache Kleider. Schauderhafte Kleider. Kleider, die sie zuerst geliebt, begehrt, und dann hassen gelernt hat. Nina dachte an das Kleid, das sie zu ihrem ersten Ball getragen hatte, schottisch karierte Seide ohne Ärmel, aber mit großen, abstehenden Rüschen an den Schultern. Der bloße Gedanke daran erfüllte sie mit Entsetzen. Sie rief sich das Ding ins Gedächtnis, das sie nach ihrer Trauung angehabt hatte, einen weichen, braunen Tuchrock mit gewürfeltem Bolero-Jäckchen. Der Saum ihres Rockes war unterhalb der Knöchel gewesen. Wie sie jetzt in dem Abendkleid aus Tüll und Atlas dasaß, konnte sie nahezu ihre Knie sehen. Nina staunte, als sie daran dachte, was sie unter der braunen Sache mit dem Bolero-Jäckchen getragen hatte, ein wollenes Unterhemd und geschlossene Baumwollhosen, ein Hemd, ein Mieder mit Stahlrippen, das von den Achselhöhlen fast bis zu den Knien reichte, einen Miederschutz, Strümpfe, die das Gegenteil von dünn waren, und einen, vielleicht sogar zwei Unterröcke. Sie konnte sich auf gestrickte und auf Flanellunterröcke besinnen, die mit Knopflochstichen gearbeitet waren, auf Leinenunterröcke, die aus gestärktem Handtuchstoff waren.

Das alles ist jetzt ganz anders, überlegte sie, unendlich kleidsamer und angenehmer. Wenigstens kann man so aussehen, wie man ist. Man kann zeigen, was man ist. Sie blickte rasch wieder ihr Spiegelbild an und erschrak über die Weiße ihrer Schultern. Das einfache Ineinanderlaufen ihrer Linien und die zarten Schatten in den Grübchen bezauberten sogar sie selbst. Ninas vielfältige Empfindungen mündeten in ein allgemeines Gefühl der Zufriedenheit. In ein Gefühl von Macht. Neue Lebenskraft durchströmte sie. Sie dachte: Ich bin noch nicht ein bißchen alt. Ich werde auch noch lange nicht alt werden. Nie habe ich besser ausgesehen, noch nie in meinem Leben habe ich auch nur annähernd so gut ausgesehen. So muß ich eigentlich auch aussehen. Ich werde mich nie wieder mit anderen Schneidern herumärgern. Von jetzt an werde ich jeden Sommer nach Paris fahren und mir alles bei Ishtarre besorgen. Nina freute sich jetzt doppelt darüber, daß Wilson solche Erfolge hatte, daß er so viel Geld verdienen konnte. In einem Jahr, hatte er ihr versichert, würden sie noch viel mehr haben.

Es war nicht bloß, daß ihre Erscheinung, ihr Gesicht und ihre Gestalt geändert waren; ihr Gemüt, ihre Haltung zur ganzen Welt war anders. Sie hat mehr Sicherheit. Sie wird nicht von hundert Kleinigkeiten gequält. Für eine Frau, belehrte sich Nina Henry, ist es eine Notwendigkeit, möglichst gut auszusehen. Gut auszusehen, ist für eine Frau ebenso wichtig, wie gut zu sein. Es ist dasselbe wie gut sein. Die Frauen, die sich den Kopf zerbrechen über den Sinn des Lebens oder dagegen ankämpfen, sind entweder unwissend oder dumm. Es ist ihr ganz klar, worum es sich im Leben dreht. Es dreht sich um Männer und Frauen. Männer mit Frauen. Frauen mit Kindern, fügte Nina hinzu. Sie machte sich jedoch nicht große Sorgen darüber. Kinder sind nebensächlich. Früher einmal vielleicht nicht, aber jetzt sind sie es. Oder wenn sie noch alles sind, aller Sinn und Zweck, den das Leben hat, dann ändert das auch nichts. Es macht nur ihre Überzeugung stärker. Dann sind eben Kleider von Ishtarre wichtiger als jemals. Wie kann man ohne sie die besten, die begehrenswertesten Männer bekommen?

Nina war erstaunt über ihr Erkenntnisvermögen, über die Tiefe ihrer Einsicht. Wenn Wilson über sie verärgert ist – allerdings hat er dann meist irgendeine Dummheit gemacht – klagt er oft über ihre Stumpfsinnigkeit; und jetzt stellt sich, was ihm wohl nie in den Kopf gehen würde, heraus, daß sie gar nicht stumpfsinnig ist. Sie haben zweierlei Wissen – Wilson und sie; und daß ihr Wissen ein anderes ist, braucht noch nicht zu bedeuten, daß es minderwertig ist. Nina stand mit einem Ruck auf und parfümierte sich das Haar mit einem Lalique-Zerstäuber, der eine goldene Kappe hatte; sie betupfte die beiden Ohrläppchen mit ein wenig Parfüm, dann steckte sie ein hauchdünnes Taschentuch – kein buntes, wie Rhoda gehofft hatte – in eines ihrer vier edelsteinbesetzten Armbänder. Jetzt wünschte Nina, daß Wilson käme; sie war fertig angezogen und wollte mit jemand sprechen. Auf jeden Fall war es schon nahezu sieben Uhr, und vor acht mußten sie wieder im Landklub sein.

Ihr Gefühl der Erregung und seelischen Gehobenheit steigerte sich. Sie ging von dem Spiegel in der Badezimmertür zurück und betrachtete ihr kleiner werdendes Bild. Was sie erstaunt und aufgerüttelt hatte, gewann noch mehr Gewalt. In ihrer Haltung liegt mehr Stolz, ein arrogantes Air. Selbst ihr Gang ist anders – er gleicht dem langsamen Teil eines spanischen Tanzes. Nina Henry lachte zufrieden über den Unsinn, den sie sich ausdachte, stampfte aber gehorsam dem Bild in ihrer Vorstellung mit dem Absatz auf.

 

Plötzlich sagte eine Stimme hinter ihr: »Was machst du, Nina? Oder tust du überhaupt nichts?« »Ich verschwende meine Reize an die Luft und jetzt an dich«, gab sie zur Antwort. Das, sagte ihr Wilson Henry, sei ziemlich frech. Er fiel buchstäblich in einen tiefen Sessel. »Ich bin höllisch müde«, gestand er. Wilson war ein schwerer Mann mit einem jung wirkenden Gesicht, das gute Farben hatte, und braunem, graumeliertem Haar. Wenn er müde war, mußte Nina denken, sah er immer genau so aus wie ein müdes Kind. »Den ganzen Tag Golf«, sprach er weiter, »Vormittag und Nachmittag. Ich kann nicht mehr. Ich kann tatsächlich nicht mehr. Und was für Golf. Kein einziger Drive, kein einziger Putt, und dazwischen auch nicht viel.« Nina fragte, wie Mary gespielt habe. »Wie zu erwarten war«, antwortete Wilson, »immer korrekt und im Feld. Aber das weißt du ja auch, ohne zu fragen. Die ganze Mary Gow ist so. Immer. Herrgott, tun mir die Beine weh.« Nina erinnerte ihn daran, daß er eigentlich zum erstenmal in diesem Jahr Golf gespielt hätte. »Du hast nicht trainiert. Wenn du gebadet und einen Schluck getrunken hast, wird dir wieder besser sein.« Er erzählte ihr, daß er schon getrunken habe. »Einen. Ich sehe, Rhoda ist nicht mehr da. Hast du ihr gesagt, daß sie alles für die Cocktails herrichten soll?« Nina nickte. »Wenn du das Eis holen wirst.« Richtig, belehrte Wilson sie, wäre es, wenn Rhoda oder Harriet Eis zerkleinerte und in einer Schüssel im Kühlschrank ließe. Nina Henry meinte, es würde ihm nicht schaden, ein bißchen Eis zu zerkleinern.

Rhoda würde es auch nicht schaden, erwiderte er heftig. »Die Dienstboten tun bei uns so gut wie nichts. Die verdammten Schwarzen sitzen die ganze Zeit herum und rauchen Zigaretten. Nina, wenn ich in meinem Geschäft so untüchtig wäre wie du in deinen Angelegenheiten, würden wir in einem Jahr keinen Cent mehr haben.« Nina seufzte. »An deiner Stelle würde ich mir keine Sorgen um meine Angelegenheiten machen, Wilson. Wenigstens nicht, solange gut für dich gesorgt ist. Es ist doch gut für dich gesorgt, nicht wahr?« Sie wartete, aber er gab keine Antwort. »Wilson, ich habe dich gefragt, ob gut für dich gesorgt ist.« Sie stand vor ihm und sah auf sein Gesicht hinunter. »Du guter Gott!« rief er schließlich, »quäl' mich nicht. Ich habe dir doch gesagt, daß ich müde bin.« Er griff mit einer Hand zu ihr herauf, aber sie wich zurück. »Wenn du mich etwas fragst«, mahnte sie ihn, »muß ich dir antworten. Du läßt mich nicht los, und wenn es eine Woche dauert. Schließlich wollte ich ja nur wissen, ob gut für dich gesorgt ist.«

»Natürlich ist gut für mich gesorgt«, sagte er. Er blickte sie mit offenbarer Bewunderung an. »Ist das ein neues Kleid?« fragte er.

»Es ist das neueste Kleid, das du in deinem ganzen Leben gesehen hast«, antwortete sie lebhaft. »Es ist das neue Kleid, das mir Mary Gow aus Paris mitgebracht hat, dreihundert Dollar kostet es. Es muß dir ganz einfach gefallen.« Wilson Henry betrachtete sie mit gerunzelter Stirn. Nina drehte sich in einem Kreis vor ihm. Als er sprach, erinnerte er sie an Rhoda. »Findest du, daß das genug ist für dreihundert Dollar?« Nina war entschlossen, ruhig zu bleiben und sprach mit beherrschter Stimme. »Es ist das längste Kleid, das ich seit Jahren anhabe.« So hatte er es nicht gemeint. »Ich meine, mir scheint nicht viel daran zu sein, bloß eine Taille und ein Rock.« Nina machte ihn darauf aufmerksam, daß Kleider sehr häufig aus nicht mehr als einer Taille und einem Rock bestehen. »Es ist merkwürdig damit«, fuhr er fort; »es ist nicht kurz, und es ist nicht besonders tief ausgeschnitten, aber trotzdem habe ich noch nie ein so kurzes und ein so tief ausgeschnittenes Kleid gesehen. Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine.« Nina verstand natürlich ausgezeichnet, was er meinte, dachte aber nicht im mindesten daran, es zuzugeben. »Du redest Unsinn«, teilte sie ihm mit. »Wenn es dir nicht gefällt, tut es mir leid. Es hat so viel gekostet.«

»Du wirst mit dir selbst ausmachen müssen, was es wert ist«, sagte Wilson mit plötzlicher Gleichgültigkeit zu ihr. »Jetzt werde ich wohl mein Bad nehmen müssen.« Er zog sich einen dünnen, hellgelben Pullover über den Kopf. »Mary und ich kamen auf hundertvier«, erzählte er weiter vom Golf. »Wenn sie nicht gewesen wäre, hätten wir auch noch vierhunderteins gemacht. Joel und Catherine Pryne waren nicht viel besser. Er hat einen Mashie-Schlag verpatzt, sonst hätten sie auf hundert bleiben können. Catherine taugt natürlich überhaupt nichts. Sie sollte lieber zu Hause bleiben und Golf spielen, statt so oft nach Frankreich zu fahren.« »Vielleicht macht Paris ihr mehr Spaß als Golf spielen«, meinte Nina. »Das ist bei Frauen manchmal so.« Wilson unterbrach sich im Auskleiden und sah sie an. »Du bist heute wirklich frech«, wiederholte er. »Du solltest froh sein, daß ich es bin«, sagte Nina, »daß ich es noch sein kann. Nach so vielen Jahren.«

»Unsinn«, erklärte Wilson, »du hast gar keine Sorgen. Du hast nichts zu tun, als glücklich zu sein. Du siehst nicht ein bißchen älter aus als vor zehn Jahren. Das heißt«, schränkte er ein, »du würdest so jung aussehen wie damals, wenn du dir deine Diät ausreden ließest.« Darauf rief Nina sofort: »Wilson, müssen wir das jetzt durchkauen?« Es war nutzlos. Das wußte sie auch. Er blieb in einem Golfstrumpf und Unterhosen stehen. »Ich kaue nichts durch. Das machst du. Ich habe dir meine Meinung über deine Diät gesagt, und Dr. Vallentine hat dich gewarnt. Wenn du krank wirst, ist es aus mit dir. Du hast nichts, was dich warm und am Leben halten könnte. Schließlich bist du nicht zwanzig, du bist vierzig, und wenn eine Frau vierzig ist, muß sie ein bißchen Fett auf den Hüften haben. Das andere ist unnatürlich. Es sieht nicht einmal gut aus. Aber davon brauchen wir nicht zu reden, reden wir nicht davon, sehen wir uns dein Gesicht an. Da zeigt sich, wohin diese Diät führt. Wenn du wirklich jung aussehen willst, kannst du nichts Falscheres tun. Dein Gesicht ist ganz eingefallen«, versicherte ihr Wilson Henry. »Frag, wen du willst. Schau in den Spiegel.«

»Ich glaube, es ist nicht so schlimm, Wilson«, erwiderte sie. »Wirklich nicht. Ich glaube gar nicht, daß du ernsthaft meinst, mein Gesicht ist eingefallen.« Er wich ihrem Blick aus. »Ich habe dir das meine gesagt«, erklärte er, sich mit den Kleidern beschäftigend, die er noch anhatte. »Wenn du alt aussiehst, ist es deine eigene Schuld.« Wilson ließ sich mit geschlossenen Augen, die Brille in der Hand, wieder in seinen Sessel fallen. Nina betrachtete ihn nachdenklich. Wilson war siebenundvierzig – nein, achtundvierzig; sein Körper war frisch und hatte gute Farben wie sein Gesicht, aber sein Bauch war zu groß. Er war jetzt wirklich dick. Das verdarb seine Erscheinung. Sie waren seit einundzwanzig Jahren verheiratet; vor einundzwanzig Jahren war Wilson mager gewesen, mager, hart und ausdauernd. Damals hatte er im Holzhof seines Vaters gearbeitet – er war ein frischer Junge gewesen. Unermüdlich. Aber jetzt hatte er, obwohl es eigentlich nicht notwendig war, einen großen, dicken Bauch. Einen runden, rosigen, ganz scheußlichen Bauch. Wilson aß gern und trank vor allem gern, Bier und Cocktails im Sommer, und im Winter Cocktails und Whisky. Wilson trank, das ließ sich nicht leugnen, sehr viel, aber schließlich tranken nahezu alle Leute, die Nina kannte, sehr viel, und er konnte es wenigstens. Er war überaus selten betrunken. Aber es machte ihn dick.

»Beeil dich lieber«, mahnte sie.

Ja, als sie Wilson heiratete, war er mager, prächtig und unermüdlich. Aber das alles hat sehr rasch aufgehört. Er hat die schwere Arbeit und jede körperliche Übung außer Golf aufgegeben. Er hat den Holzhof und das Holz selbst verlassen und sich der Büroarbeit zugewendet. Und später, als sein Vater starb, war ihm die Gesamtleitung des Unternehmens übertragen worden. Wilson hatte keine Brüder, nur zwei Schwestern, eine in London und eine in Oregon bei den Douglas-Kiefern, und so war seine Verantwortung eine dreifache. Er löste seine Aufgabe ausgezeichnet, das mußte Nina anerkennen. Wilson hatte bewiesen, daß er ebenso tüchtig war wie sein Vater; er verdiente mehr als genug Geld für alle, und sie konnte sich Kleider bei Ishtarre kaufen; aber mit einemmal erschien es ihr fraglich, ob alles, was geschehen war, für Wilson erfreulich sei. Für ihn selbst. Zum Beispiel die Sache mit seinem Bauch. Wäre es nicht besser für ihn, für sie beide, wenn er hübsch mager geblieben wäre? Hat er nicht zu viel für seinen Erfolg bezahlt? Hat ihm der nicht zu viel genommen? Natürlich ist es ihr recht; von einem rein egoistischen Standpunkt aus. Sie liebt das alles – das Kleid, das sie anhat, und den ganzen angenehmen Luxus ihres Lebens – aber wäre es nicht besser, Wilson zu lieben? Nina war ganz verblüfft über die Form, in die ihre Frage sich kleidete. Sie liebt Wilson, sagte sie sich mit Nachdruck. Darauf kam keine zustimmende Erwiderung. Statt dessen besann sich Nina auf ihre früheren Gefühle für ihn. Noch eines fiel ihr ein – es war mehr als ein Jahr her, daß sie, wie es in ihrer Welt hieß, mit Wilson geschlafen hatte. Aber das, entgegnete sie sich, hat wenig, wenn überhaupt etwas, mit Liebe zu tun. Liebe und Leidenschaft sind, oder besser, können ganz verschiedene Dinge sein. Sie konnte ihren Gedanken nur eine durchaus nicht beruhigende Schwere des Herzens entgegensetzen. Sie machte sich klar, daß sie nicht ihre ganze Fröhlichkeit verlieren durfte, noch bevor die Nacht begann.

 

Wilson kam in einem Schlafrock aus indischer Seide, den sie ihm geschenkt hatte, mit zerzaustem Haar in das Zimmer zurück. »Ich kann meine Brille nicht finden«, klagte er. Nina suchte sie. »Da ist sie, auf dem Bett, wo du sie gelassen hast.« Sie gab ihm die Brille. »Natürlich«, sagte er. »Nur ich kann sie dort gelassen haben.« Unfähig, sich der Gewalt ihrer Gedanken zu entziehen, überhörte Nina diese Bemerkung. Wenn Wilson in der ersten Zeit ihrer Ehe besser gewesen war, so war sie es wahrscheinlich auch gewesen. Damals, als sie, das ließ sich nicht leugnen, keine Kleider von Ishtarre gebraucht hatte. Ihr Gemüt wurde finster wie eine Gewitterwolke. »Beeil dich doch«, sagte sie; »ich muß einen Cocktail trinken. Wilson, ich habe beschlossen, mich heute nacht wunderbar zu amüsieren. Wenn du mich fragen würdest, könnte ich dir nicht sagen, wieso und mit wem, aber auf jeden Fall werde ich es tun. Hoffentlich hast du nichts dagegen.« Er erwiderte, während er an seinem Frackhemd herumarbeitete, augenblicklich: »Aber nein, weshalb sollte ich denn? Natürlich nicht. So viel du willst. Was ich dich fragen wollte, Nina – glaubst du, daß Francis Ambler vor dem Dinner noch auf einen Cocktail kommen wird? Er macht das ja sehr oft.«

»Er hat so etwas gesagt«, antwortete Nina. »Wenn er Zeit hat. Das hängt vom Golf ab. Warum denn?« Wilson stand, seine Weste in der Hand, vor ihr. »Wenn er vorbeikommt«, erklärte er, »dachte ich, kann er dich zum Klub fahren. Ich habe am Nachmittag Cora gesehen und von ihr gehört, daß ihr verfluchter Wagen wieder kaputt ist. Sie wollte eine Droschke nehmen, um zum Dinner zu kommen. Ich sagte ihr, das wäre Unsinn, einer von unseren Bekannten würde sie mitnehmen. Dann dachte ich, wenn Francis bei uns vorbeikommt und bereit ist, dich mitzunehmen, dann könnte ich ja Cora und Anna Louise abholen. Heute soll ja auch ein Juniorendinner im Klub sein.« Ja, sagte Nina, das sei richtig – die Baches gäben eines für Faith. »Acton und Cordelia gehen auch. Natürlich mußt du Cora und Anna Louise abholen, Wilson. Es macht auch gar nichts, wenn Francis nicht vorbeikommen kann. Dann fahre ich eben allein im Ford hinüber.« Das ärgerte Wilson Henry.

»Du wirst gar nichts Derartiges tun! Ich habe mit keinem Wort davon gesprochen, daß du allein in den Klub gehen sollst. Davon will ich absolut nichts wissen. Ich sagte, wenn Francis kommt und du eine Möglichkeit hast, hingebracht zu werden, wäre es höflich von mir, Cora abzuholen.« Wilsons Gesicht war rot vor Ärger. »Reg' dich nicht auf«, riet ihm Nina, »und zieh dir deine Weste an. Ich habe dir schon gesagt, daß ich etwas trinken möchte. Ich gehe oft genug allein in den Klub, und mir ist nicht ganz klar, warum diese Vorstellung dich plötzlich so aufregt. Coras Wagen ist schrecklich – es wäre nett von dir, wenn du ihr einen neuen schenken würdest.«

»Hör' mal, Nina!« rief er aus, »das ist wirklich eine gute Idee. Mir wäre so etwas nicht einmal im Traum eingefallen. Ich weiß nur nicht, ob es möglich ist, Kind. Ich meine, ob Cora es zulassen würde. Es braucht ja niemand zu wissen, daß sie ihn von uns hat. Cora könnte ihn selbst bestellen.« Er kam zu ihr und küßte sie auf das Haar über einem Ohr. Nina war kaum imstande, ihre Verblüffung zu verbergen. Es war ihr nicht ernst gewesen, als sie Wilson vorschlug, Cora Lisher ein Automobil zu schenken. Sie hatte nur in die Luft geredet. »Das könnte nicht so schwer sein«, sagte sie mechanisch. Wilsons Affäre mit Cora war also ernsthaft, das hatte Wilson zugegeben; er wußte es nicht, aber er hatte Cora verraten. Nina war ehrlich entsetzt darüber, daß sie es zu gar keiner richtigen Gefühlswallung brachte. Sie empfand kaum mehr als Verwunderung, als ein interessiertes Staunen bei der Entdeckung, daß Wilson und Cora einander so nahe standen. Sie konnte, wenn sie ehrlich war, nicht einmal entdecken, daß sie damit nicht einverstanden sei. Sie hatte natürlich mehr als die Sache mit dem Automobil, um ihre Schlußfolgerungen zu stützen – Wilsons Verhalten bei hundert Anlässen, sein plötzliches Bestehen auf übertriebener Förmlichkeit, sooft es sich um Cora und sie handelte, sein Benehmen vor wenigen Augenblicken. Das Automobil hatte ihr das Ganze nur klargemacht, sie zu einer völlig einleuchtenden Schlußfolgerung gebracht.

»Es wird nicht gehen«, sagte er nach langem Schweigen.

»Was wird nicht gehen?«

Er starrte sie wütend an. »Was soll das heißen? Ich kann dich überhaupt nicht verstehen. Zuerst machst du einen Vorschlag, der sehr nett klingt, und dann tust du, als ob du das Ganze vergessen hättest. Ich kann dir ruhig sagen, was nicht gehen wird, wenn es sich darum handelt. Es ist unmöglich für mich, Cora ein Automobil zu schenken. In diesem Nest. Am nächsten Morgen würden es alle wissen.« Seine Stimme klang bitter. »Man würde ganz gehörig über sie reden. Hoffentlich ist dir das klar.« »Ganz klar«, sagte Nina ruhig. »Ich hatte das mit dem Wagen schon ganz vergessen. Wenn ich ehrlich sein soll, ich dachte gar nicht, daß es dir Ernst ist. Ich habe es jedenfalls nicht ernst gemeint. Ich habe nicht das mindeste dagegen, daß du Cora einen Wagen schenkst, mißversteh mich nicht, ich war bloß nicht auf den Gedanken gekommen, daß du es wirklich tun möchtest. Oder daß sie es annehmen würde.«

Wilson stand mit dem Rücken zu ihr, er war mit seiner Krawatte beschäftigt und sagte: »Meine Finger sind so steif vom Golf, daß ich die Schleife nicht binden kann.« Als er sich umwandte, war er ganz ruhig. »Wir wollen die Sache mit dem Automobil vergessen«, sprach er weiter. »Wenn wir eines kaufen, wird es für dich sein und nicht für die Lishers, Mutter und Tochter. Ich werde Cora telefonieren, daß ich sie nicht abholen kann.« Nina widersprach ihm. »Du wirst nichts Derartiges tun. Du mußt sie abholen. Francis kommt sicher vorbei, und wenn nicht, brauchst du auch nicht albern zu werden. Ich bin schon hundertmal allein zum Klub gefahren. Es ist doch ganz nahe. Du redest, als ob der Landklub wirklich auf dem Lande wäre.« Während er sich den Rock anzog und ein Taschentuch in die Tasche steckte, sagte er, da Nina darauf bestehe, werde er sie mit Francis fahren lassen. Für Wilson, das war klar, war alles ausgezeichnet geregelt. Nina fragte sich, ob man wirklich sagen könnte, daß sie darauf bestanden hätte, mit Francis Ambler zu fahren. Diese Schlußfolgerung war ganz Wilson. Gleichgültig, wie zweifelhaft für ihn ein Gespräch beginnt, es endet stets zu seiner völligen Zufriedenheit. Er ist logisch bis zu einem gewissen Punkt, und dann verzichtet er unweigerlich auf die Logik um der Bequemlichkeit willen. Um des Friedens willen. Das ist eine wunderbare Fähigkeit, sagte sich Nina. Es muß Wilson schon gewaltig gepackt haben, wenn er sich an Cora Lisher so ausgeliefert hat. Nina dachte sehr eingehend über sie nach.

Cora – sie hatte Cora Bellet geheißen – kam aus Cedartown, einer Ortschaft in Georgia, von der Nina nichts wußte; dort hatte sie Thomas Lisher – er war seiner Gesundheit wegen nach dem Süden gefahren – kennengelernt und sehr bald geheiratet. Jedenfalls hatte Thomas sie nach Eastlake mitgebracht; und da starb er nach sehr kurzer Zeit und ließ Cora mit einer nicht ganz ein Jahr alten Tochter zurück. Das war vor – Nina berechnete es an Anna Louises Alter – nahezu zwanzig Jahren gewesen. Cora kehrte nicht nach Georgia zurück, und zwar, davon war Nina überzeugt, aus sehr vernünftigen Gründen; sie blieb mit einem sehr kleinen Jahreseinkommen im Norden. In der Heimatstadt ihres Gatten. Sie war eine große Frau, die sich sehr gerade hielt, mit unangenehm hellen Augen und tiefschwarzem Haar. Ihre Wangen waren unnatürlich lebhaft gefärbt, und man erzählte sich, daß sie Indianerblut hätte. Das erschien nach ihrem Aussehen auch nicht unwahrscheinlich. Anna Louise jedoch war in ihren Farben so hell, wie ihre Mutter dunkel; sie war, wenn man davon absah, daß sie ganz besonders hübsch war, eine Lisher – eine Familie, die schon lange in Eastlake ansässig war, aber gar keine Bedeutung hatte. Die Lishers gehören zu Eastlake; das ist ein Erbe, das ihnen niemand nehmen kann, aber im stillen ist alles der Ansicht, daß sie sonst auch nichts besitzen. Selbst das Haus, das Thomas Lisher seiner Frau hinterlassen hat, in dem alten, aber falschen Teil der Stadt – so weit wie möglich vom Landklub – ist gleichzeitig anständig und rettungslos gewöhnlich.

Für Cora, überlegte Nina, hat man weder Sympathien noch Antipathien; man hat sich einfach nur mit ihr abgefunden. Sie gehört natürlich dem Landklub an; sie spielt Golf; sie nimmt an genug Gesellschaften teil. Cora tanzt sehr nett. Abgesehen davon und von dem, was Wilson ihr bei gelegentlichen Anfällen von Mitteilsamkeit erzählt hatte, wußte Nina nichts von ihr. Auf jeden Fall stand fest, daß sie kein lustiger Mensch war. Nina hatte auch gehört, daß Cora eine unvernünftige Liebe – die sich bis zur Anbetung verstieg – für ihre Tochter hegte. Nina mußte denken, daß sie, wenn sie ein Mann wäre, niemals daran denken würde, sich in eine Liaison mit Cora Lisher einzulassen. Dessen war sie sicher. Coras Gefühle sind zu tief; sie sind – vielleicht wegen des angeblichen Indianerbluts – zu unbestimmbar; sie hat viel mehr unbehaglich Ernsthaftes als Heiteres. Vielleicht könnte sie sogar heiter sein, wenn auch in ziemlich beschränktem Maße, wenn sie mehr Geld hätte. Wenn sie zum Beispiel hin und wieder einen neuen Wagen haben könnte. Wilson Henry fragte: »Woran denkst du?« Sie sah verwirrt zu ihm auf und sammelte dann rasch ihre Gedanken. »An mein neues Kleid«, sagte sie ihm. »Oder vielleicht auch ans Trinken.« Darauf antwortete er ungeduldig: »Na, ich bin fertig. Worauf warten wir?« Sie lächelte ihm zu und stand auf, wobei sie bewußt fühlte, wie der Tüllrock um ihre Knie schwang und schwebte. »Auf mich natürlich«, antwortete sie.

 

Nina fand zu ihrer Überraschung, daß ihre beiden Kinder noch unten waren. »Ihr solltet Euch beeilen«, sagte sie zu ihnen, »sonst kommt Ihr noch zu spät zu Faiths Dinner.« Acton fragte, wieso sie zu spät kommen könnten. »Wir bekommen vorher nichts zu trinken, es ist ein Klubdinner, das ohnedies nicht serviert wird, solange die Älteren nicht dort sind.« Cordelia stand von ihrem Stuhl am Radio auf. »Mutter«, rief sie aus, »ich bin einfach erschlagen vor Bewunderung. Das ist natürlich das Kleid aus Paris, das Mrs. Gow dir mitgebracht hat.« Nina bestätigte, daß es das Kleid sei, das Cordelia meine. »Ich bin so stolz auf dich, daß ich kaum Luft kriege«, fuhr Cordelia fort. »Deine Gestalt, wenn man überhaupt von der Gestalt seiner Mutter reden darf, deine Gestalt ist wunderbar. Du bist wirklich fabelhaft und wirst es auch immer sein.« Acton sagte, sie rede wieder einmal sehr viel. »Mutter sieht immer gut aus, und ich muß sagen, deine Aufregung ist nicht gerade schmeichelhaft.« Er betrachtete Nina ruhig. »Nicht besser als sonst«, urteilte er; »vielleicht nicht einmal ganz so gut, wie sie sein kann.« Cordelia flehte ihn an, nicht idiotisch zu sein. Sie war ein sehr kräftiges Mädchen von voller, aber noch nicht ganz entwickelter Figur, mit einem Gesicht, das dieselben lebhaften Farben hatte wie das ihres Vaters. »Sei kein Idiot«, rief sie Acton zu. »Vor allem verrate nicht deine Ahnungslosigkeit. Es gibt eine ganze Menge Sachen, die du in Princeton noch nicht gelernt hast.«

Acton blieb unbewegt. »Ich könnte sogar sagen, daß es mir eigentlich gar nicht gefällt«, sprach er weiter. »Mutter sieht darin ein ganz klein wenig zu verführerisch aus. Man könnte fast eine falsche Vorstellung von ihr bekommen.« Cordelia wurde spöttisch. »Sagst du! Na, das meinst du ja gar nicht, aber du bist so naiv, daß du es nicht einmal weißt. Du willst, daß sie nur Mutter ist, und das meinst du eigentlich. Es bringt dich aus dem Häuschen, wenn sie davon abweicht. Da hast du mit einem Wort, was dir nicht gefällt, Acton. Das sieht dir wieder mal ähnlich.« Acton Henry musterte seine Schwester langsam und aufmerksam. Er war neunzehn Jahre alt und glich ganz, mußte Nina denken, ihrer eigenen Familie. Er war zart und dunkel und holte sich seine Betrachtungen und seine Entschlüsse mehr aus einem tiefen inneren Wesen als aus dem, was er in seiner Umgebung vorfand. Acton hatte sein erstes Jahr an der Princeton-Universität sowohl persönlich wie akademisch Erfolg gebracht. »Du verlierst langsam deine Mädchenreize«, teilte er Cordelia mit; »bald wird außer ein oder zwei Tonnen Körper von dir nichts mehr übrig sein als weibliche Arroganz.«

Cordelias Antwort bestand darin, daß sie das Radio sehr laut einstellte. Eine kräftige Stimme erfüllte das große Wohnzimmer. »Du bist die Sahne in meinem Kaffee.« Nina rief: »Abstellen, Cordelia«. Cordelia stellte den Apparat nicht ab, sondern reduzierte den Ton auf ein Flüstern. »Du bist die Stärke in meinem Kragen«, sang die körperlose Stimme weiter, »du bist der Senkel in meinem Schuh.« Oft gingen Acton und Cordelia, wie Nina sich ausdrückte, über ihren Horizont; es gab auch Augenblicke, in denen sie über Wilsons Horizont gingen, was eine viel bemerkenswertere Leistung war, aber sie wußte, daß sie, ganz abgesehen von natürlicher Liebe, mit ihren Kindern Glück hatte. Sie waren nicht nur gut, sondern auch vernünftig. Sie waren so vernünftig, daß Nina in ihren Gesprächen mit ihnen überaus vorsichtig war. In mancherlei Hinsicht wußten sie mehr als sie. Cordelia war jetzt klüger, als Nina am Tag ihrer Trauung gewesen war. Sie hatte ein gefestigteres Gemüt. Acton, der nicht schlau war – er war vielleicht nicht einmal besonders hell – hatte einen unverdrossen und mit Verantwortungsbewußtsein arbeitenden Verstand. Er war ordentlich besaß ein starkes Pflichtgefühl. Ihm fehlte jedoch Cordelias augenblickliches Erfassen der Wirklichkeit, ihre Fähigkeit, Ereignisse zu beherrschen und zu dirigieren. Nina machte sehr oft, allerdings fast ganz erfolglos, den Versuch, sich selbst in Cordelia zu sehen. Nicht nur die Umstände des Lebens, dachte sie, auch die Charaktere selbst sind jetzt durchaus anders, als die Zeiten und die Mädchen vor nicht ganz dreißig Jahren.

Abgesehen von Fragen der äußeren Erscheinung hatte Nina, wie sie wohl wußte, wenig Einblick in Cordelias Leben und Unternehmungen. Sie äußerte rein oberflächliche und konventionelle Forderungen, aber damit waren ihre eigentlichen Pflichten auch zu Ende. Cordelia gab tatsächlich besser acht auf sich, als Nina es hätte für sie tun können. Cordelia begriff dies auch ausgezeichnet und hätte deshalb tatsächliche Einmischungen von seiten ihrer Mutter nur mit der Duldsamkeit guter Manieren ertragen. Sie hätte den plumpen Rat der Autorität ganz einfach liegenlassen. Cordelia hatte, in völligem Gegensatz zur Vergangenheit, die Freiheit, nahezu ausschließlich zu tun, wozu sie sich selbst entschloß; gelegentlich verlor Wilson die Geduld mit ihr und beschränkte ihre Handlungsfreiheit mit strengen und kurzlebigen Vorschriften; aber sie gab Nina niemals auch nur einen Augenblick lang Anlaß zur Sorge. Cordelia war so normal, ihr Leib war so gesund und ihr Verständnis so gut, daß alle Gefahren vorzeitiger Leidenschaft und körperlicher Neugier für sie überhaupt nicht existierten.

Ab und zu hatte Nina sehr ernsthaft über die Notwendigkeit nachgedacht, Cordelia zu erklären, was das sei, was sie als den Zweck des Lebens bezeichnen höre, aber von welcher Seite sie es auch betrachten mochte, es war ihr immer unmöglich gewesen. Die beschränkte Anzahl von Worten, die sie zur Beschreibung der näheren Umstände dieses Vorganges kannte, waren an sich nicht förmlich genug für den Gebrauch. Die Angelegenheiten des Geschlechts, fühlte sie, lassen sich nicht von den Notwendigkeiten des Geschmacks trennen; und das, was für Nina den guten Geschmack repräsentierte, verbot ihr die Erörterung eines solchen Themas mit ihrer Tochter. Nina redete sich nicht ein, daß sie recht hätte, es war ihr klar, daß es vielleicht so falsch wie nur möglich war; aber es ging eben nicht anders. Sie ist so. Oder vielmehr, ihre Erziehung, die Vorstellungen, die ihr eingepflanzt worden sind, haben sie so gemacht. Nina war überzeugt davon, daß man alle derartigen Dinge vor Menschen des eigenen Alters enthüllt und bespricht, und zweifelte nicht daran, daß Cordelia genug davon hörte. Als ihre Gedanken sich so mit ihrer Tochter beschäftigten, fiel ihr wieder das Wort vernünftig ein. Cordelia war vernünftiger, als ihre Mutter gewesen war.

Wilson Henry kam, in der einen Hand einen in eine Serviette gewickelten gläsernen Mixbecher, in der anderen ein Tablett mit Gläsern und einem Teller Kaviarbrötchen. Er war offenbar wieder ärgerlich. Er konnte nicht begreifen, warum Nina Rhoda nicht noch eine Stunde länger dabehalten hatte. Es sei doch einfach lächerlich, sich zum Dinner umzuziehen und dann in die Küche laufen zu müssen. Etwas anderes wäre es, wenn sie sich keine Dienstboten leisten könnten. »Wenn du nicht genug Dienstboten hast, dann nimm dir mehr«, sagte er Nina. »Wir haben genug«, entgegnete sie ruhig; »du hast alles, und es hat kaum fünf Minuten gedauert. Du regst dich ganz unnötig auf.« Acton sagte: »Ich sehe, Vater hat nur drei Gläser gebracht. Das sollte dir etwas zeigen, Cordelia, nämlich, wohin du gehörst.« Sein Vater streifte ihn mit einem Blick und erklärte: »Wahrscheinlich kommt Mr. Ambler.« »Unsinn, Acton«, fügte Nina hinzu, »Vater hat alle Hände voll gehabt. Cordelia und du, Ihr könnt einen Cocktail haben, wenn Ihr wollt.« Acton Henry wollte keinen Cocktail, und Cordelia erklärte, sie werde aus dem Glas ihrer Mutter trinken. Das tat sie auch und dazu schnitt sie ein Gesicht. »In meines Vaters Obstgarten gibt es viele Zitronen«, sang sie mit halber Stimme. Wilson sagte ihr, sie solle still sein.

Nina beobachtete die drei, Wilson, Cordelia und Acton, mit sachlicher Aufmerksamkeit. Sie sah sie mit einemmal nicht als Teil ihrer selbst, sondern unpersönlich – einen korrekt gekleideten Mann in mittleren Jahren, einen zarten, stillen Jungen in Smoking und weißer Flanellhose, ein Mädchen mit breiten Schultern und guten Farben in einem gemusterten Seidenkleid von kühlem grünem Farbton. Nina sah sie vor dem vertrauten Hintergrund ihres Wohnzimmers, eines altmodischen Raumes mit Marmorkamin und in Gold gerahmtem Spiegel, der bis zur Decke reichte, in hellen modernen Farben, mit Blumenteppichen und aprikosenfarbigen Vorhängen. Ihre Loslösung von der Familie war vollkommen. Die Familie erklärte sie nicht, sie beherrschte und rechtfertigte sie nicht. Sie war, ganz plötzlich, nicht groß genug. Wenn sie ein Teil von ihr war, war dieser Teil nicht groß genug, um ihre Wünsche oder eine mögliche Erfüllung zu enthalten. Sie hatte sie nicht aufgebracht. So viel Nina ihr auch gab, ihr blieb noch viel mehr zu geben. Nicht ein Viertel, nicht ein Zehntel von ihr war in ihr Leben aufgegangen. Sie war so wenig berührt, so wenig verbraucht, fühlte Nina, daß das, was sie vollbracht hatte, nahezu keine Gewalt über sie hatte. Sie hatte noch unberechenbar viel zu geben, was Wilson, Cordelia und Acton nicht brauchten und nicht nehmen konnten.

Die Hälfte ihres Lebens war vergangen, und sie hatte noch nicht angefangen, ausgefüllt zu sein. Sie verlangte nach mehr Sensationen, mehr Musik und Tanz, mehr Leidenschaft, mehr Geburt. Ja, mehr Geburt mit ihrem großen, zerreißenden Schmerz. Mehr von allem! Wieder wurde ihr das weiche, feine Gewebe und der feste Halt des Kleides bewußt, das Ishtarre gemacht hatte. Es wirkte auf sie wie eine Beruhigung, es war ein verheißungsvolles Flüstern. Wilson Henry sagte zu seinen Kindern: »Ihr solltet lieber gehen. Die Anfahrt ist zu schmal für mehrere Wagen auf einmal.« Sowohl Acton wie Cordelia küßten Nina. »Du wirst Sensation machen«, versicherte Cordelia. Nina bemerkte, daß Wilson heimlich einen Blick auf seine Armbanduhr warf. »Geh du nur auch, Wilson«, drängte sie. »Ich werde schon nachkommen.« Draußen fuhr ein Wagen ab, und ein anderer kam an. »Das ist sowieso Francis«, fügte sie hinzu. »Jetzt ist ja alles wunderbar in Ordnung.«

 

»Sie kommen spät«, sagte Nina. Das, gab Francis Ambler zur Antwort, sei eine törichte Feststellung, sie dürfe nicht vergessen, wohin er hätte fahren müssen, und woher er komme. »Wir waren als letzte im Turnier dran, und als ich den Klub verließ, fuhr Wilson gerade fort.« Es mache ja nichts, meinte Nina, jetzt sei er da. Francis legte einen Arm um ihre Schulter und küßte sie auf den Mund. »Sie wissen doch, daß ich so rasch wie möglich hergekommen bin«, sagte er ihr. »Nina, Sie sehen wunderbar aus. Das Kleid ist fabelhaft!« Sie trat langsam zurück, damit er sie besser sehen könnte. »Mit Ihnen kann man immer zufrieden sein, Francis«, antwortete sie. Er ging rasch auf sie zu und küßte sie wieder, diesmal heftiger als vorher. »Ich habe zu früh geredet«, sagte Nina, »jetzt muß ich mich neu zurechtmachen. Warum konnten Sie nicht warten?« Er fragte: »Dachten Sie denn, daß ich Sie nicht küssen werde?« Sie lächelte ihn an. »Nein, natürlich nicht. Wenn Sie einen Cocktail wollen, dann nehmen Sie ihn, bevor das ganze Eis zergangen ist. Ich muß noch in der Küche nachsehen, ob alles in Ordnung ist, bevor wir gehen. Wilson hat einiges von dort geholt.«

Nina sagte sich noch einmal, mit Francis Ambler könne man zufrieden sein. Er war nicht hübsch, aber sein Gesichtsausdruck war angenehm und sympathisch; er hatte samtbraune Augen, seine hängende Unterlippe verriet, daß er sehr eigensinnig sein konnte. Über diese Eigenschaft machte sich Nina jedoch keine Sorgen. Francis war natürlich verdorben. Außerdem war er um fünfzehn Jahre jünger als sie; aber er hatte das allen reichen Männern gemeinsame sichere Auftreten, und er war sehr verliebt in sie. Mrs. Mason Ambler und ihr Sohn Francis waren die reichsten unter den Leuten, die im Leben Eastlakes eine große Rolle spielten. Mason Ambler war seit mehr als zwanzig Jahren tot; es gab keine anderen Söhne oder Töchter; keine Onkel und Tanten traten in Erscheinung, und Francis lebte mit seiner Mutter in einem imposanten Steinhaus, das, drei Meilen vor der Stadt, in einem ganzen Wald lag. Er war in Nina seit einiger Zeit verliebt – es mußte im Februar gewesen sein – jedenfalls noch vor Mai.

In der Küche fragte sie sich, seit wann sie in Francis verliebt sei. Sie wußte, daß Francis zur Antwort geben würde, sie sei überhaupt nicht in ihn verliebt. Das sagte er ihr sehr oft, je nach seiner Stimmung mit mehr oder weniger Nachdruck. Bis jetzt hatte sie ihm stets widersprochen, sie hatte ihm wieder und wieder gesagt, daß sie ihn liebe; sie ließ sich nicht nehmen, daß sie ihn auf das Innigste liebe. Sie wies ihn und sich selbst darauf hin, daß sie außer ihm eigentlich keinen Menschen sah. Sie sah niemand außer ihm, und ihn sah sie ununterbrochen. Tatsächlich jeden Tag, wenn sie in Eastlake waren. Sie war durchaus glücklich mit ihm. Sie hatte kein Verlangen nach der Gesellschaft eines anderen. Und das, betonte sie – vor ihm und vor sich selbst – waren die Kennzeichen der Liebe. Gegen so vieles sprach nur eine einzige Tatsache – sie hatte es nie über sich bringen können, ganz mit ihm zu leben. Warum ihr das nicht möglich war, wußte sie nicht, konnte sie nicht ergründen. Nina war ganz offen daran, nicht nur bei sich, auch vor Francis. Sie hielt sich nicht für prüde; sie hoffte nicht feig zu sein; sie sagte wiederholt, daß sie ihn liebe; aber es blieb dabei, daß sie ihm diesen letzten Beweis für ihre Gefühle vorenthielt.

Vielleicht, dachte sie, eine Tür im Kühlschrank schließend, die Wilson offengelassen hatte, liebe ich Francis gar nicht; es kann sein, daß meine Liebe zu ihm eine zarte Empfindung und Wertschätzung ist, die nichts mit wirklicher Liebe zu tun hat. Sie sah ein, daß etwas geschehen mußte, wenn das richtig war. Es ist albern, immer wieder von Liebe zu reden, von Francis Liebesbeweise und Aufmerksamkeiten zu verlangen und nichts dafür zu geben. Schließlich kann es nicht schwer sein, eine Gelegenheit zu finden, um ihm alles zu geben, wonach er begehrt. Wilson fährt so gut wie jeden Wochentag in die dreißig Meilen entfernte Stadt. Ihre Kinder sind mehr aus als daheim. Francis stehen die Möglichkeiten, die Gelegenheiten zur Verfügung, die unbeschränkter Reichtum gibt. Und sie hat keine Angst, das ließ Nina sich nicht nehmen. Bei einiger Vorsicht konnte man damit rechnen, daß eine Gefahr unglücklicher natürlicher Folgen nicht bestand.

Anders war es, anscheinend, mit Cora Lisher und Wilson, und sie beneidete die beiden – so drückte sie sich aus – aus tiefstem Herzensgrund. Sie neidete ihnen ein Gefühl, dessen Größe sie dazu bringen konnte, sich über so vieles hinwegzusetzen. Nina entdeckte, daß eine tiefe Trägheit, ein allgemeiner Widerwille gegen Bewegung oder Wechsel alles im Leben überlagerte. Es kostet eine ungeheure Anstrengung, auch nur das kleinste andersgeartete Verlangen möglich zu machen. Das jedoch ist nicht die Ursache ihres Verhaltens gegen Francis; die liegt tiefer, ist rätselhafter. Vor allem tappte Nina Henry im Dunklen, weil sie der Wirklichkeit der Liebe keine überwältigende Wichtigkeit beimaß. Sie hatte niemals die verzehrende Wirkung auf sie ausgeübt, von der sie las und oft reden hörte, von der sie sogar Schilderungen kannte. In diesem Punkte war Francis anders als sie.

»Wilson ist wohl Cora abholen gegangen«, sagte er.

»Ihr Wagen ist wieder einmal nicht in Ordnung.« Nina wartete darauf, daß er noch etwas über Wilson und Cora sage; er tat es jedoch nicht, und sie war enttäuscht. Sie wollte nicht von den beiden reden, sie wollte von ihnen hören. »Wir sollten gehen«, sagte sie. Francis widersprach ihr: »Wir sollten überhaupt nicht gehen. Wir sollten hier« bleiben. Mir werden diese Rüpelgesellschaften im Klub allmählich zuwider.« Nina erwiderte, das sei Unsinn. »Sie gefallen Ihnen ausgezeichnet. Denken Sie bloß daran, was für Freude es Ihnen macht, mit Anna Louise Lisher zu tanzen.« Das brachte ihn nicht aus der Fassung. »Ich habe Anna Louise sehr gern«, antwortete er, »im Lisherblut steckt etwas sehr Friedvolles. Das wissen Sie auch. Ich muß einige friedliche Augenblicke haben, und daß ich bei Ihnen nie dazu komme, liegt auf der Hand.«

»Sie reden genau so wie Wilson und Acton und wie alle Jungen und Männer, die ich kenne – Ihr seid alle so sicher und so ungeduldig. Bei Euch muß alles sofort geschehen, noch am selben Tage.« Francis Ambler saß, eine Zigarette rauchend, in seinem Sessel. Er legte die Zigarette rasch aus der Hand und setzte sich neben Nina auf ein kleines Sofa. »So viel haben Sie mir noch nie gesagt«, sagte er sehr still. »Wenn ich will, kann ich das als Versprechen auffassen. Haben Sie es auch tatsächlich so gemeint?« Nina fühlte, wie ihr Herz seinen Schlag beschleunigte. »Ich muß sehr viel gesagt haben«, antwortete sie, um Zeit zu gewinnen. »Sie wissen recht gut, was Sie gesagt haben«, drängte Francis. »Ich will nicht ausnutzen, was Sie gesagt haben, oder Sie in die Ecke drängen.«

Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn er es ausgenutzt hätte, dachte Nina. Nicht sie bloß gefragt hätte. Fast sagte sie: Na, warum tust du's nicht? Aber sie sagte es nicht. Statt dessen schwieg sie. Er legte einen Arm um sie und hob ihr Kinn in die Höhe. Sie wehrte sich nicht und wandte sich nicht ab. Sie schloß die Augen, und er küßte sie heftiger und länger als jemals zuvor. Das gefiel ihr ausgezeichnet, aber ihr Kopf schwamm nicht, sie wußte genau, wo sie war, ihre Sinne verrieten durch nichts, daß sie in einem Taumel waren. Eigentlich bog Francis ihren Kopf zu weit zurück, und das tat ihr im Genick weh. »Sie tun mir weh«, murmelte sie mit noch geschlossenen Augen.

Er sprang jäh auf. »Sie sind so verdammt kalt –« begann er. Dann unterbrach ihn offenbar sein Sinn für Humor – es war wirklich nett, mußte Nina denken. »Ich glaube, jeder Mann, der keinen Erfolg hat, sagt, die Frau, bei der er es versucht hat, ist kalt«, erklärte Francis. »Sie sind nicht kalt, Nina; das weiß ich. Sie lieben mich ganz einfach nicht. Ich habe nicht die Geduld mit Ihnen verloren, aber ich fange an, das Zutrauen zu mir zu verlieren.« Nina antwortete: »Tun Sie das nicht, ich kann Ihnen nicht sagen, was mit mir los ist, Francis. Es wird Sie nur wieder verstimmen, wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie liebe. Aber ich muß es sagen, ich liebe Sie. Männer sind ungeduldig. Das müssen Sie einsehen. Ich kann Ihnen nur eines sagen – ich bin heute abend ganz anders, als ich jemals in meinem Leben war. Ich empfinde auch Ihnen gegenüber anders. Ich sehe ein, wie geduldig Sie sind.« Sie erhob sich und blieb ganz nahe bei ihm stehen. »Wenn Sie noch ein bißchen warten können, Francis, ja, dann glaube ich, wird alles gut werden.«

»Ich glaube Ihnen, Nina«, sagte er ihr. »Sie haben mir noch nie etwas gesagt, was Sie nicht auch wirklich gemeint haben. Sie können sich jetzt ruhig die Lippen schminken. Ich werde Sie in Ruhe lassen, wenigstens bis nach dem Dinner.«

In Francis Amblers Wagen legte sie eine Hand auf sein Knie. »Sie waren wunderbar zu mir, Francis«, gestand sie. »Hoffentlich ist es Ihnen nicht unangenehm, daß Sie mich lieben. Ich meine, weil ich älter bin. Hoffentlich kränke ich Sie nicht.« Er lächelte sie an, sein häßliches, ausdrucksvolles Gesicht war voll Zärtlichkeit. »Ich frage Sie noch einmal, Nina: wollen Sie mich heiraten?« Ihre Hand lag noch auf seinem Knie, und ihre Finger umklammerten es fest. »Nein«, sagte sie mit klarer, fester Stimme, »das werde ich nie tun. Sie sind zu jung. Wenn wir glücklich sein können, werden wir so glücklich sein müssen. Ich meine«, fügte sie rasch hinzu, »ohne zu heiraten. Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie mich das nicht wieder fragen sollen, Francis. Es ist mir ganz ernst damit. Wir werden zu spät kommen, und die Leute werden noch mehr reden als sonst. Aber das macht mir heute abend nichts. Manchmal macht es mir etwas, Sie wissen ja, aber heute abend nicht.« Sie saß so nahe bei ihm, wie es möglich war, ihre Hand mit dem dünnen Taschentuch im Armband blieb auf ihm ruhen. »Wenn ich Sie auch nur so habe«, sagte Francis Ambler, »dann kann ich glücklich sein. Das ist gar nicht übermäßig bescheiden.«

 

Den Haupt-Dinnertisch fand Nina auf der Veranda des Klubhauses gedeckt; er war schmal und sehr lang; sie war sicher, daß er mehr als fünfzig Gedecke hatte. Drinnen im Hauptraum, der zum Tanzen verwendet wurde, stand ein kleiner Tisch, um den ein junges und sehr wohlerzogenes Eastlake saß – Faith Baches Dinner. Ein dritter, runder Tisch war in dem kleinen Speisezimmer gedeckt, wo es noch leer war. Nina sah Acton und Cordelia, eigentlich alle Kinder, die sie kannte, von John Bache angefangen, der höchstens fünfzehn war, bis zu der jedenfalls neunzehnjährigen Anna Louise Lisher. Mehr und mehr Leute kamen und füllten rasch die Veranda. Jeder zahlte selbst für sein Dinner, und es hatte keine allgemeine Cocktailparty gegeben, aber das laute Stimmengewirr machte Nina klar, daß die Cocktails wie gewöhnlich nicht gefehlt hatten. Evelyn Delaney, in blaßrosa Seide, war noch vergnügter als sonst. Ihr Lachen übertönte alle Stimmen und den Lärm. Ihr Kleid war schlecht geschnitten; es bauschte sich, wo es hätte anliegen sollen, und wo es hätte weit sein müssen, zog es sich. Infolgedessen sah Evelyn aus wie ein Haufen runder rosa Kohlköpfe, fand Nina. Darauf kam es jedoch Evelyn nicht an – ihr kam es nur darauf an, daß sie ein neues rosa Seidenkleid anhatte, und daß Rosa ihr gut stand, daß es Bürgerkriegsgedenktag war, daß sie ein Vergnügen vor sich hatte und nicht zu Hause war, und daß sie mit Erfolg eine Anzahl von Cocktails getrunken hatte.

Nina begriff, daß Evelyn Delaney, abgesehen vom Sitz ihres Kleides, nicht sehr anders war als sie selbst. In der Tat unterschied sich Evelyns Gemütsverfassung in nichts von der nahezu aller anderen Frauen, die da waren. Jede von ihnen freute sich, daß sie im Landklub war und nicht daheim bei den endlosen Problemen, die aus Gatte, Kindern und Dienstboten erwuchsen. Es war eine überaus belustigende Feststellung – alle Frauen, die Nina sehen konnte, suchten, und sei es auch nur für einige Stunden, ihrem Leben und ihrem Pflichtenkreis zu entrinnen. Sie sah Frauen, die, wie sie wußte, ihre Männer liebten, treue Frauen; sie sah untreue Frauen, die die Männer verachteten, mit denen sie verheiratet waren; Frauen, die ganz und gar indifferent waren; aber sie alle waren für den Augenblick von einer kurzlebigen, romantischen Flut aus Gin und Orangensaft getragen und schwammen in einem Zustand, der für sie Freiheit war. Sie sagten mit Worten und Blicken Dinge, die sie nicht ernst meinten, zu Männern, die wußten, daß sie es nicht ernst meinten; und doch halfen die Männer edelmütig oder erwartungsvoll an der Aufrechterhaltung der allgemeinen Illusion mit, die Fröhlichkeit, aufregende Leidenschaftsmöglichkeiten, bald zu verwirklichende Unanständigkeiten versprach.

Frauen und Männer kannten einander zum größten Teil seit Jahren, von Geburt an; die Männer hatten wenig oder gar keinen persönlichen Reiz und keinerlei Überraschungen für die Frauen; die Männer wußten recht gut, daß in Wirklichkeit keine der angedeuteten Wonnen möglich war; aber die Frauen lachten und riefen und flüsterten in scheinbar vollkommener Zwanglosigkeit; die Männer zogen die Augenbrauen in die Höhe und murmelten Dinge, die sie vormittags auf der Straße zu sagen nicht einmal im Traume gewagt hätten.

Nina sah Wilson und Cora Lisher an das Verandageländer gelehnt stehen. Diese beiden bildeten eine Ausnahme von allem, woran sie gedacht hatte. Sie sahen, fand sie, sehr ruhig und zufrieden aus. Wilson sprach leise, Cora hörte ihm zu, mit gefalteten Händen, die Augen nicht von seinem Gesicht abwendend. Sie trug gleichfalls schwarz, aber ihr Kleid war offenbar billig. Vielleicht hatte Cora, die für derartige Dinge sehr wenig Sinn hatte, es selbst gemacht. Ihre Strümpfe waren zu rosa, ihre Abendschuhe waren Dutzendware. Trotzdem sah sie durchaus nicht gewöhnlich aus – sie war gerade und schlank gewachsen und hielt sich zu gut, um gewöhnlich zu wirken. Ihr Gesicht war kräftig und klar und zeigte keine Spur von Alter. Sie war mindestens vierzig. Cora wirkte so überaus still und moralisch in diesem ganzen Durcheinander von Getue und Andeutungen, daß Nina ein Lachen unterdrücken mußte, das idiotisch geklungen hätte. Cora Lisher und Wilson waren die ernstesten auf der Klubhausveranda.

Joel Bache, Faith Baches Vater, der neben den Henrys in der North Avenue wohnte, trat zu Nina und fragte: »Waren Sie schon drin, sich Faiths Dinner anzusehen? Die Würde dort würde Sie umbringen. Ich hatte das Gefühl, ich müßte mich für den Lärm hier draußen entschuldigen, oder still nach Hause gehen.« »Die Kinder sind entzückend«, antwortete Nina, »aber ich weiß ganz genau, was Sie meinen. Mir geht es oft so mit Acton und Cordelia. Sie sind so – so fertig, Joel. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.« Noch lauterer Stimmenlärm als vorher kam aus dem Speisesaal. »Aha«, sagte Joel Bache, »die jungen Väter und Mütter sind da.« Seine Stimme klang belustigt und gleichzeitig scharf. Alle Teile der sogenannten Eastlake-Gesellschaft, mußte Nina denken, waren jetzt im Klubhaus versammelt – die offiziell feierlichen und korrekten Kinder, ihre eigene Generation und die Welt der Jungverheirateten. Für diese hatte sie sehr wenig Sympathie, fast gar keine Sympathie und keine Duldsamkeit. Alles, was sie taten, dachte sie, machten sie schlecht – ganz entschieden tranken sie schlecht, sie waren recht oft betrunken; die Spiele, mit denen sie es versuchten, spielten sie meist schlecht, und daß ihre Ehen schlecht waren, stand außer Frage. Zumindest stand es für sie außer Frage. Ich bin doch wirklich nicht engherzig, sagte Nina – die Leute, das ließ sie sich nicht nehmen, verstanden es nicht, sich zu amüsieren.

Sie dachte darüber nach, warum das so war. Was ist mit allen Menschen geschehen, die etwa zehn Jahre jünger sind als Wilson und sie? Ihre eigene Generation ist rebellisch, von der Wirklichkeit angewidert, aber die jüngere Generation ist aufsässig. Sie ist bitter. Sie ist hitzig! Sie ist wohl nicht mit Absicht bitter und hitzig, unglücklich. Nur sehr wenigen Menschen, seien sie jung oder alt, macht vorsätzliche Trunkenheit Freude. Sie dachte wieder über Acton und Cordelia nach, über Annabel Gow und Joel Baches junge Kinder. Der Gegensatz zwischen diesen und Joel und ihr selbst auf der einen, und den jungen Ehepaaren auf der anderen Seite konnte nicht größer sein. Das alles war sehr sonderbar und sehr verwirrend. Nina wußte nicht recht, warum sie sich den Kopf zerbrach. Sie konnte sich nicht darauf besinnen, daß ihr Verstand schon einmal so aktiv gewesen wäre. »Sie sehen wunderbar aus, Nina«, sagte Joel. »Ich könnte wetten, es ist erst einen Tag her, daß Sie Wilson geheiratet haben. Aber da sind wir mit erwachsenen Kindern, jedenfalls mit Kindern, die sich wie Erwachsene benehmen. Das macht mich ganz wild. Nina, ich fühle mich nicht alt. Ich kann nicht finden, daß ich besonders alt aussehe, und dabei bin ich fast fünfzig. Tatsächlich. In drei Monaten werde ich fünfzig. Fünfzig ist die Hälfte von hundert.«

»Das hätte ich nie geglaubt, Joel«, versicherte sie ihm. »Sie könnten Delia gestern geheiratet haben. Unsere Kinder stellen sicher nur etwas in einer Scharade vor. In einer Minute werden wir uns zum Abendessen setzen, und dann werden sie verschwinden.« Er blickte sich in gespieltem Erschrecken um. »Nina, ich hatte Angst, daß jemand Sie Abendessen sagen hört. Mein liebes Kind, das ist ein Dinner. Es ist jetzt acht Uhr, und wir haben es noch immer nicht gegessen. Wir sprechen überhaupt nicht mehr von Abendessen. Das ist zu gewöhnlich.« Er flüsterte ihr ins Ohr: »Bei mir gab es sonst Abendessen. Ich bin dabei aufgewachsen.« Joel war etwas angeheitert. »Mein Vater«, sagte er, »aß sein Abendbrot, ja, und das Frühstück und das Mittagessen in der Küche. In Eastlake. Wie finden Sie das?« Nina lachte verstehend. »Verraten Sie das nie Faith«, riet sie ihm, »wenn Sie es tun, bleibt sie nicht länger bei Ihnen.« »Faith«, rief er, »ich würde mir sogar nichts daraus machen, meine Delia daran zu erinnern!« Francis Ambler kam zurück.

»George Brace ist eben die Treppe zum Herrenumkleideraum hinuntergefallen«, erzählte er den beiden. »Auf den Zementboden. Wahrscheinlich kann man ihm im Krankenhaus das Ohr wieder annähen. Wir waren unten gerade dabei, etwas zu trinken, als er hereingetragen wurde. Gertrude Townsend hat Aubrey nach Hause geschleift.« Nina unterbrach ihn: »Doch nicht vor dem Dinner!« Doch, versicherte Francis, genau das hätte er sagen wollen. »Lona Howett scheint Federn, grüne Federn an ihren Strumpfbändern zu haben, und als Aubrey das entdeckte, war er so amüsiert, daß Gertrude ihn nach Hause bringen mußte. Aber das ist noch nicht alles. Jemand aus der Stadt, Justin kannte ihn gar nicht, bot Justin Gow aus einer Flasche zu trinken an. Justin nahm nicht an, und der Unbekannte goß den ganzen Whisky über ihn aus. Über Justin, bedenkt; den Präsidenten des Landklubs, Richter, und was er sonst noch alles ist. Er mußte nach Hause gehen und ein frisches Hemd anziehen. Es fängt ja recht schön an.«

Nina paßte sich rasch der Stimmung ihrer Umgebung an. Sie war wirklich zufrieden und erregt. Sogar Joel Bache war ihr Kleid aufgefallen. Evelyn Delaney saß Nina gegenüber. Neben ihr war ein Fremder. Plötzlich sagte Evelyn scharf: »Werden Sie nicht so frech. Wenn Sie an einem Tisch nicht genug Platz haben, nehmen Sie zwei.« Dem Fremden war keine Verlegenheit anzusehen. Das interessierte Nina sehr. Sie alle – die Frauen, über die sie nachgedacht hat – wünschen sich Sensationen, aber sie lassen sie nicht an sich herankommen, sie lassen sich nicht von ihnen berühren, sobald sie zu Möglichkeiten werden. Entweder haben sie Angst vor den Sensationen selbst oder vor den Möglichkeiten, die ihnen daraus erwachsen können. Frauen denken insgeheim doch immer an Sicherheit. Das liegt daran, daß sie im Grunde schließlich praktisch sind. Sie müssen es sein. Weiß Gott, daß es ihnen nicht Spaß macht.

 

»Woran denken Sie?« fragte Francis Ambler. »Dazu sind Sie noch zu klein«, sagte sie ihm lustig. »Wo sind Wilson und Cora, ich kann sie nicht sehen.« »Am anderen Ende des Tisches«, antwortete Francis. »Man kann nicht wissen, ob sie sich amüsieren oder nicht; sie sehen immer ernst aus.« Nina sagte, sie seien natürlich vergnügt. »Aber ich auch. Nach dem Essen werden wir ein paar Leute zu uns einladen, Francis. Wilson hat vier Flaschen Champagner, und die können heute ebensogut getrunken werden wie ein andermal. Er wird Cora mitnehmen und nichts dagegen haben.« Sie merkte, daß Evelyn Delaney totenblaß aussah. »Evelyn«, sagte sie. »Ja, Nina«, antwortete Evelyn. »Danke.« Sie verschwand plötzlich. Ich sollte mit ihr hinaufgehen, dachte Nina. Sie rührte sich nicht. Irgendwer wird schon im Umkleideraum sein. »Da fehlt etwas«, sagte der Fremde. Er hatte dunkles Haar und einen einzigen, teuer aussehenden Knopf in der korrekten Hemdbrust. »Nanu«, rief er, »die kleine Evelyn. Ich werde sie holen.« Nina sagte: »Lassen Sie. Sie wird gar keinen Wert darauf legen, Sie zu sehen.« Er musterte sie lange. »Ich kann kommen«, sagte er schließlich. »Eine von den Flaschen Champagner wird für mich genügen, geben Sie der großen Masse die drei anderen und ein paar Fische.« Francis mischte sich ins Gespräch. »Jetzt«, meinte er, »wäre es ausgezeichnet, etwas Huhn zu nehmen.«

Noch lauterer Lärm als sonst, ein ironisches Hurrageschrei kam aus der Richtung des Speisesaals. »Sie sollten dort drin sein«, sagte Nina zu Francis. »Warum?« fragte er. »Was haben Sie gegen mich?« Sie erklärte, daß die jungen Väter und Mütter – so habe Joel Bache sie in vernichtendem Ton genannt – in seinem Alter seien. Das habe nicht das Geringste zu sagen, behauptete Francis Ambler. »Sie sollten nicht von Alter reden, das ist nicht höflich. Sie erreichen damit nur, daß es mir ungemütlich wird.« Sie merkte, daß er an den Altersunterschied zwischen ihnen dachte. »Ich für meine Person«, sagte ihm Nina, »fühle mich heute abend so jung, daß ich bei Faith Baches Dinner sein sollte. Eigentlich sind Sie viel zu alt für mich, Francis.« Sehr viel Geld, überlegte sie, läßt die Menschen älter aussehen, als sie in Wirklichkeit sind; es gibt ihnen eine Macht, die sehr viel Ähnlichkeit mit Reife und Erfahrung hat; Francis hat infolge seines Geldes ebensoviel Einfluß in Eastlake wie Justin Gow.

Sie beugte sich für eine Sekunde zu ihm hinüber. »Ich weiß nicht, was ich ohne Sie täte, Francis«, flüsterte sie halb. »Wirklich. Sie sind so solide und wohltuend. Es ist ein kolossales Glück für mich, daß Sie mich gern haben. Ein bißchen gern haben.« Seine Hand berührte sie rasch, heimlich. Und war auch schon weg. Eine Woge von Wärme stieg ihr ins Gesicht. Francis erregte sie mehr als jemals zuvor. Nina hatte nicht gewußt, daß sie eines so starken Gefühls fähig war. Jetzt bestand gar keine innere Notwendigkeit, es zu unterdrücken. Ihr Kleid erfüllte sie gleich einer geflüsterten Ermutigung mit einem Geist der Unbeschwertheit und Kühnheit. Sie war wunderbar zuversichtlich. Der Fremde gegenüber, spürte sie, betrachtete sie mit harten und mißbilligenden Blicken. »Ich höre Musik«, sagte er, »schlechte Musik, immerhin Musik. Wollen Sie mit mir tanzen?« Bevor Francis Ambler sprechen konnte, antwortete Nina: »Ja. Warum nicht?« Sie mußte etwas tun, sagte sie sich herausfordernd, während sie Francis' überraschten und enttäuschten Blick auf ihrem Rücken fühlte.

Während sie tanzten, sagte der Unbekannte: »Ich weiß, Sie sind Mrs. Henry. Ich heiße Lea. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die mir besser gefallen hätte als Sie.« Nina entdeckte, daß er sehr gut, und zwar mit überaus formeller Korrektheit, tanzte. »Ich bin nach Eastlake gekommen, um die Gows aufzusuchen, und dann lernte ich Mrs. Delaney kennen«, erklärte er. Nina sprach mit einem unklaren Gefühl der Enttäuschung. »Mary Gow ist wohl die beste Freundin, die ich habe. Wohnen Sie bei ihnen, oder sind Sie nur zum Dinner hergekommen?« »Nur zum Dinner«, antwortete er. Der Tanz war zu Ende. »Ich habe in meinem Wagen zu trinken«, sagte er ihr, »wollen Sie mit mir hinauskommen und etwas nehmen?« Nein, sagte Nina kürzer als notwendig, sie wolle nicht. Sie wolle zum Tisch zurück. Der Tisch war jetzt mehr als halbleer. Aber Francis saß noch da, wo sie ihn gelassen hatte. »Nun?« fragte er. »Ach, nichts«, antwortete sie. »Er ist ein Freund von Mary und Justin Gow und tanzt ungefähr so wie Acton.«

»Sie sehen verärgert aus«, meinte Francis. »Was hatten Sie sich denn versprochen?« Nina beschäftigte sich mit einer Zigarette. »Was haben Sie sich von dem Blick erwartet, mit dem Sie meinen Rücken durchbohrt haben?« fragte sie. »Ich dachte, vielleicht fällt er mit Ihnen hin«, erklärte Francis Ambler. »Das wäre Ihnen doch sicher fürchterlich gewesen. Wollen Sie tanzen?« Nina sagte, im Augenblick wolle sie sitzen. »Hoffentlich verlieren Sie nicht Ihre göttliche Stimmung«, sprach Francis weiter. »Vor ein paar Minuten waren Sie noch bereit, mir die ganze Welt zu schenken wie eine Rose. Sie sind meine Rose, Nina.« Sie wich aus. »Wen wollten wir nach dem Tanz einladen?« Sie hätten noch nichts besprochen, meinte Francis. »Ich werde doch hoffentlich eingeladen; Wilson wird Cora mitbringen; Sie werden Mary und Justin mit ihrem korrekten Freund haben wollen, und vielleicht Evelyn für ihn, und Joel und Delia Bache. Das reicht so ziemlich für drei Flaschen Champagner. Der korrekte Herr, das dürfen Sie nicht vergessen, soll eine Flasche für sich allein kriegen.«

»Wäre es nicht nett, jetzt einen Schluck zu trinken?« fragte sie.

Francis ging und kam fast augenblicklich mit einer Flasche zurück. Er goß eine bescheidene Menge Scotch Whisky in ihr Glas und bedeutend mehr in sein eigenes. Nina vertauschte ruhig die Gläser. »Sie sind ganz wie Wilson, ich könnte zu heulen anfangen«, sagte sie. »Ich werde Ihnen keine Schande machen. Wirklich, ich vertrage mehr Whisky als Wilson oder Sie. Frauen vertragen oft viel. Und ich will auch kein Wasser dazu«, erklärte sie. »Das vergesse ich immer wieder«, gestand Francis. »Es ist einfach lächerlich. Purer Whisky kann Ihnen nicht schmecken. Kein Mann würde ihn so trinken.« Dann, sagte sie, könne er ihr allerdings nicht schmecken. »Wenn kein Mann ihn so trinkt. Das ist doch klar, nicht Francis?« Er warf ihr lachend einen Blick zu. »Was ist denn heute mit Ihnen, Nina?« fragte er. »Ich habe Sie noch nie so gesehen. Sie sind einfach toll.«

Wilson kam zu ihnen und setzte sich. »Gehen Sie mit Anna Louise tanzen«, sagte Nina zu Francis Ambler, »ich glaube, Wilson will mich um Geld bitten.«

»Du sollst so früh am Abend nicht Whisky trinken«, sagte Wilson Henry, als Francis gegangen war. »Das sieht einfach scheußlich aus.« Nina fragte: »Wo ist Cora?« Wilson sagte, sie tanze. »Werden dir diese gottverdammten lärmenden Vergnügen nicht zu viel? Immer dasselbe – dieselben Leute, dieselben Bemerkungen, dasselbe zum Trinken. Mir hängen sie zum Halse heraus.«

Das sei die Liebe, sagte sich Nina, Wilsons Liebe zu Cora Lisher. »Nein, es tut mir leid, Wilson, aber mir macht es Spaß«, antwortete sie. »Alle sind so lustig. Es ist so viel los.« Wilson sah sie verdrossen an. »Ich wollte für nachher noch ein paar Leute zu uns einladen«, fügte Nina hinzu. »Laß das lieber bleiben«, sagte er kurz, »ich werde vom Krach hier genug haben. Wir brauchen ihn nicht noch zu uns mitzunehmen. An wen dachtest du denn?«

»An die Gows und einen Bekannten von ihnen, den sie zum Dinner dahatten, und an Francis und die Baches, und dann Cora und Evelyn Delaney. Eine Zeitlang war ihr ziemlich übel, aber jetzt tanzt sie schon.« Wilson gab nach. »Na schön, Kind, wenn du durchaus willst. Was willst du ihnen denn geben? Du behältst ja nie Dienstboten im Haus.« Käse sei da, antwortete Nina, und Tomaten. Spät nachts esse jeder Mensch gern Tomatenscheiben. Und ein halber Krug frischer Kaviar sei auch noch übrig. »Wilson, was werden wir zum Trinken haben? Vom Whisky werde ich dann schon genug haben, und Gin mag ich nicht. Bacardi haben wir nicht. Was trinkt Cora gern?« Das wußte Wilson Henry nicht. »Sie trinkt überhaupt nicht viel. Für gewöhnlich bekommt sie wohl nie etwas anderes als Gin. Aber ich glaube, auch der schmeckt ihr nicht besonders. Aber Nina, wie wär's, wenn wir den Champagner nähmen? Ich wüßte nicht, wozu wir ihn aufheben sollen. Wenn Acton und Cordelia heiraten, können wir immer noch neuen besorgen.« »Das müßten wir sowieso tun«, sagte Nina. »Wenn du den Champagner trinken willst, von mir aus. Wir könnten auch Whisky Sours trinken.«

»Wir könnten, aber wir werden nicht«, sagte Wilson fest. »Wenn ich Champagner vorschlage, redest du von Whisky Sours. Wenn ich ihn nicht aufheben will, brauchst du dir keine Sorgen darüber zu machen. Außerdem glaube ich, es kann dir nur lieb sein, den Gows Champagner vorzusetzen, ganz besonders, wenn sie einen Freund mitbringen.« Nina sagte sich, es werde ganz bestimmt Champagner geben, aber nicht der Gows wegen. »Das ist sehr lieb von dir, Wilson«, antwortete sie. Nina trank ihren Whisky aus. »Cora tanzt mit diesem Emory«, fuhr sie fort. »Wenn ich an ihrer Stelle wäre, wärst du für mich erledigt, wenn du mich nicht wegholtest.« Wilson Henry sprang rasch auf. »Ich weiß nicht, wie der Kerl in den Klub hereingekommen ist«, erklärte Wilson, »aber wie er hinauskommt, weiß ich ziemlich genau.«

 

Francis Ambler tanzte mit ihr. »Es ist zwar ein sehr schönes Gefühl für mich, daß Sie kolossal beliebt sind«, sagte er, »aber trotzdem wäre es ganz schön, wenn ich einmal mit Ihnen durch das Zimmer tanzen könnte, ohne daß jemand Sie fortholt.« Nina strahlte vor Triumph. Es war ganz kurz vor Mitternacht, und sie hatte den Eindruck, ununterbrochen getanzt zu haben. Männer, die immer mit ihr tanzten, holten sie mehr als einmal fort, Männer, die ab und zu mit ihr tanzten, verzichteten heute ausnahmslos nicht auf diese Ehre, und Männer, die noch nie mit ihr getanzt hatten, ließen sie überhaupt nicht los. Nina war überzeugt, sich noch nie, noch niemals so gut unterhalten zu haben. Die Erfolge ihrer Mädchenzeit verblaßten vor diesem Abend. Sie sah andere Frauen ihres Alters, die nichts weniger als reizlos waren, Tanz um Tanz sitzen, oder mit einem zum größten Teil gespielten Behagen sich im Arm alter Bekannter und ihrer Männer zur Musik bewegen. Sonst, das wurde Nina klar, hatte sie mehr Ähnlichkeit mit diesen als mit ihrem jetzigen Ich – nahezu jeder Mann beglückwünschte Nina zu ihrem Aussehen. Was ihr ganz besonders Freude machte, war der ihr ungewohnte Vorgang, daß mehr Männer als Frauen von ihrem Kleid sprachen und es bewunderten.

Natürlich war es das Kleid, das sie veränderte; daran zweifelte Nina nicht; es gab ihr, wie sie bei sich sagte, ein Air; und doch war es ihr unbegreiflich, wie ein bloßes Kleid, und sei es noch so vollkommen, ihr ganzes Innere nicht weniger als ihr Aussehen beeinflussen konnte. Der Mann, der zu den Gows gehörte – sie erinnerte sich, daß er Lea hieß – holte sie von Francis fort und sagte: »Gegen meinen besseren Verstand muß ich Ihnen erklären, daß Sie ein süßes Geschöpf sind. Es ist ganz falsch, das zu sagen, weil kein Mann bei einer Frau, zu der er höflich ist, auch nur den geringsten Erfolg haben kann.« Nina widersprach ihm. »Das glauben manche Männer, oder vielmehr sie sagen es, aber es ist gar nicht wahr. Das stimmt einfach nicht. Frauen hören immer gern etwas Nettes über sich. Sie lassen sich gern aufmerksam behandeln.« Lea erwiderte mit einiger Grobheit: »Das ist ja Quatsch. Wenn ich das furchtbare Glück hätte, mich zu verlieben, und mit Ketten festgehalten wäre, ich meine, wenn ich nicht durchbrennen könnte, würde ich mit beiden Fäusten auf mein Schätzchen losgehen.« Das, behauptete Nina, sei albern. »Sie sind natürlich nicht verheiratet.« Das sei er nicht! »Ich bin viel zu jung«, begann er, »erst neununddreißig –«

Thomas Benn holte sie. »Was meinen Sie«, begann Nina, »Sie sind Bankdirektor und sehr hübsch und nett, und alle Frauen verlieben sich in Sie – haben Frauen es gern, wenn sie schlecht behandelt werden?« Acton Henry unterbrach sie. »Mutter«, sagte er kühl, mit seiner gepflegten, steifen Zeremoniosität tanzend, »dir geht es ja geradezu fabelhaft. Ich glaube, du solltest ein bißchen vorsichtig sein. Wenn dir klar ist, was ich meine.« Nina sagte, es sei ihr gar nicht klar. »Ich sehe aber, daß du es gut meinst«, fügte sie hinzu. »Damit kannst du mich nicht loswerden«, erwiderte er, »das macht gar keinen Eindruck auf mich. Aus irgendeinem Grund fällst du heute abend sehr auf.« »Wirklich, Acton«, antwortete Nina, »das geht etwas zu weit. Ich habe nichts dagegen, wenn wir gewissermaßen auf gleich und gleich stehen, aber ich habe sehr viel dagegen, mich begönnern zu lassen.« Er wurde sehr formell, ganz steif; mörderisch männlich, dachte Nina. »Du willst mich offenbar mißverstehen«, sagte Acton. »Es tut mir leid, daß ich überhaupt davon angefangen habe.« Er blickte von ihr weg. »Acton«, sagte sie, »du tanzt wunderbar, und ich finde es herrlich, aber ich bin einfach tot. Komm doch in den Speisesaal, ich will etwas Wasser trinken.« Mary Gow hielt sie an. »Himmel, Nina!« rief sie, »setz dich doch für einen Augenblick. Ich muß mit dir sprechen. Wir sind auf der Veranda.« Nina Henry nickte ihr über die Schulter zu.

Die Veranda, von der langen Winterverglasung frei, lockte in der heißen Mainacht viele an, und Justin Gow konnte nur schwer einen Stuhl für Nina finden. Sie sagte sofort: »Mary, Ihr beide müßt zu uns kommen, wenn es hier aus ist. Wilson will seinen Sekt trinken.« Mary Gow sagte, es werde unmöglich sein. »Deshalb will ich mit dir sprechen, ich habe wirklich einen fürchterlichen Abend hinter mir. Mein Bruder Chalke ist heute von Cuba gekommen.« Sie müßten ihren Bruder mitbringen, fügte Nina hinzu. Ach ja, und den Mr. Lea, der mit ihnen da sei. Mary wiederholte: »Darüber wollte ich mit dir sprechen. Du erinnerst dich offenbar nicht mehr an Chalke, sonst würdest du nicht vorschlagen, daß man ihn mitbringen soll. Charles Lea werde ich zu dir schicken. Meine Liebe, Chalke –« sie schien keine Worte zu finden. »Er kommt ungefähr alle zehn Jahre uns besuchen. Jetzt weiß ich auch wieder, das letztemal warst du nicht da. Das war sofort nach Kriegbeginn. Warum er überhaupt herkommt, kann ich mir nicht erklären, denn er ist mit nichts in Amerika zufrieden. Er ist fürchterlich. Justin findet es natürlich herrlich. Chalke bringt immer Unmengen Rum und Zigarren mit, und die beiden sitzen da und trinken und schimpfen, bis ich glaube, ich werde verrückt. Sie haben beide, was Chalke historischen Sinn nennt. Du kannst froh sein, daß du keinen hast. Das heißt, daß du nichts glaubst. Einfach gar nichts. Noch schlimmer werden sie, wenn das überhaupt möglich ist, sobald jemand dazukommt. Mein Haar ist jetzt grau. Morgen wird es weiß sein.«

Nina konnte sehen, daß Mary Gow ganz elend war. Das war noch so eine Seite der allgemeinen Schwierigkeit der Männer. »Das Ishtarre Kleid macht sich sehr gut«, sagte Mary. Nina gab zur Antwort: »Wenn ich mir das Aussehen einer anderen wählen könnte, müßtest du es sein, Mary.« Mary Gow war älter als Nina; eigentlich war sie fünfzig, sie machte keinerlei Anstrengung, sich um ihr Alter zu drücken; und doch war – wie Wilson erklärte, als Resultat dieser Offenheit – ihre Erscheinung ausgezeichnet. Marys Haar hatte graue Streifen, in ihr Gesicht – sie war eine sensitive Frau – hatten die Gefühle tiefe Linien gegraben; sie hatte keine besonders gute Gestalt, ihre Hüften waren ausgesprochen schwer, aber das alles schien nichts auszumachen. Marys Kleider, mußte Nina denken, waren immer schön; Wilson konnte noch nicht einmal anfangen, ihr zu geben, was Justin Mary gab; aber es waren nicht die Kleider, die Mary Gows Persönlichkeit schufen, dessen war Nina sicher. Es war, sagte sie sich, ohne genau zu wissen, was sie meinte, Marys Seele, die ihr einen stillen Zauber gab, einen Zauber, der ebenso mächtig war wie die Realität körperlicher Schönheit. Die Männer merkten dies jedoch im allgemeinen nicht. Einige von ihren Bekannten, dachte Nina, würden für Mary Gow alles tun, was in ihrer Macht stand; alle bewunderten sie, aber heute abend hatte sie, wie meistens, sehr wenig getanzt. Die Männer hatten sie gern, aber sie lockte die Männer nicht. Das wollte sie auch gar nicht.

»Chalke bleibt gewöhnlich einen Monat«, sagte Mary. »Natürlich mußt du mit Wilson so bald wie möglich zum Dinner kommen, aber ich mache dich darauf aufmerksam, daß es schrecklich sein wird. Einfach nichts ist ihm recht. Religion – na! Er bringt es kaum fertig, von den Vereinigten Staaten zu reden, seit dem Krieg und der Prohibition. Wenn er nicht herkommt, sucht er die komischsten Gegenden auf. Orte, von denen man nie gehört hat. Im letzten Sommer ist er nach Kreta gefahren. Wenn du weißt, wo Kreta ist, bist du gescheiter, als ich jemals zu werden hoffe. Und Kleinasien! Jerusalem ist in Kleinasien, Nina; hättest du das gedacht? Justin geht jetzt nach Hause, und ich komme natürlich mit ihm«. »Wieso natürlich?« antwortete Nina, »du mußt doch nicht gehen. Bleib da und unterhalte dich mit mir. Laß Justin gehen und komm mit uns.«

»Das sollte ich wohl tun«, meinte Mary. »Justin würde nicht daran denken, mich abzuhalten, und doch werde ich es nicht tun, Nina. Du weißt, daß ich es nicht tun werde. Aber ich kann dir nicht sagen, warum. Kannst du mir das erklären?« Nina sagte, es sei Gewohnheit. »Justin redet vielleicht nicht viel, aber er erwartet eine ganze Menge, Mary. Ich glaube übrigens, das tun wohl alle Männer. Die Sache ist die, du bist eine zu gute Frau. Du machst es allen Frauen in deiner Umgebung schwer.« Roderick Wade, der, wie es sich gehörte, beim Dinner der Jungverheirateten gewesen war, blieb vor Nina stehen. »Mrs. Henry«, sagte er mit einer leichten Verbeugung, »ich möchte gern mit Ihnen tanzen.« Nina war so überrascht, daß sie mechanisch aufstand. Mary rief ihr nach: »Ich telefoniere dir noch, an welchem Abend.« Roderick tanzte sehr vorsichtig, so vorsichtig, daß Nina wußte, er könne nicht nüchtern sein. Es war das erstemal, daß er sie um einen Tanz bat. Er sprach nicht, und sein Gesicht war ganz verzerrt. Ein Mann, den Nina eben kennengelernt hatte, versuchte sie wegzuholen, aber Roderick Wade stieß ihn ungeduldig zur Seite. Nina begann sich sehr zu amüsieren. Rodericks Schultern und Arm waren wie ein eiserner Schraubstock. »Hoffentlich werden Sie nicht böse, wenn ich Krach kriege«, sagte er schließlich. »O nein«, versicherte Nina freundlich, »Sie müssen mir nur Gelegenheit geben, mich in Sicherheit zu bringen, wenn ich das will.« Roderick entgegnete düster: »Sie werden wollen. Sie sind so. Ihr seid alle so.« Nina fragte: »Wen meinen Sie mit den allen, die so sind, und woher wissen Sie so viel von mir?« Er lebe in Eastlake, sagte er heftig. »Ich sehe, Francis Ambler ist auf den Gedanken gekommen, daß Sie gerettet werden müssen«, fuhr Roderick Wade fort. »Wenn er es tut, werde ich ihm das Kinn eindreschen, glaube ich. Entschuldigen Sie«, sagte er sofort hinterher, »ich habe vergessen.«

 

Seltsamerweise ärgerten gerade die letzten Worte Roderick Wades Nina. »Warum haben Sie sich entschuldigt?« fragte sie. »Und wofür haben Sie sich entschuldigt?« Er sah sie finster an. »Ich glaube, wir müssen unsere Masken tragen«, sagte er. »Nein«, erwiderte Nina heftig, »wir müssen nicht.« Er blieb mit einem Ruck an der Tür stehen, die zur Anfahrt und zu den Wagen hinausführte. »Gehen wir hinaus«, schlug er formlos vor. Der ganze Raum um sie war von Automobilen ausgefüllt. Die Wagen standen hintereinander auf der Anfahrt; sie bedeckten die Grasfläche, die sich um die Anfahrt herumzog; sie füllten in einer doppelten Reihe die Straßen, so weit sie zu sehen waren. Nina folgte ihm, ohne zu wissen, weshalb, bis zu einem kleinen, sehr verstaubten, geschlossenen Wagen. Roderick reichte ihr eine Flasche, sie trank einen Schluck und schnappte dann nach Luft. Als sie wieder sprechen konnte, fragte sie: »Was war das?« Roderick Wade wußte es nicht genau. »Es geht ein Gerücht, daß es Gin ist«, fügte er hinzu. »Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet«, erinnerte ihn Nina, an seinem Wagen eine Zigarette rauchend. »Ich habe beschlossen, die Maske zu tragen«, sagte er ihr. Sie verbesserte ihn: er habe beschlossen, langweilig zu sein.

»Wie geht es Constance?« fragte Nina. »Ich wollte ohnedies anrufen. Hat sie wirklich Influenza?« Roderick sagte in einem Ton, der sie verwunderte, daß es wirklich Influenza sei. »Jetzt sind alle drei Kinder krank«, fügte er hinzu; »nicht gefährlich, bloß teuer. Die Köchin war Krankenschwester, und ich war Köchin.« Er kam zu ihr und legte einen Arm um ihren Hals. Roderick Wade küßte sie. Nina machte sich nichts daraus; es war sogar tatsächlich ein ziemlich netter, derber Kuß. »In den Wagen gehen wir wohl nicht?« fragte er halb. »Nein«, sagte sie ihm mit Entschiedenheit, »wir gehen nicht in den Wagen.« Sie mußte sich sehr über sich wundern. »Sie wußten doch, daß das nicht geschehen wird, Sie kleiner Idiot!« rief sie aus. »Das Weib hat mich versucht«, antwortete er. »Sie hätten sich selbst verprügeln sollen«, sagte ihm Nina. Seine Lautheit, Heftigkeit und Betrunkenheit verwunderte sie gar nicht mehr. Sie sympathisierte durchaus mit allen diesen zweifelhaften Eigenschaften. Sie verstand jetzt auch sein Benehmen – es war die Rücksichtslosigkeit der Rebellion, die Unzufriedenheit mit dem, was zu sein Leben und Natur ihn gezwungen hatten. Er hatte nichts von Konventionalität. Nina meinte, in Wirklichkeit sei es Heuchelei, was die Existenz ihrer eigenen Generation vor so vielen Reibungen bewahre. Im Augenblick dieser so großen Erkenntnis begriff sie gleichzeitig, daß sie in das Klubhaus zurückkehren mußte. Wilson mochte glauben, daß er sie brauchte – und wenn er das meinte, würde er sie nicht oberflächlich suchen – und Francis war wahrscheinlich schon ganz verärgert.

»Wenn es Ihnen recht ist«, sagte sie, in die Richtung des Klubhauses zeigend, zu Roderick Wade. Sie wußte, daß er sie, bevor sie zurückgingen, noch einmal küssen wollte, und bot ihm bereitwillig ihren Mund. »Sie haben mir heute abend gefallen«, erklärte er, während er neben ihr einherging, »weil Sie so dekorativ waren. Sie waren bloß teuer und nicht praktisch. Ich mußte bei Ihnen nicht an Spinat denken, und nicht an kleine Kinder, die alles naß machen, oder an Husten mitten in der Nacht. Jesus Christus!« schloß er aufbrausend. Francis Ambler erwartete sie an der Tür. »Ich weiß«, sagte Nina hastig; »ich bin mit Roderick Wade hinausgegangen, und er war betrunken, und wir haben irgendeinen schauderhaften Gin getrunken, und nichts hätte Sie mehr überraschen können. Jetzt habe ich alles zuerst gesagt, ich habe alle Fragen beantwortet, und während Sie mir sagen, was ich davon halten soll, können wir tanzen. Wo ist Wilson?« Francis wußte nicht, wo Wilson sei. »Ich habe die beiden seit einer Stunde nicht gesehen. Eben jetzt hat es eine Keilerei gegeben. John Eves ist in das Gebüsch bei den Tennisplätzen gefallen, ich glaube, er liegt noch da. Alice Lake hat ihn mit einer Taschenlampe gesucht. Man hat, wie immer, Geld gesammelt, damit die Musik noch eine Stunde bleibt. Der Obermacher sagt, Justin Gow hätte ihm gesagt, er solle auf keinen Fall länger spielen, als er bestellt ist, aber seitdem hat er ziemlich viel getrunken. Manchmal spielt er, und manchmal singt er eine Ballade. Das entspricht ganz genau seinen Empfindungen. Mary Gow ist schon lange gegangen.«

»Ihr Bruder Chalke Ewing aus Cuba ist hier«, erzählte Nina. »Ich kann mich nicht auf ihn besinnen. Er war das letztemal vor zehn Jahren in Eastlake, und Mary sagt, ich wäre damals nicht hiergewesen. Sie sagt, daß er fürchterlich ist, Francis. Er scheint nichts zu glauben, und er meint, daß es mit der Religion und den Vereinigten Staaten ganz schlimm ist. Trotzdem werden wir einmal zum Essen hingehen. Vielleicht lädt sie Sie für denselben Abend ein.« Francis sagte, er hoffe, daß Mary sie zusammen einladen werde. »Ich erinnere mich an Chalke Ewing. Er ist mager und braun und hat angeblich alles gelesen. Er lebt seit Jahren auf einer Zuckerplantage im schwärzesten Teil von Cuba, ich glaube, in Oriente, und da mußte er natürlich lesen, sooft er nicht betrunken war. Getrunken hat er auch sehr viel. Sie haben recht, Nina, er ist ein unangenehmer Mensch. Sein Humor wird Ihnen fürchterlich sein. Wilson wird ihn verachten.« Nina erblickte Cordelia, die ihr von einem der Verandaeingänge zuwinkte. »Dort ist Cordelia«, sagte sie überrascht, »ich dachte, sie wäre schon längst gegangen. Ich muß mit ihr sprechen, Francis.«

»Warum bist du noch da?« fragte sie, als sie bei ihrer Tochter war. »Ich bin gar nicht da«, sagte ihr Cordelia, »ich bin bei Miss Pryne. James Angell hat mich herübergeleitet, weil ich mit dir oder mit Vater sprechen muß, Mutter. Wir gehen in den Steinbruch schwimmen. Es ist so schrecklich heiß.« Nina sah auf die Uhr. »Es ist nach eins«, sagte sie; »es ist mir nicht recht, daß du so lange aufbleibst.« Cordelia wiederholte: »Wir sind alle auf, und wir gehen alle. Miss Pryne und Acton und James und Annabel Gow und Anna Louise und Faith und John und sogar Howell. Er ist erst dreizehn, Mutter.« »Also schön«, sagte Nina. Sie konnte wirklich nichts finden, was sich vernünftigerweise dagegen einwenden ließe, daß Cordelia in so großer Gesellschaft schwimmen ging. Wilson tauchte auf. »Heißer kann es nicht mehr werden«, sagte er, »ich habe dich die ganze Nacht nicht gesehen, warum sollen wir eigentlich nicht tanzen? Wie hast du dich amüsiert?« Sie sagte ihm: »Ausgezeichnet. Ich habe mir tatsächlich die Strümpfe durchgetanzt. Francis habe ich kaum zu Gesicht bekommen.« Er, Wilson, könne das er= tragen, sagte er. »Du siehst genug von ihm. Mir gefallen Männer nicht, die am Nachmittag frei sind. Wieviel Geld er hat, ist mir ganz egal. Man kann immer sicher sein, daß irgend etwas mit ihm los ist. Wenn er Golf spielt, ist es gut. Das ist etwas anderes.«

»Wieso etwas anderes, Wilson?« fragte sie. »Übrigens, wenn du von Francis sprichst, du weißt recht gut, daß er Golf spielt. Ich finde, in dem, was du sagst, steckt nicht ein bißchen Vernunft.« Sie dachte, sie könnte sehr wohl fragen, wo er die letzten ein oder zwei Stunden mit Cora Lisher gewesen wäre. »Es ist etwas anderes, ob man mit Männern zusammen ist oder mit Frauen spricht«, gab er zur Antwort. »Wilson, wie kannst du so lächerlich sein?« fragte Nina. »Ich werde ganz einfach nicht zugeben, daß du so beschränkt wirst. Das ist doch zu gewöhnlich. Übrigens wäre es mir lieber, Wilson, wenn du nicht immer etwas an mir auszusetzen hättest. Immer findest du etwas an mir. Wenn du morgens aufstehst, bist du so, und wenn du mit mir tanzt, auch. Wenn du damit nicht aufhörst, wird eines Tages mein angenehmer Humor beim Teufel sein.« Wilson Henry war ehrlich verblüfft. »Nina«, versicherte er, »das ist der ärgste Unsinn, den ich in meinem ganzen Leben gehört habe. Kann ich denn nicht eine gelegentliche Bemerkung machen, ohne daß du aus dem Häuschen gerätst? Ich habe nicht das mindeste an dir auszusetzen. Wer, frage ich dich, hat Francis Ambler ins Gespräch geschleift? Du natürlich. Ich habe nichts weiter getan, als eine ganz allgemeine Behauptung aufgestellt. Ich habe gesagt, daß mir Männer, die ihren Nachmittag mit Frauen verbringen, nicht gefallen. Sie sollten etwas anderes tun. Francis Ambler spielt genau dreimal im Jahr Golf – am Bürgerkriegsgedenktag, am 4. Juli und am Arbeiterfeiertag. Und dann spielt er, Gott verdammt noch einmal, in weißen Knickerbockers.«

Nina Henry dachte, ganz außer sich geraten, sie wisse nicht einmal mehr, worum der Streit gehe. Wilson atmete schwer von der Hitze und der Anstrengung des Tanzens. Auf seinen vollen Wangen zeigte sich unter jedem Ohr ein hochroter Fleck. Nina wußte genau, welche seiner Zähne echt, und welche falsch waren. Zähne, die man herausschrauben konnte. Zähne, die kleine silberne Schrauben hatten! »Meinst du nicht, daß wir lieber aufhören und uns abkühlen sollten«, schlug sie vor. »In ein oder zwei Minuten werden wir gehen müssen.« Er sagte plötzlich: »Ach ja, Nina, findest du nicht, daß es netter wäre, wenn du Cora selbst einlädst? Sie ist mit diesem Lea und Evelyn draußen auf der Veranda.«

Nina fiel ein, daß sie jetzt zum erstenmal, seit sie der nahen Beziehungen zwischen Cora und Wilson gewiß war, mit Cora Lisher sprechen werde. Ihre vollkommene Ruhe, das Gefühl, daß es sie gar nicht berühre, blieb. Cora blickte ihr gerade ins Gesicht. »Danke schön, sehr gern«, antwortete sie einfach auf Ninas Einladung. »Es ist zu heiß zum Schlafengehen.« Wilson werde sie mitnehmen, fuhr Nina fort; sie selbst werde entweder mit Francis Ambler oder mit den Baches fahren. »Wenn Sie Mr. Lea mitnehmen wollen«, sagte sie zu Evelyn Delaney, »wird alles in Ordnung sein.« Nina begriff jetzt nicht, warum sie eigentlich alle eingeladen hatte. Sie kannte sie so gut. Sie wußte schon so genau, was jeder sagen würde.

 

Die langen Fenster im Wohnzimmer der Henrys gingen auf der einen Seite auf eine ungedeckte Steinterrasse an der Vorderfront, und auf der anderen auf eine viereckige, gedeckte Veranda an der einen Seitenmauer. Den unteren Teil der Fenster bildeten niedrige, getäfelte Türchen, die sich in der Mitte öffneten. »Wir können entweder im Haus bleiben und irgend etwas tun oder trinken, oder wir gehen auf die Veranda und lassen die Männer hinaustragen, was im Haus ist. Das wird leider nicht viel sein. Francis, wollen Sie Wilson bei den Gläsern und dem Eis helfen?« Nina Henry ging hinauf und fand in ihrem Zimmer Evelyn Delaney, Delia Bache und Cora. Cora sagte: »Ich muß etwas von Ihrem Parfum versuchen, Nina. An Ihnen ist es so wunderbar.« Sie bespritzte sich mit dem Zerstäuber. »Es ist wirklich so gut, daß man es gar nicht sagen kann. Was es kostet, will ich nicht erst fragen. Wahrscheinlich habe ich in einer Sekunde für vierzig Dollar verbraucht.« Das sei Unsinn, antwortete Nina. »Nehmen Sie soviel Sie wollen natürlich.« Es war eigentlich nicht sehr klug von Cora, ihr Parfum zu gebrauchen. Das heißt, dachte Nina weiter, wenn Wilson überhaupt wußte, was sie gebrauchte. Auch Evelyn und Delia Bache versuchten das Parfum.

»Ich tue meine Wäsche in französischen Flanell«, erklärte Delia, »die parfümierte. So hält sich der Geruch am längsten.« Cora sagte: »Wenn ich französischen Flanell hätte, müßte ich ihn tragen, ich könnte es mir nicht leisten, meine Hosen darin einzuwickeln. Ich habe sehr viel übrig für diese schönen Sachen – ich würde gerne Tausende von Dollars für meine Wäsche ausgeben.« Cora Lisher war berühmt für ihre Nachlässigkeit in eben diesen Dingen ihres Anzugs. »Ein Meer von Spitzen und ein Berg Strümpfe«, fügte sie hinzu. »Es ist eine Hölle, arm zu sein.« Cora seufzte und wandte sich an Nina. »Ich denke an Anna Louise«, erklärte sie. »Es ist sehr schwer für sie. Alle ihre Freundinnen haben so nette Kleider. Sie sehen so nett darin aus. Frische Zephir- und Leinenkleidchen.« Evelyn Delaney sagte impulsiv: »Anna Louise sieht auch so sehr süß aus. Cora, sie ist das hübscheste Mädchen in Eastlake. Sie brauchen sich gar keine Sorgen um sie zu machen. Sie werden sehen, sie wird den besten jungen Mann bekommen, den wir hier haben.« Cora war melancholisch. »Anna Louise ist ein gutes Mädchen«, versicherte sie. »Ich meine nicht nur moralisch. Sie hat die Veranlagung ihres Vaters. Sie ist eine sehr angenehme Gesellschafterin.«

Während Nina die Treppe hinunterging, dachte sie, daß Cora sich mit ihrem Kind etwas albern habe. Sie, Nina Henry, prahlte nie mit Cordelia; Mary sprach von Annabel nie anders als in ironischem Ton; Delia Bache hatte nicht ein Wort über Faith und ihre Jungen gesagt. Es war übrigens auch ein wenig komisch, daß Cora ihnen etwas von der Veranlagung der Lishers erzählte. Als ob Cora jemand, der wirklich in Eastlake zu Hause war, darüber etwas sagen könnte! Anna Louise war natürlich hübsch, aber es war die Hübschheit einer Bisquitpuppe. Nina ging direkt in die Küche, wo sie Wilson mit vor Ärger gerötetem Gesicht antraf. »Es hat gar keinen Sinn, daß Francis um Eis gegangen ist«, erklärte er. »Du hättest dir die Mühe ersparen können, Leute herzubitten.« Nina fragte, was nun wieder passiert sei. Wilson wies auf die vier Flaschen Sekt, die auf dem Anrichtetisch standen. Er fuchtelte wild mit einem Arm herum. »Tot!« rief er. »Der ganze Sekt, den wir haben, ist verdorben.« Nina fragte überaus munter: »Warum glaubst du, daß er verdorben ist, Wilson? Du hast doch noch gar nicht probiert. Mach eine Flasche auf und sieh nach.« Sein Ärger wuchs. »Ich habe gesagt, daß er nichts taugt. Er kann nicht gut sein. Du oder sonst wer hat mit ihm herumgewirtschaftet, weiß Gott wann, und ihn so stehen lassen. Wenn Sekt aufrecht steht, trocknen die Korken aus, und die ganze Kohlensäure entweicht. Die Flaschen müssen immer auf die Seite gelegt werden. Das ist doch unvorstellbar.« Wilson Henry beteuerte: »Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie man so kopflos sein kann. Wenn ich so wäre, würde ich mich erschießen!« Er knipste den Draht von einer Flasche ab, und augenblicklich erfolgte eine laute Explosion; der Korken traf mit einem deutlichen Knall die Decke, und aus der Flasche kam eine kleine Fontäne von Sekt und Schaum. Francis Ambler kam mit einer Silberschale voll Eis aus der Küche. »Sie lassen ja den ganzen Sekt auslaufen«, sagte er gleichgültig zu Wilson. Wilson starrte ihn an. »Jesus Christus«, schrie er Nina zu, »gib mir ein Glas! Steh nicht da, als ob du aus Holz wärst. Nina sagte mir etwas«, erklärte er Francis Ambler, »und der Kork ging heraus, bevor ich recht wußte, was los war.« Nina warf ihm einen harten Blick zu. »Er war also nicht so schal«, sagte sie ruhig. Sie bat Francis, ihr Tomaten aus dem Kühlraum zu bringen. »Den Käse auch«, rief sie ihm nach. »Er ist in dem irdenen Topf mit dem Deckel.«

»Wie viele sind da?« fragte Wilson in die Luft und antwortete sich selbst: »Acht Gläser.« Er machte sich daran, in acht Gläser gleiche Eismengen zu tun. Es reichte nicht ganz. »Francis, Sie haben nicht genug Eis gebracht«, rief er, »ich werde noch ein bißchen brauchen.« Nina unterbrach ihn. »Das wird genügen, Wilson. Gib mir das Glas, in dem nicht viel ist. Ich will sowieso nicht viel Sekt. Ich mache mir nichts daraus. Ich bin jetzt schon zu müde. Wilson wurde freundlich. »Warum läßt du dir nicht von jemand – von Cora – helfen, Nina? Sie macht so etwas ausgezeichnet. Ich werde sie holen.« Nina sagte: »Laß. Jetzt ist alles gemacht.« Sie wollte sich nicht von Cora Lisher helfen lassen. Trotzdem, ermahnte sich Nina, durfte sie nichts Bösartiges über Cora sagen. Sie hatte gar keine bösartigen Empfindungen gegen sie. Nina dachte, sie werde leicht gereizt, sobald sie müde sei. Die Tomatenscheiben würden mit der Haut gegessen werden müssen. Sie dachte auch nicht daran, French Dressing dazu zu machen. Es war zu spät. »Wilson«, fragte sie, sowie sie diesen Entschluß gefaßt hatte, »glaubst du, daß die Tomaten mit French Dressing besser wären?« Er hatte einen seiner seltenen Augenblicke des Verstehens. »Du guter Gott, nein!« sagte er ihr. »Du kannst um diese Zeit kein French Dressing mehr machen. Geh hinein und setz dich. Francis wird mir hier helfen.«

Nina ging auf die Seitenveranda, wo sie die Baches vorfand. »Mr. Lea und Evelyn sind irgendwo auf dem Rasen«, erklärte Delia. »Wann kommt Ambrose Delaney zurück, Nina?« Nina antwortete, sie habe nichts gehört. »Er braucht sich auch gar nicht zu beeilen«, fügte sie hinzu. »Evelyn kann selbst auf sich achtgeben, und auf Ambrose und Joel und diesen Mr. Lea noch dazu.« Joel warf ein: »Früher hat man immer gesagt, es gibt keinen Rauch ohne Feuer, aber jetzt stimmt das nicht mehr.« »Ich kann mir nicht darüber klarwerden«, sagte seine Frau. »Ich wollte, ich könnte es. Manchmal glaube ich, daß fast alle, wie Wilson sagen würde, es tun, und dann denke ich wieder wie Joel. Daß alles nur Rauch ist. Was meinen Sie, Nina?« Francis Ambler kam mit acht hohen Gläsern voll Eis und Sekt. »Das kann ich euch jetzt nicht sagen«, antwortete Nina, mit dem Kopf auf Francis weisend. »Er darf solche Sachen nicht hören.« Francis meldete ihnen, daß Wilson mit dem übrigen folge. »Ich weiß doch, worum sich's dreht, auch wenn Ihr so allgemeine Redensarten gebraucht«, sagte er vor allem zu Delia und Nina. »Wo sind Lea und Evelyn Delaney?« Die beiden tauchten aus dem Dunkel hinter dem Haus auf.

»Da sollten Minzenstengel drin sein«, sagte Lea, als er einen Schluck getrunken hatte. Er saß mit Evelyn am Rand der Veranda. Die Nacht war kühler geworden. Nina glaubte eine Spur der Dämmerung in der Luft zu sehen. Mehr als sonst auf einem dunklen, vagen Himmelsvorhang, etwas Raumhaftes war in der Luft. »Ich kann den Morgen sehen«, sagte sie mit leiser Stimme zu Francis. Wilson und Cora Lisher kamen aus dem Haus. Nina war von wachsender Unruhe erfüllt. Sie hatte das Gefühl, wenn sie bleiben und den Gesprächen der Baches, Wilsons und Cora Lishers zuhören, wenn sie nur noch einen Augenblick länger zu Evelyn und Mr. Lea höflich sein müßte, würde sie zu schreien anfangen. Sie sprang auf und ging auf das Gras hinaus. Sie konnte seine Feuchtigkeit an ihren Strümpfen fühlen. Francis ging ihr nach. »Ich konnte es plötzlich nicht mehr aushalten«, sagte sie. »Nein, Sie dürfen mich nicht küssen. Man könnte uns vom Haus sehen.« Das war nicht wahr – sie wollte nicht, daß Francis Ambler sie küßte. Trotz ihrer, gut – ihrer Liebe zu ihm wollte sie gerade in diesem Augenblick nicht von ihm berührt werden. Mechanisch betastete sie mit beiden Händen ihr Kleid, dort, wo es eng um ihre Taille lag und der sich bauschende Tüll begann. Das gab ihr, bildete sie sich ein, eine Art ungeduldigen Mutes; ein Gefühl, daß nichts in ihrer Umgebung sehr wichtig sei.

»Ich liebe es, in diesen seltenen Augenblicken bei Ihnen zu sein«, sagte Francis. »Wenn es nicht Tag ist und nicht wirklich Nacht, wenn es nicht einmal Eastlake ist. Dann habe ich nicht das Gefühl, daß Sie jemand anderem oder einer Welt angehören, die kaum etwas mit mir zu tun hat. Sie schweben durch die Luft wie ein Traum, und ich kann über uns denken, was ich will. Ich sehe weder das Haus der Baches auf der einen, noch das der Prynes auf der anderen Seite der Straße. Es ist eine andere Welt, Nina.« Er nahm ihre Hand. »Wie kühl die Hand ist! Eine Traumhand.« Er küßte sie. »Gehen wir nicht zurück. Niemals. Wir wollen mit den Schatten der Nacht vergehen und den anderen den Morgen lassen.«

 

Sie war nicht in der Stimmung für Träume oder Worte, sondern auf der Suche nach irgendeiner erlösenden Realität. Francis schien ihr nicht wirklich. Er war tatsächlich wie einer der Schatten, von denen er gesprochen hatte. Sie fragte sich, ob er nicht ein wenig negativ sei. Im Grunde war er das wahrscheinlich. Das Selbstvertrauen, das das viele Geld ihm gab, war eine Oberflächeneigenschaft. Es würde verschwinden, wenn das Geld verschwand. Nina versuchte sich vorzustellen, wie Francis ohne Geld wäre. Zu ihrem Entsetzen fand sie, daß das einzige, was ihr zu seiner Schilderung unter solchen Umständen einfiel, die Bezeichnung Kommis war. Ein über das Normale hinaus netter und vernünftiger Kommis. Das war aber alles Unsinn – Francis konnte unmöglich sein Geld verlieren; er hatte zu viel, und es war zu sicher angelegt; sein Geld war ein Teil seiner selbst. Nina fand, sie sei etwas unfreundlich gewesen, und faßte ihn unter. Er liebte sie sehr ergeben. Plötzlich fiel ihr die Heftigkeit Roderick Wades ein, sie fühlte seine Lippen, die stark nach Gin und Zigaretten rochen, an ihrem Mund.

Roderick war rebellisch, aber das war sie auch; sie wollte sich bloß nicht deshalb betrinken. Er sprach mit einer bitteren Offenheit – über Kinder, die alles naß machen, zum Beispiel – die in ihrer Welt ganz fehlte. Die Welt, die sie am besten kannte, war in Dingen körperlicher Leidenschaft gewissermaßen sehr aufrichtig, das heißt, man machte untereinander sehr viele Witze darüber. Die Männer brachten solche Witze aus dem Umkleideraum des Landklubs heim, oder von anderen Männerorten, und erzählten sie ihren Frauen, und die Frauen gaben sie dann untereinander weiter. Manchmal erzählte eine Frau, als Zeichen großer Gunst, einem bestimmten Mann schmutzige Geschichten – Nina erzählte sie Francis Ambler – aber meistens ließen sie ihr zweifelhaftes Vergnügen nicht über den weiblichen Kreis hinausgehen. Das Vergnügen war nicht gering – sie lachten über wirklich schauderhafte Geschichten, bis ihnen die Tränen über die Backen liefen, bis sie schwach vor Lachen waren. Nina war nicht ganz sicher, ob das eine bewundernswerte Freiheit sei. Es schien ihr etwas ganz anderes zu sein als Ehrlichkeit. Es war das Resultat, meinte sie, eines unterdrückten und unbefriedigten Bedürfnisses. Ein fragwürdiges Vergnügen, das bloß ein Wortrausch war. Sie waren zu dem kleinen Rasenriegel zwischen der Grasfläche und dem Bürgersteig der Grove Avenue gekommen.

»Wir müssen zum Haus zurück«, sagte Nina. »Mir ist jetzt wieder wohler.« Francis drückte ihre Hand, die noch auf seinem Arm lag, an sich. »Erinnern Sie sich noch an den Riesen in der Mythologie, an Antaeus, der neue Kraft gewann, sooft er die Erde berührte?« fragte er sie. »Also, so ist es mit mir – sooft ich Sie berühre, bin ich hundertmal stärker und tausendmal glücklicher.« Niemand sprach so bezaubernd wie Francis. Sie hatte ihn innig lieb. Ihre Gefühle, entdeckte sie, schwangen hin und her, wie eine Wetterfahne in wechselndem Wind. Ob ein starker Wind diese Wetterfahne je festhalten wird? Unbewegt? Ob ein Wind sie jemals so kräftig packen wird, daß sie kaum zu atmen imstande wäre? Sie ist niemals von einem Gefühl zerschmettert gewesen, höchstens beim Gebären, und das Gebären ist ein körperloser, ein losgelöster Schmerz. Sie ist nicht zerschmettert gewesen, und die Frauen sind so stark. Sie sind im Grunde stärker als die Männer. Es ist mehr Leben, mehr Fähigkeit zum Ertragen des Lebens in den Frauen. Die Männer werden müde, sie fallen in eine abgespannte Haltung der Erschöpfung und des Schlafes, wenn die Frauen sich erst regen. Erst zu leben beginnen, aufwachen.

Als Nina zurückkam, hatte sich auf der Veranda eine Streitfrage erhoben. Wilson hatte vorgeschlagen, noch Sekt zu trinken. »Eine Flasche ist noch da«, sagte er, »die könnten wir ruhig austrinken.« Joel Bache war damit nicht einverstanden. »Es muß drei Uhr sein«, meinte er. »Heben Sie die Flasche auf, Wilson, Sie werden sie noch brauchen.« Charles Lea mengte sich ein. »Ich will der junge Verschwender sein«, sagte Lea den anderen, »ich bin dafür, daß wir ihn trinken. Es wird bald so hell sein, daß wir Minze pflücken können. Ich könnte sie fast mit der Nase finden.« Wilson ging ins Haus und Nina folgte ihm. »Ich weiß nicht, was mit Cora gemacht werden soll«, sagte er, »wie wird sie nach Hause kommen? Ich werde sie wohl bringen müssen.« Nina antwortete entschieden: »Gar keine Rede. Francis soll sie nach Hause bringen. Das ist das Natürlichste.« Wilson gab ihr recht. »Das ist eine ausgezeichnete Idee. Es wird viel besser aussehen. Nina, ich bin froh, daß du Cora gern hast. Sie ist wirklich eine prachtvolle Frau. Sie macht ihre Sache sehr gut mit dem, was sie hat. Ich bewundere sie sehr. Du müßtest ihre Haltung hinsichtlich Anna Louises zu schätzen wissen.« Nina hörte ihm aufmerksam zu. Sie war mit einemmal der ganzen Situation müde. »Sie machte ihre Sache sehr gut«, bestätigte Nina mit klarer Stimme. »Du hattest ganz recht, daß du alle diese Leute nicht hierhaben wolltest. Es war eine Plage. Schade, daß du etwas von der letzten Flasche gesagt hast, sie wollten schon fort. Mr. Lea wird jetzt überhaupt nicht mehr gehen.«

»Es wäre besser, wenn du öfter auf mich hörtest«, sagte er ihr. »Zufällig weiß ich nämlich, was für dich gut ist. Jetzt scheinst du das nicht mehr zu glauben, aber früher hast du so gedacht. Du hast dich geändert, Nina.« Sie rief: »Du auch. Das vergißt du immer. Du meinst, daß ich ganz anders bin, daß du aber ganz derselbe bist wie früher.« Er fragte sofort mit einer Spur von Schärfe: »Wieso habe ich mich geändert? Woran siehst du es? Haben schon andere davon gesprochen?« »Nein«, gab sie zur Antwort. »Alle ändern sich«, fuhr Nina fort. »Acton und Cordelia und du und ich. Acton ist sogar schon so weit, daß er mir sagt, wie ich mich benehmen soll. Ich mußte heute abend böse mit ihm werden. Wilson, findest du nicht, daß ich bei den Kindern meine Sache gut gemacht habe?«

Plötzlich war es für sie sehr wichtig, daß sie in dieser Hinsicht beruhigt würde; daß Wilson Henry das einsähe. »Aber natürlich«, gab er fast ungeduldig zur Antwort. Sie erkannte, daß in der letzten Zeit alle ernsten Fragen ihn belästigten und ärgerten. Er ließ merken, daß er ihnen auszuweichen wünschte. Wilson wollte nicht, daß ihm die Verantwortlichkeit seiner Stellung vor Augen gehalten werde. Aber er war bereit, über Cora und deren Tochter zu sprechen. Die Männer waren – sie wußte nicht, was sie waren! »Wir können nicht beide hier in der Küche bleiben«, sagte er ihr, »wir haben Gäste auf der Veranda. Die müssen bald gehen. Noch eine Flasche oder keine. Ich hole noch etwas Eis und komme gleich hinauf, du gehst gleich.« Die Nacht war nahezu vorüber. Sie hatte ungeheuer viel erwartet, aber abgesehen von ihrem allgemeinen Erfolg beim Tanzen hatte sich nichts ereignet. Nichts Besonderes. Nichts Neues. Sie kam sich genasführt vor. Sie hatte es für sicher gehalten, daß etwas geschehen würde. Nina wußte natürlich nicht, was. Sie hatte ein Gefühl gehabt. Wahrscheinlich war das bloß von ihrem neuen Kleid gekommen. Das übte eine seltsame Wirkung auf sie aus. Noch immer. Sie war wieder ganz wach. Ruhelos. Rebellisch. Nina fand Justin Gow auf der Veranda.

»Ich wollte nach unserem Kind fragen. Du guter Gott, Nina, kommen die denn überhaupt einmal nach Hause? Ich muß sagen, du scheinst philosophischer darin zu sein als ich.« Nina hatte gemeint, er wüßte alles. »Sie sind alle zum Steinbruch gegangen. Es war so heiß. Es waren schon die richtigen, Justin, aber jetzt müßten sie zurück sein.« Er war derselben Ansicht. »Es hätte wohl keinen Zweck für mich, Annabel suchen zu gehen. Ich werde sie mit ein paar einfachen und gutgewählten Worten empfangen, wenn sie sich zeigt. Sie sollte im Bett sein. Sie sollten alle im Bett sein. Das sage ich jedem, aber nicht einmal auf Mary kann man sich verlassen. Die Zeiten sind schlecht.« Darauf meinte Nina: »Vielleicht, aber unsere Kinder sind nicht schlecht. Ich bin jedenfalls davon überzeugt.« Justin Gow sagte, das wisse er. »Davon rede ich gar nicht. Ich meine nur, wie lange Kinder schlafen sollten.« Wilson erschien mit der letzten Flasche Sekt. »Ich habe deine Klagen gehört und dir ein Glas gebracht«, sagte er zu Gow. Justin trank nachdenklich den Sekt.

»Wo ist Mary?« fragte Nina Henry. »Wo Annabel sein sollte«, antwortete er. »Aber du nicht«, gab Nina rasch zurück. »Natürlich nicht«, sagte Justin mit Nachdruck. »Ich bin ein alter Mann. Bei mir kommt es nicht darauf an, ob ich schlafe oder nicht. Chalke Ewing ist auch ein alter Mann, bei ihm kommt es noch weniger darauf an. Chalke hat nicht einmal Familie. Wir haben ein sehr interessantes Gespräch.« Er wandte sich an Charles Lea. »Charles, wollen Sie den kurzen Rest der Nacht noch bei uns bleiben?« Lea dankte ihm. »Nein, danke, Richter Gow. Ich gehe jetzt. Ich bringe Mrs. Delaney nach Hause.« Francis Ambler fragte Cora Lisher: »Wie wäre es, wenn ich Sie nach Hause bringe?« »Das wäre ein guter Gedanke«, antwortete sie. Die Baches tranken rasch aus, was sie noch in ihren Gläsern hatten. Sehr bald waren alle außer Justin Gow gegangen, und Nina sagte: »Ich habe keine Lust, ins Bett zu gehen. Ich glaube, ich werde Justin nach Hause bringen. Es ist ja nur über die Straße.« Wilson versicherte, sie sei verrückt. »Nina ist viel schlimmer als Annabel oder Cordelia«, behauptete er.

 

»Ich mußte fort«, sagte Nina zu Justin Gow, »und wenn es nur auf eine Minute ist. Ich bin eigentlich tot, aber ich war noch nie heller wach.« Der Morgen kam jetzt wirklich; die Ahornbäume hoben sich mit ihrem zarten jungen Laub vom Himmel ab; die viereckig gebauten, sich wichtigtuenden Häuser der North Avenue, die inmitten ihrer Rasenflächen abseits standen, waren schon zu sehen; eine neue, reine Süße war in der Luft. Nina ging mit Justin in die Wohnung der Gows. Sie war, wie sie eben erklärt hatte, gleichzeitig unermeßlich müde und voll lebendigen Bewußtseins aller Dinge um sie. In einem kleinen, dunklen Zimmer, in dem Justin seine Bücher hatte und sich meistens aufhielt, erhob sich ein Mann aus einem niedrigen Sessel, und Justin Gow sagte: »Nina, du erinnerst dich vielleicht an Marys Bruder Chalke Ewing. Sie wußte nichts von ihm, sein Gesicht war ihr ganz fremd. Er war ein kleiner Mann – das enttäuschte Nina – mit hohen, schmalen Schultern und einer großen Nase; seine Haut war noch dunkler braun, als die Tropensonne rechtfertigen konnte – Nina dachte höchst realistisch an seine Leber – und sein Haar war grau. Über seinem dunklen Gesicht saß das kurzgeschorene Haar wie eine zerknüllte Silbermütze. »Guten Morgen«, sagte Ewing mit einer Stimme, die Nina Henry unangenehm und hart aggressiv fand.

Auf einem Tisch neben ihnen stand ein Krug und Gläser, und auf dem Boden sah sie einen Bacardikrug. Ewing warf einen Blick in den Krug auf dem Tisch. »Tut mir leid«, sagte er; »ganz leer. Und auch kein Angostura mehr.« »Was war es denn?« fragte Nina. Justin sagte ihr, es sei ein Rumswizzle gewesen. »Und mehr als einmal«, fügte er hinzu. »Wir haben uns ununterbrochen mit ihm beschäftigt, seit ich von dieser verfluchten Tanzerei nach Hause gekommen bin. Chalke hat mir von Kreta erzählt. Er war bei den meisten Ausgrabungen in Knossos.« Chalke Ewing verbesserte ihn: »Justin glaubt exakt zu sein, aber er ist um nichts besser als Annabel. In Wirklichkeit haben wir von den Griechen gesprochen, und Knossos war eine ägäische Stadt.« Nina zeigte ein höfliches Interesse für seine Erklärung. »Ich bleibe nur einen Augenblick«, sagte sie den beiden, in einen Sessel sinkend. Sie merkte, daß Chalke Ewing sie starr anblickte. Er war, wie so viele andere, die sie in der bereits vergangenen Nacht gesehen hatte, ein wenig angetrunken. Nina dachte, es sei nicht ausgeschlossen, daß sie selbst auch ein wenig angetrunken sei.

Ein Gefühl tiefen Behagens, lange hinausgezögerter und seliger Ruhe, ergriff Besitz von ihr. Sie wurde der sie unmittelbar umgebenden materiellen Welt fern; sie hörte die Stimmen der beiden Männer mit dünner Klarheit erklingen, wie von weit her. »Das Wesentliche ist«, sagte Chalke Ewing, »daß die Griechen Barbaren waren. Wenn du das nicht einsiehst, kannst du nichts verstehen. Nichts«, wiederholte er fest. »Die Griechen waren wilder als alle Teufel. Sie hatten keine Städte, sie hatten keine Häuser, sie hatten keine Schrift. Sie waren in Felle gekleidet. Geradewegs aus der Steinzeit. Nun, sie kamen von ihren Weidegebieten her= unter und zerstörten eine schön zivilisierte Welt. Die ägäische Welt. Knossos. Die Ägäer verschwanden – ein Teil von ihnen nach Palästina – und die Griechen ließen sich überall an ihrem blauen Meer nieder. Aber das ist nicht wichtig. Was du begreifen mußt, ist die Tatsache, daß die Griechen nichts begonnen haben. Die Vorstellung, daß Griechenland ein zivilisierter Garten Eden war, wie Athene fertig gerüstet aus Zeus Haupt geboren, ist absurd. Sag doch, Justin, ist wirklich kein Angostura mehr da?« Ewing unterbrach sich. »Es ist schon etwas da«, sagte Gow, »ich kann es bloß jetzt nicht finden.« Ninas Gefühl des Behagens verstärkte sich. Es zwang sie zu der Erkenntnis, daß weder Chalke Ewing noch Justin sie im geringsten beachteten. Justin war so, er ging ganz in seinen Gedanken auf, und Chalke Ewing hatte, wie Nina sehen konnte, sehr schlechte Manieren.

»Die griechische Zivilisation«, fuhr Ewing fort, »entstand schließlich aus dem, was die Ägäer zurückließen. Die Ägäer hatten ihre Zivilisation von den Ägyptern. Wenn du nicht daran denkst, daß die Wüste Sahara einmal ein üppiger Wald war, kannst du Ägypten unmöglich verstehen. Die frühen Jäger, vielleicht vor siebentausend Jahren, begannen die Wälder zu verlassen und sich am Nil anzusiedeln.« »Du wirst Nina bald so weit haben, daß sie einschläft«, sagte Justin. Nina protestierte. »Aber nein. Es ist furchtbar interessant. Ich lasse mir kein Wort entgehen.« Chalke Ewing machte eine Wendung zu ihr und fragte: »Was für eine Zivilisation haben die Griechen zerstört?« Er habe das eben sehr schön erklärt, versicherte sie ihm: »die ägyptische.« Er wandte ihr wenigstens eine Schulter zu. Das amüsierte Nina. Die Männer waren doch wirklich wunderbar. Sie waren überzeugt davon, daß alles, was sie denken, die denkbar größte Wichtigkeit habe. Zum Beispiel, wovon Justin und Chalke Ewing jetzt sprachen – was lag, außer in der Schule, daran, wer zuerst da war? Die Ägypter, wußte sie, machten Zigaretten und ein schlechtes, starkes Parfum, und die Griechen lebten in einer Art allgemeinen Marmorhofs, wo mehr oder weniger jedermann Skulpturen machte. Diese ausreichende Ansicht über Ägypten und Griechenland machte Nina lächeln. Sie sollte nach Hause gehen. Sie rührte sich nicht.

»Die Griechen haben, wie alle anderen, ihre besten Götter entliehen«, sprach Ewing weiter; »Aphrodite kam aus Babylon, wo sie Ishtar hieß.«

»Nanu«, unterbrach Nina, »das klingt wie der Name meines Pariser Schneiders.« Justin Gow antwortete in seiner leicht ironischen Art, die ganz Eastlake beunruhigte, sie aber nicht im mindesten störte, soviel er wisse, sei Ishtar noch sehr aktiv an der Arbeit. »An der Arbeit wohl«, korrigierte ihn Ewing, »aber ganz entschieden nicht aktiv. Wenigstens nicht in den Vereinigten Staaten. In Oriente, glaube ich, ist sie noch mächtig. Aber schließlich ist Oriente ihr Land. Ein tropisches Dschungel. Um Amerika bereitet sich eine Eiszeit vor. Jetzt, wo ich nach neun Jahren die Frauen hier wiedergesehen habe, bin ich davon überzeugt.« »Justin, wovon sprecht ihr?« fragte Nina Henry. »Du guter Gott, das bin nicht ich«, antwortete Justin, »das ist Chalke! Er ist sehr unhöflich, und er ist mehr als ein bißchen unausstehlich, deshalb wollen wir gar nicht weiter darüber reden.« Sie ließ sich nicht nehmen, daß die Rede von Schneidern gewesen sei. »Die Römer nahmen Aphrodite von den Griechen und nannten sie Venus«, fuhr Ewing fort.

»Es ist völlig klar«, versicherte er, »es gibt nichts Neues, nichts Isoliertes und nichts Vollendetes. Die Juden brachten ihre Religion aus der arabischen Wüste mit. Der alte Wetterprophet, parfümiert und mit Brillanten geschmückt. Gott verdammt noch einmal, sogar ihre Nasen haben die Juden von den Hethitern! Die Griechen blieben, zu ihrem Glück, von Jehova verschont. Sie waren fertig, bevor er den Osten verließ. Die Christen schluckten ihn aber hinunter, Justin, und Michelangelo hat ihm achtunggebietende römische Züge gegeben. Der Assyrerbart ging zu den italienischen Haarkräuslern. Die Griechen, weißt du, waren verschwunden; laß das nicht aus dem Auge; die Demokratie war daran schuld. Demokratie und Krieg haben Griechenland ruiniert. Es hatte ja auch einen sehr großen Schatz, Justin. Man sollte denken, daß die Vereinigten Staaten das alles nicht vergessen. Wenn man Athen Griechenland nennen will, und ich wüßte nicht, wie sich das vermeiden ließe, ja, dann hat die abendländische europäische Welt ihm ein Ende gemacht. Einmütig. Die Athener, die Demokraten waren, führten es selbst herbei, indem sie alle ihre großen Männer schlecht behandelten – sie ignorierten Euripides; Phidias ließ man im Kerker sterben; Perikles wurde der Unlauterkeit angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt; Alkibiades, der große Gaben für die Marine hatte, wurde verbannt. Die Demokraten ermordeten Sokrates, und Plato war gezwungen, Unterricht zu geben. Der Staat hatte keine Verwendung für ihn.«

Eine Reihe schöner Namen schwamm, getragen von Chalke Ewings harter, dogmatischer Stimme, durch Ninas halbwaches Bewußtsein. Alkibiades und Perikles und Plato. Zwölf kleine Schläge, dachte sie, die Namen im Geiste wiederholend, gleich den Schritten in einem anmutigen Tanz. Es war wie Poesie. Sie argwöhnte jedoch, was Ewing sagte, sei unerfreulich. Das zeigte sich auch augenblicklich. »Und das«, fuhr er fort, »führt unweigerlich zu dem Schluß, daß die Vereinigten Staaten eine vorübergehende und ziemlich schäbige Rolle in der Weltgeschichte spielen. Sie sind im Augenblick stark, materialistisch gesehen, sie sind heute noch eine Republik, nach ungefähr hundertfünfzig Jahren. Das hat nichts zu sagen. Die Vereinigten Staaten sind ganz einfach die alte römische Welt ohne das römische Recht.« Justin Gow unterbrach ihn, um zu sagen, daß das englische Gesamtrecht für die Gegenwart in den Vereinigten Staaten besser geeignet sei. »Sei nicht pedantisch«, antwortete Chalke Ewing. »Die Römer waren erfinderisch, sie bauten Entwässerungsanlagen – von den Ägyptern borgend. Sie errichteten öffentliche Wasserbauten, und sie legten die besten Straßen der Welt an; aber sie hatten, wie die Amerikaner, keinen angeborenen Sinn für Schönheit, sie stahlen ihre Schönheit aus den Ländern, in die sie eindrangen. Hunderte von Wagenladungen aus Mazedonien. Fünfhundert Statuen von irgendwoanders her. Sie füllten Rom mit den Möbeln und Teppichen Alexandrias und den Bronzen Karthagos. Die Römer dachten, sie könnten nehmen, was sie haben wollten, und den Rest kaufen. Ha!« rief er laut. »Erst Luxus und dann die Barbaren. Was mir an der Gegenwart Kopfzerbrechen macht«, sagte er, »ist, daß wirklich gute Barbaren gar nicht zu haben sind. Die abendländische Welt wird sich selbst zerstören müssen.«

Nina schien jetzt alles geregelt zu sein. Sie richtete sich auf. »Ich bin hungrig«, erklärte sie. Sie sah, daß der Tag rings um sie hell war. Nina blickte Justin an und dann Chalke Ewing. Justin sagte: »Rührei, und dazu noch Speck.« Sie würden doch hoffentlich, meinte Ewing, auch an Kaffee denken. Sie stand energisch auf. Nina kannte die Küche der Gows so gut wie ihre eigene.

Während Nina, eine Silbergabel in der Hand, am elektrischen Herd mit der Bereitung der Rühreier beschäftigt war, kam sie zu dem Schluß, es sei lächerlich, Ewing ungehindert solche Bemerkungen über sein Vaterland machen zu lassen. Sie war sicher, daß seine Ansichten auf den Zustand seiner Leber zurückzuführen seien. Wenn er diese ausheilt, wird er wahrscheinlich friedlicher sein. Jeder Mensch soll vor allem anderen dem Land anhänglich sein, in dem er geboren ist. Er soll bereit sein, alles dafür zu opfern. Seine Frau und seine Kinder mit allem anderen. Wilson hat sich während des Kriegs auch in Europa dementsprechend verhalten. Ganz zu schweigen davon, daß noch niemals ein Volk der amerikanischen Nation geglichen hat. Amerika ist das wunderbarste Land, das je existiert hat, und nichts kann es zerstören. Es muß immer besser werden. Das liegt nicht nur daran, daß es reich ist; es hat so vollkommen herrliche Ideen. Nina haßte alle Menschen und alle Dinge, die sich in Widerspruch zu ihm setzten. Ihr wurde klar, daß sie noch immer die Deutschen verabscheute. Von Justin, der angeblich den besten Verstand in Eastlake hatte, hielt sie nicht viel, weil er Chalke Ewing nicht zurechtwies. Sie holte eine Pfanne für den Speck und die Kaffeekanne. Sie mußte etwas suchen, um ihr Kleid vor Fettspritzern zu schützen. Die Nacht war in ihrem weiteren Verlauf nicht besser, sondern immer schlimmer geworden. Da steht sie und macht Rührei für Justin Gow und Marys Bruder. Ein Gefühl der Mutlosigkeit wandelte sie jetzt an. Sie kann übrigens auch Toast machen.

Nina saß mit Justin und Chalke Ewing an einem Tisch in der Küche und aß die Rühreier und die runden, süßen Scheiben kanadischen Specks. Der Toast mit Butter – für gewöhnlich rührte sie Butter nicht an – war genau, was sie brauchte. Sie hatte noch nie jemand so viele Eier essen sehen, wie Chalke Ewing. »Sie dürfen nichts mehr nehmen«, sagte sie unüberlegt. Er blickte sie überrascht an. »Warum?« fragte er. Nina fühlte, daß ihr Gesicht heiß wurde, aber sie war entschlossen, jetzt nicht davon aufzuhören. »Ich glaube, die Eier tun Ihnen nicht gut«, erklärte sie. »Höchstwahrscheinlich ist das die Ursache dafür, daß Sie solche Ansichten haben.« Justin lachte idiotisch. »Nina hat recht«, rief er. »Du bist schauderhaft gallig.« Chalke Ewing aß weiter. »Wenn die Eier mich vor Patriotismus, Hysterie und Religionen gleichzeitig bewahren«, sagte er, »dann will ich gerade Eier haben.«

»Sind Sie mit keinem der Dinge einverstanden, für die alle andern so begeistert sind?« fragte Nina. Er antwortete, er hoffe nein. Nina begann sich zu ärgern. »Zum Beispiel«, redete sie weiter, »Sie sind in den Vereinigten Staaten geboren, aber nichts an ihnen ist Ihnen recht.« Darauf erwiderte er kurz: »Beides ist richtig. Sie übertreiben so wenig, daß wir gar nicht darüber reden wollen.« »Gefällt Ihnen Cuba besser?« fragte sie ironisch. Er zeigte ein geradezu empörendes Erstaunen. »Aber«, rief er, »das ist überhaupt nicht zu vergleichen. Ich dachte, das wäre jedem Menschen klar. In Cuba ist man frei, hat man eine gewisse persönliche Würde, dort existieren wenigstens noch einige unentbehrliche Rechte. Man kann zum Beispiel selbst darüber entscheiden, welche Menge von Alkohol einem zuträglich ist. Dort gibt es keinen langen Winter, in dem alles in Futteralen leben muß. Die Männer sind höflich, und die Frauen, die keusch sein sollen, sind wirklich keusch. Die Frauen, die nicht keusch sein sollen, sind es Gott sei Dank nicht. Der Tabak ist natürlich unübertrefflich. Das Essen und die Köche sind unübertrefflich. Und, das müßten Sie aber anerkennen, man geht überhaupt nicht schlafen.«

»Es ist nur eine kleine Insel«, protestierte sie; »eigentlich ist es gar nichts. Die Menschen dort sind nicht einmal Weiße. Wenigstens sind sie nicht wie Amerikaner. Wenn der Zucker nicht wäre, würde kein Mensch etwas von Cuba hören.« Er aß noch immer Rührei und sagte: »Wenn der Zucker nicht wäre, würde niemand etwas von ihnen wissen. Zucker und Leben sind unzertrennlich. Beide sind Wärme. Wärme ist natürlich das Herz Cubas. Jesus, ist es dort heiß! Alles wächst wie ein grünes Feuer. Und es ist gefährlich. Es ist immer gefährlich, wo Männer frei sind. Ein Mann, der nicht höflich ist, der nicht diskret ist, der sich nicht ordentlich nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmert, lebt nur sehr kurze Zeit.« Je mehr sie über Cuba hörte, erklärte Nina, desto weniger gefalle es ihr. In Wirklichkeit meinte sie natürlich, je mehr sie von Chalke Ewing sehe, desto abscheulicher finde sie ihn. »Sie würden sich nichts daraus machen«, sagte Ewing zu ihr. »Sie sind für Cuba verdorben. Das heißt, für eine spanische Zivilisation. Die albanischen Frauen verlieren ihren historischen Charme«; Ewing sprach jetzt zu Justin Gow. Es war Nina klar, daß er sich nicht mehr mit ihr beschäftigte.

»Die cubanischen Frauen haben jetzt Klubs. Sie tanzen im Sevilla Jazz. Man kann sie auf den Straßen sehen. Der hohe Kamm und die Mantilla sind verschwunden. Der Mantôn ist ruiniert worden. Aber das geschieht überall. Es hat keinen Sinn, darüber zu reden. Man kann mit Frauen nicht vernünftig sein. Früher einmal, zu diesem Glauben bin ich gekommen, waren sie liebreizend und zart und leidenschaftlich. Ich habe gelesen, daß sie einst den Mut ihrer Gefühle hatten. Ich habe ein oder zwei gesehen, höchstens zwei, denen ich die Ehre erweisen wollte, zu zweifeln. Das heißt, göttliche Geschöpfe. Es waren keine amerikanischen Frauen. Die amerikanischen Frauen sind hinter ein sehr wertvolles Geheimnis gekommen – man kann sehr viel bekommen, ohne auch nur das Geringste zu geben. Ich meine, wenn es sich um Männer handelt. Die amerikanischen Männer sind wohl von den amerikanischen Frauen für ihre ganz besonderen Zwecke geschaffen worden. Sicher hat es so gute Kreaturen wo anders und zu anderer Zeit niemals gegeben. Justin, für den Amerikaner bist du etwas Besonderes. So weit will ich dir ruhig schmeicheln. Du bist etwas Besonderes, und meine Schwester ist bewundernswert. Trotzdem glaube ich nicht, daß du von ihr öfter als zweimal im Jahr die Wahrheit hörst. Das ist übertrieben – einmal in zwei Jahren. Alles, was du hörst, ist wie ein Kinderbuch, sorgfältig für den Verstand Sechsjähriger hergerichtet. Mit hübschen kolorierten Bildern. Nichts anderes.« Nina sagte unfreundlich: »Es muß wunderbar sein, alles zu wissen.«

»Ein Kinderbuch mit einsilbigen Worten«, wiederholte Ewing. Endlich war er mit seinem Essen fertig, er zündete sich eine lange, helle Zigarre an und trank nachdenklich seinen Kaffee. »Alles andere würde dich beunruhigen und dir schändliche Ideen in den Kopf setzen, Justin. Aber betrachte doch die Ironie, die darin liegt – die amerikanischen Frauen haben euch geschaffen, und jetzt gefällt ihnen ihre eigene Schöpfung nicht. Ihr hängt ihnen zum Hals heraus. Ja, die Frauen, die entzückenden Frauen, sind maßlos gemein. In ihrem natürlichen und ungehemmten Zustand. Und jetzt sind sie nicht nur der Männer müde, mit denen sie sich so geplagt haben, sie sind auch ihrer selbst müde. Sie sind es müde, künstlich zu sein wie Puppen. Mit viktorianischen Papierspitzen geschmückt. Sie wollen nicht häuslich und religiös und moralisch sein. Eine religiöse Frau ist ganz einfach eine Frau, die mit ihrer Liebe nichts Besseres anzufangen weiß, eine häusliche Frau ist eine langweilige Frau, und eine moralische Frau, Justin, eine moralische Frau ist eine, die einen häßlichen Körper und ein neidisches Gemüt hat.«

»Du nötigst mir Bewunderung ab«, sagte Justin Gow vergnügt; »wirklich wahr. Es ist noch eine ganze Menge Worte in dir. Ich könnte sogar sagen, brennende Worte. Was du über meine Frau sagst – die, wie du freundlicherweise erwähnt hast, gleichzeitig deine Schwester ist – erfüllt mich mit Erleichterung. Ich hoffe nur, daß sie bei der Stange bleibt und nicht von mir verlangt, ich solle zweisilbige Worte lesen. Zweisilbige Tatsachen, Chalke. Das wäre sehr schlimm für mich. Ich habe mich daran gewöhnt, an der Hand geführt zu werden. Nina, ich fürchte, Chalke ist sich wirklich nicht des großen Vorzugs bewußt, den es bedeutet, als Bürger dieser großen Republik geboren zu sein. Meine liebe Nina, laß dir doch von ihm die lehrreiche Fabel von der Mormonenkirche und den Rüben erzählen – Zuckerrüben – und Zuckerrohr.« Nina dachte, sie wolle sich gar nichts von Chalke Ewing erzählen lassen. Plötzlich merkte sie, daß er sie sehr aufmerksam betrachtete, und wurde ganz verwirrt.

»Sie haben den größten aller Schneider«, versicherte er Nina. »Die Frage ist nur, werden seine Kleider in die Gegenwart passen? In Amerika. Ihnen, wenn ich das sagen darf, passen sie.« Justin Gow meinte: »Ich habe nicht eine Minute lang geglaubt, daß Chalke es durchhalten könnte. Er versagt – er hat Komplimente gemacht.« Sonnenlicht flutete durch die gelben Vorhänge an einem Fenster herein. »Jetzt«, erklärte Ewing, »ist es für mich Zeit, zu Bett zu gehen. Ich habe kein Interesse für den ehrbaren Tag. Die Stunden der Arbeit und Plage.« Nina sah, daß er sehr müde war. Selbst auf seinem außerordentlich dunklen Gesicht waren Schatten wahrnehmbar. Sie hatte das Gefühl, seine Worte seien jetzt nicht mehr als ein Vorwand. Eine Schutzwand, die ganz andere Dinge in ihm zu verbergen hatte. Sie konnte nicht erraten, was für Dinge das waren. Nina hatte keine Lust zu raten. Mary sagte, er bleibe gewöhnlich einen Monat in Amerika, aber einen Teil dieser Zeit verbringe er in New York. Sie hoffte, daß er recht lange dort bleiben würde. Ewings Hände waren sehr schmal, seine Finger nervös und mager. Er machte eine leichte Verbeugung, dann wandte er sich wortlos um und ging aus dem Zimmer. »Ich glaube, Mr. Ewing ist krank«, sagte Nina. »Vielleicht hast du recht«, antwortete Justin. »Gesprochen hat er nicht davon. Ich werde dich über die Straße begleiten.« Nina erwiderte, er sei ebenso schlimm wie Wilson, der sie nicht allein in den Klub, bloß um die Ecke, fahren lassen wollte. »Außerdem würdest du mich kompromittieren. Gerade jetzt kommen alle Dienstboten. Der Milchmann ist schon lange vorbei. Vielen Dank, Justin, daß ich kommen und euch zuhören durfte. Was du gesagt hast, hat mir alles gefallen.« Der Tag, fand sie, hatte bereits etwas von seiner ersten Frische verloren. Es begann heiß zu werden.

 

Undeutliche Geräusche, die, wie sie erkannte, Wilsons vorsichtige Bewegungen waren, weckten Nina endlich. Sie sah auf der Uhr neben ihrem Bett, daß es zwanzig Minuten nach elf war. Sie blieb fast nie so lange im Bett und hatte den Drang, rasch aufzustehen; sie überwältigte dieses Verlangen aber und blieb behaglich, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, auf dem Rücken liegen. Es ist Sonnabend, fiel ihr ein, Acton geht zum Lunch irgendwohin, aber Wilson und Cordelia werden zu Hause sein. Sie muß bald mit Rhoda sprechen, und dann muß sie vor dem Lunch in die Stadt zu Clough fahren. Für das Sonntagessen ist jedenfalls alles angeordnet; darum braucht sie sich nicht zu kümmern. Manche Episoden der vergangenen Nacht, vereinzelte Erinnerungen an Gesichter, Stimmungen und Vorgänge kamen ihr in den Kopf; rasch wurden ihrer mehr; bald drängte sich ein gewaltiger Strom von Eindrücken in Ninas Gehirn. Sie dachte an den Erfolg ihres Kleides; an Francis Ambler; Actons Versuche, sie zu korrigieren; Roderick Wades Trunkenheit und Bereitschaft, Händel zu suchen; an Mr. Lea und Evelyn Delaney. Nina dachte systematisch an die zahllosen Männer, die mit ihr getanzt hatten. Sie erinnerte sich an Wilsons Aufregung wegen des Champagners; sie konnte Cora Lisher in ihrem schlecht zusammengestellten schwarzen Kleid und ihren rosa Strümpfen sehen; Justin Gow, wie er nach Annabel fragte. All das brachte Nina Henry auf Marys Bruder, auf Chalke Ewing.

Ihre Abneigung gegen ihn, merkte sie, hatte sich in eine allgemeine und ruhige Neugier verwandelt. Nina störte es nicht, daß sie über ihn nachdachte. Er erregte sie nicht. Sie war mehr als ein wenig amüsiert über die Haltung, die sie ihm gegenüber eingenommen hatte. Die patriotische Anspräche, die sie in Mary Gows Küche gehalten hatte, schien ihr von unwiderstehlicher Komik zu sein. Allerdings war er eher grob als das Gegenteil gewesen, er hatte sie ganz und gar verärgert, aber jetzt sah sie zum erstenmal den Grund dafür. Das schien ihr eine sehr wichtige Entdeckung zu sein. Seine Grobheit ist in Wirklichkeit nicht mehr und nicht weniger als eine allgemeine persönliche Gleichgültigkeit gegen sie. Das irritiert an jedem Mann, der überhaupt möglich ist, jede Frau, die noch einen Rest von – von Reizen hat. Nina begriff, daß dies andersherum ebenso wahr sei, daß Männer, junge oder alte, anziehende oder schauderhafte, einfach wütend werden über Frauen, die sie ignorieren. Was sie an Chalke Ewing also störte, war dann, daß er sie tatsächlich ignoriert hatte. Er hatte wohl von ihrem Kleid gesprochen, aber sein Verhalten dabei hatte seinen Worten alle Eigenschaften eines Kompliments genommen.

In ihrem Bad fiel Nina etwas Merkwürdiges auf – sie wußte fast alles, was Chalke Ewing, während sie halb schlief, zu Justin gesagt hatte. Es hatte einen tiefen Eindruck auf ihr Wesen gemacht, das zwischen Bewußtsein und Traumzustand schwebte. Alkibiades und Perikles und Plato, wiederholte sie sich. Der erste hatte große Gaben für die Marine; Perikles war der Unlauterkeit angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Plato war gezwungen worden, den Unterricht als Gewerbe zu betreiben. Nina hatte eine Vision, die auf irgendeine Weise die Zeit aufhob; die Fellbekleidungen der griechischen Barbaren wurden zu schönem weißen Tuch; die Nasen der alten Juden änderten ihre Gestalt, während sie sie betrachtete; Ägypter verwandelten sich in römische Monteure, die lange Kupferrohre um ragende Amphitheater legten. Sie sah die Vereinigten Staaten für einen Augenblick aufgeblasen vor Überhebung und dann für immer erledigt, wie wenn jemand sie gleich einer Karte aufrollte und in den Papierkorb würfe. Es ist wirklich ganz gleichgültig, was Chalke Ewing über die Vereinigten Staaten sagt, so belehrte sich Nina. Es kann nicht im Geringsten Wirkung haben. Er kann ihnen nicht weh tun. Natürlich übertreibt er fürchterlich – Männer tun das fast immer – aber in dem, was er gesagt hatte, lag, daran zweifelte sie nicht, etwas Wahrheit. Es war ganz richtig für Chalke Ewing, zu ihnen so zu sprechen, wie er es getan hatte, aber sie hoffte, er würde in Cuba nicht über sein Vaterland reden.

Was er über Cuba gesagt hat, natürlich im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, ist barer Unsinn. Wahrscheinlich wird er das heute zugeben. Man kann ein Land, in dem es hauptsächlich Neger gibt und Männer, die einen auf der Straße erstechen – alle Frauen, die in Havanna gewesen waren, versicherten dies Nina – nicht mit dem größten Land, das es gibt, vergleichen. Während Nina ein paar Strümpfe von spezieller Farbennuance suchte, dachte sie daran, was Chalke Ewing über die amerikanischen Frauen gesagt hatte. Sie verließ diesen Gedanken für einen Augenblick, um sich ins Gedächtnis zu rufen, daß er besonders von zwei Frauen gesprochen hatte. Beide keine Amerikanerinnen. Göttliche Geschöpfe hatte er sie genannt. Sie hatten wohl in sehr vollem Maße, dachte Nina, den Mut ihrer Gefühle. Nun, eine amerikanische Frau wird dem richtigen Mann gegenüber den Mut ihrer Überzeugungen haben. Zur richtigen Zeit. Wenn man das erste findet, ist es nahezu unmöglich, das andere zu entdecken. Ist das andere da, die richtige Zeit, so fehlt meist der richtige Mann. Eine Frau, die ein Dummkopf ist, ist eben nichts anderes – sie ist ein Dummkopf. Es gibt so vieles, was auch noch in Betracht gezogen werden muß. Andere Dinge als diese. Nein, die amerikanischen Frauen sind nicht kalt; vielleicht sind sie vernünftig. Francis Ambler hat davon gesprochen. Wenn eine Frau sich weigert, einen Mann alles auf der Welt zu einer verrückten Zeit tun zu lassen, wenn sie nichts für ihn fühlt, dann ist sie natürlich kalt.

Sehr amüsant war aber gewesen, was Chalke Ewing über Justin und Mary und einsilbige Worte gesagt hatte. Sie wußte nicht, wie er das herausgefunden hatte, aber es stak eine Menge Wahrheit darin. Es geht einfach nicht, den Männern zu viel zu sagen. Man darf nicht daran denken, ihnen die Wahrheit einzugestehen. Angenommen, sie sagte Wilson Morgen für Morgen die Wahrheit. Wilson, dein Bauch sieht aus wie ich weiß nicht was. Wilson, wenn du nicht aufhörst, meine Kämme und Bürsten zu benutzen und voll kurzer grauer Haare zu machen, werde ich umkommen. Wenn du im Badezimmer so hustest und spuckst, bist du widerlich. Wilson, geh fort, irgendwohin, du bist mir heute schauderhaft unerträglich. Oder, es ist mir ganz gleichgültig, was du gesagt hast, ich höre gar nicht zu! Wilson ist jetzt schon heftig genug, wo sie so taktvoll wie nur möglich ist; wenn sie ihm die Wahrheit sagt, wird er sie umbringen. Nina klingelte Rhoda. Sie kam fast augenblicklich, das vertraute Stück Papier, die Liste der Bedürfnisse des Haushalts, in der Hand. »Haben Sie sich gestern nacht amüsiert, Miss Nina?« Darauf konnte Nina nicht ganz positiv antworten. »Ja, Rhoda, ich glaube schon. Mein Kleid war ein großer Erfolg, aber es war wie bei den meisten Tanzereien im Landklub.« Ja, meinte Rhoda, das hätte sie so erwartet. »Ich habe gehofft, daß Sie noch etwas Farbiges nehmen würden«, fuhr sie fort, »ich glaube, Sie hätten sich besser unterhalten, wenn Sie etwas Lebhafteres angehabt hätten. Sie sind so hübsch, wenn Sie etwas Lebhaftes an sich haben, Miss Nina.

»Alle haben mit mir getanzt«, erzählte Nina weiter. »Meine Strümpfe habe ich ruiniert. Nicht, daß Maschen gelaufen wären. Ich habe Löcher hineingetanzt.« Nein, das wäre ja großartig, antwortete Rhoda; sie war überaus befriedigt. »Haben Sie einen Schatz gefunden?« fragte sie. »Ich meine einen richtigen. Sie wissen, was ich meine, Miss Nina.« Nein, sagte Nina entschieden, sie hätte keinen Schatz gefunden. Sie könne keinen richtigen finden. »Das sollten Sie aber, so süß wie Sie sind«, versicherte ihr Rhoda. »Irgendein Herr sollte direkt auf Sie losgehen. Losgehen, aber auf Mr. Wilson achtgeben.« Rhoda lachte schallend. »Was brauchen wir, Rhoda?« fragte Nina. »Ja, einen halben Liter Sahne, Miss Nina, für einen Pudding; ein halbes Pfund geräucherte Rinderbrust für den Lunch heute; ein nicht ganz frisches Brot; und dann brauche ich zwei Pfund Pflaumen, die großen; über die kleinen schimpft Mr. Wilson. Eineinhalb Dutzend Orangen zum Ausdrücken; ein Pfund Butter; vier Riegel Wäscheseife, drei Bund Petersilie; und ich habe keinen Meerrettich für eine Sauce zum Alsenrogen.«

»Alsen wird es bald nicht mehr geben, Rhoda«, sagte Nina Henry. »Das ist richtig, Miss Nina. Sie scheinen kaum da zu sein, und schon sind sie auch weg. Kommen und gehen so. Bei uns allen ist das so – nur kommen und gehen. Alles, was man zu tun hat, ist, mit irgendwem Schlafengehen, und das erste, was man weiß, ist, daß man große Kinder hat. So war es mit mir.« Sie lachte aber. »Genau dasselbe sagte in der Nacht Mr. Ewing«, erzählte ihr Nina. »Alles kommt und geht bloß. Nicht nur die Menschen, auch die Länder. Die Länder in der Vergangenheit, Griechenland und Rom, haben keine Dauer gehabt; und Mr. Ewing meint, den Vereinigten Staaten wird es auch so gehen.« »Ich denke schon«, antwortete Rhoda. »Das ist richtig. Die alten Länder wie die Menschen. Kommen und gehen, das ist alles, was es gibt. In der Bibel steht, die Erde wird vergehen und vernichtet werden, wenn das Wort gesprochen wird. Hoffentlich wird vorläufig niemand das Wort sagen.« Nina setzte einen kleinen, eng anliegenden, kleidsamen Hut auf das Haar, nahm ein Paar weiße Wildlederhandschuhe und ging zum Stall hinunter. Der Stall des Henry-Anwesens, wie das Haus aus viereckig behauenem Diorit gebaut, war noch ein Stall; er widerstand jedem Bemühen, ihn als Garage zu bezeichnen. Es war ein zweites Stockwerk mit einem Heuboden da, und spitze Fenster in einer Art viktorianischer Gotik. Im Wagen zog Nina die Handschuhe an und steuerte rückwärts hinaus. Sie fuhr glatt und geschickt an.

 

In Cloughs Delikatessengeschäft traf Nina Mary Gow, und während Mr. Clough sie persönlich bediente, standen die beiden, ein wenig hochmütig, in einer Ecke und unterhielten sich. »Du mußt es fürchterlich gehabt haben mit Chalke und Justin«, sagte Mary. »Ich weiß, wie sie sein können. Justin sagte, du hättest ihnen in der Küche Bescheid gesagt. Das wundert mich nicht. Chalke scheint noch schlimmer gewesen zu sein als sonst. Ist es wahr, daß du mit Roderick Wade hinausgegangen bist? Ich habe ihn gesehen, er war fürchterlich betrunken.« Das sei durchaus wahr, antwortete Nina. »Ich glaube, er hat zum erstenmal mit mir getanzt, Mary. Er sagte, es wäre, weil ich nicht aussehe wie eine Köchin, oder so etwas Ähnliches. Ich glaube, es war das Ishtarre-Kleid.« Mary versicherte ihr, das könne ihrem Ruf nichts schaden. »Wenn du einen Büstenhalter gehabt hast, kann davon keine Rede sein.« Sie habe den Halter mit der Binche-Spitze getragen, erwiderte Nina. »Mr. Lea gefällt mir; hoffentlich ist er bald wieder einmal bei euch. Er war einigermaßen betrunken, aber ich muß sagen, Mary, er hat sich ausgezeichnet benommen. Er machte beim Dinner einen Versuch mit Evelyn Delaney, aber sie wies ihn zurück. Etwas laut, fand ich. Evelyn ist hübsch und auch gut, Mary, aber irgendwie scheint das nicht genug zu sein. Nicht ganz genug.«

Mary Gow erzählte, sie wisse nicht mehr, was sie Chalke zu essen geben solle. Er esse zum Beispiel gern Avogadobirnen, behaupte aber, daß sie nur in klare Suppe gehören. So esse man Avogadobirnen in Havanna in einem Lokal, das Paris heiße. »Er meint, man soll Orangen mit Fleisch kochen. Orangen und Beefsteak, Nina. Es ist schon nicht einfach mit Justin, wenn wir allein sind. Und dann geht Chalke nie aus; er sitzt immer auf der Terrasse oder unten, und immer ist er bereit zu reden; auf den Zuckerzentralen hat er wohl nicht viel Gelegenheit dazu. Er spielt nicht Golf, dem Landklub will er überhaupt nicht in die Nähe kommen, und Bewegung haßt er. Chalke sitzt bloß da und trinkt und raucht. Ich gebe dir mein Wort, Nina, ich traue mich nicht, jemanden dazu einzuladen, daß er sich zu ihm setzt und mit ihm trinkt. Nach dieser Nacht mußt du ja wissen, was ich meine. So redet er über alles. Alles!«

Nina Henry räumte ein, sie wisse, was Mary meine. »Mr. Henry haben die Pflaumen nicht geschmeckt, Mr. Clough«, erklärte sie. »Er sagte, sie sind zu klein.« Mr. Clough bedauerte, Mr. Henry mit den Pflaumen nicht zufrieden gewesen sei. »Diesmal schicke ich Ihnen Jumbopflaumen«, sagte er noch. »Die größten Pflaumen, die zu haben sind, und ebenso prima wie die von Frankreich in Gläsern verschifften. Genau so wie die Importware. Mrs. Gow, sagen Sie doch, bitte, dem Richter, daß wir jetzt einen echt italienischen Käse führen, der, wie er es haben wollte, zu Zwiebelsuppe paßt.« Mary Gow gab rasch zur Antwort: »Er hat die ganze Zwiebelsuppe vergessen, und es würde mir nicht im Traum einfallen, ihn daran zu erinnern, Mr. Clough. Sie macht so viel Arbeit.« Er wandte sich an Nina Henry: »Sonst noch etwas? Wenn nicht, lasse ich das Paket in Ihren Wagen hinausbringen.« Draußen fand Nina Francis vor, der ihr sagte: »Sie sind heute spät bei Clough. Aber das wundert mich nicht. Kann ich eine halbe Stunde mit Ihnen fahren?« Das wäre reizend, antwortete Nina Henry, die hoffte, daß Wilson sie nicht sehen werde. Sie dachte darüber nach, was Wilson über Männer am Vormittag denken würde, da sie ihm schon am Nachmittag nicht gefielen.

»Ich war heute nacht sehr glücklich«, erzählte Francis, als der Wagen in Bewegung gesetzt war; »ich habe Sie so oft gesehen – erst die Cocktails und dann das Dinner, das Tanzen, und nachher wieder beim Champagner bei Ihnen zu Hause. Ich muß bei Ihnen immer an Champagner denken, Nina. Sie sind mein Champagner, Liebste, golden und voll silberner Bläschen.« Nina hielt bei Modreds Musikaliengeschäft in der Kingsmill Street an. »Francis, seien Sie so gut und sagen Sie Mr. Bardsley, er solle unser Radio nachsehen. Cordelia glaubt, es ist nicht in Ordnung, und wenn sie glaubt, daß das Radio nicht in Ordnung ist, kann sie selber auch unmöglich in guter Verfassung sein.« Francis Ambler schien ihr sehr jung und angenehm und sanft zu sein, zu der Welt von Mr. Clough und Modreds Musikaliengeschäft zu gehören. Eine Folge lieblicher Laute erklang in ihrer Erinnerung, Alkibiades und Perikles und Plato. »Woran denken Sie?« fragte Francis, als er wieder im Wagen war; »Sie sind weit weg von mir.« Sie lächelte ein wenig und antwortete: »Francis, ich war Jahrtausende weit weg.« »Also, tun Sie das nicht wieder«, befahl er ihr. Francis ließ eine Hand auf ihre fallen, und sie drehte die Fläche nach oben, um seinen Druck zu erwidern. Sie hatte Francis sehr, sehr gern. »Ich liebe Sie, Nina«, sagte er mit leiser, unruhiger Stimme. »Nina, ich liebe Sie, das wissen Sie, nicht wahr?« Sie war mit einer plötzlichen kleinen Verkehrsverstopfung an einer Straßenkreuzung beschäftigt. »Lieben Sie mich wirklich?« fragte Francis.

Nina nickte bejahend, ohne ihn jedoch anzusehen. »Es ist ganz und gar Ihre Schuld, daß ich heute nacht so glücklich war«, sprach er weiter; »Sie haben mir so viel versprochen. Oh, nicht mit wirklichen Worten, aber das Versprechen lag in Ihrer Stimme.« Sie blickte ihn mit einem leichten Stirnrunzeln an. »Wann war das, Francis?« fragte sie. »Meinen Sie nicht, Sie könnten mich mißverstanden haben? Es ist so schwer, eine Stimme richtig zu verstehen.« Francis Ambler warf einen Blick auf sie und sah dann fort. »Nein«, sagte er ruhig, »ich habe Sie nicht mißverstanden. Vielleicht hätte ich nicht sagen sollen, was ich gesagt habe. Ich war dumm.« Er sei durchaus nicht dumm, behauptete sie. »Das weiß alle Welt.« Ihr Ton wurde fast ungeduldig. »Aber ich verstehe nicht, was Sie mit dem Versprechen meinen.« »Nina, ich will nicht mehr darüber reden. In dieser Art.« Hinter seinem zurückhaltenden Benehmen war deutlich ein aufflammender Ärger, etwas Ungeduldiges zu spüren. »Sie erinnern sich nur an das, woran Sie sich erinnern wollen«, sagte er ihr. »Natürlich«, gab sie vergnügt zu, »ist das nicht vernünftig von mir? Aber ich kann mich doch nicht gut an etwas erinnern, was gar nicht geschehen ist, nicht wahr?« Das, versicherte er, sei nahezu bösartig. »Ich will Ihnen etwas sagen, Nina – Sie haben mich hoffen lassen, daß meine Gefühle für Sie Erwiderung finden werden. Daß Sie mir, einmal, Ihre ganze Liebe schenken würden.«

Selbstverständlich hatte sie diese Hoffnung in ihm erweckt; sie erinnerte sich deutlich jedes Wortes, jedes versteckten Sinnes. »Francis, Lieber«, sagte sie, seine Hand nehmend, »das ist doch nicht gut möglich, ich bin ja selbst gar nicht sicher. Wenn Sie mich immer bitten, sicher zu sein, wenn Sie auf einer Antwort bestehen, vor allem vormittags, wenn ich in der Stadt bin, beim Einkaufen, dann fürchte ich, werden Sie eine Antwort bekommen, die Ihnen nicht gefällt.« Um seinen Mund erschien eine Linie, die deutlich zeigte, welche Anstrengung es ihn kostete, sich zu beherrschen. Für einen Augenblick war er älter, als sie glaubte. Nina merkte, daß er sich besonders gut in der Hand hatte. Gleichzeitig war sie losgelöst von ihm, wie schon lange nicht. Das machte sie ein wenig grausam, ein wenig rachsüchtig. Sie konnte nicht darauf kommen, warum. »Wo soll ich Sie absetzen?« fragte sie; »ich kann leider nicht mehr.«

»Wo Sie wollen«, antwortete er; »an meinem Wagen wird eine Bremse in Ordnung gebracht, das wird jetzt fertig sein. Ich möchte Sie natürlich am Nachmittag gern sehen.« Nina fürchtete, das werde sich nicht machen lassen. »Ich werde bestimmt mit Wilson zu tun haben, er ist in ziemlich schlechter Stimmung. Für ihn hat es heute nacht zu viel Lustigkeit gegeben, glaube ich.«

Beim Lunch war Wilson, wie sie erwartet hatte, schwierig. Er ärgerte sich über Cordelia. Dagegen zeigte Cordelia wunderschöne Ruhe. »Und schließlich«, sagte er ihr unnötig laut, »hast du nicht die ganze Nacht zu schwimmen. Richter Gow hat Annabel bestimmt dasselbe gesagt.« Cordelia hatte Annabel Gow gesehen. »Nicht ganz«, antwortete sie, »er hat sie bloß gefragt, wo sie wählen wird – in Eastlake oder im Steinbruch. Das war doch albern, nicht? Es wird noch Jahre dauern, bis Annabel wählen kann.« Wilson Henry erklärte, das habe nichts mit dem zu tun, was er eben gesagt hätte. Als Cordelia höflich gefragt hatte, ob sie aufstehen könnte, sprach Nina mit Wilson Henry. »Du mußt unbedingt vorsichtiger sein, wenn du Cordelia und Acton etwas sagst. Wenn es nicht ganz genau richtig ist, wenn du bloß verärgert bist und das zeigst, bist du verloren.«

»Ich denke nicht daran, Angst vor meinen eigenen Kindern zu haben«, erwiderte er scharf. »Übrigens kann ich nicht begreifen, wie du mit ihnen fertig wirst.« Gestern abend habe er das können, erinnerte sie ihn. Gestern abend hatte er ihr Komplimente darüber gemacht. Wilson schwieg verdrossen. »Du unternimmst nie etwas mit mir«, beklagte er sich schließlich. »Ich habe eine Frau und Kinder und ein Haus, und drei oder vier – vier, um genau zu sein – faule Dienstboten, aber von all dem habe ich nie eine Annehmlichkeit.« »Was willst du, was soll ich tun? Golf spielen?« fragte Nina. Ja, er wolle mit ihr Golf spielen. Weil er, fügte Nina bei sich hinzu, Cora Lisher nicht jede Minute des Tages sehen kann. Und der Nacht. »Um Gottes willen«, rief er ihr nach, »zieh nicht diese dünnen Seidenstrümpfe an, die sehen auf dem Golfplatz unmöglich aus.« Wollstrümpfe, sagte sie sich, während sie seidene anzog, sehen auf ihren Beinen unmöglich aus.

 

Sie erzählte einer Anzahl von Frauen, die sie zum Lunch eingeladen hatte, von den Strümpfen und Wilson. »Wilson ist vielleicht für andere Frauen gut, oder für England, aber für mich ist er es nicht. Ich weiß einiges von mir, und dazu gehört, daß meine Beine Wollstrümpfe nicht vertragen. Meine Fesseln sehen dann kolossal aus. Sie sind schon so dick genug, aber in Wolle sind sie einfach unmöglich.« Mary Gow hatte sehr kurze, bunte Wollsocken gesehen, die beim Golf und beim Wandern über Seidenstrümpfen getragen wurden. »Angora und ganz reizend.« »Seidenstrümpfe«, sprach Nina weiter, »sind beim Golf vielleicht nicht bequem, aber mir ist die Unbequemlichkeit in ihnen lieber als alle Bequemlichkeiten. Versteht ihr, was ich meine?« Offenbar verstanden sie alle Frauen, die da waren. »Wenn ich auf Wilson hören und sie anziehen würde«, fuhr Nina fort, »und wenn er plötzlich meine Beine dick finden würde, würde er sagen: ›Mein Gott, Nina, ich habe gar nicht gewußt, daß du so dicke Beine hast!‹ Alles vorher würde nichts damit zu tun haben. Das ist ungerecht, aber die Männer sind so.« Sie wurde unterbrochen. »Sie meinen die Ehemänner.« Das meinte Nina. »Sie wollen, daß man anzieht, was sie vernünftig nennen, und gleichzeitig soll man so gut wie möglich aussehen.«

»Darin sind sie auch sehr komisch«, fügte Evelyn Delaney hinzu. »Sie wollen, daß man gut aussieht, aber nicht zu gut. Wenn man unten zu kurz ist, oder oben zu tief ausgeschnitten, du guter Gott! Die Ehemänner wollen, daß andere Männer einen bewundern, ohne daß sie etwas sehen. Ich sage Ambrose, daß das unmöglich ist. Man kann kein Geschäft machen, wenn man nicht wenigstens Muster von der Ware zeigt. Wenn die Männer frech mit einem sind, dann glaubt der Ehemann immer, daß mit den Männern etwas los ist, und wenn sie nicht frech sind, meint er, daß mit der Frau etwas los ist. Man kann es machen, wie man will, man macht es falsch. Zum Beispiel trinken«, sagte Evelyn, den Cocktail austrinkend, den sie sich zum Tisch geholt hatte. »Solange man verlobt ist, findet der junge Herr und Gebieter es wunderbar, wenn man einen kleinen Schwips kriegt. Mit ihm natürlich; keine Zuschauer, höchstens die eigene Familie. Die Familie der Frau. Aber wenn man einmal verheiratet ist und dann auch nur einen halben Schluck zuviel trinkt, fängt er an, für die Kinder zu beten.

Ich habe Ambrose gern, alle wissen, daß ich ihn liebe, aber er macht mich ganz elend, weil er von mir erwartet, daß ich im Schlafzimmer eine ganz tolle Nummer bin, und auf der Veranda Evchen, der kleine Sonnenstrahl.« Am anderen Ende des Tisches wurde geflüstert und unterdrückt gelacht. »Das ist Elsa«, erklärte Delia Bache. Elsa Carpenter sagte, es sei nichts. »Howard ist fort; er hat gesagt, er kommt Freitag zurück, und gestern nacht hatte ich einen furchtbaren Traum, ich wachte starr vor Entsetzen auf – ich hatte gedacht, daß er Donnerstag zurückkommt.« Evelyn fuhr fort: »Sie wollen, daß man ein Ausbund von Leidenschaftlichkeit ist, aber nicht so aussieht. Wie eine Schaumrolle, mit Kognak gefüllt. Die Ehemänner glauben, daß etwas Besonderes in einem vorgeht, wenn man heiratet – ihr braucht gar nicht zu feixen, was ihr denkt, meine ich gar nicht – und daß die Eitelkeit in einem sich ganz einfach auf die andere Seite umdreht und stirbt. Sie meinen wirklich, daß das geschieht. Eine Zeitlang sieht es so aus. Ein paar Wochen oder ein paar Monate, solange außer dem eigenen Mann keiner in Frage kommt. Und ich bin da gar nicht verbittert; schließlich wissen alle, was ich von Ambrose halte; und gar so leidenschaftlich bin ich auch nicht.«

»Evelyn hat unrecht«, sagte Elsa Carpenter. Sie war die einzige Frau am Tisch, die eine Scheidung hinter sich hatte; Elsa, die nicht in Eastlake geboren war, dachte Nina, war eigentlich die einzige geschiedene Frau, die sie kannte; das gab ihrem Urteil das Gewicht größerer Erfahrung. »Ein Ehemann will gar nicht, daß man ein Ausbund an Leidenschaftlichkeit ist. Wenn man sich wie so ein Ausbund benimmt oder ihn merken läßt, daß man einer sein könnte, gerät er ganz aus dem Häuschen. Die Wahrheit ist, daß er an seiner Frau nicht viel Vergnügen findet. In seinem Innersten denkt er immer, daß dieses Vergnügen nicht ganz anständig ist. Man darf nicht vergessen, daß er gewöhnlich nichts davon weiß; und selber kann man natürlich nur wissen, was er einem zeigt. Manchmal macht das alles sehr schwierig. Das ist wirklich bös, wenn man bedenkt, was die Ehe sein könnte. Es ist wirklich ein Fehler, und zwar ein gefährlicher, überhaupt nachzudenken. Bei seinem eigenen Mann kann man nie Erfolg haben. Ich bin auch nicht verbittert. Ehemänner sind so.« Mary Gow fragte: »Cora, was meinen Sie?«

Nina warf einen neugierigen Blick auf Mary und betrachtete dann offen Cora Lisher. Cora war noch ruhiger und überlegter als sonst. »Ich weiß nicht, was ich meine, Mary. Wahrscheinlich nicht viel. Ich zerbreche mir über solche Dinge nicht den Kopf. Wenn Evelyn Delaney und Elsa das herausgefunden haben, haben beide recht. Es hängt davon ab, was man erlebt, nicht? Was ich erlebt habe, war anders. Thomas war, während ich mit ihm verheiratet war, die ganze Zeit krank; er war krank, und ich hatte den größten der Zeit damit zu tun, daß ich Anna Louise bekam. Ich muß sagen, ich war sehr glücklich. Ich habe wahrscheinlich etwas versäumt, aber das macht mir keine Sorgen. Als Thomas starb, hatte ich Anna Louise.«

Nina Henry konnte nichts Interessantes, nichts Bedeutendes darin finden. Es waren Gemeinplätze. Coras Gesicht, hatte Wilson einmal gesagt, wäre ideal für einen Pokerspieler. Zu Ninas großer, stiller Belustigung fragte Mary Gow Cora weiter aus. »Nun, und was ist mit Anna Louise? Was für Pläne haben Sie für sie?« Nina Henry hatte den Eindruck, daß auf Coras Gesicht ein leichter Glanz, wie das erste Zeichen von Hitze an der Eisentür eines Ofens, erschien, sooft die Rede von Anna Louise war. »Ich habe keinen Plan«, gab sie zur Antwort; »es ist eine Hoffnung. Ich will, daß sie glücklich wird. Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um das zu erreichen.« Die plötzliche tiefe Aufrichtigkeit, die Wärme der Mutterliebe, die in ihrer Stimme schwang, machte Mary Gows Fragen, ihrer Neugier ein Ende. Einen Augenblick herrschte ein nahezu verlegenes Schweigen. Nina – es war ihr Haus – sprach zuerst. »Das wissen wir alle, Cora«, sagte sie.

»Wie gewöhnlich bin ich anderer Meinung als alle«, verkündete Mrs. Mason Ambler munter. Francis Amblers Mutter war zehn Jahre älter als die anderen; sie war eine schwere Frau mit breitem, gütigem Gesicht, die immer in ganz eng anliegendes Schwarz gekleidet war. Alle großen Rundungen ihres Leibes zeichneten sich mit unbarmherziger Deutlichkeit ab. »Aber schließlich«, fügte sie hinzu, »bin ich aus einer anderen Zeit. Sie werden sagen, daß ich ein Überbleibsel längstvergangener Tage bin. Gewissermaßen, meine liebe Nina, gewissermaßen würden Sie recht haben. Ich erinnere mich an eine Welt, die ganz anders war, als diese hier. Ganz andere Männer. Ich kam in dem Jahr, in dem der Bürgerkrieg begann, auf die Welt. Stellen Sie sich das bloß vor. Es macht mir gar nichts, Ihnen das zu sagen. Als ich den lieben Vater meines Sohnes in Pittsburgh kennenlernte – er war eben aus Eastlake gekommen, um sich an den Hochöfen seines Vetters Frank zu beteiligen – ging er ganz in geistlichen Dingen auf. Frank tat praktisch sehr viel für die Methodistenkirche, und Mason unterstützte ihn von Anfang an. Er wurde Vetter Franks rechte Hand. In geistlichen Angelegenheiten. Als ich Mr. Amblers Werbung annahm, forderte er mich auf, mit ihm niederzuknien und dem Herrn oben unser Flehen und unsere Freude darzubringen. Ich glaube nicht, daß eine der Damen hier das bei ihrer Verlobung getan hat.« Die anderen Frauen hier, sagte jemand, äußerten ihren Dank mehr privat. »Das war das Leitmotiv unseres gemeinsamen Lebens«, erzählte ihnen Ocha Ambler; »solange wir in Pittsburgh waren, nach Franks Tod und vor Mr. Amblers gesundheitlichem Zusammenbruch, nahm er alle geistlichen Pflichten, die Frank hinterließ, auf sich. Er sparte sich die Zeit von allen seinen anderen Verpflichtungen und Vorstandssitzungen ab, um den Vorsitz in Kirchenkuratorien zu übernehmen. Er spendete sehr große Summen für den Dienst unseres lieben Heilands. Wir versäumten, wenn wir nicht verreist oder krank waren, nie eine Gebetsandacht. Unser Heim war ein christliches Heim. Es kam kaum vor, daß wir nicht einen hervorragenden Theologen oder gefeierten Evangelisten bei uns hatten. Mason half ihnen auch in sehr greifbarer Weise. Seine Brieftasche war für die Bedürfnisse des Herrn nie verschlossen.

Infolgedessen blühte er auch wie der grüne Lorbeer. Mason führte seinen bescheidenen Erfolg immer auf sein gottesfürchtiges Leben zurück. Darauf und auf seine Gewohnheiten – er hat nie einen Roman gelesen, und zum Frühstück aß er jeden Morgen getrocknete Birnen. Er rauchte Zigarren, aber Zigaretten waren ihm unerträglich. Mason gestattete nicht, daß in den Gebäuden der Werke auch nur eine Zigarette geraucht wurde. Er entließ einen Aufseher, der Zigaretten geraucht hatte. Später trank er Bier, weil sein Arzt es ihm verordnete. Aber schließlich ließ er die Etiketten von seinen Flaschen entfernen und nannte es Hopfenmedizin. Sie werden darüber lachen müssen, aber ich habe Jahre gebraucht, um mir abzugewöhnen, Mr. Ambler zu ihm zu sagen. An dem Tag, an dem mein erster Junge geboren wurde – wir verloren drei kleine Jungen und ein Mädchen – erinnere ich mich, sagte ich: ›Mr. Ambler, ich habe auch einen Sohn, wie Mary.‹ Ich weiß noch, daß ich unter seinem Bart fast erstickte, als er sich über mich beugte, um mich auf die Stirn zu küssen.«

 

»Das war entzückend, Mrs. Ambler«, sagte Mary Gow aufrichtig. »Es ist schwer, sich vorzustellen, daß sich alles so geändert hat.« »Was mich an den Männern ganz allgemein verwundert, ist ihre Naivität«, meinte Nina Henry. »Ich würde es nicht wagen, das Wilson zu sagen, er würde so wütend werden, daß er mich umbringen könnte, aber es stimmt. Wenn man mit einem Mann eine Zeitlang verheiratet ist, weiß man ganz genau, schon Tage vorher, was er tun wird. Schon einige Tage, bevor er weiß, daß er es tun wird.« Sie hütete sich davor, Cora Lisher anzusehen. »Die Männer glauben, sie sind so diplomatisch, daß sie den Teufel hereinlegen könnten, und dabei sind sie so durchsichtig wie Fensterglas. Zum Beispiel Wilson: wenn er besonders nett und aufmerksam ist, weiß ich, daß er etwas – na – Zweifelhaftes tun wird. Er will es nur tun. Er hat es noch gar nicht getan. Wenn er plötzlich ziemlich schwierig und anspruchsvoll wird, wenn er alles sorgfältig auf seinen Wert, wie er es nennt, prüft, dann hat er es getan. Oh, es ist ganz sicher! Sehen Sie, wenn Wilson vorhat, etwas zu tun, wovon er meint, daß es mich kränken würde, wenn ich es wüßte, dann tue ich ihm leid, und er möchte mich so glücklich wie möglich machen. Wenn er etwas getan hat, wovon er recht gut weiß, daß es mir nicht recht wäre, dann meint er, wenn er sehr kritisch oder ein bißchen streng ist, werde ich nicht auf den Gedanken kommen, daß er etwas Unrechtes getan hat. Wenn seine Laune wirklich schlecht wird, war er enttäuscht. Das ist alles ganz klar.«

Nina blickte aufmerksam auf ihren Salat, eine Zusammenstellung von Endivie, Wasserkresse, Gurkensaft und Schlagsahne. Es wurden nicht augenblicklich Stimmen laut, nur die ununterbrochenen Geräusche des Essens waren zu hören. Das schwache Scharren von Gabeln auf Porzellan, ein beständiges leises Kleiderrascheln. Nina sagte sich, sie sei sich völlig im klaren über Wilson, aber, das ließ sich nicht leugnen, was Cora anging, da begriff sie ihre Gefühle nicht. Sie machte sich nichts daraus, daß Wilson in Cora verliebt war, sie machte sich nicht einmal etwas daraus, daß Cora Wilson liebte – was etwas ganz anderes war – und doch, trotz dieser wirklichen Gleichgültigkeit, war sie ab und zu gegen Cora so hämisch, wie sie nur sein konnte. Sie hatte nicht den Wunsch, hämisch zu sein. Es war nie vorbedacht, es geschah einfach in unerwarteten Augenblicken. Irgendein hartnäckiges, tief verborgenes Gefühl zerrte bösartig an ihrem Gleichmut. Sie machte sich nicht nur nichts aus der Sache mit Wilson und Cora; Nina war sich bewußt, daß sie sie tatsächlich begrüßte. Sie ermutigte die beiden. Mit dem in Cora verliebten Wilson Henry, dessen Herz beschäftigt war, lebte es sich viel angenehmer als zu Zeiten, da er kein derart absorbierendes Interesse, kein derart befriedigtes Gefühl hatte. Er war natürlich manchmal böse, bisweilen war er auf geradezu rohe Weise schwierig gewesen; aber jetzt, das hat sie Cora zu verdanken, ist sie eigentlich von allen Belästigungen frei. Sie kann immer sagen, wann Cora unzugänglich gewesen ist, denn dann kehrt Wilson zu seiner Gewohnheit, ihr unangenehm zu werden, zurück.

Da war wieder derselbe alte Unterschied, merkte1 Nina, zwischen dem, was tatsächlich in ihr vorging, was sie fühlte und dachte, und dem, was man von ihrem Fühlen und Denken voraussetzte. Sie konnte sich niemand vorstellen – höchstens vielleicht Chalke Ewing – der nicht sagen würde, daß ihr Verhalten zu Wilson und Cora Lisher schauerlich unmoralisch sei. Nina meinte, das müßte es wohl sein, es waren ja alle gegen sie, und doch änderte es nichts an ihren Empfindungen – wenn es ihr Leben angenehmer, leichter macht, daß Wilson und Cora zusammenleben, dann ist sie froh darüber, daß sie zusammenleben. Sie ist froh darüber, und nur die Augenblicke beunruhigen sie, in denen sie unwillkürlich Coras wegen eine schwache Bitterkeit zu empfinden scheint. Kopfzerbrechen bereitete diese ganze Situation ihr da, wo sie ihre Kinder betraf. Ihre und Wilsons Kinder. Das mußte sie entschieden auch beschäftigen.

Nina sah, daß der Lunch vorüber war. Sie stand auf. »Catherine und Elsa Carpenter und Mrs. Ambler können nicht bleiben«, erklärte sie, »es bleiben also gerade genug für eine Bridgepartie. Ich habe eine ganze Menge zu tun und möchte, daß Sie sich gar nicht um mich kümmern.« »Ich muß in einer Stunde gehen, Nina«, sagte Mary Gow. »Du kannst dann statt meiner weiterspielen.« Mary und Cora Lisher, Evelyn Delaney und Catherine Pryne gingen zu einem im Wohnzimmer aufgestellten Bridgetisch. Nina blieb stehen und betrachtete geistesabwesend die Überreste der Mahlzeit. »Alles war sehr gut, Harriet«, sagte sie ihrem Mädchen. »Bestellen Sie Rhoda, daß das Essen ausgezeichnet war. Wenn noch genug Huhn übriggeblieben ist, können wir es abends kalt essen. Dazu vielleicht Salat. Wenn Sie alles in der Speisekammer bereitstellen, werde ich ihn anrichten. Wir sollten wieder Erbsen haben – geben Sie sie in eine Silberschüssel, und vorher Grapefruit.« Nina fiel ein, daß sie das Problem des Desserts nicht gelöst hatte. Sie hatte allerdings fast absichtlich jeden Gedanken an das Dinner vermieden. Was vom Lunch übrigblieb, hatte sie gedacht, das Essen von der Gesellschaft, das würde genügen. Es war wirklich schwer mit Wilson – manchmal wollte er Dessert, er wurde richtig böse, wenn keines da war, manchmal wie« der konnte er nicht dazu gebracht werden, es anzurühren.

»Was ist mit dem Dessert, Harriet«, fragte sie fast hoffnungslos. »Mir fällt nichts ein.« Harriet sagte, es seien schöne Erdbeeren draußen. »Rhoda soll sie zu einer Sauce zerquetschen, und ich werde Ice cream bestellen. Es ist heiß, da wird das großartig sein.« Sie zündete sich eine Zigarette an. Woran hatte sie nur gedacht? Ach ja, Wilson und Cora Lisher und die Kinder. Acton und Cordelia. Nun, da gibt es nichts nachzudenken. Sie kann nichts tun. Das Gefühl der Losgelöstheit von ihrer Familie blieb. Das, schloß Nina, kommt daher, daß die anderen so losgelöst von ihr sind. Sie scheinen sie, und auch Wilson, überhaupt nicht zu brauchen. Sie sind sehr gehorsam und natürlich sehr höflich; Acton und Cordelia lieben sie, aber sie sind sehr kühl und beherrscht. Sie war überzeugt, wenn sowohl sie wie Wilson verschwänden, würden ihre Kinder in ihrer jetzigen glücklichen, kritischen und leicht humorvollen Weise weiterleben. Sie ging langsam in das Wohnzimmer, wo das Auctionbridge glatt vor sich ging. So glatt, sollte das heißen, als es mit Evelyn möglich war. Evelyn spielte nicht sehr gut. Und, was schlimmer war, sie machte sich nichts daraus. Das Bridge imponierte ihr nicht.

Nina Henry ging hinauf und bewegte sich zerfahren hin und her. Wäsche, sauber mit einem Handtuch zugedeckt, war in einem Korb gekommen, diese räumte sie auf. Sie legte Wilsons Socken zusammen und steckte sie in die Schublade. Einige Paare mußten gestopft werden, die legte sie in ein Stopfkörbchen. Ein Paar schwarzer Seidenstrümpfe, das hoffnungslos ruiniert war, warf sie weg. Die Wäsche bestand fast ausschließlich aus Wilsons Sachen. Drei Nachthemden von ihr waren dabei und vier dünne, farbige Schlüpfer, zu denen sie passende Taschentücher hatte. Sie sah in den Taschentuchkasten, um sich davon zu überzeugen, ob die Taschentücher dort wären. Sie waren da. Dann ging sie zu dem Schrank, in dem ihre Kleider hingen – das von Ishtarre gemachte Kleid sah selbst auf dem Bügel gut aus; der Rock hatte, bewegungslos im Schrank, einen Schwung, der vielleicht vom Tanzen kam. Ihr schönstes Abendkleid! Es gewährte ihr eine gewisse Sicherheit, wenn sie es bloß ansah, berührte. Nina schüttelte den Tüll leicht auf. Mit was für einer phantastischen Nacht hatte der Bürgerkriegsgedenktag geendet! Alkibiades und Perikles und Plato. Ihre Gedanken kehrten zu Chalke Ewing zurück. Er war eigentlich sehr hübsch. So mager und sicher. Er war gleichzeitig zart und sehr männlich. Seine Stimme war tatsächlich hart.

Er war, das wurde ihr jetzt bewußt, mehr als ein bißchen betrunken gewesen. Chalke Ewing wußte so viel, daß der Gedanke daran sie schwindeln machte. Justin Gow wußte viel, aber er war schließlich Richter; die meisten Männer, die sie kannte, wußten außerhalb ihres Geschäfts und des Golfs nichts. Golf und ein Geschäft. Was sie sonst noch beschäftigte, waren Vorurteile, Vermutungen und konservative Überlegungen. Wilson wußte nichts außer den Dingen seines Holzgeschäfts, Golf und einigen Lokalereignissen. Er legte auch keinen Wert darauf, etwas anderes zu verstehen, oder über anderes zu sprechen. Francis Ambler war besser. Er konnte über Kunst reden und reiste in Europa. Er las Bücher. Aber seine Anschauungen waren zu engherzig. Sie waren engherzig, entschied Nina, nicht weil sein Verstand stumpf, sondern weil sein Leben stumpf war. In der Hauptsache Eastlake und teure Hotels. Sie konnte sich ihn in den Hotelspeisesälen Europas vorstellen, wie er hochmütig mit seiner Mutter speiste. Francis war angeblich bei Hatton and Company in der Stadt, um für diesen soliden und reichen Konzern Papiere zu verkaufen, aber er fuhr nicht sehr oft in die Stadt. Seine Mutter machte ein großes Tamtam, wenn er sie verließ, sie wollte, daß er gar nichts täte; sie hätten genug, sagte sie. Mrs. Mason mengte sich in alle seine Pläne ein.

Sie mußte hinuntergehen; Mary Gow würde sich bald verabschieden. Nina hatte keine Lust, Bridge zu spielen; sie hatte keine Lust, überhaupt etwas zu tun; sie wollte ihr Fühlen und ihre Gedanken für sich behalten, es vermeiden, mit dem Leben und den Menschen in Berührung zu geraten. In gewissem Sinne gehörte sie nicht zu ihnen; es war so vieles in ihr, wovon die anderen nichts ahnten. Nichts wußten. Nina hatte das Gefühl, so fern zu sein wie die alten Griechen. Ferner als die Römer, denn die Griechen waren ja um so viel früher dagewesen.

 

Mary Gow drückte ihre Zigarette mit einer Geste der Endgültigkeit aus und stand auf. Sie legte acht Dollar auf den Tisch. »Ich danke dir, Nina«, sagte sie; ich habe mich großartig amüsiert, mit den schlechtesten Karten, die man sich denken kann.« Nina Henry hatte weder Glück noch Unglück; sie spielte Bridge nicht ausgesprochen gut und nicht ausgesprochen schlecht; ihr Spiel war höchstens durchschnittlich, aber zerstreut. Cora spielte sehr langsam, sie bewegte schweigend die Lippen und runzelte die Stirn. Gegen Ende machte auch sie einige ausgesprochene Fehler. Delia Bache spielte geschickt, ab und zu wurde sie ungeduldig, aber ihr Ärger verflüchtigte sich sofort. »Spielen Sie aus, Evelyn«, sagte sie. »Mein Gott, sogar Nina weiß ja, daß Sie ein Treff haben«. Evelyn spielte die Treff-Sieben aus. Delia nahm den Trick mit einem niedrigen Trumpf. »Ich verstehe nicht, wie Sie das machen«, sagte ihr Evelyn. »Das ist doch ganz leicht«, antwortete Delia lebhaft, »ich kann Ihnen sagen, wie man Bridge und jedes andere Spiel vollkommen beherrschen kann.« »Delia!« rief Evelyn. »Hoffentlich machen Sie sich keinen Scherz mit mir. Stellen Sie sich doch vor, was das für Ambrose bedeuten wird.« Delias Antwort war kurz. »Denken Sie«, sagte sie. Evelyn war sicher, daß dahinter etwas steckte. »Ich kann nicht denken«, behauptete sie, »ich glaube, ich will auch gar nicht denken. Selbst Ambrose zu Gefallen. Mir gelingt jetzt alles so gut, außer beim Bridgespielen.«

»Ich wußte nicht, daß Evelyn noch ein Treff hatte«, gab Nina zu. »Ich dachte, es wären schon alle ausgespielt. Ich will noch ehrlicher sein – es war mir ziemlich gleichgültig. Wilson meint, das ist auch der Haken bei meinem Golfspiel. Er sagt, mir liegt nichts daran. Ihm ja – er wird wütend. Immer wieder.« Delia Bache fragte: »Ja, woran liegt Ihnen denn etwas?« Evelyn sagte, sie sei froh, daß Delia diese Frage nicht ihr gestellt habe. Nina war sicher, daß es nicht Spiele seien. »Alle Menschen, die mir nahestehen«, fuhr sie dann zögernd fort. »Kleider. Aufregende Theaterstücke über nette Leute in Schwierigkeiten. Die, in denen gesungen und getanzt wird, mag ich gar nicht. Chanelparfum. Ishtarre ist natürlich herrlich. Ach ja, und mein Bad.« Delia Bache sagte, sie könne das nicht verstehen. »Bridge und Golf erhalten mich am Leben. Nina, so gern ich Sie auch habe, ich muß sagen, ich glaube, bei einem Menschen, der diese beiden Dinge nicht mag, ist etwas nicht in Ordnung. Ich meine, wenn es sich nicht um einen ausgesprochenen Idioten handelt.« Evelyn warf ein, sie sei offenbar ein solcher Idiot. »Bridge ist etwas so Wunderbares für den Verstand, und Golf ist das beste für den Charakter, was es auf der ganzen Welt gibt«, fügte Delia hinzu. »Sicher haben Sie recht«, sagte Nina, »und ich bin wie Evelyn bereit zuzugeben, daß ich im Unrecht bin. Dinge, die für den Charakter gut sind, sind mir verdächtig. Sie sind gewöhnlich viel zu unbequem. Ich will aufrichtig sein wie Ocha Ambler und zugeben, daß ich über vierzig bin; nur ein bißchen, aber darüber; und ich will es gut haben. Wenn das schwach sein heißt, dann hoffe ich, daß ich die Fähigkeit zum Schwachsein haben werde.« Delia Bache, dachte sie, war doch, wenn man alles in Betracht zog, ziemlich albern. »Es ist doch eigentlich schade, daß Joel Delia nicht hören konnte, nicht?« sagte sie noch; »sie war großartig.«

Ein Schatten unterbrach den hellen Sonnenschein des Junitages. Nina war Strohmann und ging an eines der Fenster. »Es wird ein Gewitter geben«, verkündete sie. Eine dunkle Wolkenbank wälzte sich über der Kingsmill Street herauf; das Laub der Ahornbäume vor ihr war eine fahle, kalkiggrüne Masse. »Bei mir ist alles offen, und kein Mensch ist zu Hause«, rief Cora Lisher. »Hören wir lieber auf«, sagte Delia. »Wir haben gerade einen Rubber fertig.« Sie habe, teilte sie mit, einunddreißig Dollar gewonnen. Nina stand glatt. Evelyn hatte einundzwanzig Dollar verloren und gestand offen, das Vergnügen, das sie gehabt habe, sei das nicht wert. Sie bot Cora an, sie sofort zu ihren Fenstern zu bringen. »Es war wirklich besonders nett«, sagte Cora zu Nina Henry. Nina lächelte sehr freundlich. »Das freut mich sehr«, antwortete sie. »Sie müssen bald einmal abends zum Essen zu uns kommen. Wilson wird Sie abholen.« Cora dankte ihr. »Das wäre wirklich reizend. Aber Wilson soll sich nicht bemühen; mein Wagen ist wieder fast wie neu.« Nina gab nicht nach. »Es wird keine Mühe für Wilson sein. Er wird es sehr gern tun, das wissen Sie, Cora.« Cora Lisher sagte, sie mache sich nicht gern abhängig. »Natürlich«, erwiderte Nina verständnisvoll, »Ihre Situation ist doch eigentlich recht glücklich, nicht? Ich meine, ohne Mann, der Ihnen Scherereien macht. Liebe hält wohl die Welt in Bewegung, aber es ist so oft die falsche Richtung, meinen Sie nicht auch?«

»Für mich trifft das nicht zu«, gab Cora zur Antwort; »mein Leben war zu sehr von Tätigkeit ausgefüllt, um sich nach rückwärts zu bewegen.« Sie war wirklich ganz idiotisch mit ihrem Leben. Aber schließlich, rief Nina sich ins Gedächtnis, wenn Cora jetzt von Thomas Lisher sprach, meinte sie Wilson. Es freute und wunderte sie, daß Wilson, wie es schien, alles war, wonach Cora verlangen konnte. Es war offenbar, daß Wilson kolossale Fortschritte gemacht hatte. Er war nicht schlechter als andere Männer, er war viel, viel besser als die meisten, aber er war nicht alles, was eine vernünftige Frau begehren konnte. »Sie werden es kaum glauben«, sagte ihr Nina, »aber es ist wahr – Wilson war früher sehr hübsch. Nahezu schön. Er sieht jetzt auch nett aus, das meine ich nicht, aber er ist zu dick. Wilson kommt in die fahre.« Cora war mit einem Paar unfeiner dunkler Handschuhe beschäftigt. »Ich habe immer gefunden, daß Wilson vornehm aussieht«, sagte sie schließlich in gelassenem Ton. Das sei sehr freundlich von ihr, antwortete Nina. Als alle gegangen waren, klingelte sie Harriet. »Bitte, räumen Sie den Bridgetisch ab«, ordnete sie an; »heben Sie die Karten auf und nehmen Sie die Aschenbecher und die Gläser fort. Die Flasche können Sie im Speisezimmer lassen.«

Sie wollte nichts sehen, was sie an die Bridgepartie erinnerte. Es donnerte in der Ferne schwach, die Luft verdüsterte sich für einen Augenblick, und dann kam die Sonne am Rande der Gewitterwolken wieder zum Vorschein. Die Rotkehlchen zwitscherten süß und laut auf dem Rasen. Das Telefon klingelte, und Harriet kam wieder. »Miss Mary möchte Sie sprechen«, sagte sie. »Nina«, wurde Mary Gows Stimme vernehmbar, »als ich nach Hause kam, war Chalke da, wieder von New York zurück. Willst du nicht mit Wilson zum Dinner herkommen? Es wäre vielleicht angenehmer für dich nach diesem Lunch, und Justin würde sich ganz besonders freuen.« Nina antwortete, Wilson sei noch nicht zu Hause. »Du weißt, wie er ist. Oder vielmehr, Mary, du weißt nicht, wie er ist. Er muß bald da sein. Kann ich noch einmal anrufen?« Mary Gow sagte, das gehe, und bei Nina sei es ganz entzückend gewesen. Nina wiederholte in ihrem Inneren: Chalke Ewing.

Sie wußte noch ganz genau, wie er aussah – das Haar wie eine zerdrückte Silbermütze, eine große Nase, und amüsierte, ungemütliche Augen. Helle, rastlose Augen. Vor allem aus seinen Augen hatte sie geschlossen, daß er krank sei. Nina fragte sich, worüber er heute abend schimpfen oder was er erklären werde. Wenn er schimpfte, war sie fest entschlossen, sich durch nichts reizen zu lassen. Wenn sie gereizt wurde, freuten Chalke Ewing und Justin sich zu sehr. Es gab ihnen einen furchtbaren Vorteil in die Hand. Nina hoffte, daß Ewing noch einiges von alten Zivilisationen erzählen würde. Sie wollte ihn über Ägypten ausfragen, ob die Ägypter tatsächlich solche Abzugsrohre, wie die in ihrem eigenen Haus, gehabt hätten. Ihre Namen, dessen war Nina sicher, konnten nicht so schön sein wie die Namen der Griechen. Die römischen Namen waren gewöhnlich wie die Römer selbst. Sie merkte, daß es sechs Uhr war, und ging hinauf, um sich umzuziehen. Sie würde sich natürlich für die Gows vorbereiten, es als selbstverständlich voraussetzen, daß Wilson gehen werde. Wenn sie nicht zu Hause blieben, war ein wirklich gutes Essen für Cordelia und Acton da. Cordelia, die bei den Prynes gewesen war, erschien in der Tür zu Ninas Zimmer.

»War der Lunch schön?« fragte sie. »Miss Pryne hat es kolossal gefallen.« Alle seien sehr zufrieden gewesen, erzählte Nina ihrer Tochter. Sie hatte ein einfaches gelbes Kleid, das fast neu war – den Männern gefiel sie darin – und ein schwarzes, im Rücken mit einem bunten Streifen, der ein Blumenmuster hatte. Es war noch nie getragen. Das Ishtarre-Kleid konnte sie nicht anziehen. Es war zu anspruchsvoll, und außerdem hatte Chalke Ewing es eben erst gesehen. »Mutter«, rief Cordelia, »du siehst aus, als ob du den Verstand verloren hättest. Was ist denn?« Nina blickte sie nachdenklich an. »Wenn ich so aussehe, dann sprich nicht davon«, sagte sie Cordelia. »Das gibt mir den Verstand nicht wieder. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich ein schwarzes Kleid oder das gelbe nehmen soll. Das mit der schräg geschnittenen Rüsche.« »Habe ich das Schwarze schon gesehen?« fragte Cordelia. Nina schüttelte den Kopf. Sie holte es heraus, und dann betrachteten sie es gemeinsam. »Ich finde es hübsch«, entschied Cordelia, »in der Hand. Aber so kann ich es eigentlich doch nicht beurteilen, nicht wahr?« Nina sagte ihr, sie werde sie nach dem Bad rufen. Sie legte sowohl das schwarze Kleid wie das gelbe auf ihr Bett. Dann mußte sie über die verschiedenen Abendschuhe und Strümpfe für die beiden Kleider nachdenken. Gelbe für das Schwarze und, entschied sie, schwarze für das Gelbe. Gerade, als sie Cordelia rufen wollte, kam Wilson herein. Nina sah augenblicklich, daß er in bedenklicher Laune war. »Mary möchte, daß wir bei ihr essen«, sagte sie ziemlich gleichgültig. »Also, das werden wir nicht«, antwortete er barsch. »Mir ist es zu spät, mich jetzt abzuhetzen und wieder fortzugehen.«

 

»Marys Bruder Chalke Ewing ist wieder hier«, fügte sie hinzu. »Warum gehst du nicht?« fragte Wilson. Das war einer seiner sinnlosen Vorschläge. »Nein«, sagte Nina; »das Essen ist schon vorbereitet, ich bleibe.« Jetzt brauchte sie Cordelia nicht zu rufen, nun konnte sie auf jeden Fall das gelbe Kleid anziehen. Jetzt kam es nicht darauf an. Sie mußte mit Mary telefonieren. »Ich will dir etwas sagen«, fuhr Wilson etwas besser gelaunt fort, »wenn Ewing da ist und du zu ihnen willst, wenn es dir Freude machen würde, so geh doch nach dem Essen hin. Ich habe Cora gesagt, daß ich sie und Anna Louise wahrscheinlich zum Steinbruch mitnehmen werde. Oder willst du mitkommen? Ich glaube, du hast nicht viel für den Steinbruch übrig.« Das könnte ganz nett sein, antwortete sie. Er fragte sie, was von beiden sie meine. »Ach, ich mag nicht zum Steinbruch, Wilson. Fahr mit Cora und Anna Louise hinaus.« Es sei ein Picknick, erklärte er. Cora habe jedoch beschlossen, erst später hinzugehen. Er wurde augenblicklich ausgezeichneter Stimmung. Als er gebadet hatte, zog er sich mit größter Sorgfalt an. »Ich glaube, Rot steht mir nicht«, erklärte er, eine Krawatte in der Hand, vor einem Spiegel. »In meinem Gesicht ist ohnehin schon zu viel Rot. Nina, ich glaube, ich sehe nicht so alt aus, wie ich bin. Was meinst du?« Das finde kein Mensch, erwiderte sie. »Ich bin dick«, gab er zu. »Ich werde etwas dagegen tun müssen. Ich habe mit Standish gesprochen, er hat mir Maß genommen, aber er meint, mein Taillenumfang hätte sich seit dem Winter nicht geändert. Das ist doch ganz gut, muß ich sagen. Viel kann man hier im Winter nicht herunterkriegen. Ich finde, ich bin genau so gut wie die Jungen. Beinahe. Selbst wenn die sechsunddreißig Löcher am Gedenktag mir zu viel waren. Ich bin in der letzten Zeit sehr oft lange auf gewesen. Hast du die Preise gesehen? Paprus sind wieder um zweidreiachtel gestiegen.«

»Das ist ja herrlich, Wilson«, versicherte sie.

»Ich möchte nur wissen«, fuhr er fort, »ob es noch einmal dazu kommen wird, daß du meine Fragen beachtest. Ich stehe jetzt fünf Minuten mit dieser Krawatte da.« Sie warf einen Blick darauf. »Grün wäre vielleicht besser.« Wilson war noch nicht zufrieden. »Wenn du dir die Mühe genommen hättest, meine Socken anzusehen, hättest du merken müssen, daß grün unmöglich ist. Ich könnte blau nehmen.« Blau, antwortete sie, wäre ebensogut. Ihr eigenes Problem war wieder da – das gelbe oder das schwarze Kleid! Sie hatte sich für das Gelbe entschieden und wollte auch dabei bleiben. »Ich habe das schwarze Kleid nicht gesehen«, sagte Cordelia beim Dinner, »ich weiß also nicht, in welchem du besser aussiehst.« Acton sagte ihr, sie sehe gut aus. Nina dankte ihm. »Deine Mutter sieht immer gut aus«, fügte Wilson hinzu, »das heißt, wenn sie nicht Hungerdiät macht. Es ist mir unbegreiflich, wie du das tun kannst, Nina. Das ist ganz falsch, wenn du jung aussehen willst. Dein Gesicht verrät dich.«

»Vielleicht habe ich nicht recht«, verkündete Cordelia, »aber ich bezweifle sehr, daß ich jemals eine Hungerdiät machen werde. Ich denke, es wird gar nicht notwendig sein. Ich glaube, die Frauen werden überhaupt nie mehr so kolossal werden. Ich werde natürlich nie aussehen wie Anna Louise, aber das macht mir nichts. Wenn ich dick sein soll, werde ich eben dick sein. Mir scheint, die Frauen haben eine fürchterliche Zeit hinter sich. Sie haben auf so viel achten müssen. Wenn sie etwas davon vernachlässigt hätten, hätten sie den Männern nicht gefallen. Oder mindestens dachten sie, daß sie den Männern nicht gefallen würden. Wenn ich einmal zwanzig bin, werden die Männer sicher besser gezogen sein. Es wird ihnen nichts anderes übrigbleiben.« Cordelia, sagte sich Nina, war ein sehr hübsches Mädchen. Sie beneidete sie – nicht ganz siebzehn. Voll herrlicher Ideen. »Mach dir keine Sorgen, Cordelia«, sagte Acton; »irgend jemand wird dich schon lieben, und wenn du noch so dick bist. Es gibt immer Männer, die bereit sind, Opfer der biologischen Notwendigkeit zu werden. Dafür sorgt die Natur«, erklärte Acton. »In deinem Fall hat die Natur schon dafür gesorgt«, gab ihm Cordelia zur Antwort, »du bist gerade jetzt in Miss Pryne verliebt.«

»Du hättest keine bessere Wahl treffen können«, sagte Nina zu Acton. Catherine, die fast, wenn nicht ganz so alt war wie Nina Henry, wohnte gegenüber den Baches an der Ecke der Grove Avenue und der Kingsmill Street. Sie hielt sich sehr viel in Paris auf; sie trug nur französische Kleider; und sehr viele Männer, junge und alte, hatten sie verehrt. Unglücklicherweise schien ihr die Fähigkeit, Zuneigungen zu erwidern, zu fehlen. Jetzt war anzunehmen, daß sie niemals heiraten würde. »Du erzählst mir, daß ich verliebt sei«, sagte Acton zu seiner Schwester. »Das ist vielleicht ein bißchen frech, aber ich nehme es dir nicht übel. Du bist meistens frech. Aber immerhin würde es mich einigermaßen interessieren zu erfahren, woher du das wissen willst. Daß Miss Pryne es dir gesagt hat, scheint mir zweifelhaft. Ich kann mich nicht darauf besinnen, davon gesprochen zu haben.« Cordelia erinnerte ihn daran, daß er ununterbrochen dort sei. »Und außerdem schreibst du eine Menge Briefe und zerreißt sie. Wenn du das tust, bist du verliebt, und eine andere Frau gibt es in deinem Leben nicht.« Er wiederholte die frühere Phrase, die ihn anscheinend sehr befriedigte. »Du erzählst mir, daß es keine andere gibt.« »Annabel glaubt es, und Faith Bache auch«, fuhr Cordelia fort.

»Schön«, erklärte Acton, »soweit hast du recht – in Faith oder Annabel werde ich nie verliebt sein. Sie sind mir nicht ästhetisch genug.« »Was sind sie dir nicht genug?« fragte Wilson Henry. Acton, der allmählich verwirrt wurde, wiederholte das Wort ästhetisch. Was, fragte sein Vater, solle das bedeuten? »Es bedeutet ein Bewußtsein um – um höhere Dinge«, antwortete Acton; »Dinge wie Kunst und Literatur, und überhaupt Politur.« Cordelia erklärte für ihn: »Nagelpolitur.« Nina forderte sie auf, still zu sein. »Ich muß sagen, du bist nicht sehr liebenswürdig. An deiner Stelle würde ich nicht von Actons Angelegenheiten sprechen. Ganz besonders nicht, wenn es sich um Herzensangelegenheiten handelt. Es bedeutet doch auch das Studium der Zivilisation, nicht wahr?« fragte sie ihren Sohn. »Die Griechen und Römer und alten Ägypter. Als Ästhet mußt du auch von ihnen etwas wissen.«

»Natürlich«, rief Acton. »Mutter, du bist wirklich wunderbar. Wer hätte gedacht, daß du dich für die Griechen und Römer interessierst! Wir sollten zusammen meine Universalgeschichte lesen. Sie heißt Die Antike!« »Es ist wirklich noch nicht zu spät, daß du Mutter zu schätzen anfängst«, warf Cordelia ein. »Was mir an Griechenland gefällt«, setzte Acton auseinander, »ist, daß die Frauen nichts bedeutet haben. Nirgends. Sie hätten es nie gewagt, über etwas zu diskutieren, was Männer tun oder denken. Von dir hätte man sich nichts sagen lassen, Cordelia.« Wilson beteiligte sich wieder an der Unterhaltung. »Etwas weniger griechische Zivilisation und dafür mehr praktische Vernunft könnte dir nichts schaden, Acton«, meinte er. »Es wäre besser für dich, wenn ich dich den ganzen Sommer bei mir im Geschäft behielte, statt dich nach Europa fahren zu lassen.« Acton geriet augenblicklich aus der Fassung. »Du hast mir versprochen«, sagte er beherrscht, seine Worte genau abwägend, »wenn ich einen Monat angestrengt im Geschäft arbeite, wirst du mir fünfhundert Dollar für einen Monat Frankreich geben.« »Was Vater versprochen hat, hält er selbstverständlich«, sagte Nina in entschiedenem Ton, um sich dann an Wilson zu wenden: »Es freut mich, daß er reisen will, und ich finde es wunderbar, daß er sich mit der Geschichte der Antike beschäftigen will und eine Vorliebe für ästhetische Menschen hat. Paris, ja, und auch Catherine Pryne, das wird besser für ihn sein als hundert Holzgeschäfte. Ich will, daß Acton nicht nur stückweise Bildung bekommt.«

»Das ist einfach lächerlich«, erklärte Wilson. »Nur eine Frau kann so etwas sagen. Für gewöhnlich bist du sehr vernünftig, Nina, aber manchmal haust du gewaltig daneben. Mein Vater war ein guter Holzmann, ich bin ein guter Holzmann, und Acton wird auch einer sein müssen. Mehr ist darüber nicht zu sagen. Wenn Frankreich oder Catherine Pryne ihm etwas Nützliches beibringen, soll es mich sehr wundern. Ich habe ihn nach Princeton geschickt, es ist eine gute Universität, und es wird gut für ihn sein, mit den jungen Leuten in Berührung zu kommen, aber ob er etwas von den Griechen weiß oder nicht, ist mir ganz egal. Das ist nur eine Art Übung für seinen Verstand, damit er lernt, wie er ihn gebrauchen kann. Es ist mir ganz gleichgültig, wie rasch er das alles vergißt. Nach seinen Prüfungen. Er sollte lieber an Fußball denken. Ich bin nicht aufs College gekommen, das hat der Tod meines Vaters unmöglich gemacht, ich mußte direkt ins Geschäft und dort lernen, aber ich weiß auch so genug.«

»Wenn man zuviel weiß«, betonte Wilson Henry, »wird man nur unsicher. Es macht einen unzufrieden. Das erste, was einem passiert, ist, daß man seine Religion verliert.« Nina betrachtete ihn erstaunt. »Ich gehe nicht in die Kirche«, gab Wilson zu, »aber ich unterstütze sie. Ich glaube an sie. Ohne sie gäbe es keine Vereinigten Staaten. Unser Leben gründet sich auf die Prinzipien der protestantischen Religion. Wenn wir einmal Freidenker werden sollten, was nicht geschehen wird, wären wir erledigt. Fertig. Wir sehen ja, was aus Griechenland ohne christliche Grundsätze geworden ist. Alles ist zum Teufel gegangen. Zerplatzt. Die Amerikaner sind die größte Nation, die es jemals gegeben hat.« Nina wollte ihn unterbrechen, um ihm zu sagen, daß die Vereinigten Staaten nur eine vorübergehende, schäbige Rolle in der Weltgeschichte spielen. Sie tat es nicht. »Christliche Grundsätze und die amerikanische Geschäftsauffassung«, begann er noch einmal, »haben uns dahin gebracht, wo wir sind. Nichts anderes kann uns auf dieser Höhe halten. Ich wünsche nicht, daß du in Gegenwart meiner Kinder andere Ansichten vertrittst.« »Und meiner, Wilson«, sagte sie ruhig. Was, überlegte sie, mußte er demnach vom Ehebruch halten? Acton und Cordelia erhoben sich feierlich und küßten sie. Als sie gegangen waren, versicherte Wilson, daß die Frauen schauderhaft wären. »Sie gehen immer lustig drauflos, ob sie recht oder unrecht haben, und wenn sie unrecht haben, erst recht.«

 

Mary und Justin saßen mit Chalke Ewing am Fuß einer Treppe, die in den Garten führte; der Ziegelweg verbreiterte sich dort zu einer Art Terrasse. Es dunkelte, und die Luft war erfüllt vom süßen Duft des Geißblattes. Die Rasenfläche der Gows war groß, alte Bäume standen darauf, sie fiel zur North Street ab und zu der Reihe kleiner grüner Täler und Felder jenseits Eastlakes. Mary war weiß gekleidet, Chalke Ewing leuchtete nahezu in seinem weißen Leinen, Justin hatte einen weiten, dunklen Rock und weiße Flanellhosen an. Nina konnte gerade die Gesichter sehen – Justin sah gutgelaunt und neugierig aus, Mary nachdenklich, sie hatte einen halb abwesenden Ausdruck, Chalke Ewing – der gerade schwieg – war in verhaltene Aggressivität gehüllt. Nina sah, daß alle in schweigsamer Stimmung waren, aber sie war ganz besonders gesprächig aufgelegt. Sie wollte Ewing dazu provozieren, daß er die ganze Welt erkläre. Er saß da, ein mageres Knie über das andere gelegt, und rauchte eine seiner langen, dünnen Zigarren. »Du mußt zugeben, Chalke« – Mary sprach endlich – »daß Eastlake an einem Juniabend vollkommen ist.«

»Wenn es dunkel ist«, sagte Ewing, »und man Eastlake nicht sehen kann. Die Nacht ist hier einfach, wie die Blumen, nach denen sie duftet – Geißblatt und Heckenrose und Nelke. Sie ist nicht aufregend. Es gibt kein Drama. Ihr müßt schon erlauben, daß ich wieder von Cuba rede – die tropische Nacht ist still, aber sie ist gewaltsam. Geladen mit Gefühl. So wie es hier vor einem Gewitter ist. Die Blumen haben allerdings keinen Duft; alles ist schwerer faßbar. Und immer ist ein Hauch von Musik da. Niemals laut. Niemals ganz nahe. Eine Gitarre. Ich sitze auf meiner Piazza und höre sie wie sanften Wind im Rohr. Eine Gitarre, und vielleicht eine Stimme. Das Lied handelt immer vom Richtigen, von dem, worum ein Lied zur Gitarre in der albanischen Nacht sich drehen muß. Das Spanische ist die Sprache dafür, es ist zart und nicht sentimental. Romantisch und immer melancholisch. Mein lieber Justin, auf Cuba, bei den Cubanern, wirkt die Liebe bewundernswert. Ganz natürlich. In Cuba ist sie sogar wichtig.

Vielleicht liegt das daran, daß die Cubaner sie für das Allerwichtigste halten. Sie gehen in ihr auf. Sie sind bereit, Sicherheit und Stellung und Vermögen für die Liebe zu opfern. Ihr Vermögen, Justin. Es ist sicher lächerlich, aber trotzdem ist es erhaben. Auf dieser Stufe in der Geschichte des Menschen – wenn er schon nahezu aufgehört hat ein Tier zu sein, ohne bereits ganz zum Engel geworden zu sein. Es noch nicht ist. Ja, auf Cuba ist Liebe möglich. Wenn man jung ist. Vielleicht macht das die Szenerie, die Nacht, von der wir gesprochen haben. Die Nacht – vergeßt nicht, es gibt keine Dämmerung – fällt herunter wie ein schwarzer Vorhang. Alles ist mit einemmal versteckt. Messer und andere Dinge. Das ist sehr gut für die Liebe – um so schlimmer ist es für alles übrige – und die Bühne ist stets bereit. Frauen, junge und liebliche Frauen, werden der Gefahr ferngehalten. Das heißt, Gefahr wird geschaffen. Melancholische und leidenschaftliche Liebe. Auf Cuba gibt es – zum mindesten gab es – keine törichte Kameradschaft zwischen Männern und jungen, begehrenswerten Frauen. O nein, man hat den Zauber nicht so vergeudet. Kameradschaft dieser Art macht alles leicht, raubt allem seinen Wert.«

»Also, Nina«, erklärte Mary, »jetzt weißt du, wie die Liebe auf Cuba aussieht. Hier, scheint es, ist alles falsch. Wenn man alle bedauerlichen Fehler unserer Erziehung bedenkt, kann ich nicht begreifen, wieso wir es überhaupt zuwege bringen konnten, zu heiraten. Wen immer.« Nina Henry schwieg. Irgendwo, vergraben in allem, was Chalke Ewing gesagt hatte, lag eine ungeheure Wahrheit. Sie konnte sie nicht finden; ihr Verstand, gebannt von eindringlichen Worten und dem Duft der Nacht, wich ihrem Willen aus. »Es klingt schön«, fuhr Mary fort, »aber ich fürchte, zu meinen Reizen paßt Eastlake besser. Selbst die törichte Kameradschaft paßt zu mir. Die demütigende Wahrheit ist, daß man mir nie eine Serenade gebracht hat; ich hätte mich darüber natürlich sehr gefreut; aber das hat nichts mit dem Heiraten zu tun. Ich würde keinen Wert darauf legen, mir von einem Balkon aus im Dunkeln einen Mann auszusuchen. Nach der Stimme. Außerdem, Chalke, habe ich auch schon gehört, daß man sich Stimmen mietet.« »Du redest von etwas ganz anderem«, sagte Chalke Ewing, »ich habe von der Liebe gesprochen. Die Ehe ist nicht ganz dasselbe. Du wirst dich darauf besinnen, daß ich gesagt habe, die Liebe sei auf Cuba nicht lächerlich; die Ehe ist nirgends lächerlich. Sie ist eine sehr praktische und ernste Formalität.

In Amerika bringt man Ehe und Liebe durcheinander. Die Cubaner tun das nicht. Das hat zur Folge, daß Ehe und Liebe auf Cuba, in Spanien, mehr Würde haben als hier.« »Du weißt recht gut, Chalke«, erklärte Justin, »daß es unmoralisch ist, einen Mann zu heiraten, den man nicht liebt. Ein nettes Mädchen, ein gut erzogenes Mädchen könnte so etwas einfach nicht tun. Du hast eben lauter abscheuliche lateinische Vorstellungen. Du kannst die Reinheit unserer jungen Mädchen nicht so korrumpieren. Liebe und Ehe dürfen nicht getrennt werden.« »Justin«, sagte Ewing, »auf Cuba würdest du diese langweilige Ironie nicht brauchen, um dich dahinter zu verstecken. Du könntest ehrlich sein. Ich sage etwas über Liebe, und da kommt Mary dazwischen und redet von der Ehe. Schließlich war das, wovon ich gesprochen habe, dekorativ und praktisch. Ich habe vier Krüge Bacardi-Rum mitgebracht, Justin. Ich glaube, ich kann genug sehen, um hier draußen einen Swizzle zu machen.«

Justin Gow stand auf und ging über die Treppe ins Haus. Als er zurückkam, war Adam, der schwarze Hausmeister der Gows, bei ihm und brachte einen Krug, einige Flaschen Sodawasser, Angostura, Zucker, ein Gefäß mit zerkleinertem Eis und Gläser. Justin hatte eine geflochtene Viereinhalbliterflasche und ein langes Umrührstäbchen aus geschältem Sassafraslorbeer. Ein kleiner Tisch wurde herangerückt, auch Chalke Ewing machte sich daran, einen Swizzle im Krug zu bereiten. Ein angenehmer Geruch von Angostura und Bacardi-Rum, ganz anders als der Blumenduft, verführte Ninas Phantasie – sie hatte das Gefühl, sie sei auf Cuba und nicht in Eastlake, und die Nacht um sie sei aufregend geladen mit leidenschaftlichem und gefährlichem Gefühl. Sie sagte sich halb ernsthaft; sie könne den scharfen Rhythmus von Gitarren hören. »Ich muß dich vor diesem Swizzle warnen«, sagte Justin zu ihr. »Du glaubst, es ist nichts, aber er hat es in sich. Du glaubst, es kann nichts passieren – aber es passiert. Und das ist nicht bloß langweilige Ironie von mir.« Er schien wirklich nicht scharf zu sein, sagte sich Nina. Er war wunderbar! »Ja«, versicherte Chalke Ewing, »ich spreche von zauberhaften Dingen, von Liebe, und nordamerikanischer Materialismus antwortet mir. Ich rede von Musik und Parfum, und man erzählt mir etwas von Ehemännern.«

»Es ist uns Ernst«, belehrte ihn Justin, »wir wollen, daß die Musik und ebenso die Liebe uns bessert. Daß sie uns etwas lehrt. Als reine Erfahrung gibt es hier so etwas nicht. Das wäre Zeitverschwendung. Das einzige, das zu verschwenden wir bereit sind, ist Geld. Wir können es weggeben oder wegwerfen. Das ist uns gleichgültig. Ich kann nicht verstehen, Chalke, wie du uns angesichts dieser Tatsache Materialisten nennen kannst. Ja, die Franzosen sind Materialisten – sie können sich sogar den Frank in seinem jetzigen Wert vorstellen. Jeder weiß, daß ein Frank zwanzig Cents wert sein sollte. Die Lira sollte zwanzig Cents wert sein. Damit sind wir groß geworden. Die Mark war mehr, ungefähr um ein Viertel, und der Shilling auch. An so etwas kann man nicht gefahrlos rühren.« Nina Henry nahm einen langen, kühlen Schluck aus ihrem Glas. Zum erstenmal in ihrem Leben glaubte sie Justin zu kennen. Was Chalke über seine Ironie gesagt hatte, hatte ihn ihr erklärt. Natürlich versteckte Justin sich dahinter. Auch er war ein empfindsamer Mensch. Sein Stolz war sehr groß, und er wollte die Welt nicht seine Gefühle sehen lassen. An der Oberfläche war er ganz Spott und Maske, aber das alles war nur eine Rüstung von Worten.

Fast alle Leute, die sie kennt, machte Nina sich klar, gleichen auf ihre Weise Justin Gow; das heißt, sie beschützen ihr wirkliches Selbst mit gespielten Haltungen und Behauptungen. Zum Beispiel: Wilson ist beim Dinner so lächerlich bitter über die griechische und römische Zivilisation geworden, weil er nichts davon weiß und seine Unwissenheit verbergen wollte. Er wollte vor allem sich und dann den anderen, seiner Frau und seinen Kindern, einreden, daß ein solches Wissen überflüssig sei. Wilson hatte sich sehr darüber ereifert. Nina begriff plötzlich, daß er ein sehr beschränkter Mann war. Das war ihr vorher nie klar gewesen. Erst in der letzten Woche hatte sie angefangen, in einem Geist der Selbständigkeit über ihn nachzudenken. Nina hatte das unklare Gefühl, daß dies gefährlich sei; es war, so schien es ihr, illoyal gegen ihn, in einer neuen und sehr bedrohlichen Weise. Sie schlug sich entschlossen die Tatsache von Wilsons offenbarer Dummheit aus dem Kopf, aber sie kam wieder, eine kalte, unpersönliche, nicht zu leugnende Wahrheit. Er ist ein unerträglich beschränkter Mann. »Ich möchte noch etwas Swizzle«, sagte sie. Es war ihr klar, daß sie bei einer Katastrophe angelangt war, einer ernsten Beschädigung ihrer Ehe mit Wilson Henry. Es war etwas ganz anderes als Ärger oder Groll oder Müdigkeit. Das waren vorübergehende, oft nur augenblickliche Zustände, aber hier handelte es sich um etwas Festes und Unbewegliches.

 

Jedoch was Wilson nicht wußte, ärgerte sie weniger, es handelte sich um das, was er zu wissen glaubte. Wahrscheinlich waren die meisten seiner Vorstellungen ganz falsch. Das heißt, die meisten seiner allgemeinen Vorstellungen. Wenn es sich um Sägemühlen und Holzplätze handelt, irrt er sich natürlich nicht; er weiß eine Menge kleiner, praktischer und materieller Dinge; aber alles andere ist gefärbt von seiner Persönlichkeit, von dem, was er, um seine gute Meinung von sich und seiner Existenz zu bestärken, zu denken wünscht. Wilson war boshafter als alle Frauen, auf die Nina sich besinnen konnte. »Wirklich«, sprach Chalke Ewing weiter, »ich schenke euch ein höchst köstliches weltliches Wissen und das Resultat jahrelanger Lektüre, und ihr schleudert mir moralische – das heißt lokale – Tatsachen entgegen. Das Unglück ist, daß ihr immer feierlich seid. Ihr versteht es gar nicht, anders zu sein. Es gibt nur noch ein Volk auf der ganzen Erde, das sich noch mehr langweilt als ihr. Das sind die Engländer. Zwischen euch gibt es nicht viel zu wählen. Eure Freuden sind die Freuden von Ameisen. Ihr seid auch wie Ameisen – hart und trocken und fleißig. Die langweiligste Zivilisation, die es jemals gegeben hat. Ich meine die Amerikaner, und nicht ehrliche Insekten.

Ihr unterhaltet euch immer miserabel«, wiederholte Ewing. »Nehmen wir einmal die Dinge, die ihr witzigerweise Landklubs nennt. Sie haben nichts mit dem Land zu tun, und da alle Welt ihnen angehört, sind sie keine Klubs. Ein Klub ist eine ganz bestimmte Art von Lokalität. Was macht ihr dort? Ihr spielt Golf, aber darüber will ich gern in wohlwollendem Schweigen hinweggehen. Golf. Sport! Auf Cuba, in den Tropen, werden die Spiele wenigstens von Professionals gespielt. Pelota ist sehr hübsch, wenn man derartige Dinge gern sieht. Aber in den Vereinigten Staaten sind Spiele, körperliche Übungen, so lächerlich wie Politik und Moral. Die Idee, daß körperliche Übung gesund sei, ist ebenso absurd wie der Glaube, daß Liebe ein Segen sei. Ihr denkt wohl, körperliche Übung heilt alles, aber sie heilt nur von der Gewohnheit des Denkens. Ist euch das aufgefallen? Nach heftigen Bewegungen ist es zum Beispiel unmöglich, zu denken. Der Verstand ist dann tatsächlich vergiftet. Man ist in einem Zustand geistiger und körperlicher Erschlaffung. Für den Augenblick ist man ruiniert. Die meisten Männer sind bei Spielen sehr schlecht, und gewöhnlich sind sie dabei voll Ärger; Ärger, daran brauche ich euch wohl nicht zu erinnern, gehört zu den ungesündesten Stimmungen; und Männer, die bei Spielen geschickt sind, müssen ihre Geschicklichkeit mit der Aufopferung fast aller begehrenswerten Eigenschaften bezahlen. Mir wurde im Vertrauen versichert, daß sie nicht einmal gute Liebhaber sind. Eine Frau, die sich mit solchen Spielen auch nur zu beschäftigen wünscht, ist ein verlorenes Geschöpf. Sie ist von der Gesellschaft und der Kirche verraten worden. Oder sie ist eine hoffnungslose Frau. Ein Klumpen mit schlechten Beinen.

Männer, die beim Spiel geschickt sind, sollten dafür bezahlt und allen höheren Dinge fern gehalten werden. Mein lieber Justin, wenn Frauen Sport zu treiben anfangen und coram publico hinter Tennisbällen herumhopsen, wenn sie sich abrackern und, bunt angezogen, Golfbällen durch die Vorstädte nachlaufen, dann mußt du doch merken, daß etwas nicht stimmt. Es ist ein Zeichen dafür, daß Besseres nicht gelungen ist. Eine sonnverbrannte Frau, ich gebe dir mein Wort darauf, ist eine desillusionierte Frau. Frauen, die glücklich und richtig beschäftigt sind, hüten ihre zarten weißen und rosa Farben. Die Kleider, die sie tragen, gehören zu dem ältesten Sport, den es gibt. Mary kann dir sagen, daß es die leuchtenden Farben, die Franzosen und nicht die Engländer, waren, die schließlich die hübschen Frauen für den Sport gewonnen haben.«

Nina lachte plötzlich ganz laut. »Ich habe dich gewarnt, Nina«, sagte Justin Gow streng. »Jetzt bist du betrunken.« Das war sie gar nicht. Was Chalke Ewing sagte, hatte ihr einfach den Boden unter den Füßen weggezogen. Nina war sich nicht im klaren darüber, was sie mehr bestach – die selbstverständliche Wahrheit darin oder die offenbare Absurdität. Es war ganz anders als alles, was sie in Eastlake, in der ihr vertrauten Welt, hörte. Delia Bache zum Beispiel war der Ansicht, ohne Golf und Kontraktbridge wäre das Leben unmöglich. Justin sagte, er sei Präsident des Landklubs, und wenn Chalke nichts dagegen habe, möchte er für sich selbst sprechen. »Du weißt nichts von ihnen, Chalke«, fuhr er fort. »Aus dem einfachen Grund, weil du nicht verheiratet bist. Es entgeht dir, daß sie jetzt, abgesehen von einigen Feiertagen, ganz weiblich sind. Wenn ich zu einer Tanzerei im Landklub gehe, sitze ich irgendwo herum, frag mich nicht wo, bis Mary, und jetzt auch Annabel, bereit sind, nach Hause zu gehen. Mary sagt mir sogar, mit wem ich tanzen muß. Das ist eine betrübliche Tatsache – einmal hat sie mir auch gesagt, mit wem ich nicht tanzen darf. Was für eine Demütigung das ist – es ist tatsächlich eine grobe Ungehörigkeit – wirst du als lediger Mann auch nicht ganz erfassen.«

»Du tanzt immer mit mir«, erinnerte ihn Nina, »hoffentlich ist das nicht so schlimm, wie du tust.« Sie entschloß sich plötzlich, keinen Tropfen Swizzle mehr zu trinken. Es war nun ganz Nacht; wo die Bäume standen, war die Dunkelheit nur kompakter; dahinter waren die Sterne auf dem Himmel zu sehen. Es roch nicht mehr nach Geißblatt, die Luft war jetzt erfüllt vom Duft der Junirosen. Ein Gefühl der Traurigkeit bedrückte Nina – was ringsum Leben und Natur war, hatte so viel Schönheit, daß das Leben selbst schöner sein müßte. Es müßte einfacher sein. Die Menschen müßten glücklich sein. Das waren sie nicht, und sie meinte, sie werden es auch nie sein. Außer in Augenblicken. Voll Leidenschaft sehnte sie sich nach noch einem Augenblick vollkommenen Glücks. In der Vergangenheit hatte sie solche Augenblicke gehabt. Mit Wilson. Der arme Wilson. Und doch ist er glücklich. Mit Cora. Eine stille, merkwürdige Frau. Sie hat einen hübschen Körper, aber sie ist nicht im geringsten weiblich. Chalke Ewing zündete sich noch eine Zigarre an. Während des kurzen Aufflackerns des Streichholzes war sein Gesicht so dunkel, so braun wie der Tabak.

Er sah sehr zart aus. Mager. Ob er wirklich schon einmal geliebt hat? Das hätte sie zu gern gewußt. Er hat eine befremdende Frauenkenntnis, tief und gleichzeitig oberflächlich. Oberflächlich ist sie, dachte sie, weil er die Frauen nur mit dem Verstand betrachtet. Niemals, soweit sie dahinterkommen kann, mit seinen Gefühlen. Natürlich hat er auf Cuba mit Frauen gelebt. Wahrscheinlich auch mit braunen, die die Farben seiner Zigarren hatten. Das brachte sie auch nicht aus der Fassung. Sie konnte nicht begreifen, was in ihr vorgegangen war. Ganz mit einemmal schien sie die Vorstellungen verloren zu haben, die sie von Geburt an getragen hatten. Sie erwiesen sich, wenn sie sie genau untersuchte, als Unsinn. Dennoch muß sie dasselbe Leben weiter leben und, was sie gewesen ist, wenigstens an der Oberfläche bleiben. Sie kann nicht billigen, was Chalke Ewing als Selbstverständlichkeit hinstellt. Bei einer Frau ist es etwas anderes. Nina begriff, daß sie niemals frei gewesen war, seitdem sie lange Kleider bekommen hatte. Sie hat lange Kleider bekommen, und dann hat die Mode wieder kurze gebracht. Wo sie ihren Körper jetzt auch berührt, wenn sie ganz angezogen ist, ist er weich und natürlich und verlangend. Das klang lächerlich, aber es war das, was sie meinte. Verlangend. Alkibiades und Perikles und Plato. Chalke Ewing bereitete einen zweiten Krug Swizzle. »Ist noch Eis da?« fragte Mary. »Eine ganze Menge«, versicherte er ihr.

»Auf Cuba«, sagte Ewing, »wurden uns jeden Morgen viereinhalb Liter Bacardi mit den Eßwaren ins Haus geschickt. Wir tranken ihn aus hohen Gläsern, in denen Eis war. Sonst nichts. Zu dritt.« Justin meinte, Chalke habe einige mörderische Revolutionen überlebt. »O ja, ein paar. Eine machte ich auf dem Schienenräumer einer Lokomotive mit. Die Cubaner sind schlechte Schützen. Schlimmer war der Juju-Aufstand im Innern. Du mußt wissen, die Neger in Oriente sind alle aus Haiti. Dort ist der Zauber ganz anders als in Havanna. In Havanna heißt er Nañigisimo. In Oriente Brujeria. Die Einzelheiten sind unmöglich. Man kann die Feuer draußen in der Wildnis sehen und etwas hören. Ein Stück von einem Chor oder eine geriebene Trommel. Sie schlagen ihre Trommeln nicht. Die Anfänge des Christentums. Die Anfänge der Päpste in Konstantinopel und der Päpste in Rom und der schismatischen Päpste in Avignon. Martin Luther und Johann Calvin und Bischof Asbury. Sie alle in den nackten Negern, die, mit Eingeweiden und gelber Kreide bemalt, um die Feuer in einem Dschungel versammelt sind. Erst die Knospe und dann das Blatt. Zehntausend Jahre vor der Episkopalkirche – die Logeninsassen in der letzten Oper.«

»Werd nicht ungezogen«, sagte Mary Gow scharf.

»Ungezogen?« echote er. »Ich habe euch nichts von den Brujos erzählt. Du weißt meine Delikatesse nicht zu würdigen. Meine Zurückhaltung. Hoffentlich wirst du nicht behaupten, daß die Episkopalkirche nicht nett ist. Die Englische Kirche. Die Römische Kirche gut gewässert. Habe ich dir von den Druiden zu erzählen versucht und von dem, was sie mit jungen Damen unter ihren heiligen Brunnen machten? Nein. Ein geschmackvoll mit blauem Ton geschmückter Druide war nichts Gemeines. Mit einem Steinmesser. Man müßte an sie im Zusammenhang mit der Oxfordbewegung denken.« Nina merkte, daß er auf seine eigene, ganz besondere Weise allmählich wieder betrunken wurde. »Eine Aufeinanderfolge von Heilanden. Der letzte wird wieder umgebracht. Diesmal endgültig von seinen Ärzten. Pseudowissenschaftlichen Herren. Die den alten Unsinn mit Öl und Wasser versuchen. Dogma und Wahrheit.«

 

Das erinnerte Justin an etwas im neuen Geschichtsgeist Geschriebenes, das er Chalke zeigen wollte, und er ging ins Haus. Er blieb so lange fort, daß Mary aufstand. Sie wollte, erklärte sie, sehen, was mit Justin los sei. Mary verschwand, sie kam aber fast augenblicklich wieder auf die oberste Stufe der Treppe. »Er scheint zu lesen«, sagte sie. »Chalke kann ihn unterbrechen. Nina, ich habe oben noch einiges zu erledigen, wenn es dich nicht stört. Wahrscheinlich werde ich dort bleiben. Willst du nicht heraufkommen?« Nina hatte nicht die Absicht, sich zu bewegen, wenigstens nicht in dieser Richtung. Sie hatte es, dachte sie, zu bequem, wo sie war, mit Chalke Ewing. Ewing schwieg wieder. Er zündete sich noch eine Zigarre an. Er hatte mindestens vier geraucht, riesengroße, seit Nina gekommen war. Das konnte nicht gut für ihn sein. Rumswizzle und lange Zigarren. Die Männer waren töricht – entweder nahmen sie überhaupt keine Rücksicht auf sich, oder sie dachten an nichts anderes als an ihre Gesundheit. Chalke Ewing verriet keine Neigung, von ihr Notiz zu nehmen, und Nina wurde trotzig, sie beschloß, daß er zuerst sprechen müßte. Das tat er auch, anscheinend ganz genau in dem Augenblick, da er bereit war, etwas zu sagen.

»Es ist sehr angenehm hier«, sagte er, nicht gerade originell. »Wenn man die Ereignisse nicht vergewaltigt, kann man es sogar in Amerika verhältnismäßig angenehm haben.« Nina antwortet, das überrasche sie. »Ich dachte nicht, daß Sie hier überhaupt etwas angenehm finden. Ich fühle mich wirklich sehr wohl.« »Das glaube ich Ihnen nicht eine Minute lang«, sagte Ewing. »Sie fühlen sich recht miserabel, wenn es sich auch um nichts Ernsthaftes handelt, und das sieht man Ihnen an. Sie langweilen sich.«

Nina lachte. »Ich scheine also nicht einmal von mir selbst etwas zu wissen«, redete sie ins Dunkel hinein. »Jeder kann sehen, daß ich mich langweile. Nun, ich glaube, Sie sind schlimmer dran als ich. Ich könnte jede Wette mit Ihnen eingehen, daß Sie es auf der ekelhaften kleinen Pfanne, die Sie Insel nennen, fürchterlich haben. Immer nur den Negern zuhören, die im Dunkeln singen. Da ist mein Leben tausendmal interessanter. Ich habe einen Mann und meine Kinder –«

»Ja, das haben Sie«, unterbrach er sie trocken; »das haben Sie.«

»Es gibt eine ganze Menge Dinge, von denen ein Mann, der nie verheiratet war, nichts weiß«, begann Nina. Plötzlich hatte sie genug davon, still zu sein, zuzuhören, und sei es auch Chalke Ewing; sie wollte reden, sich erklären; was sie wußte, war, wie sie eben entdeckt hatte, anders, als das, was Männer verstanden, aber sie wußte es. Und schließlich war es auch nicht unwichtig. »Wenn man nie verheiratet war, kann man sehr vieles nur raten, selbst wenn man noch so viele andere Erfahrungen hat. Ich meine nicht ganz einfach: geliebt haben. Man muß verheiratet sein.«

Er wies darauf hin, daß sie das schon gesagt habe. »Als bloße Behauptung macht es nicht sehr viel Eindruck«, erklärte Ewing. »Es ist nicht notwendig, nicht einmal in einer sentimentalen Demokratie, daß alle heiraten.« »Es tut mir leid, aber Sie werden den Mund halten müssen«, sagte Nina fest. »Ich habe beschlossen, selbst zu reden. Ich mag nicht mehr zuhören. Ganz gleichgültig, was geredet wird. Ich würde Gott nicht hören wollen. Ich würde ihn ganz einfach nicht anhören. Ich würde auch zu ihm reden.

In Wirklichkeit käme es auch gar nicht darauf an, was Sie oder Gott sagen könnten, ich meine zu einer Frau. Es wäre für Sie nicht wichtig. Wichtig wäre es, ob ihr an Ihnen etwas liegt oder nicht. Wenn ihr nichts an Ihnen liegt, ja, dann könnten Sie noch so fabelhaft sein, sie würde Sie kaum hören. Andererseits aber, wenn ihr an Ihnen etwas liegt, wäre alles, was Sie sagen, fabelhaft. Begreifen Sie den Unterschied?«

»Gewiß«, versicherte Ewing ihr; »halten Sie mich und meinen verehrungswürdigen Kollegen für Schwachköpfe? Ich kann Ihnen versichern, daß wir beide unsere Augenblicke gehabt haben, die vielleicht unoffiziell, aber jedenfalls erleuchtend waren.«

Sie ignorierte seine Worte. »Eigentlich ist das doch großartig, wenn man es richtig überlegt«, fuhr sie fort; »wenn eine Frau Sie gern hat, dann wird diese Frau Sie für vollkommen halten, was immer Sie auch sind. Es ist ganz gleichgültig, verstehen Sie, ob Sie klug sind oder nicht, weil sie glauben wird, daß Sie es sind. Wenn Sie der dümmste Mensch auf der Welt sind, wird sie fest davon überzeugt sein, daß alle andern unrecht haben. Das heißt, wenn sie Sie liebt. Das ist etwas in ihrem Herzen. Ich glaube, es ist eine Fähigkeit, sich selbst jung zu machen. Und wenn sie Sie nicht gern hat, dann können Sie der klügste Mensch sein, den es gibt, und es wird gar nichts ausmachen – sie wird Ihnen nicht zuhören.«

»Ich muß sagen, ich kenne mich nicht aus«, gestand Ewing; »setzen Sie die Fehler der Frau auseinander, Eigenschaften, die sie lächerlich machen, oder schildern Sie ihre Tugenden?« »Rauchen Sie keine Zigarre mehr«, sagte Nina, »und vor allem machen Sie keinen Swizzle mehr. Sie bestehen jetzt fast nur noch aus Rauch und Rum. Das ist dumm. Ich habe etwas von den Frauen erklärt, das die Männer entweder nie verstehen oder nicht zugeben wollen. Es verletzt sie wohl in ihrer Eitelkeit.« Sie habe ihn in der seinen nicht verletzt, versicherte ihr Ewing. »Seien Sie Ihrer selbst nicht so sicher«, riet ihm Nina. »Wenn Sie von der Vergangenheit reden, dann denken Sie daran, daß es damals einige Frauen gegeben hat. Nach allem, was ich gehört habe, wirken sie durchaus nicht fremd. Der Stil war ein anderer, aber die Idee war schon dieselbe. Mich ärgert nur, daß Sie so überlegen wirken. Inwiefern sind Sie schließlich überlegen? Sie sind nichts sehr Überraschendes, oder? Ein magerer Mann mit ziemlich dunklem Gesicht, der auf Cuba lebt. Das ist nicht gerade überwältigend viel! Sie haben Tausende von Büchern gelesen, weil Sie dort nichts anderes zu tun gehabt haben. Rauchen, Swizzle trinken und lesen. Sie werden mir zuhören müssen, ob Sie wollen oder nicht.

Frauen behalten ihre Meinungen viel zu sehr für sich. Sie haben immer Angst davor, einen Mann oder ein Essen oder sonst etwas zu stören. Sie verstecken immer ihre wirklichen Ansichten und äußern andere, von denen sie glauben, daß sie allen gefallen werden. Mir hängt das zum Halse heraus. Ich denke nicht daran, es zu tun. Nein, unterbrechen Sie mich nicht. Was Sie denken, ist ganz egal. Ich habe Sie jetzt zweimal gesehen, und beide Male bin ich still geblieben, nur um Sie sprechen zu hören. Sie wußten so viel. Sooft Sie eine Pause machen mußten, weil Ihnen die Luft ausging, sagte ich mir ganz klein und bescheiden, wie wunderbar das sei. Wie wunderbar Sie seien. Wie wunderbar es sei, einfach da zu sein. Damit ist es aus. Sie können zu Justin hineingehen, wenn Sie wollen. Oder auch nicht. Sie können hierbleiben und mir zuhören. Und wenn ich fertig bin – vielleicht werde ich nie fertig – können Sie mir sagen, ob ich wunderbar bin. Sie könnten etwas tun. Finden Sie nicht, daß Gelb mir steht? Sie würden nie glauben, daß ich zwei nahezu erwachsene Kinder habe, nicht wahr? Ich habe mehr von einer Pariserin als von einer Eastlaker Frau, finden Sie nicht? Gleich, wie Sie mich gesehen haben – Sie wissen, wie die Fortsetzung davon ist, ohne daß ich es Ihnen sage. Also, setzen Sie fort.«

Chalke Ewing griff nach der umflochtenen Bacardiflasche. »Das ist nicht bloß ein Getränk«, erklärte er achtsam, »das ist eine Notwendigkeit. Eigentlich müßte ich auch eine Zigarre haben, aber darauf will ich verzichten. Weib, ich sage Ihnen, Sie sind bös mit mir umgesprungen. Sie müssen in den letzten drei Sekunden mindestens eine Million Worte losgelassen haben. Tun Sie das nicht wieder. Dazu ist es zu heiß. Es ist viel heißer, als Cuba sich hat jemals träumen lassen.« Nina war froh, daß sie einen Teil dessen ausgesprochen hatte, wovon ihr Gemüt ganz plötzlich voll geworden war. Chalke Ewing war zu feierlich, und Justin war zu feierlich. »Es ist nicht zu heiß«, sagte Nina; »ich werde Ihnen sagen, was wir tun. Wir werden in meinem Ford eine Fahrt machen. Ich bin mit dem Wagen hergekommen, und bis jetzt wußte ich nicht warum. Wir werden zum Steinbruch fahren. Dort werden sehr viele Menschen sein.«

Ewing erwiderte, er glaube nicht, daß er zu einem Steinbruch gehen wolle. Das, sagte Nina, sei unwesentlich, er werde hingehen. Sie hatte alles in die Hand genommen. Sie war außerordentlich vergnügt. Glücklich. Nina half Chalke Ewing fast aus seinem Sessel.

»Das wird Ihnen gut tun«, versicherte sie ihm, als sie ganz nahe bei ihm in ihrem geschlossenen kleinen Wagen saß. »Das bezweifle ich«, sagte er; »ich bezweifle es sehr. Es kommt mir nicht natürlich vor, zu einem Steinbruch zu fahren, wenn man nicht eine Ladung Grabsteine holen will.« Es wurde schon besser mit ihm, sah sie. Die Nacht war still – kein Lüftchen regte sich – und schwach vom Sternenlicht erhellt. Das Laub der Bäume war üppig und voll. Die tiefen Schatten dufteten von zarten Gräsern und Blumen. Sie kamen an einem breiten, seichten Wasserlauf vorüber, und die Luft, die von da aufstieg, kühlte Ninas Gesicht; an den Ufern war ein Plätschern zu hören, dann war es vorbei. Sie hatte die absonderliche, die geradezu schwachsinnige Überzeugung, daß sie Chalke Ewing von ihm selbst entführe, daß sie ihn rette. Sie wußte nicht recht wie. Um seinen Mund lag ein belustigter, erwartungsvoller Ausdruck. Er sagte nichts. Justin würde sehr überrascht sein, wenn er auf den Rasen hinauskam und sah, daß sie gegangen waren. Ohne ein Wort der Erklärung. Nina merkte, daß ihr die Lust vergangen war, zu reden, ihn mit ihren eigenen Notwendigkeiten und Vorstellungen zu überwältigen. Die Nacht hieß sie schweigen und beruhigte ihr Gemüt. Gefühle, tiefer als Worte, Wünsche, die unter ihrem Bewußtsein verborgen waren, ergriffen ohne weiteres Besitz von ihr. Chalkes Nase machte sein Profil imposant; im Dunkeln konnte man denken, er sei groß.

 

Die Einfahrt zum Steinbruch war eine schmale Öffnung zwischen hohen, unregelmäßig gebildeten Felsmassen. Im Inneren lag der kreisförmige Steinbruchteil etwa vierzig Fuß unter dem Niveau des übrigen Landes. Die steilen Fels- und Erdwände führten zu Wiesenland mit saftigen Weiden, kleinen Gehölzen und Flußläufen hinauf. Die Dunkelheit im Steinbruch war intensiv, aber drei Automobile waren so aufgestellt, daß sechs Lichtkegel in verschiedenen Winkeln auf dem schwarzen Wasser lagen. Nina konnte die Gestalt eines Mannes, der sich beleuchtet von dem Dunkel abhob, auf dem hohen Sprungbrett auf der andern Seite des Teiches sehen. Plötzlich sprang er mit ausgebreiteten Armen und zurückgeworfenem Kopf ab, aber als er die Wasserfläche berührte, war er gerade und starr. »Das«, sagte Nina zu Chalke Ewing, »war ein Kopfsprung. Es war Roderick Wade. Er gilt als sehr guter Springer«. Ewing war überraschend still. Er saß, das Kinn in eine Hand gestützt, vorgebeugt da. Ein Mädchen ging auf das Sprungbrett. Sie hatte einen kurzen roten Badeanzug an, der die Schlankheit ihres Körpers betonte. Sie wippte auf ihren nackten Zehen auf und nieder und ließ sich dann in einer eleganten Kurve durch die einander schneidenden Lichtbalken ins Wasser fallen. Das Wasser spritzte empor. Roderick kam in der Nähe des Ford aus dem Wasser, und Nina rief ihn. »Ist Wilson da?« Er kam zum Wagen und stellte einen nassen, schimmernden Fuß auf das Trittbrett. »Haben Sie eine Zigarette und könnten Sie sie vielleicht für mich anzünden? Danke schön. Er war mit Cora und Anna Louise da. Aber sie müssen schon vor einer halben Stunde gegangen sein. Wie spät ist es?« Chalke sagte, es sei zwölf Uhr. »Roderick, ich glaube, Sie kennen Mary Gows Bruder noch nicht. Mr. Ewing, Roderick Wade.« Roderick nickte. »Kommen Sie schwimmen«, schlug er vor.

»Es ist zu spät, und ich bin zu faul«, antwortete Nina. »Wer ist da?« fragte sie. »Also, ich bin da«, sagte Wade, »und Constance auch. Das Mädchen in dem roten Badeanzug ist aus Claymont. Evelyn Delaney ist mit Ambrose irgendwo im Wasser, und Acton ist eben nach Hause gegangen. Ich glaube, ich werde die ganze Nacht schwimmen.« Nina sagte ihm, er solle nicht verrückt sein. »Sie machen alles so heftig, Roderick, Sie werden eine Ruine sein, noch bevor Sie vierzig sind.« Er sagte in enttäuschtem Ton: »Erst dann! Das ist eine schlimme Nachricht. Ich habe gehofft, daß es nicht so lang dauern wird. Nochmals vielen Dank, ich weiß eigentlich nicht wofür – ach ja, die Zigarette.« Er ging zum Wasser zurück. Chalke sagte zu ihr, Wade sei ein schöner junger Wilder. »Nichts Gezähmtes ist an ihm. Aber er wird verlieren. Ein vornehmeres Amerika wird ihn in ein paar Jahren haben. Die Umstände werden ihn abschleifen, bis er eine glatte, verlogene Vollkommenheit erreicht hat.« »Sie sollen nicht sprechen«, erklärte sie, »Sie können nichts sagen, was mich interessieren würde. Das ist ganz und gar meine Angelegenheit. Ich kann Sie mit Constance Wade hier lassen und Roderick mitnehmen.« Eine Gestalt zeigte sich auf der Klippe, hoch über dem Teich. »Das ist Ambrose Verner«, sagte Nina, »er sollte das nicht machen. Er tut es immer wieder, aber es ist gefährlich, der Absprung ist so schlecht.« Die Gestalt verschwand, sie fiel so rasch, daß man sie nicht sehen konnte, und dann plätscherte es lauter als sonst.

»Es ist wirklich grotesk«, schmälte Ewing, »es gibt Hunderte von Dingen, die Sie wissen müßten, die nur ich Ihnen sagen kann, und trotzdem soll ich still bleiben. Ich hasse es, zuzuhören. Das Ende wird sein, daß ich umkomme.« Nina versicherte ihm allen Ernstes, daß das nicht geschehen werde. »Eigentlich ist es ausgezeichnet für Sie. Sie wissen es nicht, aber so ruhen Sie endlich einmal aus. Noch eine kleine Weile, und Sie werden fast normal sein. Zur Hälfte reden Sie ja nur, weil Sie nervös sind; nicht, weil Sie etwas zu sagen haben. Sie rauchen diese fürchterlich starken Zigarren, bis Sie zittern wie ein Blatt, und dann begreifen Sie nicht, was mit Ihnen ist. Mary ist dumm – sie sollte Sie ganz einfach um neun Uhr ins Bett stecken. Die Männer sind doch immer gleich, sie sind dickköpfig und werden krank, und dann haben die Frauen eine Menge Scherereien. Warum rauchen Sie nicht kleine Zigarren?«

»Ich kann kleine Zigarren nicht leiden«, erwiderte Ewing, »sie sind immer trocken und heiß. Verdammt noch einmal, ich werde die Zigarren rauchen, die ich rauchen will. Jetzt ist's genug. Sie können mir gar nichts tun, wenn ich rede oder rauche.« Er holte eine seiner Zigarren heraus. »Rauchen Sie sich nur krank«, sagte Nina unverschämt. »Ich muß nicht auf Sie achtgeben. Zittern Sie wie ein Blatt. Wenn ich Sie hier lasse, werde ich keinen andern mitnehmen.« »Was für einen andern?« fragte er. »Sie sind so unexakt.« Er wisse recht gut, was sie meine, sagte ihm Nina. »Einen anderen Mann. Ich möchte lieber allein sein.« Ewing sah ihr in die Augen. »Ich habe diesen Ausflug nicht vorgeschlagen«, erinnerte er sie. »Ich wollte nicht kommen. Sie haben mich dazu veranlaßt. Ich wäre viel zufriedener mit einem Krug Rumswizzle. Sie scheinen mit den Männern nicht einverstanden zu sein, aber Sie geben mir keine Gelegenheit, etwas über die Frauen auseinanderzusetzen.« »Haben Sie schon einmal geliebt?« fragte Nina schließlich. Er füllte das Innere des Wagens mit einer duftenden Rauchwolke.

»Die unvermeidliche Frage«, sagte er. »Das einzige, was Frauen interessiert, weil alles andere Frauen nicht interessiert. Sie müssen natürlich so tun, als ob es wichtig wäre. Sie könnten, wo es sich um Liebe und Männer handelt, der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen. Ja, ich habe geliebt«, versicherte er ihr, »und zwar sehr viel geliebt. Ich bin achtundvierzig Jahre alt, ich habe achtundvierzig Jahre gelebt, und das sind fünfhundertsiebenundsechzig Monate. Das ist etwas weniger als – als siebentausendfünfhundertsechsundfünfzig Tage. Soll ich Ihnen sagen, wieviele Stunden es sind?«

»Nein«, gab sie mit großer Heftigkeit zur Antwort, »lieber nicht.«

»Es wäre aber besser für Sie, es zu hören.« Chalke Ewing dachte ein wenig nach. »Vierhunderteinundzwanzigtausenddreihundertvierundvierzig. Fast. Nun, von vierhunderteinundzwanzigtausenddreihundertvierundvierzig Stunden habe ich vielleicht hundert Stunden geliebt. Das ist nicht ein großer Teil meines Lebens, aber vielleicht ist es ungewöhnlich. Das übrige war ganz anderen Dingen gewidmet – Kindheit und Geometrie und den klassischen Sprachen, Zuckerrohr, einer Anzahl von Büchern. Die Ausgrabungen in Kleinasien und sehr viel leichtere Augenblicke!« Seine Antwort, fand Nina, war nicht sehr befriedigend. Sie war nicht im mindesten befriedigend. »Mir war es ernst«, sagte sie ihm. »Verflucht, mir auch«, antwortete er. »Hoffentlich haben Sie verstanden, was ich Ihnen zeigen wollte.« »Daß die Liebe für Frauen wichtig ist, aber für Männer nicht? O ja, das habe ich verstanden. Ich habe nur nachgedacht. Ich glaube, deshalb machen die Frauen es besser. Sie haben gesagt, daß die amerikanischen Frauen kalt sind. Sie scheinen nicht zu begreifen, daß sie so sein müssen. Die Liebe ist nicht sehr beliebt in den Vereinigten Staaten, bei den Männern. Die sind viel mehr für das Geschäft begeistert. Wilson denkt öfter an sein Holzgeschäft, als er je an mich denken würde. Ich würde ihm nie so wichtig sein wie seine Sekretärin. Er macht aber auch keine Dummheiten ihretwegen; Sie haben sie nicht gesehen; sie würde es nicht eine Minute dulden, und Wilson würde es nicht eine Minute dulden. Elsa Carpenter hat es beim Lunch ausgezeichnet erklärt. Ehemänner sind wirklich entsetzt von jedem bißchen Liebe in ihren Frauen. Wilson will etwas ganz anderes haben. Ich muß seine Kinder aufziehen und das Haus führen, vor allem aber seinen Stolz stützen. Seine Eitelkeit befriedigen und es ihm gemütlich machen. Nicht ihn glücklich machen. Gemütlich muß ich es ihm machen. Ich stehe zwischen Wilson und den zahllosen Dingen, die ihn aufregen würden. Wenn er glaubt, daß er alt wird, muß ich ihm sagen, daß er nicht alt wird. Wenn er denkt, daß er sterben muß, muß ich ihm das aus dem Kopf bringen. Wenn er schlecht Golf spielt, muß ich erklären, daß er am nächsten Sonnabend wahrscheinlich besser spielen wird. Wenn er schlechter Laune wird, muß ich auch das wegschmeicheln. Wenn er ein schlechtes Jahr hat, muß ich sparen und doch alles auf demselben Niveau halten.

Aus alledem würde ich mir nichts machen; in Wirklichkeit ist es nicht schwer, wenn Wilson es nicht schwer machte. Aber das tut er. Er glaubt, daß etwas nicht in Ordnung ist. Die Wäsche oder sein Kaffee oder Cordelias Manieren. Und das Resultat ist fürchterlich. Mit Rhoda und Harriet ist nicht auszukommen, und die Kinder sind unmöglich.« Sie fuhr langsam vom Steinbruchteich fort. Durch die schmale Felsöffnung kamen sie in die freie Nacht hinaus. »Hoffentlich haben Sie nichts dagegen, wenn ich noch nicht zurückfahre. Die Nacht ist zu herrlich.« Nina warf einen Blick auf ihn. Er antwortete nicht. Der Ausdruck seines Mundes war nicht angenehm. Sie fuhren durch kleine Gehölze, in denen der Motorlärm plötzlich lauter wurde, durch kleine verschlafene Täler und über sanfte bewachsene Hügel. Sie fuhren das Ufer eines Flüßchens entlang, das zwischen Weiden dahinströmte und die Sterne widerspiegelte. Nina schwieg jetzt wieder; Chalke Ewing sprach nicht. Sie fuhr nach Eastlake zurück. Sie glaubte, daß es spät sei, aber das bekümmerte sie nicht. »Alles, nur nicht Liebe«, sagte sie plötzlich, den Faden wieder aufnehmend. Ewing räusperte sich laut. Sie hielt vor dem Haus der Gows. »Gute Nacht«, sagte Chalke Ewing kurz und formell. Seine sich entfernende weiße Gestalt verschwamm. In ihrem Wohnzimmer war Licht, und sie konnte das Radio hören.

 

Es war Wilson. Er drehte sich um und starrte sie an. Dann sah er auf die Uhr. »Wo warst du?« fragte er. Nina sah, daß er verdrossen war. »Ach, an allen möglichen Stellen«, antwortete sie munter. »Unter anderem auch im Steinbruch. Ich dachte natürlich, ich würde dich dort treffen.« »Wann bist du zum Steinbruch gekommen?« fragte er. »Um zwölf«, sagte sie ihm. Das Blut stieg ihm ins Gesicht. »Wie«, wollte er wissen, »bist du darauf gekommen, daß du mich um die Zeit dort treffen könntest? Du wußtest doch, mit wem ich zusammen war. Cora hat nicht die Gewohnheit, das zu tun.« Ninas Geduld begann zu schwinden. »Was meinst du damit – das zu tun? Was zu tun?« fragte sie. »Wirklich, Wilson, du bist zu albern. Ich wußte nicht, daß du zwölf Uhr für spät hältst. Bis jetzt hast du das nicht getan, muß ich sagen. Es ist mir nicht gut möglich, in die Zukunft zu sehen und zu wissen, was du denken wirst, wenn es auf einmal ganz anders ist, nicht?« Wilson Henry hatte das Radio vergessen. Eine Stimme sang unverschämt: »Sei nicht dumm, bleib nicht allein, auf dem Zaun im Mondenschein.« Nina war es fast unmöglich, ein Lachen zu unterdrücken. »Du könntest mir ruhig zuhören«, sagte ihr Wilson. »Es gibt einiges, was du dir klarmachen mußt, und das werde ich dir jetzt erzählen.«

»Findest du das nicht dumm?« fragte Nina; »es ist gleich zwei Uhr, wir sind beide müde, und es wäre besser, wenn wir morgen sprechen würden.« Wilson nahm keine Notiz davon. Er setzte sich schwerfällig ihr gegenüber nieder. »Unsere Stadt hier ist recht lustig«, begann er, »und wir sind recht lustig; es hat schon angefangen, uns über den Kopf zu wachsen. Wir bleiben die ganze Nacht auf, wir betrinken uns und sagen so ziemlich alles, was uns gerade einfällt. Ich tue es auch, ich habe nicht darüber gesprochen, aber mir ist klar geworden, was vorgeht. Was mit uns geschieht. Jetzt ist die Zeit gekommen, darüber zu sprechen. Mit dir. Was die anderen Leute tun, ist mir egal! Das geht mich nichts an. Aber du gehst mich etwas an.« »Du mußt endlich sagen, was ich getan habe, Wilson«, sagte Nina. »Das Ganze ist so lächerlich. Ich begreife gar nicht, warum du dich aufregst.« Er werde ihr schon zeigen, warum er aufgeregt sei, erwiderte er. »Ich erwarte von dir, daß du dich würdevoll benimmst. Du bist meine Frau. Wir haben Kinder. Ich mache mir seit einiger Zeit Sorgen darüber, und es kann nicht mehr so weitergehen.« Nina geriet außer sich. »Du lieber Gott!« rief sie, »willst du mir gefälligst sagen, was nicht so weitergehen kann?«

»Ich habe beschlossen, nach der Gedenktagtanzerei mit dir zu sprechen. Dieses Kleid! Ich will nicht auf Einzelheiten eingehen, aber es ist einfach nicht anständig. Acton ist so gut wie zwanzig, und Cordelia ist bald siebzehn. Es hat dir eine, ich weiß nicht was für eine Atmosphäre gegeben. Ich habe bemerkt, wie alle Männer dich angesehen haben. Ich wünsche nicht, daß die Männer meine Frau so ansehen. Ich will es nicht haben. Ja, verdammt noch einmal, du hast dich sogar mit dem betrunkenen Wade eingelassen. Du bist mit ihm aus dem Klubhaus hinausgegangen. Du bist mit ihm zum Automobilschuppen gegangen. Alle möglichen Leute haben dich gesehen. In der letzten Zeit ist es soweit gekommen, daß dir fast jeder Beliebige genügt. Jeder Beliebige und zu jeder beliebigen Zeit. Tags oder nachts.« Jetzt lachte Nina wirklich. »Entschuldige, Wilson; ärgere dich nicht noch mehr; ich kann mir nicht helfen. Das Ganze ist so – so absonderlich.« Er wartete, bis sie wieder still war. »Ein bißchen kann ich begreifen, wieso du es komisch finden mußt«, bemerkte er. »Ich bin noch nicht fertig. Die ganze Wirkung von dem Kleid war, daß es dir deine Würde genommen hat. Wenn du es wissen willst, du hast ausgesehen wie eine französische Hure.«

»Wilson«, sagte sie ihm mit feierlichem Ernst, »so wollen wir alle aussehen. Ich dachte, du weißt das. Leider Gottes können wir nicht französische Huren sein, und deshalb wollen wir aussehen wie sie. Du hast keine Ahnung, wie wohltuend das ist.« »Jesus Christus«, schrie er sie an, »sei doch gefälligst ernst! Hör mich an. Dieses verfluchte Kleid hat deinen Körper zu einem öffentlichen Eigentum gemacht. Ich bilde mir nicht ein, sagen zu können, wie, aber so war es. Die Franzosen sind eine dreckige, gemeine Rasse und verstehen sich auf dreckige, gemeine Sachen. Dann bist du erst kurz vor acht Uhr morgens nach Hause gekommen. Was sich die Leute gedacht haben, die dich auf den Straßen gesehen haben, weiß ich nicht.« Nina unterbrach ihn. »Straße, Wilson; ich bin von der Kingsmill Street über den Rasen der Baches gegangen.« Er glotzte sie an. »Dann war der Auftritt beim Essen, als du große Reden über ein paar Römer und ein paar Griechen hieltest. Du hast Acton in seiner Frechheit unterstützt. Die Wahrheit darüber ist, daß sie genau so dreckig waren wie die Franzosen, und deshalb sind sie auch zugrunde gegangen. Ich wollte euch etwas über ein paar anständige amerikanische Ideen und Errungenschaften sagen, die für euch alle besser wären, aber du wolltest nichts hören.«

»Ja, Wilson«, sagte Nina mit ruhiger Stimme, »ich werde jetzt hören.« Mit einemmal war Nina nicht mehr ängstlich besorgt, ihn zufriedenzustellen und zu beruhigen, ein gutes Gefühl zwischen ihnen wieder herzustellen, sie war völlig losgelöst. Sie betrachtete Wilson mit gelassener, unparteiischer Kritik. »Dann ist die heutige Nacht gekommen«, fuhr er fort. »Warum hast du mir nicht gesagt, daß du zum Steinbruch willst? Du hast gesagt, daß du zu den Gows gehst. Warum hast du solchen Wert darauf gelegt, so spät zum Steinbruch zu gehen?« Er unterbrach sich plötzlich, um auf eine Erklärung zu warten. Die gab sie ihm auch in vollem Maße. »Ich bin auch zu den Gows gegangen; vom Steinbruch habe ich nichts gesagt, weil ich noch gar nicht gewußt habe, daß ich es tun werde. Wir haben uns erst nach halb zwölf entschlossen hinzufahren.« Wilson ahmte ihren Tonfall nach. »Wir, wir ist es also? Das haben wir bis jetzt gar nicht gewußt.« Nina starrte Wilson an. »Wirklich, Wilson«, sagte sie ihm, »ich glaube, du bist nicht ganz bei Trost. Ich war mit Chalke Ewing zusammen, ich bin gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß dir das nicht selbstverständlich erscheinen könnte.« Das habe er sich gedacht, erklärte Wilson Henry. »Im Steinbruch warst du um zwölf. Und nach Hause bist du siebzehn Minuten vor zwei gekommen. Willst du mir erzählen, daß du nahezu zwei Stunden im Steinbruch warst. Um diese Zeit?« Sie habe nicht die Absicht, ihm das zu erzählen, gab Nina zu. Sie habe eine ziemlich lange Fahrt mit Chalke Ewing gemacht. »Die Nacht war so schön, Wilson, ich hatte gar keine Lust, nach Hause zu kommen. Ich hätte noch stundenlang fahren können.«

»Es ist mir absolut unklar, warum du das nicht getan hast«, sagte er ihr ironisch. »Ich kann mir nicht vorstellen, was dich nach Hause getrieben hat. Jedenfalls sind wir zu diesem Ewing gekommen. Ich traue ihm nicht; ich traue nichts, was mit ihm zu tun hat; es tut mir leid, daß ich so über Marys Bruder sprechen muß. Mir mißfällt alles, was ich über ihn höre. Er macht die Vereinigten Staaten herunter, und das genügt mir. Er macht die Religion herunter, und das ist mehr, als ein Mensch, der Anständigkeit im Leibe hat, ertragen kann. So ein Mann verbringt seine Zeit auf Cuba mit dem Suff und mit Niggerweibern.« Diese beiden letzten Tatsachen, dachte Nina, waren zweifellos richtig. Sie war soeben zu denselben Schlüssen über Chalke Ewing gekommen. »Dieses ganze Zeug mit den Römern hast du von ihm«, sagte Wilson; »man hat mir erzählt, worüber er spricht.« Eine Woge von Müdigkeit begrub Nina unter sich. »Was meinst du?« fragte sie. »Ich meine, daß du anders werden mußt«, antwortete er grob. »Ich werde dich anders machen. Ich will nicht haben, daß du in der Nacht mit einem verdammten Ungläubigen zusammen bist.« Nina Henry musterte ihn mit gefährlichen Blicken. Sie dachte noch immer darüber nach, was er antworten würde, wenn sie ihn über das Zusammensein mit Cora Lisher in der Nacht befragte. Sie konnte ihm, und das war wichtig, nicht zeigen, daß sie alles wußte. Jedenfalls konnte sie nicht auf den Gedanken kommen, ihm davon zu sprechen. Das wäre unerträglich.

»Chalke Ewing wird wohl das sein, was du ungläubig nennst«, sagte sie statt dessen. »Ich hätte nie daran gedacht. Ich meine, er wird wohl entsetzlich gewesen sein, aber er hat mich nicht entsetzt. Ich kann das nicht erklären, ich könnte nur sagen, ich glaube, daß er innerlich gar nicht entsetzlich war. In seinem Herzen. Wenn er innerlich überhaupt etwas war, war er unglücklich. Du scheinst seinetwegen ganz aus dem Häuschen zu sein, Wilson, aber für mich ist er mehr oder weniger wie ein Kind.« Eben darin, sagte ihr Wilson, bestehe Chalke Ewings Verschlagenheit. Er verstehe es, wie man auf Frauen wirke. Jeder Mann, der eine Kunst daraus mache, auf die Frauen zu wirken, fuhr Wilson fort, sei ein Schwein. »Ein anständiger Mann nimmt die Frauen unter seinen Schutz«, verkündete Wilson Henry. »Er nimmt sie unter seinen Schutz, und im übrigen schlägt er sie sich aus dem Kopf. Die anderen denken fast ununterbrochen an Frauen. Du verstehst so etwas nicht, und deshalb wirst du es dir von mir sagen lassen müssen. Du wirst tun müssen, was ich sage.« »Was soll ich tun?« fragte Nina. Er musterte sie stirnrunzelnd. »Geh nicht zu den Gows«, antwortete er unfreundlich. »Ich meine, solange Ewing nicht nach New York oder Cuba zurückfährt, oder in die Hölle, oder was sonst sein nächstes Ziel ist. Ich wünsche nicht, daß du mit ihm zusammen bist oder mit ihm sprichst. Verstehst du mich?« Sie sagte nichts. Wilson rutschte ungeduldig hin und her. »Verstehst du mich?« fragte er noch einmal. »Also, ja oder nein?« Ja, sagte sie, sie verstehe. »Ich verstehe dich, Wilson«, fügte Nina hinzu, »ich wünsche aber auch, daß du mich verstehst. Ich will ganz ehrlich sein. Ich bin über Chalke Ewing nicht einer Meinung mit dir. Es gibt da einiges, was mich sehr angeht, und darüber muß ich selbst entscheiden. Ich werde ihn natürlich wiedersehen.«

Wilson Henry sprang auf, sein Gesicht war dunkelrot, er stotterte vor Wut. »Einen Dreck wirst du«, erklärte er, »gar nichts wirst du. Hörst du mich?« Nina blickte ihn ganz überrascht an – sie sah Wilson, ganz wie er war, isoliert von jedem Mitfühlen und ausgesprochen lächerlich. Mehr interessierte sie jedoch ihr eigenes Ich. Sie hatte all ihre Rücksicht, all ihre Liebe für ihn verloren, das war einfach weg. Es war, erkannte sie, für immer weg. Er hatte, abgesehen von allem anderen, den letzten Rest von Gewalt über sie verloren. Er konnte ihr nicht befehlen, er konnte sie nicht zurückhalten, er konnte sie nicht lenken. Wilson hatte, entdeckte Nina, seine Autorität über sie der Liebe verdankt. Liebe und Furcht waren miteinander verquickt. Wenn sie ihn liebte, und sei es auch noch so wenig, war er ihr teuer, waren seine Ansichten Gesetz; selbst in der Angst vor seiner Mißbilligung war sie glücklich. Seine Mißbilligung war dann zu schwer, um ertragen werden zu können. Sie gab sich ihm in einer Art Sklaverei um der Liebe willen.

»Schrei mich nicht an, Wilson«, sagte Nina mit metallischer Stimme, einer Stimme, die voller Kanten war. »Es kann dir nichts nützen, aber es schadet dir vielleicht. Du kannst deine Kopfschmerzen davon bekommen. Es wird dir nichts anderes übrigbleiben, als vernünftig zu bleiben, was Chalke Ewing betrifft. Ich bin bei Mary fast so gut wie zu Hause. Das war immer so und wird immer so sein. Ihr Bruder ist mir sympathisch, ich höre ihn gern reden, er tut mir wohl. Er würde allen in Eastlake wohltun. Ich kann Mary nicht sagen, du wünschst nicht, daß ich ihn sehe. Ich kann es nicht, und ich will es nicht. Es ist zu lächerlich. Und deshalb wirst du, wie ich schon gesagt habe, vernünftig sein müssen. Du bist mir unbegreiflich – zuerst bist du ganz wütend über ein Kleid – es ist ein Kleid und kein Trikot – dann regst du dich auf, weil ich gesagt habe, es freut mich, wenn Acton etwas über die Griechen lernt, und jetzt bekommst du einen Anfall wegen Chalke Ewing. Er ist der allerletzte, wegen dessen ich mir einen Anfall denken könnte. Höchstwahrscheinlich findet er mich fürchterlich. Er ist kein sehr gütiger Mensch, muß ich sagen. Und jetzt wollen wir schlafen gehen, Wilson.«

»Ich habe dir gesagt«, wiederholte er, »daß du zu den Gows nicht zu gehen hast, solange dieser Ewing hier ist.«

»Das habe ich schon beim erstenmal gehört«, antwortete Nina ruhig. »Aber anscheinend hast du meine Antwort nicht gehört. Wenn er dableibt, werde ich ihn wahrscheinlich morgen sehen.« Er beugte sich vor und packte sie an der Schulter. »Das wirst du nicht«, erklärte er ihr. »Du mußt meine Schulter loslassen«, sagte Nina, »du tust mir weh.« Ihre negative Haltung zu Wilson war wieder positiv geworden. Sie merkte, daß sie überaus bösartig war. Er rückte von ihr fort. »Ich weiß nicht, was in dich gefahren ist«, bekannte er. Er war offenbar verwirrt. »Ich wollte dir nicht weh tun, Nina. Das war unverzeihlich.« Sie nickte unentspannt, ungeändert, hart. »Sonst hast du mich angehört und versucht, zu tun, was ich von dir verlangt habe. Ich versuche vernünftig zu sein, aber ich muß mit dir und mit meinem Leben, so gut ich kann, weiterkommen. Nimm diesen Ewing zum Beispiel – ich weiß, daß er schlecht für dich ist. Er wäre schlecht für jeden Beliebigen. Nun, deshalb will ich nicht, daß du mit ihm zusammen bist.«

»Du weißt nicht, daß Chalke Ewing für mich schlecht ist«, widersprach ihm Nina. »Er kann vielleicht für dich schlecht sein, er kann vielleicht für alle anderen in der Welt schlecht sein, und für mich doch gut. Ich weiß nicht, ob er gut für mich ist – schließlich habe ich ihn nur zweimal gesehen, aber ich muß die Möglichkeit haben, dahinterzukommen. Ich muß allein dahinterkommen. Das, gerade das, scheinst du nicht zu verstehen. Das ist es tatsächlich, du kannst nicht für mich denken. Wenn du es früher konntest, so soll mich das freuen, aber jetzt kannst du es leider nicht mehr. Vielleicht habe ich nicht viel Verstand, aber das, was ich habe, werde ich gebrauchen. Wenn ich mich zugrunde richte, wird es gut so sein. Ich werde nicht klagen und dich nicht belästigen. Aber tun werde ich es.« Wilson versicherte, er werde nicht zugeben, daß sie sich zugrunde richte. »Ich kann es verhindern, und ich werde es verhindern. Du wirst auf mich hören müssen. Ich bin ein Mann und verstehe die Welt. Ich bin verantwortlich für dich.« Darauf sagte Nina: »Unsinn. Vom ersten Augenblick unserer Ehe an habe ich für dich gesorgt. Es hat mich nicht gestört, es war mir lieb, und ich bin bereit, es auch weiter zu tun, aber du könntest endlich die Wahrheit begreifen. Wilson, sei kein Kind – zehnmal an einem Tag muß ich mit etwas fertigwerden, ohne daß du mir hilfst. Sooft ich tanzen gehe, machen die Männer Versuche. Es gelingt ihnen nichts; aber das ist nicht dein Verdienst. Ich lasse sie eben nicht.« Sie kam einer noch krasseren Wirklichkeit sehr nahe. »Hoffentlich wirst du mit dem, was du hast, ebensogut fertig, wie ich mit dem meinen.«

Wilson Henry war in seinem Stuhl zurückgesunken; er saß da und starrte sie an, zwischen seinen Augen standen steile Falten. »Mit dem, was ich habe«, wiederholte er. »Ich wußte nicht, daß von mir die Rede ist. Ich dachte, wir sprechen über dich. Wie kommst du überhaupt darauf, daß ich etwas habe?« Sie machte ihn darauf aufmerksam, daß er sie mißverstanden habe. »So habe ich das nicht gemeint. Himmel, Wilson«, fuhr sie fort, »hoffentlich hast du etwas. Wenn nicht, muß das Leben sehr langweilig für dich sein.« »Mit wem sollte ich etwas haben?« fragte er. Nina war wieder irritiert. »Das kann ich dir nicht sagen. Vielleicht ist es jemand in der Stadt, oder eine von meinen besten Freundinnen hier, oder eine Frau in Eastlake, die vielleicht unter uns steht. Wenn du fertig bist, will ich schlafen gehen.« Er saß schweigend da, in sich zusammengefallen, mit gesenktem Kopf, die Hände zwischen den geöffneten Knien verschränkt. In einer Haltung, die Verwunderung und Niedergeschlagenheit ausdrückte. Nina war nicht imstande, ihn zu bemitleiden. Wilson gegenüber war sie bar aller Gefühle. Sie stand auf und ging in ihr Zimmer. Als er heraufkam, war sie mit ihren Crêmes und Salben beschäftigt. Nina fand, daß er sie mißtrauisch betrachtete.

»Ich habe versucht, dir einen Rat zu geben, aber du wolltest nicht darauf hören«, sagte er schließlich. »Wie du mir gezeigt hast, kann ich dich nicht zwingen. Ich war noch nie in die Notwendigkeit versetzt, dich zu zwingen, und deshalb war ich nicht vorbereitet auf das, was geschehen ist. Ich meine, ich war nicht gefaßt auf das, was du gesagt hast. Es ist klar, daß es dir gleichgültig ist, was ich denke.« Sie setzte Wilson Henry auseinander, daß es ihr ab und zu gleichgültig sein müsse, was er denke. »Es würde alles verderben, und zuerst mich.« »Ich kann dich nicht verstehen«, sagte er immer wieder. »Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich bin derselbe wie immer. Meine Stimmung ist nicht schlechter geworden, als sie früher war. Ich habe weder mehr noch weniger Geduld.« Er sah sie forschend an. Unter seinen Augen lagen dunkle Müdigkeitsschatten. Die Forschheit seiner Haltung und sein sichtbarer männlicher Stolz waren weniger prägnant.

Als Nina, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, im Dunkeln lag, kehrte sie im Geist zu allem zurück, was eben mit Wilson Henry und ihr vorgegangen war. Das war, sah sie ein, sehr ernsthaft. Sie liebt ihn endgültig nicht mehr. Die Bande, die sie an ihn geknüpft, die sie beide – in sehr weitgehendem Maße – eins gemacht haben, sind ganz zerrissen. Sie sieht ihn jetzt als Teil der Außenwelt.

Wilson ist, ohne es ganz zu verstehen, plötzlich von Erniedrigung überwältigt worden. Seine eigene Frau, der einzige lebendige Mensch, der seine, Wilsons, Interessen über die eigenen gestellt hat, auf den er sich ganz und gar verlassen hat, hat versagt und ihn im Stich gelassen. Kein Wunder, daß er verwirrt geworden ist. Nichts Schlimmeres, dachte sie, hätte ihm passieren können. Sein Stolz ist übel verletzt worden. Nun, das wird Cora heilen müssen. Das, meinte Nina, war möglich. An Wilsons Atem erkannte sie, daß er noch nicht eingeschlafen war. Sie hatte nicht den Wunsch, zu ihm zu sprechen, ihn aus seinem unglückseligen Zustand zu befreien. Das war etwas ganz Neues. Früher wäre es ihr unmöglich gewesen, ihm keine Beachtung zu schenken, sie hätte es auf jede ihr bekannte Weise versucht, ihm seine Zufriedenheit wiederzugeben. Sie konnte nichts an dem ändern, was geschehen war. Er war immer unvernünftig mit ihr gewesen, schon in den ersten Jahren ihrer Ehe; er hatte mit aller Gemütsruhe für selbstverständlich gehalten, daß sein Urteil für sie beide genügen müsse. Später war er übellaunig geworden; er schien zu denken, sie gehöre ihm, und er könne ihr alles sagen, was er wolle. Das war tragisch, weil das Ganze auf nichts anderes als auf einen Irrtum zurückzuführen war. Auf das Törichte schlechter Manieren.

Wilson Henry bewegte sich unruhig in seinem Bett. Er konnte nicht anders, als sein, was er war, und sie konnte nicht anders, als sein, was sie war. In ihrer ganzen Ehe jedoch war sie immer diejenige gewesen, die Opfer gebracht hatte, wenn solche notwendig wurden. Anfangs war sie ganz willens gewesen, das zu tun – daß darin eine Ungerechtigkeit gegen Wilson lag, war klar – und so war er dazu gekommen, es zu erwarten und zu fordern. Jetzt hatte sie nicht mehr die Absicht, sich zu opfern. Das lag allem zugrunde, was geschehen war. Er wird diesen neuen Stand der Dinge hinnehmen müssen. Zu Cora Lisher gehen. Sie wird ihm bei Cora so viel wie möglich behilflich sein. Wann sie wohl Chalke Ewing wiedersehen wird? Sie war durchaus nicht sicher, daß er nicht sofort wieder das New Yorker Büro seiner Gesellschaft aufsuchen würde. Sie konnte sich nicht vorstellen, was er von ihr dachte.

 

Am Morgen hatte Nina einen sehr klaren Kopf; ihr Leben, schien ihr, hatte sich sehr vereinfacht; ihre Beziehungen zu Wilson, dachte sie, würden von jetzt an ganz und gar zufriedenstellend und sogar erfreulich sein. Sie war sicher, daß er vernünftiger sein würde, und sie wollte sich durch nichts aus der Fassung bringen lassen, wenn es sich um ihn handelte. Nina machte die Entdeckung, daß sie an Wilson mit sehr viel Zuneigung dachte. Das war ein sehr angenehmes, praktisches Gefühl. Wilson ging immer zum Frühstück hinunter, aber das ihre wurde ihr von Harriet auf einem Tablett heraufgebracht; Wilson verließ das Haus, ohne, wie er es sonst tat, heraufzukommen, um mit ihr nach dem Frühstück, bevor der eigentliche Tag begann, einige Minuten zu sprechen. Es war jedoch Sonnabend, und Wilson, der nicht in die Stadt fuhr, konnte sich nicht sehr weit entfernen. Wahrscheinlich war er im Stall bei den Wagen. Es war ein sehr schöner Sonnabend, stellte Nina fest, strahlendes, wolkenloses Sonnenlicht ergoß sich über eine sattgrüne Welt. Die Kleider der Frauen, die sie auf der Straße sah, waren außerordentlich bunt – die Luft blitzte von Farben; die Stimmen waren voll und musikalisch und trugen weit.

Sie hatte hinsichtlich Wilsons recht gehabt, sie hörte ihn in der unteren Diele. »Nina«, rief er, »wann werden wir lunchen? Mir wäre es möglichst früh sehr lieb. Ich habe Joel Bach gesagt, daß ich um dreiviertel zwei bereit bin zu spielen.« Nina Henry ging zur Tür ihres Zimmers. »Schön«, sagte sie munter, »wir werden um dreiviertel eins essen. Dann hast du Zeit genug.« Das war doch viel besser, als über die Schwierigkeiten eines Verlegens der Essenszeit zu klagen! Sie würden Koteletts haben und Bratkartoffeln und gebratene Tomaten, es bereitete gar keine Mühe, das ganze dreiviertel Stunden früher als sonst anzusetzen. Nicht im geringsten. Das andere, das Gefühl des Ärgers und der Opposition, raubte einem so viel Kräfte. Man wurde müde vom Streiten über die Ereignisse des Tages, bevor auch nur eines von ihnen Tatsache wurde. Von Wilson war nichts mehr zu hören; sie wußte, daß er auf der Veranda saß und die Morgenzeitung las. Es war zehn Uhr. Ihr Leben, überlegte sie, war sehr leicht, es war sogar ausgesprochen luxuriös. Sie taten und hatten nahezu alles, was sie wollten – was mit Cordelia auch im Lauf der nächsten Jahre geschehen mochte, ihr Vater war in der Lage, für ihre ständige Sicherheit zu sorgen; Acton konnte, wenn er es so haben wollte, dem Besitz einer alten, angesehenen und reichen Firma entgegensehen. Sie hatte ein Kleid von Ishtarre; und Wilson konnte mit der Zeitung und seinen Gedanken auf der sonnigen Veranda sitzen, solange es ihn freute.

Sie machte langsam Toilette und zog einen blauen Flanellrock an, eine leinene Hemdbluse mit Kragen und einen kornfarbenen Pullover. Dazu nahm Nina ausgeschnittene Eidechsen-Schuhe und einen schmalen Eidechsen-Gürtel mit Silberschnalle. Die Wirkung, sagte sie sich, könnte schlechter sein. Als sie ihren Ford vor Clough anhielt, erblickte sie Francis Ambler. Er kam sofort auf sie zu. »Ich sehe Sie überhaupt nicht mehr«, klagte er; »kein Mensch könnte darauf kommen, daß Sie verrückt vor Liebe zu mir sind. So vorsichtig brauchen wir gar nicht zu sein. Was Sie für heute nachmittag vorhaben, ist ganz gleichgültig, weil Sie etwas anderes tun werden, mit mir.« »Natürlich«, sagte Nina. »Warum nicht? Aber was wir auch tun, schließlich werden wir wohl im Landklub landen, das tun ja alle.« Das werde wohl so sein, antwortete Francis. »Nina«, fügte er hinzu, »Sie sehen in letzter Zeit noch hübscher aus als sonst. In der allerletzten Zeit. Wie kommt das?« Sie lächelt ihm zu. »Ich weiß nicht, wie es kommt, Francis«, antwortete sie, »weil ich nicht sicher weiß, ob es wirklich stimmt. Wenn es nicht ganz einfach daher kommt, daß ich mich wohl fühle. Ganz besonders heute fühle ich mich ausgezeichnet.« Francis erzählte ihr, daß er weitergehen müsse. »Ich bin mit Mutter in der Bank verabredet, aber den Nachmittag will ich mit dem Lunch anfangen, Nina. Ich lade mich selber ein.« Es sei gut, sagte sie ihm, daß er sie gesehen habe, bevor sie in den Laden gegangen sei, und nicht erst nachher. »Dreiviertel eins«, rief Nina ihm nach, »Wilson will früh spielen.« Sie war froh, daß Francis Ambler zum Lunch kam – das würde das Zusammensein mit Wilson nach der letzten Nacht unkomplizierter und angenehmer machen.

Francis ist unkompliziert und angenehm, sagte sie sich beim Lunch; er hat eine Gabe dafür, eine leichte, amüsante Atmosphäre zu schaffen; was er sagt, ist sehr geschickt; er zeichnet die Leute in seiner Umgebung aus. Cordelia hatte ihn sehr gern, aber Acton konnte ihn nicht ausstehen. Acton hatte entweder etwas von der aktiven Indifferenz seines Vaters gegen Francis angenommen, oder er empfand ihretwegen einen unklaren Widerwillen gegen ihn. Beim Lunch jedoch sprachen alle sehr angeregt und interessiert. Auch für Wilson, das war deutlich zu sehen, war es eine Erleichterung, daß Francis da war. Der Tag wurde heißer, verlor aber nichts von seiner Schönheit. Es war völlig still. Nicht ein Blatt an den Ahornbäumen in der Grove Avenue regte sich. Eine Bewässerungsanlage auf Catherine Prynes Rasen wirbelte Silberstrahlen umher. Wilson zündete sich eine Zigarre an und ging von der Veranda. »Ich komme in den Klub hinüber«, sagte ihm Nina. Er blieb, die Zigarre in der Hand, auf dem Weg stehen, ohne aufzublicken. »Tu, was du willst«, antwortete er ihr in gemacht ruhigem Ton.

»Das war recht vernünftig«, bemerkte Francis. Nina blickte der sich rasch entfernenden Gestalt Wilson Henrys nach. Er bewegte sich noch immer mit jugendlich lebhafter Raschheit. »Wilson ist jetzt prachtvoll«, sagte sie zerstreut. »Sie sind hier, wissen Sie«, sagte ihr Francis; »Sie sind noch nicht in den Klub gegangen, und wenn Sie hingehen, werde ich bei Ihnen sein. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht.« Nina lächelte ihm zu und berührte ihn freundschaftlich am Arm. Es belustigte sie, zu denken, daß ihre Gefühle für ihn nicht sehr anders waren als ihre Gefühle für Wilson Henry. Beide gehörten zu der vertrauten Welt, sie konnte sich ganz auf sie verlassen; Nina konnte sich nicht vorstellen, was sie ohne die beiden tun, wie sie ohne sie weiterkommen sollte. Beide lieben sie. Sie liebt Francis auch, natürlich liebt sie ihn; er ist wunderbar zu ihr. Sie wird stets alles nur Erdenkliche für ihn tun. Nun, nahezu alles. Sie empfand heute keinen Trieb, keine Notwendigkeit, mit Francis zu schlafen. Dieser lächerliche, schlechte Ausdruck! Sie betrachtete ihn offen, kritisch von diesem Gesichtspunkt aus und konnte sich das heute nicht recht vorstellen. Sie versuchte es, aber es gelang ihr nicht. »Ich habe Sie gern, Francis«, sagte sie impulsiv.

Sein Gesicht strahlte vor Glückseligkeit; er nahm ihre Hände und drückte sie kräftig. »Das ist wohl nicht der richtige Platz dafür«, ermahnte sie ihn. »Acton und Cordelia sind im Haus, ganz abgesehen von den Leuten auf der Straße.« Er rückte von ihr ab, und sein Mund bekam einen harten Ausdruck. »Ich bekomme immer mehr genug davon, Nina«, fing er an. »Ich habe genug von Ihrer Familie im Haus und den Leuten auf der Straße. Ich habe das Warten satt.« »Vielleicht sollten Sie lieber nicht länger warten, Francis«, sagte Nina. »Ich habe Ihnen schon tausendmal erklärt, daß ich Ihnen gegenüber nicht egoistisch sein will.« Er zeigte sofort, daß ihm dieser Edelmut durchaus nicht recht war. »Aber ich will, daß Sie mir gegenüber egoistisch sind«, protestierte er, »ich will, daß Sie jedes bißchen von mir verlangen und sich nicht daran kehren, was passiert. Wenn eine Frau liebt, ist sie so. Sie wissen das genau so gut wie ich. Ich möchte, daß Sie leichtsinnig sind und ganz vergessen, daß jemand im Haus ist. Daß Sie überhaupt eine Familie haben. Ich will nicht, daß Sie daran denken, daß es Straßen gibt.«

Die Liebe, dachte Nina, ist wohl so – leichtsinnig und unüberlegt und sogar desperat. »Keine Frau dürfte es sich leisten, soviel zu vergessen«, sagte sie zu ihm; »das würde sie, bevor sie recht weiß, was geschieht, weiß Gott wohin bringen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie haben nicht recht. Ich glaube, eine Menge Frauen tun das ununterbrochen. öffentlich oder privat. Sie reden Unsinn, Liebste. Von manchen Dingen sagen die Frauen, daß sie sie tun, weil sie wünschen, daß man glaubt, sie tun sie, aber in Wirklichkeit pfeifen sie darauf. Sie sind nicht halb so zivilisiert wie Männer, unter der Haut sind sie ziemlich wild.« Nina lachte lustig. »Himmel, Francis, was ist das für ein Bild! Werfen Sie das nicht durcheinander mit dem, wie ich eigentlich Ihrem Wunsch nach sein sollte? Oder von mir aus, wie ich selber sein möchte. Sein möchte und nicht sein kann, aus dem Grund, den ich genannt habe – ich kann es mir nicht leisten. Das ist für Frauen unmöglich. Sie haben zu lange nahezu alles verborgen. Sie haben sich ihr Leben aus Kleinigkeiten zusammengesetzt, und jetzt sind diese Kleinigkeiten furchtbar wichtig. Wir leben von ihnen. Ich will gern zugeben, Francis, daß das nicht sehr erfreulich ist.« Sie stand mit einem Ruck auf. »Wenn wir nicht in den Klub hinübergehen, in dem wenigstens die Schläge wild sind, werden wir uns einen vollkommenen Tag mit einem Haufen eingebildeter Sorgen verderben. Wir wollen wirklich gehen. Ich muß mehr Golf spielen, ich mache überhaupt keine Bewegung mehr. Ich werde noch ein Monstrum werden.« Francis sagte ihr, sie müsse sogar noch zunehmen. »Jetzt bin ich sicher, daß Sie mich ein bißchen lieben«, meinte Nina; »wenn ein Mann einen liebt, findet er immer, daß man zu mager ist. Wenn ich dick würde, Francis, wie scheußlich würdet ihr das finden, ihr alle, Wilson auch! Ihr wollt natürlich, daß ich gesund bin; aber vor allem wollt ihr euer Vergnügen.«

Neben dem neunten und letzten Putting-green des Eastlaker Golfplatzes, unmittelbar hinter der Klubhaustreppe, stand ein kleiner Baum, und in dessen Schatten setzte Francis Ambler zwei Schaukelstühle, die er von der Veranda holte. Der Tag wurde immer schöner. Von der Stelle auf dem Gras, wo sie saß, konnte Nina die nahe Kurve des Golfgeländes und die Abschlagplätze dahinter sehen; weiter hinten lag ein kleines Tal voll grüner Obstgärten, die blinkenden Wasserstreifen der Flußläufe, die grauen Steinmauern alter Farmhäuser und hochgebauter Scheunen; noch weiter in der Ferne erhoben sich die Hügel mit dichten Gehölzen und smaragdgrünen Weizen- und Maisfeldern. Zur Linken auf den am weitesten entfernten Hügeln sah sie das lange Dach des Amblerschen Hauses mit seinem Flaggenmast über einer weit ausgedehnten Rasenfläche. Es war noch früh. Keiner der Nachmittagsspieler war bis zum neunten Green gekommen, aber sie erkannte Wilson – an einem unfaßbaren Etwas eher als an Einzelheiten – mit seinen Partnern bei der achten Abschlagstelle. Andere spielten auf das erste Loch; ein unterbrochener, aber nicht stockender Zug bewegte sich zur Abschlagstelle für das kurze dritte Loch. Hinter ihnen, von links, waren rasche Schritte auf einem Tennisplatz, das harte Aufeinanderschlagen von Bällen und Schlägern zu hören. Nina seufzte vergnügt auf.

»Es ist so nett«, erklärte sie ganz allgemein, »das Gras und die Schatten und die Hügel. Das ist der netteste Ort in der Welt zum Leben. Mary Gows Bruder, Chalke Ewing, meint, etwas Schlimmeres könnte es nicht geben. Landklubs sind für ihn Gift; aber er weiß nichts von ihnen; er hat sich hier eben nie gut unterhalten. Er bleibt immer dort auf Cuba und liest Bücher über die Vergangenheit. Es ist wirklich wunderbar, was er alles weiß, Francis; es ist herrlich, ihm zuzuhören. Ich könnte ihm jahrelang zuhören.« Francis blieb gleichgültig. »Ich habe ihn gesehen, er ist verbrannt oder so etwas wie ein Nigger, aber ich habe ihn nie reden hören. Wahrscheinlich werde ich das auch nie, er hat nichts mit uns zu tun, er geht nirgends hin. Schauen Sie, da ist jetzt Wilson.« Sie drehte sich halb um und sah Wilson seinen Ball auf die neunte Abschlagstelle legen. Das neunte Loch war hundertsiebzig Yards lang. Wilson nahm einen Eisenschläger, Nina sah das Blinken der Kelle, und sein Ball flog in hohem, weitem Bogen ab. Er fiel genau in das Putting-green und rollte, da er rückwärts geschnitten war, nur zwei bis drei Fuß weiter. »Das war großartig«, rief Nina. »Das war gut für Wilsons Punkte, aber noch besser für mich. Sie können sich gar nicht vorstellen, in was für eine wundervolle Stimmung ihn das bringen wird. Ein solcher Schlag macht aus Wilson einfach für drei Tage einen Engel.« Außer Wilson traf niemand in das Putting-green. Joel Baches Ball landete in einem Loch im Gelände, er mußte fünfmal schlagen, es gab zwei Vieren, und Wilson machte eine Drei. Es wäre fast eine Zwei geworden.

»Hast du das gesehen«, rief er, zur ersten Abschlagstelle gehend, Nina zu. »Ich habe einen schweren Mashie genommen, gewöhnlich ist es eine Nummer vier, und das war genug. Ich hätte eine Zwei gehabt, aber das Green war holprig und hat den Ball in der Höhlung direkt umgedreht.« Sie habe alles beobachtet, rief Nina zurück. Besser hätte es niemand machen können. Francis sagte ihr, Wilson sei ein glücklicher Mensch – er sei so leicht zufriedenzustellen. Nina antwortete nicht. Seine Worte ärgerten sie nahezu. Francis hielt so viel für selbstverständlich. Sie war abwechselnd überrascht und belustigt über sich selbst. Sie war ihm ohne rechten Grund böse. Es nahm sie wunder, daß sie sich über ihn ärgern konnte. »Ich beneide Wilson um vieles«, sagte sie schließlich; »er hat einige bemerkenswerte Eigenschaften. Ich meine vor allem die Art, wie er seine Welt bewundert. Er ist mit allem zufrieden, was zu ihr gehört, nur mit mir manchmal nicht. Sooft ich nicht ein Teil dessen bin, was er denkt. Eastlake und Golf und das Holzgeschäft. Die ganzen Vereinigten Staaten. Kritik darüber will er durchaus nicht hören. Ich wollte, ich wäre so, Francis.« Er betrachtete sie mit gespannter Miene. »Es wird mir ganz kalt, wenn ich Sie davon reden höre, daß Sie anders werden wollen«, antwortete er. »Gott sei Dank, haben Sie selbst gar nichts damit zu tun. Sie werden noch lange bleiben müssen, was Sie sind. Für den ganzen Rest Ihres Lebens. Ich glaube, seit dem Lunch habe ich Ihnen noch nicht gesagt, daß ich Sie liebe, Nina. Ja, ich liebe Sie.« »Seit dem Lunch?« fragte sie. Er sagte, sie nütze seine Situation in der Öffentlichkeit aus. »Fragen Sie mich später dasselbe, und ich werde Ihnen die richtige Antwort geben. Ich werde es Ihnen zeigen.«

Sie hörte ihn kaum, andere Leute spielten auf das neunte Green. Ein Ball fiel in das Bodenloch, ein anderer rollte quer über das Green und verschwand, ein dritter ging kurz. Delia Bache kam mit ihrer Tochter Faith. Francis holte ihnen Sessel. Mary Gow stieß zu ihnen – Francis holte ihr einen Sessel – und Catherine Pryne erschien; Francis holte einen Sessel für Catherine; Cora Lisher ging über das Gras zu ihnen; Annabel Gow und Anna Louise kamen, jede mit einem Sessel. »Anna Louise, es ist schön von Ihnen, daß Sie Ihrer Mutter einen Sessel gebracht haben«, sagte Francis. »Hoffentlich sitzen Sie gern im Gras.« Annabel, Faith Bache und Anna Louise setzten sich auf den Grasrand eines Fehlgeländes, fast zu den Füßen der anderen. »Fast niemand kommt aufs Green«, bemerkte Nina. »Beinahe immer passiert etwas mit den Schlägen, oder sie haben kein Glück. Mir wird das langsam zuviel. Wenn man mit dem Golf schon so feierlich tut und es ununterbrochen spielt, sollte man es besser können als die Leute hier. Wilson war ins Green gekommen, aber den nächsten Schlag hat er verpatzt, er hat ihn zu hoch gefaßt.«

»Wenn man irgend etwas zu gut kann«, sagte ihr Mary Gow, »macht man sich sofort Ärger. Entweder können die Leute einen deswegen nicht ausstehen, oder man darf überhaupt nichts anderes mehr tun. Es ist viel besser, nicht so oft ins Green zu kommen.« Nina betrachtete forschend die Frauen, die um sie herum saßen, Delia Bache, Mary, Cora Lisher und Catherine Pryne. Sie alle waren so ziemlich gleichaltrig, sie gehörten der gleichen Ideengeneration an. Annabel, Faith und Anna Louise, die nicht sehr anmutig auf dem Boden hockten, gehörten einer anderen Epoche und einer anderen Zeit an. Mary, so schien es Nina Henry, hatte für alle Frauen hier gesprochen – sie meinten, jede einzelne von ihnen, sie hätten sich gewaltig geändert, sie wären ganz modern. Sie haben sich nicht geändert, sie sind nicht modern. Ihre Kleider unterscheiden sich von dem, was sie noch in der jüngsten Vergangenheit getragen haben, sie rauchen ausnahmslos völlig unbefangen in der Öffentlichkeit; sie gebrauchen Worte und Phrasen und interessieren sich unverhohlen für Dinge, die für die Allgemeinheit der Frauen vor zwanzig, vor nicht mehr als zehn Jahren noch unerhört waren. Aber das waren nur Kleinigkeiten. Cora Lisher, davon war Nina überzeugt, war absolut altmodisch, konventionell in ihrem Innersten.

Das interessierte sie, weil sie mit einemmal der Ansicht war, daß es für sie nicht gelte. Sie glaubte plötzlich, ganz anders geworden zu sein, freier. Diese Änderung, schien es Nina, war in der ganz kurzen Zeit vor sich gegangen, seitdem sie Francis Ambler die Schwierigkeiten der Frauen auseinandergesetzt hatte. Oder vielleicht hat sie sich langsamer geändert und es erst an diesem Nachmittag erkannt. Nina versicherte sich, sie sei jetzt über die meisten Schranken erhaben, die die Handlungen und Gedanken anderer einengten. Sie versteht das Leben besser. Das ist es. In der letzten Zeit hat sie angefangen, alles viel klarer zu sehen. Sie ist dahin gekommen, zu begreifen, daß nichts neu und nichts dauernd ist. Was immer geschieht, es geschieht wegen irgendeines Vorganges in der Vergangenheit. Der bald verschwinden muß, zu etwas anderem in der Zukunft geworden. Griechenland und Rom. Alkibiades und Perikles und Plato. Das brachte ihr das Bild Chalke Ewings lebhaft in Erinnerung – Chalke Ewing, der seine endlosen langen Zigarren raucht und im Finstern Rumswizzle trinkt, von Rumswizzle betrunken ist.

Eine energische leinenweiße Gestalt mit verschwimmenden Konturen in der duftenden Sommernacht. Er ist, dachte Nina, ein sehr pittoresker Mensch. Untadelhaft gekleidet. Er hat, das wußte sie von Mary, sehr viel Geld verdient. Sie versuchte ihn sich auf Cuba vorzustellen, in brennender Hitze, rings um sich das weit ausgedehnte Grün von Zuckerrohr. Feldstiefel und ein breitkrempiger Pflanzerhut. Mit seiner harten, gebieterischen Stimme mit den Negern sprechend, die das Rohr schneiden. Er konnte von seiner Piazza, hatte er ihr erzählt, die Neger mit ihren Trommeln hören. Sie vermutete, daß das in seinem Haus auf der Zuckerplantage sei. Einsam, dessen war sie sicher. Rum trinkend oder mit einem seiner zahllosen Bücher bei einer Lampe sitzend. Das ist kein normales oder glückliches Dasein. Er hat es eben zu lange so getrieben. Er denkt zu viel, mit dem Resultat, daß er bitter geworden ist. Wenn die Dinge, die ihn quälen, morgen verschwinden müssen, ist es töricht, bei ihnen zu verweilen. Chalke soll glücklich sein.

 

Ninas Gedanken verloren sich in zunehmendem körperlichen Behagen. Ihr Denken und Fühlen war ein goldener Dunst, wie die Sonne in der Laubwand über ihr. Der Klang der Stimmen jenseits des Golfplatzes, die Frauen neben ihr, alles war fern und substanzlos. Die Mädchen waren Arm in Arm lachend davonspaziert. Francis stand auf und ging zur Klubhausveranda. Ihn gehen zu sehen war ihr eigentlich nicht unlieb. Für ganz kurze Zeit war sie seiner ein klein wenig müde. Alle, die da waren, schienen Francis Amblers und ihre Zusammengehörigkeit für selbstverständlich zu halten. Nun, dazu hatten sie keinen Grund – Nina hatte im Hinblick auf Francis eine Entdeckung gemacht, die kaum weniger wichtig war als die Entdeckung, daß sie Wilson nicht mehr liebte. Die Wahrheit ist, daß sie in einem tieferen Sinne Francis Ambler niemals geliebt hat. Das ist ihr jetzt völlig klar. Das Wesentliche daran ist, daß sie ihn auch niemals lieben wird. Daß sie sich ihm nicht geben wird. Nina dachte über den Grund dafür nach und kam zu dem Schluß, daß sie ihn zu gut kannte und daß er zu jung war. Er bittet um ihre Liebe, als ob diese ein Geschenk wäre, das sie ihm machen könnte, eine Belohnung für seine Liebe und Treue. Aber damit hat Liebe nichts zu tun. Sie ist etwas ganz anderes. Die Liebe ist kein Lohn, sie ist ein Besitzergreifen. Die Frau scheint sich zu ergeben, aber das ist nur ein höflicher Brauch – sie bindet den Mann mit der Unentbehrlichkeit für ihren Leib an sich.

Verführung, dachte Nina weiter, das ist im wesentlichen ein Mythos, bequem, aber unsinnig. Die Frauen folgen, wenn es sich um Liebhaber handelt, einer wohlbedachten Absicht; sie werden nicht zu Leidenschaftsausbrüchen verlockt. Delia Bache fragte: »Nina, woran denken Sie? Sie haben eben eine ausgesprochen teuflische Miene gehabt.« Nina Henry lachte: »Ich dachte daran, wie lächerlich alles ist«, antwortete sie, »vor allem ein Schatz.« »Wirklich«, sagte Cora Lisher augenblicklich, »ich finde Francis Ambler nicht lächerlich, als Schatz, meine ich. Mir wäre es recht, wenn er bis zum Ende der North Street käme.« »Zu Ihnen, Cora«, fragte Nina gleichgültig, »oder zu Anna Louise?« Cora gab eine ausweichende Antwort. »Zu uns beiden. Besser wäre es, wenn er Anna Louise wählte, das könnte zu etwas führen.« »Das wäre wirklich reizend – Francis Ambler und Anna Louise«, sagte Mary Gow. »Oder, wenn ich ganz ehrlich sein soll, Francis und Annabel Gow.« »Francis und Faith Bache wäre mir auch nicht gerade unangenehm«, fügte Delia Bache hinzu. Catherine Pryne wandte sich an Nina Henry. »Was sagen Sie zu alledem, Nina?«

Im Widerspruch zu dem, was Nina soeben über ihre Gefühle für Francis entdeckt hatte, empfand sie einen heimlichen kleinen Ärger. Sie mochte in Francis Ambler nicht verliebt sein, aber das änderte nichts daran, daß sie durchaus mit seiner Liebe für sie einverstanden war. Nina hatte nicht die Absicht, ohne weiteres auf seine Zuneigung zu verzichten. »Ausgezeichnet«, versicherte sie Catherine. »Nur schade, daß er nicht alles machen kann. Ich meine, alle heiraten. Es gibt noch eine Menge reizender Kinder, deren Mütter nicht da sind, um sie zu repräsentieren. Man könnte eine Lotterie veranstalten und Francis ausspielen.« Delia meinte, wenn es dazu käme, müßte Nina sich in den Gewinn mit Ocha Ambler teilen. »Ich wüßte nicht, warum seine Mutter auch nur einen Pfennig davon kriegen sollte«, verkündete Nina ruhig. »Ich müßte alles bekommen.« Es entging ihr nicht, daß Cora Lisher sie angespannt beobachtete. Nun, sie weiß mehr von Cora, als Cora über sie herausfinden kann. Das hat Wilson möglich gemacht. Die Diskretion eines Mannes, dachte sie, ist recht oft um nichts besser als ein durchsichtiges Fenster, das zu seinen geheimsten Regungen und Gedanken führt. Das lernen die Männer nie. Sie sind meist ehrenhaft; sie tun, was sie können, um zu hüten, was ihnen anvertraut ist; sie reden nicht; aber so imponierend dieser Sinn für Ehre auch wirken mag, wenn man sich in Gedanken mit ihm beschäftigt, er ist nur eine schwache Hülle. Cora wurde plötzlich gesprächig.

»Allen Ernstes, ich weiß nicht, was ich mit Anna Louise tun soll. Wegen der jungen Männer. Das einzige, was sie anscheinend im Überfluß besitzen, sind schlechter Gin und das, was sie Liebe nennen. ›Ich kann dir nichts als Liebe geben, Baby.‹ Das ist das Lied, das sie singen. ›Es ist das einzige, wovon ich viel habe, Baby‹. Ich frage euch, wie hört sich so ein Lied immer wieder für eine Mutter an? Nett sind sie ja.« Ihre Stimme und ihre Haltung wurden energischer. »Nein, sie sind es nicht, für Anna Louise sind sie nicht nett genug. Ich habe noch keinen gesehen, der gut genug für sie wäre. Und wenn man tausend Francis Amblers nähme und einen daraus machte.« So oft Cora Lisher in der Nähe war, dachte Nina, blieb es einem wohl nicht erspart, eine lange Rede über Anna Louises Vollkommenheiten über sich ergehen zu lassen. Die Folge davon war, fand Nina, daß die blonden Locken, die etwas starr blickenden blauen Augen und der fast zu regelmäßig hübsche Mund Anna Louises sie allmählich langweilten. Fad, dachte sie. Eine Lisher.

Wilson Henry war wieder zur neunten Abschlagestelle gekommen, alles unter dem Baum drehte sich um, um ihm zuzusehen, aber der Ball kam nicht einmal in die Nähe des Green. Ein zweiter Schlag mißlang ihm. Wilson bekam eine Sechs für das Loch. »Beim fünften hatte ich eine Drei«, erzählte er ihr, »und beim siebenten auch. Dort hätte ich nahezu eine Zwei bekommen. Das achte Loch hat mich ruiniert.« Er ging zum Klubhaus und zählte unterwegs Geld, das er, gerade bevor er im Innern verschwand, Joel Bache überreichte. »Das ist herrlich«, sagte Delia; »jetzt wird Joel auch guter Laune sein.« Catherine Pryne lachte. »Ihr seid fürchterlich dran mit euren Männern«, erklärte sie; »ich muß schon sagen, ihr könnt einer armen einschichtigen Frau, die vielleicht den großen Sprung wagen will, nicht großen Mut machen.« Catherine hatte graue Augen mit einem unbeschreiblichen grünen Leuchten. Wie gewöhnlich war sie grün gekleidet. »Hoffentlich heiratest du nicht«, sagte ihr Nina; »Acton könnte das unmöglich überwinden.« Sie höre ihm zu, erzählte Catherine. »Jungen und Männer, darin sind alle gleich. Und, Nina, ich muß dir gestehen, daß ich ihn ab und zu frage, ob er eine Zigarre rauchen will.«

»Kein Wunder, daß er dich anbetet«, antwortete Nina; »du nützt ihm ganz kolossal, Catherine, mehr als ich könnte.« Der Schatten des Baumes wanderte von ihnen weg, und Mary Gow stand auf. »Es ist entzückend hier, aber wie Chalke sagt, Nina, es kann nicht ewig dauern. Mit anderen Worten, ich muß nach Hause. Chalke will ganz einfach nicht weggehen, und Justin macht es jetzt ebenso. Sie sitzen da und trinken und verlangen die unmöglichsten Dinge.« Als Mary gegangen war, sagte Cora Lisher, sie hätte Chalke Ewing nie gesehen. »Nach allem, was ich gehört habe, verspüre ich auch keinen Wunsch danach«, fuhr sie fort; »irgend jemand, ich weiß nicht mehr wer, hat mir gesagt, daß er in keiner Hinsicht einwandfrei ist. Nina, Liebste, entschuldigen Sie, daß ich das gesagt habe. Sie haben gemeint, daß er wunderbar ist, und daß Sie jahrelang mit ihm zusammensein könnten.« Nina reagierte darauf sehr ruhig. »Himmel, habe ich tatsächlich so viel gesagt? Ich dachte, ich hätte gesagt, daß ich ihm jahrelang zuhören könnte. Er ist ganz anders als die Männer, die immer in Eastlake gelebt haben. Die habe ich natürlich gern, aber ab und zu möchte ich wirklich auch jemand anderen hören. Ich kann mir vorstellen, daß es Frauen gibt, denen es mit Wilson so geht.« Cora sagte mit ruhiger Stimme, ihr seien normale Menschen lieber als Leute, die ein sonderbares Leben führen und sonderbare Ideen haben.

»Sie haben Glück gehabt, Cora«, fuhr Nina fort. »Thomas Lisher war der Gegebene für Sie. Ich kann mich auf keinen Lisher besinnen, der jemals etwas Sonderbares getan hat. Das heißt, der etwas getan hätte, das einem auffällt. Es war wirklich erstaunlich, daß er nicht in Eastlake geheiratet hat.« Das war genug von Cora Lisher. Nina hatte nicht mehr das Gefühl des Behagens; plötzlich gingen ihr der Golfplatz und das Klubhaus auf die Nerven. Die Veranda hatte sich jetzt mit schnatternden Weibern und den Männern, die mit ihrem Spiel fertig waren, gefüllt. Der Nachmittag wurde heiß und bedrückend. Unter anderem war ihr der Gedanke, Wilson jeden Augenblick sehen zu müssen, unerträglich. Sie wollte nicht wieder das Gerede über seinen Schlag zum neunten Loch hören. Und sie wollte Francis loswerden. Nina hatte Angst vor den Dingen, die sie ihm vielleicht sagen würde; es mußte auf jeden Fall unerfreulich werden. Sie stand auf. »Es ist zu heiß«, erklärte sie; »ich gehe einen Augenblick hinein.« Statt dessen ging sie um das Klubhaus herum und zu ihrem Wagen. Sie fuhr den Weg am Golfplatz entlang und bog zu den Gows ab.

Mary Gow war in ihrem Zimmer. »Das ist schön«, sagte sie Nina; »willst du nicht zum Dinner bleiben? Telefonier doch mit Wilson. Einmal muß er ja kommen. Er ist schon seit Tagen nicht hier gewesen.« Nina erklärte, er werde noch nicht zu Hause sein. »Ich werde in einer halben Stunde anrufen.« »Ich wollte mit dir über ihn sprechen, Nina«, fuhr Mary fort. »Ich glaube nämlich allen Ernstes, daß du Wilson falsch behandelst. Wenn irgendein Malheur passiert, so wird das deine Schuld sein, davon bin ich fest überzeugt.« Nina starrte sie mit einem Ausdruck überraschter Neugier an. »Wegen Cora«, erklärte Mary Gow.

 

»Ich will ganz offen zu dir sein«, sprach sie weiter. »Wilson ist ununterbrochen mit ihr zusammen. Mit mir würde niemand darüber sprechen, weil wir einander so nahestehen, aber ich weiß, und du ja auch, wie die Leute reden. Mir ist das gleichgültig, und ich will gern glauben, dir auch, aber trotzdem begehst du einen Fehler.« Nina sagte, nach dem, was Mary erzähle, scheine es ihr, daß Wilson den Fehler begehe. »Mach dich nicht lächerlich«, riet ihr Mary; »zum mindesten nicht bei mir. Wilson hat gar nichts mit dem zu schaffen, was er tut, das weißt du. Er macht, was du ihn tun läßt. Männer wie Wilson rutschen ganz einfach in Situationen hinein, die ihnen möglich gemacht werden. Du machst es ihm möglich, mit Cora zusammenzusein. Du könntest der Sache über Nacht ein Ende machen, und das solltest du auch. Es kommt nicht darauf an, ob du ihn satt hast. Gerade jetzt. Du glaubst, du möchtest glücklich sein, und das Leben sollte anders sein. Vielleicht könnte es anders sein, aber es ist nicht anders und wird nicht anders sein. Niemals. Damit müssen wir uns abfinden.

Du wirst Wilson in jeder Woche einmal satt haben, aber du mußt es verbergen und so rasch wie möglich darüber hinwegkommen. Um deiner selbst willen. Wilson ist natürlich ein Kind. Die Männer sind alle Kinder. Ich habe bei deinem Lunch nicht viel darüber geredet, weil ich mit dir allein sprechen wollte. Ein Ehemann ist das, wozu man ihn macht. Es wird natürlich auch wirklich schlechte geben, aber von denen ist nicht die Rede. Wilson ist nicht schlecht. Er hat kein gutes Naturell, und er ist rücksichtslos; aber Justin ist, wenn er müde ist, kalt und grausam in dem, was er sagt. Keiner von den beiden hat, wie Chalke sich ausgedrückt hat, Talent für Frauen. In ihrem Innern mögen sie uns nicht und halten uns für inferior. Vielleicht sollte ich sagen, daß sie uns in eine andere Welt als die ihre einreihen. In eine häusliche Welt. Es schadet uns nichts, sie glauben zu lassen, daß sie die wirkliche Welt leiten, die Welt da unten. Das heißt, solange wir heimlich die Führung behalten. Das tust du nicht. Du tust nicht deine Pflicht, meine liebe Nina.«

»Ich muß gestehen, daß mir eigentlich nichts daran liegt«, gab Nina zu; »ich will nichts als Frieden. Irgendeine Art Freiheit. Und wenn es nur geistige Freiheit ist. Ich will ein Kleid tragen, weil es mir gefällt, und Whisky trinken, wann es mir gefällt. Wenn ich finde, daß es nett wäre, mich zu betrinken, dann möchte ich es tun. Infolgedessen mische ich mich nicht ein, wenn Wilson zu Cora geht. Die ganze Sache ist die: wenn er sie sieht, bin ich besser dran. Das habe ich schon fünfzigmal beobachtet. Ich will dir ganz ruhig sagen, daß ich nachhelfe. Du wirst das natürlich unrecht finden. Du kannst über Justins Schärfe sagen, was du willst, du gehst ganz in ihm auf. Du kannst mir ruhig widersprechen. Er genügt dir.« Mary Gow sagte, sie sorge dafür, daß er ihr genüge. »Nina, du mußt dich besser disziplinieren. Dir wird etwas Fürchterliches passieren. Du solltest auf mich hören.«

»Was soll mir passieren?« fragte Nina. »Ich weiß nicht, ob ich mir etwas daraus machen würde, wenn etwas passiert. Mir ist nicht klar, ob du von Wilson redest oder von mir. Aber was Wilson betrifft, will ich dir etwas sagen. Ganz gleichgültig, was mit Cora vorgeht, und vielleicht geht sehr viel vor, er wird nichts unternehmen. Ich meine, in Wirklichkeit. Wenn Cora das glaubt, ist sie nicht recht bei Verstand. Ich kenne Wilson ganz genau. Er kann insgeheim vielleicht voll Leidenschaft sein, aber er würde nie – in dieser Hinsicht – den Mut zur Öffentlichkeit haben. Das steckt nicht in ihm. Es steckt einfach nicht in ihm. Keine Frau in der Welt könnte ihn von seinem Haus und von dem, was er für recht hält, losreißen. Er ist sehr konventionell und moralisch. Selbst wenn er mitten in einer Liebesgeschichte steckt. Wenn er mit Cora ins Bett ginge, würde er sich nicht wiedererkennen. Wenn du es ihm vorwerfen würdest, so würde er, und wenn er auch eben aus Coras Bett käme, über diese Vorstellung in Raserei geraten. Über die bloße Vorstellung, Mary.« »Sei doch nicht komisch«, sagte Mary Gow. Nina erwiderte, das sei sie nicht. »Wenn Wilson hörte, daß irgendeiner seiner Freunde, der verheiratet ist und Kinder hat, in eine Affäre verwickelt ist, würde er ihm unser Haus verbieten.

Ich kann es nicht erklären; ich kann es dir nur sagen. Nein, wenn Cora sich auch nur im geringsten mehr Wirkliches verspricht, als sie jetzt hat, ist sie hereingefallen. Ich bin soeben dahintergekommen, daß ich anders bin. Wenn mir so etwas wie Verlieben passierte –« Mary unterbrach sie. »Du redest in die Luft hinein«, erklärte sie. »Du würdest auch gar nichts tun. Du hältst dich selber zum Narren. Deshalb spreche ich ja mit dir. Du glaubst vielleicht, daß du Wilson verstehst, aber ich kenne dich wirklich. Inwendig und auswendig. Vergiß nicht, daß ich eine Frau bin. Also, du hast die Verantwortung für Wilson und Cora, und wenn du der Geschichte nicht ein Ende machst, wirst du in einer scheußlichen Patsche sitzen. Wilson verdient wirklich ausgezeichnet, du hast viel mehr als Behagen, und du hast die reizendsten Kinder der Welt; Wilson sieht sehr gut aus, auf eine angenehme männliche Weise, er gefällt Männern und Frauen. Er hat dir nie Sorgen gemacht, die auch nur der Rede wert wären. Er ist wirklich ein ausgezeichneter Gatte.

Irgend etwas hat dir andere Ideen in den Kopf gesetzt; ich weiß nur nicht was. Ich werde es schon herauskriegen, daran zweifle ich nicht. Vielleicht kannst du es mir sagen. Aber nur deine Ideen haben sich geändert, nicht du selber. Du kannst dich nicht ändern.« Nina wurde sich eines Gefühls der Entfremdung zwischen Mary Gow und ihr bewußt. Mary glaubte sie zu kennen, und in Wirklichkeit kannte sie sie nicht im mindesten. Mary Gow war ein wenig ermüdend. Das hatte Nina früher gar nicht gemerkt. Sie hatte sich nicht geändert, dachte sie, sie war es nur überdrüssig geworden, nicht sie selbst zu sein. Sie war etwas mehr als Wilson Henrys Hüterin. Es genügte zum Beispiel nicht, mehr als Behagen zu haben. Sie wollte nicht, daß ihr Geist und ihre Seele abstürben und nur ihr Körper am Leben bliebe. Sie wollte, daß ihr Geist ihrem Körper diente – oder ihr Körper ihrem Geist – und daß ihre Seele beide erhöhte. »Das ist sehr lieb von dir, Mary«, sagte sie. »Es ist gar nicht lieb«, erwiderte Mary scharf. »Wenn du mir solche Dinge sagst, werde ich mir den Kopf darüber zerbrechen. Ist es nicht Zeit, Wilson anzurufen?«

 

Harriet kam ans Telefon. Mr. Henry habe hinterlassen, daß er zum Essen nicht nach Hause komme. Er habe sie überall im Landklub gesucht. Mr. Acton sei fortgegangen, zu Miss Pryne; Miss Cordelia sei zu Hause und werde in den Klub tanzen gehen. Mr. Ambler habe angerufen und werde später noch einmal telefonieren. Er wolle wissen, wo sie abends sein werde. »Wilson ist nicht zu Hause«, wiederholte Nina, »Acton ist bei Catherine Pryne, Francis Ambler will wissen, wo ich sein werde.« »Willst du es ihm sagen?« fragte Mary Gow. »Sag Francis doch, er soll zum Essen herkommen, Nina.« Sie wolle Francis Ambler nicht beim Essen haben, sagte Nina entschieden. »Jetzt, wo ich angefangen habe«, begann Mary wieder, diesmal freundlicher, »kann ich ja ebensogut alles sagen. Du weißt selbstverständlich, daß die Mütter in Eastlake dich am liebsten erdrosseln und ins Wasser werfen ließen. Ich nehme ihnen das nicht übel. Francis ist nicht der am meisten in Betracht kommende Mann; er ist der einzige in Betracht kommende. Du willst keinem einzigen Mädchen eine Chance bei ihm gönnen. Verflucht, Nina, du willst ihn ja gar nicht haben. Es ist reinster Egoismus. Ich wundere mich nur über Ocha. Eine verheiratete Frau, die auf der Straße raucht, Whisky Soda trinkt und lüsterne Blicke auf ihren Francis wirft.

Ich weiß, daß von Lüsternheit keine Rede ist, das brauchst du mir nicht zu erzählen. Ich könnte Francis Ambler bei den Ohren nehmen, er ist so ein Dummkopf. Die Männer bringen mich zur Verzweiflung. Ich kann mir denken, daß es angenehm ist, ihn um sich zu haben, aber wenn er sich damit abfindet, nicht mehr als eine Annehmlichkeit zu sein, könnte ich für meine Person ihn nicht um mich vertragen, und wenn er sich nicht damit abfindet, bist du entweder unehrlich – gegen ihn – oder du wirst ihm schließlich zuviel bezahlen. Es wird etwas in dir ruinieren, Nina.« Daran sei nicht zu denken, versicherte ihr Nina. »Ich habe Francis kolossal gern«, fuhr, sie fort; »und er ist auf die netteste Weise angenehm. Du hast recht, ich bin nicht in ihn verliebt. Ich werde ihm nicht weh tun. Die Mütter haben gar keinen Grund, sich aufzuregen. Er ist noch nicht dreißig – daß ich da bin, ist wirklich das Beste, was ihm passieren kann. Ich sorge tagtäglich dafür, daß er sein Geld spart und seine Gesundheit schont, und daß sein Charakter gebessert wird.« Mary Gow war mit dem Ankleiden fertig. »Du bist unmöglich«, erklärte sie. »Auf jeden Fall habe ich meine Pflicht getan. Das alles wird umgeschmissen sein, sowie Chalke zu reden beginnt. Siehst du, Nina, Chalke ist anders als du. Er ist so, wie er sich gibt, und wird auch immer dementsprechend handeln. Im Handumdrehen. Ich will dir ein Geheimnis über ihn verraten, auf das du nie kommen würdest. Verrat ihm nicht, daß ich es dir gesagt habe – er ist ein Idealist.« Nina Henry lachte. »Wenn du es rasch genug sagst, ist er es«, verspottete sie Mary mit einer von Actons ironischen Lieblingswendungen. »Wenn er ein Idealist ist, bin ich, wonach ich nach Wilsons Behauptung aussehe, eine französische Hure.«

Es war sehr munter am Eßtisch der Gows. Chalke Ewing, der dem augenblicklichen Erziehungssystem in der abendländischen Welt sehr skeptisch gegenüberstand – er gab zu verstehen, daß er durchaus bereit sei, auch den Orient mit einzuschließen – erklärte, was er Annabel gelehrt hätte, wenn sie sein Kind wäre. Er sei, verkündete er, ganz und gar altmodisch. »Ich würde Mädchen nicht lehren, was ich Knaben lehrte. Du lieber Gott, nein! Ich bin ein ausgesprochener Feind von Frauen mit männlichem Gemüt. Ihr könnt mir glauben, das ist eine falsche Füllung. Ich spreche nicht von den Frauen, die auf irgendeine Weise Männer sind; davon wird es immer eine bestimmte Anzahl geben; besonders nach Kriegen, wenn Männer verhältnismäßig rar geworden sind. Ich meine Mädchen wie Annabel und Faith Bache und Cordelia Henry. Ich würde sie lehren, anziehend zu sein. Es ist klar«, versicherte Ewing, »daß es wohl sehr viele Arten Männer gibt, aber nur zwei Hauptarten Frauen – die anziehenden und die nützlichen. Na, über die nützlichen Mädchen wollen wir uns nicht den Kopf zerbrechen – die kann der liebe Gott für sich behalten – ich will lieber ausführen, was ich gesagt habe. Ich würde ihnen zeigen, wie man dazu kommt, möglichst reizvoll zu sein. Ich würde bei dem Alter von zehn Jahren anfangen, in dem das triebhafte Leben des Mädchens bewußt zu werden beginnt – die Japaner fangen mit den Geishas früher an – und würde sie lehren, anmutig zu sein. Ich würde sie im Freien halten, reiten und laufen und gehen und spielen lassen. Kein pseudoklassischer Blödsinn zu sentimentaler Musik von Grieg. Bei schlechtem Wetter würden sie lesen lernen. Dann, sobald sie das gelernt hätten, würde ich sie aus einer sehr kompletten Bibliothek lesen lassen, was sie wollen – die Herzogin oder Weininger oder Das Leben und die Taten des Seeräubers Billy the Kid. Ich würde mich nie in die Wahl ihrer Bücher einmischen. Nach zwei oder drei Jahren würde ich ihnen Französisch, Spanisch und Deutsch beibringen. Italienisch nicht. Sie würden einen erschöpfenden Kursus hören über Kostümgeschichte, mit Vorträgen über Gesellschaften und Städte der Vergangenheit und die wechselnden Moralbegriffe. Der Zweck ist lediglich, daß sie die Geschichte der Welt vom Standpunkt der Frau aus ansehen. Durch sich selbst.«

Justin Gow wandte sich Annabel zu. »Ich glaube«, sagt er, »gerade um diese Zeit fragst du uns sonst, ob du aufstehen und weggehen kannst. Du kannst.« »Ich mag nicht gehen«, protestierte Annabel. »Ich denke gar nicht daran, das ist viel interessanter als alles da draußen.« Justin war ganz einer Meinung mit ihr. »Das Leben ist schwer«, begann er wieder. Er unterbrach sich. »Dein Vater wünscht, daß du gehst, Annabel«, bemerkte Mary. »Meine liebe Annabel«, sagte ihr Ewing, »deine Eltern wollen nicht, daß ich ihr lächerliches und heuchlerisches Verhalten dir gegenüber bloßstelle.« Als seine Tochter gegangen war, erklärte Justin Gow, daß er seine Tochter fortschicken müsse, wenn Chalke damit drohe, Moralbegriffe zu diskutieren.

»Ich würde den Mädchen, von denen wir sprechen, den Unterschied zwischen Verhalten und Moral zeigen«, fuhr Ewing fort. »Das eine ist die praktische Notwendigkeit des Augenblicks, und das andere die Tyrannei der Vergangenheit.« Justin nickte seiner Frau zu. »Ich habe es dir ja gesagt«, rief er, »ich habe sie nicht um eine Minute zu früh hinausgeschickt. Sobald ich es für richtig halte, wirst du als nächste gehen. Bei Nina kann ich nichts machen. Wilson ist nicht hier, um sein Heim zu hüten.« Chalke Ewing redete entschlossen weiter. »Das Durchschnittsmädchen ist nicht – in dem gewöhnlichen und abscheulichen Sinn eines schönen Wortes – leichtsinnig. Alle Anstrengungen, sie keusch zu erhalten, sind mehr als verschwendet. Es ist nicht nötig, für sie zu beten, sondern sie mit mehr Energie auf die Erbsünde zu stoßen. Ich würde natürlich einen Kursus über die Sünde haben. Nur würde es nicht Sünde heißen, es würde Schönheit heißen, und dann käme eine Erforschung der Wahrheit. Am Ende des Lehrgangs über Kleidung würde ich das Mädchen nehmen und ihr zeigen, wie wichtig ist, was sie eben gelernt hat. Sie würde finden, daß Kleider – und natürlich alles, was dazu gehört, – die wesentlichsten Tatsachen des Lebens für sie sind. Sie würde die Schönheit sehen, nicht im Zusammenhang mit Marmorstatuen und Gemälden Griechenlands und der Renaissance, sondern im Zusammenhang mit sich selbst. Die Schönheit würde ihr Wirklichkeit sein – die Schönheit der Kleidung, die Schönheit eines Hauses und von Blumen, die bescheidene Schönheit der praktischen Einzelheiten des Daseins. Sie würde Mahlzeiten arrangieren und anordnen, aber nicht kochen.« Mary unterbrach ihn.

»Könntest du in dein Schulprogramm aufnehmen, daß ein reizender Mann mit wenigstens dreißigtausend Dollar Jahreseinkommen für jedes Mädchen da ist?« Chalke Ewing schlug mit der Hand auf den Tisch. »Meine liebe Mary, um das Mädchen, das aus meiner Schule kommt, würden fünfzig solcher Männer kämpfen. Sie würde nicht fünf Schritt allein gehen, sobald sie den Fuß aus der Schule setzt. Ich fürchte, in den ersten zwei- bis dreihundert Jahren, die es dauern wird, bis die Männer sich an so göttliche Geschöpfe gewöhnt haben, würde es fürchterliche Blutbäder vor den Schulmauern geben. Scharen unschuldiger und lieblicher Mädchen würden in Stücke gerissen werden. Dann«, sagte er, »sobald sie die einfacheren Grundsätze der Schönheit erfaßt haben, würden sie den letzten Lehrgang beginnen.« Justin fragte ihn, ob er damit warten wolle bis der Kognak eingeschenkt sei. »Es würde eine Reihe von Vorträgen über Liebe geben. Ich meine nicht Liebe zu Gott«, erläuterte Ewing; »ich meine nicht Vaterlandsliebe; ich meine Männerliebe.

Liebe und Männer. Und Frauen! Sie würden eine ganze Menge vergessen müssen. So gut wie alles, was sie ererbt haben. Tatsächlich alles, was es gibt, seit die Christen in ihren Höhlen Rom vergiftet haben. Seit die Christen die Schönheit zerstört haben. Wir müßten vor die Zeit zurückgehen, in der die Juden die Entdeckung gemacht haben, daß die Männer sündhaft, die Frauen aber schlecht sind. Vor die Zeit, in der die arabischen Nomaden kranke Frauen allein in der Wüste zurückgelassen haben, bis sie wieder gesund waren. Wenn sie gesund geworden sind. Ja, so weit. Vor die Bücher des Alten Testaments.« »Bei Gott, du meinst es ernst«, sagte Justin Gow. Chalke Ewing erwiderte, daß er es bei Gott ernst meine. »Ich würde mein Mädchen lehren, daß ihr Leib schimmert wie Sevres-Porzellan und lieblich ist wie eine Teerose. Ich würde ihr zeigen, daß ihr Leib aus demselben natürlichen Grund lieblich ist und schimmert. Ich würde ihr klarmachen, warum sie sich parfümiert wie eine Teerose. Klar! Jetzt ist alles in ihrem Geist verwirrt und verpfuscht. Ihre Mutter stößt sie in eine Richtung, Jesus zieht sie in eine andere, und in der Kingsmill Street wartet ein bestimmter Junge auf sie.

Ich würde dieses Mädchen weltlich machen, Justin. Mißversteh das nicht. Sie würde teuer sein, man würde Geld brauchen, um sie zu erhalten, aber sie würde es wert sein, darauf kommt es an. Sie würde die Extravaganz ihrer Kleider lohnen. Für Luxus, für Extravaganz gibt es immer Geld. Ich würde dieses blumengleiche Geschöpf nehmen und ihm erklären, weshalb es geschaffen wurde, und was aus dieser Schöpfung geworden ist. Vergiß nicht, ich bereite die Mädchen für die Zivilisation vor, die wir haben. Ich würde ihr zeigen, daß sie dazu geboren worden ist, zwölf bis 25 Kinder zu bekommen, daß ihre natürliche Existenz aber jetzt ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Wissenschaft rettet um so viel mehr Kinder, als früher am Leben blieben, daß es schauderhaft wird. Ich würde erklären, daß der Trieb, früher nicht mehr als ein Mittel, im Begriff ist, zum Zweck zu werden.« Justin unterbrach ihn. »Damit«, sagte er, »hast du die höchste Höhe der Weisheit erreicht. Des Nutzens für die Menschheit. Du würdest den Mädchen sagen, daß ihr Trieb, der geschaffen ist, um die Notwendigkeit der Geburt zu sichern und die Erinnerung an sie und ihre Schmerzen zu überwältigen, jetzt um seiner selbst willen geehrt werden müsse.«

»Warum nicht?« fragte Ewing. »Das geht ja überall um uns vor. Die Durchschnittsfrau, die du kennst, Justin, ist mit ihrer Mutterangelegenheit in nicht ganz fünfzehn Jahren fertig. Die Zivilisation, die fachmännische Pflege ihres Körpers haben der Frau zehn weitere Jahre der Reize geschenkt, und wenn sie mit zwanzig heiratet, hast du es! Fünfzehn weitere Jahre der Sorgen für jemand. Gewöhnlich wollen wir sagen, für einen Gatten. Die Frauen wollen jetzt nicht mehr als drei Kinder. Es hat keinen Sinn, darüber nachzudenken, ob das gut oder schlecht ist, es wird bald allgemeine Tatsache sein. Du kannst nichts dagegen tun. Du kannst die katholische Kirche oder die Vergangenheit unterstützen, du kannst die Genetik, die Zukunft, unterstützen; die Frauen kümmern sich um beide nicht. Sie wissen ganz einfach, daß sie, sobald die erste Begeisterung mit zwei oder drei Kindern als sichtbaren Resultaten vorüber ist, ihre Gestalt nicht mehr aufs Spiel setzen wollen. Sie wollen ihre dünnen Gelenke behalten.«

»Und alles andere«, fügte Justin Gow hinzu. »Davon hast du nicht gesprochen. Bis jetzt! Warum die Frauen einen Abscheu davor zu haben scheinen, wie Frauen auszusehen.« Darauf komme er noch, versicherte ihm Chalke. »Das Erziehungssystem, das ich für euch schaffe, ist noch nicht vollständig. Die Muttergestalt, Justin, der schwere Pflichttypus ist endgültig vorüber. Geschmeidigkeit und pure Anmut werden jetzt bis zum Ende der Welt bleiben. Ich muß sagen, Justin –« Chalke Ewing brach ab. »O ja«, antwortete Justin Gow, »ich auch.« Sie seien nicht nur idiotisch, sondern auch unanständig, erklärte Mary.

 

»Ich bin noch lange nicht fertig«, verkündete Ewing.

»Das hat auch niemand nur eine Minute lang geglaubt«, erwiderte Justin Gow rasch. Chalke Ewing führte sein Projekt weiter aus. »Ich würde die Mädchen lehren, daß alle korrekten Beziehungen zwischen Männern und Frauen, abgesehen von Blutsverwandtschaft, auf der Leidenschaft basieren, die man Liebe nennt. Gar nicht von ihr zu trennen sind. Sie würden den Unterschied lernen zwischen platonischer Liebe, einer sehr hübschen Theorie, und der lächerlichen Phrase von platonischer Freundschaft. Es würde einen kurzen Kursus geben, der von dem Unsinn der Freundschaften zu handeln hätte. Dieses Wort würde ich in unserem Vokabular streichen. Sehr viel davon wissen die Frauen natürlich schon. Sie sind nur in ihren Begriffen verwirrt. Jahrtausende hindurch hat man ihnen gesagt, daß sie unrecht haben. Ich finde es angesichts der Schwierigkeiten, die sie gehabt haben, erstaunlich, daß die Frauen überhaupt noch existieren. Weiß Gott, sie sind zäh. Eine begehrenswerte und schöne Frau, eine freie Frau, wird einzig und allein ihrem Herzen folgen. Der ganze Zweck meiner Schule wird sein, das möglich zu machen. Mit anderen Worten, aufrichtige Frauen möglich zu machen. Glückliche Frauen möglich zu machen. Liebliche Frauen möglich zu machen.«

»In Wirklichkeit«, versicherte Mary, »würdest du erreichen, daß das Resultat die denkbar schlechtesten Mädchen wären.« »Gewiß«, fügte Chalke Ewing hinzu, »so würden sie von allen nach der alten Mode erzogenen Frauen genannt werden. Aber diese Frauen würden bald verschwinden. In der nützlichen Klasse aufgehen oder sterben. Das ist allgemein, die Einzelheiten haben wir noch nicht berührt.« Gerade auf die Einzelheiten, sagte Justin, warte er. »Bekommen wir die auch vorgesetzt?« fragte Mary; »ich bin schon bereit, mir den Hals abzuschneiden.« »Unterbrecht mich nicht«, antwortete Ewing. »Die wirklichen Studien und die Lehrer sind sehr wichtig. Ich würde zum Beispiel eine Frau aus Barcelona kommen lassen, die den Gebrauch des Fächers zu lehren hätte. Sie könnte einige Stunden über den hohen Kamm und den Mantón geben. Vielleicht könnte sie sogar die Mantilla wieder modern machen. Ich würde zwei von den größten Schneidern mit ihren Mannequins für den Unterricht in Kleidung haben. Sie würden zusammenarbeiten mit einem Archäologen, mit einem modernen Historiker und einem Kupferstichkonservator. Zu diesem Kurs würden auch Vorträge über Edelsteine gehören. Für den Tanzunterricht hätte ich einen Argentinier, einen Wiener Walzerkomponisten und einen professionellen Steptänzer aus New York. Ein Angehöriger des Etablissements von Ramon Alones in Havanna würde da sein, um die dafür geeigneten Mädchen, schwarzhaarige natürlich, in der Kunst des Zigarrenrauchens zu unterrichten. Der Lehrgang im Trinken, mein lieber Justin, würde sehr vollständig sein. Ich würde Vorträge halten lassen über das Zubereiten von Cocktails, über Gläser und über Weintemperaturen, aber vor allem würden sie sich damit befassen, wie zu trinken ist, und mit den Getränken, die für die einzelnen Mädchen und für die verschiedenen Tageszeiten angemessen sind. Nur Mädchen eines ganz bestimmten Typus sollten Whisky trinken – die körperlich harten und hübschen Mädchen, die an Fuchsjagden teilnehmen und die Logen bei Pferdeschauen schmücken. Andere, blondhaarige – die der Spanier rubia nennt – werden dazu angehalten werden, den altmodischen Manhattan Cocktail zu trinken. Mit einer Kirsche. Der Martini ist von allgemeinerem Nutzen und weniger gefährlich. Gin ist natürlich von alters her das Getränk von Frauen und Niggern. Aber lassen wir die Nigger, wir wollen nicht Gin mit Orangensaft mischen und das schauerliche Resultat mit geschmolzenem Eis verwässern.

Es wird sogar Mädchen geben, die sich für Bier eignen«, versicherte ihnen Chalke Ewing, »großknochige Mädchen mit einem Hang zu vulgärer Echtheit. Justin, stell dir die vor, die Absinth-Frappé trinken!«

»Wenn du nicht sehr großen Wert darauf legst«, sagte ihm Justin, »möchte ich sie mir lieber nicht vorstellen. Wird es Mathematik geben? Und Englisch?« »Ja«, antwortete Ewing. »Mathematik für die ganz jungen Mädchen – einfache Addition und Subtraktion, weiter nichts. Ein Trimester muß dafür genügen. Und ein Kursus im Briefschreiben, nach Vorbildern des achtzehnten Jahrhunderts. Die lyrische Dichtkunst werde ich nicht vernachlässigen. Aber keine steife Prosa. Sehr viel Aufmerksamkeit wird an das Thema Parfüm gewendet werden. Die verschiedenen Parfumarten, wo sie zu verwenden sind und wann. Gesichtschminken natürlich. Ich könnte die Kunst des Körperschminkens wieder ins Leben rufen, Justin. Karmin an den richtigen Stellen. Die Ägypterinnen benutzten Asphaltschminke und Antimon. Sie legten einen leuchtend grünen Streifen Antimon über die Augen, um das Brennen der ägyptischen Sonne zu mildern. Alle Mädchen mit häßlichen Stimmen würde ich an die Akademie für die Nützlichen überweisen. Aber kein Gesang. Nur die Anfänge des Klavierspiels. Dicke Mädchen – aber die wird es gar nicht geben. Schüchterne Mädchen, unangenehme Mädchen, Mädchen mit unglückseligem Teint und anderen bedauerlichen Übeln, fade Mädchen – alles das wird es auch nicht geben.«

»Ich habe genug gehört«, sagte ihm Justin; »hör auf. Immerhin beschreibst du da nicht einmal deine Schule! Mohammed hat das schon längst erfunden. Aber er hat es – warum ist mir unbegreiflich – das Paradies der Gläubigen genannt.« »Wenn man schwarzes Haar hat«, fragte Nina, »und einem vom Zigarrenrauchen übel wird, müßte man es trotzdem tun?« Ewing wies sie darauf hin, daß ein normales Mädchen, wenn es das Zigarrenrauchen kleidsam findet, sich ein Übelwerden nicht erlauben würde. »Ich glaube, vom Sport habe ich schon gesprochen«, fügte Chalke Ewing hinzu. »Doch«, bestätigte Justin, »du hast gesagt, er sei eine Erfindung der Franzosen.« »Nina, was hältst du davon?« fragte Mary Gow. »Wovon?« wollte Nina wissen. Justin und Chalke Ewing lachten. »Die Frau mit Instinkt, die ihr Monopol schützt«, bemerkte Ewing. Nina warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Er schaute in sein Kognakglas hinunter.

Chalke Ewing sehe sehr schlecht aus, entschied sie. Seine dunkle Haut war trocken und mit Runzeln, die Papierknittern glichen, straff über die Knochen seines Gesichts gespannt. Es ermüdete ihn zu reden, das konnte sie sehen, und doch redete er geradezu unmenschlich. Anlehnen will er sich anscheinend nicht. Und wenn er sich nicht anlehnt, wird ihm etwas Ernsthaftes zustoßen. Nina fiel ein, daß Mary gesagt hatte, Chalke sei ein Idealist. Die eigene Familie meint immer, einen ausgezeichnet zu kennen, obwohl sie in Wirklichkeit kaum etwas von einem weiß. Was, fragte sich Nina, ist ein Idealist? Nun, ein Idealist ist jemand, der stets alles besser sieht, als es ist. Es ist selbstverständlich Unsinn, Chalke Ewing so zu bezeichnen. Schlechter, als er es sieht, kann das Leben, können die Vereinigten Staaten nicht sein. Unmöglich. Im Gegenteil, er ist ein Pessimist. Ein Pessimist, dachte Nina, von ihren Definitionen beglückt, weiter, ist jemand, dessen Gemüt nicht in Ordnung ist. Das ist ein Zustand, der nicht fortdauern muß. Er kann geheilt werden. Chalke Ewing kann davon befreit werden. Jemand muß das tun, entschied sie. Augenblicklich. Augenblicklich, oder es wird zu spät sein.

Er wird sich noch umbringen mit seinem Wortfieber. Kein Verstand in der ganzen Welt kann ununterbrochen so viel arbeiten. Er muß dazu gebracht werden, vergnügt zu sein. Das ist alles. Ein vergnügter Mann, ein glücklicher Mann, machte Nina sich klar, denkt sehr wenig. Er existiert nur. Nur eine Frau kann das mit einem Mann tun – ihn seinem Geist entführen. Ihn zu seinem Körper zurückbringen, wo er in Wirklichkeit hingehört. Es ist einfach lächerlich, sagte sie sich, zu behaupten, daß Liebe – Nina war durchaus bereit, Leidenschaft zu sagen – für nicht mehr ganz junge Männer schlecht sei. Wahrscheinlich ist das besser als alles andere; entschieden ist es besser als schwarzer Tabak und Krug um Krug Bacardirum. Hintereinander. Das Schlimmste, was ein Mann tun kann, ist, allein – nun, praktisch ist es das – in den Tropen zu leben. Auf Cuba, um genau zu sein. Nina verspürte eine neue und ganz plötzliche Notwendigkeit, Chalke das alles zu sagen. Wort für Wort. Sie hörte sich, wie sie ihm ihre Gedanken in Form von Befehlen wiederholte. Sie dürfen sich nicht mit so vielen Worten erschöpfen. Lassen Sie Justin reden. Er tut es fast genau so gern wie Sie. Sie sind eine Ruine, bevor das Dinner nur halb vorüber ist. Es wundert mich nicht, daß Sie den größten Teil des Tages im Bett bleiben. Wenn Sie so viel Rumswizzle trinken und so lange Zigarren rauchen, werden Sie sich in einen Bacardikrug oder eine Tabakpflanze verwandeln. Eine mit Bacardirum begossene Tabakpflanze. Chalke Ewing hatte, schien es, fast ganz aufgehört, sie als außergewöhnliches und romantisches Wesen zu interessieren. Es war schlecht für ihn, außergewöhnlich zu sein. Ein wenig dicker, ein wenig vernünftiger würde er ihr besser gefallen. Seine Romantik, fand sie, machte ihn zu einem Rätsel. Sie wußte nicht, wo er sein würde – ja, in einem Tag mochte er vielleicht nach New York oder Cuba fahren, ohne ihr etwas davon zu sagen. Sie wußte nie, wo seine Gedanken waren. Nina begann sich darüber zu ärgern. Es war ihr unangenehm, wenn seine Laune sich über ihren Verstand lustig machte. Sie konnte zum Beispiel nicht ganz dahinterkommen, warum er so lange von dieser lächerlichen Mädchenschule gesprochen hatte. Es war doch klar, daß es eine solche Schule nicht geben könnte. Meint er damit, daß Frauen wie Mary und Delia Bache und sie reizlos waren? Ja, genau das konnte er gemeint haben. Es war sehr ungezogen von ihm, das zu verstehen zu geben.

Chalke Ewing verstummte und gab sich ganz dem Rauchen hin. Er sah, selbst mit seinem zerzausten Silberhaar und müden Gesicht, jung aus. Das Schweigen erfaßte alle am Tisch – Justin verlor sich in finsteren Betrachtungen, Marys Miene war undurchdringlich wie Marmor. Nina war durchflutet von einem unausgesprochenen, warmen Glückseligkeitsgefühl. Nicht eine Spur von der gewöhnlichen Geschmeidigkeit ihres Wesens war da; die Konturen ihres Bewußtseins waren alle verwischt. Das Speisezimmer der Gows duftete, wie die Rasenfläche draußen, süß von Geißblatt und sich entfaltenden Rosen. Rosen in der Dunkelheit. Das eine Ende der Veranda war abgeschlossen von einer dicken Geißblattwand mit blaßgelben Blüten. Das Licht der Kerzen auf dem Speisetisch hatte so ziemlich die gleiche Goldfarbe. Nina konnte keinen Lufthauch spüren, aber die Kerzenflammen erzitterten ganz leicht. Die dünne Rauchsäule, die von ihrer Zigarette aufstieg, schwankte. Alle Kognakgläser und die Flasche waren leer. Das lange Schweigen, dachte Nina, war nach dem Sturm von Chalke Ewings Worten sehr friedlich. Wenn er sprach, war es wie ein Unwetter, ein Wolkenbruch, ausgelöst von einer wilden Energie gleich einem Orkan. Jetzt war das Unwetter vorüber, die Welt war ruhig. Der einzige Laut, den sie hörte, war das schwache Rufen einer Eule im dunklen Laub eines Ahornbaumes. Ein sanfter, getragener Laut, der an die Stimme eines Flusses erinnerte.

Nina begann sich zu fragen, was schließlich das Schweigen um sie brechen würde. Weder Mary noch Chalke oder Justin schienen des Redens fähig zu sein, sie hatten das Aussehen völlig unbelebter Gegenstände. Das Leben in ihnen, so schien es, war unterbrochen worden, es ging auf in unendlicher Stille. Die Stimme der Eule floß sanft dahin. Nina Henry bekam Angst vor der kleinsten Regung oder dem Erklingen einer Stimme. Das leiseste Geräusch, empfand sie, würde genügen, um die ganze gegenwärtige Welt duftenden Friedens zu zertrümmern, es würde sein wie ein ungeheurer Donnerschlag bei heiterem Himmel. Eine Angst vor jeder Unterbrechung ihrer friedlichen Verfassung füllte sie aus. Sie hatte Furcht vor dem verschleierten Antlitz des Wechsels. Chalke Ewing räusperte sich scharf, und Nina erschrak so sehr, daß sie halblaut aufschrie: »Oh!« Mary Gow sagte: »Das war das Lauteste, was ich je gehört habe. Ich weiß nicht, wie Chalke das mit einem Hals zuwege gebracht hat.« Von dem Speisezimmer führten lange Fenster direkt auf die Veranda, sie waren feste Türen, und Nina schritt hinaus in ein weiches und tiefes Dunkel. Die Nacht, dachte sie, war nahezu purpurn. Die Sterne glichen polierten Metallstückchen. Die Eule, die gerufen hatte, flog schwer und langsam mit hörbaren Flügelschlägen zu einem Baum in der Nähe der Veranda. Hinter ihr waren Schritte und, gleichzeitig herb und milde, der Rauch einer Zigarre. Chalke Ewing stand, noch immer schweigend, neben ihr und blickte in die Nacht hinaus.

Nina hörte ihn atmen, rasch und unruhig atmen, und entdeckte, daß sie im gleichen Rhythmus atmete. Auf ihrem Herzen lag ein Druck, von dem sie sich befreien mußte, es war ein leichtes Gefühl des Erstickens. Deshalb bewegte ihre Brust sich wahrnehmbar auf und nieder. Sie legte die Hand auf eine Brust, und deren Wirklichkeit verwunderte und verwirrte sie mit einemmal. Sie schloß die Augen und fühlte, daß sie unsicher schwankte. Ihr schwindelte. Jetzt wünschte sie, daß Chalke Ewing spräche, sie hatte wirklich Angst – das Gefühl des Erstickens wurde schlimmer. Tatsächlich war die Veranda, eingeschlossen von dem Haus und der Geißblattwand, entsetzlich heiß. Auf dem Rasen mußte es besser, kühler sein. Noch immer schweigend, ging sie die breiten Stufen von der Veranda zu dem Gras hinunter. Chalke Ewing kam mit ihr hinunter, er schritt langsam neben ihr über den Rasen. Seine Zigarre war nicht mehr da. Einer von ihnen muß etwas sagen, stellte Nina bei sich fest; sie konnte nichts denken, was sie sagen wollte. Sie wußte nicht, ob sie durch einen bloßen Willensakt das Reden erzwingen könnte. Ihr schien, sie sei mit Stummheit geschlagen. Sie bewies sich im Geiste, in einem Geiste, der fern von ihrem Bewußtsein war: das ist ja lächerlich. Natürlich ist sie nicht stumm. Doch der Zipfel einer Angst überdeckte ihre Schlußfolgerung. Es gab nichts, dessen Nina sicher gewesen wäre. Sie fühlte, daß eine nicht zu definierende, aber greifbare Gefahr um sie sei, die durch Worte, durch ein ganz gewöhnliches Geschwätz mit abgedroschenen Gemeinplätzen überwunden, zunichte gemacht werden könnte.

Sie hörte zu gehen auf, sie wollte sprechen, um sich zu retten, da legte Chalke einen Arm um sie und küßte sie. Er küßte sie auf den Mund und hielt sie ganz dicht an sich. Es war sonderbar. Das Küssen war mehr als ein Zueinanderdrängen der Lippen. Es begann in den Fußgelenken und preßte ihre Hüften an seine Hüften, es fesselte ihre Brüste in einem einzigen atemlosen Schmerz. Das hatte sie nie vorher gewußt, daß ein Kuß kein Ende zu haben scheint. Es war wie die Nacht, die sie einhüllte und dem Tag entriß. Es verschloß ihre Augen – wie die Finsternis – vor der vertrauten festen Welt. Sie atmete in kleinen, erstickten Rucken, die Härte des Arms fühlend, der ihren Rücken umklammerte. Ihre Empfindung wurde weniger allgemein und heftiger. Nina schloß ihre Arme fester um Chalke Ewing, und dann erlag sie fast in äußerster, hilfloser Schwäche.

Er hielt sie fest, sein Gesicht war dicht vor ihrem, berührte es aber nicht. Chalkes Lippen waren aufeinandergepreßt, seine Augen hatten sich verkleinert – er sah häßlich aus. »Ich muß mich setzen«, sagte Nina. Ihre Stimme war unsicher, aber endlich konnte sie doch sprechen. Sie gingen zu den Stühlen in der Nähe des Hauses. Chalke legte einen Arm um sie und stützte sie, aber das war bequem für ihn. Sie machte sich sanft frei. »Ich glaube, es ist mir ganz gut«, sagte ihm Nina. Sie war aber sehr froh, sitzen zu können. Chalke Ewing setzte sich ganz nahe zu ihr. Er nahm ihre Hand und hielt sie in seinen beiden Händen. Der Druck seiner Finger war sanft. »Wo die Eule wohl hingekommen ist?« meinte Nina schließlich. »Sonst mag ich sie nicht hören, aber heute habe ich es wunderbar gefunden. Sie fliegen so schlecht, man hält es gar nicht für möglich, daß sie Mäuse fangen können. Kleine Mäuse im Feld, Feldmäuse, und die Eule jagt sie. Erzähl mir alles von den Eulen«, bat sie ihn. Chalke lachte. Noch nie hatte sie bis jetzt seine Stimme frei und glücklich gehört.

»Ist das jetzt die Zeit für Ornithologie, für Eulen und Fledermäuse?« fragte er. »Muß ich wieder ein Wörterbuch sein?« Sie drückte ihm die Hand. »Es macht mich glücklich, wenn ich bedenke, daß du so viel weißt, Chalke. Chalke. Das ist alles. Ich glaube wirklich, daß du zu viel redest. Ich muß denken, daß dich das krank macht. Du tust es für jeden.« Er lachte wieder. »Das klingt ja so, als ob es dich krank machte.« Sie war empört. »Aber nein. Das ist unmöglich. Es ist einfach wunderbar. Niemand könnte das leugnen. Ich möchte nur, daß du dich mehr schonst.« »Warum?« fragte er. Nina schwieg. »Warum willst du, daß ich mich schone?« wiederholte er ausführlicher. Nina seufzte. »Für mich wohl, Chalke«, antwortete sie. »Das klingt egoistisch. Ich hätte sagen sollen, für dich. Zu deinem eigenen Guten. Damit dein Gesicht nicht so angestrengt aussieht. Du weißt so viel, daß es dich bedrückt.« Seine Hände waren so mager, daß sie die Knochen deutlich durch die Handfläche spüren konnte. »Du mußt dicker werden«, sagte Nina unerwartet. Und das klang so lächerlich, so sachlich, daß beide lachten.

»In den Tropen wird man nicht dick«, erinnerte Chalke sie; »du denkst an die arktischen Regionen, wo Fett nützlich ist.« Die Schwäche in ihren Knien wich allmählich; sie konnte endlich einigermaßen ruhig atmen. Aber denken konnte sie nicht. In diesem Augenblick wollte Nina auch nicht denken. Später wird Zeit genug zum Denken sein. Jetzt will sie einfach existieren, ein Teil der purpurnen Nacht sein, Teil einer Welt von Sternen gleich poliertem Silber. Sie will ihre Seele auf dem Duft großer roter Junirosen schweben lassen. Eine Hecke von Rosen rings um ihr Herz. Sie sah, daß Chalke eine Zigarre in der Hand hatte, und ein zärtliches Lächeln, das er nicht sehen konnte, trat auf ihre Lippen. Es war ganz Chalke, jetzt zu rauchen. Nina sah wieder, wie das Aufflammen eines Streichholzes sein Gesicht im Dunkeln beleuchtete. Endlich war es friedlich – sein Verstand hatte sich dem Körper unterworfen.

Nina wartete, daß Chalke Ewing über das eben Geschehene etwas sage. Sie war, für den Augenblick wenigstens, völlig bereit, jeden Grad von Wichtigkeit anzuerkennen, den er ihm beimaß. Sie war willens, seinen Kuß für einen Kuß und wenig mehr zu halten, sie war auch willens, jede Verantwortlichkeit hinzunehmen, die darin liegen mochte. Das war triebhaft, ein Akt des Selbstschutzes. Sie wußte, daß die Nähe ihrer Körper, was immer sie auch für Chalke bedeutet hatte, sie mit einem hochaufflammenden, alles verzehrenden Feuer erfüllt hatte. Er sollte wirklich sprechen, fühlte Nina, ihr erklären – er erklärte alles so vollkommen – was mit ihnen geschehen war. Zu sagen, daß sie einander geküßt hatten, bedeutete nichts. Entweder mußte er ihr das augenblicklich klarmachen oder sie noch einmal küssen. Er rauchte weiter.

Justin Gow kam die Treppe von der Veranda herunter. »In einer Minute wird er da sein«, sagte er, einen Sessel suchend. »Wer wird da sein?« fragte Chalke. »Der Krug«, antwortete ihm Justin; »ich verstehe gar nicht, was mit dir los ist. Zum erstenmal, seitdem du hier bist, hast du es eine halbe Stunde ohne Rum in irgendeiner Form ausgehalten.« Nina saß vom Dunkel aufgesogen da, auf erhabene und wunderbare Weise glücklich. Das Gefühl, das sie beherrschte, erkannte sie, war tatsächlich mehr als Glückseligkeit. Ihr war, als sei jeder Zweifel, der jemals in ihr Leben getreten war, behoben. Gestillt. Sie kam sich vor wie ein leerer Krug, der plötzlich bis zum Rande gefüllt ist. Ein Zauber, unendlich größer und mächtiger als Rumswizzle. Die Empfindung von Chalkes Lippen an ihrem Munde, die ihr wehtaten, war nahezu so stark wie die Wirklichkeit. Mechanisch schminkte sie sich die Lippen. Wenn er es nicht abgerieben hatte, mußte auf Chalkes Mund Rouge sein. Da es ein Teil von ihr gewesen war, hoffte sie, es sei dort und sei ihm lieb. Ihr Kuß, der an ihm haftete. Nina merkte, daß sie ihn sehr leidenschaftlich geküßt hatte. Sie hatte sich ihm augenblicklich gegeben. Der Zipfel Furcht, der sie früher am Abend angefaßt hatte, war wieder da – sie hatte sich Chalke Ewing gegeben, der kaum mehr als ein Fremder war. Sie wiederholte sich, was sie von ihm wußte – er war Marys Bruder, er lebte seit Jahren auf Cuba, er war nie verheiratet gewesen, und es gab fast nichts, was er nicht wußte. Das war alles. Es war jedoch noch etwas anderes da – sie, Nina Henry, liebte ihn. Schon in jenem ersten Augenblick, als sie ihn in Justins Wohnzimmer kennenlernte, hatte sie ihn geliebt.

Sie seufzte tief auf, und dabei fiel ihr ein, daß jeder Seufzer angeblich einen Tropfen Blut aus dem Herz zieht. Gern will sie beim Denken an Chalke Blut verlieren. Ja, sie liebt ihn. Was das ganz allgemein heißt, weiß sie nicht, aber was es im besonderen bedeutet, ist ihr bereits klar. Sie will, daß Chalke sie wieder küßt. Und wieder. Und wenn er sie geküßt hat, bis sie die Spannung ihrer Gefühle nicht mehr ertragen kann, dann soll er alles von ihr nehmen, was sie hat, es nehmen und zu seinem Eigen machen, dann soll er sie zu seinem Eigen machen. Sie saß auf Justin Gows Rasen, Adam stellte die Ingredienzien und Geräte für einen Rumswizzle auf einem Tisch bereit, Mary Gow kam langsam die Verandastufen zu ihnen herunter, und das empfand sie. Das wollte sie. »Ich kann weder euch noch etwas anderes sehen, aber ich höre Gläser und Eis und Löffel. Ich rieche Angostura«, rief Mary. Chalke stand auf und half ihr in einen Sessel. »Du kommst erst, wenn alles zum Trinken da ist«, sagte er ihr. »Nina«, fuhr Mary fort, »jetzt kann ich gerade dein Kleid sehen, aber wenn das nicht wäre, würde ich nicht einmal auf den Gedanken kommen, daß du hier bist.«

»Ich bin hier«, sagte ihr Nina; »und mir ist so behaglich, daß ich keine Lust zum Reden oder auch nur zum Rauchen habe. Aber diese beiden Dinge werden ja schließlich Chalke und Justin immer für dich tun.« Es war das erstemal, daß sie vor anderen Chalke sagte, und sie war neugierig, ob Mary es merkte. Sie wünschte verzweifelt, Chalke Nina sagen zu hören. Das tat er nicht. Er stand vor dem Tisch, in seinem weißen Leinen deutlich sichtbar und doch verschwommen, und mischte den Rumswizzle. Nina schien es, sie habe ihn immer so gekannt – mager und undeutlich, und doch ihrem Herzen nahe, in einem Krug ein Getränk bereitend. Alles, was er mit seinen Händen tat, war von vollendeter Exaktheit. Er brachte ihr ein volles Glas. »Wie alles Gute«, sagte Chalke zu ihr, »ist das gut für Sie.« Sie trank die kalte, scharfe, aromatische Flüssigkeit hastig und gleichgültig. Sie wollte nichts tun, sie wollte nichts sagen, was ihre Gedanken von dem ablenken könnte, was sich im Garten ereignet hatte.

Sie hoffte, niemand werde sprechen oder daran denken, daß sie da sei. Einiges wird entschieden werden müssen. Sie liebt Chalke, und was bedeutet das eigentlich? Was kann es bedeuten? Solange sie nicht genau weiß, wie Chalke darüber denkt, kann sie nicht darangehen, zu entscheiden, was es bedeutet. Was bedeutet es ihm? Sehr, sehr viel, hofft sie. Sie muß es möglich machen, daß sie allein zusammen sind. Allein zusammen! Das war eine lächerliche und liebe Phrase. Das Allernatürlichste wäre, daß Chalke mit ihr nach Hause käme; sie überlegte, wohin Wilson gegangen wäre, und wann er zurückkommen dürfte. Wahrscheinlich war er bei Cora, und wenn er dort war, würde er nicht lange ausbleiben. Darauf sah er. Die Zeiger ihrer Armbanduhr waren nicht leuchtend, sie hatte also keine Ahnung, wie spät es war. Fragen konnte sie selbstverständlich nicht. Gegessen hatten sie kurz nach sieben; wenn sie um acht von Tisch aufgestanden waren, war jetzt – jetzt mußte es mindestens halb zehn sein. Sie wird warten, bis es ihrer Meinung nach zehn ist, und dann sagen, daß sie gehen muß. Vielleicht wird Chalke sogar darauf bestehen, mit ihr zu gehen. Er war nie in ihrem Haus gewesen. Sie konnte Wilson kurz vor elf erwarten. Wilson wird zu Chalke Ewing selbstverständlich höflich sein. In seinem eigenen Haus. Auf jeden Fall wird Chalke dafür sorgen. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß Wilson Henry oder jemand anderer mit Erfolg ungezogen zu ihm sein könnte.

Alles war ihr überaus vertraut – der von der Nacht verhüllte Rasen, die Stühle am Fuß der Treppe, die Getränke und Zigarren. Marys Kleid war ein blasses Blau in der Dunkelheit, Chalkes weißes Leinen hob sich kräftiger ab; von Justin war kaum mehr da als seine Stimme und hin und wieder eine Zigarette. Es war ganz vertraut und über alle Maßen schön. Nur wenig, dachte Nina, ereignet sich im Leben, und doch ist es überwältigend viel. Wenn mehr geschieht, so schien es ihr, bedeutet es weniger. Die Dinge ereignen sich entweder außerhalb oder innerhalb des Menschen; und die ersten sind niemals so wichtig wie die zweiten. Die Ereignisse, schreckliche oder schöne, können in der gewöhnlichen Umgebung oder, anscheinend, in den trivialsten Augenblicken vor sich gehen. Man kann einfach nie wissen, wann der Blitz einen treffen wird. Nun, sie hat er getroffen! Auf Justin Gows Rasen. Als Chalke Ewing sie küßte. Ein Kuß dürfte nicht so sein. Er ist es auch tatsächlich fast nie. Vor gar nicht langer Zeit hatte sie Roderick Wade geküßt, und das war kein erschütterndes Ereignis gewesen. Es war nicht mehr gewesen als angenehm und erfreulich, kaum aufregend. Aber als Chalke sie küßte, schwankte ihre ganze Welt und erlosch wie eine Kerze.

»Der Gartenklub hat am Freitag eine Zusammenkunft bei Ocha Ambler«, bemerkte Mary; »wenn ich an den Tee denke, den es bei Ocha geben wird, wäre mir lieber, es käme nicht dazu. Ich habe vom Gartenklub ohnedies genug. Ich finde, man sollte nicht die Blumen mit obszönen Namen nennen und von ihren ganz privaten Gewohnheiten reden. Das ist zu unanständig. Ich habe jedes Gefühl für die Unschuld eines Gänseblümchens verloren. Ich werde nie wieder denken können, daß die Lilie ein Symbol der Reinheit ist. Dazu weiß ich zu viel von ihr. Du brauchst das nicht fortzusetzen, Justin, ich habe schon genug gesagt. Wenn Chalke anfängt, gehe ich schlafen.« Weder Justin Gow noch Chalke sagte ein Wort. »Es ist unnatürlich«, fuhr Mary fort, sich an Nina wendend; »ich habe nie gewußt, daß sie so sind, beides auf einmal.« »Wahrscheinlich sind beide wütend auf uns«, antwortete Nina. Sie wußte kaum, was sie gesagt hatte. Eine Welle körperlicher Wonne, erfüllter Erinnerung durchfuhr sie. Sie fühlte, wie Chalkes hagerer, harter Arm sie an sich hielt. Es mußte, entschied Nina, zehn Uhr sein. Sie stand auf. »Es ist zu schade, ich muß gehen«, sagte sie. Nur Mary antwortete ihr. »Das ist doch Unsinn; Wilson wird noch gar nicht zu Hause sein. Es ist zu heiß, um ans Schlafengehen zu denken.«

»Ich muß«, wiederholte sie hartnäckig; »ich bin seit dem frühen Nachmittag von zu Hause fort. Man kann nie wissen, in was für einem Zustand Rhoda und Harriet alles zurücklassen, wenn man ihnen nicht genau erklärt, was zu tun ist. Eine Kühlschranktür wird offen stehen, oder es brennt Licht, oder die Schutzfenster in der Küche sind offen, und überall sind Moskitos.« Sie brach ab. Justin Gow rührte sich. »Es scheint«, stimmte er Nina zu, »angesichts so vieler Schrecken wirklich notwendig zu sein.« Chalke stand neben ihm. »Wenn Sie meine Cubaner hätten«, fügte er hinzu, »könnte das alles nicht passieren. Sie würden nicht eine Sekunde lang an Ihren Kühlschrank oder an Ihre Schutzfenster zu denken brauchen.« Nun, sie habe keine Cubaner, sagte sich Nina. Sie mußte mit Rhoda und Harriet auskommen. Ihr Gesicht war heiß vor Enttäuschung und Ärger. Sie konnte, fand sie, Chalke nicht auffordern, er solle mit ihr kommen, so sehr es sie auch dazu trieb. »Wird dir nichts passieren?« fragte Justin. »Mir ist nie etwas passiert«, sagte sie ihm fast mit Schärfe. »Schließlich ist es ja nur auf der anderen Seite der Straße«, fügte sie hinzu. Chalke Ewing sagte: »Gute Nacht.« Nina zwang sich, in ihre Stimme und ihr Benehmen eine fast übertriebene Heiterkeit zu legen. »Gute Nacht«, antwortete sie. »Der Rumswizzle war wunderbar.« Mary ging mit ihr bis zum Rand der Rasenfläche. »Ich finde beide abscheulich«, erklärte Mary. Offenbar hatte sich etwas von Ninas Gefühl auf sie übertragen.

Am nächsten Morgen war Ninas ganzes Sein von einem Kampf widerstrebender Gefühle in Anspruch genommen. Die stärkste Empfindung jedoch war eine nicht nachlassende, strahlende Zufriedenheit und Wärme. Alles in ihrer Umgebung schien in den goldenen Schimmer gebadet zu sein, der ihre Seele erfüllte – die Zärtlichkeit, die in ihrem Herzen für die ganze Welt glühte, schien es fast zersprengen zu wollen. Sie wünschte Wilson alles, wonach er begehrte – jetzt, da er nicht mehr nach ihr begehrte – und sie hoffte, daß Cora Lisher Verständnis für seine Vorzüge und Reize hätte. Sie wünschte Cora ein glückliches Leben. Nina wollte augenblicklich etwas für ihre Kinder tun, sich für Cordelia opfern, Acton in seiner Neigung für Dinge der Ästhetik unterstützen. Rhoda, die ihr das Frühstück heraufbrachte, sprach von Ninas offenbarer Zufriedenheit mit dem Leben. »Sie sind aber wirklich ausgezeichnet aufgelegt, Mrs. Nina. Ganz wie ein Mädchen. Ihr Gesicht leuchtet!« Nina bedachte, wie herzensgut, wie anhänglich Rhoda war, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Am liebsten hätte sie sie gestreichelt. Alle Menschen um sie waren so entzückend, daß sie es nicht zu ertragen glaubte. Es war viel mehr, als sie verdiente.

Dann dachte sie über Chalkes Verhalten nach – nachdem er sie geküßt hatte. Was bedeutet das, und was hatte er sich dabei gedacht? Sie hatte ihm Gelegenheit gegeben, mit ihr nach Hause zu gehen, sie hatte auf ihn gewartet, bis sie sich dumm vorkam, aber abgesehen von seiner gewöhnlichen scharfen Ironie hatte er sie eigentlich ignoriert. Nach dem, was sich im Garten der Gows ereignet hatte, schuldete er ihr entschieden zum mindesten eine Erklärung. Schließlich waren sie keine Kinder mehr; er war nicht in Actons Alter, und sie war nicht Annabel. Er hatte sie auch nicht so geküßt, als ob sie das wären. Ein Kuß konnte, wie sie sich gestern abend gesagt hatte, sehr viel bedeuten, oder auch gar nichts; aber – sie war oft geküßt worden – es war ihr klar, daß Chalke ebenso erschüttert gewesen war wie sie. Was er tat, was er empfand, war nicht zufällig oder ein bloßes Abenteuer gewesen; sie konnte sich Chalke Ewing nicht in billiger Weise sinnlich vorstellen. Himmel, er mag Frauen gar nicht; so ein Mensch ist er nicht. Chalke ist ein männliches, ein geistiges Wesen, und er trinkt sehr viel – Männer, die trinken, sind in der Regel gleichgültig gegen weibliche Reize. Er tanzt nicht, er haßt die Gesellschaft, Strenge ist sein hervorstechendster Charakterzug.

Sie konnte ihn nicht verstehen. Sie erwartete eigentlich, daß Chalke sie antelephonierte oder über die Wiesen und die Straße käme, klingelte, nach ihr fragte und sich auf die Veranda setzte, um zu warten. Das eine oder das andere davon zu tun, wäre unter den Umständen und in der Situation, in der sie sich befanden, nur natürlich. Er mußte das eine oder das andere tun. Er war ein vernünftiger Mensch und mußte unbedingt etwas von ihrer Gemütsverfassung wissen. Er sah wirklich so aus, als bedauerte er das Ganze schon. Nina Henry begann sich klarzumachen, daß er einem Impuls gefolgt sei und dann, entweder weil es zu viel Verdruß oder zu wenig Zündendes versprach, augenblicklich Reue empfunden habe. Schwere Betrübnis drückte von allen Seiten auf ihr Herz. Das muntere Behagen, mit dem sie erwacht war, ging von ihr – Chalkes fortgesetztes Schweigen, sein unmißverständliches apathisches Gehabe tötete es. Nina fuhr nicht wie sonst zu Mr. Cloughs Laden, sie bestellte die einzelnen Dinge auf Rhodas Tagesliste telephonisch. Sie fürchtete, wenn sie aus dem Haus ginge, würde Chalke anrufen oder zu ihr kommen, und sie könnte ihn verfehlen. Nina saß auf der Veranda in einem neuen weißen Flanellrock, einem dünnen Pullover aus schwarzer Wolle und einem Kettengürtel mit Silbergliedern. In ihrem hellen, halbgelockten Haar war ein schwarzes Band. Sie hatte ihre besten, ausgeschnittenen weißen Wildlederschuhe an und die durchsichtigen Strümpfe, von denen sie durchaus nicht ablassen wollte. Sie sah so gut aus, wie es ihr nur möglich war. Das Telephon klingelte. Es war Delia Bache, die sie für den nächsten Donnerstag zum Lunch einlud. Auf dem Weg unter der Veranda wurden Schritte laut. Es war ein junger Mann mit einem einfach schauerlichen Gesicht und abstoßendem Lächeln, der von ihr erwartete, daß sie ihm durch das Abonnieren einer oder mehrerer Zeitschriften in seinen College-Studien weiterhelfe. »Wir haben jetzt genug Zeitschriften«, sagte sie ihm. Er war sehr unverschämt und bestand darauf, ihr eine Art Liste zu zeigen. Sie gab sie ihm wortlos zurück. »Wenn alle so wären wie Sie, müßte ich mein ganzes Leben ungebildet bleiben«, versicherte er.

»Das ist ganz richtig«, stimmte Nina gleichmütig zu. »Lassen Sie es sich noch einmal erklären«, sagte er hartnäckig. »Wenn Sie eine Zeitschrift abonnieren, bekomme ich dementsprechend Kredit. Wenn ich genug beisammen habe, kann ich wieder zurück.« Acton würde sagen, das habe er schon beim erstenmal gehört. »Nein, danke«, wiederholte Nina, sich endgültig abwendend. Das Telephon klingelte wieder. Irgendein Mädchen wollte Cordelia sprechen. Der Vormittag zog sich unerträglich lang hin und war dann mit einemmal vorbei. Nina aß allein. Es wäre für sie ganz natürlich, überlegte sie bei Tisch, zu den Gows hinüberzugehen. Natürlich, aber in ihrer augenblicklichen Gemütsverfassung unmöglich. Chalke wird einfach zu ihr kommen müssen. Und wenn er nie kommt, fügte sie jämmerlich hinzu. Ihre Betrübtheit wurde durch aufsteigenden Ärger noch erschwert. Chalke handelt wirklich sehr schlecht. Er kann sie nicht einfach küssen und dann tun, als ob nichts gewesen wäre. Sein Verhalten, seine offenbare Überzeugtheit von seiner eigenen Wichtigkeit, begann ein wenig töricht zu wirken. Er nahm sich entschieden zu ernst. Diese Überlegungen trugen nicht dazu bei, ihr Elend zu verringern. Sie war ja so bereit, auf das kleinste Zeichen von Chalke hin wieder übermäßig glücklich zu sein.

Nach drei Uhr kam Mary Gow. Sie ließ sich in einen Schaukelstuhl fallen und griff nach einer Zigarette. »Sie sind einfach Teufel«, fing sie an. »Sie sitzen herum und trinken und schimpfen über alles. Heute ist es noch schlimmer als sonst, weil sie glücklich wieder bei der Religion sind. Du müßtest sie hören. Ich weiß wirklich nicht, warum der liebe Gott sie am Leben läßt. Als ich ging – ich konnte es nicht eine Minute länger aushalten – erklärte Chalke noch mehr von der Zeit, in der es so viele Päpste gegeben hat. Der König von Frankreich hat scheinbar etwas gegen den italienischen Papst gehabt und sich einen eigenen bestellt. Wenn man Katholik ist, müßte es ganz angenehm sein, einen eigenen Privatpapst zu haben, muß ich sagen. Ich halte Annabel, soviel ich kann, fern, aber ich weiß, daß sie durch das, was sie gehört hat, schon verdorben ist. Hier ist es so friedlich, Nina. So nett und normal.« Das sei es wohl, antwortete Nina. »Ich für meine Person finde es ganz gehörig zu normal und nett.« Mary warf einen Blick auf sie. »Wenn du wieder mit dem anfängst, was du mir gestern erzählt hast, von meinen Pflichten gegen mein Haus und Wilson«, erklärte ihr Nina, »bringe ich dich augenblicklich hier auf der Veranda um. Ich könnte heute nicht ein Wort darüber hören.«

»Ich habe nicht im entferntesten daran gedacht«, erwiderte Mary Gow. »Ich habe gesagt, was ich sagen wollte, und fange nicht noch einmal damit an. Ich bin sicher nicht zudringlich. Ich bin herübergekommen, um dir etwas ganz anderes zu sagen. Du wirst es mir nicht glauben, du wirst es einfach nicht glauben, aber es ist wahr. Ich habe schon mit William im Landklub darüber sprechen müssen. Es ist schon alles angeordnet.« Nina betrachtete sie mit plötzlich wachsendem Interesse. »Na?« fragte sie; »also?« Mary sagte, sie würde tot umfallen. »Das wird dich umbringen. Nach allem, was du gehört hast. Meine Liebe, Chalke will eine Gesellschaft geben. Im Landklub!«

Ninas ganze Glückseligkeit kam mit warmem, erstickendem Ungestüm wieder. Chalke Ewing gab eine Gesellschaft für sie. Keine andere Erklärung war denkbar. Er ist ein absonderlicher Mensch. Lieb, aber absonderlich – und statt zu ihr zu kommen, gibt er eine Gesellschaft. Das wird wirklich eine wunderbare Gelegenheit für ihr Wiedersehen abgeben. »Chalke sagt, er will etwas tun«, erzählte Mary weiter; »er meint, so findet er es am besten. Aber ich kann nicht alle bitten, die ich dabeihaben will. Er hat mir Schranken gesetzt. Ich soll natürlich dich und Wilson bitten, die Baches, mit uns macht das sieben, Catherine Pryne, damit die Zahl gerade wird, und Ocha und Francis Ambler. Zehn. Es muß sehr nett werden. Chalke meint, ich muß mit William sprechen und für das Essen sorgen. Zum Trinken wird er alles aus New York mitbringen. Es muß wirklich reizend werden. Ich sage dir, Nina, ich bin froh, daß Chalke das macht. Er hat so viel Geld und keinen Menschen.«

»Ich glaube, das ist sehr traurig«, antwortete Nina. »So ein Leben ist schrecklich einsam. Mary, ich finde, er sollte nicht nach Cuba zurück. Schließlich ist er nicht mehr der Jüngste. Er sollte nicht den Rest seines Lebens allein bleiben. Erstens trinkt er dann zu viel. Und dann sitzt er ganz allein da und raucht diese langen, mitternachtsschweren Zigarren, bis ihm der Kopf schwimmt.«

»Die Schnepfenzeit ist vorüber«, sagte Mary, »aber William macht junge Hühner ausgezeichnet, findest du nicht? Oder junge Perlhühner. Wir müssen Broccoli haben. Aber kalt, mit French Dressing. Wenn so viel getrunken wird, könnte eine Sauce hollandaise gefährlich werden. Freitag ist ein guter Abend. Könnt ihr am nächsten Freitag? Bis dahin muß Chalke für seine Gesellschaft in New York sein.« Nina dankte ihr. »Danke schön, Mary. Wir werden sehr gern kommen, das weißt du ja. Perlhühner wäre vielleicht netter als Hühnchen. Chalke wird wohl finden, daß das mehr einer Gesellschaft entspricht.«

 

Nina hatte für Chalke Ewings Gesellschaft das Kleid angezogen, das Ishtarre gemacht hatte. Zum ersten Male seit seiner Einweihung am Bürgerkriegsgedenktag. Wilson Henry, der an einem weit geöffneten Fenster saß und mit dem Fertiganziehen bis zum letzten möglichen Moment wartete, betrachtete sie schweigend durch den Rauch einer Zigarette. Seit sie nach ihrer Fahrt mit Chalke so spät zurück« gekommen und jene bittere Meinungsverschiedenheit entstanden war, hatte er ihr nichts direkt gesagt und sie auch um nichts in der halb verschleierten, hergebrachten Form einer Frage gebeten. Er hatte sie vielmehr mit sorgfältig verhaltener Neugier und mit Groll beobachtet. Er war von kühler Höflichkeit. Mit seinem Benehmen und seinen spärlichen Worten gab Wilson zu verstehen, daß er ihre Angelegenheiten jetzt ausschließlich als die ihren betrachtete. Das mochte, wie auch sonst sein Verhalten andeutete, ein ernster, vielleicht sogar gefährlicher Fehler sein, aber das wollte er auf sich beruhen lassen. Zum Teil war dies, glaubte Nina, die Folge seines verletzten Stolzes, die er wohl hinnahm, aber nicht begriff, und zum Teil die ihm auferlegte Notwendigkeit, Cora Lisher vor ihr zu schützen. Am liebsten hätte Nina ihm versichert, daß das gar nicht nötig sei. Aber es war ihr unmöglich, von Cora in irgendeinem intimen Zusammenhang mit ihm zu sprechen. Das hätte Wilson natürlich nicht geduldet.

Die Wirkung des französischen Kleides wurde wahrnehmbar, sowie Nina es anlegte. In dem Augenblick, da sie den Rock um ihre Hüften zurechtzog, da sie ihren Leib von dem glatten Atlas umspannt fühlte, glaubte sie Musik in der Luft zu hören. Ferne, heitere Melodien. Die aber rasch näherkommen mußten. Sie sah Wilson Henry mit eben hinreichender Geduld an. »Du solltest dich fertig anziehen«, sagte sie ihm, »statt in diesem Zustand dazusitzen. Ich kann es ja nicht vermeiden, dich zu sehen.« Wilson erklärte, wenn er den Kragen schon früher umgelegt hätte, müßte er ihn jetzt wechseln. »Es ist so heiß. Und, wie du selber gesagt hast, Nina, ich bin auch fast fertig. Nur noch Kragen, Weste und Rock. Bei Gott, ich werde keine Weste anziehen.« Das, erwiderte sie, sei unmöglich. »Du kannst zu einem Dinner nicht ohne Weste gehen. Ich verstehe gar nicht, wie du darauf kommst. Die Weißen sind übrigens nicht schwer. Ich will eine solche Nachlässigkeit nicht dulden.«

»Ich muß eine ganze Menge dulden«, erklärte er; »daß ich aufgehört habe davon zu reden, heißt noch nicht, daß die Sache erledigt ist. Zum Beispiel dein Kleid, ich glaube, ich habe dir gesagt, daß es mir nicht recht ist. Jetzt hast du es an. Im Grunde liegt mir wohl nichts daran. Es wird wohl nicht so wichtig sein.« Er unterbrach sich plötzlich, stand auf und nahm seinen Kragen. Während er an der Krawatte herumarbeitete, wurde der Kragen weich. »Siehst du«, sagte er, einen anderen suchend. Nach einiger Zeit steckte er Knöpfe in eine weiße Weste. »So wird es kühler sein«, erklärte Wilson Henry, »wenn ich das Zeug zwischen dem Körper und der ganzen Seide und dem Tuch habe.« Sie hörte ihn kaum. Der Klang von Musik erfüllte ihre Ohren. Nina betrachtete sich im Spiegel. Wirklich, es war sehr gut; für mehr als vierzig war ihre Linie ausgezeichnet. Kein anderes Kleid machte ihre Schultern und Arme so weiß, so rund und doch zart. Ihr Haar, das die Farbe von Gold und Zigarettenasche hatte, rahmte leicht und locker und schimmernd ihr Gesicht ein. Sie betupfte Ohren, Nacken und eine Stelle auf der Oberlippe mit Parfüm.

Wilson wartete auf sie mit einem Ausdruck, der nahezu geduldig war.

Nina hatte beschlossen, den Ford zu fahren, und Wilson saß schlapp neben ihr. »Es ist heiß wie in der Hölle«, bemerkte sie. »Wenn ich aufstehe, wird mein Kleid wahrscheinlich durch und durch naß sein. Uber meinen Rücken läuft ein Bach herunter. Ich werde mich nie an die andere Zeit im Sommer gewöhnen. Wenn ich zum Dinner angezogen bin, ist die Sonne noch lange nicht untergegangen.« Wilson wurde übellaunig. »Wahrscheinlich«, sagte er, »werde ich neben Ocha Ambler sitzen und mir erzählen lassen müssen, wie Mason in Pittsburgh Seelen gerettet hat, statt Eisen zu machen. Ich hätte vor dem Weggehen ordentlich Whisky trinken sollen. Ich werde so etwas nötig haben.« Nina versicherte ihm, er werde beim Dinner genug zu trinken bekommen. »Wahrscheinlich Sherry oder irgendeinen scheußlichen französischen Wein oder Portwein«, erwiderte er; »das alles ist scheußlich. Man kann davon noch so voll sein, es ist, wie wenn man voll von nichts wäre. Von Bacardirum bekomme ich Kopfschmerzen. Immer habe ich welche davon bekommen, das weißt du. Das richtige zum Trinken ist Whisky, Korn, und Gin und Bier. Jeder vernünftige Mann wird dir das sagen. Diese Weine und süßen Cordials finde ich widerlich.«

»Davon verstehst du ja nichts«, sagte Nina in entschiedenem Ton.

»Nein«, gab er zu; »ich bin eben Amerikaner. In Amerika und nach amerikanischen Sitten groß geworden. Es wird wohl bald soweit sein, daß ich mich deshalb entschuldige und Rotwein trinke. Aber heute noch nicht. Ja, ich werde zwischen Ocha Ambler und Catherine Pryne sitzen. Die wird über Paris reden, und wenn Ewing noch dazu von Cuba anfängt, dann werde ich – ich weiß nicht, was ich dann werde. Vielleicht läßt sich wirklich eine langweiligere Gesellschaft zusammenstellen, ich wüßte bloß nicht wie.« Nina ärgerte sich so sehr, daß sie nicht ganz auf der Hut war wie sonst. »Es ist schade, daß Mary Gow nicht Cora gebeten hat«, erklärte sie. Wilson warf ihr rasch einen Blick zu, eine Flut von geärgerten Worten, von Vorwürfen, schien in ihm aufzusteigen und sein Gesicht zu verdunkeln. Er sagte nichts. Wilson drehte sich um und sah durch das Fenster hinaus auf das satte Grün des Golfplatzes. Nina hatte, das wußte sie, einen Fehler begangen, aber sie regte sich nicht darüber auf. Wirklich nicht. So weit konnte sie die Rücksicht auf ihn nicht treiben. Wenn es Wilson nicht recht ist, daß sie von Cora gesprochen hat, kann er ja darüber sagen, was er will, kann er tun, was er muß. Sie hat seine übellaunigen Bemerkungen und Kritteleien jetzt schon sehr viele Jahre, mehr als zwanzig, ertragen, aber sie wird sich nicht in alle Ewigkeit unterdrücken. Als sie zum Landklub kamen, war sie nicht nur erhitzt, sondern auch wütend.

»Ich wußte nicht, daß du dieses Kleid anziehen würdest«, sagte Mary, die sie an der Tür begrüßte. »Das ist ja kaum mehr als eine Familiensache. Es war so heiß, daß ich das einfachste Kleid genommen habe, das ich finden konnte. Catherine Pryne hat auch ein neues Pariser Kleid an. Ich werde aussehen, als ob ich die Köchin wäre.« Die Hitze, fand Nina, hatte allen die Stimmung verdorben. »Du hast ein reizendes Kleid an, Nina«, sagte ihr Catherine, »das kenne ich noch gar nicht. Man merkt sofort, daß es von Ishtarre ist. So etwas macht er ausgezeichnet.« Justin Gow und Chalke bereiteten an einem Tisch im Speisesaal die Cocktails. Nina sah, daß es frischen Kaviar in einer aus einem Eisblock ausgehöhlten Mulde gab. Chalke Ewing, tadellos und völlig kühl in seinem unvermeidlichen weißen Leinen, war von formvollendeter Höflichkeit. Er hatte ein weiches, breites Band aus schwarzer Seide um die Taille geschlungen. Nina lächelte ihm zu und blickte ihm offen ins Gesicht, worauf er sich leicht und ein wenig steif verbeugte. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, daß Sie gekommen sind«, sagte er.

»Aber Unsinn!« erwiderte Nina scharf; »es ist ein Vergnügen, hier zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch auf Wilson, meinen Mann, besinnen.« Wilson Henry und Ewing drückten einander die Hand. Wilson machte eine leere, konventionelle Bemerkung. Ewing reichte ihm einen Cocktail, der, wie Wilson anerkennen mußte, ausgezeichnet war. »Noch einen«, sagte Chalke. »Ja«, antwortete Henry nicht weniger kurz. Nina trank einen Cocktail und dann einen zweiten. Mehr wollte sie nicht, sie dachte an die Getränke aus New York. Der frische Kaviar verschwand mit unvorstellbarer Geschwindigkeit; es gab noch eine und noch eine Runde Cocktails, bis Mary Gow dazwischenfuhr. »Das ist kein Trinkgelage«, verkündete sie, »sondern ein Dinner. Ich habe den größten Teil der Verantwortung dafür, wir wollen gleich anfangen.« Sie gingen auf die Veranda hinaus, wo der Tisch gedeckt war. »Chalke«, sagte Mary, »du sitzt hier. Mrs. Ambler, Sie sind rechts von Chalke, und Nina links von ihm. Neben Nina, ach ja, Justin, willst du dich dahin setzen, bitte? Neben Justin möchte ich Delia Bache, und dann Francis. Wilson ist neben Mrs. Ambler. Catherine Pryne, dann kommen Sie. Neben Sie kommt Joel Bache, und ich sitze zwischen Joel und Francis.« Nina Henry machte ihr Komplimente. »Du hast das sehr schön gemacht.« Zu Wilson wollte sie nicht hinsehen. Der Tisch, fand sie, war wirklich reizend. Es waren Unmengen von altmodischen Moosröschen da, und Mary hatte ihre Silberpfauen mitgebracht. Nina war überzeugt, daß es selbst auf Cuba nicht romantischer sein könnte. Justin war glänzender Laune. »Ich mache Sie jetzt darauf aufmerksam«, sagte er zu Mrs. Ambler, »daß Chalke Ewing zu lange in den Tropen gelebt hat. Die Sonne hat seinen Kopf angegriffen. Er hat zum Beispiel sehr ungesunde Ansichten über das Missionswesen.« Das sei bei überraschend vielen gebildeten Leuten so, antwortete sie. »Sie wissen die Vorteile nicht zu schätzen, die Gebet und nützliche amerikanische Sachen den Heiden bringen. Mason pflegte zu sagen, in des Herrn Universum gibt es keine Länder. Ein Bewohner des Kongo war Mason ebenso teuer wie sein Nachbar. Er wollte alle Rassen in christlicher Liebe vereinigen.« »Und ihnen Eisen verkaufen«, fügte Francis gereizt hinzu. »Man kann nicht viel mit einem Stamm anfangen, der Eisen nur für Nasenringe kauft.« Seine Mutter sagte gelassen: »Wir sollten dankbar dafür sein, daß er imstande war, so vielen praktischen Segen zu bringen.«

 

Catherine unterhielt sich mit Wilson Henry. »Wilson, du mußt zugeben«, begann sie, »daß dieser himmlische Madeira tausendmal besser ist als die Getränke, die man gewöhnlich bei uns bekommt – Cocktails und Gin und Whisky. In Frankreich, wo man jeden Tag solche Weine hat, ist das Trinken das Köstlichste auf der ganzen Welt. Das Trinken in Amerika, na – jeder Mensch weiß, was daraus geworden ist, einfach schauerlich.« Wilson Henry antwortete nicht. Ocha Ambler sprach statt seiner. »Die Sünde«, sagte sie, ihr Weinglas abstellend, »ist in Frankreich sehr angenehm gemacht. Ja, dort ist alles sehr trügerisch, meine liebe Catherine; ich bin fest davon überzeugt, daß es seinerzeit bei uns besser war. So wie es bei uns war, wurde eine Heilung viel rascher möglich, als wenn wir leichte Weine getrunken hätten. Der Saloon«, sagte Ocha Ambler, »hat sich selbst den Garaus gemacht.« »Ich erinnere mich ganz genau an die Saloons«, warf Chalke Ewing ein. »Sie waren meistens an Straßenecken. Jetzt wird sehr sentimental über sie geredet, weil es sie nicht mehr gibt, aber in Wirklichkeit waren sie sehr langweilig. Langweilig, wenn man nüchtern war, und nicht mehr als eine bequeme Einrichtung – wie heute die Tankstellen – wenn man betrunken war. Der Whisky war gewöhnlich sehr schlecht. Aber sie haben etwas Dekoratives geschaffen, das seine Verdienste hat – die Messingstange.« Ocha Ambler sprach vergnügt weiter. »Mason war nie in einem Saloon. Er war der Ansicht, daß die Macht des Beispiels einer der stärksten Ansporne zum Guten und zum Bösen ist, die es gibt. Das eine, sagte er, gehört immer zum andern. Deshalb war er auch gegen Kartenspiele. Selbst unschuldige Vergnügungen im Herzen der Familie können unter Umständen zum Spielen und zum Verlieren der Seele, nicht nur von Geld, führen«.

Das, erklärte Francis Ambler, sei eine unbestreitbare Tatsache. »Die Karten führen zum Spiel.« Seine Mutter lächelte. »Francis findet, ich rede zuviel von seinem lieben Vater«, bemerkte sie. »Aber wenn ich mir die jungen Leute von heute ansehe, muß ich von Mason reden.« Das amüsierte Nina außerordentlich. Chalke, fand sie, war ein vollendeter Gastgeber, würdevoll und ungezwungen. Er sagte nichts, was die Vorurteile und Überzeugungen eines Gastes verletzen könnte. Chalke sah ausgeruht aus, dachte Nina. Wilson war so schlimm daran, wie er es sich prophezeit hatte. Es war ein Jammer, daß Mary ihn zwischen Ocha und Catherine gesetzt hatte. Catherine wird natürlich von den einzig dastehenden Tugenden der Stadt Paris und der Franzosen sprechen. Francis, sah sie, war schlechter Laune; er trank sehr viel Madeira und sprach kaum. Nina hatte fast vergessen, daß er existierte. Das durfte sie ihn nie merken lassen; sie mußte sich sehr davor hüten, ihn in seinen Gefühlen zu verletzen. Sie verdankte Francis sehr viel. Ihre Zuneigung zu ihm erreichte ihr endgültiges Stadium stiller Sicherheit. Es war ungestört von jeder Gefühlsunregelmäßigkeit und jedem Mißverständnis. Jetzt wunderte sie sich über die Haltung, die sie noch vor kurzem gegen Francis Ambler eingenommen hatte. Es war tatsächlich unanständig gewesen. Sie nickte ihm zu, und er brachte es fertig, in seiner Miene gleichzeitig eine Frage und seine Gekränktheit auszudrücken.

Der erste Gang von Chalkes Dinner verschwand, die Perlhühner und der Champagner kamen auf den Tisch. Der Champagner belebte alles von neuem. Delia Bache wiederholte ihre Behauptung, daß ihr schon ein Blick auf die Flaschen genüge, um vergnügt zu werden. Ocha Ambler erzählte von noch einem Opfer Masons – schon so gut wie tot, hatte er Champagner wegen der Versuchung, in die seine Pflegeschwestern kommen müßten, zurückgewiesen. Nina sah, daß Wilson unruhig wurde, und das bekümmerte sie. »Ist es nicht wunderbar, Wilson?« fragte sie strahlend. Wilson, dem nichts anderes übrigblieb, als zuzustimmen, sagte, ja, es sei wunderbar. Dann jedoch entglitt er ihr. »Ich weiß, daß Champagner als besonders fein gilt«, erklärte er; »ich habe ihn selbst vor ein paar Tagen meinen Gästen vorgesetzt; aber an mich ist er verschwendet. Es ist die Wahrheit, und es hat gar keinen Sinn, etwas anderes vorzumachen. Ich für meine Person, an mich ist er einfach verschwendet. Madeira auch. Wahrscheinlich, weil ich nicht in Frankreich aufgewachsen bin. Ich hatte nicht diesen Vorzug wie Catherine. Ich mußte in Amerika bleiben. Das mußte ich, und dabei habe ich es lieben gelernt. Französische Sachen würden nicht zu mir passen.« »Die französischen Sachen«, erwiderte Catherine, »haben recht gut zu dir gepaßt, als wir im Kriege waren.« Nina merkte, daß Catherine wütend wurde.

»Das ist wahr«, gab Wilson zu, »kein Mensch wird behaupten, daß die Franzosen nicht kämpfen. Sie kämpfen sogar mit Bärten. In Friedenszeiten passen sie mir nicht. Verdammt noch einmal, ich verlange nicht zuviel. Das ist ja bald, als ob es außer den Franzosen keine Menschen gäbe. Als ob es keine Stadt außer Paris gäbe. Ich habe eben vor allem etwas gegen ihre Gewohnheiten.« »Was weißt du überhaupt davon?« fragte Catherine. Jedermann, erwiderte Wilson, kenne die Gewohnheiten der Franzosen. Sie seien berühmt. »Das ist lächerlich, Catherine. Um das, was ich meine, kannst du nicht herumkommen. Der Franzose ist Frauen gegenüber durch und durch zynisch. Er sieht nicht mehr zu ihnen auf als ich zu dem Glas Champagner da. Das weiß man doch aus ihren Büchern und Stücken und Filmen.« Catherines Stimme wurde schärfer. »Was für französische Bücher hast du denn in den letzten zwanzig Jahren gelesen?« fragte sie.

»Genug«, antwortete er, »genug, um zu wissen, wovon ich rede.« Ob er meine, daß der Titel eines französischen Buches genug sei? »Ach, zum Teufel, Catherine«, rief Wilson, »sei nicht albern! Ich kenne dich, solange ich auf der Welt bin, und kann dir auch ohne allen möglichen Quatsch sagen, was ich denke. Die amerikanischen Frauen haben die Franzosen gern, warum, ist mir allerdings nicht klar, und die amerikanischen Männer nicht. Und das ist alles. Ein Amerikaner kann unmöglich mit einem Franzosen einverstanden sein.« »Und was ist mit den französischen Mädchen?« fragte Catherine. »Die scheint ihr alle ja ganz gern zu haben.« Auf der Bühne, antwortete Wilson, oder vielleicht, solange man jung sei, in einer Gesellschaft. »Das bedeutet keine Ehre für sie. Keiner von meinen Freunden hat eine geheiratet, das ist mir aufgefallen.« Nina begann sich über Catherine Pryne zu ärgern. Sie hätte der Auseinandersetzung mit Wilson sofort ein Ende machen sollen. So dumm war sie gar nicht. »Die Franzosen haben eine sehr hohe Zivilisation«, warf Chalke ein; »das kann niemand in Abrede stellen. Mir sind die Spanier lieber – sie sind nicht so veränderlich. Sie haben sehr viel Würde.« Nach der Schlacht von Manila, erklärte Wilson, könnten ihm die Spanier auch gestohlen bleiben. Chalke erwiderte, er erkenne gern die Verdienste Admiral Deweys an. »Völker sind wie Menschen«, fuhr Chalke Ewing liebenswürdig fort. »Sie werden alt; als wir mit Spanien kämpften, kämpften wir mit einem sehr alten, müden Mann.«

»Nehmen Sie Frankreich«, sagte Wilson hartnäckig.

»Mein Gott, Wilson«, rief Nina; »du hast es jetzt schon oft genug genommen, hör schon auf damit. Du ärgerst nur Catherine.« Wilson Henry antwortete, sie brauche sich um Catherine keine Sorgen zu machen, die könne schon etwas Ärger vertragen. »Man braucht ja nur daran zu denken«, versicherte Wilson triumphierend, »wie die Franzosen die Jungfrau von Orleans verbrannt haben. Das sagt doch alles. Nachdem sie sie gerettet hatten. Und besser gekämpft hatte als alle Männer. Verbrannt!« Catherine Pryne lächelte honigsüß. »Das wäre furchtbar, wenn es wahr wäre«, erklärte sie; »es ist aber nicht wahr, die Engländer haben Johanna verbrannt.« Wilson lachte. »Was sagen Sie dazu?« fragte er Joel Bache. »Die Engländer haben die Jungfrau von Orleans verbrannt. Die Engländer! Das ist ja allerhand. Aber natürlich, es ist ganz selbstverständlich, daß die Engländer mit ihrem Sportgeist ein Mädchen verbrennen, nicht wahr? O nein, Katie, so kannst du deinen Jünglingen mit den parfümierten Barten nicht helfen. Nein, meine Liebe.« Wilson trank sein Glas Champagner in einem Zuge aus. In Catherine Prynes Augen standen Tränen der Wut. Ihre Hände zitterten: »Mr. Ewing«, wandte sie sich an Chalke, »wer hat die Jungfrau von Orleans verbrannt?«

»Es war die Folge eines Streites um Grundbesitz«, belehrte er sie; »und kompliziert wurde die Sache noch durch religiöse Differenzen. Gleichzeitig war es der erste realistische Protest gegen den Feminismus.« Wilson bemerkte dazu noch: »Oder, mit anderen Worten, gegen die Franzosen. Ich bin gegen sie.« Catherine, vor deren Augen ein leichter Schleier lag, sprang plötzlich auf und verschwand im Klubhaus. »So«, sagte Nina zu Wilson, »jetzt bist du hoffentlich zufrieden.« Wilson war erstaunt. »Ich habe doch nur gesagt, daß mir Amerika lieber ist als Frankreich«, protestierte er. »Was war denn dabei?« Nina war jedoch Catherine suchen gegangen. Sie fand sie oben im Umkleideraum. »Ich weiß nicht, warum ich so dumm war«, gestand Catherine. »Ich auch nicht«, gab Nina wütend zurück. »Du solltest die Männer besser kennen, auch wenn du nicht verheiratet bist. Gerade weil du nicht verheiratet bist, wenn du meine Meinung hören willst, und nach allem, was du immer von Paris erzählst. Mach dich zurecht und sei vernünftig. Es handelt sich mir nicht um dich oder um Wilson, ich denke an Mary Gow. Sie hat sich so viel Mühe um die Gesellschaft ihres Bruders gegeben.« Ocha Ambler, Delia und Mary Gow kamen. Catherine sagte ihnen, sie ärgere sich schrecklich über sich.

 

Alle außer Mrs. Ambler zündeten sich Zigaretten an, und man setzte sich. »Mir liegt nichts daran, sie wiederzusehen, und sie sind froh, daß sie uns los sind«, sagte Mary. »Ich mag die Männer, aber sie strengen so an. Man kann einfach bei ihnen nicht man selber sein.« Delia rief aus: »Du lieber Gott, nein!« Gerade da, meinte Catherine Pryne, seien die Franzosen wirklich besser, sie seien sensitiv und verstünden die Frauenempfindungen. »Dann ist es erst recht gut«, sagte ihr Ocha Ambler, »daß wir mit Amerikanern zu tun haben. Mir läuft es ganz kalt über den Rücken, wenn ich an Männer denke, die verstehen, wie Frauen empfinden. Das ist nicht anständig, mein liebes Kind.« »Catherine, würdest du mit einem Franzosen schlafen?« fragte Nina. Catherine Pryne zauderte. »Du meinst nicht, würdest du, meine Liebe«, gab sie zur Antwort; »du meinst vielmehr, hast du? Die Antwort, mein Engelchen, bekommst du nicht auf das, was du denkst. Ob ich einen Franzosen heiraten würde? Ja, wenn ich ihn liebe. Und wenn er mich liebt. Seine Gewohnheiten würden mich nicht stören. Wahrscheinlich, weil ich sie kenne.« Nina ärgerte sich noch immer über sie.

»Ihre Gewohnheiten«, erklärte sie, »gehören nicht ihnen allein. Und man muß nicht in Frankreich leben, um etwas von Liebe zu verstehen. Es gibt eine ganze Menge Frauen in Amerika, die in jeder Hinsicht genau so frei sind wie Frauen, die an die Franzosen gewöhnt sind. Die ebensoviel wissen und vielleicht noch mehr. Ich bin derselben Ansieht wie Ocha Ambler. Ich will nicht einen Mann um mich haben, der zur Hälfte Frau ist. Wie eine Frau mit Bart. Ich weiß nicht warum, aber dieses Wort Bart bezaubert mich mit einemmal. Ich möchte tausendmal lieber einen brutalen Mann als einen sensitiven. Ich will umgeworfen werden.« Chalke Ewing, der so überaus sensitiv wirkte, hatte sie umgeworfen. In ihm war eine wunderbare Brutalität verborgen. »Der Kognak Ihres Bruders war köstlich«, sagte Mrs. Ambler zu Mary Gow. »Ich kann mich darauf besinnen, daß Mason einmal eine einzelne Flasche geschenkt wurde. Sehr alter Kognak, wurde mir versichert. Die Ärzte sagten Mason, ein wenig würde seinem Herzen gut tun.« Es scheine, sagte Delia schnippisch, doch nicht viel zu geben, was der gute Mason Ambler sich hätte entgehen lassen. Ocha lächelte rätselhaft. Selbst Ocha Ambler, sagte sich Nina, hatte ein so eng anliegendes Kleid an wie noch nie.

Nina fand, sie wären jetzt lang genug vom Tisch fort. Zu lange. Eine stets wachsende Erregung hatte von ihr Besitz ergriffen – eine große Glückseligkeit, fühlte sie, lag unmittelbar vor ihr. Als die Frauen auf die Veranda zurückkehrten, sah Nina, daß die Kognakflasche leer war. Das würde Ocha heimlich bedauern. Wilson nahm sie auf die Seite. »Die Weiber sind mir widerlich«, sagte er Nina. »Du warst Catherine widerlich«, erwiderte sie. »Du warst einfach unerträglich. Ich weiß gar nicht, was du ihr und Mary Gow sagen sollst.« Sie übertrieb absichtlich, wegen der Wirkung auf Wilson, die Wichtigkeit des Zwischenfalls. Er war durchaus nicht wichtig. Francis Ambler kam zu ihnen. »Tatsächlich«, sagte er zu Wilson Henry, »Sie haben für Wein und Zigarren kein Verständnis. Die Franzosen sind anders.« Die Franzosen, erwiderte Wilson, könnten zum Teufel gehen! Er ließ Francis Ambler bei Nina. »Es ist höchste Zeit«, sagte Ambler zu ihr; »ich weiß nicht einmal, ob ich Sie noch kenne, und dabei dachte ich immer, ich wäre verliebt in Sie.«

»Das ist sehr lieb von Ihnen, Francis«, antwortete Nina in freundlichem und völlig nichtssagendem Ton. »Sie haben mich schrecklich vernachlässigt.« Wann, überlegte sie verzweifelt und sehnsüchtig, wird Chalke eine Gelegenheit haben, mit ihr zu sprechen? Mit ihr allein zu sein? »Obwohl Sie neben mir sind«, fuhr Francis fort, »scheinen Sie plötzlich ganz weit weg zu sein. Als ob Sie, Ihr wirkliches Ich aus ihrem Körper geglitten wäre und ihn hiergelassen hätte, um mich Ihnen fernzuhalten. Wenn Sie sprechen, Nina, tun Sie es nicht mit Ihrer Stimme. Wenn Sie mich ansehen, tun Sie es nicht mit Ihren Augen. Haben Sie schließlich doch noch beschlossen, nichts von mir wissen zu wollen?« Er sei immer noch, sagte sie ihm, zu hastig. »Und Sie wollen in den unmöglichsten Augenblicken alles besprechen. Ich bin überzeugt, Ihre Mutter kann alles hören, was wir reden.« Francis verfluchte seine Mutter heftig. Der Tag war endlich versunken, ein voller und strahlender Mond war aufgegangen, und ein unbestimmter Silberschimmer, mehr einem leuchtenden Schleier als Licht gleichend, hing über dem Golfplatz. Während sie hinsah, wurde das Mondlicht schärfer, der Schatten unter einem Baum war wie schwarze spanische Spitze.

»Ich liebe Sie, Nina«, sagte Francis Ambler.

»Lieber Francis«, antwortete sie. Der Klang ihrer Stimme änderte sich. »Ich muß noch etwas Kaffee trinken. Möchten Sie William darum bitten?« Sie ging zum Tisch zurück. Chalke Ewing saß da und unterhielt sich mit Justin. »Nun«, sagte Chalke zu Nina, »ich hoffe, es gefällt Ihnen.« Justin Gow stand auf und ging zu Catherine Pryne, die allein saß. »Es ist Ihre Gesellschaft«, sagte ihr Chalke. »Das wußte ich«, antwortete sie ihm. »Ich wußte es sofort, als Mary mir davon erzählte. Bis zu diesem Augenblick war ich sehr unglücklich gewesen. Aber ich wußte nicht, was du über – über uns denkst.« William brachte ihr eine neue Kaffeetasse und Kaffee. »Es ging nicht anders«, sagte Chalke fast rauh, als der Diener gegangen war. Sie warf rasch einen Blick auf ihn. »Wie hast du es dir gedacht?« fragte sie. Er drehte das leere Kognakglas, dessen dünnen Stengel er in zwei mageren braunen Fingern hielt. Dann lächelte er ihr rasch zu, und sein Lächeln war so jung, so frisch und unerträglich süß, daß sie fast aufschrie.

»Natürlich so, wie du es wünschst.«

Das war alles, was sie hören wollte. Alles, was sie wissen wollte. In diesem Augenblick. Sie trank ihren Kaffee und dachte: Wie gut der Kaffee ist. Williams Kaffee ist einfach wunderbar. Viel besser als der von Rhoda. Sie überlegte, warum das so sei. Sie wollte, daß Chalke noch lange schweigen sollte. Was er gesagt hatte, machte es ihr unmöglich, etwas anderes zu verstehen. Sie wiederholte sich seine Phrase. Alkibiades und Perikles und Plato. Die Nacht und seine harte, klare Stimme und das stechende Aroma des Rumswizzles. Bacardi und Angostura. Der Duft von Zitronen. Die Kerzen auf dem Speisetisch waren niedrig gebrannt, bald mußten sie ausgehen. Ein leichtes Flackern hin und zurück. Kerzenflammen. Der Mondschein drang in die Veranda. Ein zarter Silberschleier und ein vergehender Goldschimmer. Der Mond und die Kerzen. Chalke Ewing zündete sich eine Zigarre an. Darüber mußte sie mit ihm sprechen. Nicht so viel. Aber nicht jetzt. Nicht heute nacht. Eine Rauchwolke verbarg sein Gesicht und löste sich dann auf. Nina wartete begierig, bis jeder Zug wieder klar zu sehen war, die schwere Nase, die nachdenklichen dunklen Augen unter den sie überschattenden zusammengezogenen Brauen, der gerade, schmale Mund. Sie konnte Justin mit Catherine reden hören. Das war nett von Justin. Joel Baches Stimme war von weiter weg auf der Veranda zu hören. Die anderen saßen in einem kleinen Kreis um ihn und hörten ihm zu. Ab und zu wurde gelacht.

Eine Motte flog einer Kerzenflamme näher und näher. Sie verjagte sie. Rettete ihr das Leben. »Töricht«, belehrte Chalke sie; »Licht zu wollen, ist die stärkste und erste aller Notwendigkeiten. Es kommt nicht darauf an, ob eine Motte verbrennt, aber der Trieb ist etwas Kostbares.« »Du hast natürlich recht«, sagte Nina, »ich war nur gedankenlos. Sentimental. Mir war der Gedanke unerträglich, daß auch nur eine Motte heute nacht verbrennen soll. Hier.« Nein, erwiderte er, er habe unrecht. Sie habe recht. Nina reagierte darauf mit einer zärtlichen und spöttischen Miene. »Du mußt ernsthaft krank sein«, erklärte sie, »wenn du zugibst, daß ich recht haben könnte. Daß du unrecht hast. Ich erkenne dich nicht wieder, Chalke. Chalke, ich kenne dich nicht.« Er machte eine rasche Bewegung mit der Hand, in der er die Zigarre hielt. »Ich erkenne mich selbst nicht wieder«, gestand er. »Daß ich ernsthaft krank bin, ist klar. Aber was fehlt mir? Kannst du mir das sagen, Nina – was fehlt mir?« Er hatte noch nie Nina zu ihr gesagt. Natürlich konnte sie seine Frage nicht beantworten. Sie hielt den Atem an. Sie hatte so sehr Angst davor, daß er selbst antworten würde. Statt dessen wiederholte er seine Frage. Laut und jetzt an sich selbst gerichtet. »Die Wissenschaft ist eine große Enttäuschung«, sagte Chalke dann; »immer dann, wenn eine Antwort wichtig ist, antwortet sie nicht.

Sie läßt dich im Stich, wenn du sie am dringendsten brauchst«, erklärte er; »ich habe den Argwohn, daß sie das bis zuletzt tun wird, daß sie alles unentschieden lassen wird. Wissen, Sicherheit, verloren in dem bodenlosen Brunnen des Herzens. Das ist nur ein Bild«, versicherte ihr Chalke. »Geborgt von unwissenschaftlichen Dichtern. Der Mond ist in Wirklichkeit scheußlich, ein Zinnteller. Poliert, aber ein Teller. Trotzdem ist die Wirkung außerordentlich. Mehr Dichter. Unmengen von Dichtern.« Nina sah ihn aufmerksam an. »Chalke«, fragt sie, »bist du betrunken? Wieder?« Er war zum irrsinnig werden. »Alle Dichter, die es jemals gegeben hat, in einem Herzen«, gab er zur Antwort. »Milton, hart und unreif wie klassische Beeren; Shelley, in eine Lerche verwandelt; Bededos mit einer Arznei gegen Liebe.« Sie unterbrach ihn, berührte seine Hand. »Oh, das nie«, bat sie. Der Tod sei diese Arznei, sagte ihr Ewing.

Mary Gow unterbrach sie, bevor Chalke seine Fragestellung anders als in allgemeiner, unbestimmter Weise wieder aufnehmen konnte. »Mit dem Dinner ist es vorbei«, rief sie; »Chalke hat mir gesagt, daß alle Flaschen, die er mitgebracht hat, leer sind; ihr werdet also, wenn ihr bei Tisch bleibt, nichts mehr bekommen.« Als Wilson Henry nach Hause kam, war er niedergeschlagen. Er saß in einem grünen Seidenpyjama und hölzernen Badeschuhen abgespannt und aufgelöst da und rauchte. »Ich glaube, es regt sich kein Lüftchen«, versicherte Nina. Sie zog das Nachthemd über den Kopf und ließ dann den Schlüpfer zu Boden gleiten. Sie ging in das Badezimmer, um ihr Gesicht für die Nacht herzurichten. Das dauerte knapp eine Viertelstunde. Als sie damit fertig war, saß Wilson noch in derselben Stellung und mit der gleichen Miene da. »Du siehst so hilflos aus, Wilson«, sagte sie ungeduldig. »Ich glaube, so schlimm, wie du meinst, kann es gar nicht sein. Tu doch etwas, rauch wenigstens eine Zigarette.« Es sei nichts zu tun, antwortete er. Es sei sogar zum Rauchen zu heiß. Wenn man immer an die Hitze denke, sagte ihm Nina, werde es immer schlimmer. Er müsse es sich einfach aus dem Kopf schlagen. Ihre Gedanken, ihr ganzes Wesen verließ ihn, um bei Chalke Ewing zu verweilen. Beim Dinner war es, abgesehen von Wilsons kurzem Streit mit Catherine Pryne, sehr schön gewesen. Sie alle hatten sich ausgezeichnet unterhalten. Für sie war es natürlich wunderbar. Chalke hatte ihr klargemacht, daß sein Kuß keine bloße Trivialität gewesen war. Er hatte ihr versichert, daß seine Empfindungen darüber und für sie ihren Wünschen entsprächen. War ihm aber klar, was sie unter Umständen – oh, so leicht – wünschen konnte? Vielleicht hatte er nicht einmal erraten, wieviel sie verlangen mochte. Alles! Wilson sagte: »Ich habe dir ja schon vor dem Weggehen prophezeit, wo ich sitzen werde, und was wahrscheinlich geschehen wird.« Das habe er getan, antwortete sie geistesabwesend. Natürlich wird Chalke sie jetzt bald aufsuchen. Bald. Und von allem sprechen, was in seinem Herzen ist. Nina lag auf dem Bett, ohne auch nur mit einem Leintuch zugedeckt zu sein. Wilson hatte sich noch nicht gerührt. Sie konnte die Konturen ihrer Brüste und ihre rosigen, symmetrischen Füße sehen. Ja, das alles ist gut. Ihr Körper wird keine Enttäuschung für Chalke sein. Sein Kuß hat bewiesen, daß seine Gleichgültigkeit dagegen nur vorgegeben ist. Er ist ein Mann mit sehr gesunden Sinnen. Anziehende Männer haben immer gesunde Sinne. Sie hat nie eine reiner männliche Stimme gehört als die Chalkes.

Ninas Gedanken wandten sich von Chalke Ewing ab und ihr selbst zu. Sie mußte beginnen, sich mindestens ein wenig klarzumachen, wie sie zu ihm stand. Wie sie beide standen. Sie wird vielleicht, wenn er kommt, einige sehr ernste Fragen beantworten müssen. Eine, die ernsteste, konnte sie sofort beantworten. Jetzt. Sie stellte sich eine nicht unwahrscheinliche Szene zwischen ihnen vor. Nina, liebst du mich? Sie lächelte allein in ihrem Bett. Ja, Chalke, ich liebe dich. Sie liebte ihn. Auf dem Zauber dieser Tatsache ließ Nina sich von der Wirklichkeit forttreiben. Sie liebte Chalke Ewing. Einstmals hatte sie Wilson geliebt; das hatte ein Ende gefunden; Francis Ambler hatte sie niemals geliebt. Francis, wurde ihr klar, hatte das mehr oder weniger auch immer gewußt. Sie hatte gefühlsmäßig nicht das geringste Interesse für ihn. Dessen war Nina auf grausame Weise sicher. Es erfüllte sie mit einem harten, hellen Stolz – dieses Nichtvorhandensein von Gefühl für alle außer Chalke. So wollte sie sein. Vor allem wollte sie ihm sagen, daß sie so sei. Nina schob alle anderen Männer ihrer Welt aus dem persönlichen Kreis ihres Seins hinaus. Sie durften mit ihr nicht in Berührung kommen.

Endlich stand Wilson Henry auf, er löschte die Lichter auf seiner Kommode und legte sich schwer aufs Bett. »Mein Kissen ist heiß wie ein Ofen«, sagte er Nina. »Die Nacht ist heiß«, erklärte sie ihm. Das mußte wohl sein, alle schienen es heiß zu finden. Sie hatte nichts davon gemerkt. »Denk an etwas anderes«, riet sie ihm. »Woran denkst du?« fragte Wilson hilflos. »Glück«, antwortete sie; »Glück oder Schlaf. Ich werde jetzt schlafen, wenn du nichts dagegen hast.« Natürlich dachte sie nicht daran, zu schlafen. Sie hoffte es nicht, und hatte es nicht vor. Nina wollte nicht, daß er spreche und ihre Gedanken störe. Daß er sie ihren Visionen und Erinnerungen an Chalke Ewing entführte. Es war komisch gewesen, als sie Chalke am Gedächtnistag kennenlernte. Eigentlich war es der Tag darauf. Sie hatte sich gesagt, daß sie ihn nicht möge. In Marys Küche hatte sie ihm widersprochen. Sie war patriotisch gewesen, und das war lächerlich. Es bewies die Tiefe ihrer Unwissenheit. Sie war tatsächlich nicht mehr gewesen als ein Echo Wilsons. Was sie Chalke und Justin gesagt hatte, war lediglich eine Wiederholung von Wilsons Einstellung und Ansichten gewesen. Nun, davon ist sie jetzt weit entfernt. Sie ist nicht mehr so dumm, weil sie mehr weiß. Nichts ist dauernd, nichts ist vollendet, alles ist ein beständiges Übergehen der Vergangenheit in die Gegenwart, und die Gegenwart wird Zukunft.

Sie, Nina Henry, mit Wilson Henry verheiratet, eine Frau mit zwei Kindern – Acton, der neunzehn ist, und Cordelia, die bald siebzehn wird – liebt Chalke Ewing, Mary Gows Bruder, der auf Cuba lebt. Sie wußte auch, was sie mit Liebe meinte. Darüber war kein Zweifel, keine Unklarheit in ihr. Sie wollte ihm gehören und wollte, daß er ihr gehöre. Das war alles. Es war in der Tat einfach. Sehr vollkommen. Sie dachte wieder mit gesteigerter Gereiztheit an die Frauen, die aus Liebe und Leben ein Rätsel machen. Wilson bewegte sich schwerfälliger als sonst, es war tatsächlich ein verzweifeltes Sichwerfen von einer Seite auf die andere, und jäher Ärger zwang sie zu scharfen Worten. »Du mußt dich ganz einfach beherrschen, Wilson«, sagte sie mit Worten, die kalt und exakt waren wie neue Münzen; »du bist kein Walroß, und dein Bett ist keine Pfütze.« Wilson seufzte. »Wenn du nur nicht so angenehme Dinge denken würdest«, antwortete er. Es war ihr klar, daß er sich elend fühlte, in seiner Seele einsam war und freundlich sein wollte. Dafür war es jetzt zu spät. Er hatte es zu lange aufgeschoben. Kein Funken Wärme, kein Restchen Gefühl für ihn war in ihr. »Du mußt ruhiger sein«, erklärte sie. Eine verträumte Gleichgültigkeit gegen seine Nähe ergriff Besitz von ihr. Sie glaubte, laut Chalke gesagt zu haben. Einmal. Wenn sie es wirklich getan hatte, lag ihr nichts daran. Die Sonne weckte sie. Wilson war auf; sie konnte das gedämpfte Rauschen der Dusche hören. »Das war eine furchtbare Nacht«, sagte er, als er in der Badezimmertür stand und sich mit einem seiner riesigen Badetücher abrieb. »Ich habe die Uhr in der Stadt eins und zwei schlagen hören, und dann drei und vier. Bei Gott, Chalke Ewing kann sich sein Cuba behalten. Das Ganze. Mitsamt dem Zucker. Das Leben dort müßte eine lange Siesta mit einem Krug sein.«

Nina war überzeugt, daß der wichtigste Tag ihres ganzen Lebens angebrochen war. Daß Chalke Ewing sich ihr jetzt fernhalten würde, war unvorstellbar. Er mußte irgendeine Botschaft senden. Sie sehen. Ihr Gemüt – Nina war wieder in ihrem Bad – war ganz und gar ruhig. Ninas Verhalten gegen Chalke war die Einfachheit selbst. Die bekannten alten drei Worte. Ich liebe dich. Das meiste andere mußte er entscheiden, erklären. Sie wollte jetzt nur glücklich sein. Chalke Ewing hören und sehen und fühlen. Nina fragte sich nicht, ob sie mit ihm schlafen würde. Das war eine sinnlose Frage. Wenn sie nicht mit ihm schläft, wird ihr Leben vergeudet sein. Wertlos. Dazu, dessen ist sie sicher, ist sie auf die Welt gekommen – mit Chalke zu schlafen. Ihm ihren Körper zu geben. Chalke soll ihren Körper mit Liebe bis zur Unempfindlichkeit zermalmen. Frauen sind ja so stark.

Wilson Henry kam in seinem dünnen, geblümten Schlafrock aus dem Badezimmer. »Deine Backen sind rot wie Geranien«, bemerkte er. »Ich muß auf beiden Wangen geschlafen haben«, antwortete sie. Träge sah sie zu, wie Wilson sich anzog. Als er fort war, in die Stadt, in sein Geschäft gefahren war, stand sie bedächtig auf. Nina war allem zum Trotz, was über Menschen in ihrer Verfassung behauptet wird, sehr hungrig. Harriet brachte ihr Stachelbeeren mit Sahne, Toast mit Butter und ein Omelett mit frischen Tomaten. Das darf ich nicht wieder tun, überlegte sie, als sie die leeren Teller auf dem Tablett betrachtete. Ich werde ein Monstrum werden, und Chalke wird für immer zu den braunen Damen auf Cuba zurückkehren. Cordelia kam zu ihr. »Actons Monat im Geschäft wird bald vorüber sein«, sagte sie. »Hoffentlich werden Paris und Miss Pryne es ersetzen können. Die Frauen sind doch wirklich glückliche Geschöpfe, Mutter. Das weißt du ja. Wir jammern, aber das ist nur der Wirkung wegen. Wir wollen nicht, daß die Männer dahinterkommen, wie leicht wir es haben. Du bist kaum wach, und es ist zehn Uhr. Du hast nichts anderes zu tun, als darauf zu achten, daß dir nicht zu warm wird.« Nina warf ihrer Tochter einen Blick zu. »Ja, Cordelia«, stimmte sie zu, »ich habe nichts anderes zu tun, als darauf zu achten, daß mir nicht zu warm wird. Das hört sich nicht schwer an, nicht wahr? Aber zuerst muß ich mit mir ins Reine kommen, ob ich das überhaupt will.« Das sei lächerlich, antwortete Cordelia.

Zwölf Minuten nach vier kam Chalke Ewing die Straße herauf und über den Rasen auf sie zu. Sie wußte genau, wie spät es war, weil sie auf der Veranda saß und instinktiv auf die Uhr sah. Er hatte statt Leinen graues Flanell an, einen Anzug, an den er, wie sie sofort sah, seit langem gewöhnt war; er kleidete Chalke ausgezeichnet; dazu trug er ein weißes Leinenhemd und eine schwarze Krawatte mit einer schönen kleinen Perle; seine glänzenden braunen Schuhe waren sehr dunkel. So dunkel waren sie, daß sie sie im ersten Augenblick für schwarz hielt. Er setzte sich zu ihr. »Deine Zigarren hast du natürlich mitgebracht«, begann Nina glücklich. »Was willst du trinken?« »Ich könnte eine Naranjada trinken«, antwortete er, »oder eine Piña colada, nur Golfspieler trinken an einem solchen Tag um diese Zeit Alkohol.« Nina merkte, daß Chalke, so munter er auch sprach, überaus ernst gestimmt war. Er zündete sich eine Zigarre an und legte sie dann aus der Hand. Vergaß sie. Er betrachtete sie mit dunklen Blicken. Nina wurde nervös. Ihr Herz schlug mit schmerzender, bedrückender Unregelmäßigkeit. Sie brachte es zuwege, ihm zuzulächeln.

»Ich werde dich enttäuschen«, begann er schließlich; »du wirst finden, daß ich nicht bin, wofür du mich gehalten hast. Kein vollendeter Weltmann. Dazu fehlt sehr viel! Aber ich werde dich bitten, deine Enttäuschung für dich zu behalten, mit anderen Worten, zu schweigen, bis ich zu Ende gesprochen habe. Das wird lange dauern. Ich habe sehr viel zu sagen. Über uns natürlich, Nina. Laß dich von diesem Anfang nicht niederdrücken. Das, was ich sagen will, muß sehr viel einschließen. Alles erklären. Nun, erstens, wie du weißt, habe ich niemals geheiratet. Warum, habe ich dir schon erklärt. Ehe und Liebe schienen mir ganz verschiedene Dinge zu sein. Es wäre besser, glücklicher, wenn sie das Gleiche wären, aber diese Gleichheit war nicht das Wesentliche der Ehe. Die Wahrheit ist, daß ich nie zu heiraten brauchte. Ich war sehr gut versorgt; ich war zufrieden damit, wie ich lebte und wo ich lebte; ich war niemals einsam. Wenn ich das Gefühl hatte, daß etwas, das wir zunächst Liebe nennen wollen, notwendig wurde, ging ich nach Havanna oder nicht einmal so weit. Auf Cuba ist es nicht schwer, das zu finden, was wir Liebe nennen. Es ist nicht schwer, und es ist nicht unerfreulich. Aber ein Heiraten wäre dort unmöglich. Ich glaube nicht, daß ich eine Cubanerin heiraten würde, und eine andere Frau könnte nicht in Oriente leben. Auf einer Zuckerplantage. Eine Frau, die ich heiraten würde, wäre in Havanna nicht zufrieden.

Andererseits war ich überzeugt, daß ich anderswo als auf Cuba nicht zufrieden leben könnte. Am wenigsten in den Vereinigten Staaten. Du weißt, wie ich über das Leben hier denke. In Eastlake zum Beispiel. Mit dem Landklub! Fürchterlich.« Chalke Ewing nahm seine Zigarre wieder und zündete sie noch einmal an. »Eines habe ich vom Leben auf den Trümmern spanischer Zivilisation gelernt«, fuhr er fort; »das ist: die Frauen nicht durcheinanderbringen. Nicht die eine Art mit der anderen verwechseln. Ich spreche jetzt nicht von reizvollen und von nützlichen Frauen. Manchmal ist eine Tatsache nützlich, und manchmal ist sie es nicht. Ich spreche von konventionellen und unkonventionellen Frauen. Für die unkonventionellen konventionellen Frauen habe ich nichts übrig, und die konventionellen unkonventionellen – ich war dabei, wie sie mit schweren Riemen geschlagen wurden. Mit Recht geschlagen. Ich glaube dir auch das schon erklärt zu haben; im Zusammenhang mit Cuba. Das ist mein Ernst.«

Chalke Ewing hörte auf zu sprechen und betrachtete sie wieder überlegend. Er rauchte mechanisch und nachdenklich. »Ich kann nicht eindringlich genug betonen, wie sehr das mein Ernst ist«, wiederholte er. »Ich will meine Fröhlichkeit da, wo jedermann sie anerkennen kann. Wo sie durchaus keine Scherereien machen kann, außer denen, die dazu gehören. Ab und zu ein Messer sozusagen. Das habe ich auf Cuba von Spanien gelernt. Es ist etwas Fundamentales in meinem Leben geworden. Ich bin nicht empört darüber oder moralisch«, erklärte er ausdrücklich. »Es paßt mir zufällig. Ich bin so. Das andere wäre verderblich«, setzte Chalke eifrig auseinander. »Ich habe Angst davor. Obwohl ich von Natur aus ein Lügner bin, habe ich Angst vor Lügen, ich habe Angst vor dem Lügen, wenn es nicht ganz oberflächlich ist. Auch das ist nicht einfach Moral. Es ist Vernunft. Man steckt seine Hände nicht in Ätzsublimat. Wenn man weiß, daß es Ätzsublimat ist. Wenn man etwas auf seine Hände hält oder von ihnen erhofft. Die Gewohnheit des Lügens ist wie Ätzsublimat. Und ich bin ein Lügner. Das wirst du dir, so gut du kannst, klarmachen müssen.«

Was, überlegte Nina verzweifelt, wollte er ihr sagen? Was es auch war, es war überaus wichtig. Er sprach mit ruhiger Stimme, ohne sie besonders anzusehen. »Du wirst wahrscheinlich ungeduldig«, sagte er; »versuch es nicht zu sein. Es ist alles sehr klar. Es führt zu folgendem«, sagte ihr Chalke Ewing; »ich will dich heiraten.« Seine Stimme war völlig ruhig, er hatte die Zigarre endgültig weggelegt, und seine Hände waren friedlich gefaltet. »Wenn du erlaubst, möchte ich noch mehr sagen, bevor du zu sprechen anfängst. Ich habe auseinandergesetzt, daß ich Liebe und Ehe immer voneinander getrennt gehalten habe. Ich dachte niemals, daß die beiden zusammen fallen könnten. Nina, ich glaube, ich hatte unrecht. Ich glaube, es ist möglich. Ich will dich heiraten, und ich liebe dich. Ich will es so ausdrücken; gewöhnlich ist es umgekehrt. Liebe und dann Ehe. Die Liebe führt zur Ehe. Siehst du nicht, das eine entschuldigt das andere. Macht es möglich. Das interessiert mich nicht. Ich könnte keine Liebesaffäre mit dir haben.

Das ist wirklich, was ich dir vor allem sagen wollte. Keine Affäre. Ich bin sicher, daß du mich verstehen wirst. Gut, dann handelt es sich darum, keine Affäre zu haben. Das war leicht. Es hätte leicht sein sollen, heißt das. Es war nicht leicht. Als ich daran dachte, sofort nach New York zurückzufahren und von dort nach Cuba, war es ganz unmöglich. Deshalb habe ich gewartet, bevor ich mit dir gesprochen habe. Ich habe es nicht verstanden. Ich konnte sehen, daß ich dich liebe und daß das, bei dir, nur eines heißen kann. Das wollte ich nicht glauben. Aus den Gründen, die du gehört hast, wollte ich nicht glauben. Aus den Gründen, die du gehört hast, wollte ich nicht heiraten. Es nützte nichts. Ich bin wirklich nach New York gefahren, aber wieder zurückgekommen. Sofort. Ich konnte nur eines in mir erkennen – ich wollte keine Affäre haben, in dem Sinn, wie man heute Affären auslegt.

Keine derartigen Lügen«, betonte er voll Bitterkeit.

»Wenn man das wollte«, sprach er weiter, »würde es immer so sein, es würde so aussehen – hastige Zusammenkünfte, geheime Zusammenkünfte am falschen Ort und zur falschen Zeit. Demütigende Augenblicke. Vergnügen, das kein Vergnügen wäre, weil es nie friedvoll sein könnte. Das Traurige bei solchen Arrangements ist, daß man immer dazu verdammt ist, zu lieben. Man hat nie Zeit für etwas anderes. Die Zeit ist zu knapp und zu kostbar. Man kann nie ausruhen oder einfach glücklich sein. Leidenschaft und Glücklichsein ist zweierlei. Glücklichsein kommt nach der Leidenschaft. Ohne Sicherheit kann man nicht glücklich sein, und bei der Art Affären, die wir im Auge haben, gibt es keine Sicherheit. Niemals! Glaub mir. Und dann die Lügen. Ohne Ende. Lügen vor deinem Mann, vor deinen Kindern, vor den Dienstboten. Du wartest darauf, daß dein Mann aus dem Haus geht. Und während du wartest, füllt dein Gemüt sich mit Bitterkeit und Haß. Die Furcht plagt dich, daß dein Mann unerwartet zurückkommt, und Bitterkeit und Furcht vergiften deine Gedanken.

Du darfst auch nicht vergessen, daß eine Anzahl von Menschen es immer weiß. Immer dahinterkommt. Du bist darauf angewiesen, von anderen abhängig zu sein. Von Dienstboten oder neidischen Frauen, von irgendwelchen Männern. Auch jetzt darfst du mich nicht mißverstehen. Manche Männer können das sehr gut. Sie sind sehr geschickt darin. Zufrieden damit. Ich nicht. Das Leben, das ich geführt habe, was ich erfahren habe, hat mich dafür verdorben. Was das war, habe ich dir gleich anfangs gesagt. Niemals die Frauen durcheinanderbringen. Liebe Nina, ich weiß, daß es keine guten und schlechten Frauen gibt, keine weißen und schwarzen; in Wirklichkeit nicht. In der Gesellschaft muß es sie geben. Die Gesellschaft ist etwas Künstliches. Sie ist einfach ein System, das es einer Anzahl von Menschen möglich macht, miteinander zu leben. Zivilisierten Menschen. Und so gab es für uns nur eine Konsequenz, zu der ich kommen konnte. Ich muß dich aufgeben oder dich bitten, mich zu heiraten. Aufgeben könnte ich dich nicht.«

»Ich verstehe das, Chalke«, sagte sie schließlich. »Ich bin ganz sicher, daß ich es verstehe, du hast es sehr schön erklärt. Es ist so schön, so plötzlich, daß ich dir nicht gleich antworten kann, nicht wahr? Wie können wir heiraten, Chalke?« Das, sagte er ihr, sei eine oberflächliche Frage. »Es muß sofort mit Wilson Henry gesprochen werden. Augenblicklich. Ich muß das tun. Für uns beide reden. Es wird unangenehm sein, aber auch nicht mehr. Er kann ja auch wirklich nichts tun. Henry kann dich nicht halten, wenn du nicht bleiben willst. Und wir sind nicht auf Cuba. Auf Cuba könnte es anders sein.« Nina fragte, wieso. »Das Klima«, erklärte Chalke Ewing, »treibt eher zum Handeln als zum vernünftigen Überlegen. Hier ist das Klima gemäßigt. Über den praktischen Teil mach dir keine Sorgen.« Er blickte sie fest und besorgt an. Nina begriff, daß er tief erschüttert war, obwohl er nichts davon verriet.

In die Einfachheit von Nina Henrys Glück drang eine Unzahl beunruhigender Worte und unklarer, unerfreulicher Erkenntnisse. Sie wollte noch an nichts anderes denken als an ihre Liebe zu Chalke, an Chalkes Liebe zu ihr. Sie wollte überhaupt nicht denken. Sie wollte empfinden. Alles war so himmlisch und so neu. Später war Zeit genug für das andere, für die Wirklichkeit, dessen war sie sicher. Nina wollte Chalke tausend törichte, unwichtige Fragen stellen. Sie wollte ihn stets von neuem wiederholen hören, daß er sie liebe. Die Männer waren jedoch nicht so wie die Frauen – wenn sie glaubten, ernst sein zu müssen, recht viele Erklärungen abgeben zu müssen, konnte nichts sie aufhalten. Immerhin machte es sie glücklich, Chalke Ewing zuzuhören, seine gebieterische Stimme zu hören, die wechselnden Mienen auf seinem braunen Gesicht zu sehen. Er hatte einen sehr energischen Mund. Sie hatte früher gar nicht gemerkt, wie fest und schmal seine Lippen waren. Was sein Lächeln so herrlich machte, waren seine Augen. Sie könnte ihm in alle Ewigkeit zuhören; es wäre ganz gleichgültig, was er sagte; alles würde sie bezaubern.

Einen Teil ihrer Gedanken wenigstens schien er zu begreifen. »Ich bedaure es, daß ich jetzt so materiell bin, wo wir ganz im Glück aufgehen sollten. Ich wüßte aber nicht, wie es sich vermeiden ließe. Wenn es von Dauer sein soll. Es wird wohl besser sein, das Glück nach dem Verdruß zu finden, als nach dem Glück Verdruß. Ich will den Verdruß sofort aus der Welt schaffen. Das Kompromiß. Davor habe ich auch Angst! Das Unheil in der Gewohnheit. Begreifst du nicht, Nina, daß wir all das im Anfang hinter uns haben werden? Ein klarer Bruch. Das ist notwendig. Aus all dem mußt du auch sehen, daß ich dich liebe. Wie sehr ich dich liebe. Du kannst es in meiner Stimme hören, in meinem Gesicht sehen und an meinen Plänen erkennen, meinen Hoffnungen.« Nina beugte sich vor und berührte seine Hand. »Du darfst dir keine Sorgen darüber machen, Chalke«, sagte sie. »Es gibt nichts, was dich bekümmern könnte. Du weißt, daß ich dich liebe und daß ich ganz genau tun will, was du mir sagst. Das alles ist so – so überwältigend, daß ich noch nicht recht denken kann. Chalke, ich will nicht denken. Ich wollte schon sagen, ich möchte, daß du für mich denkst – ich möchte es aber gar nicht. Keiner von uns soll denken. Nur leben. Zusammen. Eng beieinander. So eng, wie es noch niemand getan hat.«

»Dann müssen wir unser Glück unterbrechen«, erklärte er; »es gibt keine andere Möglichkeit – für mich – als diese. Ich habe dir gesagt, daß du mich vielleicht unweltlich finden wirst, und das habe ich damit gemeint. Ich gebe dir zu, daß ich es für äußerste Weltlichkeit halte. Auf eine Weise, die jetzt, das steht für mich fest, nicht sehr gewöhnlich ist. Zum Teufel, Nina, man darf nicht das Leben erniedrigen und aus dem Material der Reinheit Huren machen.« Wenn sie im Wohnzimmer wären, dachte Nina, könnte Chalke sie küssen. Sowohl Acton wie Cordelia blieben den ganzen Nachmittag fort. Sie stand auf. »Hier wird es zu heiß, Chalke«, erklärte sie; »wir wollen hineingehen.« Er folgte ihr durch eine offene Glastür, und plötzlich drehte Nina sich um. Chalke küßte sie. Als er sie geküßt hatte, hielt er sie lange in seinen Armen. Dann schob er sie entschlossen von sich. »Wenn ich das das nächstemal tue«, sagte er ihr, »wird es nicht in Wilson Henrys Haus sein.« Das sei nicht wichtig. »Du darfst dir nicht den Kopf über viele Kleinigkeiten zerbrechen«, erklärte Nina. »Du hast jetzt sehr viel geredet, und nun bin ich dran. Ich werde damit beginnen, daß ich sage, ich liebe dich, ich werde mich öfters unterbrechen, um es zu wiederholen, und ich werde damit aufhören. Ich liebe dich, Chalke.«

Sie saß auf einem kleinen Divan, Chalke war ihr gegenüber und sah ihr ins Gesicht. »Ich liebe dich, verstehst du das? Davor wird alles andere, was man sagt und tut, zur Zeitvergeudung. Wir werden glücklich sein, vielleicht wegen unserer Liebe, und vielleicht, weil wir klug sein können. Welches von beiden, weiß ich nicht. Du weißt es.

Du bist sehr vieler Dinge sicher, und ich bin nur eines Dinges sicher. Das wird immer so sein. Daran können wir nichts ändern. Es wird gleichgültig sein, ob du daran denkst, daß das eine, dessen ich sicher bin, wichtiger ist als alles andere. Es ist alles andere, aber das wirst du nie einsehen können. Ich weiß nicht, ob du weltlich bist oder unweltlich. Es ist mir gleichgültig. Es liegt nichts daran. An einem liegt etwas, und das ist, daß du mir ein wenig vertrauen mußt. In der Liebe. Ich liebe dich, Chalke, hast du das gewußt? Die Männer denken sehr schön darüber, aber die Frauen wissen. Wir wollen glücklich sein. Nun, ich kann uns glücklich machen. Du glaubst praktisch zu sein, aber in Wirklichkeit bin ich die Praktische. Lieber, ich möchte, daß du eine Zigarre rauchst, du wirst mir dann eine Zeitlang zufriedener zuhören. Du bist kein sehr guter Zuhörer, weißt du. Den Rest unseres gemeinsamen Lebens werde ich mit Zuhören verbringen. Du darfst dir jetzt nichts daraus machen. Wir haben keinen Bacardi, aber Ingwerbier ist da. Gin und Ingwerbier mit Zitronensaft ist fast ebensogut. Ich muß den Gin holen.« Nina ging aus dem Wohnzimmer, holte eine Flasche Gin, klingelte Harriet und sagte ihr, sie solle Ingwerbier, Eis und Zitronen in das Wohnzimmer bringen. »Suchen Sie frische Zitronen aus«, schloß sie, »die grünsten, und schneiden Sie sie entzwei. Sehen Sie zu, daß alle Kerne draußen sind.« Sie ging zurück, stellte sich über Chalke Ewing, legte ihm fest die Hand auf die Schulter und hielt ihn so in seinem Sessel. »Rühr dich nicht«, sagte sie, »und sprich nicht, ich bin noch lange nicht fertig.«

»Wir werden nie fertig werden«, antwortete ihr Chalke. »Das ist das Erhabene daran. Wir haben einander mehr zu sagen, als uns das ganze Leben Zeit lassen wird.« Sie hielt ihm den Mund mit der Hand zu. »Wir müssen immer zusammen sein und niemals auch nur einschlafen«, erwiderte sie. Harriet brachte das Tablett mit Zitronen, Eis und Gläsern herein. Nina bereitete Chalke ein Glas, stellte ein Tischchen mit silberner Aschenschale neben ihn und ging dann mit einer Zigarette und einem Glas zum Divan zurück. »So«, sagte ihm Nina, »wird es sein. Nein, wie lächerlich – so ist es. Ich kann es gar nicht fassen, Chalke.« Nina wollte ihn küssen, ihm näher sein, so nahe wie möglich, aber eine gewisse Strenge in ihm, der Ernst seiner Haltung hielt sie fest, wo sie war. »Chalke«, fuhr sie stürmisch fort, »wir werden heiter sein, nicht wahr? Ich meine, im Herzen. Ich finde es wunderbar, dir zuzuhören, aber ab und zu muß ich töricht sein. Hoffentlich wird dich das nicht sehr ärgern. Hoffentlich werde ich dich nicht enttäuschen. Ich bin glücklicher als du – ich meine, Frauen sind glücklicher als Männer – weil mir lieb ist, was du tust. Es ist mir lieb, weil du es bist, und weil es dir lieb ist. Die Frauen sind so gemacht. Wenn du Äpfel verkaufen würdest, würde ich das Äpfelverkaufen für etwas Wunderbares halten. Ich würde die Äpfel anbeten. Wenn es Aktien wären, würde ich die Aktien anbeten. Immer weil du es bist. Ich will, daß du das verstehst. Männer verstehen so etwas nicht.

Ich bin froh, daß ich geheiratet habe, Chalke; du darfst das nicht falsch auffassen. Ich habe sehr viel gelernt. Ich habe gelernt, wie ich dich glücklich machen kann. Ich meine, wirklich. Als ich jünger war, verstand ich das nicht. Lieber, als ich jung war – damals verstand ich es nicht. Ich war furchtbar zerfahren. Man muß wissen, wie man glücklich sein kann, Chalke. Das kommt nicht ganz einfach von selber, bei einer Frau. Man muß es lernen. Ich mußte es. Ich habe es gelernt. Es wird wirklich herrlich werden mit dir, das wirst du sehen.« Chalke Ewing unterbrach sie. »Wir müssen Wilson Henry noch heute abend aufklären. Dieses gottverdammte Hinter-der-Tür-Gefühl muß aufhören.« Eine heftige, alles überwältigende Angst überkam sie. »Chalke«, schrie sie halb, »wir dürfen nichts Derartiges tun! Nicht heute abend. So rasch könnte ich es nicht ertragen. Du hast in Wirklichkeit auch nicht heute abend gemeint. Du hast mich nur auf die Probe gestellt.«

»Dich auf die Probe gestellt«, wiederholte er mit verblüffter Miene, »was soll das heißen?« Nina sah, daß sie ihre Angst und ihr Erstaunen verbergen mußte. »Das heißt«, sprach sie, noch ganz verwirrt, weiter, »das heißt, daß du sehen willst, wie sehr ich dich liebe. Nimm mich, und find es so, Chalke. So wirst du es erfahren. Worte werden es dir nicht sagen. Ich kann es dir nicht sagen. Nimm mich, wann du willst. Denk nicht an Wilson, oder wem das Haus gehört. Das alles bedeutet jetzt nichts für uns. Wir wissen nichts von Wilson. Ich habe Wilson schon längst, bevor wir einander liebten, nicht mehr geliebt, Chalke. Das mußt du dir klarmachen. Ich bin nicht bei ihm gewesen, Chalke, seit mehr als einem Jahr bin ich nicht bei ihm gewesen. Du hast ihm nichts weggenommen. Er hat es ganz allein verloren. Alles ist schon kompliziert genug, ohne daß wir noch Schwierigkeiten dazu erfinden. Es ist noch so viel zu entscheiden, bevor wir mit jemand anderem sprechen. Zum Beispiel – wo wir leben würden. Du hast gesagt, du könntest in Oriente nicht verheiratet sein. Aber ich müßte es sehen; vielleicht würde es mir gefallen. Wir könnten auch nach New York gehen, dort sind die Büros. Bei einer Frau ist es etwas anderes als bei einem Mann. Ich habe fünfzig Arten zu denken, aber du hast nur eine. Du mußt Geduld haben.« Er hörte ihr mit größter Aufmerksamkeit zu. Ein Zweifel ging wie ein Schatten über seine Stirn. »Es gibt nur eine Frage«, sagte er entschlossen, »und das ist Anständigkeit. Du wirst das natürlich einsehen. Alles andere kann warten.«

Im Bewußtsein, alle Macht und magnetische Gewalt des Zaubers auszuüben, den sie für ihn hatte, lächelte Nina Chalke Ewing zu. »Ich sehe es ein, Chalke. Natürlich. Ich sehe es ein, weil ich dich verstehe. Ich weiß, wie ehrenhaft du bist.« Im Stillen fragte sie sich nach dem Sinn des Wortes Ehre. Sie war mit Wilson Henry verheiratet – die Tatsache, daß sie ihn nicht liebte, konnte nichts damit zu tun haben – und gleichzeitig gehörte sie eigentlich Chalke Ewing. Das machte ihr kein Kopfzerbrechen, wenn es so war, war es so, da ließ sich nichts machen, aber Chalke mußte mit Worten beruhigt werden. Er mußte glauben, daß das, was er tat, nicht war, was es offenbar war. Deshalb hatte er so viel davon geredet, daß sofort mit Wilson gesprochen werden müsse. Heute abend. Das war einfach unmöglich. Erstens hatte sie Chalke nur fünfmal gesehen, kaum mehr als zwei Wochen waren vergangen, seit sie ihn bewußt kennengelernt hatte. Das würde zu komisch aussehen, um erklärt werden zu können. Wilson würde sagen, sie sei verrückt. Was Mary Gow sagen würde, konnte Nina sich gar nicht vorstellen.

»Anständigkeit kommt zu allerletzt«, erklärte Nina Henry mit großer Festigkeit. »Ohne sie können wir nicht weiterkommen. Aber wir müssen auch ein wenig Geduld haben. Nur ein ganz klein wenig, für ganz kurze Zeit. Die Hauptsache ist, daß du mich heiraten willst und daß ich ganz verrückt danach bin, dich zu heiraten. Das ist die Hauptsache. Alles andere kann von selbst kommen, wie die Kinder. Wenn es nicht zu spät ist und überhaupt noch welche kommen. Ich möchte ein Kind von dir haben, Chalke. Chalke, ich will dein Kind haben.« Er stellte sein Glas mit einem Ruck auf den Tisch. »Ja, Nina, wenn es nicht gefährlich ist. Weiß Gott, ich hoffe es! Die Ehe ist etwas Armseliges ohne das. Ich würde gern einen Sohn haben. Ich habe in tausend Nächten an ihn gedacht, wenn ich allein auf der Piazza saß. Oder im Haus des Chefingenieurs Roulette spielte. Lächerliche und glückliche Pläne. Chalke Ewing der Vierte. Ich war der Dritte. Das reicht weit zurück. Ich spreche nie davon, weil es so unwichtig ist. Lächerlich. Zehn Generationen, hundert Generationen sind nichts in Zeit und Raum. Ein Ewing ist nichts. Ein Blatt von einem Baum. Noch viel weniger.«

»Gerade so darfst du nicht reden«, erklärte ihm Nina. »Ich will dich nie wieder so etwas sagen hören.« Als sie von der Veranda hereingekommen waren, hatte auf dem Teppich neben Chalke ein Quadrat Sonnenlicht gelegen, und jetzt war es vom Teppich weitergegangen. Es glitt über den blanken Boden und war rechteckig geworden. Nina dachte: Der Nachmittag vergeht. Acton und Cordelia, und bald auch Wilson, werden nach Hause kommen. Das mit Wilson mutete sie sonderbar an – nach Hause kommen zu etwas, das längst nicht mehr da ist. Zu ihr. Diesmal war es nicht nur ihre Liebe, sie war es im ganzen. Chalkes Glas war leer. »Willst du noch etwas Gin und Ingwerbier?« fragte sie. »Jetzt nicht«, antwortete er. Im Augenblick rauchte er nicht. Er sah sie an und versank in Gedanken. Dabei wurde es Nina ein wenig unbehaglich. »Wir sind heute abend bei den Baches zum Essen«, sagte sie ihm; »vielleicht kann ich mich früh losmachen. Wirst du mit Justin und Mary und dem Rum auf dem Rasen sein?«

»Ich glaube schon«, antwortete er; »hoffentlich kannst du kommen. Und wenn es auch nur für einen kurzen Augenblick ist. Nina, ein kurzer Augenblick mit dir ist schöner als ein ganzes Leben, und wäre es das schönste, ohne dich. Ein ganzes Leben mit dir wird nur sein wie ein kurzer Augenblick!« Eine große, warme Freude erfüllte sie. Wenn Chalke ihr solche Dinge sagte, wurde sie von leidenschaftlicher Dankbarkeit überwältigt und von dem Wunsch, die Arme um ihn zu schlingen, ihn in sich hineinzupressen. »Wir müssen entschlossen sein, das Notwendige vor uns so rasch wie möglich zu erledigen«, fuhr er fort. »Es wird sein wie ein Unwetter, wie ein Sommergewitter, für eine Weile erschreckend, und dann vorüber. Ohne daß Spuren davon bleiben, Nina. Die Sonne wird fast augenblicklich wieder herauskommen, strahlender, als sie jemals zuvor war. Eine Welt voll hellen Lichts und Vögel und Blumen.« Das ist eine liebe Erklärung, dachte sie.

»Ich sollte noch einiges sagen«, meinte er; »von praktischen Dingen. Es ist ein Glück, daß ich für dich sorgen kann. Ich habe genug Geld. Mehr als dreißigtausend im Jahr. Ganz sicher. Es hängt nicht von der Zuckerernte ab. Jetzt. Ich bin nicht reich, weiß Gott, aber das kann mehr als genug sein. Ich will dir auch gestehen, meine liebe Nina, daß ich nicht mit dir gesprochen hätte, wenn ich viel weniger hätte. So weit bin ich wenigstens weltlich. Ich halte nichts von Liebe, Liebe in unseren Verhältnissen, und Armut. Das geht nicht. Eine Frau, eine reizvolle Frau, braucht Geld. Sie braucht Sicherheit des Gemüts und hübsche Kleider. Wie das, das du anhattest, als du mit Justin kamst. An unserem edlen Gedenktag. Dem vom Bürgerkrieg stammenden römischen Feiertag, an dem Politiker die Gräber der Demokratie mit Blumen schmücken. Eine reizvolle Frau – ich spreche nicht von jungen Mädchen – muß Geld hinter sich haben. Sie muß es haben, um sich ihre Reize zu bewahren. Es gibt keinen Zauber in billiger Umgebung und keine Tugend beim Geschirrwaschen. Zu den Geheimnissen des Reizes gehört Abgesondertheit, und Abgesondertheit, sowohl persönliche wie andere, ist kostspielig. Ich würde dich nicht darum bitten, dieses Opfer zu bringen.«

»Ich würde es mit tausend Freuden bringen, Chalke«, versicherte sie ihm. »Es würde mir nicht das mindeste machen, mit dir arm zu sein.«

»Aber mir würde es etwas machen, mit dir arm zu sein«, erklärte er. »Zum Teufel, Nina, wir sind nicht mehr Tiere. Das mag vielleicht ein Unglück sein, das weiß ich nicht. Wir brauchen rings um uns Illusion, Schminke und Puder und alles, was Kleider uns geben können; jede künstliche Hilfe, die möglich ist.« Nina sah ihn vorwurfsvoll an. »Willst du damit sagen, daß du mich in einem einfachen Kleidchen nicht lieben würdest?« fragte sie. »Natürlich würde ich dich in einem einfachen Kleidchen lieben. Wenn es schön gemacht und kleidsam wäre. Was ich zu Cuba sagen soll, weiß ich nicht. Du könntest es für ein Jahr oder für den Teil eines Jahres versuchen. Etwas von dieser Zeit könnten wir selbstverständlich in Havanna sein. Ich habe jetzt ein kleines Haus in Vedado. Es ist sehr hübsch mit Bougainvillaea bewachsen und hat den Blick auf das Meer. Es ist geschlossen, aber wir könnten es in einer Stunde beziehen. Ja, du könntest es mit Oriente versuchen. Das Neue daran wird dich ohnehin interessieren. Dann haben wir, wie gesagt, noch New York. Ich bin kein Fanatiker, aber ich glaube, ich würde einigermaßen arbeiten. Einige amerikanische Charakterzüge habe ich nicht abstoßen können. Nach Spanien möchte ich nicht mit dir gehen, Nina. Nicht vor ein oder zwei, vielleicht sogar drei Jahren. Ich möchte, daß du Spanisch lernst.«

»Das will ich«, rief sie froh; »ich habe gehört, daß es gar nicht schwer ist.«

»Nicht schwer?« fragte er. »Wo hast du das gehört? Es ist die förmlichste Sprache, die es gibt. Du müßtest jede Formalität der Rasse verstehen, um es korrekt zu sprechen. Du müßtest die Mauren ebensogut kennen wie die Christen, und auf Cuba müßtest du außerdem die Tropen und einen großen Teil Afrikas kennen.« Bescheidener geworden, sagte sie: »Ich würde mir Mühe geben, Chalke. Ich würde mir sehr viel Mühe geben für dich. Es müßte mir gelingen.« Sie überlegte, ob sie es wagen könne, sich neben ihn zu setzen, auf die Lehne seines Sessels, ihre Wange an die seine zu pressen. Aber sie kam zu dem Schluß, daß es zu spät sei. Jeden Augenblick konnte jemand zurückkommen. Er sah auf seine Uhr, die er mit einem schmiegsamen Goldband am Armgelenk trug. »Ich werde jetzt gehen«, sagte er ihr und stand auf.

»Du wirst, wenn du kannst, früh von den Baches kommen«, wiederholte er. »Ich werde wenigstens das Glück haben, dich zu erwarten. Wenn du nicht kommst, werde ich dich morgen früh anrufen. Ich müßte bald nach New York ins Büro. Auf zwei oder drei Tage. Aber vorher muß unsere Ungewißheit ein Ende haben. Ich möchte Wilson Henry viel lieber ins Gesicht sehen als auf den Rücken. Ein Rücken hat etwas sehr Unschönes.« Nina merkte, daß er jetzt nicht die Absicht hatte, sie zu küssen. Sie hatte noch nie einen Mann gesehen, der so gerade stand. »Liebst du mich, Chalke?« fragte sie. »Ich liebe dich. Sag dir, daß ich dich liebe, wenn du über die Wiese und die Straße zurückgehst. Daß ich dich mit allem, was in mir ist, liebe, und daß ich dir ganz gehöre. Ganz und gar. Für alle Ewigkeit, Chalke.« Er werde es sich nicht sagen müssen, antwortete ihr Chalke Ewing; »jetzt, nachdem du es gesagt hast, ist dein Echo in mir, das nie ablassen wird, es zu wiederholen. Du könntest dir aber sagen, daß das, was von mir da ist, das bißchen, das noch da ist, dir gehört. Es ist nicht mehr so viel, wie es einmal war, Nina«, mahnte er; »das mußt du wissen. Ein Fieber, das ich vor vielen Jahren hatte, hat mich nicht besser gemacht, als ich vorher war. Aber ich bin nicht schlimmer als mein Charakter, und mit dem hast du dich ja abfinden können. Ich meine, ich bin nicht eigentlich zerstört.« Das lachte sie weg. Er ging aus dem Zimmer, und sie sah seine magere, energische Gestalt von der Veranda verschwinden. Er hatte einen breitkrempigen und sehr schönen bandlosen Panamahut auf. Ein schwerer Seufzer würgte in ihrer Kehle; sie sagte laut: »Chalke«; das Sonnenlicht war fast ganz aus dem Zimmer verschwunden.

Als Nina Henry sich von den Baches verabschieden konnte, war es nicht mehr früh, sondern sehr spät. Sie spielten Dealers Choice; mit Catherine Pryne waren sie nur sechs zum Essen, und Catherine spielte nichts anderes als Bridge; Nina war also gezwungen, die Fünfte bei Joels Lieblingsspiel zu machen. Es gab Stud-Poker mit fünf Karten und drei gedeckten, Einäugige Buben und fast alle verrückten Spiele durcheinander; die Einsätze wurden zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Blatt geteilt; ein Geber – einer der Baches – spielte sogar Roter Hund. Ununterbrochen ging etwas vor sich und wurde hartnäckig geredet, und an allem nahm Nina nur geistesabwesend teil. Sie spielte mechanisch, unaufmerksam, gewann aber trotzdem siebenundzwanzig Dollar. Sie ging mit Wilson schweigend über das Grundstück der Baches nach Hause. Am Himmel standen keine Sterne, und die Nacht – es war noch sehr heiß – schien so nahe um sie zu sein wie ein dunkles Zelt. Zu hören war nur das Vorüberfahren von Automobilen auf der langen, gepflasterten Strecke der North Street.

Es war ihr klar, daß Wilson nunmehr etwas von der Jugendlichkeit seiner Seele verloren hatte. Seine Energie und Sicherheit hatten abgenommen. Er redete viel weniger; Wilson war meistens in Gedanken versunken, die Linien in seine Stirn eingruben. Er sah älter aus; der Ausdruck seiner Augen war anders, er war öfter müde als frisch; die Festigkeit seines Mundes hatte nachgelassen. Diese Erkenntnis brachte Nina nicht weniger als alles andere zu der Einsicht, daß ihre und Chalkes Situation überaus ernsthaft war. Die Erinnerung an sein Verhalten, an seinen Ton noch mehr als an das, was er gesagt hatte, überzeugte sie davon. Heute nachmittag ist es ihr noch gelungen, die ihr unmittelbar bevorstehende Entscheidung zu vermeiden, aber so kann es nicht weitergehen. Sie wird Chalkes Fragen beantworten, seine Forderungen befriedigen müssen. Nina dachte an ihn mit wachsender, nahezu unerträglicher Wonne. Diese Wonne war in ihrem Gemüt und gleichzeitig warm und erregend in ihrem Körper. Sie fühlte sich körperlich unbehaglich und unruhig, und gleichzeitig war sie wunderbar glücklich. Nina versenkte sich in ihre Gefühle; das wichtigste Problem, das diese Gefühle hervorriefen, entfernte sie wieder aus ihren Gedanken.

Später kam es wieder. Hartnäckig und beunruhigend. Sie fragte sich, was, ganz genau, Chalke von ihr wünsche. Weiß Gott, er hat es klar genug gemacht. Er wünscht, daß sie ihn heirate, und wünscht, daß Wilson augenblicklich informiert werde. Anscheinend war er es nicht zufrieden, sie in Wilson Henrys Haus zu küssen. So viel war klar; was mehr war, konnte sie nicht ganz verstehen. Es hing mit den besonderen und seltsamen Eigenschaften der Männer zusammen. Zum Beispiel schien Chalke Wilson gegenüber nahezu ebensoviel Verantwortlichkeit zu fühlen wie ihr gegenüber. Gewissermaßen sah es im Augenblick sogar so aus, als wäre Wilson noch wichtiger – ganz gleichgültig, wie sie darüber dachte, Chalke bestand darauf, daß Wilson alles erfahre. Augenblicklich. Sie würde warten müssen, sagte sich Nina. Freilich will sie bei Chalke sein, die Ehe ist das einzige Mittel, das zu ermöglichen, aber vorher wird sie noch sehr viel darüber nachdenken, alles mögliche ordnen müssen. Das ist nur vernünftig. Außerdem hat sie ein Recht darauf, eine Weile einfach glücklich zu sein. Frei von allen Sorgen. Die Liebe geht der Ehe vor. Im Augenblick hat der Zustand sehr viel Ähnlichkeit mit einem Verlöbnis – einer Frist, die es ihr ermöglichen soll, sich an die Liebe zu Chalke zu gewöhnen. Ihre Seele und ihren Körper und sogar ihre Kleider für ihn vorzubereiten. An die Kleider hat er selbstverständlich nicht einen Gedanken gewendet, obgleich das eine schrecklich wichtige Frage ist – wieviel von alledem, was Wilson ihr gegeben hat, kann sie mitnehmen? Nicht, daß er kleinlich sein würde; selbstverständlich nicht; aber um wieviel, außer ihr selbst, ist sie willens ihn zu bringen? Nicht viel. Nun, das wird geordnet werden müssen. Dann die Scheidung selbst. Wilson wird ihr nichts in den Weg legen. Wie Chalke gesagt hat, er kann nichts tun. Der angenehmste Scheidungsgrund wäre böswilliges Verlassen und Verweigerung des Lebensunterhalts. Das dauert lang – zwei Jahre, glaubte sie sich zu erinnern.

Nina wurde fester in ihren eigenen Entschlüssen. Alle Männer haben es eilig. Auch Chalke Ewing. Alle Männer sind in den praktischen Dingen des Lebens unbrauchbar. Komisch zu denken, daß sie einen zu erhalten glauben, aber es ist so. Chalke wird warten müssen. Nicht lange, sagte sie sich. Sie will auch nicht fern von ihm sein. Sooft sie an das Zusammenleben mit Chalke dachte, schwindelte ihr geradezu vor Entzücken. Nina betrachtete sich im unbarmherzigen Licht des Morgens. Sie war fast ganz zufrieden mit ihrem Gesicht und ihrem Hals. Ihr Gesicht hatte gute Farben, und ihr Hals schien ganz fest zu sein. Er war dünner und jünger und besser, als ihr bewußt gewesen war. Es mußten noch Jahre vergehen, bis sie zu einer Ruine würde. Wilson ließ sich beim Ankleiden Zeit, er fuhr nicht in die Stadt.

»Cora ist nicht hier«, teilte er ihr mit; »sie mußte nach Georgia fahren. In dieser Hitze. Es ist jemand krank. Anna Louise hat sie in Eastlake gelassen.« »Wie lange wird sie wegbleiben?« fragte Nina. Das wußte Wilson nicht. »Zwei oder drei Wochen mindestens. Willst du Golf spielen?« Nina hatte nicht im mindesten die Absicht, mit ihm Golf zu spielen, aber sie tat so, als ob sie sorgfältig überlegte. »Ich kann leider nicht«, sagte sie schließlich. »Eine ganze Menge Chintz muß wieder gereinigt werden; ich muß ihn abnehmen, damit er weggeschickt werden kann.« In Wirklichkeit wollte sie nicht aus dem Haus gehen, weil es ja möglich war, daß Chalke Ewing mit ihr sprechen wollte. Im Haus oder anderswo. Er hatte versprochen, sie vormittags anzurufen, und sie hoffte, daß Wilson Henry dann nicht mehr im Wege sein würde. Er handicapte sie schrecklich. Sie merkte, daß sie sehr viele von Actons und Cordelias Ausdrücken gebrauchte. Sie waren so bezeichnend. Am Telephon wird sie Chalke natürlich nur ganz gewöhnliche Dinge sagen, aber ihr Ton darf nicht gewöhnlich sein; davon war Nina überzeugt. Sie wird hoffentlich in ihren Ton die überwältigende Tatsache – ihre Liebe zu Chalke – legen können, die aus ihren Worten verbannt bleiben muß. Am Nachmittag wird er sie wahrscheinlich aufsuchen.

»Warum fragst du nicht Justin, ob er kann?« schlug sie Wilson vor. »Du spielst doch immer gern mit ihm. Ruf nicht an. Es sind Gerichtsferien. Geh hinüber und trink etwas bei ihnen.« Die Frauen, erklärte Wilson, hätten wirklich nie eine Ahnung von Dingen wie Trinken. »Es ist zu früh, um zu trinken. Am Vormittag zu trinken ist eine schlechte Gewohnheit. Das bedeutet, daß man den ganzen Tag trinkt. Und die ganze Nacht auch, wenn man Chalke Ewing ist. Ich weiß nicht, was an ihm sein soll. Er ist nicht so übel, wie man überall hört, das gebe ich gern zu, aber ich kann ihn eben nicht sympathisch finden. Er sieht zynisch aus. Wer zynisch ist, hat keine Erfolge gehabt, das ist die ganze Sache. Er hat versagt und sucht die Ursache dafür überall, nur nicht da, wo sie immer ist – in ihm selbst. Daß Ewing zynisch ist, kann man merken, ohne ihn sprechen zu hören. Er hat einen sarkastischen Blick.« »Aber er ist kein erfolgloser Mensch«, wandte Nina ein; »Mary Gow hat mir erzählt, daß er sehr viel verdient hat und in der Zuckerherstellung eine große Rolle spielt.« Er könne keine große Rolle spielen, erwiderte Wilson.

»Das beweist sich selbst. Wenn es so wäre, würde er nicht auf Cuba leben. Dort leben nur die Leute, die die Zuckerraffinerien leiten. Die, denen sie gehören, bleiben in den Vereinigten Staaten. Dagegen ist kein Widerspruch möglich, es ist selbstverständlich. Jemand, der Erfolg hat, wird nicht in einem Dschungel leben. Bei den Niggern. Gottverdammt noch einmal, warum sollte man auch, wenn man in den Vereinigten Staaten sein kann? Kein Wunder, daß Ewing so eine Farbe hat und sarkastisch ist. Ich wäre zweimal so dunkel und viermal so unangenehm. Wer nicht dort lebt, wo alles am besten ist, ist untüchtig«, wiederholte Wilson. »Muß es sein.« Eine kalte Rachsucht überkam Nina. Sie kniff die Lippen zusammen und sah Wilson mit verschleierten Blicken an. »Wenn du«, meinte sie, »mit dem Besten auf die Vereinigten Staaten anspielst, warum reisen dann immer mehr Leute nach Europa, und warum bleiben immer mehr drüben?« Das könne er ihr sagen, versicherte Wilson Henry. »Weil sie Esel sind.« Sie drehte ihm den Rücken zu und sprach über die Schulter zu ihm. »Ich wußte nicht, daß Frauen Esel sein können. Jedenfalls ist das ein Wort, das ich abscheulich finde. Du solltest dich davor hüten, dich gehenzulassen, wenn du das nämlich tust, kommt deine ganze Gewöhnlichkeit zum Vorschein. Du beleidigst Leute wie Catherine Pryne, oder du zeigst, wie beschränkt du in Wirklichkeit bist.« Bevor Wilson antworten konnte, verließ sie das Zimmer. Chalkes Farbe und sein Sarkasmus gingen Wilson Henry nichts an. Er wird bald genug entdecken, daß Chalke nicht untüchtig ist. Soweit es sich um sie, Wilsons Frau, handelt.

 

Das Telephon klingelte, es war Chalke, und in ihrem Ärger war sie fast willens, Wilson alles hören zu lassen. »Höre«, begann Chalke, »ich muß morgen in New York sein. Ich habe dir gesagt, daß ich wahrscheinlich zwei bis drei Tage dort bleiben muß. Aber ich brauche ja erst heute abend nach dem Dinner zu fahren. Was meinst du? Wäre das ein guter Plan? Wie ist es mit heute nachmittag?« Sie antwortete, daß der erste Teil durchaus kein guter Plan sei. »Ich würde es nett finden, spazierenzufahren«, schlug sie vor. »Um vier Uhr vielleicht, dann wird es kühler sein.« Das, meinte er, sei ein ausgezeichnetes Arrangement. Eastlake mit Nina verlassen, in das tiefe Grün des Landes und des Sommertages hinauszufahren; er gab zu, daß er an der Umgebung manches schön fand. »Ich habe die Bäume gern«, erklärte Chalke. »Schließlich haben sie nichts mit den Menschen und der Politik zu tun.« Nina trug ein weißes Batistkleid, das mit blauen Chenilleblumen überschüttet und an den Rändern mit blauer Chenille eingefaßt war. Es war ärmellos und natürlich sehr dünn; darunter hatte sie noch weniger an als sonst. Auf ihrem Kopf saß eine eng anliegende schwarze Seidenkappe. Nina lenkte mit einer Hand; in der anderen hielt sie ihre Zigarette. Sie fühlte sich Chalke sehr nahe. Ihre Schulter war an seine gepreßt. Hin und wieder streifte ihr Knie das seine.

Sie war nahezu mehr unbekümmert als glücklich. Ihr ganzes Wesen lehnte sich auf gegen den Zwang, den ihr Leben und ihre Stellung ihr auferlegten, ihre Klugheit hatte sich verflüchtigt. Das Gefühl hatte in Nina alles andere überwältigt. Jeden Augenblick würde sie jetzt, davon war sie überzeugt, sich zur Seite neigen und Chalke küssen, sie würde ihren nackten Arm ganz eng um seinen Hals legen, seinen Kopf fest an die Brust drücken. Sie war auf einer Landstraße, die zerstreut stehenden grauen Farmhäuser lagen weit zurück inmitten der zu ihnen gehörenden Felder und Obstgärten. Sehr wenige Menschen kamen an ihnen vorüber. Ihr Verlangen, Chalke Ewing zu berühren, sich an ihn zu drängen, wurde stärker und stärker. Was im Innern Chalkes vorging, konnte sie sich nicht vorstellen. Es war ihr nicht möglich, es zu erraten, wenn sie ihn ansah, das war sicher. Aufrecht und unpersönlich kühl saß er da. In braunem Leinenrock und Flanellhose. Mit schwarzer Krawatte. Sein Panamahut lag neben ihm auf dem Sitz.

Nina fiel ein, daß Chalke etwas tun müßte, ihre Hand nehmen oder gar sie küssen. Sie kamen auf eine alte, gedeckte Holzbrücke, einen kühlen und von allem abgeschiedenen Tunnel inmitten des strahlenden heißen Sommernachmittags. Die Bohlen klapperten unter den Rädern ihres Wagens, und der feuchte Geruch alten Holzes umfing sie. In der Mitte war ein Fenster, ein kurzer, schöner Blick auf den breiten Fluß und die grünen Wiesen. Nina fuhr sehr langsam, diese Stelle bot eine ideale Gelegenheit. Sie waren aus der gedeckten Brücke herausgefahren. Er hatte nichts getan. Sie biß sich wild auf die Lippen. »Ja«, sagte er schließlich, »das ist ein friedliches Land. Es hat nicht viel von der Gegenwart. Es schläft. Nina«, er wandte sich ganz zu ihr um, »wir müssen mit unserer Verlobung weiterkommen. Ich werde dich nicht langweilen, indem ich alles noch einmal durchgehe, was ich erklärt habe. So kann es mit uns nicht bleiben. Ich bestehe darauf, mit Mr. Henry zu sprechen. Du mußt bedenken, daß ich selbst noch einiges zu erledigen habe. Mit dem Zuckerkonzern, dem ich angehöre, wird noch einiges zu besprechen sein. Ich muß, da ich jetzt zu denken habe, meine Anlagen durchsehen.«

»Ich danke dir, Chalke«, antwortete Nina; »du bist alles, was ich haben will. Du bist meine ganze Anlage. Es ist mir unbegreiflich, wie du von Geld reden kannst, wenn wir zum erstenmal wirklich zusammen sind. Ich könnte nicht praktisch sein. Nichts derartiges, was ich sage, könnte einen Sinn haben. Ich bin nicht fähig, zu denken. Vor allem bin ich dir ganz nahe, und außerdem ist es zu heiß, um Pläne zu machen. Du mußt daran denken, daß ich dich liebhabe. Das ist alles, wozu ich fähig bin. Vielleicht werde ich auch nie zu etwas anderem fähig sein. Vielleicht werde ich nie wieder auf etwas anderes achten. Nur darauf, wie sehr ich dich liebe. Chalke, wäre dir das recht?« Er warf ihr einen kurzen, zärtlichen Blick voll Leidenschaft zu. »Du weißt, daß ich dich liebe. Das habe ich dir auf so unverantwortliche Weise wie nur möglich gezeigt. Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht einen Augenblick länger, als unbedingt nötig ist, auf dich warten will. Darauf, daß du mir gehörst«, sagte er einfach und fest. »Ich will dir gehören«, erklärte sie eifrig. »Das will ich dir ja zeigen. Du kannst mich haben, wann du willst. Ich will es nicht einen Augenblick länger hinauszögern, als nötig ist.« Sie sagte sich, sie werde jetzt den Wagen anhalten und mit ihm in das grüne Gebüsch gehen. Chalkes Arm war hinter ihr, er lag auf der Lehne des Sitzes, und für einen Augenblick zog Chalke sie an sich. »Gott!« rief er aus; »du darfst nicht glauben, daß ich gleichgültig gegen dich bin. Gegen dich.

Ich will es heute abend hinter mir haben.«

Nina schmiegte sich eng an ihn. »Ach, Chalke, nicht heute abend«, bat sie. »Ich muß mir zuerst alles klargemacht haben. Chalke, Lieber, du mußt auf mich hören. Wir können es Wilson nicht heute abend sagen, weil ich auf keine der Fragen antworten könnte, die er mir stellen würde. Du hast keine Vorstellung davon, wie das wäre.« Es schien Nina, daß wieder ein dunkler Schatten auf Chalkes Gesicht falle. »Chalke, es ist nicht nur Wilson – ich muß an die Kinder denken. Ich meine, weil ich es ihnen sagen muß. Sie sind ja gar keine Kinder, manchmal denke ich, daß sie älter sind als ich, und eigentlich befürchte ich, daß sie mich nicht mehr brauchen. Chalke, du mußt mir glauben, daß es mir nichts macht, sie zu verlassen, wenn ich dich habe. Nicht so viel macht, daß ich es nicht ertragen könnte. Aber ich werde ihnen etwas sagen müssen. Ich will einen möglichst guten Eindruck hinterlassen. Siehst du, wenn ich mit Wilson spreche, wird er nicht imstande sein, es für sich zu behalten. Alle im Haus, Acton und Cordelia und Rhoda und Harriet, werden es wissen.«

Bei der allgemeinen Vision, die der Gedanke an Rhoda und Harriet geschaffen hatte, stockte ihr mit einem Male der Atem; sie bekam heftige, bohrende Magenschmerzen. Nina dachte an Rhoda, wie sie vormittags die Liste für den Tag brachte, sie hörte Rhodas warme und mitfühlende Ausrufe. Sie sah Harriet, wie sie ihr mit frischer weißer Schürze über ihrer Uniform das Frühstück brachte. Sie saß da und starrte durch die Glasscheibe vor ihr, über das Lenkrad hinweg, auf die friedliche Landstraße. Das vertraute Bild wurde verwischt, der Wagen schwankte unsicher auf einen Rinnstein zu. Sie hoffte verzweifelt, daß Chalke nichts von ihren Gedanken und Empfindungen gemerkt hätte. Nina erholte sich augenblicklich. Die ihr in der letzten Zeit gewohnte Härte kehrte wieder. Sie kniff die Augen zusammen und fuhr weiter, sich sorglos dem Schicksal beugend.

Nina dachte daran, daß es Zeit sei, zurückzufahren. Chalke Ewing schwieg und blickte behaglich entspannt über die Landschaft. Die Sonne war wie Feuer, ihre Lippen waren trocken und mit Staub überkrustet. Dem konnte sie wenigstens ein Ende machen. »Ich muß mir das Gesicht zurechtmachen«, sagte sie; »willst du das Rad nehmen?« Sie puderte sich die Nase und schminkte sich die Lippen. Sie fühlte Tränen in ihren Augen. Eine ungewisse Furcht drang in sie ein. Warum wollte er sie nicht küssen, nicht zärtlich sein und ihr sagen, daß alles gut sei? Chalke Ewing tat jedoch nichts dergleichen. Er zündete sich eine Zigarre an. Das machte sie lachen, und sofort war ihr besser zumute. »Worüber lachst du?« fragte er. »Über dich«, gestand sie; »da sind wir, wir haben uns lieb, wir haben eine lange Fahrt über das Land und durch gedeckte Brücken gemacht, und du hast mich nicht ein einziges Mal geküßt. Alles, was du getan hast, war, daß du mich einmal gestreichelt hast, und dann hast du dir eine Zigarre angezündet. Wir könnten seit Jahren verheiratet sein.« »Unsinn«, sagte er. »Ich habe dir den Unterschied zwischen Liebe und Ehe erklärt. Ich werde dich heiraten. Das ist ein würdevoller Akt mit sozialen und ökonomischen Verpflichtungen. Das hier ist weder die Zeit noch der Ort für Leidenschaftsausbrüche.«

»Für einen Kuß ist es immer Zeit«, sagte sie hartnäckig; »hoffentlich stören dich nicht Kühe und Farmer, die mindestens eine Meile weg sind. Wenn dich das aber stört, so mache ich dich darauf aufmerksam, daß ich anfangen werde, unverschämt zu werden. Ich bin in unverschämter Stimmung, Chalke, du kannst nicht ahnen, wie unverschämt ich in diesem Augenblick aufgelegt bin. Männer sind immer viel korrekter als Frauen«, redete sie, stets vergnügter werdend, weiter. »Die Männer sind die Konventionellen, sie haben Angst vor dem Schein. Das ist komisch, denn wenn etwas schief geht, haben nicht sie darunter zu leiden. Gib mir einen Kuß, Chalke; ich will es riskieren.« Er rauchte gelassen weiter. »Höre«, sagte er nach einer Weile; »wegen New York. Ich werde mit dir telephonieren wollen, deine Stimme hören und wissen, wie es dir geht. Ich werde wissen wollen, was du tust. Ich werde es nicht tun. Nina, ich kann nicht. Es könnte sehr unangenehm für dich sein.« Das, versicherte sie ihm, könne unmöglich stimmen. »Für mich wäre es ganz verflucht unangenehm«, antwortete er; »du weißt, wie ich über unsere Situation denke.«

 

Als Chalke Ewing fort war, empfand Nina fast so etwas wie Erleichterung. Die schmerzlichste Notwendigkeit ihres Lebens war damit wieder um ein oder zwei Tage hinausgeschoben. Sowie er zurückkam, würde er sofort darauf bestehen, mit Wilson Henry zu reden. Chalke war zu ihr sowohl voll Zärtlichkeit wie voll bitterer Entschlossenheit. Nina rief sich ins Gedächtnis, daß ihr das lieb war; das Fordernde und Unbeugsame seines Gemütes gehörte zu den Dingen, die sie seiner so sicher machten, ihr die Bereitschaft gaben, sich ganz in seine Hände zu liefern. Sie war fest entschlossen, das zu tun, aber, wie sie Chalke Ewing zu erklären versucht hatte, erst mußte sie die unmittelbaren Einzelheiten ihres Planes wissen. Ihr Gemüt mußte fest und ruhig und sicher sein. Die Wirklichkeit der ihr bevorstehenden Erklärung wurde, während Nina darüber nachdachte, nicht leichter, sondern unendlich viel schwerer. Es war für Chalke leicht, zu sagen, daß Wilson nichts tun könnte – wenn es sie galt, würde er einfach unmöglich sein. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, was für Worte Wilson finden würde, um auch nur einen kleinen Teil seines Abscheus für das, wozu sie geworden war, auszudrücken.

Nina saß auf ihrer Veranda, es war wieder spät am Nachmittag, und der Tag entschwand in einem dichten, nebelartigen Dunst, der den Raum verdunkelte. Die Feuchtigkeit, dachte sie, war entsetzlich. Die Blätter der Ahornbäume an der Grove Avenue waren naß und hingen schwer und reglos, als wären sie aus Metall gestanzt und grün bemalt. Ein schweres, erschöpftes Schweigen hüllte Eastlake ein. Bis vor kurzem hatte Nina Eastlake mit einer Vollständigkeit gekannt, die die meisten Straßen und nahezu alle Menschen in sich schloß. Sie war hier zur Welt gekommen. Ihre Familie war fortgezogen, als sie zwölf Jahre alt war, aber sie war zurückgekehrt, um sich zu verloben und zu heiraten. Das hatte sich jedoch mit einemmal geändert. Eastlake war nicht eigentlich gewachsen, es war anders geworden. Nina schien es, daß der Kreis des ihr vertrauten Wissens, sowohl um Menschen wie um Dinge, sich stets verkleinerte. Ihr Geist wich der Ernsthaftigkeit ihres Denkens aus und beschäftigte sich mit geringfügigen Tatsachen. Alles kostete so viel mehr als in den ersten Jahren ihrer Ehe, vor nicht viel mehr als zwanzig Jahren; es kostete doppelt soviel und noch einmal doppelt soviel, und Wilson behauptete, nichts sei so gut wie früher; aber das konnte Nina nicht finden. In Wahrheit war nahezu alles besser. Früher hatten sie grünes Gemüse nur während des kurzen Sommers, gehabt, und jetzt verkaufte Mr. Blades es den ganzen Winter hindurch. Er hatte Artischocken und Broccoli und Avogadobirnen und frischen Rhabarber und Erdbeeren, gut schmeckende Erdbeeren, im Februar. Er hatte belgische Weintrauben. Auf Mr. Cloughs Ladentischen türmten sich Delikatessen, die es früher nur in großen Städten gegeben hatte. Mr. Scannel, der Fischhändler, verkaufte Hummern, sehr lebendige Krebse und Garneelen.

Eastlake hatte natürlich sehr viel von seiner Einfachheit verloren; dessen schien sich niemand bewußt zu sein, aber es war so. Es hatte jetzt nicht nur luxuriöse Nahrungsmittel, auch luxuriöse Lebensgewohnheiten waren zu Notwendigkeiten geworden. Sie war nicht die einzige Frau, der das Frühstück ans Bett hinaufgebracht wurde. Es gab viel mehr Vergnügen als vorher, das Vergnügen hörte eigentlich gar nicht mehr auf – das Tanzen im Landklub, jeden Samstagabend im Sommer, und sehr oft im Winter, Lunch mit einer Kartenpartie, oder Golf und Dinnergesellschaften – Wilson und sie hatten allwöchentlich mindestens vier oder fünf Einladungen – kurze und lange Automobilausflüge. Alle Bekannten Ninas hatten Alkohol. Das war, wenn er gut sein sollte, schauderhaft kostspielig. Alle kauften echten, verbotenen Whisky, Scotch und Korn, sehr viele unter ihnen machten Gin aus absolutem Alkohol. Es gab auf recht vielen Dinnertischen Cordial, Grand Marnier oder Benedictine und Vieille Cure. Da war Wilsons Champagner! Eine Rechnung für Wilsons Zigarren, die irrtümlich in ihre Post geraten war, belief sich, wie sie gesehen hatte, auf dreihundertsiebzig Dollar.

Eastlake hatte sich geändert, die gepflasterten Straßen waren neu und fremd, fast alle Menschen, die sie sah, waren ihr fremd, und doch fand sie, daß von ihrer Bindung nichts geschwunden war. Es war ihr Heimatort; das Land ringsherum schloß ihre Seele in einer stillen und sicheren Vertrautheit ein. Jetzt, da sie daran war, Eastlake für immer zu verlassen, entdeckte Nina die Gewalt seines Einflusses, seine Macht über sie. Es war eine Kreisstadt, das Zentrum seiner besonderen, grünen Welt, und dachte sehr hoch von seiner Wichtigkeit. Es wahrte sehr streng die Autorität und Korrektheit seiner Ansichten. Obwohl es sich gewaltig verändert hatte, begriff Nina, hatte es nichts von dieser Vorstellung von sich selbst verloren. Die Änderung, sagte sie sich, liegt fast ausschließlich an der Oberfläche – das Leben hat sich in Eastlake geändert, aber das Denken ist kaum davon berührt. Zum Beispiel, wenn sie Wilson Henry verläßt und mit Chalke fortgeht, wird es unendlich viel, höchst altmodisches Gerede geben.

Alles wird natürlich auf Wilsons Seite stehen und sie erbarmungslos verdammen. Mary Gow wird die erste sein, die mit ihrem Mitgefühl zu ihm kommt. Mary wird ihr wahrscheinlich niemals vergeben, weil Nina nicht nur all ihrer Verantwortung für ihre Familie entlaufen ist; sie ist mit Marys Bruder davongegangen. Nicht eine unter ihren Freundinnen wird die Notwendigkeit ihrer Handlungsweise begreifen. Scheidung, die Scheidung, die sie erreichen muß, wird diesen Frauen um nichts besser dünken als Ehebruch. Sie ist auch, für die anderen, schlimmer als Ehebruch, weil sie die Tugend, auf die ihre ganze Existenz sich gründet, zu einem Nichts macht. Eine Wolke von Melancholie ließ sich auf Nina herab. Alles, woran sie gedacht hatte, war so entsetzlich endgültig. Sie hatte das unbehagliche Gefühl, unter dem sie stets bei Begräbnissen litt. In diesem Augenblick bedeutete es eine Erleichterung für sie, Cordelia über den Rasen kommen zu sehen. Ihre Tochter war heiß und erregt und setzte sich für einen Augenblick auf die Lehne ihres Sessels. »Wir waren im Steinbruch«, erzählte sie; »ich habe nichts davon gehabt, wie du sehen kannst. Ich bin mit Anna Louise und einem Lishervetter, der bei ihr wohnt, während ihre Mutter fort ist, zurückgefahren, und ihr betagtes Automobil ist unterwegs, noch sehr weit von hier, gestorben. Es ist mir wirklich recht geschehen – aber mit James Angell wollte ich nicht fahren.« »Ich dachte, du hast James Angell gern«, sagte Nina. Das sei richtig, antwortete Cordelia. »Ich habe ihn sehr gern, aber ich weiß nicht, ob ich zugeben soll, daß ich weiß, daß er mich gern hat. Das ist etwas ganz anderes. Aber das wirst du ja wahrscheinlich gar nicht verstehen.« Nina Henry lachte. »Du gehst mir wirklich auf die Nerven, Cordelia«, sagte sie ihr; »du scheinst zu denken, daß ich außer deinem Vater nie eine Liebe gehabt habe, und daß ich von diesen Dingen nichts weiß. Ich verstehe ausgezeichnet, was du meinst, und finde es fabelhaft von dir, daß du so bald so viel herausgefunden hast.« Das überhörte Cordelia in aller Freundlichkeit. »Siehst du«, erklärte sie, »es ist ganz recht für James, daß er mich gern hat; es ist ausgezeichnet von ihm, daß er es sagt; aber wenn ich ihn merken lasse, daß ich es glaube – ohne ein Wort über mich zu verlieren – dann wird als allernächstes passieren, daß Amor den Teufel im Henryschen Hause losläßt.

Das können wir nicht brauchen, nicht wahr? In meinem Alter. Oder ist dir der Gedanke an eine kindliche Braut angenehm? Würde es dir recht sein, mich mit einem Tränenschleier und Wachsorangenblüten der entfesselten Lust James Angells auszuliefern?« Nina war ehrlich empört. »Cordelia«, rief sie, »das ist ein fürchterliches Wort. Das will ich nie wieder von dir hören. Du mußt den Unterschied zwischen richtiger Freiheit und Derbheit lernen.« Gleichzeitig amüsierte sie sich innerlich über die Gedankenverbindung zwischen Lust und James Angell, einem peinlich korrekten jungen Mann mit sorgfältig gebürstetem Haar, das die Farbe hellen Tees hatte. »Eines steht fest«, verkündete Cordelia; »ich gehöre zur derben Abart. Auf jeden Fall wollte ich nicht mit ihm nach Hause fahren, und das hat mir den Rest gegeben. Anna Louise ist Meilen durch den Staub gewandert, und am Ende war sie so frisch, wie vor dem ersten Schritt. Der Staub setzt sich nicht auf sie. Sie ist ein sehr lobenswertes Mädchen. Ich habe eine ganze Wagenladung von allem möglichen in meinem Rücken. Ich hätte lieber sagen sollen, in den heiligen Stand der Ehe treten. Frühreif und vorlaut, meine liebe Mutter, wie es scheint.«

»Ich weiß nie, wann du ernst bist«, jammerte Nina. »Ich kenne mich jetzt bei euch überhaupt nicht mehr aus.« Cordelia stand auf und klopfte ihr auf die Schulter. »Das zeige ich dir absichtlich nicht«, sagte sie; »wenn du die Wahrheit wüßtest, würde dein Verstand aus den Fugen geraten. Na, ich bin zweifellos bezaubernd, aber schmutzig. Wenn du warten willst, wirst du sehen, daß ich so weiß sein kann wie gute, handelsübliche Schneeware.« Als sie gegangen war, wurde Nina klar, daß Cordelia ihr in der ihrer Generation eigentümlichen, leichtfertigen und ausweichenden Weise ein Geständnis gemacht hatte. Sie hatte von Ehe und James Angell gesprochen. Cordelia würde ihn nicht heiraten, dessen war Nina sicher. Sie war noch nicht bereit für die Wirklichkeit dieser Wahl, aber sie war aufgerüttelt worden und hatte es zugegeben. Ein plötzliches, neues Licht des Verständnisses erhellte ihr Cordelia. Nina wunderte sich über ihre Stumpfsinnigkeit. Cordelia war so einfach, so klar wie der Tag. Das Hervorstechendste an ihrem Gemüt, an jedem Gemüt wie dem Cordelias in diesem Alter, war Zweifel.

Cordelia war mit Zweifeln an nahezu allem zur Welt gekommen, was die früheren Generationen gestützt und belohnt und bedroht hatte. Sie, die lebendigere Vorstellungen hatte als Nina, stand ihren Eltern, der Liebe und der Religion mit Skepsis gegenüber. Sie hatte keine Neigung, und, so schien es, wenig Bedürfnis, sich mit ihnen in der Art der Vergangenheit abzufinden. Mechanisch und ohne Fragen zu stellen. Cordelia war natürlich gehalten, einer längst bestehenden Autorität zu gehorchen; sie war kein unhöfliches und kein schwieriges Mädchen; aber was sie über einen großen Teil dessen dachte, was Gewalt über sie hatte, war nicht zu verkennen, es war unbeeinflußt und selbständig. Sie spiegelte die Zweifel und Fragen einer zweifelhaften Zeit wider. Fast niemand glaubt jetzt an viel, sagte sich Nina; aber in den meisten Fällen, bei den Menschen, die älter sind als Cordelia, herrscht eine bittere Aufsässigkeit gegen das, was nicht geändert und nicht vermieden werden kann. Dafür ist Roderick Wade ein ausgezeichnetes Beispiel. In Cordelia geht jedoch kein derartiger Kampf vor sich. Sie beginnt damit, daß sie nichts erwartet, daß sie gegen nahezu alles mißtrauisch ist, und diese Mäßigung im Hoffen erspart ihr sehr viel an Enttäuschungen und Kummer.

Trotzdem, machte Nina Henry sich klar, werden die alten, nicht zu vermeidenden Gefühlsnotwendigkeiten in Cordelia fortdauern; schließlich werden sie, müssen sie zum Verräter an ihrer höheren Intelligenz werden. Tiefes Erbarmen mit all dem, was ihrer Tochter an Leiden bevorstand, mit dem Tod, ergriff Besitz von ihr. Wie rasch, mußte sie denken, war Cordelia in den Zustand der Reife geschleudert worden. Nina dachte ihrer noch als eines Kindes, aber das war ganz und gar unrichtig; Cordelia war tatsächlich ein Weib. Sie war ein selbstsicheres und belustigendes kleines Kind gewesen. Acton war seit jeher ernsthaft, aber Cordelia war schon in ihren allerersten Jahren humorvoll; sie war komisch, wenn sie, voll feierlichen Selbstvertrauens, ging; die gekünstelten Mienen ihres dicken Gesichts waren komisch; ihre ersten lächerlichen, abwägenden Worte waren noch komischer. Sie war anfangs recht häßlich gewesen. Breit, lebhaft rot, von aufbrausendem Temperament, aber all das hatte sich geändert. Jetzt war Cordelia sehr hübsch. Sie war noch immer vielleicht zu anmaßend, um wahrhaft reizvoll zu sein, aber schließlich hatte ihr Humor, wenn wirklich etwas mit ihm vorgegangen war, noch zugenommen. Allerdings versteckte sich Cordelia dahinter; ihr Humor nahm die Stelle des früheren Vertrauens zum Himmel ein.

Mit zwölf Jahren hatte Cordelia eine energische Mütterlichkeit entwickelt – sie gab sich sehr ernsthaft mit einer Reihe von Puppen ab; einige von ihnen nahm sie immer mit sich ins Bett, sie hielt ihnen allen lange Reden, mit vielen Ratschlägen und Ermahnungen, sie schwang sie an Beinen und Armen umher und legte sie mit solcher Wucht aus der Hand, daß alle ein körperliches Gebrechen hatten und zerschlagen waren. Das war bald vorüber. Die Puppen wurden von Cordelia beiseite gelegt, vergessen, und ihr Charakter, ihre Eigenschaften nahmen feste Umrisse an. Dann war es, wurde Nina bewußt, zu einer gewissen Entfremdung zwischen ihrer Tochter und ihr gekommen. Ihre Beziehung zu Cordelia verlor ein bißchen von der alten Ungezwungenheit und Intimität; eine kühle Reserviertheit stand zwischen den beiden. Nicht nur Cordelia, auch Nina sah sich zuweilen in der Defensive. Wenn es dazu kam, verdeckte sie es, widerlegte sie es mit betonter und oft willkürlich zur Schau getragener Autorität; mit anderen Worten, sie war unverantwortlich böse auf Cordelia; aber ein solcher Zustand hatte nicht die Macht, Nina zu verbergen, daß ihre Tochter sie hin und wieder ein wenig lächerlich fand.

Jetzt war in ihr kein Ärger; vielmehr bedauerte sie es, daß sie jede Gelegenheit, Cordelia näherzukommen, die ihr gegeben war, verpaßt hatte. Mit dem Zunehmen ihres Verhältnisses war ihre Liebe zu Cordelia sehr gewachsen. Nina begann unruhig zu werden, als sie sich klarmachte, daß sie an Cordelias Vorbereitung für die Erfüllung des Lebens keinen Teil haben würde, wenn schließlich der richtige James Angell auftauchte; daß sie dann nur eine Zuschauerin bei der Hochzeit sein würde. Für einen Augenblick zog sich ihr Herz bei dem bloßen Gedanken an Cordelias Heirat schmerzhaft zusammen. So ging es ihr tatsächlich, wenn auch in geringem Maße, sooft sie an eine beliebige Heirat dachte. Eine Hochzeit erregte sie immer auf rätselhafte Weise – das war zugleich so traurig und so fröhlich, sie war von den Kleidern und Blumen so gefesselt, von der ganzen weltlichen Zurschaustellung befriedigt und dabei von einem Gefühl der Eitelkeit und unklaren Betrübtheit beherrscht. Fröhlichkeit mit Tränen. In ihrer Phantasie sah Nina Cordelia in weißem Atlas und Spitzen, zahllosen Metern von Atlas und kostbaren Spitzen, und einen Brautschleier vor dem Gesicht; dann sah sie den Schleier zurückgeschlagen, fortschwebend von Cordelias hingerissener Miene strahlender Reinheit. Sie hörte in der Ferne das goldene Dröhnen eines Hochzeitsmarsches.

Der Wagen, der Wilson Henry von der Bahn brachte, riß sie aus der melancholischen Stimmung, in die sie geraten war. Er stieg langsam aus und kam mit müden Schritten zu ihr herauf. Es sei, sagte er, einer der schlimmsten Tage in der Stadt, auf die er sich besinnen könne. Die Männer auf den Straßen hätten alle Palmfächer und trügen den Rock auf dem Arm. »Hier ist es recht angenehm«, sagte er, im Eingang zur Diele stehenbleibend und auf die behaglich eingerichtete Veranda, das Sommerlaub und die Rasenfläche dahinter blickend. »Wir haben es wirklich gut. Du weißt es eigentlich gar nicht, Nina. Das Leben ist ein gutes Stück schwerer und unsicherer, als du dir vorstellen kannst. Wahrscheinlich hältst du es für nichts besonderes, ein großes Haus und Blumen und Automobile zu haben. Du denkst, das ist eben so; Frauen denken so; aber es gibt keine Garantie dafür; bei Gott, nein!«

»Ich weiß das alles, Wilson«, erwiderte Nina. »Ich überlege nur, ob es so wichtig ist, wie du zu glauben scheinst. Es gibt noch andere Dinge. Ich würde an deiner Stelle jetzt nicht reden; du bist ja von der Hitze einfach erschlagen. Ich würde hinaufgehen und mich umziehen.« Er blieb an der Tür stehen. »Es ist etwas geschehen, was dich vielleicht interessieren wird«, sprach er weiter; »ich bin zum Präsidenten der Eastern Weymouthkiefern-Gesellschaft gemacht worden.« »Ja, Wilson, das ist wunderbar«, sagte Nina. Das wolle er meinen. »Weymouthkiefer«, rief er aus, »ist das aristokratischste Holz, das es gibt. Von hartem Holz will ich gar nichts hören. Erzähl mir nichts von Walnuß und Eiche. Weymouthkiefer ist weich wie Butter und dauerhaft wie Eisen. Man kann alles damit machen. Alles, was man will. Außerdem wird sie selten, und das macht sie noch aristokratischer. Steigt wie der Teufel. Für Feinarbeiten muß man sie haben. Ganz unentbehrlich. Selbst Paprus leistet nicht dasselbe wie Weymouthkiefer. Ein ordentliches Stück Weymouthkiefer ist hübscher, als alle Statuen und Bilder sein können, Nina. Es steckt mehr darin als in allen Büchern, man muß es nur zu finden wissen.«

Sie sah, daß Wilsons Begeisterung für die Weymouthkiefer seine große Müdigkeit überwunden hatte. »So ein Stück ist ganz allein für sich ein Bild«, erklärte er mit wachsendem Enthusiasmus. »Du kannst den Wald sehen, wie er gewachsen ist, und die früheren Zeiten mit Bären, Wild und Indianern. Dann wird das Land hübsch gerodet, die Eisenbahnen kommen, und die Bären und die Indianer verschwinden. Das ist Fortschritt. Amerika. Holzarbeiten beginnen, und du kannst die Axthiebe und das Stürzen der Stämme hören. Du kannst die Schläge und Kerbsägen und die kleinen Dampfmaschinen hören. Kein Buch könnte dir etwas erzählen, was auch nur halb so gut wäre.« Acton war auf die Veranda gekommen, und jetzt erschien Cordelia, wunderbar kühl und luftig in Blaßlila. »Wovon redet Vater denn nur?« fragte sie. »Es hört sich an wie eine Hymne.« Wilson ging ins Haus. »Ich finde, Vater hat wirklich sehr viel Geduld mit euch«, mußte Nina bemerken. »Er liebt uns«, erklärte Cordelia; »und Liebe versteht alles, nicht wahr, Acton?« Acton forderte sie, sehr im Gegensatz zu seiner sonstigen feinen Lebensart, auf, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Während des Umkleidens beunruhigte Nina die Erinnerung an Wilsons Erklärungen über die Weymouthkiefer. Erst ängstigte sie der Gedanke an Cordelias Heiraten, und dann quälte sie, was Wilson gesagt hatte, es war etwas ihr ganz Neues in seiner Stimme und seiner Denkweise gewesen. Cordelias Humor, ihre Härte, war manchmal sehr unangenehm. Wilson war auf seine merkwürdig gezwungene Weise wirklich romantisch gewesen. Es hatte also doch manches in ihm gegeben, was sie weder richtig erkannt noch gefördert hatte. Sein Leben und seine Geschäfte hatten verdrängt und getötet, was er an poetischen Empfindungen besessen hatte. Das war eine neue und beunruhigende Haltung gegen Wilson Henry. Was sie auszeichnete, war überströmendes Mitleid anstatt Liebe. Diese Erkenntnis war ihr jedoch zu spät gekommen. Jetzt konnte sie es sich nicht einmal leisten, Konsequenzen aus ihr ziehen zu wollen. Sie mußte darauf bestehen, daß sie keine Wichtigkeit für sie hätte. Das war natürlich ein Verlust, aber der Gewinn, den Chalke Ewing für sie bedeutete, entschädigte sie reichlich dafür. Sie durfte nicht eine Minute sentimental sein. Schließlich war sie für Wilson nicht so wichtig wie die Weymouthkiefern-Gesellschaft und Cora Lisher. Es war Coras Sache, die Romantik in ihm zu fördern. Und Cordelia, sagte sich Nina, konnte sie angesichts der wilden und grausamen Wirklichkeit der Liebe auch nicht helfen.

 

Francis Ambler kam, bevor das Essen vorüber war, er holte sich einen Stuhl an den Tisch, und Harriet brachte ihm eine große Tasse Kaffee. Harriet und Rhoda, versicherte Francis, gehörten zu seinen besten Freunden. Sie vernachlässigten ihn nie, vergäßen nie seine Neigungen. Er sehe reich aus, bemerkte Nina. Sooft Francis geärgert war, verstand er es, reich auszusehen; seine großen Geldmengen manifestierten sich in seiner Art, sich zu geben; er begönnerte Zimmer und Meinungen und Porzellanservice. Er war überdies in formeller Abendkleidung, mit großer Hemdperle; und sooft Francis ohne besonderen Anlaß in Eastlake den Frack anhatte, war das gleichzeitig ein Ausdruck kritischen Überlegenheitsgefühls. Er war natürlich böse, weil sie sich nicht um ihn gekümmert hatte. Sie hatte ihn im Landklub wortlos verlassen und seitdem keine Anstrengung gemacht, mit ihm zu sprechen. Seltsam, wenn Francis, wenigstens in seiner äußeren Haltung, sich von ihr zurückzog, schien er ihr sowohl näher wie viel begehrenswerter zu sein als sonst. Die Gleichgültigkeit ließ ihn reizvoller erscheinen und erhöhte ihr Interesse für ihn.

»Es kann einem nicht entgehen, daß die junge Generation sich jetzt herausmacht«, bemerkte er. »Entweder ist sie wirklich so gut, oder ich bin in das Alter gekommen, in dem mir die Jugend ihrer Jugend wegen gefällt. Ich war gestern mit den jungen Leuten bei einem Dinner im Klub, ich dachte, es würde schlimm werden – gar keine Rede! Es war ausgezeichnet. Alle tanzten wunderbar. Am besten Cordelia; aber Acton, muß ich sagen, sah ein wenig verdrossen aus.« Das sei er auch gewesen, antwortete Cordelia. Acton Henry legte seinen Löffel mit entschiedener Gebärde aus der Hand und richtete einen tiefen, langsamen Blick auf seine Schwester. Der Blick wirkte, sah Nina. Es wurde kein Wort von Miss Pryne erwähnt. »Ich war gerade zu demselben Schluß gekommen, Francis«, sagte sie ihm. »Ich habe heute nachmittag über die junge Generation nachgedacht; sie ist herrlich, aber mir scheint, nicht weil sie jung ist, sondern weil sie nicht jung ist.« Francis gefiel die Einfachheit ihrer Ansichten und die Aufrichtigkeit ihrer Handlungen. »Sie sind wie frische Pfefferminzplätzchen«, erklärte er.

Nina merkte, daß er absichtlich unangenehm war. Das ärgerte sie. Francis hatte eine Anzahl weiblicher Eigenschäften. Zu diesen gehörte eine indirekte Bosheit mit Worten; und da sie ihm dabei sozusagen auf ihrem eigenen Boden entgegentrat, hatte es ihr immer sehr viel Vergnügen bereitet, seine geplante Bosheit zu vereiteln. »Das war ein sehr netter Vergleich«, sagte sie ihm. »Das mit den Pfefferminzplätzchen.« Cordelia, und unmittelbar nachher auch Acton, stand auf und empfahl sich. »Die Konversation hier scheint ihren Ansprüchen nie zu genügen«, erklärte Wilson, als sie gegangen waren. »Im Prinzip haben Sie recht«, setzte Nina das Gespräch mit Francis fort. »Ich finde die Mädchen etwas interessanter als die Jungen. Die Mädchen scheinen früher alt zu werden, aber dafür bleiben die Jungen länger jung. Das gefällt mir gerade. Ich finde graues Haar an einem Mann herrlich. Mädchen kommen mit Erfahrungen auf die Welt, Francis, Jungen nicht. Sie müssen auf alles selber kommen, und dazu brauchen sie gewöhnlich vierzig Jahre, wenn nicht noch mehr.«

Francis Ambler warf ihr einen raschen, protestierenden Blick zu, während Wilson mit seinem Feuerzeug beschäftigt war. Ein angenehmes Machtbewußtsein erfüllte Nina. Francis sah längst nicht mehr reich aus. Wieder mußte sie daran denken, wie wertvoll er ihr war. Francis hatte seinen Platz in ihrer Verbundenheit mit Eastlake, unter all den vertrauten Erscheinungen und Menschen, die seit so langer Zeit ihr Leben ausmachten und beherrschten. Als Individuum war niemand wichtig, aber als Gesamtheit banden sie sie mit zarten und kraftvollen Erinnerungen an die Vergangenheit. In dem langen, unformellen Wohnzimmer fand Francis endlich eine Gelegenheit, mit ihr allein zu sprechen. »Sie sind einfach schauderhaft zu mir«, sagte er, sie am Handgelenk festhaltend. »Ich verstehe gar nicht, warum. Nina, was ist mit Ihnen geschehen? Sie sind nicht Sie selbst, nicht die Nina, die ich kenne. Die Nina, die ich liebe.« Sie sei durchaus nicht schauderhaft zu ihm, erklärte sie. »Sie waren schauderhaft im Eßzimmer, mit Ihrem Gerede von den jungen Pfefferminzplätzchen. Wollten Sie, daß ich mir vorkomme, als wäre ich eine Million Jahre alt?« Er hätte irgendwohin gehen müssen, antwortete Francis, er hätte mit irgend jemand sprechen müssen, da sie für ihn weder zu sehen noch zu sprechen gewesen wäre.

»Nina, Liebste, liebste Nina, ich kann ohne Sie nicht auskommen. Ich muß es doch nicht versuchen, nicht wahr? Sagen Sie mir, daß ich das nicht muß, sagen Sie mir, daß Sie mich brauchen, und daß ich zu Ihrem Leben gehöre. Sie gehören ganz zu mir.« Nina war in einem Sessel, Francis Ambler stand über ihr, er zog sie zu sich herauf und schloß sie in seine Arme. Er küßte sie. Das löste keinerlei Empfindung in ihr aus. Sie küßte Francis, aber sie wußte, daß ihre Lippen kalt waren. Nina zwang sich dazu, ihm zuzulächeln. Sie konnte sehen, daß er beunruhigt war. Sie sank wieder in ihren Sessel zurück. Nina war sehr müde. Wann wird sie wohl wieder mit Chalke zusammen sein? Morgen abend, schlimmstenfalls übermorgen. Sie will ihn haben, sie braucht ihn. Die Sehnsucht, ihm nahe zu sein, löschte alles Denken in ihr aus. Das übrige war unwesentlich, nichts anderes war wichtig. Vor allem, ob sie von ihrer Liebe jemand erzählte oder nicht. Neben ihr rührte sich etwas. Nina hatte vergessen, daß Francis im Zimmer war. »Ich geh nach Hause«, sagte er, »ich kann sehen, daß Ihnen nicht ganz wohl ist. Nina, ich rufe Sie morgen vormittag an, morgen ist Dienstag, nicht? Schön – kann ich Donnerstag zum Dinner kommen?« Nina nickte.

Als er gegangen war, war das Zimmer, das Haus, die ganze heiße Nacht überaus still. Ein Gefühl der Unruhe lastete auf Nina. Die Luft, dachte sie, sei mit Unheil geladen. Sie mußte sich zusammennehmen und für Chalke Ewing bereit sein. Das hieß für den Augenblick, den Kopf an die Stelle des Herzens setzen. Dazu war sie nicht imstande, nicht heute abend. Morgen würde sie der Wirklichkeit ins Auge sehen. Alles, worüber sie nachgedacht hatte, wirbelte mit schwindelnder, verwirrender Geschwindigkeit in ihrem Verstand umher – Cordelia war in einen Brautschleier verwickelt, Acton beschwor Catherine Pryne, mit ihm nach Paris zu fliehen, Wilson wehklagte, daß sie ihn bei der Eastern Weymouthkiefern-Gesellschaft entehrt habe. Sie sah Mr. Scannal in einem Wirbel lebendiger Hummern; Die Luft war voll teurer englischer Biscuits von Mr. Cloughs Ladentischen; Mr. Blades tanzte wild mit Rhabarber und Spargelstengeln. Alle Menschen Eastlakes drängten sich um sie und sagten, ihre Liebe zu Chalke sei um nichts besser als Ehebruch. Wilson Henry, der in dem kleinen Zimmer am anderen Ende der Diele geschrieben hatte – einem Zimmer, in dem er Akten aufbewahrte und das Justins kleiner Bibliothek entsprach – kam wieder; Nina war froh, ihn zu sehen. Wilson setzte sich und blickte ihr ins Gesicht, es war offenbar, daß er einen plötzlichen Entschluß gefaßt hatte. »Nina«, sagte er in dem Ton, in dem er zu sprechen pflegte, wenn es sich um ernste Angelegenheiten handelte, »ich werde morgen abend nach dem Süden verreisen müssen. Sonnabend bin ich zum Dinner wieder hier. Ich weiß es seit einem Monat, aber ich habe es immer hinausgeschoben, und jetzt muß es geschehen. Diese neue Sache mit der Weymouthkiefern-Gesellschaft war der letzte Tropfen, oder besser das letzte Brett.«

»Wohin fährst du, Wilson?« fragte sie. »Nach Carolina«, antwortete er ganz allgemein. Wilson war ein ganz klein wenig zu unbefangen. »Vielleicht muß ich ziemlich weit nach Süden hinunter, aber ich glaube nicht. Das ist ärgerlich, weil es dort heißer ist als in der Hölle. Wenn es schon in Eastlake so ist wie jetzt, kannst du dir vorstellen, wie es in Südcarolina sein wird.« »Wilson«, sagte sie, »wenn du schon bis nach Südcarolina hinunterkommst, wäre es da nicht nett, wenn du noch etwas weiter fahren und Cora aufsuchen würdest? Ich würde das an ihrer Stelle reizend finden. Jemand von hier. Sie ist in Georgia, und wenn du nicht weißt wo, kannst du es ja leicht herausfinden.« Wilson starrte sie mit einer Miene an, in der Nachdenklichkeit und Überraschung gut miteinander vereinigt waren. »Das ließe sich möglich machen«, gab er zu; »ich weiß nur nicht sicher, ob es gehen wird. Wenn ich aber nach Georgia muß, dann werde ich in der Provinz Barton sein, und das ist nicht weit von Cedartown. Wenn Cora in Cedartown ist. Das könnte ich ja herausfinden, wie du sagst. Na, auf jeden Fall muß ich reisen«, und damit erledigte er die Frage des Besuches bei Cora. Gleichzeitig wurde seine Stimmung ausgezeichnet. »Wir kommen jetzt recht schön vorwärts, Nina«, redete er weiter. »Ich glaube, du wirst zugeben, daß es jetzt mit mir besser ist als früher. Ich meine, ich bin vernünftiger. Alle verheirateten Leute machen wohl ein paar schlechte Monate durch, oder Jahre. Das ist so wie mit den Aststellen in einem Brett. Diese Zeit müssen wir jetzt so ziemlich hinter uns haben. Wir müssen einander jetzt verstehen. Es ist nicht ganz so, wie es war, Nina, aber das hat auch seine Vorteile. Ich möchte nicht, daß du jemals vergißt, wie ich über dich denke. Die Bedeutung, die du für mich hast, Nina, wird nie ein anderer Mensch gewinnen können. Du bist so wunderbar, du verstehst so viel.« Mit anderen Worten, so sagte sich Nina, sie hatte es Wilson ermöglicht, Cora Lisher in Georgia ruhigen Gemüts zu besuchen. Sein kindliches Gewissen wurde nicht beunruhigt.

 

Das Klingeln des Telefons, das Chalke Ewings Anruf vorausging, war so scharf und, obwohl Nina seit Stunden darauf wartete, so unerwartet, daß sie im Augenblick verwirrt war. Ja, sagte sie, es gehe ihr gut. Sie sei froh, daß er zurückgekommen sei, mehr als froh. Sein Ton wurde nach dieser Bemerkung zurückhaltend, seine Worte waren so vorsichtig wie nur möglich, und sie beeilte sich, ihm zu sagen, daß Wilson verreist sei. Wilson, erklärte sie, sei nach Georgia gefahren, um jemand zu besuchen. Eine Frau. »Es wäre sehr nett, wenn du heute abend zum Essen kommen könntest«, sprach sie weiter. »Harriet hat Ausgang, und ich kann nicht noch mehr Leute einladen. Mary wird das verstehen. Du mußt mir alles erzählen, was du in New York gemacht hast.« Das könne er tun, sagte Ewing. Wann? »Sieben Uhr«, antwortete Nina. »Bist du zufrieden, daß du wieder hier bist?« »Danke, sehr«, sagte Chalke. Das war alles. Erst als Nina vom Telefon gegangen war, fiel ihr ein, daß sie schon etwas für heute, Donnerstag, abend verabredet hatte. Natürlich, wie dumm sie war! Francis Ambler kam auch zum Essen. Bei der Aussicht, wieder mit Chalke zusammen zu sein, kehrte ihre Kälte gegen alle anderen Menschen zurück – sie mußte Francis so früh wie möglich loswerden. Chalke würde sie es schon erklären.

Es kam so, daß Chalke vor Francis erschien. Nina war mit dem Ankleiden eben fertig geworden, sie hielt sich im Wohnzimmer auf, als er kam. Er war wieder ganz in weißem Leinen mit schwarzer Krawatte und dem weichen, schwarzen Seidenband um die Taille. Sie konnte ein Stückchen davon über dem einzigen Knopf seines Rockes sehen. Chalke kam rasch auf sie zu, er nahm sie bei den Händen, sie neigte sich ihm zu, und er küßte sie. Sie küßte ihn mit plötzlicher Heftigkeit. Nina war überzeugt, daß sie ihr Glück nicht für sich behalten könnte. Auf der Veranda waren Schritte zu hören, und Francis kam ohne weitere Umstände herein. »Hallo, Nina«, sagte er munter; »das ist aber eine Überraschung – ich lade mich zum Essen mit Ihrer Familie ein, und statt dessen ist Mr. Ewing da.« »Das ist doch nett«, antwortete Nina freundlich. »Wilson mußte nach dem Süden fahren, wo die Weymouthkiefern wachsen, und die Kinder sind im Lincoln nach Cape May gefahren. Francis, wenn Wilson nicht da ist, machen Sie doch immer die Cocktails, wollen Sie in die Speisekammer hinausgehen und sehen, ob alles da ist, was Sie brauchen?« Als er gegangen war, sprach Nina rasch mit Chalke Ewing. »Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich werde ziemlich früh Kopfschmerzen bekommen und euch beide wegschicken. Du kommst doch dann zurück, Chalke?«

Er sah sie fest und ernst an. Zuerst war Nina darauf gefaßt, daß er wieder sagen würde, wie unangenehm ihm der Zustand der Ungewißheit sei, in dem sie jetzt schwebten. Er schwieg jedoch, und Nina gewann die Überzeugung, daß er über seine unmittelbaren Wünsche nicht mehr mit ihr sprechen werde. Chalke hatte ihr klargemacht, wie er dachte, und jetzt wollte er, ohne weitere Erklärungen oder Auseinandersetzungen über einen ihm lebenswichtigen Grundsatz, voll Sicherheit in seiner Würde, darauf warten, daß sie sich ihm fügte. Selbstsüchtig freute Nina sich darüber. Das mußte ihr noch einige Tage einfachen Glücks gewähren. Sie brauchte sie, denn sie war nicht besser als vor Chalkes Fahrt nach New York darauf vorbereitet, ihrer alten Welt Trotz zu bieten, sie zu verlassen. Sie hatte nicht weniger Zutrauen zu ihrem guten Willen, das zu tun, aber je näher die Wirklichkeit einer Loslösung von der ganzen Vergangenheit an sie heranrückte, desto unübersteiglicher schien die Schwierigkeit zu werden. Francis kam mit einem Mixbecher voll Cocktail herein, gefolgt von Rhoda, die ein Tablett mit in Speck gebackenen Oliven als Vortisch und Gläsern hereinbrachte. Nina konnte sehen, daß Francis' Laune immer schlechter wurde.

Chalke Ewing tat nichts dazu, ihr ihre Lage zu erleichtern. Er probierte seinen Cocktail und betrachtete ihn dann kritisch. Francis Ambler trank rasch. Er verfiel in das, was Nina, zum Unterschied von seinem reichen Aussehen, bei sich sein europäisches Gehabe nannte – es äußerte sich in sehr ausführlichen und großartigen Bekundungen ästhetischer Kenntnisse. »Die Tropen«, sagte er nach seinem dritten Cocktail, »haben keine Kunst.« Das sei richtig, stimmte Ewing zu. »Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich auf Cuba lebe. Keine reife Persönlichkeit interessiert sich für Kunst. Danke, nicht mehr«, sagte er zu Nina, die den Mixbecher in der Hand hatte. Francis setzte eine finstere Miene auf. »Wenn Sie gestatten, möchte ich ihnen widersprechen«, erwiderte er; »sehr viele reife Menschen interessieren sich für Kunst. So ziemlich alle wirklich schönen Geister, die es gibt, haben für nichts anderes Interesse.« Nina sah, daß um Chalkes Mund ein sehr aufreizender Ausdruck lag. »Ich habe nichts dagegen, daß Sie mir widersprechen. Weshalb sollte ich auch?« fragte er. »Über Kunst reden Frauen und Kunsthändler, aber die einen sind nicht reif, und die anderen sind unehrlich.«

»Ich möchte es so ausdrücken«, erklärte Francis; »ich rede sehr viel über Kunst, ich interessiere mich ungemein dafür – was bin ich nun, eine Frau oder ein Kunsthändler?«

»Anscheinend sind Sie keines von beiden«, antwortete Chalke ruhig, »Sie sind einfach falsch informiert.« Er wandte sich wieder an Nina. »Sie können sich keine Vorstellung davon machen, was für ein Unsinn diese Kunst ist. Griechische Kunst zum Beispiel. Sie kam natürlich erst, als Griechenland zu Ende war. Ich meine, das, was als Kunst anerkannt wurde, dazu kam es, als Griechenland fertig war. Mit anderen Worten, die heroische Epoche, die wichtige Epoche war vorüber, und es entwickelte sich ein Talent zur Schaffung von Berichten über die Helden und von Legenden. Das, worauf es ankommt, meine liebe Nina, ist die Tatsache, daß das Talent an sich nichts war. Nicht mehr als eine Gedächtnisstütze, eine Stimme in Marmor oder in einem Pinsel, wenn das möglich ist. Das stimmt für alle Zeiten – die Geschichte und die Menschheit erreichen Höhepunkte der Schönheit und der Opfer, dann folgen kleinere Perioden, und die Mönche, die Künstler und ähnliche wertlose Gesellen erzählen dem hoffnungslosen Pöbel die Geschichten von alten, besseren Dingen.«

»Meinen Sie«, fragte Francis Ambler hitzig, »daß Andrea del Sarto ein wertloser Mensch war?«

»Ich weiß etwas besseres von ihm«, erklärte Ewing. »Er war angeblich Mathematiker. Was vor sich gegangen ist, ist einfach«, sprach er zu Nina weiter, Francis Ambler einfach ignorierend; »die Künstler drängten sich vor, an die Stelle der Menschen und Dinge, über die sie berichteten, sie verwirrten die öffentliche Meinung, und die Menge – die immer Unrecht hat, wohlgemerkt – erklärte die Künstler für die Helden. Die Statuen des Herkules, nicht Herkules selbst, wurden mit Kräften begabt. Die Statuen der Venus, und nicht menschliche Sehnsucht nach vollkommener Schönheit, gewannen Macht.« Nina sagte in scharfem Ton: »Francis, Sie dürfen keinen Tropfen mehr trinken.«

»Ich muß«, erklärte Francis; »wenn ich mir das den ganzen Abend anhören soll, werde ich eine Stütze brauchen. Haben Sie schon je so etwas gehört? Ja? Alle Schätze der zivilisierten Welt auf einem Misthaufen. Der Louvre und San Lorenzo und die Alhambra. Wir haben sie verloren, Nina, bedenken Sie das!« Sie wolle das gar nicht bedenken, antwortete Nina kurz angebunden. Chalke Ewing habe nichts Derartiges gesagt. »Ich muß sagen, ich mache mir nicht viel aus Galerien und alten Ölgemälden, und Statuen finde ich fürchterlich.« Francis bekundete seine Überraschung darüber. Allerdings übertrieb er. »Alte Ölgemälde«, redete er ihr nach. »Ich nehme an, daß Sie handgemalte Ölgemälde meinen. Und Statuen sind fürchterlich! Herkules und Venus.« Chalke unterbrach ihn. »Sprechen Sie zu mir«, verlangte er; »nicht Mrs. Henry hat Ihre Vorstellungen über den Haufen geworfen. Sie sind wie alle geborenen Amateure – Sie wiederholen über Dinge, von denen Sie nichts wissen, platte Fakta, die nichts bedeuten. Der Trojanische Krieg hat stattgefunden, wie es neuerdings scheint, und Helena hat gelebt; aber von der historischen Bedeutung dieser Tatsache wissen Sie nicht das Geringste. Ihr Verstand wird von ein paar Versen befriedigt, um nicht zu sagen verwirrt. Von einem Namen: Homer. Sie glauben, daß Ihre Gefühle Verstandesqualitäten sind, obwohl sie in Wirklichkeit nicht mehr sind als Bestandteile allgemeiner, gewöhnlicher Sentimentalität.« Francis stand unsicher auf. »Homer«, wiederholte er feierlich. »Die Herrlichkeit, die Griechenland war, und die Größe, die Rom war.«

»Nicht Homer«, verbesserte ihn Ewing, »Edgar Allan Poe.«

Francis Ambler musterte Chalke schwer gereizt. Dann machte er Nina eine sehr unsichere Verbeugung. »Sie werden wohl nichts dagegen haben, daß ich mich empfehle«, sagte er zu ihr. »Ich kann ja sehen, daß Sie nichts dagegen haben. Mein Verstand wird von ein paar Versen befriedigt, um nicht zu sagen verwirrt. Und zwar nicht über Troja. Du guter Gott, nein! Hier in Eastlake. Über uns.« Nina dachte, boshafter könnte er nicht sein. Sie war steif und formell. »Es tut mir leid, wenn Sie gehen müssen«, sagte sie ihm. »Aber Sie haben schon einen ganzen Mixbecher Cocktails getrunken, und da wird es so vielleicht besser sein. Sie machen mir Schande, Francis.« Er zog mühsam die Augenbrauen hoch. »Für Schande ist es etwas spät«, erklärte er. »Sie brauchen sich jetzt nicht meinetwegen den Kopf zu zerbrechen. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um meine Lektion zu lernen, um Helena zu verstehen, aber Professor Ewing, dieser gelehrte Hundsfott, hat dafür gesorgt, daß ich sie verstehe. Sie. Uns!« Francis ging auf steifen, unsicheren Beinen, mit einer Miene der Endgültigkeit aus dem Wohnzimmer. Nina rang nach Luft. »Na schön«, sagte sie. »Wir sind ihn los. Ich brauche jetzt nicht mehr zu sagen, daß ich Kopfschmerzen habe. Ich habe sie zwar, aber sie sind ganz überflüssig.« »Zum größten Teil bin ich schuld daran«, gestand Chalke, »Francis Ambler war so zufrieden mit dem, was er auf der Bank hat, daß ich ihm zeigen mußte, was er im Kopf hat. Noch ein paar Minuten, und er wird merken, was er im Magen hat.«

 

Nina ging in die Küche hinaus. »Rhoda«, sagte sie, »wir müssen ein Gedeck abnehmen. Mr. Ambler hat das Dinner nicht abgewartet. Er hat den vollen Mixbecher allein ausgetrunken.« »Miss Nina!« rief Rhoda. »Den ganzen Becher voll! Das ist aber arg, Mr. Francis tut doch sonst so etwas nicht.« Ein Lächeln zeigte sich in Rhodas Augen und ging auf ihren großen Mund über. Sie lachte aus ganzem Herzen. »Auf jeden Fall war es der richtige, Miss Nina. Wenn einer gehen mußte, Miss Nina, dann war das Mr. Francis. Miss Marys Bruder dürfen Sie nicht so leicht gehen lassen. Sie müssen eben dafür sorgen, daß er gar nicht daran denkt. Heute abend ist ja niemand von der Familie da.« »Sie müssen sehen«, sagte Nina, »daß die Mayonnaise sich gut im Salat verteilt.« Als sie wieder zum Tisch kam, saß Chalke ruhig und kühl da. »Du hast nicht zu sprechen«, befahl sie ihm; »du mußt friedlich sein und darfst dich nicht mit Worten quälen. Heute abend ist mir die ganze Vergangenheit völlig gleichgültig. Ich weiß nicht, ob ich in Amerika oder in Afrika bin, ich will nie wieder etwas von Mädchenschulen hören. Du kannst unmöglich etwas sagen, was mich interessieren würde. Außer einem. Das ist immer das gleiche. Du weißt ja, was es ist, Chalke, und Rhoda ist nicht im Zimmer. Du könntest es ganz ruhig sagen. Du hättest sogar Zeit, um den Tisch zu kommen und mich zu küssen. Wenn wir verheiratet sind, erwarte ich, daß du es tust. Sobald wir verheiratet sind. Ja, dann würdest du mich küssen müssen. Und wenn dir dein Essen noch so gut schmeckt. Du mußt dir klarmachen, daß ich dich nie in Ruhe lassen werde. Wenn du glaubst, daß du lesen wirst, mußt du den Verstand verloren haben. Ich werde mich zwischen dich und das Buch stellen. Chalke, ich werde mich zwischen dich und dein Denken stellen. Ich werde dich nicht denken lassen. Es ist schlecht, zu denken.

Ich könnte um den Tisch herumgehen und dich küssen. Daran hast du nicht gedacht. Außer uns und Rhoda ist kein Mensch im Haus, und sie kommt nur, wenn ich um etwas klingle. Du kennst Rhoda nicht. Ihrer Meinung nach haben die Menschen nur glücklich zu sein. Sie zerbricht sich nicht den Kopf über das, was uns wichtig ist. Uns, Lieber. Ich habe Rhoda sehr gern, und heute abend denke ich wie sie. Ich werde mir auch keine Sorgen machen, Chalke. Denkst du wie Rhoda? Darauf will ich gar keine Antwort, weil das so vernünftig ist, daß du es für idiotisch halten wirst. Ich will nicht vorsichtig sein, Chalke, und ich will Unsinn reden. Ich habe mir in der letzten Zeit furchtbar ernste Sorgen über Cordelia und Wilson machen müssen, und darum will ich gerade jetzt nicht vernünftig sein. In Wirklichkeit will es ja auch niemand. In seinem Herzen will es kein Mensch. In deinem Herzen willst du nicht vernünftig sein. Du möchtest, daß ich um den Tisch herumkomme und dich küsse.« »Was ich möchte«, sagte Chalke Ewing, »ist Salat. Was für Salat gibt es, Nina?« Sie klingelte Rhoda. »Gurken«, antwortete sie; »um dir zu erklären, was alles in der Mayonnaise ist, würde ich die ganze Nacht brauchen. Wenn ich vom Küssen rede, mußt du an Gurken denken? Ja? Natürlich kann das eine Ideenassoziation sein – kühl wie eine Gurke. Wenn du so bist, schäme ich mich für dich. Wenn du es sein willst, werde ich dich an der Nase herumführen. Ich werde dich an der Nase herumführen, Chalke.«

Er blieb unter dem Ansturm ihrer Worte gelassen, anscheinend ungerührt. Chalke Ewing trank Kaffee, rauchte und betrachtete sie nachdenklich. Sie klingelte. »Rhoda«, sagte Nina zu ihrer Köchin, »wenn Sie fertig sind, räumen Sie den Tisch ab. Mr. Ewing und ich bleiben noch eine Weile hier. Sie müssen sich übrigens heute einen Wagen nehmen, es ist schrecklich heiß, und Sie haben alles allein machen müssen. Wenn das Wetter schön ist, lasse ich die Mädchen gewöhnlich zu Fuß nach Hause gehen. Es ist nicht weit. Im Hause bleiben sie in Eastlake nicht. Chalke, was wollte ich sagen, als du mich so ungezogen unterbrachst?« Er sprach mit leiser, müder Stimme. »Ich habe dich nicht unterbrochen. Was du sagen wolltest, kann kein Mensch wissen. Niemand. Es war etwas, glaube ich, von einer Gurke, die du zum Sohn hast.« Sie lachte ihm mit zärtlichem Spott zu. »Nicht zum Sohn, zum Liebhaber«, verbesserte sie ihn. »Ich habe eine in Scheiben geschnittene Gurke zum Liebhaber. Eine eisgekühlte Gurke. Ist es im Haus nicht still und überhaupt herrlich? Ich weiß immer, wann Cordelia nicht da ist, weil dann das Radio still ist, nur dann. Sollen wir es anstellen, Chalke? Ich sehe dir an, daß du mir jetzt die moderne Musik ganz genau erklären willst. Da irrst du dich aber. Du wirst mir gar nichts erklären.« Sie stand auf und ging zu ihm. »Wenn du nicht sagst, daß du einfach verrückt nach mir bist, darfst du überhaupt nichts sagen.«

Nina beugte sich vor und küßte ihn zwischen die Augen. Dann sah sie ihn an. »Das wollte ich immer schon wissen«, gestand sie, »wie mein Lippenstift auf dir aussieht.« Er blieb sitzen und zog sie an sich. Chalkes Kopf schmiegte sich an ihre Brust. Ihr Körper schmerzte vor Sehnsucht und Freude. Nina beugte sich vor, so daß ihr Gesicht an seinem lag. Sie veränderte die Lage langsam, bis ihr Mund den seinen berührte. Sie küßten einander länger, mit mehr Hingäbe, als je zuvor. »Die Veranda«, sagte Nina mit gebrochener Stimme; »dort wird es besser sein.« Auf der Veranda zündete Chalke sich jedoch wieder eine Zigarre an. Aus seinem Benehmen ging klar hervor, daß er ruhig bei ihr sitzen wollte. Nina begann zu begreifen, daß er über außerordentliche Selbstbeherrschungskräfte verfügte. Chalke wollte ihr nahe sein, er war durchaus keine kühle Gurke – aber er hatte nun einmal beschlossen zu warten, bis sie frei wäre. Mein Gott, heute abend war sie frei. Sie liebten einander. Sie begehrten einander. In ihrer dunklen, verhüllenden Nacht war außer ihnen selbst niemand da. Selbst Rhoda, die ihr geraten hatte, Chalke zu erobern, war gegangen.

Ein Kampf, das wurde Nina klar, hatte zwischen Chalke Ewing und ihr angehoben, ein sehr alter Kampf – der Konflikt zwischen einer Frau und einem bestimmten Mann. Sie wollte Chalke und nur Chalke, und sie wollte ihn sofort; er wollte sie, aber für ihn gab es noch andere, ebenso wichtige Notwendigkeiten. Vielleicht waren sie sogar wichtiger. Konnte sie es erreichen, daß er diese Notwendigkeiten vergaß, für sie aufgab, dann war sie Siegerin. Wenn er erreichte, daß sie wartete, bis alle seine Forderungen erfüllt waren, würde er triumphieren. Wenn es dazu kommen sollte, sagte sich Nina, werde sie ihn niemals ganz erobern, niemals ganz besitzen. Darauf war sie sehr erpicht, sie wollte Chalke in ihrer leidenschaftlichen Liebe ertränken. Sein Gesicht an ihres pressen, bis er für alles andere unempfindlich war. Ihr Körper, fühlte sie, muß seine Erde sein und sein Himmel. Die Männer weichen den Frauen in zahllosen kleinen und großen Dingen aus. Ein Mann, der einen liebt, geht immer noch in anderen Angelegenheiten auf, in lächerlichen Angelegenheiten. In Holz und Zuckerrohr. Es gibt Stunden, sehr viele Stunden, in denen er lieber Golf spielt oder liest. Insgeheim verdrießt die Männer die Macht der Frauen, die sie am innigsten lieben, sie entziehen sich ihnen mit einem Gefühl der Erleichterung – Chalke wird sich ihr niemals entziehen dürfen, dazu war Nina Henry fest entschlossen.

Erstens war sie nicht jung. Mit mehr als vierzig Jahren hatten sie einander kennengelernt, zu lieben begonnen. Es war keine Zeit zu verlieren. Sie wäre von Herzen bereit, ihr ganzes übriges Leben in Chalkes Armen zu verbringen. Nina war bereit, sich von der Liebe töten zu lassen, ja, sich und Chalke. Wofür soll man schließlich leben? Nina war überzeugt, daß er nicht ganz so denken würde. Durchaus nicht. Nun, das ist eben unmöglich. Das braucht sie auch gar nicht zu erreichen, um zu siegen, um Chalke ganz zu ihrem Eigen zu machen. Nina entdeckte, daß sie ihr Teil in dem Kampfe in ihnen, zwischen ihnen auf sich genommen hatte.

Sie hat sich, um einen Soldatenausdruck zu gebrauchen, gestellt. Wenn sie jetzt einen Mißerfolg hat, kann es gefährlich werden. Sie kann jede Gefahr vermeiden, indem sie sich einfach ganz ruhig verhält. Chalke ist, da mag er noch so sehr den Kopf verloren haben, durchaus kein ungefährlicher Mann. Er besitzt kolossale Charakterstärke, große Entschlußkraft und maßlosen Stolz. Sie muß mehr zuwege bringen als bloß Erfolg haben – sie wird allen Takt brauchen, der ihr zur Verfügung steht. Mit anderen Worten, ein Erfolg ist für sie nahezu gefährlicher als ein Unterliegen. Das begriff sie durchaus, aber es machte sie nur bedenkenlos. Sie war Nina Henry und nicht eine vorsichtige Mary Gow. Sie hatte sich von Eastlake frei gemacht.

So vieles stand ihr unmittelbar bevor, und doch saß sie still da, anscheinend nur mit der Zigarette beschäftigt, die sie in der Hand hielt. Die Nachtluft war ganz unbewegt. Später – es mußte schon sehr spät sein – würde der Mond scheinen. Francis Ambler fiel ihr ein, wie er steif aus dem Wohnzimmer gegangen war. Diesmal ist er für immer gegangen, sagte sie sich. Das bedeutet ihr jetzt nichts. Es bedeutet einfach, daß er ein ganz klein wenig früher verschwunden ist als alles andere. Ein Plan, eine Möglichkeit, tauchte träge vor ihr auf. Mit wachsender Aufmerksamkeit prüfte sie ihn. »Chalke«, sagte Nina, »hier muß es heißer sein, als es jemals in Cuba werden kann. Ich bin das nicht so gewohnt wie du. Was meinst du, wenn wir ein bißchen hinausfahren? Das haben wir schon einmal getan, und ich habe dich sicher zurückgebracht.« Ewing stand auf. Diesmal, dachte Nina, spielt die Sicherheit nur eine kleine Rolle für sie.

 

Ab und zu bewölkte der Himmel sich da und dort; die Sterne strahlten, und dann verfinsterten sie sich wieder für eine Weile. Die Fenster von Ninas geschlossenem Wagen waren offen, und heiße, drückende Luft schlug gegen ihr Gesicht. Der Mond – er war kaum noch halb – ging auf, und ein ungewisser, wechselnder Schein fiel über Felder und Wasserläufe. Keiner von beiden sprach. Chalkes Arm, der auf der Lehne hinter Nina lag, streifte ihre Schulter. Sie war in einem glücklich und bekümmert. Unruhig. Die Kopfschmerzen, die sie vor dem Dinner angewandelt hatten, kamen wieder. Im Hintergrund ihres Kopfes lauerten sie wie eine Drohung von Bösem. Der dunkle Schatten eines Felsen stieg vor ihnen auf. »Ich hatte keine Ahnung, wo wir sind«, sagte Chalke Ewing. Nina lenkte den Wagen langsam durch die Einfahrt zum Steinbruch. Sie hielt scharfe Ausschau. Niemand war da. Sie fuhr am Wasser ein Stückchen weiter, bis sie an einer Stelle war, wo sie Platz genug zum Umdrehen hatte. Ninas Hände fielen vom Lenkrad herab; sie saß schweigend da und blickte auf das dunkle glatte Wasser hinaus. Mit einemmal waren Müdigkeit und Zweifel über sie gekommen. Sie war zu erschöpft, um die Hände zu heben. Sich eine Zigarette anzuzünden. Chalke öffnete die Tür an seiner Seite und trat heraus. Er ging an den Rand des Wassers. Ninas Unruhe wuchs. Chalke kam zurück und setzte sich wieder neben sie. Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. Er nahm ihren kleinen, eng anliegenden Hut ab und küßte sie aufs Haar. Das war alles. Nina machte eine Bewegung, bis sie ganz in seinen Armen war. Dann rückte sie wieder fort. »Mir ist fürchterlich heiß«, sagte sie. Nina stieg aus dem Wagen. Sie blickte angespannt in das Wasser. Dann wandte sie sich mit einer entschlossenen Bewegung um. »Ich möchte ins Wasser und schwimmen«, erklärte sie. Chalke Ewing trat zu ihr.

»Das wäre gut«, meinte er. »Aber es geht nicht. Wir haben nichts da – Schwimmanzüge, Badetücher.«

»Wirklich«, sagte Nina, »wirklich, Chalke, wir brauchen gar nichts. Es ist stockfinster, und jetzt hat man beim Baden ohnedies so gut wie nichts an. Es ist so heiß, daß wir in einer Sekunde wieder trocken sein können. Kein Mensch wird herkommen oder etwas davon wissen. Tun wir's, Chalke.« Er hatte offensichtlich Bedenken. »Es wäre für mich leichter als für dich«, sagte er; »ich fürchte, es wird dir nachher unbehaglich sein, beim Nachhausefahren.« Nina ging auf die andere Seite des Automobils. Sie setzte sich auf das Trittbrett und streifte die Schuhe ab. »Ich bin gleich fertig«, rief sie. Sie beschloß, Schlüpfer und Büstenhalter anzubehalten. Das würde tatsächlich völlig korrekt sein. Nina stand auf und zog sich das Kleid über den Kopf; im nächsten Augenblick hatte sie den Strumpfgürtel abgelegt; aus ihren Kleidern machte sie ein kleines Häufchen im Wagen. Dann schritt sie langsam, aber ohne zu zaudern, an den Rand des Wassers, sie blickte sich nicht um. Die Luft war herrlich auf ihrem nackten Leib; ein neues, ganz besonderes Freiheitsgefühl ergriff Besitz von ihr. Sie war sich in wohltuender Weise ihres Körpers bewußt. Es war wie das Gefühl, das sie zu Hause in ihrem Bad hatte, aber hundertfach verstärkt. Noch niemals, so schien es Nina, war sie so lebendig gewesen.

Sie hörte ein schwaches Geräusch hinter sich, und Chalke Ewing stand neben ihr. Er war, zum Schwimmen, in seinen Unterhosen ganz korrekt. Chalke stand neben ihr, aber er hütete sich, wie sie sah, davor, sie zu berühren. Nina nahm ihn bei der Hand. »Ich werde dir zeigen, wo die Treppe ist«, sagte sie. »Gleich hier. Es ist näher am Wasser.« Sie setzte sich auf eine hölzerne Plattform und ließ die Beine in den Teich hängen. Das war komisch. Neben ihr war ein Sprungbrett – Chalke trat gemessen an das Ende und verschwand mit einem glatten, raschen Sprung im Wasser. Im nächsten Augenblick konnte sie ihn schwimmen hören. »Es ist ganz warm«, rief er. »Bleib nicht dort sitzen. Komm herein. Nachher wird dir kühler sein.« Nina schwamm langsam, aber recht ordentlich da hin, wo er sich treiben ließ; sie drehte sich auf den Rücken und legte einen Arm über seinen. Augenblicklich begannen sie unterzugehen. »Du hältst zuviel aus dem Wasser«, belehrte Chalke sie. »Vor allem deinen Kopf.« Er schwamm von ihr fort und zurück.

Nina warf die Arme in die Höhe und ließ sich sinken. Endlich berührten ihre Füße den Grund, und, mit einemmal erschrocken über die Sonderbarkeit ihrer Situation und das Wassergewicht, das auf ihre Ohren drückte, trieb sie sich mit raschen Schlägen an die Oberfläche zurück. »Chalke«, rief sie, »Chalke«. Er kam rasch zu ihr. »Was ist?« fragte er besorgt. »Was war denn?« Als er ganz nahe bei ihr war, gestand sie, daß nichts gewesen sei. Dennoch schwamm sie sofort zur Treppe und ging auf die Plattform. »Setz dich neben mich«, bat sie ihn. Nina legte ihren Arm um ihn und zog ihn näher. Sein Körper war an ihrem Körper, seine Haut berührte die ihre, und tiefe Zufriedenheit erfüllte sie. »Ist es nicht wunderbar«, fragte sie; »ist es nicht schrecklich, wie die Mehrzahl der Menschen meistens leben muß? Chalke, ich bin – ich bin vierzig und war bis jetzt noch nie ganz glücklich. Nicht so wie jetzt. Ich bin ganz glücklich, Chalke, und doch – das ist das Herrliche daran – weiß ich, daß ich noch glücklicher sein werde. Wahrscheinlich werde ich gar nicht imstande sein, es zu ertragen. Wahrscheinlich wird es mich töten. Darauf bin ich gefaßt.«

»Auch mein Leben war schlecht«, sagte er. »Wie schlecht es war, wußte ich nicht einmal, bevor ich dich kannte. Ich glaube, ich habe mein ganzes Leben lang darauf gewartet. Auf dich. Ich wußte es natürlich nicht. Manchmal war ich nahezu zufrieden. Bedenke doch!« rief Chalke Ewing aus. »Ohne dich.« Ninas Arm legte sich impulsiv um seinen Hals, sie zog seinen Kopf auf ihre nasse Brust herunter. »Du darfst nicht daran denken«, flüsterte sie. »Nie wieder. Du wirst nie wieder ohne mich sein. Kannst du das fassen? Ich sage mir, daß es wahr ist, aber ich kann es kaum glauben.« Er lag ruhig in ihrer Umarmung. Dann machte er sich sehr sanft frei, stand auf. »Du mußt dich anziehen, Nina«, mahnte er. »Du kannst mein Unterhemd als Handtuch benutzen. Ich werde es nicht brauchen.« Bitter enttäuscht stand Nina auf; ihre Erregung war betrogen worden.

»Du hast immer recht, Chalke«, sagte sie, während sie zum Wagen zurück ging. »Hoffentlich wirst du nicht böse, wenn mir das zuviel wird. Manchmal.« Mit einer raschen, ärgerlichen Bewegung riß sie sich den Schlüpfer ab, dann den Büstenhalter und schleuderte beides zu Boden. »Da hast du das Hemd«, sagte ihr Chalke. Er wollte es ihr über den Kühler reichen, aber sie ging absichtlich um den Wagen herum und nahm es ihm aus der Hand. Sie setzte sich neben ihn auf das Trittbrett und trocknete sich umständlich die Beine ab. Sie konnte nicht sehen, daß er ihr auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Dann ging Nina wieder auf die andere Seite zu ihrem Gürtel mit den Strümpfen, den Schuhen und dem Kleid. Nun, es ließ sich nicht leugnen, sie war unterlegen. Sie hatte Chalke Ewing nicht erobert. Er war, dachte Nina, siegreich gewesen. Und zwar mit demütigender Leichtigkeit. Ärger und heftige Bewunderung für ihn rangen miteinander in ihr. Der Ärger siegte. Er hatte kein Recht, so gleichgültig gegen sie zu sein. Nina ließ den Motor mit einem knirschenden Geräusch anspringen und fuhr in leichtsinnig raschem Tempo aus dem Steinbruch heraus. Chalkes Arm berührte leicht ihre Schulter. Er machte eine Bemerkung auf Spanisch, die, wie Nina merkte, bedeutete, daß alles sehr schön gewesen sei.

»Es ist heißer geworden und nicht kühler«, erwiderte sie. »Wenn ich ganz nackt fahren könnte, würde es besser sein. So vernünftig war ich aber, die Strümpfe nicht wieder anzuziehen. Sie sind schon ruiniert. Wie meine Schuhe aussehen werden, weiß ich nicht.« Chalke Ewing lachte. Der erste Satz habe so geklungen, sagte er, als hätte er den Vorschlag zum Schwimmen gemacht. »Sicher hast du den Vorschlag gemacht«, antwortete Nina. »Mir wäre das nie eingefallen. Ich weiß gar nicht, wie du auf den Gedanken kommst, daß ich so frei sein könnte. Halt das Rad, bitte, ich muß die Streichhölzer herausholen.« In einer raschen Laune versuchte sie ihm die Nasenspitze zu verbrennen, aber es gelang ihm, die Flamme vorher auszublasen. »Um Himmels willen«, sagte er ihr; »sei vorsichtig. Ich bin leicht entzündbar.« Das war ihr doch zuviel. Sie lachte ihm offen ins Gesicht, aber das Lachen blieb ihr in der Kehle stecken – seine Finger bohrten sich plötzlich erbarmungslos in ihre Schultern. Das kam so plötzlich, der Schmerz war so überwältigend, daß sie die Herrschaft über den Wagen verlor, er drehte sich und blieb erst mitten auf einer mit Ranken bewachsenen Böschung stehen.

Glücklich und ohne Unfall kam der Wagen wieder auf die Straße. Chalke Ewing sagte nichts; sein Arm auf der Lehne ihres Sitzes berührte sie leicht. Fünf einzelne Stellen auf Ninas Schulter schmerzten heftig. Wo seine Finger gedrückt hatten. Unklare Furcht trat an die Stelle ihrer ärgerlichen Aggressivität. Ihre Sicherheit verwandelte sich ganz in Unsicherheit. Nach einem Kampf zwang sie sich, Chalke anzublicken. Nina sah nur seinen Hinterkopf – er schaute zum Fenster hinaus.

 

Sie begann über den Schmerz in ihrer Schulter anders zu denken – er wurde zu einer kostbaren, großen Wonne. Es war die heftigste Freude, deren sie sich entsinnen konnte. Nina drückte ihre Schulter an die Seitenwand des kleinen Wagens und belebte so den Schmerz. Ihr ganzes Sein, ihre ganze Haltung gegen Chalke war anders – eine Flut der Zärtlichkeit stieg über sie empor; ein Schutztrieb für Chalke wurde stark in ihr, ein Begehren, ihn vor allen Unannehmlichkeiten und Enttäuschungen des Daseins zu bewahren. Ruhe war an die Stelle ihrer Rastlosigkeit getreten, mit einemmal schien das Universum einer vollkommenen Ordnung zu folgen – Sterne und Blumen, Tag und Nacht, Leben und Liebe, ein jedes interpretierte und vervollständigte das andere. Sie fuhr mit besonderer Vorsicht. Noch immer schwiegen sie. Der Halbmond, der schon lange aufgegangen war, schien Nina auf dem Himmel festzustehen. Wer war das – jemand in der Bibel – wer hatte der Sonne befohlen, stillzustehen, bis eine Schlacht gewonnen wäre? Jetzt, sagte sie sich, wartete der Mond auf ihre Liebe.

»Rauchst du nie Zigaretten?« fragte sie Chalke Ewing. »Sie sind so bequem. Sie verpflichten nicht so wie eine Zigarre. Zum Beispiel jetzt, wenn du rauchen wolltest. Siehst du, wir sind bald zu Hause, und eine Zigarre, eine von deinen Zigarren, würde zu lange dauern. Ja, Chalke, Lieber, eine von deinen Zigarren würde eigentlich bis China reichen. Über den Stillen Ozean. Ich würde dich sofort verlieren.« Nina sprach mit warmer und anscheinend gelassener Munterkeit. Ihre Worte erfüllten die Luft ihrer Rückkehr. Sie wollte nicht, daß Chalke denke. Im Augenblick, so hoffte Nina, gab es keine Wirklichkeit für sie außer ihnen selbst. Es war nur eines da: eine verhüllte Sehnsucht. Ein sorgfältig verborgenes, unüberwindliches Begehren. Alles überlegte Planen Ninas war fort, versunken in schattenlosem Gefühl. Kein Wissen um Zweifel, kein Bedürfnis nach unglückseligen Listen war in ihr. Sie verwunderte sich ein Weilchen darüber und dachte dann nicht mehr daran. Vernunftgründe waren ohne Bedeutung für sie.

Wenn man solche Dinge wie Gefühle, entdeckte sie, in Worte kleidet, und sei es auch nur im eigenen Gemüt, ändert und entstellt man sie. Die Worte nehmen dem Gefühl seine Frische und Vielfältigkeit. Die Worte machen es gewöhnlich und lügen darüber. Die Worte, das ist es, umkleiden schöne Gefühle mit einem Schein von Häßlichkeit und Unrecht. Der Wagen kam vom oberen Ende der Stadt über die North Street nach Eastlake; kein anderer Wagen, kein Mensch war zu sehen. Ninas Automobil erzeugte zwischen den geschlossenen, finsteren Rolläden ein schwaches, rasch ersterbendes Geräusch. Sie bog nach links ab und kam an Justin Gows Garten vorüber; sie kreuzte die Kingsmill Street und fuhr, an den Baches vorbei, zu ihrem dunklen Stall. »Geh lieber zum Tor«, erklärte sie Chalke, »du wirst dich im Dunkeln stoßen.« Sie schaltete aus, die grellen, weißen Lichtstrahlen verschwanden, und Nina schloß den Wagen ab. »Ist ein Schloß da?« fragte Chalke. »Ich kann jedenfalls keines finden.« Die Tür schließe selbst, sagte sie ihm.

Nina ging langsam um das Haus zur Vorderveranda. Chalke war neben ihr. Er stieg mit ihr die Verandatreppe hinauf und ging in die Diele dahinter. Nina schaltete eine Lampe im Wohnzimmer ein. Es war eine kleine Lampe mit grünem Papierschirm, die auf einem niedrigen Tisch stand und nur wenig Licht gab. »Ich muß ein Glas Wasser trinken«, erklärte sie. Chalke Ewing ging auf die Tür zu, aber sie hielt ihn zurück. »Du hast keine Ahnung, wo du etwas finden könntest. Setz dich und wart auf mich.« Er gehorchte ihr in einer seltsamen körperlichen Trägheit. In der Küche nahm Nina einen Krug Wasser aus dem Kühlschrank und schenkte sich ein Glas ein. Sie trank es langsam im Stehen vor dem Ausguß. Instinktiv, ohne ersichtlichen Grund, verschob sie die Rückkehr in das Wohnzimmer. Es widerstrebte ihr, zu Chalke zurückzugehen, sie wollte ganz einfach jeden Vorgang, jede Erfüllung der Nacht hinauszögern.

Als sie schließlich zurückging, hatte Chalke Ewing sich nicht gerührt. Seine Hände lagen auf der Lehne seines Sessels, wo sie sie zuletzt gesehen hatte; seine Knie waren in der gleichen Lage; sein Blick war zu Boden gerichtet. Nina stand überlegend neben ihm. Ihr Kinn war emporgereckt, ihre Augen halb geschlossen. Alles mögliche fiel ihr ein, aber sie unterdrückte es und sagte nichts. Worte verliehen den Gefühlen, den Hoffnungen eine bedrohliche Gestalt. Nina wandte sich um und verließ, rasch und still wie ein flüchtiger Gedanke, Ewing. In ihrem Schlafzimmer, ihr Blick war immer noch verschleiert, zog sie sich aus. Sie untersuchte ihre linke Schulter und fand augenblicklich zu ihrer größten Zufriedenheit fünf stark ausgeprägte blauschwarze Druckstellen auf der Haut. Nina hatte den Eindruck, daß der Steinbruch eine unwägbare, doch wirkliche Schicht um ihren Körper zurückgelassen hatte, die geruchlos und unangenehm war. Sie werde ein Bad nehmen müssen, dachte sie. Nina ließ Wasser, so heiß, daß sie es gerade noch ertragen konnte, in ihre Wanne, sie parfümierte es, und dann ließ sie sich behaglich in dieses köstliche Vergnügen gleiten. Sie blieb bewegungslos, verloren in kleine, verfliegende, namenlose Empfindungen; sie war sehr langsam in ihren Bewegungen mit Schwamm und Seife. Überaus sorgfältig trocknete sie sich ab. Dann steckte sie ihre Zehen in schwarze Atlaspantöffelchen, die Riemen ließ sie offen, und nahm einen dünnen schwarzseidenen Schlafrock.

Als sie sich parfümiert hatte, verweilte sie über der Schublade, in der ihre Nachthemden lagen; die Wahl wurde ihr schwer zwischen etwas ganz Dünnem, das mit winzigen rosa Rosenknöspchen in grünen Kränzen bestickt war, und kaffeebraunem Crêpe de chine mit schwarzer Spitze. Schließlich wählte sie das erste – es war weniger raffiniert. Es fiel mit kaum mehr Gewicht als ein Seufzer über ihre Schultern, sie setzte sich an ein Fenster und blickte in die Nacht und auf den Halbmond hinaus. Sie hatte, mußte Nina denken, die Grove Avenue mit ihren Ahornbäumen, in allen Jahreszeiten und bei jedem Wetter gesehen – in dampfendem, feuchtem Nebel, im Eis glitzernd wie kandierte Früchte und glasierte Schokolade, mit den leuchtenden, grünen Knospen im zartgrünen Schleier des Frühjahrs, golden im Herbst, und weiß, still im Schnee. Eine breite, friedliche, bebaute Straße. Wilson und sie waren vor Erregung stumm gewesen, als sie das Haus in ihr gekauft hatten. Eines der hübschesten Häuser, im hübschesten Teil Eastlakes. Es hatte ihnen das Gefühl gegeben, gesellschaftlich von Bedeutung zu sein.

Als Chalke Ewing in das Zimmer kam, wußte sie es, bevor sie ihn wirklich hörte. Ihr Herz zog sich rasch zusammen, und sie atmete schwer. Er war, wie er sich da in ihrem Schlafzimmer umherbewegte, gleichzeitig wirklich und unwirklich. Er war unwirklich, ohne beunruhigend zu sein. Nüchternes, Sachliches wurde eins mit verschwommener Phantasie. Alles glich mehr einem geistigen Vorgang als körperlicher Verheißung. Sie merkte, daß ihre Hände ganz kalt waren, aber sie war nicht nervös. Nicht eine Spur von Unsicherheit war in ihr. Was um sie, in ihrem eigenen Bewußtsein vor sich ging, schien unvermeidlich zu sein. Chalke kam zu ihr heran, und sie stand auf; sie ließ ihn in ihrem Sessel sitzen; an ihn geschmiegt, saß sie auf der Lehne. Kein Gefühl der Hast, des Fiebers war in ihr. Jetzt hatte sie überhaupt kein ausgesprochenes Gefühl. Auf Chalkes Gesicht, sah sie, lag außer dem Dunkel des Zimmers ein Schatten der Müdigkeit. Aber der war mehr oder weniger immer da. Nina versicherte sich, daß er nichts zu bedeuten habe. Sie merkte, daß sie sprach.

»Man kann sein Leben nicht dirigieren. Niemals. Es dirigiert sich selbst. Ob man will oder nicht. Man kann den Dingen ein wenig nachhelfen. Würde es dich denn überhaupt glücklich machen, zu wissen, daß ich da nachgeholfen habe? Ich habe mich so schrecklich danach gesehnt. Auch nicht gerade danach; ich meine, nach dir. Ich wollte nicht länger auf dich warten, als unvermeidlich ist. Wirklich, ich hatte Angst vor dem Warten. Es konnte so viel geschehen, und doch konnte ich nicht machen, daß du mich liebst. Ich konnte nicht einmal machen, daß ich dich liebe. Zuerst hattest du mich wütend gemacht. Aber ich wußte, daß etwas anderes in mir vorging. Ich konnte es in der ersten Minute nicht erkennen, Chalke. Als ich damals am Sonnabend den Landklub verließ, als ich mein ganzes altes Leben verließ, um zu Mary zu gehen, um zu dir zu gehen, damals wußte ich es. Als du mich geküßt hattest, wäre ich nahezu gestorben, so sehr hatte ich auf einen Kuß von dir gewartet. Dann war alles vorüber. Für immer. Die Liebe ist stärker als wir beide. Mir liegt jetzt nur eines am Herzen – ich will dich glücklich machen. Nichts anderes wird künftig wichtig sein. Nur du. Ich mußte mich dir sobald wie möglich geben. Damit du besser verstehst. Damit, da du mich ja willst, kein Zweifel bleiben kann. Du könntest es niemals wirklich wissen, bevor ich das getan habe. Der Rest ist nichts, Chalke. Chalke, der Rest –« Nina stürzte in seine Arme. Ein Pantoffel fiel herunter. Ihre Augen schlossen sich. Sie fühlte sich sehr jung, als sei niemals etwas Wesentliches mit ihr geschehen. Jung, mit einem frischen und reinen Herzen.

 

Nina glaubte, Chalke ganz angezogen über das Bett geneigt zu sehen. Instinktiv schlang sie die müden, nackten Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herunter, bis sie ihn küssen konnte. Eines war seltsam – sein Gesicht war grau. Gewöhnlich war Chalkes Gesicht braun. Darüber dachte sie nach, bis sie sah, daß das Zimmer um sie grau war. Es hatte begonnen hell zu werden. Aber noch war es nicht hell. Es war nur ein Versprechen der Helligkeit, des Morgens. Unendlicher Friede hüllte sie ein. Als sie wieder aufwachte, war das Zimmer voll Licht, Sonnenschein lag auf dem Boden, ein Rotkehlchen flötete. Nina konnte die Kleider, die sie des Nachts abgelegt hatte, zerknüllt auf einem Stuhl liegen sehen. Ihr Kleid wird gereinigt werden müssen. Sie hat Chalkes Unterhemd als Badetuch benutzt. Alle Ereignisse der vergangenen Nacht wanderten wieder durch ihr Gedächtnis. Alles war klar und natürlich. Nina lenkte ihre Gedanken auf sich selbst zurück – sie war ruhig und unerschüttert. Es sollte ihr wohl ganz anders zumute sein. Jetzt hatte sie sich des Ehebruchs schuldig gemacht.

Das, entdeckte sie augenblicklich, bedeutete nichts für sie. Sie entließ es mit einem schwachen Lächeln aus ihren Gedanken. Sie hatte nicht das Gefühl, eine Sünde begangen zu haben. Sie konnte nicht einmal die Vorstellung von einem außerordentlichen Ereignis in sich finden. Es war aber außerordentlich. Es mußte so sein. Erstens hat sie mit einem anderen Mann geschlafen als Wilson Henry. Dem zweiten in ihrem ganzen Leben, und sie ist zweiundvierzig Jahre alt. Das allein ist etwas. Es beweist einmal, daß sie nicht hemmungslos ist. Nie ist sie eine schlechte Frau gewesen. So, wie Eastlake es meint, wenn es sagt, eine schlechte Frau. Sie ist vielmehr wirklich eine sehr gute Frau gewesen. Es ist nicht ihre Schuld, daß das Wilson gegenüber aufgehört hat. Nina rief sich ins Gedächtnis, daß ihre Liebe zu ihm schon gestorben war, bevor sie sich in Chalke verliebt hatte. Sie wiederholte sich diese Wendung, in Chalke verliebt. Auf diese Weise hatte Nina niemals Wilson Henry geliebt. Niemals! Niemals! Niemals! In all den Jahren, die sie mit ihm gelebt und ihm Kinder geboren hat, ist nie die Empfindung in ihr gewesen, die Chalke ihr gebracht hat. Sie hat ganz einfach nichts davon gewußt. Das, meinte sie, ist sehr interessant.

Es bedeutet, daß man mit einem bestimmten Mann verheiratet sein muß, daß kein anderer Mann, in dem gleichen vollkommenen Sinn, genügen kann. Vorausgesetzt natürlich, daß es nur einen Chalke Ewing auf der Welt gibt. Und es gab, dessen war sie sicher, keinen wie ihn. Keinen anderen Mann in der ganzen Schöpfung für sie. Ihre Gedanken tauchten in einer Woge des Gefühls unter. Sie schloß die Augen in der Erinnerung. Es ist also kein Unrecht für sie, zu Chalke Ewing zu gehen, es ist Unrecht für sie, bei Wilson zu bleiben. Das, sagte sie sich, wäre Ehebruch. Passiver Ehebruch jetzt, mit Wilson. Und doch hat sie nie eine Möglichkeit gehabt, zu wissen, daß Wilson für sie nicht vollkommen sei, sie hat nie eine Möglichkeit gehabt, zu wissen, was Vollkommenheit ist. Als keine Vergleichsmöglichkeit da war, hatte Wilson ihr genügt. Selbstverständlich hatte sie nicht gedacht, daß die Liebe besser sei als das, was sie von ihr wußte. Mein Gott, aber jetzt! Hätte sie Chalke nicht gesehen, so würde sie mit Wilson weiterleben, aber ohne Liebe. Der Rest ihres Lebens wäre leer geblieben. Sie hat jedoch Chalke gesehen, und er hat sie gerettet. Er hat ihr in einer Zeit, um die das wirkliche Leben der meisten Frauen dem Ende zugeht, ein Dasein gebracht, wie man es sich wunderbarer nicht vorstellen kann.

Sie sah auf die Uhr, die auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett stand. Es war erst zwanzig Minuten nach sieben. Rhoda und Harriet kamen nicht vor acht Uhr. Sie verspäteten sich sogar immer um einige Minuten. Nina konnte noch stundenlang liegenbleiben, sie hatte für niemand zu sorgen. Wilson war in Georgia bei Cora Lisher, und die Kinder waren mit dem großen Wagen in Cape May. Sie war froh, daß sie allein war; nichts mußte ihre Gedanken ablenken, sie konnte sich in Chalke Ewing verlieren, in ihn versenken. Auch wach war sie friedlichen Gemüts. Es war genau so wie die Stille, die dem gewaltigen Toben eines Sturmes folgt. Es überraschte Nina, daß sie sich so ruhig fand. Sie war ruhig, entschied sie, weil das, was ihr geschehen war, ganz natürlich war. Es war Natur. Gott hatte sichtlich nichts damit zu tun, sowohl gestern wie heute morgen. Gott gegenüber empfand sie ganz so wie Wilson gegenüber – beide gehörten der Vergangenheit an. Sie konnte nichts daran ändern, es war so. Gott, sagte sie sich, hat nichts mit der Ehe zu tun. Ehen werden nicht im Himmel geschlossen, sondern ganz und gar auf Erden. Sie ist weder Mr. Swingfellow, dem Geistlichen der Hochkirche, verantwortlich, noch ihm.

Ihr Gefühl einer neuen Freiheit von alten moralischen und seelischen Gewichten und Maßen steigerte sich. Einst war sie von vielen Richtern, von zahllosen Urteilen umgeben und gehemmt gewesen, aber jetzt hatte sie nur einen Richter, sich selbst. Der überlegene Zauber des Himmels und die Höllendrohung waren zunichte geworden. Die Meinung ihrer Nachbarn, Eastlakes, war näher; aber Nina fand, daß ihre Angst davor zum größten Teil vergangen war. Bald werden jetzt Chalke und sie zu Wilson gehen müssen; bald wird Eastlake erfahren, daß sie alles, was es für notwendig hält, verläßt, mißachtet. Chalke hatte recht gehabt, als er darauf bestand, in aller Ehrlichkeit so rasch und konsequent wie nur möglich vorzugehen; aber sie, das fühlte Nina, hatte auch recht gehabt. Die Männer haben es immer eilig, sie sehen nicht, wie es wirklich ist. Vor ihrem wirklichen Abschied muß sie sich erst an die Vorstellung gewöhnen, daß sie ihr ganzes vertrautes Heim hinter sich läßt. Wieder zählte sie sich die vielen Gründe auf, die dafür sprachen, das Bekenntnis ihrer Liebe zu Chalke Ewing hinauszuzögern.

Jetzt, so hoffte sie, verstand Chalke diese Gründe wenigstens. Sie dachte daran, wie sein Gesicht ausgesehen hatte, als er kurz vor der Dämmerung ging. Es hatte grau ausgesehen, fremd und fern und fast erschreckend, aber es konnte nicht grau gewesen sein. Das war ein Trugbild ihrer Verschlafenheit gewesen. Chalke hatte ein schönes, klares und braunes Gesicht. Gefärbt, dachte sie, ganz und gar von den Tropen. Sie wird lieber nach Cuba mit ihm gehen als nach New York. Zunächst jedenfalls. Es muß sehr gut sein, von allem fortzukommen, was mit ihrem alten Leben auch nur Ähnlichkeit hat. Die Hitze, die Zuckerrohrfelder und das Erklingen der Trommeln an den Abenden wird ihr gefallen. Dort wird sie mit Chalke isolierter sein als in den Vereinigten Staaten. Vor allem will sie mit ihm allein dort sein, kein anderes Interesse haben. Sie hat ihn darauf aufmerksam gemacht, daß sie sich zwischen ihn und seine Bücher, zwischen ihn und seine Gedanken stellen wird. Es ist unbedingte Notwendigkeit für sie, nicht ein Teil, sondern das Gesamt seines Lebens zu sein. Nichts Geringeres kann ihr genügen.

Ihre Gedanken verschwammen, sie schlief wieder, und als sie aufwachte, lächelte sie. Es war bald neun Uhr; sie hörte Harriet die untere Diele aufräumen. Sie räumte sehr energisch auf – kurze Zeit. Dann hörte sie auf. Nina konnte sich nicht vorstellen, was Harriet machte. Vielleicht ging sie in die Küche zurück, eine Zigarette rauchen. Bald begann das Räumen wieder mit Heftigkeit. Nina klingelte, und fast im gleichen Augenblick war Harriet da. »Harriet«, sagte sie, »ich bin heute früh sehr hungrig. Sagen Sie Rhoda, daß ich weiche Eier möchte. Sie weiß genau, wie ich sie gern habe. Weiche Eier und ein oder zwei Scheiben Speck. Ach ja, Harriet, und Toast. Rhoda soll ihn streichen.« Harriet rief aus: »Miss Nina, müssen Sie hungrig sein! Wir freuen uns, wenn Sie essen, Miss Nina. Sie essen ja weniger als ein Spatz.«

Rhoda brachte Nina Henry das Frühstück herauf. Sie stellte es wie immer an das Fenster und blieb dann an Ninas Bett stehen. »Stehen Sie jetzt auf und nehmen Sie Ihr Bad?«, sagte Rhoda in eindringlichem Ton. »Die Eier werden kalt werden und der Toast auch.« Mit starken, dunklen Händen hob sie Nina vom Kissen auf. »Tun Sie, was ich Ihnen sage.« Rhoda sprach, ohne Nina auch nur einmal anzusehen. Sie hatte das sonderbare Gefühl, Rhoda, und nicht Gott, sei allwissend. Kein Gott konnte so klug und beruhigend sein wie Rhoda. Nach ihrem Bad aß Nina wie eine Verhungerte. Weiche Eier und vier Stück Buttertoast, sehr viel Speck und zwei Tassen Kaffee, mit Zucker! Es war barbarisch. Sie mußte drei Pfund zugenommen haben. Die Grove Avenue sah bereits heiß aus. Die breiten Blätter der Ahornbäume waren schwer von Staub. Sie wußte noch, wie sie troffen und schwer von Feuchtigkeit waren. Es ist zehn Uhr vorüber, und sie hat nichts zu tun; nichts ist zu tun. Es ist Freitag, die Kinder werden erst am späten Nachmittag zurück sein, Wilson kommt erst morgen zum Dinner.

Wann, überlegte Nina, wird sie Chalke wiedersehen? Einmal im Laufe des Tages, natürlich. Wahrscheinlich abends. Am Abend wird sie zu den Gows hinübergehen, sie werden im Garten sitzen. Mit einem Rumswizzle. Mit Zigarren. Mit Chalkes wunderbarer Stimme. Diesmal wird er sie nach Hause bringen. Aber diesmal wird er sofort zurückgehen. Jetzt war Nina es zufrieden, zu warten.

 

Nach dem Frühstück, als Nina sich angekleidet hatte, hob ihre Stimmung sich noch, sie war voll Heiterkeit – die kleinen Pflichten ihres Hauses mit der gewohnten Fahrt im Ford zu den Einkäufen nahmen sehr wenig Zeit in Anspruch. Sie sagte Harriet, sie müsse lernen, sich durch Arbeit mit dem Kopf Arbeit mit den Füßen zu ersparen. Mit Rhoda sprach Nina sehr energisch. Es war schwer faßbar, daß das Haus, in dem sie beschäftigt war, nicht mehr lange das ihre sein sollte. Die Tischwäsche, für deren Vermehrung sie so eifrig gesorgt hat, die Lunchtücher und Teetücher, die sie so genau kennt, werden in andere Hände übergehen. In Cora Lishers Hände. Nina versorgte die Fenster und Tische mit Blumenschmuck – mit weißen und korallenroten Blüten im Frühjahr, mit Gartenrosen und kupferfarbenen Chrysanthemen im Herbst, mit süß und schwer duftenden afrikanischen Lilien im Spätwinter. Die Vasen standen in einem Wandschrank im Speisezimmer, sie füllte sie in der Küche draußen – aber bald wird das anders sein. Nina glaubte nicht, daß Cora viel für Blumen übrig habe. In ihrem eigenen Hause waren nie welche zu sehen. Wahrscheinlich findet Cora, daß Anna Louise allein blumenhaft genug sei.

Nina machte sich klar, daß sie alles, was ihr persönliches Eigentum war, zusammensuchen und selbst Dispositionen treffen mußte, wenn sie vermeiden wollte, daß Frauen wie Cora Lisher, fremde Frauen, in den Privatangelegenheiten ihres Lebens herumschnüffelten. Oben waren Wandschränke mit alten Sachen, mit Kleidern und zahllosen Schachteln voll Briefen und Kleinigkeiten, die sie buchstäblich seit Jahren nicht gesehen hatte. Bilder, Fächer, Handschuhe und alte Tanzkarten mit winzigen rosa Bleistiften, die an verblichenen Bändchen hingen. Erinnerungen an das Mädchen, das sie einst gewesen war. Sie wußte gar nicht, was sie alles, bloß weil es ein Stück ihres Lebens gewesen war, aufgehoben hatte. Die Vergangenheit, wurde Nina klar, wird zu etwas sehr Romantischem lediglich dadurch, daß sie die Vergangenheit ist. Sie ist dahin. Nichts kann sie wiederbringen – die Jahre kehren nicht wieder, die Tage nicht, niemals kommen die Minuten wieder. Und wie die Jahre, Tage und Minuten schwinden, so schwindet man mit ihnen; und dann blickt man bedauernd zurück auf das, was man nie wieder haben, was man nie wieder sein kann.

Es geht auch wie im Nu – man ist in West Point, beim ersten Lämmerhüpfen in Cullem Hall, ein schrecklich aufmerksamer Kadett ist da, der einem Knöpfe von seiner Uniform schenkt; ein Hauch Musik ist da, Akazienblüten in der Nacht; und dann, wenn man die Uniformknöpfe wiedersieht, stellt man fest, daß sie seit nahezu fünfundzwanzig Jahren in einer Pappschachtel liegen, vom Alter blind geworden. So vergeht die Zeit. Das, sagte sich Nina, stimmt sie nicht traurig oder wirklich kummervoll; es ist nichts anderes, als daß sie für ein oder zwei Augenblicke fähig wird, das Leben in voller Klarheit zu sehen. Man kann wissen, daß die Vergangenheit etwas Romantisches ist, ohne darüber unglücklich zu sein. Vor dem Unglücklichsein bewahrt sie Chalke Ewing. Das Gefühl, daß er sie liebt, daß sie zu ihm gehört, ließ alle anderen Gefühle dieser Welt unwichtig werden.

Eine Frage, die Nina sich schon gestellt hatte, kam wieder und verlangte Antwort – wieviel von alledem, was Wilson Henry ihr geschenkt hat, soll sie mit sich fortnehmen? Eines beschloß Nina augenblicklich – sie will ihren Schmuck, alles, für Cordelia zurücklassen. Sie wird ihn in ein Kästchen tun, mit einem Brief und einer genauen Liste, das Ganze versiegeln und dann ihrer Tochter geben lassen. Selbst will sie ihn ihr nicht geben. Nina ging zu der Schublade in dem Toilettentisch, in der sie ihren Schmuck aufbewahrte, und nahm alles heraus. Sie stellte fest, daß sie noch immer den Diamantring trug, der ihr als Ehering diente. Sie streifte ihn ab – endgültig, dachte Nina – und legte ihn zum übrigen. Nun, sie hat eine Perlenkette; die Perlen sind klein, aber sie sind schön, haben eine prächtige Rosenfarbe, und die Kette ist nicht kurz. Sie besitzt ein biegsames Diamantenarmband, das erste Geschenk Wilsons, und ein zweites Diamantenarmband, viel imposanter als das erste, mit viereckig geschnittenen Diamanten; sie hat Armbänder aus dunklen, fehlerlosen Saphiren, aus Platin und aus Goldgliedern; sie besitzt eine breite Brillantnadel, eine kleine Diamantenschließe und viele Brillantagraffen für Hüte und Kleider. Ihr Verlobungsring ist sehr hübsch, er hat einen Rubinsolitär, der so einfach wie möglich in eine Platinschleife gefaßt ist, und sie besitzt einen schönen Smaragdring. Eine ihrer Uhren ist mit Brillanten und Onyx verziert und hat eine Perlenkette, die andere für den Tag ist an einem geflochtenen Lederarmband.

Das war das Wichtigste, außerdem waren zahllose andere, weniger bedeutsame Dinge da – Silberbroschen aus ihrer frühesten Mädchenzeit, Emailarmbänder und Nadeln, und Jett, der ihrer Mutter gehört hatte – diese Kleinigkeiten will sie behalten – außerdem ihre eigenen Manschettenknöpfe aus Kristall, Silber und Gold. Ja, Cordelia muß alles bekommen, außer einigen Manschettenknöpfen, die will sie für Acton zurücklassen. All dies kann sie nicht jetzt ordnen, einiges davon muß sie vielleicht noch selbst tragen. Sie wüßte nicht, was sie ohne die Perlen tun sollte. Heute abend wird Chalke nicht mit Wilson sprechen. Das geht nicht, Wilson ist nicht da. Nina hoffte, daß seine Reise, daß Cora keine Enttäuschung gebracht hätte. Sie fragte sich, nur mit halbem Bewußtsein, ob Wilson Cora Lisher in ein Hotel genommen hätte. Oder ins Gebüsch, fügte sie unverzeihlicherweise hinzu. Heute abend kann Chalke Wilsons und ihrer Situation wegen nicht streng sein. Nina freute sich – sie gehört ganz ihm; was er wünscht, was er wert hält, wünscht sie, hält sie wert. Nur will sie ihr neues, ihr wunderbares Glück nicht so bald gestört, zu etwas Alltäglichem gemacht sehen.

Sie will die Vollendung ihres Glücks nicht hinausschieben, antwortete sich Nina, sie will sich ihm langsam, auf ihre eigene Weise nähern. Zum Beispiel, sie hat für all das zu sorgen, worüber sie eben nachgedacht hat. Das kann sie nicht richtig tun, sobald Wilson einmal weiß, daß sie ihn verlassen will. Diese Periode wird zu entsetzlich sein, um für gewöhnliche Sorgen und vernünftige Handlungen Raum zu lassen. Es wird tatsächlich wie ein böser Traum sein. Sie gehört Chalke Ewing noch mehr als jemals zuvor; bis zu dieser Nacht hat sie kaum gewußt, was das heißt; aber, das mußte Nina sich gestehen, sie ist gerade in dieser Minute mit ihm glücklich. Ihre Situation, die Chalke so viel Kopfzerbrechen macht, stört sie nicht im mindesten. Daran und an Wilson wandte sie keinen einzigen Gedanken. Vorläufig will sie ihren Zustand nicht gegen einen anderen eintauschen, selbst wenn dieser andere noch idealer wäre. Sie hat Angst, ein ganz klein wenig Angst vor jeder Änderung. Chalke hat recht damit, daß es wunderbar sein wird, all die schwebenden Unannehmlichkeiten hinter sich zu haben. Abgetan zu haben.

Ninas Gedanken sprangen rasch von einem Punkt, von einem Schluß zum andern. Ihr Denken begann sie zu irritieren – es wollte, angenehm oder unangenehm, nicht an einer Stelle verweilen. Das mußte sie aber erreichen. So wie es war, war es zu lästig. Einen Augenblick schwärmte sie romantisch in der Vergangenheit, im nächsten beschäftigte sie sich höchst praktisch mit ihrem Schmuck; sie wollte bei Chalke sein, allein mit ihm in der sengenden Hitze Cubas; und dann, so schien es, war sie es zufrieden, durch Eastlake von ihm getrennt zu sein. Ein klares Verständnis für diese zweite Situation kam ihr – es macht ihr Freude, Chalke so zu lieben, wie sie es jetzt tut; es ist ihr recht, ihn heimlich in ihr Schlafzimmer, zu ihrem Bett in Wilson Henrys Haus zu bringen; es befriedigt etwas tief Rachsüchtiges in ihrem Wesen. Sie grollt Wilson, weil er sie so viele Jahre hindurch besessen, eingeengt hat. Jahrelang hat sie alles, was sie ist, in ihm angelegt, und jetzt kommt sie dahinter, daß sie bei weitem nicht genug dafür wiederbekommen hat. Nina dachte daran, wie sehr es sie gefreut und erregt hatte, nackt neben Chalke Ewing auf dem Trittbrett ihres Wagens zu sitzen und sich die Beine mit seinem Unterhemd abzutrocknen. Soweit sie zurückdenken konnte, immer hatte sie etwas Derartiges tun wollen.

Sie ist es endlich satt, immer anständig zu sein, sich zurückzuhalten. Davon, von der heimlichen Niederträchtigkeit der Frau, hatte Chalke Ewing damals gesprochen, als sie ihn zum erstenmal reden hörte. Auch das ist wieder ein Beweis dafür, daß er immer recht hat. Und jetzt, das ist wirklich komisch – widersetzt eben dieser Charakterzug sich ein wenig seinem leidenschaftlichen Verlangen nach einer geregelten und sicheren Form der Liebe. Jetzt wird sie sich ihm selbstverständlich ohne weitere Diskussion fügen. Nina hoffte, Mögliches und Unmögliches auseinanderhalten zu können. Es war ein Uhr, sah sie, Lunchzeit, und Chalke hatte noch nicht angerufen. Er schläft noch, entschied Nina. Heute wird er noch später aufstehen als sonst. Ja, den Rest ihres Lebens wird sie voll heiterer Gelassenheit an Chalkes Seite einherschreiten. Nach dieser Nacht kann sie es sich leisten, das zu tun. Er hat sich ihr unterworfen, und das wird es ihr wieder möglich machen, ihm alles zu geben, was sie ist. Zum Lunch hatte Rhoda eine Überraschung für sie – ein Himbeeromelett mit einem Überguß aus Himbeersaft und Zucker. Die beiden Mädchen standen in der Küchentür, wo sie an ihrem Vergnügen teilnehmen konnten.

 

Nach dem Lunch ging Nina auf die Veranda hinaus; zu ihrer Überraschung sah sie, daß es regnete, obwohl die Sonne schien. Große Tropfen fielen fast mit der Wucht von Explosionen auf die Stufen und verschwanden augenblicklich. Der Regen hörte auf, ohne die Luft abgekühlt zu haben. Nina begann sich einsam zu fühlen. Chalke mußte jetzt auf sein, es war nach zwei Uhr. Sie rief bei Gows an und fragte nach Mary. Lora, Marys Mädchen, sagte ihr, daß Mrs. Gow bei den Prynes zum Lunch sei. »Ist Mr. Ewing zum Lunch heruntergekommen?« fragte Nina. Ja, antwortete Lora; er sei mit dem Essen fertig und fortgegangen. »Lora, hat er gesagt, wohin er geht?« fragte Nina weiter. Nein, das habe Mr. Ewing nicht gesagt. Nina ging in ihr Zimmer hinauf; sie mußte sich später ohnedies umziehen, dann würde Chalke wahrscheinlich zu ihr kommen, wenn sie nicht ganz fertig war; deshalb beschloß sie, ihr Bad früher als sonst zu nehmen – ja, sofort, und sich für ihn fertigzumachen. Nina legte ihr Kleid ab, dann die Wäsche, und zog einen Schlafrock an; es war sehr heiß, ein einschläfernder Nachmittag. Sie setzte sich für einen Augenblick auf die Bettkante; fast sofort merkte sie mit halbem Bewußtsein, daß sie sich niederlegte.

Als sie aufwachte, war ihr so heiß wie noch nie, sie hatte einen schmerzhaften Krampf in einem Arm und eine böse Empfindung von Verlust und seelischer Angst. Nina fühlte unklar, daß sie eine ihr auferlegte Pflicht vernachlässigt hatte – sich für Chalke vorzubereiten. Sie klingelte, und nach langer Zeit kam Harriet hastig und unvollständig angezogen. »Hat jemand angerufen?« fragte Nina streng. »Nein, M'am. Das Telefon hat kein einziges Mal geklingelt.« Nina fragte, wo Rhoda sei. »Rhoda, die hat weggehen müssen«, teilte Harriet ihr mit. »Sie muß jede Minute zurück sein, sie ist bloß nach Hause gegangen.« »Harriet«, sagte Nina, »Sie wissen, wenn nur eine von euch da ist, muß sie ordentlich angezogen sein, für den Fall, daß jemand zu Besuch kommt.« Ja, wirklich, das wußte Harriet, es sei so heiß gewesen, daß sie ihre Sachen für eine Minute ab« gelegt habe. Sie werde sofort wieder ordentlich sein. Nina sah auf die Uhr an ihrem Bett; es war zwanzig Minuten vor sechs. Wohin, fragte sie sich, war Ewing gegangen? Es war doch wirklich unglaublich. Aber wenn er auch Kleinigkeiten außer acht ließ, sowie es sich um etwas Wichtiges handelte, war er großartig. Chalke hatte mehr Charakter, als sie je an einem Menschen gesehen hatte.

Er war von einer eisernen Entschlossenheit. Nur seine Liebe zu ihr hatte ihn davor bewahren können, tatsächlich unmenschlich zu sein. Die Erinnerung daran, wie unbeugsam seine Ideen waren, beunruhigte sie. Jetzt wird Chalke sich ändern, dachte sie. Die Liebe wird ihn mehr dem Leben unterwerfen, ihr unterwerfen. Seine Unbeugsamkeit hat sich bei dem ernsthaften Zusammenstoß vor ihr gebeugt. Ihr Körper, ihre Liebe haben seinen Willen besiegt. Nina war wieder in ihrem Bad, und wieder wurde ihr bewußt, wie köstlich es war. Eine Wolke von Duft stieg von der schaumigen Wasserfläche zu ihrem Gesicht auf. Sie trocknete sich wohlig ab – jetzt konnte sie nicht Chalkes Unterhemd benützen – und puderte ihren Körper. Sie betupfte ihren Körper, eine bedeutsame Bewegung nach der andern, mit Parfüm. Chalke war abends stets schwarz und weiß angezogen; deshalb nahm sie ein weißes Spitzenkleid und wand sich, so wie ihr Liebhaber, sagte sie sich, eine weiche Seidenschärpe um die Taille. Noch konnte sie ihre Perlen anlegen, noch gehörten sie ihr. Sofort nach der Rückkunft der Kinder nach dem Essen wollte sie zu den Gows gehen.

In einer Hinsicht, begann Nina zu denken, wird es besser sein, sobald alles geordnet ist, dann wird sie sich nicht darum sorgen müssen, wo Chalke sei. Sie wird immer wissen, was er tut, und was ihn bekümmert. Sie wird sein Gemüt von aller Unruhe befreien können, das darf sie sich getrost zutrauen. Eben dazu ist die Kameradschaft einer Frau, der Körper einer Frau ausgezeichnet imstande. Die Welt wegzuschieben. Sie aus einem Raum der Sicherheit und der Wonne zu verbannen. Sie wird Chalke Ewing eine gute Frau sein; sie kann Unsinn reden und ihn dazu zwingen, sie anzuhören; sie kann die Strenge seiner Stimme, die Spannung seiner Nerven brechen; und schließlich, wenn er ausgeruht ist, kann sie anspruchsvoll genug sein, um ihn ganz zu absorbieren. Das, so schien es ihr, sind die Erfordernisse einer vollkommenen Ehe. Es war ein Glück, daß sie ihn nicht früher kennengelernt hatte – so sehr sie auch notwendigerweise über diesen tragischen Verlust an Jahren betrübt war und sich dagegen auflehnte – weil sie erst sehr spät für ihn reif geworden, für ihn bereit geworden war.

Früher, als sie jünger war, hätte er sie verwirrt, mit seinem Wissen erschreckt; seine Überlegenheit wäre furchtbar gewesen. Hilflos, wie jedes beliebige alberne Mädchen, hätte sie in seiner Macht sein müssen. In der unteren Diele regte sich etwas – rasche Schritte und junge, ungeduldige Stimmen. Acton und Cordelia waren von Cape May zurück. Sie blieben vor ihrer Tür stehen, und dann kamen sie in das Zimmer. »Den ganzen Weg vom Gericht in Cape May habe ich gefahren«, verkündete Cordelia. »Sogar auf die Fähre.« Überraschenderweise gab Acton zu, daß sie es tatsächlich ausgezeichnet getan habe. Beide Gesichter, sah Nina, waren rotgebrannt. »Wir haben dreimal im Meer gebadet«, erzählte Cordelia weiter, »wir hatten ja den Wagen, weißt du. Wir haben in der letzten Minute noch geschwommen und unser nasses Badezeug dann in die Tücher getan.«

»Das Essen ist in einer halben Stunde fertig«, machte Nina die beiden aufmerksam. »Wir müssen pünktlich sein. Die Hitze macht es den Mädchen sehr schwer.« »Bei Zillengers war eine Rauferei«, berichtete Cordelia; »Adam Barnes und ein Mann, den anscheinend niemand kannte. Archer Smith ist ganz allein in einem Flugzeug aus Washington gekommen. Sally Stephens wäre beinahe ertrunken. Ein Lebensretter mußte sie holen. Aber das Schlimmste war, daß ihr auf dem Strand vor allen Leuten richtig übel wurde. Acton war Miss Pryne schrecklich treu. Es war ein Mädchen da aus Baltimore, um die hätte er sich wirklich kümmern müssen. Ihr Haar hatte dieselbe Farbe wie deines, und sie war drei Jahre in China. Stell dir das vor!« Nina Henry mahnte wieder: »Ihr dürft nicht zu spät zum Essen kommen.« Acton drehte sich um und ging, gefolgt von Cordelia, hinaus. Himmel, waren die Kinder lebendig. Mit einemmal bekam sie nahezu Kopfschmerzen von ihnen. Sie hatte sich noch nicht ganz von ihrem Nachmittagsschlaf erholt. Noch immer war Nina leicht benommen. Noch immer hatte sie das unklare Gefühl, verloren zu sein.

Weil nur die Kinder zum Essen da waren, wollte sie keinen Cocktail nehmen, aber sie trank vorher einen Schluck Whisky. Nina trug das Glas in die Küche und goß etwas Wasser zu. Es war sehr stark, Nina schnappte nach Luft. Dann war ihr besser. Jetzt war sie imstande, es mit ihren Kindern aufzunehmen. »Also«, fragte Cordelia am Tisch, »was hast du getan, Mutter? Ist etwas Besonderes geschehen? Ich meine, etwas, was Eastlake vor den Kopf stößt.« Nina dachte über die Fragen ihrer Tochter nach. Dann sprach sie hastig und überstürzt: »Mein liebes Kind, wann ist hier schon so etwas vorgekommen? Ich bin nirgends gewesen, ich habe nichts getan, worüber man reden könnte.« Acton musterte sie neugierig. »Jetzt mußt du weggehen«, erklärte er; »die Hitze wird im Wohnzimmer wohl ebenso unerträglich gewesen sein wie in der Küche.« Was er sagte, verdroß Nina ungemein. Sie betrachtete sich im Spiegel ihrer Puderdose. Sie könnte besser aussehen, aber das war nach einer so langen Hitzeperiode nur natürlich. Cordelia wollte noch einen Eierkuchen mit Johannisbeergelee. Nina meinte bei sich, sie würde überhaupt nicht mit dem Essen fertig werden.

»Kaffee gibt es nicht«, sagte Nina schließlich.

Acton war überrascht. »Das ist dumm«, rief er. »Der Kaffee nach Tisch ist mehr als bloß Kaffee. Er ist ein Symbol. Wenn man nach dem Essen Kaffee trinkt, unterscheidet man sich von Familien, die das nicht tun.« Nina sprach langsam und in kaltem Ton. »Wenn du diese dummen Ideen von Catherine Pryne hast, wäre es besser für dich, sie seltener zu sehen. Snobs sind mir fürchterlich. Wir sind nicht in Paris, und unser Haus ist nicht das Ritz Carlton Hotel.« Acton war außer sich vor Verblüffung. »Aber Mutter«, rief er aus und unterbrach sich dann. »Ich will keinem Menschen Scherereien machen«, sagte er nach einer langen Pause. »Meine Worte müssen ganz anders geklungen haben, als ich dachte.« Nina war wütend über sich. Sie hatte sich unglaublich gegen Acton benommen. Ihre schlechte Laune und ihre elende Gemütsverwirrung, ihre wachsende Ungewißheit hinsichtlich Chalkes waren schuld daran. »Die Hitze muß im Wohnzimmer noch schlimmer gewesen sein als in der Küche«, sagte sie ihm. »Du hast offenbar recht, Acton, ich muß weggehen. Wenn du Kaffee willst, wenn er ein Symbol oder sonst etwas ist, kannst du ihn natürlich haben.« Er schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht. Wir können wohl auch einmal ohne Kaffee essen, ohne uns etwas zu vergeben.« Nina wollte aufstehen, um sofort zu Justin Gow hinüberzugehen, da kam Mary in das Speisezimmer. Acton und Cordelia sprangen sofort auf. »Ich muß dich sprechen«, sagte Mary Gow zu Nina. »Ich störe nicht gern so eine reizende Familienszene. Wenn der Vater nicht da ist. Es muß aber sein. Ich gehe gleich. Selbst wenn du mich bittest, zu bleiben, kann ich nicht.«

 

Mary Gow setzte sich Nina gegenüber an den Tisch. Acton und Cordelia waren aus dem Speisezimmer gegangen. Mary blickte Nina gespannt und neugierig an. Eine rasche, namenlose Angst bedrückte Ninas Herz. »Was ist geschehen?« fragte sie. »Mary, was denn?« »Ich weiß nicht recht«, sagte Mary. »Es ist so absonderlich. Ich dachte, vielleicht wirst du etwas daran verstehen. Chalke ist fort.« Das war Nina unbegreiflich. »Chalke«, wiederholte sie mit müder Stimme, »fort? Du meinst, er ist nach New York gefahren?« »Aber nein«, antwortete Mary ein ganz klein wenig ungeduldig. »Ich war beim Lunch bei Catherine Pryne. Vor dem Weggehen habe ich Chalke nicht gesehen. Daran war nichts Ungewöhnliches. Als ich von Catherine zurückkam, war schon alles entschieden. Chalke hatte gepackt und saß unten. Er sagte, in einer Stunde fährt er. Nach Cuba, Nina! Ich fragte ihn, warum er sich so plötzlich entschlossen hätte, zu fahren; Justin ist in die Stadt gegangen, ohne das Geringste davon zu wissen; aber Chalke wollte mir keine Antwort geben. Keine richtige Antwort. Was er sagte, war Unsinn. Es hat nichts erklärt.«

Eine merkwürdige, sich steigernde Lähmung des Begriffsvermögens, ähnlich der Reaktion auf eine schwere körperliche Verletzung, ergriff Nina. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, hätte ihren Stuhl zurückgeschoben und Mary gesagt, es sei eine Lüge – Chalke sei nicht nach Cuba zurückgereist. Statt dessen fragte sie, was Chalke gesagt habe. »Er hat gesagt, das Klima der Vereinigten Staaten wäre zu tropisch«, erzählte ihr Mary; »er muß in die gemäßigten Tropen zurückkehren. Er hat schrecklich ausgesehen, Nina; so elend habe ich Chalke noch nie gesehen. Sein Gesicht war tatsächlich grau.« Wieder sah Nina undeutlich, wie Chalke Ewing sich über sie beugte. Sie schlang ihre nackten, müden Arme um seinen Hals. Chalkes Gesicht sah kurz vor der Dämmerung grau aus. »Erst gestern«, sprach Mary weiter, »hat er mir gesagt, daß er noch zwei oder drei Wochen bleibe. Er meinte, so nett sei es noch nie zu Hause gewesen. Mit Justin hat Chalke davon gesprochen, daß er Cuba für immer verlassen will. Du hast ihn doch öfter gesehen als alle anderen, Nina? Was meinst du? Oder was weißt du?«

»Chalke und ich, wir haben einander geliebt«, antwortete Nina einfach. Das war das einzige, was ihr einfiel. Sie konnte ja schließlich nicht eine Erklärung erfinden oder jedes Wissen um Chalkes Motive und Handlungen ableugnen. Nina wollte Mary auch mitteilen, daß Chalke und sie einander liebten. Irgendein Mensch wie Mary mußte es erfahren. Vor allem jetzt, da Chalke sie, wie es schien, verlassen hatte. »Oh, Nina!« rief Mary aus. Dann verstummte sie. Jetzt wollte Nina, daß Mary gehe. Beim Kommen hatte sie gesagt, daß sie nicht bleiben könne. Warum stand sie nicht auf und ging nach Hause? Nina mußte allein sein, um zu denken, um so deutlich wie möglich zu sehen, was ihr geschehen war. Wenn es wirklich ernst war. »Nina«, sagte Mary Gow in beunruhigtem Ton, »es tut mir sehr leid, daß ich so hereingeplatzt bin. Es war scheußlich. Aber ich konnte das doch nicht wissen, nicht wahr. Es war wirklich schrecklich unangenehm und unverzeihlich. Aber du mußt mir verzeihen, liebste Nina. Du wirst mir ja auch sicher verzeihen.

Nina, es ist mir geradezu unerträglich, daran zu denken, wie ich mit dir über Wilson und Cora Lisher gesprochen habe. Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich mich schäme. Wo du dich so wunderbar und tapfer benommen hast.« Mary Gow erhob sich und blieb einen Augenblick am Tisch stehen. In ihren Augen funkelten Tränen. »Tapfer, Nina. Und Chalke auch. Das muß ihn einfach erledigt haben.« Nina blickte sie unruhig und verwundert an. Sie verstand Mary nicht; dann, endlich, begriff sie, was Mary meinte. Nina hätte ihr beinahe ins Gesicht gelacht. Mary Gow meinte, daß Chalke und sie, als sie sich ihrer Liebe bewußt wurden, aufeinander verzichtet hätten. Mary dachte, sie hätte Chalke fortgeschickt, nach Cuba zurück. Mein Gott, war etwas so Komisches möglich? Sie hätte am liebsten Mary erzählt: Ich habe mich ihm gegeben, ganz, und das hat ihn wahrscheinlich vertrieben. »Ich gehe jetzt, Liebste«, sagte Mary. Ja, warum gehst du denn nicht, dachte Nina Henry.

Als Nina allein war, suchte sie mechanisch nach dem Puder in ihrer Abendtasche. Sie muß ganz vernünftig sein, sie muß denken. Unter ihrem Entschluß, ihrem festen Willen, zu verstehen, was ihr zugestoßen war, saßen Angst und ein schwaches Gefühl körperlicher Übelkeit. Sie hat Chalke vertrieben. So viel ist jedenfalls klar. Es gibt, wenn man Chalke kennt, keine andere mögliche Erklärung. Er ändert nie seine Ansicht über die Dinge, die ihn im Tiefsten bewegen. Chalke berührt und beeinflußt wohl andere, aber es ist unmöglich für ihn, einfach veränderlich zu sein; gerade die eigentlichen Schwierigkeiten seines Charakters entsprechen der Festigkeit seiner Überzeugung. Es gibt nichts, was seine Ehre betören könnte. Ihr wurde bewußt, daß Harriet im Speisezimmer sei. »Lassen Sie die Kerzen, bitte«, sagte sie. Cordelia hatte das Radio angestellt – eine unverschämte, schauderhafte Stimme sang laut den blühendsten Unsinn, der wie ein Hohn auf Ninas Kummer war. Chalke geht von ihr, weil sie sich ihm gibt. Er will sie also nicht. Noch nicht. Nicht auf diese Weise. Aber sie hat ihn dazu gezwungen, sie zu nehmen. Das ist die eigentliche Wahrheit. Sie hat ihn mit ihrem Körper überwältigt. Dann hat er sie verlassen. Ist nach Cuba zurückgegangen. Wortlos. Ohne ihr Gelegenheit zu einer Erklärung zu geben, wie sehr sie ihn liebe. Wie sehr sie ihn brauche. Es ist unrecht von ihm gewesen, sagte Nina sich in noch tieferem Leid, fortzugehen, ohne mit ihr zu sprechen.

Alles, woran Chalke gedacht hat, dreht sich, so schien es ihr, um ihn selbst und seine Ehre. Diese absonderliche Männerehre, die so schön sein und gleichzeitig um nichts besser als egoistischer Stolz wirken kann. Er hätte ihr eine Gelegenheit geben müssen, zu sprechen. Ihn etwas über die Frauen zu lehren. Wie so ganz anders sie seien als Männer. Trotz seines unbeschränkten Wissens, seiner Theorien über Frauen und Pläne für Mädchen, weiß er nicht das Geringste von ihr. Wenn er etwas wüßte, hätte er begriffen, daß das Geschehene nichts ist. Es bedeutet gar nichts. Oder, wenn das nicht ganz der Wahrheit entspricht: was es bedeutet, ist zu gering, um Sorgen zu machen. Zu gering, um beachtet zu werden. Sie hat ja nur gewollt, daß er sie will, daß er sie unwiderstehlich findet.

Jede Minute, dachte Nina, kann ein Telegramm von Chalke bringen, das alles erklärt. Vielleicht wird am nächsten Vormittag ein Brief von ihnen kommen. Er könnte ja plötzlich krank geworden sein. In ihrem Herzen wußte Nina, was war. Was hatte er nur zu Mary Gow gesagt? Das Klima der Vereinigten Staaten sei zu tropisch, er müsse in die gemäßigten Tropen zurückkehren. Chalke hat nicht an das Klima gedacht, er hat von ihr gesprochen. Das ist, richtig überlegt, eine bittere und brutale Bemerkung. Doch sie begreift sie; sie kennt Chalke; seine Bitterkeit kommt aus der Wirklichkeit seiner Liebe. Ja, gerade das hat Chalke sagen müssen. Und zugleich hat er sie verlassen. Das ist das Wichtige. Eine Überzeugung packte sie so stark, daß ihre Lippen, während sie es dachte, schweigend die Worte formten, die es ausdrückten. Er kommt nie zurück. Niemals wird Chalke zurückkommen. Weil sie falsch gehandelt, ihn falsch behandelt hat, aber das ist ja alles vorbei. Ihr Geist war jetzt erbarmungslos klar. Eine jähe, schmerzende Empörung, ein würgendes Elend überwältigte sie; sie sah ein, daß es besser für sie wäre, in die Abgeschlossenheit ihres Schlafzimmers hinaufzugehen.

Als sie jedoch dort war, weinte sie nicht. Sie machte die Tür zu, verriegelte sie, und dann stand sie da und starrte das ihr bekannte Zimmer an. Der Sessel am Fenster, wo sie mit Chalke gesessen hat. Ihr Bett. Ihre Pantoffel. Der schwarze Schlafrock, den sie bei Chalke angehabt hat, liegt da. Einen Augenblick lang konnte Nina nicht begreifen, daß Chalke Ewing gegangen war. Er schien ihr nahe zu sein. Sie glaubte, den starken aromatischen Tabakduft zu riechen, der ihm anhaftete. Sie war sicher, er stehe hinter ihr, er werde gleich vortreten und sie in seine mageren kräftigen Arme schließen. Nein, er ist in einem Zug, der nach Cuba fährt. Chalke hat sie verlassen. Zorn begann in Nina zu schwelen – sie wird erfahren, wo ein Telegramm ihn erreichen kann, wahrscheinlich in Jacksonville, und ihm eines schicken, das er nicht so rasch vergessen wird. Er hat sich schmählich benommen. Was, wenn sie ein Kind bekommt? Sein Kind. Was, wenn sie dabei stirbt? Sie hat ihm ihren Leib gegeben, sie fühlt sich an Chalke gebunden, aber er hat ihr mehr gegeben – sein Wort. Die Verheißung seiner Liebe. Er hat ihr versprochen, sie an einen Ort zu nehmen, wo sie ihr ganzes Leben beisammen sein würden. Er ist doch so überaus, so gottverflucht ehrenhaft, er kann das alles nicht vor sich leugnen.

Die Schärfe ihres Grolls wich; Elend trat wieder an seine Stelle; sie warf sich in ihrem Spitzenkleid auf das Bett und vergrub den Kopf in den Armen. Ihr war wie einem verirrten Kind. »Chalke«, sagte sie mit erstickter Stimme, »Chalke, ich kann dich nicht finden. Mach mir nicht solche Angst. Chalke!«

 

Nina setzte sich auf, sie stützte sich mit den Händen auf die Bettkante. Das Zimmer war bereits finster, die Fenster waren schimmernde Rechtecke mit dem Abendhimmel und dem Laub der Bäume. Sie dachte, sie müsse irgendwie Ordnung in ihre Gedanken bringen. Sie muß überlegen, was ihr geschehen ist. Das ist es – Chalke ist nach Cuba zurückgefahren, er ist von ihr gegangen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Er hat nicht an ihre Liebe gedacht, ganz und gar mißachtet, was für Gefühle das in ihr auslösen muß, und ist in einer Selbstsucht der Hast geflohen, die einer Panik gleicht. Einer seelischen Panik, fügte Nina hinzu. In einem Zustand körperlichen Leidens konnte sie sich Chalke nicht vorstellen. Mehr als das, – was er vor dem Gehen zu Mary gesagt hat, ist von bitterer Bösartigkeit, selbst für Chalke Ewing. So viel ist jetzt klar. Sie hat ungefähr begriffen, warum er gegangen ist, aber sie muß es völlig verstehen. Sie kann es nicht ertragen, sie kann dem Leben und dem Unheil, das sie bedroht, nicht die Stirn bieten, solange sie nicht weiß, was dazu geführt hat. Plötzlich fiel ihr ein, was Mary Gow von Chalke gesagt hatte – ein Idealist.

Jetzt, zu spät, sah sie ein, daß Mary recht hatte. Nina sagte sich, daß sie nicht gewußt hatte, was ein Idealist sei. Er ist viel weniger ein Mensch, der alles für herrlich hält, als einer, der darauf besteht, alles so herrlich wie nur möglich zu haben. Das heißt, er wird alles, was in seiner Macht steht, dazu tun, um die von ihm geforderte Herrlichkeit herbeizuführen. Das ist, dachte Nina, eine wunderbare Schilderung Chalke Ewings. Solche Menschen sind hart, weil sie im Grunde mit der ganzen Welt kämpfen müssen. Chalke hat mit ihr und mit der Tatsache seiner Liebe kämpfen müssen.

An seiner Liebe zu ihr zweifelte Nina nicht im geringsten. In Wahrheit lag es so: sie war eine Versuchung für ihn gewesen, er war unterlegen und hatte sich wieder erholt. Er haßte die Gesellschaft und die Lügen, zu denen eine Affäre wie ihre zwang. Er wollte keine Affäre, das hatte er ihr gesagt. Von Anfang an, das sah sie ein, hatte Chalke sich bemüht, jeden Gefühlsausdruck so lange zu verschieben, bis er mit Würde möglich würde.

In dem Kampf, den sie, auf rein weibliche Weise kämpfend, bewußt gegen Chalke, einen Mann, aufgenommen hatte, war nur ein unbedeutender Teil von ihm unterlegen. Ein Teil, den er nachher ganz und gar verleugnet hatte. Er war so viel allein, so viele Jahre im Innern Cubas isoliert gewesen, daß der Idealist in ihm unendlich viel wichtiger, wirklicher geworden war als die andere Wirklichkeit des Daseins, der Menschen. Das erklärte auch seine Bitterkeit, seine Unzufriedenheit mit den Vereinigten Staaten. Er trug in seiner Seele eine aus Büchern und langem Denken geschaffene Vision von vollkommeneren Staaten und Menschen. Er war heftig, weil stets alles, was er sah, weniger wert war als die besseren Ideen in seiner Vorstellung. Sie hatte ihn im Stich gelassen. Diese Erkenntnis war wieder wie ein wirklicher Schlag: Wogen des Übelseins durchliefen sie. Ja, Chalke hatte ihr – scheinbar oberflächlich, in Wirklichkeit jedoch zutiefst ernsthaft – die Bedingungen klarzumachen versucht, unter denen ihr Entrinnen in die Freude möglich war.

Gerade da lag das tödlich Gefährliche ihres Irrtums – sie hätte sich allem fügen sollen, was er verlangte. Das ist der Preis des Glücks mit einem Mann. Man muß zu einem Stück seiner Überzeugung werden. Auch in diesem Fall hatte Chalke recht gehabt. Er hat recht gehabt, aber er ist nicht ganz menschlich gewesen. Etwas in ihr erhob sich zu ihrem Schutz. Schließlich ist sie nur natürlich gewesen. Hat er ein Mann sein müssen, so hat sie Frau sein müssen. Das hat Chalke nicht begriffen. Er hat sie geliebt, aber er hat kein einziges Zugeständnis für sie gemacht. Sein Mangel an praktischer Lebenserkenntnis war für sein Verhalten ihr gegenüber ebenso bestimmend gewesen wie für seine politischen Ansichten. Sie konnte nicht ihr ganzes Dasein in einem Augenblick aufgeben. Sie mußte Anordnungen treffen, in Eastlake, in ihrem Haus und in ihrem Gemüt. Frauen müssen mit der Vergangenheit verknüpft sein, sie müssen sicher sein. Das Gegenteil ist meist fürchterlich. Und sie hatte sich auch nach Liebe gesehnt. Sie hatte sie soeben gefunden und brauchte ihre beste Stütze. Die Folge war gewesen, daß sie ein Kompromiß zu schließen versuchte, daß sie ein Kompromiß schließen mußte. Das ganze Leben der Frau ist ja nichts anderes.

Der Kompromiß wird ihr in dem Augenblick aufgezwungen, da sie Frau wird. Es gilt als Untugend, aber daran läßt sich nichts ändern. Die Männer denken sehr streng über Kompromisse. Sie sprechen von Ehrenhaftigkeit und Aufrichtigkeit und Geradheit und Mut; und dann gehen sie hin und machen es den Frauen unmöglich, ungefährdet eine dieser Eigenschaften zu haben. Wenn eine Frau einem Mann, der ihr wichtig ist, etwas sagen will, ist zu erwarten, daß sie das genaue Gegenteil sagen muß. Sie wird ein Teil dessen, was sie wünscht, in eben dem Maße, als es durch ein Kompromiß ermöglicht wird. Sie, Nina, hat Chalke gewollt und gleichzeitig versucht, ihre alten Verpflichtungen und ihr altes Behagen noch für eine Weile zu behalten. Sie hat keine Einwände gegen eine heimliche Liebesaffäre, ihr bereitet so etwas eher ein erregendes, boshaftes Vergnügen. Das ist ihr Hauptkompromiß – sie wäre es zufrieden, es weiter mit Wilson zu halten, wenn sie nur Chalke Ewing haben kann.

Nun, das hatte alles verdorben. Sie stand auf und schaltete die Lampe auf ihrem Toilettetisch ein, die die Flaschen, Instrumente und Toiletteartikel in ein warmes, rosiges Licht tauchten. Nina setzte sich vor den Spiegel und machte ihr Gesicht zurecht. Sie fand neue Linien darin; sie spürte das Vorhandensein zahlloser neuer weißer Haare auf ihrem Kopf. Auf jeden Fall hatte sie nicht geweint; das hatte sie wenigstens ihrem Gesicht erspart. Sie dachte an ihr Gesicht, weil es gewissermaßen Waffe und Schild in einem war. Gut geschminkt, mit einem strahlenden Lächeln, verbirgt es ihre Gefühle vor der neugierigen Welt. Wenn sie schlecht aussähe, würde Acton Bemerkungen darüber machen. Cordelia, schlimmer noch, würde sie mit ihrer jungen, rücksichtslosen Zärtlichkeit quälen. Selbst vor Rhoda muß sie sich verbergen. Sie war sich eines ausgesprochenen Widerwillens dagegen bewußt, einem Teil ihrer Welt gegenüberzutreten, sie hatte das Verlangen, sich mit ihrer tiefen, ihrer unheilbaren Wunde zu verbergen. Aber das ist ein absurder Gedanke. Niemand außer Mary Gow ahnt etwas von Chalke und ihr, und Mary hat eine sehr verlockende, falsche Vorstellung davon. Mary wird nichts erzählen. Ihre vertrauteste Welt kann Chalkes Abreise nicht mit ihr in Zusammenhang bringen; man wird nie wissen, daß sie verlassen worden ist.

Nina schritt energisch zur Tür, riegelte auf und ging auf die Veranda hinunter. Acton las drin, und Cordelia saß mit Faith Bache auf der untersten Stufe. »Ich konnte mir gar nicht denken, was mit dir los ist«, rief Cordelia zu ihrer Mutter herauf. »Nach Mrs. Gows Geheimnistuerei.« Nina sagte ihr mechanisch, sie dürfe nicht so über Mrs. Gow sprechen. »Sie wird dir wohl erzählt haben, daß Mr. Ewing abgereist ist«, sprach Cordelia weiter. »Annabel hat es Faith erzählt. Sie sagt, die Abreise war so absonderlich, wie er immer ist.« Die beiden Mädchen begannen wieder leise zu murmeln, es war zu hören, aber nicht zu verstehen. Von einem Baum her war langsames, schweres Flügelschlagen und der Schrei einer Eule zu hören. Der hoffnungsloseste Ton der Welt. Fast vom ersten Augenblick an, mußte Nina denken, war er mit ihrem Wissen um Chalke verwoben. »Acton«, rief Nina durch ein offenes Fenster, »möchtest du mir einen Fächer bringen? Auf dem Tisch in der Diele liegt einer.« Er brachte ihr den Fächer und setzte sich mit einer Zigarette zu ihr. »Ich lese Französisch«, sagte er ihr. »Miss Pryne reist morgen nach Frankreich ab, und in zwei Wochen fahre ich. Dann wird, bevor man recht zur Besinnung kommt, der Herbst da sein und Princeton. Ich habe die Absicht, diesen Winter sehr still zu leben; ich werde nichts unternehmen; ich habe eine ganze Menge zu lesen vor. Vor allem Proust. Das ist ein Schriftsteller, den du wohl nicht kennst.«

Ihr ganzer Widerwille gegen Catherine Pryne war verschwunden; sie war ihr dankbar dafür, daß sie sich mit Acton abgab; was Chalke doch für sie getan hatte! Sie verlor sich augenblicklich in Gedanken und starrte in die Dunkelheit. Chalke ist gegangen, er hat sie verlassen – es kann nicht wahr sein, aber es ist so. Wieder raste der Schmerz in ihr. Nina fühlte sich matt. Ein Refrain von Worten, von lieblich klingenden Silben fiel ihr wieder ein. Alkibiades und Perikles und Plato. Die Griechen hatten ihre berühmten Männer schlecht behandelt. Plato zum Beispiel war gezwungen, sich durch Unterricht zu ernähren. Alkibiades und Perikles und Plato. Zwölf klingende Schläge. Cordelia kam die Treppe herauf und ging ins Haus. Offenbar war Faith Bache heimgegangen. Acton stand auf und ging hinein, zurück zu seinem Französisch, in Wirklichkeit zu Catherine Pryne. Nina sah einen verspäteten Leuchtkäfer in die Nacht hinauffliegen und verschwinden. Ein Stern fiel. Ein kurzes, silbernes Aufflackern, Millionen Jahre entfernt. Chalke würde wissen, wie viele. Nina merkte, daß sie endlich weinte, sehr still weinte. Sie war allein in der Finsternis und machte keine Anstrengung, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie wischte nicht einmal die Tropfen von ihrem Gesicht, dachte nicht daran, sich wieder zurechtzumachen. Die Tränen hörten auf zu fließen, trockneten; Nina stieß einen Seufzer aus – der mußte mehr als einen Blutstropfen aus ihrem Herzen gepreßt haben. Es war ihr gleichgültig, was mit ihrem Herzen geschah.

 

Als Wilson Sonnabend am späten Nachmittag nach Hause kam, war er überaus gesprächig; aber Nina merkte, daß seine Worte wie ein seichter Fluß nur an der Oberfläche seiner Gedanken und Gefühle spielten. Sie ruhte unter einer Decke im bequemen Sessel im Schlafzimmer. Sie sah Wilson Henry zu, sie lauschte ihm, beides mit einer von ihr losgelösten, gewohnheitsmäßigen Aufmerksamkeit. »Ich war etwas nördlich von Atlanta«, erzählte er; »dort gibt es noch sehr gute Weymouthkiefern. Aber auf den hohen Vorbergen. Mehr als zweitausend Fuß hoch. Hier züchten wir Weymouthkiefern in der Höhe des Meeresspiegels. Na, fast Meeresspiegel. Außerdem ist das Holz besser als das der Georgischen Kiefern; es ist weicher in der Verarbeitung. Als ich mit zwei Holzleuten gesprochen hatte, führte ich deinen Vorschlag aus und suchte Cora auf. Sie wohnt in einer sehr netten kleinen Ortschaft. Ich habe auch einige Verwandte von ihr, nicht sehr nahe Verwandte, kennengelernt, und das waren nette Leute. Anders natürlich als du; Mary Gow, Delia Bache und du, ihr würdet sie sehr reserviert aufnehmen, aber ihr hättet unrecht. Das wäre ein oberflächliches Urteil. Ganz besonders nett sind sie. Ich habe mit Cora zu Abend gegessen – bei ihrem Vetter Jasper Cronkett – und dann im Hotel übernachtet. Was machen wir heute abend, Nina?« Nichts, meinte Nina. »Ich habe gar nichts gehört; Einladungen wollte ich nicht annehmen, weil ich nicht sicher war, ob du zurück sein wirst.«

»Ich sagte doch Sonnabend«, erklärte Wilson Henry. »Denkst du nicht, daß es nett wäre, irgend etwas zu unternehmen? Für das Dinner ist es zu spät, aber wir könnten in den Klub hinübergehen und tanzen. Wir könnten ja dann ein paar Leute zu uns mitnehmen.« Der Gedanke daran war ihr unerträglich. Nina erinnerte sich des letzten Mals, daß sie Leute aus dem Klub mitgebracht hatten. »Ich glaube, dazu wäre ich nicht imstande«, antwortete sie. »Die Hitze war schauderhaft. In der Küche war es wie in einem Ofen. Selbst beim Kochen mit Gas. Mir haben die Mädchen so leid getan. Ich bin ganz heruntergekommen dabei. Ich könnte eine Gesellschaft bei uns nicht aushalten.« Und darauf fragte Wilson: »Was ist mit dem Tanzen? Wenn du nicht tanzen willst, könntest du dich ja auf die Veranda setzen und den jungen Leuten zusehen. Dort ist es nicht wärmer als woanders.« Dagegen konnte sie keinen Einwand finden. Es war ganz gleichgültig, auf welcher Veranda sie saß; sie war zu unglücklich, um sich mit ihrer unmittelbaren Umgebung zu befassen. Von Chalke war kein Wort gekommen. Sie hatte darauf gewartet, ohne es zu erwarten. All die Zeit, die sie ihn kannte, wurde Nina klar, hatte sie darauf gewartet, daß er ihr Gemüt und ihr Herz beruhigte.

Hin und wieder dachte sie, ganz plötzlich, still, an sein Fortgehen, gesammelt und nahezu vernünftig; sie baute darauf, daß dieses entsetzliche Mißverständnis so enden würde, wie ihre kleinen Zweifel geendet hatten – aufgesaugt und beantwortet und geheilt durch die Liebe. Dann wieder überkam sie eine dunkle, unlogische Trübsal, ein übermäßiges Gefühl des Elends. »Du hast nicht gesagt, was du vom Klub hältst«, erinnerte Wilson sie. »Schön«, stimmte sie zu. »Ist Cora zurück? Wenn sie da ist, wirst du sie doch abholen wollen. Wir können hinüberfahren, und dann kannst du Cora holen. Das heißt, wenn ihr das nicht zu spät wird. Ich finde es fürchterlich, beim Tanzen zu sein, solange es noch hell ist. Auch wenn ich nur auf der Veranda sitze und den jungen Leuten zusehe.«

»Ja«, sagte ihr Wilson, »Cora ist zurück. Das war komisch – wir waren von Washington an im selben Zug. Ich werde sie nicht abholen müssen. Sie geht zum Essen in den Landklub. Deshalb ist sie auch zurückgekommen. Francis Ambler gibt das Dinner. Er hat Anna Louise und ein paar Freundinnen von ihr eingeladen. Ich muß sagen, Francis scheint endlich vernünftig zu werden. Er lädt die richtigen Leute ein. Im Grunde ist Francis Ambler ein ganz bemerkenswerter Junge. Er repräsentiert wirklich etwas Schönes in Eastlake. Stellung und Geld. Die Amblers sind viel reicher, als du dir vorstellen könntest. Mason Amblers Religion hat seiner Tüchtigkeit keinen Abbruch tun können. Ja, Francis ist hier ein großer Aktivposten. Ich habe nicht immer so über ihn gedacht, und ich weiß, daß ich dir gegenüber abfällig über ihn geurteilt habe, aber damals habe ich ihn nicht verstanden.«

»Ich habe Francis immer gern gehabt«, erinnerte Nina Wilson Henry. »In der allerletzten Zeit war er nicht hier, weil Chalke Ewing eine Meinungsverschiedenheit mit ihm hatte, die ihn ärgerte. Du darfst aber nicht vergessen, daß Francis ganz gehörig verdorben ist. Er hat immer seinen Willen gehabt.« Wilson Henry ließ sich über Chalke ungehemmt aus. »Ich war froh, als ich hörte, daß er fort ist«, versicherte er. »Sein Einfluß war so schlecht, wie der von Francis Ambler gut ist. Ich habe dir immer und immer wieder gesagt, daß Ewing an nichts glaubt. Wenn ein Mann an nichts glaubt, dann ist damit alles gesagt. Damit ist deutlich gesagt, was er ist. Ein schlechter Kerl.« Nina Henry hörte das ohne Gefühlsregung, ohne jeden Groll. Wilson kennt Chalke nicht, er kann ihn niemals kennen. Chalke ist fort, und Wilson ist hier. Das ist entsetzlich verkehrt. Sie kann Chalke heute abend nicht sehen. Sie kann nicht zu Justin Gow gehen, sich in den Garten setzen, ein cubanisches Getränk trinken und Chalke Ewing zuhören. Chalke ist nicht da. Er ist fortgegangen! Statt dessen fährt sie mit Wilson in den Landclub, um die jungen Leute tanzen zu sehen. Mit schwerem Herzen ging Nina zu dem Schrank, in dem ihre Kleider hingen. Und das erste, was sie sah, war das schwarze Atlas- und Tüllkleid, das Ishtarre gemacht hatte. Sie war so gleichgültig, so niedergeschlagen, daß sie jede Hilfe brauchte, die ein Kleid ihr geben konnte, und deshalb nahm sie das Ishtarre-Kleid von seinem Bügel.

Es saß so gut wie immer, so gut, daß sie wieder Rhoda kommen lassen mußte, um sich beim Schließen helfen zu lassen. »Das ist komisch damit«, meinte Rhoda. »Es ist nicht so, und doch ist es so. Es hat eigentlich nichts Besonderes, Miss Nina, aber man kann nichts davon wegschauen. Es ist eigentlich wie ein Kleid, das Herren und nicht Damen bewundern müssen.« Nina zog das Unterkleid und den Tüll um ihre Hüften zurecht. Sie sah kritisch in den Spiegel, es war so gut wie immer. Es war, dessen war Nina sicher, das beste Kleid der Welt. Das Gefühl unermeßlicher Schönheit überkam sie wieder. Instinktiv richtete sie sich auf; sie trug den Kopf hoch. Ihr Hals war wirklich sehr rund und glatt und hübsch. Ein Gefühl des Zutrauens, ein Machtbewußtsein, stützte sie wieder. Ihre Einstellung zu Chalke Ewing änderte sich ein wenig – Nina hielt ihre Situation ihm gegenüber nicht für verzweifelt. Niemals kann er sie endgültig verlassen. In einem Augenblick verletzten Stolzes ist er nach dem Süden gereist, sie hat ihn überwältigt, und das ist ihm natürlich nicht recht gewesen; aber sein Groll wird zu nichts führen.

Trotzdem muß er, so dachte sie, dazu gebracht werden, dafür zu zahlen, daß er sie im Stich gelassen hat. Chalke muß gezeigt werden, daß er nicht so ohne weiteres auf jede Rücksicht für sie verzichten darf. Sie wird ihn leiden machen, bis er begreift, in welcher Lage er ist, und was er ihr vor allem schuldet. Wozu es ihn verpflichtet, daß er sie besitzen darf. Er kann sie selbstverständlich nicht ganz besitzen, so viel darf kein Mann erwarten. Trotzdem wird Nina ihn mehr lieben als alle anderen. Sie wird ihm ihre Liebe schenken, sie wird sich selbst ihm schenken, wann und wie es ihr beliebt. Wenn Chalke Ewing sie aber zu besitzen glaubt, wenn er denkt, ihr sagen zu können, was Recht und was Unrecht ist, dann bereitet er sich Verdruß um Verdruß. Schließlich gibt es noch andere Männer, eine ganze Welt voller Männer. Im Grunde gehört sie sich selbst, und was sie zu verschenken hat, kann sie verschenken, wo es ihr beliebt. Wenn Chalke ihr fernbleibt, wenn er nicht genügt, um sie zu absorbieren – ja, eigentlich sie auszuschöpfen – dann wird sie sich anderen zuwenden.

Wilson, der sie betrachtete, schüttelte mit verwirrter Miene den Kopf. »Ich weiß nicht, was es ist«, sagte er; »ich weiß nicht, wie du es machst. Oder es ist einfach das Kleid. Das verfluchte Kleid. Du siehst aus wie die teuerste Frau von ganz London, New York oder Paris. Das wird wohl sehr schön sein. Du hast gesagt, so wollen Frauen aussehen. Du siehst auch so aus. Weiß Gott, ich könnte beinah selber Lust auf dich bekommen.« Nina warf ihm heimlich einen Blick zu. Das war eine köstliche Idee. Wilson nach seiner langen Gleichgültigkeit zu verführen. Köstlich war es, weil es so unsagbar gemein wäre, obwohl er ihr Mann war. Dieses Durcheinandergeraten der Moralbegriffe verlockte sie sehr. In Wirklichkeit, dachte sie, wird sie es wohl nicht tun.

Nina beschäftigte sich mit ihrem Parfüm und mit ihrem Haar. Das war auch etwas sonderbares – sowie sie das Ishtarre-Kleid anhatte, war ihr Haar, das sonst oft Schwierigkeiten machte, sehr gefügig. Heute abend fand sie besonderen Gefallen an seiner Farbe, es war mehr aschfarben als warm. Das gleiche Blond wie gewöhnlich, mit einem harten, kalten Silberton. Nina hatte schillernd grüne Abendschuhe an und Strümpfe, die die Farbe ihrer Beine hatten, aber eine Nuance dunkler im Ton waren, dazu steckte sie ein hauchdünnes grünes Taschentuch in ein Brillantarmband.

Einige Leute saßen verstreut auf der halbdunklen Veranda des Landklubs; nur wenige tanzten; Wilson stellte einen Stuhl für Nina neben Delia Bache, Cora und Evelyn Delaney und ging dann. »Da kommt das französische Kleid«, sagte Evelyn. »Da können wir eigentlich gleich nach Hause gehen.« Nina sprach mit Delia und Cora Lisher. »Sie waren fort«, wandte sie sich dann höflich an Cora. »Wann sind Sie zurückgekommen, und ist es Ihnen gut gegangen?« Cora antwortete, sie sei heute nach Eastlake zurückgekommen, und gegangen sei es ihr nicht gerade besonders. »Wenn Sie es hier heiß finden, dann gehen Sie nach Georgia. Und etwas schlimmeres als ein altmodisches Begräbnis kann ich mir nicht vorstellen. Es ist mir tatsächlich kalt über den Rücken gelaufen.« Joel Bache und Evelyns Mann Ambrose schleiften Stühle heran. Joel beklagte sich. »Ich sehe Sie nie, Nina. Das ist nicht anständig. Ich habe so gar keine Möglichkeit, mich an Sie zu gewöhnen, und infolgedessen ist es jedesmal um mich geschehen, wenn Sie auftauchen. Es ist zu heiß zum Tanzen, und ich habe Delia auch gesagt, daß ich nicht tanze, aber wenn Sie wollen, wird es mir ein Vergnügen sein.« Nina lachte lustig. »Sie können ruhig sein, Joel«, antwortete sie, »ich will jetzt ohnedies nicht.«

Nina sah Anna Louise Lisher mit Francis Ambler tanzen. Seit Francis reichlich angetrunken nach dem Streit mit Chalke Ewing aus ihrem Haus gegangen war, hatte sie nicht mit ihm gesprochen. Er hatte ihr Wohnzimmer in einer Haltung verlassen, die sie jetzt doch ein wenig ärgerte. Francis hat ihr anscheinend zu verstehen geben wollen, daß er mit ihr fertig sei. Das kann nicht er bestimmen. Er ist mit ihr fertig, wenn sie ihn gehen läßt. Früher nicht. Anna Louise und Francis kamen auf die Veranda heraus. Zunächst sah Francis sie nicht. Anna Louise tupfte sich das Gesicht mit einem lächerlichen, gewöhnlichen Spitzenfetzchen ab. »Ist es nicht wunderbar heute?« rief sie begeistert. Das heißt, fügte Nina bei sich hinzu, wenn eine Lisher wirklich begeistert sein kann. Immerhin sah sie, daß Anna Louise sehr hübsch war. Ja, bestätigte Cora, es sei wunderbar. »Ich würde mich aber nicht hierher setzen«, fuhr Anna Louises Mutter fort. »Es ist zu heiß nach dem Tanzen. Francis soll dich doch an das andere Ende der Veranda bringen, wo etwas Luft ist.« Dann sah Francis Ambler Nina. »Hallo«, sagte er verlegen. »Ich wußte gar nicht, daß Sie hier sind, Nina.«

»Ja«, antwortete sie; »ich bin hier, wie Sie sehen. Wir sind nach dem Dinner herübergekommen.« Bei dem Wort »nach« zögerte sie einen Augenblick. Obwohl es auf der Veranda dunkel war, konnte sie sehen, daß Francis Ambler rot wurde. »Wir sind seit Stunden hier«, erwiderte er. »Ich habe ein paar von den jungen Leuten zum Dinner eingeladen.« Jetzt erklärte Anna Louise: »Francis, wir sind weggeschickt worden, man braucht uns nicht. Haben Sie nicht gehört, was Mutter gesagt hat?« Francis ging zu ihr zurück. »Wir wollen gar nicht bleiben«, sagte er prompt. »Es ist viel zu stickig hier.« Er war noch immer in Ninas Nähe. »Wenn Sie später tanzen wollen«, fuhr er fort, »wollen Sie dann daran denken, daß ich mich noch entschuldigen muß? Das Tanzen ist eine ausgezeichnete Gelegenheit für so etwas.« Er nahm Anna Louises Arm und ging mit ihr an das andere Ende der Veranda, wo es luftiger und dunkler war. Als sie fort waren, herrschte da, wo Nina saß, plötzlich neugieriges Schweigen.

Francis hätte sich schon längst bei ihr für sein Betragen entschuldigen müssen. Er ist in ihr Haus zum Essen gekommen und dann gegangen, bevor das Essen auf dem Tisch stand. Das Trinken entschuldigt nicht alles. Es entschuldigt nichts. Ein wenig von ihrem Schmerz, von dem Verlustgefühl, kam wieder, aber es war wie ein ferner Klang unerträglich trauriger Musik, der von harten Jazztrompeten ertränkt wird. Sie ärgerte sich darüber, daß sie litt. Ihre Gedanken wandten sich wieder Francis Ambler zu – er hatte sich immer mit ihr über die Gesellschaften beraten, die er gab, er hatte sie gefragt, wen er einladen, und was es geben sollte. Das – sein Benehmen und das Dinner von heute abend – war ganz neu und nicht gerade erfreulich. Er war in Verwirrung geraten, als er sie plötzlich sah. Nina merkte, daß Cora Lisher sie gespannt beobachtete. Cora nahm nicht an, daß sie etwas wußte. Nina hatte das Gefühl, in Cora Lishers Verhalten sei eine neue, absichtliche Unfreundlichkeit. Vielleicht wuchs Coras Abneigung gegen sie mit dem Zunehmen ihrer Gefühle für Wilson. Nina kam zu dem Schluß, daß es nicht so sei. Nein, das war es nicht. Sie kam auf einen anderen Gedanken – Cora interessierte sich um Anna Louises willen für Francis und hat Angst vor ihr. Angst vor ihrem alten Einfluß auf Francis. Alle wissen, wie Mary Gow so oft betont hat, um ihre Affäre. Ja, das ist es. Nina war belustigt. Ihr Ärger über Francis blieb jedoch. Er steigerte sich sogar eher, statt abzunehmen. Wilson kam zurück und forderte Nina konventionell höflich zum Tanz auf. Sie dankte. »Cora, wollen Sie mit mir tanzen?« fragte er. »Oder wenigstens auf und ab gehen. Kein Mensch scheint mit mir etwas zu tun haben zu wollen.«

»Ich möchte gehen« – Cora stand auf – »aber nicht weit, vor allem nicht schnell.« Wenn Francis mit ihr tanzt und irgendwelche Entschuldigung für das Unentschuldbare erfindet, dachte Nina, wird sie es sehr reserviert aufnehmen. Vor dem Essen betrunken ihr Haus zu verlassen! Über Cora amüsierte und ärgerte sie sich gleichzeitig. Soweit es sie anging, war Francis frei wie die Luft. Sie brauchte ihn nicht. Nina hatte, was ihn betraf, sich schon vor Tagen entschieden. Wenn er dumm genug ist, eine Lisher zu heiraten, sie wird ihn nicht daran hindern. Sie liebt einen ganz anderen, einen unendlich viel anziehenderen Mann. Er hat sie verlassen. Chalke ist wortlos nach Cuba zurückgefahren, aber das ist nicht das Ende. Das kann nicht sein. Chalke wird noch merken, daß er sie braucht. Cuba wird ihm jetzt zu einsam, zu leer sein, er wird es nicht ertragen können. Sobald Chalke wieder zur Vernunft gekommen ist, wird er zu ihr zurückeilen. Bis dahin hat sie wirklich kein Interesse an Francis Ambler. Er darf nicht hoffen, nach Chalke Ewing Eindruck auf sie zu machen. Aber schließlich ist Francis etwas, was von früher her zu ihr gehört. Bevor er sie verläßt, wird sie ihn wegschicken. Wenn Cora meint, daß Anna Louise Lisher und sie Francis von ihr fortlocken können, indem sie ihm einfach zulächeln, dann ist Cora verrückt. Nina wurde gewahr, daß allgemein ein wachsendes Interesse für Anna Louise und Francis herrschte.

Francis Ambler kam mit Anna Louise zurück, die hineinging, und bat Nina, mit ihm zu tanzen. »Ich wollte, Sie würden dieses Kleid nicht tragen«, begann er kläglich. »Es wirkt korrumpierend. Nina, es muß Ihnen klar gewesen sein, daß ich damals bei Ihnen betrunken war. Es hatte mich sofort erwischt. Außerdem war Chalke Ewing unangenehmer, als er sein durfte. Nur zu seinem Vergnügen. Ich weiß einigermaßen, wie Sie über ihn denken, Nina, und wenn ich schon nicht einer Meinung mit Ihnen sein kann, so will ich mir wenigstens Mühe geben, Sie nicht zu verstimmen. Aber das muß ich Ihnen sagen. Er und Sie, ihr beide habt mich unglücklich gemacht, ganz elend. Das wird Ihnen jetzt nicht viel bedeuten.« Nina hörte ihm mit kaltem, abwägendem Interesse zu. »Chalke war unangenehm«, gab sie zu, »er ist einer der unhöflichsten Männer, die es gibt. Zufällig gefällt mir gerade das. Wie Sie gesagt haben – ohne jeden Anhaltspunkt übrigens – habe ich ihn gern. Und Sie haben uns beiden keine Möglichkeit gelassen, nett zu Ihnen zu sein. Die Unhöflichkeit wieder gutzumachen. Sie sind einfach aus dem Zimmer hinausstolziert. Sie haben nicht angerufen. Sie haben sich seitdem nicht gezeigt.«

»Nein, das alles habe ich nicht getan«, bestätigte er. »Ich glaube auch, es war ganz gut so. Gott weiß, daß Sie ehrlich genug waren, Nina. Sie haben mir immer gezeigt, wie Sie empfinden. Aber schließlich, wird das jemals mehr werden? Und wenn nicht, ist es so genug? Ich weiß nicht. Zum Teufel, ich bin wieder ganz verwirrt. Ich dachte schon, über alles ins klare gekommen zu sein. Warum sind Sie denn in dem verfluchten schwarzen Kleid hergekommen?« »Sie meinen, Sie sind zu dem Schluß gekommen«, bemerkte Nina ruhig, »es ist nicht genug und kann nie genug sein.« Er unterbrach sie und protestierte. »Wird, Nina, nicht kann.« Die Musik brach ab, als sie bei der Tür zur Anfahrt gegenüber der Veranda waren. Ganz in der Nähe standen draußen Bänke, und ohne etwas zu sagen, ging Nina aus dem Zimmer und setzte sich in der ein wenig kühleren Nachtluft. Sie verlangte eine Zigarette. Francis Ambler war sichtlich unruhig und verlegen. »Wenn Sie zu Anna Louise Lisher zurückgehen wollen«, sagte Nina, »ich bin hier ausgezeichnet aufgehoben.« Jetzt wenigstens benahm Francis sich bewundernswert. »Natürlich will ich das«, gab er zur Antwort. »Ich gebe ein Dinner und habe Verpflichtungen. Und Freuden«, fügte er sofort hinzu. »Aber ich will Sie nicht hier alleinlassen. Können wir nicht auf die Veranda zurückgehen?« Nina erhob sich mit einer Miene völliger Gleichgültigkeit. »Danke, Francis«, sagte sie sehr höflich. Er setzte mit einer heftigen Bewegung an, etwas zu sagen, es gelang ihm aber, es zu unterdrücken. Cora hatte sich wieder gesetzt, Delia Bache schien sich nicht fortgerührt zu haben.

 

Wilson Henry kam zurück, er setzte sich mit dem Rücken zum Verandageländer, und Cora drehte ihren Stuhl so, daß sie bequemer miteinander sprechen konnten. Was sie sagten, war für die anderen nicht zu hören. Nina merkte jedoch, daß Cora mit beherrschter, sehr großer Lebhaftigkeit redete. Wilson hörte aufmerksam zu. Von Zeit zu Zeit nickte er zustimmend zu Coras Worten. Ein wenig Verachtung, ein schwach akzentuierter Widerwille machte sich in Nina fühlbar. Die beiden sind, dachte sie, so minderwertig, so versunken in ihre billige Liebesgeschichte. Mit einem kalten Lächeln dachte sie daran, daß sie einmal vorgeschlagen hatte, Wilson solle für Cora ein Automobil kaufen, und wie töricht er sich daraufhin verraten hatte. Aus unbegreiflichen Dingen, aus der Gestalt der gesprochenen Worte in der Luft, schloß Nina, daß Cora mit Wilson über Francis Ambler rede. Uber Francis und Anna Louise. Das war der Grund dafür, daß sie gleichzeitig so energisch und so heimlich war. Offenbar dachte Cora Lisher, und mit ihr so viele, daß Francis Anna Louise heiraten könnte, und selbstverständlich beklagte sie sich angesichts dieser glänzenden Gelegenheit für das unvergleichliche Töchterchen bei Wilson über ihr Verhalten. Francis könnte sehr wohl Anna Louise heiraten, dachte Nina weiter – wenn sie sich dafür entschloß.

Joel Bache forderte sie zum Tanzen auf. »Wenn Sie genug Phantasie haben, zu wissen, daß ich vielleicht nicht nein sage, müssen Sie bestraft werden«, gab sie zur Antwort. »Ja.« Als sie tanzten, wurde Nina gewahr, daß in Joels Verhalten ihr gegenüber etwas anders war als sonst. Er preßte sie viel mehr an sich, als er es jemals getan hatte. Das regte sie nicht auf, es überraschte sie nicht einmal; im Gegenteil, es erschien ihr ganz natürlich. Nina stellte fest, daß sie es erwartet hatte. Joels Gesicht war rot und feucht, er sah überhaupt nichts, er stieß sehr viele Tanzende an. Als die Musik pausierte, stand Nina wieder in dem kleinen überdachten Eingang an der Anfahrt. »Hören Sie«, sagte Joel, »ich bin nicht mehr jung genug, um eine Flasche bei mir zu haben und Sie zu einem Automobil hinauszuführen. Trotzdem habe ich Lust auf einen Schluck, und mein Haus ist fast gegenüber. Wollen Sie mitkommen? Es sind ja nur ein paar Minuten.« Nina zauderte. Sie betrachtete ihn in langsam abmessendem Verständnis. »Natürlich, Joel«, antwortete sie plötzlich; »jetzt muß es mehr als angenehm sein, etwas zu trinken.« Die Türen und Fenster in Joel Baches Haus standen alle weit offen und ließen das Dunkel der windstillen Nacht ein; in der Diele leuchtete eine einzige Lampe. Wahrscheinlich wird es im Speisezimmer passieren, dachte Nina. Im Speisezimmer blieb Joel stehen und nahm sie in die Arme. »Nina«, sagte er in gepreßtem Flüsterton; »Nina, ich denke schon so lange an Sie, ich sehne mich schon so lange nach Ihnen.« Sie war völlig still. Joel küßte sie, und dann küßte er sie noch einmal. Sie bewegte ihr Gesicht ein wenig hin und her, um ihm auszuweichen; sie wand sich in seinen Armen und hielt ihn von sich ab. Das einzige Gefühl, das sich in ihr regte, war Neugier; es interessierte Nina, Joel Bache in einem solchen Zustand von Gemütserregung zu sehen. Er ärgerte sich und wurde gröber; auch das störte sie nicht; der Kampf an sich bereitete ihr Vergnügen. Joel verlor den Kopf und alle Hemmungen. Er drängte Nina gegen den Speisetisch. Der Tisch stieß sie in die Hüfte und tat ihr weh; Joel zerriß das Achselband ihres Kleides. Das machte ihrer gefügigen Neugier ein jähes Ende. Augenblicklich machte sie sich frei von ihm. Joel Bache fiel in einen Stuhl, er atmete schwer und unregelmäßig.

»Das war ja nett von mir«, sagte er schließlich. »Nina Henry, ich lebe seit Jahren neben Ihnen. Wilsons Frau. Verflucht noch einmal, ich muß wahnsinnig sein!« »Wir wollen nicht daran denken, Joel«, sagte Nina ruhig. »Nicht daran denken, wenn es Sie beunruhigt. Ich muß noch mein Kleid in Ordnung bringen. Aber vor allem wollen wir etwas trinken.« Sie machte das Achselband für den Augenblick mit der Brillantnadel fest. »Das Leben«, erklärte Joel, »ist schlimmer als die Hölle sein kann. Das Einzige, was man haben will, ist das, was man nicht haben kann. Man will Dinge haben, die man unmöglich haben kann. Wie Sie. Ich bin mit Delia so lange verheiratet wie Sie mit Wilson. Zwei oder drei Jahre länger sogar. Ich bin vierundfünfzig Jahre alt. Ich habe mehr Kinder als Sie. Und doch ist mir zumute, als wenn Delia nichts für mich bedeutete. Weil ich jetzt, verstehen Sie denn nicht, nur Sie haben will. Plötzlich sind Sie das einzige auf der ganzen Welt, woran mir etwas liegt. Und deshalb habe ich mich entehrt. Ich habe Ihnen Ihr Kleid zerrissen und Ihnen weh getan und Sie maßlos erschreckt.«

Dieser Vorgang amüsierte Nina überaus. Sie war völlig kühl; Joel hatte sie nicht einmal geärgert; überdies hatte sie ihn in Wahrheit ja absichtlich ermutigt. »In mir innen«, sprach Joel weiter, »habe ich nicht aufgehört. Ich möchte Sie schlagen, bis Sie ohnmächtig sind, und dann schütteln, bis Sie wieder zu Bewußtsein kommen. Ich bin nicht der Joel Bache, der eben noch mit seiner Frau auf der Landklub-Veranda gesessen hat und dahin zurückgehen wird. Jesus Christus, ich weiß nichts von Landklubs! Ich bin einfach ein Mann. Ein Tier! Ich will nicht diese Kleider anbehalten und höflich mit Ihnen reden und tanzen. Ich will jeden, der mir in die Nähe kommt, mit einem schweren Stuhl niederschlagen und Sie dann ins Gebüsch schleppen.« Joel hörte zu sprechen auf, er starrte sie an, und dann brach sein Impetus, seine Auflehnung gegen das konventionelle Dasein zusammen.

»Ich bin Joel Bache und besitze ein Versicherungsgeschäft«, sagte er niedergeschlagen. »Ich habe drei Kinder und einen Cadillac-Wagen. Wenn es regnet, muß ich Überschuhe tragen, weil mein Hals anfällig ist.« Nina Henry verlor rasch ihr Interesse für Joel. »Und«, fügte er hinzu, »sehen Sie, was über mich kommt. Was ich tue.« Was er eben zu tun versucht hatte, dachte Nina, war die einzige Ursache ihres Interesses für ihn. Sie besserte rasch den Schaden an dem von Ishtarre gemachten Kleid aus und kam dann zu Joel Bache zurück. Er stand trostlos auf der Veranda des Henryschen Hauses. »Nina«, sagte er ihr, »ich kann Ihnen nicht genug dafür danken, wie Sie sind. Wie Sie sich benommen haben. Ich habe noch nie eine Frau gekannt, die solches Verständnis für Männer hat. Ich habe nie gedacht, daß jemand, ja – so viel Barmherzigkeit und Nachsicht haben kann. Das war es. Barmherzigkeit und Nachsicht. Nina, ich bin ganz zugeschlossen in meinem Innern. Mein ganzes Leben mußte ich so sein. Sie waren so entzückend, Nina, so genau das, was man sich von einer Frau erträumt, daß ich nicht der Mensch bleiben konnte, der ich vorher war. Der ich sein muß. Das ist jetzt alles vorbei. Ich wollte, ich müßte nicht so sein. Wenn ich mir vorstelle, was ich für den Rest meines Lebens sein werde, wird mir ein bißchen übel.«

Die kleine Gruppe, die Nina auf der Landklub-Veranda zurückgelassen hatte, war größer geworden. Cora Lisher und Wilson sprachen nicht mehr abseits miteinander. Niemand tanzte. »Francis hat seine Gäste zu sich nach Hause genommen«, erzählte Cora ihr mit sichtlicher Befriedigung. »Er sagte, hier wäre es zu heiß zum Sitzen. Als sie gingen, redeten sie davon, die ganze Nacht bei Amblers zu bleiben. Das Haus ist ja so riesengroß.« Darauf sagte Nina in gleichgültigem Ton: »Ich wußte gar nicht, daß Sie schon einmal dort waren, Cora. Das Haus ist sehr groß, aber es ist ungemütlich. Schrecklich komfortabel natürlich – die Betten sind wunderbar – aber mittelviktorianisch. Alabastervasen und vergoldete Uhren mit schwarzen Marmorsäulen.« Cora war sehr freundlich. »Ich weiß recht gut, was Sie meinen«, antwortete sie. »Aber über solche Betten bin ich anderer Ansicht wie Sie. Diese riesengroßen Stücke. Ich könnte mich nie in so einem Bett wohlfühlen.« Wilson Henry wurde offenbar allmählich unruhig.

»Du denkst dir doch die ausgefallensten Dinge aus, um darüber zu sprechen«, sagte er zu Nina. »Jetzt sind es Betten. Die Konversation entwickelt sich in Amerika wirklich nicht weiter. Das fehlt mir. Ich bin ein Freund von guten Diskussionen, wenn es etwas zu diskutieren gibt. Aber das tun wir jetzt gar nicht. Man redet von Betten oder Religion oder Patriotismus. Darüber kann man nicht diskutieren. Es kommt gar nicht zu einer Diskussion. Zum Beispiel Ewing, Mary Gows Bruder – ich wollte ihm immer einmal sagen, was ich darüber denke. Es tut mir leid, daß er abgereist ist, bevor ich es tun konnte; aber trotzdem ist es besser für ihn, daß er fort ist.« Chalke Ewing! Eine zarte Trauer, süß und merkwürdig wie der ferne Klang einer wohltönenden Glocke, rührte sie an. Chalke Ewing. Die Süße schwand, löste sich auf in ein anderes, ein herbes Wissen. Chalke ist wortlos von ihr gegangen, aber er wird elend sein, immer einsam und unvollständig, fern von ihr. Auf Cuba. Die tropischen Nächte werden ihr Bild vor ihn zaubern – ihr Körper wird in Chalkes Erinnerung brennen wie geschmolzenes Silber, das über und in und durch ihn geflossen ist.

 

Als Nina mit Wilson nach Hause kam, überraschte er sie durch die aufmerksame Freundlichkeit seines Benehmens. Es gebe etwas, sagte er mit einer Miene besorgter Heiterkeit, das er mit ihr durchsprechen müsse. Eine Situation, eine Möglichkeit sei ihm eingefallen, die sie beide überaus interessieren müsse. »Es wäre wunderbar«, erklärte Wilson; »und du bist sehr wichtig dafür.« Nina wurde klar, daß Cora – die schlauer gewesen war, als sie für wahrscheinlich gehalten hatte – Wilson sein Verhalten ebenso genau vorgeschrieben hatte wie das, was er ihr sagen sollte. Sie saß in ihrem tiefen Sessel im Schlafzimmer, rauchte eine letzte Zigarette vor dem Schlafengehen und betrachtete ihn mit heimlicher Belustigung. »Ich habe dir gesagt«, sprach er weiter, »wie ich über Francis Ambler denke. Wie ich jetzt über ihn denke. Das ist alles gut. Nun, Nina, ein solcher Mann, ein junger Mann, muß heiraten. Ganz besonders, wenn er so viel besitzt. Irgendein Mädchen, ein nettes junges Mädchen sollte das mit ihm genießen. Das weißt du. Sie müßten Kinder haben.

Also, ich bin überzeugt, daß Francis ungefähr zu dem gleichen Schluß gekommen ist. Er benimmt sich dementsprechend. Du mußt aber bedenken, daß er sich ein oder zwei Jahre von den Mädchen, mit denen er zusammen sein sollte, ferngehalten hat. Von den Mädchen in seinem Alter. Dem richtigen Alter. Die Wahrheit ist, daß er verrückt nach dir gewesen ist. Das hat alle Welt gewußt, und er hat, muß ich sagen, einigermaßen darunter gelitten. Und du warst etwas egoistisch, Nina. Nicht, daß ich dir einen Vorwurf mache. Das tue ich nicht. Aber ich glaube, jetzt ist es Zeit, Schluß damit zu machen. Wohlgemerkt, ich sage nicht, daß Francis dich satt hat; das glaube ich nicht, und deshalb setze ich auch das alles auseinander. Aber ich bin sicher, daß du ein Ende machen könntest. Das mußt du auch. Es ist deine Pflicht.« Er machte eine Pause, wartete darauf, daß sie etwas sage, ihm zustimme oder widerspreche. Nina sagte nichts; sie war entschlossen, ihm in keiner Weise zu helfen. Er sollte nur selbst fortfahren mit dem, was Cora ihm aufgetragen hatte. »Der Grund ist der«, fügte Wilson hinzu: »Anna Louise.« Er wartete wieder ab; sie sagte nichts; er redete weiter. »Ich glaube – und ich sehe, daß sehr viele derselben Meinung sind wie ich – ich glaube, er interessiert sich für sie. Ich bin sicher, daß er Anna Louise lieben würde, wenn nicht seine Gefühle dir gegenüber da wären. Ich meine nicht Liebe, sondern eine Art Treue. Er empfindet außerordentlich fein. Er will dir nicht weh tun. Das ist die Wahrheit.« Da wenigstens sprach Wilson mit unvorstellbarer Plumpheit für sich. Seine Verständnislosigkeit erzeugte eine Animosität, eine Arroganz des Stolzes in ihr. In Wirklichkeit bat er sie nicht, Francis Ambler freizugeben; er sprach, mit Cora, versteckte Drohung aus. Er drohte ihr mit dem Versagen ihrer Reize, ihrer Anziehungskraft. Wenn sie Francis nicht freiwillig ließe, meinte er, würde Francis bald zur Vernunft kommen und sie verlassen. Immerhin hatten die beiden, das merkte Nina, noch Angst vor ihr. Sie wußten, daß sie immer noch sehr unangenehm werden konnte. Da hatten sie recht. Das hatte sie im Klub klargemacht. Sie hatte Francis Ambler sehr unglücklich gemacht, unsicher. »Was soll ich deiner Ansicht nach tun?« fragte sie.

»Komm nicht mit Francis zusammen«, sagte ihr Wilson. »Mach es ihm schwer, mit dir zusammenzukommen. Mach es ihm unmöglich, dich zu sehen. Wir – das heißt, ich bin sicher, mehr brauchst du nicht zu tun.« Wilson Henrys Stimme hob sich. Nina war völlig klar, daß er meinte, es gehe ausgezeichnet. Er glaubte, ein Wunder an Verschlagenheit zu sein. »Francis Ambler betet jetzt Anna Louise an«, erklärte er. »Er schwebt in höheren Regionen. Du kannst ihn wieder herunterbringen.« Ihre Halsstarrigkeit kleidete sich jetzt in Worte. »Aber er ist mir sehr nützlich«, warf sie ein. »Du ahnst gar nicht, was er alles für mich tut. Ich bin nicht mehr gar so jung, und Francis ist sehr viel wert. Du solltest auch bedenken, was er dir erspart. Wenn Francis nicht mit mir in den Klub ginge, hättest du viel, viel weniger Freiheit. Du könntest nicht jederzeit Cora abholen, mit ihr weggehen. Hast du das bedacht?« Offensichtlich hatte er das nicht bedacht. Sein Gesicht verfinsterte sich. »Daran kann ich nichts ändern«, sagte er schließlich verbissen. »Ich habe dir schon erklärt, daß wir nicht so viel an uns selbst denken dürfen. Das ist eine klare Pflicht.«

Er wandte sich von ihr ab und begann sich auszukleiden, dick und feucht, und plump in seinen Bewegungen. »Der Teufel soll diese stinkende Hitze holen!« rief er, und dann kam er wieder auf das, was ihn beschäftigte. »Du mußt es eben tun, Nina.« Nina dachte darüber nach. Sie war durchaus nicht so sicher, daß sie es tun würde. Viel eher meinte sie, sie würde es nicht tun. Dann wird Cora Lisher sehen, daß sie nicht mit ihr anfangen kann, was sie will. Sie will ja schließlich Francis gar nicht – wenn Chalke zurückkommt und eingesteht, wie lächerlich falsch er sich gegen sie benommen hat, dann können alle, die Francis Ambler haben wollen – mit einem Wort die Lishers – mit ihm glücklich werden. Das hat nichts mit dem zu schaffen, was im Augenblick für sie notwendig ist. Im Augenblick ist es eine Notwendigkeit für sie, mit Francis zu tun, was ihr beliebt. Sie wird jetzt keinen Entschluß fassen. »Nun?« fragte Wilson im Schlafrock. Sie erwiderte, indem sie schweigend die Augenbrauen hochzog und ihn fragend ansah. Etwas von seiner alten Ungeduld kam wieder. »Tu nicht so unschuldig«, rief er; »du weißt, was ich meine. Was wirst du mit Francis machen? Willst du ihn gehen lassen, oder willst du auf dem hohen Roß sitzenbleiben, bis du herunterfällst?«

»Seid ihr so sicher, daß ich herunterfallen werde?« fragte sie ein wenig unwillig. »Und außerdem nehmen wir nicht genug Rücksicht auf Francis. Vielleicht sollte ich ihn fragen, was geschehen soll.« Wilsons Gesicht war dunkelrot vor Zorn. »Tu das«, entgegnete er. »Frag ihn in dem Kleid, in dem deine Brust und deine Beine schlimmer sind als nackt.« Nina sagte, sie sei entsetzt. »Wilson, ich habe nie gewußt, daß du so ordinär bist. Du wirst dich wohl entschuldigen müssen. Auch wenn ich deine Frau bin.« Er lachte auf. »Das stimmt doch, nicht? Ich meine, mit deinem Kleid. Ein paar von deinen besten Freundinnen scheinen auch dieser Ansicht zu sein. Ich habe sogar Acton darüber reden hören. Dein eigener Sohn war außer sich. Das will etwas sagen in dieser Zeit allgemeiner Schamlosigkeit. Reden wir wieder von Francis Ambler – er wird wahrscheinlich Anna Louise um ihre Hand bitten. Wenn er es tut, was wirst du dann unternehmen. Ich hätte das gern gewußt.«

»Aber, Wilson, ich würde ihr natürlich ein Verlobungsgeschenk machen. Sechs Paar Strümpfe. Das würde ihr helfen, ihn zu halten. Francis ist sehr schwierig.« Sie sprach so unbekümmert, daß es fast heiter klang. »Anna Louise ist hübsch, aber du weißt ja selbst, daß ihre Strümpfe nicht die richtige Farbe haben. Wie die von Evelyn Delaney. Das weißt du doch!« Er erinnerte sie daran, daß die Lishers arm seien. »Sie können nicht alles haben, was ich dir geben kann.« Dieser Gedanke erfüllte ihn offenbar mit Verdruß. »Kein Mädchen muß solche Strümpfe tragen wie Anna Louise«, erklärte Nina. »Das ist Coras Schuld, das weiß ich. Cora ist eine gute Frau, sie ist eine vollkommene Mutter, aber Geschmack hat sie nie gehabt. Wie sollte sie auch, bei ihrer Herkunft?« Wilson setzte zum Sprechen an, dann würgte er hörbar mit furchtbar rot gewordenem Gesicht. »Soll ich dir ein Glas Wasser bringen?« fragte Nina. »Nein«, antwortete Wilson. »Wir haben von Anna Louise und Francis Ambler gesprochen. Nicht von Cora. Du willst nicht einsehen, daß eine Frau wie du, eine Frau, die so aussieht wie du, mindestens fünfzigtausend Dollar im Jahr kostet. Es ist möglich, daß sie keine fünfzigtausend Cent wert ist, oder keine fünfzig, aber so viel kostet sie.

Cora und Anna Louise müssen mit nicht ganz sechstausend Dollar im Jahr auskommen. Das weiß ich zufällig, weil Cora mich wegen einer Geldanlage um Rat gefragt hat. Das ist alles, was sie haben. Nina, bei Gott, wenn du diese Sache mit Francis Ambler nicht abbrichst, sollst du mir dafür bezahlen.« Mit einer heftigen körperlichen Anstrengung gewann Wilson sein Gleichgewicht wieder. »Das war Unsinn«, sagte er ruhiger. Nina stand auf und legte mechanisch ihr Kleid ab. Als sie das getan hatte, überkam sie eine unendliche Gleichgültigkeit. Francis Ambler bedeutet ihr weniger als nichts. Chalke ist fortgegangen, hat sie verlassen, ohne ihr ein Wort zu sagen. Schrecken faßte sie an. Sie stand da und starrte gebannt und hilflos in einen Raum, der leer von allem war, was ihr unentbehrlich erschien. Sie glaubte ohnmächtig zu werden. Wilson bemerkte nichts davon. Sein Rücken war ihr zugewandt; er holte ein Pyjama, ein lila Pyjama, aus einer Schublade. Alle Erregungen und alle Gefühle, alle Ereignisse und Menschen des vergangenen Abends erschienen ihr jetzt völlig unbegreiflich, es waren sinnlose Schatten und Geräusche. Chalke ist gegangen! Sie schritt unsicher zum Toilettetisch und sank in den Stuhl davor. Das Ishtarre-Kleid lag auf dem Fußboden.

 

Die Leere des folgenden Tages, aller Tage, die sich in grauer Monotonie bis zum Ende ihres Lebens aneinanderreihten, das drückte mehr als alles andere auf Nina. Ein Dasein ohne Ansporn und ohne jede Möglichkeit einer Vergeltung. Handlungen ohne Sinn. Worte ohne Zweck. Die Wirklichkeit und der Reiz aller Dinge waren nur, so schien es jetzt, der Abglanz der höheren Wirklichkeit Chalke Ewings gewesen. In der tragisch kurzen Zeit, die ihr zu Gebote gewesen war, hatte Nina alles, was sie war, in ihn gelegt. Das Unheil seines Fortgehens von ihr glich dem Versinken eines Schiffes mit all ihrem Besitz, außer dem Leben. Einerseits war alles, was sie von den zahllosen Kleinigkeiten des sogenannten Lebens tat, öde und belastet mit Nutzlosigkeit, und doch war alles notwendig. Zum Beispiel – Rhoda kam, um zu fragen, ob das Sonntagabendessen so wie gewöhnlich sein solle; Ninas Familie mußte noch immer essen; es war Harriets Ausgangstag, und Nina mußte die Wäsche für die Badezimmer und den Speisetisch herauslegen; das Telefon klingelte zehn oder zwölf Mal und brachte unwichtige, aber unvermeidliche Einladungen.

Was ihre Lage besonders erschwerte, war der Umstand, daß sie ihren Schmerz und Verlust geheimhalten mußte. Sie mußte ihn vor ihren Kindern und den Dienstboten, vor ihrem Mann und der Umwelt verbergen. Zu Mary Gow zu gehen, war noch unmöglicher, als mit manchen Leuten zu sprechen, die überhaupt nicht wußten, was vorgefallen war. Marys begreiflicher Irrtum, ihr tiefes, unangebrachtes Mitgefühl, beides wäre gleich unerträglich. Da Mary nicht in Frage kam, blieb niemand, mit dem Nina über Chalke auch nur sprechen konnte. Die Leute, denen sie nahestand, kannten ihn eigentlich überhaupt nicht; diejenigen, die ihn kannten, konnten ihn nicht verstehen. Sie hielten ihn für verbittert, gottlos und bar jedes patriotischen Empfindens. Sie konnten nicht wie sie in ihn hineinsehen und die Entdeckung machen, daß diese Charakterzüge in Wirklichkeit nur der Ausdruck seiner übermäßigen allgemeinen Enttäuschung waren. Chalke war ein Idealist – ein Mann, der auf der Notwendigkeit der Vollkommenheit in menschlichen Dingen bestand. Er war verbittert vor Groll über den Untergang der Anständigkeit bei fast allen; er wirkte gottlos, obwohl er nur Heuchelei verabscheute. Sein scheinbarer Mangel an Patriotismus kam daher, daß er größere Ansprüche, als es üblich war, an sein Vaterland stellte.

Sie war im Wäschezimmer am hinteren Ende der Diele im zweiten Stock, und da kam Acton und blieb in der Tür stehen. »Ich fange an zu packen«, erklärte er, »und ich muß noch einmal über den Frack reden. Mutter, ich muß sagen, Vater hat unrecht. Ich habe heute vormittag wieder versucht, es ihm klarzumachen. Mit einem Smoking geht es recht gut in Eastlake, vielleicht fast überall in Amerika, aber in Europa ist es unmöglich. Du kannst in elegante französische Lokale nicht im Smoking gehen. Und in London ist es ebenso unmöglich. Miss Pryne wird nicht verstehen, warum ich mit ihr in einer kurzen Jacke ausgehe. Die Schwänze müssen eben da sein. Das hat sie mir selbst gesagt.« Nina Henry fragte ihn: »Was hat dein Vater dazu gesagt?« »Recht wenig Befriedigendes«, meinte Acton. »Ich habe ihm sogar von Miss Pryne gesprochen, und darauf hat er gesagt, sie würde wahrscheinlich gar nicht merken, was ich anhabe. Wahrscheinlich, hat er gesagt, wird ihr überhaupt nicht bewußt sein, daß ich in Paris bin. Miss Pryne hat mir gesagt, es wäre sehr wichtig für sie, daß ich komme. Sie möchte mich in die Herrlichkeiten der belle France einführen. Darauf hat Vater nichts weiter geantwortet, als daß er hofft, Madeira gehört nicht zu den Herrlichkeiten. Jetzt glaube ich, ich werde überhaupt nichts davon sehen. Wenn ich nur einen Smoking habe.«

»Da kann ich dir nichts sagen, Acton«, entgegnete sie. »Ich kann mich doch nicht in Widerspruch zu deinem Vater setzen, nicht wahr. Ich fürchte, Catherine und die eleganten französischen Lokale werden sich mit dir abfinden müssen, auch wenn du keine Schwänze hast. Acton, in Paris sind jetzt so viele Amerikaner, ich glaube, ein Smoking wird durchaus genügen. Besonders, wenn du eine von deinen hübschen weißen Westen dazu anziehst.« Acton wollte sich nicht beruhigen lassen. »Ich bezweifle sehr, ob man dort, wo Miss Pryne hingeht, auch nur einen Amerikaner sehen wird«, erwiderte er. »In Europa beachtet sie Amerikaner so gut wie gar nicht. Sie ist meistens mit der Haute noblesse zusammen.« Er schwieg noch einen Augenblick, und dann zog er ab. Actons Leben war jetzt von ihrem losgelöst, seine frühe Liebe zu Catherine Pryne hatte sie auseinandergerissen. Acton war im Begriff, sich eine neue körperliche Harmonie zu erwerben. Ihre Harmonie, die so spät und so überwältigend kam, war zerstört worden. Ihre Hoffnungen hinsichtlich Chalkes, die Sicherheit, mit der sie auf seine Rückkunft gebaut hatte, waren schwächer geworden. Aufgeben konnte sie die Hoffnung nicht, aber die Hoffnung war kümmerlich, sie wehrte nicht mehr die bittere Bedürftigkeit, den Hunger ihrer Seele ab.

Nina hatte Wilson gesagt – er war, wie jeden Sonntagvormittag, in den Landklub Golf spielen gegangen – daß sie ihm später nachkommen werde, aber jetzt wünschte sie, sie hätte ihn nicht gehen lassen. Sie glaubte nicht, die langweilig heiteren Wiesen und die Veranda des Landklubs ertragen zu können. Es war ihr unbegreiflich, wie sie dort am vergnügten Plaudern teilnehmen sollte. Als sie aufbrach, beschloß sie, im Wagen zu bleiben und den Ökonom oder einen der Balljungen um Wilson zu schicken. Es war nicht ausgeschlossen, daß niemand sie zu Gesicht bekam. Sie machte sich klar, daß sie ihre wachsende Abneigung gegen jede Berührung mit ihrer Welt überwinden mußte. Nina begann in sich die demütigende Inferiorität eines Hundes ohne Herrn und ohne Heim zu fühlen. So empfand sie es – ohne Heim und ohne Herrn. Das Haus, in dem sie seit so vielen Jahren mit Wilson und den Kindern lebte, war sinnlos und fremd geworden, die Türen führten zu nichts, wohin sie gehen wollte. Nichts lag hinter ihnen. Die Zimmer entbehrten aller begehrenswerten Wirklichkeit.

Nina fuhr zum Landklub; weder der Ökonom noch ein Balljunge war zu sehen, sie mußte durch das Klubhaus auf die Veranda gehen, um Wilson zu suchen. Es war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte – voll, bunt von den Sommerkleidern zahlloser schwatzender Mädchen, den weißen Flanellhosen und nackten braunen Hälsen, den leuchtenden Blazers junger Tennisspieler. Wilson war unter dem Baum am neunten Green. Er hatte offenbar sowohl das Golf wie die Dusche hinter sich; er war, wie immer, bequem und korrekt angezogen. Im Landklub sah Wilson sehr gut aus. Nina bekam Mitleid mit ihnen beiden – mit Wilson wegen der Verwirrung, welche die zu seinem Glück notwendige Förmlichkeit seines Daseins überrannt hatte, mit sich selbst, weil Wilson Wilson war, weil er nicht Chalke Ewing war. Sie mußte die Verandatreppe hinunter und über das Gras zu ihm gehen. Er sprach mit Justin Gow und Annabel und Joel Bache. Joel begrüßte Nina. »Guten Tag, hoffentlich haben Sie den gestrigen Abend gut überstanden.«

»Aber natürlich, Joel«, versicherte sie ihm. Sie lächelte Joel mit aufrichtiger Geradheit zu. Die vergangene Nacht war, wie alles andere ihres Daseins, ohne Wichtigkeit, ohne Bedeutung für sie. Sie war doch froh, daß sie in den Landklub gekommen war. Um Joels willen. Sie wollte ihn nicht glauben lassen, daß sie sich über ihn ärgere. Was geschehen war, war ausschließlich ihre Schuld. Jetzt war ihr unbegreiflich, weshalb sie ihn zu einem so heftigen Gefühlsausbruch verleitet hatte. Nina fand es scheußlich. Es entsprach vollständig ihrer Vorstellung von einem gemeinen Frauenzimmer. Joel Bache war sichtlich sehr erleichtert. »Nina«, sagte er heimlich zu ihr, »wenn ich Sie heute sehe und an alles zurückdenke, kann ich nicht verstehen, wieso ich dazu gekommen bin. Ich war nicht einmal betrunken. Ich muß verrückt gewesen sein. Ich kann nicht verstehen, was geschehen ist«, wiederholte er. »Sie waren wie eine Fremde für mich. Etwas anderes als Sie. Teufel, ich weiß noch nicht einmal jetzt, wovon ich rede.«

Als sie wieder im Wagen waren, erzählte ihr Wilson, daß er in der zweiten Runde beim siebenten Loch eine Zwei gemacht habe. »Zuerst dachte ich, es würde eine Eins sein. Die erste Runde war schlecht. Ich konnte nicht vorwärtskommen. Jeden Mashyball verpatzte ich, dann nahm ich einen Eisenschläger Nummer vier, das war besser. Justin spielt Golf, wie er alles andre macht. Er hat eine lückenlose Theorie und versucht sich ihr anzupassen. Er meint, er muß wie eine Maschine spielen. Wenn er das nicht tut, versteht er nichts mehr und wird ganz gehörig schlecht. Joel geht einfach mit Schwung drauflos. Manchmal trifft er sogar auch.« Nina sagte: »Ja, Wilson.« Alkibiades und Perikles und Plato. Der Schwung und Rhythmus alter Poesie. Poesie und Krieg und Liebe vor tausend Jahren. Chalke ist gegangen, hat sie wortlos verlassen. Je mehr Nina darüber nachdachte, desto gewisser erschien es ihr, daß er nicht zu ihr zurückkehren werde. Bei dieser unklaren Erkenntnis atmete sie schwer, und Wilson sah sie an. Sie sagte jedoch nichts. Sie waren zu Hause. Langsam ging sie die Verandatreppe hinauf. In der Tür stand Cordelia. Nina fiel Actons Unzufriedenheit wegen seines Abendanzuges ein. Ein Frack. »Ich werde ein paar Cocktails machen«, sagte ihr Wilson. »Ich brauche so etwas, und wenn ich dich ansehe, muß ich sagen, du auch.« Cordelia sagte vergnügt: »Unsinn. Wenn du jemand sehen willst, der wirklich etwas trinken muß, dann schau mich an.«

Nach dem Abendessen – einem großen Teller Butterbrote, einer Schüssel Kressensalat, kaltem Huhn, leuchtend rosa und süßem Rhabarber, Sandtorte und Milch – ging Nina wieder auf die Veranda, wo sie Francis Ambler im Gespräch mit Wilson und Acton fand. Wilson und sein Sohn gingen mit vergnügter Ziellosigkeit fort, sie verschwanden in der Kingsmill Street, Cordelia war bereits zu Annabel Gow gegangen, und Nina saß da, Francis dicht neben sich. Sehr lange schwiegen sie. »Es ist mir fürchterlich, anzufangen«, sagte Francis schließlich, »Worte machen so oft manchem ein Ende. Sie haben mehr Gewalt. Sie sind schärfer und endgültiger, als einem gewöhnlich klar ist.« Nina fragte ihn, warum er dann anfange. »Ich muß«, antwortete er entschlossen. Eine Falte bildete sich zwischen seinen Augen; er sah überaus unglücklich aus. »Ich muß. Gott weiß, daß ich nicht möchte! Gott weiß es, aber er ist der einzige, der überhaupt etwas weiß. Was ich jetzt sagen muß, ist fürchterlich für mich. Feig. Gegen alle Ehre. Ich kann nichts daran ändern. Ich kann nicht, und so ist es eben. Wie schlecht es ist, wird Ihnen klarwerden, wenn ich es Ihnen sage.«

Nina wußte instinktiv, was er ihr erzählen wollte. Er blickte von Nina fort, in die Dämmerung hinaus. »Wenn Sie mich nicht für das hassen, was ich getan habe, werden Sie mich dafür hassen, wie ich es getan habe. Für den Geist, in dem ich es getan habe. Erbärmlich. Ich sagte schon, ich kann nichts daran ändern. Nina, gestern abend, als wir miteinander getanzt hatten und ich so außer mir war, bat ich Anna Louise um ihre Hand. Auf unserer Wiese war das. Ich habe sie geküßt, und wir sind verlobt.« Nina sah ihn mit ruhigen Blicken an, ihr ganzes Wesen war still, sie dachte: Ist das nicht wunderbar für die Lishers? Das Amblersche Geld. »Ich wollte, Sie sagten etwas«, flehte Francis. »Sie sehen aus, als hätten Sie mich nicht gehört. Sie sehen aus, als wären Sie so weit weg, daß Sie mich nicht hören können. Ich habe Ihnen eben gesagt, daß ich Anna Louise Lisher um ihre Hand gebeten habe. Sie hat ja gesagt. Ich habe sie geküßt. Wir sind verlobt. Wie denken Sie darüber?« Langsam sagte Nina: »Francis, das ist aus sehr vielen Gründen wunderschön. Anna Louise ist ein sehr hübsches Mädchen, sie ist das, was Sie ein gutes Mädchen nennen würden, und das halte ich für wichtig. Verheiratet wird sie viel besser sein als unverheiratet; verstehen Sie, was ich meine? Sie wird eine vollkommene Ehefrau sein.«

»Ich verstehe«, sagte Francis. »Sie meinen, sie ist nicht aufregend. Keine Lisher könnte das sein. Ich bin überzeugt davon, daß Sie recht haben. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Ich bin zu demselben Schluß gekommen wie Sie: Anna Louise wird eine wunderbare Ehefrau werden. Das hat sehr zu meinem Entschluß, um sie anzuhalten, beigetragen. Es schien so sehr vernünftig. Sie ist sehr lieb – ihr Charakter, Nina, ist so gut wie ihr Aussehen – und sie hat kein Geld. Dieses Liebsein gefällt mir, ich brauche eine Frau wie sie, und ich habe sehr viel Geld. Mehr als sie jemals wird ausgeben wollen. Das ist ein sehr vernünftiges Arrangement. Es ist doch sehr vernünftig, nicht wahr, Nina?« Ja, sagte Nina, es sei durchaus vernünftig. Der Klang seiner Stimme, der Ausdruck seiner Augen beunruhigte sie. »Das aber«, sprach er weiter, »ist das Furchtbare daran – will ich es? Liebe ich Anna Louise? Nein, ich meine, werde ich jemals fähig sein, sie zu lieben? Ich weiß nicht. Niemand kann darauf antworten, wenn Sie es nicht können. Wenn Sie es nicht wollen.« Er beugte sich mit einer jähen Bewegung vor. »Sagen Sie mir, habe ich recht? Kann ich es tun, Nina – Sie wissen es – kann ich?«

»Aber Francis«, antwortete Nina sanft, »selbstverständlich können Sie es tun, wenn Sie Anna Louise überhaupt lieben. Die Liebe ist etwas Merkwürdiges, nicht wahr? Man weiß bei ihr nie, wie man dran ist. Es ist anzunehmen, daß Sie Anna Louise sehr lieben werden. Wenn sie Ihre Frau ist, Francis. Das würde für Sie sehr viel bedeuten. Für Sie ganz besonders. Sie sind so. In Ihnen steckt sehr viel Familie, sehr viel Stolz. Das ist ein großes Glück. Für Sie. Auch die Ehe ist etwas Merkwürdiges. Ich weiß, wie absonderlich sie sein kann.« Er rückte von ihr ab, offenbar war er enttäuscht. Sein Ton wurde formell. »Sie halten es also für richtig«, sagte er; »Sie sind dafür. Das muß ich wissen. Schließlich habe ich Sie nahezu fünf Jahre lang geliebt. Ich werde nie wieder das gleiche Gefühl, das gleiche junge Gefühl für eine andere Frau haben können. Für keine als Sie. Sie haben oft gesagt, daß Sie mich lieben. Ich denke gern, daß Sie es getan haben. Teufel, ich muß denken, daß Sie mich geliebt haben. Auf die einzige Weise, die für Sie schließlich möglich war. Nina, es begann schon hoffnungslos auszusehen. Statt mir näher zu sein, schienen Sie immer weiter weg zu sein, gleichgültiger.

Dann, nach diesem lächerlichen Auftritt in Ihrem Haus, dachte ich, Sie interessieren sich für Mary Gows Bruder, für Chalke Ewing. Daß er verrückt nach Ihnen war, konnte ich sehen. Als er abreiste, als Mary mir erzählte, wie er gegangen war, sah ich, daß es zu nichts gekommen war. Wenn überhaupt jemals etwas war. Aber ich konnte nichts in mir finden, das mir sagte, Sie lieben mich. Ich hatte nicht den Eindruck, daß Sie auch nur einen einzigen Gedanken an mich wenden. Nina, das hat mich beinah zugrunde gerichtet. Ich mußte mich mit Gewalt zurückhalten, um nicht hierherzukommen und Ihre Füße zu küssen. Ich wollte Sie bitten, daß Sie mich nicht gehen lassen. Das war nicht anständig. So«, erklärte Francis Ambler mit Festigkeit, »konnte es nicht weitergehen. Zuallererst hätte ich Sie verloren. Nun, wir haben oft von Anna Louise gesprochen. Davon gesprochen, wie hübsch sie ist, wie ehrlich nett sie ist, und sie hat mir immer gefallen. Sie hat mir besser gefallen als alle anderen Mädchen. Als alle außer Ihnen. Ich nahm mir vor, mich von Ihnen nicht zugrunde richten zu lassen. Daran hatten Sie ja auch kein Interesse. Das Dinner am Samstagabend gab ich, weil ich beschlossen hatte, Anna Louise um ihre Hand zu bitten. Sie schlug ich mir aus dem Kopf. Nina, Sie selbst wollten ja nicht darin bleiben. Ich bereitete alles vor, ja, es war schon eine Erlösung für mich, daran zu denken, und dann tanzte ich mit Ihnen. Ich tanzte mit Ihnen, liebste Nina, und all meine alte Sehnsucht war wieder da.

Ich glaubte, ich könnte nicht weiter mit Anna Louise Lisher. Ich müßte schließlich doch ein Schwein sein. Ich würde Ihre Füße küssen müssen. Ich fragte Wilson, wo Sie seien, und er sagte, Sie seien mit Joel Bache verschwunden. Zu ihm nach Hause gegangen, um etwas zu trinken. Nina, ich riß mich zusammen und nahm meine Gäste zu mir. Sobald ich konnte, verlor ich mich mit Anna Louise. Ich dachte, Gott verflucht, jetzt wirst du anständig sein müssen. Es wird dir vielleicht nicht alles bringen, was das Leben bieten kann, aber du wirst dir etwas retten, was sich jeder Mann retten sollte. Gestern nacht konnte ich nicht einschlafen und bekam Angst vor mir selber. Mir schien, ich hätte etwas absolut Verbrecherisches getan. Was, wenn ich zu Ihnen gehörte? Ja, wenn, dann war nichts daran zu ändern. Was konnte ich anderes als zugrunde gehen? Ich sah Sie immer in diesem Kleid vor mir. Nina, darin waren Sie weißer als in allen anderen. Ich dachte: Ich habe Nina belogen. Aus der Lüge gegen Anna Louise machte ich mir nichts. So schlimm war es.«

»Sie haben mich nie belogen, Francis«, versicherte sie ihm. »Die Liebe bleibt nicht immer gleich. Ich weiß, daß Sie mich ehrlich und schön geliebt haben; aber Sie müssen mich nicht weiterlieben, um zu beweisen, daß das, was Sie empfunden haben, Liebe gewesen ist. Ich will nicht, daß Sie verlieren, was Sie Ihre Anständigkeit nennen. Ich habe Sie geliebt. Ich liebe Sie jetzt, Francis. In dem Sinn, von dem Sie gesprochen haben. Auf diese Weise, die uns beiden nie Befriedigung geben könnte. Ich könnte Ihnen für das, was Sie mir schenken würden, nicht genug zurückgeben. Ich würde Ihr Leben nicht ausfüllen. Vielleicht kann Anna Louise das. Eines wird sie tun – sie wird sich Mühe dazu geben. Sie wird sich mit Freuden töten, um zu sein, was Sie brauchen. Sehen Sie, sie hat das richtige Alter. Eure Liebe wird Kinder haben, die sie in Anspruch nehmen. Die sie natürlich machen. Francis, die Liebe kann etwas furchtbar Unnatürliches sein. Sie kann Sie verbrennen. Sie zerstören. Ganz und gar. Sie haben ja eben jetzt davon gesprochen. Ich weiß nicht, wer auf den Gedanken gekommen ist, daß die Liebe ein Segen ist. Es ist zu schauerlich, um ausgesprochen zu werden. Ja, Anna Louise wird ausgezeichnet für Sie sein. Sie wird Sie vor der Liebe retten, Francis.«

Er stand auf. »Das klingt sonderbar aus Ihrem Mund«, sagte er ihr. Francis Ambler wiederholte ihre Worte. »Anna Louise wird ausgezeichnet für Sie sein. Sie wird Sie vor der Liebe retten. Sie meinen also, ich kann sie heiraten? Sie glauben, es wird ungefährlich sein?« Er stand da und sah ihr mit angespannter Konzentration ins Gesicht. »Ja«, sagte sie ernst; »ja, Francis. Ich meine, Sie können Anna Louise heiraten, und ich glaube, es wird ungefährlich sein.« Er ging fort von ihr an den Rand der Veranda. Francis stand mit dem Rücken zu ihr. Seine Hände, sah sie, ruhten leicht auf dem Geländer. Ein leichter Windzug säuselte in den Ahornblättern. Sie dachte an Chalke. Francis kam zurück. »Ich danke Ihnen, Nina«, sagte er. Seine Stimme klang ruhig, fast konventionell. »Sie haben natürlich immer recht. Ich muß jetzt gehen. Anna Louise wartet auf mich.« Wo Chalke jetzt ist, sagte sie sich, da sind Palmen und nicht Ahornbäume. Sie hoffte, Francis Ambler werde glücklich sein mit dem kleinen Lishermädchen, mit Cora Lishers Tochter.

 

Der nächste Tag kam ihr länger vor als ihr ganzes bisheriges Leben. Sie war gerade oben und kleidete sich zum Dinner um, als Mary Gow zu ihr kam. Sie küßte Nina mitfühlend. »Ich war den ganzen Tag in der Stadt«, erklärte sie, »sonst wäre ich natürlich schon früher gekommen. Ich habe eben von Francis und Anna Louise gehört«, redete Mary rasch weiter. Ich muß mit dir darüber sprechen. Nina, zuerst habe ich mich geärgert. Mich ärgert ja meistens alles, was mit Cora Lisher zusammenhängt. Ich kann es mir zwar nicht erklären, aber es ist so. Ich habe es einfach grotesk von Francis gefunden, das zu tun. Jetzt bin ich nicht mehr so sicher. Nichts kann dich jetzt mehr berühren, Nina. Daran dachte ich, und dann kam mir die Sache schon besser vor. In einer Hinsicht ist es ideal – Anna Louise ist ein süßes kleines Geschöpf, sie besitzt keinen Cent, und er hat ein Vermögen. Er muß wirklich heiraten. Er hat schon angefangen ein Gemeindekuriosum oder so etwas Fürchterliches zu werden. Jetzt wird er menschlicher sein. Du verstehst. Einfach ein Ehemann. Das andere wurde schlimm für ihn. Es hat ihn unerträglich eingebildet gemacht.

Ich bin nicht gekommen, um davon mit dir zu sprechen. Du mußt wissen, daß Eastlake über euch beide sehr viel geredet hat. Man weiß das gewissermaßen immer und glaubt es nie ganz. Es wird viel mehr geredet, als du dir vorstellst; zum Teil war es ziemlich scharf. Das wird jetzt aufhören. Ich meine, es wird anders werden. Die Frauen, die dich beneiden, werden Geschichten erfinden. Daraus mache ich mir nichts. Ich mache mir nichts aus ihnen. Ich habe dich gern, und mir ist klar, daß wir etwas tun müssen, für die Verlobung. Du müßtest eine Gesellschaft für sie geben; unter normalen Umständen wäre ich auch dafür; aber so, wie die Dinge stehen, nicht. Ich werde die Gesellschaft geben. Das wird ganz dasselbe sein. Alle wissen, wie nahe wir einander stehen. Es ist vielleicht sogar besser, weil niemand sagen kann, daß Justin und ich dazu verpflichtet wären. Verstehst du, es muß sofort gemacht werden.« Nina verstand. »Du brauchst dir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen«, sagte sie Mary Gow. »Ich kann es machen. Ich muß.« Mary war fest. »Nein, ich habe mit Justin darüber geredet, und alles ist beschlossen. Er kann die Samstagabend-Tanzereien nicht leiden, und ich will es am Dienstag abend haben. Wir werden alle einladen und Tische auf den Rasen stellen. Lampions. Es wird natürlich regnen, dagegen kann ich nichts tun. Nina, wir können die Liste zusammen aufstellen. Heute abend, wenn es dir recht ist.«

Nina fragte: »Hast du etwas von ihm gehört?«

»Keine Zeile«, antwortete Mary Gow. »Er ist seit mehr als einer Woche fort. Ich habe auch nichts erwartet, sobald ich Bescheid wußte. Chalke wird sich in Oriente vergraben. Es war tragisch – unter allen Männern gerade für Chalke. Er wird nie darüber hinwegkommen können. Wenn dir das irgend etwas bedeutet. Chalke wird dich sein ganzes Leben lang lieben. Er ist eine sonderbare Mischung aus Erfahrung und Unschuld. Nina, Chalke hat ein reines Herz. Das macht ihn sehr schwierig, aber auch schön. Ich würde lieber Chalke so verlieren wie du, als alle Francis Amblers der Welt besitzen. Über dich habe ich kein Wort gesagt, weil es nicht notwendig ist. Du weißt, was ich denke.«

Es war Nina klar, daß Mary Gow immer in ihrem Irrtum über Chalke und sie selbst gelassen werden mußte. Marys Irren betraf jedoch nicht Chalke – er hatte das reinste Herz der Welt – sie täuschte sich in ihr. Sie hatte aber ganz recht, das sah Nina ein, was die Gesellschaft für Anna Louise und Francis betraf. »Wir können die Liste zusammenstellen, wann du willst«, stimmte sie zu. »Es ist sehr schön, daß du alle einlädst. Eine solche Gesellschaft wird mit den Getränken und Justins Zigarren ganz Eastlake in wunderbare Stimmung bringen. Es wird herrlich sein, Mary, du hast gar keine Vorstellung davon, wie strahlend ich leuchten werde. Gerade genug Zärtlichkeiten für Francis, nette Rücksicht für Anna Louise; und immer werde ich mich neben Cora Lisher halten. Selbst Wilson wird damit zufrieden sein. Ich habe ein weißes Pannekleid mit weichem Silbergürtel; dazu werde ich meine Glasblumen tragen.«

»Ich glaube, nicht Weiß«, meinte Mary Gow; »wahrscheinlich wird Anna Louise Weiß anhaben. Verlaß dich darauf – Cora wird daran denken. Schwarz würde wirklich besser sein. Schwarz mit so viel Schick, daß es nicht den Fluch des Trauerns hat. Das Ishtarre-Kleid ist so. Das haben nicht viele gesehen, Nina. Du hast es nur zweimal angehabt, im Klub, ich weiß noch. Nina, das wird Anna Louise so weiß machen, daß kein Mensch es aushalten wird; ich brauche dir wohl nicht zu sagen, was es mit Cora Lisher machen wird.«

»Mary, ich will nicht. Ich kann nicht erklären, warum.« Nina war unruhig. »Natürlich, ich habe noch nie in einem Kleid so gut ausgesehen; aber es kommt mir wie ein großes Unternehmen vor. Es nimmt mich kolossal her, ihm angemessen zu sein. Nein, die Vorstellung erschreckt mich. Vielleicht blau.« Mary Gow protestierte energisch. »Von Blau kann keine Rede sein. Du darfst dich nicht in Zustände hineinreden. Nina, dazu bist du zu gut. Bald wird alles schön aussehen. Wenn du nicht das Ishtarre-Kleid anziehst, werde ich dich nach Hause schicken.« Nina war von der Vorstellung noch immer bedrückt. »Ich kann es nicht erklären«, sagte sie hilflos. »Ich hatte das Kleid damals in der Nacht an, als ich Chalke kennenlernte. Es ist so sonderbar, daß man es nicht sagen kann. Mary, ich komme mir immer vor wie eine andere, wenn ich es anhabe. Ich habe das Gefühl, als lebte ich seit aller Ewigkeit, als wäre ich eine der Frauen vor Jahrtausenden, von denen Chalke gesprochen hat. Weißt du nicht mehr, Mary? – er hat sogar vom Namen des Schneiders gesprochen. Ishtarre. Ich habe mich von Roderick Wade zum Automobilschuppen führen und küssen lassen. Ich habe ihn geküßt. Dasselbe Gefühl hatte ich beim letztenmal. Gefühle, von denen ich nicht wußte, daß sie in mir sind.«

»Soviel Unsinn auf einmal habe ich noch nie in meinem Leben gehört«, erklärte Mary. »Du hast ein wunderbares Kleid, alle Männer, die dich darin sehen, stehen Kopf, und du machst dir Sorgen darüber. Es quält dich. Ich will nichts mehr davon hören. Du wirst dieses Ishtarre-Kleid anhaben, und wenn ich herkommen und dich anziehen muß. Ich werde Rot tragen. Rot – es ist scharlachfarben! Aber meinem Ruf und meinen Farben wird es nichts machen. Also, denk daran, Liebste.« Mary küßte sie. Sie ging, und Nina kleidete sich weiter an. »Die Gows geben eine Gesellschaft für Anna Louise und Francis«, sagte sie beim Essen. »Daran hättest du zuerst denken sollen«, antwortete Wilson. »Wir müßten das tun.« »So ist es besser und nicht so selbstverständlich«, sagte Cordelia. Wilson sah sie drohend an. »Was soll das eigentlich heißen?« fragte er. Cordelia Henry begegnete ruhig seinen Blicken. »Das soll heißen, daß Mr. Ambler so oft hier ist, daß es ganz selbstverständlich sein würde, wenn Mutter und du die Gesellschaft geben würden. Der Lisherfamilie wird es viel mehr schmeicheln, wenn es bei den Gows ist.«

»Die Lisherfamilie«, fragte er weiter; »wer ist das?«

»Mrs. Thomas Lisher und das kleine Lishermustermädchen aus Vanilleeis«, erklärte sie. Glücklicherweise redete Acton dazwischen. »Wenn ihr meine Meinung hören wollt«, erklärte er, »ich glaube, es könnte gar nicht besser sein. Ich meine nicht das Reich-und-arm. Sie gehören zueinander. Denkt doch, was Mr. Ambler alles hat und wie wenig er dabei tut. Er lebt in Eastlake! Geht in den Landklub. Er könnte ja überall sein. Er könnte in Paris leben. Er könnte jederzeit alle Frauen sehen, die er sehen will.« Es war offenbar, daß Actons lang zurückgehaltene und zurückgestaute ungünstige Meinung über Francis Ambler alle Vorsicht über den Haufen gerannt hatte. »Wenn ihr meine Meinung hören wollt«, wiederholte er seine Lieblingsphrase, »ich finde, er ist ein Grünschnabel. Ich würde ihm gern eins auf die Nase geben. Wie Mutter ihn um sich haben konnte, ist mir unbegreiflich. Er ist einer von den Männern, die zur unrechten Zeit nichts zu tun haben.«

Erstaunt sah Nina, wie sehr Acton – obwohl er gleichzeitig ganz anders war – seinem Vater glich. »Wir wollen nichts mehr davon hören«, sagte Wilson streng. Beide Kinder wurden eigensinnig. Cordelia wiederholte: »Vanilleeis«. Ihr Vater fragte in scharfem Ton, was das gewesen sei. Cordelia antwortete gar nicht. »Ich habe gefragt, was du gesagt hast«, rief Wilson. Cordelia stand auf. »Ich habe gesagt Vanille und Anna Louise Lisher damit gemeint. Wenn dir Lakritzensaft lieber ist, das ist ihre Mutter.« Wilson Henrys Gesicht wurde puterrot vor Wut. »Geh aus dem Zimmer«, brüllte er Cordelia zu. »Das wollte ich ohnedies gerade tun«, antwortete sie. Acton legte seine Serviette auf den Tisch. »Ihr entschuldigt mich wohl.« Ohne eine Antwort abzuwarten, folgte er Cordelia. Nina dachte: Das geschieht uns recht. Wilson geschieht es recht, und mir geschieht es recht. Lakritzensaft, Vanilleeis und Grünschnabel. Cora, Anna Louise und Francis Ambler. »Kinder«, sagte sie laut, »sind einfach fürchterlich. Du mußt geschickter mit ihnen umgehen, Wilson.«

 

Die Tage lösten einander, wie die Dinge, die Nina im Haus und für sich zu erledigen hatte, in formloser und mechanischer Aufeinanderfolge ab. Nina dachte an Cora und Anna Louise und Francis Ambler und Wilson in einem. Ihr schien, daß sie zusammengehören. Jeder einzelne von ihnen war so schlimm. Wer am schlimmsten war, konnte sie nicht entscheiden. Eines wußte sie gut genug – sie alle sind gegen sie. Sie alle sind ihre Feinde. Sie wollen sie demütigen. Darüber lachte sie laut. Sie demütigen! Da konnten sie lange warten.

Francis Amblers Verlobung mit Anna Louise gehörte auch zu dieser Feindschaft gegen sie. Es war ein Angriff auf sie. Nina merkte, daß ihre Empfindungen über Francis sich wieder gewandelt hatten. Sie wollte ihn nicht haben. Keine Stunde lang. Jetzt war ihr der Gedanke, daß er sie berühren könnte, unerträglich. Er war geradezu ekelerregend. Ein Grünschnabel. Sie hat nichts dagegen, wenn er die kleine Lisher heiratet. Darin ist sie ganz einer Meinung mit Acton. Aber trotzdem wäre es ihr geradezu fürchterlich, die Andern denken zu lassen, daß sie sich ihrer so leicht entledigen könnten. So billig. Wilson und Cora und Anna Louise und Francis. Was diese insgeheim unanständige Mutter mit den widerlichen Brüsten wohl darüber denkt? Ocha Ambler, dessen war Nina sicher, würde Francis lieber in einer Affäre mit ihr sehen, als verheiratet mit einer Lisher. In aller Heimlichkeit ist Ocha eine gesellschaftlich ehrgeizige alte Hexe.

Ein großer Stolz machte sich in Nina Henry breit – es war wie große brausende Schwingen, die sie emportrugen. Weit über die gewöhnlichen Wesen. Die unbedeutenden Wesen, die ihre Augenblicksangelegenheit für wichtig hielten. Sie war erfüllt von einem Bewußtsein grenzenloser Macht, einer Lebenskraft, die ohne Ende war, einem Leben ohne Tod. Sie hatte eine verworrene Vision, in der sie auf Berge von Eis und Flüsse und weite Eisflächen hinunterblickte. Eine ganze Eiswelt. Braune Hänge zeigen sich ihr im Licht der Sonne; dort sind braune Hütten und Menschen in rauhen Pelzen. Ein grüner Streifen Landes liegt zwischen einer hohen Schneeinöde und einer sengenden Wüste, die sich erbarmungslos nach dem Süden bis zu einem dunklen tropischen Meer ausdehnt. Eine lange, schmale Ebene zwischen zwei Flüssen, in deren Mitte ein hoher, viereckiger Mauerturm emporragt. Er hat große Treppen, und auf ihm steht ein Tempel mit einem offenen Hof und einem geräumigen Altar. Menschen drängen sich um ihn, und Kinder werden mit kupfernen Messern aufgeschnitten. Kinder, verwandelt zu bunten, heißen Farbmustern gleich leuchtenden Teppichen. Die vereinigten Stimmen der Menge steigen zu ihr auf. Opfer werden dargebracht – Mädchen sind in einem Augenblick dahin – in Höfen, in denen steinerne Säulen die anmutige Gestalt der Palmen mit Gold- und Silberbändern wiederholen. Die Kapitale sind gemeißelte und gemalte Palmblätter. Ihr Name schwebt empor zu ihr in langsamen Gesängen. Städte liegen an einem Meer, das blauer ist als der Himmel; Städte mit metallenen Kuppeln, deren Anblick im Sonnenglast unerträglich ist. Schwarze Schiffe mit scharlachroten Rudern in den blauen Häfen; Prozessionen und Spiele, und immer Todesopfer ihr zu Ehren. Die unendliche Vielfalt des Daseins macht sich weit unter ihr breit und verschwindet, den triumphierenden Klang ihres Namens in ihrem Gehirn hinterlassend.

Das Schlafzimmer, das sie mit Wilson Henry teilte, umgab sie mit seinen alltäglichen und gewohnten Annehmlichkeiten. Nina machte sich das Haar an ihrem Toilettetisch zurecht. Sie betupfte sich die Ohrläppchen mit Rouge und Parfum. Sie dachte nicht daran, sich von Francis Ambler demütigen zu lassen. Im Gegenteil, sie beschloß, ihn zu demütigen. Noch hatte Nina sich nicht entschieden, wie. Es kann nicht schwer sein. Sie wird bei der Gesellschaft einen möglichen Augenblick, die richtige Gelegenheit abwarten. Es muß natürlich etwas mit Anna Louise zu tun haben. Sehr viel mit ihr zu tun haben. Sie wird, dachte sie weiter, nicht deutlich sein; aber alle Welt wird wissen, was geschehen ist. Ganz Eastlake wird von Francis Amblers Schmach hören. Sie kann ja tatsächlich mit ihm machen, was sie will. Er weiß es nicht, aber ihre Macht über ihn ist unbeschränkt. Wenn ein Mann ihr einmal seine Seele gibt, ist er auf ewig ihr Eigen. Es ist also sinnlos, von Anständigkeit zu reden. Unmöglich zu entrinnen. Die heimliche Vernichtung seines Begehrens frißt sich durch seine Nerven und verwandelt seinen Mut, sein Herz zu Niedertracht und Verderbtheit.

Noch wußte sie nicht, was zu tun sie sich entschließen würde, aber in ihrem Innern formten sich verschwommene Ideen. Belustigende Vorstellungen. Francis wird sich vielleicht nicht tadellos benehmen, das hielt sie für recht wohl möglich, er wird vielleicht vergessen, daß er mit Anna Louise Lisher verlobt ist. Heute nacht wird er, im Sinne der vergangenen Jahre, vielleicht nicht enttäuscht werden. Nina ging hinunter in das Speisezimmer, wo sie sich in ein Weinglas italienischen Wermuth einschenkte. Auch das war ein merkwürdiges Getränk, schwer und süß, und gleichzeitig bitter mit einem einschmeichelnden Duft wie das Gift im Mittelpunkt eines Pfirsichs. Sobald Francis und Anna Louise erledigt sind, kann sie sich Chalke Ewing widmen. Er glaubt, auf Cuba frei zu sein. Nina schlürfte den Wermuth und lächelte. Chalke ist nicht besser daran als Francis Ambler. Er ist nicht so frei. Sie hat tiefgründigere, umfassendere Pläne für ihn. Auf der Erde gibt es keine Stelle, wo er ihr ausweichen kann, ihr entrinnen kann. O Gott, für Chalke hat sie andere Pläne. Für Chalke, der angenehm nach Bacardi-Rum und Zigarren riecht. Dunkel in seinem weißen Leinen. Bald wird er weiß in dunklem Leinen sein. Sie trank ihr Glas Wermuth aus.

Nina zauderte und zögerte, weil sie es sich, sie verfügte ja über die ganze Ewigkeit der Zeit, recht wohl leisten konnte, hierhin oder dahin spät zu kommen. Sie ging über die Ziegelwege und durch die Kingsmill Street zu Justin und Mary Gows Gesellschaft.

 

Um Nina war Eastlakes Gesellschaft, die sich in dem ausgeschmückten Halbdunkel vergnügt durcheinander unterhielt. Cora suchte Nina absichtlich auf. »Ist das alles nicht einfach wunderbar?« begann sie. »Die schönste Gesellschaft, die Lampions und alles. Nina, kein Mensch kann wissen, wie glücklich ich bin. Mein Leben ist ein ausgesprochener Erfolg. Das können nicht viele sagen. Ich kann es sagen. Aber schließlich hat ja auch niemand außer mir Anna Louise zur Tochter. Sie ist nicht so wie andere Mädchen. Manchmal bekomme ich Angst – sie scheint zu vollkommen zu sein. Francis ist so einfach und lieb, wenn man bedenkt, daß er so viel hat. Ich kann gar nicht anfangen zu erzählen, wie großzügig er ist. Ich wollte etwas am Haus machen; das hat er nicht zugelassen; Francis sagt, es sei zu weit vom Klub und meinen Freunden. Nina, Anna Louise und er werden mir hier in der Nähe ein kleines Haus bauen lassen. Er hat mir einen Franklin-Wagen geschenkt.«

Endlich, dachte Nina, hat Cora ein neues Automobil; Wilson wird sich etwas anderes ausdenken müssen, um sie an den Abenden abzuholen. »Wilson wird sich darüber sehr ärgern«, antwortete Nina, »ich meine über den Wagen. Er stellt sich so gern vor, daß er Ihr Chauffeur ist.« Cora, sah sie, war ganz steif und ungemütlich geworden. »Ja, Cora, Wilson wollte Ihnen ein Automobil schenken. Ich hatte es ihm sogar vorgeschlagen, aber er hatte Angst, daß man dahinterkommen und darüber reden würde. Er meinte, das wäre in Eastlake unmöglich. Ich hätte mich nicht darum gekümmert.« Sie machte eine Pause, und Cora Lisher sprach in hartem, formellem Ton. »Das war sehr freundlich von Ihnen. Aber Wilson hatte recht. Ich hätte es ohnedies nicht angenommen. Für so etwas, für so viel ist gar kein Grund und gar kein Anlaß da.«

»Ich bin nicht Ihrer Meinung«, antwortete Nina vergnügt. »Wenn man jemand gern hat, finde ich, kann man buchstäblich nicht zu viel für ihn tun. Wilson hängt sehr an Ihnen, Cora. Das weiß man doch. Er redet mit mir ununterbrochen von Ihnen, Cora; er erzählt mir, wie aufmerksam und reizend Sie zu ihm sind. Er hat eine wunderbare Reise im Süden mit Ihnen gemacht.« Cora unterbrach sie. »Wilson hat keine Reise im Süden mit mir gemacht«, sagte sie scharf. »Wer das behauptet, lügt. Er ist in den Ort gekommen, in dem ich geboren bin, und hat mich im Haus meines Vetters gesehen. Wir waren zufällig von Washington an im selben Zug, aber in verschiedenen Wagen.« Nina lachte. »Cora, meine Liebe, ist Ihnen denn nicht klar, daß Eastlake so etwas eine Reise nennt? Es gibt nur eines, genau so wie bei der Geschichte mit dem Automobil. Gar nicht darauf hören. Tun, was man will, und Eastlake reden lassen.« Cora wußte tatsächlich nicht, daß Eastlake über Wilson und sie geredet hatte.

»Es ist schrecklich«, rief sie. »Man kann in diesem gemeinen Ort keinen Freund haben, ohne mißverstanden zu werden.« Jeder Ort, erklärte ihr Nina, sei auf genau dieselbe Weise gemein. »Sie müssen wissen, Cora, sogar über Francis Ambler und mich hat es Gerede gegeben. Stellen Sie sich das vor! Ich bin viel zu alt für ihn. Viel zu alt. Francis fragt mich gern nach den verschiedensten Dingen. Es ist dumm, aber er ist ganz abhängig von meiner Meinung geworden. Ich habe ihm gestern gesagt, daß das jetzt aufhören muß. Jetzt, habe ich ihm gesagt, ist Anna Louise Ihre Informationsquelle. Cora, ich kann Ihnen sehr viel über Francis erzählen; Sie kennen ihn eigentlich nicht sehr gut. Anna Louise kennt ihn nicht. Ihr habt bis jetzt nicht viel Gelegenheit dazu gehabt. Ich verstehe ihn genau so gut wie Wilson, und Wilson kann nichts tun, was ich nicht durchschaue.« Nina unterbrach sich, um Francis Ambler zuzulächeln, der zu ihnen kam. »Ich erzähle Cora von Ihnen«, sagte sie ihm.

»Nina Henry meint, wir kennen Sie nicht, Francis«, fügte Cora hinzu. »Sie sagt, Anna Louise weiß nicht das Geringste von Ihnen.« Francis erwiderte prompt, das hoffe er auch. »Es ist ein Glück, daß ich noch rechtzeitig gekommen bin, um Nina daran zu hindern, daß sie alles über mich ausplaudert. Nina kennt mich wirklich. Ihre Schuld ist es nicht, ich habe sie so sehr mit meinen Dingen belästigt.« Nina sagte ihm, er solle still sein. »Vor allem müssen Sie sich klarmachen«, wandte sie sich wieder an Cora, »daß Francis kein Talent dafür hat, sein liebes Ich außer acht zu lassen. Er schenkt Ihnen zum Beispiel die Dinge, die ihm gerade Spaß machen. Es ist leichter, ein Smaragdarmband zu bekommen, als neue Wäschekessel.« Das, behauptete Francis, sei ein ausgezeichneter Ruf, darüber könne es keine Meinungsverschiedenheiten geben. »Aber erzählen Sie nur weiter, Nina; ich möchte, daß Cora noch viel davon hört.« Es war Nina schmerzlich klar, daß Cora durchaus nichts davon hören wollte. In diesem Augenblick hatte sie solche Furcht, daß ihre Nerven versagten. »Wäre es nicht besser«, meinte Cora, »wenn Nina das Anna Louise erzählte? Ich heirate ja nicht Francis; sie heiratet ihn.«

»Meine liebe Cora, Sie dürfen nicht so bescheiden sein«, antwortete Nina darauf. »Sie sind eine so vollkommene und liebevolle Mutter, daß ich mir nicht vorstellen kann, wie Anna Louise ohne Sie auskommen soll.« Francis lächelte Nina billigend zu. »Das ist ganz richtig«, stimmte er ihr zu; »Cora ist die wunderbarste Mutter der Welt.« Cora Lishers Hände waren ineinander verkrampft. »Ich danke Ihnen, Nina«, sagte sie. »Sie haben mich oft sagen gehört, daß ich für mein Kind alles tun würde. Das will ich auch. Ich würde gern ewig in der Hölle braten, um ihr einen Augenblick des Behagens zu schenken. Und wenn ich es könnte, würde ich auch jeden in der Hölle braten lassen, der ihr Ungelegenheiten bereitet. Der auch nur daran denkt, ihr Ungelegenheiten zu bereiten, Nina. Ich würde dem Betreffenden etwas antun, das gehörig höllisch wäre.« Daran, sagte Nina ruhig, zweifle sie nicht einen Augenblick. »Ich bin eine Freundin von Ungelegenheiten. Sie sind eine Verlockung. Eastlake ist jetzt ziemlich langweilig, für mich. Für Sie nicht, das kann ich verstehen. Ich finde es gerade jetzt besonders langweilig. In der Hölle habe ich natürlich nicht die geringste Macht, aber auf Männer übe ich einigen Einfluß aus.«

»Mir ist unverständlich, worum das alles geht«, warf Francis Ambler ein; »aber es hat eine außerordentliche Familienähnlichkeit mit barem Unsinn. Jedenfalls werde ich jetzt ein Ende damit machen. Cora, Sie kommen zur Bowle, Sie gehen jetzt mit mir und trinken, bis Sie leichtsinnig oder gar ausgelassen werden.« Er nahm Cora Lishers Arm und ging, Nina kurz zulächelnd, ohne weitere Entschuldigung fort. Sie sah die Rücken der beiden in dem Schatten verschwinden, den die orangegelben, blauen und rosa Lichter der Lampions belebten. Eine gewisse Bitterkeit stieg in ihr auf. Francis Ambler glaubte frei zu sein. Frei, mit Cora von ihr fortzugehen, frei, Coras Mustertochter zu heiraten. Aber schließlich, niemand von den Gows, kein Mensch in Eastlake, kennt sie. Man weiß nicht, kann nicht wissen, wer sie ist. Eastlake denkt, sie sei Nina Henry. Wilson Henrys Frau. Cora Lisher hält sie für eine Frau in dem Sinne, wie sie selbst eine ist. Für ein einfaches menschliches Wesen, wie sie selbst. Sie dachte belustigt an Mr. Clough, der ihr Delikatessen verkauft, und an Mr. Scannel, der ihr Fische verkauft. Müdigkeit fiel wie der Schatten vom Rand einer dunklen Wolke über sie. Mit einemmal beneidete sie Mr. Scannel und Mr. Clough. Sie sind ungefährdet, und sie sind sterblich. Der Tod wird ihnen ein Ende bereiten.

Die Menschen sterben glücklicherweise, und ihre Sorgen, ihre Pflichten sterben mit ihnen. Aber die Prinzipien und die alten Kräfte sterben niemals. Die alten Götter werden fortwährend unter neuen Namen verehrt. Chalke Ewing hat etwas davon erkannt. Sein Hochmut hat ihn jedoch der Göttlichkeit der Liebe gegenüber blind gemacht. Chalke hat sie verleugnet. Aber er wird für seinen Fehler bezahlen. Er wird bezahlen und zu ihr zurückkehren und die Notwendigkeit zum Opfer bringen, die er sogar über sie gestellt hat. Uber die Liebe. Nina saß in einem kleinen Gartenstuhl. Sie brauchte keinen Punsch. Es hungerte sie nicht nach irdischer Nahrung. Die unsterblichen Götter und Göttinnen bekommen immer Verdruß, wenn sie sich mit der Menschenwelt einlassen. Sie bedauern ihre Unsterblichkeit, sie spiegeln die menschlichen Sehnsüchte wider. Es liegt eine merkwürdige, verschleierte Schönheit in der Schwäche des Menschengeschlechts. Justin Gow fand Nina. Er führte sie mit freundlicher Gewalt zum Tisch. »Bei Gott, Nina«, sagte er auf dem Weg, »du bist ein bezauberndes Geschöpf. Wenn ich merke, daß du mich bezauberst, werde ich dich in geweihtem Wasser zu Tode verbrühen.«

 

Die Musik, die auf Justins Rasen spielte, brachte ihr unendlich ferne Erinnerungen wieder. Das Modernste, dachte sie, ist gleichzeitig das Älteste. In den Klängen der Musik liegt auch etwas Dauerndes. Die Menschen um sie sind kurzlebiger als Insekten, deren Leben nur einen Atemzug dauert. Die Gesichter und Worte haben keinen Sinn für sie. Sie hat so viele Gesichter gesehen, die vergehenden Masken glichen. Dieses Stimmengemurmel hört sie schon seit dem Beginn der menschlichen Zeitrechnung. Mr. Swingfellow, der anglikanische Geistliche, saß neben ihr. Er sah müde aus. Verbraucht von der Unmöglichkeit seines Berufs. Sein Gesicht war weiß und gespannt. Er sprach mit unterdrückter Stimme. »Mrs. Swingfellow konnte nicht kommen«, erzählte er ihr. »Sie hat Mandelentzündung. Im letzten Jahr war sie sehr viel krank. Unser ältester Junge ist jetzt auch zu Hause. Er hat sich beim Ankurbeln eines Lastwagens den Arm gebrochen, den rechten Arm. Das wird nie wieder ganz gut werden. Er ist dreiundzwanzig Jahre alt. Es ist jetzt wohl nicht die richtige Zeit, davon zu sprechen, aber wir sind Mr. Henry für seinen letzten Scheck sehr verpflichtet. Ist es sehr ungehörig, wenn ich dazu sage, daß ich es bedaure, Sie nie in der Kirche zu sehen?

Früher habe ich auch Acton und Cordelia dort gesehen; als sie noch in die Sonntagsschule gingen. Aber jetzt nicht mehr. Es schickt sich wohl nicht, weiter davon zu reden. Das Schwierige am Beruf des Geistlichen ist, daß er immer Geistlicher ist. Ich bin überzeugt davon, daß mir eine Tasse Punsch nicht schaden würde; sie könnte mir sogar gut tun; aber ich bin inmitten meiner Gemeinde; ich bin der Geistliche. Mrs. Henry, ich bin überzeugt, wenn die Bibel sagt, daß unser Herr Wein gemacht hat, dann war es auch Wein. Ich bitte Sie zu berücksichtigen, daß ich nicht einmal so viel öffentlich sagen könnte. Ich vertraue Ihnen.« Mr. Swingfellow blickte sie neugierig an. »Eine liebliche Frau ist eine Wonne«, sprach er weiter; »Sie sind besser als der Punsch. Ich kann aber verstehen, was die frühen Kirchenväter meinten. Sie hatten recht damit, daß sie die Frauen als Gefahr für die Kirche betrachteten.« Nina sah ihm lächelnd in die Augen. »Justin hat mir eben damit gedroht, daß er mich mit geweihtem Wasser zu Tode verbrühen wird«, erzählte sie. Mr. Swingfellow seufzte. »Wir hören sehr viel von dem vergänglichen Fleisch«, sagte er. »Ich glaube, es sollte das unbesiegliche Fleisch heißen. Schließlich ist es nur ein Rückzug, wenn wir es schlagen. Wir räumen nur das Feld. Auch wenn es dann auf den Himmel zugeht. Auf den Himmel zu.« In seine müde Stimme kam ein nachdenklicher Ton. »Auf Erden bleibt das Fleisch allgewaltig. Das begehrenswerte, das liebliche Fleisch, wenn ich so sagen darf. Wir laufen vor ihm davon, und darin besteht die Gottesverehrung.«

»Es gibt so viele Arten Gottesverehrung«, antwortete sie. »Niemand kann sie alle im Gedächtnis haben. Vielleicht ist die älteste die beste.« Sie dachte an die lange, schmale Ebene zwischen den zwei Flüssen, die in der Wüste endeten. Sie dachte an den hohen viereckigen Turm, auf dem die Eingeweide der Kinder leuchteten. Sie hörte die Stimmen – die lauten Anrufungen ihres Namens – aus Höfen zu sich emporsteigen, wo die Säulen Palmen aus Stein waren. Mr. Swingfellow wirkte ebenso lächerlich, ebenso unbeständig wie alle Menschen und Überzeugungen rings um sie. »Entschieden wissen wir, daß es vor Christi Geburt keine Heilsgewähr gegeben hat«, sagte er. Nina hatte Lust, ihn auszulachen. Sie zündete sich eine Zigarette an und preßte dabei ihre festen, nackten Schultern gegen Mr. Swingfellow. Er hielt steif still. »Mandelentzündung«, erklärte er, »ist ein unangenehmes Leiden, und meine Frau hat das schon öfters gehabt. Es droht bei ihr zur Gewohnheit zu werden. Mrs. Henry, haben Sie das Gefühl, daß Sie etwas von Liebe wissen?« Sie wandte sich zu ihm um. Auf ihren Augen lag ein Schatten. »Was wollen Sie erfahren?« fragte sie. Er wollte wissen, ob die Liebe auch nur wert sein könne, was die Männer dafür zu bezahlen bereit seien.

»Darauf wird es nie eine Antwort geben«, sagte sie. »Weil es keine Wahl gibt. Niemand kann der Liebe entrinnen. Sie hat das Leben begonnen, und sie zerstört es. Vielleicht wird das Ende der Welt die Liebe zum Verschwinden bringen, Mr. Swingfellow. Nicht einmal das ist sicher. Es ist möglich, daß sie sich wie ein Ansteckungsstoff von Welt zu Welt verbreitet. Sie werden keinen Gott finden, der stark genug ist, Sie vor ihr zu beschützen, und keinen Himmel, wo Sie sicher sein werden.« Er war außer sich. »Meine liebe Mrs. Henry!« rief er. »Meine liebe Mrs. Henry! Ich hatte keine Ahnung, daß ich eine solche Heidin in Ihnen finden würde. Ich habe, wie mir scheint, eine höchst offene Frage an sie gerichtet, eine durchaus zulässige Frage, und Ihre Antwort ist er« schreckend. Erschreckend; jedes andere Wort wäre zu schwach. Ja, jetzt ist mir das klar mit Mr. Gow und dem geweihten Wasser.« Mr. Swingfellow beschäftigte sich mit seinem Essen.

Sie hatte genug von ihm. Seine eifernde Religion langweilte und ärgerte sie maßlos. Jetzt konnte sie vom Tisch gehen, die Menschen vermeiden, die mit ihr sprechen wollten; sie wanderte zurück in die Nacht hinter den Lampions. Dort fand Francis Ambler sie. »Ich bin froh«, sagte er ihr. »Ich brauche eine Ruhepause, und wenn es nur eine Minute ist. Da ist eine von den Friedhofsbänken, die Mary liebt.« Francis setzte sich neben Nina Henry. Er zündete sich eine Zigarette an und betrachtete sie dann. »Nina«, sagte er in verblüffendem Ton, »Sie wissen, wer ich bin. Francis Ambler. Ich sitze neben Ihnen auf einer Eisenbank in Gows Garten.« Sie nickte. »Ich glaube es nicht«, fuhr er fort; »es ist wahnsinnig, aber für einen Augenblick konnte ich Ihren Körper durch dieses Kleid leuchten sehen. Wie Silber hat Ihr Körper durch das Kleid geschimmert.« Er war sehr erregt. »Ich muß betrunken sein. Ich glaube nicht, daß ich es bin, ich wüßte nicht wieso, aber ich muß es sein. Darf ich Sie anfassen? Um zu sehen, ob Sie es sind, Nina!« Er sprang hastig auf und starrte ihr ins Gesicht. »Gott verdammt noch einmal, Sie haben kein Recht, so kalt zu sein, heute nacht. Die Nacht ist sehr heiß, Sie müßten wenigstens warm sein.« Er bückte sich und nahm ihre Hände. Ihre Augen waren halb geschlossen; sie hielt seine Hände umklammert. Seine Stimme bekam einen anderen Klang, sie wurde dünn und gequält. »Nina«, bat er sie, »lassen Sie mich gehen. Sie wollen mich gar nicht. Ich bedeute Ihnen nichts. Lassen Sie mich gehen, Nina. Wir müssen daran denken, weshalb wir hier sind. Ich will nicht daran denken. Ich werde es vergessen.« Justin Gows Stimme rief durch die Dunkelheit. »Nina, bist du da? Ich habe dich überall gesucht.« Er kam zu ihnen. »Francis«, sagte er, »ich muß mit Nina sprechen. Wollen Sie so gut sein und uns allein lassen? Anna Louise ist in der Nähe der Musik.«

»Nina«, sagte er, als Francis gegangen war, »du mußt einen Entschluß für mich fassen. Du stehst uns näher als alle anderen in Eastlake. Mein Verstand scheint zu versagen. Ich war gerade im Haus. Das Telephon klingelte. Niemand ging daran, und da ging ich hin. Gott sei Dank, daß ich ans Telephon ging. Es war ein Ferngespräch. Nina, es war Havanna. Marys Bruder, Chalke, ist tot.« Eine Sekunde lang begriff sie kein Wort von dem, was er gesagt hatte. »Tot?« wiederholte sie wie erschlagen. »Chalke tot?« Justin sprach rasch weiter. »Ich kann dir ja gleich auch alles andere erzählen. Morgen werden alle Leute es wissen. Nina, er hat sich umgebracht.«

In dem Schweigen, das unmittelbar auf diese Mitteilung folgte, hörte Nina die Klänge eines Walzers. Sie sah die bunten Lampions in einem schwachen Luftzug leicht pendeln. Chalke ist tot. Er hat sich umgebracht. Er ist ihr also doch entronnen. »Ja, Justin«, antwortete sie still; »wie kann ich dir helfen?« Justin Gow wollte wissen, was er mit der Gesellschaft machen solle. »Ich habe es Mary noch nicht erzählt. Ich warte nicht gern, Nina, aber du kennst ja diese Vergnügungen in Eastlake; es kann noch stundenlang dauern. Jetzt ist es erst zehn.« Nina war entschieden. »Du mußt es ihr sofort sagen«, erklärte sie. »Sag es ihr und komm dann zurück. Wenn jemand sie sehen will, und das wird sicher der Fall sein, sag, daß sie Kopfschmerzen hat. Ich werde mich um die Leute kümmern, und die Musik mußt du so bald wie möglich wegschicken.« Er sagte, sie habe absolut recht. »Vor zwölf kann ich die Musik nicht aufhören lassen. Bestellt ist sie bis zwei. Das macht aber nichts. Ich weiß, wo Mary ist. Es wäre vielleicht gut, wenn du etwas später zu ihr hinaufgehst.«

»Nein«, sagte Nina, »das wäre sehr schlecht. Es würde uns beide nur noch elender machen. Mitgefühl ist etwas Verfehltes.« Justin ging von ihr, und Wilson Henry kam. »Ich konnte mir gar nicht denken, wo du steckst«, sagte er vorwurfsvoll. »Geht es dir gut? Wenn es dir gut geht, will ich nämlich mit Cora zu ihr fahren. Wir sind sofort wieder zurück. Sie muß etwas holen. Ich glaube, es ist ein Shawl. Cora will Francis jetzt nicht von hier wegholen. Haben die Gows das nicht wunderbar gemacht, Nina? Alle sagen, es ist seit Jahren die am besten arrangierte Gesellschaft in Eastlake.« Sie sagte: »Ja, Wilson. Natürlich. Aber selbstverständlich. Es ist ausgezeichnet arrangiert, Wilson.« Er ging noch etwas näher zu ihr. »Geht es dir auch sicher gut?« fragte er. »Du siehst aus wie Marmor. Guter Punsch ist immer stärker, als er schmeckt. Vielleicht sollte ich lieber nicht gehen.« Nina sprach mit kalter Entschlossenheit. »Geh«, sagte sie ihm.

Ein düsterer Kampf begann in ihr. Sie fühlte, daß ein großes Unheil geschehen war – Chalke Ewing war tot, er hatte sich umgebracht, aber diese Kunde war von nur geringer Bedeutung. Nina sagte sich, es sei sehr traurig, aber kein Gefühl des Kummers oder des Bedauerns antwortete in ihr darauf. Sie hatte Chalke verloren, aber das war schließlich nicht so überwältigend wichtig. Trotzdem dauerte der Kampf fort. Sie fühlte, daß Chalkes Tod Entsetzen in ihr erregen müßte. Sie müßte begreifen, daß sie das einzige verloren hatte, was ihrem Leben Sinn gab. Außerdem hat sein Tod mit ihr zu tun. Man könnte sagen, sie sei schuld daran. Nun, wenn sie daran schuld ist, was liegt daran? All dies, dachte sie, ist viel Lärm um sehr wenig. Sie wiederholte sich, daß Chalke ihr entronnen war. Das ist sehr klug von ihm. Er hat sich in Sicherheit gebracht, und damit sehr viel Vergnügen und sehr viel Unerfreuliches. Sie rief sich ihr Gespräch mit Mr. Swingfellow ins Gedächtnis. Der Tod ist das einzige, was eine Befreiung von der Liebe ermöglicht. Chalke, Chalke Ewing ist tot. Gleichgültig verließ sie ihn, entließ sie ihn aus ihren Gedanken und beschäftigte sich wieder mit Francis Ambler.

Jetzt war seinetwegen nichts zu tun. Sie hatte jedoch nicht die Absicht, ihren Einfluß auf Francis fallenzulassen. Zu ihm gehörte zu viel was sie nicht mochte: Cora und Anna Louise und Wilson Henry. Wilson, der im übrigen ganz unwichtig war – ihn mochte sie nicht, weil er an Cora hing. Wilson tat eher, was Cora wollte, als was sie verlangte. Seltsam, sie hatte keine Macht über Wilson. Einst war er der Sklave ihres Körpers, ihrer Seele gewesen, aber er hatte seine Gefolgschaft auf Cora übertragen. In einer Hinsicht war Cora im Augenblick ihre Rivalin. Wenn sie Francis Ambler vernichtete – sie bedauerte es wirklich, daß jetzt nichts geringeres als Vernichtung genügen konnte – würde sie damit auch Cora vernichten. Durch Coras Tochter mußte das sein. Anna Louise war ihre gefährliche Schwäche, ihre verwundbare Stelle. Justin Gow war wieder heruntergekommen; er nahm all die Fröhlichkeit um ihn mit knapper, ungenügender Höflichkeit auf.

»Mary wollte dich sprechen«, sagte er Nina; »aber ich habe ihr gesagt, du mußt unten bleiben, um mir zu helfen. Es war noch schlimmer mit ihr, als ich erwartet habe. Sie scheint zu glauben, daß an Chalkes Tod mehr ist als bloß sein Tod. Nina, ich gehe ins Haus, einen Schluck Whisky trinken, und ich glaube, dir würde das auch gut tun.« Sie ging mit Justin in seine kleine Bibliothek. Dort saßen sie eine Weile mit ihrem Getränk. Justin Gow betrachtete sie neugierig. »Ich habe immer geglaubt, daß ich dich kenne. Jetzt merke ich, daß ich dich nicht kenne. Ich sitze da und sehe dich an und muß konstatieren, daß du mir ganz fremd bist. Du bist eigentlich beunruhigend. Ich kann nicht dahinterkommen, warum, aber ich habe recht viel Sympathie für Francis Ambler. Ich glaube, er hat gut daran getan, zu dem kleinen Lishermädchen zu gehen. Wenn ihm Sodawasser nach Kognak genügen kann. Ich selbst bin kein Freund von Kognak.«

Sie lachte. »Deine Manieren waren immer absonderlich, Justin. Aber das ist das seltsamste Kompliment, das ich jemals gehört habe. Ja, unbedingt. Vielleicht gefällt es mir gerade deshalb so gut. Ich glaube, Kognak ist ein erworbener Geschmack. Man muß es zuerst versuchen.« Justin wählte, mit gerunzelter Stirn überlegend, eine Zigarre aus einem Walnußkästchen. Er knipste sorgfältig das Zigarrenende mit den Fingern ab und zündete sie umständlich an. »Ich bin zu alt, Nina«, sagt er endlich; »das wäre so, wie wenn ich jetzt anfangen wollte, Zigarren zu rauchen. Sie sind zu stark, und ich wäre zu schwach. Ich bin jederzeit bereit, es mit Whisky zu versuchen; ich habe es tausendmal riskiert; aber nicht mit Kognak. Ich habe Angst davor. Ich glaube, ich habe Angst vor dir. Bis jetzt war das noch nie so, aber heute habe ich Angst. Ich würde es gern mit dem geweihten Wasser versuchen, Nina.« Sie sagte, das alles sei natürlich barer Unsinn. »Ich meine, das mit der Macht geweihter Dinge. Ich kann dir schon jetzt sagen, daß dir geweihtes Wasser gar nichts nützen würde.« Justin bat sie, sie möge so freundlich sein, ihm zu sagen, wovon sie eigentlich sprächen. »Weil mich der Teufel holen soll, wenn ich das weiß. Ich kann nur eines sehen, du hast die hübschesten Beine, die es gibt. Die weißesten. Nina, hast du Chalke Ewing etwas getan?«

Sie stand auf und ging ganz nahe zu ihm. »Was denkst du?« war ihre Antwort. »Könnte ich ihm etwas tun? Männern? Dir?« Er blieb sitzen und starrte zu ihr herauf. »Chalke ist tot«, sagte Justin langsam; er ist von hier abgereist, ohne uns ein Wort zu sagen, und hat sich in Cuba getötet. In einem Salonkupee eines Zuges der United Rail Road von Havanna, um genau zu sein. Warum hat er sich getötet, Nina? Hast du eine Antwort darauf?« Sie konnte nicht der Versuchung widerstehen, sich vor Justin Gow mit ihrer Macht zu brüsten. Vor Justin, der Richter war und Gewalt über Menschen zu haben glaubte. »Ja«, sagte sie ihm kalt, »ich habe eine Antwort. Chalke hat sich getötet, weil er mich geliebt hat. Die Liebe hat ihn getötet.« Justin sprang auf, er schob seinen Stuhl vor sich und klammerte sich an die Lehne an. »Bei Gott, du hast es getan«, rief er aus. »Das sehe ich in deinem Gesicht.« Er goß sich eine gehörige Portion Whisky in sein Glas und stürzte sie hinunter.

»Warum hast du das getan, Nina«, fragte er. »Ich muß es wissen, um überhaupt etwas zu wissen. Du wirst zugeben, daß du es mir sagen mußt. Bedenke, wie lange ich dich kenne. Denk an Mary. Chalke war ihr Bruder. Sie hat ihn nicht oft gesehen, aber sie hat ihn sehr lieb gehabt. Warum hast du Chalke getötet?«

Sie erklärte geduldig: »Ich sagte, die Liebe hat ihn getötet. Ich habe ihn geliebt, und das war es. Es kommt gar nicht darauf an, ob er mich geliebt hat oder nicht. Das hat nichts zu bedeuten. Es ist etwas anderes. Ich wollte ihn, aber er wollte etwas anderes, ich glaube, er hat es Anständigkeit genannt, und er hat geglaubt, er könnte mir entfliehen. Aber ich bin mit ihm gegangen. Ich bin in ihn gegangen.« Justin Gows Mund war hart. »Es war nicht die Liebe«, sagte er ihr; »du warst es.« Da rief sie: »Ich bin die Liebe!« Ein klingendes Schweigen folgte dem Schall ihrer Stimme, dem erstaunlichen Dünkel ihrer Erklärung. Justin stand da, die Hände auf der Stuhllehne, und betrachtete sie mit funkelnden Augen. Schließlich sprach er: »Das ist es also. Du bist die Liebe. Du wolltest Chalke Ewing. Aber er wollte Anständigkeit, und da hast du ihn getötet. Dich kann wohl nichts töten.« Nichts, antwortete sie.

»Wir sind einfach mehr als ein bißchen betrunken«, erklärte Justin in entschlossen vernünftigem Ton. »Du bist vielleicht noch eine Idee betrunkener als ich. Ich gehe an die Luft, und du auch.« Er sah auf die Uhr. »Es ist zwölf«, sagte er. »Ich werde die Musik aufhören lassen.« Mehr als die Hälfte der Lampions war dunkel. Ihre Kerzen waren ausgebrannt. Die Sterne waren verschwunden. Regen lag in der Luft. Justin sprach mit den Musikanten, sie legten ihre Instrumente zusammen, man begann aufzubrechen. Nina erblickte Cora Lisher, aber Wilson war nicht bei ihr. Sie sah sich unentschlossen nach ihm um, ohne ihn zu finden. Schön, sie wird allein nach Hause gehen. Über die Straße und über die Wiesen. Auf dem Verandageländer sah sie das Glas, in dem Wermuth gewesen war. Im Schlafzimmer kam eine böse Stimmung über sie. Niemals hat sie sich schlechter unterhalten. Niemals hat sie schlechtere Männer gekannt. Francis und der Geistliche und Justin Gow. Auf jeden Fall hat sie Justin Gow überrascht, ja, und erschreckt. Sie legte ihr Kleid ab.

Sie ertrank in einer Flut des Kummers und der Einsamkeit. Chalke ist tot. Er hat sich getötet. Allein, einsam ist er auf Cuba gestorben. Er ist tot. Nina wurde bewußt, daß sie das bis jetzt nicht begriffen hatte. Tot! Chalke. Er hat Selbstmord begangen. In einem Zug, der der United Rail Road von Havanna gehört. Justin hat es ihr erzählt und dann Mary von der Gesellschaft fortgeführt, aber sie ist geblieben und hat geredet und gelacht und geflirtet und getrunken. Sie hat Justin die lächerlichsten Dinge gesagt. Nina konnte sich gar nicht vorstellen, was er von ihr denken mußte. Chalke ist nicht mehr. Er hat sie getadelt – mein Gott, das ist ein Tadel, gegen den es keine Rechtfertigung gibt – mit seinem Tod getadelt. Mit seinem ehrenhaften Tod. Ein wilder Haß gegen sich selbst würgte alle anderen Gefühle in ihr ab. Das Ishtarrekleid lag auf ihrem Bett; sie haßte es mit einer verzweifelten und absonderlichen Bitterkeit des Abscheus; sie hatte es in der Zeit getragen, die Chalke in den Tod getrieben hatte. Nina nahm das Kleid und zerriß es mit einer plötzlichen Heftigkeit, der keine Überlegung vorangegangen war, in kleine Stückchen. Es verschwand nahezu buchstäblich. Es blieb nicht mehr davon als einige dunkle Tüllfetzchen und Atlasstreifen. Eine schwere Müdigkeit erfaßte sie. Sie fühlte sich elend. Instinktiv sah Nina in den Spiegel ihres Toilettetischchens. Ihre großen, entsetzten Augen starrten aus einem zerstörten Gesicht heraus; das Rouge auf ihren Wangen glich Farbflecken auf einer fahlen und leblosen Fläche; von ihrem hageren knochigen Kinn hing die Haut in Säckchen herunter, die von scharfen Linien durchzogen waren.

Endlich, sagte sie sich, ist das vorbei. Und künftig wird nur die Erinnerung sie beunruhigen. Da Chalke tot ist, ist es nur richtig, daß ihr lebendiger Zauber von ihr geht. Das löste wenig Bedauern und noch weniger Furcht in ihr aus. Nina war nicht bestürzt. Sie mußte sich aber setzen, sie war sehr schwach. Es war eine Nacht voll tragischer Schwierigkeiten gewesen. Justin hat sich wunderbar benommen. Sie wird natürlich Mary Gow so bald wie möglich am Vormittag aufsuchen. Die arme Mary, sie ist sehr stolz gewesen auf Chalke. Mary und Justin, ja, und Chalke, sie alle sind stolze Menschen. Sie sind erhabene, starke Menschen. Mary, die elend und unglücklich sein muß, kann wenigstens stets denken, daß Chalke zu erhaben gewesen sei, um sich auf entehrende Weise zu ergeben. Ja, Chalke hat wahrlich nicht in der gewöhnlichen Welt der Kompromisse gelebt, die von fast allen anderen Menschen bewohnt ist. Er hat in einer Welt höherer, unbestechlicher Ideen gelebt; in der grünen Flamme – das hat Chalke gesagt – der Tropen. Ein anderer, weniger prächtiger Mann hätte mit ihr und der Situation, die vor ihnen lag, fertigwerden können. Ein Mann mit weniger Phantasie, mit einem Wort, ein Mann, der kein Idealist ist, hätte sie geheiratet und, auf einer weit niedrigeren Ebene, verhältnismäßig glücklich gemacht. Das war jetzt jedoch nicht wichtig.

Es ging verloren in der unermeßlichen Leere ihres Seins, einer Leere, die sich jetzt ununterbrochen bis an das Ende ihres Lebens erstrecken muß und von nichts und von niemand ausgefüllt werden kann. Nina schaute auf die Uhr, sie sah, daß es nach eins war, und überlegte, wo Wilson sein könne. Er war zum Schluß nicht bei Cora Lisher gewesen. Sie begann mechanisch, genauer darüber nachzudenken, was ihr widerfahren war. Das, was die Frauen mehr fürchten als alles andere zusammen, womit das Leben einen bestraft, ist geschehen – sie ist tatsächlich alt geworden. Sie ist alt geworden, weil sie die Illusion einer dauernden und erhaltenden Jugend verloren hat. Der weiblichen Hoffnung. Alles Zutrauen auf ihre Fähigkeit, ihr Aussehen zu reparieren, zu konservieren, es mit geschminkter und gepuderter Tapferkeit vor einer eingestandenen endgültigen Niederlage zu bewahren, hatte sich verflüchtigt. Die Niederlage kränkte sie jedoch nicht. Nina war zu müde, um etwas aktiv empfinden zu können. Sie wollte nur ruhen. Still sein.

Sie ist vor allem ohne jedes Streben. Sie hat keines, und in dem Leben, das noch vor ihr liegt, wird es keinen Anreiz für sie geben, sich zu ändern. Nichts ist da, was sie anregen, was wünschenswert sein könnte. Wie ihre Zukunft sein wird, weiß sie aus der Vergangenheit. Ihre Zukunft ist ihre Vergangenheit in einem anderen Sinne. Sie ist Chalke, und Chalke ist tot. Später, ein andermal wird sie darüber nachdenken, über ihn nachdenken. Sie wird versuchen zu begreifen, daß sie ihn getötet hat. Heute nacht kann sie nicht, es ist zu viel für sie. Sie war erstaunt darüber, daß ihr Körper, ein so kleiner Körper, eine so ungeheure Einsamkeit fassen konnte. Einen so grenzenlosen Schmerz. Alles war so rasch gekommen – eines Tages ist sie wunderbar glücklich gewesen, und fast schon am nächsten ist das Glück für immer vorbei. Sie dachte wieder an ihr elendes Gesicht und ihren formenlosen Hals. Ihre Augen, noch so, wie sie vorher waren, sahen aus, als wären sie in einem furchtbaren Unglück gefangen worden. Alles außer ihren Augen war zerstört. Die Wirklichkeit ist nicht so schrecklich, wie sie dachte. Jetzt, ohne Chalke, ist sie fast froh, daß es geschehen ist. Sie will – nachdem sie erfahren hat, was Leben ist – nicht ohne ihn weiterleben. Es scheint besser so zu sein. Natürlich ist es richtig für sie, so viel wie möglich zu leiden. Das Leiden ist allerdings langweiliger, als sie gedacht hat. Das überraschte sie ein wenig, soweit sie fähig war, von etwas überrascht zu werden.

Sie hatte jetzt kein Verlangen, ihr früheres Leben zu überblicken, sich selbst in der Vergangenheit zu sehen und sich nachzutrauern. Nina kleidete sich weiter aus. Interesselos und ohne zu wählen nahm sie ein Nachthemd heraus. Es war dünn und rosa, mit durchsichtigen weißen Spitzenblumen besetzt. Mechanisch befaßte sie sich mit Reinigungscrêmes, Toilettewässern und Lotionen. Sie wischte sich mit weichen Papierstückchen das Gesicht ab. Gewohnheit war das, nichts weiter. Ihre Haut war sehr weich. Sie mußte an eine Blume denken, die zu welken begonnen hat. Wenn das einmal anfängt, geht es sehr rasch. Nina wußte, daß sie morgen nicht sterben würde. Sie wird morgen nicht sehr anders aussehen als gestern. Aber die Wandlung ist geschehen. Die Frauen werden es bemerken. Mary Gow und Delia und Cora Lisher. Cora wird sich heimlich freuen und sicher fühlen. Sie wird überzeugt sein, daß Francis endlich ungefährlich ist.

Das ist er auch. Sie empfand eine zarte Zuneigung ohne Interesse für ihn. Ein Sturmwind ist über sie hingegangen und hat nahezu alles mit sich genommen. Ganz entschieden hat er Francis Ambler weggewischt. Sie konnte nicht begreifen, wo Wilson war. Nina fiel ein, daß sie versprochen hatte, morgen nachmittag Bridge zu spielen. Ocha wird da sein. Noch vier Tage, und es wird wieder die Samstagabend-Tanzerei im Landklub geben. Wilson wird wohl hingehen wollen. Ich werde mit ihm gehen, dachte sie, Joel Bache wird mit mir tanzen, und Roderick Wade wird wieder betrunken sein. Cordelia, Annabel und Faith werden wahrscheinlich zum Steinbruch gehen. Das brachte ihr endlich Chalke klar vor die Augen. Nina sah sich vor dem schwarzen Wasser neben ihm stehen, nur mit Büstenhalter und Schlüpfer bekleidet. Das war die Nacht gewesen, in der sie seinen Willen niederzwang, ja, jene Nacht, in der sie ihn verlor. Sie besann sich auf Kleinigkeiten, die zu Chalke gehörten – auf seine weiche schwarze Schärpe am Abend. Auf seine langen schmalen Finger, die die Zigarre hielten. Sie waren schon so braun, daß es unmöglich war, Nikotinflecke auf ihnen zu sehen.

Sie erinnerte sich seiner ein wenig harten Stimme – wenn man Chalke nicht kannte, hielt man ihn für unfreundlich. Das war er nicht. Er mußte so sein. Damit schützte er sich. Chalke verbarg sich vor aller Welt außer ihr. Sie war sein unermeßliches Unglück. Sein Tod. Doch sie bedauerte ihn nicht im geringsten. Mehr bedauerte sie sich selbst. Man kann nicht ewig leben, sagte sich Nina. Chalke ist von seinem Willen verlassen worden, aber nur für einige Stunden. Die Menschen, auch Mary, werden denken, er sei vom Leben geschlagen worden, von der Liebe. Aber in Wirklichkeit hat er beide besiegt. Man kann nicht ewig leben. Im richtigen Moment zu sterben, ist besser, als noch einige verfehlte und enttäuschende Jahre zu leben. Nina lag im Bett; sie machte das Licht aus. Die Dunkelheit goß eine dichte Flut über Nina Henry aus. Sie war noch nicht im mindesten schläfrig.

Einst hatte sie gemeint, unter allen Freuden ihres Daseins wäre ein behagliches Bad das Schönste. Jetzt kam sie zu dem Schluß, daß der Schlaf schöner sei. Der Schlaf, so dachte sie, ist die größte aller Wohltaten. Da ist sie allein, unerreichbar für die Not des Dasein. Selbst die Liebe wird vom Schlaf gestillt, im Schlaf vergessen. Träume sind nur die fernen Schatten der Not. Mit dem Wachsein, mit dem Leben stimmt ganz entschieden nicht alles. Das eine ist man nicht, und das andere kann man nicht sein. Man ist weder gut noch schlecht. Wenn man aus ganzem Herzen gut sein will, dann regt sich die Schlechtigkeit in einem und vereitelt, was man beschlossen hat. Man kann nicht schlecht sein und sich daran freuen, denn das Gute in einem quält und erweckt Reue. Dann war ihre alte Unsicherheit wieder da – der Gegensatz zwischen dem, was sie erlebt hatte, und dem, was ihr immer gesagt worden war. Es wäre zum Beispiel entsetzlich zu sagen, sie hätte mit Chalke Ewing die Ehe gebrochen, und deshalb hätte er sich das Leben genommen. Sie kann nur wiederholen, daß diese Worte, diese Tatsache sie nicht erschrecken.

Eine gewisse Ruhe kam über sie. Ihre Müdigkeit – wie ein schwerer Mantel – wurde von ihr gehoben. Der Schmerz in den Knien flackerte auf und ging aus wie die verbrauchte Flamme eines Streichholzes. Das wohltuende Dunkel floß in ihr Gehirn. Plötzlich erwachte sie, sich unklar einer Störung, der Gegenwart eines anderen im Zimmer bewußt; sie stützte sich auf einen Ellbogen und machte Licht. Es war Wilson. Er saß in dem bequemen Sessel am Fenster in einer Haltung äußerster Niedergeschlagenheit. Sein Gesicht, sah sie, war so erschöpft wie vorher ihres. »Wilson«, sagte sie, aber ohne alle Schärfe, »du hast mich erschreckt.«

 

Er antwortete kurz, das tue ihm leid. Das war alles. Nina suchte ihre Kräfte aus der Umklammerung des Schlafes zu befreien. »Was ist, Wilson?« fragte sie. »Du mußt schlafen gehen. Es ist bald Tag. Wilson, wo warst du?« Er wußte es nicht genau. »Lancaster, glaube ich.« Er versenkte sich wieder in ein Schweigen, das von allem, was ihn umgab, ganz abgesondert war. Nina wurde energischer. »Du mußt mir sagen, was los ist«, drängte sie. »Bist du krank? Was ist geschehen?« Nein, antwortete er; er sei nicht krank. »Ich kann es dir nicht sagen, Nina«, redete er weiter. »Ich kann es dir nicht sagen, weil alles falsch klingen wird, sobald ich es sage. Unmöglich. Es wird wohl einfach das Leben sein«, sagte Wilson Henry. Nina setzte sich auf und stützte sich auf ihr Kissen. »Du brauchst mir nicht alles zu sagen«, mahnte sie ihn. »Aber du solltest dich wirklich ausziehen. Es ist fünfundzwanzig Minuten nach drei.«

»Die Schwierigkeit ist die: ich will nicht, daß du es falsch auffaßt«, gab er zur Antwort. »Ich will nicht, daß du Cora falsch beurteilst. Dir bleibt nichts anderes übrig. Es wird nach viel mehr klingen, als es ist. Als es war«, erklärte Wilson Henry. Nina erkannte, daß die beiden Hauptkräfte in Wilsons Leben in einen hoffnungslosen Konflikt verwickelt waren. Seine Vorsicht, sein Sinn für das Schickliche und seine unschickliche Leidenschaft für Cora Lisher. Offenbar war ein großes Unglück geschehen. »Vielleicht tut es dir gut, wenn du etwas erzählst«, meinte sie. »Wilson, ich weiß im Grunde mehr, als dir klar ist, Frauen wissen manches.« Seine alte Entschiedenheit regte sich schwach. »Du weißt gar nichts davon«, erklärte er. Dann schwand seine Entschlossenheit. »Niemand weiß davon«, wiederholte er. »Es handelt sich um Cora. Um Cora und mich. Es war bloß eine Freundschaft – ich war gern mit ihr zusammen und habe sie bewundert, und ich war nützlich. Ich habe die beiden beraten. Nina, daran war nichts Unrechtes. Cora ist nicht so.« Sie hörte sich geduldig sein löbliches Lügen an. Es wurde widerlegt durch seine Stimme, sein Gesicht, sein Wesen. »Gewissermaßen könnte man es vielleicht Liebe nennen, Nina.«

Er stand auf und trat zum Bett. »Ich hätte niemals an dem gerührt, was ich dir schuldig bin«, sagte er entschieden. »Das mußt du dir klarmachen. Niemals könnte jemand wirklich zwischen mich und meine Frau und Kinder kommen. Ich schulde dir zu viel, Nina. Ich könnte unmöglich sagen, was von mir ich war, und was du warst. Das war es nicht.« Er unterbrach sich und sah sie mit einem verzweifelten Bedürfnis nach Verständnis an. »Das weiß ich, Wilson«, versicherte sie ihm. Er setzte sich an das Fußende des Bettes und blickte in ihr Gesicht. »Trotzdem«, gestand er, »glaube ich, liebe ich Cora. Ich kann das Ganze nicht begreifen. Ich bin mit dir verheiratet – mehr als zwanzig Jahre bin ich mit dir verheiratet – ich hänge an meinen Kindern, und ich bin verliebt in Cora Lisher.« Seine Zurückhaltung, sah Nina, verließ ihn, fortgefegt von der Gewalt seines Leidens und dem Kummer über den plötzlichen Zusammenbruch dessen, was seiner Überzeugung nach ewig und fest gewesen war. »Verliebt sagt man wohl«, fuhr er fort.

»Ich habe Cora bewundert, sie war mit so wenig so tüchtig, und sie war so wunderbar zu Anna Louise, und ich habe sie ein- oder zweimal auf dem Rückweg von der Stadt aufgesucht. Dann entstand der Wunsch in mir, sie zu sehen. Du brauchtest mich nicht, das hast du mir ziemlich deutlich zu verstehen gegeben. Du hattest Francis Ambler zum Reden, und so ging ich öfter in Coras Haus. Es kam so, daß ich von ihr abhängig wurde, und ich dachte auch, daß sie abhängig von mir würde. Das war sie auch, Nina, in ihrem Innern. So sagt Cora. Mein Gott, sie ist auch elend! Aber ich verstehe das mit der Liebe nicht. Nina, ich liebe dich. Ich würde nie etwas tun, was dich demütigen könnte. Nichts könnte mich dazu bringen, dich zu verlassen. Von allem, was ich habe, hast du, was du willst. Und doch ist Cora da. Sie ist da. Bald mußte ich sie täglich sehen. Ich saß hier und redete mit dir und Acton und Cordelia, und dabei wollte ich mit Cora zusammen sein. Ich wollte mit ihr sprechen. Ich dachte, ich kann dir das nicht sagen. Es erschien mir nicht recht. Ich muß aber. Cora gewann mich lieber. Ich war nicht unzufrieden damit, wie es war, ich meine, zu leben, wie ich es tue, und dabei Cora so oft zu sehen, als es ging. Es war nicht vollkommen, aber es störte mich nicht sehr. Ich hatte gar nicht vor, etwas anderes zu tun. Es gab nichts anderes, was ich hätte tun können.

Dann ist das geschehen.« Nina sah deutlich, was es war. »Anna Louise wurde mit Francis verlobt«, sagte er ihr; »Cora opferte ihre Gefühle für mich – sie opferte uns beide für ihre Tochter auf. Sie wollte keinen Shawl holen, Nina, sie sagte das nur, weil sie eine Gelegenheit schaffen wollte, um mir zu sagen, was sie beschlossen hatte. Was sie beschließen mußte, sagte sie. Es wird wohl so sein. Nina, sie hat mir gesagt, es muß aufhören. Daß wir uns so sehen, wie es war. Du weißt, wie Cora ist, wenn sie einen Entschluß gefaßt hat. Du weißt, wie sie ist, wenn es sich um Anna Louise handelt. Nun, das ist beides zusammengefallen. Cora meint, daß es jetzt, wo Anna Louise Francis Ambler heiraten wird, unrecht von uns wäre, den Leuten Anlaß zum Reden zu geben. Sie meint, es könnte Anna Louise kränken. Ich wollte Cora dazu bringen, daß sie an sich selbst denkt. Das kann sie nicht. Es ist ihr nicht gegeben. Ich war ganz hoffnungslos. Cora wiederholte mir immer, daß es mit unserem Einandersehen aus sei.«

Wilson Henry erhob sich wieder und ging auf und ab, pendelte hin und her in dem erhellten Teil des Zimmers, in der Nähe der Bettlampe. »Ich habe ihr gesagt, sie soll sich nicht festlegen; ich habe ihr gesagt, jetzt brauchen wir uns natürlich nicht zu sehen, aber sobald Anna Louise einmal verheiratet ist, wird es anders sein. Die beiden werden ja wahrscheinlich nach Europa fahren. Sie werden wohl ein Jahr wegbleiben. Das hat nichts genützt. Sie hat gesagt, wir müssen Schluß damit machen. Um die Zeit waren wir beide schon ziemlich elend. Das Ganze war nicht leicht für sie. Ich habe nicht versucht, ihr zu helfen. Cora mußte auch zu den Gows zurück. Es war ein Glück, daß sich alles im Freien abspielte und es einigermaßen dunkel war. Ich brachte sie zurück, dann setzte ich sie ab und fuhr fort. Ich hätte keinen Menschen sehen können. In diesem Augenblick, Nina. Du findest das alles wohl sehr häßlich und charakterlos.«

»Nein, Wilson, durchaus nicht«, versicherte ihm Nina. »Es ist bloß unglückselig. Es scheint so sinnlos zu sein. Es ist so hoffnungslos. Ich habe dir ja schon gesagt, ich begreife mehr, als du ahnst. Von Cora und Anna Louise und dir. Niemand kann Cora beeinflussen oder ändern, da hast du recht. Ihre Gefühle für Anna Louise sind nicht ganz normal. Es ist nicht so, wie eine Mutter sonst zu ihrer Tochter steht. Die Liebe zu Anna Louise ist das Stärkste in Coras Leben. Du könntest nie so wichtig für sie sein. Du siehst doch, Cora ist willens, sich dafür zu opfern, und wenn das wahr ist, hast du keine Aussichten. Du wirst nie imstande sein, das zu begreifen. Aber Cora macht es Freude, sich zu opfern. Ich kenne andere Frauen, die so sind, Wilson. Dunkel in ihrem Innern. Cora Lisher ist eine dunkle Frau. Das kann man schon merken, wenn man sie bloß ansieht.« Wilson Henry begab sich augenblicklich in eine Verteidigungsstellung. »Das ist ihr Charakter«, erklärte er ihr. »Cora hat mehr Charakter als irgendein anderer Mensch. Das macht ja auch das Leben so schwer für sie. Das ist der Grund dafür, daß sie streng und dunkel wirkt. Aber sie ist es nicht. Nicht mehr, wenn man sie kennt. Ich sage dir immer wieder, Cora hat nicht das Geld, das du hast.« Eine Miene verzweifelter und bekümmerter Verblüffung ließ ihn erstarren. »Mehr kann da nicht gesagt werden. Nichts kann getan werden. Alles ist vorbei. Ich kann am Nachmittag nicht in Coras Haus gehen. Ich kann nie wieder wirklich mit ihr reden.«

Wilson Henry hatte die Jugendlichkeit wiedergefunden, die hinter der Ecke auf alle Männer wartet. Er nahm seinen Sitz am Fuß des Bettes wieder ein. Sein Gesicht, sah Nina, war triefnaß. Sie konnte nichts tun, niemand konnte ihm helfen. »Leg deine Kleider ab, Wilson«, drängte sie ihn, »du bist ganz durchweicht. Es ist wieder schrecklich heiß. Eine kalte Dusche würde dir sehr gut tun. Geh nur. Es kann dir gar nichts nützen, nicht nur unglücklich, sondern auch unbehaglich zu sein.« Schweigend gehorchte er ihr. Langsam und zerstreut zog er sich aus. Er verschwand in einem Schlafrock im Badezimmer. Als er zurückkam, lag sein Haar in nassen Strähnen am Kopf, und er sah lächerlich jungenhaft aus. Er zündete sich eine Zigarette an und ließ sich schwer in einen Sessel fallen. Wilsons Elend war so intensiv, daß es nahezu komisch wirkte. So konnte das Leben ja sein – tief tragisch und komisch. Für den Augenblick konnte er nicht mehr reden. Ninas Gedanken wanderten fort. Chalke war tot, er hatte sich umgebracht. Alkibiades – sie konnte nicht weiter. Ein unüberwindlicher Drang zu lachen packte sie. Wilson war empört.

 

Sobald sie imstande war, auf zuhören, sagte sie: »Das ist ganz plötzlich über mich gekommen. Entschuldige.« »Du versicherst mir, daß du alles verstehst«, antwortete Wilson, »und dann beweist du mir, daß du nichts verstehst.« Die kurze Spanne der Aufrichtigkeit war vorüber, merkte sie. Wilson hatte seine gewohnte konventionelle Heimlichtuerei wieder angenommen. »Ich habe ja auch nicht wirklich angenommen, daß du verstehen kannst, aber ich muß sagen, daß du lachen wirst, hätte ich nicht gedacht.« Nina erklärte es noch einmal. »Ich habe dir ja gesagt, es war hysterisch, Wilson. Du bist Frauen gegenüber wirklich recht ahnungslos. Schließlich habe ich dich darauf aufmerksam gemacht, wie Cora ist. Ich hätte dir das schon lange sagen können, von Anfang an. Es ist schade, daß du mich nicht gefragt hast, oder daß du sie nicht besser verstanden hast. Ich muß auch sagen, Wilson, Cora hat sehr viel für sich. Hast du ihr angeboten, daß du sie heiraten willst? Schließlich liebst du Cora und nicht mich.« Wilson war sofort empört. »Selbstverständlich nicht«, sagte er. »Das habe ich dir schon klarzumachen versucht. Ich bin dein Mann. Wir haben Kinder. Wie, um Himmels willen, könnte ich tun, was du da sagst?«

»Vielleicht kannst du nicht«, sagte Nina; »aber der Grund liegt nur in dir. Es hat nichts mit mir oder den Kindern zu tun. Ich meine, dein Stolz und deine Moral, dein Gefühl für Pflicht und für das, was du dir selbst schuldig bist, würden dir das verbieten. Siehst du denn nicht, daß du genau so schlimm bist wie Cora. Du warst auf deine eigene Weise ebenso egoistisch.« Darauf erklärte Wilson Henry: »Du hättest alles durchmachen müssen, um da Bescheid zu wissen. Ich konnte es dir natürlich nicht klarmachen. Deshalb wollte ich auch gar nicht davon reden. Es war sinnlos. Es war vorauszusehen, daß es mit einem Mißverständnis enden muß. So darfst du aber nicht mißverstehen, Nina. Cora ist ein sehr schönes Wesen. Schön«, wiederholte er mit einer Verzweiflung, die zugleich übertrieben und echt war. »Du solltest sie wirklich kennen. Coras Seele ist zu erhaben für solche Kameradschaft. Auf jeden Fall ist es jetzt zu spät. Für den Rest ihres Lebens wird Cora nicht mehr bleiben als ihr prachtvoller Mut, vielleicht eine Erinnerung.« Wilson machte eine Anstrengung, sich besser zu disziplinieren. »Es tut mir leid, daß ich dich so lange wachgehalten habe, Nina. Besonders, weil es uns ja nicht viel nützen kann.«

Ein Drang, von sich zu sprechen, einen Ausdruck für die ganze Last ihres eigenen Elends zu finden, packte mit einemmal Nina. »Chalke Ewing ist tot, Wilson«, sagte sie. »Er hat sich in einem Eisenbahnzug auf Cuba umgebracht.«

»Chalke Ewing«, wiederholte er zerstreut. »Ach ja, Mary Gows Bruder. Na, mich überrascht das nicht. Solche Männer wie er, die an nichts glauben, enden meistens so.« Wilson Henry stieg ins Bett. Nina machte das Licht aus. Bald glaubte sie, das zarte Grau des Morgens sehen zu können. Im Efeu draußen regten sich die Spatzen. »Ich kann nicht einschlafen«, klagte Wilson. »Ich kann nicht einschlafen.« Es wird ihm nichts nützen, widerspenstig zu sein. Sie ist nicht widerspenstig. Sie kann begreifen, wie sinnlos das wäre. Es ist aber sehr schwer zu begreifen, daß alles zu Ende sein muß. Es hinzunehmen. Die Hoffnung ist fast die stärkste Gewohnheit, die es gibt. Hoffnung ist wie Lebendigsein. Sie ist dasselbe wie wirklich lebendig sein. Man will nicht glauben, daß die Unfälle, die anderen Menschen zustoßen, einem selbst zustoßen können. Und wenn es geschient, dann kann man es meist nicht begreifen. Es kann einem nichts geschehen, denkt man, es wäre zu abscheulich. Das ist der Fehler, den jeder Mensch begeht. Man erwartet eine Spezialgerechtigkeit für sich selbst zu finden. Ganz gleichgültig, ob sie die ganze übrige Welt im Stich läßt, einen selbst muß sie beschützen. Wilson sagte: »Ich hätte doch nicht duschen sollen. Das war eine schlechte Idee. Es hat mich munter gemacht.« Es gibt, dachte Nina, genug für ihn, um ihn wachzuhalten, er braucht nicht der Dusche die Schuld zu geben. Er schiebt tatsächlich die Schuld auf sie. Die alte Sache. Er ist ihr sehr nahe. Wenn er die Hand ausstreckt, kann er sie berühren. Aber in Wirklichkeit ist er ihr ferner als die ältesten Griechen, von denen Chalke gesprochen hat. Er ist eingeschlossen in sein tiefes Elend, in den Verlust Coras, und sie ist innerlich einsam ohne Chalke. Chalke ist tot, aber Cora ist so unerbittlich wie der Tod. Niemals wird sie Wilson zurücknehmen.

»Was werden wir Anna Louise zur Hochzeit schenken?« fragte Wilson. »Müssen wir das jetzt überlegen?« gab sie zurück. »Die Zeit ist nicht sehr geeignet dafür.« Er war anderer Meinung als sie. »Ich kann nicht schlafen, und du bist wach, wir können also ebensogut darüber reden wie über etwas anderes. Ich würde ihnen gern ein Silberservice schenken, reines Silber. Wir können uns das leisten. Sie werden übrigens wohl drei oder vier bekommen. Die reichen Pittsburgher Freunde von den Amblers sind ja da. Eine Uhr wäre vielleicht besser. Eine große Standuhr mit einem Kathedralenglockenspiel für die Diele.« Er schwieg eine Weile. Offenbar hatte der Schmerz über seinen Verlust ihn wieder gepackt. »Nina«, sagte er plötzlich, »wir müssen in die Kirche gehen. Es genügt nicht, einfach alle Vierteljahre einen Scheck zu schicken. Davon haben wir gar nichts. Wir müssen jeden Sonntagvormittag mit unseren Kindern im Kirchstuhl sein.« Sie dachte daran, wie Mr. Swingfellow sie bei den Gows nach der Welt gefragt hatte. Nach der Liebe. Mrs. Swingfellows Mandelentzündung fiel ihr ein. Für sie gibt es in der Kirche keine Hoffnung auf Entrinnen. Sie kann nicht von Mr. Swingfellow zu den Wolken emporgeführt werden. »Wenn man seine Religion vernachlässigt«, fuhr Wilson fort, »kommt man in Unannehmlichkeiten. Die Amerikaner haben die Pflicht, in die Kirche zu gehen. Ja, und von Orten wie Cuba und Paris fortzubleiben. Sieh doch, was aus Chalke Ewing geworden ist. Was Frankreich mit Catherine Pryne tut, gefällt mir nicht. Ich glaube nicht, daß sie einen guten Einfluß auf Acton ausüben kann. Wenn sie zurückkommt, werde ich dafür sorgen, daß er nicht so viel mit ihr zusammen ist. Jetzt tut es mir leid, daß ich ihm gesagt habe, er kann nach Europa fahren. Ich werde erst zufrieden sein, wenn er ein Mädchen wie Anna Louise geheiratet hat und ordentlich im Holzgeschäft drinnen ist. Manchmal, Nina, habe ich den Eindruck, du könntest einen besseren Einfluß auf deine Kinder ausüben. Du gibst wirklich nicht viel für sie auf. Wenn du es richtig bedenkst, du trinkst ziemlich offen Whisky. Und dann dieses schwarze Kleid. Das dir Mary aus Frankreich mitgebracht hat. Das ist kein Kleid für dich. Es wird nicht mehr lange dauern, und du bist fünfzig. Davon ganz abgesehen, du mußt an deine Stellung in Eastlake denken. Wir stehen ziemlich in der Öffentlichkeit. Die Leute erwarten etwas von uns.«

»Ich glaube, ich habe dir nie Schande gemacht, Wilson«, entgegnete sie. »Die Leute, an die du vor allem denkst, scheinen mit mir zufrieden zu sein. Justin Gow und die Baches und alle möglichen anderen. Wenn du sie fragst, werden sie dir sicher sagen, daß ich keine schlechte Frau gewesen bin. Du hast Glück gehabt, Wilson. Du weißt es nicht, aber du hast Glück gehabt. Du bist jetzt sicher. Es paßt nicht zu dir, nicht sicher zu sein. Cora wird dir zuerst schrecklich fehlen, aber das wird bald besser werden. Du redest schon von Pflichten und von der Kirche. Ich denke nicht nur an dich; ich meine auch mich. Da hast du Glück gehabt. Selbst das Kleid, von dem du gesprochen hast, ist ruiniert. Ich kann es nie wieder tragen. Es war ein sonderbares Kleid, Wilson. Es wundert mich nicht, daß es dich aus der Fassung gebracht hat. Sehr vielen Männern ist es so gegangen. Sehr verschiedenen Männern, wie Roderick Wade und Joel Bache und – und anderen. Aber das alles ist jetzt vorüber; du solltest froh sein.

Wenn du mich morgen früh genau ansiehst, wirst du merken, was ich meine. Du wirst so etwas wie eine alte Frau sehen. Auf jeden Fall eine Frau, die dir nie wieder Scherereien machen wird. Ich kann dir nicht versprechen, daß ich keinen Whiskysoda mehr trinke, ich werde dir nicht versprechen, daß ich in die Kirche gehe, aber wegen alles anderen kann ich dich beruhigen. Du mußt froh sein, Wilson, daß du mich da hast. Endlich. Wo du mich haben willst. Ich kann dir auch nicht Liebe versprechen, das verstehst du, nicht wahr? In mir ist keine Liebe mehr, kein Tröpfchen. Du wirst dich einfach ohne sie mit mir abfinden müssen und zufrieden sein, weil du immer wissen wirst, wo ich bin. Du kannst immer sicher sein, was ich tue. Vormittags werde ich mit Rhoda sprechen und nachmittags Golf oder Kontrakt-Bridge spielen. Ich werde zum Dinner zu den Gows und den Baches und den Amblers gehen – zu Anna Louise Ambler – und sie alle hierher einladen. Catherine Pryne wird Acton nicht schaden, Wilson. Ich würde mich da an deiner Stelle nicht einmischen. Catherine wird auch bald genug alt sein. Acton hat noch sehr viel Zeit, um eine Anna Louise Lisher zu finden. Mit Cordelia wirst du nie etwas machen können. Sie wird unbekümmert vorwärtsgehen.«

Nina hörte auf zu sprechen. Wilson Henrys Atem ging glatt und ruhig. Endlich schlief er. Er war der Hoffnung entronnen, dem verheißenden Versprechen der Schönheit und der Verantwortlichkeit des Mutes. Die Resignation, die am Ende sowohl Leben wie Tod erträglich macht, kam zu ihr. Sie drehte sich auf dem Kissen um und schloß die Augen vor dem heller werdenden Tag. Ihre Lippen formten Schweigend den Namen Chalke. Der Arm unter ihrem Kopf war entspannt. Ihre Hand öffnete sich.

 

Ende

 


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