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Wie der Wildbach von den Bergen herunterkam, in zahllosen Windungen um vorspringende Felsnasen herum oder in Buchten hinein, so hatte sich vom Tale her seinem Lauf entlang Haus an Haus vorgeschoben. Den Häusern war der erste Fahrweg gefolgt, oben im Gebirge war er noch stückweise als Holzrückerweg erhalten; ein schlimmer Pferdeschinder mochte es wohl gewesen sein. Als aber dann die Bezirksstraße den alten Fahrweg abgelöst hatte, da hatte auch sie nicht geradebiegen können, was doch ganz offenbar von Natur krumm sein sollte: auch die Bezirksstraße wand sich zwischen den Häusern hin, die ihrerseits den Krümmungen des Bachlaufes folgten.

Es war ein eigenes Fahren durch das Dorf, denn die Häuser glichen einander wie Geschwister: alle kehrten sie die Breitseite der Straße zu; alle zeigten die kleinen Altanen mit rohgeschnitzten Holzsäulchen, die halbhohe Vorsatztüre vor der eigentlichen Haustüre – die war für den Sommer erdacht, da konnte der steingepflasterte Flur gelüftet oder Durchzug gemacht werden, wenn der Backofen im Hintergrund nicht recht brennen wollte, und die halbhohe Türe verhinderte es doch, daß gleich das ganze Hauswesen nackt und bloß vor aller Augen lag. In den Altanen war das Brennholz gestapelt, oft bis zum Vordach hinauf, mit künstlich ausgesparten Fenstern. An die aus Balken gefügten Wohnräume war seitlich die Scheune angebaut, durch deren Bretterwände Heubüschel vorstachen, und hinter dem Hause der Stall, dieser allein aus Ziegeln. In den Vorgärten der Straße zu blühten allenthalben die gleichen Blumen, Ringelrosen, Studentenröslein, Melissen und Krauseminz, Petunien mitunter, Pelargonien und Georginen und, als seltenes Prachtstück, wohl auch einmal eine Dahlie. Das mußte dann ein Geschenk sein, vom Pfarrer oder Lehrer oder von einem Sommergast, denn Geld für Blumen hatte niemand übrig, die paar Blutkreuzerlan wurden für andres dringender gebraucht. Zwischen den Fenstern blühten Hortensien, durch Holzasche lichtblau gefärbt, fleißige Liese und Sternblümlan. Sie nahmen wohl der Stube noch etwas mehr Licht und Luft, aber nach außen hin machten sie das Häusla gar so festlich.

Ja, so lagen sie eines hinter dem andern; die vielen Windungen der Straße machten es noch schwerer, sie zu unterscheiden; manche Fremde wurden richtig ungeduldig über das ewige Einerlei in dem endlosen Dorf.

Aber die Dörfler hatten das Dorf ja für sich selbst gebaut, nicht für die Fremden, sie belächelten insgeheim die Ungeduld und gar erst das Gerede von dem Einerlei: Sollte es wirklich Menschen geben, die die Häuslan vom Nitschnestes und, sagen wir einmal, vom Laderseffes nicht auseinanderkannten, oder das vom Franke Rudolf, den sie den Klankenhersch nannten, nicht von dem des Grögerschusters? Wo doch der eine den Obstgarten hinten hinaus hatte und der andre nebenbei, und beim Klankenhersch stand der uralte Apfelbaum im Vorgartla, und der Grögerschuster hatte die vielen Bienenstöcke, manche so lustig geschnitzt und bemalt, als Menschen- und Tierköpfe?

Das mußte ja ein rechtsinniger Christenmensch im Stockdunkel auseinanderkennen, und wären gar keine Häuser dagewesen, so konnte man es immer noch am Bach und den Berglehnen dahinter merken, wie weit man talauf gekommen war; in finstrer Nacht mußte man das merken, denn im Unterdorf, gleich hinter der Stadt, lagen die Äcker fast eben hinter der Häuserzeile, der Wald war kaum zu sehen. Später hoben sich die Lehnen, und der Wald rückte näher, das war das Mitteldorf.

Wo aber die Waldberge einander so hart gegenüberstanden, daß zwischen ihnen gerade noch Raum blieb für die Häuslan und die Straße im Bachbett, sonst aber kaum ein Fußbreit ebenen Landes, ja, und wo überdies eine ganze Strecke lang die Steillehne der Klanke, mit uraltem Mischwald bestanden, so weit vortrat, daß schon bei leisem Wind das Rauschen der Kronen den Bach übertönte, und wo aus den Schornsteinen der Häuslan immer ein wenig Holzrauch in der Luft hing, weil ihn die nahen Berge nicht so schnell verfliegen ließen; und wo die Straße ganz schön steil zu werden begann und rascher auf den Abschlußwall des Gabelberges zuführte, der sich so wichtig quer über das Tal legte, als wäre mit ihm die Welt zu Ende: dort also begann das Oberdorf, und die Eingesessenen hatten doch wohl recht, wenn sie sich für etwas Besondres hielten, gar nicht zu vergleichen mit den behäbigen Siedlern im Unterlauf. Denn hier oben saß man wirklich wie am Ende der Welt, die ungeheuren Wälder des Domkapitels – »das Herrschaftliche«, sagten die Leute – hielten die schmale Rodung der Gemeindeflur wie in einem Würgegriff, nahmen den mageren Äckern Licht und Saft weg und türmten sich ringsum so steil auf, daß es ganz anders klettern, ganz anders zupacken hieß als unten auf der Gleiche. Da gab es doch Berglehnen, wo kein Zugtier mehr Tritt fassen konnte, und wo es also den Dünger in Buckelkörben hinaufschaffen hieß, wo sich Mutter und Kinder vor Pflug und Egge spannten, die der Vater in die harte Scholle drückte, und wo die Ernte auf dem Schubkarren heruntergeholt werden mußte, der Radber, deren Tragbänder tief in die Halssehnen schnitten, daß die Adern hervorquollen, während das Gegenhalten die Ballen aus den bloßen Füßen drückte.

Harte Arbeit von jeher. Darum war auch die Flur so klein geblieben, denn seinerzeit, vor anderthalb Jahrhunderten, als die Herrschaft das Waldtal zur Siedlung freigegeben hatte, waren die Leute mit der Rodung auf den halsbrecherischen Lehnen eben nicht schneller zurechtgekommen, sie hatten Hals über Kopf zu tun gehabt, nur das nackte Leben zu erhalten, in den ersten Wintern war immer Baumrinde ins Brotmehl gemengt worden, das wußte manche von den Muttern noch aus ihrer Mutter und Großmutter Mund.

Vom eigenen Land hätten die meisten wohl nur Ziegen oder kaum eine Kuh halten können. Aber mit einer Kuh ließ sich nicht fuhrwerken und mit Ziegen schon gar nicht.

Die Weiberleute mußten eben sommerüber ins Gras gehen und zusehen, daß sie den Heustock vollkriegten. Das durften sie natürlich nur, wenn sie im Frühjahr und Herbst ihre Zeit in der Kultur gearbeitet hatten, beim Pflanzen, Jäten und Ausgrasen, sonst gab ihnen der Förster die Gräsermarke nicht. Und die Männer mußten ohnedies in den Wald, zum Holzmachen. Die Löhne bestimmte die Herrschaft, nicht gar zu niedrig, aber wahrhaftig auch nicht zu hoch, die Leute sollten nicht übermütig werden.

Harte Arbeit das ganze Jahr, bei Kartoffeln mit Salz, Brot und Quark zu dünnem Kornkaffee. Zu Butter reichte es selten, zu Fleisch nur an den Festtagen; es war verwunderlich, wo immer noch die Kräfte herkamen für die schwere Arbeit. Wenn die Männer dann zu Jahren kamen, und das Bücken und Aufrichten schwer zu werden begann, da konnte es sein, daß ein alter Vater über den Rain weg zu einem gleichaltrigen Nachbarn hinübersagte: »Ine ja, wir müssen so viel arbeiten, bis wir gerne sterben!« Und der Nachbar, die eine Hand auf das schmerzende Kreuz, die andre auf die Rodehacke gestützt, mummelte ein gleichmütiges Ja. Dann machten sie beide weiter, scheinbar achtlos, mit kleinen Griffen, aber sie kannten die Arbeit ja von Kind auf, sie geriet ihnen wie von selbst. Und keiner hätte sie missen mögen, solange noch Atem in ihm war, sie war ihnen recht eigentlich das Leben; insgeheim bangten sie alle vor der Zeit, wo sie nicht mehr würden arbeiten können, nur müßig die Tage versitzen, zu nichts nütze als zur Kleinkinderwartung, bangten mehr davor als vor dem Nachher: das mochte so uneben nicht sein, Gottvater würde wohl ein Einsehen haben und mit den Oberdörflern nicht allzu streng ins Gericht gehen, die ja schon zu Lebzeiten so manches abgebüßt hatten. Es gab ein Lied, mit dem sie sich gerne Mut machten, wenn sie an den seltenen Festtagen im Wirtshaus zusammensaßen:

»Och, ich frei mich uf'n Hemmel
Wie uf's Futter enser Schemmel!
Hopsasa, rüber und nüber, gah m'r a Bußla, ich gah d'rs wieder!
Wann b'r war'n ei'n Himmel kummen
Hot de Sorg an End genummen:
Hopsasa!
Do werd sein a gudes Laben,
Nischt wie Zucker und Honigwaben!
Hopsasa!
Wab'r frasse, doß b'r rülpse
Nischt vo Arbse, nischt vo' Pilze!
Hopsasa!«

Ja, das sangen sie, wenn sie ganz ausgelassen lustig waren, klimperten dazu mit den leeren Schnapsvierteln, die sie »Fegala« nannten, Vögelchen, auf die Tische und schüttelten sich die Tränen aus den Augen, die vom Schnaps kommen mochten, vom Rauch oder von der Lustigkeit, wer mochte das sagen. Dann machten sie sich langsam davon, die Dorfstraße entlang zu den Häuslan, die mit weißgetünchten Wänden unter den hohen schwarzen Schindeldächern wie Gnome auf den nächtigen Lehnen hockten.

Dort lagen im Dunkel der Schlafkammern die Muttern ganz wach unter den Federbetten, horchten genau auf Schritte und Worte der Heimkehrer und suchten im voraus zu errechnen, wieviel von den harten Lohnkreuzerlan die Saufsäcke wohl durch die Gurgel gejagt haben mochten? Wo doch die Kinder schier in Lumpen gingen, und der und jener noch was zu kriegen hatte, der Schuster vielleicht, für den letzten Flicken auf die Holzmacherstiefel, oder der Kaufmann.

Dann ging es nicht immer leise ab in den Kammern. Von der Zeugschmiededewardin – sie hieß Karline, eine geborene Streit; aber weil ihr Mann, der Zeugschmied, Edeward hieß, nannte man sie der Einfachheit halber nach ihm – von ihr also wußte das Dorf, daß sie gelegentlich das Pleiderholz, das sonst zum Flachsbrechen diente, zu Hilfe nahm. Dann konnte Edewardla oft nicht schnell genug auf die andre Knoche hoppen, wenn ihm das Holz, scharf und hart wie ein Schwert, gegen das Schienbein fuhr.

Na, so schlimm wie die Edewardin waren die Muttern ja nicht alle, und letzten Endes konnte man es auch ihr nicht einmal so sehr verdenken – wenn man ihn machen ließ, dann läutete der Zeugschmied wirklich zu gerne mit dem Glasla gegen die Flasche, und die Frau sollte dann sehen, wie sie den Schippel Kinder satt kriegte und gerade noch soviel beschneiderte, daß sie nicht gar zum Gespött herumliefen. Denn der Seifertkaufmann im Mitteldorf, der Gewaltige, der hatte schon ein Auge auf sie; wenn sie am Sonntag nach der Messe in den Laden kam und wieder einmal aufschreiben lassen wollte, weil es gar nicht mehr anders ging, da war der alte Seifert schon imstande, ihr laut vor allen Leuten zu sagen, sie sollte doch lieber beim Wirt anschreiben lassen und den Kaufmann bezahlen. Dabei schnellte er wohl den Zwicker von der Nase, ließ ihn an dem Schnürla um den Zeigefinger wirbeln und lachte so recht aus dem vollen Speck, daß die goldene Uhrkette mit dem Petschaft auf der gewölbten Seidenweste tanzte. Und die Leute im Laden lachten natürlich mit, wer hätte denn auch dagegen sein wollen, wenn der Seifertkaufmann den Ton angab, es wußte ja keiner, wann er ihn selbst brauchen würde. Ja, da lachten sie halt, wenn auch die Zeugschmiededewardin fast erstickte an dem harten Unrecht, denn beim Wirt hätte sie gewiß nicht anschreiben lassen können, ihr Mann auch nicht und überhaupt niemand, der Frankewirt war bekannt dafür, daß er keinen Tropfen und keinen Bissen auf Kredit gab: »So kommt keiner in Versuchung! Ich nicht, daß ich zuviel borge, und kein andrer, daß er zuviel verzehrt!« Das war immer seine Rede, ein schöner Zug soweit von dem Mann. Und da sollte man sich vor allen Leuten einen Stich geben lassen –? Aber es war halt der Kaufmann, er war eben gar zu großmächtig, man mußte schweigen.

Ja, schweigen mußten sie alle viel, nicht nur die Edewardin. Schweigen mußten sie vor allem, wenn der Herr Oberförster, die Förster oder Waldaufseher etwas wollten, befahlen oder tadelten. Ach, du grundgütiges Jesuskindla – nee, da gab es keine Widerrede! Wenn man's mit den Förstern verdarb, da konnte man ja reineweg verzweifeln! Die Gräser- und Leseholzzeichen ließen sie einem ja vielleicht noch, wenn sie auch die marterlichsten Platzlan dafür anwiesen, die Zerrarschlehne zum Beispiel, die den Namen nicht zum Spaß hatte. Aber nicht mehr als Treiber auf die Jagd mitdürfen, oder als Essenträger auf die Bauden – das war gar sehr zu spüren! Von dem Trinkgeld, das so ein Jagdkavalier für einen guten Hirsch gab, war viel zu schaffen. Und wenn sie gar einen Holzmacher nicht mehr in den Wald ließen? Was tat der Mann zu Hause, auf den paar Metern Grund ums Haus? Nein, gegen die Herrschaft kam keiner auf. Denn die Oberförster, die Förster und Waldaufseher hielten zusammen wie Pech und Schwefel, sie waren fast alle untereinander verwandt, das Domkapitel nahm sein Personal, höheres und niederes, seit Menschengedenken aus den alten Försterfamilien, die vielfach versippt und verschwägert waren. Der alte Schubert hatte in Dürrseifen den Vetter Pohl als Amtsbruder sitzen, in Einsiedel den Schwager Hauke, und ein Großneffe Schubert war eben nach Gabel ernannt worden – ja, ja, wenn da ein armer Teufel Holzmacher in einem Revier verspielt hatte, das galt für die ganze Herrschaft, der Edeward hatte es am eigenen Leibe erfahren!

Für die Frau war es die reine Gnade, daß sie noch in die Kultur durfte, und wenn dann der Förster auf ihren geflickten Kittel wies und meinte, da seien schon mehr Flicken als Stoff daran, das wäre schon das rechte Gewand für einen Fosnichnarren, ja, und wenn die Edewardin zurückgab, sie habe eben nichts Besseres, und der Förster nochmals drauftrumpfte, in der Stadt drin, beim Fietzfärber, gebe es Kittel genug, die kosteten auch nicht mehr als ein paar Fegala Schnaps jeder – dann hieß es wieder schweigen und die wütigen Tränen hinunterwürgen. Die Arbeit durfte man beileibe nicht hinschmeißen, denn ohne Kultur gab es kein Gräserzeichen und ohne das keine Kuh im Stall und ohne Kuh – Och! Jechich, jechich doch! Wie sollte man dann die vielen Mäuler füttern!

Die andern Weiber lachten natürlich, aus lauter Augendienerei gegen den Förster. Aber hinterdrein hatten sie alle ein gutes Wort für die Edewardin, und die eine oder die andre kam wohl auch nach Feierabend vorbei und brachte ein Bröckla Butter oder Schmalz oder ein Töpfla Mehl. Sie wußten ja alle, woran es lag, daß die Obrigkeiten gar so sehr auf der Edewardin herumhackten und sogar der Pfarrer mit dem geistlichen Zuspruch zurückhielt: Der Edeward hatte sich ja zuviel Feindschaft gemacht! Von klein auf hatte ihm schon der Kopf keine Ruhe gelassen, er war wohl mit dem Vater, dem alten Michelnaz, bald nach der Schule in den Wald gegangen und hätte Holzmacher werden sollen. Aber da hatte doch – der Teufel, muß man schon sagen – die Fabrikanten ins Dorf geführt, zwei unbändig reiche Leute, die ordentlich klimperten vor Geld und lauter Geld und von der Herrschaft die Wasserkraft ganz oben im Dorfe kauften – für eine Sägemühle, sagten sie zuerst, aber dann wurde es eine Zeugschmiede; und wie sie Arbeiter suchten, da lief ihnen als erster der Edeward zu, und sie hatten ihren Spaß mit dem Jüngla und baten ihn beim Michelnaz frei. Damals hätte der Edeward mit keinem Kaiser und keinem König getauscht und war herumgegangen wie auf Wolken. Er durfte den Bau mitmachen und hatte alle Aussicht, doch noch Maschinist zu werden: mit Lehre und Gesellenzeit wurde es nicht so genau genommen, es gab ja bei weitem nicht genug Arbeiter für die vielen Fabriken, die überall gebaut wurden. Der Edeward lachte die Holzmacher aus, weil er fast doppelt so viel verdiente und dazu noch seinen regelmäßigen Feierabend hatte. Richtig fette Jahre – sie dauerten nur nicht lange.

Zuerst einmal zerkriegten sich die Fabrikanten mit dem Pfarrer – er nahm es ihnen übel, daß sie sich nie in der Kirche zeigten; und dabei kam es heraus, daß der eine lutherisch war und der andre gar Altkatholik, beide keine rechten Christen: da blieben die Arbeiter weg. Der Oberförster erklärte plötzlich, wer statt zum Holzmachen lieber m die Fabrik laufe, der solle auch zusehen, wo er Leseholz, Gras und Streu, Beeren und Pilze herkriege – im Herrschaftlichen habe so einer nichts mehr zu suchen. Wer hätte da noch in die Zeugschmiede gehen mögen?

Der Edeward natürlich blieb, der hatte ja sein Herz daran gehängt – aber aufhalten konnte er das Ende nicht. Nachdem sie noch eine Weile mit fremden Arbeitern herumgewürgt hatten, erklärten die Fabrikherren, sie wollten nicht mehr weitermachen, es zahle sich nicht mehr aus. Aber der Edeward könne gerne mit ihnen in die Ebene hinausziehen, wo sie noch einen andern Betrieb hatten.

Der Edeward war bald verzweifelt, daß es mit der Fabrik aus sein sollte – aber vom Oberdorfe weggehen, das Häusla aufgeben, das er nach des Vaters Tode eben erst übernommen hatte? Und ins Flachland hinunter, wo die Rübenfelder bretterglatt nebeneinanderlagen, mit kaum einem seichten Hügel oder mageren Büschla dazwischen und ganz und gar ohne rauschendes Wasser? Nein, das ging nicht. Weit weg – darüber hätte sich vielleicht reden lassen, nach Amerika am besten, es waren ja zweite Söhne genug ausgewandert, manche schrieben sogar und schickten gelegentlich einen Dollar. Wie nun die Fabrikherren seine Arbeit gar so lobten und ein paarmal sagten, solche Leute könnten sie immer brauchen, da nahm er sich ein Herz und fragte geradezu, ob sie ihm nicht das Reisegeld nach Amerika vorstrecken wollten, er würde es drüben abarbeiten und ganz gewiß pünktlich herüberschicken.

Da hatten die Herren nur gelacht, wie über ein Spaßetla, und ihm auf die Schulter geklopft: »Ja, also, Zwiener, wenn Sie nicht mitwollen, dann müssen Sie's bleiben lassen, zwingen können wir Sie nicht! Viel Glück!« Und waren gegangen. Zwiener, muß man wissen, war der geschriebene Name, so hieß der Edeward in den Papieren; aber seinen Großvater hatten sie Kaspernaz gerufen, den Vater Michelnaz, und er war der Zeugschmiededeward geworden. Aber das galt ja für die Herren nicht, sie hielten sich an das Schriftliche, und das klang dann gleich nach Amt und Würden, nach Kirchenbuch, Gericht und Militär, auf »Zwiener« konnte man nur dastehen und das Maul halten, ine ja.

Als aber die Herren zum Dorfe draußen waren, da packte es den Edeward zum ersten Male, er soff ganz fürchterlich und schimpfte danach und randalierte; daß alle, die es gehört hatten, sich vor und nach dem Weitererzählen bekreuzigten und die gefalteten Zeigefinger an die Lippen drückten. Denn was der Mann gegen die Herrschaft vorbrachte, gegen den Herrn Pfarrer, den Herrn Oberförster und die ganze Obrigkeit, das war ja wirklich nicht mehr schön, jechich, jechich doch aa – Lumpen hieß er sie, Betrüger und Leutbescheißer, die erst für gutes Geld das Wasserrecht verkauften und dann den Betrieb lahmlegten, damit sie selber weiter ihre Hungerlöhne zahlen könnten. Es war ein Wunder, daß ihn nicht vom Fleck weg der Blitz getroffen hatte. Schließlich warf ihn wenigstens der Frankewirt vor die Tür.

Wie der Edeward danach seinen Rausch ausgeschlafen hatte – ein wenig wird ihn ja schon dazumal die Frau eingesungen haben – und die heilige Kümmernus zu allen Fenstern hereinschauen sah, da machte er sich auf und ging zum Hannichförster: ob er nicht wieder als Holzmacher unterkommen könnte. Aber der zuckte die Achseln und ließ ihn stehen. Danach ging er zum Oberförster, aber der brummte nur und winkte mit der Hand ab. Als der Edeward ein zweites Mal kam und dringlicher bat – ja, vielleicht war er wirklich nicht bescheiden genug, vielleicht hatte er sich mit einem Schluck Mut getrunken und roch nun nach Schnaps, das geht ja schnell – da wurde der Oberförster, der alte Schubert, sacksiedegrob. Er hat den Mann »a so ferchterlich o'gegorgelt«, wie es auch die älteren Leute nie von ihm gehört hatten, und die hatten doch was erlebt! Ine, du meine Güte! Die Nosenres und die Lader Anna, die beim Oberförster im Dienste waren, die haben sich gleich verkrochen vor Angst, die Nosenres ins Backhäusla und hat sich halbtot gerazt – sie war ein gutherziges Geschöpfla, die Res, wenn man's ihr auch nicht ansah, langgragelig und dürr, daß sie ordentlich klapperte beim Gehen, dazu kurzsichtig wie eine Eule, so recht der heiligen Kümmernus ihr liebstes Kind. Aber sogar die Frau Oberförster, von der es hieß, daß sich der Teufel weit eher vor ihr fürchtete als umgekehrt, sogar die kam auf Fußspitzen vom Garten herein und schlich nur so über den Flur in die Küche.

Der Edeward schwieg nicht – das war sein Unglück. Wenn man nämlich den Oberförster richtig brüllen ließ, war er schnell wieder gut und danach ein ganz gemütlicher Mann. Es durfte nur keiner ein Unrecht bestreiten wollen, oder was der Oberförster dafür hielt, sonst war's gefehlt, da sprang der Alte aus den Hosen und aus dem Hemde noch dazu und kannte sich nicht mehr vor Zorn.

Wie also der Edeward gar nicht das Maul halten wollte, da schraubte der Alte ganz wütig den porzellanenen Pfeifenkopf ab – ein Hirsch war drauf gemalt und eine Schießscheibe über zwei gekreuzten Stutzen – und wollte mit dem langen Rohr dem Edeward wohl ein paar überziehen: er kam aber nicht dazu, der Edeward riß es ihm aus der Hand, brach es über dem Knie in Stücke, schmiß die auf den Boden und den Pfeifenkopf vom Tisch gleich hinterdrein.

Na, das hätte er sich ja besser überlegen sollen! Im nächsten Augenblick hatte ihn der Alte beim Kragen und schmiß ihn gegen die Türe, daß gleich das Schloß wegsprang, schleppte ihn durch den Flur, stieß mit dem Fuß die Haustüre auf und feuerte den armen Kerle über die Vortreppen in den Garten hinaus, daß man's knirscheln hörte. Und wie er danach schnell umdrehte und im Vorhause nach dem Gehstecken suchte, da kriegte es der Edeward mit der Angst und machte sich davon.

Die Neuigkeit sprang im Dorfe hinauf wie Flugfeuer, in mehr als einem Häusla bekreuzigten sich die Muttern und murmelten: »Gott verzeih mir alle Sünden – er treibt's wirklich gor zu arg, der Edeward!« Und danach, wenn es irgendwo Mißverständnis gab oder Verdruß mit den Förstern, und einer der Männer wollte aufbegehren – heimlich zuerst, das versteht sich – da brauchte die Frau ihm nur das Beispiel vom Edeward richtig vor Augen zu stellen, und die Aufsässigkeit verging ihm bald.

Denn der Edeward bekam es gar grimmig zu spüren, daß er bei der Herrschaft verspielt hatte, er durfte nicht mehr in den Wald. Die Frau ließen sie, weil sie gar so gejammert hatte, ein wenig Holz klauben und Gras machen. Der Mann aber mußte sich mit lauter Gelegenheitsarbeit forthelfen, einmal auf der Sägemühle, wenn der Brettschneider alleine nicht mehr fertig wurde, oder als Aushilfe im Mittel- und Unterdorfe, wo die größeren Bauern saßen; dann machte er noch die Botengänge in die Stadt, jeden Donnerstag zog er frühmorgens mit dem Handwagerla die fünfzehn Kilometer hinunter und kam abends wieder herauf; manchmal hatte er bis zu fünf Zentnern aufgelegt, da hieß es böse ziehen; er schonte sich nicht, der Edeward. Aber weiterbringen konnte er es damit auch nicht, es waren doch nur ein paar marterliche Kreuzerlan, die er verdiente. Und, ja, das muß noch gesagt sein: es begriff eigentlich keiner, wie er davon immer noch einen trinken konnte, wo es doch für Frau und Kinder kaum zum Sattwerden reichte.

Denn es ist ja so: wenn einer einmal im Elend ist, dann ist er nicht mehr sein eigener Herr, dann kann jeder erstbeste dreinreden und fragen und raten und noch Dank dafür erwarten, weil ja das Anteilnehmen auch ein Wohltun ist, wenn schon ein recht billiges. Aber davon wollte der Edeward bestimmt nichts wissen, von Dank etwa, er wurde ganz wütig und hat mehr als einem böse heimgeleuchtet.

Sowie er ein Fegala oder zwei im Leibe hatte, da fuhr der Geist aus ihm wie 's Element, und er gab's den Leuten knüppeldick. Es ist ja wohl in jedem Dorfe das und jenes nicht ganz in der Gleiche, so manches Häusla hat seine Heimlichkeit, und die Nachbarn wissen davon und hängen es doch nicht an die große Glocke – wo sollte man sonst denn hinkommen? Wie der Handwerksbursche gesagt hat: »Man möcht' keine Unordnung im Hause machen«, und hat den Haufen vor die Tür gesetzt. Der Edeward aber wußte auf jeden was, er war mit der Gusche vorneweg, man hätte meinen können, er wäre als Richter bestellt.

Mit dem Plischke Adolf kriegte er es, den sie den Schnoderplischke hießen, weil er soviel mit der Prozession ging und dabei immer halblaut die Gebete schnatterte. Der war dem Edeward zu fromm, er hieß ihn einen faulen Sack, der die Frömmigkeit nur zum Vorwand nahm, um sich von der Arbeit zu drücken.

Dann kam der und jener daran, schließlich gar der Bürgermeister, der Nitsche Cornelius, Lippes nannten sie ihn. Och, grundgütiger Himmelvater, hilf du uns bloß den Mund halten, daß nicht ein Wörtla zuviel gesagt wird! Mit dem Lippes – mit dem Bürgermeister war ja nicht alles zum Schönsten, es heißt nicht umsonst:

»Erlenes Laub und rote Loden
Wachsen selten auf gutem Boden!«

Und rothaarig war er ja, der Lippes, daß man hätte Feuer blasen mögen, wenn er bloßköpfig über die Straße ging. Ja, ja, der Lippes – aber er war halt doch der Bürgermeister, eine Gewaltsperson, solche armselige Schnapper wie den Edeward steckte sich der gleich zehne in die Tasche oder sonstwohin. Schließlich flog eben mein Edeward wieder auf die Straße, und daheim in der Kammer hatte das Pleiderholz das letzte Wörtla.

Aber der versuchte Kerle gab doch keinen Frieden, nicht genug, daß er von Federn auf Stroh gekommen war und sich so viel Feindschaft gemacht hatte. Es war rein, wie wenn ihn der Teufel triebe: sobald er Schnaps im Leibe hatte, da lärmte er und stänkerte, bis ein neues Unglück fertig war. Sogar der Pfarrer hatte von der Kanzel darauf angespielt, indem er Wehe gerufen hatte über die Trotzigen, die sich der gesetzten Obrigkeit nicht unterwerfen wollen und wider den Stachel löcken. Daraufhin verbot der Adeltwirt im Mitteldorfe dem Edeward sein Haus. Der Grund lag nahe, der Pfarrer kam mit dem Oberförster und dem Hauptlehrer öfters zum Tarocken hin, da mußte vorgebeugt werden. Auch war der alte Adelt – Aabier nannten sie ihn, weil er in seiner langsamen Art jeden neuen Gast fragte, ob er »aa a Bier«, auch ein Bier, wolle – schon ziemlich bei Jahren, er hätte den Edeward wohl nicht mehr hinauswerfen können und wollte es nicht darauf ankommen lassen.

Der Frankewirt im Oberdorf ging nicht so weit, er verwarnte den Edeward nur, ließ sich, nach seiner Art, jedes Fegala im voraus bezahlen und griff unbarmherzig zu, wenn der Edeward die Zunge tänzeln lassen wollte.

Aber einmal war er eben doch nicht schnell genug, es war aber auch das letzte Mal, daß der Edeward in einem Wirtshause Streit bekam.

Das war an einem Winterabend, der Frankewirt saß mit dem Grögerschuster und dem Jachimseffes beim Tarocken. Der Edeward kam aus der Stadt zurück, so um die sechste Stunde, setzte sich an die andre Ofenkante und trank sein Fegala. Es wußte später niemand zu sagen, wie es so schnell hatte mit ihm gehen können, ein Fegala machte ihm sonst wirklich nichts aus. Damals aber packte es ihn wie die fallende Sucht, er plärrte wie ein Feuerkalb, das ging nur immer mit »varpluchtem Oos« und »Luderstücke« und »Krett« und »Rauden« – einen nach dem andern nahm er sich vor, Förster, Oberförster, den Lippes natürlich und schließlich gar den Pfarrer, den wollte er nur bei den Frackschößlan erwischen, die andern aber nach der Klafter hauen, daß das Leder krachte, der Lippes sollte gar Buttermilch seechen, das war viel verlangt.

Der Frankewirt wollte ihn gerade verwarnen, da wurde der Edeward ganz wütig, schlug das Glas in den Tisch, daß gleich der Fuß wegsprang, und wie der Wirt halb aufstand, um ihn zu packen, schlug er noch einmal und noch einmal in die Scherben hinein, daß ihm das Blut nur so von der Faust heruntertropfte.

Jetzt wollte der Wirt Ernst machen, aber der Jachimseffes kam ihm zuvor, faßte an ihm vorbei den Edeward an der Schulter und sagte ganz langsam: »Schon dir deine rechte Hand, Mann, du wirst sie nimmer lange haben!«

Da war es auf einmal so mucksmäuslastill in der Stube, daß man die eine Winterfliege an der Decke brummen hörte. Der Grögerschuster erzählte später, er hätte keinen Tropfen Blut gegeben, wenn man ihn angestochen hätte, so sehr hatte sich ihm das Innere verstockt vor lauter Grausen. Dem Wirt selber war auch nicht ganz wohl, und der Edeward gar, der sah aus wie verwärmter Quark: jetzt hatte die Dreckschleuder mit einmal den Schwung verloren, er brachte kein Sterbenswörtla heraus, wickelte sich das Sacktüchla um die blutige Hand und machte sich schön state zur Türe hinaus.

Der Jachimseffes saß schon wieder an seinem Platz und fragte: »Wer sagt an?«, als hätte es gar nichts gegeben. Der Grögerschuster schielte ihn von der Seite an, zu reden traute er sich nicht, er saß nur so einbackig auf der äußersten Kante, als wollte er jeden Augenblick davonstürzen.

Der Frankewirt wollte sich wohl nichts merken lassen, er sagte mit seiner gewöhnlichen Stimme: »Ein Spiel in Herz, wer mitgeht, ist hin!« Aber dann legte er doch die Karten nieder, beugte sich ein wenig vor und fragte angelegentlich: »Etz sag einmal, was war denn das?«

Der Jachimseffes schwieg eine Weile, blätterte in den Karten und zündete sich zum zwanzigsten Male die Zigarre an – das war seine Eigenheit, der Wirt legte ihm schon immer eine Handvoll Schwefelhölzlan zurecht – dann meinte er: »Ich weiß selber nie – 's is mir aso rausgefahren – ich mußt es eben sagen!«

Der Wirt und der Schuster blinkten einander bedächtig zu, sie wußten schon Bescheid. Der Jachimseffes – Friede Josef schrieb er sich, aber sie nannten ihn nach des Vaters Vornamen, Joachim – der Jachimseffes war kein gewöhnlicher Mensch, der hatte geheime Gaben: ein Heiler war er, das hatte der und jener schon am eigenen Leibe erfahren, konnte wohl auch besprechen, wenn er das Wundholz auf eine schwärige Stelle auflegte, da konnte man ordentlich fühlen, wie es den Gift herauszog. Aus dem Wasser aber, da konnte er überhaupt die ganze Krankheit erkennen, er war ja in der Militärzeit Bursche bei einem Regimentsarzt gewesen, einem großen Flaschladoktor, in den drei Jahren hatte er die Kunst richtig ausgelernt.

Und überdies war er hellsichtig, es konnte nicht anders sein, er sah manchmal Leute mit einem ganz leeren Blick an und sagte ihnen Dinge auf den Kopf zu –.

Wenn der Seffes hätte sagen wollen, was er alles wußte! Wollen – darauf kam es an! So und so oft wollte er nicht, dann schwieg er nur, winkte ab, und wenn man weiter in ihn drang, wurde er grob: »Laßt mich zu Ruhe – wenn ich nischt sah, kon ich aa nischt sähn, kee Leitbetrieger bin ich nie!« Und es war ihm einerlei, ob sie ihm glaubten oder nicht, er machte gar nichts davon her.

Nun aber hatte er gesprochen, und keiner von den Hörern, wohl nicht einmal der Edeward, zweifelte daran, daß es damit eine besondere Bewandtnis haben würde.

Mit dem Spielen war es danach nichts Rechtes mehr, dem Grögerschuster überhaupt war alle Lust vergangen, er winkte sogar ab, als der Wirt noch eine Lage ausgeben wollte: da konnte jeder sehen, wie nahe es ihm gegangen war. Wie aber auch der Jachimseffes das Geldbörsla herauszog und die paar Kreuzer für ein Bier zurechtlegte, da beharrte der Wirt nicht länger, er war es ja schließlich gewohnt, daß unter der Woche das Geschäft nur schwach ging. Während die beiden Gäste ihre Pudelmützen zurechtsetzten, die dicken Halstücher knoteten und die Fäustlinge anzogen, räumte er die Biergläser samt den Untersatzlan fort, grunzte ein wenig für sich, als er an die Scherben, die Schnaps- und Blutflecken kam, die der Edeward hinterlassen hatte, wischte die ganze Bescherung in den Kohleneimer und wartete schließlich, die Hand zur Hängelampe erhoben, bis die Gäste zur Türe hinaus waren. Dann schraubte er den Flachbrenner so weit herunter, daß er eben noch schwachen Schein gab, ohne zu blaken, reckte sich gewaltig, schob das Samtkappla zurecht und wackelte in die Küche hinüber, wo er auf der Ofenbank seinen Platz hatte.

Der Grögerschuster stapfte unterdessen hinter dem Jachimseffes durch den Schnee, immer noch ängstlich, auch ihm, och nee, auch ihm könnte so Grausiges vorhergesagt werden. »Och du gekreuzigtes Jesesla, wos hoste fier kalde Fießlan!« jammerte er im Gehen in sich hinein und war vor lauter Selbsterbarmung schier am Weinen. Als sie bei der Abzweigung ankamen, wo es zum Grögerhäusla hinaufging, das etwas oberhalb der Straße lag, da bog der Schuster mit einem eiligen »Guden Obed, Seffes!« ab und stiefelte bergauf, daß es nur so pfiff.

Der Seffes tat nichts dergleichen und ging seinen Weg weiter, über den Zehnten Graben hinaus. Von den Häuslan längs der Straße zeigten die wenigsten erhellte Stubenfenster, um die Abendzeit waren die Leute fast alle im Stall, beim Verrichten, wie sie das Füttern, Misten und Melken nannten. Nur beim Franke Rudolf war Licht, beim Neugebauer und beim Müller am Steinernen Kreuz, dort saßen die Weiberleute wohl über eiliger Heimarbeit, Handschuhen wahrscheinlich.

Der Seffes hatte nicht umsonst sein Stück Welt gesehen, beim Militär war er bis in Südtirol unten gewesen und danach in Dalmatien, da hatte er wohl was innewerden können. Das war eine andre Bauerei dort unten in der vielen Sonne, mit einem dicken Gras, in das man gleich selber hätte hineinbeißen mögen, und Obst dazu und Wein! Hier oben war es richtig marterlich dagegen, mit den kleinen Bauernflecklan zwischen dem vielen Wald, rauh und hart alles, und immer knapp zu essen, und immer wieder, da und dort, die Lungenschwindsucht; kein Wunder bei dem Rumgerenne in den Bergen, nach jedem Grashalmla, und bei der Heimarbeit, Tage und Tage an der Maschine; wenn die Weiberleute wollten zehn Kreuzer verdienen, mußten sie die Nacht dazunehmen: ein halbes Dutzend Handschuhe mit drei Knöpfen, sechsunddreißig Knopflöcher also und sechsunddreißig Knöpfe, brachte einen Kreuzer! Und hätte der Fabrikant die Hälfte geboten, so hätten sie's wohl auch noch angenommen, die paar Kreuzer mußten eben verdient sein, da durfte die Arbeit nicht angesehen werden.

Der Seffes spuckte böse in den Schnee, es war ein rechtes Jammertal, zu grausam hart für einen Christenmenschen, man hätte gar nicht wiederkommen dürfen. Aber gleich darauf blieb er stehen und witterte in die Abendluft, die nach Holzrauch von den Häuslan roch, nach Fichten und Moos vom Wald herüber, sah die Urlichkoppe leuchten im Sternenlicht und erinnerte sich, wie er sich nach dem allen immer nur gesehnt und gesehnt hatte in der Fremde, an einem Abend am Meer hatte er doch, ganz für sich, geheult vor Heimweh, das hätte keiner wissen dürfen.

Da war gleich wieder der alte Oberdörfler Stolz da, jawohl, wenn das Leben noch so hart war, so waren eben die Oberdörfler auch die Kerle, es doch zu zwingen, schließlich ging es immer, so oder so.

Er selber, das hielt er sich gleich vor, hatte überhaupt nicht viel zu klagen, er war gelernter Zimmermann und verdiente seinen Lohn nicht gar so hart wie die armen Teufel Holzmacher und Holzrücker. Und auch die kleine Landwirtschaft lief nur so nebenbei, wenn in einem Jahr das Korn oder die Kartoffeln nicht gerieten, dann war deswegen noch nicht gleich dem Hunger die Türe aufgetan. Nein, er hatte nicht zu klagen.

Halb unbewußt winkte der Seffes zu den geduckten Häuslan hin, als wollte er ihnen von neuem die Treue geloben.

Als er das Gatter zu seinem Vorgartla aufklinkte, wurde die Haustüre aufgetan, seine Frau nickte ihm kurz zu und verschwand gleich wieder im dämmrigen Hintergrund des Flurs. Sie war immer ein wenig verschüchtert, weil sie keine Einheimische war, er hatte sie vom Militär mit heimgebracht: sie hätten beim selben Regiment gedient, meinte er, wenn er lustig war. Denn sie war Köchin bei seinem Regimentsarzt gewesen; aus Istrien gebürtig, vom Karst, auch steile Berge das, aber kein Wald und wenig Wasser, eine rechte Schinderei, die Frau konnte wohl mitreden, was Arbeit hieß. Darin sagte ihr auch niemand was nach, nur daß sie eben fremd war, eine harte Sprache redete und anders aussah, die Haare, straff und glänzend schwarz, anders trug und blitzweiße Zähne hatte, den ganzen Mund voll, das war ja nun im Oberdorfe äußerst selten! Anka hieß sie, auch kein richtiger Name.

Aber dem Seffes war sie ein treues und gutes Weib, still und dienstbereit, er wünschte sich keine Bessere. An ihrem Kopfnicken hatte er schon bemerkt, daß Leute auf ihn warteten, und wirklich sah er beim Eintreten in die dunkle Stube zwei Frauen, gegen das hellere Fenster eben noch zu erkennen, auf der Eckbank sitzen. Als Anka mit der Lampe kam, zeigte es sich, daß es die alte Binderin war, deren Enkala so wütiges Darmreißen hatte, und die Seidel Marie mit einem bösen Finger.

Seffes hörte die wortreiche Erzählung der Alten an und meinte schließlich: »Ich wüßt nie, was es sein könnt – versprechen kann ich gar nischt! Versuch's halt heute mit ein paar Tröpflan Arnikageist in die Milch, und einem warmen Umschlag von Leinsamen über den Leib. Wenn's ein unschuldiges Leiden ist, dann wird's wohl davon vergehen! Aber wenn es nicht hilft, dann laß mich's wissen, dann muß es wohl weiter fehlen! Und bring das Morgenwasser mit!«

Während die Binderin sich mit vielen Danksagungen zur Türe schob, wandte er sich dem Mädel zu, das in unverkennbarer Angst dasaß: »Ine, Madle, wo fehlt's denn? Tust ja gar so putzich!«

Die Seidel Marie hob ihm den linken Mittelfinger entgegen, dick geschwollen und verfärbt. Er warf nur einen Blick darauf und nahm aus einem Almerla neben der Kammertüre ein Bündel, das er langsam entfaltete. »Och Jeses, fette Dinger!« schrie das Mädel auf, als sie gedörrte Kreuzotterfelle erkannte. Aber der Seffes blieb ungerührt. »Die tun doch nischt meh, was willste denn?« meinte er, griff ein schwarzrotes Fell mit dickem Kreuz heraus und schnitt einen tüchtigen Lappen weg. Die Marie sah noch, daß er die auswärtige Seite, die mit der Zeichnung, auf den Finger auflegte. Dann mußte sie die Augen abwenden, weil ihr gar zu sehr graute. Als sie wieder hersah, war ein Leinenfleckla drüber gebunden, und das Ziehen und Hämmern im Finger war wie weggeblasen. »Was bin ich denn schuldig?« fragte sie, aber der Seffes winkte ab: »Bet a paar Vaterunser für die armen Seelen, das is genug!« Damit schob er sie zur Türe hinaus, und sie hielt im Gehen den Finger von sich gestreckt, als gehörte er gar nicht zu ihr.

Seffes wartete unter der Haustüre, bis sie das Vorgartengatter zugeklinkt hatte, und wollte dann ins Haus zurück. Da schob sich aus der Altane eine Gestalt neben ihn, so unvermittelt, daß er fast zugeschlagen hätte im ersten Schreck.

Es war aber die Zeugschmiededewardin, die demütig um Entschuldigung bat wegen der Störung, ine Jeses, ine ja, sie wollte doch nur inständig bitten, ob der Seffes ihr nicht sagen könnte, was denn nun auf ihren Mann wartete. Der Seffes hielt sich nicht damit auf, zu fragen, woher sie das wußte. Daß der Edeward ihr nichts erzählt hatte, stand ja bombenfest – aber die Edewardin wußte eben immer alles, auch wenn sie gar nicht aus dem Hause gewesen war. Manche Leute meinten, sie träumte von den Dingen, die tagsüber geschahen. Diesmal nun hatte sie zum Schlafen zwar auch noch keine Zeit gehabt, aber sie wußte es eben.

Den Seffes erbarmte die Frau von Herzensgrund, aber er konnte ihr die Auskunft nicht geben, es war ihm ganz entrückt, warum er dem Edeward den Satz gesagt hatte. »Ich weß nie!« wiederholte er immer wieder.

Die Edewardin weinte erst, das ging schnell bei ihr, dann kam sie über ein paar Klagelaute ins Erzählen, sie werde nicht mehr klug aus ihrem Mann, die vielen Stadtgänge und das lange Ausbleiben paßten ihr gar nicht; wäre die Not nicht gar so bitter, dann wollte sie gewiß keinen Kreuzer von dem Gelde anrühren, das er nun immer mitbrachte. »Es is kee ehrliches Geld, es brennt mich orndlich ei dr Hand!« schloß sie und weinte wieder.

Der Seffes zuckte gequält die Schultern, nun tat es ihm tausendmal leid, daß er überhaupt ausgesprochen, was sich ihm in einem Augenblick aufgedrängt hatte. Er zitterte vor der eigenen Gabe, die mitunter so viel Jammer stiften und doch keinen Weg zur Rettung oder Hilfe zeigen konnte. Aber nun war es ja geschehen. Vielleicht ließ es sich der Mann zur Warnung dienen, dann war ja doch ein Gutes dabei. So tröstete er die Edewardin, indem er ein Mal ums andre versicherte, er habe es so hingesagt, er wisse selbst nicht, wie und warum. »Es werd schont nischt sein!« sagte er und wollte es glauben. Die Edewardin aber glaubte an den ersten Spruch und ließ nicht locker. So mußte er sie ungetröstet ziehen lassen.

Als er sich nach dem Schließen der Türe ins Haus zurückwandte, stand seine Frau vor ihm. Unter ihren fragenden Blicken erzählte er in wenig Worten, um was es ging, und meinte ärgerlich, er gäbe viel dafür, wenn derlei nie wieder vorkäme.

»Och!« wehrte die Frau milde ab, »sag das nicht! Du weißt, es ist stärker als du!«

 

Wenn die Leute in den Dörfern von »der Stadt« sprachen, dann war immer die eine gemeint, auf die der Flußlauf, die Häuserzeile und die Straße hinzielten, mit Bezirksamt, Gericht und Krankenhaus, ach ja, aber auch mit den großen Geschäften, gegen die der Seifertkaufmann nur ein armer Schnapper war, und mit den Jahrmärkten und sonst noch einigem.

Da war also in der Stadt, gerade an der Ecke, wo die Bergstraße über die Stadtfreiheit auf den Markt hereinkam, das Gasthaus zur Traube, mit Posthalterei. Eine ganz wunderbare Lage – an der einen Seite stieß das Postgebäude an, an der andern das Bezirksgericht, schräg gegenüber wohnte der Notar, Dr. Schilder, und noch einmal zwei Häuser weiter war das Bezirksamt. Da wäre es ja gegen die Natur gewesen, wenn einer, der von den Dörfern hereinmarschiert war, nicht vor seiner amtlichen Verrichtung, oder nachher, einen kleinen Aufguß versucht hätte, am liebsten natürlich vor- und nachher, wenn die paar Kreuzer reichten.

Und der Wirt, der Herr Posthalter, war ja ein großartiger Mann und so ungeheuer gescheit, daß die Leute weit und breit von ihm sagten: »Der Nitschalex? Kee fetter kimmt nimmeh!« Das war blanke Hochachtung, es hätte auch niemand daran gedacht, ihn anders als bei seinem Namen, Nitsche Alexander, zu nennen; ein Spitzname verbot sich von selbst bei einer solchen Respektsperson. Unter der Hand hieß es ja, er leihe gelegentlich Geld aus und sei dann mit den Zinsen und der Eintreibung nicht immer gemütlich. Aber, merkwürdig genug, schadete das seinem Ansehen durchaus nicht. Die Leute, die er für kreditfähig befand, fühlten sich geehrt und ausgezeichnet, auch wenn sie nachher beim Zinsenzahlen quietschen mußten wie unter Daumschrauben.

An der Posthalterei ging ein großes Fuhrgeschäft nach allen Richtungen, ins Flachland hinunter, gegen Zuckmantel, über den Roten Berg ins Mährische und über die Gabel. Da kam es oft vor, daß die Pataschäre – so hießen die Fahrgäste – nur hingefahren sein wollten und die »Gelegenheit«, die Kalesche, leer zurückschickten. Dann hielten es die Kutscher für ihr gutes Recht, auf dem Rückweg Fahrgäste für ein Trinkgeld mitzunehmen. Das waren die »Blinden«, die dem Posthalter durchaus verhaßt waren. Preisermäßigung bei der vollbezahlten Fuhre mochte hingehen, aber das Geld sollte abgeliefert werden!

Das gab also einen Kampf zwischen dem Herrn und seinen Kutschern, bei dem lange Jahre hindurch die Kutscher regelmäßig unterlagen. Wenn einer sich von langer Fahrt zurückmeldete, dann sagte ihm gelegentlich der Wirt auf den Kopf zu: »Du host an Blinden heemgebrocht, säh's och!« Und immer mußte es der Kutscher, wenn auch nach einigem Hin und Her, schließlich eingestehen, mußte das Trinkgeld herausrücken und sich außerdem noch den Generalmarsch blasen lassen.

Dann hörte man eine Weile nichts mehr davon, und der Wirt glaubte wirklich, er hätte den Unfug abgestellt. Es war aber anders: ein neuer Kutscher war ihm hinter das Rezept gekommen. Wenn die Kutscher nämlich in den Hof gefahren waren, spannten sie zuerst aus, führten die Pferde in den Stall und versorgten sie. Nitschalex hatte seinen Platz in der Stube immer so, daß er durchs eine Fenster auf die Gasse und durchs andre in den Hof hinaussehen konnte. Und sowie ein heimgekehrter Kutscher mit den Pferden im Stall verschwunden war, da wischte doch mein Alex in den Hof hinaus und griff die Wagenkissen ab: wenn sie warm waren, wußte er es ja, daß ein Pataschär mitgekommen war, und konnte es dem Kutscher leicht auf den Kopf zusagen.

Aber der Neue, schon wirklich ein ausstudierter Lump, ließ sich gar nichts anmerken und drehte nur jedesmal vor dem Heimkommen die Sitzkissen um: da war der Wirt doch der Angeführte und kam lange nicht dahinter, bis es ihm schließlich ein zweiter Kutscher aus Liebedienerei verriet. So sind ja die Leute.

So war das mit dem Posthalter – er verstand es aber nicht nur mit den einfachen Leuten so gut, sondern mit den feinen Herrschaften geradeso, die Herren vom Gericht und vom Bezirksamt, dann die Notare und Anwälte, die Ärzte und Apotheker hatten alle ihren Stammtisch in der Traube, sogar der Herr Stadtpfarrer ging nur dahin, wenn er sich einmal unter den Leuten zeigte.

Und dieser vornehme Stammtisch war Nitschalexens ganzer Stolz, er ließ es sich was kosten, es den Herren gemütlich zu machen. Der Platz rings um den großen Rundtisch war durch schöne Holzverkleidung gegen den Ofen abgeschirmt; darin eingelassen waren die Bilder besonders ausgezeichneter Mitglieder; weil aber viele der Herren hirschgerechte Jäger waren und vor allem der Nitschalex selber eine stille Leidenschaft dafür hatte – ohne sie allerdings je auszuüben – so hing die ganze Wand über der Vertäfelung bis hinauf zur Decke voll mit Geweihen und Rehkronen, und die Beleuchtungskörper trug ein Lusterweibchen, das aber nur bis zu der vollen Brust weiblich war und gleich darunter in lauter zackige Geweihstangen auseinanderlief. Allerwärts in dem Gewirr saßen die neumodischen Lamplan, die kein Füllen und Putzen brauchten – der Nitschalex hatte einen Gast verloren deswegen. Denn als das neue Licht eben eingerichtet war, da hatte doch der Kappbauer aus dem Philippsdorfe dem Wirt »a paar fette Lamplan« abkaufen und gleich mitnehmen wollen, und auf die Gegenfrage, was er denn damit wollte, brennen würden sie ja doch nicht bei ihm, war er unvermittelt böse geworden, der talkiche Bär, der ungeschliffene, und hatte gemeint, das wäre ja noch schöner, daß die Lamplan nur im Wirtshaus brennen sollten und in keen Bauernhause nie! Und kehrte seither beim Stern auf der Freiheit ein.

Und eben dort ließ auch der eine der beiden Apotheker seit einiger Zeit sein Bier holen, weil auch er sich über etwas beleidigt fühlte. Der Oberförster Schubert vom Oberdorfe hatte dem Nitschalex für den Stammtisch die Abwurfstangen von einem ganz kapitalen Kronenzehner geschenkt, eine große Verehrung; der Wirt hatte sie auf die Hirnschale von einem Tier aufsetzen lassen, daß das Geweih nun wirklich schädelecht aussah, und darum war ihm auch ein Ehrenplatz an der Rückwand freigemacht worden. Leider hatte der Alex nicht bedacht, daß gerade darunter das Bild vom alten Apotheker Poppe eingelassen war, der in vorgerückten Jahren nochmals geheiratet hatte, eine viel jüngere Frau, und danach –. Och je – Gott laß ihn selig ruhn, den armen Mann, er hat auf Erden manches abgebüßt!

Der Nitschalex hatte sich gewiß nichts dabei gedacht, aber vielleicht hatte hinterrücks einer dem Sohn einen Stich gegeben, kurzum, die Beleidigung war da, der junge Poppe kam nicht mehr und ließ sogar sein Bier anderwärts holen: beim Stern auf der Freiheit, das war das Ärgste!

Denn der Sternwirt, Mittmann hieß er, ein Zugeheirateter, von Mähren irgendwo war er her, das war kein Konkurrent mehr, das war geradezu ein Schandfleck fürs Gewerbe! Der gab doch für sechs Kreuzer eine Portion Rindsgulasch mit Saft, die auf einem flachen Teller gar keinen Platz hatte, es mußte ein Suppenteller sein! Wie war das möglich, wo doch leicht auszurechnen war, daß das Fleisch allein mindestens acht Kreuzer kosten mußte, ohne Kochen und Gewürz? Er kaufe im großen ein, bei einem billigen Fleischer, darum könne er es so billig geben, sagte der Sternwirt. Lauter Lumperei, natürlich, da hätte man doch längst wissen müssen, wer der billige Fleischer war und wie die Ware überhaupt ins Haus kam! »Hm, hm, hm!« machte der Nitschalex zu seinen Gästen, wenn die Rede auf das billige Gulasch kam, »hm, hm – ich will aber nichts gesagt haben!«

Na, kurzum, es war nicht gar zu leicht, den Wirt zu spielen: viel Ärger mit dem Personal und unverschuldeten Verdruß mit den Gästen, und dabei immer ein freundliches Gesicht zeigen müssen!

An dem freundlichen Gesichte ließ es der Nitschalex gewiß nicht fehlen, das glänzte nur so unter dem schwarzen Samtkappla mit der goldenen Quaste; und das Bäuchla saß ihm so schön rund in dem grünen Schurze, und beim Gehen schwenkte er so hurtig mit dem Hinterteile – ein fleißiger Wirt! Aber der Ärger riß eben doch nicht ab, man konnte ja wohl eine Galle kriegen wie einen Futtersack!

Da kam doch eines Tages Mittmanns Hund in Nitschalexens Hof gerannt, raufte mit dem Haushund, und wie die Magd ihn wegjagen wollte, biß er gar das Madle ins Bein und war so schnell davon, die malefizische Kröte, die versuchte, daß der Willem, der Hausknecht, mit der Mistgabel schon zu spät kam.

Na, das Madle plärrte wie ein Feuerkalb, verdenken konnt man's ihr ja nicht, es war ganz ein schöner Kratzer, grade unterm Knie. Die Wirtin und die Köchin brachten sie in die Dachkammer hinauf, ins Bett, machten ihr kalte Umschläge und gaben ihr Kamillentee, dann aber mußte sie alleine bleiben, es war um die Mittagszeit, wo das Hauptgeschäft ging.

Willem und ein Kutscher waren dem Hund nachgerannt, der eine mit der Mistgabel, der andre mit dem Ochsenziemer, dem hätten sie wohl das Lederzeug angestrichen – »er war och ank ze hortich«. Aber sie verfolgten ihn doch bis in die feindliche Wirtschaft hinein, gerieten an den Wirt und wollten wenigstens den ein wenig in Salz legen, weil der Hund schon wieder wie der Blitz zur Hintertür hinaus war.

Der Sternwirt grinste sie nur an, daß sie gleich merkten, die Sache würde ihnen nicht gut anschlagen. Und richtig kam er damit heraus, ganz unschuldig, von ungefähr: »Der Hund? Meiner? Kein Gedanke! Er hat einmal mir gehört – bis heute früh, da hab ich ihn verkauft! An wen? Ich kenn den Menschen nie – a Touriste, oder wo er her war!«

Es braucht ja wohl hier nicht hergesetzt zu werden, was der Nitschalex sagte, als die beiden mit dem Bescheid nach Hause kamen. Er stand mitten in der Stube und fluchte wie ein polnischer Haftelmacher, daß sich die Weiberleute in der Küche ein Mal ums andre bekreuzigten.

Wie aber der Amtsarzt, der alte Dr. Frenzel, zum Frühschoppen kam, stürzte ihm der Wirt entgegen, erzählte ihm den Vorfall brühwarm und bat ihn, er möchte doch nach dem Madle sehen, man könnte ja doch nicht wissen, vielleicht war der Hund gar tollwütig?

Der Doktor ließ sich hinaufführen. Inzwischen kamen noch ein paar Herren zum Frühschoppen, der Apotheker, der Gymnasialdirektor, schließlich auch der junge Oberarzt vom Krankenhaus, ein Neuer, gar sehr ein scharfer Herr, das Gesicht voll Narben von der Säbelfechterei und eine Stimme wie eine Schusterahle, sie ging einem durch und durch. Dr. Kippe schrieb er sich, aber die Leute hießen ihn den Schachtelteufel, weil er immer gleich so rausfuhr. Frenzel war ja auch kein Süßer, er konnte brüllen wie verbrüht, aber er war auf andre Art doch wieder ein gemütlicher Mann; den Oberarzt mochte er selber nicht sehr, aber der war halt hergesetzt worden, es mußte erlitten sein.

Der Nitschalex war gerade dabei, den Herren am Stammtisch die Luderei mit dem Hund vom Sternwirt neu zu erzählen, da kam der alte Frenzel zurück, ließ sich in seinen Stuhl fallen und lachte, daß ihm das Wasser übers Gesicht lief.

Die Herren setzten ihm mit Fragen zu, der Wirt war aber mißtrauisch und ein wenig gekränkt, daß der schöne Streitfall etwa ins Lächerliche gezogen werden sollte.

Endlich, nach einigem Hin und Her, kam es heraus, das Mädel habe zuerst nur geweint wie unklug, dann mühsam hervorgewürgt, da könne nur Sympathie helfen, aber niemals ein Dokter, und wieder geweint. Er habe ihr zureden müssen, meinte der Amtsarzt, und die andern konnten sich schon denken, daß es weder zu leise noch zu zart geschehen war. Aber geholfen mußte es haben, denn das Mädel hatte doch eingestanden, die alte Waschfrau sei inzwischen bei ihr gewesen und habe ihr für gewiß versichert, sie solle sich nur gut vorsehen, wenn der Hund toll war, dann würde sie auch bei jedem Eckstein das Bein heben müssen.

Hier legte die Runde mit Gebrüll los, nur Dr. Kippe saß mit gerümpfter Nase, ihm war so viel Unbildung ekelhaft. Der Nitschalex wiederum zitterte, daß davon Schande und Spott über sein Haus kommen könnte, von geringeren Dummheiten als dieser war da und dort ein Spitzname hängengeblieben, der nie wieder loszuwerden war, darin waren die Gebirgler beharrlich. Die Art, wie die Herren die Geschichte aufnahmen, versprach nichts Gutes, der Apotheker, der gerne seinen Spaß hatte, machte den tollen Hund, bellte, schnappte und hob das Bein – an der Türe der Schenkstube erschienen neugierige Köpfe, auch Leute aus den Dörfern waren dabei; wenn die was inne wurden, dann konnte es lustig werden!

»Und dagegen, sagte sie«, erzählte Dr. Frenzel weiter, der sich wieder ein wenig gefaßt hatte, »dagegen gibt es nichts wie Sympathie, von einem guten Nebendokter, sagt sie, so wie jetzt im Oberdorfe einer aufgestanden ist –«

Nitschalex winkte verzweifelt mit den Augen, und Dr. Frenzel beugte sich vor, sah die Bauern an der Türe und verstand. Auch die andern wurden leiser, nur der Oberarzt ließ sich's nicht verdrießen und redete recht laut los, als täte er es mit Fleiß: »Ist es nicht trostlos, mit was für Dummheiten und Aberglauben man sich hier herumschlagen muß! Wenn man das Glück hatte, lange Jahre in der Großstadt zu leben, wie ich –«

»Dann soll man dort bleiben und nicht unter die Bauern gehen!« ergänzte sein Kollege mit Nachdruck. Ein halblautes Auflachen von der Türe her bewies, daß er gehört und verstanden worden war. Dr. Kippe lief dunkel an und wurde gleich wieder blaß, die andern redeten durcheinander, um den Eindruck zu verwischen, nur der Wirt hatte ein erlöstes Lächeln, weil die Gefahr von ihm auf ein andres Ziel abgelenkt war.

Mundtot aber war Dr. Kippe deswegen noch lange nicht – sein leiblicher Bruder saß als Prälat in Olmütz, seine Schwester war an einen Ministerialrat in der Hofkanzlei verheiratet, und ein entfernter Onkel war Kapuziner, gleichfalls in Wien, als Beichtiger höchster Herrschaften, ein Mann aus solcher Familie durfte schon die Zunge richtig eingehängt haben! Er blinzelte so gewiß, knickte im Sitz leicht nach vorn, als wollte er Eier legen, und fragte ganz zuckerig, aber man merkte das schiere Gift darunter: »Verzeihung – aber das klingt ja fast, als würden Herr Bezirksarzt die Quacksalberei nicht nur dulden, sondern sogar verteidigen wollen?«

Atemlose Stille. Es war noch nie vorgekommen, daß am Stammtisch in solcher Tonart geredet worden war, und gar noch unter Berufskollegen. Alle blickten auf Dr. Frenzel, aber der zögerte mit der Antwort und sah den Oberarzt nur prüfend an, wie ein Bulle, der einen Eindringling auf die Hörner nehmen will und noch kurz überlegt, wo er am besten einsetzen könnte.

Dem Nitschalex ging das Schweigen über die Nerven, er schlich davon und schloß mit Nachdruck die Türe zur Schenkstube. Der Herr Gymnasialdirektor – Dr. Fuchs hieß er, die Leute riefen ihn Wettermannla, weil er immer einen Lodenkragen trug und, sooft er aus der Haustüre trat, zum Himmel aufsah, ob es auch wirklich nicht regnete, ein schmächtiges Kerlchen sonst und kein großer Held – der wetzte und hüstelte vor lauter Aufregung, er dachte wohl an Mord und Totschlag. Vielleicht wäre er im nächsten Augenblick aufgesprungen und davongerannt, er hatte schon den Hosenboden halb in der Luft, da fing der Amtsarzt endlich zu sprechen an, ganz ruhig und leise, und das Wettermannla setzte sich aufatmend wieder hin.

Dr. Kippe hatte ein ziemlich unverschämtes Grinsen aufgesteckt, mehr als einer hatte insgeheim den Wunsch, es sollte ihm einmal gehörig der Magen ausgeräumt werden, aber Dr. Frenzel sah ihn gar nicht an, er sprach zu der Wand gegenüber: »Eine solche Fragestellung am Stammtisch war bisher nicht der Brauch – aber, na, man soll keine Gelegenheit versäumen, einen Fremden aufzuklären!« Da war eine ganz kleine Betonung auf dem »Fremden«, die den andern nicht entging, sie nickten verstohlen.

»Daß es hier in den Elendsdörfern nicht so sein kann wie in der Großstadt, das müßte eigentlich jeder vernünftige Mensch einsehen. Aber man sollte auch genau wissen, wie es ist und warum es so ist, ehe man darüber urteilt!« Da war die Stimme nicht mehr so gleichmütig, es grollte darin von einem verhaltenen Zorn. Aber Dr. Frenzel wollte sich nicht aus der Hand lassen, er rauchte einen tiefen Zug, ehe er fortfuhr: »Hier nämlich, Herr Kollege, ist es so, daß die Leute in sechs Arbeitstagen zu zehn, zwölf oder noch mehr Stunden genau so viel verdienen, daß sie nicht hungern müssen – wenn, wohlgemerkt, kein Unglück dazukommt, Mißernte, Viehsterben oder Krankheit. Soll ich da verlangen, daß sie mit jeder Kleinigkeit in die Stadt zum Arzt gelaufen kommen und dabei einen vollen Arbeitstag versäumen?«

»Ja, was denn sonst?« fragte Dr. Kippe zurück, wohl nur um zu zeigen, daß er weder überzeugt noch gar geduckt war. Aber der Amtsarzt ließ sich nicht in die Wolle bringen, er wurde fast mitleidig: »Was sonst? Die Leute müssen sich eben selbst helfen, solange es geht! Da ist immer eine von den alten Muttern, die die guten Kräuter kennt, und die helfen gegen die Alltagskrankheiten ganz schön – Husten, Reißen, verdorbenen Magen. Da hab ich sogar schon manches gelernt, das gebe ich gerne zu und schäme mich gar nicht! Die Wehleidigkeit nämlich«, fügte er grimmiger hinzu, »mag ganz was Schönes sein, wenn sie aber mit Hunger erkauft werden muß, da ist der Spaß schnell vorbei!«

Als er Dr. Kippe nochmals zu einer Entgegnung ansetzen sah, winkte er mit der Hand kurz ab und sprach ihm nun geradezu ins Gesicht: »Herunterkommen können die Leute nicht, wir können nicht wegen jeder Kleinigkeit hinauffahren – wer sollte das bezahlen? Bliebe die einzige Möglichkeit, daß sich ein Kollege oben in den Dörfern niederließe, das könnte ein wahrer Segen sein. Bisher hat sich keiner dort halten können, weil sie mit den paar Kreuzern Kassengeld nicht auskamen, und Privatpraxis gibt es ja kaum. Aber der Posten ist frei, Herr Kollege – ein ideales Arbeitsfeld für einen jungen, tatkräftigen Mann, dem es Ernst ist mit der Weltverbesserung –«

Das war zuviel für den alten Oberförster Schubert, der bisher listig zugesehen hatte, wie das Gesicht des Oberarztes immer länger geworden war. Nun lachte er unvermittelt los, und wenn der Oberförster lachte, da konnte keiner lange ernst bleiben – den einen natürlich ausgenommen, auf dessen Kosten das Lachen gerade ging, aber auch der lachte meistens doch noch mit, wenn es ein rechter Kerl war.

Beim Dr. Kippe natürlich war daran nicht zu denken. Er stand auf, verbeugte sich steif, als wenn er einen Stecken geschluckt hätte, und schnarrte zum Amtsarzt hinüber: »Verbindlichen Dank für die gütige Anregung, aber ich fürchte, sie ist an mich verloren!« Und dem betonten »mich« schickte er einen Blick nach, als wollte er dem Alten »mit Krähäuglan« vergeben, wie es der Oberförster nachher ausdrückte. Dann griff er Hut und Pelz vom Haken, hielt sich aber mit dem Anziehen nicht auf, so eilig hatte er es, fortzukommen.

Als die Türe hinter ihm geklappt hatte, saßen die Herren eine Weile still, mit glitzernden Augen, einer wartete auf den andern, wer zuerst Partei nehmen würde. Ehrenfeste Bürger alle, mit Wissen wollte keiner Unrecht tun, den alten Amtsarzt hatten sie von Herzen gern – aber den Neuen, diesen Dr. Kippe, mochte auch keiner zum Feinde haben, der konnte sicher falsch sein wie Galgenholz, und ein schroffes Wort konnte einen gereuen. So saßen sie nur, wackelten mit den Köpfen und schnalzten ein wenig dazu, es konnte alles heißen.

Der Amtsarzt schien es nicht zu merken, er trank seinen Schoppen leer und wischte sich danach umständlich den Bart. Der Oberförster aber lauerte mit gekniffenen Augen in die Runde und hatte seinen geheimen Spaß an den Vorsichtigen, ehe er lospolterte: »Na, ihr Kadetten, euch hat wohl der Zorn die Rede verschlagen? Ich sag, den Kerle sollt man zu Schnupftabak zerreiben und übers Scheunendach schmeißen, soll ihn der Teufel wieder hintragen, wo er ihn hergeholt hat, zu uns her paßt er nicht!«

Da duckten sich die Köpfe, das Wettermannla hatte schon wieder den Hosenboden halb in der Luft, endlich faßte sich der Apotheker ein Herz, bei ihm lag es auch am nächsten, er mußte sich ja beruflich mit allen Ärzten vertragen. »Ist ja alles schön und gut«, meinte er bedächtig, »der Kippe ist noch nicht recht eingewöhnt bei uns, er ist noch zu großartig – aber habt ihr ihm nicht a weng gar zu gründlich den Dünger nausgeführt? Der Mann hat seine Verbindungen nach oben.«

»Die sind ihm geschenkt!« brummte der Amtsarzt dazwischen. »Ob sie mich heute in Pension schicken oder ob ich übernächstes Jahr selber geh, das ist mir Jacke wie Hose!«

»Bei mir sind's noch drei Jahre – soll mir auch egal sein!« bekräftigte der Oberförster, und das war ganz verwegen, denn für ihn, als Beamten des Domkapitels, war es doppelt gefährlich, einen Prälatenbruder zum Feind zu haben. Aber so war der Alte, grob und geradezu, er hätte zu Keilholz getaugt.

Danach hatte das Wettermannla genug, sprang auf und lief davon, daß der Lodenkragen nur so wehte. Aber auch die andern brannten darauf, die Sache untereinander, mit den Frauen daheim und sonst noch mit dem und jenem durchzusprechen, man wußte ja gar nicht mehr, was man sich denken sollte.

So gingen sie einer um den andern mit kurzem Abschied und ließen die beiden Freunde allein am Tisch. Die hoben einander die Schoppen zu und tranken stumm; dann legte der alte Forstmann dem andern die Hand auf den Arm, ganz brüderlich, und meinte: »'s wird Zeit für uns, Rudolf!«

»Ja, ja!« nickte der Amtsarzt. »Mir geht's nur um die Dorfleute – sonst, von mir aus: lieber heute als morgen! Das viele moderne Zeug will mir nicht mehr in den Kopf – man dürfte ja völlig umlernen!«

»Mir geht's auch nicht anders – heutzutage wollen sie Geld und wieder Geld aus dem Wald herausquetschen, dazu hat unsereins das Herz nicht!«

Da kam der Wirt eilig an den Tisch: ein Oberdörfler sei draußen, der Franke Rudolf, der Herr Amtsarzt möchte doch ums Himmels willen gleich hinaufkommen, der Kohlstreit sei unter den Holzschlitten geraten und liege auf den Tod –

»Laßt mir den kleinen Schlitten anspannen«, rief Frenzel dem Wirt zu, »ich laufe nur nach Hause, ziehe mich um und hole die Instrumente!«

»Halt!« rief der Oberförster und hielt ihn am Arm zurück: »Das machen wir anders! Du fährst mit mir hinaus, bleibst heute abend bei mir, morgen früh machen wir ein Kahlwildjagdla, und mittags läßt du dich von Nitsches Schlitten abholen!«

Der Amtsarzt überlegte nur kurz, dann nahm er die Einladung mit einem hastigen »Abgemacht!« an und war schon zur Türe draußen.

Nach der Art der Verletzung hatte er kaum gefragt, die kannte er schon vorher nur zu gut: wenn der Holzrücker, beide Hände an die Deichsel geklammert, mit vorgestemmten Beinen den Schlitten nicht mehr erhalten konnte oder vielleicht auch nur mit dem Fuß durch weichen Schnee trat oder sonstwie hängenblieb – da war es gleich geschehen, daß die gleitende Masse von zwei bis drei Raummetern Holz den Menschen unter sich zwang und erdrückte oder sich in dem lebenden Hemmschuh festrannte.

Hatten sie den Kohlstreit noch lebend unter dem Schlitten hervor bis ins Dorf gebracht, dann war es vielleicht noch nicht hoffnungslos mit ihm, ein paar Rippen gebrochen, das und jenes gequetscht –

»Gebt dem Boten was Warmes zu essen und zu trinken!« ordnete der Oberförster an, »dann kann er gleich mit zurückfahren! Aber schnell muß es gehen!«

Der Wirt wetzte davon, war aber im Augenblick wieder zurück und half dem alten Herrn, der sich stöhnend mit seinem dicken Fahrpelz mühte. Dabei ließ es ihm doch keine Ruhe, und er brachte so recht von ungefähr – eine ziselierte Gosche hatte er ja, wenn's drauf ankam, der Nitschalex – die Frage an: »Wird es auch keine Unannehmlichkeiten geben, mit dem Herrn Oberarzt?«

Gleich darauf wäre es ihm lieber gewesen, er hätte den Mund gehalten, denn sobald der Oberförster den Pelz – ein wahres Ungetüm aus Bärenfell mit Wolfskragen – richtig umhatte, drehte er sich langsam, und der Wirt konnte merken, daß ihm Ohren und Nase dunkel angelaufen waren und die kleine Ader auf der Stirne stand, die keiner gerne an ihm sah.

»Wenn Sie Angst haben«, donnerte der Alte, »da brauchen Sie's nur zu sagen, der Herr Amtsarzt und ich wollen Ihnen gewiß keine Kundschaft vertreiben!«

»Aber um Gottes willen, och je, och je«, jammerte der Wirt, mehr noch über das plötzliche »Sie« erschrocken als über alles andre, »Sie wern doch nie glauben, Herr Oberförster –«

Der Oberförster sah zum Fürchten aus mit dem glühenden Gesicht, dessen weiße Borsten sich mit denen des Riesenpelzes um die Wette sträubten. »Wie a feiriges Gespenste stund a vor mir!« vertraute der Wirt später seiner Frau an. Und alle Beschwörung war, zunächst wenigstens, verschwendet; an das, was der Alte sein Leben lang für recht gehalten hatte, sollte ihm keiner rühren.

Schließlich brachte es der Nitschalex aber doch zu einem halben Frieden, indem ihn der Oberförster wenigstens wieder mit »Ihr« anredete, wenn auch in Verbindung mit eigenartigen Wörtern wie »wetterwend'scher Lehmsack«. Es war doch schon etwas.

Gleich darauf kam der Amtsarzt zurück, in Loden und Pelz, mit Filzstiefeln, und zugleich knallte im Hofe draußen der Oberförsterkutscher einmal mit der Peitsche, zum Zeichen, daß fertig eingespannt war. Der Oberförster zog die Wangenschützer der dicken Schirmmütze herunter und ließ sie sich unter dem Kinn festbinden, wobei dem Wirt vor Rührung die Hände nur so flogen. Dann stampften die Herren gewaltig in den Hof hinaus, ließen erst die Gewehre, Patronentaschen und Rucksäcke im Schlittenkasten, dann sich selbst in Fußsäcken und Felldecken verstauen. Auch Franke Rudolf auf dem Bock sollte eine zweite Decke haben, aber der glühte ganz von dem ungewohnten Fleischgericht und dankte, er sei froh über »ank frische Luft«.

Ein Wink an den Kutscherfranz, und die Pferde zogen an, wobei die Schellen zwischen den Hofmauern und unter der Einfahrt betäubend aufklangen. Die Sattelstute, die schwarze Frida, wollte wieder ihre Fisimatenten machen, tanzte und quiekte und gab sonst noch Laute. – Ein eisernes Pferd, die Frida, ein Leben und Feuer für drei, wenn sie auch nicht immer bequem war, bei Kirchfahrten zum Beispiel.

Als sie aus den Häusern draußen waren, wurde es besser mit der Frida, der Kutscherfranz brauchte sie nicht mehr so kurz zu halten. Aber nun bekam der Franke Rudolf die frische Luft vielleicht reichlicher, als er sie sich gewünscht hatte, vom Kamm herunter pfiff ein Nordost, daß gleich das blanke Eis an Nase, Bart und Wimpern hing. Es klingelte ordentlich, wenn man aufschnupfte.

Aber da waren ja die Bergwälder, in Weiß und Goldgrün, die Koppen, auf denen der Harsch leuchtete, und ein Himmel darüber, so unsagbar blau, daß man vor Freude das Frieren vergaß. Die Herren im Rücksitz blinzelten einander durch die Vorhänge aus Eiszapfen an und nickten: ja, ja, es war schon alles richtig. Der Kutscherfranz auf dem Bock ließ die Leinen ein wenig auf den Pferderücken tanzen und brummelte im Selbstgespräch nach seiner Art; der Franke Rudolf neben ihm, doppelt und dreifach stolz, weil er satt, in Oberförsters Schlitten und nach Hause fuhr, ins Oberdorf, er klemmte die Hände in den dicken Filzfäustlingen über Kreuz unter die Achselhöhlen und spähte nach Bekannten aus, denen sein Erlebnis Gesprächsstoff für manche Tage geben sollte. Die Pferde endlich drängten in die Zügel und trabten mit spielenden Ohren und lebhaft nickenden Köpfen: nach Hause ging es, wo Krippe und Streu nur nach ihnen selbst rochen, nicht nach allerlei Durchzugsgästen wie im Wirtsstall, wo der Hafer kleiner und härter, aber auch saftiger war, und das Heu erst –. Hier wollte Frida gleich galoppieren, daß der Kutscherfranz sie verhalten und zurechtweisen mußte: »Kannst es nie derwarten, gelüstige Ziege?« Denn er wußte natürlich genau, worum es ihr ging.

Wie das Tal enger wurde, spürte man den Wind weniger, er pfiff darüber weg von Lehne zu Lehne, dafür bekam der Sonnenschein mehr Gewalt. Ja, das war das Schöne am Oberdorfe, gerade weil es so steil und eng war, hielt es die Sonnenwärme gut, mitunter konnte man im Januar in Hemdärmeln arbeiten, wie im Sommer.

Kutscherfranz verhielt die Pferde immer öfter, die Straße wurde zu steil zum Traben. Frida natürlich wollte von Schritt nichts wissen, bis sie, an der Grenze des Mitteldorfs, an der Oberförsterei vorbeisollte: das paßte ihr schlecht. Der Nosenres, die eilig herausgelaufen kam, rief der Oberförster nur zu, das Essen sollte in einer Stunde bereit sein, dann ging es weiter.

Bald darauf begegnete ihnen der Pfarrer, der, mit dem Ministranten vor sich, vom Versehgang zurückkam und im stummen Vorbei nur mit einem Augenwink anzeigte, der Arzt werde nicht mehr viel zu tun finden.

Unter die Haustüren traten Leute, grüßten zum Schlitten hin, sahen ihm nach und tuschelten; manche hatten schüchterne Gebärden, als wollten sie zur Eile mahnen oder auf Schlimmes vorbereiten. Dem Franke Rudolf auf dem Kutschbock verflog alle Selbstzufriedenheit, sowie er wieder in den heimischen Dunstkreis geriet. Sattsein und Schlittenfahren – und dort oben im Häusla lag der Kohlstreit, den es heute erwischt hatte, wie es jeden von ihnen in jedem Augenblick erwischen konnte! Und morgen würden die andern alle, und er selbst natürlich mit, doch wieder in den Wald zum Holzrücken gehen, die Arbeit konnte man darum nicht aufgeben.

An einer Wegbiegung stand ein Bübla, das beim Anblick des Gefährtes kehrtmachte und ins Dorf hinaufrannte. Der Franke Rudolf begriff sofort, daß es ein Vorposten gewesen war, der die Ankunft des Arztes melden sollte, sprang selbst auch gleich ab und rannte bergan. Es war eine steile Stelle, die Pferde hatten lange Schritt zu gehen, so bekam er wirklich Vorsprung. Vor ihm rannten immer mehr Kinder bergauf, die auf den Doktorschlitten gewartet hatten, schließlich war es eine ganze Horde, sie jagten sich gegenseitig mit schrillen Schreien: »A kimmt, a kimmt!« Als sie zu laut wurden, winkten ihnen die Erwachsenen heftig Ruhe zu.

An der Brücke, die zum Zehnten Graben hinüberführte, mußte der Schlitten halten, weil in dem Seitenweg keine Fahrbahn ausgeschaufelt war. Die Herren hatten sich vorher schon von Decken und Fußsäcken befreit, stiegen schnell aus und stapften zu dem Häusla hinauf, das von einem aufgeregten Schwarm umlagert war. Beim Anblick des Oberförsters verzogen sich die Neugierigen schnell; mit ein paar Frauen, die stumm in ihre Schürzen weinten, blieben nur die drei Holzmacher stehen, die mit dem Verunglückten in einer Gruppe gearbeitet hatten.

Strauchseifert, der Älteste, trat vor und wiederholte in wenigen Worten die Meldung, die schon Franke Rudolf überbracht hatte: – mit den Absätzen an einem festgefrorenen Stein hängengeblieben – der Schlitten hat ihn überdreht, halb zur Seite geschmissen und gerade an der Brust eingequetscht – Zwiener Adolf, mit der unbändigen Gewalt in den Armen, hatte den Schlitten soweit angehoben, daß sie den Kohlstreit hatten freikriegen können, aber –. Und eine kleine abschließende Geste mit gebogener Hand, ein langsames Kopfschütteln sagten klar genug, daß niemand mehr Hoffnung hatte.

Der Amtsarzt trat gebückt durch die Haustüre, ließ sich im Flur den Pelz abnehmen, ging dann weiter in die Stube und legte die kalten Hände an den Kachelofen, ehe er die Untersuchung begann.

Vor der halboffenen Türe zur Kammer knieten einige Nachbarinnen, Rosenkränze um die gefalteten Hände gewickelt, und beteten halblaut eine Litanei. Von drinnen hörte man leises Weinen und abgerissene Worte: »Och jechich, jechich, Mon, loh mich doch nie alleene, wos tu ich denn ohne dich!« Und wie zur Antwort ein gurgelndes, mühsames Röcheln.

Dr. Frenzel hielt sich die Hände kurz an die Stirn und Wange, um zu fühlen, ob sie schon warm genug waren, dann winkte er den Betenden, ihm den Eingang freizugeben, und trat in die Kammer, wo zu Häupten des Bettes, neben der brennenden Sterbekerze, Frau und Tochter des Verunglückten knieten und vor der nahenden Entscheidung lauter aufweinten.

Mit einer unvermuteten Milde zog sie der Arzt an den Händen hoch und schob sie zur Türe, um ihnen den Anblick der Untersuchung zu ersparen. Erst als er sich wieder dem Raum zuwandte, sah er am Fußende des Bettes einen Mann stehen, den er zunächst nicht erkannte. Als er aber ins hellere Licht trat und mit stummer Verbeugung grüßte, sah er, daß es der Jachimseffes sein mußte, der ihm seit der Rückkehr vom Militär zum erstenmal vor Augen kam. Auch der Seffes hatte die kleine Geste mit abgestreckter Hand und einen Blick, der zu bitten schien, der Halbschlummer des Sterbenden sollte nicht gestört werden.

Dr. Frenzel wollte unwillig ablehnen, unterließ es aber zu seiner eigenen Überraschung, wandte sich in halber Verlegenheit, nahm von dem Stuhl neben dem Bett, auf dem auch die brennende Kerze stand, ein halbvolles Glas und roch daran: ein Kräuterabsud, in dem Baldrian zu spüren war, neben andrem. Seffes deutete durch Handbewegung an, daß der Kranke davon getrunken hatte.

Als der Arzt vorsichtig das Federbett hob, wurde das Röcheln des Verletzten kürzer und lauter. Das Federbett blieb alleine nicht liegen, wollte immer zurückfallen; so ließ es Dr. Frenzel geschehen, daß Seffes helfend neben ihn trat.

Das blutbefleckte Hemd war zerschnitten und über der Brust mit Sicherheitsnadeln zugesteckt. Als der Arzt sie löste, sah er einen Verband darunter, aus allerlei altem Leinenzeug, und schnob beim Anblick der bunten Flicken durch die Nase. Doch griff er vorsichtig zu, überzeugte sich, daß es sich um Leinsamen mit Thymian handelte, und schickte sich an, die unterste Schicht, wieder Leinen, von der Haut abzulösen, als ihn das jähe Verstummen des Kranken einhalten ließ. Schnell beugte er sich zu der eingefallenen Brust nieder, suchte zugleich den Puls am Handgelenk – nichts mehr. Er sah aus dem Augenwinkel Seffes wie zur Bestätigung nicken, fühlte unbestimmten Ärger und wiederholte nach kurzer Pause die Pulsprobe. Nichts.

Nun blieb nur die Feststellung der Todesursache, die nach Entfernung des Umschlags einfach genug war. Wenige tastende Griffe längs des armen Brustkorbs gaben hinlängliche Gewißheit. Als sich Frenzel wieder aufrichtete, erschrak er beinahe, als eine Stimme neben ihm seine eigene Diagnose, die er eben erst gedacht hatte, laut wiederholte: »An der rechten Seite vier Rippen gebrochen, auch das Rückenmark erschüttert, innerlich alles gequetscht, vielleicht die Leber zerrissen –«

»Was wißt Ihr davon?« fragte er kurz und sah dem Mann gerade in die Augen. Der hielt den Blick ruhig aus, Dr. Frenzel erinnerte sich nicht, bei einem der Dörfler jemals so ruhiges Selbstbewußtsein getroffen zu haben. Die Antwort kam leise, aber fest: »Sie haben mich geholt, wie sie ihn aus dem Wald gebracht haben. Ich hab aber gleich gesehen, daß nichts mehr zu retten ist, so hab ich ihm den Umschlag gemacht und den Tee eingegeben, damit die ärgsten Schmerzen aufhören –«

»Leinsamen und Thymian?« flüsterte der Doktor und wies erst auf den Umschlag, dann auf das Trinkglas: »Baldrian mit –«

»Mit vielerlei Kräutern, aber geschnittene Mohnkapseln sind auch dabei!«

»So!« machte Frenzel, zog einen Schreibblock aus der Tasche und begann den Totenschein auszufüllen. Als er fertig war, legte er das Blatt auf den Stuhl neben dem Bett, öffnete dann die Kammertüre und winkte der Frau. Sie begriff an seinem Gesichtsausdruck sofort, was geschehen war, und warf sich aufweinend in die Knie, die Tochter neben ihr. Der Arzt zog hinter ihnen die Kammertüre ins Schloß, wehrte die Nachbarinnen ab und forderte mit einem Kopfruck Seffes, der ihm zur Seite geblieben war, auf, mit hinauszukommen.

Draußen stand der Oberförster noch mit den Holzmachern. Als der Arzt heraustrat, nickte der alte Strauchseifert nach einem Blick auf ihn den Kameraden zu und ging einige Schritte beiseite. Sobald Dr. Frenzel den Oberförster erreicht hatte, wandte er sich unvermittelt dem ruhig abwartenden Seffes zu: »Ich will Euch was sagen, damit es ja kein Mißverständnis zwischen uns gibt: in solchen Fällen wie dem da, wenn es darum geht, einem Sterbenden die letzten Stunden zu erleichtern, oder bei ganzen Kleinigkeiten, einem bösen Finger, Zahnweh oder dergleichen – da mögt Ihr von mir aus erste Hilfe leisten, mit unschädlichen Hausmitteln, um der Leute willen! Wenn ich aber einmal dahinterkomme, daß Ihr Künste treibt, Euch in Dinge mischt, die Ihr nicht verstehen könnt, oder gar ein Geschäft draus macht – dann gnad Euch Gott, dann sollt Ihr mich kennenlernen!«

»Das wird niemals sein!« kam die Antwort, so unbewegt, daß der Amtsarzt prüfend einen Schritt zurücktrat: sollte ihn der Kerl zum besten haben wollen?

Aber Friede dachte an nichts dergleichen, er wiederholte nachdrücklicher: »Niemals wird das sein, daß ich ein Geschäft draus mache – kein Betrüger bin ich nie!«

»Schon gut – und merkt Euch nur: zwischen einer gelegentlich erlaubten ersten Hilfe und einer verbotenen Kurpfuscherei ist die Grenze gar sehr fein! Laßt Euch bloß nicht erwischen, Mann, ich verstehe wenig Spaß!«

»Mir liegen die Leute hier genau so am Herzen wie Ihnen, Herr Amtsarzt! Wenn ich weiß, daß ich helfen kann, werd ich's keinem versagen. Das bring ich nie übers Herz, da soll mir schon geschehen, was will!«

Das war immer noch ruhig hingesagt, klang weder nach Trotz noch Auflehnung, doch aber so anders als die gewohnte Unterwürfigkeit der Dörfler, daß der Oberförster, der bisher stumm zugehört hatte, dazwischenfuhr: »Die Tonart wollen wir bei uns da heroben nie einführen! Man merkt's, daß Ihr beim Militär nur Offiziersbursche wart, sonst hätten sie Euch wohl anders geschliffen! Aber was nicht ist, kann noch werden, Friede! Ich hab schon andere kleingekriegt!« Und dabei stampfte er den derben Jagdstock auf den Boden, mit dem er, ach ja, so manchem Holzdieb ein schnelles Urteil gesprochen hatte. Er meinte es nicht immer so böse, wie er tat, der Herr Oberförster, das ließen ihm die Leute gelten, nur Widersetzlichkeit vertrug er gar nicht – er selber mußte die oberste Gewalt im Dorfe bleiben.

Die Holzmacher hatten sich unwillkürlich in den Hausflur verzogen, die andern Neugierigen weiten Abstand gesucht, als die Auseinandersetzung anging; sie standen halb abgewandt, doch war zu merken, wie sie angstvoll horchten und aus dem Augenwinkel herüberspähten. Gegen den Amtsarzt und gegen den Oberförster, gegen die zwei gröbsten Menschen also, die es auf Gottes weiter Erde gab, gegen beide zugleich – wie mochte das ausgehen? Jachimseffes, schmeiß die Hacke nie zu weit naus, du werst se nie wieder kriegen!

Aber für den Seffes war die Sache wohl gar nicht so fürchterlich, er sah den beiden Herren ruhig ins Gesicht, machte eine leichte Handbewegung, als wollte er des Oberförsters Drohung wegwischen, und sagte dazu: »Forchtig zu machen bin ich nie, Herr Oberförster! Solange ich kein Unrecht tu, hab ich auch keins zu befürchten! Und ich sag's noch einmal: betrügen werd ich sicher keinen, nur helfen, wenn ich weiß, daß ich's kann! Und jetzt möcht ich wohl Urlaub nehmen – Guten Mittag, die Herren!« Und dabei grüßte er ganz knapp und ging doch wahrhaftig davon! Ine, du meine Güte – das geht übers Siebengestirne! Läßt die beiden Herren stehen und –.

Der Oberförster machte eine hastige Bewegung, er schien nicht übel Lust zu haben, dem Manne eins auf den Weg mitzugeben. Aber der Arzt faßte ihn am Arm, wies mit einem schnellen Blick in die Runde, auf die vielen Zeugen, und so gingen die beiden langsam zum Schlitten zurück. Oben beim Häusla gab es ein Getuschel und Köpfezusammenstecken, daß Augenblicke lang der stille Mann im Kämmerla drin ganz in Vergessenheit geriet. Nur die Frauen hatten ihr Wesen, mit Waschen und Säubern und Bettbeziehen.

Der Kutscherfranz unten auf der Straße kehrte erst um, als er die Herren kommen sah: Mit dem Kopf nach Hause zu wäre ihm die Frida nicht stehengeblieben. Jetzt zappelte sie und quiekte, als der Schlitten in dem harten Schnee nicht gleich nachgeben wollte; fast wäre die Deichsel abgekracht. Als aber das Manöver vorbei war und die Herren eben saßen, mußte ihr der Franz den Kopf lassen, ohne sich weiter mit Fußsäcken und Decken aufzuhalten. Nach ein paar Galoppsprüngen ging es in einem Trab wie Donner und Blitz die Dorfstraße hinunter, daß die Schneeklumpen nur so gegen die hohe Spritzwand aus Drahtgeflecht prasselten. Die Herren hatten genug zu tun, sich vor den fliegenden Eisnadeln zu schützen. Zu reden war da nichts. Aber den Leuten längs der Straße fiel es doch auf, daß der Herr Oberförster dreinsah wie ein Feld voll Teufel, und auch der Herr Amtsarzt konnte gerne auf eine Wanze gebissen haben, so bitterlich zog es ihm den Mund zusammen. Das, wie gesagt, wollten nachher viele Leute beobachtet haben, als die Nachricht von dem mannhaften Auftreten des Jachimseffes schon die Runde gemacht und alles seine Erklärung hatte. Der Seffes kam nicht schlecht weg dabei, das läßt sich denken, wenn auch der Amtsarzt wie der Oberförster sonst nicht unbeliebt waren. Es war nur noch nie dagewesen, daß einer aus dem Dorfe einmal Oberwasser behalten hätte. Jetzt aber, da es einmal gelungen war, kriegte manche Kröte insgeheim Gift.

Für die beiden Herren aber war der Ärger an dem Tage noch lange nicht zu Ende: manchmal ist es ja so, als hätte der Teufel den Schwanz drauf, daß alles verkehrt gehen muß.

Wie also der Schlitten vor die Oberförsterei gebraust kam, war schon einmal das Gitter der Einfahrt nicht offen, und auch auf Peitschenknallen meldete sich nicht gleich jemand. Dem Herrn Oberförster kam es vielleicht wie gerufen, er wartete nicht erst ab, bis Franz vom Bocke kletterte und ihm solange die Zügel gab, sondern sprang gleich selbst aus dem Schlitten und preschte durch den Vorgarten auf das Haus zu. Als er die Türe verschlossen fand und auch niemand herbeiläuten konnte, klopfte er mit dem Stiefel ein wenig an, daß gleich eine Scheibe aus der Füllung sprang und auf den Steinfliesen des Flurs zerklirrte. Durch die Öffnung schickte der Herr Oberförster ein paar Rufe – nicht gerade Tauben mit dem Ölzweig. Als auch sie niemand herbeibrachten, wurde er ganz wütig, faßte mit beiden Händen in das Gitter vor der Verglasung und hätte wohl alles zuschanden gemacht, da tauchte in atemlosem Trab vom Hofe her die Frau Oberförsterin auf, alle Heiligen auf zitternden Lippen und mit den Händen bemüht, das schwarze Häubla zurechtzurücken, das von dem etwas kahlen Scheitel gerutscht war.

Zugleich aber drang aus der offenen Küchentüre im Hintergrund der unverkennbare Qualm angebrannten Bratens, daß die Frau einen Augenblick innehielt, vom Zweifel gequält, ob sie den Braten weiter anbrennen oder den Gatten vor der Türe vor Wut völlig platzen lassen sollte. Schließlich entschied sie sich, den Mann zu retten, trippelte zur Türe, schloß hastig auf und trabte schon wieder zur Küche zurück. Des Oberförsters herzhafte Versicherung, er wolle dem Weibervolk wohl aus dem Traume helfen, fand kein Echo. Er wurde davon nicht milder und stampfte, noch im Pelz, urig zur Küche, um Gericht zu halten. Aber seine Frau stand allein vor dem qualmenden Bratrohr, von den beiden Mädchen war keines zu sehen. Der Oberförster stampfte weiter bis zur Hintertüre, sah im Kellergebäude jenseits des Hofes die Türe zur Milchkammer offen und davor, auf die unsaubere Schneekruste geworfen, das hölzerne Butterfaß, einige Wasserbutten und sonstiges Holzgerät. Da wußte er genug: seine Frau hatte wieder einmal »die Mannlan rausgelohn«, wie der Fachausdruck im Hause lautete.

»Die Männlein herauslassen« nannte man die lärmenden Anfälle ihres Reinlichkeitswahnsinns, mit denen sie die Mädchen bis aufs Blut peinigte. Einmal wickelte sie ein reines Taschentuch um eine Haarnadel, fuhr damit in die Ritzen eines frischgescheuerten Fußbodens, und wurde das Tüchlein schwarz – wie eigentlich nicht anders zu erwarten – dann stieß sie augenblicks einen Eimer Seifenlauge um, und das Scheuern konnte neu beginnen. Dann wieder war ihr die Wäsche nicht schön genug geplättet und wurde zerknüllt zurückgegeben, und heute hatte sie sich die vielen Holzkannen vorgenommen, die sie in unbegreiflichem Eigensinn in der Milchkammer aufgehoben sehen wollte, obwohl in der nassen Kälte die unverzinkten Eisenbänder rosteten, mochten sie vorher noch so gut blankgerieben und eingefettet gewesen sein.

Der Oberförster ärgerte sich rasend, wenn er von solchen Kniffen erfuhr, er wußte gut genug, daß die beiden Mädchen, die zu dem großen Haushalt noch die Landwirtschaft mit acht Stück Vieh und vier Schweinen zu versehen hatten, bis aufs letzte angespannt waren und nicht noch mit Extralaunen gequält werden sollten. Aber die Frau Oberförsterin konnte es nicht lassen, es saß ihr in der Natur. Heute allerdings hatte sie die Zeit schlecht erraten, der Herr war zu schnell nach Hause gekommen.

Der Oberförster ging in die Milchkammer hinüber, wo die Mädchen, furchtbar verweint und dabei vor Kälte zitternd, an den vielen Eisenbändern herumrieben, hieß sie die Arbeit sofort einstellen und in die Küche hinüberlaufen. Während sie noch Ordnung machten, ging er schon voraus, winkte durch die Küchentüre seiner Frau zu, daß der Meinungsaustausch nur aufgehoben, nicht etwa geschenkt sei, hängte dann den Fahrpelz an den Kleiderrechen aus Hirschstangen und sah befriedigt, daß der des Amtsarztes schon dort hing.

Tatsächlich saß der Freund wartend in der niedrigen Kanzlei, hatte dem tönernen Negerkopf, der als Tabakbehälter diente, das Schädeldach zurückgeklappt und sich aus des Oberförsters schöner Sammlung eine Feiertagspfeife gestopft, Meerschaumkopf mit Jasminrohr und dickem Bernsteinmundstück. Er ließ sich nicht stören und nickte nur über die Schulter weg, zum Zeichen, daß er wisse, um was es gehe, und mitleidvoll mit dem Freunde fühle. »Die Weiber«, murmelte er, »die Weiber! Die besten taugen grade noch zum Unterzündholz untern Höllkessel!«

»Jeder Bauer kann seine Dienstboten erhalten, aber ich nie«, schnaufte der Oberförster. »Das Teufelsweib schindet ihnen die Seele aus den Knochen!«

»Laß gut sein, Gustav! Man muß se verzehren, wie se gebroten sein, es nutzt nischt, wann wir uns ärgern, daß sich uns aa noch die Galle aufs Geblüte schlägt!«

Der Doktor durfte mitreden, denn auch er hatte keine Süße daheim sitzen, und so grinsten sie einander schließlich an, und der Oberförster sperrte die geheime Lade unter dem Gewehrschrank auf, wo er das »Zielwasser« aufbewahrte, eine schöne Batterie, in der vom angesetzten Kirschschnaps bis zum doppeltgebrannten Enziangeist nichts fehlte, für jedes Wetter und für jede Stimmung war das Richtige da. Der Alte sah noch einmal, wie maßnehmend, zum Doktor hinüber, ehe er einen alten Sliwowitz herausgriff, ein scheinheilig farbloses Wässerchen, das einem richtig die Därme langzog. »Höhöhö!« krächzte der Doktor und wedelte sich mit der Hand den eigenen Atem unter die Nase, zum besseren Nachgenuß, »der fährt rein wie Gottes Wort in die Studenten, das muß wahr sein!«

Der Oberförster hatte nichts dagegen, und sie waren eben dabei, auf die schöne Einmütigkeit noch einen zu trinken, als die Nosenres nach schüchternem Anklopfen meldete, das Essen sei aufgetragen.

Als sie vor den Herren her über den Flur zurückging – sie trug die Röcke wie gewöhnlich hochgegürtet – da meinte der Amtsarzt nach einem prüfenden Blick über das unendlich magere barbeinige Gehwerk: »Ine, Madle, ich dächt, du werst d'r aa nie über de Waden runtersächen!« Und die Nosenres hopste quietschend vor Schämigkeit, innerlich aber doch hochbeseligt, in die Küche. »Ein braves Kind!« lobte der Amtsarzt, während er neben dem Freund die Treppe zum Eßzimmer im ersten Stock hinanstieg.

Oben war es dann weniger spaßhaft: die Frau Oberförsterin stand auf dem Treppenabsatz, hatte die kernigen Worte des Doktors, wie auch das Quieken der Nosenres gehört und wohl besonders an dem letzteren Anstoß genommen. Sie hatte das kurze, helle Räuspern, das die Vertrauten als Gefahrzeichen scheuten – »wie die Frida, eh sie auskeilt«, sagte der lieblose Gatte – rückte unablässig an ihrem Häubla, und dabei glühten ihr die Ohren so hitzig, daß man jeden Augenblick meinte, die goldenen Ohrgehänge müßten wegschmelzen.

»O versucht und verflimmt!« raunte der Oberförster, während sie hinter der Hausfrau das Eßzimmer betraten, und sein Freund machte sich ganz klein und kratzte sich mit hohler Hand hinter dem Ohr. Ja, es mußte wirklich schlimm sein, denn sogar die üblichen Entschuldigungen wegen der Unzulänglichkeit der Küche blieben aus. Sonst, mochte alles noch so tadellos geraten sein, riß das Gerede nicht ab, der schlechte Zug im Ofen mußte her, die Witterung, die den Rauch zurückdrückte, die Zutaten, die eigentlich hineingehört hätten und auf dem Dorfe nicht zu beschaffen waren, und, natürlich, der Jammer mit den Dienstboten, ein wahres Kreuz, ah –.

Diesmal aber war doch die Suppe wirklich verwärmt und schmeckte leicht talgig, und die Kalbskeule hatte Krusten, als säße sie noch am lebendigen Vieh. Als auch hierüber alles stille blieb, entschloß sich der Oberförster, nach einem Verschwörerblick zu Frenzel hin, kurzerhand zum Gegenangriff, schob den Teller zurück, daß das Weinglas umkippte, und meinte gesprächsweise, den Saufraß sollte man dem Teufel in den Hintern stopfen und nicht einem Christenmenschen in den Mund. Darauf stürzte sich seine Frau, sehr erschrocken, auf die Schüssel, suchte zwei Kernstücke heraus und legte sie eigenhändig vor. Ihr Mann ließ es geschehen und begann mit betontem Widerwillen zu kauen. Als aber seine Frau gar nicht aufhören wollte, den Rotweinflecken zu behandeln, mit Salz zu bestreuen, mit Tüchern zu unterlegen, da rülpste er plötzlich, wie durch bösen Zufall, laut und meinte auf den entgeisterten Blick der Gattin mit Gleichmut: »Ja, ja, man soll nischt sagen, a fetter Rülpser bringt oft mehr Post wie –«

Die Frau ließ ihn den Vergleich nicht vollenden. Aber es blieb kein Zweifel, daß sie sich geschlagen gegeben hatte: als gleich darauf der Mandelpudding aufgetragen wurde, erklärte sie bereits, die Mandeln seien nicht schön genug gewesen, zu weich, sie werde es dem Seifertkaufmann noch sagen müssen; und die Vanillentunke sei zu wässerig geraten, der Schmetten habe schlecht ausgegeben, kein Wunder, da sie ihn ausnahmsweise nicht selbst abgeschöpft, sondern es dem Mädchen überlassen habe.

Sehr befriedigt erhoben sich dann die Herren, um unten in der Kanzlei bei Schnaps und Pfeife den schwarzen Kaffee abzuwarten. Sobald sie alleine waren, frohlockten sie über die vermeintliche Zähmung der Widerspenstigen – sie hätten es nicht tun sollen! Denn die Oberförsterin, unversöhnlich wie eine trächtige Kreuzotter, war schon dabei, der Nosenres – das Madla hatte schuld, wer sonst? – einen Denkzettel zu besorgen: sie streute Ofenasche auf die weißgescheuerten Dielen, goß Wasser darüber hin, zertrat die Brühe und freute sich grimmig im voraus, wie lange das Madla nun auf den Knien zu reiben und zu reiben haben würde, bis von der Bescherung nichts mehr zu sehen war. Da würde ihr das Quieken wohl vergehen.

Der Oberförster wußte nichts davon, er saß mit dem Freunde in der Kanzlei unten, von deren niedrigen Wänden der Gewehrschrank, ein Aktenschrank, der alte Feuerfeste und die dicht bei dicht hängenden Geweihe und Rehkronen kaum eine Handbreit frei ließen. Der ganze Raum war so gesättigt von Rauch, daß die neu entzündeten Pfeifen im Augenblick einen schlanken Hecht gebildet hatten, der wie lauernd unter der niedrigen Decke schwebte.

Der Sliwowitz schmeckte zum Schwarzen noch einmal so gut, die Pfeifen brannten schön, der Tabak war nicht zu feucht, nicht zu trocken, es hatte alles seine Richtigkeit, die Herren fühlten sich geneigt, den Herrgott einen guten Mann sein zu lassen und darüber in ein fruchtbares Nachsinnen zu verfallen –

Aber wie es so ist: wenn's nie will, dann will's eben nie! Heute war ein Tag für Unfriede und Verdruß, da konnte die Beschaulichkeit nicht von Dauer sein.

Nach einer geraumen Weile – über dem späten Mittagessen und dem verlängerten schwarzen Kaffee war es dunkel geworden, durch die Fenster sah man gerade noch den Bielberg in dem grünen Schneelicht schimmern – räusperte sich der Oberförster und brummte: »Ine ja!« zu Frenzeln hinüber, als hätte der gerade eine besonders einleuchtende Bemerkung gemacht; er schnarchte aber nur mit offenem Mund. Dann schob sich der Alte langsam zur Türe hinaus, um ein Madla zum Hackenbergförster zu schicken, damit wegen der morgigen Jagd alles besprochen werden könnte.

Von dem Knarren der Türe war der Doktor wohl erwacht, denn er kam, während der Oberförster noch an der Küche stand, vorbei und tappte in den Hof hinaus. Der Oberförster hatte nichts dagegen, auch ein wenig Wetter zu machen, und schloß sich an.

So standen sie selbander in dem offenen Viereck zwischen Haus und Wirtschaftsgebäuden, sahen zu dem eindringlich funkelnden Sternhimmel auf und hörten unter der nächtigen Wölbung den Nordost gläsern schrill hinpfeifen.

Eben schüttelte sich der Oberförster und wollte mit einem herzhaften »Brrr!« wieder ins Haus, da krachte ein Schuß und rollte im langsamen Echo die Steillehnen rings um das Oberdorf entlang.

Den beiden Herren fuhren die Köpfe herum, sie starrten in die gleiche Richtung, als wollten sie den verschneiten Bergwäldern bis auf den Grund sehen. Im Keilgraben war der Schuß gefallen, bei den Vierzehn Nothelfern etwa, einem Bildstock zum Gedächtnis eines verunglückten Holzrückers.

»Kreuz beim Beene!« fluchte der Oberförster. »Wer, zum Malefizelement –« Dabei rannte er schon in die Küche und griff die hohen Filzstiefel aus der Ofenecke, der Doktor ihm nach. Während sie noch auf der Ofenbank saßen und, rot und atemlos, an den Strupfen zerrten, klappte die Hoftüre nochmals, und gleich darauf trat der Adjunkt, ein blutjunges Bürschla, Alois hieß er, der Sohn vom Forstmeister Kretschmer in Freudenstadt, hastig über die Schwelle, blaugefroren, Gewehr auf der Schulter, tat den Mund auf, als wollte er eine Meldung machen, blieb aber auf einen Blick des Oberförsters stumm wartend stehen und folgte dann, als die Langschäfter angezogen waren, den Herren in die Kanzlei.

Der Oberförster hielt sich zunächst nicht damit auf, die Lampe anzuzünden, und fragte halblaut: »Was gibt's?«

»Ich war gerade am Rückweg vom Revierdienst, da hab ich einen Schuß gehört, vor sieben Minuten etwa, es muß im Keilgraben gewesen sein, in der Hauptschneise, so bei den Vierzehn Nothelfern –«

»Hm!« knurrte der Oberförster, und der Junge mußte das Lob herausgehört haben, man merkte es seiner Stimme an, als er hastig schloß: »Und da bin ich hergerannt, um zu fragen, ob Herr Oberförster Befehle für mich haben!«

»Richtig!« brummte der Alte, es war wie ein hoher Orden, das Adjunktla mußte ein wenig auf der Stelle treten vor Stolz. Denn natürlich hatte es ihn gejuckt, gleich selbst loszurennen und dem Lumpen nachzuspüren, aber dann hatte er sich zum Glück doch an den klaren Befehl gehalten, gegen Wilderer, außer in dringender Gefahr, niemals selbständig vorzugehen.

Gleich darauf zeigte es sich nochmals, daß der Herr Oberförster nicht schlecht bedient war, nein, da war wirklich nicht zu klagen. Als er zur Türe trat und eben erst »Anna!« hinausrief, da stand das Madle schon im Gang, mit einer Kanne Kaffee und einer großen Schüssel Butterschnittlan auf einem Tablett. »Brav, Anna!« lobte sie ihr Herr. »Kriegst aa amol an braven Mon! Und etz geh und ruf de Frau har!«

Aber die Frau Oberförsterin hatte die Unruhe schon gemerkt und kam von selbst aus dem Oberstock herunter. »Ich muß schnell noch einmal hinaus«, belehrte sie ihr Mann, mit vollen Backen kauend. »Der Adjunkt hat den starken Kreuzfuchs gespürt, bei einem gerissenen Rehkitz, da wollen wir bei Mond ansitzen. Das braucht aber niemand zu wissen, und deswegen muß hier unten Licht brennen, bei geschlossenen Läden natürlich, daß es nur durch die Ritzen scheint. Und essen wirst du mit dem Doktor oben –«

»Mit mir?« fiel Frenzel ein. »Kein Gedanke! Ich gehe mit! Oder gönnst du mir den Fuchs nicht?« Dabei schob er eine halbe Schnitte in den Mund, um nur recht schnell fertig zu werden, und ermunterte auch den Adjunkten, tüchtig auf Vorrat zu essen.

Mit einem hastigen »Na also, mach's so, Klothilde!« drängte der Oberförster seine verwirrte Frau zur Türe, um nicht vor ihr mit dem Freunde streiten zu müssen. Sie zögerte, legte gefaltete Hände an zitternde Lippen, wollte bitten oder segnen – ein durchaus böses Weib war sie nicht, hier konnte man es sehen. Sie glaubte natürlich keinen Augenblick an den Fuchs, aber der Oberförster ließ ihr keine Zeit zu Entgegnungen, schob sie hinaus und schloß die Türe hinter ihr.

Als er sich wieder ins Zimmer wandte, schnitt ihm Frenzel aber gleich das Wort ab und rief mit erhobener Hand: »Red erscht nie viel – wenn ich schon da bin, geh ich auch mit! Ich weiß schon selber, was alles passieren kann!«

Ja, das wußte er freilich, er hatte den Freund einmal nach einem bösen Anschlag zurechtzuflicken gehabt, als ihn ein Wilderer, den er früher einmal halbtot geprügelt, aus Rache durch einen nächtlichen Schuß in den Wald gelockt und dann hinter einem Baum hervor mit der Axt überfallen hatte. – Der Oberförster griff unwillkürlich nach der fingerlangen, tiefen Narbe am Hinterkopf und brummte: »Das passiert mir kein zweites Mal, laß nur gut sein!«

Wie um die Erinnerung zu verscheuchen, fluchte er unvermittelt los: »Ine, du verfl-ossene Zeit, wo bleibt denn das Madle mit der Kuchenluffe, die könnt doch schon längst da sein!« Die Kuchenluffe nämlich hieß der Hackenbergförster, seit er einmal auf einer Hochzeit eine große Schüssel Kuchen alleine verschlungen hatte. Man hätte auch Kuchenmaul sagen können, aber die Leute fanden die weibliche Luffe wohl lustiger für einen Förster.

Hackenberg also war nahe daran, zum Blitzableiter für den geheimen Ingrimm seines Vorgesetzten zu werden, da führte ihn sein guter Engel im letzten Augenblick her und gab ihm auch gleich die rechten Worte auf die Lippen: »Ich war beim Frankewirt im Oberdorfe, ank tarocken, da hort ich den Schuß, aber a so undeutlich, ei der Stube drinne, daß ich's nie genau erkennen konnte, wo er herkam. Ich möcht sprechen, im Keilgraben müßt's gewesen sein, aber mehr weß ich nie. Ich hab mich gleich fortgemacht aus 'm Wirtshause, und unterwegs is mir die Nosenres begegnet, die mich holen kam, und da hab ich mich derheeme nur ank zurechtgemacht und 's Gewehr geholt und wollt um Befehl bitten!«

Wieder brummte der Oberförster befriedigt, er kannte seine Leute und wußte, daß auch der Kuchenluffe der Gehorsam nicht leicht geworden war: aber es mußte eben sein, die Herren vom Domkapitel wollten von Anzeigen und Prozessen gegen Wilderer nicht viel wissen, es gab ja Zeitungen genug, die nur darauf lauerten, in aller Öffentlichkeit aufzuzeigen, wie es den Kleinhäuslern unter dem Krummstab ging, wie die bittere Not sie zu – lässigen – Vergehen trieb. »Wilderer? – Gibt es nicht!« hatte der Herr Prälat erst bei der letzten Visitation erklärt, mit dem öligen Nachdruck, der besser durchschlug als jedes Donnerwetter.

Hingehen lassen durfte man es natürlich auch nicht, denn kamen die Leute erst auf den Geschmack von billigem Fleisch, dann mochte der Teufel Förster spielen. Überlegen also und dann zugreifen, daß den Kerlen der Spaß ausgetrieben und doch jedes Aufsehen vermieden wurde. Schlimmstenfalls war eben in einem der Dörfer wieder einer »nach Amerika gefahren«, ohne Abschied. Der Oberförster hatte seinen Plan schon bereit: jetzt bei Nacht den Anschuß zu suchen, hatte wenig Sinn, man vertrat nur wertvolle Fährten dabei. So wollten sie sich einzeln aus dem Forsthause drücken und am Waldrand an den Hauptwegen Vorpaß halten. In einer guten Stunde kam der Mond, dann konnten sie von verschiedenen Seiten den Keil hinaufpirschen. Auf der Baude oben war ja zum Glück der Schwarze Vogel, der Waldaufseher, mit ein paar Wegemachern über Nacht, die die Rückerbahn herrichteten. Der Schwarze Vogel – so hieß er nach der Bartfarbe, zum Unterschied von seinem Vetter, dem Roten Vogel, der als Waldaufseher im Kieferich saß – mußte den Schuß auch gehört haben und pirschte jetzt sicher schon den Grenzweg gegen das Mährische ab.

»Auf einen neuen Schuß wird sofort zugegangen. Sonst treffen wir erst in der Baude zusammen und suchen morgens weiter!« Damit verabschiedete der Oberförster seine Leute, nachdem er jedem noch einen Doppelschnaps auf den Weg mitgegeben hatte. Als letzter schob er sich selbst nach dem Doktor durch die Hoftüre und den Obstgarten in den Hohlweg, der in guter Deckung weit in die verschneiten Felder hineinführte.

 

Der Jachimseffes hatte eine unruhige Nacht. Immer wieder schreckte er auf, horchte auf den Wind, der sirrend von der Urlichkoppe herunterfuhr, und auf die Geräusche des nächtigen Hauses; einmal stand er ganz auf, tappte zum Kammerfensterla, hauchte ein Loch in die vereisten Scheiben und spähte lange hinaus, bis er die Frau flüsternd fragen hörte: »Was ist, Jossip?« So nannte sie ihn, wenn sie alleine waren, und er ließ es geschehen; er hatte selbst erfahren, wie Heimweh tut, und dankte es ihr, daß sie es in das eine kleine Wort preßte, seinen Namen nach heimischer Zunge zu sprechen.

»Jossip!« flüsterte die Frau nochmals, fast schon ängstlich. Da wandte er sich und erklärte, während er wieder ins Bett kroch: »Es will einer was –«

Sie war die halben Sätze gewohnt, in die er das ihm selbst Unerklärliche zu fassen pflegte, und fragte nicht weiter, um nicht durch ein noch so leises Wort ein Zeichen zu übertönen, das jeden Augenblick von draußen kommen mochte. So lagen sie beide stumm, hörten zwischen den Stößen des Windes den vereisten Bach aufrauschen, hörten von der nahen Waldgrenze herüber einen Hasen klagen, den wohl der Fuchs überrumpelt hatte, oder auch einer der Dorfkater, ja, in manchem Häusla war so ein Kater hochgeehrt wie ein Nährvater, wenn er mit der Beute anmarschiert kam. Dann bellten die vielen Hunde auf, man konnte sie fast alle unterscheiden, von Franke Rudolfs zänkischem Dackel bis hinunter zu dem falschen Bernhardiner im Wirtshause mit seinem groben Baß. Ja, das Dorf war gut bewacht: »Wenn's bei uns so viel zu stehlen hätt, wie Wächter da sein, da wär's gut!« sagten die Leute.

Gegen Morgen schlief der Wind ein, und auch die andern Stimmen gingen zur Ruhe, kaum daß noch einmal ein Hund aufwinselte, sogar der Bach flüsterte nur noch unter den Eisrändern hin. An das Schneelicht vor dem Kammerfenster schlich sich ein hellerer Schein, auf dem Nesselkamm oben glimmte wohl schon die Dämmerung. Da litt es den Seffes nicht mehr im Bett, er fuhr in die langen Lederhosen und die Filzlatschen, warf den groben Wolljanker über die Schultern und klinkte die Stubentüre auf. Die Frau hörte seine Schritte durch das Haus bis zur Hintertüre; dort verhielt er eine Weile, kam dann zurück und legte sich kopfschüttelnd nochmals hin.

Kurz darauf stand die Frau auf. Seffes sah sie frösteln, während sie vor der Spiegelscherbe die schweren Zöpfe aufsteckte und unter dem Kopftuch barg. Er langte hinüber und strich ihr über die Schultern, die voll und bräunlich aus dem Ausschnitt des groben Leinenhemdes schimmerten. »Kalt ist's da bei uns, nie so viel Sonne wie bei euch derheeme!« meinte er, gutmütig tröstend.

Die Frau bog sich der Hand entgegen, als wollte ihr ganzer Körper die Liebkosung auffangen. Die schöne Fremdheit der Katzenart fuhr dem Mann ins Blut, er griff fester zu, und Anka, demütiges Glück in den Augen, beugte sich über ihn, daß er ihre feste, weiche Brust an seiner Wange fühlte. Im nächsten Augenblick aber hielt er sie mit gestreckten Armen von sich, lauschte mit abwesendem Blick und sprang mit einem gemurmelten »Etz kommen se!« nochmals auf. Mit wenigen hastigen Griffen war er in den Kleidern und zwängte auf der Ofenbank in der Stube noch die Langschäfter über. Anka huschte unterdessen schon an ihm vorbei, er hörte sie im Flur mit dem Melkeimer klappern und gleich darauf aus dem Stall das tiefe Muhen, mit dem Weißkopf und Tambor, die beiden Kühe, sie begrüßten. Wenige Atemzüge später war sie aber schon in der Stube zurück, mit der geflüsterten Meldung: »Jossip, die Förster sind draußen!« Eine wilde Entschlossenheit klang daraus, die deutlich genug verriet, daß Anka bei ihrem Mann niemals nach Recht oder Unrecht fragen würde, sondern nur, wie und gegen wen ihm zu helfen sei. Er fühlte einen sehr männlichen Stolz auf so viel Liebe, zugleich aber war er im Innersten dumpf erschreckt über die Ungleichheit ihrer Grenzen: er wußte genau, wieviel mehr ihm Gehorsam und Unterordnung im Blute lagen.

Die Förster – mit denen hatte er nichts zu schaffen, und sie hatten nichts von ihm zu wollen. Er stand mit betonter Langsamkeit auf und reckte sich erst gründlich, ehe er in den Flur ging und durch das Oberfenster der Stalltüre den Hang hinter dem Hause hinaufsah. Wo der Rückerweg vom Nesselkamm auf die Felder herauskam, einen guten Steinwurf weit weg, standen die Förster in einer Gruppe und studierten etwas auf dem Boden, was er nicht erkennen konnte.

 

Die Förster hatten strengen Dienst hinter sich: nach dem nächtlichen Aufstieg und wenigen Stunden Schlaf in der Baude waren sie beim Morgengrauen aufgebrochen, um den Keilgraben kreuz und quer nach dem Anschuß von gestern abzupirschen, und waren wirklich bald an eine Schweißlache geraten, die glasig rot im Schnee leuchtete. Aus dem Nebenher war nicht recht klug zu werden; weitum spürte sich kein Wild, das Rehwild stand jetzt im Winter in tieferen Lagen, und das Hochwild hielt seine Wechsel ein, von denen der nächste gut dreihundert Schritte weit weg aus der großen Keildickung herüberkam. Auf was also hatte der Kerl geschossen? Bei ruhigem Wetter hätte man in dem Rückerweg, der vom letzten Schlitten des Vorabends blankgefegt war, alles abspüren können; so aber hatte der scharfe Wind gerade so viel Eisnadeln darübergestäubt, daß die Feinheiten zugeweht waren und nur die Schweißlache noch stand.

Schließlich hatte der Oberförster seinen Lodenkragen aus dem Rucksack gezogen, den einen Zipfel angefaßt und den andern dem Hackenbergförster mit einem Wink zugereicht, der gleich verstanden wurde: Hackenberg trat auf die Bergseite hinüber, und sobald der Mantel ausgespannt zwischen ihm und dem Oberförster hing, begannen sie ihn langsam zu schwingen, daß von dem Luftzug die Schneestäubchen in der Bahn auftanzten und wegflogen. Bald begannen sich in der freigelegten Unterschicht die Umrisse einer Menschenfährte abzuzeichnen, grobe Stiefel mit geflickten Sohlen, der quergenagelte Fleck hatte sich deutlich abgedrückt. Man sah die Fährte heraufkommen, bei der Schweißlache mit tiefem Einriß anhalten, dann etwas umtreten und den gleichen Weg wieder zurückführen, sie brauchten nur nachzuhängen. Der Oberförster und der Amtsarzt hielten sich an der Talseite, der Adjunkt, Hackenberg und der Schwarze Vogel, der von der Baude mitgekommen war, gegenüber, daß der Weg in der Mitte unbetreten blieb. Von Zeit zu Zeit fanden sie Schweißspritzer, manche nur hauchfein, aber auf dem Schnee waren sie doch zu sehen; etwa hundert Schritte bergab stand wieder eine große Schweißlache im Schnee, der Oberförster beugte sich darüber und pfiff durch die Zähne. Das wiederholte sich noch zweimal, dann bog die Fährte von der Rückerbahn in einen Richtweg ab, der steil ins Dorf hinunterführte, im Winter jedoch wenig begangen war. Vom letzten Tauwetter her standen noch tiefe Löcher mit festgefrorenen Rändern, in denen war der Kerl hinuntergestapft, mühsam genug, auch den Förstern wurde heiß bei der Nachfolge. Die Schweißspritzer mehrten sich bis zum Waldrand hinunter, wo wieder eine Lache stand. Dann aber zeigte die Fährte nicht ins Dorf hinunter, sondern hielt sich am Walde hin und zog auf schneefreien Rainen über zwei, drei Gräben weg immer talaufwärts, bis sie oberhalb des Zehnten Grabens in scharfem Knick in den Rückerweg einbog, der vom Nesselkamm herunterkam und nahe bei Jachimseffens Häusla vorbeiführte. Dort war die Fährte, bei einer letzten Schweißlache, tief ausgeprägt, der Kerl mußte lange dagestanden haben, ehe er weitergemacht hatte, mit unsicheren, stolprigen Schritten. Die Förster berieten stumm, bis das Adjunktle die Luft nicht mehr halten konnte vor Aufregung und flüsternd herausplatzte: »Der Jachimseffes – der Friede?« Der Oberförster hatte eine knurrige Handbewegung, die den Gedanken in alle Winde schlug: er kannte seine Leute, der da raubschützte nicht! Gewiß war ihm der Kerle tags zuvor großmäulig gekommen – aber ihm deswegen heute auf die Bude rücken und den Herrn fühlen lassen? Nee, das tat der alte Schubert nicht, die Schikaniererei lag ihm nicht, das war sein schönster Zug.

Dem Adjunktle lief das frostrote Gesicht noch dunkler an, vor lauter Beschämung. Erst nach einer Weile meinte der Schwarze Vogel mit einem Blick zum Häusla hinüber bedächtig: »Aber wissen könnt er was!« Da ging unten die Türe neben dem Stall, der Seffes stand auf der Schwelle und sah herauf. Der Oberförster bemerkte ihn nicht gleich, der Schwarze Vogel mußte ihn erst durch ein leises Räuspern und einen Blick darauf hinweisen, was hinter seinem Rücken vorging. Als sich der Alte umwandte, nickte der Seffes, es konnte ein Gruß sein, Worte waren nicht zu verstehen. Der Oberförster nickte zurück und winkte: da kam der Seffes den Berg heraufgestiefelt; er hatte den knieweichen Berglerschritt noch nicht ganz wieder, vom Militär steckte ihm noch der Marschtritt in den Knochen.

Die Förster merkten, wie im Näherkommen sein Blick sich an der Schweißlache festsog und mit einmal seltsam ausdruckslos wurde. Keiner wagte zu sprechen, doch nicht nur aus Scheu vor dem Oberförster. In fünf Schritt Abstand blieb der Seffes stehen und wartete stumm und so unbewegt, daß sogar der Oberförster die gewohnte Selbstsicherheit schwinden fühlte. Verdammte Augen hatte der Kerle schon, wie Stein oder Glas! Endlich faßte der Oberförster mit einem Blick und einer kurzen Handbewegung den ganzen Sachverhalt, die Fährte, die Schweißlache und die Nähe des Friedehäuslas, zusammen und stieß dazu ein Knurren aus, das etwa die Frage bedeuten konnte, ob und was der Seffes zu sagen wisse.

Der Seffes verstand auch sofort, was von ihm verlangt wurde, hob den schweren Blick und brachte langsam hervor: »Ich weiß nie mehr als ihr alle: vo' ken Vieche is das Blut nie, und vo' ken Wilde aa nie!«

Die Förster vermieden es, einander anzusehen, um sich nicht mit Blicken zu verraten. Der Oberförster hob gar das Fernglas an die Augen und ging die Urlichkoppe ab, ehe er obenhin weiterfragte: »Von wem denn dann? Kennt Ihr den Mann?«

Als keine Antwort kam, fragte der Oberförster schärfer: »Wo ist er hin?«

Der Seffes kaute an der Lippe und klopfte nachdenklich mit der Fußspitze in den Schnee; dann ließ er die Augen weit wegwandern und gab zurück: »Laßt doch den Mann zu Ruhe – was wollt ihr von ihm?« Als hätte er weit draußen über dem Kamm eine Botschaft gelesen, fügte er fröstelnd hinzu: »Der braucht nie mehr sagen: ›Gott soll mich strafen!‹ – der is schon gestraft genug!«

Nun mischte sich der Amtsarzt ein: »Was wißt Ihr davon? Habt Ihr ihn verbunden?« Er war nahe daran, heftig zu werden, als der Angeredete nur stumm den Kopf schüttelte, ohne ihn anzusehen, und fluchte los: »Kreuzelement und Fixlaudon –« Doch diesmal war es der Oberförster, der zur Besinnung mahnte, mit einem halblauten »Laß gut sein, Rudolf!« Es wurde hohe Zeit, die Beratung hier im Freien abzubrechen, aus den Schornsteinen der Häuslan wirbelte der erste Kaffeerauch, jeden Augenblick konnten die Holzrücker zur Arbeit ausmarschieren. Vielleicht war es ohnehin schon durch ein paar Hinterfenster beobachtet worden, daß die halbe Jägerei im Morgengrauen da herumstand und spintisierte. Hatte die Fährte bis hierher geführt, so würde sie auch weiter zu halten sein, nur war keine Zeit zu verlieren, damit nicht erst die vielen Füße alles vertraten. Da flüsterte Seffes etwas, und die Herren, die sich schon halb zum Gehen gewandt hatten, fuhren herum: »Wie? Was sagt Ihr?«

»Ich hab's gespürt heute nacht, daß einer was will von mir«, wiederholte der Seffes wie im Selbstgespräch, »aber ich konnte nie erkennen –«

Da riß es den Hackenbergförster auf, er warf einen Blick auf den Weg zurück, als wollte er sich nochmals vergewissern, daß der Schweiß wirklich rechts von der Fährte lag, dann beugte er sich zu dem einen Schritt tiefer stehenden Oberförster vor und zischelte, mit dem Finger deutend: »Das is kee andrer wie der Zeugschmiededeward, da wollt ich den Kopf dafür geben! Der da hat's ihm ja beim Frankewirt wahrgesagt!«

Der Seffes schlug mit der Hand, als wollte er die Worte dem Förster in den Hals zurückjagen, knurrte dann einen halben Gruß und stapfte ohne weiteres bergab. Das mußte als Eingeständnis gelten, Hackenberg wollte frohlocken, doch der Oberförster wies ihn mit einem Wink zur Ruhe und gab seine Befehle: die drei Beamten sollten sofort bis zum Anschuß zurückgehen, die Fährte, besonders allen Schweiß, sorgfältig verwischen und anschließend ihren gewohnten Dienst machen, um jedes Aufsehen zu vermeiden. Die Nachsuche im Dorf wollte der Oberförster mit dem Amtsarzt übernehmen, das war am unauffälligsten – vielleicht kam auch der Arzt schon zu spät!

Dabei setzte er sich schon mit dem Freunde in Marsch, sah aber noch aus dem Augenwinkel, wie die drei Beamten mit dem befohlenen Verwischen der Fährte begannen und dabei die Köpfe ganz tief zusammensteckten. Der Schwarze Vogel, die alte Ratsche, kratzte sich gar hinterm Ohr und wedelte danach mit der Hand, als hätte ihm der Leibhaftige übern Weg gesächt.

»Talkiger Bär!« schimpfte der Oberförster, und sein Freund hielt sich nicht mit Fragen auf, wer eigentlich gemeint sei, und tat von sich dazu: »Wenn ich dem Kerle draufkomm, daß er Fisimatenten macht, dann –« Ein Lufthieb mit dem Jagdstock sagte das übrige.

Danach wurde nicht mehr gesprochen, die Fährte nahm alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Schweißspritzer wurden seltener, und auf dem so nahe beim Dorf glattgetretenen Weg war auch der Abdruck der Sohle mit dem Querfleck nur alle sechs, acht Schritt kenntlich. Aber es stimmte schon: die Fährte ging zur Straße hinunter und bog dann gerade zu Edewards Häusla ab, man sah es genau, daß der Mann zur Hintertüre hinumgetappt war und auf dem Hauklotz vor der Holzlege gerastet hatte, wohl bis die Frau aufmachen gekommen war.

Der Oberförster ging ohne viel Umstände an die Hintertüre und rappelte an der Klinke. Sofort hörte man im Hause eiliges Trappen nackter Füße auf den Steinfliesen, dazu die unbestimmten kleinen Laute zwischen Keuchen und Weinen, wie sie ratlose Frauen haben. Als der Oberförster gegen die Türe stieß: »Ine, da macht halt uf, zum Kreuzelement –« kam es weinerlich zurück: »Ine Jeses, der Herr Oberförster, gleich, gleich, gnädiger Herr, ine jechich doch –«

»Etz loßt och das versuchte Geflenne und macht amol uf, sonst will ich Euch anders kommen, verjucht noch amol!«

Da wurde das Weinen ganz hoch und wortlos, die Schritte kamen näher, und die Türe ging auf. »Wo is denn der Mann?« fragte der Oberförster im Eintreten barsch, schickte aber ein milderndes Knurren nach, als er der offenbar völlig verzweifelten Frau ins Gesicht sah. Die Edewardin hatte die Schürze an die bebenden Lippen gepreßt und weinte, daß es sie richtig stieß, es war grausam anzuhören. »Hm!« brummte der Oberförster nochmals, und forderte durch einen Blick den Amtsarzt auf, das Reden zu übernehmen. Aber auch Frenzel war kein großer Held vor Weibertränen, er brachte die gewohnte Grobheit gar nicht zuwege, sosehr er sich anstrengte.

Die Frauen im Oberdorfe hätten ja alle ein Jungbörnla gebraucht, die schwere Arbeit und das Kinderkriegen dazu verbrauchten sie wer weiß wie schnell, sie brannten förmlich weg wie die Kienspäne, die an beiden Enden angesteckt sind. Gute Zähne waren eine Seltenheit – manche kauten ja schon als Madlen auf den nackten Kiefern. Mit den Haaren war es auch nicht weit her, und die Figur – och jechich nee!

Aber die Edewardin, noch keine dreißig alt, das Weibla, sah doch schon so gottsjämmerlich aus, daß einem alle Todsünden einfallen konnten, wenn man sie ansah. Dürr und welk, mit Zahnlücken und schütteren Zöpfen und einem Blick wie ein alter Karrengaul, der sich eben noch auf den Beinen erhält. Und war doch ein so strammes Madle gewesen wie nur eine, die Streit Karline, aber das Verheiratetsein war ihr gar zu schlecht angeschlagen.

Schließlich standen der Oberförster und der Amtsarzt zu beiden Seiten der Frau, klopften ihr ein wenig den Rücken und redeten ihr brummig zu: »Ine versucht noch amol, da hört doch das Geflenne uf! – Is's denn gar aso schlimm?«

Aber mit der Güte ist es eine eigene Sache, wer sie nicht gewohnt ist, dem bekommt sie nicht. Und die Edewardin heulte als ganze Antwort auf das Zureden so fürchterlich, daß man meinen konnte, es müßte ihr das Ingeräusch davonschwemmen. Es war wohl auch viel alter Jammer dabei, ine ja.

Der Oberförster und der Amtsarzt, natürlich, hielten es nicht ewig aus, ganz umsonst waren sie ja nicht bekannt für die Grobheit. Und wie die Edewardin grade wieder im schönsten Blasen war, da riß den beiden Herren, bereits auf die Sekunde zugleich, die Geduld, man hörte es ordentlich schnappen. Der Oberförster tat einen fürchterlichen Fluch, und der Amtsarzt setzte gleich noch einen drauf, daß es der Frau vollends den Atem verschlug. Sie folgte stumm und zitternd in die Stube. Als der Oberförster auf die Kammertüre zuging, wollte sich das Weinen wieder melden, aber er stampfte nur mit dem Fuß auf, und es war gleich still. Dann schlug er die Türe auf –

Ja, und da kam es ja heraus, was in der Nacht geschehen war, die Edewardin war noch nicht dazu gekommen, die Spuren zu beseitigen, weil sie mitten im größten Schmerz doch zuerst an das Verrichten im Stall gedacht hatte.

Über der Stuhllehne hing eine Männerjoppe, der rechte Ärmel an der Achsel ganz zerfetzt und durchblutet. Auf dem Boden lag ein zerfetztes Männerhemd, ganz dunkel und bretthart von Blut. Der Oberförster sah noch etwas unter dem Bett, bückte sich danach und zog es hervor: da war es ein alter Vorderladerstutzen, an der Laufmündung ganz mit Blut bekrustet.

Die beiden Herren gingen nach einem Rundblick in die Stube zurück und blieben vor der Edewardin stehen, die, halb am Vergehen, auf der Ofenbank hockte. Sie erklärte mit einem trübseligen Nicken, daß sie antworten wollte, aber es zeigte sich bald, daß sie nicht allzuviel wußte: Der Edeward war gegen Morgen heimgekommen, ganz grau im Gesicht, wie der leibhaftige Tod, sie hatte ihn bald nicht erkannt, wie er so auf dem Hackklotze saß. Die rechte Hand hatte er im Jackenaufschlag stecken, wie er sie in der Kammer drin mit der Linken herauszog, fiel sie gleich nieder, und das Blut »kam och aso aus'm Ärmel rausgekluckert!«

Die Edewardin wußte nicht, wie der Mann zu dem Unglück gekommen war, hatte auch nie eine Ahnung gehabt, daß er raubschützen ging, sonst hätte sie ihm wohl beizeiten die Schwungfedern ausgerauft, jechich, jechich doch. – Hier wollte das Weinen sie nochmals überfallen, doch die Herren ließen es nicht zu, die Sache mußte erst ausgeredet sein.

Nein, er hatte gar nichts gesagt, rein nichts, hatte nur den Stutzen unters Bett geschoben, sich dann aus der Joppe und dem Hemde helfen lassen, und wie sie den Arm gesehen habe, ganz schwarz von Blut, da sei ihr so schlecht geworden, daß sie selber fast umgefallen wäre. Aber der Mann habe sie gleich aufgescheucht, sie habe Leinwandlappen holen müssen, die habe er sich um den Arm gewickelt und mit der linken Hand und den Zähnen festgezogen, weil ihr selbst die Hände so sehr gezittert hätten, der Arm sei ja unterm Gelenkappel ganz abgewesen und habe gerade nur gebaumelt.

»Wo ist der Edeward?« wollte der Amtsarzt wissen und schlug schon die Ärmel hoch. Auf die Antwort der Frau aber blieb er mit offenem Munde stehen und sah zum Oberförster hin. »Fort is er«, wimmerte die Edewardin, »ei de Stodt nei, der Arm muß doch weg, säht a, und das muß der richtige Dokter machen!«

»Zu Fuß?« brachte der Arzt nach einer Weile heraus und die Frau nickte. Dann überwältigte sie wieder der Gedanke, wie es nun werden sollte, wenn der Vater wirklich den Arm verlor, sie weinte auf, und niemand verwies es ihr. Die Freunde hielten nur mit Blicken Zwiesprache – dies hier überstieg selbst ihre Begriffe von der Härte der Oberdörfler: mit dem abgeschossenen Arm die anderthalb Stunden vom Keilgraben herunter, dann mit einem Notverband gleich weiter in die Stadt, fünfzehn Kilometer.

»Ich fahre sofort nach!« erklärte Frenzel. »Ich muß wissen, wie die Sache ausgeht!« Der Oberförster nickte ihm nur zu und schärfte der weinenden Frau zum Abschied ein, sie solle schleunigst Ordnung machen. Dann nahm er im Hinausgehen den Wildererstutzen an sich, Frenzel aber Jacke und Hemd als Beweisstücke.

Darüber fing die Frau neu zu weinen an, und der Amtsarzt hielt es zuerst für Angst vor dem Gericht, erkannte dann aber, daß auch einfach der Verlust der beiden Kleidungsstücke ihr naheging. Man soll nie sagen, daß man weiß, was Armut ist! dachte er beschämt, fingerte zu dem einen Gulden, den er ohnehin schon in der Hand gehalten hatte, noch einen zweiten hervor und drückte sie der Frau in die Schürze. Sie hatte sicher wer weiß wie lange kein Geld mehr im Hause gehabt, starrte mit offenem Mund auf die Silbermünzen und wollte eben in Danksagungen ausbrechen, da klappte schon die Türe ins Schloß.

 

So klingelte am lichten Vormittag der Oberförsterschlitten durch die Dörfer hinunter. Die Pferde, gut ausgeruht und gefüttert, gingen scharfen Trab, die Frida machte großes Orchester dazu. Die Herren hatten sich nach der bösen Nacht mit einem raschen, doch immer noch ausgiebigen Frühstück gestärkt, nun fuhr es sich, in dicken Pelzen und Fußsäcken, ganz schön durch den Wintertag, an einem andren Tage hätten sie einander sicher Geschechtlan erzählt oder wenigstens ein paar Kraftworte über dies und jenes getauscht und in ihrem satten Baß gelacht dazu – wenn Schubert lachte, da war's, wie wenn a Orgel stottert, hieß es in den Dörfern. Heute aber saßen sie stumm in sich gekehrt, sie dachten wohl daran, wie dem andern, wenige Stunden zuvor, der Weg sich gezogen haben mochte. Aber zu reden war nicht darüber, selbst für die nächsten Freunde ging es dabei allzusehr auf Messers Schneide. War das Leben auch noch so hart, so mußte beim Unrecht doch jedes Mitleid aufhören! Hätte er selbst den Edeward mit Gewehr im Wald getroffen – wer weiß! – Der Oberförster schnaufte grimmig auf bei dem Gedanken. Gleich darauf schüttelte er den Kopf, weil ihm die verzweifelte Frau einfiel, die bestimmt keine Schuld hatte, und die Hungergesichter der Kinder.

»Ja, 's ist schwer!« sagte Frenzel neben ihm, als hätte er alles gehört; ihm ging es wohl ähnlich mit seinen Gedanken.

In der Stadt fuhren sie zuerst bei Frenzel vor und hörten gleich, frühmorgens, um die achte Stunde, habe ein Mann nach dem Amtsarzt gefragt. Namen habe er nicht genannt, aufgefallen sei auch nichts an ihm. Wie er ausgesehen habe? »Wie die Dorfleute alle – ärmlich – und blaß –« berichtete das Mädchen Berta und wagte Schmollippen. Sie träumte von den schnippischen Zofen, wie sie in den Romanen, die sie ihrer Gnädigen heimlich entlieh, oft geschildert waren, in schwarzem Kleid, Zierschürze und Häubchen, Vertraute der Frau, dem Hausherrn eine Augenweide und Verlockung. Es zeigte sich gleich wieder, wie anders die Wirklichkeit war, denn Frenzel, der mit seiner Rosalie wegen des Nobeltuns in steter Fehde lebte, ohne sie bessern zu können, war doch keineswegs gewillt, auch dem Mädchen Berta etwa Dummheiten hingehen zu lassen. »Sei du och eenzich stille, von ›ärmlich‹ und ›blaß‹«, grollte er. »Wie du zu uns gekommen bist, haste selber ausgesehen wie a Dörrzwetschge, und gar nie gewußt, was Sattwerden heißt, tälische Ziege, und jetzt möchtest du von ärmlich reden? Ruf amol die Frau her!«

Aber Frau Rosalie war im Schlafzimmer, Berta hatte ihr eben das Frühstück ans Bett gebracht, wie sie ängstlich, doch nicht ohne Trotz meldete. Die grobe Art des Herrn war ihr keine Freude, aber auch kein allzu großer Schreck, ernsthaft geschehen würde ihr nichts, dafür sorgte ihre Gnädige, die Verschwiegenheit zu belohnen wußte.

Frenzel packte die jähe Wut, die ihn daheim so oft befiel, wenn ihm der heillose Gegensatz zwischen dem Puppendasein der kinderlosen Frau und dem tapfer getragenen Elend der Dörfler zum Bewußtsein kam. Er lief rot an, schnappte nach Luft zu einem wütigen Ausbruch, begnügte sich dann aber damit, auf dem Absatz kehrtzumachen und die Haustüre ins Schloß zu schmettern.

Der Oberförster, der im Schlitten geblieben war, sah ihm nur kurz ins Gesicht und ließ dann bedeutungsvoll die Augendeckel fallen. Ein gemurmelter Fluch bewies vollends, daß er ohne weiteres verstanden hatte.

Danach fuhren sie bei Dr. Hoffmann vor, mit dem der Amtsarzt gegenseitige Vertretung für die Privatpraxis vereinbart hatte. Ehe noch der Kutscherfranz vom Bocke geklettert war, um im Hause nachzufragen, ging schon im Oberstock das Fenster mit dem kleinen Spion auf, hinter dem die Frau Doktor gerne an ihrem Nähtisch saß, eine geborene Geßner, nebenbei, von der Lohmühle in Niklasdorf; eine sehr geschäftige Frau, die ewig zu tun hatte, vor allem an sich selbst: auch jetzt wieder hatte sie nicht genug Hände, denn einmal wollte sie doch den wollenen Umhang am Halse zuhalten, gegen die Winterluft, eine Hand hatte sie vor dem Mund, ebenfalls gegen die Luft, aber auch, weil ihr beim Vornüberneigen das Gebiß niemals sitzenbleiben wollte; na, und schließlich riß ihr der Wind den Fensterflügel aus der Hand und verrutschte ihr das Häubla, dagegen mußte auch etwas geschehen. Sie sprach schon für gewöhnlich so hoch und gorgelig, die Leute hießen sie die Kullerhenne, aber jetzt plusterte sie's nur so heraus: »Grüß Gott, Herr Amtsarzt, mein Mann macht Besuche, Sie kommen wohl wegen dem Verletzten fragen, von heute früh – dem hat der Meinige einen Notverband gemacht und hat ihn weitergeschickt, ins Krankenhaus, der Arm ist ja total ab, schrecklich, schrecklich! – Nein, dieser Wind!« juchzte sie, weil ihr das schlagende Fenster fast den Kopf eingeklemmt hätte. Der Amtsarzt winkte hinauf, sie sollte sich nicht weiter bemühen, und stupfte zugleich den Kutscherfranz in den Rücken: »Ins Krankenhaus, schnell!«

Dort war die Operation schon vorbei, der Edeward lag in den Nachwehen der Narkose und erkannte sie nicht, oder tat doch so. Dr. Kippe, dem sich der Amtsarzt melden ließ, war sehr förmlich: »Patient will auf einem Waldgang von unbekanntem Täter angeschossen sein –« Auf ein wütendes Räuspern des Oberförsters wehrte er mit der Hand ab: »Oh, bitte: relata refero! Die Begleitumstände gehen mich nichts an. Oberarmmuskulatur war jedenfalls zerrissen, Knochen zersplittert, Axillaris wie durch ein Wunder unverletzt. Trotz sehr starkem Blutverlust erschien sofortige Amputation indiziert –«

»Verzeihung, Herr Kollege«, unterbrach ihn der Amtsarzt, »nach der Aussage, die der Patient Ihnen gemacht hat, tut es mir doppelt leid, daß wir zu spät gekommen sind. Die Aussage ist falsch und gefährlich und muß unbedingt widerlegt werden! Den Patienten brauchen wir dazu vorerst nicht – es genügt, wenn wir den Arm sehen!«

Das war so grimmig hingesagt, daß Dr. Kippe sich mit einem stummen Achselzucken als Entgegnung begnügte und den Weg zum Operationssaal vorausschritt. Dort konnte der Amtsarzt endgültig feststellen, was nach dem Befund von Hemd und Jacke in Edewards Häusla schon klar genug gewesen war: der Mann mußte sich selbst angeschossen haben, der Schuß war an der Innenseite des Arms, genau von unten nach oben und aus unmittelbarer Nähe abgefeuert worden. Der Amtsarzt nahm ein genaues Protokoll darüber auf, und als er es nach dem Vorlesen Dr. Kippe zur Unterschrift hinschob, meinte er: »Es ist danach wohl selbstverständlich, Herr Kollege, daß Sie die offenkundig unwahre Angabe des Patienten mit keinem Wort mehr erwähnen – in Ihrem eigensten Interesse! Das Domkapitel wünscht keine Wildererskandale und versteht gar keinen Spaß mit den Urhebern solcher Gerüchte, das wissen Sie doch?«

Dr. Kippe wußte es, sein betroffenes Gesicht zeigte es gut genug. Doch der Amtsarzt konnte sich, in Erinnerung an das Stammtischgespräch vom Vortage, einen letzten Gnadenstoß nicht versagen: »Es ist ja nicht ganz verständlich, wie dem Zwiener, angesichts des sonnenklaren Befundes, seine Lüge auch nur einen Augenblick geglaubt werden konnte! Wenn der Herr Oberförster nun Selbstanzeige erstattet, um im eigenen und im Namen seiner Beamten die böswillige Verleumdung zurückzuweisen –«

Das traf ins rote Leben, Dr. Kippe wurde sehr eifrig und versicherte, es liege ihm natürlich durchaus fern, irgendwelche Unannehmlichkeiten hervorzurufen, er habe die Sache nur gesprächsweise erwähnt, mehr als Beispiel für die Verlogenheit der Leute hier –.

Aber damit hatte er wieder kein Glück, eine allgemeine Verlogenheit wollte keiner der Freunde gelten lassen. »Die Lumpen sind überall verlogen«, schnaufte der Oberförster, »und von denen gibt es hier bestimmt weniger als anderswo!«

»Und was ein Mensch, halb ohnmächtig vor Schmerzen und Angst, daherplaudert«, gab der Amtsarzt noch schnell hinzu, »das braucht ein Gesunder noch lange nicht zu glauben!«

Dr. Kippe konnte nur lächelnd zustimmen, oh, gewiß, natürlich! Aber der Blick, den er dazu unter halbgesenkten Lidern hervorschoß, zeigte deutlich genug, daß er von da an auf die Gelegenheit lauern würde, die Rechnung glatt zu machen.

Die Freunde schienen nicht viel darauf zu geben, sie verabschiedeten sich recht unbefangen, und der Amtsarzt erklärte noch, er wolle gelegentlich nach dem Patienten sehen – bis dahin aber werde wohl der Herr Kollege freundlichst dafür sorgen, daß die dumme Geschichte nicht weiter die Runde machte?

Dr. Kippe wollte dafür sorgen, gewiß! Als er die Herren durch den breiten Mittelgang bis zur Türe geleitet hatte und nach seinem Zimmer zurückkehren wollte, führte ihm der Zufall den Operationsdiener Johann in den Weg, dessen Hang zu Vertraulichkeiten dem Oberarzt besonders verhaßt war. »'tschuldigen, bitte«, flüsterte Johann, »hat er ihn persönlich hinaufgeschossen?«

»Wer? Wen? Wovon reden Sie?« schnarrte der Arzt.

»Na, der Herr Oberförster – den Zwiener halt«, erklärte Johann, flüchtete aber schleunigst in ein entschuldigendes: »Ich frage ja bloß!«

Dem Oberarzt kam es nicht ungelegen, er trat knapp vor den Mann hin und zischte ihm zu: »Erstens haben Sie gar nichts zu fragen, sondern Ihren Dienst zu tun, verstanden, und den Mund zu halten! Und zweitens hat den Zwiener niemand angeschossen als er selbst – und wenn ein Wort hier aus der Anstalt hinausdringt, das anders lautet, dann fliegen Sie augenblicklich nach und jeder andre dazu, der sich mitschuldig macht!«

Dem Johann verschlug es völlig das Zwangsdeutsch, das er sonst gerne brauchte, um seinen Worten wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Er japste wie unter einem Kaltwasserguß und stotterte endlich dem davongehenden Oberarzt nach: »Ine jekersch, Herr Dokter, do verzeihn Se och, jechich, jechich noch eens –«

Dr. Kippe hielt sich nicht damit auf, den Triumph auszukosten, er war schon in seinem Zimmer und knallte eben die Türe ins Schloß.

Draußen auf der Straße ging der Oberförster mit dem Amtsarzt noch einige Schritte auf und ab, ehe sie wieder in den Schlitten kletterten. Sie hatten einander untergehakt, steckten die Köpfe zusammen und zischelten – es sah nicht eigentlich nach Kummer und Sorgen aus.

»Er wollte mich drankriegen, aber 's Kalb kam ärschlich«, grinste der Oberförster. »Weil ich ihn gestern ausgelacht hatte, wollt er mir die Stänkerei mit dem angeschossenen Wilderer einrühren –«

»Und hat vor lauter Gift das Domkapitel vergessen!« ergänzte Frenzel und schüttelte sich in lautlosem Lachen. »Wenn er den Herren an die Kommode sächt, da könnten ihn der Bruder Prälat und der Herr Beichtvater auch nicht retten, das hat er grade noch begriffen!«

Der Oberförster spuckte zur Bekräftigung inbrünstig in den Schnee, wurde dann aber plötzlich ernst, blieb stehen und faßte den Freund beim Pelzaufschlag: »Mit dem Zwiener war die Sache so: er hat den schußfertigen Stutzen an den Körper gedrückt getragen, mit der Mündung unter der Achselhöhle. Dann ist er gestolpert oder sonstwie zusammengefahren, und der Schuß ist losgegangen!«

»Sonnenklar – der Hemdärmel zeigt an der Innenseite den verbrannten, pulvergeschwärzten Einschuß, der Jackenärmel aber nicht, erst der Ausschuß geht durch beide durch!«

»Richtig! Und weißt du was? Du, als Amtsarzt, bist zufällig dazugekommen, hast Jacke und Hemd beschlagnahmt und lieferst sie jetzt, samt dem Protokoll aus dem Krankenhause, beim Staatsanwalt ab, damit der gleich im Bilde ist. Im Vertrauen, Rudolf: wenn's auch wahr ist, daß sich der Kerle selber angeschossen hat – glauben wird's doch kein Mensch in den Dörfern!«

Unter des Freundes fragendem Blick ergänzte der Oberförster listig: »Es schadet aber gar nischt, wenn sie glauben, daß es die Förster waren – das schreckt besser ab!«

Dann stiegen sie ein und fuhren zum Stammtisch in die Traube.

 

In jenem Jahre hatte es zu Silvester, mitten in der Nacht, gedonnert und geblitzt. Gewitter in Schnee und Eis sind immer schlimm, das weiß jedes Kind, aber gar in der Silvesternacht, in der ersten Stunde nach Neujahr –! Da waren in vielen von den Häuslan die Muttern aufgestanden und hatten die geweihten Kerzen angezündet, manchenorts war auch die ganze Familie vor der Heiligenecke in der Stube hingekniet zu einem gemeinsamen Rosenkranz. Dabei horchten sie alle zum Wetterloche hin, die enge Bergschlucht zwischen Ziegenrücken und Uhu, wo es nur immer bummerte und rumorte, als wenn die blanken Teufel dort am Kegeln wären. Die Kinder plärrten vor Angst, aber auch den Großen war nicht geheuer, es war eben gar zu grausam, die fürchterliche Kälte, und dazu ein Gewitter, ine jechich, doch!

Am Neujahrstage war die alte Maiermutter ins Hochamt gekommen, die sonst kaum noch ausging. Sie war im sechsundachtzigsten Jahre, Gott befohlen, die hatte Zeit genug gehabt, richtig was innezuwerden. Und wie nach dem Amte die Leute ganz verschüchtert auf dem Kirchplatz standen, denn auch der Herr Pfarrer hatte von den Zeichen gepredigt, mit denen der Herr seinen Zorn kundtut, da war die Maiermutter, die am Arme ihrer Enkeltochter daherkam, mitten auf dem Platze stehengeblieben und hatte gesagt: »Leutlan, Leutlan, an den Silvester wern w'r noch ofte gedenken!« Das war der Gemeinde wie aus der Seele gesprochen, denn alle waren voll Angst und Ratlosigkeit.

Es hatte ja gleich böse angefangen, indem der Seifertkaufmann erklärte, er wollte zunächst keinen Kredit mehr geben und Spargelder nur zu geringerem Zins annehmen. Die nächste Sparkasse war erst in der Stadt drin, und da gingen die Leute, wenn sie wirklich einmal ein paar Kreuzerlan übrig hatten, nur zu Seiferten und gaben ihm das Geld in Verwahr; Schriftliches wurde darüber nie gemacht, der Seifertkaufmann war ein gewaltiger Mann und, alles was recht ist, wenn einer sein Geld zurückverlangte, da bekam er es gleich, und immer waren ein paar Kreuzer dazugewachsen, als Zins. Daß Seifert jetzt weniger zahlen wollte, war nicht so fürchterlich, die Leute konnten es ja doch nicht nachrechnen, daran dachte keiner. Aber kein Kredit mehr, mitten in der schlimmsten Zeit, wo die Kühe wenig Milch gaben, die Hühner nicht legten und die Männer an den kurzen Tagen wenig verdienten und vor lauter Schnee und Sturm oft gleich gar nicht in den Wald konnten?

Ine, es mußte ja doch gehen, und es ging auch. Schwefelhölzlan und Petroleum waren so noch nicht lange aufgekommen – war kein Geld mehr dafür da, dann mußte eben wieder Stein und Zunder her, das ging ganz schön, und aus trockenen Buchenscheitern konnte man sich mit dem Hobel immer noch so viele Schlessen stoßen, daß man was zu brennen hatte und nicht im Finstern sitzen mußte. Der Kaffee – ine ja, das war schon ank marterlich, daß der auch fehlen sollte. Aber wenn's keinen gab, da brauchte man auch keinen Zucker und hielt sich wieder an die Brennsuppe. Und wenn das Mehl gerade nur zum Brote reichte und nicht mehr zur Suppe, da brockte man eben das Brot in heißes Wasser, mit Kümmel und Salz, das war auch nicht zu verachten, ine ja!

Das waren alles nur die kleinen Kümmernisse, nichts Ungewohntes im Grunde, und wie die Runzelnächte und Dreikönig und schließlich auch Lichtmeß vorübergingen, da wollten von den jüngsten Leuten manche zu zweifeln anfangen, ob das Gewitter damals – Aber die Alten verwiesen es ihnen balde und sprachen von Gottes Ratschluß.

Und natürlich behielten die Alten recht, auch wenn man das Unglück mit dem armen Kohlstreit gar nicht zählen wollte. Es war ja auch nichts Seltenes, daß es einen von den Holzrückern erwischte, und es gab weit und breit in den Wäldern gar manches Bildstöckla so wie das eine, das die Holzmacher dem Kameraden gesetzt hatten, und wo die ganze Begebenheit mit bunten Farben schön auf Blech gemalt war, mit der Unterschrift:

Bedenke hier, du frommer Christ,
Wie nah der Tod dem Menschen ist!
Johann Streit, 31 Jahre alt
Fuhr am 5. Feber 1898 in den Wald.
Unter einem umgestürzten Holzschlitten
Hat er den Tod erlitten.
Sei seiner Seele eingedenk
Und ihr ein Vaterunser schenk!

Nein, den Kohlstreit brauchte man nicht zu rechnen, die Hinterbliebenen hatten es auch nicht gar zu schlimm. Der Jachimseffes hatte die Vormundschaft übernommen und hatte das älteste Madle, die Anna, beim Frankewirt untergebracht. Da war sie daheim aus der Kost und Kleidung und konnte noch ein paar Kreuzer abliefern.

Das mit dem Zeugschmiededeward war schon eher aus der Weise. Wie es genau passiert war, wußte ja keiner, es hieß, nach dem Loch in der Jacke müßte er's selber gewesen sein, aber das wollte er nicht wahr haben und schob es auf die Förster, und zuzutrauen war es denen auch, mit Raubschützen machten sie kurzen Prozeß. Ganz und gar übermenschlich blieb es aber, daß der Jachimseffes alles vorhergewußt hatte: der Grögerschuster hatte den Hergang gut und gerne schon hundertmal erzählt und regte sich immer mehr auf dabei und tat jedesmal was dazu, schließlich wollte er beim Nachhausegehen in der Nacht über Seffes' Kopfe drei Flammlan tanzen gesehen haben. Jetzt, das mußte ja nicht jeder glauben – aber die Wahrsagung wegen der rechten Hand, die blieb bestehen.

Und daß der Jachimseffes kein Mensch war wie alle Leute, das konnte ein Blinder greifen, darüber war jedes Wörtla schade. Ach, Herr jeela – was hatte doch der Mann für Augen! Der sah einem durch und durch wie durch Glas. Und die Sympathie, die hatte der völlig ausgelernt, wenn er's auch immer abstritt. Da gab es Zeugen genug, die es am eigenen Leibe erfahren hatten.

Ja, der Jachimseffes hätte viel bewirken können, er wollte nur nicht immer, auf die Art war er sehr eigen. Manchmal sagte er die ganze Krankheit an, wenn die Leute auch nicht einmal das Flaschla mit dem Wasser dabeihatten; und ein andres Mal konnten sie bringen, was sie wollten, da wies er sie ab und sagte nur immer wieder: »Ich weß nie, ich kann nischt sähn, ich weß nie!« Das nahmen ihm die Leute dann sehr für übel und nannten ihn hochnäsig und hinterhältig – insgeheim natürlich – gegen ihn selber hätte sich's keiner herausgenommen.

Der Seffes tat nichts dergleichen und machte seine Sache fort. Hilfsbereit war er und sah nicht auf den Kreuzer, wenn er einem armen Teufel was zuliebe tun konnte, das mußte ihm hoch angerechnet werden.

Seine Frau, die Anka, hatte eine gar sehr gute Hand für die Blumen, die wuchsen ihr unter den Fingern, wie man so sagt, und da war das Wurzgartla die reine Pracht, schön bunt fürs Auge, mit Studentenröslan und Liebesflammen, Pelargonien, Hortensien und Begonien, aber daneben auch alle guten Kräuter und Sträucher, bereits für jede Krankheit war eins da, Baldrian, ein sehr gutes Kraut, vor der Wurzel soll jeder große Herr den Hut ziehen! Braun- und Schwarzwurz, Minze, Melisse und Ringelrosen, die Meludenwurz, die das Fleisch im Topfe zusammenheilt, wie die Leute sagen, so kräftig ist sie, die kleinen gelben Knelperlan und Nimmernix, jedes auf seinem Platzla, saubere, gesunde Pflanzlan. Der Seffes wußte genau, wann jede zeitig war, ob er die Blätter nehmen mußte oder die Stengel, die Blüte oder die Wurzel, frisch oder auf Geist angesetzt oder zum Tee gedörrt, manche mußten auf Butter gebraten oder zu Schmiere verrieben werden, es war eine große Wissenschaft!

Die Leute kamen von immer weiter her, aus dem Mittel- und Niederdorfe, aus der Stadt waren auch schon welche dagewesen, und einer gar von noch weiter, wo es schon flach wurde. Am Sonntag nach der Kirchzeit konnte sich der Seffes kaum noch aus dem Hause rühren, es gab einer dem andern die Klinke in die Hand. Der Seffes hörte sie alle an, und wenn sie ihm zu Gesicht standen, teilte er ihnen aus, was er hatte, ein Töpfla Schmiere, ein Hampferla Tee oder ein Flaschla Geist. Bezahlt wollte er nie was nehmen, und die Leute ließen sich's nicht zweimal sagen, dachten wohl: besser gut geschenkt als schlecht gekauft, und waren mit dem Vergelt's Gott! gleich bei der Hand. Die Oberdörfler sahen es nicht gar zu gerne, daß die Fremden die guten Sachen wegholten, und gar noch umsonst. Sie hatten es so in Gedanken, daß der Seffes ihnen zuerst gehörte und bei weitem nicht den andern, die es ohnehin so viel leichter hatten. Aber geradezu hineinreden wollte natürlich auch keiner, der Seffes war nicht der Mann danach.

Denn auf die andre Art hatte er wieder viel Gutes für die Gemeinde im Sinn. Seiner Mutter Großvater, Fietz hatte er sich geschrieben, war unter den allerersten gewesen, die sich dazumal im Oberdorf angesiedelt hatten; das Häusla stand noch, und der Platz hieß noch der Fietzenhau, aber es saß ein Plischke drauf, ein kinderloser Witwer. Der Muttervater hatte nur Madlen gehabt, und so war der fremde Name hineingekommen. Ringsum in der Nachbarschaft war es nicht viel anders, auf dem Hammerhau, dem Frankenhau und Rodenhau saßen nirgends mehr die gleichen Namen, aber der Seffes hatte in den alten Schriften studiert und sich auch bei den alten Leuten umgefragt, bei der Maiermutter vor allem, deren Mutter als junges Kind auf die Siedlung gekommen war. Da war der Seffes gar vieles innegeworden, wo ein andrer gar nicht die Zeit und die Gedanken dazu gehabt hätte. Und er konnte es genau herzählen, was die Herrschaft dazumal den Leuten alles versprochen hatte, aber von den alten Gerechtigkeiten war eben zuviel in Vergessenheit geraten.

Der schöne Waldplan unter dem Urlich hieß immer noch »die Hutung« – aber es hätte keiner daran denken dürfen, das Vieh wirklich hinzutreiben.

Und es war den Oberdörflern erlaubt gewesen, im ganzen Juli aufs Gebirge zu ziehen, zum Heumachen. Auf den Koppen über der Baumgrenze wuchs der Wolf, das feine Berggras, und die vielen guten Milchkräuter: Macheel, von dem die Kühe Milch gaben, daß man hätte eine Mühle damit treiben mögen, Schmiedepfeffer und Wachtelweizen. Da war zu Sommerszeiten bereits das halbe Dorf oben gewesen, die Leute hatten alle zusammengearbeitet und danach das Heu untereinander verteilt. Die einzelnen hätten gar nichts Vernünftiges verrichten können, die Arbeit war ja zu übermenschlich. Erst das feine, kurze Zeug sicheln und wenden und rechen, es war ja bereits wie Kinderhaar, man kam gar nicht richtig zu Rande damit. Dann hatten sie's auf den Radbern vorgefahren bis zu den steilen Lehnen, Nesselkamm, Leiterberg und Zerrarschlehne, dort hatten sie es auf Schlitten umgeladen und hinuntergerückt, da kann wohl jeder denken, wie steil die Wege waren. Und nach der großen Steile setzten sie immer ein Räderpaar vorn unter die Kufen und fuhren die Bürde auf dem Halbwähnla vollends ins Dorf.

Manchmal traf man noch stückweise solche Rinnen an, die kerzengerade von oben herunterkamen: das waren die alten Sommerschlittwege – aber gefahren wurde nichts mehr darauf, das Gebirgziehen hatte aufgehört, nicht einmal Gräserscheine gab die Herrschaft mehr für die Koppe und den Kamm aus, und die schönen offenen Grashänge waren weit hinauf mit Legföhren zugepflanzt, wie zum Tort für die Oberdörfler, wenn man's recht bedachte, denn die Bäumlan fraßen dem guten Wolf den Boden weg und blieben doch nur krüppeliges Zeug.

Und das Allerschönste: dazumal war der Bielberg zur Rodung freigegeben gewesen, mit dem schönen sanften Südhang gegen das Mitteldorf und einem Boden wie Kuchenteig. Die Leute waren nur nicht gleich drangegangen, weil es ein wenig abgelegen war, sie hätten erst eine Straße in den Kieferich hinaufbauen müssen; das war für jeden einzelnen zuviel, und zusammenfinden konnten sie sich nicht, weil jeder nur die Gedanken darauf hatte, den Hau ums eigene Häusla so groß wie möglich zu kriegen. So war auch die Gerechtigkeit nicht wahrgenommen worden, die Herrschaft hatte das eine Stück, wo einer mit dem Holzen angefangen hatte, wieder aufgeforstet, es hieß heute noch »Olbrichs Grund« und war von weitem zu kennen, weil es beim Umtrieb immer aus der Reihe war, jünger oder älter als die Nachbarschaft.

Das alles hatte der Seffes vorgescherrt und offengelegt und wollte nichts Geringeres, als die alten Gerechtigkeiten wiedererlangen. Als er das erstemal in der Öffentlichkeit davon angefangen hatte – beim Frankewirt, an einem Samstagabend – da war es doch mit einem Schlage so mucksmäuslastill geworden, daß man die Holzwürmer in den Bänken knaschpern hörte, die Leute saßen erst da wie mit der Pudelmütze geschlagen und verzogen sich dann einer nach dem andern, der Seffes und der Wirt konnten gerade noch den Dritten zum Tarock dabehalten.

Ein armer Anfang – aber Ruhe gab der Seffes deswegen noch lange nicht. Immer und überall fing er davon an, und allmählich setzte es sich den Leuten in den Ohren fest, vor allem die Muttern bissen richtig an. Ine du liebe Zeit, demnach war's ja gar nicht nötig, daß man sich gar so grausam rackerte – wenn das Dorf zusammenstand und die Hutung wieder freibekam und das Gebirgziehn und, vor allem, die Rodung auf dem Bielberge! Jekersch nee, dort oben waren ja dritthalb hundert Morgen Acker zu kriegen, wenn man noch so klein anfing, bereits halb soviel wie die ganze jetzige Gemeindeflur, das gab für jedes Häusla was, noch für die allerkleinsten mußte was abfallen – ine, du Sappermichel, da wern w'r doch!

Ja, ja, zugreifen wollte jeder, es wußte nur keiner richtig, wie es angehen sollte. Im Guten gab die Herrschaft nicht leicht was her, und im Bösen – nee, lieber schon gleich splitternackig in die Brennesseln fallen!

Aber da wußte der Seffes doch wieder Rat: er hatte eine gute Nummer beim Oberförster, weil er ihm mit seiner grünen Schmiere das Gliederreißen vertrieben hatte. Natürlich war nicht der Oberförster selber gekommen, sondern er hatte den Kutscherfranz geschickt, und der hatte recht jämmerlich tun müssen, als ob es ihm hinten und vorne fehlte; aber der Seffes hatte nur gelacht und gesagt: »Geh och grode und tu dir nischt an, Franzla, ich glaub's schon, daß 's für dich gehört!«

Und wie er danach inne wurde, daß die Schmiere geholfen hatte, da ging der Seffes schnurgerade in die Oberförsterei. Der Herr empfing ihn auch gleich und hörte sich die Sache an und meinte: »Friede, Friede, Ihr werdet Euch keine Güte damit tun, daß Ihr die alten Sachen aufrührt! Aber an mir soll's nicht liegen: bringt mir ein Gesuch, vom ganzen Dorf unterschrieben, dann will ich's weitergeben. Aber wohlgemerkt – vom ganzen Dorf! Es darf keiner fehlen! Wenn Ihr das fertigkriegt, dann glaub ich's selber, daß Ihr mehr könnt als Klieslan frassen!«

Und dabei griente der alte Schubert so recht hinterhältig – er kannte ja die Oberdörfler und wußte genau, daß die schwerer zusammenzubringen waren als ein Korb voll Flöhe. Der Seffes allerdings kannte sie auch, und bei jeder andren Sache hätte er wohl den Mut verloren. Aber dasmal lag doch der gemeine Nutzen so zum Greifen da, daß jeder sich ins eigne Fleisch schnitt, der nicht mittat, und so kreuzvernagelt waren die Oberdörfler ja doch nicht!

Aber jetzt zeigte sich erst recht, was an dem Gewitterjahre dran war. Zuerst ging alles wunderschön, die Leute bremmelten ein wenig über den großen Umstand, aber man merkte es doch, daß sie im Grunde alle schon das Herz drangehängt hatten, bis auf einmal der Lippes, der Bürgermeister, dagegen aufstand. Warum, das sagte er nicht, aber es war leicht zu denken: einmal war er beleidigt, weil der Seffes ohne ihn beim Oberförster gewesen war, dann steckte er auch immer mit dem Pfarrer zusammen, und der war dem Seffes nicht grün, er hatte ihn noch nicht namentlich auf der Kanzel vorgenommen, aber er warnte immer wieder einmal vor den Teufelsdienern und ihrem Blendwerk. Grund genug für den Lippes, und überdies brauchte er gar nicht bei einer Sache mitzutun, die vor allem Arbeit und wieder Arbeit kosten mußte, der verdiente sich sein Geld ohne das.

Denn der Lippes – also zunächst einmal: er war gar kein Einheimischer, im Jahre 66, beim preußischen Krieg, war er drüben desertiert und mit der Glaserkrexe herübergekommen und hatte gleich gefragt, ob ihm keiner eine Frau wüßte, er wollte so gerne heiraten. Und zum Tort hatten sie ihn an die Wiesnerpauze gewiesen, eine alte Wittib, böse für dreie und so gottsjämmerlich häßlich, daß sie nur mit abgewandtem Kopf in die Milchkammer durfte, damit die Milch nicht sauer wurde. Aber Geld hatte sie ja ein wenig und ein schönes Stück Land, wenn auch das Häusla recht baufällig war.

Zu der also war der Lippes hin, und ein paar Leute waren ihm heimlich nachgeschlichen, weil sie sehen wollten, wie ihn die Pauze auf den Trab brachte. Aber es wurde nichts draus, sie schimpfte nur ein wenig durch den Türspalt, doch wie sie danach die Türe wieder zuschlagen wollte, da hatte er schon die Knochen dazwischen und redete und tat so zuckersüß, daß sie ihn doch wahrhaftig einließ und dabehielt und ein paar Wochen später zum Manne nahm. Und wie sie ihm nach einem halben Jahre gar noch den Gefallen tat und von einem Tag zum andern wegstarb, daß er die Heirat nicht einmal abzubüßen brauchte, da wußte keiner mehr was zu sagen über so viel Glück. Mit dem Lippes ging es richtig bergauf, es hätte niemand mehr gewagt, ihn »Desentär« zu rufen, nicht nur, weil Frieden war und alles vergeben. Er wurde erst Feuerwehrkommandant, dann Schulrat und Obmann vom landwirtschaftlichen Klubverein und endlich Bürgermeister, da hörte der Spaß auf. Er konnte auf viele Art schaden, weil er doch die Finger in allen Schüsseln hatte. Bei der Feuerwehr mochten sie ihn gar nicht gerne, er tat so herrisch – aber sie wählten ihn doch immer wieder, weil er's sonst als Schulrat die Kinder entgelten lassen konnte oder, noch ärger, die Leute selber, als Obmann vom landwirtschaftlichen Klubverein. Denn da hatte er die ganze Kreditsache unter sich, und von ihm, neben dem Pfarrer und dem Hauptlehrer, hing es ab, ob einer einmal im Notfall, bei Krankheit oder Unglück, ein paar Gulden auf sein Häusla haben konnte. Der Hauptlehrer, der alte Hoffmann, war kein unrechter Mann, aber gegen die zwei andern Stimmen kam er nie auf, und die hielten fest zusammen, bald half der Pfarrer dem Lippes, und bald umgekehrt, und so regierten sie eben.

Der Lippes hatte einen ganz ungeheuren Genuß davon: einmal hatte er sich selbst einen schönen Kredit bewilligt – na, Genaues wußte ja keiner, außer dem Vorstand, aber ein Haufen Geld mußte es auf alle Fälle gewesen sein, denn der Lippes hatte damit das Häusla, die alte Baracke, richtig herausstaffiert, einen Pferdestall angebaut und ein ganz kolossalisches Pferd hineingekauft, einen halben Elefanten, eine Rasse von weither, deutschländisch oder wie. Und damit fuhrwerkte er drauflos, was für die Gemeinde zu fahren war, für die Pfarrei, für die Schule, auch für den Bezirksstraßenausschuß – alles behielt der Lippes, kein andrer wurde gar nicht gefragt, wenn auch noch zwei Fuhrleute im Oberdorfe saßen; aber die konnten zusehen, wie sie zurechtkamen, auch beim Klötzerfuhrwerk im Winter konnten sie nur die Platzlan kriegen, die dem Lippes nicht kommod genug waren – was aber schön an der Straße lag, wo man zweimal im Tage in die Stadt fahren konnte, das war für keinen andern als für ihn, dafür sorgte schon der Herr Pfarrer, daß die richtige Anweisung von oben kam, von der Herrschaftskanzlei.

Natürlich tat der Lippes die schwere Arbeit nicht selber, da war er nicht dafür, er hielt sich einen Knecht, ein geliebtes Kind, rothaarig wie sein Herr, dafür schielte er auf beiden Augen; sie hießen ihn den Kaluppwerner – er war früher einmal selbständiger Fuhrmann gewesen, aber mit lauter Galopp und Galopp hatte er alles zuschanden gefahren. Na, jetzt war's ausgaloppiert, Lippesens Fuchs hätten zehn Teufel nicht einmal in Trab gebracht, geschweige denn in Galopp, der ging seinen langgrageligen Schritt, solang man ihn in Ruhe ließ, und wenn er die Peitsche nur hörte, da schlug er alles kurz und klein, Geschirr, Ortscheit und Deichsel, alles zu Brühholz. Für einen Kerle wie den Kaluppwerner war es das halbe Fegefeuer auf Erden, aber er tat seinen Dienst, wie sich's gehört. Und der Lippes verdiente unmenschlich viel Geld dabei – was sollte er sich da erst in neue Sachen einlassen, die noch ganz unsicher waren? »Was mir vor die Füße fällt, danach brauch ich auf keinen Baum zu klettern«, sagte er im Wirtshaus, als gerade die Rede darauf kam. Die dabeisaßen, sagten nichts und wagten einander kaum anzusehen, nur der Jachimseffes gab Widerpart: »Es geht bei der Sache nicht um dich und nicht um mich, sondern um die Gemeinde – und da sind gar viele arme Teufel dabei, denen nischt vor die Füße fällt!«

»Na, da laß sie halt klettern, aber ich tu nie mit!« lachte der Lippes dagegen. Der Seffes lief dunkel an, es war ihm wohl ein großer Tort, und er redete erst, nachdem er einmal tief Atem geholt und einen Schluck getrunken hatte: »Wenn's nie um die Bedingung vom Oberförster wär, daß alle unterschrieben sein müssen, da brauchten wir dich gar nie! Das wissen wir alle, daß du so genug verdienst – und wer wird denn einer fetten Sau den Hintern schmieren wollen?«

Das kam so langsam heraus, aber von denen, die es anhörten, hätte keiner einen Tropfen Blut gegeben, vor lauter Angst. Die Tonart gegen den Bürgermeister – och jemersch nee! Dem Lippes ging's auch richtig unter die Haut, er fuhr in die Höhe und brüllte wie ein Strangochse: »Mich braucht Ihr nie? Ha? Und dich brauchen wir erst recht nie! Was willst denn du überhaupt? Du hast dort was zu sagen, wo die Gänse hinsächen, aber da herin nie! Mach dich och fort!«

Das war ja wieder vom Lippes nicht schön, denn das Wirtshaus konnte er keinem verbieten. Der Seffes blieb auch ruhig sitzen und fragte nur zum Frankewirt hinüber: »Was ist's, Stefan, bist du unter Kuratel, daß der Bürgermeister bei dir Hausrecht hat?«

Was wollte der Wirt machen – verderben durfte er sich's mit keinem, da brummte er halt so vor sich hin, es konnte alles und gar nischt heißen. Und der Seffes hätte es damit auch gut sein lassen, aber der Bürgermeister – er hatte schon richtig was getrunken und dann war er immer scharf beim Zeuge – der fuhr rein wie der Ochse ins Heugebund: »Du spielst mir gar zu sehr den Schnittlauch auf allen Suppen, mein lieber Seffes, dir will ich wohl einmal die Augen dengeln! Kümmer dich bloß nicht um die Gemeindesachen, die gehen dich einen Taubendreck an! Das war ja noch schöner, wenn ein solcher hergelaufener Stänkersack sich anstellen dürfte, als wüßt er jeder Gans einen Steig in'n Hintern zu machen, und der Bürgermeister müßte zusehen und das Maul halten!«

Na, jetzt roch es aber schon sehr nach ungebrannter Asche, die Leute schnupperten ordentlich vor Erwartung. Der Frankewirt überzählte insgeheim schnell die Biergläser und die Fegalan, die auf den Tischen herumstanden, damit es nachher mit der Scherbenrechnung schneller ginge. Der Grögerschuster hielt beide Hände vor den Bauch und lief zur Türe, als wenn er 's Nabelleiern hätte, aber dann zwickte ihn die Neugier doch noch mehr, und er blieb auf dem Sprunge stehen und horchte.

Der Zwiener Adolf wiederum war ganz in seinem Element, er rieb die flache Hand in einer Bierlache herum, weil er nicht offen hineinspucken und doch bereit sein wollte – er hatte eine alte Rechnung mit dem Bürgermeister, der hatte ihm einmal zu Unrecht die Kuh pfänden lassen; schließlich hatte er sie ja freigekriegt, aber die Schande und die Lauferei waren ihm auf dem Halse geblieben, als armer Holzmacher hatte er froh sein müssen, daß das Ärgste abgewendet war. Jetzt natürlich war er voll Zuversicht und wollte auch einen Griff dazu tun, wenn der Seffes dem Bürgermeister das Licht putzte.

Viel Erwartung überall, trotz der Angst. Aber der Seffes tat keinem den Gefallen, er blieb still. Hätte er wenigstens einen Fluch getan oder, wie damals beim Edeward, eine Prophezeiung! Aber nein, nichts. Denn was er da vorbrachte, nachdem er langmächtig die Kreuzer für die Zeche abgezählt hatte, das machte kein Kraut fett. Er sagte gerade nur: »Mit dir streit ich nie, du armer Mensch! Du bist ja gar nie bei Troste!«

Und damit marschierte er auch schon hinaus. Der Grögerschuster, der sich nahe der Türe nochmals hingesetzt hatte, sah ihm mit offenem Munde nach, man wußte nicht genau, war es ihm recht oder nicht, daß die große Angst umsonst gewesen war. Der Zwiener Adolf saß da, als wenn ihm die Hühner das Brot gefressen hätten, wischte sich die Hand am Hosenboden ab und brummte was dazu, das war keine Litanei. Dem Wirt war es recht und auch wieder nicht – die Rauferei war nichts Schönes, aber danach ging immer ein besseres Geschäft, weil die Leute was zu erzählen hatten.

Richtig komisch führte sich der Lippes auf – im ersten Augenblick war er käseweiß, als hätte er weiß Gott was herausgehört, wie er aber sah, daß nichts nachkam und der Seffes zur Türe hinausging, da blies er sich auf, bis er richtig strotzte wie ein gedörrter Frosch, und dann ging's los – och jeela, was hatte der Mann eine ungefüge Gusche, es kam nur so herausgepladert: dem Stänkersack wollte er wohl das Handwerk legen, dem Kerle gehörte nischt weiter wie ein paar Richtige in die Gusche, daß er den Mond für an glühnichen Quarksack ansah. Und immer weiter so, immer wütiger, schließlich gorgelte er nur noch und drohte mit den Fäusten.

Die Leute hatten es nicht gerne, für eine Obrigkeit war das keine Rede mehr, es hörte sich ja an, wie wenn man den Dreck mit Peitschen hiebe. Aber verweisen mocht es ihm auch keiner, wenn auch dem Zwiener Adolf die Hände juckten, daß er sie nur immer auf und zu klappen mußte.

Schließlich kam der Wirt an den Tisch, legte die Bierfilzlan neu zurecht, wischte ein wenig herum und meinte dabei: »Etz laß och gut sein, Lippes, er is ja schon fort!« Es klang harmlos genug, aber die Mahnung war nicht zu verkennen, der Frankewirt war ein bedächtiger Mann, den niemand gern gegen sich hatte, auch Lippes nicht. Also kam es da zu einem Ende, der Lippes schnaufte zwar noch wie ein Judenpferd, aber er sagte nichts mehr und zog das Geldbörsla. Dabei kam ihm ein neuer Einfall, er wies auf die Leute rundum und bedeutete dem Wirt, er wolle für alle bezahlen. »Da könnt ihr sehn, daß sich der Bürgermeister nicht lumpen läßt«, grunzte er noch.

Aber bevor noch der Wirt die Rechnung anfangen konnte, zog doch wahrhaftig der Zwiener Adolf, der versuchte Kerle, ein paar Kreuzer aus der Tasche und hielt sie dem Wirt hin: »Da nimm och, mein Fegala kann ich mir immer noch selber bezahlen!«

Der Lippes glurte ihn an, als wollte er ihn verbrühn, aber sagen tat er nichts mehr, denn der Plischkefuhrmann, der auch dabei saß, schlug dem Zwiener auf die Schulter: »Recht haste, Dolfes, um a Fegala Schnaps sein wir nie zu kriegen, haha!« Und dabei schob auch er dem Wirt die Kreuzer hin.

Und da kriegte auch noch Franke Rudolf Kurasche und schlug sich zu Zwienern – er hatte einen ganz frischen Pik auf den Bürgermeister, weil der ihn neulich, wie er die Heiratspapiere auf der Gemeinde holen wollte, ganz elend runtergemacht hatte – ob er sich denn nichts Dümmeres wüßte, als ein bettelarmes Madle zu heiraten, und ob's nicht schon genug arme Schnapper im Oberdorfe gäbe? Das war dem Bürgermeister seine Sorge wirklich nicht – aber er hatte eben selber ein Auge auf das Madle gehabt, die Neugebauer Marie, ein hübsches Kind, und sie hatte nichts von ihm wissen wollen. Denn der Lippes und die Madlen –

Es war aber jedenfalls ganz was Seltenes, daß eine Freirunde überhaupt ausgeschlagen wurde, und gar dem Lippes war es noch nie geschehen. Er sah auch aus wie vierzehn Tage Regenwetter, vor inwendigem Zorn, aber sagen tat er keine Sterbenssilbe, er hatte es wohl im Gefühle, daß die Kreide vielleicht noch ganz anders schreiben konnte. Wenn die Oberdörfler erst einmal beim Neinsagen waren, da konnte man auf manches gefaßt sein.

Na, die Sache sprang im Dorfe rum wie Funkenflug, auf einmal war die Parteiung da, und es war zu sehen, daß gar nicht so wenig Leute mit dem Lippes seinem Regiment unzufrieden waren. Jetzt hätte nur ein rechter Mann den Anführer machen müssen, wer weiß, wie weit es dann gekommen wäre. Aber der Seffes, an den die Leute zuerst dachten, wollte nichts davon wissen: »Wir brauchen Einigkeit im Dorfe«, sagte er, »und nicht Parteiung. Ich hab den Streit nicht angefangen und ich will ihn auch ganz gewiß nicht weitertreiben! Denkt an die Eingabe bei der Herrschaft, Leutlan, denkt daran!«

Ine ja, sie dachten wohl daran, aber damit allein war wenig geholfen. Die Eingabe hatte der Seffes aufgesetzt, und mit ihm zugleich hatten der Zwiener Dolfes, der Plischkefuhrmann und Franke Rudolf unterschrieben, das war Schneide genug für die vier Mannlan, denn das wußte jeder, daß sie's jetzt beim Lippes, beim Pfarrer und wohl auch bei der Herrschaft verschüttet hatten. Und der Lippes brachte in Umlauf, die Sache ginge gegen die Obrigkeit, und es sollte sich nur jeder vorsehen, daß er sich dabei nicht in den Bart schnitte. Dagegen standen aber wieder Zwiener, Franke und der Plischkefuhrmann auf und sagten, es werde schon noch jeder eine Meinung haben dürfen, ohne deswegen die Arbeit bei der Herrschaft zu verlieren. Sie würden ja nur alle künstlich klein und kurz gehalten, damit sie jeden Hungerlohn annehmen müßten. Und darum sei es doppelt und dreimal nötig, daß die Gemeinde die alten Gerechtigkeiten wiedererlangte, damit das schlimmste Elend gemildert würde und jeder ein Brinkala mehr Luft bekäme.

Da gab es nun welche, denen das aus dem Herzen gesprochen war, sie wollten die Sache bis zum Bischof verfolgen, zum Kaiser oder zum Papst, Recht sollte Recht bleiben. Andre wieder bekamen es mit der Angst, sie hielten mehr von dem andren Spruch: Recht gilt wenig, Gewalt hat recht!

Das letzte Wort natürlich hatten die Muttern. Im Oberdorfe – wohl auch anderswo – galt eine Sache erst, wenn sie wenigstens drei Nächte lang in allen Kammern bebrütet und beschlafen war. Dasmal ging es hart her, mit Wenn und Aber und Obnichtdoch – ine ja!

Und dann war es mit einem Schlage gar, noch vor der dritten Nacht: Der Oberförster ließ sich den Jachimseffes kommen und sagte ihm, er nehme sein Wort zurück, er wolle mit der Eingabe nichts zu tun haben, mit oder ohne Unterschriften nicht. Das gäbe nur Stänkerei im Dorf, und schließlich habe man nur Undank und Ärger davon. Schluß also, Streusand drauf und basta!

Der Seffes spürte genau, daß ein bestimmter Grund dahintersteckte, und wollte mehr wissen, aber der Oberförster ließ sich auf nichts ein: »Wenn Ihr gar so große Schneide habt, da könnt Ihr die Sache ja durchfechten, gegen die Herrschaft – aber ohne mich! Genug – nischt meh!«

Ehe er sich's versah, stand der Seffes vor der Türe, mit einer Bitternis im Herzen, daß der starke Kerle hätte flennen mögen. Da hatte er die Oberdörfler umsonst gelüstig gemacht, umsonst hatte er neulich dem Lippes die Beleidigung hingehen lassen, anstatt ihn gleich zu versohlen, daß er die Grageln gereckt hätte. Offene Feindschaft im Dorf, und noch viel mehr geheimes Mißverständnis – das war das Ende vom Lied.

Im Dorfe schoben sie zuerst alles einfach auf das Gewitterjahr, aber dann sprach sich doch noch verschiedenes herum, der Oberförster sah ganz verändert aus, er wurde täglich geringer, die Augen saßen ihm so tief im Kopfe, und er ging auch lange nicht mehr so kerzengerade wie früherszeit. Die Madlen im Oberförsterhause trugen ja sonst nichts unter die Leute, die Ehre mußte man ihnen lassen, aber so viel konnte die Nosenres doch ihrer Patin, der Seidelmutter, anvertrauen, daß der gnädige Herr drei- und viermal die Woche auf der Baude über Nacht blieb und auch sonst immer erst spät nachts aus dem Walde heimkam.

Von den Förstern und den Waldaufsehern sah man auch keinen mehr im Wirtshause, grade, daß sie noch sonntags zur Kirche kamen, aber das war ja ihre Eidespflicht. Und danach sah man sie doch wieder nicht, obgleich sie am Sonntag nach der genauen Vorschrift gar nicht in den Wald durften, darin war die Herrschaft ganz eigen.

Nun mochte ja im Walde manches los sein, zu Ende Feber hatte es feste getaut, dann aber gleich wieder gefroren: da trug die Eisschicht über dem Schnee die Füchse oder Hunde, alles Schalenwild aber brach durch, zerschnitt sich an den scharfen Rändern die Läufe und wurde schließlich gerissen. Immer wieder einmal hörte man Angstgeschrei und Klage, es fehlten auch schon verschiedene Hunde im Dorfe, der Waldi von Scheithauer zum Beispiel, ein liebes Hundla soweit, aber halt ein gar zu unbändiger Kalfakter, eh man sich's recht versehen hatte, war er zur Hintertüre hinaus.

Der alte Hannich konnte es noch gedenken, wie vor vielen, vielen Jahren einmal ein Wolf und einmal gar ein Luchs im Revier gewesen war; wann, das konnte er nicht mehr so genau sagen, er ging aus die Neunzig, und die Jahreszahlen wirbelten ihm schon ank durcheinander. Aber das wußte er noch, daß damals die ganzen Förster durch viele Wochen kaum aus dem Walde gekommen waren. Vielleicht war jetzt auch wieder solches Kroppzeug unterwegs.

Der Plischketischler – sie hießen ihn den Regenschirmplischke, weil er so ungeheuerlich große Hände hatte – der brachte es einmal aus der Stadt zurück, daß sie auch bei Mittmann im Stern schon davon erzählt hatten, und weil die Förster nicht ausreichten, sollte gar Militär geholt und das ganze Revier eingekesselt werden.

Die Leute gaben nicht viel darauf, Regenschirmplischke war kein großer Prophete. Neue Arbeit konnte man nie bei ihm bestellen, weil er gar so ein nasser Bruder war, erst nahm er Vorschuß aufs Holz, dann auf die Arbeit, und zum Schluß war alles versoffen und nichts getan. Jetzt hatte er sich ganz auf die Reparatur gelegt, dabei sollte mehr zu verdienen sein. Er holte mit dem Handwagen eine Truhe aus der Stadt, richtete sie her, fuhr sie wieder hinein und holte ein Wandschrankla dafür, ein Almerla, so ging das weiter. Er hatte eine Nase wie glühnicher Zunder, und bei der Frau und den Kindern sah der Fleischer beim Weber raus, wie man so sagt, sie gingen halbnackig vor Zerlumptheit. Nee, wenn Regenschirmplischke was erzählte, da hob kein alter Hund ein Bein drum hoch.

Bald hatte auch niemand mehr Gedanken für den versoffenen Tischler, denn zu Anfang März kam eine so wunderschöne Zeit, daß man wahrhaftig schon ans Frühjahr denken konnte; es war schon noch alles gefroren, aber die Sonne hatte doch eine große Gewalt, überhaupt unter Mittag. Die Holzrücker rannten schon beim ersten Morgengrauen in den Wald hinaus und kamen erst in der Nacht heim, aus lauter Angst, die Schlittbahn könnte von einem Tag zum andern vorbei sein. Die Alten und die Frauen schafften schnell noch Mist und Jauche auf die Felder, manche rückten gar schon die Pflüge zurecht, die über Winter verräumt gewesen waren. Und der alte Hannich, der sich gerne freute, sagte öfter als einmal in der Zeit: »Sonnejahr – Wonnejahr!« und schnalzte danach mit der Zunge, als säße er schon beim Kirchweihessen nach der guten Ernte. Als aber die Maiermutter davon hörte, da wackelte sie nur mit dem Kopf und tätschelte so gewiß mit der Hand in der Luft, ehe sie fürbrachte: »Leutlan, freut euch och nie zu früh – an den Silvester wer'n w'r schont noch gedenken!«

Die Leute gaben nicht viel drauf und wollten sich nicht forchtich machen lassen – solange die Sonne so schön schien und alles blau und weiß und goldgrün war. Aber mit einmal schlug das Wetter um, es schneite und stürmte vier Tage lang so fürchterlich, daß niemand aus dem Hause konnte, auf der Wetterseite waren überall die Fenster zugeweht bis unters Dach hinauf. Dann kam, wie es ruhiger wurde, der Schneepflug aus der Stadt, aber da mußten sechzehn Pferde stramm ziehen, daß sie nur so dampften. Vor manchen Häusern wurden die Mauern so hoch, daß die Leute nur noch Stollen graben konnten, um hinauszukommen.

Die ersten Holzrücker, die aus dem Walde kamen, bis über den Bauch im Schnee, hatten alle Bahnen zugeweht, an den Wetterlehnen aber eine grausige Verwüstung im Bestand gefunden, Wipfelbruch, Schneebruch und kolossale Windwürfe, Arbeit war ja da, aber der Wald konnte einen erbarmen.

Und danach kam aber eine Kälte, daß einem das Herz im Leibe klapperte; in den Stuben konnte man heizen, wie man wollte, es griff nicht an, die Fenster blieben zugefroren, und man sah den Hauch vorm Munde. Für Mitte März war das ganz was Unerhörtes, jetzt war auch der Hannichvater verlegen, aber die Maiermutter nickte nur und hob den Finger: »Leutlan, Leutlan, ich säh nischt meh!«

Wunderliche Dinge geschahen: Beim Oberförster gefroren in einem Keller, der wer weiß wie viele Winter ausgehalten hatte, die Kartoffel zu stinkiger Brühe, das war ein schwerer Verlust, wenn er auch keinen Armen traf.

Viel schlimmer noch wäre es um ein Haar dem Franke Rudolf gegangen: der hatte sich sein Fettschwein für die Hochzeit aufgespart, da hätte es der Friedefleischer abstechen und die Blut- und Leberwürste und ein paar Pfündla Wellfleisch dem Franke lassen sollen, alles andre aber bezahlen. So war es ja in vielen Häuslan der Brauch, manche holten sich gar nur ein Töpfla Wurstsuppe vom Fleischer zurück, das war die ganze Hausschlachtung, denn die paar Gulden Bargeld mußten für die Steuern herhalten, für ein Paar Stiefel für den Vater oder einen warmen Kittel für die Mutter. Und wie jetzt der Franke so zwei Wochen vor der Hochzeit morgens in den Stall kam, da lag doch die Sau auf der Seite und blies grade noch ank Dampf aus dem einen Nasenloch, es war ihr eben zu kalt geworden. Der Franke sprang in die Stube zurück, erwischte das Brotmesser und kam noch zurecht, daß er ihr den Gnadenstich gab. Von dem Blut ging ein schönes Maß verloren, aber das Fleisch war doch gerettet.

Der Friedefleischer natürlich, ein ganz Scharfer, der wollte es nicht gelten lassen und den Preis auf die Hälfte drücken. Er war ja auch vom Mitteldorfe, dort war schon ein ganz andrer Geist daheim. Aber die Oberdörfler zeigten es ihm richtig, die taten sich zusammen und kauften dem Franke das Schwein voll ab, der Jachimseffes machte den Anfang mit einem Viertel, der Frankewirt nahm die Hälfte, und den Rest holten die Holzrücker in Stücken und Stücklan, grade das Blut blieb verloren.

Wie der Friedefleischer am nächsten Tage nachfragen kam – ganz großartig, er stieg gar nicht vom Schlitten, knallte nur mit der Peitsche und rief sein letztes Wort zur Türe hin – da mußte er gar jämmerlich abblitzen, der Frankemutter kam's auf ein Wörtla mehr nie an, wenn sie einem solchen Kerle heimleuchten konnte.

Danach sollte er unten beim Aabier mit dem Lippes zusammen gar unbändig über den Stänkersack räsinniert haben, »der das Oberdorf aso aufgehetzt hatte, den Kerle sollte man zu Schnupftabak zerreiben und übers Scheunendach schmeißen«, so sollte der Friedefleischer gesagt und der Lippes bestätigt haben.

Die Oberdörfler wußten natürlich, wer gemeint war, aber sie taten sich nichts zu wissen, die Sache mit dem Jachimseffes sollte nicht gleich neu aufgerührt werden. Die Leute wußten selber noch nicht recht, wie sie mit ihm dran waren, sie mochten ihn gerne und doch wieder nicht, denn die Parteiung hatte eben doch er ins Dorf gebracht, das war gewiß.

Viel Zeit hatten sie auch nicht, darüber zu mären, es geschah ja so viel andres. Die Kälte blieb, und es wurde ein großes Wildsterben. Die Futterschoppen waren fast leer, es hatte ja doch niemand gerechnet, daß so spät noch voll gefüttert werden müßte; im Orte, natürlich, hatte niemand was abzugeben, dem Viehe in den Häuslan standen ja schon die Rippen heraus, und die Muttern weinten bereits, wenn sie gerade noch ein paar marterliche Tröpflan herausmelken konnten.

Der Oberförster forderte Heu aus der Stadt an, aber das mußte durch die Kanzlei und brauchte seine Zeit; und solange schickte er eine Fuhre von sich in den Kieferich und dann noch eine halbe in den Keilgraben, mehr hatte er auch nicht.

Die Tage kamen so blau und sonnig, man konnte hemdsärmelig im Freien sein; aber in den Nächten glitzerten die Sternlan nur so vor lauter fürchterlicher Kälte, der viele, viele Schnee gab die ganze Wärme wieder her. Und am Morgen sah man dann auf den Feldern und an den Gartenzäunen gar manche eisgraue Häuflan – das waren erfrorene Hasen und Rehe und auch schwaches Hochwild. Die Leute erbarmten die Tierlan von Herzen, aber zu helfen war ja nicht, man mußte froh sein, wenn gerade noch die Menschen »das blanke Leben derhulden«.

Gerade in der Zeit kam der Edeward aus dem Krankenhaus zurück, das wäre sonst eine große Sache gewesen. Aber jetzt hielt sich niemand darüber auf, sie hatten jeder an sich zu denken. Der Edeward kam auch so still daher, zeigte sich nirgends, und die paar Neugierigen, die die Narbe sehen wollten, die brachte die Edewardin auf den Trab; sie hielt gar sehr zu dem Manne, die Leute ließen sie balde in Ruhe.

Dann kam eines Tages ein Brief mit fünf dicken Siegeln und fremdländischen Marken, die Postbotin war so aufgeregt, daß sie ihn im Dorfe hinauf immer wieder in den Häuslan vorzeigte: »Ein Wertbrief!« sagte sie zitternd. »Rekommandiert! Wenn der verlorenginge, da wär ich geliefert!«

Na, sie verlor ihn nicht und gab ihn richtig ab – beim Laderhannes! Das war ja eine großmächtige Neuigkeit. Der Hannes hatte Weber gelernt, aber gerade wie er fertig geworden war, hatte die Fabrik in der Stadt einen ungeheuerlichen Maschinenwebstuhl aufgestellt, und für die Heimweber war nichts mehr zu tun gewesen. Och jechich nee, da hatten in vielen, vielen Häuslan die Leute geweint vor Hunger, bis es soweit eingerichtet war, daß sie weiterzuleben hatten. Es mußte halt anders gehen, und da ging's auch. Ine ja. Der Hannes war Holzmacher geworden – aber sein alter Meister in der Stadt hatte seiner gedacht: wie aus Siebenbürgen eine Anfrage gekommen war, ob er keinen Gesellen zu empfehlen hätte, da hatte er den Hannes genannt, und jetzt kam der Brief gleich mit dem Reisegeld, zwölf Guldenzetteln – es war kaum zu glauben. Der Laderhannes überlegte nicht lange, ein lustiger Kadette war er, Verwandtschaft hatte er weiter keine mehr, außer dem Bruder, dem das Häusla gehörte. So packte er sein bißla Kram zusammen und machte sich eines Tages auf die Reise. Es sahen ihm gar viele heimlich nach und schüttelten die Köpfe, weil er gar so lustig davonmarschierte und immer nur lachte und pfiff – nee, so hatte noch keiner aus dem Oberdorfe fortgemacht, die richtige alte Art war das nicht. Aber es war eben, wie die Seidelmutter der Frankemutter bei der Wasserschöppe über den Bach hinüberrief: »Laß die Katze laufen, der Kater ward se kriegen!« Wenn ihm der Abschied nicht schwerer wurde, da war es seine Sache. Ine ja.

Die Kälte hielt, es war eine harte Heimsuchung. Und gerade an einem Tage, wo die Meisen tot aus der Luft niederfielen, und alles knarrte und pfiff vor Frost, da kamen wie zum Hohn für den einen, der gegangen war, zwei andre ins Oberdorf zurück, der Stäbes Thebald, ein Gemeindearmer, von dem man so lange nichts gehört hatte, seit er mit der Drehorgel ins Flachland gezogen war. Aber jetzt kam er doch zurück und brachte, der Luderkerle, eine Frau mit, gerade so tälisch wie er selber, eine heilige Lichtputz. Und nicht genug, daß die Gemeinde sie jetzt auch erhalten sollte, war doch das Weibsstück in bester Hoffnung, man sah's ihr auf den ersten Blick an, daß sie nicht lange mehr machen würde.

Und das Armenhäusla hatte doch nur zwei Stüblan, und zwei solche Unglückskinder saßen schon drin, der Leierrudla und der Kratzlapeppes, der eine drehte den Leierkasten, und der andre geigte dazu, und die Leute gaben och schnell was, damit die Musik aufhörte. Zu denen sollte jetzt noch das Ehepaar dazu, und bald noch das Kind –.

Da wurden die Muttern aber richtig böse. Gar manche konnte den eigenen Kindern, wenn sie riefen: »Mich hungert, Mutter!«, nur sagen: »Leck Salz, da werd dich derschten!« Ja, so weit war es – und da sollten noch die trotteligen Musikanten mitessen und gar noch das Kind? Das konnte doch nichts Rechtes werden, von den Eltern, wieder nur ein Wechselbalg, ein talkiger, jedes Brotkrustla war zu schade dafür.

Aber es waren doch eben Christenmenschen, man konnte sie nicht in den Wald hinausjagen in der schweren Stunde, da fand sich halt da und dort noch ein Stückla Leinewand, ein Töpfla Mehl und ein Scheitla Holz. Weil die Leute eben doch auch vom Oberdorfe waren. Ine ja.

Und dann ging schon der Hochzeitbitter im Dorfe herum und lud die Leute, hauptsächlich die Holzrücker, auf Franke Rudolfs Hochzeit. Aber einen Tag zuvor wäre fast noch alles umsonst gewesen. Und wenn auch jeder Holzrücker wußte, daß zuoberst auf dem vollen Schlitten immer der Sensenmann spazierenfuhr und daß man gut aufpassen mußte, damit er nicht herunterhoppte und Schweinerei machte – so wie der Franke Rudolf hatte noch keiner den Tod für'n Narren gehalten.

Auf der Klanke war's, gleich unter dem Raubschützensteine, da war in den Kieserich hinunter Brennholz abzurücken. Es war sonst eine Schattenlehne, aber um die Mittagszeit blinkte die Sonne doch schon ank vom Keil herüber, gerade auf das steilste Stückla, und taute es auf. Um die dritte Stunde war es aber wieder im Schatten und gefror spiegelglatt.

Der Franke Rudolf hatte es sich so eingeteilt, daß er an dem Abend fertig werden und den nächsten und übernächsten Tag für die Hochzeit freihaben sollte, darum hatte er jedesmal ein paar Scheitlan mehr aufgelegt und hinten ein zweites Gebund an der Kette angehängt, damit es besser bremste und er an der Deichsel nicht so viel zu halten hatte.

Den Abend ging's aber doch ganz ärschlich: die Bahne war so glatt wie ein alter Hosenboden, der Mann konnte die Füße noch so feste vorstemmen, die Absätze griffen eben nicht ein. Das konnten wieder die zwei vorderen Sperrketten nicht derleiden und brachen weg – und da bremsten die zwei Gebund hinten auch nicht mehr, man hörte sie nur so übers Eis scheuern. Der Schlitten bekam eine Fahrt, daß alles nur so pfiff, Zwiener Adolf, der unten auf der Gleiche stand, wurde vom bloßen Zusehen schwindlig.

Drei Raummeter Holz auf dem Schlitten, keine Lenkung und keine Bremse mehr und gute hundert Meter weiter unten eine scharfe Hottdrehe, bei der man auch an guten Tagen aufpassen mußte: da hätten wohl neunundneunzig unter hundert Männern grade noch ein Stoßgebetla getan und alles rennen lassen.

Aber Franke Rudolf nicht, der gab nichts verloren, solange wie er noch in der Haut steckte. Er paßte auf die starke Buche, ein paar Meter vor der Drehe, mit dem einen niedrigen Ast quer über den Weg. Im Augenblick davor ließ er die Deichsel fahren, hoppte hoch und packte den Ast. Der Schlitten fuhr unter ihm weg wie's Element, beschund ihm richtig das Kreuz und flog dann über die Drehe hinaus und ein Stück die Lehne hinunter.

Wie der Rudolf das Rumpeln und Brechen hörte und die große Stille danach, da wurde ihm der Odem kurz, er ließ seinen Ast los und lag mitten im Weg wie ein Häufla Roßäppel. Und auch dem Zwiener unten wurde es warm in der Hose, er sagte danach selber, er hätte sich nicht ausgekannt vor lauter Schreck.

Aber dann krappelten sie sich ja beide zusammen und kamen aufeinander zu, der Franke bergunter, der Zwiener bergauf, und auf gute fünf Schritt blieben sie stehen, schoben jeder das Hütla zurück und kratzten sich die Stirne: »Kreuz beim Beene! – Ine ver-sucht und zugenäht. O Sapperblick noch amol!«

Aber dann wurde ihnen die Gusche wackelig aus Angst vor der Todsünde, sie sahen zu dem Schlitten hinunter und bekreuzigten sich.

Glück war doch noch dabei – der Schlitten war grade bis zu dem unteren Weg geflogen, der vom Kessel herkam, und hatte dort umgeschüttet. Da brauchten sie nur Zwieners Schlitten von der Gleiche unten das Stückla heraufzuziehen und oben neu aufzuladen. Zwiener half dazu, und in einer guten Stunde war alles in der Ordnung. Denn bezahlt wurde ja nach dem Meter, wie er unten auf der Gleiche geschichtet stand – was einer unterwegs verlor, das war sein eigener Schaden.

Aber wenn er auch mit jedem Kreuzer für die Hochzeit rechnen mußte, da ließ sich's Franke Rudolf doch nicht verdrießen und gab gleich noch denselben Abend für den Zwiener ein Fegala aus. Sie stießen einmal miteinander an, schüttelten die Köpfe und stießen wieder an. Der Frankewirt wurde aufmerksam, und wie er hörte, was geschehen war, da stellte er gleich zwei frische Fegalan auf den Tisch und wollte nichts bezahlt nehmen: »Nee, das is a seltener Tag, den war'n de Leite noch gedenken, wenn vo uns kenner mehr labt!«

Beim Franke Rudolf kam hinterdrein erst der rechte Schrecken durch, das Kreuz tat ihm auch elendig weh, aber darum wollte er doppelt forsch tun und beharrte auf dem Bezahlen: »Da nimm och, die Leiche hätt mehr gekost't!« Dann gereute es ihn und er schlug sich auf den Mund: »Gott verzeih m'r die Sünde!«

»Gesprungen is a wie a Hersch!« erklärte Zwiener nach dem nächsten Schluck, besann sich und zwinkerte den Freund an, als wollte er Maß nehmen: »Der Klankenhersch!«

Der Franke Rudolf lächelte geschmeichelt, den Spitznamen konnte man sich wohl gefallen lassen. Der Frankewirt war der gleichen Meinung und gab das dritte Fegala aus.

Wie die beiden Freunde danach die Dorfstraße hinaufzockelten, da wollte der Zwiener wissen: »Was haste eigentlich gedacht dabei?«

»Der Ast, der Ast, der Luderast!« gestand Franke und fügte hinzu: »Ja – und noch was: das viele gude Assen! – Etz ha ich m'r viele Wochen nischt vergönnt und alles für die Hochzeit ufgespart – und dann sollt ich gar nischt han davo? Nee!«

»Ine ja, es wär auch jammerschade gewast«, gab Zwiener zu, während Franke steifbeinig in sein Vorgartla abbog.

Die Frankemutter war völlig außer sich, wie sie die Sache hörte, der Rudolf mußte mit ihr vor dem heiligen Bonifaz in der Ecke ein Dankgebetla für Rettung aus Gefahr sprechen.

Wie er danach auf der Ofenbank überm Stiefelausziehen gar so krächzte, da war die Mutter gleich bei der Hand und griff ihn ab und hatte auch bald die Beule am Kreuzbein gefunden. Eine ganz gefährliche Stelle das, da konnte leicht das Mark erschüttert sein, und wie sie so aufgeregt nach allem fragte, kam es dem Rudolf selber vor, als hätte er schon kein rechtes Leben mehr in den Beinen: wie er sich auf der Ofenbank langlegen wollte, kriegte er doch das eine Bein nicht mehr hoch, er mußte mit beiden Händen nachhelfen; und danach, im Liegen, drückte ihn die harte Bank so gottserbärmlich, daß er sich gleich wieder aufsetzte. Und die Kaffeesuppe, die sie ihm aufgab, mochte er nicht anrühren.

Jetzt bekam es die Frankemutter aber richtig mit der Angst, sie konnte es kaum erwarten, bis sie mit dem Verrichten im Stalle fertig wurde, es ging alles im Galopp. Dann band sie nur ein andres Kopftüchla um, legte die Stallschürze ab und rannte ins Dorf hinauf, zum Jachimseffes, um ein Bröckla von der grünen Gelenkschmiere zu erbitten, die auch zum Zertreiben gar so gut war.

Der Seffes war gleich einverstanden, das war man ja gewohnt an ihm, wie ihm aber die Frankemutter die ganze wunderbare Rettung richtig vorgestellt hatte, da wollte er noch ein übriges tun und dem Rudolf die Schmiere selber einreiben, denn dabei konnte man das dicke Blut mit den Fingerspitzen fühlen und wegdrücken, ja, und vielleicht war es überhaupt besser, Arnika aufzulegen, Leinsamen oder Holundersalbe – das wollte er selber sehen. Dabei kramte er schon im Arzneialmerla.

Die Frankemutter wußte sich vor Freude nicht zu lassen, sie trat von einem Fuß auf den andern und ruderte mit den Händen ank durch die Luft, als wollte sie dem Seffes übers Gesichte streichen und traute sich bloß nicht, und dazu plapperte sie mit der halben Stimme vor sich hin, man konnte es hören, wie nahe ihr die Flenne war: »Ine, da vergelte Gott tausendmal – das soll d'r nie vergassen sein!«

Der Seffes winkte mit der Hand und brummte: er mochte es nicht, wenn ihm die Leute gar so sehr dankten. Dann steckte er sich seinen Kram in die Taschen und ging mit der Frankemutter davon. In der Eile hatten sie beide keine Acht darauf, daß Seffesens Frau gleich zu Anfang aus der Stube gegangen und nicht wiedergekommen war.

Im Frankehäusla fanden sie den Rudolf gar trübselig auf der Ofenbank sitzen, er hätte sich innen doch was losgeschlagen, meinte er, und die Flechsen im Kreuze hätten gar keinen Zug mehr.

Der Seffes nahm sich ihn gleich vor, fühlte ihn ab und fing an, die Schmiere über die Geschwulst zu verstreichen, erst ganz leise, dann fester, und schließlich gab der Rudolf, der zuerst sehr geklagt hatte, nichts mehr darauf. Beim ersten Schluck aus dem Glasla aber, das ihm der Seffes danach vorhielt, sprang er von der Bank auf wie gebissen, bog sich wie ein Fiedelbogen und schnappte nach Luft. »Ine versucht!« krächzte er, als er wieder ank Odem hatte, »wos hoste denn da? Dos is a rechter Darmreißer!«

»Enziangeist mit an Tröpfla Arnika«, lachte der Seffes. »Dar bringt Leben!« Dabei brachte er die Flasche schon in Sicherheit, denn der Rudolf zeigte nicht übel Lust, die Kur zu wiederholen. Nur die Frankemutter sollte noch ein Stamperla haben, weil sie sich gar so sehr erschrocken hatte. Sie ließ sich ein wenig nötigen, wie es sich gehört, nach dem Trinken aber schüttelte sie sich besonders heftig, teils aus Höflichkeit gegen den Geber, teils um zu zeigen, wie völlig ungewohnt ihr die starken Getränke waren. Das hatten die Muttern alle so in der Gewohnheit, weil sie doch den Mannsleuten immer jedes Tröpfla vorrechneten, da durften sie selber sich nicht dazu bekennen.

Den vielen Dank schnitt der Seffes kurz ab und ging. Von der Straße aus sah er durchs Stubenfenster, wie sich der Rudolf steifbeinig an den Tisch setzte und den Kaffee mit Brot suppte. Dem Seffes wurde das Herz leicht dabei, aus Freude, weil er hatte helfen können, aber mehr noch aus Stolz auf die harten Oberdörfler, denen so leicht zu helfen war. Nein, es ging wahrhaftig nicht darum, den Kerlen etwa das Paradies auf Erden zu bereiten, damit sie nur noch mit offenen Mäulern auf die gebratenen Tauben warteten und es verlernten, die Hände zu rühren. Nein, nein, die sollten hortich und alert bleiben – wenn man es nur dahin brachte, daß sie ein wenig öfter als bisher satt zu essen hatten, so war schon viel gewonnen.

Aber das rechte Maß war schwer zu finden – der Hunger machte die Leute hart und zäh, doch auch unterwürfig und eigensüchtig, er gab Kraft und konnte sie auch nehmen, so wie manche Kräuter, die gar viel Vorsicht brauchten.

Der Seffes blieb stehen und sah zu den Wäldern auf, die ringsum wie vom glitzernden Himmel her auf die Dorfflur niederstürzten – nein, wenn es nicht gelang, eine Lücke da hineinzuschlagen, dann konnte das Dorf nie aufleben, es waren ohnehin sicher schon zu viele Esser für die paar Handbreit Boden.

Da war auch der Entschluß wieder da, den er vor kurzem noch verschworen hatte: er wollte sich's nicht verdrießen lassen und weiter versuchen, die Gemeinde zusammenzubringen, damit die alten Gerechtigkeiten wiederkamen. Mochte der Lippes mit seiner Garde sich noch so sehr sträuben, es mußte und mußte gehen.

Kreuzvergnügt wie lange nicht kam der Seffes vor seinem Häusla an, auf der Stubenschwelle aber blieb er betroffen stehen, denn vom dunklen Ofenwinkel her kam ein Laut – kein Zweifel: dort weinte jemand. Der Seffes dachte erst an eine Hilfesuchende aus dem Dorfe – aber die hätte sich ihm doch wohl gleich zugewandt, als er eintrat. Auch pflegte es ihm seine Frau immer schon im Flur zu sagen, wenn Leute auf ihn warteten.

Seine Frau – ja, wo war die? Denn es fiel ihm ein, daß sie ja vorhin schon mit dem Verrichten fertig gewesen war, ja, und daß er auch beim Heimkommen im Stallfenster kein Licht mehr gesehen hatte. Dunkel das ganze Häusla. »Anka!« rief er halblaut vor sich hin in die Stube, und das Weinen verstärkte sich. Als er aber einige Schritte auf die Ofenbank zu tat, hörte es sich an, als wenn die Frau aufspringen und in die Kammer flüchten wollte. Er konnte eben noch zugreifen und sie neben sich niederziehen. »Anka – wos hot's denn?« murmelte er, ehrlich erschreckt von dem Weinen, mehr noch von der unverkennbaren Abwehr der sonst so stillen, fügsamen Frau. »Anka – do säh m'r'sch och!« sprach er weiter, als er sie in seinem Arm ein wenig ruhiger werden fühlte.

Insgeheim glaubte er schon zu wissen, um was es ging: Der Frau war wohl wieder die Hoffnung auf ein Kind zuschanden geworden, das schlug sich ihr alle Monate gar bitterlich aufs Gemüte. Der Seffes selbst fragte sich ja auch oft, warum sie damit gestraft sein mußten, zwei gesunde Leute, die einander von Herzen gerne hatten. Aber wenn es ihn auch drückte, daß sie ins Leere wirtschaften sollten, da trug er es doch leichter als sie, für einen Mann hängt ja nicht so viel Leben daran.

Dasmal aber ging es um etwas andres – wie er die Frage öfters wiederholte und dazwischen tröstete und gut zuredete, da kam es endlich heraus, daß der Frau die viele verschenkte Arzenei von Herzen leid geworden war. Mochte es mit den gedörrten Kräutern, Beeren und Wurzeln hingehen, obgleich auch daran ihre gute Arbeit hing, mit Pflanzen und Jäten im Gartla oder mit dem Suchen auf dem Gebirge droben. Aber der Geist? Die Schmieren? Den Sprit mußte sie selber bezahlen, und in den Schmieren steckte gute Butter oder gutes Schmalz – verlorenes Geld! Und sie brauchten es doch wirklich nötig genug, seit der Seffes immer nur den halben Lohn heimbrachte!

Den halben Lohn: ja, ja, das war schon was! Der Seffes konnte gut dagegen reden – recht wohl war ihm nicht dabei! Denn der Baumeister im Mitteldorfe, bei dem er in Arbeit stand, zahlte seit Neujahr wirklich nur halb, jede Woche war er mit einer neuen Ausrede zur Hand, einmal war es die Holzrechnung, die vorgehen mußte, dann die Fuhr- oder Rückerlöhne, die neumodische Krankenkasse oder gar nur die schlechten Zeiten. Aufbegehren mochte der Seffes nicht, weil es im Winter nicht leicht andre Arbeit gab und weil er überhaupt für den Wechsel nicht sehr eingenommen war. Fehlen konnte es ja nicht weit, der Grögerbaumeister war ein schwerreicher Mann, hatte sich eben erst ein Paar neue Kutschpferde gekauft, ungarische Jucker – och je, da waren die paar Kreuzer Lohngeld sicher genug!

Aber für die Frau mochte das Hausen mit dem halben Geld nicht leicht gewesen sein, das hatte er bloß nicht so bedacht. Denn die Anka hatte keinen ruhigen Augenblick, wenn sie nicht jede Woche hübsche paar Kreuzer auf die Seite tun konnte; sie wollte den Stall größer gemacht haben und eine dritte Kuh statt der zwei Ziegen und für den Notfall sollte auch noch was übrigbleiben – ja, ja, das mochte ihr wohl gefehlt haben.

Aber satt zu essen hatten sie doch immer gehabt, und gesund waren sie, Gott Lob und Dank, auch – konnte man es da übers Herz bringen, Leuten, denen es gar sehr viel schlechter ging, die Hilfe zu versagen? »Anka, da tu och nie aso – du kriegst es doch selber nie fertig, daß du den armen Teufeln ihre Blutkreuzerlan tätest abverlangen! Anka!«

Doch die Frau ergab sich keineswegs, sie hielt mit einer Hartnäckigkeit Widerpart, die den Seffes gar sehr verwunderte: Von den Ärmsten wollte sie gar nichts haben, meinte sie, aber warum sie Leuten schenken sollte, die gewiß nicht weniger, eher mehr hatten als sie selbst, das ginge ihr nicht in den Kopf!

Der Oberförster hätte gut bezahlen können, der Aabier nicht minder, und der Hauptlehrer im Mitteldorfe erst recht! Von vielen andern gar nicht zu reden.

Ine ja, ine ja – dem Seffes war nicht wohl dabei. »Ich ho kee Recht nie!« wiederholte er immer wieder. »Helfen – das willich! Aber wenn ich erscht Geld nahm dafür, da wär gleich der Neid dahinter und die Eifersucht und – und ich dächt, ich wüßt aa gor ken'n Rat mehr!«

Da seufzte die Frau, legte ihm demütig die Arme um den Hals und den Kopf an die Brust. Er zog sie eng an sich, und sie saßen lange im Dunkeln, ohne zu reden.

 

Mit Franke Rudolfs Hochzeit war es rein wie verhext – erst das notgeschlachtete Schwein, dann der zerbrochene Schlitten, und wie jetzt der Tag wirklich gekommen war, da brachte er eine ungebührliche Witterung, wie die ältesten Muttern keine ärgere gedenken konnten. Gespürt hatten es ja viele, daß die große Kälte sich brechen wollte, der alte Hannich hatte es im Knie gehabt, der Maiermutter hatten die letzten Zahnstummeln gar so weh getan, es hatte bereits jeder sein eigenes Wetterglas in den Knochen. Und dazu hatten am Vorabend die Lammlan am Himmel gestanden, grade überm Wetterloch, und oben auf dem Kamme hatte man den Wind schon pfeifen hören: in der Nacht war er immer lauter geworden, ine ja, es mußte ja auch einmal Tauwetter kommen – »Aber so plotze und mit der Gewalt – nee, das hat noch niemand derlabt!« sagten die Leute.

Der ganze Himmel ein grauer Sack, der Wind fuhr hinein, daß die Fetzen herunterhingen, und der Regen treeschte nur so herunter. Wie die Leute am Morgen aus den Häuslan hinaussahen, da mußten sie sich die Augen reiben, denn es war kein Brinkala weißer Schnee mehr übrig, alles eine graue Schmiere, manchenorts sah schon der Acker heraus. Und die Börnlan und die Bachlan gorgelten so laut – aber die Biele erst! Die war über Nacht noch einmal so groß geworden. Da war kein Gedanke mehr, daß die Seidelmutter der Frankemutter bei der Wasserschöppe hätte was hinüberrufen können: man verstand das eigene Wort nicht, die Muttern konnten nur die Hände zusammenschlagen und an die Lippen drücken und den Kopf dazu schütteln, jechich, jechich doch, doch aa!

»Es vergönntes dir's wer nie!« sagte die Frankemutter, als sie dem Rudla die Kaffeesuppe auf den Tisch setzte, und deutete zum Fenster hinaus, wo von der Dachrinne ein ganzer Wasserfall herunterkam. »Schade um den guten Kram – ihr werd't ei de Kerche kommen wie die gebadeten Mäuse!«

Der Rudla brummte nur – was hätte er sagen sollen? Kreuzlahm war er immer noch, dazu war ihm beim Barbieren das Messer danebengefahren, gleich dreimal, daß er aussah, als hätt ihn der Bär gekrallt; na, und über die Witterung konnte einer ja das Fluchen lernen, wenn er's noch nicht konnte, es war besser, man tat den Mund erst nicht auf, daß die Todsünde nur in Gedanken blieb.

Und wie er gerade so was Ellenlanges dachte, da heulte doch der Wind mit einmal durch den Schornstein, daß gleich die Flamme zum Ofentürla herausschlug. Die Frankin tat einen Schrei und fing laut zu beten an, und der Rudla hielt den Kopf ganz tief, daß die Mutter nicht sehen sollte, wie sehr er selber erschrocken war. Schlimme Zeiten, wenn man ungestraft nicht einmal mehr denken konnte, ine verpucht und verflimmt!

Und schon wieder ein Windstoß, daß das Häusla wackelte, und in der Stille danach hörte man auf der Klanke droben einen Baum stürzen, es mußte eine von den alten Buchen sein, weil die Äste gar so splitterten und krachten, und von dem Aufschlag tanzte das Geschirr im Almerla.

»O ihr heiligen vierzehn Nothelfer!« ächzte die Frankin und hielt erschreckt inne, als sie den Sohn aufspringen und steifbeinig zur Türe gehen sah. Im Flur nahm er den Arbeitsrock vom Nagel, warf ihn über die Schultern, stülpte den Filz auf und schlug die Oberhälfte der Haustüre auf.

»Rudla, was tust de denn? Do blei och da!« jammerte die Frankin, aber der Sohn winkte nur mit der Hand zurück und sah angestrengt hinaus. Das Beten war schön und gut, zu seiner Zeit – aber wenn der Sturm die alten Buchen oben umlegte, da konnten leicht auch ein paar Steinlan locker werden, und wenn die erst einmal ins Hoppen kamen – Nee, da sollten och die Muttern weiter beten, aber die Mannsleute mußten auf dem Posten sein!

Die Sorge war für diesmal umsonst: die alte Buche hatte es gut gemeint und sich mitten auf die Lehne so vor andere quergelegt, daß sie für das Frankehäusla die beste Abwehr gegen Steinschlag bildete. Rudla sah sie liegen und erkannte sie gut: sie hatte schon länger nicht mehr das rechte Leben in sich gehabt, weil sie die Jahre her so viel Buchenschwämme getragen hatte, das war schon ein Zeichen. Der Rudla fingerte Zunder aus der Tasche, der von jenen Buchenschwämmen stammte, beroch ihn nachdenklich – guter Schwamm, leicht und zäh! Dann holte er einen kantigen Feuerstein und das Klappmesser mit dem Stahlbügel hervor, riß ein Stückchen Schwamm ab und schlug Feuer. Sobald der Zunder glimmte, stopfte er ihn obenauf in die Pfeife und sah, während ihm der scharfe, würzige Rauch die Nase kitzelte, nochmals zu der Buche hinauf. Die wurde nun bald selber zu Brühholz, ine ja.

Wie er eben die Haustüre wieder zuklappen wollte, wurde sie ihm von außen aus der Hand gedrückt, und im Augenblick darauf stampfte ein Mann in den Flur und warf den Sack ab, den er über Kopf und Rücken gestülpt getragen hatte.

Es war Strauchseifert, der im Oberdorfe von jeher den Hochzeitsbitter machte und nun den Rudla zur Trauung holen kam. Ehe er die feierliche Miene aufsetzte und nach der Schrift zu reden anhub – das konnte er gar gut, Strauchseifert, besser wie mancher Pfarrer; ein ungeheuer gescheiter Mann, wenn der die Brille aufsetzte, da konnte er so hortich lesen, daß ihm die Augen nur so wie die Wieserlan übers Papier liefen; und um und um steckt er voll Geschechtlan und Gedichtlan und Liedlan und lauter solchem Kram, die Leute gorgelten nur so vor Lachen, wenn er damit anfing; nee, ohne Strauchseifert konnte keine Hochzeit sein! – aber jetzt, ehe er die Bitte vorbrachte, brummte er erst zu Rudlan hin: »Ine du versuchtes Oos, haste dir denn kee ärgeres Schweinswetter nie aussuchen können? Muß man im Feiertagskram auch noch durchweichen, ver…«

Aber da brach er ab, räusperte sich und rückte sich zurecht, denn die Frankemutter war unter die Stubentüre getreten und sah ihn erwartungsvoll an. Rudla hängte Filz und Arbeitsjacke eilig wieder an den Nagel und zwängte sich in den schwarzen Sonntagsrock. Dann gingen sie alle drei in die Stube, und Strauchseifert begann mit einer fremden, kehligen Stimme:

»Herr Bräutigam, ein bedeutungsvoller und wichtiger Tag ist gekommen. Du stehst im Begriffe, dir eine Braut heimzuführen, die dir eine Gehilfin fürs Leben sein soll. Deine Wahl ist getroffen –«

Die Frankemutter weinte schon vor lauter Feierlichkeit, und auch dem Rudla wurde es ganz andächtig – da gab es ein schnelles Ende: von draußen klang das Alarmsignal der freiwilligen Feuerwehr, recht atemlos und abgerissen, Kreuzer Johann blies wohl im Laufen. Die Männer waren mit zwei Sätzen bei der Türe und erwischten ihn gerade, wie er im Laufschritt ankam.

»Bei der unteren Brettmühle hat das Wasser a paar Klötzer mitgenommen, die ho'n sich unter der Kieserichbrücke quergestellt und alles verstoppt, da sein die Männer beim Wegräumen. Und ein paar müssen in den Kieserich nauf, dort liegt das viele Langholz, das muß gesichert wern! Wenn der Bach das mitnimmt, dann gute Nacht! – Halt!« rief er noch, als er Rudla eilig den Rock ausziehen sah. »Du sollst och schnell heiraten, und Strauchseifert und Zwiener Adolf sollen bei dir bleiben – aber danach müßt ihr euch auch bereit halten!«

»Wer hat denn das gesagt, daß ich erscht heiraten soll? Der Kommandant?«

»Och – der!« machte der Hornist wegwerfend. »Lippes geht bei dem Wetter nie vor die Türe! Nee, aber Plischke und die andern alle lassen dir's sagen. Mach och, laß den Pfarrer nie warten!«

Der Rudla ließ es sich nicht nehmen, dem Hornisten ein Stamperla Schnaps auf den Weg mitzugeben. Und Kreuzer Johann hatte nichts dagegen, er war ein großer Feind von billigem Schnaps, der muß aller weg, sagte er immer.

Aber dann hatten sie's eilig, der Hornist tutete weiter im Dorfe hinauf, und die beiden Männer machten mit Zwiener, dem einen Trauzeugen, nach dem Brauthause.

Der Frankemutter ging es gar sehr nahe, daß jetzt alles ein Galopp sein sollte, und wer weiß, ob sich noch Zeit finden würde, daß die Gäste zum Imbiß zurückkamen. Viel war's ja nicht, was sie aufzuwarten hatte, aber es war doch von Herzen gegeben, für den einzigen Sohn. »Ine jechich –« stotterte sie nur immer wieder, »ihr werdet doch nie – ma hofft doch nie – ine jeela –«

Aber da waren die Männer schon draußen, und der Rudla rief über die Schulter zurück: »Richt mir och die Uniform her, daß ich mich gleich umziehn kann!« Das andre schluckte der Sturm, und die Frankin schloß die Türen, weinte ein Gesetzla und opferte dann ihr Herzeleid für die armen Seelen auf. Danach fühlte sie sich etwas getröstet und machte sich daran, den Tisch zu decken.

Die drei Männer kämpften sich mit vorgestemmten Achseln gegen den Sturm ins Dorf hinunter. Bei jeder der vielen Brücken, die über den Bach führten, standen zwei oder mehr Mann Wache, denn jeden Augenblick konnte aus ein paar quergestellten Trümmern eine Sperre aufwachsen, die das Wasser über die Ufer zwang.

Sooft die Männer den Rudla erkannten, winkten sie und riefen ihm etwas zu, aber man konnte es fast nie verstehen, der Wind riß alles von den aufgesperrten Mäulern fort. Nur einmal klang es laut in eine Pause: »Klankenhersch!« Und der Rudla winkte dankbar zurück.

»Mach och, daß de fertig werst!« brüllte der Mann weiter, es war Hannich Peppes, ein rechter Vetter der Braut, er hatte sich für den Tag auch was andres erhofft, als so im Wasser zu waten. »Mach och – wir wern dir danach die Hochzeitsgelüste schon austreiben!«

Da mußten die drei im Weiterlaufen doch ein wenig fluchen, es war ja auch gar zu niederzüchtig, daß einem Menschen der größte Lebensfeiertag sollte so verdorben werden. Aber die Gefahr war eben da, da mußten alle helfen. Ine ja.

Im Neugebauerhäusla sahen sie's auch ein, sie hatten aber auch das Wasser versucht nahe an der Hintertüre. Die Brautmutter weinte ank mehr als sonst, die Muttern nahmen sich's ja alle sehr zu Herzen, wenn was nicht sein konnte, wie's der Brauch war, überhaupt bei den hohen Anlässen, da wurden sie forchtich. Aber die Braut tat nichts dergleichen, sie gab sich einen Ruck und sagte nur: »Ine, da wern w'r halt hortich machen!« Dann gab sie der Mutter noch einen rechten Schmatz und marschierte los – eine kuraschierte Strunze war sie ja schon immer gewesen, dafür war sie bekannt, die Neugebauer Marie.

Der Herr Pfarrer hatte auch nichts dagegen, daß es hortich gehn sollte. Von der Biele hatte er ja weniger zu fürchten, weil die Kirche mit dem Pfarrhaus ank zur Seite stand, auf einem Hügala oder der Straße. Aber dafür kam der Keilgraben hinten vorbei, und dem war nicht zu trauen. Meistenteils kam er so geringe daher, daß kein Entla hätt das Schwimmen drin lernen können, aber dann wieder kriegte er's mit der Gewalt und tat gar viel Schaden; ein scheinheiliges Wasserla, der Herr Pfarrer wußte schon, warum er Angst hatte, denn einmal war ihm die Gartenecke mit dem Hühnerstall schon weggerissen worden. Jetzt hatte der Bürgermeister den Kaluppwerner mit noch zwei Mann auf Posten geschickt, die hockten diesseits der Kirchhofsmauer, weil drüben der Wind gar so unbarmherzig ging. Ein Fegala Schnaps oder vielleicht auch nur ein Butterschnittla hätte den dreien gut getan, aber dafür war die Pfarrerköchin nicht zu sprechen. Die Fräulein Lina? Och jee – das war eine gar Genaue!

Die Trauung war schnell vorüber – kein halbes Stündla danach rannten die Leutlan schon wieder im Dorfe hinauf. Eigentlich hätten sie ja beim Frankewirt zum Geschenke einkehren wollen, aber das hatten sie schon auf herunterzu abgesagt. Im Brauthause suppte jeder nur schnell einen Teller gute Suppe mit Nudeln, schickte ein Bröckla fettes Fleisch mit Knödel nach und ein Schlückla Schnaps obendrauf – aber es mußte alles gar zu hortich gehn, das Herze war nicht dabei.

Strauchseifert, mit dem Schnapsglasla in der Hand, schüttelte nur mit dem Kopfe und meinte, es sei doch gar zu schade um die schöne Gottesgabe, und die Feier müßte eben nachgeholt werden, wenn die Heimsuchung vorüber sei.

Dann machten sie sich eilends wieder auf den Weg, und die Brautmutter weinte noch ein Gesetzla, weil die junge Frau schon mitlief. Aber die gehörte ja nun zu ihrem Mann.

Die Frankemutter droben konnte sich auch nicht zu gut geben, daß gar nichts seine rechte Art hatte, sie tat geschäftig wie die Katze in den Sechswochen und schwenzelte nur so aus dem Flur in die Stube und zurücke. Sie hatte Kaffee aufgesetzt und dreierlei Kuchen gebacken, Speck, Quark und Powidel, und die Speckkuchen, aus Brotteig, waren ihr ganzer Stolz. Im Sommer, vor den Kavaliersjagden, muhte sie immer in der Oberförsterei für das Jagdfrühstück backen helfen, und einmal hatte schon ein fürstlicher Gast gesagt: »Das sind mir aber köstlichee Kuchän!« Das wußte das ganze Dorf.

Na, die Männer verschmähten ihr die Gabe nicht, die stopften sich den Mund so voll, daß man dachte, sie müßten derworgen. Aber mit ank Kaffee rutschte doch alles hinunter. Mit dem letzten Bissen im Mund sprangen sie schon auf, der Rudla zog sich in der Kammer schnell das andre Zeug an, und die beiden andern liefen in ihre Häuslan.

Bevor sich's die Frankemutter recht versah, war sie mit der Schwiegertochter alleine, und wie die sich die Röcke ruffgürtete, eine Schürze umband und mit dem Abwaschen anfing, als wär sie schon immer da zu Hause gewesen, da mußte die Frankin noch einmal ein paar Tränlein hervordrücken, für sie selber war's ja doch eben der Anfang vom Ende. Ine ja.

 

Bei jeder Wassersnot wurde es den Leuten gegenwärtig, daß die Häuslan doch ank gar zu sehr hopsasa rüber und nüber längs der Biele gebaut waren. Wenn das Wasser ein paar Brücklan mitnahm, da waren manche Häuslan von der Straße abgeschnitten; und wenn es die unrechten Brücklan erwischte – und das war meistens so, wenn erst das Unglücke kommt, dann Will's immer das Ärgste – dann war auch die Fahrstraße unterbrochen, denn die ging ja auch schöne paar Male über den Bach hin und her.

Wenn das Wasser sich verlaufen hatte, da vergaßen sie's wieder, und jeder war zufrieden aus seinem Platzla, aber so wie jetzt, beim Hochwasser, da hätten sich mögen die alten Leute im Grabe umdrehen, so sehr wurde es ihnen vorgeworfen, daß sie dahin und nicht dorthin gebaut hatten, oder umgekehrt. Aber es war doch auch wieder das Schöne, daß sich die Gemeinsamkeit richtig zeigen konnte, denn die weit genug vom Wasser wohnten, die blieben nicht etwa in der Stube, ine jeela, wo möchten sie denn, nee, da stand einer für den andern, Kreuzer Johann ging gleich bis über die Knie ins Wasser und holte Hannichens Waschtrog zurück, der schon halb adje war. Das war keine kleine Sache, bei der übermenschlichen Gewalt, die das Wasser hatte, und so eisig wie es war. Aber die alte Hannichin hatte gar so sehr geflennt, weil sie das alte Schaff schon an die fünfzig Jahre im Gebrauch hatte, und das hatte eben Kreuzer nicht hören mögen, er war so gutherzig.

Und solche Stücklan geschahen gar viele im Dorfe hinauf und hinunter, aber es hatte bloß keiner Zeit, richtig aufzupassen, denn im Bieleloch waren ein paar Meter Scheitholz locker geworden, richtige Buchentrümmer, die kamen jetzt dahergefahren und hätten gar zu gerne Schweinerei gemacht. Da mußten die Männer scharf auf dem Posten sein, mit Haken und Stangen und eisernen Rechen, und die Scheite ans Ufer reißen.

Die Förster hatten es schlecht den Tag, da hätte jeder mögen, wie man sagt, mit einem Hintern auf drei Kirchweihen sein, und das ist keine leichte Kunst. Aber der Herr Oberförster war dahinter her wie 's Element, er hielt alles richtig im Schwunge, die Leute freuten sich alle, wenn er daherkam, wenn er auch da und dort ein Gesetzla schimpfte.

Aber so viel Zeit nahmen sich ein paar Muttern doch, daß sie einander von einem Häusla zum andern oder über den Bach hinüber mit den Händen an den Wangen zeigten, wie schmal der alte Schubert im Gesichte geworden war! Er gab ja nichts darauf, aber man merkte es doch, wie kurz ihm der Odem ging, das war ganz was Neues an ihm.

Und gerade an dem Tage tat er was, das rechneten ihm die Leute hoch an, kein geborener Oberdörfler hätte es besser machen können:

Das Spritzenhäusla stand ank nahe beim Bache, zu nahe vielleicht, aber, jechich doch, ein ebenes Platzla sollte es doch haben und dazu eines, wo sonst nichts drauf wuchs, es hatte doch keiner im Oberdorfe ein einziges Grashalmla übrig. Da war die Wahl nicht groß gewesen, sie hatten es halt auf das Schotterfleckla hingebaut, gerade wo der Kieferichbach in die Biele hereinkam, gleich neben der Straße, ganz kommode soweit.

Aber beim Hochwasser, natürlich, sah es böse aus damit, die beiden Wasserlan zerzankten sich gerne, wo sie zusammenkamen, da gab es Schwellen und Wirbel, und die Steinblöcke kollerten nur so daher. Zweimal waren schon welche gegen die Hinterwand gehoppt, daß der Mörtel weggeflogen war und das blanke Mauerwerk dastand. Viele solche Stöße konnte das Häusla nicht vertragen, es war ja nur aus Feldsteinen.

Zwiener Adolf, Franke Rudla und noch ein paar andre wollten die Spritze herausholen und in Sicherheit bringen, die war erst zwei Jahre alt und hatte mit den hundert Metern Schläuchen gar viel Geld gekostet; die langen Feuerleitern waren auch dabei, alles zusammen wäre ein ungeheurer Schaden für die Gemeinde gewesen.

Aber das Häusla war abgesperrt, der Schlüssel war beim Kommandanten, beim Lippes, und der – ganz daheim zu bleiben getraute er sich wohl nicht – hielt sich an dem Tage um die Kirche herum auf, er dachte wohl, wenn er dem Pfarrer was retten könnte, da wäre mehr gewonnen.

Wie die Männer zu ihm kamen und den Schlüssel verlangten, da wurde er ganz todböse und schrie nur immer: »Kommandant bin ich – die Spritze rührt mir keiner an, ehe ich den Befehl gebe! Kümmert ihr euch um euern Quark!«

Wie also die Boten mit leeren Händen zum Spritzenhäusla zurückkamen, da wollte Zwiener, der sich mit Absicht zurückgehalten hatte, daß niemand sagen sollte, er hätte den Lippes reizen wollen, doch gleich mit Franke Rudolf nochmals hinunter, dem Lippes den Kopf zurechtsetzen. Aber der Jachimseffes, der gerade dazukam, ließ es nicht zu, und verschiedene Leute redeten auch ab, die hatten eben doch Angst vorm Lippes. Der Seffes ja nicht – er wollte nur nicht mehr Zeit verlieren, hieß die Männer warten und rannte bis zum nächsten Brückla hinauf, wo gerade der Oberförster war. Den brachte der Seffes mit herunter, hatte ihm in drei Sätzen alles erklärt, und der Oberförster fackelte nicht lange und gab nur einen Wink, da waren Zwiener und Franke schon dabei, klemmten eine Rodehacke und eine Axt oben und unten in den Spalt, und das Tor sprang auf.

Aber im gleichen Augenblick bröckelten schon die Steine aus der Rückwand, die eine Ecke rutschte weg, und das Häusla stand so windschief da, als wüßte es bloß noch nicht, auf welche Seite es umfallen sollte.

Den Leuten verschlug es die Rede vor Schreck – wenn die Gemeinde zu dem andern Schaden auch noch eine Spritze mit dem ganzen Geschirre zu kaufen hatte, dann gab's für lange Zeit kein Bröckla Butter mehr zum Brot, an Fleisch gar nicht zu denken! Aber hinein traute sich auch keiner mehr, das Dach konnte eins, zwei herunterkommen!

Da packte der Oberförster zu – ehe die Leute richtig wußten, was er vorhatte, war er schon im Häusla drin, stieß mit dem Fuß die Bremsklötze unter den Rädern fort und schob an: kaum daß die Spritze rollte, waren aber die Männer auch bei der Hand und zogen sie vollends heraus. Dann wollten sie dem Oberförster nach, der gleich wieder hineingegangen war, aber der jagte sie zurück und schob alleine auch den Gerüstwagen mit den Leitern an, und wie er hinterher aus dem Tore kam, da stand das Häusla noch ein paar Atemzüge lang, wie aus Respekt, und dann knickte es ganz schön state ein, als wenn sich hätte das Dach auf die Erde setzen wollen.

Na, da läßt es sich ja denken, wie die Männer um den Oberförster her waren – sie hätten ihm mögen die Hände unter die Sohlen breiten; die Seidelmutter hörte man von schräg gegenüber durch das offene Fenster Segenswünsche herüberrufen. Aber der alte Schubert, das war ja seine Art, verbat sich alles und wurde brummig.

Danach geschah nichts Besondres mehr. Der Regen hatte ja schon am frühen Nachmittage aufgehört, dann war der Wind umgesprungen, und jetzt klarte es auf und sah beinahe nach neuem Frost aus. Das Wasser wurde unterm Zusehen zahmer und geringer, es brüllte auch nicht mehr so unverschämt und führte keine Scheiter oder gar Klötzer mehr mit. Die Männer blieben noch eine Zeit auf dem Posten, und wie gewiß nichts mehr zu befürchten war, wollten sie sich in die Häuslan verziehen. Aber das ließ der Oberförster nicht zu, er nahm sie alle zum Frankewirt mit, ein Faßla Freibier hätten sie sich wohl verdient, meinte er.

Der Frankewirt mußte schon was gespannt haben, denn wie der Oberförster mit den ersten zur Türe hereinkam, lag das Halbefaß auf dem Bock bereit, und der Wirt schlug eben an. Ach, das fuhr den Männern in die Knochen wie Tanzmusik, sie zappelten ordentlich: heute konnten ihnen die Muttern nichts vorrechnen, es war ja nichts zu bezahlen. Und wie gar der Oberförster dem Wirte hinüberrief: »Wir wern was unterlegen müssen, damit uns das Bier den Magen nie verkühlt – tu och a paar Fegalan her und ank Wurst und Brot!« – da grunzten sie nur so vor lauter Glückseligkeit und Erwartung.

Der Frankewirt stieg in den Keller und brachte zwei Kränze Extrawurst, daß die Leute den Atem anhielten: solche Wagenräder – nee – das konnte nicht gemeint sein! Aber der alte Schubert nickte nur, wie er sie sah, und der Wirt legte sie vor Kreuzer Johann hin, der auch bei den Jagden immer den Treiberführer machte und die Verteilung unter sich hatte. Der hatte die Männer in Gedanken schon überzählt, zog das Klappmesser und halbte, viertelte, achtelte drauflos. Unterdessen schnitt Zwiener Adolf das Brot dazu auf, zwei große Laibe, und jeder bekam seine Schnitte und seinen Wurstzipfel zugereicht, aber es fing keiner zu essen an, wenn auch manchen das Gelüstwasserla bis zu den Mundwinkeln stand; auch mit dem Trinken wartete jeder zu, bis die andern ihres hatten – es dauerte eine ganze Weile, der Wirt alleine wäre überhaupt nicht fertig geworden, die Anna, die Tochter vom Kohlstreit, mußte mithelfen. Und da saßen die Männer und sahen nur immer das Madla an – es war gar nicht zu glauben, wie sie sich herausgemacht hatte, seit sie satt zu essen kriegte! Ein solches unscheinbares Geschöpfla war sie gewesen – und jetzt saß sie prall und rund in ihrer Haut wie ein Kreuzerwürschtla, und die Zähne blinkten nur so – der Vormund, der Jachimseffes, hatte sie ihr richten lassen, in der Stadt drin, auf seine Kosten, das war beinahe schon Verschwendung: denn von den Muttern allen hatte kaum eine mehr als zwei, höchstens drei Zähne im Munde – und warum sollten es die Madlan anders haben? Ine ja, es sah aber gar zu schön aus, und manche von den Männern dachten an ihre eigenen Töchterlan daheim, die auch eine solche Kur hätten brauchen können.

Wie alles ausgeteilt und in Ordnung war, da stand Kreuzer Johann auf, hielt das Bierkrügla in die Höhe und sprach zum oberen Tischende hin: »Ine, da danken wir hald aa recht schien, Herr Oberferschter!« Und die Männer murmelten mit. Danach aber hörte man lange nichts mehr als das Kauwerk, es waren ja viele vom frühen Morgen an draußen gewesen, ohne rechtes Essen, dazu noch durchweicht – da paßte Wurst und Brot gar gut in sie hinein.

Und wie danach, mit dem Sattwerden, die schöne Wärme vom Magen aus kam, als hätte jeder ein heißes Bügeleisen verschluckt, da wurden euch die Kerle aber so munter wie die Katzlan, stießen einander in die Seiten und gluckerten vor Lachen: »Mir ho'n 's wieder amal gebrät't!« Ja, sie hatten es wieder einmal gezwungen, der ärgste Schaden war verhütet. Wo das Wasser übergelaufen war, konnten später im Frühjahr die Kinder Kies und Sand wegrechen, das Spritzenhäusla würde wieder aufgebaut werden, und der Spritze war ja gottlob nichts geschehen.

Wie die Rede darauf kam, hätten die Männer gerne gewußt, warum der Oberförster alle zurückgejagt hatte und alleine in das wackelige Häusla hineingegangen war. Es traute sich nur keiner zu fragen, einer schob es auf den andern, bis Jachimseffes dazukam, der zuvor noch zu Hause gewesen war. Der fragte den Oberförster geradezu, er hatte so eine seine Art, voll Respekt und doch von der Leber weg. Und der Oberförster überlegte es auch nicht lange und gab gleich Bescheid: »Warum? Wenn's hätte ärschlich gehen sollen, da war's genug, wenn's einen allein erwischte und nie glei a paare! Und meine Frau kriegt Pension – aber eure nie!«

Da saßen sie ganz stille wie die Schulbüblan und trauten einander nicht anzusehen, bis der Jachimseffes aufstand und richtig herzhaft sagte: »Ine, da vergelt's Gott, Herr Oberferschter!« Das sprachen sie ihm alle nach.

Dann wollte der Plischkefuhrmann sich über den Bürgermeister die Gusche ausleeren, weil der den Schlüssel nicht herausgegeben und um ein Haar ein großes Unglück verschuldet hatte. Die ärgsten Widersacher von Lippes, der Zwiener und der Klankenhersch, waren ja zum Glücke nicht mehr da, die hatten sich davongemacht, um die Hochzeit nachzufeiern, Strauchseifert und Hannich Peppes auch. Sonst hätte es den Abend leicht sein können, daß der oder jener sich ank ausgelassen hätte. So aber winkte Jachimseffes nur mit den Augen ab und konnte den einen Plischke gleich zum Schweigen bringen. Die Männer wunderten sich wohl, weil er doch gar keine Ursache hatte, daß er den Lippes hätte in Schutz nehmen sollen; und manche ärgerten sich auch, weil sie Spaß daran gehabt hätten, sich einmal richtig auszuschimpfen, wo doch der Lippes gerade nicht da war. Aber dann wollte doch keiner Unfrieden anfangen, sie tranken ein Schlückla und gluckerten wieder und merkten es gar nicht gleich, daß der Seffes auf ganz was anderes aus war: Er hatte sich nahe zum Oberförster hingesetzt und ein paarmal zu ihm hingesprochen. Aufmerksam wurden die Leute erst, wie der Oberförster ganz laut Antwort gab – recht brummig, aber bei ihm wußte man ja nie, ob es wirklich so gemeint war, erst bis der Stecken nachkam. Ganz sauber war die Sache dasmal nicht, denn er sprach nach der Schrift: »Nein, nein!« sprach er. »Daraus wird nichts, ich will damit nichts mehr zu tun haben!« Wie Jachimseffes etwas dagegen murmelte, schnitt er ihm ordentlich das Wort ab: »Und Sie wissen ja am besten, daß Sie die Leute gar niemals zusammenkriegen! Also hat das Ganze gar keinen Sinn!«

Da merkten die andern, daß wieder von der Eingabe die Rede war, von den alten Gerechtigkeiten, und sie blinkten einander zu und schüttelten die Köpfe – nee, davon wollten sie nichts hören, gerade heute nicht, wo doch der Herr Oberförster so nobel gewesen war. Sollte man den Mann zum Dank dafür ärgern, daß er vom Fleck aus nach Hause ging, anstatt noch ank sitzen zu bleiben und – vielleicht – ein zweites Faßla –

Sie murrten und grunzten und schüttelten die Köpfe; Kreuzer Johann griff gar hinüber und zog den Seffes, der gerade noch etwas sagen wollte, am Ärmel; es sollte wohl heimlich sein, aber natürlich hatten es alle gesehen, vor allem der Oberförster, und der bog sich zum Seffes vor und sagte ihm etwas, was keiner verstand, und danach lehnte er sich zurück und lachte recht breit, und die Leute lachten mit, weil es sich so gehörte, und verstanden den Seffes nicht, der wie ein Feld voll Teufel dreinsah und gar so wütig an seinem Schnurrbart zerrte.

Vielleicht wären sie doch stutzig geworden, wenn sie gewußt hätten, wie es nach des Oberförsters Meinung um sie bestellt war: »Setzt Euch keine Läuse in den Pelz, Friede«, hatte er gesagt. »Die Leute kriegt Ihr nie unter einen Hut – aus Dreck kann man kein Feuer schlagen!« Ein hartes Wort – dem Seffes war es richtig in die Leber gefahren, aber für den Augenblick mußte er es gelten lassen, er spürte es selbst am besten, daß er keine Unterstützung hatte. Und dabei wollte ihn die Wut packen, über die vernagelten Köpfe, die ihn die gute Gelegenheit verpassen ließen, weil sie sie gar nicht begriffen! Heute wäre der Oberförster herumzukriegen gewesen, daß er sein Wort zurückgenommen und die Eingabe doch noch angenommen hätte. Und dann, wer weiß –

Der Seffes saß in großer Wut da, und es wurde ihm auch nicht besser, als er die andern, die ja nichts von seinem Ärger verstanden, immer lustiger werden hörte. Schließlich fing der Grögerschuster, den der Schnaps immer gleich in der Gurgel juckte, gar zu singen an, und die andern machten den Chor.

»Och, ich freu mich ufn Hemmel
Wie uf's Futter enser Schemmel!«

sang der Schuster, und der Chor machte weiter:

»Hopsasa, rüber und nüber!
Gah m'r a Bußla!
Ich gah d'rsch wieder.
Hopsasa!«

Die erste Strophe, die zweite und noch viele danach. »Sie sein nie hungrig genug«, dachte der Seffes böse. »Halbsatt sein se – das is der Jammer!«

Da merkte er, wie der Oberförster seltsam freundlich zu ihm herübersah, sich dann vorbeugte und ihn näher winkte. Er gehorchte und hörte die alte Stimme an seinem Ohr: »Ihr seid ein Prachtkerl, Friede – aber helfen kann ich Euch nicht!«

Während der Seffes, ganz verwirrt, den Zutrunk erwiderte, schlug gerade dem Grögerschuster vor Wonne die Stimme über:

»Wab'r frasse wie a Ferschte
Sauerkraut und Laberwerschte –«

 

Jetzt war es aber doch so, als hätte das Jahr seine Bosheit zunächst einmal ausgetobt, wenn es auch die Kleinmütigen noch nicht recht glauben wollten, allen voran die Maiermutter, die immer wieder mit dem Kopfe wackelte und so gewiß mit der Hand fächelte: »Lott mich ze Ruhe – dan Silvester trau ich nie!«

Es wurden aber immer weniger, die auf sie hörten – wer hätte denn auch noch an Silvester denken wollen, wenn doch der Frühling gar so wunderschön übers Gebirge kam? Ein Tag schöner wie der andre, kein Wölkla am Himmel, und die Luft so still wie in der Kirche. Oben auf dem Kamme lag noch der verharschte Schnee, blau wie Glas, auch an mancher Nordlehne sah man noch ein Fleckla. Aber sonst war alles frei, die Fichten und Tannen leuchteten wie Gold, und die Laubhölzer, besonders die Buchen, hatten einen Schein über sich, als wenn aus den Knösplan das lichte Feuer herauswollte. Die Meislan und die kleinen Bergfinken jubilierten, weil sie den harten Winter überstanden hatten, und manchenorts waren gar schon die Starlan zurück, polsterten sich ihre Häuslan neu aus und kescherten nur so vor lauter Freude, daß sie wieder im Oberdorfe waren.

Och, es war ja eine solche Pracht, daß gar manche von den Muttern sich unterm Verrichten die Zeit nahm und von der Haustüre aus unter der vorgehaltenen Hand über die Äcker und die Waldlehnen bis zum Kammschnee hinaufsah und wieder zurück zu den Äckern, wo gerade die ersten grünen Halmlan hervorkamen. Aber danach hoppten sie immer gleich in die Stuben zurück und taten hortich weiter, damit es ja keiner gewahr werden sollte, daß ihnen die lichte Freude aus den Augen sprang. Ine ja.

Und jetzt hatte der strenge Winter erst sein Gutes, denn die Holzmacher brauchten sich um Arbeit nicht zu sorgen, es gab Brüche über Brüche aufzuarbeiten, man hörte ringsum auf allen Lehnen die Äxte.

Verdienst war da, aber die Männer klagten alle, daß die Förster gar so kratzbürstig waren; alle Augenblicke kamen sie dahergestoßen, und es konnte es ihnen keiner recht machen. Den Herrn Oberförster sah man wenig, der war meistens krank; beim Hochwasser dazumal hatte er doch recht nasse Füße gekriegt und danach noch im Wirtshaus gesessen, da war ihm die Kälte innerlich geblieben, er hustete und külsterte, saß die ganze Zeit beim Ofen und konnte doch nie mehr warm werden.

Die zwei Madlen in der Oberförsterei hatten seither die Hölle auf Erden, denn die Frau Oberförsterin war ganz unmenschlich scharf beim Zeuge und packte ihnen Arbeit über Arbeit auf, oft wurde es so spät in der Nacht, daß es den Madlen gar nicht mehr dafürstand, in die kalte Dachkammer hinaufzukriechen. Sie zogen sich in der Küche unten einen Flecklateppich vor den Herd und legten sich darauf hin; so todmüde, wie sie waren, brauchte sie keiner einzusingen. Gut und schön – aber in der Küche gab's halt ungeheuer viele Schaben, Kerle drunter, wie der Daumen dick, die kamen bei Nacht hervor und lutschten an den Madlen herum, der Nosenres, die gar so ein süßes Geblüt hatte, war am Morgen manches Mal die Stirne angefressen, daß man das rohe Fleisch sah. Da flennten die beiden gar oft gleich über dem Frühkaffee, es war ank gar zu hart, wie sie es jetzt hatten. Aber mit dem Herrn war nie mehr zu reden, der war wie ausgewechselt. Auch wenn ihn der Herr Amtsarzt aus der Stadt besuchen kam, da war kein Gedanke mehr an ein Spassetla, wie es sie früherszeiten gegeben hatte. So gemütlich, wie sie sonst gewesen waren, so barsch waren sie jetzt; sie tranken wohl noch eins mitsammen, aber lustiger wurden sie nicht davon, saßen beim Ofen und redeten kein Sterbenswörtla, Stunden und Stunden lang.

»Richtig trübetümplich!« vertraute die Nosenres der Seidelmutter an, die ihre Patin war. Die schüttelte bedenklich den Kopf, der Oberförster gefiel ihr schon lange nicht: »Er werd sich ho'n 's Pläuzla o'gezünd't!«

Aber das wollte die Nosenres nicht gelten lassen, nein, Lungenentzündung war das keine, damit ging es schneller, ihre Mutter war daran gestorben. Nein, der Herr Oberförster mußte einen geheimen Kummer haben, der ihn von innen her aufzehrte.

»Na, da werste nie weit suchen müssen«, warf die Patin halblaut ein. »Mit dam Weibe – Gott verzeih m'r die Sünde!« schloß sie erschrocken und sah rundum. Aber die Dorfstraße war leer.

Die Nosenres wollte auch die Frau nicht gelten lassen, wenn sie auch zugab, daß Teufels Großmutter von der noch was zu lernen hatte. Aber der Herr Oberförster spürte ja wenig von der Bosheit, so schlau war die Frau schon. Er war jetzt ganz neuartig verdrossen, als wäre ihm das Dorf mit allen Leuten verleidet. Wenn einer zu ihm etwas fragen kam –

Ja, dann wurde er immer sacksiedegrob, das wußte die Seidelmutter so gut wie das ganze Dorf. Aber warum bloß?

Die Antwort kam schnell genug, und sie war von der Art, daß die Maiermutter richtig triumphieren konnte, weil ihr Silvester wieder einmal recht behielt. Denn eines Morgens ganz früh, es war noch grau, da kam vom Zeugschmiedehäusla her ein Wirbel und ein Escherment, daß man meinen konnte, die Welt verbrüht: die Edewardin schrie wie am Spieße, der Mann gorgelte dazwischen, und die Kinder flennten. Es war wirklich mehr als Neugier, wenn aus der ganzen Nachbarschaft die Leute hinüberliefen und wissen wollten, ob was zu helfen wäre.

Nein, zu helfen war nichts – sie standen gar verlegen und wären lieber wieder weggewesen, sie trauten bloß nicht, ob es nach schlechtem Gewissen aussehen konnte. Denn im Zeugschmiedhäusla waren die Förster und kehrten alles um, nicht zum ersten Male, wie man jetzt erst erfuhr, sie waren schon zweimal zuvor dagewesen, bei dunkler Nacht, darum hatte niemand was gemerkt. Gefunden hatten sie nie etwas, aber diesmal hatte die Edewardin die helle Verzweiflung gepackt, sie schrie und jammerte, ob denn der Mann mit dem einen Unglück nicht genug gestraft sei, ob denn immer weiter die Verdächtigung sein müsse, und die Schande.

Ja, da standen die Leute mit offenen Mäulern und trauten einander kaum anzusehen. Denn jetzt war ja manches offenbar, die viele Heimlichkeit unter den Förstern den Winter über, und die schlechte Laune, und beim Oberförster war es doch der Herzenskummer gewesen, ine ja, wenn er doch bald vierzig Jahre da war und auf einmal nicht mehr wußte, wem er trauen durfte und wem nicht! Gewildert hatten sie – aber wer?

Es war eine gar bittere Sache für die Oberdörfler, das Dorf konnte wie leicht den ehrlichen Namen dabei verlieren. Das eine Mal mit dem Edeward, das war vergessen, er war ja übermenschlich hart gestraft dafür, und die Leute hatten mit Fleiß keine Erwähnung mehr getan. Aber daß er jetzt noch raubschützen sollte, das war doch nicht zu glauben, es war ja gegen die Natur, daß der einarmige Mann noch sollte mit dem Gewehre gehen, wo sie ihm doch dazumal das eine gleich weggenommen hatten.

Wenn es aber der Edeward nicht sein konnte – wer sollte es dann sein? Da wurde es manchen gar jämmerlich zumute, es hatte ja der und jener ein Packla auf dem Gewissen; es gab mehr als einen Hund im Dorfe, so wie Scheithauers Waldi einer gewesen war, der gerne ank Schweinerei im Walde machte, mit Hasen oder Rehen; bei Nitsche Anton hatten sie gar eine Katze, die zum Herbste immer wieder einen Hasen aus dem Walde heimbrachte, ja, und da hatte ihr ihn die Nitschin einmal abgenommen und ein Töpfla Milch dafür hingestellt; die Katze war's zufrieden gewesen, die Nitschin auch – aber jetzt zwickte sie das Gewissen doch sehr.

Denn der Hackenbergförster, der die Sache unter sich hatte, der tat so grimmig, daß einem schon die Todsünden einfallen konnten. Lange genug hätten sie zugewartet, brüllte er, aber der erste, den sie erwischten, der sollte sich vorsehen, der werde keine Zeit mehr haben, Reu und Leid zu machen! In dem harten Winter, wo das Wild mit aller Not das nackte Leben erhalten konnte, auch noch Raubschützen! »Dafür gibt's keinen Pardon!« brüllte Hackenberg, und die Leute glaubten's ihm gerne, er war ein gar energischer Mann. Wie er einmal die vielen Schaben in der Försterei nicht los werden konnte, da hatte er eines Tages lauter zerknüllte Papierlan mit Pulver gefüllt, hinter das Almerla gesteckt, wo die größten Nester waren, und angezündet. Och jechich, hatte das ein Escherment getan! Das Almerla war von der Wand bis mitten in die Stube gehoppt, das ganze Geschirr in Scherben, die Stube schwarz von Pulverdampf; die Kühe im Stall hatten sich bald erwürgt vor Angst, und die starke Sattelkuh, die Hersche, hatte die Försterin, die gerade beim Futtereingeben gewesen war, so grausam gegen die Wand gedrückt, daß sie noch eine Woche danach den vollen Odem nicht wiederhatte. Und unterdessen war Hackenberg aus der Kammer, wo er sich gedeckt gehabt hatte, unter die Stubentüre getreten und hatte gelacht, daß die Frau und die Nachbarn zuerst geglaubt hatten, es hätte bei ihm im Hirnkasten eingeschlagen. Aber es war die reine Freude gewesen, nichts weiter. So ein Mann war das.

Wie er jetzt gar so unbändig tat, da hätten ihm die Leute zu gerne gesagt, er sollte dem Oberdorfe die Verdächtigung nicht antun, Raubschützen hätten sie keine da heroben. Aber die Edewardin nahm ihnen allen die Mühe ab, die ließ die Gusche ordentlich laufen, und der Förster mußte ihr wirklich wahr das Wort lassen. Zahmer wurde sie nicht davon, nur immer wilder: Die Förster sollten sich doch den Mann, den Edeward, ansehen – das reine Jammerbild, er war doch noch ganz aus dem Gleichgewichte und fand sich kaum mit dem Gehen zurecht – der sollte im Gebirge herumpürschen? Aber das wäre den Herren Förstern wohl kommoder, mit dem armen Krüppel anzubinden, als mit den wirklichen Raubschützen – da drückten sie lieber ein Auge zu.

Da machte sich der Kreis rings um das Häusla doppelt so weit: sie wollten alle lieber nichts gehört haben, es war ja nicht zu sagen, was die Edewardin alles vorbrachte. Ganz verzichten, natürlich, wollten sie auch nicht, da standen sie eben abgekehrt und horchten nur über die Schulter zurück.

Und der Hackenberg zeigte wieder einmal, was er für ein schlauer Fuchs war – er hatte die Edewardin nur reden lassen, damit sie sich verplappern sollte, und sowie sie von den wirklichen Raubschützen anfing, schnappte er zu und schob das Weib in die Stube, während der schwarze Vogel die Leute draußen noch weiter zurücktrieb.

Es erfuhr keiner was, auch danach nicht, denn die Förster rannten nur so im Dorfe hinunter, und es hätte sie auch ohnedies keiner was zu fragen getraut. Die Edewardin aber belferte die Nachbarinnen, die noch umhorchen kamen, gleich so giftig an, daß allen die Lust verging, wenn die Neugier auch noch so sehr brannte.

Das eine kam bald für ganz gewiß ins Oberdorf herauf: daß der Herr Oberförster keine Viertelstunde, nachdem die Förster zu ihm gekommen waren, mit Hackenberg und dem Adjunkten im Dorfe hinuntergefahren war, was haste, was kannste – man hatte die Hufe nicht mehr gesehen vor lauter Trab und Trab. Da sagten die Muttern Gott Lob und Dank, daß die Förster im Mittel- oder im Unterdorfe weiter suchten, vielleicht gar in der Stadt – aber nicht im Oberdorfe! Och jechich, jechich doch – die Schande wär ja nicht auszuhalten gewesen! Und lieber wollten sie doch das ganze runde Jahr kein einziges Bröckla Fleisch besehen, als daß sie es mit der Unehre bezahlt hätten!

Der Tag wurde geradeso schön wie die andern zuvor, aber den Oberdörflern schien es doch, als wäre ein Tüchla vor die Sonne gehängt: die große Freude war für alle verdorben. Die Männer waren im Walde, und die Muttern trauten sich gar nicht aus den Häuslan heraus; ohne die Rauchfahnen auf den Schornsteinen hätte man meinen können, die ganzen Leute wären ausgewandert, so blank und leer lag die Straße da.

Aber gegen Abend, wie die Männer aus dem Walde kamen, da traf es sich wie von selber, daß sie einer um den andern zum Frankewirt hinpürschten – es war der gefundene Anlaß, daß man ein paar Wörtlan reden und ein Fegala oder zwei trinken sollte.

Vielleicht hatten sie ja insgeheim das Fegala als Hauptsache im Sinn – aber das, was dann geschah, hatte sich bestimmt keiner erwartet. Und doch hätten sie den Lippes kennen müssen, der saß doch auf einer Kränkung drauf wie der Tod auf der Kuh, vergessen tat der nie!

Aber an die Sache mit der Feuerspritze hatte eben kein Mensch mehr gedacht, das war das Ganze. Alles Unrecht war doch beim Lippes gewesen, das hätte ja ein Blinder greifen können; vorhalten mochte es ihm keiner – es war ja noch mehr zu verschweigen bei dem Manne – und da hatten sie es eben so zugedeckt.

Für den Lippes natürlich sah sich die Sache anders an, das wurden sie jetzt erst gewahr! Für den war es die Gewalt und das Unrecht, nicht, daß er den Schlüssel verweigert, sondern daß der Seffes den Oberförster gerufen hatte und daß das Spritzenhäusla aufgebrochen worden war.

Die Leute meinten zuerst, sie hörten nicht recht, wie er damit herauskam und von den Lumpenkerlen anfing, die immer nur auf Quertreiberei und Hinterhältigkeit bedacht waren und alles gegen die Obrigkeit aufhetzten.

Der Jachimseffes saß unter den andern und tat sich zuerst nichts zu wissen, wenn auch die Männer anfingen, verstohlen nach ihm hinzusehen. Aber wie der Lippes gar von dem Wunderdokter redete, der sich nur vorsehen sollte, daß er nicht selbst einmal eine Einreibung bekäme, da mußte der Seffes doch Laut geben, und er rief zu dem Ofentisch hinüber: »Ist's denn gar so warm dort drüben, daß der Schnaps so schnell zu Kopfe steigt?«

Das war ja ein gefundenes Fressen für den andern, er stand auf und brüllte zurück: »Wenn ma onder die Hunde schmeißt – den's trefft, der meld't sich! Hoho!« Und Seffes wurde weiß im Gesichte vor Wut, aber nicht über den Lippes, sondern über die paar Leute, die dem Bürgermeister zuliebe gelacht hatten. Das würgte ihn so sehr, daß er am liebsten aufgesprungen und weggerannt wäre – macht, was ihr wollt! Aber er besann sich gleich und nahm sich vor, jetzt einmal mit dem Lippes Schicht zu machen. Dazu hatte doch keiner sonst die Schneide, und der Kerle strotzte schon vor Übermut und trieb es immer ärger. Wie er jetzt mit zurückgelegtem Kopfe gerade gorgelte vor Lachen, hätte ihm der Seffes gerne ein Glasla oder sonst was ins offene Maul geschmissen, die Hände juckten ihm ordentlich danach. Aber er stand nur stramm und rief hinüber: »Wenn ich du wäre, da tät ich mich verkriechen vor der Schande! Wenn heute die Spritze und die Leitern da sind, da ist's nicht dein Verdienst! Du hättst alles verderben lassen, weil du nur an deinen Dickschädel denkst und nicht ans Dorf! Du taugst zum Bürgermeister nie besser wie a wilder Ochse!«

Das letzte hätte der Seffes ja gerne zurückgeholt, aber es war schon draußen, und man sah auch gleich, daß es verkehrte Wirkung tat: den Männern, die zuerst richtig mit Freude zugehört hatten, war es nun doch zu grob, sie sahen zur Seite. Und der Lippes schnappte augenblicklich zu, auf die Art war er gelenk wie ein Marder: »Aha! Das ist die neue Tonart, da hört man's ja! Da braucht man sich nie wundern, wenn alle Gaunerei überhand nimmt! Den Edeward haste ja schon auf'm Gewissen, und wer weiß, wer jetzt noch nachkommt! Freuen tät ich mich, wenn sie dich selber erwischen möchten, dir trau ich alles zu!«

Der Seffes tat einen Schritt hinter dem Tisch hervor: »Was sagst du? Was –«

»Daß du ein Heimlicher bist, ein Aufwiegler, ein Leutbescheißer! Seit wann ist der ganze Unfriede und Wirbel? Seitdem du wieder im Dorfe bist, da hört es gar nimmer auf! Weil du deinen Vorteil dabei suchst, weil du –« Die Stimme brach ihm weg, so sehr war er damit in die Höhe gegangen, und weil er keinen Ton mehr hervorbrachte, sprang er aus der Bank auf den Seffes zu, die Hände ganz krallig vorgereckt, als wollte er ihn mit Nägeln zerreißen. Na, es waren gleich Leute genug zur Hand, die ihn zurückhielten, drei, vier Mann.

Den Seffes hielt keiner, er hatte die Leute bloß angesehen, da hatten sie die Hände von ihm gelassen. Er stand frei da, die Hände hinterm Rücken verschränkt, ganz ruhig für den ersten Blick – aber die Leute merkten schon, wie er innerlich kochte – im Gesichte war er kalkweiß, da hätte er keinen Tropfen Blut gegeben, es war eben vom Zorn alles nach innen gedrückt.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er den Mund aufbrachte, er sah nur zum Lippes hinüber, und in der Stube war es totenstill. Wie er endlich anfing, sprach er leise und langsam: »Du wirfst mir vor, daß ich meinen Vorteil suche, weil du's selber nie besser kennst, weil du selber alle Tage aus fremdem Leder Riemen schneidst! Darum bin ich dir unbequem, und du möchtest mich verdächtigen! Aber es soll einer hier aufstehen und sagen, daß ich nur so viel, wie unter den Nagel geht, für mich verlangt hätte, für meinen Vorteil –« Er machte eine Pause und sah in die Runde, aber kein Blick hielt ihm stand, die Leute waren gar zu forchtich. Den Lippes packte mit einmal die Wut wieder, er wollte sich losreißen, oder vielleicht tat er auch nur so, der Seffes ließ sich jedenfalls nicht erschrecken, er rührte sich keinen Fingerbreit vom Platze und sprach noch leiser weiter, daß ihn nur die Vordersten verstanden: »Für dich seh ich ein schlimmes Ende, wenn du so weiter tust! Bürgermeister nennst du dich und hast nur für dich gewirtschaftet! Das Sterbekleid hat keine Taschen, denk daran! Mitnehmen kannst du einmal nichts!«

Da war es aber, als hätte einer dem Lippes die Beine unterm Leib weggezogen, er hing den Männern nur so zwischen den Händen. Denn vom Sterben mochte er nichts hören, das war seine Besonderheit, es fuhr ihm gleich in die Eingeweide – man wußte nicht recht: lebte er gar so gerne oder hatte er mehr Angst vor der Abrechnung.

Die Männer waren nicht ganz einverstanden, daß die ganze Sache so ausgehen sollte – der Seffes sagte nichts weiter, und der Lippes konnte nichts sagen – so war es ja nichts Halbes und nichts Ganzes; es reute sie schon, daß sie den Bürgermeister überhaupt zurückgehalten hatten, und sie wollten ihn jetzt noch loslassen. Aber da wäre er bald zu Boden gestürzt, und so schüttelten sie ihn ein wenig, damit er besser zu sich käme.

Wie der Seffes sah, daß nichts mehr nachkam, drehte er sich zur Stube hin und sagte den Leuten, sie sollten sich doch um alles in der Welt den Kopf nicht wirblig machen lassen, Eintracht brauchten sie, gar nichts weiter, damit das Dorf wieder zu den alten Rechten käme. »Es geht doch nie um mich und nie um den do – es geht eenzich ums Oberdorf, wo wir alle derheeme sein! Kender und Kendeskender warn's gedenken, wann w'r die Sache zu einem guden Ende bringen!«

Aber er mußte abbrechen, weil er selber merkte, daß die Leute nicht richtig zuhörten; sie wollten nichts wissen von Eintracht und Verträglichkeit – heute wäre ihnen ank Rauferei lieber gewesen. Die den Lippes hielten, sahen wohl ein, daß von dem nichts mehr zu hoffen war; da schoben sie ihn in die Bank zurück und hockten sich recht verdrossen dazu. Der Seffes stand noch eine Weile und wollte dann zur Türe.

Aber so schnell sollte der Abend nicht zu Ende sein: unter der Türe traf der Seffes mit dem Plischkefuhrmann zusammen. Dem sah man es gleich an, daß er an dem Abend nicht zum ersten Male einkehrte, die Nase glühte ihm wie ein Fliegenpilz, und der Schnapsrauch fuhr nur so von ihm weg.

Wie Plischke die vielen Leute sah, da gorgelte er vor Freude, weil er doch voller Neuigkeiten steckte und sich einen guten Botentrunk erhoffte.

»Leutlan, wißt ihr denn 's Neueste?« schrie er über die Köpfe weg und wiederholte es so lange, bis die ersten aufmerksam wurden und zurückfragten: »Wos hot's denn? 's werd schont nischt Rares sein? Do säh's och!« Dann ließ er sie erst recht zappeln: »Nee, nee, ma mecht sprechen, 's wär nie meeglich! Nee, Leutlan, dos brengt ja a Viech em! Nee, ihr könnt's eich nie denken –«

Da war der Streit zwischen Seffes und dem Bürgermeister bald vergessen, die Männer hielten einer nach dem andern dem Fuhrmann die Glaslan hin, weil sie witterten, daß er vielleicht etwas Besonderes mitbrachte.

Der Plischkefuhrmann war kein Dummer, er trank zweimal, dreimal und fünfmal und warf immer nur ein paar Wörtlan dazwischen, ehe er richtig zu erzählen anfing. Dann aber war es doch wirklich so, daß es den Leuten gleich den Odem wegnahm, sie saßen da, wie mit der Pudelmütze geschlagen und meckerten nur so mit der halben Stimme: »Ine jechich, ine jeela – ma heert doch mit nischt meh wie mit'n Ohr'n! Ine Kreuz beim Beene!«

Es konnte einem ja wirklich zweierlei werden bei dem, was Plischke vorbrachte: Die Wilderei war aufgeklärt, die Raubschützen, eine ganze Bande, waren aus dem Mährischen, die Magd aus der Försterei im Mitteldorfe hatte ihnen immer die Gelegenheit verraten, wann die Förster weit weg waren, und alles. Hoffmann Berta hieß das Madle mit Namen, sie war ein zweites Geschwisterkind von Hoffmann Alois aus dem Oberdorfe, die Großväter waren Brüder gewesen. »Saht och grode amol o'!«

Aber – o jeela – den Boten für die gewilderten Stücke, den hatte der Regenschirmplischke gemacht: wenn er mit den Almerlan und den Truhen und Kasten in die Stadt zog, da lag jedesmal ein Reh oder ein Hirschla drin. Heute morgen war er zum letzten Male gefahren – sie hatten ihn gleich drinbehalten!

Die Edewardin hatte alles verraten, der Schwarze Vogel hatte es ihr so unversehens aus der Nase gezogen. Auch wohin das viele Wild geliefert worden war. »Ine jechich, jechich doch, doch aa –«

Hier wollte der Plischke nicht weitererzählen, es mußte ihm ein starker Kaffee hingestellt werden und ein Rum dazu, unter dem tat er es nicht, der gelüstige Sapperment. Aber auch danach fragte er noch drei- oder viermal: »Wer das ganze Wild bekommen hat? Das tät't ihr wohl gerne wissen? Ihr derrot't's doch nie!« Bis die Männer alle nicht mehr richtig in ihre Hosen paßten vor lauter Herumgewetze. Und dann kam es heraus: Mittmann war es, der Wirt vom Stern auf der Freiheit! Mittmann mit dem billigen Rindsgulasch! Mittmann!

An der Nachricht hatten sie eine ganze Weile zu würgen, wenn sie auch Mittmann weiter nichts anging: aber es war doch zu viel Schlechtigkeit! Da konnte er freilich billiges Gulasch verkaufen!

»Hehe!« brüllte Plischke dazwischen, zum Zeichen, daß er noch nicht alles gesagt hatte. Es wollte es ihm keiner glauben, denn was konnte noch Ärgeres nachkommen? Aber er machte doch so lange, und jokelte und märte, bis ihm der Wirt selber den zweiten Kaffee hinstellte, weil von den Männern keiner mehr Miene machte.

Ja, ja, ja – wie sie beim Mittmann nachgeforscht hatten, da hatten sie nicht nur den Plischketischler erwischt, mit der neuen Lieferung, und dazu einen Haufen alte Reh- und Hirschdecken, nein, nein, sondern – Sondern –

»Ine versucht, da säh's och!« drängten die Leute.

Sondern auch Roßfleisch!

Da stellte sich den Männern aber doch der Magen ziemlich verquer – Roßfleisch kannten sie alle nur vom Hörensagen, und es graute ihnen ganz unbändig davor. Warum, das wußte keiner recht, es dachte auch keiner darüber nach. Aber sie hätten doch jeder lieber das ganze Jahr mit Brot und Quark und Körnlakaffee hingebracht als solches Fleisch gegessen. Und Mittmann hatte es an alle die feinen Herrschaften in der Stadt verkauft – Rindsgulasch aus Wildbret und Roßfleisch! Das war freilich eine Sache, wo man sich aus Herzenslust hineinknien konnte, Lumperei und Niedertracht – aber ganz insgeheim freute sich doch jeder, daß die Stadtleute auch einmal nicht klug genug gewesen waren.

Und sie redeten her und hin und waren so feurig, als ginge es um der Seele Seligkeit.

Der Seffes saß ganz still dabei und war von Herzen traurig. Ja, mit Nachrede und Sittenrichterei, da konnte man sie locken, da waren sie allesamt dabei. Der Lippes, der vorhin noch wie ein nasser Fetzen im Winkel gehockt hatte, war jetzt schon wieder gut beim Dinge mit Hoho und Haha, und die andern ließen ihn reden und gaben selber an.

Von dem Platz nahe der Türe, von dem aus er nur noch die große Neuigkeit vom Plischkefuhrmann hatte abwarten wollen, war für den Seffes das Verschwinden leicht genug, er machte sich schön state hinaus. Wie er aber die Türe von draußen ins Schloß drückte, war es ihm doch eine Bitternis, daß ihn keiner auch nur mit einem Augenwink zurückgehalten hatte. Die Leute machten es einem schon nicht zu leicht, daß man sich um sie sorgen sollte!

Der große steingepflasterte Flur war ziemlich dunkel, nur durch das Fensterla über der Außentüre kam ank Mondlicht herein. Dem Seffes war es wohl so, als hätte er im Winkel bei der Treppe einen Schatten oder zwei sich rühren gesehen, aber er wäre gar nicht aufgelegt gewesen, darauf zu achten, wenn nicht eine Weiberstimme mit einmal so aufgejucht hätte: die kam ihm bekannt vor, und er sprach ins Dunkel hinein: »Wer is da?« Gar zu freundlich kam es nicht heraus, ihm war auch nicht danach zumute. Aber wie als ganze Antwort nur ein Gewischper kam, als wollte sich wer über ihn lustig machen, da riß er doch die Außentüre auf, daß mehr Mond hereinkonnte, und sah sich um: ein Madle stand da, mit der Schürze vor den Augen, und der Mann neben ihr hatte grüne Aufschläge und Hirschhornknöpfe am Rock, ja, aber von den Förstern war es keiner, da war er zu geringe bei Leibe, ein halber Junge noch. Da – natürlich: das Adjunktla! Mochte er doch –

Aber unter der Türe sah der Seffes doch noch einmal zurück und erkannte jetzt das Madle auch, das die Schürze vom Gesicht genommen hatte und ihm aus großen Augen nachstarrte: Kohlstreitens Anna, sein Mündel!

Da mußte, wie es oft geht, der neue Ärger für den alten mitbüßen: der Seffes fuhr gar unbändig dazwischen. Brüllen tat er nicht, das hatte er nicht in der Art, aber es war ja noch viel ärger, wie er die Wörter so langsam herausblies, wie aus dem Lötrohre, daß sie gleich bis aufs Lebendige brannten. Das Madle schickte er zuerst davon: »Mach dich och fort und laß mich nie wieder was gewahre war'n, daß de im Dunkeln scharmutzierst! Sonst kennt's sein, ich klopp dir a paare, daß de denkst, sie läuten Morgen!«

Was wollte das Madle machen – sie flennte eben und rannte davon, die Treppe hoch, während der Seffes sich den Liebhaber vornahm: »Herr Adjunkt – was wolln Sie mit dem Madle? Gutes kann's nischt sein, sie is eine Holzmacherstochter, Halbwaise noch dazu, und Ihr Vater is Oberforstmeister – das gäb nie kein rechtes Gespann! Reden Se m'r och nischt drein, es kann's a Blinder greifen!« Dann aber trat er noch näher auf den Jungen zu und sprach ihm gerade in die Augen: »Aber zu was andrem, zu Spielzeug und Luderei, da is das Madle zu gut – dafür bin ich da, daß ich so was nie geschahn loh! – State etz – sein Se och eenzich state, 's is schode em jedes Wertla! Loh'n Se das Madle ze Ruhe, sonst hilft Ihn'n kee Uniform und kee Herr Vater nie, wenn Se mir ei de Hände geroten!«

Der Adjunkt stand da und brachte kein Wörtla heraus, er würgte nur immer, vielleicht weil ihm die Flenne im Halse saß, er war ja doch noch ein halbes Jüngla. Und der Seffes sah es vielleicht selbst ein, daß er gar zu grob gewesen war, denn wie er jetzt sprach, klang es ank gemütlicher: »Herr Adjunkt, der Kohlstreit hat mich aus dem Totenbette gebeten, ich sollt mich um das Madla annehmen, und das will ich getreulich halten! Jeder zu seinesgleichen, Herr Adjunkt, lassen Sie sich's gesagt sein!«

Damit war er schon zur Türe hinaus, und wie die Türe klappte, da fuhr dem Adjunktla die Gusche auf, ja, jetzt hätte er mancherlei vorzubringen gehabt, das eine vor allem, daß er es ehrlich meinte, von Herzen ehrlich; wie hätte er denn der Anna was Unrechtes ansinnen mögen, wo er sie doch so unmenschlich liebhatte –

Ja, ja, das und sonst noch was hätte er gerne vorgebracht, aber der Seffes war eben schon gegangen, nachlaufen mochte er ihm nicht, und so wollte er es wenigstens der Anna noch einmal versichern, die oben, gleich linker Hand von der Treppe, ihr Kammerla hatte.

Er hatte schon den Fuß auf der ersten Stufe, aber dann traute er doch nicht – wenn jemand dazukam, dann gab es großen Verdruß, weil doch alle das Verkehrte dachten. So rief er nur die Stiegen hinauf: »Anna – Anna – Anna!« und horchte dazwischen. Aber es blieb stille, das Madle gab nicht an. Jetzt stieg er doch eine Stufe hinauf – aber die nächste nicht mehr, denn die Haustüre flog nochmals auf, und der Seffes, der wohl draußen nur gelauert hatte, sprang zu und riß den Jungen mit hinaus ins Dunkle. Dort drückte er ihn hart gegen die Mauer – da gab es keine Gegenwehr, wenn der Seffes zupackte, Hände hatte er ja wie Feilkloben – und redete auf ihn ein: »Wenn ich dich jetzt abstrafte, wie de's verdient hast, Bürschla, da wär's Schluß mit der Karriere und mit dem Reserveoffizier, und der Herr Oberförster tät dich gleich morgen aus dem Dienste jagen! Die Herren han ja die Ehre gepachtet, die können's nie derleiden, daß sie a Bauersmann angreift! Da wer ich d'r hald die Prügel noch einmal schenken – aber sieh dich vor, Bürschla! Von jetzt an gibt's keinen Pardon mehr!«

Vielleicht hatte er unterm Reden locker gelassen, oder in dem Jungen war die Wut übermächtig geworden, so oder so: mit einmal riß sich der Adjunkt los und stand frei da. Und dasmal fehlten ihm die Worte nicht, die gluckerten ihm nur so heraus, eins trieb das andre: »Ich verbitte mir den Blödsinn, mit Unrecht und Prügel und so fort! Und mit ›Ehre gepachtet‹ – verdammt! Ich habe die Anna lieb und werde sie heiraten, verstanden?«

»Heiraten!« äffte der Seffes nach, aber es klang nicht mehr so böse, es war schon, wie wenn er inwendig das Lachen verbeißen müßte.

»Sie glauben mir nicht?« stieß der Adjunkt durch die Zähne. »Schön! Ich wollte meine Eltern dieser Tage ohnehin verständigen, nun schreibe ich heute abend noch! Sofort!«

Da ging dem Seffes das Gesicht völlig aus dem Leime, er klopfte dem andern auf die Schulter und sagte nur: »Das machen Se och, Herr Adjunkt! Schreiben Se och dem Herrn Vater! Dar werd Ihn' das Gelüste schon austreiben! Da bin ich de Sorge los!«

Der Adjunkt rannte wütig ins Dorf hinunter, und der Seffes mußte vor sich hinlachen, während er ihm nachsah. Dann machte auch er sich auf den Heimweg.

 

Wie der Frühling älter wurde, konnten sich die Leute, nach Augen und Nase, auch mit dem Magen darüber freuen: die Hühner scharrten um die Häuser herum und sangen vor Freude über die vielen fetten Würmlan; das gab Eier über Eier. Bei den Kühen dauerte es ank länger, bis sie die Milch wiederfanden: von dem ersten jungen Grase mußten sie sich gar grausam entleeren und sahen danach bereits noch jämmerlicher aus – aber nur eine kurze Zeit, dann schlug das Grünfutter auch ihnen richtig an, und die Muttern hatten doch wieder was zu melken, daß es richtig in den Zubern klingelte. Und wenn die Butter und die Eier auch mit der Botenlene zum Wochenmarkt in die Stadt mußten, da blieben für die Leute doch immer noch der Quark und die Buttermilch, da war doch noch mehr Kraft drin als in den alten Erdäpfeln. Die waren jetzt in manchen Häuslan, wo die Keller nicht gar zu gut waren, schon am Keimen und inwendig ganz blau oder schwarz; aber gegessen mußten sie sein, das Mehl war ja noch viel rarer. Ordentlich Salz drauf und ein Schlückla Buttermilch danach, da rutschten sie ganz schön, und der Bauch wurde voll. Ine ja.

Es war eben, wie die Kinderlan sangen, wenn sie auf der Straße reihum tanzten:

»Leben w'r wie w'r leben,
Leben müss'b'r eben,
Leb'n w'r lieber gut!
Lirum – larum – Löffelstiel,
Arme Leute han nie viel!«

Und wenn das Singen gar zu laut wurde, da konnten vielleicht ein paar Muttern unter die Türen treten und einander von Häusla zu Häusla zunicken, wie um zu sagen: »Nee – mir hon werklich nie viel!« Aber es war gut, daß es die Kinder von klein auf wußten, damit alles seine Ordnung behielt.

Mit der warmen Zeit wurde manches leichter. Die Leute aus dem Armenhäusla machten fort, erst der Kratzlapeppes und der Leierrudla, und danach der Staebes Thebald mit der Frau und dem Kinde – das führten sie in einer Kiste mit, unter die sie vier Holzscheiben als Räder genagelt hatten. Und wenn es auch für die einzelnen Häuslan nicht viel ausmachte, so spürten sie es doch, daß die vier Esser weniger zu füttern waren. Die zogen gar lustig fort, weil sie sich in den reichen Dörfern hinterm Gebirge bessere Gaben erhofften. Und schönere Erdäpfel gab es ja dort unten, und helleres Brot – die Oberdörfler gönnten es ihnen von Herzen!

Dann tat sich unversehens ein neuer Verdienst auf: Im Vorjahre war unter den Kavaliersgästen bei der Hirschjagd ein hoher Regierungsherr gewesen, und der hatte, wie es das Glück oft will, gleich auf dem ersten Stand eine Kreuzotter angetroffen und danach noch zwei oder gar drei. Der erste Trieb war auf der Zither gewesen, und aus der Sonnenlehne waren die Ottern ja von jeher zu Hause. Aber der hohe Herr hatte es im Kopfe mitgenommen, daß die ganzen Dörfer wer weiß wie arg unter den Ottern zu leiden hätten, und danach war von der Regierung ein Schrieb gekommen, daß die Gemeinde für jeden Otternkopf zehn Kreuzer als Preis zahlen sollte, »damit die Plage ausgerottet würde«. So war es dringestanden.

Na, ausrotten wollten sie die Ottern wahrhaftig nicht, denn so böse, wie sie sein können, haben sie doch das große Gute, daß sie das Gift aus der Erde ziehen, den Blitz und alles. Das wußten die Muttern gar gut, wenn sie auch nicht gerne davon sprachen, es liegt ja doch der Fluch auf dem Gezeuge.

Aber ein paare weniger konnten es wohl werden, und zehn Kreuzer für den Kopf waren ja übermenschlich viel Geld, so viel konnte bald jeder rechnen. Für die Kinder war es nichts, die hatten zu schlechtes Schuhwerk, und die Muttern wollten mit dem Geschäfte überhaupt nichts zu tun haben, wenn sie auch keine Otter verschonten, sobald sie beim Grasen auf eine trafen: die wurde gleich mit der Sichel spediert. Aber danach mit dem toten Dinge hantieren und die Köpfe einsammeln – nee, das mochten die Muttern nie!

Die Burschen und die Männer, natürlich, die schnappten gleich darauf. Manche stellten sich ja tälisch an, mit den groben Holzmacherstiefeln, daß sie kein Schwanzla zu sehen kriegten. Aber andere wieder hatten den Trick bald heraus und lauerten die Gelegenheit richtig ab, überhaupt, wenn die Ottern ihre Zeit hatten, »bei der Begatterung«, wie die Leute sagten – da konnte man sie gut rauschen hören im Busche drin, und wenn einer mit dem Peitschenstecken geschickt bei der Hand war, konnte er an einem einzigen sonnigen Sonntage einen ganzen Wochenlohn verdienen. Der Klankenhersch brachte als erster für drei Gulden Köpfe heim, und tags zuvor hatte er für vierzehn Tage Holzarbeit fünf Gulden ausbezahlt bekommen! Da hielten sie alle den Regierungsherrn vom Vorjahre in gar guter Erinnerung.

Die Felle hoben manche auch noch auf und ließen auch das Fett aus, das ja für die Augen bereits überhaupt das Beste ist, aber auch sonst gar sehr heilsam.

Erst hatten die Männer gedacht, Jachimseffes, der ja auch damit kurierte, würde ihnen das Fett immer abnehmen, aber das hörte bald auf, es wurde ihm zuviel, wenn es auch jedesmal nur ein paar Kreuzer waren. Überhaupt Seffes – ganz der alte war er nicht, die Leute machten sich Gedanken. Und daß er sich in die Eingabe gar so verbissen hatte und immer wieder davon anfing, das nahmen sie ihm geradezu für übel, seit der letzten Sache mit dem Zeugschmiededeward. Da hatte man es ja deutlich gesehen, wo alles hinführte, und auch der Herr Pfarrer hatte Verdammnis gerufen über den Geist des Aufruhrs.

Denn der Edeward – man möchte sprechen, es wär nie möglich! – hatte doch seine Ziegen ganz einfach unter die Urlichkoppe hingetrieben, wo es »In der Hutung« hieß, und hatte gegen den Schwarzen Vogel, der ihn hatte stampern wollen, gar noch aufbegehrt und gesagt, das wäre nur das gute Recht für jeden aus der Gemeinde.

Na, der Vogel war nicht der Mann, der sich an der Drossel spielen ließ, er hatte den Kerle wohl auf den Trab gebracht. Aber es blieb doch auch für den Seffes etwas nach, denn ohne ihn und sein fortwährendes Gerede hätte ein Mensch wie der Edeward ja gar nie auf den Gedanken kommen können! Da mußten schon manche dem Lippes insgeheim Recht lassen, der immer wieder dem Seffes an allem Unfrieden die Schuld gab. Die Parteiung hatte es früher nicht gegeben.

Verderben, natürlich, wollte sich's keiner mit dem Seffes, da fand gar mancher den Weg zu ihm, und der Seffes half immer gern. Aber wenn er danach von den alten Geschichten anfing, da bekamen es die Leute mit der Eile, sie warfen nur schnell ihr »Vergelt's Gott!« hin und machten, daß sie fortkamen. Auf die Art war der Seffes im Ansehen doch sehr zurückgekommen.

Ja, ja, die Seidelmutter konnte es noch viele Jahre hernach gut gedenken – dazumal lebte der Seffes gerade so im Dorfe hin, sie mochten ihn nicht gar zu sehr. Gewiß, ein Heiler war er, vielleicht verstand er sich auch auf die Sympathie, und daß er mehr sehen konnte als die gewöhnlichen Leute, das glaubten auch viele. Aber solche wie er standen immer wieder einmal auf, man mußte gleich sprechen: sie wurden erweckt, damit die Bauersleute den studierten Herren nicht ganz und gar ausgeliefert waren. Überm Gebirge, in Einsiedeln, lebte eine Wittib, die wurde von weitum zum Einrichten geholt, wenn einer was gebrochen oder ein Gelenk ausgeappelt hatte; dann brachte sie ihre grüne Schmiere – sie sagte oft, das Geheimnis wollte sie mit ins Grab nehmen – und half gar vielen. Die Knochen wurden ja nicht immer so gerade wie beim richtigen Dokter, aber dafür war es eben auch viel billiger.

Und in Olbersdorf saß noch ein Nebendokter, der alles mit solchen hellen Wasserlan kurierte, die man in Tropfen nehmen mußte – sie schmeckten nicht, sie rochen nicht, sie brannten nicht, man hätte sprechen mögen: das reine Wasser. Viele Leute glaubten auch, es wäre nichts anderes, mit ank Sympathie natürlich. Aber geholfen hatte es doch auch gar oft.

Heiler also gab es da und dort, darum alleine konnte der Seffes nichts Besonderes vorstellen. Es war nur, daß die andern alle Geld nahmen, wenn auch nur kreuzerweise, der Seffes aber tat es umsonst; das war ein schöner Zug, und sie hätten es ihm viel mehr gedankt, wenn er es nur damit hätte bewenden lassen. So aber –

Da wurde den Oberdörflern wie von ungefähr vor Augen geführt, daß es hinter den Bergen auch noch Leute gab, die ihre Meinung für sich hatten.

Es war ein Vormittag, wie es ihrer jetzt viele gab, schön klar und still, man hörte durchs halbe Dorf die Kinder im Schulgarten singen, und der Rauch von den Holzmacherfeuerlan auf den Lehnen ringsum stieg kerzengerade in die Luft. Die gute Witterung hielt schon ank gar zu lange an, manche bekamen es mit der Angst, ob auch der Boden Nässe genug behalten würde, weil doch die ganze Schneeschmelze gar so hortich abgelaufen war. Aber dann trösteten sie sich wieder und dachten: Die Sonne hat noch keinen Bauern aus dem Hofe hinausgeschienen, aber das Wasser hat schon manchen hinausgeschwemmt!

So ein Tag war das, keiner versah sich was Besonderes, da hörte man eine »Gelegenheit« die Straße heraufkommen – so hießen im Oberdorfe die Kutschen.

Der Herr Oberförster war es nicht – da hätte man schon der Frida ihre Künste gehört, Quieken und Blasen und was sie sonst noch konnte; der Herr Oberförster fuhr auch immer im Halbgedeckten, und der Wagen jetzt rollte viel lauter, das mußte ein Landauer sein.

Da wurden aber doch die Muttern in den Häuslan nacheinander recht neugierig und sahen zu den Türen hinaus, oder sie schickten eins von den kleinen Kindern, die noch nicht zur Schule waren, die Straße hinunter. Denn eine fremde Gelegenheit um die Jahreszeit war äußerst selten. Im Sommer fuhren wohl ab und zu einmal fremde Herrschaften übers Gebirge, und später, bis zum Herbst, kamen auch die Jagdgäste. Aber jetzt im Frühjahr, an einem Werktage?

Wie sie dann das Gespann wirtlich sahen, da wußten sie alle ganz genau, daß es nichts Alltägliches war. Der Kutscher trug einen hochgeschlossenen dunkelblauen Schlußrock und eine schwarze Schirmmütze; die Pferde gingen in Sielen, statt, wie sonst alle im Gebirge, im Kummet, und der Wagen hatte auch eine ganz fremdländische Bauart, unmäßig hohe Räder, geschweifte Hinterfedern und ein Verdeck auf vier Eisenstützen, mit ledernen Rollvorhängen.

Der alte Hannich hatte es gleich erkannt, daß die Fuhre von Preußen her sein mußte, weil er in jungen Jahren einmal drunten gewesen war. Und sein jüngstes Urenkelkind war mit der Nachricht das Dorf hinaufgerannt wie ein feuriger Engel und machte den Muttern vollends den Kopf wirblig.

Denn im Oberdorfe wußten sie es nicht anders, als daß viel Macht und demnach auch Reichtum jenseits der Grenze zu Hause war. Die alten Leute gedachten es noch gut, wie Anno sechsundsechzig der Preuße durchmarschiert war. Da war gar viel Angst und Sorge gewesen, die Leute hatten ihr bißla Kram, Bettzeug, Raucherfleisch und Brot in Säcken vergraben oder mit sich geschleppt, als sie mit dem Viehe ins Gebirge geflüchtet waren, die Klanke hinauf zu den Raubschützensteinen, oder gegenüber, zu den Stachfelsen. Die Maiermutter, damals auch schon Mitte fünfzig, hatte gar das volle Butterfaß auf dem Buckel angeschleppt gebracht. Einen Tag und eine Nacht hatten sie ausgehalten, aber dann hatten die Leute doch so sehr gefroren und das Vieh so mörderisch gebrüllt, daß sie schließlich auf den alten Hannich hörten, der immerfort zum Guten geredet hatte, und wieder ins Dorf zogen.

Und den gleichen Abend waren dann die Preußen eingerückt, große starke Menschen, und gar nicht böse. Sie waren nur eine Nacht im Quartier geblieben, aber sie hatten sich so scharmant gemacht, daß es den Leuten gar nicht mehr in den Kopf wollte, warum sie eigentlich Feinde sein müßten. Wenn zwischen den Obrigkeiten Unfriede ist, da kann der gemeine Mann ja nichts daran ändern – aber beim Abschied hatten die Soldaten die Leute doch reich beschenkt, mit Geld, mit Essen und Tabak, und hatten ihre Adressen dagelassen. Und der bei der Maiermutter gewesen war, ein dicker, hübscher Mann, Gutsbesitzer bei sich zu Hause, der hatte viele Jahre danach, immer zu Weihnachten, ein Packla geschickt, Rauchfleisch und Würste und gute Backerei.

Und zu den Jagden kamen ja auch immer Kavaliere von drüben, großmächtige Herren, sehr scharf und genau, aber auf die andre Art doch wieder nicht schlecht zu leiden. Manchen hatte es im Oberdorfe gar gut gefallen, die braven Leute und alles, und sie wären, hatten sie gesagt, gerne einmal auf Sommerfrische gekommen, wenn man nur hätte wohnen können! Denn in den Häuslan war ja nirgends Platz, und beim Frankewirt gab es wohl zwei Fremdenzimmer, mit drei Betten jedes, aber für Herrschaften waren die auch nicht.

Aber das mit der Sommerfrische war doch als Floh in manchem Ohr geblieben, die Muttern hatten untereinander das Für und Wider oft erwogen. Denn im Mitteldorfe, bei Aabier und ein paar Bauern, waren schon solche Fremde gewesen und hatten ein unbändiges Geld zurückgelassen, für Milch, Butter und Eier hatten sie immer zwei, auch drei Kreuzer mehr zahlen müssen, als die Sachen in der Stadt drinnen galten; und für das Wohnen auch noch, drei oder gar vier Gulden den Monat für jedes Bett. Reinelt Cornelius im Mitteldorfe hatte eine dreiköpfige Familie anderthalb Monate bei sich gehabt und davon das Dach neu gedeckt und das ganze Häusla ausgeweißt.

Auf der andern Seite natürlich gab es wieder viel Umstand und Gemäre, wenn Fremde da waren, man war nicht mehr unter sich im Dorfe, immer so wie auf der Parade; die Fremden redeten in alles drein und steckten voll unheimlicher Neuerung – bei Streiten unten hätten sie gar die Kinder abrichten wollen, daß sie Schneuztüchlan brauchten! So ein Überfluß – da hätten die Muttern zum Waschen für die fünf Kinder gleich die Nacht dazunehmen können!

Nein, das mit den Sommerfrischlern war noch lange nicht ausgeredet im Oberdorfe, und wie es jetzt hieß, eine Gelegenheit aus Preußen käme daher, da war die Meinung gar sehr geteilt, die einen waren gelüstig auf das Geld, aber die andern waren weniger dafür eingenommen, und die Maiermutter sprach geradezu: »Nee, nee – die soll'n uns och ze Ruhe lohn!«

Sie dachten alle nur an die Sommerfrische – das, was die Frau wirklich wollte, wäre keinem im Traume eingefallen. Stutzig wurden sie aber doch, wie der Kutscher mitten im Oberdorfe anhielt und nach dem »Herrn Jachim« fragte. Das verstand niemand: an Herren gab es den Herrn Pfarrer, die Lehrer und die Förster, und von denen hieß keiner so oder ähnlich.

Wie der Kutscher keine Antwort bekam, fragte er lauter, als hätte er es mit Schwerhörigen zu tun, und schließlich schrie er beinahe und sagte noch was hintennach in seiner Mundart, das war sicher kein Segen. Aber da sagte die Dame aus dem Wagen: »Johann!«, sagte sie, und er wurde gleich manierlich.

Den »Herrn Jachim« konnte ihm aber doch keiner verraten, und so wiesen sie ihn eben zur Schule, dort kam der Herr Hauptlehrer auf die Straße heraus und verhandelte erst mit dem Kutscher und dann mit der Dame selbst. Es ging lange hin und her, die Kinder ringsum hatten immer nur aufzuziehn, daß ihnen von dem langen Stehen die Kerzlan nie in die offenen Münder liefen.

Und endlich wurde es doch Tag: die Frau meinte den Jachimseffes, zu dem wollte sie hin und sich beraten lassen.

O du gepriesene Hobelbank – das war freilich eine Neuigkeit! Die Kinder rannten im Dorfe hinauf und schrien wie am Spieße, daß die Seffesin quarkbleich an die Türe kam, weil sie dachte, ihr Mann wäre verunglückt. Wie sie dann hörte, was im Gange war, wurde sie auch nicht viel freundlicher, sie hatte einen Haß auf die ganze Heilerei geworfen. Aber dann kam es ihr wohl zu Sinne, daß es doch eine große Ehre war, wenn jetzt die Leute gar schon aus Preußen daherkamen. Sie legte das Kopftüchla ab, strich sich die Haare glatt und band die gute Schürze um – dann trat sie vollends vor die Türe und sagte der Dame gar artig Bescheid, ihr Mann sei in der Arbeit und käme erst abends heim.

»Kann man ihn nicht holen lassen?« fragte die Dame, und die Leute hielten den Atem an: einen Mann von der Arbeit wegholen, das war nur im schwersten Falle der Brauch, wenn das Häusla brannte oder jemand von der Familie verunglückt war. Aber so, für einen fremden Besuch –

»Mein Wagen kann hinfahren«, sagte die Dame. »Ist es weit? Bis abends kann ich nicht warten, da muß ich schon wieder zu Hause sein!« fügte sie hinzu, als sie Anka zögern sah.

Eine sehr vornehme Dame mußte es sein, sie sprach so fein und hell, daß die Leute sich nicht satt hören konnten. Und von der Anka begriff es keiner, daß sie sich mit der Antwort so viel Zeit nahm. Sie war eben doch nicht vom Oberdorfe, da konnte man es gut gewahr werden.

Der Herr Hauptlehrer war nachgekommen – er hatte schulfrei geben müssen, die Kinder waren völlig von der Kette los gewesen, und er hatte auch nicht die Gedanken gehabt, daß er sie gebändigt hätte. Der mischte sich jetzt ein und meinte, wenn die Dame eigens so weit hergekommen sei, da sollte der Seffes doch wohl geholt werden, er wolle es gerne verantworten. Da blitzte ihn aber die Anka an – Augen hatte sie ja wie die glühnichen Kohlen – und meinte, ihrem Mann wüßte sie es schon recht zu machen, da brauchte kein Dritter was zu verantworten.

Schön war das gerade nicht, weil es der Herr Hauptlehrer ja nur gut gemeint hatte, aber die Leute vermerkten es nur stillschweigend, es sollte vor den Fremden kein Unfrieden sein.

Und dann wurde es ja doch so, daß die Fremde sich bis zum Frankewirt fahren ließ und dort solange abstieg, bis der Wagen aus dem Mitteldorfe wieder zurück wäre. Der Herr Hauptlehrer und der Frankewirt wollten ihr Gesellschaft halten und hätten ja gar zu unbändig gerne herausgebracht, wie sie denn, von so weit weg, gerade auf das Oberdorf und den Seffes verfallen sei, und was nun eigentlich ihre Beschwernis wäre. Aber sie gab nicht an, sie hatte so die feine Art, daß sie den Kopf ank schief hielt und nur »Ah!« machte oder »Oh!«, bis die Männer das Fragen leid wurden. Dann kam auch gleich der Seffes angefahren, und die Dame wollte zu Fuß mit ihm weitergehen, weil der Kutscher doch Zeit zum Füttern brauchte.

Das wurde die reine Prozession im Dorfe hinauf, bis die Frau dem Herrn Hauptlehrer, der sich immer noch in der Nähe hielt, ein Wörtla sagte – da fuhr der gleich über die Kinder weg wie ein Wirbelwind und jagte sie auseinander. Dann kehrte er selber mit um und ging zum Wirtshause zurück, weil er aus dem Kutscher mehr herauszukriegen dachte.

Der Seffes redete im Weitergehen nichts. Schüchtern war er ja sonst nicht, aber es war doch ungewohnt, die feine Dame so nahe neben sich zu haben. Sie ging auf den hohen Stöckeln so zehenspitzig dahin, daß einem die kleinen Füßlan erbarmen konnten. Über den großen Strohhut hatte sie von Seite zu Seite einen feinen weißen Seidenschal gewunden, mit einer großen Masche unter dem Kinn. Da sah das Gesicht wie aus einem tiefen Bilderrähmla heraus.

Die Frau wartete mit dem Reden auch, bis sie in der Stube hinter geschlossener Türe waren. Aber da wurde sie auf einmal ganz hastig und hielt dem Seffes die gefalteten Hände entgegen: »Helfen Sie mir! Raten Sie mir! Sie sind meine letzte Rettung!«

Der Seffes verhielt einen Augenblick und sah ihr ins Gesicht: sie war noch eine junge Frau, ganz blank und rosig, nur an den Augen war es zu kennen, daß sie letzthin viel geweint haben mußte.

Aber noch unterm Hinsehen verschwamm dem Seffes die Gestalt, dann die Stube – er stand wie im Traume und sah mit leeren Augen.

Der Frau verschlug es die Rede, sie wartete ganz demütig und wohl auch mit Ängsten. Als der Seffes dann die Sprache wiederfand, sah er immer noch ins Weite, als könnte er dort alles ablesen: »Ihr Mann leidet große Schmerzen – er hat zuviel Kuren durcheinander gebraucht, da hat sich ihm das Geblüte ganz versäuert!«

»Ist ihm zu helfen?« fragte die Frau, es war nur ein Hauch.

»Ja!« kam die Antwort, ganz unbekümmert. »Wenn ich das Leiden hätte, da wäre ich es bald wieder los: Ich wollte täglich morgens einen Aufguß von Zwergholunder trinken, mittags einen von Gundelrebe und abends ein erbsengroßes Bröckla von Holundersalbe verstreichen, vom Knie bis zum Kreuzbein, eine Viertelstunde lang. Danach das kranke Bein gut in Wolle packen und ruhig liegen. Untertags richtig nach dem Hunger essen, aber schwarzes Fleisch, Bier und Neugebäck meiden. Das sechs Wochen lang – da sollte es wohl geholfen haben! – Muß ich's aufschreiben?«

»Nein!« flüsterte die Frau. »Ich vergesse es nicht!« Und sie wiederholte die Vorschrift mit zitternden Lippen, während der Seffes aus dem Arzneialmerla die Teekräuter in kleine Sacklan abteilte und danach ein Salbentöpfla mit der Hollersalbe vollstrich und zuband.

»Was – was bin ich schuldig?« fragte die Frau, als sie die Sachen entgegennahm. Der Seffes brummte nur und wehrte mit der Hand ab, und da wurde sie tiefrot, weil sie meinte, sie hätte ihn gekränkt.

»Es tut nischt!« beruhigte er sie. »Aber ich nahm vo niemand was!«

Da schien sie neuen Mut zu fassen und brachte eine Frage vor, die ihr wohl schon seit geraumer Zeit auf der Seele lag: »Wie konnten Sie wissen, daß ich die Hilfe nicht für mich brauche, und was meinem Mann fehlt?«

»Das fragen Sie mich lieber nie, ich kann's nie sagen«, wehrte er. »Wirklich wahr – ich weß selber nie!«

Sie sprach hastig weiter: »Seit drei Jahren quält er sich damit, er ist bei den größten Professoren gewesen, in vier Bädern, hat sonst noch Kuren gebraucht –«

»Das war eben zuviel!«

»Es hat alles nichts geholfen, man hat ihm nicht einmal genau sagen können, was es ist, Gicht, Ischias oder etwas andres – die Ärzte waren nicht sicher! Zuletzt haben sie mir alle gesagt, daß nicht zu helfen sei, wir müßten uns in Geduld fassen –«

Da wollten die Tränen wiederkommen, und Seffes, der keine Frau weinen sehen konnte, baute schnell vor: »Zur Geduld rate ich Ihnen auch – aber ich gebe doch Hoffnung! Und jetzt, möchte ich sagen, könnte Ihnen meine Frau ein Schlückla guten Kaffee kochen, und danach fahren Sie wieder heimzu, ja, und in sechs Wochen, wenn nicht früher, lassen Sie sich nochmals ansehen! Ich muß schnell an meine Arbeit zurück, damit ich nicht gar zuviel versäume! Ich wünsche auch recht viel Glück – und Gott befohlen!«

Damit war er schon zur Türe draußen, kaum daß ihm die Frau hatte die Hand reichen können. Er konnte eben die Danksagungen nicht leiden, sie griffen ihn richtig an. Im Flur gab er mit wenigen Worten seiner Frau Bescheid und machte sich im halben Laufschritt dorfabwärts auf den Weg. Den Kindern, die vor dem Wirtshause auf dem ausgespannten Wagen herumkletterten, rief er zu, sie sollten es dem Kutscher ausrichten, daß er die Frau oben im Friedehäusla abzuholen habe, sobald die Pferde fertig gefressen hätten. Er sah sie noch johlend ins Haus stürmen, dann trabte er weiter und achtete nicht darauf, daß ihm aus vielen Häuslan Blicke folgten, neugierige, ehrfürchtige – und ein klein wenig neidische, wenn auch sonst der Neid im Oberdorfe nicht daheim war. Aber dasmal hatte eben gar zuviel Ehre auf den einen getroffen.

 

Es wurde den Abend später als sonst, bis der Seffes heimkam. Er hatte die verlorene Zeit einbringen wollen. Die Frau kam ihm wohl bis zur Haustüre entgegen, wie gewöhnlich, aber sie machte sich gleich wieder in der Stube zu schaffen und ließ sich kaum ins Gesicht sehen. Das legte sich ihm noch mehr aufs Gemüt – zu dem Verdruß, an dem er so schon zu würgen hatte: der Grögerbaumeister hatte wieder nicht voll ausbezahlt, diesmal nicht einmal mehr die Hälfte, gerade noch ein paar Kreuzerlan. Und der Seffes ärgerte sich am meisten über sich selbst, weil er es nicht über sich brachte, laut aufzubegehren und sein Recht zu verlangen. Aber es war wohl so, daß ihm die viele Feindschaft, die er sich schon gemacht hatte, insgeheim am Herzen zehrte, er wollte keinen neuen Streit, und wenn er tausendmal im Rechte war. Und heute war es ja trotz allem nahe genug daran gewesen, über einen Ausspruch, den der Baumeister getan hatte – vielleicht wirklich nur aus Dummheit, aber es hatte doch getroffen: »Ihr seid ja auf den Lohn nie so angewiesen, Friede«, hatte er gemeint. »Ihr müßt ja mit der Heilerei ein unbändiges Geld verdienen! Wenn jetzt gar schon die Leute aus Preußen angefahren kommen – da darf Euch doch ein armer Baumeister die paar Kreuzer Lohn schuldig bleiben?«

O je, das war dem Seffes gar bitterböse eingegangen; es machte ja so richtig offenbar, wie wenig mit dem Rechttun auszurichten war, wenn die Leute es doch nicht gelten lassen wollten. Er konnte jedem einzelnen die Gabe zurückweisen und sagen, daß er nur aus gutem Herzen helfen wollte – wenn aber jeder glaubte, daß er von allen, oder von vielen andern, doch etwas nähme, dann stand er zuletzt gar noch als Heimlichtuer da, der sich nur besser machen wollte.

Der Seffes hatte die paar Lohnkreuzer vom Tische gestrichen und in der Hand gewogen, weil es ihn gar so gejuckt hätte, sie dem Baumeister ins Gesicht zu werfen: »Da – halt dir die noch dazu, wenn du mir schon so viele entzogen hast!« Aber dann war er doch stumm geblieben, weil er eben gefühlt hatte, daß die volle Kraft nicht da war, das Mißtrauen hatte zuviel aufgezehrt.

Jetzt hätte er mögen daheim in der Stube mit der Frau auf der Ofenbank sitzen und zusehen, wie der Feuerschein aus dem Herdtürla über die Wände und die Decke geisterte. Das war immer ihr liebster Feierabend gewesen, dabei wußten sie nichts weiter von der Welt, als daß sie einander recht herzlich zugetan waren.

Aber nun tat ja auch die Anka so verstockt und ging ihm nicht in die Nähe – da wollte den Seffes die Verdrossenheit schier übermännigen. Er hockte sich an den Tisch und fing an, die Speckerdäpfel zu löffeln, die die Frau vor ihn hinsetzte. Nach dem dritten Mundvoll sah er auf und merkte überrascht, daß die Frau nur dasaß, ohne zu essen. Auf seine Frage tat sie zuerst, als wenn sie aufspringen wollte – er mußte sie beim Namen nennen, damit sie sitzenblieb. Dann aber ließ sie ihn noch zwei- oder gar dreimal fragen, ehe sie es mit einem Ruck herausbrachte: »Die Frau hat Geld dagelassen!«

Zwischen Trotz und Angst war es gesagt, in einem so fremden Ton, daß der Seffes erst auf den horchte und den Sinn gar nicht aufnahm. Als sie die Worte aber wiederholte, da begriff er sie doch, und im Augenblick brach die ganze Wut durch, die er so lange immer bezwungen hatte, jagte ihn vom Stuhle hoch und nahm ihm den Odem, daß er nur dastand und würgte.

Die Frau erschrak gar fürchterlich, so hatte sie den Mann noch nie gesehen. Sie zitterte am ganzen Leibe, daß alles nur so flog, kaum daß sie die gefalteten Hände noch bis an die Lippen brachte. Vom Trotze war nichts mehr übrig, nicht einmal die Flenne wagte sich heraus, wenn sie auch im Halse bis oben saß. Nichts wie die größte Angst war über ihr.

Der Seffes stand immer noch und hielt sich mit beiden Händen am Tische, daß sich die Haut über den Handknöchlan schneeweiß spannte. Es kam erst wieder Leben in ihn, als die Anka ganz zitterig in die Stube deutete, es war zuerst nicht zu erkennen, wohin, weil ihr die Hand gar so flog. Aber dann sah der Seffes doch in die Richtung, sah in dem Spiegelrahmen neben der Kammertüre ein gefaltetes Papierla stecken und fragte mit den Augen, ob es das wäre.

Die Anka tat vor Erlösung, daß die grausame Starre gebrochen war, einen tiefen Seufzer, so recht aus Herzensgrund, und fing gleich zu erklären an, ja, dort habe die Frau das Geld hingesteckt.

»Du hast nichts verlangt?« fragte der Seffes, es hörte sich an wie aus vollem Mund, so sehr war das ganze Kauwerk noch verbissen.

»Nein, nein«, ereiferte sie sich. »Ich wollte auch nichts annehmen. Aber –« und sie deutete nochmals mit dem Finger, um zu sagen, daß sie das dort nicht hatte verhindern können.

Der Seffes tat zwei lange Schritte hinüber, griff sich das Papierla und brachte es unter die Lampe zurück: ein Fünfguldenzettel, viel Geld! Dafür hatte er selbst eine volle Woche, ein Holzmacher gar zwei zu arbeiten. Die Reichen aber –

Als er die Spannung der Frau sah, warf er den Schein auf den Tisch: »Da! Weg! Nischt davon!« Er merkte ihren Widerstand daran, wie ihre Augen sich ganz tief verdunkelten, und redete schnell, um die neue Wut, die er in sich fühlte, nicht aufkommen zu lassen: »Das hätt ich nie gedacht, Anka, daß du mir das antun werst! Ich hatt's d'r doch schon amal gesäht, daß ich mit Gelde will nischt ze schaffen han! Warum folgste denn nie?«

Die Stimme war ihm halb wider Willen weicher geworden, aber die Frau gab nichts darauf, sie hatte noch die dunklen Augen. Und als er weiterreden wollte, fiel sie ihm unversehens ins Wort und fragte mit Heftigkeit, wo denn das Geld dann eigentlich herkommen sollte. »Es schäppt sich a Born aus, wenn nischt zuquellt« – das Sprichwort war unter den Muttern im Gebrauch, und sie ging so weit, es ihm vorzuhalten, ja, er merkte es gut, daß sie gerade seine Heimat gegen ihn anführen wollte. Da schlang er den Arm um sie, führte sie zur Ofenbank hinüber und zog sie neben sich, ohne sie loszulassen: »Anka, so hör doch, Anka! Wie soll ich denn den Eigennutz aus den vielen Schädeln tremmeln, wenn ich nie salber 's Beispiel gah!«

Sie zitterte in seinem Arm und schluchzte trocken, aber es war keine Ergebung, das konnte er fühlen. Er sagte es immer wieder, es sei ihm alles zunichte gemacht, wenn er das gute Gewissen nicht mehr haben könne, aber es griff nicht an: »Es ist ja auch gegen das Gesetz – ich komm' in Strafe!« brachte er noch vor, aber da machte sie sich halb von ihm los, daß sie ihm das Gesicht zuwenden konnte und er den Feuerschein in ihren Augen blitzen sah: »Gut, magst du keinen Nutzen haben – aber Schaden auch nicht, das wär zuviel verlangt!« Und sie rechnete ihm nochmals vor, daß von Ersparen ja längst nicht mehr die Rede sei; gewiß, die Holzmacher hatten ja auch nicht mehr Verdienst als er mit dem halben Lohn, und so gut, wie die auskamen, mit Kindern noch dazu, wollte sie es wohl auch fertigkriegen – aber dann müßte es eben vorbei sein mit Geist und Schmieren und all dem Kram.

Sie sprang auf, lief zum Arzneialmerla hinüber und hob nacheinander Tiegel und Flaschen heraus: »Da, die Baldriantropfen – die Arnikatinktur – der Enziangeist – leer! Die Holundersalbe – die grüne Schmiere – das Wurzelöl – leer! Und erst vorige Woche war alles gefüllt! Wo soll es herkommen? Darum sage ich: hat die Frau das Geld dagelassen – die ist reich, die spürt es nicht! – dann sollst du es behalten und, wennschon nicht anders, für die Ärmeren verwenden, zur Nachschaffung. Sonst kannst du von morgen an alle fortschicken, das Almerla ist bald leer!«

Er antwortete nicht gleich, und sowie sie sah, daß es ihn beschäftigte, war sie neben ihm: »Es steht ja doch vor dir, du kannst nicht ausweichen. Denn so gut wie die Frau deinen Namen von ihrer Schwägerin hatte und nicht wußte, wie er zu der gekommen war, so wird sie wieder andern Bescheid sagen, überhaupt, wenn die Kur gelingen sollte – und willst du dann die Fremden alle beschenken? Wenn aber nie – warum dann die erste, die gutwillig bezahlt hat? Und hilfst du denen im Oberdorfe besser, wenn du das Geld nicht nimmst und keine Arzenei mehr bereiten kannst?«

»Der Teufel«, dachte Seffes, »der Teufel hat den Schwanz dabei!« Ohne die wochenlange Schweinerei mit dem Lohne könnte nun Geld genug im Hause sein, daß über fremdes kein Wort zu reden wäre. Ja, hätte er nur heute wenigstens den halben Lohn bekommen und könnte jetzt die Gulden aus der Tasche aufzählen und das Papierla vom Tische fegen – aber nein, es sollte wohl nicht so glatt gehen!

»Mann! Was sagst du?« bettelte die Frau und drängte sich an ihn. Da nickte er ein langsames Ja, aber die Nachgiebigkeit war ihr keine Freude, denn sie merkte es wohl, wie müde er war.

 

Kurze Zeit danach mußte der Seffes seiner Frau insgeheim recht geben, daß sie das Geld hatte behalten wollen, denn die Nachfrage nahm gar sehr überhand, auf die alte Art, ganz umsonst, hätte es der Seffes gar nicht leisten können. Ein Bote kam vom Mährischen herüber, der brachte gleich zehn Flaschlan mit. Der Seffes konnte ihm nur bei vieren etwas sagen, die andern gab er ihm so wieder zurück. Aber auch für die vier machte die Verordnung ein ganz schönes Packla aus, dreierlei Tee und Geist und was nicht noch. Wenn das Arzneialmerla auch frisch gefüllt war, so sah man doch schon die neue Schwindsucht kommen. Denn von den drei Dörfern selber waren es auch nicht zu wenige, die um Rat kamen, da gab nach Feierabend einer dem andern die Türe in die Hand. Die Einheimischen natürlich, die fragten nicht einmal nach der Schuldigkeit, dafür war der Seffes ja bekannt, daß er von ihnen nichts nahm. Und die Auswärtigen ließen sich's gesagt sein und fragten auch nicht, und so war die Anka die Sorge nicht los, und der Seffes mußte zu nächtlicher Weile gar manche Klage anhören. Das ging ihm dann wieder bei Tage nach.

Es war ja verwunderlich, wie der Mann sich verändert hatte – früher immer so forsch und lebendig, und jetzt sah man ihn kaum noch lachen. Es gab nur niemand richtig darauf acht, die Leute hatten ja alle zuviel mit sich selber zu tun, Sorgen über Sorgen hatte jeder. Von dem unmenschlichen Frost waren viele Saaten ausgewintert, die scharfe Schneeschmelze hatte auch Schaden getan und manches weggeschwemmt, und die Schüttböden waren doch um und um im Dorfe so ratzekahl ausgeleert, daß keine Maus mehr ein einziges Körnla hätte finden mögen.

Da hatte der Lippes, als Obmann vom Landwirtschaftlichen Klubverein, Saatgut für die Nachsaat kommen lassen, auch Erdäpfel, weil doch im Winter so viele erfroren und verdorben waren. Aber das Geld zum Kaufen, natürlich, war gar sehr rar, und der Lippes sah sich die Leute unerbittlich an, ehe er ihnen was auf Kredit gab. O ja, das war so recht wieder seine Gelegenheit, wo er die Macht gebrauchen konnte: wer ihm nicht zu Gesichte stand, der mußte bitten und betteln und sich dann erst noch mörderischen Zins gefallen lassen. Da mußten auch Franke Rudolf und Zwiener Adolf büßen, daß sie einmal dem Bürgermeister entgegen gewesen waren. Und jetzt konnte ihnen keiner helfen, wie dazumal mit dem erfrorenen Schwein, es hatte eben keiner was zuzusetzen. Wenn es aber auch einer dem andern verzieh – dem Seffes trugen sie es doch alle mitsammen nach, daß er jetzt nicht gegen den Lippes aufstand und selber Geld vorstreckte. Daß er genau so wenig hatte wie alle andern, das kam keinem in den Sinn, es hätte es auch niemand geglaubt, denn immer wieder fand sich einer, der im Wirtshause oder auf dem Kirchplatze den Leuten vorrechnete, was so ein Mann bei den hohen Zimmermannslöhnen den Winter über verdient haben mußte – und dazu das Geld für die Arzeneien? Denn daß alle die Fremden, die neuerdings ankamen, gar nichts bezahlen sollten – nee, darüber konnte ja eine Kuh mit der hölzernen Gusche lachen! Umsonst ist der Tod – und der kost 's Leben!

Wenn einer genauer zugesehen hätte, da wäre zu merken gewesen, daß die Leute, die alles über den Seffes gar so genau wußten, immer solche waren, denen der Lippes Kredit gegeben hatte. Aber es hatte eben niemand acht darauf, und so konnte es hingehen.

Ob der Seffes davon wußte, wie er in der Leute Mund war, das konnte niemand sagen. Er ging den Leuten aus dem Wege und sprach mit keinem. Das half ihm auch nicht viel, denn das finstere Gehabe legten sie ihm gar für Hochmut und böses Gewissen aus.

Einmal aber in der Zeit hörten sie ihn doch lachen, und wenn es auch nicht gar zu herzhaft klang, gelacht war's doch! Das war, wie einmal nach der Kirche der Herr Oberförster ihn herzugewinkt und eine Weile an ihn hingeredet hatte. Da war der Seffes stehengeblieben und hatte aus zurückgeworfenem Kopfe lauthals gelacht. Und dann, wie der Oberförster ungeduldig den Stock aufstampfte, hatte er ihm ein paar Sätze hingeworfen und wäre gerne davongerannt. Aber der Oberförster hatte ihm zuerst noch was mit auf den Weg gegeben, daß er gleich nicht mehr so mutig gewesen und gar state abmarschiert war.

Das Drum und Dran wußte keiner, es hatte sich niemand nahe genug hingetraut, daß er hätte mithören mögen, und fragen mochte auch niemand, vorm Herrn Oberförster hatten sie Angst, und vorm Seffes – ine ja!

Dem Seffes aber ging gerade das Gespräch, so kurz es gewesen war, gar sehr nach, weil es so richtig zeigte, wie weit es im Dorfe gekommen war.

Der Oberförster nämlich hatte ihn ganz grob darauf angeredet, er hätte ihn, den Seffes, für gescheiter gehalten, als daß er Narrheiten gutheißen würde, und wenn zwei Junge dumm und verliebt seien, da brauchte doch ein alter Esel noch lange nicht mitzutun! Na, und immer fort in der Tonart, bis der Seffes dazwischengeworfen hatte, er wüßte nicht, wo bei dem Gerede hinten und vorne wäre, mit Verlaub.

Und da war es also herausgekommen, daß der Adjunkt einen gar unverschämten Brief an die Herren Eltern nach Hause geschrieben hatte, er sei mit einem Mädchen aus dem Dorfe verlobt, fürs Leben gebunden, jawohl, und das Jawort des Vormundes habe er bereits, das wollte er den Eltern nur mitgeteilt haben.

Da war es, daß der Seffes so grell gelacht hatte wie eine Kreissäge, die durch einen Astknorpel fährt. Und danach hatte er mit wenig Worten Bescheid gesagt, wie sich die Sache für ihn darstellte, und hatte fortgewollt. Aber der Oberförster hatte ihn zurückgehalten und erst noch gesagt, daß des Adjunkten Vater, der Herr Oberforstmeister, sich das Bürschla habe nach Hause kommen lassen und ihm dort wohl die Rippen ank gradebiegen werde. Und der Seffes sollte doch der Anna, seinem Mündel, auch gleich den Star stechen, damit erst nichts weiter nachkäme. Ja.

»Und – halt! – noch eins: Der Herr Amtsarzt hat mir was für Euch aufgetragen, Friede! Ihr solltet Euch doch recht vor Augen halten, was er Euch dazumal vor Kohlstreitens Häusla gesagt hat – wiederholen brauch ich's ja wohl nie, Friede, nie wahr? Kein Geschäft draus machen, Friede!«

Dann hatte es der Oberförster aber doch gelitten, daß er kurz davongegangen war. Schubert hatte es ihm wohl an den Augen angesehen, wie sehr die Warnung getroffen hatte.

Böse Tage für den Seffes – und die Anka konnte ihm bei weitem nicht davon helfen. Seinen größten Schmerz – daß er langsam von den andern weggedrückt wurde, zur Seite, in die Besonderheit – den konnte die Frau nicht verstehen. Sie war halt eben doch von auswärts, und wenn es der Seffes nie zuvor gespürt hatte, jetzt mußte er es doch gewahr werden. Ihn brannte das Unrecht, gewiß – aber es waren und blieben doch immer noch seine Leute, die es ihm taten! Er konnte sich ärgern über sie – aber hassen, sie gar im Stiche lassen: nee! Das kam Jachimseffesen noch nicht einmal in die Gedanken! Wer das Dorf gegen sich hatte, der hatte auch Schuld, denn die Gemeinschaft hat ihr Recht für sich! Die Marter war ja nur, daß er die eigene Schuld nicht finden konnte – die Absicht konnte ja nicht besser sein, wie sie war, aber es griff eben ein Radla ins andre.

Die Anka sah nur Undank bei den andern, Haß, Mißgunst, der Seffes sollte sich um keinen mehr kümmern, und wenn es nicht besser würde, da könnte man ja daran denken, überhaupt wegzuziehen, gute Zimmerleute würden anderswo auch gebraucht und bestimmt besser bezahlt als in dem Elendswinkel hier –

Der Seffes hatte sie ungläubig angesehen, als sie das erstemal davon angefangen hatte, danach hörte er gar nicht mehr hin und winkte nur mit der Hand, als wollte er eine Fliege verjagen. Wegziehen –? Elendswinkel –? Sie war eben nicht vom Oberdorfe!

Auf die andre Art nahm sich die Frau ja wieder sehr zusammen und betreute ihn großartig, sie hätte ihm, wie man sagt, die Hände mögen unter die Füße breiten. Aber wenn erst einmal zwischen zwei Leuten die Absonderung begonnen hat, die greift um sich wie Krebsfraß. Laute Worte gab es keine, der Seffes wollte nicht noch Streit im eigenen Hause, aber er wurde noch stiller, noch gedrückter, oft vergingen ein paar Tage, ohne daß er die Lippen auftat.

Darin geschah ein Wechsel – ob zum Guten oder Bösen war im Augenblick nicht zu sagen – als des Seffes einzige Schwester unversehens zu Besuch kam.

Die Freude war wohl nicht gar zu groß, wie er sie eines Feierabends zu Hause vorfand. Denn sie waren nicht im Guten auseinandergekommen, die Schwester – Karline war sie getauft, aber sie wollte Lina gerufen sein, er tat's bloß nie – die Karline hatte viel Ärgernis gegeben. Sie hatte schon zu Mutters Zeiten die Bauernarbeit nie tun wollen und hatte es richtig durchgesetzt, daß sie in die Stadt in Dienst gekommen war. Aber an der ersten Stelle, bei einem Glasermeister, war es ihr auch zu streng gewesen, weil die Leute einen großen Garten hatten, zwei Ziegen, ein Schwein und viele Hühner. Da war die Karline heimlich davon, bei Nacht und Nebel, zuerst hatte überhaupt niemand gewußt, wo sie hingekommen war – ein großer Verdruß, und der Seffes hatte es ihr gar sehr für übel genommen. Dann hatte sie aus der Hauptstadt geschrieben, dort war sie bei Leuten, die zur Sommerfrische heroben gewesen waren und ihr den Dienst angeboten und die Reise bezahlt hatten. Der Brief hatte gar himmelhoch geduftet, weil die Leute einen Laden hatten, mit Seifen und allerhand Riechzeug, da mußte die Karline, schrieb sie, auch beim Verkaufen mithelfen.

Die alte Mutter – Gott schenk ihr die ewige Ruh! – hatte wohl ein paar Tränlan geweint, daß die Karline gar so weit fortgemacht hatte, aber dann war sie es auch wieder zufrieden gewesen, daß das Madle es nicht gar so marterlich haben sollte – wie eben die Muttern sind: »Wenn die Kinder klein sein, treten sie der Mutter uf die Scherze, und wenn se groß sein, gar ofte ufs Herze« – und die Mutter wird es beidemal nicht leid!

Der Seffes aber hatte darauf beharrt, daß es ein Treubruch gewesen war, aus dem Dienst zu laufen, wenn der erste Dienstherr hätte wollen böse tun, da hätte er sie auf dem Schub können zurückholen, die Schande wäre auf der Familie hängengeblieben. Und ihm sollte sie nur nicht so bald unter die Augen kommen, sonst wollte er ihr wohl den Kolben lausen.

Die Karline hatte sich nicht weiter ansehen lassen, bis kurz vor der Mutter Tode – da war sie in größter Pracht erschienen und hatte ihren versprochenen Hochzeiter vorgeführt – ein Balbier war es, Friseur nannte er sich – im Oberdorfe hätte er von der Kunst nicht leben können, da führte sie der Hanke Rudolf, den Kümmeltürken hießen sie ihn, so nebenbei aus, nach Feierabend. In der Hauptstadt freilich, da mochte es ja anders damit bestellt sein, die noblen Leute zahlten wohl für jedes Haarla einzeln, denn der Karline ihrer kam daher wie ein leibhafter Fürst – mit steifem Hemdkragen, vier Finger hoch, Seidenweste und Uhrkette, spitzen Schuhen, dazu das Schnurrbartla schön ausgedreht und auf dem Kopfe Locken über Locken – es war schon eine Gala! Die Mutter hatte gerne den Segen dazu gegeben, wenn auch dem Seffes der neue Schwager schlecht zu Gesichte gestanden hatte. Aber die Mutter – Gott laß sie selig ruhn! – die Jachimrobertin, war dazumal eben schon recht alt und – och jeela, man möchte ja keiner Toten ein übles Wörtla nachreden – aber: sie war wohl im Oberdorfe geboren, die Tochter vom Kreuzer unter der Mühle, aber ihre Mutter war aus dem Mährischen gewesen, und da lag ihr eben die harte Arbeit doch nicht so in der Art, die Leute vom Flachland haben ja ein viel schwereres Geblüte, vom guten Leben. Und das hatte eben jetzt bei der Karline vollends wieder durchgeschlagen, wogegen der Seffes ganz nach dem Vater geraten war.

Bald darauf war die Jachimmutter gestorben, die Karline war zur Leiche gekommen, schon als Verheiratete, und vor dem Sarge hatten sich die Geschwister so halbwegs vertragen. Ganz ja nicht, weil die Karline gar so scharf auf ihr Erbteil ausgewesen war, es mußte alles vorgerechnet und schriftlich gemacht sein.

Danach hätte es bald wieder Streit gegeben, weil sie das eingetragene Geld hatte auf eine Bank überschreiben lassen, bei der ihr Mann in Schuld war. Die Karline entschuldigte sich, sie hätte das Bargeld gebraucht, weil der Mann sich selbständig gemacht und einen Laden gekauft hatte. Dem Seffes konnte es ja gleich sein, wem er die Zinsen bezahlte, aber es war sonst nie die Art unter Geschwistern, daß man Fremde dazunahm.

Und jetzt war sie selber da – alleine dasmal und nicht ganz so großartig wie das erstemal, aber doch noch mit einem Schnürmieder unter der Bluse, daß man das Fischbein nur so knastern hörte, wenn sie sich rührte, und mit Federn auf dem Hut und einem solchen modischen Schleppschwanzla am Rocke. Wie sie sie hatten so daherstolzieren sehen, da hatten die Muttern hinter ihr her aber doch ank mit dem Kopfe geschüttelt und sich vorstellen müssen, daß es wirklich wahr die gleiche Karline war, die im Dorfe mit den andern Kindern zur Schule gegangen war, barfuß und mit dem Kerzla unter der Nase – jeechich doch aa! Von den Muttern neidete ihr keine den Modekram, sie waren nur ank forchtich, daß nicht die Madlen sollten auf dumme Gedanken kommen, wenn ihnen die Hoffart gar so sehr vor Augen geführt würde. Und wahrhaftig: wie noch die Seidelmutter der Karline nachgesehen und zur Frankin hinübergesagt hatte: »Dar talkiche Haubenstock hängt sich aa alls an'n A…!« da war sie doch über die Schulter weg innegeworden, daß ihr eigenes Töchterla gerade mit dem Spiegla am Stubenfenster stand. Ine, die Seidlin war ja keine Süße, wenn man die gegen den Strich bürsten wollte, da durfte sich jeder vorsehen. Sie war auf das Madle hingefahren wie ein Hühnergeier, und die Frankin hatte es bis hinaus klatschen und danach die Seidlin sprechen hören: »Siech du der Katze ei's Loch ond nie ei'n Spiegel, versuchter Rauden!«

Das war natürlich in einem Husch in allen Häuslan herumgewesen, und danach hatte das ganze Dorf, die Muttern vor allem, nur darauf gelauert, wie sich denn der Seffes zu dem Besuch stellen würde, ob ihm die Parade am Ende gar recht wäre, weil er jetzt doch selber die Nase so hoch trug.

So viel Leute wie den Abend waren lange nicht mehr unterwegs gewesen, das war ein ewiges Rauf und Runter im Dorfe wie am höchsten Feiertag. Und alle hatten sie den Seffes was zu fragen, der hatte es im Genicke, und der im Kreuze, der andre in der Seite oder gar im Kopfe.

Der Seffes gab ihnen Bescheid, wie er konnte, aber sonst wurde keiner was gewahr, denn die beiden Weibsleute, die Anka und die Karline, hielten sich in der Kammer und zeigten sich nicht. Da kamen natürlich immer neue Leute, und wer weiß, wie lange es damit noch gegangen wäre, wenn der Seffes nicht den Hoffmann Julius, der das Kopfreißen haben sollte, auf die Bank gedrückt und ihm eins, zwei mit dem Geißfuß einen Backenzahn ausgedreht hätte. Danach gaben die andern freilich Ruhe.

Aber ohne daß sie es wußten, hatten sie dem Seffes doch einen herzlich schlechten Dienst getan, o je, mit aller Absicht hätten sie es gar nicht schlimmer treffen können.

Denn die Karline, die ja von der Neugier nichts wußte, hatte von der Kammer aus die Besucher gezählt, die Verordnungen mitangehört – Tee, Geist, Schmiere, Pflaster, Verband, Wundholz und so fort – und sich eine unendlich falsche Meinung in den Kopf gesetzt. Und aus einem Weiberkopfe kriegt doch der Teufel mit der Zange nichts mehr heraus, man kennt sie ja, die gutherzigen Geschöpflan!

Der Anka war es Wasser auf die Mühle, als die Schwägerin meinte, der Seffes müßte ja Geld über Geld verdienen. Da wisperte eine der andern die Ohren voll, daß die Spucke nur so flog: die Karline ließ die Feinheit sein und schlug sich vor Ärger auf die Schenkel, daß es patschte, und die Anka wurde nicht müde, immer neu vorzurechnen, was das Arzeneizeug alles kostete, die gute Butter, der Geist, das Schmalz –

Wie ihr aber die Karline, die doch von ihrem früheren Dienstplatz her damit bewandert war, erst auseinanderklavierte, was die Kräuter in der Stadt drin im Laden kosteten, da blieb doch der Anka die Gusche offen stehen, sie brachte kein Gix und kein Gax mehr hervor – eine Weile nur, versteht sich. Danach kam die Plapper gleich wieder in Gang, und die Frau verschwor sich hoch und teuer, es sollte Änderung geschaffen werden, und war gar sehr froh, wie ihr die Karline versprach, sie wollte den Seffes umstimmen helfen. Aber nicht zu gach sollte es sein, wisperte die Anka, o jeela, nur ja mit aller Vorsicht, damit er nicht erst merkte, wo der Wind herblies!

Es war auch wirklich nicht zu sagen, ob er es merkte, wie sie am gleichen Abend noch und in den folgenden Tagen ihr Spiel anfingen. Er sprach ja kaum noch und sah die meiste Zeit nur so vor sich hin, ins Narrenkastla, wie man sagt. Das machte den beiden Weibsleuten noch mehr Mut, und sie kamen immer offenherziger mit ihrer Meinung heraus, und einmal, es war am vierten oder fünften Tage, da war es so zwischen ihnen besprochen, daß die Anka sich noch etwas im Dorfe zu schaffen machen sollte, damit die Karline mit dem Bruder allein bliebe.

Der Seffes kam recht verdrossen nach Hause, suppte seine Kaffeesuppe und setzte sich danach mit der Pfeife in den Ofenwinkel. Er tat nichts dergleichen, wie die Anka zur Türe hinauswischte und das Aufwaschen der Karline überließ. Die brachte sich schier um vor lauter Arbeit, schlug die Ärmel hoch, band eine Schürze vor und verführte ein ungeheures Escherment, man hätte sprechen mögen, ein ganzes Bataillon wäre zum Essen dagewesen. Und dabei hatte sie das Schaff so nahe zum Ofen hingerückt, daß der Seffes ihren ganzen Fleiß auch richtig vor Augen hatte. Er fragte aber nichts danach.

Schließlich fing die Karline selber zu reden an, und da kam es ja heraus, daß sie es mit der Selbständigkeit doch nicht gar so großartig getroffen hatte, ja, genau gesagt, den Balbierladen hatten sie schon ein paar Monate nicht mehr, der Mann war wieder in Stellung gegangen, aber, wie es das Unglück schon will, auch das war nicht das Rechte gewesen, einmal hatte er gewechselt, und jetzt eben hatte ihm der neue Meister aufgesagt – ein sehr gemeiner Mensch übrigens, ein rechter Leuteschinder, verloren war da nicht viel. Immerhin: sie war gerne wieder einmal nach Hause gekommen, um zu sehen, wie es allen so ginge – und ob – Ine ja: »Seffes, haste nie a paar Gulden übrig, daß w'r könnten an neuen Laden kaufen? Der Meine taugt amal nie fürs Dienen, der muß seinen Kopf für sich hon – Und da ho ich gedacht –«

»Geld – von mir?« warf der Seffes hin und lachte mit der Pfeife im Munde, es klang gar bitterlich.

Die Karline tat recht unschuldig: »Ine, Seffes, bei dir fliegt doch 's Geld in Scheffeln ei's Haus, da kenntst de m'r doch leicht was zukommen lohn!«

Der Seffes sah ihr kurz ins Gesicht, weil sie sich auf einmal mit der Mundart gar so viel Mühe nahm, und sonst sprach sie doch recht herrschaftlich nach der Schrift. Aber er sagte nichts. Da kam die Karline weiter hervor und meinte, wenn man die Arzeneien, die der Bruder so ausgab, nur zu halben Stadtpreisen rechnen wollte, da müßten ja zwei Leute wie die Fürsten davon leben können –

Wie sie aber sah, daß es dabei dem Seffes einen Riß gab, da blies sie gar hortich aus dem andern Loche und stellte sich besorgt, der Bruder werde die Sache nicht mehr lange alleine mit der Anka versehen können, die Leute kämen ja jetzt schon dutzendweise daher, und bald würden es zu viele werden. »Dich kennen se im ganzen Lande!« sagte sie. »Ei der Hauptstadt drunten ho ich vo dir erzählen gehört, ob de's jetzt glaubst oder nie!«

Sie wartete ein wenig, weil sie dachte, der Seffes müßte doch geschmeichelt sein, aber er rührte sich nicht. Da erzählte sie weiter, alle Kräuter werde die Anka in ihrem Wurzgarten gar nicht mehr bauen oder sonstwie herbeischaffen können, nee, das wäre ja bald dreimal über Menschenkraft. Und kurz und gut: die Kräuter könnte man ja kommen lassen, es gäbe sie auch anderswo – Und dann wäre es auch gleich ein gerechter Grund, sie nicht mehr zu verschenken. Den Verkauf wollte sie mit ihrem Mann besorgen, ja, und dem Seffes die Hälfte abgeben, dafür, daß er die Leute alle an sie verwies –

»Hör amal, Karlin!« schob der Seffes ein, er sprach schön state, aber sie war gleich gewarnt, sie kannte ihn ja von klein auf. »Hör amal! Ich will d'r's verzeihn, was de da fürgebracht hast, weil de och grod a dommes Weibsbild best und verstehst's nie besser! Wenn de aber noch a eenzichs Wörtla davon redst, daß ich sollte mit euch zesamm an Schwindelladen ufmachen und in Kompanie quacksalbern – Karlin! Laß d'r's gesagt sein!«

Da zog sie die nassen Hände aus dem Schaffe und hielt sie ihm gefaltet hin und bibberte und tat und stellte sich an, wie wenn sie sollte aus freien Stücken Entlan hecken. »Ine du kreuzgude Mutter Maria!« wimmerte sie wohl dreimal vor sich hin, dann weinte sie ein Gesetzla, und dann fuhr es ihr heraus, gar schwer gekränkt: »Schwindelladen? Seffes – kannst de mit gutem Gewissen das Wort gegen mich gebrauchen?«

»Du willst doch die Kräuter von auswärts kommen lohn?« fragte er ungeduldig und wartete ihr Nicken kaum ab: »Da hast de schont den Schwindel. Denn, das merk du dir: Einem jeden Lande wächst seine Krankheit selbst, seine Arzenei selbst, sein Arzt selbst! Das hat mir mein Dokter gar oft gesagt, und das ist meine größte Weisheit geblieben.

Und die Kräuter müssen selbst geerntet sein, damit ich ruhig sein kann, daß alles richtig gemacht und beachtet ist.

Fertige Kräuter, von auswärts, wenn sie aa den gleichen Namen han – die sein für mich nur wie dürres Stroh, da is die Heilkraft weg!«

Die Karline sagte nichts dagegen, sie war jetzt beim Abtrocknen und rieb und rieb an den Tellern, daß man denken konnte, der Lappen müßte brühnich werden. Aber es war natürlich alles gar gut gerechnet, daß der Seffes Zeit haben sollte, die Absage ank zu vergessen. Und nach einer Weile brachte sie es wie von ungefähr heraus, wie sehr sie es bereute, daß sie von daheim fortgemacht hatte, und wenn es nach ihr ginge, da wollte sie gar gerne den ganzen Weg zurückwandern, barfuß, o jeela, lieber heute wie morgen! Denn im Oberdorfe sei es doch am schönsten!

Und danach hielt sie inne und lauerte, daß der Seffes sollte angeben. Er tat es aber nicht, wenn auch zu merken war, daß ihm die Sache naheging. Da dachte die Karline wohl, ein Nagel sollte den andern treiben, und hämmerte gleich weiter: Das mit dem Laden in der Großstadt habe sie nur so hingesagt, weil sie sich gar nicht getraut hätte, um das zu bitten, was ihr wahrhaftig am Herzen lag –

Dabei sah sie den Seffes von der Seite an, ob er ihr nicht ank Mut machen wollte. Aber der hatte wohl nur Gedanken für seine Pfeife, die nicht recht ziehen wollte. Da mußte die Karline eben selber weiterreden: Es wäre schon ein Weg, daß sie mit ihrem Mann ins Oberdorf zurück könnte, und brauchte doch niemand zur Last zu sein – Wenn, natürlich, der Seffes es erlauben wollte, denn gegen seinen Willen wollte sie nie wieder etwas tun, nie wieder, Seffes –

Sie wackelte mit der Stimme, daß er hören sollte, wie gerührt sie war, aber er blieb stumm und rauchte. Da wollte sie ein Gesetzla flennen, weil er es ihr gar so schwer machte, und schnupfte schon das erstemal auf – dann besann sie sich, daß er ja das Flennen um keinen Preis erleiden konnte, und sprach schnell zu Ende: Wenn es der Anka nun doch bald zuviel würde, da könnte sie doch die Kräuter anbauen und herrichten, och jeela, gar gerne, und wenn der Bruder nur so gut sein wollte, ihr vom Erlöse ein paar Kreuzer zukommen zu lassen, da hätte sie schon zu leben, Hauptsache, daß sie wieder daheim sein dürfte – »Seffes – grade a paar Kreuzerlan – was d'r recht scheint, ich will gewiß nie unverschämt sein!« bettelte sie. Aber sie hatte noch ein paar bange Atemzüge zu warten, ehe der Seffes zurückfragte: »Is dir's denn ernst damit, Karlin? Grade vorhin hast de das Zeug doch noch von auswärts kaufen wollen?«

»Nee, nee, Seffes, das is m'r och so rausgefahren – wenn d'es nie willst, da is kenne Rede meh davo! Ich arbeit gar gerne, Seffes, wenn de nur wolltest so gut sein –« Sie kam ins eilige Plappern, denn durch das Halbdunkel der Stube sah sie die Augen des Bruders matt glimmend auf sich gerichtet, als sollte ihr der Blick durch und durch gehen. Eine tiefe Beklemmung überfiel sie – wenn gerade die Begabung über ihm war und er ihre wahre Meinung erforschen konnte, dann –

»Ich will's dir glauben, Karlin!« kam da die Männerstimme. »Im Gedenken an unsre Mutter – Gott schenk ihr die ewige Ruh! – will ich dir's glauben! Wenn de dich wirklich mit der Arbeit wieder einkaufen willst im Oberdorfe, da möcht ich nie im Wege sein! Aber, Karlin –«

»Nee, Seffes, nee!« unterbrach sie ihn, ganz plapperig vor Freude, daß die große Angst umsonst gewesen war, »nee, säh nischt meh, ich war schont machen, daß de sollst zefrieden sein! Wir brauchten d'r hier nie uf'm Halse sitzen, nee, ich ho bei der Kohlstreitin a Wörtla fallen lohn – die tät Stube und Kammer vermieten und selber ins Altenstübla ziehn, da wärn w'r gar gut untergebracht –«

Seffes war aufgestanden und auf die Türe zugegangen. Dort wandte er sich und sprach zurück: »Karlin – vielleicht verstehst d'es nie a so – aber es is gar a großes Vertraun! Mach mir's nie zuschanden, Karlin!«

Sie wollte nochmals losplappern, aber da hörte sie ihn schon die Türe ins Schloß drücken und draußen durch den Flur tappen.

 

Den andern Morgen in aller Frühe hatte die Karline gleich fortgemacht, damit der Seffes gar keine Zeit mehr haben sollte, sich die Sache noch zu überlegen. Es hatte aber gar nicht den Anschein, als ob es ihm leid geworden wäre, es war eher, als wenn es so wie früher werden wollte, er pfiff sich schon wieder einmal eins.

Vielleicht kam es auch daher, daß die Anka gar so ein glückliches Gesicht hatte und alles tat, was sie ihm an den Augen absehen konnte, recht wie eine Hochzeiterin war sie um ihn, wenn er abends heimkam.

Wegen der Wohnung für die Karline hatte sie mit der Kohlstreitin festgemacht, das sagte sie ihm gleich am ersten Tage. Aber danach wurde nichts weiter davon gesprochen, sie hatte an andres zu denken, weil sie gar so glückselig waren mitsammen.

Aber sie mußten es eben doch gewahr werden, daß der Teufel nie schläft, und wenn es sein soll, fliegt eine Butte voll Wasser in die Luft.

Denn eines Tages – ein Montag war's – kam der Seffes wenige Stunden, nachdem er zur Arbeit gegangen war, schon wieder nach Hause und sah gar fürchterlich aus – die Brauen so zackig aufgestellt, die Stirnadern dick geschwollen und dazu so grau im Gesicht, daß die Anka gerade noch ein Kreuz schlagen und stammeln konnte: »Heilige Maria – was hat's denn?«

Oh, es war eine bitterböse Neuigkeit: Der Baumeister hatte über Nacht Bankrott gemacht, die Bude war zu, die Arbeiter hatten wieder umkehren können.

»Aber –« stotterte die Anka. »Wenn aber doch –«

Kein Wenn und kein Aber, die Sache war wohl schon geraume Zeit im Gange, jetzt war nichts mehr zu ändern. Der Advokat war eigens aus der Stadt herausgekommen – zu Arbeitsbeginn, in aller Morgenfrühe, das mochte sein Stück Geld gekostet haben! – ja, und einen Gendarmen hatte er sich mitgebracht, mit aufgepflanztem Bajonett, und hatte die Konkurserklärung verlesen; die Werkstatt werde versiegelt, die Zimmerleute sollten nach Hause gehen.

Da hatte sich ja herausgestellt, daß auch die beiden andern noch Lohn zu fordern hatten, aber doch bei weitem nicht so viel wie der Seffes, der hatte die Summe gar nicht nennen wollen. Und der Herr Advokat hatte nur die Achseln gezuckt – das sei ja traurig, hemhem! Aber Masse sei eben praktisch keine da, alles längst verpfändet, überschuldet –

Da hatten die Zimmerleute in die Villa gehen wollen, um mit dem Baumeister selbst zu reden, aber der Advokat hatte sie aufgehalten: Der Herr Baumeister sei, hm, verreist, ja – nicht mehr anwesend.

Aber die Einrichtung, die feinen Möbel, die Kutschpferde, die Kalesche, der Schlitten –

Verkauft, alles aus freier Hand verkauft, nicht mehr greifbar.

Damit waren die Zimmerleute nach Hause geschickt worden. Nun, um Arbeit brauchten sie nicht zu sorgen, im Frühjahre gab es zu tun genug. Aber daß der Lohnrest verloren sein sollte, und überhaupt das ganze Unrecht – das brannte einen jeden, wenn auch keinen so sehr wie den Seffes. Denn bei ihm taten sie so, als hätte es gar nichts zu sagen, ja, als könnte er eigentlich den andern noch aushelfen. Und als er es ihnen vorrechnete, wie es mit ihm stand, und daß er noch härter gestraft war als sie alle, weil er viel mehr zu fordern gehabt hatte, da widersprachen sie nicht, aber sie sahen sich untereinander an und blinkten mit den Augen, ja, ja – für sie war es eine gute Ausrede, nichts weiter.

Und das war eine ungeheure Bitterkeit für den Seffes, daß sie ihm nicht glauben wollten – daß sie es ihm zutrauten, er könnte es mit Worten abstreiten und insgeheim doch verdienen. Es kann ja gar nichts Ärgeres geben, als daß einem eine Schuld angerechnet wird, von der er sich trotz schwerer Versuchung frei gehalten hat. Da kann auch ein fester Mann innerlich ungewiß werden und sich fragen, wozu die viele Entsagung gut war. Der Seffes hätte den und jenen zum Zeugen aufrufen mögen, daß er ihn umsonst behandelt und keinen Kreuzer verlangt hatte. Aber er ließ es doch sein – denn einmal ging es ihm gegen die Natur, die Guttat an die große Glocke zu hängen, und zum andern wußte er ja, daß die paar einzelnen die öffentliche Meinung nie umstoßen konnten. Dann würden die Leute eben denken: von dem und jenem hat er nichts genommen – aber die vielen, vielen andern haben eben doch bezahlt. Nein, so konnte es nur ärger werden.

Und der Seffes fragte sich im größten Zorn, warum sie gerade mit ihm so häßlich taten, warum sie ihm nicht dankten, ihm die Kreuzer vorrechneten, während der Lippes –

»Du hast dich nie rar genug gemacht, das is die Sache!« meinte die Anka, und er sah sie aus aller Bedrückung überrascht an, ja, vielleicht war das das Wort, aber wenn ja, dann war es gar sehr bitter. Dann galt ja der gute Wille wenig und die Verstellung weit mehr, dann konnte freilich ein Lügenbeutel wie der Lippes zum Übel regieren, weil er es schlauer anfing.

Der Seffes sprang auf und stampfte durch die Stube: »Nee, Anka, nee – auf die Dauer behalt ich recht, das loh ich m'r nie ausreden! Die Leute sein verhetzt, vom Lippes – aber sie müssen's doch gewahre wern, daß ich nischt für mich will, nur für die Gemeinschaft! Und deswegen, Anka, muß ich doppelt Obacht gahn, daß m'r kenner mit Recht was fürwerfen kann!«

Aber da sah er, wie sich ihr Gesicht ganz verschloß, und sprach nicht weiter, er wußte ja, wie wenig er gegen ihre vielen Gründe vorzubringen hatte. Das Arzneialmerla war bald wieder leer, Geld zum Nachschaffen hatte er keins – schickte er die Hilfesuchenden mit leeren Händen nach Hause, dann war es wohl noch schlimmer, als wenn ihnen die Anka oder später die Karline die paar Kreuzer abverlangten. Im Sommer sollte ja viel mehr angebaut und vorgesorgt werden. Und bis dahin mußte eben der Hoffmanndrogist aus der Stadt aushelfen, ein rechter Mann soweit, der sich auf die Kräuter gut verstand und sie alle nur aus der Gegend bezog.

Ja, es war zu verantworten – aber im Innersten wußte der Seffes doch gar gut, daß der Karren nicht mehr lief, wie er selber gewollt hatte, nein, er war aus der Richtung gedrängt und mußte, statt nach Hott, mit nach Hü. Und beim Gedanken an die viele Verwicklung packte ihn eine gar mörderische Wut gegen den Baumeister, der alles verschuldet hatte. Er stand beim Fenster mit geballten Fäusten und knirschte mit den Zähnen, wie ein Krampf war es über ihm, daß es die Anka mit der Angst bekam. Sie sprach ihm gut zu und tat ihm schön, aber es dauerte lange, bis sie ihn so weit hatte, daß er gegen Abend zum Frankewirt hinüberging.

Zwei Stunden danach hätte sie viel darum gegeben, wenn sie ihn statt dessen lieber zu Hause gehalten hätte, und sie weinte gar bitterlich, daß die gute Absicht so ganz zuschanden geworden war. Es ist ja auch zu hart, wenn man einem Menschen hat recht von Herzen gut raten wollen und sieht es dann zum Schlimmen ausgehen.

Soviel die Anka danach herausbrachte, fing es im Wirtshaus gleich damit an, daß der Seffes im dunklen Flure wieder auf den Adjunkten stieß und natürlich meinte, er hätte wieder mit der Anna etwas im Sinne. Der Adjunkt wollte es aber nicht wahr haben und stritt alles ab, das Madle war auch wirklich bei der Wirtin in der Küche, so mußte es der Seffes gut sein lassen, aber die Laune wurde nicht besser davon.

In der Stube drin traf er dann auf eine ganze Versammlung – der Lippes hatte das große Wort und setzte allen auseinander, wie es mit dem Grögerbaumeister eigentlich gegangen war: Der Kerle hatte schon lange gewackelt, er hatte den reichen Mann nur noch gespielt, um die Leute dumm zu machen. Das war ihm ja auch bei vielen gelungen, bei manchen Neunmalklugen sogar, hehe, aber nicht beim Lippes! Denn er, als Obmann der Sägemühlengenossenschaft, hatte ein scharfes Auge auf Gröger gehalten und, wie die ersten Holzrechnungen unbezahlt blieben, gleich Sicherung verlangt – erst Wechsel, dann eine Hypothek, dann wieder Wechsel – und hatte die Schraube schön langsam zugedreht, bis der Kerle keinen andern Ausweg mehr gesehen hatte, als sein letztes bißla Zeug heimlich zu verkaufen und bei Nacht und Nebel davonzugehen. Er hatte ja nämlich auch sonst noch Dreck am Stecken, weil er doch heimlich gespielt und dabei auch manches versehen hatte: bei Mittmann, in der Stadt drin, waren die Brüder im Hinterzimmer zusammengekommen und hatten allerhand Luderei gemacht. Na, hinter Grögern waren jetzt die Gendarmen her, und wer weiß, wer sich sonst noch die Nase einquetschen würde.

Der Sägegenossenschaft natürlich, der war nichts geschehen, die hatte nun den ganzen Zimmerhof übernommen und würde ihn eben selber weiterführen. Denn wenn auch andre immer so täten, als hätten sie die Gemeinschaft und alles gepachtet und obendrein die Weisheit überhaupt mit Löffeln gefressen, hehe –

Der Seffes war ganz im Hintergrund geblieben und hätte sich gerne wieder zur Türe hinausgedrückt, aber das Lachen kam gar so giftig auf ihn zu, und daß mehr als einer von den Männern es aufnahm, machte den Seffes vollends wütig, da konnte er die Sache nicht mehr laufen lassen. So trat er einen Schritt vor und fragte über die Köpfe weg: »Wer is denn da gemeint?«

Der Lippes brüllte bereits, vor lauter Freude, daß er den Seffes doch zum Lautgeben gebracht hatte: »Na, wer wird denn gemeint sein? Wer is denn der Klügste in allen drei Dörfern, der Kerle mit der übermenschlichen Begabung, der sonst durch drei Wände sehen kann? Dasmal, freilich, hat er wohl selber ein Brett vorm Kopfe gehabt – oder nicht, Seffes?«

Vielleicht hätte der Seffes auch das noch ertragen und wäre still gegangen. Aber daß wieder ein paar Leute mitlachten, das nahm ihm völlig die Besinnung, er tappte mit den Händen vor sich hin wie ein Blinder, weil ihm wohl die Wut das ganze Blut in die Augen trieb. Es sah so unheimlich aus, daß die nächsten beiseitewichen und, ob mit Absicht oder nicht, den Weg zum Lippes hin freigaben.

Der Lippes wurde nun doch käseweiß, wie er den Seffes kommen sah, er wetzte herum wie ein Iltis in der Falle. Jetzt war der Seffes beim Ofentisch, tappte die Kante ab, daß gleich ein paar Glaslan herunterhoppten, dann schob er sich langsam in die Bank, wirklich wie blind, ine versucht, er wird doch nie –

Der Lippes sah starr auf die tappenden Hände, die auf ihn zukamen, wie sie aber kaum noch ein paar Spannen weit weg waren, da kriegte er mit einmal Leben und war aber auch schon weg, »wie's Werschtla vom Kraut«, sagten die Leute danach. Wie er es eigentlich angestellt hatte, wußte später niemand zu sagen, er war eben auf einmal nicht mehr vorhanden. In Wirklichkeit war er unter den Tisch gerutscht, unter der Bank weg, und auf der andern Seite hatte ihn gleich der Wirt in Empfang genommen und durch die Kammertür wegspediert.

Der Seffes suchte derweil nach ihm, tappte den Tisch ab, den Eckplatz in der Ofenbank, die andre Bank, immer hastiger, schließlich stürzte er gar den Tisch um und wollte auch die Bank von der Wand losreißen, da packten ihn der Wirt und ein paar Männer, aber ehe es nicht ihrer sechse waren, schwang er sie gar unbändig hin und her, daß es schon aussah, als sollten sie sich in dem Gewirr das Kreuz und alle Rippen brechen. Aber schließlich bekamen sie doch Gewalt über ihn und standen alle kreideweiß und keuchten, als sollten ihnen die Lungen aus dem Halse fahren.

Dem Frankewirt, dem gesetzten Manne, schnatterte die Kinnlade wie im Fieber, er brachte lange kein Wörtla hervor. Es wußten es ja alle, daß er dem Seffes immer Freund gewesen war, aber wie er ihn jetzt ansah, hatte er nur das blanke Entsetzen im Blicke. Und die Männer verstanden es gar gut, manche fühlten selber das Herz noch gar nicht richtig zwischen den Rippen, es hatte mehr als einem den Odem verschlagen, wie der Seffes so nach dem Bürgermeister getappt hatte, jechich, jechich doch, doch aa – das hatte ja rein nach Mord und Totschlag ausgesehen, nee –

Der Seffes hatte lange zwischen den vielen Fäusten gestanden wie ein Toter. Jetzt begann er sich langsam zu rühren, man sah, er wollte zur Türe, er tat auch, als wollte er sprechen, aber es wurde kein Wörtla laut.

Da fand aber der Frankewirt die Sprache wieder: »Seffes – auf Ja und Nein hättst de dich heute an den Galgen gebracht! Das war bei uns hier nie der Brauch, Seffes, und so leid, wie mir's tut, muß ich dir 's Haus verbieten! Ich hab immer zu dir gehalden, Seffes – aber ken Totschläger kann ich nie verteidigen! Es ist ausgered't, Seffes!«

Der Seffes sah noch einmal über die Stube weg und kaute dabei, daß man die Kiefer knirscheln hörte; zweimal, dreimal setzte er zum Reden an, aber dann sah er wohl selber, daß es nichts wurde damit, er winkte nur mit der Hand über alle weg und schob sich zur Türe hinaus.

Aber er hatte sie noch nicht richtig hinter sich zugemacht, da waren Franke Rudolf und Zwiener Adolf bei der Hand; die hatten ihn bis dahin wohl auch festhalten helfen, aber daß ihm sollte das Wirtshaus verboten sein, das war ihnen gegen die Natur. Sie hatten es ja beide nicht sehr mit dem Reden, aber der Klankenhersch doch eher noch als Zwiener, und so nahm er sich jetzt auch das Wort und sagte den Männern die Meinung, ank abgerissen und durcheinander, aber sie verstanden es alle: »Das is eine Schweinerei, eine ganz versuchte, daß der Mann sollte der Schuldige sein und noch den Schimpf erleiden, wo ihm doch das Raudenoos die Seele aus'm Leibe geärgert hat! Die Genossenschaft hat's nie der Mühe wert gefunden, daß sie die Zimmerleute gewarnt hätte, damit sie nie um ihren Lohn gekommen wären – und hinterdrein sollten sie sich noch höhnen lassen? Und ihr, Lämmerschwänze, lacht noch dazu? Nee, daß ihr's wißt: wir halten zum Seffes, und wenn dem das Haus hier verboten is, da soll's für uns aa gelten! Wenn Lippes da herin regieren soll, da is für uns kee Platz! Aber aller Tage Abend is noch nie! Und etz Adje!«

Schon waren sie draußen, und man hörte sie über die Steintreppen der Freitreppe poltern und die Straße hinauflaufen.

Sie wollten den Seffes einholen und hatten nicht weit zu laufen: keine hundert Schritte weit weg fanden sie ihn auf einem Steinhaufen sitzen, und so wahr uns Gott helfe – der Mann lachte, er lachte, wenn man auch glauben konnte, es würde ihm die Brust zerreißen dabei. Franke und Zwiener standen wie die Schulbüblan vor ihm und brachten den Mund nicht auf, sie hätten beide gar viel darum gegeben, wenn sie das Gelächter nicht hätten hören müssen, es kam sie beide das Würgen an dabei.

»Seffes –« stotterte Franke Rudolf, es saß ihm schier bald die Flenne im Halse, »Seffes – da tu och nie gar a so – Seffes –«

»Heilige Mutter Anna!« stöhnte der Zwiener dazwischen. »Grundgütiger Himmelvater!«

»Seffes, wir halten zu dir!« beteuerte Franke Rudolf. »Wir hon's vor allen Leuten drin gesäht, und 's is uns ernst damit, Seffes! Und mit dem Lippes wird Schicht gemacht, dem ziehn w'r die Därme lang, glei heute noch, wenn's sein soll –«

Franke hatte sich in Eifer geredet, weil das Lachen aufgehört hatte, aber jetzt brach er mit einem Schlage ab, denn der Seffes hatte mit der Hand gewunken und ein Wort dazu gesagt, das der Franke nicht verstanden hatte. Da kam es schon zum zweitenmal, ganz mit der alten Stimme: »Halt! Nischt meh!« Und dabei trat der Seffes neben sie, ganz ruhig, sie trauten den eigenen Augen nicht, weil sie insgeheim noch das unmenschliche Gelächter im Ohre hatten. Aber er stand da und tat ganz alltäglich, sie mußten es schließlich glauben. Freude hatten sie keine davon, das darf auch niemand wundernehmen: denn wer möchte es denn im Guten hinnehmen, daß die angebotene Hilfe recht als Dummheit verredet wird.

Das nämlich und nichts andres tat der Seffes, er sagte ihnen, daß er lieber tot hinfallen als die Zwietracht im Dorfe vergrößern oder gar zugeben wollte, daß andre seinetwegen Dummheiten machten. »Meine Sache mit dem Lippes«, sagte er, »die geht ken'n was o', da soll och jeder die Finger davon lohn! Und das schlagt euch och glei aus'm Kopfe, daß ihr dem Lippes was antun wollt, das wär eine versuchte Tummheit und mir zu geringem Danke! Nee – der Lippes soll vo mir aus ungestraft weitermachen! Er is der bestellte Bürgermeister, und solange wie ihn die Gemeinde hält, muß ihm das Regiment bleiben. Es is m'r vo Herzen leid, daß ich mich vorhin vergassen ho, das war a schlechtes Beispiel! Aber mit meinem Wissen soll mir's kenner nachtun und sich an dem Manne vergreifen, nee, da soll mich Gott behüten!«

Na, die zwei standen da wie die begossenen Pudel, sie hatten sich eine andre Wichtigkeit erhofft. Wie aber der Seffes mit dem letzten Wort kehrtmachte und weiterging, da sahen sie einander von der Seite an, schüttelten die Köpfe und spuckten erst einmal aus, ehe auch sie sich davonmachten. Doch nach ein paar Schritten blieben sie schon wieder stehen, Franke Rudolf schlug mit der Faust durch die Luft und meinte: »Etz kann mich Seffes aber aa vo hinten besahn – dar tomme Hond hot jo Flöhe ei'm Koppe! Wenn ihm die Hilfe nie gut genug is, da soll a se blei'n lohn!« Und Zwiener Adolf hatte nichts dagegen.

Sie wußten es ja nicht, die beiden, wie schwer es dem Seffes angekommen war, den letzten Beistand auch noch auszuschlagen. Er hatte so stolz und hart getan, aber innerlich war ihm wohl anders zumute, er zeigte es bloß nicht.

Daheim dann, in der Kammer, da ließ die Verstellung freilich nach, da kam die ganze Wut und der Jammer durch. Die Anka war zuerst wie unsinnig vor Schreck, weil sie den Mann noch nie so gesehen hatte. Sie saß aufrecht im Bette, starr und steif, und ließ nur die Augen mit ihm wandern, wie er so wütig auf und ab stampfte, stehenblieb mit geballten Fäusten, daß es ihn nur so schüttelte, und wieder losstampfte. Sprechen tat er lange nichts dabei, nur zuzeiten fuhr es ihm aus der Kehle, gar fürchterlich, ein halber Schrei, wie von einem Wilde.

Wie die Anka das stumme Zuhören gar nicht mehr ertragen konnte, sprang sie aus dem Bette und hing sich dem Manne an den Arm: »Jossip! Um alls ei d'r Welt! Seffes! Mann!«

Er gab zuerst nichts darauf, es war nicht gewiß, ob er das Gewicht am Ärmel überhaupt spürte, sie mußte mit, auf und ab, bis sie sich endlich fast schleifen ließ. Da hielt er inne, sah zu ihr hinunter und ließ sich dann auf die Bettkante niederziehen.

Die Anka hielt ihn um die Schultern gefaßt, und mit der einen Hand fuhr sie ihm nur immer so sachte über den Ärmel lang, es war gut zu kennen, wie teuer er ihr war, und wie große Angst sie hatte.

Und dann kam ihm ja die Sprache wieder, wenn ihm auch zuerst noch die Wut manche Wörter gar ungefüge herausstieß. Die Anka erschrak bis ins tiefste Herz, weil sie merkte, wie es ihm am Marke fraß, daß das Unrecht siegreich bleiben und der gute Wille für nichts gelten sollte. Sie erlitt es alles durchaus mit ihm, die Wut gegen den Lippes packte auch sie gelegentlich so, daß sich ihre Finger wie von selbst dem Seffes in die Schulter krallten. Wie sie aber hörte, daß es dem Lippes schließlich doch ungestraft hingegangen war, da fuhr ihr ein kleiner spitzer Schrei heraus, wie ein Stich – ja, ja, dort unten, wo sie daheim war, dort hätte die Sache wohl nicht ohne Blut zu Ende gehen dürfen.

Das verwies ihr der Seffes, nur so nebenbei – wie es die Leute dort unten hielten, das galt fürs Oberdorf noch lange nicht, ja, und gewonnen wäre wenig gewesen, wenn er den Lippes wirklich in die Hände bekommen hätte, o versucht! – aber dann mußte er doch selber wieder zugeben, daß das Unrecht nicht mehr viel größer sein konnte, auf die Dauer sollte es wohl der Teufel aus der Hölle auch nicht aushalten können!

Da flüsterte die Frau etwas, aber es war nicht gleich zu verstehen, weil ihr die Lippen vor Eifer gar so trocken waren. Er mußte ihr auf den Mund sehen, bis er es ablesen konnte: »Komm doch fort!«

Als sie sah, daß er aufmerkte, da dachte sie wohl, es wäre schon gewonnen, und wollte es gleich weiter erklären, wie sie es meinte. Aber er faßte ihre Hände an den Gelenken, schob sie sich von den Schultern und hielt sie fest, während er sprach: »Anka, zum letzten Male: das will ich nie wieder hören! Ich gehör ei's Oberdorf und sonst nirgends hin!«

Da mußte sie stille sein.

 

Vielleicht hatte es der Seffes doch nicht ganz ermessen, was aus dem letzten Streit mit Lippes noch alles kommen würde – die ersten Tage danach wurde es doch so schlimm, daß bereits niemand mehr mit ihm zu tun haben wollte. Denn der Lippes und seine Garde sorgten schon dafür, daß die Geschichte überall die Runde machte und gar niemand im Zweifel blieb, auf wessen Seite die ganze Schuld gelegen hatte: Der Bürgermeister hatte nur so allgemein und mehr zum Spaß hingeredet, aber der Seffes hatte es gleich aufgegriffen und ihn umbringen wollen. Umbringen, ganz gewiß wahr, es war ihm der blanke Mord im Gesicht gestanden. Und das war hierorts nie der Brauch gewesen. Ank raufen zuzeiten, ank Kloppe rüber und nüber, ine ja – aber dem Nächsten die Seele aus dem Leibe worgen wollen? Nee! Das durfte gar nie die Mode werden!

Aber das Gerede allein hätte vielleicht nicht so viel ausgemacht, es kam nur gleich etwas hinzu: Die Sägegenossenschaft hatte doch den Zimmerhof ins Eigene übernommen, und der Lippes, als der Vorstand, hatte es so eingerichtet, daß die zwei Zimmerleute, die außer dem Seffes bei Grögern gewesen waren, weiterarbeiten durften und obendrein noch den Rückstand nachbezahlt bekamen. Da waren die Leute gar herzlich froh, das läßt sich denken, und unter den Muttern war überhaupt nur eine Stimme, daß der Lippes, mochte er auch eigen sein, doch lange nicht der Schlechteste war, oh, bei weitem nicht! Der half schon, wo er konnte!

Vom Seffes war dabei nicht weiter die Rede, es wäre ja auch zuviel verlangt gewesen, daß ihn die Genossenschaft auch noch hätte einstellen sollen. Dann hieß es ja, er hätte bei andern Meistern angefragt und überall Absagen bekommen, bei Nitsche im Unterdorfe und gar auch bei Zappe in der Stadt. Aber da durfte er sich nur bei sich selber bedanken, es war nur die gerechte Strafe.

In den Tagen schickte der Pfarrer Botschaft, der Seffes sollte ins Pfarrhaus hinunterkommen. Der Seffes wollte gleich nein sagen, aber da bekam es die Anka mit der Angst, daß er auch noch den Pfarrer zum Feinde haben sollte, und bat und bettelte, bis er nachgab und hinunterging.

Es reute ihn, kaum daß er die Pfarrtüre aufgemacht hatte, denn das Fräulein Lina tat gar hochnäsig und hieß ihn im Vorhause warten – sie wollte fragen, ob der Herr Pfarrer Zeit für ihn hätte. Dem Seffes lag es auf der Zunge, ihr zu sagen, dann hätte man nicht um ihn schicken sollen – aber er hatte den rechten Geist nicht mehr zu dem ewigen Streit. Die Haushälterin kam auch gleich wieder und führte ihn zum Herrn Pfarrer, der vor seinem Schreibtisch saß und aus der langen Pfeife paffte, daß man den Rauch in richtigen Wölklan zu den offenen Fenstern hinauswirbeln sah.

Sonst tat er aber nichts dergleichen, es war nicht zu sagen, ob er überhaupt wußte, daß jemand dort bei der Türe stand. Und abermals hatte der Seffes die größte Lust, einfach mit Kehrt euch! wieder zu gehen, aber da dachte er daran, wie gar schön die Anka ihn gebeten hatte – eher die Feindschaft mit dem ganzen Dorfe, aber nur ja keinen Unfrieden mit dem geistlichen Herrn! – und da blieb er eben stehen und wartete. Aber nach einer Weile scharrte er doch mit dem Fuße und räusperte sich dazu, und da meinte wohl auch der Pfarrer, daß die Demütigung lange genug gedauert hatte, und sprach ihn an: »So, da sind Sie ja, Friede! Sie haben letzthin viel Ärgernis gegeben, lieber Mann – immerhin: ich will nicht richten und habe es also übernommen, um des lieben Friedens willen, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Wenn der Herr Bürgermeister unversöhnlich sein wollte, da könnte es Ihnen teuer zu stehen kommen. Aber er will Gnade vor Recht ergehen lassen – Was ist denn, was machen Sie denn?«

Er bekam keine Antwort – dem Seffes standen die Muskeln wie Stricke aus den Backen, und die Zähne krachten, daß man meinen konnte, sie müßten alle herausbrechen, so biß er sie zusammen. Der Pfarrer tat einen wegwerfenden Wink mit der Hand, daß er nichts gesehen haben wollte, und sprach schnell weiter: »Wenn Sie in meiner Gegenwart dem Herrn Bürgermeister Abbitte leisten und geloben, daß Sie das Schüren und Hetzen lassen und ein treues Glied der Gemeinschaft werden wollen – dann soll Ihnen alles vergeben und vergessen sein, und sobald wir uns überzeugt haben, daß Ihre Besserung von Dauer ist, wird Sie der Herr Bürgermeister auch wieder auf dem Zimmerhofe arbeiten lassen, vielleicht auch versuchen, Ihnen etwas von dem Lohnausfall – Was wollen Sie – sind Sie verrückt?« schloß er fast schreiend und sprang auf, denn der Seffes war mit zwei langen Schritten bis an den Tisch gekommen, hatte beide Hände mit geballten Fäusten erhoben und stand und würgte, als wäre er am Ersticken.

»Zurück da!« schrie der Pfarrer. »Wissen Sie nicht, vor wem Sie stehen? Vergessen Sie nicht die Würde des Ortes!«

Da verließ den Seffes der Krampf, die Hände sanken ihm herunter, er konnte auch wieder Atem holen und schnaufte gar sehr, als käme er aus dem Rauch oder aus dem Wasser. Der Pfarrer meinte schon, es wäre gewonnen, und fragte, ob er also den Bürgermeister hereinrufen sollte, der im Garten wartete – Aber da sah er, daß das Radla anders herum lief: dem Seffes schoß zum zweitenmal das Blut ins Gesicht, und er flog am ganzen Leibe vor unterdrückter Wut, daß der Pfarrer vor Angst nach dem Klingelzug griff, der hinter ihm von der Wand hing.

Aber da hatte sich der Seffes schon zum zweiten Male bezwungen, und jetzt kam ihm auch die Sprache wieder, wenn es auch zuerst gar heiser klang: »Herr Pfarrer – es sollte keiner nie Partei nehmen und den Boten machen, bevor er die ganze Wahrheit weiß, das will ich nur gesagt haben!«

Der Pfarrer wollte ihm gleich den Mund verbieten: »Was unterstehen Sie sich –« Aber der Seffes winkte nur und hob die Stimme: »Es is gar keine Rede davon, daß der Lippes mir was vergeben oder vergessen sollte, Herr Pfarrer! Und bevor ich von seiner Gnade Arbeit haben möchte, da wollte ich lieber zeit meines Lebens nischt meh tun! Und den Lohn, um den ich betrogen bin, den soll sich der Lippes nur halten – da kommt ein unrechtes Geld zum andern –«

»Genug, Sie unverschämter Mensch! Das werden Sie büßen!« schrie der Pfarrer.

»Büßen vielleicht«, nickte der Seffes. »Aber niemals abbitten, Herr Pfarrer, vor Ihnen nie und vorm Lippes erst recht nie! Und jetzt Adje!«

Und damit ging er schon, wahrhaftig ja, das brachte er fertig, ohne daß ihm der Herr Pfarrer Urlaub gegeben hätte. Das Fräulein Lina erzählte später im Jungfrauenverein, es sei ihnen allen, die im Garten vor dem offenen Fenster zugehört hatten, eiskalt über den Rücken gelaufen vor so lästerlicher Hoffart, und der Herr Bürgermeister habe den geistlichen Herrn beruhigen müssen, sie hätten noch lange danach zusammengesessen.

Die Leute wichen dem Seffes im Bogen aus, das war schlimm für ihn; sogar die Kinder, die ihm sonst immer zugelaufen waren, rannten jetzt, wenn sie ihn nur von weitem sahen, in die Häuslan und brüllten wie am Spieße, wenn es mit den kurzen Beinlan nicht hortich genug ging.

Eine gewaltige Bitternis – und es war niemand, dem er sie mitteilen konnte, denn in der eigenen Frau spürte er gerade jetzt die Fremde, er schämte sich, daß er gegen das eigene Dorf bei ihr sollte Hilfe suchen.

Ganz böse wurde es erst, als eines Tages wie von ungefähr die Karline wieder ankam und den Mann und ihr bißla Kram gleich mitbrachte. Die Möbel, sagte sie, hätten sie in der Hauptstadt zu Gelde gemacht, sie hätten in das Bauernhäusla ja doch nicht gepaßt, und Betten, Tisch und Bänke ließe ja die Kohlstreitin stehen. Wenn überhaupt das Verdienen erst richtig losginge, dann wäre die neue Einrichtung schnell gekauft, das wäre die geringste Sorge.

Dem Seffes ging es übel ein, daß die Schwester gar so freudig tat. Und der Schwager gefiel ihm nach so viel Jahren noch weniger als das erstemal, ein rechter Windhund mit gebrannten Locken und gelben Zigarettenfingern. Der und im Wurzgarten arbeiten? Ojeela!

Wie aber die Karline immer weiter Pläne machte und gar nicht merken wollte, daß manches anders geworden war, da gab ihr der Seffes kurzerhand Bescheid: daß er die Arbeit los sei und sein Erspartes obendrein, dazu nichts als Feindschaft im Dorfe – »Vo mir darfst de d'r nischt erhoffen!« sagte er. »Wir hon salber nischt – bis zur Arnte werd's gar biese giehn!«

Aber auf dem Ohre wollte die Karline ja nichts hören – die paar Gulden hätten sie schon noch, um Kräuter zu kaufen, damit das Geschäft bis zur nächsten Ernte nicht stillestand. Der Bruder sollte nur sagen, was er haben wollte –

Da war die Anka ganz gerührt: sie sagte nichts, aber sie stand doch auf und streichelte der Schwägerin über den Arm. Da konnte der Seffes nicht gut anders und mußte es stillschweigend gelten lassen, wenn ihm auch gar nicht danach zumute war.

Und mag es einer glauben oder nicht – es ist doch wirklich oft so, als ob der Teufel selber den Weibsleuten im rechten Augenblick die Wörtlan einblasen täte, die aus Schwarz Weiß machen können. Denn wie sagte noch die Karline, ehe sie alle zur Nacht auseinandergingen: »Seffes, glaub mir's: mich hat dein Schutzengel hergeführt, damit ich dich bereden sollte, deine Gabe besser auszunützen! Und wenn du einmal einen Haufen Geld verdient hast und wirst dem Lippes richtig Widerpart geben können – dann wirst du mir's noch danken, Seffes!«

Da hatte der Seffes sich schnell abgewandt, aber doch nicht schnell genug: sie hatten alle noch gesehen, wie ihm die Augen gefunkelt und das ganze Gesicht ordentlich geleuchtet hatte bei dem Gedanken, mit dem Lippes auf die Art einmal abrechnen zu können. Von dem Augenblick an sprach keines mehr ein Wort vom Gelde, aber sie wußten es einer vom andern, daß alle Gedanken nur daran hingen. Vielleicht daß dem Seffes einmal einen Augenblick lang das Gewissen brannte, weil er das Geldnehmen doch gar so sehr verschworen hatte: aber dann brauchte er nur an den Lippes zu denken, an alle Gewalt und Niedertracht, und das Gewissen war gleich wieder stumm.

 

Nitschalex, der Posthalter, war richtig aufgegangen wie ein Hefeteig, seit sein böser Widersacher, der Sternwirt Mittmann, das verdiente Ende genommen hatte. Nitschalex, die Ehre muß ihm bleiben, erwähnte den Namen gar nie, aber es kam freilich öfter vor, daß er den Gästen Rindsgulasch anbot, und dabei hatte er es in der Art und tat einen Ton auf das »Rind«, daß auch ein Tauber hören konnte, wie es gemeint war.

Dabei fanden aber die Stammgäste manches verändert, die Portionen waren kleiner, und vor allem wurde gar versucht knapp eingeschenkt, mitunter hatte ein Krügel Bier gleich vier Finger hoch Schaum obenauf. Die Herren vom Stammtisch hatten untereinander schon oft darüber geschimpft, aber dem Wirt hatte es noch keiner gesagt. Es traute eben doch keiner, ob Nitschalex nicht versucht grob werden würde – und wo wollte man dann hin? Gasthäuser gab es ja wohl noch mehrere, aber sie waren alle viel geringer als die Post. In der Art war es schade um Mittmann.

Ja, ja, der Stammtisch mußte beisammenbleiben, das ging sogar so weit, daß auch der Amtsarzt und der Oberarzt beide immer noch kamen, wenn auch alle Leute wußten, daß sie einander in den Tod nicht leiden konnten. Der Amtsarzt wurde ja in letzter Zeit überhaupt ank wunderlich, das konnte gar mancher gewahr werden. Grob war er immer schon gewesen, auch heftig genug – aber so wütig wie jetzt, nee, das hätte keinem im Fieber geträumt. Wenn ihm etwas nicht nach Wunsche ging, da war er doch imstande und krallte sich selber in die Rockaufschläge und riß sie sich mit einem Rucke ab, mochte es die Jagdjoppe sein oder ein nagelneuer Staatsrock. Und Redensarten hatte er dabei – na, man weiß ja, daß die großen Herren aufs Mundwerk nicht so genau achten müssen wie die armen Leute, sie werden wohl auch an der Himmelstüre den Vortritt haben – aber wie sich der Amtsarzt jetzt ausdrückte, das war kaum noch anzuhören. Daß er sich die Mühe genommen hätte, »versucht« oder »verflimmt« zu sagen, oder »du ver-flossene Zeit!« – nee, das gab's nicht mehr, da ging alles geradezu; und Namen gab er den Leuten, daß sich mancher insgeheim fragte, ob denn das wirklich noch sein dürfte.

Aber wenn es aufs Letzte kam, da war der Amtsarzt den Leuten natürlich immer noch bei weitem lieber als der Oberarzt: der schimpfte nicht und fluchte nicht, aber er sprach so über die Köpfe weg, daß es ordentlich wie Messer schnitt. Die Leute gingen nicht gerne zu ihm, außer in der höchsten Not, da ließ sich einer zehnmal eher vom Amtsarzt ein »tälisches Oos!« gefallen oder sonst was in der Art.

Und von den Ärzten ging es auf die Apotheker – Frenzel ging nie mehr zur Sonne und Kippe nie zum Engel, damit sie ja nicht zu oft zusammentreffen sollten. Nur der Stammtisch, der mußte bleiben, aber da hatten sie auch ihre eigene Ordnung und richteten es ein, daß einmal der eine früher kam und früher ging und einmal der andre. Das war so stillschweigend abgemacht. Und die andern Herren waren es zufrieden, so konnte doch wenigstens über den Amtsarzt geredet werden, wenn er gerade nicht dabei war, und das war eine große Erleichterung, denn in dem Stadtla passierte nicht gar viel, oft ein paar Wochen hintereinander gar nichts, da mußte man dankbar sein für jede Gelegenheit. Angst, natürlich, hatten sie alle ein wenig dabei, aber das war ja gerade das Schöne.

Nitschalex hörte nur immer halb hinterm Ofen hervor zu, das hielt er für seine Pflicht als Wirt, Partei durfte er doch nicht nehmen. Die Herren bogen die Köpfe über dem Tisch zusammen, aber manche hatten dabei den Allerwertesten schon so weit in der Luft, als wollten sie in jedem Augenblick davonhoppen können, wenn's darauf ankäme. Das Wettermannla, der Herr Gymnasialdirektor, der hätte sich überhaupt zerreißen mögen, er hatte die Ohren da und die Augen dort und saß nur noch am Zitterfleckla.

Aber auf einmal fand die Zwiespältigkeit ihr Ende. Das war kurz nach Peter und Paul, der Amtsarzt sollte über Land gefahren sein, und der Oberarzt hatte am Stammtisch das große Wort und erzählte drauflos, was er so alles über den Amtsarzt gehört haben wollte. Er brachte es gar fromm daher, als wäre es ihm von Herzen leid, aber es war gut zu merken, wie er noch da und dort ein Tröpfla eigenes Gift hinzutat. Von den dienstlichen Dingen, meinte er, wollte er um keinen Preis reden, obzwar – Na, genug! Aber –

Aber neulich – nicht wahr? – hatte doch ein Vorfall so richtig gezeigt, wie weit es mit dem Ansehen des Herrn Kollegen gekommen war. Nach den Berichten durchaus glaubwürdiger Zeugen, ich bitte sehr, hatte der Herr Kollege in seinem Ordinationszimmer irgendeinen gesuchten Gegenstand nicht gleich finden können und darüber einen der sattsam bekannten Wutanfälle bekommen, mit Schreien, Toben und Zerstörungsdrang. Schließlich hatte er einen dicken Folianten gepackt und durch das – geschlossene, ich bitte sehr! – Fenster hinausgefeuert. Hemhem! Ja, und dann scheint doch etwas wie Selbstbesinnung eingesetzt zu haben, denn der Herr Kollege konnte sich nicht entschließen, eines der Dienstmädchen zu rufen und den Folianten holen zu lassen. Sondern – sehr bezeichnend! – er machte sich selbst auf und ging auf die Straße hinaus. Das Ordinationszimmer ist ja gleich zu ebener Erde. Ja, und da fand er ein altes Weiblein, das bald das zersplitterte Fenster, bald den Folianten und die Scherben auf dem Pflaster anstarrte und neugierig fragte: »Geln Se, Herr Dokter, da hot's an Verrückten drinne?« Wozu ja wohl nur zu sagen wäre: Volkes Stimme ist Gottes –

Aber die Schlußfolgerung war dem Herrn Oberarzt doch im Halse steckengeblieben, denn mitten in das Schmunzeln und das beginnende Gelächter war hinter dem Ofen, an dem ahnungslosen Wirt vorbei, der Oberförster Schubert hervorgetreten, den an dem Wochentage niemand in der Stadt vermutet hätte. Das Wettermannla gab einen Ton von sich, der hörte sich an wie ein Gickser beim Billard, dann war der Stuhl leer. Nitschalex war auch verschwunden, das war das Sicherste für ihn. Und die andern Herren blieben zwar noch sitzen, aber es fiel keinem leicht, dem alten Oberförster war eben nicht zu trauen. Er tat aber gar gnädig, setzte sich schön langsam zurecht und sah rundum. Es hielt keiner den Blick aus, nur der Oberarzt machte einen kurzen Versuch, und der bekam ihm schlecht, denn jetzt packte der Alte zu: »Das wußte ich gar nicht, daß Sie so für lustige Geschichten eingenommen sind! Und Freund Frenzel wird es auch bedauern, daß er nie zuhören konnte! Wissen Sie nicht noch was? – Denken Sie einmal nach, Herr Oberarzt! Wirklich nicht?«

Der Oberarzt lächelte nur, es konnte vielerlei heißen. Der alte Schubert hielt sich aber mit dem Rätselraten nicht auf, sondern sprach gleich weiter: »Na, wenn Ihnen gar nichts einfällt, da muß halt ich den Herren ein Geschichtla erzählen, von einem neunmalklugen, hochstudierten Herrn, der den Friede im Oberdorfe, Jachimseffes nennen sie ihn, entlarven wollte. Es ist ja neuerdings viel die Rede von ihm, die Leute kommen von überallher, bis weit von Preußen draußen, dazu noch Boten und Postpakete mit Flaschlan, ja, ja, sie glauben es alle, daß er ein Wunderheiler ist. Aber für den studierten Herrn gilt das doch keinen Pfifferling, was so Bauersleute und andres dummes Volk glauben, und da wollte er also den Friede hinters Licht führen, tat vor Zeugen Ochsenurin in ein Flaschla und schickte das mit einem Boten zum Seffes hinauf, zur Beschau oder, wie manche auch sagen, ›zur Dinganose‹. Na, Seffes stellte das Flaschla mit den andern auf den Ofensims, damit es die richtige Wärme bekommen sollte, aber wie er es danach gegen das Licht hielt, sagte er gleich zum Boten: ›Dem Ochsen, der dich geschickt hat, dem tu nur ein Gebund Heu und einen Eimer Wasser hin, das Vieh hat Hunger und Durst!‹ Ja, das hat er dem Boten aufgetragen – Aber was ist Ihnen denn, Herr Oberarzt? Paßt Ihnen was nie?«

Der Oberarzt sah aus, als sollte ihm jeden Augenblick das Kragenknöpfla platzen. Es dauerte eine Weile, bis er hervorbrachte: »Allerdings – Herr Oberförster – allerdings! Wennschon der Herr Kollege seine Amtspflicht vernachlässigt und ich es dann unternehme –«

»Aber wer spricht denn von Ihnen, Herr Oberarzt?« grinste der Oberförster. »Haben Sie am Ende den Boten –?«

»Jawohl, das habe ich getan!« schnarrte der Oberarzt dazwischen. »Ich werde es auch an der gegebenen Stelle verantworten. Hier will ich nur soviel sagen, daß ich in dieser Sache grundsätzlich andrer Meinung bin als der Kollege Frenzel. Ich bin geschworener Feind jeder Quacksalberei und bekämpfe sie rücksichtslos!«

»Na, wenn niemals mehr dabei herauskommt als dasmal«, warf der Oberförster hin, »dann is es nie gar so gefährlich!«

Von irgendwo kam ein meckeriges Lachen, wie aber der Oberarzt recht wütig rundum blickte, mochte es niemand gewesen sein. Der alte Schubert wollte wohl selber nicht, daß den Oberarzt die Wut vollends erwürgte, darum lenkte er ganz gemütlich ein: »Es war nie weiter böse gemeint – Sie haben ein Geschichtla über einen Abwesenden erzählt und ich über einen Anwesenden, das ist der ganze Unterschied. Und noch eins: Ihre Standesmeinung in Ehren – aber Frenzel hat Ihnen ja schon einmal vor mir ausgedeutscht, daß dort oben in den Elendsdörfern die Gesetze nie so scharf gelten können wie in der Stadt. Und wenn's der Kerle jetzt wirklich ank arg treibt, da muß man eben immer bedenken, wie er dahin gebracht worden ist! Jawohl, mein Lieber, wieviel Quertreiberei und Niedertracht da am Werke waren –!«

»Erlauben Sie – das geht mich gar nichts an! Ich sehe den strafbaren Tatbestand, sonst nichts! Was Sie sagen, ist nur ein Beweis mehr für meine Vermutung, daß von maßgeblicher Seite einfach durch die Finger gesehen wurde – aus, haha! ›menschlicher Anteilnahme‹!«

Der Oberförster zündete sich langsam die Pfeife an und sah förmlich verliebt zum Oberarzt hinüber, ehe er zu einer Entgegnung ansetzte: »Über die ›menschliche Anteilnahme‹ wern wir beide nie streiten, davon wissen Sie gar zu wenig! Frenzel is da zu Hause, so wie ich, und darum verstehen wir die Leute, das is uns die Hauptsache. Aber Sie sind ein Fremder und sind wohl noch stolz darauf, ums Verstehen ist's Ihnen gar nie zu tun. Und das wäre noch nie einmal das Ärgste, wenn Sie nur wollten die Leute in Frieden lassen!«

»In Frieden nennen Sie das? Wenn der verdammte Kurpfuscher –«

»Pscht, pscht, Herr Oberarzt, nie fluchen!« mahnte der Alte scheinheilig. »Was möchte denn der Herr Bruder sagen, der Herr Prälat! Und dann – Sie haben doch selber erfahren müssen, daß der Seffes mehr kann als nur bis drei zählen –«

»Wollen Sie mir etwa einreden, daß Sie das Ganze nicht für Schwindel halten?«

»Ich will Ihnen gar nichts einreden, mein Lieber, was hätt ich denn davon! Aber daß der Friede irgendeine Gabe hat, eine – ach was, mit dem Namen halt ich mich nie auf! Eine übermenschliche Gabe eben – das könnten Sie doch schon gehört haben, und wenn nie, dann wern es Ihnen die Herren hier bestätigen!«

»Meinen Sie wirklich?« fragte der Oberarzt, aber das war jetzt vielleicht gar zu sehr von oben herab, die Herren ärgerten sich und fingen an, mit Kopfschütteln und Räuspern zu zeigen, daß die Sache doch nicht gar so einfach war. Im Hin und Her tauchten nacheinander gar viele Erinnerungen auf, von der Sache mit dem Zeugschmiededeward an, und in aller Breite wurde von der Frau aus Preußen erzählt, der der Seffes die Krankheit ihres Mannes auf den Kopf zugesagt und auch die Heilung verraten hatte, ja, ja, die Frau war nach sechs Wochen wiedergekommen, glückselig, der Mann konnte wieder gehen! Und sie hatte ein ungeheures Geldgeschenk dagelassen, viele hundert Gulden.

»Warum nie gleich tausend?« brummte der Oberförster. »Ich weiß nur von hundert!«

Na, wenn schon – hundert Gulden sind auch besser als ins Bett gemacht!

»Sehr interessant, dieses Honorar!« lächelte plötzlich der Oberarzt. »Die Herren werden ihre Aussagen gewiß gerne unter Eid wiederholen!«

Das fuhr ja allen gar sehr ins Gebein, es wollte keiner was gesagt haben, bis auf den Oberförster, der seelenruhig hinwarf: »Wenn Sie ein Stammtischgespräch vor Gericht bringen wollen – schön und gut! Ihre Sache! Aber damit sind einmal Sie den Stammtisch los – oder der Stammtisch Sie – und zum andern können Sie sich darauf verlassen, daß die Sache mit dem Ochsenurin auch ins Protokoll kommt! Und dann sollen Sie einmal sehen, was es heißt, wenn sich einer hierzulande lächerlich gemacht hat!«

»Das werde ich zu tragen wissen, Herr Oberförster!« schrillte der Oberarzt. »Keinesfalls wird es mich von dem abbringen, was ich für meine Pflicht halte! Und hiermit ist mich der Stammtisch wirklich los!«

Damit machte er sich gehfertig, sosehr ihm auch die andern, allen voran der Hoffmann-Apotheker, zum Bleiben zuredeten. Das neu aufgetauchte Wettermannla beschwor inzwischen den Oberförster, doch mit einem Wort zum Guten einzulenken, Nitschalex, der erschrocken dazugestoßen kam, half nach beiden Seiten bitten, aber es war alles umsonst. Der Oberarzt fuhr mit der flachen Hand durch die Luft, als wollte er ein Tischtuch zerschneiden, und sagte dazu: »Schluß! Erledigt!« Und der Oberförster brummte nur: »Loht mich ze Ruhe!«

Da mußte es ja wohl sein Bewenden haben. Der Oberarzt stackelte recht storchbeinig davon, die andern machten sich schön state dahinter her. Der Oberförster wäre gerne noch sitzengeblieben, weil er den Amtsarzt lieber hier erwartet hätte als in der Wohnung drüben, er mochte die Frau nicht sonderlich. Wie aber Nitschalex ihm die Ohren volljammerte, was denn nun werden sollte und wer denn ihm den Schaden ersetzen würde, da grunzte der Alte etwas vor sich hin, was der Wirt nicht gleich verstand. In seine fragende Miene sagte ihm der Oberförster noch: »Frag mich nie lange – du tust's ja doch nie!« und ging.

Nitschalex blieb in größter Bekümmernis zurück, er hätte flennen oder toben mögen – aber ein Wirt darf ja die Ruhe nicht verlieren, das verlangt das Geschäft. So machte er sich daran, den Stammtisch in Ordnung zu bringen – jechich doch, der Herr Oberarzt hatte sein Viertel Roten nicht ausgetrunken, drei halbvolle Schoppen und ein paar Bierreste standen auch noch herum. Der Wirt goß aus den Schoppen die Viertelflasche voll und aus den verschiedenen Resten ein Bierkrügel, alles mit so wehleidigem Gesichte wie ein alter Totengräber. Dann klaubte er noch die Zigarrenstummel aus den Aschenbechern, weil er die immer zu Pfeifentabak schnitt, den er dann statt Trinkgeld austeilte. Wein und Bier trug er in die Schankstube hinaus und wies die Kellnerin mit einem Augenwink an, sie dem nächsten Gast vorzusetzen. Man mußte ja darauf bedacht sein, den Schaden wenigstens bei kleinem hereinzubringen. Ine ja.

 

Der Amtsarzt und seine Frau hatten wenig miteinander gemein, das war seit langem kein Geheimnis. Darum war auch das Haus so eingerichtet, daß Frenzel, wenn er Lust hatte, für sich sein konnte: zu ebener Erde lagen das Warte-, das Sprechzimmer und dahinter noch eine Kammer mit einem Schlafdiwan, ein paar Sitzgelegenheiten um einen Rauchtisch und einem dreiteiligen Schrank, der links für Gewehre und Zubehör eingerichtet war, rechts für Jagdkleider und Schuhe, in der Mitte aber für Bücher, mit einem Geheimfach, versteht sich.

Kam der Oberförster unversehens zur Stadt und traf den Amtsarzt nicht an, so hatte er als einer der wenigen Freunde immer Zutritt zu dem Hinterzimmer, wo sich auch längeres Warten gut aushalten ließ, besonders wenn man den verborgenen Schuber in der Schrankleiste kannte, der den Schlüssel zum Schnapskastla barg.

Der alte Schubert wartete sonst gerne, die medizinische Luft, mit Karbol, Jodoform und Äther drin, war ihm vertraut, ja, und wenn er verdeckt hinter der Halbgardine saß, auf die Vorübergehenden hinaussah, die er fast alle kannte, und sich zurechtspintisierte, was jeden einzelnen gerade um die Zeit da vorbeiführen mochte, da war ihm so recht geruhsam zumute, als wäre er schon im Ruhestande. Denn dann, das war mit Frenzel lange besprochen, weil sie ja beide zu gleicher Zeit gehen wollten, würde er in die Stadt ziehen, möglichst in die Nähe des Freundes, und sie würden ihre Tage gemeinsam hinbringen, ohne viel Getue und Gerede, mit einer guten Pfeife Tabak und einem Glasla Geist ab und zu. Ja, ja, es war Zeit für die Ruhe, das tätige Leben begann hart zu werden, die Wilderersuche vom Frühjahre steckte dem Oberförster immer noch in den Knochen. Die Jüngeren drängten nach, man mußte ihnen Platz machen.

Natürlich sollten sie nicht von dem Schlage sein wie dieser Oberarzt – es war keine Beruhigung, zu denken, daß solche Kerle dann nach Belieben wirtschaften und in Dinge hineinpfuschen würden, von denen sie nichts verstanden und, schlimmer noch, gar nichts verstehen wollten.

Das war verdrießlich, und während der Oberförster an jenem Mittag den Geheimschlüssel aus seinem Versteck fingerte, brummte er bedauernd vor sich hin, weil er gegen den Oberarzt nicht grob genug gewesen war. Alt wurde man eben, ja, ja.

Als er dann das Schnapskastla aufgesperrt hatte, hielt er erstaunt inne. Er war geraume Zeit nicht in der Stadt gewesen, er war ja nun eigens hereingekommen, um den Freund zu dem längst fälligen Feistbock hinauszuholen. Drei, vier Wochen hatten sie einander nicht gesehen – und die Flaschenbatterie war noch nicht ergänzt? Da stand wahrhaftig die leere Portweinflasche vom letzten Mal, das Restchen Kirsch war auch nicht weniger geworden, und der alte Sherry war immer noch nicht angebrochen? »Ine versucht, Rudla, du werst doch nie –« brummte der Alte, brachte aber den Satz nicht zu Ende, denn von oben, aus dem Reich der Gnädigen, scholl eine recht spitze Frauenstimme, die zu Klavierbegleitung ein Liebeslied sang, eines von den butterweichen, die der Oberförster von je nicht gemocht hatte, auch viel früher nicht, als noch – Ine ja. Nun ließ er wägende Blicke von der Stubendecke zum Schnapskastla wandern und zurück: über einem solchen Geheule im Hause wäre er, Schubert, längst zum Säufer geworden, das war ihm klar. Und Frenzel gewöhnte es sich ab? Armer Freund!

Er weihte ihm den ersten stummen Schluck, biß danach einer Feiertagszigarre die Spitze ab und spuckte sie knallend zu Boden, wie zur Bekundung, wessen sich Frenzels Ehehälfte bei ihm zu versehen hätte, wenn sie auf den Gedanken käme, sich im Herrenstübla zu zeigen.

Sie kam aber nicht, gottlob. Auch der Gesang brach ab, mit einem so hohen Tone, daß dabei die Stimme umschlug. Das Klavier klimperte noch eine Weile fort, dann hörte man, wie der Deckel zugeschlagen wurde und die Frau durch die Wohnung davonträllerte.

Schubert hatte sich stillschweigend die Aufgabe gesetzt, mit den vielen alten Resten aufzuräumen, und war gut vorangekommen. Hinter der Frau drein winkte er einen höchst verächtlichen Gruß zur Decke hinauf und murmelte etwas dazu, da hörte er Frenzel die Außentüre öffnen. Durchs Fenster war er nicht zu sehen gewesen, er war wohl von der Oberstadt gekommen. Schubert griff ein zweites Glas, füllte es und setzte sich zurecht zu herzhafter Begrüßung – da traf es ihn wie ein Stoß, als er den Freund in die Türe treten sah, so böse hatten ihn die paar Wochen verändert, er sah gelb aus, müde, verfallen –

Frenzel zeigte sich erfreut, er lächelte, o Gott, ein neues Lächeln, das die Zähne bloßlegte wie nie zuvor. Das Erschrecken des Freundes schien er gar nicht bemerkt zu haben, und Schubert zwang sich eilends zu einiger Unbefangenheit, aber es wurde nur ein Poltern daraus, er war ja ein so schlechter Komödiante.

Den Begrüßungsschnaps wurde er nicht los, Frenzel trank keinen Tropfen mehr: »Es brennt mich wie 's helle Feuer, ich kann's nie derleiden!« erklärte er, wollte es aber geheimgehalten haben, es sollte sich nicht erst herumsprechen, daß er nicht auf dem Posten war, die paar Monate bis zur vollen Pension mußte es noch gehen.

Schubert nickte nur, das Mitleid würgte ihm das Wort ab. Frenzel sprach kurzatmig, heiser und mit einem fremden Eifer dabei, als hätte er nicht mehr Zeit genug für alles, was noch zu sagen war.

Ärger über Ärger, berichtete er, als hätten sich alle verschworen, ihm den Abschied vom Amte nur ja recht zu versalzen. Ja, und: Das Oberdorf fehlte durchaus nicht in der Reihe, im Gegenteil! Der Teufelsknochen, der Friedeseffes – »Hast du ihm denn die Warnung dazumal bestellt?«

Schubert bejahte, mußte aber gleich auch zugeben, daß die Wirkung nicht groß gewesen war, nein, das Geschäft hatte danach erst richtig seinen Aufschwung genommen. Die Frau aus Preußen –

»So ein dummes Luder weiß ja gar nie, was sie anrichtet!« polterte der Amtsarzt, und Schubert lachte erlöst, weil es doch halbwegs der alte Ton war. Aber es war nur ein Augenblick, dann hatte der Ärger wieder die Oberhand: Anzeigen waren eingelaufen, Dutzende, bei ihm sowohl wie auch bei der Staatsanwaltschaft, die Leute fühlten sich mit den Preisen überhalten, betrogen geradezu; und wenn Friede selber mitunter klug genug war, seine Unwissenheit zuzugeben, so nahm danach das Gaunerehepaar, zu dem er alle die Leute schickte, ihnen doch das Geld ab!

»Seine Schwester mit ihrem Mann!« nickte Schubert und berichtete kurz, was er davon wußte. Frenzel blieb ungeduldig: »Sag mir nicht zuviel, es wird nicht besser davon! Ich wollte ja so ein Auge zudrücken und es meinem Nachfolger überlassen, in das Wespennest zu stechen, das hatten wir ja das letztemal besprochen. Aber wenn der verfluchte Kerle gar so frech wird und rein tut, als könnte ihm niemand an, da muß eben, zum Fixelement, doch noch Ernst gemacht werden – oder glaubt der Esel am Ende, ich setze mich seinetwegen selber ins Unrecht und zieh mir eine Disziplinaruntersuchung auf den Hals?«

Und so weit war es nun – der Regierungsrat hatte ihn eben erst kommen lassen und recht ungemütliche Nasenlöcher gemacht. Denn der Seffes, der dumme Hund, hatte sich doch mehrfach an Fällen versucht, die eben ganz einfach ins Krankenhaus gehört hätten, auf den Operationstisch, nirgends sonst hin. Da noch für teures Geld Schmieren und Tee und solchen Kram verkaufen wollen, das war ganz einfach –

»Halt!« rief der Oberförster dazwischen. »Soll das der Seffes getan haben? So kenn ich ihn nie!«

»Aber ich! Glaubst du, ich zieh mir die Geschichten aus den Fingern? Heute nacht ist hier in der Vorstadt ein Mann gestorben, an Blinddarmentzündung mit Durchbruch in die Bauchhöhle, dem zwei Tage zuvor der Seffes Schwitztee und Einreibung verkauft hatte.«

»Der Seffes selbst? Und war der Mann selbst oben?«

»Der Mann war nicht oben, der hatte die Frau mit dem Wasserflaschla geschickt, und auf die ›Dinganose‹ hin –«

»Rudolf, ich glaub's nie! Hat die Frau den Zettel zurückgebracht? Wenn Seffes was verordnet, dann schreibt er doch Zettel aus, so als wollte er sagen, was er selber täte, wenn ihm das gleiche fehlte: ›Ich wollte täglich –‹ So fangen sie alle an. Hat die Frau –«

»Ah, was weiß ich!« wehrte Frenzel ärgerlich ab. »Mit dem Frauenzimmer ist ja überhaupt nie zu reden! Erst rennt sie zum Quacksalber und jetzt, wo's schief gegangen ist, heult sie und jammert, daß man meint, der Himmel müßte einfallen! So hat es der Pfarrer dem Kippe gesteckt, der sofort dem Regierungsrat, und der hat mich kommen lassen – nein, diesmal gibt es keine Schonung! Recht muß Recht bleiben!«

Der Oberförster blieb eine Weile still – er sah ja, wie dem Freund die Hände flogen, und wollte ihn nicht noch mehr aufregen. Aber Frenzel gab selbst keine Ruhe: »Warum sagst du nichts? Willst du ihn am Ende immer noch verteidigen?«

Der Oberförster legte ihm die Hand aufs Knie und sah ihm in die Augen, ehe er langsam sagte: »Och, Rudolf, wir beide wollen uns doch nischt vormachen, wir wissen doch Bescheid! Es geht doch gar nie ums Pfuschen, sondern einzig darum, daß einem Kerle wie dem Friede Seffes daraus ein Strick gedreht werden muß!«

»Hätt er eben die Hände davon gelassen!«

»Och ja – das sagt sich so hin! Du weißt ja selber, wie's war! Lange genug hat er böse zugesetzt bei seiner Heilerei – aus lauter gutem Willen!«

»Er wird's inzwischen eingebracht haben!«

»Das glaub ich noch nicht einmal, denn beim Konkurs vom Grögerbaumeister ist er doch auch um viel Geld gekommen, das hat der Lippes schon so gedreht – Und siehst du, Rudolf, das geht mir nah: daß der Lippes obenauf bleiben soll, weil er einfach zu gerissen ist, der Gauner –«

»Der Lippes, ja – das ist freilich schlimm! Aber wart's nur ab, der bricht sich auch noch den Kragen!«

»Mir soll's jeden Tag recht sein!« stimmte der Oberförster fast andächtig zu. »Aber jetzt zuerst einmal wird er eben doch triumphieren, der Herr Bürgermeister, und das vergönn ich ihm nicht!«

»Ich weiß gar nicht, was du willst! Jede Gemeinde hat den Bürgermeister, den sie braucht! Wenn sich die Leute den Lippes gefallen lassen, dann wird er schon der Richtige sein!«

Schubert wehrte mit der Hand: »Och, Rudolf – wie wir beide jung waren, neue, scharfe Besen: da hätten wir so reden dürfen. Aber heute, als alte Kracher, Rudolf, da sollten wir doch so viel gelernt haben, daß das Recht über den Gesetzen sein kann, und gar auch überm Staate – es muß immer wieder einer aufstehen, der es den Leuten neu aufzeigt. Und so einer hätte der Seffes sein können, er hatte das Zeug dazu – Siehst du, Rudolf, für mich war's doch schwer, ich darf doch nichts gegen das Domkapitel gutheißen, das mich lebenslang bezahlt, das eigene Nest will sich ja keiner bemachen. Aber, Rudolf – an den Leuten ist nicht recht getan worden! Kurz gehalten, immer am Hungerhalsband, daß sie nur ja recht de- und wehmütig blieben und ja nie aufmuckten, wenn ihnen nicht einmal das wenige, was ihnen versprochen war, ganz gehalten wurde – Nee, Rudolf, ich hätt's den Leuten von Herzen gegönnt, wenn ihnen der Seffes zu ihrem Recht verholfen hätte!«

»Ich auch, ja, ja – aber er hat's eben ärschlich angepackt, das läßt sich nicht mehr ausgleichen!«

»Vielleicht doch, Rudolf – denn siehst du: wenn wir die Sache nicht ins Lot kriegen, dann ist's eben gefehlt! Uns liegen die Leute noch am Herzen, einer wie der andere – aber die nach uns in die Ämter einrücken, für die sind solche Landbezirke halbe Strafposten, bestenfalls ein Übergang: nur schnell weg, in die Großstadt, anderswo ist kein menschenwürdiges Leben! Dort ist ja auch die Politik zu Hause, die Parteien und die Wählerschaft, da lohnt es sich ganz anders. Was brauch ich dir viel zu sagen – sieh dir den Kippe an! Das ist schon so einer. Wird sich der für die Oberdörfler Gedanken machen oder gar Ungelegenheiten?«

Der Amtsarzt hatte ein grimmiges Lächeln: »Nein, das wird er sicher nicht, das stimmt! Aber so weit, wie du vielleicht denkst, geht bei mir die Liebe auch nicht – daß ich mir selber sollte die Krawatte zuziehen – Die Anzeige ist gemacht und läuft – ich kann nichts aufhalten, wenn ich auch wollte! So leid mir's tut, Gustav: von mir erwarte nichts, gar nichts!«

»Auch keinen Aufschub?«

»Nein, auch nicht den – es geht alles seinen Gang!« Dann wurde er aber doch weicher und beugte sich vor: »Schau, Gustav, ich kann's nicht darauf ankommen lassen, daß sie mich vielleicht jetzt noch pensionieren – das wären dreihundertachtzig Gulden aufs Jahr weniger, die kann ich nicht entbehren!« Dabei nickte er heftig auf Schuberts fragenden Blick zur Decke hinauf. Oh, warum mußte der Prachtmann mit der Frau gestraft sein – nur weil er der Verwandtschaft gefolgt hatte, die ihm gerade die und keine andre als die einzig richtige Partie aufgeschwätzt hatte – Na, Schwamm drüber! Der Oberförster trank und schüttelte sich furchtbar, über den letzten scharfen Schluck oder über seine Gedanken, das hätte er selbst nicht sagen können. Dann machte er sich an den Abschied: »Ich wollte dich auf den Bock mitnehmen – aber es ist vielleicht besser, wenn du dich jetzt gerade nicht im Oberdorfe zeigst – vor allem nicht mit mir. Denn das sag ich dir: Ich will freie Hand behalten in dieser Sache!«

Es war eine Kriegserklärung, aber das Lachen und Händeschütteln machten sie wieder gut.

Draußen auf der Straße erst fiel es dem Oberförster ein, daß er nicht einmal gefragt hatte, ob dem Freunde vielleicht etwas fehlte, weil er gar so verändert aussah. Er zögerte einen Augenblick, ging dann aber weiter: Einmal hatte ja Frenzel wieder seine gewohnte Miene gezeigt, sobald er sich nur den müden Ärger, mit dem er nach Hause gekommen war, von der Seele geredet hatte. Und überhaupt mochte es Frenzel in den Tod nicht leiden, wenn von der Gesundheit die Rede war, gar noch von seiner eigenen.

»Er wird's schon recht machen!« brummte der Oberförster vor sich hin.

 

Die Leute vom Oberdorfe waren sich nicht einig, ob sie froh sein sollten oder nicht, daß jetzt der viele Verkehr ins Dorf kam. Die Wirte natürlich, die lobten es sich, sie konnten ja jetzt sogar unter der Woche Faßbier angestochen halten; verzehrt wurden in der Hauptsache zwar nur Butterschnitten, aber die brachten auch Geld, wenn man das Brot nicht zu dick nahm, dafür weniger Butter. Und manche von den Fremden, die einen guten Bescheid bekommen hatten, die taten ja wie auf der Wallfahrt und verlangten Gebackenes und Gebratenes, die Wirtinnen mußten sich manchmal richtig die Lehrzeit in der Stadt zurückrufen, wo sie die fette Küche erlernt hatten.

Die Wirte also, die lobten sich's und hielten den Seffes hoch in Ehren. Der Frankewirt hatte zweimal Botschaft geschickt, es sollte alles vergessen sein, keine Rede mehr von Hausverbot, der Seffes sei jeden Tag willkommen. Aber so war ja wieder der Seffes nicht, daß er da gleich nachgegeben hätte; er hatte dem Boten nicht einmal geantwortet.

Dann war der Frankewirt eines Abends selber dahergekommen und hätte es mit der Gemütlichkeit versuchen wollen: Engel sind wir alle nicht, schlägst du meinen Juden, schlag ich deinen Juden, es ist alles Jacke wie Hose, Punktum, Streusand drauf – und hier die Freundeshand!

Der Seffes hatte wieder nur für die gute Absicht gedankt und beteuert, daß er gewiß keine Feindschaft wollte – aber ins Wirtshaus ginge er doch nicht mehr, die Lehre sei gar zu hart gewesen. Und nun wäre er ganz alleine schuld, wenn es sich je wiederholen sollte –

Es würde sich nicht wiederholen, niemals, hatte der Frankewirt geeifert, eher wollte er den Bürgermeister eigenhändig vor die Türe setzen oder ihm gar das Haus verbieten! Aber das hatte der Seffes erst recht nicht gewollt, nein, durchaus nicht! Seinetwegen sollte der Bürgermeister gewiß nicht zu Falle kommen. Da konnte nur die Gemeinde das letzte Wort haben, niemals ein einzelner.

Sie waren doch im guten auseinandergegangen, wenn auch der Frankewirt nicht hatte obsiegen können. Die Achtung vor dem Seffes wurde noch größer dadurch, die Leute rechneten es ihm hoch an, daß er so mannhaft auf seinem Wort bestanden hatte. Über den Seffes war sonst überhaupt viel Gutes zu hören, vor allem mußte er übermenschlich reich geworden sein, die Fremden ließen ja Pudelmützen voll Geld da; aber das neue Leben im Dorfe paßte eben doch vielen nicht.

Denn von den Fremden, die da kamen, hatte keiner den Verstand dafür, daß jedes Grasfleckla im Oberdorfe eine ganz andre Bedeutung und Wichtigkeit hatte als anderswo. Für jedes Halmla, das unten beim Dorfe zerdrückt oder zertreten wurde, mußte ja Ersatz vom Gebirge geholt werden, und viele Halmlan gaben schließlich eine Last, die umsonst die marterlichen Lehnen heruntergeschleppt werden mußte. So rechneten die Muttern – aber die Fremden taten sich nichts zu wissen, die lagerten sich auf Rainen und Wegrändern, manche tappten gar in die Wiesen und Felder hinein und pflückten sich Blumensträußlan! Und überhaupt hatten sie alle die fremde Art an sich, daß sie dort, wo sie gerastet hatten, immer Papierlan liegen ließen, Eierschalen, Streichhölzer und lauter solches Gelumpe. Das war im Oberdorf nie der Brauch gewesen, dort mußte der Acker und gar erst das Vorgartla so sauber gehalten sein wie die Stube, da sahen die Muttern gar sehr drauf, denn das war, so sagten sie, der geringste Dank, den man der guten Erde schuldig war.

Aber dort, wo die Fremden herkamen, ging es wohl nicht so strenge zu, wenn der Boden die Frucht leichter hergibt, wird er geringer geachtet. Es heißt ja: Das Pferd, das den Hafer verdient, muß oft Stroh fressen!

Die Leute murrten lange Zeit nur untereinander, weil sie ja überhaupt schüchtern waren, und weil es immer hieß, es käme doch auch viel Gutes von den Fremden, und, ja, weil sie doch alle insgeheim stolz darauf waren, daß der große Ratgeber eben vom Oberdorfe daheim war, das färbte auf alle ab.

Auf die Dauer aber half es nicht, das Ärgernis war doch zu groß. Manchenorts hatten die Fremden ja schlimmer gehaust als das Hochwild, und für den Schaden kam niemand auf; die paar Glaslan Milch oder das Stückla Butter, die ab und zu verkauft wurden, waren doch bei weitem keine Gutmachung. An manchen Tagen war es ja, als ob die Oberdörfler selber in ihrem eigenen Dorfe nur zu Gaste wären, und die Fremden hätten zu regieren. Da dachte gar mancher daran, wieviel besser dem Dorfe geholfen gewesen wäre, wenn der Seffes seinen ersten Gedanken wahr gemacht und die alten Gerechtigkeiten wiedererlangt hätte. »Och jeela!« seufzten die Muttern und malten es sich gar sehnsüchtig aus, wie dann das Leben leichter sein konnte. Und ruhiger – denn dann hätte der Teufel die Fremden allesamt wieder hinblasen können, wo er sie hergeweht hatte.

Eine Ausnahme natürlich – von den Wirten abgesehen – mußte sein: das war der Zeugschmiededeward, dem es doch keine Ruhe ließ, wenn er nicht zuzeiten auf die Besonderheit pochen konnte. Die Oberdörfler ließen die Familie sonst hinleben, wie sie mochte. Armut war ja gewiß keine Schande, aber auch weiter kein Verdienst, daß sich die ganze Nachbarschaft von früh bis abends hätte darüber erbarmen mögen. Es mußte jeder sehen, wie er fertig wurde. Bei Edewarden ging's ank marterlich, weil er doch nur die halbe Kraft hatte in dem einen Arme – dafür schaffte die Frau ank horticher, und die Kinder wuchsen ganz schön in die Arbeit, da wäre es immer noch gegangen, ohne daß der Edeward gegen die Herrschaft aufbegehrt hätte, mit der Waldweide und der Grasung ohne Erlaubnis. Das hatten ihm viele für übel genommen, denn der Schaden fiel ja auf das ganze Dorf: wenn die Förster tückisch sein wollten und die Gräserzeichen zu spät ausgaben, daß das Waldgras hart und überständig wurde und gerade noch zum Einstreuen taugte? Und auch sonst konnten die Förster gar mancherlei anrichten, sie hatten ja alle Gewalt, mit dem offenen Widerstand konnte niemand gegen sie gewinnen. Edeward auch nicht – dem hatten sie öfter als einmal den Buckel gesalbt, wenn sie ihn beim Holzklauben oder Ziegenhüten betroffen hatten – einmal gar beim Raubfischen, weil die Fremden auf die Forellen gar so aus waren. Nein, das wollten die Oberdörfler nicht gutheißen.

Aber der Edeward fragte ja nichts danach, ob ihn das Dorf mochte oder nicht, er hatte den gewaltigen Zorn auf die ganze Welt, das war sein alles. Und wie er merkte, daß die Oberdörfler sich an den Fremden und ihrem Gehabe zu stoßen anfingen, da mußte er es doch recht offenbar machen, daß er andrer Meinung war. Wenn die alte Maiermutter und danach der Hannichvater und noch einige die Stadtleute auf den Trab brachten, sooft sie sich im Grase herumsielten – da mußte Edeward ihnen doch eigens den Obstgarten beim Häusla freigeben, damit sie die Unart erst recht lernten. Es war ja richtig – die Edewardin verkaufte dabei immer ank Ziegenmilch und Butterschnittlan, auch Eier, ja, ja. Aber die wäre sie sonst auch los geworden, und es blieb eben doch eine Versündigung, daß man für die paar Kreuzer sollte das schöne Gras zuschanden machen lassen. Da waren die Muttern alle dagegen und hätten es gar gerne gesehen, wenn Jachimseffes dem Edeward das Licht geputzt hätte, denn der war der einzige, vor dem Edeward die große Schneide vergaß. Aber Jachimseffes – och jeela!

Man hätte mitunter gar nicht mehr meinen mögen, daß er richtig einer vom Oberdorfe war. Vielleicht kam es daher, daß er aus der harten Arbeit heraus war und auf seine Art viel mehr verdiente, da rechneten ihn die Leute schon eher zu den Herren; so auf gleich und gleich, wie früher, hätte keiner mehr zu ihm sprechen mögen.

Aber zum andern Teil lag es auch an ihm selber, er war so anders – nicht stolz, nein, das durfte ihm keiner vorwerfen; er hielt sich eben mehr zurück, man sah wenig von ihm. Und die Muttern ließen es sich nicht nehmen: von Herzen froh war der Mann seit langem nicht, oh, der hatte gar viel geheimen Kummer. Was es war, das wußte freilich niemand.

Doch hätte ihn auch jemand zu fragen gewagt, und hätte er Antwort geben wollen – der Seffes hätte es selbst nicht gewußt. Er spürte nur die große Leere in seinen Tagen, ganz ausdenken konnte er ja nicht, woran es lag, er hatte es nur zu jeder Stunde im Gefühl, daß es so nicht das Rechte war, daß das Eigentliche, das Beste, fehlte. Früher, da hatte er das Große über sich gespürt, das ihn lenkte. Da war immer zuerst der Drang gewesen zu sprechen oder zu tun – oft war er sich erst nachher oder überhaupt nicht klar geworden, wen er vor sich gehabt hatte, die Menschen waren nicht sehr wichtig, die Gabe allein überwog alles. Er konnte es nie wissen, wann der Geist über ihm war und ihm den Vorhang vor den geheimen Dingen auftat, daß er nur zu sagen hatte, was er mit Augen sah. Darum war auch damals die große Ruhe in ihm gewesen, er hatte wie ein Baum unter vielen Bäumen gestanden, mit den gleichen Wurzeln im gleichen Erdreich, den die gleiche Sonne wärmt und der gleiche Regen wäscht und der gleiche Sturm schüttelt wie alle Bäume ringsum und der nie weiß, wann das fremde Vögala in seine Krone einfallen und sein Lied singen wird.

Das war nicht mehr: Der Seffes wußte gut, daß er längst nicht immer wartete, bis die Stimme in ihm Laut gab. Es war ja zuviel Elend vor ihm ausgebreitet, von den vielen Leuten kamen die meisten mit der letzten Hoffnung zu ihm, an aller menschlichen Wissenschaft hatten sie längst verzweifelt, da bettelten sie um das Wunder. Das spürte der Seffes wie ein Zerren an der Seele, er hatte gar oft versucht, der Stimme zu befehlen, und wenn sie vor allem Jammer doch geschwiegen hatte, da war der Seffes in großen Trotz gegen sein Gewissen geraten und hatte Trost und Rat versucht, der aus ihm selber kam und nicht mehr eingegeben war. Wie oft war unmündigen Kindern der Ernährer zu erhalten oder die Mutter, oder Eltern das einzige Kind oder – der Jammer wurde nicht alle. Da brachte es der Seffes wie oft nicht übers Herz, sich ratlos zu bekennen und die Leute zu den Ärzten zurückzuschicken, die ihnen keine Hoffnung mehr gelassen hatten. Er versuchte es mit halben Worten und hoffte selbst am innigsten, daß sie sich erfüllen sollten.

Danach aber, im Alleinsein, erschien ihm die Barmherzigkeit als Hoffart, er erschrak, wenn er bedachte, wie die Leute im Oberdorfe leben und sterben mußten, immer hart und geradezu, und daß er sich unterstehen wollte, nur noch zu Trost und Hilfe für Fremde dazusein, wo doch in der Heimat die Hauptarbeit zu tun war.

So lag er jetzt gar oft in den Nächten wach und ging mit sich selbst ins Gericht: daß er die Gegnerschaft im Dorfe nicht bezwungen und sich davor in die billige Verehrung gerettet hatte, zu den Verzweifelten und den Leichtgläubigen. Die hätten es ihm bestätigen sollen, daß er der rechte Kerle war, und konnten es doch nicht, denn für ihn galt ja nur das Oberdorf.

Da kam die Sehnsucht nach der ersten Zeit mit ihrer guten Ordnung, es stand mit einmal nicht mehr so felsenfest, daß alles Unrecht nur auf der andern Seite gewesen war, daß man seinen guten Willen schmählich mißachtet und ihm damit ein Recht gegeben hatte, sich von allem zurückzuziehen. Denn die Heimat läßt man nicht aus den Händen, da bleibt die Haut in Fetzen dran hängen wie an kaltem Eisen.

Lippes? Den Namen durfte er nicht zu sehr denken, da konnte es sein, daß ihn die Wut packte, jetzt noch die Abrechnung nachzuholen. Hätte er gewußt, wo er den Feind zu suchen hatte, dann wäre er manche Nacht aus dem Häusla gerannt.

Aber dann warnte doch immer die Stimme, wenn sie auch sonst recht selten geworden war. Es war kein Wissen, er sah das Ende nicht – er fühlte nur, daß es nicht mehr ferne war und ohne sein Dazutun kommen würde.

So hatte der Haß immer seinen Ausweg. Aber da war noch eine Bitterkeit, die auf ihre Art viel tiefer fraß. Denn wenn er in den schlaflosen Nächten die Anka im Nachbarbett atmen hörte, da war es nicht so wie in der ersten Zeit, daß er froh und ruhig wurde davon: ja, ja, mein braves Weib! – Jetzt war er nur besorgt, sie sollte ja nicht merken, daß er wach lag, und nicht fragen und ihr Anteil verlangen. Das wollte er ihr nicht mehr zugestehen. Denn das eine Mal, wo sie ihn von seinem Willen abgebracht hatte, war zum Übel ausgeschlagen: das vergaß er ihr nicht, sowenig wie den Versuch, ihn vom Oberdorfe fortzuziehen. Da war es nicht mehr die Vertrautheit, die auch im Dunkel vorhält: jetzt lag der Seffes für sich in seinen Gedanken, und der andere Atem war fremd in seinem Auf und Ab und hatte nichts zu geben.

Wenn er durch die Nachtstille Kettenklirren oder Schnauben aus dem Stalle hörte und daran dachte, daß dort nun die dritte Kuh stand, über die die Anka so glücklich war, da konnte er die Fäuste ballen vor Zorn gegen die Frau, die nach Weiberart über dem Kleinen das Große verabsäumt hatte. Es brannte ihn wie Raub an anvertrautem Gut, daß er für sich genutzt hatte, was ihm für die Gemeinschaft gegeben war.

Aber der Zorn machte bei der Frau nicht halt, er griff weiter auf die eine, die der demütigen Anka erst den Nacken gesteift und ihm selber den Blick vernebelt hatte – auf die Karline, die er kaum noch als nahe Blutsverwandte empfand, so fremd war sie ihm durch den geleckten Nichtsnutz, ihren Mann. Er mißtraute den beiden von Grund auf – und wagte doch nicht den trennenden Schnitt, weil er dem Dorfe zu allem andern nicht auch noch das Schauspiel eines Familienstreites geben wollte. Solange er sich nicht vom Gegenteil überzeugte, durfte er ja noch glauben, daß nichts ganz Unrechtes geschah: dahinter versteckte er sich, um nur nicht näher zusehen zu müssen, wie sie es dort mit dem Arzeneiverkauf trieben. Das Geld, das Geld – damit hatten sie ihn zuschanden gemacht. Denn die Macht, die es zu geben hatte, war vom Übel, er fühlte gut, mit wieviel Verachtung sie gemengt war. Ja, die Rechnung hatte gestimmt, die Oberdörfler alle waren bereit, sich ihm zu beugen, seit er Geld scheffelte. Der Lippes, der Erzfeind, war still und vorsichtig geworden. Aber kein Reichtum der Welt konnte den Seffes darüber trösten, daß er der Heimat zu tief auf den Grund gesehen und erkannt hatte, daß auch die Oberdörfler nur Menschen waren wie die andern. – Das hatte er früher nie bedacht.

 

Wer den Seffes ungestört sprechen wollte, der mußte gar frühzeitig zur Stelle sein, denn morgens um die siebente Stunde kamen schon die ersten Boten, von denen mancher gleich ein Dutzend Flaschlan mitbrachte, die Fahrposten um acht und um elf brachten Leute, und gegen Mittag kamen immer die fremden Gelegenheiten. Wenn aber am Nachmittage alle die Fremden wieder abgezogen waren, dann war erst die Zeit für die Oberdörfler, die kamen wie auf Feierabendbesuch und fragten dabei das Blaue vom Himmel herunter.

Das hatte die Kohlstreitin alles ausstudiert, ehe sie sich eines Morgens gleich nach dem Verrichten, statt ins Gras, zu Jachimseffes auf den Weg machte. Denn die Hoffnung, daß er einmal im Kohlstreithäusla einsprechen würde, die hatte sie aufgeben müssen, er hatte wohl die Zeit nicht dazu.

Es war kurz nach sechs, als sie im Friedehäusla auftauchte. Die Anka war noch im Stalle, ja, ja, bei drei Kühen gab es freilich länger zu melken. Durch die offene Stubentüre sah sie den Seffes am Fenster stehen und sich vor dem Spiegel rasieren – du liebe Zeit! An einem Mittwoche! Das hatte er eben im Verkehr mit den Herrschaften schon angenommen, im Oberdorfe hatte es sonst gewiß niemand in der Gewohnheit, außer dem Herrn Pfarrer vielleicht.

Ja, da wurde die Kohlstreitin gleich noch verlegener und traute sich nicht einmal anzuklopfen, damit dem Seffes nicht am Ende das Messer ausrutschte. In den Stall, zur Anka, wollte sie auch nicht gehen, damit ihr in der Stube nicht gar noch jemand zuvorkäme – und so stand sie halt und trat von einem Fuße auf den andern, denn das Flurpflaster war noch unmenschlich kalt, und da juckten die Frostballen. Es war überhaupt nicht zu trauen mit der Witterung, vielleicht hätte sie doch lieber ins Gras gehen sollen, bis gegen neun konnte der Regen da sein –

Aber da war der Seffes fertig balbiert, wandte sich um und rief sie in die Stube. Sie setzte sich auf die Wandbank und sah zu, wie er beim Ofen mit dem feuchten Tüchla den letzten Seifenschaum vom Gesichte wischte und danach das Messer und den Pinsel versorgte, alles sehr genau und ordentlich, ganz wie ihr armer Mann, Gott schenk ihm die ewige Ruh!

Als der Seffes sie mit einem »Na – wo fehlt's?« anredete, mußte sie sich erst kurz besinnen, weshalb sie hauptsächlich gekommen war, denn fehlen, jechich doch, tat es einer armen Wittib da und dort. Aber davon sollte heute nicht die Rede sein, es ging überhaupt nicht um sie selbst, sondern um die Anna, und der Seffes, als Vormund, sollte helfen!

Krank? Nein – krank war die Anna nicht, gottlob! Es war ganz etwas andres – och jeela –

Der Seffes war schon recht ungeduldig, als sie endlich damit herauskam, das Madle sei sich selber im Lichte, man müßte sie halt zu ihrem eigenen Glücke zwingen.

Und wieder wollte sie ein paar Schleifen fahren, aber der Seffes ließ es nicht zu und fragte das letzte kurz und schnell aus ihr heraus:

Der Herr Adjunkt habe dem Madle die Ehe versprochen – jechich doch – in allen Ehren, schon dazumal! Und die Anna, das dumme Ding –

Der Seffes saß mit geballten Fäusten und sah gar böse aus, die Kohlstreitin war voller Angst und sprach nur leise zu Ende: »– die Anna will nie!«

»Will nicht?« fragte der Seffes, und die Augen fingen ihm zu leuchten an.

»Nee, sie will nie! Er is ihr zu fein, spricht se, und das könnte für beide nie das rechte Glück sein! Und da wollt ich eben recht schön bitten –«

»Daß ich dem Adjunkten etz wirklich einmal Bescheid sag, daß er die Dummheit sein läßt? Aber gerne! Das hat er von mir zugut!« Dabei tat der Seffes schon so, als wollte er stantepeh zur Türe hinaus. Die Kohlstreitin schrie beinahe, daß sich das Mißverständnis nicht erst festsetzen sollte:

»Nee, nee, nie dem Adjunkten – dem Madle sollste ei's Gewissen reden! Wenn der Mann sie doch so gerne und will sie heiern, sowie daß er volljährig is und den erschten Posten kriegt –«

Der Seffes hatte sich wieder hingesetzt, ordentlich erlöst, daß der Ärger umsonst gewesen war. Nun schnitt er der Kohlstreitin das Wort ab: »Dir sollt man die Tumbader schlagen, das wär das Nötigste, denn wenn dir die Tummheit erst weh tut, dann mußte vo früh bis abends jammern! – Schämste dich nie, du alte Ziege, daß das Madle soll mehr gesunden Menschenverstand haben als wie die eigene Mutter? Die kennt ihren Platz, die Anna, das rechne ich ihr hoch an, dafür will ich sie halten wie mein eigenes Kind! Und das Adjunktla bring ich auf'n Trab!«

Da flennte die Kohlstreitin drauflos, die Hoffnung war ihr gar zu jämmerlich zerbrochen. Aber der Seffes fragte nichts danach, er meinte nur, der arme Kohlstreit hätte es sicher genau so gehalten und das eigene Kind niemals so weit über den eigenen Stand weggegeben.

Das machte die Frau bedenklich, man hörte es, wie sie ruhiger wurde. Schließlich wollte der Seffes noch wissen, wie sie denn überhaupt auf den verrückten Gedanken gekommen war, und daß er dazu gar noch die Hand bieten würde –

Die Karline, jawohl. Wie die Streitin kürzlich im Garten gearbeitet hatte, da war die Karline dazugekommen und hatte, ein Wort ums andre, gemeint, wenn sie es richtig anstellte, könnte die Kohlstreitin die harte Arbeit auch bald für Lebenszeit los sein, die Anna brauchte nur –

»Im Garten gearbeitet?« fragte der Seffes dazwischen, als wären sie dabei stehengeblieben. »Ich denke, die Karline hat deinen Garten gepachtet?«

Na ja, zuerst war es wohl so gedacht gewesen, und die Karline schaffte ja auch an, was gebaut werden sollte. Aber die Arbeit, das Umgraben, Pflanzen und Jäten –

»Das machst du? Allein? Und umsonst?«

Natürlich machte sie es alleine, sie hatte es ja früher auch gemacht; umsonst aber nicht – die Karline zahlte ganz schönen Tagelohn, da war nicht zu klagen.

»Und die Karline –?« wollte der Seffes noch wissen, er flüsterte nur noch.

Was die machte? Ach, da sei ja zu tun genug, alle die Fremden abzufertigen. Und daneben noch die Küche, und überhaupt: für die grobe Arbeit war sie ja nun gar nicht, die Karline; wenn sie es doch so lange besser gehabt hatte, da war sie freilich aus der Gewohnheit –

»So!« war die ganze Antwort, die der Seffes hervorbrachte.

»So!« Erst nachdem er ein paarmal durch die Stube gestampft war, blieb er kurz vor der verstörten Frau stehen und sprach zu Ende: »Ich bitt mir das eine aus, daß niemand ein Sterbenswörtla davon erfährt, was wir besprochen han! Sonst sei'm'r geschiedene Leute!« Als er im Flur draußen Anka mit dem Melkgeschirr klappern hörte, setzte er noch hinzu – und machte die Kohlstreitin damit völlig ratlos: »Die auch nicht! Niemand!«

Dann bot er ihr den Gruß, und sie lief davon. Bei aller Bestürzung merkte sie noch, daß das schlechte Wetter gar schnell vom Tale heraufgezogen kam, und dachte bekümmert, daß sie doch lieber hätte ins Gras gehen können.

 

Der Seffes hatte insgeheim den Plan gehabt, um die Mittagsstunde den oder jenen von den Leuten, nachdem sie bei der Karline gewesen waren, nochmals abzupassen und auszufragen, um zu sehen, wie seine Verordnungen eingehalten wurden.

Aber wie der Zufall wollte, blieben gerade an diesem Morgen die Fremden aus, im Tale unten war das Wetter wohl gar zu schlecht.

Im Oberdorfe hing der Nebel auch bis auf die Felder herunter, daß man kein winziges Fleckla von Bergen und Himmel sah, und wenn der Talwind hineinfuhr und ihn ein wenig hochdrückte, da kam er als Regen wieder herunter, daß alles nur so troff.

So wurde es ein stiller Tag, und in den Häuslan waren die Leute nicht ganz unzufrieden, daß sie einmal mit gutem Gewissen ank rasten konnten; es war ja auch daheim allerhand zu tun, Werkzeug zu schärfen, Rechenzähne einzusetzen, Hackenstiele zu schnitzen, und für die Weiberleute die Stopferei, Flickerei, Putzerei – dafür war gesorgt, daß auch ein Regentag nicht ganz müßig blieb. Aber er ging doch mehr geruhsam hin.

Für den Seffes wurde es anders, er merkte mit Schrecken, wie verloren er sich im eigenen Hause vorkam, ohne die fremden Leute mit ihrem Fragen und Antworten. Die Anka schlich von der Stube in die Kammer, dann in Flur und Stall und zurück in die Stube und sah demütig nach ihm und wurde immer scheuer, als er sie gar nicht beachtete. Aber er brachte eben kein Wort heraus, es war zuviel Zorn in ihm und verdeckte Spannung: die Sache mit der Karline ging ihm nicht aus dem Kopf. Und es war doch so weit, daß er nicht sicher war, ob nicht ein unzeitiges Wort insgeheim gleich ins Kohlstreithäusla weiterspringen und ihm den Plan verderben würde, die Karline und ihren Mann ungewarnt zu überraschen.

So holte er das große Kräuterbuch herbei, das ihm sein Regimentsarzt zum Abschied geschenkt hatte, blätterte darin und las sich da und dort ein wenig fest: da war viel gute alte Wissenschaft von dem ehemaligen kaiserlichen Hofarzt Petrus Andreas Matthiolus zusammengetragen und Anno Domini 1613 an den Tag geben – Aber für die Herrn Dokter von heutzutage war es ja nur Firlefanzerei, die wollten von den guten Kräutern nichts mehr wissen.

»Teufelsabbiß«, las er da. »Die Wurzel hat zaseln vnd ein schwarzlechte farb wie Nießwurtz: Das dickste theil oder mittelwurtz ist gestümpfft, als were sie abgebissen, daher das abergläubige gemeine Volck sagt, daß der Teufel diese viel nutzbare vnd heylsame Wurtzel dem Menschen nicht vergünne, darumb beiße er sie in der Erden ab, daß sie ire vollkommene Krafft nicht haben mag –«

Auch damals schon der Spott über den Aberglauben, doch ganz sicher waren die gelehrten Herren ihrer Sache doch nicht gewesen, es gab auch für sie noch viel Wunderbares. Aber heute meinten sie ja, sie könnten alles ausrechnen, und der Seffes hatte es doch am eigenen Leibe erfahren, daß es Erkenntnis auch ohne Bücherwissen gab. Wenn sie noch alle wären wie der alte Frenzel in der Stadt – aber der war wohl am längsten dagewesen. Der Seffes nickte in trüben Gedanken vor sich hin.

Unterdem hörte er jemand zur Hintertüre hereinstampfen und im Flure das nasse Zeug abschütteln, daß es gegen die heiße Backofentüre zischte. Wer kam denn bei dem Wetter vom Nesselkamm herunter – ein Fremder konnte das nicht sein – Aber da riß schon die Anka sehr aufgeregt die Stubentüre auf, kündigte halblaut an: »Der Herr Oberförster!« und wollte zurück. Der alte Schubert ließ sie nicht weg, sondern fragte nach kurzem Gruß von der Türe aus zum Seffes hin: »Hat sie nichts im Dorfe zu tun?«

Der Seffes verstand sofort, daß es um eine Unterredung ohne Zeugen ging, und war betroffen, als hätte der Alte seine eigenen Gedanken von vorhin erraten: wußten es schon andere, daß er mit der Anka nicht mehr stand wie vorzeiten? Er wollte schon trotzig verneinen, da merkte er an dem gutmütigen Lächeln, daß der Oberförster weiter keine Nebenabsicht hatte. Vielleicht fehlte ihm selber etwas, oder er hatte sonst etwas zu sagen, was für Weiberohren nicht taugte.

»Du könntst zum Frankewirt gehn«, sagte der Seffes obenhin, »und die Anna herausrufen – sie soll einen der Abende zu mir kommen. Heute oder morgen –«

»Heute wird besser sein!« unterbrach der alte Schubert, und Seffes nickte überrascht, es sei gut so. Dann rief er der Frau aber doch noch nach: »Und dann geh doch noch zu Seiferten um Tabak, sag nur meine Mischung, er weiß schon Bescheid! – Und nimm meinen Wetterkragen, ich geh doch nie aus!«

Der Frau schoß das Blut ins Gesicht vor Freude, man sah es bis vom dunklen Flure her. Und sie dankte so demütig, als wäre der Gedanke an den Wetterkragen Gott weiß was für ein Liebesbeweis. Der Seffes mußte zurücknicken, ob er wollte oder nicht. Dann schloß der Oberförster die Türe, kam näher, zog im Vorübergehen einen glimmenden Span aus dem Ofen und zündete sich die Pfeife an.

Umständlich setzte er sich zurecht und blinzelte so zu dem Almerla hinüber, daß der Seffes diensteifrig aufsprang: »Wenn ich vielleicht und ich dürfte dem Herrn Oberförster ein Stamperla Geist aufwarten –«

Der Oberförster nickte nur und sah schmunzelnd zu, wie der Seffes aus der uralten, bauchigen Flasche, in der noch alles Wurzelwerk schwamm, vorsichtig ein Glasla abgoß – na, in der Stadt hätten sie Weinglas dazu gesagt – das er dem Gaste zuschob, und danach ein geringeres für sich selbst.

Der Oberförster war auf manches gefaßt, aber der erste Schluck hob ihn doch fast vom Stuhle hoch: »Ine du heil'ge Mutter Anna –« krächzte er, aber es war das reine Lob. Während er sich danach langwierig die Brille trockenrieb, die außen vom Regen und innen von den Schnapstränlan naß geworden war, fing er wie von ungefähr zu reden an, er habe nach den Holzhackern sehen wollen, aber sie seien alle nach Hause gegangen, im Walde gieße es ja von den Bäumen wie mit Kannen – und da sei er nun. Ja. Es wäre nämlich – er hatte –

»Ich war gestern in der Stadt«, sagte er plötzlich fest. »Und habe da etwas gehört, was Euch angeht, Friede!«

»Mhm!« machte Seffes, zum Zeichen, daß ihm nichts bewußt sei.

»Könnt Ihr Euch gar nichts denken? Habt Ihr nichts im Gefühle?« Der Seffes verneinte, und der Alte fuhr fort: »Der Gottwaldglaser aus der Stadt, der noch vor drei Tagen die Frau zu Euch geschickt hatte – der ist gestern in den ersten Morgenstunden gestorben!«

Er beugte sich vor, aber dem Seffes stand kein Schrecken im Gesicht, nur Mitleid, als er fragte: »Im Krankenhaus?«

»Wie kommt Ihr darauf? Das ist's ja gerade, daß der Mann eben nicht ins Krankenhaus gegangen ist, wo sie ihn vielleicht noch hätten retten können –«

»Gesagt hatt ich's der Frau!« warf der Seffes gleichmütig ein.

»Was – ist das wahr?«

»Natürlich ist das wahr – ich hab mit Wissen noch nie gelogen!«

»Ja, aber, Seffes: die Frau sagt doch, es wäre Schwitztee verordnet worden und eine Einreibung, und sie hätte viel Geld dafür bezahlen müssen –«

Da war es, als ob der Seffes, der bis dahin sehr gerade dagesessen hatte, von innen aus weich würde und zusammenfiele. Und dabei wurde er totenblaß und gleich wieder dunkelrot, so sehr war ihm das Blut in der Wallung. Der Oberförster ließ die Augen nicht von ihm, während er vorsichtig ein neues Schlückla nahm. Endlich war es so weit, daß der Seffes wieder reden konnte: »Ich weiß es genau, die Frau war am letzten Freitage hier. Ich habe ihr gesagt, daß ich für den Mann keine Hilfe weiß, der müßte ins Krankenhaus. Und da ist sie wieder gegangen.«

Der Oberförster schlug auf den Tisch.

»Ine versucht, dann hat das Oos die ganze Stadt für nichts und wieder nichts rebellisch gemacht? Do wab'r doch amol –«

Aber der Seffes tat ihm Einhalt: »Herr Oberförster, das is noch gar nie gewiß, ob die Frau nicht die Wahrheit sagt. Es könnte sein –« Nun mußte er doch tief Atem schöpfen vor dem Weiterreden, die Schande saß ihm an der Drossel wie eine Feindeshand. Da kam ihm der Alte selber zu Hilfe: »Die Karlin?« und grunzte nur, als der Seffes sein Ja nickte. Dann war es eine Weile still, ehe der Oberförster wieder anfing: »Ich werd Euch einmal die Meinung sagen, Friede – von mir könnt Ihr's wohl annehmen, ich könnte ja nach Jahren gut Euer Vater sein! Wollt Ihr?«

Der Seffes hatte nichts dagegen, er nickte ein paarmal, wenn er auch den Kopf dabei weggedreht hielt: ja und ja, diese Sache war verfahren, es wurde hohe Zeit, daß man sie von Mann zu Mann beredete, ehe der Kummer übermächtig wurde. Das hatte ja den Seffes am schwersten bekümmert, daß er von der ganzen Freundschaft weggedrückt war und als Nächste immer nur die Frauensleute gehabt hatte, die Anka voran, danach die Karline – Nein, das war die Aufrichtung nicht, die ein Mann in Männersachen brauchte; mit Trost allein war nichts getan.

Mit Trost hielt sich auch der Oberförster nicht auf, er schlug zu wie auf kalt Eisen, nach seiner Art. Aber wenn es auch noch so grob kam – der Seffes hielt still dazu. Es war ja so ziemlich das gleiche, was er sich selber schon gesagt hatte in den langen, langen Nächten ohne Schlaf: daß ein rechter Kerle tausendmal lieber sich selbst aufgibt als die Gemeinschaft, gar noch eine wie das Oberdorf, die wahrhaftig keinen Mann entbehren konnte. »Das ist die ganze Sache, Friede – wo's im einzelnen gefehlt hat, wollen wir erst nie suchen, es wär verlorne Zeit. Ich selber hab auch Schuld, bei aller guten Meinung. Wie uns die Wilderer so viel zu schaffen machten, da hab ich Euch aus lauter Zorn die Hilfe für die Eingabe verweigert – und hätte mir doch denken können, daß die Schuldigen anderswo daheim waren als im Oberdorfe. Jetzt könnte die Sache schon genehmigt sein –«

Da hörte man die Zähne knirscheln und krachen, so unbarmherzig biß der Seffes die Kiefer aufeinander. Aber er sagte nichts.

»Das reut mich gar sehr«, sprach die alte Stimme weiter, »denn viel Zeit ist nicht mehr – im nächsten Jahre bin ich reif für die Pension, und das ist ungewiß, ob sie mich schon im Frühjahre wegschicken oder erst später – das hängt davon ab, wie eben der große Schub trifft. Und das wißt Ihr ja so gut wie ich, Friede: was zu meiner Zeit nie gemacht ist, das braucht danach gar sehr lange, wenn's überhaupt noch geht! Da müßten sich die Oberdörfler eben ganz schnell einig werden!«

Der Seffes hob den Kopf, als könnte er es nicht verstehen, daß man ihm noch davon sprach. »Ich kann nischt meh dazu!« murmelte er, aber der Oberförster wischte es mit der Hand fort: »Warum denn nie? Wegen Lippes am Ende? Den laß du nur, der hat sich selber den Strick um den Hals gelegt!«

Der Seffes wollte einfallen, aber es kam nicht dazu, der Alte sprach weiter: »Ums Oberdorf geht's, das ist die Hauptsache – oder denkst de gar, ich täte mich sonst in eure Streiterei einmengen? Das tu ich dem Dorfe zuliebe: die Leute müssen mehr Feld kriegen – wie soll's denn sonst werden, bis die jetzigen Kinderlan aufgewachsen sein? Dann trifft auf jeden grade noch eine Nagelbreite Acker, daß ihr das ganze Jahr Mittfasten habt und die Lungensucht dazu, die Englische Krankheit und was nie noch –«

»Das weiß ich gut, Herr Oberförster«, sprach der Seffes langsam dazwischen.

Der Oberförster sah ihn noch einmal genau an, als wollte er sich versichern, daß das Vertrauen ganz gewiß nicht verschwendet war, dann sprach er langsam: »Hör zu, was ich dir jetzt sage! Du mußt's mit halben Worten verstehn, weil ich's mit ganzen nicht sagen darf! Also: Der Lippes wird niemals zulassen, daß die Gemeinde die alten Gerechtigkeiten von der Herrschaft erstreitet; dafür ist gesorgt – verstanden?« fragte er und rieb Daumen und Zeigefinger gegeneinander. Der Seffes schlug die Faust durch die Luft, weil er bei aller Wut doch keine Hoffnung sah, aber der Alte gebot ihm Einhalt: »Der Lippes muß eben weg – und dafür, daß das zu jeder Stunde sein kann, will ich gerne meinen Kopf gegen ein paar alte Quargel wetten! Es fehlt nur der Mann, der die Sache in die Hand nimmt!«

Danach schwiegen sie lange. Der Oberförster stopfte sich die Pfeife neu und zündete sie an, und der Seffes goß aus der Flasche in die Glaslan nach. Sie waren jeder ganz bei seiner Verrichtung, als wäre alles schon ausgeredet.

Als neu eingeschenkt war, tranken sie einander ein Schlückla zu – und schüttelten sich. Dann aber setzte sich der Seffes aufrecht, verschränkte die Arme auf dem Tisch und sagte geradezu: »Herr Oberförster, ich werd der Mann nie sein!«

Der Alte wollte es nicht gelten lassen, er wollte gar nichts gehört haben, sagte er, aber der Seffes blieb fest: es hatte Mißverständnis genug gegeben in der Sache! Es sollte später niemals heißen dürfen, der Seffes habe die genaue Gelegenheit abgepaßt, die alte Rechnung glatt zu machen, das Gemeinwohl habe nur den schönen Vorwand gegeben – »Nee, Herr Oberförster, das tut meines Vaters Sohn nie! Und wenn das alles nicht wäre, dann bliebe immer noch die Sache mit dem toten Manne in der Stadt – Herr Oberförster, ich weiß so gewiß, daß das hinter meinem Rücken gegangen ist, und ich kann mich doch nicht freisprechen, ich muß für die Karline mitbüßen! Sollten sich denn die Geschwister vor Gerichte gegenseitig die Schuld geben? Nein, Herr Oberförster, ich hab mir's recht bedacht: da will ich's lieber selbst gewesen sein. Das ist der rechte böse Schluß für eine böse Sache!«

»Friede, Ihr wißt ja nie, was Ihr red't!«

»Ich weiß gar gut, Herr Oberförster, ich weiß sogar, was die Leute reden täten, wenn nicht gerade im Oberdorfe, dann anderswo: daß ein Zuchthäusler den andern verraten hätte!«

»Och, närrisch!«

»Heute närrisch, morgen wahr, Herr Oberförster, ich kenn die Leute! Und jetzt müssen Sie mir die Absage nie für übel nehmen, ich selber leg mir ja die härteste Strafe auf damit, daß mein liebster Gedanke soll ohne mich ausgeführt sein –«

»Ja, wer soll's denn machen, wenn Ihr's nicht tut?«

»Um Leute ist keine Not, Herr Oberförster, es fragt sich nur, was zu tun ist. Gegen den Lippes.«

Der Oberförster zauderte ein wenig, aber dann zuckte er die Schultern: »Och – is der Vogel raus, hacken wir 's Bauer ei's Brühholz! Wenn schon so viel gesagt is, sollste alles wissen: Der Kerle, der dem Grögerbaumeister vor dem Verschwinden soundsoviel abgekauft hat – das war der Lippes! Und die Genossenschaft hat danach aus Mangel an Masse schweres Geld verloren!«

»Wer wird den Zeugen machen?«

»Ja, das ist noch die Schwierigkeit – die Pferde sind gleich durch drei, vier Hände gegangen, und mein Gewährsmann will vorerst nicht genannt sein; sonst, mein Lieber – Aber es gibt ja noch was: der Lippes hat im Frühjahre Saatgut verkauft? Vom Verein aus? Na, und jetzt paßt einmal auf: In Dürrseifen drüben war bei der Schneeschmelze das gleiche Hochwasser wie hier, hat den gleichen Schaden gemacht – und dort hat die Regierung das Saatgut geschenkt, als Nothilfe! Ist jetzt der Dürrseifner Bürgermeister tüchtiger oder ehrlicher als der hier? Da müßte eben einer, der hier bezahlt hat, in der Stadt nachfragen, beim Regierungsrat – das hättet Ihr sein können!«

»Nein, Herr Oberförster, das sowieso nicht, ich hab kein Saatgut nachgekauft, ich bin nicht geschädigt. Aber Franke Rudolf hat gekauft, und Zwiener Adolf, die haben es alle beide gar bitterlich bezahlen müssen, ich dächte, sie würgen immer noch dran –«

»Aber die bringen doch die Gusche nie richtig auf?«

»Wenn's ums eigene Geld geht, Herr Oberförster, und gegen den Lippes, und wenn sie gar noch wissen, daß es für die Gemeinde von Nutzen ist –«

»Na schön; aber wenn Lippes gehen muß, braucht ihr einen neuen Bürgermeister – das könnte von denen doch keiner sein!«

»Ja, warum denn nie, Herr Oberförster? Weil sie beide arm sein? Ja, warum sollte denn ein armes Dorf keinen armen Holzmacher zum Bürgermeister haben? Mehr wird der auch nicht stehlen wie der reiche Lippes! Für die zweie will ich gerne bürgen, und dafür auch, daß sie immer gute Ratgeber haben werden, sooft sie sie verlangen!«

»Und die Eingabe?«

»Herr Oberförster: wer den Lippes zu Falle bringt, der kann mit den Oberdörflern machen, was er will! Sie hatten ja alle nur zuviel Angst! Höchstens daß noch der Herr Pfarrer –«

»Der wird sich hüten, Friede; wenn er erst sieht, was der Bruder alles auf dem Kerbholze hat, da wird er's gar nicht wahr haben wollen, daß er jemals zu ihm gehalten hat! – Aber jetzt zum letzten Male, Friede: Ihr selber wollt nicht?«

»Nein, Herr Oberförster! Es kommt mir hart genug an, aber ich hab's verscherzt! Franke Rudolf ist der Mann!«

»So! Und wer spricht mit dem?«

»Das wollt ich gerne tun – es ist nur – es müßte –«

»Was?«

»Wir haben einmal Streit gehabt – er und Zwiener wollten meinetwegen den Lippes prügeln, und ich hab's ihnen verwehrt. Wenn ich jetzt hinginge oder ihn holen ließe, das gäbe viel Aufsehen!«

»Friede – da will ich das noch auf mich nehmen! Ich muß so auf hinunterzu bei dem und jenem von den Holzmachern einsprechen – da will ich Franken insgeheim Bescheid sagen, daß er zu Euch kommt! Und wann soll's dann losgehen?«

»Morgen, Herr Oberförster! Ich muß in die Stadt, zum Herrn Amtsarzt – und vielleicht zum Gericht. Da hab ich gleich Gesellschaft auf den Weg!«

»Friede, habt Ihr's gut überlegt?«

»Ja, Herr Oberförster – es wird nicht anders!«

»Gott befohlen, Friede, des Menschen Wille ist sein Himmelreich!«

»Vergelt's Gott, Herr Oberförster, für die gute Meinung!«

 

Der Regen hielt gar unbarmherzig an: nach der neunten, wo es sonst gerne aufklarte, ging jetzt auch die Mittagsstunde vorbei, ohne das blaue Fleckla am Himmel, mit dem man eine Hose flicken könnte, wie es sonst als gutes Anzeichen gilt. Nichts als Grau und Nebel, und nach jedem Windstoß ein neuer Guß.

Als die Anka nach Hause kam, lobte sie sich den Wetterkragen gar sehr, daß der Seffes ihr mit einem Brummer bedeuten mußte, es sei genug geredet über die kleine Sache. Da blieb sie mit größtem Eifer am Herde, aber viel konnte sie ja nicht mehr fertigbringen, die Zeit war zu weit voran. So briet sie eben ein paar kalte Erdäpfel vom letzten Abend mit Speck und Zwiebeln auf, das ging am schnellsten.

Wie aber unterm Essen Franke Rudolf in die Stube polterte, da zog er doch gar sehr die Nase hoch: »Ine versucht, bei euch richt's ja wie nach Kirmes!« Vielleicht tat er auch nur so, daß man es nicht merken sollte, wie verlegen er im Grunde war – eigentlich hatte er es ja verschworen gehabt, dem Seffes noch einmal in die Nähe zu gehen, und jetzt kugelten ihm vor Freude doch bereits die Augen aus dem Kopfe.

Dem Seffes ging es nicht viel anders, aber er hatte sich besser in der Gewalt, er zog einen dritten Löffel aus der Tischlade, drückte ihn dem Rudolf in die Hand und bedeutete ihm, mitzuhalten.

Dann hatten sie eine Weile mit der Nötigung zu tun, denn der Rudla faßte nicht gleich zu, das wäre gegen alle Sitte gewesen. Erst ließ er sich zum Hinsitzen nötigen, danach dazu, den Löffel in der Hand zu behalten, und endlich, recht ausführlich, zum Essen. Und der Seffes ließ sich's nicht verdrießen, die Nötigung war eben der Brauch, als Beweis, daß der Gastgeber die Einladung nicht nur so gedankenlos hingesagt, und daß der Gast nicht etwa heißhungrig drauf gelauert hatte.

Aber dann war es ja so weit, und sie löffelten zu dritt die Pfanne schön gemütlich leer und tranken einen Kaffee dazu, den die Anka frisch aufgebrüht hatte. Geredet wurde dabei nicht viel, als aber alles bis aufs letzte sauber weggeputzt war, und die Anka sich schon ans Abräumen machte, da kam der Rudolf so recht harmlos damit heraus, das Kreuz tue ihm neuerdings wieder gar so weh, vielleicht sei doch etwas zurückgeblieben, von dem Unfall damals?

Der Seffes hätte ihn richtig verstanden, auch ohne das Plinkern hinter dem Rücken der Frau, und meinte: »Na ja, tüchtig bescheuert haste dich ja dazumal – da müss'm'r hald nachsahn!«

Als dann der Rudolf gleich in die Höhe sprang, den Leibriemen aufschnallte und am Hosenbund zu knöpfen anfing, da verstand auch die Anka, daß sie dabei zuviel war, und verzog sich mit ihrem Abwaschschaff in den Flur hinaus.

Aus der Untersuchung wurde natürlich nichts, die beiden drückten einander erst einmal die Hand, sahen dann schnell beiseite, daß keiner vom andern merken sollte, wie groß die Freude war, und dann fiel gleich alles Reden dem Seffes zu, der Rudolf horchte nur mit Ohren, Mund und Augen, damit ihm ja kein gewispertes Wörtla entging.

Weit hatten sie nicht zueinander, sowie der Seffes das erste Fünkla schlug, da brannte es beim Rudolf schon lichterloh; bald hielt er die Luft an vor lauter Gespanntsein und bald stieß er sie wieder aus, als hätte sich ihm einer auf den Brustkasten gesetzt. Es waren ja auch zu übermenschliche Neuigkeiten, die sich niemand zu hoffen gewagt hätte. Erst als es herauskam, daß Franke Rudolf nicht nur den Lippes überführen, sondern danach auch die Eingabe und gar selber den Bürgermeister machen sollte, da wehrte er sich und wollte fast heftig werden – nein und nein, dafür sei einzig der Seffes im Dorfe, kein andrer, er selber schon gleich gar nicht.

Aber es war ja erst zur Hälfte ausgeredet, das mußte Franke Rudolf noch innewerden: Der Seffes setzte es ihm auseinander, wie es mit dem Gottwaldglaser gegangen war, und die ganze Luderei, für die er die Karline und den Ihrigen im Verdacht hatte, und daß er entschlossen war, die Schuld und die Strafe auf sich zu nehmen.

Das fand der Rudolf schön dumm, mit Verlaub, nach seiner Meinung sollte man die Klage abwarten und dann noch abstreiten, wenn schon alles bewiesen war – aber doch nicht aus freien Stücken hingehen und alles zugeben, da wären ja die Gerichte für gar nichts.

»Rudla, das verstehste nie!« warf Seffes hin, aber es schlug nicht durch, denn der Rudla nahm es gleich als Beweis, daß er eben zu dumm sei für den Bürgermeisterposten, den sollte sich nur der Seffes halten. Da hatte der Seffes gar große Mühe, bis er ihm begreiflich machte, daß es nicht um die Person ging oder um Wollen und Nichtwollen, sondern einzig darum, wie der Gemeinschaft am besten gedient wäre.

Der Rudolf stritt so lange, wie es ging, und meinte auch, wenn wirklich das Schlimme zum Argen käme, und der Seffes sollte was abzusitzen haben, deshalb bliebe er doch für die Oberdörfler der gleiche Mann, und keiner sollte es sich einfallen lassen –

Doch darüber wußte ja der Seffes mehr: wenn doch die Gemeinde nach oben hin sollte vertreten werden, mit der Eingabe und alledem, da durfte es nicht heißen, die Oberdörfler hätten sich ihren Bürgermeister aus dem Gefängnis geholt! Da wäre ja der Knüppel zum Hunde gelegt, und ums Zuschlagen wäre dann keine Not!

Und so ging es wie mit dem Essen: der Rudolf durfte wahrhaftig nicht klagen, daß es an der richtigen Nötigung gefehlt hätte, und schließlich mußte er ja auch nachgeben, aber es stand ihm das helle Wasser in den Augen, wie er sagte: »Seffes, das wern wir dir alle niemals nie genug danken können, was du am Oberdorfe getan hast!« Und dann drückten sie einander die Hände, daß man die Knöchlan nur so knirscheln hörte, und dann hatten sie es beide mit einmal eilig mit dem Auseinanderkommen, der Rudolf rannte im Dorfe hinunter, und der Seffes schloß sich in der Kammer ein und bedachte sich zuvor alles noch einmal, ehe er sich zum Kohlstreithäusla aufmachte.

Der Gang wurde ihm hart, er wußte, daß Arges auf ihn wartete. Aber wie er es dann vorfand, war es doch noch schlimmer als jede Befürchtung.

Die Kohlstreitin war gerade bei der Wasserschöppe, als er von der Straße über das Brückla einbog. Wie sie ihn kommen sah, stellte sie die schweren Kannen nieder und wollte hortich ins Häusla, aber er hielt sie an, daß sie auf ihn warten mußte. Da trampelte sie auf der Stelle herum wie ein Hühnla, das den Schlupf nicht finden kann, wenn schon der Geier in der Luft steht.

Um das Häusla war es ganz still, man sah durch die Fenster, daß die Stube leer war. Wie der Seffes sich fragend umsah, brachte die Kohlstreitin schüchtern hervor: »Sie hon sich ank ei'geton, zum Schlafen!«

Schlafen, am frühen Nachmittage, mitten unter der Woche – da konnte der Seffes nur den Kopf schütteln. Aber er hielt sich damit nicht auf und trat durch das Gatterla, um sich das Wurzgartla näher anzusehen. Angebaut war noch nach seiner Anweisung: Baldrian, Melisse, Braun- und Schwarzwurz, Krauseminz, Ringelrosen und Königskerze und noch viele andre standen nebeneinander. Aber wie sahen die Beete aus, verkrautet und verwaschen! An dem, was der heutige Regen in den Boden geschlagen hatte, war schon vorher nicht viel dran gewesen.

Auf dem Bretterstapel unter dem Vordach waren Kräuter zum Trocknen hingebreitet, Kamillen, Melissen, lauter Tee. Beim näheren Zusehen stieg dem Seffes das Blut in den Kopf: nicht nur, daß das Zeug samt Gras und Unkraut abgesichelt und hingestreut war, hatten auch noch die Hühner alles durcheinandergescharrt und vollends verdreckt. Der Seffes fegte es mit einer wütigen Armbewegung herunter und stieß es mit dem Fuß in den Winkel neben dem Gatterla. Dann merkte er erst, daß die Kohlstreitin in größter Angst herumescherte, sie schlug ein Kreuz ums andre, faltete dazwischen die Hände und drückte sie an die Lippen, setzte zum Sprechen an und brachte doch kein Wort hervor, bis er sich böse ihr zuwandte und auf das halbdürre Zeug wies: »Das soll Tee für Kranke geben? Wo die Hühner dran rumgepeckt und draufgemistet haben? Eine versuchte Schweinerei is das, eine ganz oosige!«

Der Kohlstreitin saß die Flenne im Halse, sie stieß nur mit knapper Not hervor, die Arbeit sei ihr eben jetzt unterm Heue und dem Waldgrase ank zuviel geworden, jechich doch, da war das Gartla ank liegengeblieben.

»Dir wirft kee Mensch was vor!« schnitt der Seffes dazwischen und trat ins Haus. Die Türe zur Altenteilkammer stand offen und zeigte auf der Innenseite allerlei bunte Bilderlan, große und kleine: Anpreisungen für Salben, Öle und Tee. Die Kohlstreitin wollte die Türe schnell zumachen, aber der Seffes hielt den Fuß davor und fragte nur so, mit einem Kopfrücken, was das Zeug sollte.

Der Karline ihr Mann habe die Bilder geschickt bekommen, zusammen mit den Arzeneien, die er für seine Massage brauchte. Im Flur habe er sie nicht geduldet, und da hätten sie die Kinder eben innen an die Türe genagelt –

»Massage?« fragte der Sepp, und sie war mit der Auskunft gleich zur Hand, natürlich, der Mann verstand sich ja darauf, er hatte richtig ausgelernt als Bader, auch Zähne konnte er ziehen und Geschwüre schneiden, das Handwerkzeug machte in der Stube drin ein ganzes Fach voll –

Der Seffes klinkte leise die Stubentüre auf, aber das Sprechen zuvor hatte die Schläfer schon erweckt: die Karline kam eben bloßfüßig, im Unterrock, aus der Kammer und wischte eilig in der Stube herum. Als sie den Bruder sah, tat sie einen kleinen Schrei, wie ein betroffenes Jüngferla, es sollte gar spaßig sein. Aber das Getue verging ihr bald, als der Seffes die Türe hinter sich schloß, mit drei langen Schritten bis zur Kommode vortrat und, ohne zu fragen, die Schubfächer aufzog: das obere und mittlere waren vollgepackt mit allerlei Patentmedizin und den Tüten, Schachterlan, Flaschlan und Tiegeln zum Kleinverkauf. Die Karline wollte dazwischenfahren, die Lade zuschieben und allerlei erklären, aber der Bruder sah sie nur an und hob die Hand, da mußte sie ihn machen lassen.

Im untersten Fach lagen allerlei Tücher und Binden, eine alte Balbierschüssel, Messer und Scheren durcheinander, gar sehr unordentlich und verschmiert, es sah böse aus.

Unterdem kam aber auch der Schwager aus der Kammer und tat ganz so, als wollte er aufbegehren, weil sich da jemand in seine Sachen mischte. Er trat herzu und griff am Seffes vorbei nach der Lade und wollte sie wohl recht giftig zuwerfen, aber erst einmal klemmte sie sich, und dann war der Seffes gleich dabei, nahm die Hand und schob sie beiseite, daß der Schwager sie gerne wegließ, so sehr hatte ihr der kurze Griff das Leben ausgedrückt. Aber mit der Gusche war er noch beim Zeuge, da legte er erst richtig los und berief sich darauf, daß er ja geprüfter Bader und Masseur wäre und sein Handwerk ausüben könnte nach Belieben, ohne lang zu fragen. Und Vormund brauchte er schon lange keinen – Das schrie er recht laut, damit es die Kohlstreitin oder auch sonst jemand hören und weitertragen sollte. Aber es war auch seine letzte Kunst, denn der Seffes faßte ihn vorne am Rockaufschlag und hielt sich ihn vors Gesicht, als müßte er ihn von nahe besehen. Und dabei sprach er ihm so kalt in die Augen, daß der Karline schier der Odem wegblieb: die Zähne fingen ihr zu schnattern an wie bei der größten Kälte.

Der Seffes sprach ganz leise, aber die Wörter kamen wie die Feilenstriche, es ließ jedes seine Spur.

»Daß ihr mich belogen und betrogen habt, das wäre das Geringste, es soll meine Strafe sein, weil ich solchem Lumpengesindel vertraut hab! – Ruhig, Mannla, keinen Muck, sonst kann dich dein Weib aus der Wand kratzen! – Aber was ihr hier sonst getrieben habt, das geht gegen 's Gesetz, da steht schwere Strafe druf, und darum will ich jetzt wissen: Wie habt ihr die Leute hergekriegt, die ich schon weggeschickt hatte, weil ich ihnen nicht helfen konnte? Wie? Da red doch!«

Der Seffes mußte ein paarmal schütteln, bis er die Antwort zu hören bekam, und danach schüttelte er noch einmal, daß die Wirbel knackten, denn die Antwort war ihm nicht zu Gefallen: Die Karline hatte die Leute auf der Straße abgepaßt, wenn sie vom Friedehäusla herunterkamen, und gar manche beredet, sie sollten sich doch lieber noch von dem gelernten Masseur besehen lassen –

»So!« sagte der Seffes und stellte den Schwager wieder gerade. »Jetzt versteh ich, wie 's mit dem Gottwaldglaser gegangen is. Den hatt ich ins Krankenhaus geschickt, und ihr –« Er schwieg eine Weile und sah die beiden gar fürchterlich an. Dann fuhr er auf: »Der Mann is tot! Durch eure Schuld! Die Frau hat die Anzeige gemacht – jede Stunde können die Gendarmen dasein!«

Da war es freilich vorbei mit allem Trotz, die beiden flennten bereits. Der Seffes drängte zum Schluß: »Macht, daß ihr wegkommt! Packt euer Gelumpe zusammen, schert euch davon und laßt euch hier nie wieder sehn! – Ich stell mich morgen dem Gericht. Seid ihr fort, nehm ich die Schuld auf mich. Seid ihr aber noch da, dann geb ich euch unbarmherzig an und tunk euch noch tüchtig rein! Karline, du kennst mich!«

Ach nein, es gab keinen Widerstand, die beiden verlangten ja nichts Besseres, als recht schnell davonzukommen, der Schwager flog am ganzen Leibe vor Hast, und die Karline fuhr von der Stube in die Kammer und zurück, im Herzen waren sie schon über alle Berge.

Der Seffes ging bis zur Türe, kehrte nochmals um, fingerte eine Geldnote aus der Brusttasche und warf sie auf den Tisch: »Da – für 'n Weg! Und etz uf Nimmerwiedersahn!«

Die Karline wußte einen Augenblick nicht recht, ob sie zuerst nach dem Gelde sehen oder dem Bruder danken sollte. Aber ehe sie mit sich übereins war, klappte schon die Türe, und der Seffes winkte im Gehen mit der Hand zurück, es sollte ihm niemand folgen. Er ging bergauf in die Nebel hinein.

Das war von klein auf sein Liebstes gewesen, mit aller Not und Freude in den Wald zu laufen, die Bäume hatten gar vieles mit ihm getragen.

Dasmal war es, als könnten ihm auch die dicken Buchen auf der Klankenlehne die Last nicht abnehmen; der Seffes blieb vor der und jener stehen, drückte den Kopf gegen die nasse, glatte Rinde und horchte auf das Knarren im Astwerk, aber ihm wollte nicht leichter werden dabei.

Daß er die einzige Schwester für immer von sich gestoßen hatte, bedrückte ihn nicht: hatte sie das gemeinsame Blut verraten, so war er der Treue ledig.

Aber daß die Schwester mit ihrem Windhund von Mann so ungestört hatte ihr Wesen haben können, und daß aus dem ganzen Dorfe kein Sterbenswörtla bis zum Bruder gedrungen war, von dem doch alle hätten wissen müssen, daß er damit nichts gemein hatte: das biß und brannte und wollte sich nicht verwinden lassen. Da hatte das Geld sein Werk getan: sie scheuten ihn und hielten ihn dem Lippes gleich, seit er zu Gelde gekommen war. Austilgen hatte er den Lumpen wollen – und hatte sich nur gemein gemacht mit ihm – der Kessel hatte den Ofentopf gestraft. Da mußte es der Seffes innewerden, wie gering der Schritt aus der taghellen Rechtschaffenheit ins geduldete Unrecht ist, und wie schnell getan! Das war ihm eine große Not.

Aber der Wald behielt doch recht – endlich war es, als wehte das bißla Menschennot mit den Nebelfetzen davon. Die Buchen hatten Väter und Großväter und überhaupt die ganzen ersten Oberdörfler im Walde hinwerken gesehen – nun ging es nur darum, daß die Heutigen und alle, die danach kamen, den Alten und der Heimat die Treue hielten und ihr Schicksal auf sich nahmen.

 

Der Tag blieb trübe und nebelig verhangen und verlor sich in frühe Dämmerung. Es ging aufs Dunkelwerden, als der Seffes nach Hause kam, und die Anka lief ihm bis unter die Türe entgegen. Es stand ihr klar genug im Gesichte, daß sie viel Angst ausgestanden hatte und, wenn sie jetzt den Mann auch wiedersah, doch auf ein Wörtla lauerte oder nur einen Blick, der alle Unrast Lügen strafte.

Aber der Seffes wahrte sich gegen sie, es war zuviel Erinnerung in ihm, daß sie eben doch mitgeholfen und ihn auch nicht gewarnt hatte, als die Karre längst in schlechtem Geleise gelaufen war. Gewußt haben mußte sie davon – und daß er damit zufrieden wäre, hätte sie niemals glauben dürfen: da saß die Fremdheit. Doch darüber auszureden, war wohl noch nicht die Zeit, erst sollte die Trennung ihr Werk tun – ob zum Guten oder Bösen, das mußte sich zeigen.

So konnte die Anka keinen Trost mitnehmen, als sie in den Stall zurückging, um vollends zu verrichten. Auch sie hatte mit gutem Willen Schlimmes bewirkt, und wie sie es jetzt gegeneinander abwog, da wollte ihr die Bitterkeit das Herz abdrücken.

Nach dem Melken drohte sie Rose, der neuen Kuh, mit der Faust, weil sie die Milch schwer hergab, aber mehr noch aus geheimem Zorn, als hätte das unvernünftige Tier sich zwischen sie und ihren Mann geschoben. Aber die Rose gab nichts darauf und fraß weiter.

Den Abend blieb es still im Friedehäusla, auch aus dem Dorfe ließ sich niemand sehen. Das war ganz außergewöhnlich – aber es hatte wohl, wer weiß wie, irgendein Wörtla die Runde gemacht, und jetzt hielten sich die Leute in den Häuslan und warteten ab, was nachkäme. Der Ausmarsch der Karline samt dem Ihrigen war sicher bemerkt worden.

Da war es wie eine Erleichterung, daß gleich nach dem Abendbrote die Anna vom Frankewirt herübergesprungen kam und fragte, was der Herr Vormund ihr zu sagen hätte. Ganz wohl war ihr nicht dabei, der Seffes hatte ihr dazumal keinen Zweifel gelassen, daß er von der Sache mit dem Adjunkten nie wieder hören wollte; und wer mochte wissen, wie es ihm beigebracht worden war, daß manches doch noch weiterging?

Aber aus der Art, wie er seine Fragen stellte, erkannte sie dann bald, daß es nicht schlimm gemeint war; und da faßte sie sich ein Herz und gab es selber zu, daß sie nach jenem Male, wo der Vormund sie mit ihm überrascht hatte, dem Adjunkten doch nicht ganz aus dem Wege gegangen war, denn der Adjunkt – Ine ja!

Aber wie er ernsthaft vom Heiraten gesprochen und auch nach Hause geschrieben und von der Mutter gar die Antwort bekommen hatte, die Eltern hätten nichts gegen ein Mädchen aus dem Volke – wenn es ihn wahrhaftig liebte, würde es sich nur selbst zu prüfen haben, ob es sich auch die Kraft zutraute für die große Veränderung: da war die Angst über sie gekommen, besonders, seit sie unter den Fremden im Wirtshause auch manche feine Damen vor Augen gehabt und eingesehen hatte, daß sie das städtische Gehabe gar niemals würde erlernen können. Niemals – und überhaupt stand ihr das Herz nicht danach, das Oberdorf für immer zu verlassen: das aber hatte die erste Bedingung sein sollen, und die zeigte ja gut genug, wie weit es mit der großen Liebe her war –

»Anna, Madle, etz sog m'r 's amal: is die Weisheit ganz uf deinem Mist gewachsen?«

Da brauchte es eine Weile, bis die Antwort kam, die Anna wand sich wie ein Wurm, aber schließlich mußte sie doch einbekennen, der Adolf habe auch gemeint –

»Adolf?«

»Ine, Zwiener Adolf halt –«

Da fragte der Seffes nicht weiter und klopfte ihr nur die Backe und meinte dazu, das hätte er sich nie erhofft, daß der Tag zuletzt noch sollte eine Freude bringen: »Madla, das ist d'r nie vergassen! Halt du dich nur immer zu deinesgleichen, da wirste aa immer gehalden sein!«

Und er sah ihr nach, wie sie aus dem Vorgartla hinaus und die Straße hinuntersprang, so blutjung und gelenk, daß es einem im Herzen wohltun konnte. Aber der Gedanke, daß ihm selbst nie etwas Junges nachwachsen und ihn überdauern würde, drückte ihm doch einen schweren Seufzer ab, wie er sich von der Türe zurückwandte.

Und da merkte er, daß die Anka vom Stubenfenster auch dem Madle nachgesehen und nicht nur geseufzt hatte: ihr liefen die Tränen dick über die Wangen, und jetzt warf sie sich gar ihm entgegen und weinte helllaut: »Ich bin dir ein schlechtes Weib gewesen, Jossip – hab nicht gefolgt – und dürr bin ich – bringe keine Kinder – jag mich fort – schlag mich tot – Verzeihen kannst du nicht –«

Da war es dem Seffes, als stände er wieder unter den alten Buchen, die vom ersten Tage an alles vom Oberdorfe wußten und vor denen eine Menschenirrung gar gering galt: er zog die Frau neben sich auf die Bank nieder, und während sie sich stöhnend unter seinen Arm drückte, als wollte sie ganz in ihn einwachsen, sagte er ihr mit wenig Worten, was er beschlossen hatte, um sich das Gewissen zu entlasten.

»Du, Jossip, du!« weinte die Frau. »Aber wie soll ich büßen, ich hab dir schlecht geraten?«

»Ich mach 's für uns beide ab, Anka!«


Am nächsten Tage waren die drei viel zu früh in der Stadt – sie waren, um allen neugierigen Augen zu entgehen, daheim schon im ersten Morgengrau abmarschiert. Das Amt war zwar schon um acht offen, aber der Herr Regierungsrat ließ sich vor zehn nicht sprechen. Und da war es ein rechter Segen, daß sie den Seffes mithatten, denn der Schreiber in der Anmeldung wollte unbedingt wissen, um welches Anliegen es sich handelte, und Franke und Zwiener gestanden nachher beide, ohne den Seffes hätten sie auf der Weigerung wohl nicht beharrt, und dann wäre die Katze aus dem Sack gewesen. Aber der Seffes hatte es doch bewirkt, daß der Mann stille sein mußte und sie ruhig warten ließ.

Kurz nach zehn kam der Herr Regierungsrat; sie kannten ihn alle von der Jagd her und standen zur Begrüßung auf. Aber auch er erkannte sie gleich und meinte: »Sind das nicht Oberdörfler? Schön, schön! Na, wo fehlt's denn, Leutlan?«

Das sprach ihnen gar sehr zu Herzen, daß das Oberdorf auch bei der Regierung so anerkannt war, und so wurde es ihnen auch leichter, die Abrede einzuhalten, die sie untereinander getroffen hatten, daß nämlich Franke und Zwiener ohne den Seffes hineingehen sollten.

Er hatte nicht lange zu warten, da waren die beiden schon wieder heraußen, rot im Gesichte wie verbrüht und ganz zitterig vor lauter Aufregung. Aber sie verrieten nichts, weil der Schreiber gleich wieder so scharf hersah, sondern gingen mit dem Seffes zum Hause hinaus, über den Platz weg und durch ein paar enge Gaßlan bis in die Anlagen vor dem alten Schlosse. Dort war es ganz einsam um die Stunde, und nachdem sie sich noch nach allen Seiten umgesehen hatten, vertrauten sie dem Seffes an, der Herr Regierungsrat sei vom Stuhle in die Höhe gefahren wie gebissen und hätte die Faust in den Tisch geschlagen und zweimal ganz scharf gefragt: »Was? – Was?« Aber dann habe er sich wieder hingesetzt und eine Weile nachgedacht und schließlich noch hören wollen, wer alles von dem Besuch wußte? Und auf die Antwort, nur drei Leute im Dorfe, Jachimseffes und sie beide, habe er sie mit der Anweisung entlassen: »Sie bürgen mir dafür, daß kein Wort weiter verlautet, ehe Sie von mir gehört haben!« Und demnach sei es ja wohl offenbar, daß es mit dem Lippes das Bergla runterginge.

Als der Seffes bedächtig nickte, stießen Franke und Zwiener einander an und spuckten so gewaltig in den Schloßgraben, daß die Schwäne ganz hastig angerudert kamen und sich wer weiß was Schönes erhofften. Damit sich die armen Tierlan nicht sollten geirrt haben, brockte ihnen Franke Rudolf ein Ranftla von seinem Mittagsbrote vor.

Dann sahen sie zu und hatten jeder seine Gedanken. Vor dem Weitergehen sagte Zwiener Adolf: »Damit hot a sich die Gorgel zugeziehn!« Danach sprachen sie lange nichts mehr.

Vor der Post trennten sie sich: Seffes wollte nicht einkehren, bevor er beim Amtsarzt gewesen war, damit es nicht aussah, als hätte er sich Mut antrinken wollen. Aber die beiden andern sollten sich ein Fegala kaufen und so lange warten, bis er ihnen Bescheid sagen kam. Franke Rudolf sah noch einmal recht inständig auf ihn hin, aber der Seffes schüttelte nur den Kopf und ging.

Vor Dr. Frenzels Hause wartete der Wagen, mit dem er wohl auf Krankenbesuch fahren sollte, und der Seffes fürchtete schon, er könnte die Gelegenheit verpaßt haben. Als er aber ins Wartezimmer trat, ging gegenüber die Türe zum Sprechzimmer auf, und der Amtsarzt, in Hut und Mantel, winkte ihn näher.

Da standen sie einander gegenüber, zum ersten Male seit jenem Wintertag an Kohlstreitens Sterbebett. Dr. Frenzel hatte sich mit dem Rücken zum Fenster gestellt, aber der Seffes merkte doch mit Schrecken, wie sehr er sich verändert hatte. Und der Amtsarzt nickte ihm trübe zu: »Ja, ja – es steht nicht gar zu gut! Na – Schwamm drüber! Was führt Euch her, Friede?«

Der Seffes fand die Worte nicht gleich, die Bestürzung war zu groß. Der Amtsarzt blieb still, das hätte er früher wohl auch nicht zuwege gebracht. Aber wie der Seffes erst den Namen ausgesprochen hatte: »Gottwaldglaser«, da war ja mit einmal alles im Gange. Der Amtsarzt nickte schwer mit dem Kopfe: »Ja, Friede, ich hatte Euch gewarnt! Und hab Euch lange durch die Finger gesehn, Friede, an der Geduld hat's nicht gefehlt – und die war sonst nie meine Tugend! Aber Ihr habt Euch zu sehr verrannt – jetzt kann ich Euch nichts mehr helfen!«

Der Seffes brauchte eine Weile, bis er begriffen hatte, wie falsch sein Besuch ausgelegt wurde, er setzte immer wieder zum Sprechen an, aber der Amtsarzt wollte nichts hören: »Nein, jetzt red ich! Das schadet Euch gar nischt, wenn Euch einmal einer die Leviten geigt!«

Aber schließlich konnte der Seffes doch die Gegenrede anbringen: »Herr Amtsarzt, Sie glauben ja wohl gar, ich komm bitten, daß Sie mich verschonen sollen?«

»Ja was denn sonst?«

»Was sonst, Herr Amtsarzt? Ich seh mein Unrecht ein, daß ich das Geld nicht hätte hineinbringen dürfen – jetzt begehr ich meine Strafe, sonst nichts!«

»Was heißt das, Friede?«

»Ich will nie warten, bis die Gendarmen mich holen, da komm ich lieber von alleene –«

»Eine Selbstanzeige?«

»Mit dem Gesetzlichen kenn ich mich nie so aus, Herr Amtsarzt – ich weiß nur: der Mann is durch die falsche Kur gestorben, und die Schuld liegt auf mir!«

»Das stimmt aber doch gar nicht, soviel ich weiß! Eure Schwester –«

»Herr Amtsarzt, ich möcht recht schön bitten: machen Sie mir's nie unnütz schwer! Die Sache is durchgedacht und beschlossen: ich bin schuld, sonst niemand! Und mir ist 's recht, wenn mit der Gewalt ein Ende gemacht wird, das Gerenne und Getue mit den vielen Fremden is m'r in den Tod verleidet! Darum will ich am liebsten gar nicht mehr nach Hause, gleich hier blei'n!«

»Aber wie stellt Ihr Euch das vor, Friede? Selbstanzeige wegen fahrlässiger Tötung – so müßte es ja heißen – das kann Euch teuer zu stehen kommen! Dann ist es mit manchem vorbei!«

»Das soll sein, wie's is, Herr Amtsarzt!«

»Und das Oberdorf?«

»Dafür is gesorgt, Herr Amtsarzt, daß die Gemeinde nie zu Schaden kommt! Was ich hab nützen können, das is geschahn, etz machen andre weiter!«

»Es ist schade um Euch, Friede! Solche wie Ihr sind selten da oben, Kerle, die Herz und Kopf haben – Wollt Ihr's nicht doch lieber drauf ankommen lassen? Vielleicht kann man Euch gar nichts nachweisen, und Ihr geht frei aus?«

»Herr Amtsarzt, das darf nie sein! Es hat zuviel Luderei und Schweinerei gegeben bei uns droben, der Lippes hat die ganze Obrigkeit in Verruf gebracht! Da möcht ich nie der Anlaß sein, daß das Gesetz und das Recht sich vielleicht noch einmal sollten zerzanken! Nein, Herr Amtsarzt, ich weiß, was ich muß!«

Unter der Decke summte eine Brummfliege hin, nahm in großen Schleifen ihren Anlauf, stieß gegen das Fenster vor und taumelte nieder; kaum hatte sie sich von dem Anprall ein wenig erholt, schwirrte sie zu neuem Anlauf davon, immer wieder.

Die Männer hörten ihr lange schweigend zu, bis endlich der Amtsarzt hinter sich nach dem Riegel griff und das Fenster auftat: »Da geh halt!« Da war sie im Nu davon und ließ ein noch tieferes Schweigen zurück.

Dann hob der Amtsarzt in neuem Tone an: »Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll! Haben Sie wirklich geschwindelt?« Die Frage gereute ihn, kaum daß sie gestellt war, denn er sah wohl, daß er unnütz weh getan hatte. Der Seffes holte tief Atem wie unter einem Guß, aber dann blieb er die Antwort doch nicht schuldig: »Wenn Se mich so gemahnen, Herr Amtsarzt, da muß ich Sie salber zum Zeugen nahm'n! Sie wissen's ja am besten, daß ich heimlich bin auf die Probe gestellt worn, und wie ich die Probe bestanden ha!«

»Ihr zielt auf Herrn Dr. Kippe?«

»Auf den auch, aber nur nebenbei. Ich hab noch andre Auskunft gegeben – oder haben die Boten nischt bestellt? Beide nie?«

»Schon, schon – aber haben sie vorher nicht doch Euch was verraten, Friede? Ehrlich jetzt!«

»Herr Amtsarzt, das braucht mir niemand schaffen, daß ich soll ehrlich sein! Und jetzt sag ich's: bei dem ersten Boten, der das Viehwasser brachte, da hatt ich noch keine Gewißheit, daß er von Ihnen kam. Ich hab ihm halt ein Sprüchla mitgegeben –«

»Ja, ja – bei der Kuh da fehlt's nie weit, die werd a Kalbla bringen!« lächelte der Amtsarzt.

»Ine ja. Aber beim zweiten, da wußt ich's, da hatt ich's vor mir! Nie, daß der Bote ein Sterbenswörtla verraten hätte – Gott bewahre! Ich wußt es eben: der Mann is gar sehr krank, der weiß selber, was ihm fehlt, er is ja studiert dazu!«

»Friede, Friede!« Halb Mahnung war es, halb Bitte, es war schwer zu deuten. Der Seffes hob die Hand, zum Zeichen, daß er noch nicht fertig war: »Und, Herr Amtsarzt, wenn Sie mir ans Gewissen rühren, da könnt ich Ihnen noch was offenbaren – ich weiß bloß nie, ob Sie's wern hören wollen?«

»Sprecht nur, Friede, forchtich bin ich nie!«

»Ich weiß, Herr Amtsarzt. Und darum will ich's sagen: die Frist, die Sie sich selber geben, die is recht bemessen!«

»Ein halbes Jahr?« fragte der Amtsarzt hastig zurück und fuhr auf das stumme Nicken hoch: »Woher wißt Ihr überhaupt davon? Ich habe mit keiner Menschenseele gesprochen, mit niemand –«

»Wie's zugeht, Herr Amtsarzt, weß ich salber nie. Ich sah's aso!«

Der Amtsarzt antwortete nicht, er saß in Gedanken, die trübe genug sein mochten. Endlich setzte er sich aufrecht, schüttelte sich ein wenig und legte Seffes die Hand auf die Schulter: »Ich habe zeit meines Lebens zu wissen geglaubt, was wahr und unwahr ist, recht und unrecht – aber bei Euch, Friede, bin ich im Zweifel, ob ich Euch nicht gegen Euer eigenes Gewissen in Schutz nehmen soll!«

»Das könnten Sie gar nie, Herr Amtsarzt, das kann niemand! Sie müssen mir diesmal schon den Willen lassen! Helfen Sie mir nur, daß ich gleich dabehalten werd – ich kann's nie derwarten, daß unter alles Vergangene der Strich gezogen wird! Lieber soll meine Gabe künftig ungenützt bleiben, als daß ich noch einmal sollte in Hoffart und Eigennutz hineintappen! Wollen Sie's mir zuliebe tun, Herr Amtsarzt?«

»Gut, Friede, ich will mit dem Staatsanwalt sprechen. Meldet Euch nachmittags im Gerichtsgebäude! Wenn es Euch aber später einmal gereuen sollte: Ihr habt es selbst so gewollt, denkt daran!«

»Das wird mich nie gereuen, Herr Amtsarzt!«

 

Franke und Zwiener hatten gleich neue Hoffnung, als sie den Seffes mit so leuchtendem Gesichte zu Nitschalex in die Wirtsstube treten sahen. Aber sie mußten es gar bald innewerden, daß sich nichts geändert hatte, und da wollten sie die Köpfe hängen lassen, denn auszureden, daß wußten sie, war dem Seffes nichts. Aber er ließ es auch nicht zu, daß seine Sache weiter viel beachtet wurde: »Das is vorbei und abgetan!« sagte er. Nur vom Oberdorfe sollte die Rede sein, und wie alles dort voranzutreiben wäre. Die Sache mit dem Lippes ging sicher schnell, der Regierungsrat war nicht der Mann, der lange fackelte. Dann aber durfte kein Augenblick verloren werden, kein Augenblick, das mußten Franke und Zwiener in die Hand geloben. Gleich im ersten Zorn mußten die Leute die Eingabe unterschreiben, ehe sie Zeit hatten, von neuem forchtich zu werden. Und wenn die Genehmigung dann da war –

»Wie lange denkst denn du, daß de fortbleibst?« fragte Zwiener, und es klang besorgt genug. Aber Antwort bekam er darauf keine mehr, der Seffes bezahlte die kleine Zeche und mahnte zum Aufbruch.

Sie wanderten lange durch die Stadt, kreuz und quer durch die Gaßlan, bis die Stunde gekommen war, wo der Seffes sich melden sollte. Kurz vor dem Gerichtsgebäude bekam es der Franke mit der Angst und faßte den Freund am Arme: »Seffes, hör doch! Kann's denn gar nie anders sein?«

Aber der Seffes drückte ihm nur flüchtig die Hand und lief schon die Stufen hinauf. Oben am Portale wandte er sich und winkte zurück. Dann war er verschwunden.

»Kreuzlaudonelement!« fluchte unten Franke Rudolf. »Wenn a setter Mon sollte das Gefängnis verdient hon, da gehört ja a Lumpenhund wie der Lippes geschunden und mit Pfeffer eingerieben!«

»Ich glaub's immer noch nie, daß sie ihn behalten«, tröstete Zwiener. »Wir wollen ank warten, der kommt sicher zurücke!«

Und sie wanderten auf und ab, setzten sich auch auf das Gartenmäuerla des Hauses gegenüber, immer die Blicke auf das große Portal gerichtet. Es tat sich oftmals auf, Leute kamen und gingen, aber den Seffes sahen sie nicht wieder.

 

Jeden Sommer, wenn die Beeren zeitig wurden, so im Juli- und Augustmonat, da wurde im Oberdorfe eine Art Musterung abgehalten, ganz stillschweigend und insgeheim, daß ein Fremder sicher nichts davon gewahr werden konnte. Die es aber anging, die merkten es schon. In jedem von den Häuslan, wo Kinder um die zwölf, dreizehn Jahre waren, da sahen die Muttern genau zu und machten es bei sich aus, ob die Geschöpflan schon für die harte Arbeit taugten oder ob sie noch gar zu geringe waren dafür und noch ein Jahr ihre gute Zeit mit den Beeren haben sollten. Manchmal, wenn die Arbeit gar zu übermenschlich war und zuwenig Hände dafür, da mußten ja die Kinderlan auch schon frühzeitig ins Geschirre. Und denen tat die Arbeit dann oft wehe, und manche nahmen gar Schaden davon, und wenn sie dann jammerten, da wurden die Muttern böse, weil sie doch auch nichts dazukonnten und weil ihnen selber die Flenne im Halse saß, und da sagten sie eben: »Macht och, macht, ihr versuchtes Gezeuge, wenn's aa biese gieht! Wann b'r ei'm Winter nischt ze frassen hätten, do waar's glei noch ärger!«

Und die Kinder gaben sich drein, sie wußten es ja, daß sie nicht zur Lustbarkeit auf der Welt waren. Aber wenn es ihnen noch ein Jahr erlassen wurde, da freuten sie sich wie über das größte Geschenk.

Das Beerensuchen war natürlich auch nicht nur Spielerei, die Beeren gehörten ja zum Verkaufe, und manche Muttern gaben den Kindern ganz ordentliche Gemäße mit und verlangten gar strenge, daß sie sie voll wiederbrachten. Da hatten die Kinder genug zu bedenken, denn die guten Platzlan nahe beim Dorfe, die waren schnell abgesucht, weil alle hinrannten, aber die abgelegenen brauchten viel Zeit hin und zurück, ja, und manche von den Kinderlan waren noch ank forchtich, vor allem wegen der Ottern, die waren elementisch zuwege in der Zeit, und die Kinder schleppten sich lieber halb zu Tode mit Vaters oder Großvaters Holzmacherstiefeln an den Füßlan, als daß sie wären barfuß in die Beeren gegangen.

Dann war noch vieles abzupassen, je nach der Stunde und der Witterung: an den Sonnenlehnen oder dort, wo der Wind gut hinkam, da trockneten der Morgentau oder die Regennässe schneller, und dort konnten Beeren zu holen sein, wenn sie anderswo noch ganz pantschig an den Stäudlan hingen. Zu naß durften sie nicht gepflückt werden, es dauerte dreimal länger, weil sie durch die Finger glitschten, und danach gab es erst noch im Töpfla eine Suppe, die niemand kaufen wollte.

Ja, es war eine ganze Wissenschaft, die Kinder hatten bloß gar zu kurz den Genuß davon, wenn sie sie richtig ausgelernt hatten, denn dann war es für sie mit dem Beerensuchen meistens vorbei, höchstens, daß sie noch eins von den jüngeren Geschwisterlan beraten konnten.

Sonn- und feiertags, am Nachmittage, da gingen wohl auch die Größeren noch einmal hinaus, aber in die Töpflan durfte da nichts geklaubt werden, das war gegen das Gebot, und so war ja schon der größte Stolz nicht mehr dabei, das Selberessen freute gar nicht richtig, wenn nicht die große Eile dahinter war und das bißla Angst um das Fertigwerden. Und mit den Verslan, über die sie als Kinder alle zusammen gelacht hatten, war es auch anders, denn die Madlen hielten sich die Ohren zu oder rannten gar davon, wenn die Jünglan ihnen was vorsagten, was sie schnell nachsprechen sollten:

Da bring ich Euch ein Scheit,
Ein wohlgeschlissenes Schleißscheit,
Und soll Euch dazu sagen,
Daß Ihr der beste Scheitschleißer seid;
Ehe nur eine Stunde verflossen,
Habt Ihr einen großen Haufen geschlissen und geschlossen.

Ja, da wollten die Madln nichts mehr davon hören – und hatten doch vielleicht noch das Jahr zuvor ganz unbekümmert die Zunge dran exerziert. Es hatte eben alles seine neue Wichtigkeit, wenn sie erst einmal in der Arbeit waren.

Ganz selten, als große Ausnahme, konnte es auch sein, daß unter der Woche, in der Zeit zwischen Heu- und Kornmahd, eins von den erwachsenen Madlen in die Beeren geschickt wurde, weil eine eilige Bestellung aus der Stadt gekommen war oder unbedingt ein paar Kreuzer Geld ins Haus mußten, ja, denn um die Zeit mußten alle mehr kaufen, die alten Erdäpfel waren gar und die neuen noch nicht zeitig, und Korn zu Mehle hatte doch auch niemand mehr.

Aber die Muttern sahen es nicht gar zu gerne, wenn die großen Madlen noch in die Beeren gingen, denn es war eben einmal keine ganze Arbeit für einen erwachsenen Menschen, die rechtschaffen müde machte, und da konnte ihnen der Teufel, wer weiß wie schnell, erst die dummen Gedanken einblasen. Es ging ja nicht um die Sünde allein, obwohl der Herr Pfarrer gar genau sein konnte und manche hart büßen ließ; aber es gab danach womöglich noch ein Göschla mehr zu füttern, wo es doch für alle schon so knapp war. Nee, für Spielerei war die Sache gar zu ernsthaft, die wollte mit Ruhe vorbedacht sein. Darum trauten die Muttern dem Sommer nicht sehr.

Und darum jammerte die Kohlstreitin insgeheim, als die Frankewirtin die Anna in die Beeren schickte, mutterseelenalleine noch dazu, wo doch sonst immer wenigstens zwei, lieber noch drei oder vier Madlen zusammen gingen. Natürlich brauchten sie für die Wirtschaft viel Beeren, sie kochten Saft davon und allerlei Eingemachtes, als Zuspeise ging das runde Jahr über viel weg. Und die Kohlstreitin wollte ja auch gewiß nicht undankbar sein, jechich doch, die Anna hatte es ja wirklich gut und übergut getroffen, die Wirtsleute waren in allem gerecht und sahen auf das Madle – nur in dem einen wäre die Mutter eben gerne noch strenger gewesen: aber es war ja nichts zu sagen, das Kind war weggegeben, jetzt hatte die Dienstherrschaft das Wort. Überdies klangen ja der Kohlstreitin noch die Ohren von der letzten Unterhaltung mit dem Seffes, dazu waren ihr die Mieter über Nacht fortgezogen, und vom Seffes selber wußte niemand, wie es mit ihm noch werden würde – er hatte mit Franke und Zwiener in die Stadt gemacht und war nicht mit zurückgekommen, das war gewiß: da half sich eben die Kohlstreitin auf die alte Art, sie flennte unter der Arbeit ein Gesetzla und opferte ihren Witwenkummer für wohltätige Meinung auf.

Die Anna aber wußte davon nichts, es konnte ihr nicht nahe gehen. Die marschierte so um die neunte Stunde, gerade als die Sonne richtig Kraft bekam, zum Keilfelsen hinauf. Das waren sonst gute anderthalb Stunden Weg, aber das Madle brauchte nur eine, dem eigenen Gewissen zuliebe, denn es hätte auch näher beim Dorfe noch gute Platzlan gehabt, und da sollte die Frankewirtin um die Zeit nicht betrogen sein.

Die Beeren dort oben waren ja wunderbar, süß wie der reine Zucker, weil sich zwischen den Felsen die Sonne so fing und richtig brütete. Da hielten die Erdbeeren länger vor, und die Blaubeeren und Himbeeren wurden früher reif – der Geruch lag ganz dick in der Luft und machte einen wirblig wie Geist.

Wenn aber die Töpflan voll waren, und man konnte sich ank die Zeit dazu nehmen, da gab es vom Felsen eine Aussicht über das ganze Tal, daß einem das Herz im Leibe lachte. Das Oberdorf lag da wie aus dem Spielzeugschachterla ausgekramt, man sah die Muttern bei den Häuslan aus und ein gehen und hörte die Kinderlan singen und quietschen. Und die Felder lagen da – grün der Klee, gelb das Korn, die Erdäpfel in heller Blüte und die Brachen dunkler dazwischen – ein Fleckla beim andern, wie auf einem Bettelmannskittel. Aber auch der herrschaftliche Wald dahinter war nicht einfarbig, da hob sich das Nadelholz gut ab von den gemischten Beständen, und jedes Fach zeigte in der Farbe sein Alter: die frischen Kulturen ließen viel Gras sehen, in den Dickungen, der Jugend und dem Stangenholz verschwand es ganz, aber zwischen dem hohen Holz kam es langsam wieder durch, und die uralten Buchen auf der Klankenlehne standen ganz im Grünen.

Ja, auf dem Keilfelsen saßen die Oberdörfler Kinder gerne und schauten und deuteten einander alles aus – immer leise, da sahen die Förster im Walde gar strenge darauf – aber so recht von Herzen zufrieden, weil es im Oberdorfe eben gar so schön war, och jeela, da hätte keines anderswo daheim sein wollen, und wenn die Häuslan noch so enge waren und das Essen so wenig und das Leben so marterlich – aber so wie das Oberdorf gab es eben doch kein zweites mehr.

Und die Anna hatte den Stolz doppelt zu Recht, weil sie ihn doch eben erst so mutig behauptet und ein Angebot zurückgewiesen hatte, das der eigenen Mutter wie das lichte Glück erschienen war. Ja, ja, die Anna war ein Oberdörfler Kind so gut wie nur eines – aber sie tat eben eine Sache nicht nur aus einem Grunde, und wäre es der beste gewesen, sie hatte immer mindestens noch einen im Rückhalt, dafür war sie schon Weib genug.

Denn nicht weit oberhalb der Keilfelsen, wo das hohe Holz anfing, war der Wind hineingefahren und hatte ein paar Dutzend Randfichten geworfen: die mußten jetzt aufgearbeitet werden, und wie es so geht, hatten doch den Platz gerade Franke und Zwiener zugewiesen bekommen, die escherten dort zwischen den Windwürfen gar unbändig herum. Für die Anna war es natürlich ausgemacht, daß sie nur gerade von Franke Rudolf ein Wörtla hören wollte, wie es tags zuvor in der Stadt drin mit dem Vormund, mit Jachimseffes, gegangen war. Mit Zwiener hatte sie nichts im Sinn, och jeela, nee, wo möchte sie denn! Aber man wußte eben nicht, wann Franke wieder ins Wirtshaus kam, und ob sie ihn dort würde gerade ablauern können, vor den Leuten hatte es seine Schwierigkeit.

Und da kroch sie eben an dem schönen Sommermorgen zwischen den Felsen herum und ärgerte sich, daß die Beeren gar so bunt durcheinanderwuchsen: es war eine rechte Not, jede Sorte für sich zu brocken, und die Anna hatte doch nicht gar viele Gedanken übrig, das Herz klopfte ihr so sehr, und das Blut sauste ihr in den Schläfen – aber das kam wohl nur davon, weil sie so hortich bergauf gesprungen war, und von dem satten Geruch ringsum, die Luft war ja so still wie in der Kirche.

Die Männer oben hatten sie gesehen, Zwiener hatte mit der Hacke gewinkt. Weiter war nichts geschehen, unter der Arbeit war keine Zeit für Fisimatenten. Aber die Anna suchte eben von den Felsen schön state bergauf, und die Männer, die gerade mit einem Stamm fertig waren, nahmen als nächsten einen vor, der bergunter gestürzt war, und wie sie sich so beim Abästen den Stamm entlang zum Wipfel vorarbeiteten, kamen sie immer weiter auf das Madle zu. Gegen Ende, wo der Stamm geringer wurde und für zwei Hacken nicht mehr Platz genug ließ, kehrte Franke Rudolf um und schleppte die Äste zu dem großen Feuer, in dem die Holzmacher tagsüber immer allen Abfall verbrannten. Da blieben die beiden für sich, und der Abstand wurde immer kleiner, sie hätten schon bald mit gewöhnlicher Stimme zusammen sprechen können, aber die Mittagsstunde war ja nicht mehr weit, so lange wollten sie noch gedulden. Unterdessen blinkerten sie einander immer wieder zu, wenn sich die Anna von dem vielen Bücken aufrichtete.

Aber da zeigte es sich ja, daß der Teufel eben nie schläft: wenn man sich's am wenigsten versieht, rührt er die Schweinerei an. Die beiden waren, er von oben, sie von unten, nahe an den Pürschsteig gekommen, der »Plischkes Sorge« genannt war, weil der frühere Adjunkt, der ihn zu vermessen gehabt hatte, bis zum letzten Augenblick in Angst gewesen war, ob er wohl mit dem Rundweg um die Koppe wieder auf den Ausgangspunkt treffen würde und nicht drunter oder drüber.

Die Anna war in Gedanken schon bei der Mittagspause, und wie sie es bewirken könnte, mit den Männern zusammenzusitzen, ohne daß es ihr zum Vorwurf gereichen konnte. Wenn jetzt nur eine Otter zwischen den Beerensträuchlan hochfahren und so recht giftig blasen täte, wie sie es zuweilen tun, da wäre der Schreck Entschuldigung genug.

Otter ließ sich keine sehen, wenn sie auch sonst um die Keilfelsen nicht gerade selten waren, dafür aber kam auf Plischkes Sorge einer dahergepürscht, so versucht leise, daß sie ihn beide erst gewahr wurden, als er schon ganz nahe war: der Adjunkte!

Der Zwiener schlug mit der Hacke so wütig auf den letzten Wipfelast, daß sie ihm vom Astknorpel weg bald ins Bein gefahren wäre. Danach machte er kurz kehrt und marschierte bergauf, aber es war leicht zu denken, was er dabei vor sich hinbremmelte, die Todsünde stand ihm ordentlich auf dem Rücken geschrieben.

Fluchen, natürlich, tat ja die Anna nicht, dafür war sie ein Madle, aber sie drehte doch so hortich vom Wege weg bergunter zu, daß ihr die Beeren bald aus den Töpflan gehoppt wären.

Dem Adjunkten hatten sie beide nichts gesagt, er war ja im Revierdienst und hatte alles Recht. Er aber hatte ihnen auch nichts zu sagen, denn Zwiener und Franke arbeiteten im Akkord, da war nichts zu kontrollieren, und die Anna hatte die Beerenmarke vom Frankewirt und ihre eigene von früher her noch dazu.

Die Anna flennte bereits im Bergunterspringen, weil alles so verquer gegangen war. Wie leicht konnte Zwiener Adolf denken, daß sie dem andern zu wissen gegeben hatte, wo sie zu finden war – Da ärgerte sie sich schon über das Weglaufen, blieb stehen und stampfte mit dem Fuß auf, daß ihr Vaters Stiefel bald davongeflogen wäre: »Wenn a m'r nachkommt und will mich abtatschen – ich klopp ihm a paare, daß er alles feurich sieht!« dachte sie und drückte sich die Fauste recht wütig vors Gesichte.

Der Adjunkte tat nichts dergleichen und pürschte schön state weiter, als hätte er im Traum keinen Gedanken an die Anna. Das war gewiß die reine Schüchternheit, aber wie es so geht: oft treffen ja gerade die das Richtige, die am wenigsten von den Madlen wissen. Der Anna paßte es jetzt doch nicht, daß er so gar keine Anstalten traf, sie schielte ihm von unten her nach und gab ihm insgeheim gar häßliche Namen, Holzbock und Strohmannla und was nicht noch. Nicht, daß ihr was an ihm gelegen gewesen wäre – aber wenn er schon dazwischengetappt war, da hätte er schon ank zeigen können, daß die Anna auch studierten Herrschaftskindern gefiel.

Nichts dergleichen – das Bürschla ging doch wahr und wahrhaftig davon. Und Zwiener Adolf – eigensinnig war er ja wie eine brutige Henne – escherte oben im Walde herum und sah nicht herunter. Die Anna wartete noch, bis der Adjunkt weit drüben um die nächste Bergnase verschwunden war, dann bückte sie sich wieder zum Beerensuchen. Sie hatte aber noch nicht lange gemacht, da fuhr sie mit einem gorgeligen Schrei in die Höhe und tat zu Tode erschreckt.

Es kam nicht gleich jemand. Zwiener Adolf hörte wohl, aber er sah Plischkes Sorge entlang, als sollte der Adjunkt gemeint sein. Der konnte ja aber nichts hören, er war doch viel zu weit weg. Da schrie die Anna zum zweiten Male, gar jämmerlich, und diesmal einen Namen: »Tolla!« schrie sie, und Zwiener Adolf sprang, als hätte ihn einer mit Brennesseln gestrichen. Denn »Tolla« hatte sie ihn als Kind gerufen, als ihr Dolfla für Adolf noch zu schwer gewesen war, und noch in der Schulzeit bei Gelegenheit, wenn sie sich recht gut vertragen hatten. Danach war es ja aus dem Brauch gekommen, aber jetzt –

Als er unten bei ihr ankam, tat sie drei Schritte zwischen die Felsen hinein, dann stand sie wieder. Zwiener merkte nicht gleich, daß sie ganz verdeckt waren, er hatte nur Augen für das Madle und fragte in größter Sorge: »Wos hot's denn, Anna?«

Da wandte sie sich ihm zu und faßte sein Gewand, drückte ihm den Kopf an die Brust und flennte ein Gesetzla; dabei deutete sie mit der gestreckten Hand hinter sich – es konnte der Adjunkt gemeint sein oder sonst etwas, und wenn sie wirklich die Otter meinte, so brauchte sie es nicht auszusprechen, die Sünde blieb ihr erspart, denn wie Zwiener sich ank bückte und den Kopf drehte, weil er sehen wollte, wohin sie zeigte, da traf er unversehens auf ihr Gesicht; und wie er von so nahe ihre Augen sah, die von den Jungferntränlan so blank gewaschen waren, da hatte er nichts mehr zu sagen, er drückte sie erst an sich, daß sie beide die Luft ausgorgelten, und danach gaben sie sich einen herzlangen Schmatz, bis ihnen der Odem noch vollends verging.

Und da war es an dem stillen Sommermittag, als hätte die Sonne mit einmal die doppelte Gewalt, und die Beeren rochen so stark, der Specht trommelte im Holze, und der Tauber rief gar laut, als freute er sich an dem guten Beispiel; unten im Tale lag das Oberdorf hingeschachtelt, und ringsherum die Berge, vertraut bis ins letzte Börnla. Und alles – die Sonne und der Himmel, die klare, stille Luft und die Vogelstimmlan, das Oberdorf im Tale und seine Berge darüber – das fiel über die beiden her, wie sie das erstemal aufsahen, daß ihnen das viele Glück bereits wehe tat und sie eins beim andern neuen Trost suchen mußten und die Gewißheit, daß das Leben wirklich wahr, och jeela, wirklich wahr so schön sein konnte.

Im Oberdorfe unten, im Schulhause, läuteten sie Mittag. Zwölf Uhr brauchte es darum nicht zu sein, das wußte jedes Kind im Dorfe, denn für die Frau Hilfslehrer, die die Glocke zu versehen hatte, war es Mittag, wenn sie ihr Essen fertig hatte: und die Leute waren es zufrieden, die Arbeit mußte ja doch getan sein, einerlei, ob vorher oder nachher, da war die genaue Uhr nicht so wichtig.

Die beiden am Keilfelsen merkten das Läuten zuerst gar nicht, das Glöckla verlor sich ganz zwischen Specht und Tauber und dem Wasserrieseln. Erst als es mit den drei kurzen Schlägen abbrach, wurden sie es gewahr; da schüttelten sie sich und lachten, faßten sich unter und wollten bergauf, wo Franke am Feuer den Kaffee wärmte. Aber bevor sie aus den Felsen hinaustraten, mußten sie sich doch ein letztes Mal recht herzlich halsen.

Franke Rudolf stand, mit dem Gesichte bergauf, über das Feuer gebückt, und sah ihnen nur flüchtig unter der Armbeuge entgegen, als sie ankamen. Die Anna zierte sich ein wenig, Zwiener aber fing ganz geradezu damit an: »Wir sein versprochen, die Anna und ich!« Da konnte Franke Rudolf nur herzhaft Glück wünschen, und von der Schicklichkeit war weiter keine Rede, es verstand sich von selbst, daß die Anna mit den beiden niedersaß und Mittag machte.

Da wurde der ganze Stadtbesuch noch einmal durchgesprochen, und die Männer verstanden es gar gut, daß der Anna die Tränlan zu laufen anfingen, weil Jachimseffes nicht heimgekommen war. »A Mann is der – da sei b'r alle grad nur rotzige Büblan dagegen!« seufzte Franke Rudolf, und die Anna schwankte schon, ob sie es erzählen dürfte, wie er sie noch am letzten Abend gelobt hatte – Aber sie kam nicht dazu, denn von der Kirche unten fing das Totenglöckla zu läuten an, da mußte alles Reden ruhen, sie schlugen jedes ein Kreuz und gedachten der armen Seele, die auf die Reise gegangen war.

Danach fingen sie zu überlegen an, wer es wohl sein mochte, man hatte von keinem Kranken gehört, also mußte der Tod wohl unversehens zugefaßt haben, vielleicht war die Maiermutter abberufen, oder der Hannichvater, so alte Leute konnte es ja zu jeder Stunde treffen. Darüber ging die Mittagspause hin, die Männer mußten an die Arbeit zurück, und auch die Anna hatte keine Zeit zu verlieren, wenn sie die Töpflan vollkriegen und zu rechter Zeit zu Hause sein wollte. So gingen sie auseinander, aber Zwiener Adolf blinkerte ihr zuerst schon noch mit den Augen zu, daß er nach Feierabend allerlei im Sinne hatte.

 

Das Totenglöckla hatte nicht der Maiermutter gegolten und nicht dem Hannichvater und überhaupt keinem, den ein Menschenkind hätte erraten mögen. Als die Anna ins Dorf hinunterkam, da hing es wie ein schweres Gewitter über den Häuslan; kaum daß die Leute Antwort gaben, wenn man ihnen die Tageszeit bot, und wie die Anna fragte, für wen sie denn geläutet hätten, da konnte sie es nicht erfahren, denn erst die Seidelmutter, danach die Frankin und noch andere tätschelten nur so mit den Händen durch die Luft und liefen eilends davon.

Da geriet die Anna schließlich in größte Angst und wollte nur schnell die Beerentöpflan im Wirtshause unterstellen und dann gleich nach Hause laufen, weil sie nicht anders dachte, als daß der Kohlstreitin etwas zugestoßen wäre. Sie fragte sich schon, ob sie sich nicht am Ende damit versündigt hatte, daß sie bei den Felsen oben gar so übermenschlich glücklich gewesen war, und ob jetzt die Strafe dafür kam – Ja, ja, das war keine seltene Weisheit im Oberdorfe, daß jede Freude Gottes Zorn herausforderte.

Und wie die Anna in der Küche der Frankewirtin in den Weg lief und auch die mit den Händen so gewiß herumtun sah, als wäre die Nachricht gar zu fürchterlich für alle Worte, da verlor das Madle vollends den Mut und flennte drauflos. Das konnte wieder die Wirtin nicht mit ansehen, setzte sich daneben auf die Ofenbank und flennte mit. Es war so ja doch die beste Erleichterung, wenn die Welt gar zu rätselhaft wurde. Für die Anna natürlich war es der letzte Beweis, daß die schlimme Nachricht sie selber anging, und sie flennte immer mehr. So dauerte es lange, ehe sie zum Reden kamen.

Dann freilich war das Mißverständnis bald aufgeklärt, und die Anna hatte Mühe, daß sie das Gesicht halbwegs in der Gewalt behielt und es nicht geradezu leuchten ließ vor Erlösung. Denn es blieb doch ein Todesfall und verlangte seine Achtung nach Gebühr, wenn auch –

Der Lippes war gestorben – und es war viel Geheimnis darum, niemand konnte sagen, was da wohl nachkommen mochte. Nach dem Mittagessen hatte es ihn überfallen, so wild und unversehens, daß er vor Schmerzen die Wände hochgesprungen war, der Schaum war ihm vor Mund und Nase gestanden, und gebrüllt hatte er zum Gotterbarmen. Eine gute Stunde hatte die Marter gedauert – ein jammervoller Tod! Ein paar Nachbarn hatten ihn halten müssen, damit ihm der Herr Pfarrer hatte die letzte Wegzehrung reichen können; aber danach hatte er weitergetobt bis zum Ende.

Was ihm gefehlt hatte? O heilige Mutter Anna – man traute sich völlig nicht, es auch nur halbwegs anzudeuten, es war ja gar zu grausig!

Am Vormittage war der Lippes noch beim Aabier gewesen und hatte sich die Flasche mit Pferdefluid geliehen, weil sein Fuchs das Reißen im Hinterbein hatte und eine Einreibung brauchte. Und der Aabier hatte ihm noch gesagt, er sollte die Flasche gut verwahren, weil das Zeug so mörderlich scharf wäre –

Die Flasche hatte sich leer gefunden – Kaluppwerner aber, der Kutscher, wußte nichts davon, daß der Fuchs das Reißen haben sollte, und auch nichts von einer Einreibung, wohl aber hatte er gesehen, wie der Bürgermeister aus einer Flasche braunes Zeug in die Erdäpfelsuppe geschüttet hatte. Das wußte aber wieder die Haushälterin, daß das braune Zeug die Kräutertunke gewesen war, die der Bürgermeister gerne zu allen Gerichten brauchte. Und Schädliches konnte es so nicht gewesen sein, weil sie und der Kutscher ja mitgegessen hatten und gesund geblieben waren; und der Bürgermeister hatte auch weitaus am wenigsten gegessen, kaum gekostet hatte er.

Aber gewiß war es, daß der Bürgermeister schon vom Vortage an ganz verwandelt gewesen war, seit er eben erfahren hatte, daß Jachimseffes mit Franke Rudolf und Zwiener Adolf in die Stadt gegangen und dort geblieben war. Da hatte er viel Neugier verraten und drei Fegalan als Belohnung ausgesetzt, wenn ihm jemand die Sache auskundschaften wollte. Aber es hatte sich's keiner verdienen wollen, denn Franke und Zwiener hatten gleich den ersten Fragern beim Heimkommen gar bitterböse heimgeleuchtet.

So gab es viel Vermutung über den Tod, und die Leute waren zu Hauf vor dem Hause gestanden und hatten manches beredet, bis der Herr Pfarrer über die Straße gekommen und unter sie getreten war und es ihnen sehr zornig verwiesen hatte: es sollte sich jeder hüten, den ersten Stein zu werfen, und wehe dem, der Ärgernis gibt.

Da waren die Leute alle in ihre Häuslan zurückgerannt, aber insgeheim war jeder nur noch sicherer, daß ein schweres Geheimnis dabei war, denn für nichts wurde der Herr Pfarrer nicht so böse.

Och jeela – wenn das Dorf hätte erfahren können, was die Anna den gleichen Abend noch von Zwiener zu hören bekam – da wären die Plappern wohl die ganze Nacht nicht stillgestanden. Denn Zwiener und Franke natürlich, die konnten sich da einen andern Vers machen, und wenn sie sich schon dem Dorf gegenüber an den Befehl des Regierungsrates hielten, da durfte doch Zwiener seinem Madle vertrauen.

Die Anna erschrak ja auch und legte die gekreuzten Zeigefinger an die Lippen und schüttelte den Kopf, alles wie es sich gehörte. Aber dann kam doch wieder mehr die Bewunderung durch, daß ihr Adolf war zu einer so gewaltigen Sache ausersehen worden, ja, und an den armen Seffes mußten sie beide denken, dem gar manches hätte erspart bleiben mögen, wenn der Bürgermeister sich früher verraten hätte. Dann holte der Zwiener tief Atem und meinte, jetzt sollte es richtig vorangehen im Oberdorfe, dafür sei vorgesorgt, und die Anna glaubte es von Herzen und gab ihm gerne einen Vorschuß auf die guten Zeiten.

Und so ging es dasmal schneller noch als sonst, daß die Lebendigen alles Recht für sich hatten.

 

Alle Neugier und Vermutung über Lippesens Tod war zuschanden geworden: sie hatten den Mann ganz nach dem Brauch hergerichtet und aufgebahrt und am dritten Tage recht feierlich begraben. Der Kriegerverein und die Feuerwehr hatten ausrücken müssen, und der Herr Pfarrer hatte das schönste Chorhemd angehabt, das ihm der Jungfrauenverein eigens für die hohen Anlässe gehäkelt hatte. Und der Herr Oberförster hatte den Holzmachern erklärt, sie könnten ruhig zum Begräbnis gehen, der Lohntag würde ihnen von der Herrschaft dennoch bezahlt.

Und da hatte sich ja wirklich das ganze Oberdorf auf dem Kirchhofe versammelt, auch aus dem Mittel- und dem Unterdorfe waren viele gekommen, nur aus der Stadt niemand, und das war wohl ank wunderlich: denn wie vor Jahren der Bürgermeister vom Mitteldorfe, der alte Pompe, gestorben war, da hatte der Herr Regierungsrat aus der Stadt einen Vertreter geschickt.

Es gab auch sonst noch Gerede, denn als erste hinter dem Sarge waren die Haushälterin und der Kaluppwerner einhergegangen – gut und schön, sie waren der ganze Hausstand, der Lippes hatte sonst keine Angehörigen hinterlassen – aber da hätte doch noch den Gemeindeältesten der Vortritt gebührt!

Und mit der Hinterlassenschaft war es ja überhaupt ganz verkehrt gegangen – der Lippes hatte in der Todesstunde der Haushälterin und dem Kutscher jedem einen Jahreslohn, alles andre aber in Bausch und Bogen der Kirche vermacht und den Herrn Pfarrer zum Treuhänder bestellt. Solang die Leiche über der Erde war, hatten die Leute darüber nur gewispert, aber gleich nach dem Begräbnis hätte es bald Streit gegeben, wie sich herausstellte, daß nicht einmal für den Leichentrunk vorgesorgt war: die Wirte waren selbst sehr böse darüber und erzählten es allen, der Herr Pfarrer habe nichts davon wissen wollen, mit Stiftungsgeld der Liederlichkeit Vorschub zu leisten!

Ine du verfl–ogener Zeisig – das fuhr den Leuten aber doch schon sehr ins Gedärme, und der Herr Pfarrer mußte es gewahr werden, daß er sich ank zuviel Kraut herausgenommen hatte.

Denn die Holzmacher waren trotzig geworden, hatten zusammengelegt und aus eigenem beim Frankewirt ein Faßla Bier anstechen lassen. Und wie sie erst dabei waren und in den Zorn hineingetrunken hatten, da war, ein Wort zum andern, eine gar bitterböse Nachrede zustande gekommen, sie hatten dem Lippes alles nachgerechnet, was er versehen hatte, und mehr als alles hatten sie es ihm verübelt, daß das viele Geld an die Kirche gekommen war und nicht an die Gemeinde.

Da hatten manche von den Männern Redensarten gebraucht, daß die Frankewirtin sich weinend in ihre Küche eingeschlossen hatte, weil ihr die Art von Leichentrunk gegen alle Natur ging, und auch dem Wirt selber paßte seine Haut nicht mehr recht, denn wenn auch Lippes weg war, so blieb der Herr Pfarrer doch noch zu fürchten. Aber zu sagen traute er auch nichts, denn dasmal gab es keine Parteiung, die man hätte ausnützen können: die Männer waren einer wie der andere der gleichen Meinung.

Da war es wie eine Erlösung gekommen, daß Franke und Zwiener zur Ruhe gemahnt und den vielen Zorn vom Lippes weggedreht hatten: »Der hat etz schon alle Rechenschaft hinter sich, da brauchen wir uns um nischt meh bekümmern!« sagten sie. Aber das Oberdorf war ja noch da, und die Männer sollten lieber bedenken, wie sie der Gemeinde voranhelfen könnten, anstatt den Toten zu lästern. Die alten Gerechtigkeiten mußten her: Jachimseffes hatte den Weg gewiesen, hatte viel Undank erfahren dafür und doch bis zuletzt treu zur Gemeinde gehalten. Jetzt sollte die Gemeinde zu seinem Plan halten, das wäre die beste Ehrenrettung für ihn und das beste Urteil über den Lippes, der sich immer widersetzt hatte –

Und dabei war schon die alte Eingabe auf den Tisch geflattert, die noch von Seffes aufgesetzt worden und mit ihm von Franke, Zwiener und von Plischkefuhrmann unterschrieben war. Und dasmal ging es anders damit: sie waren so sehr beim Zorne gepackt, daß die meisten wirklich ihren Namen druntermalten und die paare, die vielleicht gerne zurückgezuppt hätten, wie der Grögerschuster, schließlich auch noch dazubrachten.

Und wie Franke und Zwiener das erste Wort in der Sache gehabt hatten, so behielten sie auch das letzte, denn es war wie selbstverständlich, daß es ihnen zufiel, die Eingabe zum Herrn Oberförster zu bringen. Damit hatten sie es gar sehr eilig, denn sie kannten ihre Leute und scheuten die Muttern: die sollten keine Zeit mehr haben, die Sache zu verreden.

Der Herr Oberförster schmunzelte nur so, als sie noch am Abend zu ihm kamen, und nahm ihnen das Papier gar gnädig ab: »Ihr geht ja versucht scharf ins Zeug, ihr Teufelsappermenter«, sprach er. »Na, an mir soll's nie fehlen! Aber vergeßt nur den Herrn Pfarrer nie, der kann viel schaden! Ihr müßt es eben recht geschickt anstellen – nee, ich sag nischt meh, das denkt euch nur selber aus! Und weh euch, wenn ihr nur ein Sterbenswörtla über mich erwähnt! Gott befohlen!«

Da hatten Franke und Zwiener sich eine ganze Weile im buschigen Vorgarten der Oberförsterei verhalten und recht herzlich bedauert, daß der Seffes nicht da war, der sich auf die halben Wörter so gut verstand. Aber schließlich kamen sie wohl auch selber dahinter, was der alte Schubert gemeint haben konnte, und marschierten schnurstracks weiter zum Herrn Pfarrer.

Es hat ja niemand mitangehört, was sie mit dem zu bereden hatten, Franke und Zwiener haben davon keinem Mitteilung gemacht, und vom Herrn Pfarrer ist auch nichts bekannt worden. Aber eine harte Sache muß es gewesen sein, denn der Herr Pfarrer ging danach die ganze Woche nicht mehr aus dem Hause und war sehr mitgenommen, so viel kam durch das Fräulein Lina herum.

Franke und Zwiener hatten ja auch glitzerige Augen und rote Ohrwaschlan, als sie aus dem Pfarrhause kamen, aber sie marschierten doch so kuraschiert im Dorfe hinauf und nahmen sich im Vorbeigehen noch Zeit, dem Herrn Oberförster zu melden, der Herr Pfarrer habe sich ja sehr gefreut, wie er die näheren Umstände alle so erfahren habe, und wünsche der Gemeinde Glück und Segen und gutes Gelingen für das neue Vorhaben, ja, und die heutige Zeche beim Frankewirt wolle er bezahlen, das könne er doch wohl auf sein Gewissen nehmen.

Der alte Schubert lachte ganz unverhohlen, so auf seine Art, daß die Fenster mitklirrten, und meinte dazu: »Ihr seid schon die Richtigen – euch hat Friede Seffes gut ausgesucht!«

Da wurden aber die beiden augenblicklich ernst, und Franke Rudolf sprach mit allem Gewichte: »Herr Oberförster – dam Manne gebührt das ganze Verdienst – wir sein och grade armselige Handlanger, und er der Baumeister!« Und der Oberförster verstand es gut, denn er schlug ihnen beiden auf die Schulter und drückte ihnen die Hand. Aber dann hatte er noch etwas anzumerken: auf der Eingabe fehlte eine Unterschrift – die vom Zeugschmiededeward, und wenn er auch nicht der Beste war, so war ohne ihn die Gemeinde eben doch nicht vollzählig, und das konnte zum Schaden sein.

Franke und Zwiener sahen einander an: ja, den Kerle hatten sie vergessen! Auf dem Kirchhofe war er noch mitgewesen, aber im Wirtshause wohl nicht mehr, es hatte ihn ja auch niemand weiter vermißt. »Dürfen w'r 'n glei noch harbringen, daß er hier unterschreibt?« wollte Franke wissen, aber der Oberförster schlug es ab, nein, das konnte übel vermerkt werden, die Eingabe mußte außerhalb der Kanzlei zustande kommen. Damit reichte er ihnen das Papier wieder hin.

Franke nahm es und wandte sich zum Gehen: »Ich bin glei wieder da!« Doch der Oberförster wiegte den Kopf: »Seid nur nie gar zu sicher, Mannlan, mir is so, als hätt ich was gehört, daß Edeward gar nie sehr eingenommen is dafür!«

»Edeward?« fragten die beiden wie aus einem Munde. »Dar soll sich och fürsahn!« Und draußen waren sie.

Wie sie so hortich im Dorfe hinaufpreschten, da war es, als ob der Wind das Zornfünkla erst richtig anbliese, denn sie waren noch nicht im halben Oberdorfe, da hatten sie schon jeder eine Galle wie ein Hafersack. Wenn der Malefizkerle nur gerade ein paar Tage Aufenthalt zuwege brachte, da war schon alles in Gefahr, die Leute waren eben doch ängstlich und zweifelhaft im Grunde. Seit Seffes fort war, mußten Tag für Tag die vielen Fremden fortgeschickt werden; da hatte gar mancher, der vorher über den Flurschaden geschimpft hatte, sich bedacht, daß doch auch allerlei Vorteil drangehangen hatte. Wenn jetzt Edeward offenen Widerpart gab, da konnte er vielleicht den und jenen auf seine Seite ziehen und von der Gemeinschaftssache abwendig machen. Edeward hatte ja alles auf die Fremden gesetzt, wenn die jetzt wegblieben, da konnte er von seinem verwüsteten Grasgarten noch nicht einmal eine Ziege über den Winter füttern. Da war er wohl erst recht wütig auf das Dorf und würde den Leuten gern etwas zu Fleiße tun.

Aber an Edewarden sollte es nicht scheitern, dazu war der Kerle zu gering, es hatten ja ganz andre als er beigeben müssen, zuletzt noch der Herr Pfarrer selber, das war keine kleine Kunst gewesen. Edewardla, sieh dich vor!

Bei aller Wut nahmen sich die beiden doch noch die Zeit, zum Frankewirt hineinzuspringen und die Nachricht bekanntzumachen, daß der Herr Pfarrer die Zeche bezahlen wollte. Das gab einen großen Jubel, denn das erste Faßla war leer, und gegessen hätte jeder auch gerne etwas, und so wurde es mit Anzapfen und lauter Hin und Her nicht bemerkt, daß Franke und Zwiener gleich wieder verschwanden.

Es wurde schnell dunkel, wie sie weiterrannten, denn der Himmel war verhangen, und vom Kamme zog der Nebel herunter. Die Häuslan lagen eines wie das andre im Finstern, und darum waren die beiden doppelt überrascht, als sie gerade bei Edewarden Licht brennen sahen, der doch sonst den größten Anlaß zur Sparsamkeit hatte.

Warum sie es taten, das wußten sie danach beide nicht zu sagen, es war ja gegen allen Brauch: aber wie auf Kommando hörten sie beide das Trappen auf und pürschten so eminent leise näher, daß jeder Förster die lichte Freude daran gehabt hätte. Sie wollten eben innewerden, was im Gange war, denn das Licht brannte nicht in der Stube und nicht in der Kammer, sondern im Altenstübla – und wer hatte um die Stunde dort etwas zu suchen?

Aber wenn sie auch allerlei in der Nase hatten – das, was sie jetzt gewahr wurden, hätten sie nie erwartet. Sie wollten es zuerst gar nicht glauben, weil sie ja nur den Ohren vertrauen mußten, und da ist ja die Täuschung leichter. Die Fensterlan nämlich waren dicht verhangen, man sah kein Brinkala durch, aber die Stimmen klangen heraus. Und das waren nicht zwei, von Edeward und der Seinigen, sondern noch zwei andre dazu, auch ein Paarla, und der Mann sprach so fremdländisch, daß er wahrhaftig leicht zu kennen war, wenn es auch ganz unmöglich schien, daß er noch sollte im Oberdorfe anzutreffen sein.

Und es war doch so: Die Karline war mit dem Ihrigen zurückgekommen und wollte gerade mit Edewarden alles ausmachen. Weil drüben die Kinder schliefen, hatten sie sich im Altenstübla zusammengesetzt, und da fühlten sie sich so sicher, daß die Karline ganz laut sprach: Der Seffes saß ja fest, der hatte nichts mehr mitzureden, der Lippes war auch nicht mehr zu fürchten, und bis die Holzköpfe im Oberdorfe sich geeinigt hätten, konnte die Heildokterei auf die neue Art so schön im Gange sein, daß danach niemand mehr was auszusetzen fand. Jetzt war noch alles zu retten, es kamen immer noch Fremde, und man brauchte sie nur anzunehmen und Botschaft hinauszuschicken, da kamen bald wieder so viele wie zuvor und vielleicht noch mehr. Das viele schöne Geld sollte der Gemeinde nicht verlorengehen, und wenn die Kohlstreitin so dumm war und immer noch vor dem Seffes und seiner Freundschaft Angst hatte und die Wohnung nicht wieder vermieten wollte, da war doch Edeward aus andrem Holze und hatte mehr Blick für den wahren Vorteil.

Franke und Zwiener standen draußen gegen die Fensterwand gedrückt und trauten einander kaum anzusehen, weil sie meinten, es könnten ihnen die hellen Funken aus den Augen fahren. Sie hielten noch so lange aus, bis sie hörten, daß Edeward mit den andern handelseins wurde, wenn auch seine Frau ank forchtich tat, wegen der Feindschaft im Dorfe. Wie aber Karline und die beiden Männer sie recht herzhaft dafür auslachten, zog Franke Zwienern am Arme fort bis um die Stallecke und beriet sich mit ihm.

Was zu geschehen hatte, wußten sie gleich, nur ob sie es alleine vollbringen oder Hilfe holen sollten, das war noch zu bedenken.

Aber dann beschlossen sie doch, daß sie nur zu zweit bleiben wollten – je weniger von der Sache erfuhren, desto besser war es ja. Die Kohlstreitin hatte dem Seffes die Treue gehalten, das rechneten sie ihr hoch an – aber ob alle andern auch so gut bestanden? Nein, die Einigkeit war noch zu jung, die konnte noch keine große Probe erleiden. Besser war es schon, es wurde erst gar niemand in Versuchung geführt.

Sie überlegten noch, wie sie es am besten anstellen sollten, da war es, als hätten ihnen die Nothelfer beistehen wollen: der Karline Ihrer hatte genug von dem Flaschenbiere, das er den andern aufgewartet hatte, und kam nach dem Wetter sehen. Aber er hatte noch keine zwei Schritte vor die Türe getan, da hatten ihn die beiden schon beim Schlafitt, zogen ihn ank weiter fort und deutschten ihm die ganze Sache richtig aus, daß ihm der neue Wind im Oberdorfe doch zu scharf wäre und daß er doch der eigenen Gesundheit zuliebe gleich fortmachen sollte. »Stantepeh, Mannla, laß d'r gut raten!« wisperte Franke und unterstrich jedes Wort. »Eine Stunde Zeit hast de – wann w'r dich dann noch antreffen, da binden w'r dich wie a Stücke Vieh und treiben dich zum Gericht ei de Stadt!« fuhr Zwiener fort und setzte die Punkte.

»A Mann wie Seffes sollte eingesperrt sein, und a fettes Raudenoos wie du tät sich im Oberdorfe einnisten?« fragten sie noch und schüttelten ihn, daß er den Plan und sonst noch manches fallen ließ.

Aber da kamen Stimmen von der Haustüre, man hörte die Karline ungeduldig fragen: »Wo bleibst de denn, wos hot's denn?«

Franke und Zwiener gaben dem Kerle einen letzten Schwung, daß er wie ein nasses Hemde auf den Misthaufen klatschte. Dann waren sie mit zwei Sätzen an der Türe, drängten den Edeward ins Häusla und schickten nur die Karline hinaus, sie sollte den Ihrigen aufklauben und sich nur ja recht hortich davonmachen. In einer Stunde kämen sie nachsehen, und dann gnade Gott!

Der Edeward wollte aufbegehren, aber er konnte nichts damit bezwecken, Franke Rudolf sagte ihm sein Teil. Anfassen wollten sie ihn nicht, wie den dort draußen, der jetzt wohl vierzehn Tage oder noch länger alle Knochen spüren würde. Denn der Edeward war ja vom Oberdorfe daheim und hatte Unglück gehabt, und wenn er durch Trotz ank abseits geraten war: jetzt war die Stunde, unter alles Vergangene den Strich zu ziehen und neu anzufangen.

»Halt dich zu der Gemeinschaft, da wirst de immer gehalten sein – das war Jachimseffes sein liebstes Wort, und daran will ich dich gemahnen, Edeward! Komm zu uns und hilf mit, es soll d'r kenner was nachtrahn, dafür steh ich d'r gut! Und um den Winter sorg dich nie, der Seffes hat mir's eigens aufgetragen, daß ich in seinem Namen sollte nach euch schauen! Na – Edeward?«

Man sah es wohl, wie es in dem Mann arbeitete, aber er war zu lange für sich gewesen, da fand er nicht so leicht zurück. Und vielleicht hing es nur an einem Haare, daß er sich neuerlich verbockt hätte – aber da wischte die Edewardin aus der Kammertüre, hinter der sie alles mitangehört hatte, und machte es auf ihre Art klar, daß sie zum Dorfe gehören wollte, und daß ihr Mann, in Gottes Namen, ja doch zu ihr gehörte! Aber wie sie noch schimpfte und unbändig tat und kein gutes Haar an dem Manne ließ, der sie mit der Besonderheit so lange gepeinigt hatte, da sprang ihr doch mit einmal die Flenne aus den Augen, und sie mußte ihn ank halsen, weil nun alles wieder in Frieden war. Und wie Edeward danach mit der linken Hand seine Kreuzlan unter die Eingabe malte, da sprang auch ihm ein Tröpfla über die Nase aufs Papier. Er erschrak gar sehr und wollte es wegwischen, aber Franke Rudolf litt es nicht und sagte, das sei das schönste Siegel.

Dann rannten sie zu dritt davon, denn Edeward sollte im Wirtshause auch sein Teil haben, und nahmen sich nur noch die Zeit, auf dem Misthaufen und rings ums Haus nachzusehen. Aber da war alles leer, die Kur hatte gut gewirkt.

Wie danach der Herr Oberförster das nasse Fleckla gewahrte und erfuhr, wie es hingekommen war, da glitzerten ihm selber die Augen hinter der Brille, als hätte er scharfen Geist getrunken. Und vielleicht der Ausrede halber, oder nur so aus gutem Herzen, goß er den beiden zwei unmäßige Glaslan voll und sich selber das dritte und stieß mit ihnen an: »Auf das Oberdorf, Leutlan!« Da konnten sie gerne Bescheid tun.

Im Wirtshause oben mußten sich die beiden auch noch zeigen, und dort trafen sie ja die Männer so fröhlich an wie die Katzlan. Der Edeward war ganz großartig aufgenommen, und vor lauter Freude – und weil er vielleicht auch das Trinken nicht mehr in der Gewohnheit hatte – war er ins Singen geraten, und dasmal war es ein Lied, das sonst selten gehört wurde:

»Herr Pfarr, das is a Teufelsweib, was Ihr m'r angetreut,
Sie ärgert mir die Seel vom Leib in aner korzen Zeit!
Man därf ja nie a Wörtla sagen, da werd m'r glei ufs Maul geschlagen,
Herr Pfarr, das is a Teufelsweib, was Ihr m'r angetreut!«

Da lachten die Männer gar unbändig, weil alles so schön paßte, und der Edeward mußte die unzählbar vielen Gesätzlan eins ums andre singen, und die Freude wurde immer größer.

Im dunklen Stallgang draußen hörte man auch jedes Wort, aber die Anna war nicht so einverstanden damit: »Wie lange wird's dauern, bis du auch so mitsingst?«

Zwiener Adolf hatte schon die richtige Antwort auf die Frage, er schloß ihr eben den Mund. Aber nach einer Weile mußten sie doch wieder Luft holen, und da sang Edeward gerade den Schluß:

»Und springt amol a Ferzla raus, da schmeißt se mich zum Bette naus –
Herr Pfarr, das is a Teufelsweib, was Ihr m'r angetreut!«

Da bog sich Zwiener herunter und wisperte: »Wann ich och erst drinne wär, eim Bette, ich tät schon aufpassen!«, und sie schlug nach ihm, aber es klatschte nur und tat nicht weh.

 

Nach den Himbeeren fingen auch die Pilze an, und zugleich kamen die Hirsche in die Feiste, da wurden an zwei Tagen die großen Kavaliersjagden abgehalten, mit unendlich viel Herrichtung und Escherment. Von den Büblan, die gerade aus der Schule waren, bis zu den ganz Alten waren alle Mannsleute auf den Beinen, und in dem Jahre durfte auch der Edeward wieder als Treiber mitgehen, das rechneten die Leute dem Herrn Oberförster hoch an.

Mit dem Herrn Oberförster war es ja überhaupt so, daß die Leute schon trübetümplich wurden und mit den Köpfen wackelten, wenn nur auf ihn die Rede kam: sie konnten und konnten es nicht verwinden, daß die Zeit schon so nahe war, wo er für immer vom Oberdorfe fortsollte. Von den Muttern ließ mehr als eine ein Tränla kullern, aber auch die Holzmacher wußten nicht, wie es werden sollte: »Kee setter kimmt nimmeh!« Die Grobheit war vergessen, denn die letzte Guttat überwog doch alles: die Eingabe war im Gange und hatte gute Aussicht, weil der Herr Oberförster von sich aus ein Zeugnis dazugegeben hatte, so wie bisher ginge es nicht weiter, die Leute könnten so nicht leben und nicht sterben.

So hielt die eine große Hoffnung vor, wenn auch manche kleine zuschanden wurde. Bei den Jagden wurde damals nicht schlecht geschossen, vier Hirsche am ersten Tag und drei am zweiten, darunter ein ganz kapitaler Zwölfer, der sein gutes Trinkgeld wert gewesen wäre. Aber wie es so geht: der glückliche Schütze war eine Erlaucht, ein gar großmächtiger Herr, und der dachte wohl, wenn er den Treibern gnädig zunickte, da wäre es Belohnung genug. Und dabei hatte es die Nacht zuvor geregnet, und den Treibern klatschten von dem Durchkriechen durch die nassen Dickungen die Klunkern nur so am Leibe. Aber dafür hatte der hohe Herr keine Augen, er selber war ja schön trocken geblieben.

Eingemahnt durfte das Trinkgeld nicht werden, das war strengstens verboten, und der Oberförster selber hätte keinen schützen können, der sich da vergangen hätte. Aber wie am zweiten Tage die Strecke besichtigt wurde, und die Erlaucht, die schon tags zuvor geschossen hatte, auf einen guten Achterhirsch deutete und so gewiß meckerig, wie sie es in der Art hatte, dazu sprach: »Ehem – ein ganz hübsches Geweih – ehem!« da kam mitten aus dem Treiberhaufen eine grobe Stimme: »Hübsch? Hübsch is a Weiberarsch!« Es wollte es natürlich keiner gewesen sein, Kreuzer Johann, der Treiberführer, verschwor sich hoch und teuer, er hätte überhaupt nichts gehört; wie sich aber der hohe Herr gar nicht zufrieden geben wollte, da fragte ihn der Oberförster geradezu: »Na, Erlaucht, ist's denn am Ende nie wahr? Is er nie hübsch?« Und da lachten die andern Herrn so sehr, daß es wohl oder übel sein Bewenden haben mußte. Aber die zehn Gulden Trinkgeld war der Spaß eben doch nicht wert.

Von den andern Hirschen hatte einen der Apotheker aus der Stadt geschossen, einen der Forstmeister und einen, auf dem Rückwechsel, gar der Schwarze Vogel – da war für die Treiber keine große Verehrung zu verteilen, kaum daß für jeden zwei Fegalan übrigblieben, daß sie sich die Erkältung aus den Knochen treiben konnten.

Dafür hatte es wieder unmenschlich viel Pilze in dem Jahre, die Leute schleppten Waschkörbe voll aus dem Walde, vor allen Häuslan sah man sie geschnitzelt zum Trocknen liegen, und der Edeward mußte alle zwei Tage mit dem großen Handwagen in die Stadt zum Markte fahren. Das gab ein paar willkommene Kreuzerlan.

Aber die Erdäpfel hätten wohl um die Blütezeit mehr Regen gebraucht – sie waren frühreif und gaben wenig her, es waren gar zuviel kleine darunter. Da hatten die Leute unterm Hacken viel zu jammern, aber insgeheim wußten sie ja schon, daß das Korn ganz außergewöhnlich geraten war und den Schaden überwog. Und die Brombeeren und Preiselbeeren gerieten auch gut und gaben einen ganz schönen Erlös. So wäre es, eins ins andre gerechnet, kein schlechtes Jahr gewesen, obzwar die Hirschbrunst verregnete und nur ein Gast zu Schusse kam und fehlte; aber der ließ doch fünf Gulden Trinkgeld da, ein schöner Zug von dem Mann.

Kein schlechtes Jahr soweit, bei aller Außergewöhnlichkeit – aber die letzte Entscheidung stand ja noch aus, es hing alles davon ab, wie die Herrschaftskanzlei die Eingabe bescheiden würde. Wenn das Kapitel nein sagte, da war gleich ausgestritten, und alle Hoffnung zuschanden. Manche von den Leuten wurden ungeduldig und fragten die Maiermutter um ihre Meinung, und die wollte ihnen ja nicht gerade Angst machen, aber sie traute den Herren doch nicht und bremmelte nur so zweifelhaft daher: »Dar Silvester, Leutlan, dar Silvester!« Das wollte kaum noch jemand gelten lassen, der Silvester war ja so lange vorbei und der nächste nicht mehr allzu weit. Und Silvester hin oder her – es waren doch auch Dinge vollbracht worden, wie sie kurz zuvor noch keiner geträumt hätte, die blieben ja doch auf jeden Fall bestehen.

Da war es eine große Aufmunterung, wie der Oberförster kurz nach der Brunft, zu Anfang Oktober, unter der Hand durchsagen ließ, die Leute sollten sich mit der Herbstarbeit beeilen, damit sie noch vor dem Schnee die Hände frei hätten! Och du grundgütiger Himmelvater, das sah ja wirklich aus, wie wenn –

Es wollte es keiner zu Ende sprechen, damit der Teufel nicht erst den Schwanz dazugeben und alles verderben sollte, aber sie packten mit der Gewalt an, wie es selbst im Oberdorfe noch nie erhört worden war. Da wurde gefuhrwerkt und geackert, geeggt, gesät und wieder geeggt und dazwischen das Nötigste gedroschen – die Tage wurden immer zu kurz.

Aber für niemand waren sie länger als für die Anka, darüber war nur eine Meinung im Dorfe: Das Weib schund sich das Lebendige aus den Knochen, sie war so verbissen in die Arbeit, daß sie gar nicht mehr davon lassen konnte. Da war keiner mehr, der auch nur insgeheim hätte bedenken mögen, ob sie vielleicht früherzeit etwas verfehlt hatte. Jetzt war es ja offenbar, daß sie es mit der Arbeit gut machen wollte und die ganze Ehre hineingesetzt hatte, daß der Mann, wenn er wiederkam, nicht das kleinste Versäumnis vorfinden sollte.

Wie lange der Seffes noch fortbleiben würde, wußte niemand. Sie war wohl zweimal in der Stadt gewesen, aber sie hatte nichts erzählt, und geradezu fragen wollte niemand. Nur so von ungefähr war es herumgekommen, daß sie den Seffes in die Hauptstadt gebracht hatten, und daß die Untersuchung noch weiterging.

Es hätte alles längst vorbei sein können, und sie hätten ihn vielleicht schon in der Stadt freigelassen, wenn er nur nicht so darauf beharrt hätte, daß die Verantwortung für die Karline auf ihm lag, und lieber ank Ausrede gebraucht hätte. Aber fürs Lügen war ja Seffes nie gewesen, dafür kannten ihn alle.

Es kam auch Nachricht, daß der Amtsarzt gar sehr krank war und wohl kein Weihnachtsbrot mehr essen würde: der Herr Oberförster sollte die hellen Tränen in den Augen gehabt haben, wie er nach dem letzten Besuch in der Stadt in den Wagen gestiegen war, das hatte Kutscherfranz im Dorfe erzählt. Und Magenkrebs sollte es sein, die fressenden Schwäre, die den Menschen bis aufs letzte verzehren. Da gab es freilich keine Rettung.

Danach war der Herr Oberförster gar sehr bedrückt und fuhr öfters in die Stadt, aber er vergaß darum die Oberdörfler nicht und ermahnte sie immer wieder, sie sollten sich bereit halten. Das hätten die Leute auch gerne getan, aber stellenweise ging es um den Mist: von dem wenigen Viehe waren die Misthaufen nicht gar zu groß und reichten oft nicht für alle Äcker, und dann mußte eben gewartet werden, bis wieder etwas zusammengekommen war, das lag nicht an den Menschen. Und darum war die Feldarbeit doch nicht überall ganz getan, als eines Tages von der Kanzlei die Weisung einlief, Olbrichts Grund, der Karnickelplan und die Börnlalehne, das waren der Süd- und Südosthang des Bielberges, sollten kahl geschlagen und die Stöcke zur Rodung vergeben werden: das war ein sicheres Anzeichen, denn die Bestände wären an sich gar nicht schlagreif gewesen, und das Stöckeroden war überhaupt nicht der Brauch. Es wäre ja natürlich schöner gewesen, wenn die Herrschaft gleich richtig einbekannt hätte, wie sie gesonnen war, aber Franke Rudolf, der solange den Bürgermeister machte, wenn auch die Wahl vom Amte noch nicht bestätigt war, der ließ keine Zweifel gelten und sagte den Leuten, jetzt müßten sie es eben beweisen, daß ihnen die neue Rodung wirklich am Herzen lag, das wäre die letzte Probe. Und das ließen sich auch alle gesagt sein.

 

Es war tiefer Herbst, als der Seffes endlich aus dem Zuge stieg, mit dem er von der Hauptstadt gekommen war. Der Bahnhof lag über der Stadt, man konnte sehen, wie sich die drei Dörfer das Tal hinaufzogen, bis zu den vertrauten Bergen weit hinten, Keil, Nesselkamm, Gabel und dem Urlich mit dem kahlen Köppla. Da stand der Seffes erst einmal still und sah sich satt und schnupperte dabei, ob der Wind wohl auch schon ein Rüchla von der Oberdörfer Luft mitführte; aber das konnte ja nicht sein, es war zuviel Kohlenrauch ringsum, der ließ nichts durch.

Gleich hinter dem Bahnhof ging ein Richtweg über die Felder, der die Fahrstraße erst weit im Unterdorfe traf und ein gutes Stück abschnitt. Der Seffes hatte schon die ersten Schritte getan, da besann er sich und ging in die Stadt hinunter, zu Dr. Frenzels Hause. Er klinkte am Wartezimmer, aber die Türe war versperrt, er mußte läuten. Nach einer Weile kam das Stubenmädchen und wollte ihn kurzerhand wegschicken: »Es ist keine Sprechstunde!« Erst als er beharrte, gab sie bessere Auskunft, der Herr Amtsarzt sei krank, sehr krank, jawohl. Zu ihm? Nein, ausgeschlossen, niemand dürfe zu ihm, der Priester sei schon dagewesen –

Der Seffes wollte wenigstens einen Gruß bestellt haben, aber das Mädchen war ungewiß, ob das noch gelingen würde: »Der Herr Amtsarzt erkennt niemanden, nicht einmal die Gnädige!« sagte sie.

Da mußte sich der Seffes zufrieden geben und schickte nur in Gedanken aus aller Kraft den Wunsch hinauf, das Ende sollte gnädig sein und der Tod möchte nicht lange lauern und quälen, sondern grob und geradezu eintreten, wie der Mann selber gewesen war.

Dann wandte er sich zum Gehen. Wie er bei Nitschalex am Markte vorbeikam, rief ihn jemand aus der Türe an, und er wollte zuerst gar nichts darauf geben, weil ihm der Sinn nicht nach Einkehren stand. Heim wollte er, sonst nichts, wenn er sich auch nicht angemeldet hatte, weil es mit der Entlassung schließlich doch schneller gegangen war. Nur heim.

Aber da rief der Mensch hinter ihm nochmals und kam auch gleich nachgetrappt, daß er doch umsehen mußte: ein rechter Vagabund, dunkel verbrannt im Gesicht, so viel der Stoppelbart davon sehen ließ; Kleider und Schuhe abgerissen und verstaubt – es konnte nur einer sein, der ihn von dort unten her kannte, vom Gefängnis her. Und dabei stieg ihm das Blut zu Gesicht vor Beschämung und Ärger, und er wollte weitergehen, da sprach ihn der Fremde an, in der rechten Oberdörfler Mundart, so breit und auf und ab im Tone, halb gesungen: »Ja, Seffes! Kennst de mich denn gar nie? Man möcht ja sprechen, 's wär nie möglich –«

Da sah der Seffes näher zu, überlegte und war noch nicht gewiß: »Laderhannes?« – »Ine ja!« jubelte der andre. »Ine ja! Da bin ich wieder! Machste auch heemzu?« Auf das genickte Ja fiel er ohne weiteres in Schritt und begann ungefragt mit dem Erzählen: In Hermannstadt unten war es auch nichts mehr mit der Weberei, der Meister hatte keinen Kreuzer Lohn bezahlt, und für die Kost alleine hatte der Hannes nicht arbeiten wollen: »Wie er m'r verzig Gulden schuldig war, für vier Monate, da ho ich 'n gemahnt, daß er mir zum wenigsten sollte das Reisegeld geben. Aber er hatte jo salber nischt – und da ho ich mich eben ufgemacht und bin zu Fuße heemgangen!«

»Zu Fuße?« wiederholte der Seffes und blieb kurz stehen. »Von Hermannstadt unten bist du zu Fuße –«

»Ine freilich!« lachte der Laderhannes und fand nicht viel dabei. »Heeme mußt ich doch, und Geld hatt ich nie, da war schnell gerechnet!«

»Hat's dir denn nicht gefallen dort?« wollte der Seffes wissen, aber der andre konnte nur Gutes berichten von dem ebenen, fruchtbaren Lande, in dem es gar unbeschreiblich gut wuchs, Obst und Wein, das Brot so weiß wie Schnee, und der Speck – Und die Menschen so freundlich, die teilten einem alles zu wie dem Kind vom Hause, wenn man vorsprach. Ja, ja, da war nur Gutes zu sagen. Auch Arbeit hätte er haben können, an verschiedenen Plätzen, gut bezahlt, o ja – Aber mit der Antwort, warum er sie dann nicht angenommen hätte, wollte er sich nicht weiter aufhalten und lachte nur. Dann fing er selber zu fragen an, nach allem und jedem im Oberdorfe, ob denn auch die Maiermutter noch lebte, und der Hannichvater und die Verwandtschaft –

Wo blieben da das reiche Flachland und alle Abenteuer der langen Wanderung! Der Laderhannes wehrte fast ungeduldig ab, sooft der Seffes zwischendurch davon anfangen wollte: »Nischt!« sagte er und wischte mit der Hand. »Nischt!« Und dann fragte er das Jahr durch, Woche um Woche, von der Schneeschmelze nach dem harten Winter bis zum Herbstanbau, und war ganz unersättlich, als er von den gewaltigen Dingen hörte, die sich daneben noch zugetragen hatten. Da fiel er von einem Staunen ins andre, blieb stehen, schlug sich auf die Schenkel und rief alle Heiligen an: Nein, solches trug sich anderwärts nicht zu! Jechich, jechich doch, doch aa!

Sie merkten es beide nicht, wie schnell sie im Tale hinaufkamen, erst in der Hälfte des Mitteldorfes blieben sie plötzlich stehen und starrten auf die Lehnen zur Linken: Der Bielberg war zur guten Hälfte abgeholzt, man sah an drei, vier Stellen die Holzmacherfeuer rauchen, das griff den beiden sehr ans Herz, wenn auch auf verschiedene Art. Für Laderhannes wurde die Freude nur noch übermäßiger, daß er von einem Fuße auf den andern treten mußte, damit es ihn nicht geradewegs vom Boden aufhob. Für den Seffes aber war unter aller Freude noch eine Bitternis, die ihm den Mund zusammenzog: »Nischt!« sagte jetzt er und schlug mit der Hand. »Nischt!«

Dann gingen sie weiter, aber sie sprachen kaum noch, denn jetzt mußten sie ganz anders auf alles achten, auf die Menschen und die Häuslan und die Felder und den Wald, da hatte alles seine Wichtigkeit.

Sie hatten sich beredet, daß sie nirgends einsprechen wollten, weil es sie beide nach Hause zog. Und die Versuchung war auch nicht gar zu groß, denn die Häuslan lagen eins wie das andre ganz still; es waren wohl nur die ganz Alten daheim, und die zeigten sich nicht, denn den Laderhannes erkannten sie überhaupt nicht und den Seffes nicht, weil er so unvermutet kam. So blieb alles still. Aber dann mußte doch die Maiermutter Verdacht geschöpft haben, denn sie schickte zwei von den Enkalan nach. Die sahen dem Seffes von unten ins Gesicht und brüllten zurück: »Er is's! Er is's!« Im Nu waren auch andre da, und da ging ja die Botschaft im Galopp im Dorfe hinauf und hinunter.

Vom Laderhäusla ging der Seffes alleine weiter, und das Herz klopfte ihm wie ein Schmiedehammer vor dem Wiedersehen mit der Frau. Wie er aber an das Häusla kam, fand er alles verschlossen, und die Kinder aus der Nachbarschaft sagten ihm, daß die Anka mit den Kühen fortgefahren war, ob auf den Acker oder in den Wald, das wußten sie nicht.

Das wollte ihm wie böse Vorbedeutung erscheinen, aber er wehrte es bald ab, daß dem Zufall sollte Gewalt gegeben sein. Wie er auf der andern Lehne die Kohlstreitin werken sah, ging er geradewegs zu der.

Sie weinte bereits, als sie ihn sah, weil er so bleiche Zimmerfarbe hatte und weil so Schweres hinter ihm lag und alles überhaupt so außergewöhnlich war. Und dann jammerte sie, daß sie mit der Feldarbeit zurückgeblieben war, für das steile Fleckla an der Klanke hatte eben der Mist nicht gereicht, den wollte sie jetzt hinauftragen; ihr Teil bei der Gemeinschaftsarbeit am Bielberg hatte ihr ja der Zwiener abgenommen, der Anna Ihrer –

Dann wollte sie wissen, wie es in der Stadt gewesen war; aber dem Seffes ging es wie vorhin dem Laderhannes, er wischte es nur weg und fragte, fragte. Da wurde er manches gewahr, vor allem von der Anka, daß es ihm ganz warm vom Herzen im Halse heraufkam.

Die Kohlstreitin war ja froh genug, daß sie die erste sein konnte zu aller Auskunft, aber die Arbeit durfte sie doch nicht versäumen. So lud sie unter dem Reden immer weiter den Mist in den Buckelkorb, und nur wenn die Neuigkeit gar zu wichtig war, hielt sie vielleicht mit der Gabel in der Luft an und wartete, was der Seffes dazu zu sagen hätte. Der hatte es aber bald satt, müßig zuzuhören, er verlangte Stiefel und Arbeitsjoppe, die vom Kohlstreit ja noch dasein mußten. Die Kohlstreitin wollte es nicht zulassen, aber sie mußte doch folgen, weil es der Seffes eben nicht erwarten konnte, dem Acker gleich in der ersten Stunde ein Gutes zu tun.

Bald war er für die Arbeit hergerichtet, mit den Langschäftern und der alten Jacke. Ein zweiter Buckelkorb war auch zur Hand und schnell geladen. Dann nahmen er und die Kohlstreitin die Last hoch und stapften hintereinander den steilen Weg hinauf, Schritt für Schritt. Oben stürzten sie die Ladung zu kleinen Häuflan, gingen langsam hinunter und wieder hinauf, gebückt und stumm. Das Misttragen war wohl die marterlichste Arbeit von allen.

Wie sie die letzte Ladung hinaufgeschafft hatten, verweilte der Seffes, und die Kohlstreitin wollte ihre Danksagungen anbringen, weil er einer armen Wittib die Guttat erwiesen hatte. Aber er winkte nur, daß er davon nichts hören wollte, und horchte dabei in den Wind, der vom Bielberg herüberstrich und den Holzrauch mitführte und das Gehämmer der Äxte. Da kamen der Kohlstreitin die Tränlan, weil ihm das Gesicht gar so leuchtete, sie strich ihm über den Ärmel und murmelte: »Ohne dich hätt b'r'sch nie gebrät't!«

Aber da hörte man auf der Straße unten einen Wagen rattern, der Seffes sah hin und erkannte die Anka, die mit den Kühen eine Fuhre Holz heimbrachte. Da winkte er der Kohlstreitin nur schnell zu und sprang den Weg hinunter.


Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft
in Stuttgart

 


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