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Heiße Würstchen!« Dieser häßliche, klebrige Ausruf begrüßte sie wie ein Peitschenschlag jedesmal, wenn sie auf dem Flugplatz landete. Als hätte man sie, die ein paar Stunden dort oben in der Luft geweilt hatte, mit diesen niedrigen, an die Eßsucht gerichteten Worte sogleich einfangen und der Erde wie dem Irdischen aufs neue einverleiben wollen. Die Anpreisung kam von einem kleinen Händler her, der sich mit seiner Ware, ein paar in einer trüben Brühe herumschwimmenden Würstchen, dicht neben dem Flughafen aufgestellt hatte, wo er die Abreisenden wie die Ankommenden mit seinem Lockruf zum Ankauf seiner fleischernen Stärkungsmittel zu verführen suchte. Mit seiner fettigen, eindringlichen Stimme schrie dieser etwas verwachsene, zwergenhafte Mensch dann immerzu sein »Heiße Würstchen!« aus, als ob er sich damit zugleich auch persönlich hätte vorstellen wollen. Denn er hätte selbst ebensogut »Würstchen« heißen können, in seiner kleinen, zusammengerollten, dicklichen Gestalt, die in einer unsauberen weißen Schürzentracht wie in einer Wurstschale steckte. Gewöhnlich zündete der Kerl kurz vor dem Nahen des Flugzeugs den Kocher, auf dem sein Blechkasten und das Glas mit den Würstchen stand, an, so daß der üble, giftige Geruch seines Brennstoffes einen zugleich ebenso widerwärtig wie das unschöne Gequäke seiner Stimme hier unten empfing.

Richarda benutzte letzthin im Sommer mit Vorliebe die Flugverbindung, um ihren Verlobten in Gotha aufzusuchen. Ihr bräutliches Verhältnis zu Hartwig, einem jungen Angestellten dort an der ehemaligen Schloßbücherei, bestand schon eine geraume Zeit. Und hätte bereits längst durch eine Hochzeit seinen Abschluß finden können. Denn Richarda war einmal schon von Hause aus reich gewesen, nun aber noch dazu dank einer Erbschaft, die sie letzthin von einem auswärtigen Verwandten gemacht hatte, in der Lage, jeden Augenblick heiraten zu können. Doch hatte Hartwig seltsamerweise noch um einen Aufschub gebeten, bis er, der bisher nur die zweite, die Hilfstelle in seiner Bücherei zu verwalten hatte, an die erste, besser besoldete Stelle gerückt wäre. Sein Selbstbewußtsein, das bei ihm, einem leicht kränklichen, schwächlichen Menschen doppelt stark entwickelt war, sträubte sich gegen den Gedanken, die Möglichkeit eines ehelichen Zusammenlebens einzig oder doch in der Hauptsache einer Frau verdanken zu müssen.

Richarda reiste nun bereits zum drittenmal mit demselben Flieger. Es war ein junger Mann, der durch den Krieg, den er von Anfang bis zum Ende mitgemacht hatte, älter und gereifter erschien, als man sonst in seinen Jahren aussieht. Sein Gesicht, offen und frei, zeigte zuweilen einen etwas gespannten Ausdruck, hervorgerufen durch die Anstrengungen des gefährlichen Berufs, dem er sich nach der Auflösung des Heeres ergeben hatte. Nicht gerade glücklich mit dieser seiner Beschäftigung, war er – Harald sein Name – bisher bei diesem Dienst als fliegender Postkutscher geblieben, weil ihm jede andre Stellung, die sich ihm bot, noch weniger zugesagt hatte.

»Fliegen Sie übermorgen mit mir zurück?« fragte er jetzt Richarda, während er das Triebwerk zur Weiterfahrt schon losknattern ließ.

»Übermorgen?« sann sie und blickte vom niederen Landeplatz zu ihm auf, wobei ihr durch den Kopf ging, daß sie jedesmal, wenn sie etwas Leiseres, Heimlicheres mit Hartwig, ihrem Verlobten, zu bereden hatte, sich zu ihm, dem ein wenig Kleineren, niederbeugen mußte. Haralds Flugzeug wippte schon ansteigend langsam in die Höhe. »Ja!« rief sie ihm hastig nach. »Ich werde wieder mitfliegen.«

Harald winkte noch einmal zurück. Sie sah nur seine starke, breite, ausgearbeitete Hand. Und surrend wie ein Riesenbrummer stieg sein stählerner Vogel in die graue Luft und verlor sich alsbald, immer kleiner werdend im Gewölk.

Richarda wurde auch diesmal nicht von Hartwig, ihrem Bräutigam, abgeholt. Er war aufs äußerste gegen diese verrückte Fliegerei gestimmt, die er als leichtsinnige Laune bezeichnete. Und betonte diese Abneigung äußerlich, indem er sich weder bei der Ankunft noch bei der Abfahrt seiner Braut mit solch einem abenteuerlichen und gewagten Verkehrsmittel sehen ließ. Richarda blickte mit erneuter Enttäuschung umher, während ihr zugleich Hartwigs Unnachgiebigkeit in dieser Sache ein wenig Achtung einflößte. Dann stieg sie in den Wagen, der für die Ankömmlinge zur Fahrt in die Stadt bereitstand, und sauste dem Gasthof zu, in dem sie abzusteigen pflegte. Das abscheuliche anpreisende Geschrei des Wurstkrämers klang ihr noch nach, während sie darüber nachdachte, wie langsam solch ein Kraftwagen, in dem sie saß, noch gegen die himmlische Luftpost sich bewegte, deren aufregenden Reiz sie soeben wieder genossen hatte.

In ihrem Zimmer im Gasthaus grüßte sie ein frischer, duftender Rosenstrauß, der von ihrem Bräutigam für sie abgegeben worden war. Es war das üblich schöne Willkommenzeichen, das er ihr jedesmal bot. Und bald kam Hartwig auch selber. Er war leicht verärgert darüber, daß sie nun doch wieder diese gottverfluchte Wolkenkutsche benutzt hatte. Doch schwamm unter dieser kleinen Verbitterung eine starke freudige Erregung, die sich nach der kurzen, noch etwas kühlen Begrüßung in den Worten äußerte: »Denk dir! Ich stehe wohl unmittelbar vor meiner Ernennung. Mein Oberhaupt, der gute alte Herr, hat gestern plötzlich einen Schlaganfall erlitten. Gänzlich dienstuntauglich geworden. Für alle Zeiten, wie es heißt. Jedenfalls vorläufig auf unbestimmte Frist beurlaubt. Man bezeichnet mich allgemein als seinen Nachfolger. Seit heute führe ich bereits seine sämtlichen Geschäfte.«

Richarda wurde von einem eigenartigen mitleidigen Gefühl ergriffen. »Sonderbar!« meinte sie: »daß ihr in eurem Beruf immerzu, solang ihr jung seid, auf den Tod eines andern wartet, der euch eine Beförderung gewährt.«

»Aber Richa!« – so abgekürzt wurde sie von Hartwig genannt, dem ihr langer Name wie ihre große Gestalt leicht etwas peinlich war: »Du bedauerst ja beinahe diesen glücklichen Unfall, der mich endlich in den Stand setzt, dich zu heiraten.«

Er hatte, was ihr heute besonders auffiel, eine gelehrte, gezierte Ausdrucksweise, wie sie Menschen, die viel mit Büchern umgehen, häufig annehmen. »Bedauerst,« fuhr er fort, »einen alten, längst abständigen Herrn, der sich bereits seit zwei Jahren ordnungsgemäß verabschieden konnte, der es aber vorgezogen hat, lediglich um uns Anwärtern auf seinem Posten zum Besten zu halten, in seinem Amt zu verharren, bis seine gesundheitswidrige hockende Lebensweise sich endlich bitter an ihm gerächt hat.«

»Hinterläßt er Kinder?« fragte sie, nur um etwas zu dieser Sache zu sagen, die ihr im Grund merkwürdig gleichgültig blieb.

»Zwei lang verheiratete, gut versorgte Töchter. Übrigens ist er ja noch nicht endgültig tot. Sondern bezieht nach wie vor sein volles Gehalt weiter.«

»Jedenfalls,« so holte sie nun nach, »darf ich dich und uns beglückwünschen zu diesem traurig-erfreulichen Ereignis.«

»Ja! Das darfst du. Aber wenn du es ein wenig eher oder gar von vornherein getan hättest, so würde mich das entschieden mehr gefreut haben.«

»Aber Hartwig! Du wirst doch nicht böse sein, weil ich nicht gleich im ersten Augenblick über einen Unfall, der einem Menschen zugestoßen ist, lachen und jubeln kann!« Sie mußte plötzlich, wie sie dies sagte, an Harald denken, der jetzt schon weit von ihr in den Lüften auf seiner stets bedrohten Fahrt seinem Ziel zustrebte.

Sie hatte sich ein wenig an Hartwig geschmiegt, um ihn zu versöhnen. Aber er konnte noch nicht gleich darauf eingehen. »Wie stark du nach diesem Luftfahrzeug riechst,« kam er auf seinen Widerwillen gegen ihre Schrulle zu fliegen zurück. Doch nun wehrte sie sich gegen seine ein wenig schulmeisterliche Art, sie wegen ihrer Eigenheit zurechtzuweisen. »Wenn ich mit der Eisenbahn zu dir gereist wäre, würdest du dich über den Gestank des Dampfes beklagen, der mich begleitete.«

Hartwig merkte die Unzufriedenheit aus ihren Worten und suchte einzulenken, indem er erzählte, zu Hause wartete noch eine zweite, schönere Überraschung, der sie sich ganz ohne Rückgedanken hingeben könne.

Richarda, der kleinen Zwistigkeiten längst müde, ließ sich willig von ihm in seine Wohnung geleiten, innerlich erfreut darüber, daß nun bald dieser unselige Zustand des Verlobtseins, dieses Zwischen-Tür-und-Angel-Stehen und Weilen vorüber sein würde.

Hartwig durfte sich vor der Welt erlauben, seine Braut mit nach Hause zu nehmen, weil er mit seiner Schwester zusammenwohnte, einem älteren Fräulein, die allgemein nur nach ihrem Vornamen »Sperate« genannt wurde. Sie war in ihrer Jugend eines der schönsten, flinkesten Mädchen gewesen. Hatte aber dann durch ein Unglück auf der Straße einen Fuß verloren. Wozu sich später noch eine Lähmung des andern überanstrengten Beins hinzugesellte, so daß sie bettlägerig geworden war und seitdem ihre Tage nur im Fahrstuhl verbringen mußte. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der Menschen, die ein solches Mißgeschick verkehrt und verdrießlich macht, war Sperate durch dieses Ungemach, das ihr widerfuhr, verklärter, freundlicher und liebevoller geworden. Mit dem rührenden blassen Gesicht einer Heiligen lag sie zwischen ihren Zimmerlinden geduldig tagaus tagein auf ihrem Langstuhl und grüßte jeden, der zu ihrem Bruder eintrat, mit einem milden, heiteren Lächeln, das einen mit dem traurigen Zustand, in dem sie sich befand, völlig versöhnen konnte. Richarda war vom ersten Blick, den sie mit der Kranken getauscht hatte, für Sperate entzückt. Ja, sie hatte sich eigentlich, ohne es recht zu wissen, erst über die Schwester, die ewig frohe, zufriedene, gute, in den ihr nur in seinen besten Stunden ähnelnden Bruder verliebt, der viel schwieriger zu nehmen war als Sperate. Diese wiederum hegte eine geradezu abgöttische Zuneigung zu Richarda, zu diesem großen, reichen, mächtigen Mädchen, das wie eine Göttin zu ihrem von ihr verehrten Bruder als zu ihrem Bräutigam geflogen kam. Denn gerade dies, worüber Hartwig sich immer wieder entsetzte, erschien ihr, der träumerischen Sperate, etwas ganz besonders Herrliches, Einzigartiges und Vornehmes, daß sie, seine Verlobte, durch die Luft zu ihm herreiste, wie es früher in den Märchen nur die Elfen oder die Windgeister getan hatten. Zu allen guten Eigenschaften Sperates kam noch eine Begabung hinzu, die sie für Richarda ganz besonders anziehend machte. Sie war voll Wohlklang und hatte eine solch innige Liebe zur Welt der schönen Töne, daß jede ihrer Bewegungen, die sie noch machen konnte, fast wie ein Lied wirkte, das sie von sich gab.

Auch jetzt bot die Kranke ihr beim Eintreten von ihrem Lager einen so engelgleichen herzlichen Empfang, daß Richarda gleich die etwas kühlen, unstimmigen Auseinandersetzungen vergaß, die sie nach ihrer Ankunft mit Hartwig gehabt hatte. Sperate hatte eine ganz besonders betonte Art, einem die Hand zu geben. Sie streckte die ihrige bittend mit der Bewegung des Kranken, des Hilflosen hin, um dann die Rechte, die man ihr reichte, fest zu umfassen und eine Weile still in ihrer Hand ruhen zu lassen. Sie vergewisserte sich damit eines jeden Menschen, der zu ihr kam. Und ihre blauen Augen, die, wenn sie allein war, sich nach einem Wort ihres Bruders mit dem Himmel vereinigten, schenkten einem mit jeder solchen Handreichung ein Stück des verlorengegangenen Gartens Eden wieder.

Zum Kummer für Richarda, die jedesmal die Begrüßung mit Sperate wie einen Eintritt in das Reich der Seligkeit genoß und auskostete, wurde dieser Empfang heute vorschnell unterbrochen. Es meldete sich nämlich ein Fremder draußen, den Hartwig vergebens persönlich abzufertigen suchte. Mit einer gewissen Hartnäckigkeit bestand der Mann darauf, die soeben mit dem Flugzeug angekommene Dame selber zu sprechen. Richarda sah sich demnach genötigt, sich von Sperate wieder zu trennen, wobei sie bei dem letzten schönen Blick, den ihr die Kranke noch nachsandte, unwillkürlich an das Blau des Himmelsgewölbes zurückdenken mußte, in das sie auf der Herfahrt mit Harald fliegend gestarrt hatte.

Draußen im Hausflur stand ein Mann in einer dunkelblauen, vorne mit weißen Knöpfen geschlossenen Wolljacke, der ihr völlig unbekannt vorkam. »Sie erkennen mich wohl nicht, Fräulein, in meinem Staatsanzug. Außer Dienst seh' ich so aus. Heiße Würstchen! Ahnt Ihnen etwas? Es ist mein Spitzname geworden, auf den ich mehr höre als auf meinen richtigen. Heiße Würstchen.«

Erst bei der Wiederholung seines Ausrufes, den er wie eine Sprechmaschine quäkend mit seiner fettigen Stimme von sich gab, fand sich Richarda in dem Aussehen dieses Kerls zurecht, der zu ihrem Schrecken der etwas aufgetakelte fliegende Händler war, der neben dem Landungsplatz am Flughafen seinen Stand hatte.

»Was wünschen Sie von mir?«

»Nichts! Was darf ich von Ihnen wünschen! Aber vielleicht wünscht ein andrer etwas von Ihnen. Oder Sie selber wünschen etwas von sich. Sehen Sie, diesen Zettel, dies Stück Papier hab' ich kurz nach Ihrer Ankunft auf dem Flugplatz gefunden, Fräuleinchen. Es steht nicht viel drauf. Nur ein paar Worte. Die heißen, deutlich geschrieben, wenn ich noch lesen kann: ›Wen liebe ich?‹ Und dahinter ist ein richtiges Fragezeichen gemacht. Überzeugen Sie sich.«

Richarda hatte den Zettel angenommen und betrachtete ihn sich. Er schien aus einem Taschenbuch gerissen und weggeworfen oder verlorengegangen zu sein.

»Ich weiß nicht, ob es Ihre eigene Handschrift ist, meine Dame, oder eine fremde.«

»Nein! Ich kenne sie durchaus nicht,« beteuerte Richarda und wollte das Papier seinem Finder zurückgeben.

»Nicht doch! Behalten Sie es ruhig! Ich dachte mir auf jeden Fall: Vorsicht kann nie schaden. Heb' es auf und bring' es der Gnädigsten nach! Im Gasthaus, wo ich nach Ihnen fragte, gab man mir hier diese Bleibe an, wo Sie zu suchen wären.«

»Nehmen Sie das Blatt doch wieder! Es gehört mir nicht, wie ich Ihnen sagte.«

»Vielleicht können Sie es seinem Absender wieder zustellen, Fräuleinchen. Es ist doch eine Frage an das Schicksal gewissermaßen, die man so ins Blaue schickt: ›Wen liebe ich?‹ Geb' Gott uns Antwort darauf!«

Richarda merkte plötzlich, daß es dem häßlichen Mann, der sie beständig durch die Scharten seiner schadhaften schwarzen Vorderzähne angrinste, nur darum zu tun war, ein Trinkgeld als Finderlohn von ihr herauszuholen. Einzig deswegen oder höchstens nur noch aus Wohlgefallen an Schnüffeleien hatte sich der Kerl wohl die Mühe gemacht, sie aufzutreiben, und war ihr nachgeschlichen.

»Hier!« Sie gab ihm schnell eine nicht einmal kleine Summe, um ihn möglichst rasch los zu werden. Ohne damit freilich eine Flut von Dankesworten hemmen zu können, die »Würstchen« nun auf sie überströmen ließ.

»Danke auch schönstens, gnädiges Fräuleinchen. Was hab' ich gewußt: Sie werden Verständnis haben für diese Sache und meinen Fund. Danke nochmals allerherzlichst! Schließlich ist jede gute Tat ihres Lohnes wert. Und jede schlechte auch. Wurst ist Wurst. Empfehle mich und meine Ware! Feinfein! Wahrhaftig! Kosten Sie nur nächstens einmal! Schmeckt auch oben in der Luft lecker.«

Endlich war er wieder hinaus, nachdem er noch mit ein paar neugierigen und zudringlichen Blicken alles hier um sich herum gemustert hatte. Und Richarda konnte zu den andern zurückgehen. Vorher aber barg sie hastig das Blatt mit den drei Worten, das ihr der Kerl zugetragen hatte, vorn in ihr Kleid. Über ihr Hemd auf die nackte Brust: ein Versteck, das sie bisher fast nie benutzt hatte.

»Was wollte denn dieser merkwürdige Mensch von dir?« fragte Hartwig voll Neugierde. Doch bevor er noch weiter in seine Braut eindringen konnte, verwies ihm Schwester Sperate solche Wißbegierde. Sie merkte, daß Richarda im Augenblick nicht davon sprechen mochte, und suchte ihr in einem fraulichen Mitgefühl beizustehen. »Muß man denn gleich alles erfahren? Sie wird es dir schon früh genug mitteilen. Schau her, Richarda!« Sperate war für die andre rot geworden und nahm der Verlobten ihres Bruders damit gleichsam die Scham ab. Sie bekam dadurch einen ganz eigenen lieblichen Ausdruck in ihr sonst so bleiches Antlitz, einen Ausdruck, der sie völlig veränderte und in die Zeit vor ihrem Unfall zurückversetzte, da sie noch gehen und springen und tanzen konnte. »Schau her!« wiederholte sie hastig, um das Gespräch schnell auf etwas andres zu bringen. Sie wies dabei auf einen Haufen vergilbter sowie weißer Blätter, die auf einer gewürfelten Decke in ihrem Schoß lagen. Wies darauf mit einem solchen Ausdruck des Entzückens, als sei ihr ein Stück Himmel mit diesen Blättern in den Schoß gefallen.

»Ja! Das ist die zweite große Überraschung, von der ich dir sprach,« nahm nun Hartwig den Faden auf, mit dem ihn seine Schwester glücklich von weiteren Fragen an Richarda weggelockt hatte. »Denk dir, was ich gefunden habe!« Und nun erzählte er, von seiner Entdeckerfreude wieder ganz hingerissen, der aufhorchenden Richarda, daß es ihm unlängst verstattet worden sei, die Geheimfächer in der Bücherei des Schlosses zu öffnen. Die waren nämlich bisher mit Rücksicht auf die herzoglichen Herrschaften stets streng verschlossen gewesen, bis nun die neuere freiere Zeit nicht mehr davor zurückschreckte, die ganze Vergangenheit offen an den Tag zu ziehen. Bei diesem Vorgehen, mit dem man ihn beauftragt hatte, war Hartwig unter vielen gleichgültig und unwichtig gewordenen verstaubten Urkunden und Papieren auch auf eine altertümliche Mappe gestoßen, die in ein feingenarbtes rotes Leder gefaßt war. Und in dieser Mappe hatten die Aufzeichnungen einer Herzogin von Gotha gelegen, die bis dahin gänzlich unbekannt geblieben waren. Die Herzogin war eine Prinzessin aus einem kleineren deutschen Fürstentum gewesen, die ihre letzten Jahre in völliger Einsamkeit in Gotha verbracht und sich während dieser Zeit ihre Vergangenheit erzählt hatte. In französischer Sprache geschrieben, wie dies im achtzehnten Jahrhundert nun einmal an den deutschen Fürstenhöfen Sitte war, spiegelten diese Blätter das sonderbar bewegte Leben einer Frau aus jenen Zeiten wider, in denen das Herz und die Empfindung noch lauter sprachen als in unsern Tagen. Noch wußte Hartwig nicht, ob er diese Bekenntnisse der Herzogin veröffentlichen dürfte. Doch er hatte voll Aufregung über seinen Fund die Mappe seiner Schwester Sperate mitgebracht. Und diese war mitergriffen von seiner Aufregung daran gegangen, die ersten Seiten dieser Denkwürdigkeiten ins Deutsche zu übertragen. Und zwar nicht in das Deutsch jener Zeit, da unsre Sprache noch mit Fremdwörtern wie eine gestopfte, für die Tafel zurechtgemachte Teigpaste mit ausländischen Zutaten gefüllt war. Sondern in das Deutsch der Gegenwart, das sich ganz auf seine eigenen Beine gestellt hat.

»Ich weiß freilich nicht,« entschuldigte Sperate diese Kühnheit, »ob nicht das Ganze dadurch verloren hat, daß ich es aus der besonderen Sprachfärbung der Zopfzeit gehoben habe. Doch meine ich, daß es auf der andern Seite hierdurch auch gewonnen haben mag, weil es uns nähergerückt ist dadurch, daß ich die üblichen französischen Redensarten und Wortformeln und all die Sprachschnörkelei jener Tage vermieden habe.«

»So lies uns doch einfach vor, was du bisher übersetzt hast!« forderte Hartwig nun die Schwester auf. Und Richarda unterstützte gern seine Bitte, froh darüber, aus den seltsamen Gedanken gebracht zu werden, in die sie durch jenes fremde ihr zugespielte Stück Papier, das noch auf ihrer Brust brannte, gestürzt worden war.

»Schön!« meinte Sperate, noch ein wenig schüchtern über dies an sie gerichtete Ansinnen, daß sie, die sonst unbeholfen an ihrem Stuhl Festgeschraubte, plötzlich etwas vorführen und ins Leben rufen sollte. »Doch ihr müßt dabei die Urschrift vornehmen und mit ihr, was ich euch da vorlese, vergleichen,« entschuldigte sich Sperate nochmals, wobei sie ihrem Bruder die Mappe mit den da und dort schon stockfleckig gewordenen Blättern reichte und nun selber die von ihr beschriebenen Seiten ergriff. Richarda beugte sich ihrem Verlobten zu, der bereits mit fachkundiger Miene den Wortlaut zu verfolgen schien, trotzdem Sperate noch nicht begonnen hatte. Richarda freute sich jedesmal bei solchen Gelegenheiten, daß Hartwig nicht zu den Männern gehörte, die es ungern haben, wenn ein andrer, und wenn dieser andre auch die Braut wäre, gleichzeitig mit ihnen etwas Gedrucktes oder Geschriebenes einsieht und mitliest. Sie fühlte sich niemals inniger mit ihm verbunden, als wenn sie beide so eng nebeneinander etwas lasen und geistig vereinigt waren. Ja, es kam ihr zuweilen vor, als habe sie sich nur in diesem Zustand der Gemeinsamkeit in ihn verliebt. Hartwig, der stark kurzsichtig war, hielt beim Lesen das Buch oder Blatt ziemlich nahe am Gesicht. Während sie, die etwas Weitsichtige, dabei hinter ihm saß, ihre schlanken Schultern vornüber beugte und auf diese Weise im Abstand mitlas, so daß sie beide auch äußerlich zu solchem gemeinsamen geistigen Genießen glücklich vorbestimmt zu sein schienen. Und nun begann Sperate die Aufzeichnungen der Herzogin, die sie übersetzt hatte, vorzutragen:

◆ Ich beginne mein Leben von meiner Hochzeit an zu erzählen. Von diesem zweiten Geburtstag für ein weibliches Wesen, wie mein Vater sich bei seiner glücklicherweise kurzen Festrede bei der Tafel auszudrücken beliebte. Der gute, alte, weiße Herr! Er sah so prächtig in seiner Reitertracht mit den himmelblauen Aufschlägen aus. Angenehm gerötet von dem Mahl und dem Wein, den er sich in großen Zügen einverleibt hatte. Ich konnte ihn recht gut beobachten, den mir gegenüber Sitzenden, da ich selber an dem Mittag wie während meiner ganzen vergangenen Brautzeit so gut wie nichts zu mir nahm. Man merkte meinem Vater allzu stark die Freude an, daß er mich anständig losgeworden war. Was mich an dem Tag einigermaßen verdroß, zumal meine neue Verwandtschaft sich innerlich darüber lustig machte. Was meinen erhabenen Bräutigam betraf, so wollte er sich anscheinend für die Freuden, die ihm bevorstanden, noch ganz besonders stärken. Denn er ließ sich alle Augenblicke seinen Humpen vollschütten, um ihn dann mit einer Geschwindigkeit zu leeren, gegen die das Trinkmaß meines Vaters ein sanfter Wandelreigen oder ein Großvatertänzchen war.

◆ Wie ich von der Tafel weggekommen bin, des weiß ich mich kaum noch zu entsinnen. Ich sehe nur noch meinen Vater in etwas wackliger Haltung von mir Abschied nehmen und sich zu dem ersten Handkuß neigen, den ich von ihm bekommen habe, und den er mir mit stark weinfeuchten Lippen verabfolgte. Und dabei sagt er, mir zu huldigen, erstaunt das Wort: ›Herzogin!‹ Als ob ihm jetzt hinterher erst einfalle, zu welcher Würde ich dank seiner Kuppelkünste emporgestiegen sei. In dem Traumzustand, der mich während des ganzen Festmahls umfing, bin ich dann auch zu jenem Gemach geschritten, das man uns frisch Vermählten für die erste Nacht bereitet hatte. Sechs in rosenrote Seide gekleidete Knaben wandelten uns mit langen weißen Kerzen voran und gaben dem ganzen Geschehnis für meinen Geschmack etwas Begräbnisartiges. Dazu wurde von ein paar unsichtbaren Spielleuten oben auf einer Empore ein Kirchenlied geblasen, ein Gedanke, der, wie ich nachträglich erfuhr, von dem Oheim meines alsbaldigen Gemahls ausging. Dieser Oheim Dominikus, der während der umständlichen Schmausereien kaum zu sehen gewesen war, machte sich nun auf seine Weise in dem grauen Gang, den wir durchwandeln mußten, zu schaffen. Indem er nämlich, in der Hand die schwarze Bibel tragend, von der er unzertrennlich war, fortwährend wie ein Geist von einem Ende des Flurs bis zum andern auf und ab strich. Wobei er immerzu Gebete murmelte. Seine spitze Nase, die sich über dem ewigen Lesen der Heiligen Schrift blankgescheuert hat, spießte uns fast auf, als wir beide, mein ein wenig torkelnder Herr Gemahl und ich, an ihm vorbeikamen. Da er auf meinen hohen Gatten anscheinend wenig Eindruck zu machen fürchtete, heftete er seine flackernden Augen mit den dunklen, fast schwarzen Ringen darunter starr auf mich, drohte mir mit dem Finger und sprach dabei mit seiner hohlen Stimme: ›Gott sieht alles.‹ Ich muß gestehen, daß ich bei diesen Worten auf das heftigste erschrak. Ich hatte nämlich unbewußt schon eine ganze Weile, wie ich neben dem kleinen, feisten, steifen Mann, der nun bald mein rechtmäßiger Gatte werden sollte, saß und ging, an einen andern gedacht: An meinen Vetter, den schlanken, hochgewachsenen, lebhaften Erbprinzen August von Celle, mit dem ich als Kind von meiner seligen Mutter halb im Spaß, halb im Ernst zusammengetraut worden war. Ein paar Jahre lang hatte ich mir geschmeichelt, die Braut dieses jungen hübschen Mannes zu werden, bis die Leiter der Welthändel in unsern kleinen Bezirken es anders beschlossen hatten und mich meinem jetzigen Herzog in die Arme legten. Ich kann mich noch sehr gut des heftigen Widerspruchs meiner Mutter gegen diese, wie es hieß, vorteilhafte Verbindung erinnern. ›Mein Kind ist kein Tauschgegenstand!‹ weinte sie in einem fort. ›Das sind Prinzessinnen immer!‹ suchte ihr mein Vater klar zu machen. ›Er ist zu alt und abgestanden für sie,‹ versuchte meine Mutter sich ein letztes Mal zu sträuben. ›Umso sicherer wird sie seiner bald werden,‹ hörte ich meinen alten Herrn hinter der Tapetentüre, hinter der ich lauschte, sprechen. Es ist das einzige Mal in meinem Leben gewesen, daß ich meine Eltern überhaupt in einer längeren ernsten Unterredung gesehen und gehört habe. Wer von den beiden obgesiegt hatte, meine Mutter oder mein Vater, das bekam ich alsbald durch meine feierliche Verlobung mit dem Herzog von Gotha zu wissen. Aber man tuschelte gleichzeitig schon damals, daß der jähe Tod meiner Mutter kurz nach diesem Ereignis nur eine Folge dieser von meinem Vater erzwungenen Verbindung gewesen sei.

◆ Jedenfalls fühlte ich mich von den drohenden Worten des bibelstrengen Oheims Dominikus wie ertappt und zitterte und bebte, als ich nun an der Seite meines Herzogs unser Schlafgemach betrat. Ich nahm mir alsogleich auch fest vor, alle fremden und sündhaften Gedanken fahren zu lassen und meinem neuen Herrn ganz zu Willen zu sein, wie mir dies von meinem Vater mehrfach streng eingeschärft worden war. Ich will hoffen, daß entgegen dem Ausspruch jenes betbrüderlich gesinnten Oheims Gott nicht alles sieht. Denn an dem, was nun geschah, konnte Gott ebensowenig wie ich Freude empfinden. Mein Herr Gemahl faßte nämlich alles mit einer Gleichgültigkeit und Pomadigkeit an, die einen fast hätte belustigen können, wenn sie nicht zugleich auch kränkend für mich gewesen wäre. So wurde ich von ihm ohne viel Federlesens in den, wie ich immer gehört hatte, für unser Geschlecht so überaus wichtigen Frauenstand erhoben, kaum daß ich recht die Zeit gefunden hatte, über diese Veränderung, die mit mir erfolgte, groß nachzudenken.

◆ Mein Schamgefühl hindert mich daran, die Vorgänge jener Nacht in diesen meinen Aufzeichnungen weiter und genauer widerzuspiegeln. Nur so viel sei wiederholt, daß mein Herzog über dies Ereignis ohne Schwung und ohne höhere Wallung hinwegging. Aus dem kalten oder auch nur teilnahmlosen Verhalten eines Ehemanns in dieser entscheidenden Nacht soll aber, wie ich bei einem der Franzosen gelesen habe, die sich über diese Dinge ausführlicher ausbreiten können, eine dauernde Kühle der armen Ehefrauen folgern. Ohne mir den Himmel auf Erden von diesem mir durch meinen Vater aufgeredeten Bund versprochen und erhofft zu haben, glaubte ich doch den Herzog so weit zärtlich und in mich verliebt, daß er in der ersten Zeit wenigstens den Schein des von mir entzückten Mannes wahren würde. Doch auch hierin sah ich mich alsbald bitterlich enttäuscht. Mein hoher Gemahl führte sein herzogliches Leben genau so weiter, wie es bisher für ihn verstrichen war. Einen Teil des Morgens widmete er den Staatsgeschäften, noch lieber aber der Jagd, die nun einmal sein Leibvergnügen ist. Seine Mittagsmahlzeit pflegte er, wenn er nicht draußen diesem seinem Lieblingsgelüste nachging, im Kreise seiner Getreuen einzunehmen, das heißt inmitten einer Schar roher und kunstfeindlicher geistloser Männer, die ihm nach dem Munde reden und außer ihrem Jägerlatein und einer Unzahl alter und neuer Unanständigkeiten, die sie blöde vorbringen, nichts zu sagen wissen. Die Abende verbrachte mein Fürst meist vor oder hinter der Bühne, wenn er sie nicht mit einer dieser leicht zu nehmenden Damen auf seinem Lustschloß Mon plaisir verfeierte, das seinen spaßigen Namen durch derartige Vergnügen meines Gatten mehr und mehr verdiente.

◆ Das für mich Ärgerliche oder soll ich schreiben Lächerliche an seinem ausschweifenden Benehmen war dies, daß er mir in der erster Zeit unsrer Ehe alle seine verliebten Abenteuer hinterher brühwarm erzählte. Sonst eher verschlossen als mitteilsam, fand er seinen Gefallen daran, mich in seine Liebesgeheimnisse einzuweihen. Anfangs kränkte mich diese rücksichtslose Schwatzhaftigkeit auf das bitterste. Hernach gewöhnte ich mir an, ihn bei solchen Beichten nicht mehr ganz ernst zu nehmen. Da ich indessen merkte, daß ihn diese Art Gleichgültigkeit nicht befriedigte, sondern eher abstieß, entschloß ich mich, seinen Geschichten wieder mehr Wert und Bedeutung beizumessen. Zumal er nun anfing, besonders wenn er in Weinlaune war, sich selbst Vorwürfe zu machen und sich vor mir anzuklagen. Etwa folgendermaßen: ›Bin ich nicht ein verworfener Mensch, daß ich meiner rechtmäßigen Gattin derlei antue! Sollte ich mich nicht schämen, daß ich in meinen Jahren meine junge Frau immer aufs neue mit andern Weibern hintergehe! Muß man mich nicht verachten, daß ich so wenig Selbstbeherrschung habe, mich ewig in solche unbeständigen Liebeleien zu stürzen?‹

◆ Ich spürte, daß es ihm wohltat, wenn ich ihn dann ein wenig bemitleidete und halb auch bestaunte ob seiner tollen Taten. Und da ich wie eine jede echte Frau Einfluß und Macht über meinen Gemahl zu bekommen suchte, so ließ ich mich auf diesen Ton ein. Ja, es gelang mir, indem ich mich stellenweise hinterher nach solchen Aussprachen seinen Wünschen entzog, ihn in mich selbst verliebter zu machen, als er es je vorher gewesen war. Ich muß gestehen, daß ich zu diesem letzteren Vorgehen erst durch einen Mann ermutigt wurde, der um diese Zeit in mein Leben trat, um fortan für lange bestimmend auf mich einzuwirken. Es war der junge Graf Lüchow, der an den Hof kam, um sich vor einer Reise nach Italien zu verabschieden. Mein Gatte, der an diesem Morgen wieder nichts als seine Jagd im Kopf hatte, lief auf die Anmeldung des Grafen schleunigst davon, indem er mich bat, den jungen Mann, der mir auf meiner Hochzeit flüchtig vorgestellt worden war, zu empfangen und ihm in seinem, des Herzogs Namen, ein paar gute Worte auf die Fahrt mitzugeben.

◆ Ich war in einem mit Veilchen und Vergißmeinnicht durchblümten hellen Morgenkleid, in dem ich mich sonst nur vor meinem Gatten sehen ließ, als er mir diesen Auftrag zuwarf, den ich, da der Graf im Vorzimmer stand, alsbald ausführen mußte. Ich war umso weniger entzückt über meine etwas nachlässige Kleidung, als nun der junge Graf in vollendeter großer Tracht vor mir erschien. Diese Sorgsamkeit, die Lüchow stets auf seinen Anzug, seine äußere Erscheinung verwandte, zog mich von meinen ersten Blicken zu ihm hin. Mein eigener Gatte ließ sich nämlich leider, je länger er mich kannte, desto mehr vor mir gehen. Insbesondere seine Westen und Spitzenkrausen waren meist so voller Schokolade- oder Schnupftabakflecken, daß es einem an den Augen weh tun konnte. Mehrfach war ich schonend gegen diese Neigung zur Schlampigkeit, die er besonders wenn wir allein waren, bezeigte, nach Möglichkeit vorgegangen. Aber bisher leider ohne Erfolg.

◆ Lüchow mußte wohl meine Verlegenheit über meine nicht sehr richtig gewählte Kleidung wahrgenommen haben. Denn er ließ, um mir meine Befangenheit über meine Morgentracht zu rauben, derartig bewundernde Blicke über meine Gestalt und meinen Anzug gleiten, daß einem unter solchen Augen geradezu warm werden konnte. Wir tauschten die bei solchen Gelegenheiten übliche Unterhaltung miteinander aus. Ich, indem ich ihm als seine jugendliche neue Landesmutter zugleich im Namen meines hohen Herrn Gemahls unsre besten Wünsche für seine Reise auf den Weg mitgab. Lüchow dadurch, daß er uns, das heißt mir seine Treue und Anhänglichkeit an unser Ländchen beteuerte und zum Schluß mehrfach und mit immer stärkerem Nachdruck betonte, wie schmerzlich ihm gerade jetzt die Trennung von Gotha würde, wo in meiner Person eine so liebreizende Herrin eingezogen sei. Er hatte hierbei die Kühnheit, als er sich mit einer letzten tiefen Verneigung von mir verabschiedete, eine der blauen Schleifen, die meinen weiten Rock zierten, mit einer sehr geschickten Handbewegung abzuzupfen. Ich bemerkte dies erst, als ich sah, wie er mit einer entzückenden Gebärde diese kleine Schleife an seine Lippen drückte, worauf er sie nach diesem Kuß schleunigst in seine linke Brusttasche über seinem Herzen verbarg und dann plötzlich verschwunden war.

♦ Ich weiß noch gut, daß ich mich hinterher streng geprüft habe, ob ich diesem jungen Herrn durch irgend ein Wort oder eine Bewegung ein zu großes Entgegenkommen bezeigt hätte, so daß er sich die Keckheit zu solch einer Handlung nehmen konnte. Doch war ich mir nicht des geringsten Versehens in diesem Punkte bewußt. Wenngleich ich durch solch ein etwas dreistes Benehmen mich als Herzogin und Herrin des Landes ein wenig gekränkt fühlte, so tat mir auf der andern Seite die stumme Huldigung, die in diesem Handstreich lag, äußerst wohl. Ich mußte mir sagen, daß er damit nicht der Landesherrin, sondern mir als Frau seine Ergebenheit und mehr als dies, seine Zuneigung auszudrücken wagte. Und da ich von meinem sorglosen, unwählerischen Gatten eine solche Zärtlichkeit und Bevorzugung gar nicht gewöhnt war, senkte sich die erste Darbietung seiner Schwärmerei, die Lüchow mir vorführte, tiefer als es mir lieb war, in mein Herz. Mir fiel plötzlich auf, daß dieser wohlgekleidete durchgebildete Graf eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Jugendliebe, dem Erbprinzen August von Celle, hatte. Besonders beim Sprechen, wo er, wie dieser, der verlorene Bräutigam meiner Kindheit, ein wenig lispelte, ein kleiner Schaden, der mir bei Männern stets mehr als eine Schönheit denn als ein Fehler erscheinen wollte. Bekommen sie doch durch dieses Lispeln eine leichte Weichheit und Kindlichkeit in ihr rauhes Wesen, die uns Frauen mit unserm Sinn und Wohlgefallen für das Kleine, das Zierliche auf eine eigene Weise anzieht.

♦ Jedenfalls beschäftigte mich, wie man sieht, der junge Graf Lüchow mehr, als er damals sich noch träumen ließ. Ich konnte nicht umhin, zuweilen an ihn und an seine Leidenschaft für mich zu denken, zumal wenn mein Herr Gatte mich schlimmer, als es schon seine Art war, vernachlässigte. Ich mußte mir dann unwillkürlich vorstellen, wie anders wohl an seiner Stelle der junge Lüchow handeln und mich verwöhnen würde. Seine Artigkeiten, die er mir vor allem über mein Lächeln und über meinen schwebenden Gang gesagt hatte, zogen mir dann lebhaft durch meinen Kopf. Und seine Augen, die er stets wie zwei lodernde Fackeln mir zur Ehre hin und her gewendet hatte, brannten wieder auf mir und meiner Gestalt wie damals, da er sich mit einem glühenden Blick vollkommener Hingerissenheit von mir getrennt hatte.

♦ Ein Zufall fügte es, daß gerade um die nämliche Zeit, wie ich beiläufig von meinem Gatten erfuhr, mein alter Schwarm, der Celler Prinz, seine Herrenreise nach Italien angetreten hatte. Infolgedessen wuchsen er und Lüchow in meiner Einbildung immer mehr zusammen, indem ich mir heimlich ausmalte, wie beide, wenn sie einander dort im Süden begegnen sollten, in schönem Wetteifer sich für mich begeistern und voll Verzücken von mir sprechen würden. Ich muß gestehen, daß ich mich dieser Einbildung zu dieser Zeit häufig genug mit einer Innigkeit hingab, die mich für die mangelnde Liebe meines hohen Herrn Gemahls entschädigen sollte. Mit geschlossenen Augen träumte ich mir dann an meinem Putztisch meine beiden fernen Verehrer vor, wie sie einander in meinen Lobpreisungen überboten. Denn ich hatte aus dem Munde meiner hochseligen Mutter gehört, daß mein hübscher Vetter aus Celle sich stets des vorteilhaftesten über mich geäußert hätte.

♦ Dieses Spiel der Vortäuschung trieb ich damals eine Weile so stark, bis ich plötzlich aus meinen holden, mich beglückenden Träumen aufwachte, dadurch, daß ich selber laut mit mir zu sprechen begann. Ich erschrak fast des Todes, als ich dies eines Abends vor meinem Spiegel wahrnahm. Denn vor keiner Angewohnheit war ich von Jugend auf so verwarnt worden als vor der, bei Hofe laut mit sich zu reden. Wobei mein Vater mir in seiner launig aufgeknöpften Art noch stets versichert hatte, daß es eine falsche Dichtererfindung sei, daß Prinzen oder Prinzessinnen oder Staatsmänner sich in Selbstgesprächen vor aller Welt ergößen. Das käme nur auf der Bühne, aber niemals auf dem glatten Boden der Fürstenhöfe vor. Denn jeder, der hier nur ein wenig Erfahrung gesammelt hätte und kein Narr oder eine Närrin wäre, würde sich hüten, sich und sein Innerstes bei Hof zu entfalten.

♦ Mein Entsetzen war darum nicht gering, als mir dieses widerfuhr. Zumal da ich plötzlich dicht neben meinem Gesicht im Spiegel, vor dem ich saß, die bleichen Züge des frömmlerischen Dominikus, des Oheims meines Gatten, zu schauen glaubte, der mich mit seinen dunklen unruhigen Augen und seiner spitzen Nase forschend anstarrte. Bebend vor Angst blickte ich umher, ob nicht einer die drei Worte vernommen hätte, die da von mir, der ich gerade wieder in träumerischen Gedanken mit meinen beiden Anbetern gelustwandelt war, ganz laut ausgestoßen worden waren, die drei Worte: ›Wen liebe ich?‹ ♦

Sperate hielt mit einem Seufzer, wie ihn wohl die herzogliche Schreiberin an dieser Stelle ausgestoßen haben mochte, inne. Sie war noch nicht weiter in der Übertragung der Aufzeichnungen der toten Fürstin gekommen. Sie bemerkte, daß Richarda ganz rot geworden war und sie mit einem ihr bisher fremden Ausdruck ansah. In der Tat bekam Richarda, erschüttert durch den eigentümlichen Gleichklang und Zusammenhang dieser letzten vorgelesenen Worte, die genau mit denen auf dem Zettel übereinstimmten, der noch auf ihrer Brust knisterte, plötzlich das heftigste Herzklopfen. Sie hatte das Gefühl, als ob sie mit Gewalt von der Erde gestoßen würde und wirkte in dem bangen Blick ihrer Augen über diesen jähen Schwächeanfall nun wie ein Vogel, der nicht hierher gehört und jeden Augenblick wieder wegzuflattern droht.

Hartwig, der jetzt auch auf ihren Zustand aufmerksam wurde, schob die Ursache dieser ihrer Beklemmung, froh, wieder an ihrer ihm verhaßten Neigung mäkeln zu können, auf die verwünschte Fliegerei, deren üble Nachwirkungen sich jetzt bei ihr äußerten. Immerhin zeigte er sich äußerst besorgt um seine Braut und eilte schleunigst weg, ein Mittel für sie zu besorgen, das ihren rasenden Herzschlag lindern sollte. Sperate beugte sich, allein mit Richarda zurückgeblieben, liebevoll zu dem jungen Mädchen hin. Sie, als ständig Kranke, hatte ein feines Mitgefühl für dies quälende Unbehagen der andern. Sie ahnte, daß die innere Ursache dieser Erregtheit nicht von dem Vorlesen jener fremden Bekenntnisse, noch von den Anstrengungen ihres Fluges herrühre, sondern aus einem andern persönlichen Grund kommen müsse, der ihr unbekannt war und nach dem sie nicht forschen wollte. Sie begann, um der Verlobten des Bruders beizustehen, behutsam ihre Hand zu streichen. Behutsam zunächst, weil sie nicht wußte, ob sie Richarda nicht zurückziehen oder ihre Berührung jetzt scheuen würde. Dann aber, als sie merkte, daß sie der andern offenbar wohltat und sie entspannte, strich Sperate immer weiter über Richardas Hand und bloßen Arm. Sie hatte von einem ihrer Vorfahren eine gewisse geheimnisvolle Kraft geerbt, andre Menschen durch Bestreichen mit ihren Händen von leichten Leiden befreien zu können. Eine Kraft, die auch Hartwig, wie Richarda zu ihrer Freude mehrfach bemerkt hatte, wenn auch nicht ganz so stark wie die Schwester, besaß. Infolgedessen gelang es Sperate nur durch ihr Berühren und ohne zu sprechen, das junge Mädchen so weit zu beruhigen, daß Richarda, von ihrem Herzklopfen befreit, ihrem Bräutigam erlöst um den Hals fallen konnte, als dieser mit der Arznei wieder erschien. »Ihr lieben Menschen!« so umarmte und küßte sie nun auch Sperate: »Ihr beschwichtigt mich immer in der wunderbarsten Weise. Sperate nur dadurch, daß sie da ist oder da liegt. Denn ich habe sie manchesmal, haltet es nicht für Spott, fast beneidet, daß sie so gefesselt an die Erde ist, so ruhig bleiben muß, wo wir andern uns herumjagen und hetzen. Und du!« so wandte sich Richarda nun an den Verlobten, »du tust mir darum so wohl, weil du rund bist in dir selbst und in deiner Umwelt. Du hast ein Anpassungsvermögen, um das ich dich beneide, weil ich so ganz anders bin, und darum taugen wir so gut zusammen: Du als fester, der Erde zugewandter Gelehrter und ich als Wolkenkuckucksheimerin.«

Hartwig war nicht sehr glücklich über diese Gegenüberstellung. Er verteidigte sich in seiner etwas lehrerhaften Weise, daß er durchaus nicht der beschränkte Bürger und Stubenhocker sei, als den sie ihn sehe. Seine Wissenschaft überschaue die Jahrhunderte und hafte nicht eng an der Zeit und irgendwelchen räumlichen Grenzen. Und wenn er sich auch nicht in der Luft herumtreibe, so gehe er darum doch nicht im Irdischen und Tatsächlichen unter. Schließlich versöhnte Sperate lächelnd das streitbare Brautpaar, und Richarda hielt bei dem gemeinsamen Abendessen eine Tafelrede auf die Festigkeit, die Zuverlässigkeit, die Ehrlichkeit, Besinnlichkeit und Gründlichkeit, kurz auf alle jene »keiten« und schönen Eigenschaften, die Hartwig, weil er sie nun einmal verkörpere, für unausstehlich halte, während sie in steter Bewunderung vor ihnen und ihm dastehe. Hernach verlor sich ihr Tischgespräch in die vergangenen Zeiten, aus denen ihnen soeben in den Aufzeichnungen einer verschollenen Herzogin ein Geistergruß zugeklungen war. Und Hartwig fand hierbei Gelegenheit, ihnen ein umfassendes Bild jenes Jahrhunderts zu zeichnen, aus dem die Denkwürdigkeiten der Fürstin aufgeblüht waren. Das schätzte Richarda am meisten an ihm, wenn er mitgerissen von seinem Wissen um die Vergangenheit, Altes, längst Verflogenes wieder neu belebte und durch das Feuer und die Kraft seines Vortrags, die, die ihm zuhörten, mit sich zog. Übrigens äußerte sich diese Kunst, andre zu begeistern, bei Hartwig nur im kleinen, im vertrauten Kreise. Vor der Schwester und der Braut. Eine größere Schar machte ihn leicht verwirrt und befangen, so daß er öffentliche Vorträge, in denen er sich nicht entfalten konnte, wie auch eine breitere Lehrtätigkeit scheu vermied. Richarda bat sich, tief bewegt von seiner Art, sich in das Gewesene zu betten und es wieder frisch und heutig zu machen, eine Abschrift der Denkwürdigkeiten jener Herzogin von Hartwig aus. Er hatte nämlich, stolz über seinen Fund und zugleich voll Angst, man könne die Blätter, die ihm da zugefallen waren, zurückfordern, schnellstens bei Tag und Nacht eine Abschrift dieser fürstlichen Bekenntnisse gemacht und von dieser Abschrift wiederum einen Durchschlag, den er jetzt seiner Braut feierlich und geheimnisvoll anvertraute.

Richards mußte fast lächeln über die Wichtigkeit und Umständlichkeit, mit der er ihr diese Urkunden in ihrer immerhin doch zweiten-dritten Ausfertigung überreichte. Sie dachte dabei, durch den Gegensatz veranlaßt, unbewußt an den Zettel, den sie bei sich trug, der so leichtfertig, so unsorgfältig behandelt worden und ihr trotzdem wie für sie bestimmt zugeflogen war. Auch diesmal nahm sie übrigens wiederum keinen förmlichen Abschied von ihrem Bräutigam, als sie sich von ihm trennen mußte. Sie tat es deshalb nicht, weil sie sich nicht erneut von ihm Vorwürfe machen lassen wollte, daß sie wiederum das Flugzeug zur Heimreise benutzte. Sie verschwand somit wieder »auf Flügeln«, wie die wie stets so auch hierbei von ihr entzückte Sperate ihr nachsprach, als sie sich auf ihrem Krankenlager zum Trost an die fernen Übertragungen der vergilbten Aufzeichnungen machte, die ihr »aus dem Himmel der Vergangenheit« – mit diesen Worten lächelte sie den Bruder an – in den Schoß gesunken seien.

Die eigentümliche, die fast krankhafte verrückte Neigung nach Hartwigs Ansicht, die Richarda für das Fliegen hatte, war zunächst entstanden aus ihrer Vorliebe für jede Art Spiel, die sie von Jugend auf hegte. Als Kind reicher unabhängiger Eltern aufgewachsen, hatte sie sich als Mädchen schon auf den Sattel geschwungen. Und seitdem war sie auf sämtliche Fortbewegungsmittel versessen. Die Unruhe ihres Wesens, ein Erbteil ihres Vaters, der sein Leben lang ein Weltenbummler gewesen war und von Zigeunern abstammen wollte, hatte sie zu allen möglichen Liebhabereien getrieben, die darauf hinausliefen, dies Dasein auszubeuten und ins Ungewöhnliche zu steigern.

Auch Hartwig, ihren jetzigen Verlobten, hatte sie sonderbarerweise durch einen Bekannten auf einer Rennbahn kennengelernt. Und zwar sonderbarerweise mehr für ihn als für sie, die sie an vielen Wettspielen, Rennen und Kämpfen teilnahm. Aber Hartwig hatte sich ein einziges Mal in seinem Leben vorgenommen, so etwas wie ein Rennen mitzumachen. Und zwar aus dem bloßen Grunde, um eine Lücke in seinem Wissen von der Welt auszufüllen, die er bei einem gelehrten Gespräch über römische Wagenlenker entdeckt hatte. Als ein Mensch von Gründlichkeit war er daraufhin nach einem schweren Entschluß zu einer ähnlichen neuzeitlichen Veranstaltung gegangen und bei dieser einzigen Gelegenheit war er Richarda begegnet. Und gerade seine Fremdheit mit all diesen ihr so vertrauten Dingen und seine Genauigkeit und Ehrbarkeit hatten ihm das Herz dieses Mädchens gewonnen. Richarda sah sich zum ersten Male in ihrem Leben einem jungen Mann gegenüber, der nicht im geringsten an ihr Geld dachte, noch sich um äußerer Vorteile Willen in sie verliebt stellte. Das flößte ihr im stillen die höchste Achtung ein und veranlaßte sie, eine Freundschaft mit ihm einzugehen, die er nach seinem Grundsatz »alles oder nichts« alsbald zu einem Verlöbnis trieb.

Bei ihrer diesmaligen Heimkehr von ihrem Bräutigam kam Richarda ganz von selbst in ein Gespräch mit dem Flieger Harald, der sie beim Einsteigen bereits mit einem freundlichen Lächeln begrüßt hatte. Sie spielte nämlich längst schon mit dem Gedanken, sich einmal selber als Fliegerin zu versuchen. Sie war früher eine Zeitlang eine leidenschaftliche Kraftwagenfahrerin gewesen. Hatte sich diese Betätigung aber dann wieder auf Hartwigs Bitten abgewöhnt, der immer aufs neue erklärte, tausendmal lieber zu Fuß zu gehen, als zu fahren. Voll Aufmerksamkeit und Gespanntheit verfolgte sie nun nach der Landung die Vorkehrungen, die Harald traf. Das Geknister und Geknatter des Triebwerks zu hören war ihr ebenso lieb, wie den Duft des Benzins einzuatmen, jenes Höllengestanks, wie ihn Hartwig ständig beschimpfte. Ihr Gesicht bekam dabei wieder die straffen Falten um den Mund, die ihr Verlobter, als er sie kennengelernt hatte, zunächst unweiblich fand, so daß sie ihm zuliebe eine Zeitlang alles Reiten, Rennen und Fahren aufgegeben hatte. Hingerissen von ihrem früheren Schwarm beobachtete Richarda nun bei der Ankunft und Landung die Abschwingungen des Flugzeugs, das Harald jetzt von einem Arbeiter in den Schuppen beim Landungsplatz schaffen ließ. Sie hatte einige Fachfragen an Harald gerichtet. Und dieser, froh eine so schöne junge Zuhörerin und Freundin seiner hohen Kunst gefunden zu haben, erklärte ihr bereitwillig alles, was sie wissen wollte. Schließlich zog er, wie es Männer, die mit Maschinen umgehen, gerne tun, um sich schneller klar zu machen, ein Blatt Papier hervor, auf das er zur Erläuterung seiner Worte einige Zeichnungen hinriß.

Plötzlich fiel Richarda die starke Ähnlichkeit der Striche und Zeichen, die Harald machte, mit der Schrift des Zettels auf, den sie noch immer bei sich trug. Sie wandte sich um, den Zettel hervorzuziehen, den sie aus einem ihr unbekannten Grunde behalten hatte. Und fragte nun den überraschten Harald ohne weiteres Auge in Auge: »Ist das Ihre Schrift?« Sie erröteten dabei gleichzeitig, der Flieger wie die Fragerin, der es nun jählings wie ein Unrecht vorkam, daß sie diesen Wisch mit den Worten: »Wen liebe ich?« so lange verwahrt hatte.

»Allerdings! Das habe ich geschrieben,« gab Harald zu. »Aber wie kommen Sie, Gnädigste, an diese meine Brieftaube, die ich irgendwo in die Luft geworfen habe?«

Richarda erzählte ihm nun möglichst ungezwungen den merkwürdigen Vorgang, der sie in den Besitz dieser Luftpost gesetzt hatte.

»Ja! Es war eine Frage an das Schicksal,« erklärte Harald weiter, »die ich ins Blaue richtete. Wir Flieger sind der Luft und dem Himmel so vertraut durch unsern täglichen Umgang mit ihm, daß wir uns oft mit Bitten und Wünschen wie die Betenden hier unten auf Erden an ihn wenden. Wenn Sie wollen, Gnädigste, erzähle ich Ihnen auf dem gemeinsamen Weg über den Flughafen, den wir vorhaben, noch ein weiteres davon.«

Harald war seit dem Kriegsende mit einer jungen Frau verheiratet, einer Jugendliebe von ihm. Josephe, so hieß sie, die ihm in den ersten Jahren ihrer Ehe schnell hintereinander drei Kinder geschenkt hatte, war ein prächtiger Kerl, aber leider der Erde und ihren Sorgen mehr und mehr ergeben. Rotbackig und mollig, wie sie war, hatte sie den Entschluß ihres Gatten, den Fliegerberuf zu erwählen, mit ziemlicher Gelassenheit hingenommen. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß unzählige Frauen ihre Männer einem gefährlichen Gewerbe, sei es auf dem Meer, sei es unter oder auf der Erde oder auch hoch in der Luft aussetzen und hergeben müssen. Zudem besaß sie eine gewisse Gottergebenheit, die ihr von ihren Eltern, braven Pfarrersleuten, eingeimpft worden war. Sie hielt alles für schicksalsmäßig vorausbestimmt und fügte sich drum voll Vertrauen auf die Allgüte des Höchsten und auf seine besondere Zuneigung für sie persönlich in jedes Unabwendbare. Zum Kummer und zur Enttäuschung von Harald hatte sie sich in der letzten Zeit immer mehr an die Kinder gehängt, deren Gesellschaft sie weit länger genoß als die ihres Mannes, der auf Tage und Nächte für sie verschwunden, dann plötzlich wieder abends gleich einem wilden Vogel, der inzwischen draußen herumgeschwebt war, in ihr Nest zurückstieß. Josephe war ganz in der Brutpflege aufgegangen und hatte sich daneben ihr ehedem so kindliches munteres Herz von den Dingen des Alltags stehlen lassen. Harald sah sie letzthin, wenn er daheim war, fast nur noch mit ihrem Haushaltungsbuch herumgehen und rechnen, so wie ihr Vater, der Pfarrer, von seiner Bibel unzertrennlich gewesen war. Obwohl ihm die schöne Kluckhennenwärme, die von ihr ausging, manchmal ungemein wohltat, so spürte Harald doch immer stärker und unlieber den Druck der Enge, die Josephe jetzt um sich verbreitete. Einen Schuß Abenteuerlichkeit hätte er ihr gern wieder gewünscht, wie sie ihn zu Anfang ihrer Ehe gehabt hatte, da sie ohne zu fragen, wovon leben, leichtfertig wie die Schwalben zusammengezogen waren.

In diesem Unbehagen, diesem Zweifel hatte Harald Richarda getroffen, dies junge schöne Mädchen, das unbekümmert um die kleinliche irdische Not sich und ihr Leben fortwährend seinem Flugzeug anvertraute. Und jählings hatte ihn eine heftige Zuneigung für dies große Geschöpf ergriffen, das nun schon mehrfach mit ihm oben in der Luft gewesen war, während seine eigene Frau sich noch nicht ein einziges Mal mit ihm hinaufgewagt hatte. Harald wollte Josephe nicht zu einem Fluge nötigen, wenn sie nicht von selber diesen Wunsch äußerte. Doch ihr ewiges: »Einer muß bei den Kindern bleiben«, mit dem sie dies Unterlassen ihrer Begleitung bei seinen Fahrten begründete, begann ihn allmählich zu schmerzen und zu verletzen.

In einem solchen Gefühl des Ärgers, ja der Verbitterung über Josephe hatte Harald sich hinreißen lassen, jenen Zettel mit der Frage an das Schicksal zu schreiben und ihn in die Luft zu schleudern in dem Augenblick, als Richarda ihn und sein Flugzeug verlassen hatte. Es war eine Spielerei von ihm gewesen, ein großer Jungenstreich, dessen sonderbare Folgen ihn nun ganz überraschten. Richarda hörte dem Bericht über seine Ehe, den Harald ihr ohne jede Spitze gegen Josephe entwarf, voll Teilnahme zu. Es war ihr ein paarmal zu Mut, als spräche der Mann, der da neben ihr ging, von ihrem eigenen Schicksal und von dem, was ihr bevorstand. Bei der Beschreibung der Beschränktheit Josephes auf ihren kleinen Kreis, die Harald nur leise und voll Rücksichtnahme andeutete, sah das Mädchen geradezu ihren Bräutigam vor wie er sich in seinen Grenzen sorgte und in Pflichterfüllung austobte. Was ihr in dem Gespräch mit Harald besonders gefiel, war dies, zu merken, mit welcher Verehrung er noch gleich ihr an diesen Schwächen des andern hing, an diesen Schwächen der beiden, mit ihnen verbundenen Menschen, die zugleich deren Stärke waren. Harald, der wußte, daß Richards versprochen und vergeben war, hatte sich gehütet, von seiner heimlichen Zuneigung zu ihr zu sprechen. Er hatte ihr jenen Zettel nur als einen Scherz erklärt, den er in einer Spanne des Unbefriedigtseins dem unbekannten Gotte zugespielt habe.

Indessen hatte er doch im Verlauf ihrer Unterhaltung sich unmerkbar so nahe an das Innere Richardas herangetastet, daß er spüren mußte, daß auch in ihrem Verhältnis zu ihrem Verlobten nicht alles für sie nach Wunsch war. »Wann sehen wir uns wieder?« fragte Harald. Richarda hatte plötzlich, weil sie fühlte, daß es nicht recht war, länger mit diesem Fremden über ihren Bräutigam zu reden oder auch nur zu schweigen, einen Kraftwagen herangewinkt. Er half ihr vor dem Einsteigen in ihren Ledermantel, den er während ihres Gesprächs über seinem Arm getragen hatte. Er bewunderte dabei wieder den hohen, etwas gebeugten Rücken des Mädchens, der für ihn einen ganz besonderen Reiz hatte, und ließ seine breite Hand, während er ihr behilflich war, eine Weile auf ihren Schultern ruhen: »Wann?« wiederholte er und so tief wie er konnte, in ihre grauen Augen hinein. Die Bitte, die in diesem Blick lag, rührte sie.

»In drei – bis zwei Wochen!« verbesserte sie sich, weil sie merkte, wie lang ihm die erste Frist vorkam. »Ich werde nachsehen und fragen, wann Sie fliegen und dann wieder mit Ihnen reisen,« versprach sie hastig. Gab dem Fahrer ein Zeichen und war verschwunden.

Eigentümlich ähnlich verlief dann ihrer beider Ankunft zu Hause: Josephe hatte während der Abwesenheit ihres Gatten einen großen Putz in ihrer Wohnung veranstaltet. Sie ging geschäftig in den noch etwas feuchten Zimmern umher, die nach Sand und Seife rochen, das jüngste Kind auf dem Arm haltend. Die beiden ältesten bestürmten den Vater gleich um Geld: Der Junge für Anschaffungen in der Schule, das Mädchen für ihre Kleidung. Josephe beschwichtigte sie, ohne verhindern zu können, daß sie dem Vater doch soviel wie möglich abluchsten. Dabei bedurfte sie selber des Geldes viel nötiger. Denn ihre ganze Küche saß bereits voll von kleinen Gläubigern, dem Bäcker, dem Fleischer, dem Lebensmittelhändler oder deren Abgesandten, die alle gierig auf die Rückkehr des Hausherrn warteten. Harald merkte, wie Josephe, noch unschlüssig, ob sie ihn gleich berauben sollte, im Zimmer um ihn herumging. Sie schien ihm letzthin wieder etwas stärker geworden zu sein, und er verglich ein wenig enttäuscht ihre jetzigen vollen Formen mit den weit schlankeren Linien, die sie noch auf dem Bilde hatte, das wie ein Klang aus ihrer Jugendzeit an einer Wand in der Stube hing. Dann, weil er fürchtete, daß diese seine Blicke, die von ihr zu ihrem Bilde hin und her gingen, sie gekränkt haben könnten, schob er plötzlich mit einer einzigen Bewegung das ganze Geld, das er verdient hatte, auf den Tisch, unter dem sich die beiden Kinder bereits um das, was sie bekommen hatten, miteinander zankten. Da neigte sich Josephe gerührt über ihn, der auf einen Stuhl zusammengesunken war, und die hellen Tränen liefen ihr über die letzthin etwas bleicheren Backen und tropften dem Gatten auf Haar und Stirn: »Du Armer!« weinte sie, und bei diesen Worten überkam ihn das Gefühl der ersten heißen Liebe zu ihr wieder. »Da stürzen wir wie über einen Schwalbenmann, der mit Beute heimkehrt, über dich her, ich und meine Jungen, und nehmen Dir bis auf das Letzte alles, was du da oben erjagt hast, wieder ab.«

Als Richarda in ihre Wohnung kam, fand sie bereits eine Nachricht von Hartwig vor, die er mit der Luftpost ihr vorausgesandt hatte. »Ich wollte Dir auch einmal zuvorkommen,« hieß es in diesem Schreiben, in dem er ihr mitteilte, daß er geahnt habe, daß sie ihm wiederum plötzlich entschwinden und zurückfliegen werde. Doch atmete der Brief, dem zum Schluß Sperate noch eine Zärtlichkeit hinzugefügt hatte, eine solche schöne Wärme aus und die ganze Zuverlässigkeit eines treuen Menschen, daß Richards nicht anders konnte, als diese Blätter, die mit Liebesäußerungen für sie bedeckt waren, an ihre Lippen zu drücken. Sie vergaß in der Entfernung stets die Gebundenheit und Enge Hartwigs, die sie, wenn sie persönlich mit ihm zusammen war, oft reizbar machte und noch öfters bedrückte. Wie manchen schwierigen Frauen erging es auch ihr, daß sie den Abwesenden sich herrlicher ausmalte, als er in Wirklichkeit hinterher sein konnte. Von Jugend auf als reiches Mädchen verwöhnt, war sie geneigt, die höchsten Ansprüche zu stellen und zugleich auf das stete Entgegenkommen der Leute zu rechnen, mit denen sie in Berührung kam. Sie, die von Schmeicheleien schon als Kind umweht war, hatte allerdings doch noch so viel Selbsterkenntnis und Klugheit behalten, Menschen, die ihr aufrecht und ehrlich gegenübertraten, zu erkennen. Darum war ihr ja Hartwig als ein Muster der Männlichkeit erschienen, weil er ihr keine leeren Redensarten, noch Lobsprüche spendete, sondern ihr seine volle Persönlichkeit, sein eigenes wahres Wesen zur Begleitung für dieses Leben angeboten hatte.

Wenn er nur ein wenig freier und großzügiger sein wollte, wenn er zuweilen nur etwas mehr aus seinen Schranken hinauswachsen würde, wünschte sich Richarda. Besonders wenn sie in seiner Nähe war und er seine stets schulmeisternde Art auch an ihr ausließ, dachte sie sich ihn manchmal gerne anders aus. Zum erstenmal mischten sich in ihrer Vorstellung jetzt einige Züge von Harald in das Wunschbild, das sie sich von ihrem Verlobten, wie sie ihn sich träumte, entwarf. Wenn er etwas Schwebendes haben könnte wie dieser Flieger vielleicht! zog es ihr durch den Kopf. Und sie sah plötzlich Harald in seiner ganzen kraftvollen hageren Erscheinung, wie er immer im Flugzeug vor ihr saß und sie durch die Lüfte steuerte. Doch sie scheuchte alsbald dies Bild des andern von ihrer Stirne fort, auf der es sich genau wie auf einer Lichtbildplatte abgezeichnet hatte, haarscharf, wie sie ihn immer beim Fliegen mit seinem Rücken vor ihren Augen schaute. Wie eine weiche Wolke trat irgend etwas zwischen sie und ihn. Und sie erkannte nun Hartwig, ihren Verlobten, wieder, wie er neben ihr herschritt und ihr mit seiner warmen Stimme in seinem steifen, gestellten Gelehrtendeutsch irgend etwas vorerklärte. Sie mußte lächeln, daß sie diesem in sich ruhenden, abgezirkelten Menschen Flügel an die Arme gesehnt hatte, an die zarten, dünnen Arme, die als einzige Last auf Erden höchstens ein paar Bücher zu tragen pflegten.

Still gefaßt wollte Richarda ihm noch vor der Nacht ein paar Dankeszeilen auf seinen liebevollen Brief zukommen lassen. Aber irgendwelche Nachgedanken hinderten sie heute daran. Sie mußte sich immer wieder in das Schicksal Haralds versenken, das er ihr auf dem Weg in flüchtigen Umrissen erzählt hatte. Die Verwandtschaft und Ähnlichkeit, die sein Verhältnis zu seiner Frau und das ihrige zu ihrem Verlobten zeigten, hatten eine stille Vertraulichkeit zwischen ihnen beiden hervorgebracht. Wenn sie auch noch unausgesprochen geblieben war, diese Kameradschaft, so hatte sie doch ihre beiden Herzen einander genähert. Richarda spürte das an einer stärkeren Unruhe ihres Wesens, einer Unruhe, die sie jetzt, wo sie zu Bett gegangen war, nicht recht schlafen ließ, sondern ihr ganzes Denken immerzu auf Harald und sein Leben lenkte. Wie einer, der nicht einschlummern kann, oft fortwährend einen Gedanken und manchmal auch nur ein Wort im Kopf herumdreht, wälzte sich Richarda ruhelos in der steten inneren Beschäftigung mit dem Flieger herum. Es war zum Teil auch noch das Schwindelgefühl von der Fahrt, das sie noch nicht entspannen wollte, sondern beständig im Kreise um Harald als einen festen Punkt drehte. Schließlich ergriff sie, um ihn zu verlieren und sich wieder ganz mit dem Verlobten zu beschäftigen, zu den Aufzeichnungen, die Hartwig ihr mitgegeben hatte, und las sich tief in die Geschichte der fremden Herzogin, mit der sie sich irgendwie dunkel bänglich verbunden fühlte, weiter hinein:

♦ Lüchow ist von Italien zurückgekehrt und hat uns seinen Antrittsbesuch abgestattet. Aber mit welcher Jammerpost ist er heimgekommen! Mein Vetter, der Erbprinz August von Celle, der artigste, hübscheste, liebenswürdigste junge Fürst, den ich in meinem ganzen Leben kennengelernt habe und kennenlernen werde, ist nicht mehr. Ist urplötzlich an einem hitzigen Fieber fern in Rom verstorben. Mir wurde fast schwindlig, als Lüchow uns in der zartesten Form von diesem Todesfall in Kenntnis setzte. Der Graf hat seine Reise daraufhin selber sofort abgebrochen und sich nach Deutschland begeben, um der erste zu sein, durch den wir, das heißt ich, diese schmerzliche Kunde vernehmen sollten.

♦ Mein in allem, was mit dem Sterben zusammenhängt, ängstlicher Herr Gemahl zog sich sogleich nach Empfang dieser Nachricht in seine Gemächer zu seinen irdischen Vergnügungen zurück und überließ es mir, der weiteren Ausmalung einer solchen traurigen Begebenheit beizuwohnen. Und was mußte ich da von Lüchows Lippen erfahren! Mein junger Vetter, dies Traumbild meiner Kindheit, hat mich auf das innigste, das schwärmerischste geliebt. Nur aus Gram über meine frühe Vermählung, die er mit Hilfe meiner Mutter bis zuletzt zu hintertreiben hoffte, ist er nach Italien aufgebrochen, wo er sich in einem hemmungslosen, wilden Aufflackern seiner Sinneslust dem Tod geradezu in die Arme geworfen hat. Kurz vor seinem Ende ist er mit Lüchow bekannt geworden und hat diesem jungen Grafen, der ihm durch eine höhere Fügung aus meinem Lande zugesandt schien, in der Krankheit sein ganzes Herz geöffnet.

♦ Mit welchen zerrissenen Gefühlen erhielt ich nun von Lüchow die kleinen Gaben zurück, die ich als junge Prinzessin heimlich durch meine Mutter meinem herrlichen Vetter hatte zustecken lassen. Einen Haarbeutel, den ich für ihn verfertigt, und eine Schmuckkapsel mit einer blonden Locke von mir, die ich ihm geschickt hatte. Wie Heiligtümer waren diese wertlosen Gegenstände von ihm bewahrt worden. Noch im Todeskampf habe seine Hand sie berührt, wie Lüchow mir versicherte, der mich mit einer Zurückhaltung und teilnahmvollen Vornehmheit, die mich rührte, weinen sah.

♦ Er schien mir durch die wochenlange nähere Berührung mit meinem Vetter, dem Celler Prinzen, zumal in solch erregter letzter Lebensspanne, diesem noch ähnlicher geworden zu sein. Was er mir auch äußerlich dadurch bestätigte, daß er mir erzählte, der Erbprinz habe ihm als seinem Waffenbruder seine ganze kriegerische Ausrüstung vermacht: seinen Zierdegen, seine Schärpe, seinen Dolch und sein Armband, alles Dinge, die er nun von ihm an seinem Leibe trage. Durch die Gleichheit, die Lüchow in solchem Aufzug immer mehr für mich mit meinem verstorbenen Vetter annahm, ließ ich mich hinreißen, ihm auf seine stürmischen Bitten jene Schmuckkapsel zum Andenken zu überlassen, die von mir einst dem Erbprinzen geschenkt worden war. Sie war ganz heiß in Lüchows Hand geworden, als er sie mir überreicht hatte, so daß ich ihn erschrocken fragte, ob er Fieber habe. Hierbei sah er mich so in mich verloren an, daß ich fast Mitleid mit ihm bekam und zugleich zuerst in meinem ganzen Leben das glühende Verlangen verspürte, einmal nur in diesem irdischen Dasein in einen solchen Zustand des Außersichseins und der Verzücktheit wie er zu geraten.

♦ Gleich darauf nahm der Graf sich wieder äußerst zusammen, indem er, wenn auch noch in einem innern Aufruhr stammelte, es sei nicht unmöglich, daß die goldene Kapsel einen Rest der Wärme behalten habe, die der Sterbende ihr mitgegeben hätte. Bis zuletzt sei dieser Schmuck in der Hand meines Vetters gewesen, der ihn mehrfach mit seinen zitternden Fingern so zärtlich umschlossen habe, als halte er mein Herz umfaßt. ›Ich habe ihm die runde Kapsel bis über den Tod gelassen und bis zu dem Augenblick, da sie aus seiner steifgewordenen Hand fiel!› berichtete mir Lüchow und setzte hinzu: ›Weil ich fühlte, welch ein himmlischer Genuß es sein muß, zu glauben, man könne jemals ein Herz wie das Ihrige umspannen.›

♦ Ach, daß wir Frauen uns von Höflichkeiten umso eher gefangen nehmen lassen, je geistigerer Art sie sind! Ich hatte noch immer ein wenig gezögert, Lüchow dies Geschenk zu überlassen, das er mir so treuherzig von meinem toten Vetter überbrachte. Aber diese letzte Huldigung, die er meinem Innersten, nicht meiner Erscheinung weihte, stimmte mich so günstig für ihn, daß ich ihm nun wortlos den Schmuck überließ. Er hatte das Feingefühl, ihn nicht an seine Lippen zu drücken, wie er dies vor Zeiten mit meiner Schleife getan hatte. Doch er steckte ihn zu sich mit einem betränten Blick, in dem zugleich soviel Liebe für den Toten und eine solche innige Dankbarkeit für mich schwamm, daß ich nicht mehr bereuen konnte, ihm dieses kleine Andenken gelassen zu haben.

♦ Erst hinterher kamen mir Bedenken über meinen Leichtsinn, wie ich ihn jetzt schelten mußte. Und zwar stiegen diese Bedenken in mir hoch durch die Bekanntschaft mit der eigenartigsten Frau, die mir jemals begegnet ist. Ich hatte bisher gar nicht gewußt, daß die Gattin unsres gestrengen, erzfrommen Oheims Dominikus noch lebte, ja daß er überhaupt jemals verheiratet gewesen war. Bei seiner betbrüderlichen Neigung, die man selbst seinen an den Kirchenbänken abgestoßenen Kniehosen ansehen konnte, hielt ich ihn für einen starren Junggesellen und ausgemachten Weiberfeind. Er war es auch zur Stunde. Aber er war es nicht immer gewesen, wie ich nun erfuhr. Er hatte sogar einmal den Versuch gemacht, sich eine rechtmäßige Gattin zu nehmen, eine süddeutsche Prinzessin, die den für uns im Norden ungewöhnlichen Namen ›Scholastika› trug. Diese jetzt schon recht betagte Dame lernte ich auf folgende Weise kennen:

♦ Mein Herr Gemahl bekundete auf einmal die Grille, mich an seiner fürstlichen Hauptliebhaberei, dem Jagdvergnügen, teilnehmen zu lassen. Indessen, da er bald merkte, daß ich für dies sein Steckenpferd wenig Leidenschaft aufbringen konnte, ließ er mich nach kurzer Zeit in der Gesellschaft meiner beiden Begleiterinnen. Diese kaum flüggen Jungfern zeigten entschieden mehr Geschmack als ich für die muntere Jägerei, vielmehr für die schmucken Herren, die ihr oblagen, also daß ich sie ihrem Behagen und den Herren und Hunden nachlaufen ließ. Auf diese Weise geriet ich, mutterseelenallein für mich weitergehend, in eine Art Festungsgarten. Anders kann ich dies umfriedete Gelände kaum bezeichnen, das ein kleines verwahrlostes Schlößchen umgab. Man erzählte mir späterhin, daß diese Anlage von ihrem ersten Begründer als ein Irrgarten gedacht worden sei, als eine jener aus Buchenhecken und Buxbaumbeeten zusammengeschachtelten künstlichen Spielereien, die man damals zuweilen, um die Menschen zu necken, in die freie Schöpfung hineinbaute.

♦ Jedenfalls verlief ich mich, die ich unversehens in dieses grüne Irrgewinde hereingekommen war, lange Zeit derartig, daß ich zum Schluß ganz verwirrt und ängstlich wurde.

♦ Da sah ich, gerade als ich mich auf ein banges Hilferufen verlegen wollte, zwei Damen, die eine tiefschwarz, die andre silbergrau gekleidet, auf einer Bank bei einem kleinen Kunstbrunnen sitzen. Die eine dieser beiden märchenhaften Erscheinungen las oder träumte, richtiger gesehen, über ein Buch hinweg, das aufgeschlagen in ihrem Schoß lag, während die andre fortwährend in den matten, wassergrauen Spiegel schaute, der von einem leis hinabtropfenden Rinnsal in der marmornen Schale des Brunnens gebildet wurde. Sonderbarerweise verlief ich mich, als ich erschöpft von meinem Hin- und Hersuchen die beiden fremden Damen nach einem Ausweg befragen wollte, nun noch ein letztes Mal, indem ich mich durch eine Spiegelung des Kunstbrunnens, die dort in einer Efeuwand angebracht war, wieder von meinem Ziel abbringen ließ. Da trat die silbergraue Dame mir zuwinkend entgegen und stellte sich mir, von der sie schon vernommen hatte, als Tante Scholastika und Gattin meines Oheims Dominikus vor. Als ich nun gleich ehrerbietig die andre Dame, die mir noch älter und viel zarter als Scholastika erschien, begrüßen wollte, hielt diese mich zurück, indem sie erklärte, daß diese, ihre Schwester Vana, geisteskrank sei. Und zwar infolge einer langjährigen Haft, die ihr verstorbener Gatte wegen eines Vergehens über sie verhängt habe.

♦ Nach dem Tode dieses Herrn sei ihr die inzwischen geistesschwach gewordene Schwester anheimgefallen, und sie habe sich mit ihr in diese kleine Schloßfeste zurückgezogen, die in grauen Vorzeiten zum Schutz gegen Räuberbanden oder Wilderer, die sich in den weiten Waldungen zusammengetan hätten, errichtet worden sei. Zum Glück tröste sie im Sommer diese scherzhafte spätere Zutat, der Irrgarten, über die kahle Trostlosigkeit dieses verlassenen Jagdschlosses, das aus Furcht vor Dieben und Überfällen niemals stattlich ausgerüstet worden sei und nunmehr ganz dem Verfall überlassen werde. Auf meine Frage, was ihre Schwester Vana, die inzwischen immerzu in den Brunnen stierte und wohl auch gelegentlich blöde hineinlächelte oder sich in gezierter Weise selber Kußhändchen zuwarf, denn dort eigentlich treibe, gab Scholastika ausweichend zur Antwort: ›Sie sucht sich selber.‹

♦ Zur Erklärung von Scholastika und ihrem eigentümlichen Leben und Aufenthalt will ich gleich im Zusammenhang erzählen, was ich erst nach und nach von ihren Schicksalen durch sie und durch andre in Erfahrung gebracht habe:

♦ Sie war zuerst wie ich ihrem Herrn Gemahl mit Vertrauen und Zuneigung entgegengekommen. Eine vorzeitige Schwäche veranlaßte indessen ihren Gatten, den Oheim Dominikus, sich ihrer bald zu enthalten und sich in die frommen Gefilde der Strenggläubigkeit und Gottseligkeit zurückzuziehen. So gern ihm auch Scholastika dorthin gefolgt wäre, so wurde sie daran doch noch durch den Teil Lebensfreudigkeit und Warmblütigkeit verhindert, den sie sich aus Süddeutschland mitgebracht hatte. Sie strotzte, selbst in den Jahren der Zurückgezogenheit, in denen ich ihr begegnet bin, noch vor Gesundheit. Und erklärte mir oft lachend, daß sie es getrost noch mit zwei Männern aufnehmen könne. ›Wenn sie nur kommen wollten!‹ setzte sie dann mit dem traurigen Lächeln derer, die sich abgefunden haben, hinzu. Sie lebte der festen Ansicht, daß die Frauen an sich zur Vielmännerei geboren und geschaffen seien und lediglich durch Erziehung und Rücksichtnahme auf sich und den Staat gezwungen würden, sich mit einem einzigen Manne zu behelfen: ›Der oftmals nur ein halber Mann ist oder nicht einmal das!‹ merkte sie hierbei aus eigenen trüben Erfahrungen an.

♦ Scholastika hatte in der Verzweiflung des Bluts, wie sie es ausdrückte, als ihr engbrüstiger, verdorrter Gemahl vor ihr geflohen war, zunächst aus ihren Ansichten sogar ein Lehrgebäude, ein Grundbuch schreiben wollen, nach dem dermaleinst eine neue Sittlichkeit über die gefesselte Menschheit und Weiblichkeit gepredigt werden sollte. Sie war aber vor weiblichem Schamgefühl schon über den ersten Seiten dieses Leitfadens, den sie den Frauen und Männern der Zukunft geben wollte, stecken geblieben. Infolge ihrer Vollblütigkeit wäre sie, die man, mitten im Saft stehend, nun vertrocknen ließ, nicht abgeneigt gewesen, sich ab und zu ein Abenteuer und einen Nebenmann zu gestatten, zumal es an Gelegenheiten dazu für sie nicht fehlte. Selbst in der pfäffischen Gesellschaft nicht, die ihr Gatte und Augenverdreher jetzt wie einen schwarzen Leibrock um sich angelegt hatte. War sie doch noch in ihrem Alter eine der ansehnlichsten Frauengestalten, die je einen Hof verschönt haben, wie sie denn auch, als ich sie kennenlernte, einen Busen hatte, dergleichen Vollendetes mir nie, auch in Kunstwerken nicht, vor Augen gekommen ist. Doch da spielte ihr das Schicksal jene kranke Schwester zu, deren Seelensiechtum ihr bisher nur als eine Gemütsverdüsterung geschildert worden war, und von der sie jetzt, wenn auch in verworrenen, aber doch noch richtigen Zügen ihr grausames Los erfuhr.

♦ Bei einem kleinen Seitensprung aus ihrer Ehe von ihrem Gatten ertappt, hatte der böse Kerl diese ihre Schwester Vana unter dem Vorwand, sie sei unheilbar geistig gestört, in einem seiner Schlösser eingeriegelt und dort so lange in Gewahrsam gehalten und verhöhnt, bis Vana endlich wirklich ihren Verstand verloren hatte. Dies traurige Beispiel hielt Scholastika davon ab, sich selber in irgendwelche Schritte einzulassen, die sie vom Weg der ehelichen Treue verlocken könnten. Zu ihrem Glück hatte sie sich selber im letzten Augenblick gebremst, wie sie mir mit einem warnenden Lächeln eingestand. Denn gerade der anziehende, geistvolle und sehnige junge Geistliche, schön wie Apoll und milde wie Christus, mit dem sie beinahe schon ein Minnespiel begonnen hätte, war, wie man ihr hernach zutrug, von ihrem Gatten Dominikus gewonnen worden, sie verliebt in sich zu machen und danach als Ehebrecherin zu verraten.

♦ Als Scholastika, empört über solche Ränke und Schliche, den überfrommen Dominikus zur Rede gestellt hatte, so erzählte sie mir weiter, habe sich dieser höchst sonderbar verteidigt. Auf ihre lauten Vorwürfe, warum er ein solches Vorleben geführt habe, daß er nun nicht mehr imstande sei, seinen ehelichen Pflichten im mindesten nachzukommen, sei Dominikus zunächst ganz stille geworden. Hernach habe er in seiner priesterlichen leiernden Art, die ihm von dem ständigen Kirchensitzen und Anhören der Predigten angeflogen sei, mit zu Boden geschlagenen Augen muckerisch fromm ausgeführt, er habe nur darum eine Weile drauf losgelebt und geliebt, um sich abzutöten. Dies sei unser aller Endzweck auf Erden, uns durch möglichst rasche Überwindung des Sinnlichen in uns auf den Tod als den Beginn der Ewigkeit vorzubereiten. Scholastika blieb ihm, wie sie mir sagte, darauf die richtige Antwort, vielmehr Frage nicht schuldig: Warum er seinen Blick in aller Welt denn gerade auf sie geworfen habe, die sie ein junges, mehr als gesundes, üppiges und lebenslustiges Ding gewesen sei? Worauf der alte, heilig gewordene Sünder ihr erklärt habe, daß dies ein ganz besonders Gott wohlgefälliges Werk sei, wenn man einen Menschen, dem es möglichst schwer würde, sich und seine Wollüstigkeit zu besiegen, dem Himmel zuführe. Sie solle sich ein Beispiel an ihm nehmen und fortan danach trachten, ihm immer ähnlicher zu werden, wie dies ihre Pflicht als eine ehrsame Ehefrau sei. Auf solche Weise allein werde sie seiner würdig werden und sich das Leben in der ewigen Seligkeit durch einen vollkommenen Verzicht auf die vergänglichen Freuden dieses kurzen irdischen Daseins langsam verdienen. Seitdem Dominikus ihr diese weinerlichen Ratschläge erteilt und solche Sittenreden vorgepaukt habe, sei sie, Scholastika von einer derartigen Wut über diesen falsch frommen, tugendsäuerlichen Kerl ergriffen, daß sie an sich halten müsse, um ihm nicht ins Gesicht zu springen und ihn zu zerkratzen, wenn sie ihm begegnete.

♦ Aus diesem Grunde habe sie sich auch immer mehr in die Einsamkeit zurückgezogen, in dies ihr Jagdschlößchen, das als eine halbe Festung vorzüglich geeignet sei, eine Irre, wie ihre Schwester Vana, und eine Halbirre, wie sie selber, aufzunehmen und zu behüten. Denn darüber bestände kein Zweifel, wie Scholastika mir jedesmal, wenn wir uns persönlich trafen, versicherte, daß sie mindestens halb so verrückt wie ihre tolle Schwester sei. ›Der einzige Unterschied ist nur der,‹ meinte sie dann in ihrer spöttischen Art, die sich selber stets am wenigsten schonte, ›daß ich es mir nicht anmerken lasse. Denn glauben Sie in Wirklichkeit, liebes Kind, daß ein richtiges ausgewachsenes Weib, wie ich es bei Juno gewesen bin, auf die Dauer bei einem solch unnatürlichen Lebenswandel, wie ihn mein bibellesender, ausgedörrter Herr Gemahl mir aufgezwungen hat, geistig gesund bleiben kann? Ich müßte denn von Anfang an falsch geboren oder irgendwie körperlich zurückgeblieben sein, wenn ein solches mir und meinem Blut schnurstracks zuwiderlaufendes Betragen, das man von mir verlangt, mich bei richtigem Verstand erhalten würde.‹

♦ Wenngleich ich damals von ihren Reden und Bemerkungen, die sie ziemlich kraus durcheinander vortrug, vieles nicht verstand, so schrieb ich mir doch eines vor allem aus ihren Erfahrungen und aus denen ihrer Schwester Vana hinter die Ohren, nämlich wie vorsichtig unsereins als Frau sich bei Hofe benehmen muß. Ich bereute nun auch gründlich, den jungen Grafen Lüchow durch meine persönliche Gabe heimlich ausgezeichnet zu haben. Zumal da mir kurze Zeit hernach noch folgendes von ihm widerfuhr. Ich war von meinem Herrn Gemahl plötzlich aufgefordert worden, mit ihm die Oper zu besuchen. Mir war letzthin schon öfters aufgefallen, daß ihm mehr als zuvor an mir und meiner Gegenwart gelegen zu sein schien. Ob es das heranrückende Alter war, wie Scholastika weissagte, das ihn liebenswürdiger und rücksichtsvoller gegen mich machte, will ich nicht entscheiden. Als wir nun aber in unsrer Bühnenlaube vor dem Vorhang saßen, mußte wohl in meinem herzoglichen Gatten der alte Adam erwacht sein, der ihn von meiner Seite weg wieder hinter jene bunte Welt aus Pappe trieb, zwischen der er sich so lange Zeit wohlgefühlt hatte. Denn er verließ mich in einer Pause unter irgend einem Vorwande, um sich in Wahrheit die Beine der Tänzerinnen aus nächster Nähe zu betrachten. Als Ersatz für ihn blieb mir mein Anbeter, der junge Lüchow, der in der Seitenlaube neben uns saß und nun ein Kreuzfeuer von huldigenden Blicken auf mich eröffnete.

♦ Ich muß zugeben, daß ich zum ersten Male in dieser etwas lächerlichen Lage, in der ich mich durch meinen ausgerissenen Gatten befand, dem schmachtenden Lüchow einige Augen voll Zuneigung wiedergab. Ich warf sie ihm über meinen Fächer wie süße Köder zu, die ich dann langsam an langer Angelleine wieder zu mir zurückzog. In dem Halbdunkel des Zuschauerraums war dies unauffällig zu machen, zumal die meisten den Vorgängen auf der Bühne lauschten, wo man irgend eine gleichgültige ›Dido‹ oder ›Armida‹ oder ›Ariadne‹ sang und spielte. Selten war mir Lüchow aber auch so reizvoll und vortrefflich vorgekommen wie an diesem Abend. Er hatte sich, als ob er mein Erscheinen geahnt hätte, ganz ähnlich wie mein verstorbener, im stillen noch von mir betrauerter Vetter gekleidet und sogar, wie ich mit einem Blick bemerken konnte, den Haarbeutel angelegt, der von mir einst dem Toten verehrt worden war, der ihn selber aus Ehrfurcht nie benutzt hatte. Die stumme Huldigung, die mir von Lüchow nun schon so geraume Zeit entgegengebracht wurde, rührte mich bei den einschmeichelnden Tönen, die von der Bühne klangen, derart, daß mir ein paarmal die Tränen, die bittersüßen Sendboten der Seligkeit, über diesen meinen schmachtenden Schwärmer in die Augen traten. Besonders als jetzt jenes holde Liedchen ertönte, das damals überall gesungen wurde:

›Gott der Liebe, dem ich mich verschrieben,
Sag' es mir und weih' mich zärtlich ein:
Ist es süßer auf der Welt zu lieben
Oder süßer noch, geliebt zu sein?‹

Nach dem Schluß der Vorstellung aber ereignete sich folgendes Fürchterliche: Mein Herr Gemahl mußte wohl unsern Hofwagen während der Aufführung benutzt oder auch verliehen haben. Jedenfalls war sein Gefährt nicht da, als wir hinausstapften, wo uns ein dicker Schnee empfing, der schon während des Bühnenspiels gefallen war. Hinterher stellte sich heraus, daß der Wagen, der eine der Huldinnen meines Gatten heimgebracht hatte, bei der Rückkehr im Gestöber stecken geblieben war. Lüchow hatte auf die Nachricht von der kalten Witterung und dem Schneefall seinen Schlitten bestellt, der von einem rotgescheckten Apfelschimmel gezogen wurde. Während mein Gatte nun einen Augenblick nach dem Verbleiben des Wagens und unsrer Dienerschaft ausschaute, benutzte Lüchow die kleine Pause, mit mir ein Gespräch anzuknüpfen. Wobei er freilich in seiner Kindlichkeit und Schüchternheit vorab kaum über die erste übliche Einleitung, nämlich die Klagen über das Wetter, hinauskam, das hierzulande anders wie im Süden so unzuverlässig sei. Ich entsinne mich, daß ich ihm hierauf, noch befangen von den Tönen der Oper und unter dem Eindruck gewisser Erinnerungen an Gespräche von Scholastika, die mich plötzlich überkamen, irgendwie mißgestimmt durch die Kälte draußen oder durch ihn, erwiderte: ›Wem kann man überhaupt trauen in dieser Welt?‹ Eine Wendung, die ich gesprächsweise vorgebracht hatte, und deren Bedeutung für Lüchow ich mir erst hinterher klarmachte. Sie waren mir ebenso leichtfertig vom Munde geflossen, diese Worte, wie sie schwer als ein unverdienter Vorwurf nun in seine Seele fielen. Alles dies geschah in Augenblicken. Denn als der Herzog unsere Staatskutsche samt der Dienerschaft nicht gleich erblickte, mochte ihm zum Bewußtsein kommen, daß er in seinem alten Leichtsinn anderweitig über den Wagen verfügt habe. Er trat darauf barsch an Lüchow heran mit der Bitte, vielmehr mit dem Befehl, uns ins Schloß fahren zu lassen. ›Von Herzen gerne,‹ sagte Lüchow. Und jedes seiner Worte kam mir wie ein Kuß vor, den er mir, die er fortwährend anschaute, auf die Hand drückte. ›Die Hoheiten müssen freilich mit mir selber als Fahrer vorlieb nehmen,‹ entschuldigte er sich verbindlich und verwahrte sich mit diesem Ton ein wenig gegen die Schroffheit meines Gatten. ›Ich habe meinen Kutscher gleich nach der Oper entlassen, da ich es, erfüllt von der Musik, vorzog, allein heimzufahren.‹

♦ Der Herzog knurrte irgend etwas vor sich hin und kletterte, wütend über sich und seine Schwäche gegen die Damenwelt, in den Schlitten hinein. Lüchow wußte es nun so einzurichten, daß ich in die Mitte des Fahrzeugs kam, weil mich sonst die Zügel belästigen würden, die er, nun an meiner Seite einsteigend, in die Hand nahm. Ich saß somit zum ersten Male nach meiner Hochzeit, zu der ich neben meinem Gatten und meinem Vater gefahren war, zwischen zwei Männern. Eine dicke braune Bärendecke lag über uns, die uns zu dritt völlig zudeckte. Das Gewölk am Himmel teilte sich, von einem unsichtbaren Mond versilbert, und zwei Sterne kamen zwischen wenigen noch herabrieselnden Schneeflocken glitzernd zum Vorschein. Sie stachen mir mit einem verführerischen Zauber in die Augen, diese beiden goldenen zitternden Punkte am Himmel, und versetzten mich in eine sonderbare Schwingung. Mit einem Male fühle ich, wie Lüchow, der mit der Rechten leicht Gaul und Schlitten lenkt, sich mit seiner Linken zu mir tastet, bis er meine Hand ergreift, die er nun leise, aber auf das zärtlichste zu umfassen und zu liebkosen weiß. Es war eine ihm ganz eigene Art, mit meiner Hand zu spielen, sie zu streicheln, zu drücken und dann wieder loszulassen, dergleichen mir nie zuvor von einem Mann geschehen war. Es war etwa so, wie ein Kater mit einer Maus spielt, die er vor lauter Liebe am Ende auffrißt.

♦ Ich ließ ihn, in der Winterkälte der Nacht wie gebannt von der Herzenswärme, die dabei aus ihm in mich überströmte, eine Weile sich so vergnügen, als zu meinem jähen Entsetzen mein rechtmäßiger Gemahl nach meiner andern Hand greift und sie, um sich wegen seines Benehmens in der Oper zu entschuldigen, an sich preßt. So etwas war mir so neu bei ihm, daß mir das Herz vor Erstaunen stehen blieb. Er nahm das unwillkürliche Zurückzucken meiner Linken, das mir vor Überraschung dabei unterlief, für einen Versuch, mich ihm und seiner so unvermutet geäußerten Zuneigung zu entziehen. Und hielt nun mit einer gewissen Ehrerbietung und Hingegebenheit, aber doch entschieden, meine Hand in der seinen fest.

♦ Hinterher ist mir von Scholastika bestätigt worden, daß derlei zuweilen vorkommt, daß ein Mann, als ob er es ahnte, wenn seine Ehehälfte ihn betrügen will oder muß, urplötzlich dazwischenfahren kann und auf sein Vorrecht pocht. Ich fühlte mich wie in zwei Hälften zerrissen, als so die beiden Männer zu meinen Seiten mich an den Händen griffen, als wollte jeder von ihnen mich haben und an sich reißen. Zugleich spürte ich durch den Schmerz, der mich dabei quälte, eine gewisse Wonne, über die ich mich anderseits sofort wieder ärgerte. Es war ein Gefühl, wie man es hat, wenn man eines der geladenen Geräte des Herrn Volta anrührt, wobei einem ein wohlig ängstliches Kribbeln durch alle Nerven geht, als ich mich von beiden Seiten angefaßt sah und merkte, wie zwei mich begehrten. Also gejagt von einander widerstreitenden Empfindungen kam ich wie zerhackt und aufgeteilt zwischen zwei Männern vor unserm Schloß an, wo zuerst Lüchow und dann der Herzog, mein Gemahl, meine Hand losließen.

♦ Ich stand noch immer unter dem Eindruck dieses eigentümlichen Zustandes, für eine wenn auch nur kurze Weile zugleich zwei Männern angehört zu haben, als ich mich, wie dies meine Gewohnheit war, vor dem Spiegel für die Nacht entkleidete. Ich tat dies in der Regel ohne Hilfe einer Jungfer, nachdem ich bemerkt hatte, daß einmal die Anwesenheit eines solchen weiblichen Wesens meinen Gatten behindert hatte, als er mich um diese nächtliche Stunde aufsuchen wollte. Plötzlich war mir nun, als ob er dieses Vorhaben heute abend zu wiederholen gedächte. Denn ich glaubte ihn in meinem Spiegel zu sehen, als sich mit einem Male eine Hand, so kalt und hart wie das Henkerbeil, hinten auf meinen Nacken legte. Da erwachte ich jählings von einem Angsttraum – denn es stand in Wirklichkeit niemand hinter noch neben mir –, den ich eingeschlafen vor meinem Spiegel gehabt hatte.

Auch Richarda fuhr an dieser Stelle zusammen. Aber nur von dem Lufthauch, der zu ihr durch das Fenster strich, das sie über ihrem Lesen im Bett wie immer hatte offenstehen lassen. Er kam ihr wie ein Gruß von Harald vor, den er ihr durch die Nacht zuschickte, dieser Windzug, der von einem draußen niedergehenden Gewitter entstanden war. Sie fühlte wieder die breite Hand Haralds auf ihrem Rücken ruhen, wie heute beim Abschied, da er ihr in den Mantel geholfen hatte, lächelte dabei, ließ die alten Blätter sinken und schlief ein.

Das nächste Mal, da sie mit Harald ihre Flugreise machte, sah dieser sich gezwungen, unterwegs eine Notlandung zu machen. Sehr zum Ärger, ja zur Wut der meisten Mitfliegenden, die nun ihre Anschlüsse oder Verabredungen verpaßten und darum nicht genug über dies unzuverlässige teure neue Verkehrsmittel schimpfen konnten, bei dem man nie ganz sicher fahre, und wo es immer wieder etwas gäbe, das alle Reisepläne über den Haufen würfe. Als Harald nun gar kaltblütig erklärte, daß die Ausbesserung des Bruchs am Getriebe, zu dem noch ein Knax am linken Flügel käme, ein paar Stunden dauern würde, stoben alle zornig auseinander, um sich auf den nahen Bahnhof zu stürzen. Von dort fuhr bereits in einer halben Stunde ein Eilzug ab, der die jammernden und fluchenden Leute mit sich nahm.

Richarda blieb allein mit Harald zurück, der sich umsonst gemüht hatte, immer wieder seine Schuldlosigkeit an dem Schaden zu beteuern und die ärgsten Schreier vergebens damit zu besänftigen suchte, daß er sogleich nach einem Ersatzflugzeug funken werde.

»Ach! Lassen Sie diese ewig unzufriedenen Brüller doch ihrer Wege gehen!« tröstete ihn Richarda, während der letzte Mißvergnügte knurrend über die größeren Reisekosten verschwand. »Ist es nicht ein Jammer um die Menschheit! Erst hofft und sehnt sie sich Jahrtausende lang nach dem Wunder, fliegen zu können. Und kaum hat sie es glücklich erlernt, da hat man in der Hauptsache zunächst darauf gesonnen, wie man die neue Kunst am wirksamsten und tötlichsten für Kriegszwecke ausnutzen könnte. Und tut es noch immer weiter. Oder man tobt und kreischt gleich wie hier, wenn ein kurzer Aufenthalt eintritt, und wenn nicht alles nach ihrem nüchternen irdischen Fahrplan klappt. Statt diese Pause einmal zu benutzen, um über sich und das Wunder nachzudenken, das mit ihnen vorgeht, wenn sie durch die Lüfte zu irgend einem bestimmten Ziel getragen werden, achten sie peinlich darauf, daß die Abfahrt- und Ankunftzeiten auch genau eingehalten werden. Und stellen sich wie Verzweifelte an, wenn sie einmal aus ihrem Trott und ihrer gepriesenen verfluchten Ordnung gerissen werden.«

Harald und sie mußten hinterher noch lachen über die verschiedenen Krakeeler, die sich da ausgewettert und gezankt hatten. Ihre Heiterkeit über diese ungeduldigen überreizten Seelen wurde noch durch eine lustige Unterbrechung erhöht, die sich während der Instandsetzung des Flugzeuges zutrug. Während Harald den Werkleuten, die aus dem nicht fernen Städtchen gekommen waren, noch die erforderlichen Anweisungen gab, nahten sich auf der Landstraße, die sich neben der Notlandestelle hinzog, zwei sonderbar aufgeputzte Kerle. Und zwar ein ebenso auffallend langer wie ein ungewöhnlich kurzer Mann. Sie schritten nicht im gewöhnlichen Wanderschritt fürbaß, sondern bückten sich beide abwechselnd immerzu. Und als sie nun näher kamen, sah man, daß sie eine leere Tonne vor sich her rollten. Auf ihren Rücken trugen sie schreiende, bunt gemalte Ankündigungen, aus denen, wie aus den Zetteln, die der kleine von ihnen ab und zu verteilte, hervorging, daß die beiden im Begriff seien, eine Reise um die Welt zu machen, indem sie dieses Faß vor sich herstießen. Richarda gab dem kurzen der beiden, die sich mit Absicht wegen ihrer verschiedenen Größe zu einer lustigen Wirkung zusammengetan hatten, ein kleines Zehrgeld auf die Wanderschaft mit. Er empfing es als der einnehmende Teil der beiden Burschen mit dankbarem Grinsen, während der längere nur voll Würde seinen vertragenen Hut aus Erkenntlichkeit ein wenig lüftete.

»Muß man nun nicht wirklich glauben, daß die Menschheit in der Tat wahnsinnig ist!« setzte Richarda ihre Gedanken fort. »Die einen geizen angstvoll mit jedem Augenblick und gebärden sich wie ungezogene Kinder, wenn man ihnen zumutet, sich ein paar Stunden auszuhalten. Sie reisen wie die Rasenden und tun, als wenn man sie bestehle, wenn man ihnen ein winziges Stück ihrer Zeit wegnimmt. Und wieder andre machen sich ein Vergnügen und ein Geschäft daraus, mit ihrer Zeit möglichst verschwenderisch umzugehen. Wandern im Schlenderschritt wie die Schnecken um die Welt, machen ständig Rast wo sie wollen und vertuen Monate und Jahre in solchem langsamen Sichfortbewegen.«

Harald sah lächelnd den beiden Kerlen nach, die mit ihrem Faß wie eine Verzerrung seines Fliegerberufs wirkten. »Eigentlich könnte man sie beneiden um ihre Schwerfälligkeit und um ihre Tonne, die Kerle. Gibt es ein bequemeres und billigeres Wohnhaus als solch ein rundes Ding, das zugleich ihr Reisefahrzeug ist? Und hatte der griechische Weise nicht Recht, der keine andre Unterkunft für sich haben wollte, als eben eine Tonne, die er nach Belieben hinwälzen konnte, wo es ihm gerade wohl gefiel?«

»Ich fürchte nur, meinte Richarda, die mit ihm dem wunderlichen Paar nachschaute, »für zwei wird die fliegende Behausung, ihr Faß, etwas schmal und knapp sein.«

»Sich einschränken muß man immer, glaube ich irgendwie, wenn man zu zweien zusammenzieht!« seufzte Harald und dachte dabei bitter an Josephe und ihr Sorgengesicht zurück, mit dem sie ihm heute morgen wieder »auf Wiedersehen« nachgerufen hatte, als könnte sie es kaum erwarten, daß er wieder mit neuen Hilfsgeldern für sie und die Kinder heimkehrte. Richarda erriet seine Gedanken und schlug, um ihn davon abzubringen, einen kurzen Gang vor, den sie bis zur Instandsetzung des Flugzeugs unternehmen wollten. Harald stimmte mit Freuden zu. »Ich kann sogar den Führer hier in dieser Gegend abgeben.«

»Wie oben in der Luft?« fragte Richarda lächelnd.

»Ja! Mindestens ebensogut. Hier ganz in der Nähe gehört mir nämlich ein Stück Erde. Jawohl, ich bin Gutsbesitzer, wenn Sie wollen. Kein großartiger, ich gebe es zu. Aber ich habe eine halbe Stunde von hier ein verlassenes und verfallenes Werk liegen. Eine Eisengießerei. Von meinen Vätern überkommen. Nur leider haben sie mir nicht das nötige Geld zum Betrieb der Anlage mitvermacht.« Harald erzählte ihr auf dem Weg dorthin weiter, wie sein Vater bereits das Werk stillgelegt und angefangen habe, die Kessel und Maschinen und Öfen als Schrot zu verkaufen. Nach seinem Tode sei die Geschäftslage für das Werk dann immer ungünstiger geworden. Und während des Krieges, an dem er sich vom ersten bis zum letzten Schuß habe beteiligen müssen, sei durch eine Pulversprengung der noch erhaltene Rest des Werkes in die Luft geflogen. Man habe nämlich eine Weile versucht, die brach daliegende Bude durch Herstellung von Kriegsgerät und Granaten wieder flott zu bekommen. Aber das sei vorbeigeglückt und habe mit diesem letzten Kladderadatsch und Auffliegen geendet.

Richarda hörte, wie sie merkte, Harald sehr gerne zu. Sie verglich leise seine frische, ein wenig nachlässige Art zu sprechen mit der gewählten, um nicht zu sagen gezierten Ausdrucksweise ihres Verlobten und stellte sich vor, welch ein entsetztes Gesicht Hartwig zu manchen freien Redensarten Haralds schneiden würde. Sie hatten sich jetzt dem Gebäude genähert, auf dem früher die Gießerei gestanden hatte. Das einzige, was noch völlig unversehrt geblieben war, ein hoher Schornstein, ragte wie eine einsame Säule, die keinen Sinn mehr hat, in die Luft.

»Ich meinte in der ersten Zeit, wenn ich wohl hier – vorüberkam, kann ich nicht sagen, mein luftiger Fahrplan führt mich regelmäßig darüber hin, also wenn ich darüber hinflog, schien es mir manchmal, es stiege noch ab und zu ein Rauch aus diesem Schlot empor. Aber es war immer eine Sinnestäuschung,« stellte Harald wehmütig fest. »Der Krater ist erloschen!« Von einer Halle neben dem Schornstein waren noch die Umfassungsmauern erhalten und die Eisenstäbe von den Fenstern. Diese selber waren bis auf ein paar kleine Scherben alle zertrümmert oder von vorbeigehenden Leuten zerworfen worden. »Mit solch einem brüchig gewordenen Werk, dem die Puste ausgegangen ist, treibt man wie mit alten verkrachten Leuten gern Schabernack und kaum einer nimmt noch Rücksicht darauf,« erklärte Harald der über diese Trümmerstätte fast gerührten Richarda. Sie schritten beide über das armselige Gelände wie über ein verlassenes Schlachtfeld. Ein paarmal stolperte Richarda, die den Boden noch nicht kannte, über zwei leere, braun gewordene Schienen, die überwuchert vom Rasen wie zwei Gedankenstriche in dem Sand verliefen. Sie hatten nicht den geringsten Wert mehr. Nur mehrere Schwellen unter ihnen waren von holzsuchendem Gesindel vor dem letzten Winter aufgerissen und fortgeschleppt worden. Hier und da lagen noch einige eiserne Formkästen völlig verrostet herum, die zu wertlos geworden waren, um sie wegzuschaffen oder zu stehlen. Sonst sah man ringsum nur Schutt und Ziegelsteine, die von der Sprengung herumgeschleudert waren, in einem wüsten Durcheinander. Das Schönste war jetzt im Sommer nur dies, daß überall Gras und grünes Unkraut den schwarzen Platz überzog, auf dem einst die Menschen schichtweise im Schweiß ihres Angesichts gearbeitet hatten. Hier und da wuchs auch schon einiges Gesträuch wie rote Kuckuckslichtnelken und gelbes Tausendgüldenkraut zwischen dem Müll und den Steinen empor. Nur an einer Stelle, die sich durch eine eigentümliche Schwärze auszeichnete, war der Boden noch ziemlich kahl geblieben. Das war dort, wo sich der Formersand befand, in dem man früher die hölzernen Abbilder der Eisenteile gedrückt hatte, die hernach mit der flüssigen Masse ausgegossen worden waren.

»Die Kunst überdauert alles,« meinte Harald, als er der verwunderten Richarda diesen Platz zeigte, wo noch der Stoff vorhanden war, aus dem man einst alle möglichen Formen geknetet und gebildet hatte. Die beiden Menschen wurden ein wenig bedrückt von der traurigen Stimmung, die von dieser leeren verödeten Stätte ausging. Wenn auch die ewig weiter wirkende Schöpfung mit ihrem Grün und ihren wilden Pflanzen das ihrige dazu tat, den wüsten Platz mit einer Grasnarbe zu überziehen, so mußte man doch unwillkürlich angesichts der verfallenen Mauern und der kümmerlichen Überreste dieses Werks an die Zeit zurückdenken, da hier der Boden gezittert hatte vom Fleiß der Menschen, da der Schornstein dick gequalmt und alles sich wie Räder in einem großen Getriebe bewegt und betätigt hatte.

»Vielleicht sieht ganz Deutschland einmal so aus wie diese im Stich gelassene, aufgegebene und zertrümmerte Anlage!« meinte Richarda. »Wir wollen nicht hoffen, daß wir es noch erleben,« erwiderte Harald. Er blinzelte mit seinen scharfen Augen, seiner gespannten Stirn mißtrauisch zu dem Schornstein empor, der zwecklos als Zeuge früherer Herrlichkeit über das Land schaute. Wie ein müder, ausgedienter Krieger, der allein noch von einem besiegten Heer übriggeblieben ist. »Ich hab' keine rechte Meinung mehr von dir, alter Freund. Du scheinst mir von Tag zu Tag wackliger zu werden. Und hier und da fallen dir auch schon die Steine wie einem Greis die Zähne aus, wie ich sehe. Du meinst wohl, es habe keinen Wert mehr, als Mast stehen zu bleiben, wenn das Schiff leck geworden und verschwunden ist. Und willst nächstens den andern steinernen Herrschaften um dich herum nachsinken. Ich weiß, du bist überhaupt nur aus Zufall stehen geblieben, als die übrige Bescherung in die Luft ging. Aber du stelltest doch noch etwas dar, Riese, wie du bist. Und denkst nun daran, dich hinzustrecken und schlapp zu machen, wo du doch nicht mehr rauchen kannst, und wirst müde und unwirsch wie ein grauer kranker Kerl, dem man die Pfeife weggenommen hat. Pardauz! Ich seh' dich noch platt hinfallen in den Salat und den Bauchrutsch machen vor den Winden, die dir wie mir zusetzen.«

Doch nun beruhigte Richarda den argwöhnischen Mann. Er sähe Gespenster. Wie er früher noch Rauch aus dem toten Schlot bemerkt haben wollte, dichte er dem hohen Herrn hier jetzt irgendwelche Abdankungsabsichten an. Der stehe noch ganz fest und sinne auf alles andre, wie darauf, sich abzubauen und auf die Erde zu begeben. Der werde dem Sturm und Wetter noch ebenso trotzen wie sein Besitzer und sich noch lange nicht ins Grab legen.

»Es wär' schade!« meinte Harald. »Solange der Schlot noch steht, bilde ich mir immer ein, noch Eigentümer eines Werks zu sein. Und wenn auch sonst von ihm nur mehr Trümmer und Brocken vorhanden sind, der Schornstein ist doch noch immer etwas und berechtigt, wie es so schön heißt, zu den kühnsten Hoffnungen und tollsten Träumen. Man kann sich, wenn man an ihm emporäugelt, noch alles mögliche einreden, was noch einmal aus einem werden könnte.«

Sie waren zusammen in das frühere Kesselhaus des Werks getreten. Richarda und er. Das war jetzt eine Bretterbude, eine Art Verschlag, zu der Harald den Schlüssel bei sich führte. Nur ein Tisch, zwei Stühle und ein Feldbett standen darin herum. Ein paar blaue Pauszeichnungen an den Wänden, einige staubige Zahnräder und Maschinenteile auf dem Fußboden, mehr Zierat war nicht vorhanden. Dies alles wirkte in dem Zimmer, das für Richarda angenehm nach Öl, Dampf und Arbeitsüberresten roch, wie der abgezogene Umriß des toten Werkes und wie ein Kindergerippe, zu dem die ehemalige Riesenanlage zusammengeschrumpft war. Und Harald erzählte ihr nun, daß er eine kurze Zeit nach dem Kriege hier gehaust, er ganz allein, und darüber nachgesonnen habe, ob dies aufgeflogene verlorene Werk nicht wieder zu neuem Leben zu erwecken sei. Bis er schließlich immer wieder auf den gleichen Entschluß hätte zurückkommen müssen, daß es das beste für ihn sei, es dieser umgepurzelten Anlage nachzumachen und wie sie in die Luft zu fliegen. Wenn auch in etwas lohnenderer Weise.

»Ich hätte einfach hier bleiben sollen, schloß Harald. »Hier wär' ich schließlich schnell verhungert und zusammengebrochen wie alles in der Runde. Statt dessen hab' ich mich in Sorgen und Hausbackenheit gestürzt und muß nun langsam verrosten wie einer meiner Formerkästen da draußen.«

Richarda fühlte ein tiefes Mitleiden mit diesem Menschen, dem von seinem ganzen Erbe nichts als ein Haufen Steine und Eisen und ein lächerlicher, nutzloser Schornstein geblieben war. Und sie trug ihm plötzlich ihre Hilfe an. Sie sei reich und könne über einen Teil ihres Vermögens frei verfügen. Sie würde ihm dies Geld ganz und bedingungslos zum Wiederaufbau seines Werkes anvertrauen. Er könne damit völlig nach Belieben schalten. Sie sei von ihm überzeugt, er werde sich emporarbeiten und ihr binnen kurzem das Geliehene zurückgeben können.

Aber Harald schüttelte verneinend seinen blonden trotzigen Kopf und erklärte ihr, man könne nicht gegen die schlechten Zeiten schwimmen. Jeder Groschen, den sie in diese verkrachte Kiste stecken würde, sei so gut wie verloren. Dies Werk könne man nicht mehr in Gang bringen, geschweige denn vorteilhaft ausnutzen. Ihnen sei nicht mehr zu helfen, ihnen beiden, seinem Werk wie ihm. Auf der Erde habe Deutschland das Spiel verloren. Es könnte höchstens sein, daß man noch droben in der Luft etwas erreichen werde.

Richarda suchte ihn zu trösten und umzustimmen, indem sie alle möglichen Vorschläge zur Wiederbelebung dieses seines nur scheintoten Kindes vortrug. Doch umsonst. Harald wollte nichts mehr glauben. Eine tiefe Verzweiflung, wie sie abgewirtschaftete und verarmte Menschen überkommen kann, hatte ihn ergriffen. Und in dieser vollkommenen Niedergedrücktheit, die ihn ganz aus sich herauspreßte, begann er plötzlich zu Richarda zu sprechen: »Wissen Sie denn nicht, daß ich Sie liebe, daß ich seit Tagen an nichts anderes mehr denken kann, als an Sie. Daß Sie mir vorschweben, wo ich bin und gehe und fliege. Daß ich wie ein Verrückter nach Ihnen ausschaue und Briefe in die Luft werfe wie jenen Zettel: ›Wen liebe ich?‹, der keinem galt wie Ihnen. Was er ja auch dadurch bewiesen hat, daß er Ihnen durch alle Zwischenräume zugeflogen ist wie eine Brieftaube ihrer Herrin.«

Richarda starrte ganz betroffen vor sich hin. Sie wollte ihn zurechtweisen. Wollte ihm klarmachen, daß sie beide ja gebunden und nicht mehr frei seien. Doch alle solchen Worte kamen ihr, noch ehe sie ihren Klang ausgesprochen hatte, allzu hergebracht und abgedroschen vor, um sie wie Wasser auf seine Leidenschaft zu gießen.

»Aber das ist doch wahnsinnig, was Sie da sagen!« preßte sie sich schließlich ab. Und noch diese soundsooft in solcher Lage gebrauchten Worte taten ihr fast weh, als sie sie aussprach. Doch er hatte sie nun bereits umspannt und versuchte mit der Wucht seiner Zärtlichkeiten sie stärker noch als mit dem, was er sprach, von seiner Glut zu überzeugen. Wie ein Raubvogel, dem er sich in seinem Beruf angeähnelt hatte, stürzte er sich nun über sie, um sie mit sich von der Erde und ihren Bedenklichkeiten in die Höhe zu reißen. Und plötzlich entfachte sie sich für diesen Mann und das Abenteuer, in das er sie zog. Sie mußte ihn heimlich schon lange vorher bewundert haben in seiner Kunst und seinem starken Wesen, das zwischen Himmel und Erde fliegend sich auswirkte. Wie ein Rausch überkam es sie nun von dem Menschen, der für sie etwas von einem Gott angenommen hatte, der Zeit und Raum überwunden hat und der die Lüfte als seine Lichtgefilde durcheilt. In einem Wirbel von Helligkeit, der für sie um ihn war, gab sie sich diesem Mann hin, der ihr von einem andern leuchtenderen Gestirn zugesandt erschien. Es war wie ein Überfall, in dem er sie nahm, kaum ehe sie beide dies Ganze und seine Folgen weiter bedacht hatten.

Harald war es von ihnen beiden, der zuerst aus dem Glückstaumel erwachte, in dem er ihr zugetrieben war. Noch zitternd von der Wonne, die er mit ihr genossen hatte, fühlte er nun die Verantwortung, die er mit dem, was geschehen war, auf sich genommen hatte. Langsam machte er sich die Sachlage klar: Er hatte sich ein jungfräuliches Geschöpf angeeignet, das einem andern versprochen war. Er hatte dies getan, der er selber bereits einer Frau angehörte, die ihm, was immer sich gegen sie sagen ließ, in treuer Liebe tief ergeben war. Er sah mit einemmal die Zwiespalte und Zerwürfnisse, die sich daraus ergeben würden, wie einen häßlichen Knäuel Schlangen vor sich und schauderte, ohne die Kraft zu spüren, hier oder da ein Ende zu machen.

Richarda ihrerseits begann allmählich erst wieder das Unrecht zu empfinden, das sie mit dieser ihrer Schwäche ihrem Verlobten angetan hatte. Wie ein hoher, dunkler Berg hatte dies Gefühl als Hindernis vor ihr und ihrer Tat gelegen, um dann jählings vor ihrer Leidenschaft zu versinken und zu zerschmilzen. Aber nun wuchs es wieder hoch, noch verdüsterter durch eine graue Reue, die sie drückte, dies Bewußtsein, einen andern, der sie verehrte und ihr vertraute, betrogen und hintergangen zu haben. Doch auch sie sah ganz wie Harald noch keinen Ausweg aus dieser Bedrängnis, in die sie geraten waren. Es schien, als ob den beiden Menschen, die dort oben in der Luft angefangen hatten, aneinander Wohlgefallen zu finden und sich zu lieben, nun die Fähigkeit verlorengegangen war, hier unten auf Erden klare Bahn zu machen und etwas Entscheidendes zu tun.

Sie pendelten, Schwebende, wie sie geworden waren, zwischen den festen irdischen Verhältnissen hin und her, ohne sich noch schlüssig werden zu können. Das einfachste, das sie hätten tun können, sofort ihr Schicksal zusammenzulegen, sich zu vereinigen und fortan ein Leben zu zweit zu führen, das war ihnen beiden zu unversehens, zu übereilt und zu hart im Augenblick durchzuführen. Er wie sie waren im Grund ihrer Seele weich geartet, unentschieden und unentschlossen. Er, der sein Werk hier weiter übergrasen und verkommen ließ, um sich einer unsicheren, stets bedrohten Beschäftigung, wie es das Fliegen ist, hinzugeben. Sie, die es ruhig geduldet und über sich hatte ergehen lassen, daß ihr Bräutigam ohne Not ihr Verlöbnis hinaus- und hinausgeschoben hatte, einzig aus der Schrulle heraus, sie erst als selbständiger und unabhängig gewordener Mensch in festem und wohlbesoldetem Amt heiraten zu wollen. In ihrem Wesen hatte sie ebenso etwas Schwankendes, Unfestes wie in ihrer langen, fast schlacksigen Gestalt, die vornübergeneigt manchmal in zwei Teile auseinanderzufallen schien, wenn sie ziellos über die Straßen hastete. Sie hatte, ein wenig zu groß geworden für ein Mädchen, keinen rechten Halt in sich und lehnte sich gerne irgendwo an, froh, wenn sie einen Widerstand außer sich fand.

Es war fast Nacht geworden, als Richarda diesmal bei ihrem Verlobten und seiner Schwester anpochte, so lange hatte die Wiederherstellung des Flugzeugs gedauert. Doch die beiden stillen Wesen in ihrer schlichten Gelehrtenwohnung mußten wohl ihre Ankunft, trotzdem sie sich nicht vorher angekündigt hatte, geahnt haben. Denn Richarda traf sie ganz in der festlichen Stimmung der Vorbereitung auf ihren Besuch an. Hartwig war nämlich in der letzten Zeit wieder mehr unter die Dichter gegangen, wie er dies selber nannte. Von Kindheit an hatte er eine starke Begabung im Verseschmieden, obgleich ihm die Gefälligkeit der Form und eine gewisse Leichtigkeit, wie sie dem wirklichen Künstler angeboren sein muß, fehlten. Er gehörte zu jener besonders in Deutschland zahlreichen Schar, deren Geschichte er immer sammeln wollte und die er selber bezeichnete als: »Dichter, die nicht dichten können!«; zu jener Gattung künstlerisch hochgestimmter Menschen, die nach dem Erhabensten streben, aber denen in ihrem himmelstürmenden Trieb das meiste, was von den Künstlern geschaffen und gesagt wird, schal und flach erscheinen will, ohne daß sie stark genug wären, es selber besser zum Ausdruck bringen zu können. In der letzten Zeit, in der ihm durch die Verabschiedung seines Vorgesetzten mehr Muße und Freiheit in seinem Dienst beschieden gewesen war, hatte Hartwig nun einen Liederkranz zum Preise von Richarda, seiner Braut, gedichtet. Und hatte bei dieser Arbeit, die er zunächst nur seiner Schwester Sperate vorzulegen wagte, in dieser halbgelähmten Kranken eine Bundes- und Kunstgenossin gefunden. Sperate, durchaus tonkünstlerisch veranlagt, hatte nämlich begonnen, eines dieser Lieder in Musik zu setzen, und dann, von dem Bruder ermutigt, ein zweites und später noch andre vertont, bis das letzte heute abend vollendet war. Die zwei Geschwister hatten nun Sperates Langstuhl an die Zimmerorgel gerückt, so daß sie bequem auf den Tasten spielen konnte, die sie von Jugend auf meisterte. Und Hartwig, der eine nicht sehr laute, aber gut geschulte und warme Stimme besaß, sang nun unter Begleitung der Schwester die Weisen, die er gedichtet und die sie vertont hatte. Im Einüben ihrer gemeinsamen Schöpfungen hatten sich die beiden nun auf das Kommen der schönen Braut gerüstet, die sie mit ihren Kunstgaben überraschen wollten.

Es rührte Richardas zu Tränen, als sie, auf dem Erker sitzend, wo man einen Ehrenstuhl für sie hingestellt hatte, unter dem Sternenhimmel, der soeben noch von ihr durchflogen worden war, das Loblied anhören mußte, das diese zwei Menschen zu ihrem Ruhm und Preis geschaffen hatten. Sie wollte plötzlich laut aufschreien und das Abenteuer, das noch in ihr nachglühte, zum Besten geben. Doch die Welt, in der die beiden, Bruder und Schwester, singend und spielend sich bewegten, war eine ganz andre als die, in der sich die verliebte Begebenheit dieses Tages für sie zugetragen hatte. Jedes Wort, das sie aus ihrem heutigen Erleben in diese reine, verklärte Luft hineingetragen hatte, wäre ihr wie eine Roheit vorgekommen.

Darum schwieg Richarda noch und ließ sich die Verherrlichung, halb traurig, halb lächelnd, mit ganz zerrissenem Herzen gefallen, die ihr von Hartwig und Sperate dargebracht wurde. Sie hatte die Gabe mancher Frauen, etwas verheimlichen zu können, weil sie es vergessen wollen, und die es darum auch geradezu vergessen haben. Ja, sie konnte es einfach wegdenken, was sie nicht mehr wissen wollte, ohne sich dabei klarzumachen, ob auch der andere, der schuldlos Mitbeteiligte an dem, was sie verschwieg, in diesem Fall ihr Bräutigam, die gleiche Gabe des Vergessens hatte und haben wollte oder nicht. Dunkel fühlte sie wohl das Unrecht, das sie ihm angetan. Aber sie unterdrückte es und schob das Zugeständnis davon immer wieder zurück wie ein Schulkind eine lästige Aufgabe, die ihm zu schwer auszuführen scheint.

Am andern Morgen suchte sie ihren Verlobten zum ersten Male an seiner Arbeitstätte auf. Sie hatten dies beide bisher vermieden. Aber jetzt, wo Hartwig dort die Oberherrschaft führte, war er gern bereit, sie zu empfangen. Ja, er forderte sie geradezu auf, ihn inmitten seiner Bücherschar zu bewundern. Er saß in dem alten Teil der Bücherei, der sich noch in dem Schloß befand. Zwischen vergilbten Handschriften und dicken Wälzern, die er nach neuen unbekannten Aufzeichnungen gewesener Fürstlichkeiten durchstöberte. Vor ihm stand auf einer morschen Truhe in einem hellen Zierglas ein Strauß Rosen, mit dem er Richarda, wenn sie zu ihm kam, zu begrüßen pflegte. Diesmal hatte sie in ihrem Schuldbewußtsein ihn noch am späten Abend mitgebracht und er hatte den Strauß dann in der Frühe zu seiner Arbeit mitgenommen. Doch die Blumen waren in der dumpfen Bücherluft schon etwas verwelkt. Und das Wasser, in dem sie standen, hatte eine trübe Färbung angenommen und erinnerte Richarda peinlich an die undurchsichtige Brühe, in der jener fliegende Händler am Flughafen seine Fleischerwaren aufzubewahren pflegte.

Hartwig war seit seinem letzten großen Fund der Denkwürdigkeiten der Herzogin von Gotha ganz erpicht darauf, noch weitere geheimgehaltene Bekenntnisse von Persönlichkeiten am früheren Hof aufzustöbern. Auch jetzt hatte er sich gerade wieder in einen, wie sich hinterher herausstellte, belanglosen Klatsch vertieft, den ein Kammerherr, der zur Zeit jener Herzogin in Gotha weilte, aufgekritzelt hatte.

»Würdest du dich ein Weilchen nur in die Geschichte unsrer Herzogin weiter versenken, Richa. Sie liegt dort gerade in einer Abschrift, die ich zum Nachprüfen brauche, vor dir. Ich war eben damit beschäftigt, einen kurzen Auszug aus dieser Tratschgeschichte zu machen, mit dem ich sogleich fertig bin.«

Richarda nickte ihm bestätigend zu. Sie fand es im Gegensatz zu dem lauten gestrigen Tag und dem Rauschen und Surren und Knattern, das ständig um Harald war, ganz eigenartig reizvoll, in dieser Stille zu sitzen und nur dem sanften, kaum vernehmbaren Geräusch der Feder in der Hand ihres Verlobten zu lauschen. Der Moderduft, der aus den verstaubten braunen Büchern kam, hüllte sie wie ein Schlummersaft aus alter Zeit mehr und mehr ein. Wie ganz anders war der stechende, scharfe, ölige Duft, der Harald stets von seinem Beruf umschwebte! Sie blickte unwillkürlich in die Höhe, wo oben über den Bücherreihen das schwarze Getäfel, gebeizt durch Jahrhunderte, sich hinzog. Da grüßten von der Holztäfelung aus eiförmig gerundeten, mattgold gewordenen Rahmen die Köpfe der Persönlichkeiten, die ihr vom Lesen teilweise innig bekannt geworden waren. Sie hingen zwischen ein paar zerschlissenen Fahnen, deren bunte, längst verschossene Zier geisterhaft an ihnen entlang schwebte. Dort unter einem Riesenaufputz langgewellter falscher Locken der Herzog, nach der Unterschrift zu schließen, in seiner kleinen feisten, etwas schlaffen Gestalt. Aber durch sein aufgeschwemmtes, lebenslüsternes Genießergesicht kam noch ein roher, gewalttätiger Zug wie eine Untermalung hervor, die mit der Zeit sich mehr und mehr aufdrängt. Neben ihm die Herzogin im Staatsgewand, einem Reifrock aus schilfgrüner gemaserter Seide. Mit ihrer zarten, verführerischen, rosigen Fleischfarbe, die noch aus dem Bilde zu blühen schien, und mit ihren etwas scheuen, farblosen Augen, die mit einem unbestimmbaren Ausdruck ins Weite schauen, ewig erwartungsvoll und ewig unbefriedigt. Ist das nicht Scholastika an jener andern Wand, diese üppige aber in ihrer Fülle trotzdem vertrocknet wirkende Frau, mit der peinlich geordneten, gepuderten hohen Haartracht und dem zweifelsüchtigen herben Lächeln um die kaum geküßten Lippen? Und mit ihr starrt Vana, ihre kranke bleiche Schwester, aus einem Bild, das sonderbarerweise wie sie selber stark verdunkelt ist. Starrt wie ein Gespenst mit einer vom Wahnsinn wirr durchpflügten Stirn auf die noch Lebenden herunter. Und hier der hagere, kerzengelbe, entfleischte Büßerkopf, der seine spitze Nase wie einen Dolch zwischen seine unruhigen Spitzelaugen und seinen verkniffenen Heuchlermund hält, man würde ihn auch ohne die Unterschrift aus seinem Gemälde als Oheim Dominikus erkennen, der, unzeugungsfähig und unmännlich geworden, jedem Menschen seine irdischen Freuden mißgönnt.

Richarda sah, ganz verwirrt von dem noch lebendig wirkenden Eindruck, der von diesen farbigen Bildern ausging, auf die Blätter der Herzogin nieder, die vor ihr lagen. Sie schlug die Stelle auf, an der sie das letztemal stehengeblieben war, und las erschüttert dies fremde Schicksal, das ihr wie ihr eigenes erschien, weiter:

♦ Woher mag nur ein Argwohn gegen mich in der Brust meines Gatten entstanden sein? Er beobachtet mich seit jenem Abend, da ich zwischen ihm und Lüchow aus der Vorstellung heimfuhr, zuweilen mit einer lauernden Miene, wie sie früher niemals in seinen wohlgemuten Zügen von mir bemerkt worden ist. Ob ich ihm wirklich Grund zur Eifersucht gegeben habe, ich weiß es wahrhaftig nicht. Aber ich will es mir erzählen, was sich zugetragen hat:

♦ Ungeachtet, daß ich sehr wenig Gefallen an dem edlen Weidwerk gefunden hatte, was meinem hohen Herrn Gemahl nicht entgangen war, so bat ich ihn doch, um eine Abwechslung in meinem versteinerten Dasein zu haben, mich gelegentlich wieder auf eine seiner Jagden mitzunehmen. Er tat dies denn auch, wobei er einen jener prüfenden Blicke, mit denen er mich letzthin häufiger bedenkt, über mich gleiten ließ.

♦ Zu meiner Freude, ich muß es gestehen, wohnte auch Lüchow dieser Jagd bei. Er war bisher niemals ein Freund dieses tierquälerischen Vergnügens, wie er es nannte, gewesen. Hatte sich aber, sobald ihm zu Ohren gekommen war, daß ich an einer Jagd teilgenommen hätte, bei dem Herzog darum beworben, sein Jagdgast sein zu dürfen. Und dieser hatte nach kurzem Bedenken darin eingewilligt. Wie der junge Graf es nun fertiggebracht hat, mich aus der Nähe meines Gemahls, der mich gerade an diesem Tage scharf unter seinen Augen hielt, wegzubringen, das ist mir heute noch ganz unerfindlich. Jedenfalls sehe ich mich plötzlich von der ganzen Gesellschaft abgedrängt allein mit Lüchow dicht bei jenem befestigten Jagdschlößchen, in dem Scholastika in der Pflege ihrer irren Schwester ihr einsames Wesen treibt. Wir stehen an einer Rosenhecke, die auf einen kleinen, viereckig gefaßten Teich führt, in dem ein paar Goldfische schwimmen. Wir gehen zu diesem Wasser hin, das zur Hälfte mit einer grünen Algenschicht bedeckt ist, wie dies bei vernachlässigten Brunnenanlagen leicht geschieht. Ich sage, noch in die Landschaft lächelnd: ›Welch ein süßer Rosenduft! Wirklich ein Platz, wie für Liebende gemacht.‹ Und beginne dann in der Pause der Verlegenheit, die auf dies mein unabsichtliches Locken zwischen uns entsteht, die Fische zu füttern. Und zwar mit ein paar Bröckchen eines trockenen Gebäcks, das mir in der Tasche zerbröselt ist. Da stürzt Lüchow auf einmal vor mir nieder: ›Sehen Sie denn nicht, daß ich Sie liebe, Frau Herzogin! Fühlen Sie es nicht schon lange, daß ich verzehrt und verbrannt werde von der heißen Leidenschaft, die ich für Sie hege!‹ Ich beschwöre ihn hastig, sofort aufzustehen. Aber er erklärt mir, er würde sich nicht eher vor mir erheben, bis ich ihm einen Kuß gegeben hätte. Auf mein Weigern verlegt er sich aufs Betteln. Es sieht unfreiwillig drollig und fast albern aus, wie er so schnäbelnd vor mir liegt und immerzu Mäulchen macht, wie die Fische, denen ich soeben erst etwas zugeworfen habe. ›Wenn er sich den Kuß doch wenigstens nehmen wollte!‹ muß ich denken. Und er, als ob er dies hinter meiner Stirne gelesen hätte, springt auf und umfaßt mich jählings und nötigt mich unter einer Flut von Küssen, die er von meinen Wangen und meinen Lippen saugt, auf eine Bank, die in einer Ausbuchtung der Rosenhecke steht. Ich sträube mich lange, ihn wiederzuküssen, bis dieses Fieber, in dem er sich befindet, mich ein wenig mitreißt. Besonders als er bei der ersten Berührung mit meinen Lippen, die ich dem in Wahrheit nach mir dürstenden jungen Menschen angedeihen lasse, wie um mir Mut zu weiteren Taten zu machen, verzückt stammelt: ›Es ist sein Mund, den du küßt. Er hauchte mir noch im Sterben Grüße und Liebkosungen für dich zu.‹ Womit er auf meinen in seinen Armen gestorbenen Vetter anspielt, dessen liebenswürdige, vornehme Erscheinung jahrelang wie ein Wunschbild mir vor der Seele geschwebt hat.

♦ Ich war im Begriff, meine Sinne zu verlieren. Die aprikosenzarte Gesichtshaut meines Anbeters, die in so verführerischem Gegensatz zu der dicken, warzigen und kupferigen Schale meines Gatten stand, und der warme Wohlgeruch, der seinen Lippen und seinem Körper entstieg, verwirrten mir den Verstand. Also daß ich es schon zulasse, daß mir mein Umschwärmer eines meiner golddurchwirkten Strumpfbänder löst und wie betäubt einen Kuß auf mein bloßes Knie heftet. Da höre ich plötzlich Scholastika nahen. Und ehe noch Lüchow es wahrnimmt und sich erheben kann, stoße ich ihn zurück, indem ich mich als die von ihm Überfallene und Überwältigte darstelle. Es gelingt mir dabei so gut, Entsetzen und Entrüstung zu spielen, daß Scholastika, wie sie mir nachher gestand, es zunächst geglaubt hat.

♦ Lüchow entfernt sich sofort auf der Stelle. Und zwar mit dem traurigsten, verzweifeltsten Gesichtsausdruck, den ich jemals an einem Menschen erblickt habe. Dabei muß und will ich zugleich bekennen, daß ich stärker noch als Mitleid mit ihm eine geheime Wollust dabei empfand, ihn so vor einer andern Frau zu demütigen. Er ging zunächst ganz ergeben und niedergeschlagen fort, um dann plötzlich wegzurennen wie einer, der seine Liebe jählings entstellt und verraten sieht. Nur mit einem scheidenden Blick, den er mir aus einiger Entfernung zuwarf, versicherte er mir sein unbedingtes Einstehen für mich, falls mir aus seiner Liebestollheit böse Folgen erwachsen sollten.

♦ Diese blinde Ergebenheit rührte mich wiederum an ihm, bis Scholastika, die gleichfalls seinen Blick aufgefangen und sich gedeutet hatte, mich auf das spöttischste zurechtwies: ›Denken Sie nicht, meine Teure, daß Sie sich auf die Verschwiegenheit eines jungen Mannes jemals fest verlassen können. Man brauchte bei den meisten nicht einmal die mittelalterliche Folter anzuwenden, um sie zum Beichten zu bringen. Was glauben Sie, mein Kind, von diesen Männern, diesen Aufschneidern? Wenn sie beim Wein sitzen, läuft ihnen die Zunge im Nu über. Und welcher Flaumbart wird sich nicht gern damit brüsten, der Geliebte einer Herzogin zu sein?‹

♦ Ich wehrte mich auf das heftigste gegen solch eine Unterstellung. Aber die alte Dame machte sich allmählich aus den lodernden Augen des Jünglings und aus meiner allzu stark aufgetragenen Entrüstung ihren Vers zusammen. Auch hatte sie wohl zu guter Letzt noch das Strumpfband in der Hand Lüchows bemerkt, mit dem er, es glückselig belächelnd, als mit einem schönen Raub davongeeilt war: ›Wie konnten Sie nur so schwindlig sein, meine Gute, sich ein solches zärtliches Besitztum stehlen zu lassen?‹

♦ ›Man könnte es schließlich einfach verloren haben,‹ suchte ich mich herauszureden.

♦ ›Aber, mein Kind, muß ich jetzt wiederholen,‹ warnte Scholastika: ›Ein solches Diebsgut in der Hand Ihres Gatten wäre ein Beweisstück von äußerster Belastung für Sie. Wissen Sie, daß meine Schwester Vana um einer Locke willen eingesperrt worden ist, die sie in ihrem kurzen Liebesrausch ihrem Freunde überlassen hatte? Und ein Knieband ist weiß Gott ein verdächtigerer Gegenstand als ein Stückchen Haar. Aber womöglich haben Sie Ihrem Günstling noch andres von sich übergeben oder belassen? Sie erröten, meine Liebe! Oh, in welchen Wahnsinn laßt ihr jungen Frauen euch durch ein paar anschmachtende Blicke, einige süße Anerkennungen locken!‹

♦ Ich vertraute mich ihr nun an und gestand daß ich bereits jene Schmuckkapsel meines Vetters, in der allerdings auch eine Locke von mir enthalten sei, in Lüchows Hände zurückgelegt habe. ›Sie könnten sich bei diesem Geschenk darauf berufen, daß Sie es dem Grafen zum Dank für die Pflege gelassen hätten, die er Ihrem Vetter Erbprinz in seinen Sterbetagen angedeihen ließ. Und zugleich auch als ein Erinnerungstück an den Toten. Das ist nicht so gefährlich. Aber dies Strumpfband ist zu ärgerlich. Und ich begreife Sie wirklich nicht, daß Sie dies geschehen ließen.‹

♦ ›Könnte es mir nicht im Garten abgerutscht sein?‹ kam ich auf meine Notlüge zurück.

♦ ›Sie müssen Ihren Gatten für allzu leichtgläubig halten.‹

♦ ›Was raten Sie: Soll ich schon Vorbeugungen treffen und dem Herzog sagen, daß mir eins meiner Kniebänder auf der Jagd abhandengekommen sei?‹

♦ ›Um Himmelswillen nicht! Das könnte ihn argwöhnisch bis zum Rasen machen. Man darf ja immerhin vorläufig damit rechnen, daß Lüchow verschwiegen ist.‹

♦ ›Ganz gewiß!‹ sagte ich und verbürgte mich auf das ausdrücklichste für meinen Freund.

♦ ›Seien wir nicht zu sicher!‹ meinte Scholastika. Und nun riet sie mir kurz folgendes: ›Sie müssen eine kleine Schwäche vortäuschen, die Sie auf der Jagd überkommen habe. Keine Ohnmacht, das ist zu abgedroschen. Sagen wir, ein kleiner Mißfall, wie er ja bei einer so zarten Gattin im ersten Jahre der Ehe leider fast die Regel ist. So etwas macht Eindruck auf den Mann und schmeichelt ihm, wenn es ihn auch ein wenig schmerzt. Sie hätten sich aus Scham über Ihren Unfall allein und verschwiegen zurückgezogen. Oh, Sie werden das schon trefflich machen können, Sie kleine Schwindlerin. Und seien dann zu mir als Ihrer Vertrauten gekommen, sich Rat bei mir einzuholen. Ich werde Sie gleich ein paar Tage bei mir behalten und scheinbar wieder zurechtpflegen. So wird es gehen. Kommen Sie! Nur schnell ins Bett mit Ihnen!‹

♦ Ich folgte meinem Schutzengel so rasch es ging. Konnte doch der Herzog auf der Suche nach mir jeden Augenblick erscheinen. Wir näherten uns bereits dem Schlößchen. Da drehte ich mich plötzlich voll eisigen Entsetzens um, weil ich eine höhnische, vor Eifersucht verzerrte Fratze zu sehen glaubte und bereits meinen Gatten dicht hinter mir vermutete. Er war es aber nicht, sondern eine der Neckgestalten, die der Erbauer des Schlosses und Anleger dieses Irrgartens da und dort aus den Eibensträuchern ausgeschnitten hat. ›Es wird die höchste Zeit, daß wir Sie in Sicherheit bringen,‹ meinte Scholastika, als sie mein Frieren und Zusammenfahren in der Abenddämmerung wahrnahm. ›Sie fangen schon an, wie Vana lauter Gespenster und Schreckmänner um sich zu schauen.‹ Während der vier Tage nun, die wir brauchten, um unsre Vorspiegelung, die von uns ersonnen war, durchzuführen, hatte ich gute Gelegenheit, Scholastika in ihrem Tun und Treiben zu beobachten. Es fiel mir jetzt erst auf, welch einen regen Briefwechsel sie unterhielt. Sie lebte sich nach der Art mancher älterer Frauen geradezu in ihren Briefschaften aus. Ja, sie schrieb fast so viel wie Herr Voltaire, dem sie in ihrer Jugend auch einmal begegnet und an dem ihr aber nur dies zu ihrer Verwunderung aufgefallen war, daß er so gut wie nichts von seinen mit ihm schreibenden Berufsbrüdern kannte, deren Werke und Schriften damals doch in aller Mund lebten. ›Schriftsteller lesen selber am allerwenigsten von dem, was gedruckt wird, weil sie ja ihren eigenen Kohl für sich bauen,‹ habe ihr der alte gelehrte Spötter zur Erklärung seiner Unkenntnis von dem Tagesschrifttum seiner Zeit gesagt.

◆ Unter ihren Freunden wurde Scholastika wegen ihrer vielen Briefschaften auch mit dem Spitznamen ›Frau Voltaire‹ belegt. In der Hauptsache unterhielt sie freilich einen steten schriftlichen Verkehr nur mit einem einzigen Mann, einem englischen Weltenbummler und Schöngeist, den sie am Hof in Hannover kennengelernt hatte. Und zwar versorgte dieser auffallend gescheite und gebildete Beobachter, der wie sie ein Anhänger der Vielweiberei und auch der Vielmännerei war, sie mit Bemerkungen über diesen Gegenstand und mit Beobachtungen, die er unterwegs auf seinen Reisen, und die sie dann an ihrem Schreibtisch sammelte. Insbesondere die Regelung der Ehe durch die Einführung der Einrichtung des ständigen Hausfreundes, die vor allem in den südlicheren Ländern, in Frankreich und am stärksten in Italien, im Schwange war, beschäftigte Scholastika wie ihren Nachrichtenlieferer gleich lebhaft. Man kann sich leicht ausmalen, wie stark ein solcher in Welschland zur Gewohnheit gewordener Brauch, sich zu dem eigenen Gatten noch einen zweiten Mann als steten Freund zu halten, meine selber in der Liebe zu kurz gekommene Scholastika berühren mußte. Sie sah in dieser als Sitte eingeführten und geduldeten Einrichtung die Erfüllung ihrer innersten Wünsche vollendet. Und wurde nicht müde, ihren gesellschaftprüfenden Versorger, der ihr von der Quelle aus Angaben und Feststellungen zukommen ließ, um immer neuen Stoff zu bitten. Dabei bewegten Scholastika alle Fragen wie diese: Ob der Ehemann von dem Umgang seiner Frau mit einem zweiten genau Bescheid wisse oder nicht, ob zwischen ihm und seinem Nebenbuhler und Mitteilhaber an dem Besitz seiner Gattin gute freundschaftliche oder schlechte gespannte Beziehungen herrschten. Und endlich ob dies Zusammenleben zu dritt zu einem allseitigen Glück der Beteiligten führe oder ob einer oder der andre unter diesem Verhältnis leide und wer und inwieweit er dies tue.

♦ Es machte mir ein stilles Vergnügen, eine Weile dem zuzusehen, wie Scholastika, die, selber kaum berührt von der Gattenliebe, fast jungfräulich geblieben war, sich nun in der Sammlung und Sichtung von allen möglichen Gestaltungen der ehelichen und außerehelichen Liebe betätigte. Eine besondere Genugtuung fand sie an solchen Fällen, in denen die Aufteilung einer Frau zwischen zwei Männern, die sie für die allernatürlichste Regelung der Sinne und Sitte hielt, sich zu einem alle drei befriedigenden Ausgleich entwickelt hatte, wie dies nach den Mitteilungen ihres Gewährsmanns in Italien recht häufig der Fall sein sollte. Eine Frau, das war ihre ständige Grundlehre, sei körperlich wie seelisch so beschaffen, daß sie vortrefflich mit zwei Männern fertig werden könne, ohne daß einer von beiden dabei zu kurz kommen müsse. Ein weibliches Wesen, sofern es richtig und gesund beschaffen sei, bedürfe der steten Huldigung des Männlichen, um sich voll entfalten zu können. Und hierzu reiche ein Mann allein selten aus.

◆ Konnte sich Scholastika in der Ausmalung dieser glücklichsten Lösung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau nicht genug ergehen, so sah sie die Erweiterung dieser Beziehungen dadurch, daß der Ehemann, dessen Frau sich eines Freundes erfreute, sich nun seinerseits eine Geliebte zulegte, äußerst mißtrauisch an. Ich bemerkte, daß ihre Stirn sich jedesmal runzelte, wenn ihre Bezugsquelle, ihr umherstreifender Briefschreiber, ihr, was besonders in seinen Berichten aus Frankreich häufig vorkam, von solchen Dingen Mitteilung machte. Scholastika fürchtete stets, sobald ein vierter in Gestalt einer zweiten Frau in den Bund dreier Menschen gezogen würde, alsbald eine Trübung in der Liebe der Beteiligten. Sie empfand überhaupt ein solches Übereinkommen als eine Herabsetzung und Erniedrigung und einen Abstieg zum Pöbel und zur häßlichen Genußsucht. Die Vergeistigung, die ein Bund zu dritt mit sich bringe, in dem jeder der beiden Männer fortwährend mit dem andern um die Gunst der gemeinsamen Frau werben müsse, falle sogleich fort, sobald sich ein Mann bei einer andern zweiten Frau zu trösten und zu erfreuen suche. Die Reinheit, die zwischen drei Menschen bestände, ginge dann ins Unzarte über und in einen Massenbetrieb, der auf jedes echte Weib nur abstoßend wirke. Es war ergötzlich, zu beobachten, wie Scholastika alle diese heiklen Dinge nur lehrmäßig und mit Schulweisheit behandelte, ohne selbst jemals auch nur in Gedanken mit der Verwirklichung solcher Liebesgespinste zu spielen. Sie erinnerte mich in dieser ihrer rein wissenschaftlichen Art an einen großen Forscher meiner Zeit, der die Blumen, mit denen er sich beschäftigte, nicht in der Schöpfung und lebend und blühend, sondern nur als getrocknete, in seine Sammelmappe gepreßte tote Pflanzen kannte und genoß. Erleichtert wurde ihr diese ihre sinnliche Enthaltsamkeit, die ihr die Frömmelei ihres abgelebten Gatten auferlegte, durch eine krankhafte Sauberkeit, die diese Frau hatte. Im Körperlichen vielleicht noch mehr als im Seelischen. Sie wusch und putzte eigentlich unaufhörlich an sich herum, sofern sie sich nicht der Ordnung ihrer Briefschaften und Aufzeichnungen ergab, und sah immer wie aus dem Ei gepellt aus.

◆ Machte mir der Umgang mit dieser eigenartigen Frau die Tage, die ich bei ihr verschwörungsgemäß verbrachte, kurz und unterhaltend, so wirkte doch die gleichzeitige Anwesenheit ihrer Schwester Vana so niederdrückend auf mein Gemüt, daß ich erlöst aufatmete, als die Frist meiner Gefangenschaft verstrichen war.

◆ Ich kann dabei nicht einmal sagen, daß Vana mich persönlich belästigte. Nein! Sie hat vielmehr eine Art Scheu, andern ihren Zustand zu zeigen. Nur dies stundenlange allein mit sich Herumrennen, das die Kranke in dem Schlosse treibt, übt auf die Dauer einen nervenzerrüttenden Einfluß aus. Scholastika hat ihrer Schwester tagsüber einen leeren Spiegelsaal überlassen, nachdem zuvor alles Gerät daraus entfernt worden ist. Insbesondere die Waffenstücke, der Jagdschmuck und die Geweihe, mit deren Spitzen sich Vana zuerst mehrfach in die Augen zu stoßen drohte. Merkwürdigerweise vergreift sich die Leidende niemals an den Spiegeln, in denen sie sich vielmehr häufig in süßlich gespreizter Art, wie ich es schon an dem Brunnen im Garten bemerkt hatte, den Hof macht. Ihr Fratzenschneiden, das sie mit Herausstrecken ihrer Zunge oder Zähnefletschen gegen einen nur noch in ihrer Vorstellung vorhandenen Feind, ihren ehemaligen Gatten, anstellt, ist mir schon unerträglich gewesen. Noch unerträglicher waren mir verschiedene Bewegungen von ihr, die sie oft unermüdlich wiederholen konnte. Wie, um das mir Gräßlichste anzuführen, ein beständiges Schütteln oder auch Reiben ihrer Hände, als ob sie irgendwelche Fesseln von sich abstreifen möchte, die man ihr wohl früher in der ersten Zeit nach der Entdeckung ihres Ehebruchs angelegt haben muß. Oder um ein noch fast grauenvolleres Zeichen ihrer seelischen Erkrankung zu erwähnen, jenes fortwährende Sichkämmen oder das Auf- und Zuwickeln einer Locke, das sie stundenlang betreiben mag. Dabei kann sie manchmal noch etwas Sinnvolles oder Bezugreiches äußern. So flüsterte sie mir einmal, wie ich hastig durch ihren Saal huschen wollte, mit einem Fingerzeig auf die Jagdgemälde oben an der Decke und dann auf sich die unheimlichen Worte zu: ›Hier wird die Hündin gehetzt‹. Das Allerfürchterlichste aber war für mich, sie nachts unaufhörlich und lang gezogen, wenn ihr die Lust danach stand, ›Ludwig‹, den Namen ihres längst verstorbenen Geliebten, schreien zu hören. Es klang, wie wenn jemand auf einem langsam versinkenden Schiff sich in der Todesqual nicht anders zu helfen weiß, als immerzu mit einem Namen, an den er glaubt, um Hilfe und um Rettung zu rufen.

Allein um dies nutzlose Schreien in die leere Nacht nicht mehr vernehmen zu müssen, war ich froh, als Scholastika mir am dritten Tage meines Aufenthaltes bei ihr mitteilte: ›Ich hoffe, meine Pflegetochter, daß Sie uns morgen verlassen werden können. Möchte die kurze Unterkunft bei mir und bei uns‹ – fügte sie mit einem ernsten Blick auf den Raum, in dem ihre Schwester weilte, hinzu – ›Ihnen eine Lehre für Ihr ganzes weiteres Leben bedeuten. Ihr Herr Gemahl, der sich auch heute früh bereits wie alle Tage besorgt nach Ihrem Wohlbefinden hat erkundigen lassen, wird Ihnen in einer Stunde höchst persönlich seine Aufwartung machen.‹

Dies geschah denn auch. Und zwar unter Umständen, die mir sehr viel zu denken gaben. Nach den üblichen Redensarten, die wir zunächst miteinander bei unsrem Wiedersehen austauschten, fiel mein Gatte plötzlich ganz aus der gesellschaftlichen Form, indem er ruckweise in seiner etwas stotternden Sprechweise fragte: ›Sonderbar diese Geschichte mit Ihrem kleinen Mißfall! Zumal Sie sich mir vor etwa zwei Wochen erst entzogen, unter dem Vorwand, Ihren ehefraulichen Pflichten zur Stunde nicht nachkommen zu können?‹

Dem war in der Tat so gewesen. Ich hatte an jenem Tag bei einer Ausfahrt Lüchow gesehen, der mir mit strahlenden Augen in seiner gewandten, rassigen Art eine Weile auf einem prachtvollen Rappen vorangesprengt war. Infolgedessen mir an jenem Abend der Sinn nicht besonders nach meinem gedunsenen und stark angetrunkenen Herrn Gemahl gestanden hatte. Ich versuchte nun aber hinterher meine damalige Unlust zu vertuschen, indem ich mich hinter einem gemachten Erröten versteckte und schamvoll bemerkte: ›Herzogliche Gnaden werden es mir sicher heute verzeihen, daß ich an jenem Abend noch voll halber Hoffnung mich der üblichen Ausrede der Frauen bediente, um mich schonen zu können. Werden es jetzt umso eher verstehen und verzeihen, wo wir uns beide zu meinem tiefsten Schmerz plötzlich dieser ersehnten Freude wieder beraubt sehen?‹ Diese gut von mir vorgebrachte Entschuldigung verfehlte nicht ihre Wirkung auf meinen Mann zu machen. Er verbeugte sich ritterlicher als er sonst zu sein pflegt, zu einem Handkuß vor mir. Gleich hinterher aber, als Scholastika eingetreten war, um ihm Ehre zu erweisen, erklärte er so ganz nebenbei halb zu ihr, halb zu mir gewandt: ›Es ist merkwürdig, Frau Tante, welch eigentümliche Dinge man zuweilen in Ihrem verwunschenen Garten findet?‹

Dabei zog er jene blaue Schleife hervor, die mir von dem unsinnigen Lüchow an jenem Morgen, da er sich zum erstenmal von mir verabschiedet hatte, vom Kleid abgezupft worden war. Anscheinend hatte der leichtsinnige junge Mensch, der dies Andenken, wie ich wußte, in seiner Tasche über seinem Herzen trug, die Schleife während des erregten Auftritts zwischen uns auf der marmornen Bank verloren.

›Soweit ich mich zu entsinnen weiß,‹ fuhr mein herzoglicher Gatte mit einem boshaften Lächeln in jenem umständlichen Hofton fort, den er sich anquält, wenn er Niedrigkeiten und Anzüglichkeiten sagen will, ›trug meine erlauchte und erhabene Gattin an jenem letzten Tage ein grünes Jagdgewand, das nicht mit einer einzigen dieser blauen Schleifen verziert war, so überhaupt nicht zu ihrem Kleide gepaßt hätten.‹

Ich war froh, daß ich soeben nach unsrer ersten Auseinandersetzung, von der ich innerlich erhitzt war, dick Puder aufgelegt hatte. Sonst würde der Herzog sicher die fliegende Röte bemerkt haben, die bei dieser zweiten unangenehmen Eröffnung mein Gesicht überzog. Zu meinem Glück, die ich vor Schrecken nicht das geringste vorzubringen wußte, kam mir Scholastika sogleich zur Hilfe, indem sie, nachdem sie sich dieses Beweisstück durch ihre Stielbrille betrachtet hatte, lächelnd sagte: ›Diesmal muß ich die Verantwortung für Ihren Fund übernehmen, mein Wertgeschätzter. Ich hatte – meine Eitelkeit einzugestehen – die Herzogin gebeten, mir in dieser Schleife ein Muster des entzückenden Morgengewandes zu leihen, das ich einmal bei einem frühen Besuch an ihr bewundern durfte. Ich wollte mich auch noch einmal jung kleiden. Aber Sie sehen, meine Torheit ist alsbald gestraft worden, indem mir diese Schleife schon auf dem Wege hierher im Garten abhanden gekommen sein muß. Ich bedaure jetzt meinen albernen Ausflugsversuch in das Jugendliche umso mehr, da er anscheinend Beunruhigungen für unsre süße Herzogin hervorruft, deren einzige Schuld die gewesen ist, der geckigen Gefallsucht Ihrer alten Tante Vorschub geleistet zu haben.‹ Scholastika brachte ihre Ausrede genau in dieser gezierten Sprachweise vor, mit der sie den gewundenen Hofton meines Gatten ein wenig nachäffte. Was bei ihm aber gezwungen und gekünstelt klang, das kam so ungemacht und natürlich von ihren Lippen, daß der Herzog, befangen von ihrer höfischen Beredsamkeit, kaum noch etwas zu sagen wußte.

Ich versuchte meinerseits ihren Sieg über meinen Gemahl noch zu verstärken, indem ich, nicht ungewandt, wie Scholastika mir hinterher bestätigte, ein paar Tränlein in mein Spitzentuch tupfte, wobei ich mich ohne Mühe wie die leibhaftige verfolgte Unschuld anzustellen wußte. Der Herzog entriß sich der Verlegenheit, in die er sich gebracht hatte, indem er halb noch ungläubig sich vor der schon frohlockenden Scholastika voll Ernst verneigte: ›Achten Sie wenigstens darauf, meine teuerste Tante, daß in Zukunft, wenn Sie wieder eine ähnliche Schleife verlieren sollten, der Boden nicht so zerkratzt und zerwühlt um die Stelle im Garten aussieht, an der man solch ein Ding wiederfindet?‹ Damit heftete er noch einen drohenden und zugleich hoheitvollen herrischen Blick auf mich und dann auf die dunkle Türe, hinter der neben uns Vana weilte, und stürzte weg. Ich muß gestehen, daß dieser stumme, nicht ohne Größe gegebene Blick, desgleichen ich noch niemals aus seinen Augen hatte funkeln sehen, mich mit Schrecken, aber auch zum erstenmal mit einer gewissen Bewunderung für meinen Herrn und Gatten erfüllte. Wie eine Schwertspitze tauchte sich dieser Blick, der mir im Entlarvungsfall ein gleiches Schicksal ankündete, wie es der unglücklichen Vana beschieden war, tief in mein Herz und rief dort eine neue Verwirrung hervor. Ich warf mich, das laute Pochen meiner Adern zu beschwichtigen, an die Brust der gleichfalls erregten Scholastika und suchte dort vergebens die Ruhe, die unsereins offenbar nur bei einem Mann finden.

Richarda erwachte aus einer Ohnmacht und wußte zunächst gar nicht, ob sie das Leben, das sie soeben gelesen hatte, oder welches sonst sie führte. Vor ihr stand Hartwig mit angstvoll besorgter Miene. Er hatte sie, die vor ihm in diesen totenähnlichen Schlaf gesunken war, zunächst über Stirn und Schläfen mit dem Wasser besprengt, in dem ihre Rosen von der Reise, die sie ihm geschenkt hatte, leise verwelkten. Doch als ob dies Naß eher eine betäubende als eine erweckende Wirkung gehabt hätte, war seine Braut danach nur noch tiefer in ihren jenseitigen Zustand gefallen. Hartwig hatte dann begonnen, ihr Kleid zu lüften, weil ihm, dem Gewissenhaften, aus Rettungs- und Wiederbelebungsvorschriften bekannt war, daß man dies tun müsse. Er hatte es vorne vorsichtig zurückgeschlagen und dann die blaue Schleife gelüftet, die ihr Hemd über ihrem Halse zusammenhielt. Beim Anblick ihres weißen Busens war er jedoch scheu zurückgefahren, weil es ihm, trotzdem er ihr Verlobter war, als ein Unrecht vorkam, was er der Schlafenden antat. Auch hatten ihn die Bilder, die rings an den Wänden der Bücherei hingen, dabei erschreckt. Sie schienen ihm und seinem Treiben wie Lebendige zuzuschauen. Besonders jener spitznäsige gelbe Schnüfflerschädel des Dominikus, der in frommer Entrüstung stets seine Augen verdrehte. Hartwig war im Begriff wegzueilen und einen Arzt zur Hilfe zu holen, als Richarda wieder zum Bewußtsein kam.

»Es kann nur von der Moderluft hier gekommen sein,« erklärte sie sich und ihm diesen ihren Anfall, den sie bisher noch nie gekannt hatte. »Von dem drückenden Hauch, den die Vergangenheit hier in den vielen verstaubten Büchern und in den Bildern Verstorbener ausströmt.« Indem sie allmählich wacher und wohler wurde, bemerkte sie, daß ihr Kleid geöffnet war. Hartwig entschuldigte sich nun so lebhaft wegen dieses Vorgehens bei ihr, daß sie lächeln mußte. Schließlich, so dachte sie, ohne es ihm sagen zu können, dürfte er als ihr erklärter Bräutigam einmal beginnen, vertraulich zu werden. Und plötzlich fiel ihr ein, wie der andre, der nicht das geringste Recht auf sie besaß, sie gestern jählings genommen hatte. Sie bekam mit einemmal Lust, es ihrem Verlobten wiederzuerzählen, was ihr da zugestoßen war, und still abzuwarten, was für ein Gesicht er dazu machen würde, als ihr eine Träne aus seinen Augen auf die Wange fiel.

»Wie wehrlos seid ihr Frauen eigentlich, wenn ihr euch selbst verliert,« kam es von Hartwigs Lippen.

»Ein jeder von uns, auch der körperlich schwächsten einer wie ich, kann euch dann nehmen, wenn ihr euch nicht wehrt.« Er hatte seine Hand wie zum Schutz auf ihren Scheitel gelegt. Und in dieser stillen Bewegung der Verehrung fühlte Richarda den Wert dieses zuverlässigen Mannes, der noch jetzt über und über rot vor Scham dastand, weil er es, nur um ihr beizustehen, gewagt hatte, ihr Kleid zu berühren. Und aus sich herausgehend begann sie ihn zu liebkosen und zu küssen, bis sie beide ganz erregt wurden. Sie suchte nun krampfhaft in diesem Mann, der ihr gehörte, der ihr treu und verfallen war, den andern zu vergessen und zu verwischen, dem sie vielleicht nur ein Abenteuer bedeutet hatte. Nie mehr, so gelobte sie sich, würde sie sich wieder einem Menschen ergeben, der bereits versprochen und das Eigentum einer Frau war, die ihn mit Recht für sich allein beanspruchen konnte. Sie machte sich zwischen den Zärtlichkeiten, die sie nun mit Hartwig tauschte, die lautesten Vorwürfe, im Vorbeigehen etwas gepflückt zu haben, dessen Dauerbesitz allein Ruhe und Glück verbürgte. Sie nahm sich das Beste und Edelste vor, um es diesem, ihrem Verlobten, der allein an ihr hing, wieder zuzutragen.

Der zarte Gelehrte, der Hartwig war, wurde ganz taumelig in der Glut, die seine Braut in ihm entfachte und wagte Kühnheiten, die ihm bisher ganz fremd gewesen waren. »Wir wollen sobald wie möglich heiraten, Richa. Gleich heute werde ich alles dafür in die Wege leiten,« erklärte er befehlshaberisch in seiner gelehrten Sprache. »Meine endgültige Ernennung zum Leiter der Bücherei kann ja nur noch eine Frage von Tagen sein. Und gesetzt einmal den unwahrscheinlichen Fall, sie würde ausbleiben bis dahin, so werde ich es trotzdem unternehmen.«

Er gab sich einen Ruck vor dieser Tat, die er aus Eigensinn und Selbstgefühl bisher hinausgeschoben hatte, was ihm nun selber ganz unverständlich vorkam. Er sah ganz drollig in seiner Entschlossenheit aus, er, der stubenblasse Büchermensch, der mit einemmal an der Liebe soviel Feuer gefangen hatte, daß er nun den Tag der Hochzeit kaum mehr abwarten konnte. Dabei wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, vor dieser Frist seine Braut zu berühren und sie zu entweihen, oder gar eine Tat zu tun, vor der ein Stürmer wie Harald nicht zurückgeschreckt hatte.

Auf dem Wege zum Standesamt, zu dem er jetzt Richarda führte, um dort gleich ihre persönlichen Verhältnisse aufnehmen zu lassen, begegnete ihnen jener Krämer, »der fliegende Fleischer«, wie er auch von seinen Zunftgenossen gehänselt wurde, dessen anpreisende Ausrufung seiner Wurstwaren Richarda stets bei ihrer Ankunft aus der Luft so erschreckte und anwiderte. Er hatte sich zu seinen Würstchen noch einen zweiten lohnenderen Verkaufsgegenstand zugelegt, Schnaps, den er, in kleinen Glasflaschen für den Gebrauch der Reisenden fertig gemacht, auf seinem Wägelchen mit sich führte. Ein billiger Fuselgeruch umwehte seitdem den häßlichen verwachsenen Kerl und mischte sich unangenehm mit dem Gestank, der von seinem Kocher ausging, über dem er die Würste wärmte. Er befand sich mit seiner Handkarre wieder auf dem Weg zum Flughafen und grinste den beiden Verlobten mit einem vieldeutigen Blick zu, den er auf das Schild »Standesamt« sandte. Seine schwarzen, mehrfach abgebrochenen Zähne machten sein anzügliches, gemeines Lächeln noch widerwärtiger.

»Ein ekelhafter Zeitgenosse!« stellte Hartwig, der sonst so sanfte, fest, während sich Richarda vor Abscheu schüttelte vor diesem Unhold, der ihr immer wieder in den Weg kam. »Denk' dir, Richa! Er erschien vor ein paar Tagen wieder bei mir und erkundigte sich diesmal nach der Anschrift einer älteren Dame bei mir, einer Freundin meiner verstorbenen Mutter. Erkundigte sich danach mit einer solchen Schmierigkeit und Frechheit, als ob dieser hochachtbaren Frau etwas Schlechtes nachzusagen wäre.« Richarda erschrack plötzlich so bei diesen seinen Worten, daß sie ihre Augen zuhalten mußte, als hätte sie einen Rückfall ihrer Ohnmacht befürchtet. Doch dann trat sie gefaßt mit ihrem Verlobten in den kühlen Flur, der zu der Amtsstube führte.

Am meisten und am reinsten freute sich Sperate über den endlichen Beschluß des Bruders. Sie hatte seinen Eigensinn, wie alles an ihm, geehrt, aber sich doch im stillen ab und zu gefragt, wie einer diesen schönsten Schritt im Leben so lange hinauszögern könnte. Sie begriff den Stolz, der in der Haltung Hartwigs lag. Aber sie hätte es ebensogut verstanden, wenn er noch früher als heute davon abgegangen wäre. In ihren blauen Augen schwamm ein Meer voll guter Wünsche, als sie jetzt den beiden Menschen, denen ihr vom steten Liegen schwach gewordenes Herz noch gehörte, ihre Hände zustreckte. Und ganz leise schlug sie hernach für die zwei, die sich nun schon in Einrichtungsfragen vertieften, auf ihrer Zimmerorgel ein Vorspiel an, indem sie in ihrer Weise in Tönen das eheliche Glück ausmalte, das die beiden erwarten würde.

Richarda benutzte zu ihrer Heimfahrt diesmal mit Absicht nicht das Flugzeug, das Harald steuerte. Sie wollte ihm und allem Abenteuerlichen in Zukunft entgehen. Gleichwohl ereignete sich schon vor dem Abfliegen ein Vorfall, der sie ungemein erregte. Der fliegende Händler hatte sich wieder bei dem Flughafen aufgestellt und quäkte und klebte seinen Ausruf: »Heiße Würstchen!« allen vorübergehenden Reisenden in die Ohren. Richarda suchte schnell an ihm vorbeizuhasten, als sie von einer älteren Dame angehalten wurde, die sie inständig bat, sie an jenem schreienden Scheusal vorüber mitzunehmen. »Ich hasse diesen Menschen. Er blickt nicht Dolche. Wenn er das nur täte! Er blickt hämische, kleine Nadelstiche,« bemerkte die Dame, die sich der verwunderten Richarda als Frau Wetusta vorstellte. »Kaum einer kauft ihm jemals etwas ab, dem verwachsenen Scheusal,« fuhr sie erregt fort. »Was soll man sich auch mit Mundvorrat für die höheren Reiche dort oben vorsehen? Es ist schlimm genug, daß wir hier unten dem Leiblichen dienstbar sein müssen.« Sie schritten an dem Händler vorüber, der ihnen wieder in seiner unfeinen Art noch zu guter Letzt einen »Happenpappen« auf den Weg in die Luft aufreden wollte. Dabei merkte Richarda zum erstenmal, als der häßliche Kerl ihnen beiden nachschaute, daß sich in seine Blicke etwas Gefährliches, die Nadelstiche, wie Frau Wetusta sie genannt hatte, mischen konnte. Der Mensch hatte sonst etwas hündisch Unterwürfiges in seinen braunen Augen, mit denen er, wie mit zwei weichen Plüschkissen, alle, mit denen er zu tun hatte, abstreifte. Infolgedessen erfreute er sich insbesondere bei den harmloseren Leuten sogar einer gewissen Beliebtheit, weil er so kötertreu und liebedienerisch dreinschauen konnte. Nur manchmal blitzten, meist nur für Menschenkenner deutlich sichtbar, durch seine hingegebenen verzuckerten Blicke Spuren einer katzenartigen Bosheit. Richarda hatte sofort gemerkt, daß Frau Wetusta offenbar die Dame war, nach deren Wohnung sich diese Händlerseele bei Hartwig erkundigt hatte. Sie tat nun das Ihre, um Frau Wetusta in ihrem Argwohn gegen diesen Kerl zu bestärken. Was freilich kaum nötig war, da die arme Frau sich sogar letzthin aus Furcht vor diesem und vor andern Spitzeln ein krankhaftes Jucken angewöhnt hatte. Es bestand darin, daß sie fortwährend ihren schon mit grauen Locken gesprenkelten Kopf zurückwandte wie einer, der sich verfolgt weiß und nun immerzu angstvoll hinter sich starrt.

Auf dem Heimflug offenbarte sie der neben ihr sitzenden Richarda ihr geheimnisvolles Schicksal. Auch dies geschah mit einer krankhaften Offenherzigkeit, wie sie wohl Menschen überfällt, die sich nachgespürt und bald schon entlarvt sehen. Kurz vor dieser ihrer Ergreifung fühlen solche Wesen manchmal dann noch das Bedürfnis, sich irgend einer, wie sie glauben, verwandten Seele anzuvertrauen. Frau Wetusta war aufs glücklichste und schönste mit einem älteren Manne verheiratet, den ein ererbtes Gemütsleiden seit den letzten Jahren mehr und mehr niederdrückte. Infolgedessen hatte er sich körperlich ganz von seiner jüngeren, lebensfrischen Gattin zurückziehen müssen, an der er gleichwohl noch mit seiner vollen Seele und Liebe hing. In den Nöten und Wirren, die sie nun bedrängten, hatte Frau Wetusta die Bekanntschaft eines jungen Künstlers gemacht, eines Freundes ihres Sohnes, der im Kriege gefallen war. Ein ernster, in sich gekehrter Mensch, aber in der Fülle seiner Jugend, die ihm wie ihr ihr Blut zu schaffen machte, hatte er sich in diese Frau, die fast seine Mutter hätte sein können, verliebt. Und nun war das Entsetzliche geschehen, wie Frau Wetusta, errötend wie ein Mädchen, beichtete, daß sie sich gleichfalls zu diesem jungen reichbegabten Einsiedler hingezogen fühlte. Sie waren, noch ohne daß sie es wollte, eins miteinander geworden. Und leider hatte dann das einmal in ihr entzündete Feuer ihr nicht Ruhe gelassen, also daß sie ein um den andern Monat immer wieder zu ihrem sie stillenden Freund hingezogen wurde. Dabei behielt Frau Wetusta – und sie rief hoch in der Luft alle Sterne über sich zu Zeugen dafür an – ihren kränkelnden Mann weiter ganz unversehrt in ihrem Herzen. Sie ernährte den arbeitsunfähig Gewordenen durch ein gutgehendes Geschäft, das sie betrieb, vollständig und suchte ihm sein brüchiges Dasein nach Möglichkeit noch zu verschönern. Sie zitterte allein bei dem Gedanken, daß er etwas von den Besuchen erfahren könnte, die sie sich und dem jungen Mann angedeihen ließ, weil sie fürchtete, dadurch der Liebe ihres Gatten verlustig zu gehen. Bisher war es ihr immer leicht möglich gewesen, die kleinen kurzen Abstecher, die sie zu dem andern unternahm, hinter Reisen zu verbrämen, die sie Verwandten oder Bekannten abstatten mußte. Doch jetzt, wo sie die Schnüffelei und Angeberei jenes niedrigen Krämers hinter sich spürte, fürchtete sie immerfort, daß er ihren Gatten durch heimliche Briefe und Anzeigen während ihrer Abwesenheit erschrecken und aufklären könne.

»Dabei hatte ich gehofft, durch diese Reisen im Flugzeug, zu denen ich mich erst in der letzten Zeit entschlossen habe, allem irdischen Tratsch und jeder menschlichen Belauschung entronnen zu sein,« endete Frau Wetusta mit einem Seufzer ihre Bekenntnisse, die sie der ihr gespannt zuhörenden Richarda ins Ohr flüsterte. Diese wurde durch das Gespräch und das Schicksal ihrer Nachbarin beständig an eine andre Frau erinnert, von der sie freilich nur etwas gelesen und nichts persönlich gehört hatte. Aber dieser Unterschied kam ihr oben in den Lüften kaum noch so wichtig und wesentlich vor.

Es war Scholastika, jene eigentümliche ältere Frau, die durch die Aufzeichnungen der Herzogin von Gotha huschte. Wenngleich diese frühere Hoferscheinung in ihrer Haltung und Zusammenstraffung auch anders wirken mochte, so schien sie für Richarda doch in ihrem Wesen manches mit Frau Wetusta, ihrer noch lebenden weiblichen Fortsetzung auf Erden gemeinsam zu haben. Dies Getriebensein von ihrem Blut verband sie beide, wiewohl Scholastika als die einem älteren, strenger bewachten Geschlecht Angehörende, ihre Leidenschaften unterjocht hatte. Weniger zwar aus eigenem Willen heraus, als von der harten Notwendigkeit der Verhältnisse gezwungen. Denn für Scholastika würde ein Fehltritt, ein Abweichen von der ehelichen Treue eine Ausstoßung aus ihrem Stand herbeigeführt und die gleiche schlimme Behandlung, die man ihrer Schwester Vana angedeihen ließ, zur Folge gehabt haben. Freilich, so überlegte Richarda, war Frau Wetusta, die heutige Scholastika, nicht ständig von einem noch böseren Ausgang bedroht? Sie, die sich gehen ließ, mußte jeden Augenblick eine Anzeige ihres Abirrens vom Wege und damit den Verlust der Liebe ihres Gatten befürchten. Die Auffassungen über das Verhältnis der Geschlechter zueinander mochten in der Gegenwart freiere geworden sein. Und die Stellung der Frau war heute sicherlich weniger abhängig und gebunden als früher. Aber die seelischen Zwiespälte waren die gleichen geblieben. Und eine größere Selbständigkeit der Frauen konnte ebensogut zu noch schlimmeren, quälenderen Bedrängnissen führen.

Dies mußte Richarda denken, als sie das Flugzeug nun wieder zur Erde zurückbrachte und Frau Wetusta mit einem hastigen Gruß sich von ihr verabschiedete, um dann noch mehrfach ihren Kopf mit ihrem krampfhaften Zucken zurückzuwerfen. Wie eine Gehetzte floh die arme Frau aus ihrem kurzen Rausch an die Stätte ihres heimischen Glücks zurück. Richarda hatte nach ihrer Ankunft nur erst wenige Schritte getan. Sie dachte bei diesen ersten, die sie wieder auf dem festen Boden machte, stets an die frühesten Kinderschritte, mit denen man sich diesem unserm Stern verbindet. Da wurde sie plötzlich von Harald überrascht, der offenbar hier am Landeplatz auf sie gewartet hatte.

»Wie treulos von dir, daß du nicht mit mir geflogen bist!« redete er sie an, wobei Richarda verwundert merkte, daß er sie mit »du« ansprach. Aber konnte sie ihm dies noch wehren, nachdem sie ihm sich ganz gegeben hatte?

»Wir werden niemals mehr zusammen fliegen,« erklärte sie ihm und wurde selbst ganz traurig bei diesem Gedanken. Dann erzählte sie ihm, daß sie in kurzer Zeit heiraten werde und bereits aufgeboten sei. Sie vermied dabei, ihn persönlich anzusprechen, weil sie dem »du« aus dem Wege gehen wollte. Harald hörte ihr schweigend zu. Und dann schritten sie, ohne ein Wort zu wechseln, noch eine Weile weiter, wodurch eine seltsame Vertraulichkeit zwischen ihnen neu entstand. Gerade wollte Richarda die Anfreundung, die sich wieder entspann, unterbrechen und sich von ihm trennen, als nun Harald seinerseits zu berichten begann.

»Wie sonderbar! Nun, wo du dich mir schon wieder entziehen willst, drängt meine Frau auf einmal darauf, mit mir in die Lüfte zu steigen. Sie, die bisher immer davor gescheut hat, bittet mich nun geradezu darum, sie bei der ersten besten Gelegenheit mitzunehmen.«

Zu der Tat hatte Josephe, sein Weib, wohl letzthin gefühlsmäßig ahnen müssen, daß Harald sich ihr irgendwie auf seinen Luftreisen verlor. Er schwärmte nämlich bei seinen Rückkünften von seiner Beschäftigung, die ihm früher manchmal beschwerlich vorgekommen war, und sehnte sich stets aus dem engen häuslichen Kreis, der ihn bedrückte, wieder in die höheren Gefilde fort. In die Welt der Wolken und der Sterne. Josephe war nun richtig eifersüchtig auf seinen Beruf geworden, der ihn stets aufs neue ihr entriß. Und anderseits wollte sie ihm und sich beweisen, daß auch sie nicht nur an dem Irdischen und den häuslichen Sorgen klebe. Sie vergaß sogar ihr teuerstes Besitztum, ihre Kinder, eine Weile über dem Verlangen, es ihrem Gatten gleichzutun und sich über sich zu schwingen. Allerdings hängten sich an die Versuche, die Josephe unternahm, um mit ihrem Gatten auf gleicher Höhe zu bleiben, ständig wieder die Aufgaben der Erde in Gestalt der Pflichten, die sie nun einmal übernommen hatte. Treu und gewissenhaft wie sie war, wollte sie hier unten auch nichts verabsäumen, um hernach, wie ihre frommen Pfarrereltern es sie gelehrt hatten, nach dem Tode zum Lohn in den Himmel zu kommen.

Harald wurde durch die Kindlichkeit ihres Wesens immer wieder gerührt. Aber auf der andern Seite waren ihm die Begegnungen mit Richarda schon zum Bedürfnis geworden. »Wir wollen wenigstens noch einen letzten Flug miteinander machen,« bat er jetzt seine Nachbarin, indem er nun auch das »du« umging, weil sie es noch nicht gebraucht hatte. Richarda sträubte sich noch, indem sie ihn aufforderte, er möge lieber seiner Frau ihre Bitte erfüllen und sie mit auf die Luftreise nehmen.

»Zum mindesten zur Hochzeit darf ich dich doch tragen?« fragte er jetzt Richarda und versuchte zu lächeln, indem er sie am Arm ergriff, um wenigstens noch ein Stück von ihr zu halten. Richarda wollte nein sagen und dies Abenteuer ein für allemal abbrechen, weil sie fürchtete, erneut in eine Verwirrung gerissen zu werden. War es nicht das beste, wenn man sich jetzt endgültig trennte und auseinanderging, ein jeder von ihnen zu dem Menschen, dem er versprochen war und dem er angehörte? Sollte man nicht alles tun, einander fortan zu meiden und nicht durch eine wiederholte Vereinigung jenen wehe zu tun, die ein Anrecht auf einen hatten? Und erschwerte man sich nicht die Klärung und einen glücklichen Abschluß dieser Verstrickung, wenn man durch eine weitere Verabredung dem Feuer, das zu erlöschen schien, neue Glut einhauchte? Nein! Bis jetzt war es nur ein einmaliges flüchtiges Vergehen gewesen, das sich hoffentlich vergessen ließ. Es sollte sich nicht vertiefen durch ein zweites Erleben gleicher Art. Nie und nimmermehr!

So dachte Richarda leise bei sich. Aber laut sagte sie: »Es kann sein, daß ich noch ein allerletztesmal mit dir einen Flug unternehme. Laß es mich wissen, wann du unterwegs bist!«

Und damit verabschiedete sie sich von Harald und ließ ihn in dem Glückstaumel, in den ihn das »dir« und »du« versetzt hatte, mit dem er von ihr ausgezeichnet worden war. Zu Hause fand Harald seine Frau völlig reisefertig vor. Das war eine Sucht von Josephe, die sie sich letzthin angewöhnt hatte, ständig flugbereit zu sein und auf die Stunde zu warten, in der Harald sie mit nach oben nehmen würde. Sie vernachlässigte über diesem zwangsmäßigen Verlangen mehr und mehr die Kinder, die schon zu kümmern anfingen. »Nein!« wehrte Harald ihre stummen rührenden Blicke ab. »Schlag dir doch diesen dummen Sparren aus dem Kopf! Man würde es nicht gern sehen, wenn ich dich bei meinen Flügen mitschmuggelte. Und die Flugkosten für dich sind viel zu teuer für uns. Bleib ruhig hier unten und mach' dir auf Erden zu schaffen!« Und ingrimmig baute er sich in eine Ecke in ihrer kleinen Wohnung und nahm sich zum tausendstenmal die Zeichnungen und alten Pläne seines verfallenen Werks vor, das irgendwo in einer Einöde lag und wie eine verschüttete Stadt immer mehr versank. Wobei er heimlich nachsann, warum ein Mann nicht zwei Frauen haben könne, eine für die Erde und ihre nüchternen tagtäglichen Geschäfte und eine andre für die Luft, die Träume und das Geistige.

Richarda, die er so in seinen Gedanken umschwebte, gab sich daheim ähnlichen Fragen hin. Sie empfand ständig stärker ein Schuldgefühl gegen Hartwig, ihren Verlobten. Aber sie genoß anderseits wie eine stille Freude das Bewußtsein, neben diesem ruhigen anerkannten Verehrer noch einen so kraftvollen und schönen leidenschaftlichen Mann wie Harald in sich verliebt zu sehen. Sie wollte nie mehr eine Innigkeit mit ihm tauschen. Aber sie mochte ihn auch noch nicht ganz entbehren. Und es war ihr ein eigentümlich reizvoller Genuß, sich noch eine Weile an zwei Feuern zu wärmen. Mehrmals dachte sie in diesen Tagen vor ihrer Hochzeit daran, sich brieflich an Hartwig zu wenden und ihm alles, was geschehen war, anzuvertrauen. Er mochte dann den Knoten lösen und entscheiden, ob er sie noch besitzen wolle, die sich einem andern hingegeben hatte. Doch sie schob diesen Vorsatz immer wieder auf, weil sie Angst hatte, ihm damit wehe zu tun oder ihn gar zu verlieren. Dabei fürchtete sie zugleich sittlich gegen ihren Willen mehr und mehr zu verwildern und aus ihren festen Geleisen zu geraten. Einige Male war sie so verwirrt und außer sich durch ihre Zuneigung zu beiden Männern, daß sie Hartwig nach einer vollkommenen Beichte darum bitten wollte, ihr Harald als gelegentlichen Nebengatten zu gestatten. Der Fall der Frau Wetusta zog ihr dabei durch den Kopf. Aber sie sah sich damit in eine Kette von Widrigkeiten verstrickt, indem ihr zugleich einfiel, daß ja auch noch Haralds Gattin Ansprüche auf ihn erheben würde.

Sie war schließlich nach diesem seelischen Hin und Her, in das sie durch ihre Wünsche gezogen wurde, glücklich, als der für die Hochzeit von Hartwig genau festgesetzte Tag nahte. Harald hatte ihr mitgeteilt, daß er den Mittwoch vorher fliegen würde. Das paßte ihr gerade gut, um noch zuvor einiges mit Hartwig zu bereden und zu ordnen. Die ganze Woche lang hatte ein ungewöhnlicher Sturm geherrscht, demzufolge die meisten Flüge ausgefallen waren. Fortwährende Wirbelwinde hatten die Luft durchfegt und überall im Lande wüsten Schaden angerichtet. So kam es, daß Richarda an jenem Morgen der einzige Fluggast war. Denn dies wütende Brausen in den letzten Tagen hatte die Leute so eingeschüchtert, daß niemand, der es nicht unbedingt mußte, sich in ein Flugzeug wagen mochte. Dabei war der Himmel in der Frühe dieses Morgens, wie es oft nach solchen Unwettern geschieht, völlig klar und abgekämpft. Nur eine leichte Bö von Westen drohte noch einen kleinen Nachzügler heraufzusenden.

Harald empfing Richarda mit einer halb traurigen, halb drolligen Nachricht. »Was hab' ich vorausgesagt von dem alten Kerl! Nun ist er doch über Nacht in dem Getöse eingestürzt, das die Winde vollführten, mein hoher Schornstein, der stolz wie ein Ausrufungszeichen noch mein zertrümmertes Werk überragte. Man hat es mir gestern gemeldet. Pech muß man haben. Man hatte schon die Absicht, eine Funkstelle aus dem Dings zu machen und einen riesigen Empfänger daraufzusetzen. Ich verhandelte gerade mit den Funkkunden darüber und hoffte einen letzten Vorteil aus diesem toten Schlot zu ziehen. Da legt er sich kurz vor Vertragsabschluß, wie mir geschwant hatte, der Länge nach hin und streckt alle Viere von sich. Er hat sich selber begraben und damit meine Hoffnung auf eine Wiederauferstehung meines Werkes, die ohnedem an der reitenden Schwindsucht litt.«

Richarda empfand aufs neue Mitleid mit dem armen Menschen, dem anscheinend alles verschlug. Aber Harald lachte nur und machte sein Flugzeug abfahrbereit. »Dort oben haben wir Raum genug. Weshalb sollen wir den Einsturz und Heimgang eines völlig überflüssig gewordenen Bauwerks bejammern, eines Schornsteins, der nichts mehr zu rauchen hatte. Ruhe sanft! Alter, ausgedienter Herr! Du warst ja schon längst erloschen wie ein Krater und hattest dein Feuer und deinen Rauch deinen Gegenfüßlern auf der andern Seite der Welt in Amerika oder sonst wo, überlassen. Du warst dein eigenes Wrack und Getrümmer geworden und verdientest den Tod, den du altersschwacher, arbeitsunfähiger Bursche nun gefunden hast!«

Es lag trotz des gezwungen scherzhaften Tones so viel Bitterkeit in dem Nachruf, den Harald dem letzten Überbleibsel seines Betriebes hielt, daß Richarda wiederum aus Mitgefühl ihm vorschlug: »Können wir uns nicht im Vorbeifliegen das Grab anschauen, das der arme steinerne Riese gefunden hat?«

Sie ärgerte und schämte sich im gleichen Augenblick, daß sie diesen Vorschlag, auf den er sofort bereitwillig einging, gemacht hatte. Sie gab ihrem Begleiter damit eine zweite Gelegenheit, mit ihr unten auf der Erde zusammen zu sein. Aber schon hatte Harald die Richtung genommen und steuerte mit seinem Vogel, der sie beide trug, der Stätte zu, die bisher durch den hohen Schornstein leicht erkenntlich gewesen war. »Man sollte diesen Leichnam schon als Wegweiser für unsre Luftpostkutschen wieder aufrichten,« witzelte Harald, der sich ohne diesen Meilenstein schwerer als sonst in der Gegend zurechtfand. Doch nun hatte er von weitem aus seiner Höhe die Stelle gesichtet, wo früher fauchend und rauchend die Gießerei gewesen war, die nun totenstill und öde unter ihm lag. »Wir wollen noch eine Schleife über dem Gerippe des Schlotes beschreiben. Als letzte Huldigung, die wir dem Gestürzten darbringen können,« meinte Harald und lenkte das Flugzeug in einem Bogen über das weiland hohe Gemäuer hin, das nun dem Erdboden gleichgemacht worden war. »Wie schade!« ging Richarda auf seinen Ton ein, »daß ich keinen Kranz für ihn mitgebracht habe. Man könnte ihn schwungvoll von hier oben auf seine Gruft niederwerfen.«

»Wir wollen ihm unten unser Beileid ausdrücken!« rief Harald und ließ sich und sie in einem kühnen steilen Gleitflug auf die Stätte seiner früheren Herrlichkeit nieder. Der Sommer hatte inzwischen den Platz, wo das alte Werk gestanden hatte, noch mehr mit Unkraut und Quecken und Gesträuch überwuchert. Und die rostbraunen Schienen waren ganz unter dem Grün untergegangen und verschwunden, wie veraltete Lehrsätze über neueren Errungenschaften versinken. Nur der Schornstein hatte an einigen Stellen im Niederfallen mit seiner Wucht das Gras eingeknickt. Aber es drängte sich unter ihm schon hier und dort wieder hervor und erhob sich aufs neue und hüllte die Verwüstung, die das Menschenwerk angerichtet hatte, in versöhnlichem Schleier ein. Die Beiden schritten das Gelände der Länge nach ab, auf dem sich der Schlot zum Schlummer hingebettet hatte. Wie ein Knochengerüst lag er da, eine zerbrochene Wirbelsäule. Hier und da waren mehrere Steine zusammengebacken geblieben. Doch das meiste hatte sich beim Aufschlagen auseinandergelöst und vermorschte nun zu kleinen Knöchelchen zersplittert zwischen dem Gras.

Man merkte erst jetzt, wie der hohe Schornstein, der nun aus der Luft weggestrichen war, dem ganzen öden Platz noch einen Rest von Leben verliehen hatte. »Er ragte wie ein mächtiges ›Als ob‹ noch über den Bruchstücken meines Betriebs,« träumte Harald. »Man konnte bei seinem Anblick denken: Vielleicht schlägt doch noch einmal Feuer aus dieser Aschengrube auf, zieht doch noch einmal eine dicke Rauchwolke aus seiner Röhre und schreibt mit fetter, rußiger Schrift ›Wir leben‹ an den Himmel. Nun habe ich mit ihm die letzte Hoffnung auf ein Wiederaufrichten meines Werks bestatten müssen.«

Richarda mußte an sich halten, um ihn nicht zu streicheln, den armen Kerl, dem nun auch diese Lanze, die noch aufrecht gestanden, genommen war. Aus reinem Mitgefühl trat sie mit Harald in das Kesselhaus, als er dort nachsehen wollte, ob der Einsturz des Schornsteins hier Schaden angerichtet hätte. Aber kaum befand sie sich wieder in dem rings umschlossenen schwülen Raum, als sie die alte Schwäche überkam. Sie wollte schleunigst wieder hinausgehen. Doch da umfing er sie aufs neue an der Stätte, wo sie schon einmal die Seine geworden war, und suchte sie mit sich zu ziehen. Aber diesmal wehrte sie sich lange und stand fest in den zahllosen Zärtlichkeiten, mit denen er sie überhäufte. Er mühte sich, sie emporzuheben und ihren Rücken, den hochgewachsenen, schlanken, den er so liebte, zu beugen. Da faßte Richarda ihn vorn in seinen blonden Schopf, wie sie früher beim Reiten oft ihre Pferde an ihren Stirnhaaren gepackt hatte, und erklärte ihm: »Versprichst du mir, Weib und Kinder zu verlassen, wenn ich dir wieder angehöre?« Harald war so besinnungslos im Verlangen nach ihr, daß er ihr alles blindlings zusagte, krank vor Begierde nach ihr. Aber diesmal war sie die Besonnenere, oder stellte sich wenigstens so: »Ich werde meinem Verlobten alles erzählen. Wenn er mich freigibt oder mich von sich stößt, wirst du dich scheiden lassen, um mit mir zusammenzubleiben?« Harald beteuerte es mehr mit stummem Kopfnicken als mit ausdrücklichen Worten. Doch sie bestand darauf: »Sieh mir in die Augen und sag' Ja.«

»Ja! Ja! Ja!« schwor er wie toll vor Lust, sie zu besitzen, und funkelte sie so aufrichtig an, daß ihre letzte Kraft von ihr schwand. Da fiel sie, die sich nur krampfhaft so lange festgehalten hatte, ihm zum zweitenmal wie ein willenlos gewordenes Beutestück zu. »Meine Windsbraut!« hatte Harald in seiner Verzückung sie genannt, als er sie endlich wieder umfangen durfte. Ein kurzes, aber wüstes Gewitter, ein Nachtrab der schweren Unwetter, die in den letzten Tagen getost hatten, war draußen aufgezogen. Und diese von allen liebesberauschten Menschen gern gehörte himmlische Begleitung ihrer wilden Freuden versetzte beide so außer sich, daß sie alles, was sie hier unten band und hemmte, vergaßen. Erst als das Donnern verrollt, das Blitzen verglüht war, und ein schwerer Regen auf das schwarze Pappdach ihres Zufluchtsortes niederplatschte, erst da begannen sie beide in ihr irdisches Dasein zurückzukehren. Ein letztes Glühen eines verirrten Blitzes schwefelte durch den kahlen, mehr der Arbeit als der Liebe geweihten Raum. »Das war dein Schwur,« sagte Richarda, »der mich von nun an begleitet.« Harald erwiderte nichts. Er dachte an Josephe und daran, wie er den Mut und die Kraft finden würde, sich von ihr und ihrer Liebe zu trennen.

Jedesmal, wenn er seine Windsbraut genossen hatte, zog es ihn mit leisen, weichen Fäden wieder zu seinem warmen Heim zurück. Richarda fühlte dies unbewußt. Und sie ihrerseits sehnte sich immer von dieser Unentschiedenheit und Schwäche dieses luftigen Geliebten in die Treue und Bestimmtheit und Festigkeit ihres Verlobten. Doch nun mußte die Entscheidung fallen. Sie durfte ihrem Bräutigam jetzt dies wiederholte Abenteuer nicht mehr vorenthalten und war des guten Willens, ihn sofort nach ihrer Ankunft von dem, was geschehen war, in Kenntnis zu setzen. Nur dachte sie, um Hartwig nicht gleich zu wehe zu tun, zunächst Sperate, seine Schwester, ins Vertrauen zu ziehen, um von ihr zu erfahren, wie es dem Bruder am besten, am schonendsten mitzuteilen sei.

Mit der armen Sperate war letzthin eine höchst sonderbare Veränderung vor sich gegangen. Nicht daß sie, die gelähmte Kranke, ihre stille Heiterkeit des Gemüts verloren hätte, durch die sie ihre Umwelt entzückte. Sie war nur von einer eigentümlichen Wahnvorstellung befallen worden, die wahrscheinlich eine Folge ihres langen Siechtums und ständigen Liegens war. Sie hielt sich nämlich zuweilen schon für gestorben. Und zwar war dieser Glaube nicht im mindesten von ängstlichen Zuständen begleitet. Im Gegenteil, sie fühlte sich leichter und leichter werden, in der Meinung, schon der Erde entschwebt zu sein. Eine engelhafte Heiterkeit umhüllte sie, die wie die verzückten Heiligen manchmal bereits Flügel an ihren Schultern verspürte. Sie mochte nichts mehr essen noch trinken, sondern hielt das alles für eine Tote, wie sie eine war, für überflüssig. Das einzige, mit dem sie sich noch beschäftigen mochte, war das Stück Vergangenheit, das ihr in den Aufzeichnungen der toten Herzogin durch ihren Bruder in die Hände gespielt worden war. Und sie lebte eigentlich nur noch in den Enthüllungen dieser Verstorbenen und in dem Reich dieser Gewesenen. Längst hatte sie freilich den Gedanken aufgeben müssen, diese Blätter, denen eine Frau ihr Herz anvertraut hatte, zu Ende übersetzen zu können. Der Arzt, den Hartwig zur Behandlung der eigentümlich erkrankten Schwester herangezogen hatte, äußerte sich streng gegen jede solche anstrengende Betätigung. Selbst das Orgelspielen und andres ernsthaftes Beschäftigen mit der Welt der Töne war ihr in ihrer Überzartheit, in der sie schwebte, ärztlich untersagt worden. Infolgedessen blieb ihr nur noch der Umgang mit den welken Erinnerungen einer versunkenen Fürstin als Zerstreuung übrig. Was sie freilich noch ganz besonders zu diesen Bekenntnissen als zu ihrem liebsten Spielzeug hinzog, war dies, daß sie folgendes entdeckt hatte.

Gegen das Ende der Aufzeichnungen der Herzogin fanden sich immer häufiger leere Stellen zwischen dem Geschriebenen vor. Hartwig hatte sich dies schon auf die verschiedenste Weise zu erklären versucht. Bis plötzlich Sperate fand, daß die Schreiberin des Ganzen sich an diesen Punkten einer unsichtbar werdenden Tinte bedient hatte. Sperate war unwillkürlich auf den Gedanken gekommen, diese leeren Stellen anzuhauchen. Und siehe da! Unter der Glut ihres von Tag zu Tag mehr erlöschenden Atems waren Schriftzüge hervorgetreten, die sie nun voll Freude und Stolz ihrem Bruder entziffern konnte. Auf solche Weise war es möglich, daß man die Erinnerungen dieser Fürstin bis zu ihrem Schluß zu verfolgen vermochte.

Sperate wurde durch diese nicht unerklärliche Gabe, tote Schrift wieder aufglühen lassen zu können, in ihrer festen Meinung, bereits verstorben zu sein, aufs neue bestärkt. Sie glaubte schon mit den Geistern verbunden zu sein und ein Wesen mit ihnen zu teilen. Ihre letzten heißen Atemzüge wehten und stäubten, so schien es ihr, längst verschwundene und verschwiegene Geheimnisse auf. Sicherlich, so redete sie sich ein, sie verstand bereits die Sprache der Verstorbenen und war ein Abgeschiedener. Darum vermochte sie auch Dinge zu lesen, die ohne sie nicht mehr zu sehen wären. Ihre Augen waren bereits für die Geheimnisse der Vergangenheit aufgeschlagen. Und mit ihrer Hilfe konnte sie jetzt dem Bruder den Ausgang des Fundes, den er mit diesen verschollenen Blättern gemacht hatte, mitteilen:

◆ Welch eine Verwirrung, welch eine Fülle von Gefahren beginnt mich zu umziehen! Wie alljährlich veranstaltete der Herzog, mein hoher Gemahl, auch heuer mehrere Maskenfeste. Das war ein Hauptvergnügen von ihm seit jeher gewesen, weil er sich bei solchen Gelegenheiten zwangloser geben durfte und sich noch dreister als sonst den Schönen seines Landes nähern konnte. Mich überließ er dabei meinen Hofdamen, von denen er zuweilen eine jüngere noch selbst aufs Korn nahm. Während er nun von einer Dame zur andern scharwenzelte, hatte ich wie gewöhnlich nur einen einzigen Anbeter, den jungen Lüchow, der mich freilich seit dem letzten Abenteuer mehr aus der Ferne anschmachtete. Es schien, daß er ein wenig unsicher geworden war durch dies Erlebnis im Garten, das er sich nicht ganz klar zu deuten wußte. An einem solchen Maskenabend war Lüchow in Erinnerung an seine Reise als italienischer Straßensänger erschienen. In einer Tracht, die er von dort unten aus dem Süden mitgebracht hatte.

◆ Ich muß gestehen, daß er mir in dieser Verlarvung ganz besonders wohlgefiel. Eine leichte, sanfte Schwermut, die sich letzthin öfters auf seiner Stirne malte, stand ihm vortrefflich und vertiefte den angenehmen Eindruck, der von ihm ausging. Sein liebenswürdiges, offenes Wesen, das so hell gegen die launische, herrische Art meines versteckten, gemütskargen Gatten abstach, bezauberte die ganze Gesellschaft. Es kam ihm bei der Rolle, die er sich für den Ball gewählt hatte, noch zustatten, daß er eine kleine, aber entzückende Stimme zum Singen hatte. Sein Lispeln, das mich immer süß berührte, klang im Gesang so niedlich und lieblich, daß man ihm unbedingt gut sein mußte.

◆ Er gab an dem Abend mehrere italienische Liedchen zum Besten, da er immer wieder um Zugaben bestürmt wurde. Eine dieser Weisen ist mir unvergeßlich geblieben. Auch darum, weil er sie besonders zu mir gewandt sang und dazu eine ganz eigene, sich einschmeichelnde Art hatte, mich jedesmal bei dem Kehrreim anzuschauen. Als wollte er mir nicht nur gefallen mit dieser reizenden Weise. Nein, als suche er auch mit dem Schlußreim, den er wie einen Köder immerzu gegen mich auswarf, mein Innerstes zu ergründen. Das Liedchen, das aus Neapel stammen soll und damals auf allen Gassen gezupft und geklimpert wurde, lautete also:

Ihr beschränkten, strengen Seelen,
Sagt, wer hat's euch anvertraut,
Daß man eines nur soll wählen,
Wo man so viel Schönes schaut.

Mögt ihr noch so sehr mich schelten,
Leb' ich doch dem Überfluß.
Warum soll's dies Herz entgelten,
Daß es zweie lieben muß?

Streichl' ich Chloes blonde Locken,
Späh' ich Daphnes Braunhaar nach,
Und ich zieh' mit Atemstocken
Beide dann ins Schlafgemach.
Selig tausch' als Herr der Welten
Ich mit ihnen Kuß um Kuß,
Warum soll's dies Herz entgelten,
Daß ich zweie lieben muß!

Muß ich nur den einen minnen,
Wo ein andrer hold mich reizt?
Ach, ich hasse das Besinnen,
Das mit jedem Lächeln geizt.
Süße Stunden sind so selten,
Doppelt erst wirkt der Genuß.
Warum soll's dies Herz entgelten,
Daß es zweie lieben muß!

Herrlich ist dies holde Schwanken
Zwischen zweien hin und her!
Kaum kann man dem einen danken,
Schenkt der andre uns noch mehr.

Die uns solch ein Glück entstellten,
Schießt sie tot mit einem Schuß.
Warum soll's dies Herz entgelten,
Daß es zweie lieben muß!

Gibt es ewige Gesetze,
Und wo steht denn das Gebot,
Daß nur eines uns ergötze?
Was wir wünschen, tut uns not.
Mag die Tugend sich erkälten,
Laßt uns brennen bis zum Schluß!
Warum soll's dies Herz entgelten,
Daß es zweie lieben muß!

◆ Selbst mein äußerlich so gestrenger Herr Gemahl fand einen solchen Geschmack an diesem mit äußerster Feinheit vorgetragenem, kecken Lied, daß er mich aufforderte, den Liebessänger mit einem Lorbeerkranz zu schmücken, den er selber zu diesem Behuf seinem Hofdichter von der Stirne zog und von der hohen Lockenatzel, die dieser bei Hofe trug. Der Herzog tat dies mit der auffallenden Bemerkung gegen den armen auf Bestellung reimenden Teufel, er sei heute abend weniger würdig, diesen Schmuck des Musengottes zu tragen als der Sänger, der uns solch ein artiges, hübsch gepfeffertes Liedchen dargeboten hätte. Lüchow beugte überselig vor mir ein Knie, um den Kranz aus meiner Hand um seine Schläfen zu empfangen. Als ich mich ihm näherte, hatte er die Kühnheit, mir zuzuflüstern: ›Lieber würde ich diesen Kopf, den Sie berühren, unter das Beil des Henkers legen, ehe daß ich jemals eine Silbe von dem, was zwischen und schwingt, verraten könnte.‹

◆ Zitternd über seine Waghalsigkeit legte ich die Lorbeerblätter um sein schönes Haupt, das wie ein Kornfeld duftete. Da sah er mich mit einemmal ganz entsetzt an. Er griff sich an die Kehle, als ob ihn von unten eine finstere Ahnung beschliche. Und hauchte mir mit wild aufgerissenen Augen die Worte zu: ›Sie werden mich ja doch nicht selber verderben und vernichten wollen?‹ Er streifte dabei mehrmals seinen Hals entlang, als ob ihn dort etwas belästige und bedrücke, das er wegwischen müsse. Und dann beendete er, als er einen verwunderten, ernsten Blick des Herzogs auffing, jählings mit einem formvollendeten Handkuß, den er auf meine Rechte drückte, diesen Auftritt.

◆ Im weiteren Verlauf dieses Abends mied ich dann mit Fleiß jedes weitere Zusammensein mit dem jungen Grafen, weil auch mir jener scharfe Blick meines Gatten nicht entgangen war, und ich darum jedes Spielen mit dem Feuer vermeiden wollte. Zumal da Scholastika mir mitgeteilt hatte, daß mein Herr Gemahl noch immer ab und zu ihren Garten nach irgendwelchen Spuren durchstöbern ließ. Blieb so dieses erste Maskenfest des Winters ohne schlimme Folgen für mich und meinen Anschmachter, so verlief das zweite umso unglücklicher. Ich weiß nicht, wer Lüchow auf den drolligen Einfall gebracht hatte, bei diesem letzteren Mummenschanz, der von vornherein weit ausgelassener und toller als der frühere begann, sich als Hofdame zu verkleiden. Ich hörte später einmal erzählen, daß er schon als Fahnenjunker manchmal in Frauentracht erschienen sei, die zu ihm im Gegensatz zu den meisten Männern, die dadurch etwas Weibisches bekommen, ausgezeichnet paßte. Sein vollendeter Wuchs, seine zierlichen Bewegungen schmiegten sich ohne jede Süßlichkeit dieser Kleidung an. Die Mehrzahl der Herren, die sich in unserer Gesellschaft als Frauen zu vermummen versuchen, übertreibt, indem sie das eigentümlich Weibliche zu stark betont. Das vermied Lüchow mit großem Geschick, indem er sich mit einer uns abgelauschten natürlichen Gefallsucht bewegte. Sehr zustatten kam ihm dabei seine leise lispelnde Stimme, auf die er kaum zu drücken brauchte, wie dies so viele, die uns nachäffen wollen, bis zum Quetschen tun.

◆ Auf welche Weise es dem Jüngling gelungen ist, sich diese frauliche Gewandung, die ihn wie eine meiner Hofdamen aussehen ließ, unauffällig und unbemerkt zu beschaffen, das ist und bleibt ein Rätsel. Er verschwand jedenfalls völlig unter der Schar der Frauen, die teils verkleidet, teils unverkleidet dem Maskenball beiwohnten. Bei einem Gesellschaftspiel, demzufolge im Rahmen des Festes die Herren und Damen sich trennen und zwei Gruppen bilden mußten, stieß Lüchow mit mir zusammen. Und zwar in einem Seitengang, der zu meinen eigenen Gemächern im Schlosse führte. Ich hatte diesen Gang für mich freigehalten, um dort hin und wieder an meinem Putz ordnend herumzupfen zu können. Ich trug ein sehr empfindliches weißes Schwanengewand, das mich als solch ein schönes Tier erscheinen lassen sollte. Ich war im Begriff, eines der beiden schwarzen Schönheitspünktchen, das mir bei der Hitze im Tanzsaal entfallen war, durch ein neues zu ersetzen, als Lüchow in meinen versteckten Seitengang trat. Ich nahm ihn zuerst für eine meiner Hofdamen oder die Verwandte eines solchen Wesens. Und wurde in dieser Meinung noch bestärkt, als er mich plötzlich ohne weitere Vorverhandlungen rücklings umschlang. Derlei jähe Zärtlichkeitsausbrüche ihrer weiblichen Umgebung muß eine Fürstin bei solchen lockeren Gelegenheiten zuweilen über sich ergehen lassen. Meist schüttelt man solche Kindereien irgend eines überspannten, schwärmerischen jungen Fräuleins wie ein Bienchen ab, das uns allzu nahe umsummt. Auch diesmal wollte ich den Ansturm der Verliebten lächelnd wehren, als ich erschrocken merken mußte, daß es ein männliches Geschöpf war, das sich an mir vergriff. Und im gleichen Augenblick erkannte ich die mir nur zu sehr eingeprägten Züge meines Anbeters.

◆ Ich darf wohl bei dieser Gelegenheit eine Schwäche eingestehen, nämlich eine Vorliebe von mir für Männer, wenn sie sich in Frauentracht verhüllt haben. Mag sein, daß diese Schwachheit von einem Kindererlebnis herrührt. Mein von mir in meinen zarten Jahren angeschmachteter Vetter, jener Erbprinz von Celle, war, noch halb ein Knabe, einst im Fasching bei einer Liebhabervorstellung am Hofe als Milchmädchen aufgetreten und hatte durch seine kindliche Schelmerei in dieser Rolle alle und besonders mich ganz hingerissen. Er sah so unschuldig drein, daß ich seitdem glaubte, daß die ganze Harmlosigkeit und Reinheit, wie sie auf den Gesichtern unsrer Ureltern im Garten Eden vor dem Sündenfall weilte, sich nur auf einem Männerantlitz widerspiegeln kann.

◆ Auch mein junger Graf Lüchow hatte als verkleidete Dame etwas so Unverdorbenes, Vertrauenvolles und Kindseliges, daß ich unwillkürlich vor ihm zu schmelzen drohte. Glich er doch in seiner ganzen freundlichen Erscheinung einem der guten verklärten Geister, die einen hinaufgeleiten sollen, und von denen man nicht mehr weiß, welchem Geschlechte sie eigentlich angehören mögen. Immerhin sträubte ich mich, meiner weiblichen Natur folgend, eine Zeitlang heftig gegen seine immer heißeren Liebkosungen, wenngleich ich zugeben muß, daß die Larve, in der er mir erschien, mich widerstandsloser machte, als ich es darstellen mochte. Insbesondere die zahllosen Küsse, mit denen diese von ihrem inneren Feuer gerötete männliche Frau mit ihrem leicht stacheligen Mund mich übersäte, versetzten mich in einen solchen Rausch, daß ich mich nur noch ganz schwach zu verteidigen wußte. Um diese meine letzte Abwehr zu brechen, drückte er mich sanft an die Wand, weil er dort meiner sicherer zu sein glaubte. Da geschah zu unsrer beider Verwunderung etwas höchst Merkwürdiges. Eine geheime Tür, deren verstecktes Schließwerk ich zufällig berührt haben mußte, sprang auf, und ich stürzte, von meinem Buhlen bedrängt, in ein mit Spiegeln ausgelegtes Gemach, dessen viereckig umherlaufendes Polstergestühl einen betäubend starken künstlichen Duft ausströmte. Es war offenbar einer jener verborgenen Schlupfwinkel, wie sie so oft das verliebte Wesen der Herren Fürsten in ihren Schlössern für ihre heimlichen Abenteuer geschaffen hat. Niemals werd' ich den Jubel in den Augen meines jungen Liebhabers aus meiner Erinnerung verlieren, der in ihm aufblitzte, als sich uns durch einen Zufall diese durchaus verschwiegene Zuflucht bot. Seine Blicke leuchteten vor Glück mit einem überirdischen Glühen, wie ich es nie wieder sehen werde. Er drückte schleunigst die geheime Tür wieder zu, weil er fühlen mochte, daß ich nun nicht mehr zu halten war. Selbst diese letzte Bewegung führte er noch ganz in seiner Rolle mit einer gewissen weiblichen Schamhaftigkeit aus, die mich vollends zu ihm hinriß. Er bewies mir alsdann, daß er doch keine Frau sei, mit einer Zartheit und Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit, die mich in einen bisher nicht gekannten Himmel versetzte. Freilich – daß ich es nur ganz leise beichte! – verspürte ich zwischendurch manchmal ein leichtes Verlangen nach der mich vergewaltigenden Art meines Gatten, das immer stärker wurde, bis ich entsetzt über die Lage, in die man mich gebracht hatte, aus meinem Rausch erwachte. ›Unseliger! Du wirst mich vernichten!‹ seufzte ich auf Lüchows Lippen, die sich noch immer nicht von mir trennen mochten. Die Sorge um meine Sicherheit brachte nun auch ihn zur Besinnung. ›Meinst du nun, wo du dich mir ganz gewährt hast, ich würde dich verraten oder dich ins Unglück bringen. Dein Strumpfband allein, das ich inzwischen zerküßt habe, hätte mich schon veranlaßt, jeden Augenblick für dich in den Tod zu gehen.‹

◆ ›Gib es mir wieder!‹ bat ich ihn. ›Du wirst es verlieren wie meine Schleife!‹

◆ ›Hier nimm es, meine Herzogin, ich brauche es nicht mehr, nun, da ich die Süßigkeiten genossen habe, die dies Band einst umschloß!‹ So flüsterte er stolz und händigte mir unbedenklich dies einzige Beweisstück aus, das er gegen mich besaß.

◆ Im nämlichen Augenblick vernahmen wir draußen ein Tuscheln vor unserm Versteck. Das erste, was wir taten, war, unsre Kleider zu ordnen. Denn auch mein Liebhaber befand sich ja in weiblicher Tracht. Und es war noch eine letzte Hoffnung für mich, daß er in diesem seinem Frauengewand, ohne mich bloßzustellen, verschwinden könnte. Doch jetzt merkten wir erst in unsrer Ernüchterung, was wir vorher in unserm Taumel nicht gesehen hatten, daß die Türe einfach in ihr Schloß gefallen war und daß keines Uneingeweihten Auge erspähen konnte, wo und wie sie wieder zu öffnen sei. Nur an der andern entgegengesetzten Seite des Gemachs befand sich eine Klinke. Auf die stemmte sich Lüchow nun in der Eile und Aufregung mit einer Wucht, die ich hinter seiner Zartheit kaum vermutet hätte. Die Klinke brach von seiner Heftigkeit ab. Doch zugleich sprangen zwei Türen auf, eine nach hinten, durch die mein weiblicher Ritter so schnell, wie es seine Tracht ermöglichte, wegstürzte. Die andre, die wir beide vorhin benutzt hatten, öffnete sich ganz leise und spärlich. Worauf ich mit einem letzten Blick in die Spiegel und auf den Boden unsres Liebesschlachtfeldes dieses holde Zimmer äußerlich so unbekümmert und sorglos wie möglich verlassen wollte.

◆ Da stieß ich auf eine meiner Hofdamen, die im Begriffe war, in dies Gemach zu schlüpfen, dessen Geheimnis ihr bekannt sein mochte. Sie hatte jedenfalls auf die versteckte Feder gedrückt, durch deren Bewegung die Tür zu öffnen war, und errötete nun nicht wenig, als sie mich heraustreten sah. Wir blieben beide zwischen Tür und Angel stehen. Sie war ein albernes Frätzchen, nicht unschön, aber gewöhnlich, mit einem lüsternen Näschen und ein paar Augen, die einem Mann ihr ›Ja!‹ zuwinken, noch eh' er darum gebeten hat. Kurzum, ein angefaultes Früchtchen, das man kaum herunterzuschütteln braucht. So lose hängt es an der Tugend fest. Offenbar hatte sie eine Verabredung mit einem der mit diesen Räumen vertrauten Herren, vielleicht gar mit dem Herzog selber getroffen, die sie zu einem Schäferstündchen in dieser verschwiegenen Kammer aufforderte. Blitzschnell sah ich hier die beste Möglichkeit vor mir, mein eigenes Abenteuer zu vertuschen. Die Kleine ließ sich in einem tiefen Hofknix mir zu Füßen fallen. Sie schien es überhaupt nicht zu wagen, den Gedanken zu hegen, daß ihre Herzogin selber sich vielleicht an dieser verschwiegenen Stätte vergnügt hätte.

◆ ›Was sucht sie hier?‹ herrschte ich sie mit einer mir selber fast zu grausam klingenden Härte an. Sie stammelte einen Sturzbach von Entschuldigungen, dem alsbald ein noch größerer Schwall von Tränen folgte.

◆ Schon hoffte ich, daß hinter ihrem Stottern und Heulen sich ein heimliches Abenteuer mit meinem hohen Herrn Gemahl verbergen würde, das sie mir, wenn ich noch länger auf sie drückte, preisgeben müßte. Da ging plötzlich ganz bedächtig die andere Tür in meinem Rücken zu dem verschwiegenen Gemach wieder auf. Und ich sehe zu meiner größten Überraschung die bleiche spitze Nase des Frömmlings Dominikus, des herzoglichen Oheims, hereingucken. Die Sachlage war für mich so unerwartet drollig, daß ich nur mühsam ein lautes Lachen herunterwürgen konnte, während meine zitternde Hofdame, da sie mir nun nichts mehr bekennen brauchte, sich unter neuem Erröten und Schluchzen so schleunigst wie möglich entfernte.

◆ ›Ich bedaure unendlich,‹ wandte ich mich an den scheinheiligen alten Sünder, ›daß ich eine so angenehme Abmachung wie diese hier, ohne es zu wollen, gestört habe.‹

◆ Aber der durchtriebene, frommtuende Fuchs hatte sich bereits aus seiner anfänglichen Betretenheit wieder zusammengeholt.

◆ ›Diese angenehme Abmachung, wie Eure Hoheit sie zu nennen belieben, so legte er nun aus, ›sollte lediglich den Zweck verfolgen, eine schwache anfällige Seele, die den Giftdünsten der Hofluft ausgesetzt ist, dem Himmel zu retten.‹

◆ ›Wie edelmütig und groß von Ihnen! Aber Sie haben sich für Ihr Bekehrungswerk einen ganz eigentümlich verschwiegenen Beichtstuhl ausgesucht, mein lieber Oheim!‹

◆ ›Ich weiß nicht, woher Sie ihn kennen, meine Teure, diesen Beichtstuhl,‹ entgegnete er und zeigte dabei ein so gemeines Lächeln, wie ich es auf diesem abgestumpften und verwelkten Gesicht nie vermutet hätte.

◆ ›Ein bloßer Zufall hat mich leider dies Gemach entdecken lassen.‹

◆ ›In dem Sie sich es alsdann anscheinend sehr heimisch und wohl sein ließen.‹

◆ ›Was soll diese Andeutung besagen?‹ Bei dem Trotz und der Empörung, mit der ich diese Frage hinwarf, blieb mir freilich fast das Herz stehen vor Schrecken. Vermutete ich doch nicht anders als daß er irgend ein Beweisstück gegen mich gefunden hätte, das mir in der Schnelligkeit meines Aufbruchs entfallen sein konnte.

◆ ›Sie würden sonst kaum diese Klinke hier abgebrochen haben, meine Liebe,‹ stellte er fest. Und jeder Buchstabe von dem, was er sagte, stach mich wie eine Nadel. Ich tat ihm aber kaum den Gefallen, mir das Ding, mit dem er vor mir herumfuchtelte, genauer anzusehen, sondern schlug nur seine Anschuldigung leicht weg, indem ich sagte: ›Vor dem Ungestüm eines ergrauten Liebhabers, der zu einem holden Stelldichein stürmt, vermag offenbar ein so schwacher Gegenstand nicht unversehrt zu bleiben.‹

◆ Dominikus schoß mir einen bösen Blick aus seinen unsicheren Schleiereulenaugen zu.

◆ ›Hüten Sie sich, meine gnädigste Herzogin! Diese Klinke hier könnte ein verbuhltes Gemechtel aufschließen, das Sie sich nicht ungestraft erlaubt haben sollen.‹

◆ ›Unverschämter! Ich ertappe Sie in Ihren hohen Jahren auf einem mißglückten Liebesanschlag, einem verfehlten Katersprung, und Sie haben die Stirne, mich, die ich Ihr häßliches Geschäker nicht merken, sondern vertuschen will, zu bedrohen und sogar zu verdächtigen, Sie undankbarer Greis!‹

◆ Ich rauschte mit einem ungemeinen Aufwand von sittlicher Entrüstung von dannen, um ihn möglichst beschämt hinter mir zu lassen. Auch fürchtete ich mich vor einem weiteren Verhör dieses unheimlichen Menschen mehr als vor der roheren, aber offeneren Art meines Gatten. Auf dessen Entladung sollte ich nicht lange zu warten haben. Er veranstaltete hinter meinem Rücken, aufgestachelt und verhetzt von dem falschfrommen Oheim eine ganz genaue peinliche Untersuchung des Vorfalls. Alle möglichen Leute, bis auf die niedrigsten Bedienten, die bei jenem Maskenfest zugegen gewesen waren, wurden vernommen. Meine sämtlichen Hofdamen, eine nach der andern, fragte man wie bei Prüfungen aus. Dominikus behauptete nämlich steif und fest, er habe eines dieser weiblichen Geschöpfe an sich vorbeihuschen sehen, als er sich seinem heimlichen Treffpunkt genähert hätte. Zum Glück muß es auf dem hinteren Gang, auf dem er sich zu seinem Hofkätzchen schleichen wollte, so finster gewesen sein, daß er nur die Umrisse Lüchows, der ja in der Tracht einer meiner Damen steckte, bemerkt hatte.

◆ Die Klinke, diese unglückselige Handhabe, die mich nach der Drohung von Dominikus überführen sollte, wurde von mehreren Kunstschlossern hin und her betrachtet und sogar unter das Vergrößerungsglas genommen. Doch sie verriet nicht viel. Sie war nämlich durch und durch verrostet, da man sie kaum benutzt und noch weniger gepflegt hatte. Sie konnte darum wirklich, wenn man von der andern Seite der geheimen Kammer fest rüttelte, abgesprungen oder auch von Dominikus abgestoßen worden sein. Jedenfalls war mit ihr nicht viel gegen mich zu machen.

◆ All diese Nachforschungen, von denen ich nichts Genaues erfuhr, sondern nur immer heimlich munkeln hörte, machten mich auf eine ganz eigene Weise gereizt, mehr nämlich noch gegen Lüchow als gegen den Herzog. Ich fühlte mich durch meinen Liebhaber und den Streich, zu dem er mich verführt hatte, irgendwie herabgesetzt und entwürdigt. Ich hatte gehofft, daß ich von ihm aus der Kleinwinkeligkeit meiner Umgebung zu den Höhen hinausgeführt würde. Und sah mich nun durch seinen Leichtsinn und dies flüchtige Stündchen nur erniedrigt und erst recht in den Quark gestoßen, dem ich entgehen wollte. Ja, sah mich endlich von ihm, der sich als meinen hochgemuten Ritter aufspielen mochte, in die äußerste Gefahr für meine Stellung und selbst für mein Leben gebracht. Dies alles reizte meine stärkste Seite, meinen Stolz, auf das empfindlichste. Zu meiner Verwunderung begann ich mich in meinen Gedanken jetzt mehr mit meinem Gatten als mit diesem jungen schmachtenden Grafen zu beschäftigen. Ich fand, daß der Herzog mich offenbar auf seine Art lieben mußte. Denn sonst hätte er sich wohl kaum so unausgesetzte große Mühe damit gegeben, hinter das Rätsel jenes Maskenfestes zu gelangen, das ich ihm aufgegeben hatte. Oder, so fragte ich mich, sollte dies nur aus Herrschsucht und Besitzbegierde geschehen? Sollte er gar nur aus dem Grunde hinter mein Geheimnis zu kommen trachten, um mich verstoßen und verderben zu können?

◆ Ab und zu genoß ich, in solchen Knäuel von Erwägungen und Befürchtungen verstrickt, geradezu die Unheimlichkeit, in der ich mich befand, wie ein gejagtes Wild sich wohl, ins Dickicht geduckt, seine schier wollüstigen Gedanken über den, der es verfolgt, machen kann. Schließlich wagte ich es vor Übermut, da er offenbar doch nichts Stichhaltiges gegen mich zutage fördern konnte, meinen Gatten persönlich zu stellen. Ich ging ihn dazu feierlich um eine Unterredung an, dergleichen er seinen Untertanen allwöchentlich zu gewähren geruhte. Im Verlauf derselben ließ ich mich vor ihm auf ein Knie nieder mit der Erklärung, ich würde mich nicht eher wieder vom Boden erheben, bis er mir gesagt hätte, durch welche meiner Handlungen ihm ein Grund gegeben sei, mich derartig belauern und all meinen Schritten, die ich an seinem Hofe tue, nachspüren zu lassen.

◆ Meine demütige Haltung schien ihm irgendwie zu gefallen. Er streichelte mir einigemal lässig über meinen tief vor ihm gebeugten Nacken, ohne jedoch dabei irgend eine Weichheit zu verraten, was mir eine ganz besondere Freude machte. Ohne mich aufzufordern, mich zu erheben, erklärte er mir dann ziemlich förmlich, als wenn er eine seiner Staatsreden zu verlesen hätte, das Folgende: Wenn er sich in meiner Person um eine kleine deutsche Prinzessin beworben hätte, er, der reiche Herzog von Gotha, dem die allerhöchsten Damen aller Länder erreichbar gewesen wären, so sei dies einzig darum geschehen, um sich in mir einer vollkommen gefügigen und getreuen Frau zu versichern. In der letzten Zeit seien ihm nun höchst peinliche Dinge zu Ohren gekommen, Verdächtigungen von ihm liebwerten Personen gegen mich ausgestreut. Freilich fehlten noch die endgültigen vollen Beweise wider mich und mein Verhalten. Indessen würden diese ohne Zweifel in der nächsten Zeit gegen mich erbracht werden.

◆ Bei dieser Enthüllung faßte er mich, die ich noch immer vor ihm kniete, plötzlich barsch unters Kinn und bog meinen Kopf in die Höhe, wobei er meine Züge auf das schärfste danach musterte, ob nicht irgend ein Ausdruck von Furcht oder Erschrockenheit auf meinem Antlitz zu lesen wäre. Da ihm dies nicht gelang – denn ich hatte in der Zeit, da ich Herzogin war, gelernt, meine Züge vollkommen zu bemeistern –,so ließ er mein Haupt wieder sinken. Wobei ich durch eine Neigung meines Scheitels den Ausdruck völliger Ergebung in seinen Willen und in mein Schicksal schauen ließ. Hierauf stieß er, nach seiner Gewohnheit, alles Neuzeitliche zu verunglimpfen, die heftigsten Schmähungen gegen die weichen Errungenschaften unsrer gefühlsduseligen Tage aus. Es sei eine Schlappheit ohnegleichen, daß man die Folter, als ein so vortreffliches Mittel, hinter die Wahrheit zu kommen, abgeschafft habe.

◆ ›Wenn Eure herzoglichen Gnaden sie an mir erneut erproben wollen, ich stelle mich Ihnen zu allen Graden, die Sie bei mir anstrengen wollen, nackt und bloß zur Verfügung.‹

◆ Worauf er zähneknirschend bemerkte, er werde sich hüten, mich weiter verunstalten zu lassen. Auch traue er mir so viel Eigensinn zu, daß ich selbst zwischen den spitzen Stacheln der eisernen Jungfrau nichts ausplaudern werde. ›Ich wüßte schon, wen ich foltern lassen würde, wenn diese löbliche Einrichtung wieder eingeführt wäre,‹ drohte er mit einem boshaften, tückischen Lächeln um seinen Mund.

◆ ›So nennen Sie mir ihn oder die Person, falls es eine weibliche sein sollte, die Sie mit solchen Qualen belegen möchten! Ich flehe Euro Gnaden geradezu um den Namen dessen an, den Sie so sehr hassen und verachten.‹ Bei diesen Worten wagte ich es, mein Gesicht aufzurichten und ihn fest anzustarren. Er gab mir den Blick mit blutunterlaufenen wilden Augen unsicher wieder und entfernte sich dann mit einer Gebärde des Ekels. Weniger noch gegen mich als gegen eine Ecke des Saals gewandt, wo er in seiner Wut und Verblendung die ihm widerwärtige Gestalt seines Nebenbuhlers sehen mochte.

◆ Höchst eigentümlich verhielt sich Scholastika in dieser letzten Zeitspanne zu mir. Natürlich war das Gerücht von den ewigen Untersuchungen, die der Herzog um mich anstellen ließ, auch zu ihr gedrungen. Sie überhörte mich, als ich mich vor ihr blicken ließ, in ihrer etwas schulmeisterlichen Weise: ›Zunächst muß ich wissen, ob zwischen Ihnen und diesem jungen Grafen wirklich etwas Ernsthaftes vorgefallen ist. Mit andern Worten, ob Sie ihm das Letzte, das Äußerste gewährt haben.‹ Selbstverständlich leugnete ich dies auf das allerentschiedenste, ohne dabei freilich ein leises Lächeln der Genugtuung und des Siegesgefühls vor ihr unterdrücken zu können. ›Sie wagen ein Glücksspiel, meine Teure, bei dem ich Ihnen nicht mehr folgen kann und will,‹ erklärte Scholastika auf mein wiederholtes verstocktes Abstreiten jeder engeren Beziehung zu Lüchow. ›Ich habe gerade genug an dieser einen Gefangenen, die man mir zur Pflege überlassen hat. Ich könnte nicht die Kraft für eine zweite ähnliche Kranke aufbringen.‹

◆ Sie brauchte dies nicht weiter zu beteuern. Denn in diesem Augenblick huschte ihre Schwester Vana in ihrer kaum hörbaren unheimlichen Art an uns vorüber, wobei sie uns mit ihren verstörten irren Augen anstierte und dann anplapperte: ›Warum stellt man mir denn immer zu zwein nach? Einer genügt doch. Einer sollte wenigstens genügen.‹ Damit verschwand Vana wieder, indem sie noch ein paarmal angstvoll in der Luft herumstrich, als wollte sie die Geister, die sie ringsum schreckten, verjagen.

◆ Umsonst versuchte ich nun Scholastika von meiner Unschuld und Unbefangenheit zu überzeugen. Durch dies einzige kleine Lächeln, das ich sie soeben hatte sehen lassen, war meine Stellung bei ihr herabgesetzt und verkleinert. Das besserte sich auch nicht, als ich ihr von dem schändlichen Verhalten ihres heuchlerischen Gatten Dominikus Mitteilung machte, den ich auf seinem sittenlosen Abstecher zu einer meiner Hofdamen erwischt hatte. Im Gegenteil, Scholastika ergriff beinahe Partei für ihren Herrn Gemahl, der sich ihr seit jeher entzogen hatte, indem sie meinte: ›Der arme, alte, knickebeinige Schelm! Da hat er vielleicht einen letzten Versuch machen wollen, sein schwach gewordenes Fleisch zu erproben. Und Sie haben ihm dies Kunststückchen, das er vor sich ablegen wollte, verdorben. Sie sollten nicht allzu undankbar gegen ihn sein, meine Kleine. Denn, soviel ich gehört habe, hat sein ungewolltes Dazwischentreten nur dazu beigetragen, den Sachverhalt zu Ihren Gunsten zu verschleiern. Machen Sie sich darum nicht allzu lustig, mein Kind, über einen verwelkten Greis, der vergebens noch etwas von jenen Freuden zu erhaschen suchte, deren Sie, wie Ihr Gatte vermutet, sogar noch von zweiter Seite teilhaftig geworden sind.‹

◆ Ich schwieg auf dies ihr wiederholtes Anpochen an mein Geheimnis und merkte wieder einmal, daß eine Frau ihren Gatten, selbst wenn sie ihn selber gering schätzt, ungern von andern mißachten läßt. Listig wie wir Weiber sind, mühte sich Scholastika nun in ihrer Neugier, die sie für alles Verliebte hatte, auf eine andre Weise hinter meine Schliche zu geraten. Sie ließ Lüchow auffordern, sie gelegentlich in ihrem abgelegenen Jagdschlößchen aufzusuchen, wiewohl sie sich damit der Ungnade des Herzogs aussetzen konnte. Doch sie hatte ja schließlich in ihrem einsamen Dasein, das dem eines Irrenwärters glich, nicht viel zu verlieren. Lüchow folgte der Einladung, die Scholastika an ihn ergehen ließ, sofort auf das bereitwilligste. Schon aus dem Grunde, weil er dadurch hoffte, wieder mit mir in Verbindung zu geraten. Ich hatte ihm letzthin jede Möglichkeit dazu abgeschnitten und war ihm, wo ich ihm begegnen konnte, geflissentlich aus dem Wege gegangen. Wenn Scholastika vermeint hatte, daß sie Lüchow über unsre Beziehungen, besonders über die Art unsres letzten Abenteuers, aushorchen könnte, so sah sie sich hierin freilich gründlich getäuscht. Mein junger Graf, wie er auch sonst gewesen sein mag, war von einer Verschwiegenheit, wie man sie bei Männern, die meist viel vertrauensseliger sind als wir, nur äußerst selten findet. Scholastika bekam, wie sie mir später einmal anvertraute, aber auch nicht das geringste von ihm über unser Verhältnis heraus. Nicht einmal das Eingeständnis, daß er mich liebe, wodurch er weder mich noch sich bloßgestellt haben würde. Doch er zeigte sich, sobald nur flüchtig die Rede auf mich kam, von einer Verschlossenheit wie ein Mönch, der das Schweigegelübde abgelegt hat. Das einzige, was Scholastika, abgesehen von seiner sonstigen Unterhaltung, von ihm einheimste, waren seine Liedchen, von denen er immer einige auf der Laute und den Lippen hatte. Eine dieser leichten Weisen gefiel Scholastika so sehr, daß sie ihn bei jedem Besuch bat, ihr dies Liedchen vorzusingen und nicht eher ruhte, bis er es wiederholt hatte. Sie hat es sich in Wortlaut und Noten von ihm aufschreiben lassen. Und es beschleicht mich jedesmal ein eigenes Gefühl, wenn ich diese Weise, von der sie mir auf meine Bitten eine Abschrift überließ, auf dem Spinett spiele und sie zu singen versuche:

Nächstens, wenn der finst're Nachen,
Drin der Todesengel sitzt,
Sich mir naht, und dieses Wachen
Wie ein Irrlicht schnell verblitzt,
Tröst' ich mich, wenn sie verflossen,
Diese Frist, die ich verwohnt:
Einmal hab' ich's doch genossen,
Drum sich hier zu leben lohnt.

Eh' du alterst, laß dir sagen,
Nütze noch die letzte Kraft,
Dich ins Liebesmeer zu wagen,
In die schönste Leidenschaft.
Weh' dem, der sich abgeschlossen,
Dessen Herz nicht stets betont:
Einmal hab' ich's doch genossen,
Drum sich hier zu leben lohnt.

Durch die Nächte hör' ich's weinen,
Warum läßt man uns allein?
Wollten wir nicht sittsam scheinen,
Würde jedes glücklich sein.
Schweigt mir doch nicht so verdrossen,
Und bekennt es bei dem Mond:
Einmal hab' ich's doch genossen,
Drum sich hier zu leben lohnt.

Fluch in ferne Ewigkeiten
Dem, der dies nicht sagen kann!
Oft hält man erst im Entgleiten
Krampfhaft sich ans Dasein an.
Singt noch auf den letzten Sprossen,
Die ihr droben einst gethront:
Einmal hab' ich's doch genossen,
Drum sich hier zu leben lohnt.

Sonst würd' ich mich ja verfluchen,
Und das Blut, das in mir rinnt,
Müßte dann aufs neue suchen,
Was die Liebe nur gewinnt.
Aller Saft sei ausgegossen,
Und ein Tor ist, wer sich schont,
Einmal hab' ich's doch genossen,
Drum sich hier zu leben lohnt.

◆ Der Sänger und vielleicht auch Schöpfer dieses Liedes, mein armer Lüchow, stellte inzwischen alles mögliche an, um aufs neue mit mir in Berührung zu kommen. Entzündet von Liebe zu mir, spähte und jagte er nach jeder Gelegenheit aus, um wieder meiner habhaft werden zu können. Die einzige Wollust jener Tage muß für ihn das schmeichelhaft stolze Gefühl gewesen sein, daß er sich sagen konnte, die Herrin des Landes besessen zu haben. Wenn auch nur für ein einziges Mal.

◆ Mir selber war dies Bewußtsein, je längere Zeiten mich von unserm tollen Streiche trennten, desto peinlicher, mißlicher. Auf der andern Seite litt ich von Tag zu Tag mehr unter der Fastenzeit, die mir mein hoher Herr Gemahl seit jenem verwünschten Maskenfest auferlegte. Seit jenem ungewissen Gerücht von meiner Untreue, das sein Bet-Oheim ihm zugetragen hatte, vermied der Herzog jeden näheren Umgang mit mir. Es schien, als ob ich ihm durch das bloße Geschwätz dieses spitznäsigen Dominikus und durch den leisesten Verdacht, der an mir haftete, derart entweiht worden wäre, daß er mich nicht mehr antasten mochte. Für ihn war eine solche Enthaltsamkeit nicht allzu schwer. Hatte er doch genügend Weibsbilder zur Verfügung, die ihm, dem Landesherrn, schon der Auszeichnung wegen, die ihnen damit widerfuhr, gern zu Willen waren. Indessen, mich peinigte diese Enthaltsamkeit, die mir aufgezwungen wurde, und zwar weniger noch aus leiblichem Bedürfnis, als um der Unehre willen, die mir damit seitens meines Gatten angetan schien

◆ Gerade während dieser Zeit meiner höchsten Gereiztheit ereignete sich nun folgendes: Eines Abends kam voller Erregung jenes Hofdämchen zu mir, das ich auf seinem verbotenen Wege zum Stelldichein mit dem heuchlerischen Dominikus ertappt hatte. Sie überreichte mir bebend einen papierenen chinesischen Fächer, der mir seit einigen Tagen abhanden gekommen war. Rosalba, so nannte sich die Närrin gespreizt, verschwor sich nun hoch und heilig, dieser mein Fächer sei ihr soeben auf einem Seitengang des Schlosses zugesteckt worden, und zwar von einer anscheinend in Frauentracht verkleideten Person, die dann schleunigst weggeeilt sei. Die weiße Innenseite des sonst bemalten Fächers war bekritzelt und auf ihr stand zu lesen:

◆ ›Ich schreibe dies mit verstellter Schrift. Ich muß Dich unbedingt endlich wiedersehen und sprechen. Der Herzog ist heute abend auf einem Reiterfest. Ich erwarte Dich nach der Dämmerung im Gartenzelt hinter der Eibenhecke auf dem linken Flügel des Schlosses. Wir sind ganz sicher dort. Ich schmachte nach Dir.‹

♦ Diese Falle, die man mit diesem Fächer als Liebesboten für mich ausstellte, war so plump, daß ich mich fast für den Herzog ärgerte, mich für so dumm zu nehmen. Ich war schon im Begriff, das Gänschen, dessen er sich zu dieser durchsichtigen List gegen mich bediente, anzufahren, zumal mir zu Ohren gekommen war, daß mein Herr Gemahl nach dem mißglückten Angriff seines scheinkeuschen Oheims auf die flache Tugend dieses Hofdämchens nun sich selber in eine Miselei mit ihr eingelassen hatte. Doch ich besann mich eines Besseren.

♦ ›Endlich!‹ so donnerte ich jetzt das verblüffte Persönchen an,›endlich ist mir Gelegenheit gegeben, den Namen und Stand des Nichtswürdigen zu erfahren, der mich seit längerer Zeit um meinen guten Ruf und mein Ansehen zu bringen sucht. Sie werden sich heute abend als Herzogin vermummen, meine liebe Rosalba, und sich in meinem Mantel und Hut an die Stelle begeben, die dieser Elende mir vorzuschreiben wagt. Ich werde inzwischen mit dem Herzog sprechen, damit er Vorkehrungen trifft, den bübischen Verführer, sobald er sich Ihnen nähern will, festnehmen zu lassen. Wir wollen ein für allemal den Unterstellungen, mit denen man mir zusetzt, ein Ende machen.‹

♦ Die Bestürzung auf dem dümmlichen Gesicht meiner Spürnäsin verriet mir deutlich genug das ganze, gegen mich abgekartete Spiel. Sie empfahl sich mit dem gestotterten Versprechen, sich um die gewünschte Stunde wieder einzufinden. Sie erschien indessen natürlich nicht, noch ließ sich, wie ich vorausgewußt hatte, der Herzog in der Zwischenzeit sprechen. Ich erkannte nun immer klarer, daß ich alles darauf anlegen mußte, wieder mit meinem hohen Herrn Gemahl in Fühlung zu kommen. Ich sagte mir mit Recht, daß ich mit der Zeit jeden Einfluß auf ihn verlieren würde, wenn ich zuließ, daß er sich mir länger entzöge. Die nächste beste Gelegenheit mußte beim Schopf ergriffen werden. Es fügte sich gut, daß er übermorgen seinen Geburtstag feierte. Beim Empfang der Glückwünsche, die er hierbei entgegennahm, war es durch den alten gothaischen Hofbrauch bestimmt, daß ich ihm an der ersten Stelle meine Huldigung zu diesem Anlaß darbringen durfte. Ich bestand auf der Einhaltung dieser Vorschrift, obwohl sich der heuchlerische Zuträger Dominikus mir vordrängen wollte. Zu diesem Anlaß hatte ich mich so sorgfältig und so vorteilhaft wie möglich herausgeputzt. Ein goldgewirktes Gewand umwallte, aufs edelste gerafft, meine Gestalt und ließ mich größer erscheinen als ich war. Eine leichte Binde hielt meinen Busen fest, den ich so viel wie möglich sehen ließ, weil mein Gatte mir früher mehrfach sein Wohlgefallen an ihm bekundet hatte. Diesmal ließ ich mich nicht vor ihm nieder, sondern begann, nachdem ich ihm zärtlich die Hand geküßt hatte, ihn also zu beglückwünschen:

♦ ›Ich bringe Euro herzoglichen Gnaden diesmal nichts anders wie mich selber als Geschenk dar. Mit der alleruntertänigsten, allerdemütigsten Bitte, Euro Gnaden, mein erlauchter Herr Gemahl, möge mich als seine rechtmäßige Ehegattin wieder hinnehmen und sich meiner wie vordem in jenen glücklichen Zeiten bedienen, da ich die Ehre und Freude hatte, oftmals das eheliche Lager mit Euro Gnaden, meinem Herrn, teilen zu dürfen. Das ist meine einzige Gabe, mein einziger Wunsch an dem erhabenen Wiegenfest, das ich zugleich als den Geburtstag meines eigenen Glücks betrachte.‹

♦ Auf diese meine feierliche Ansprache ließ der Herzog mich ein höchst zweifelsüchtiges Lächeln sehen, worob er seinerseits in dem Hofton, den er bei besonderen Veranlassungen anzuschlagen beliebte, mir entgegnete:

♦ ›Wenn ich mich meiner Gemahlin, der Frau Herzogin, in der letzten Zeit vorenthalten habe, so ist dies aus Gründen geschehen, die ich nicht zu wiederholen geneigt bin. Fragen Sie mich drum nicht weiter danach, noch versuchen Sie sich zu entschuldigen!‹ wandte er sich schroff gegen mich, die ich gerade erneut meine Harmlosigkeit beteuern wollte. Dann fuhr er lauernd fort, wobei er lässig an seiner Halsbinde ordnend herumspielte. Diese weiße Binde trug an diesem Morgen einige rote Blutflecken, die anscheinend von den Schrammen herrührten, die man ihm bei seiner morgendlichen Bartschaberei beigebracht hatte: ›Ich wüßte nur ein einziges, wodurch Sie meinen Argwohn gegen Sie ein für allemal aus dem Wege räumen könnten, meine Liebwerte.‹

♦ Ich ahnte genau vorher, was der Herzog nun sagen würde, er, der jetzt mit der rotbesprengelten weißen Krause um seinen Hals wie ein wildes fremdländisches Tier aussah, und schrak doch ein wenig zusammen über die Kälte, mit der er es hervorbrachte: ›Sie müßten mir Ihren Buhlen opfern.‹

♦ Das heißt, ich fuhr nur innerlich über die Grausamkeit, die in diesen Worten lag, zusammen. Äußerlich merkte man mir aber auch nicht das geringste an, als ich nun kaltblütig weiterspielte: ›Wenn Euro herzoglichen Gnaden mir wenigstens den Namen des Menschen angeben wollten, mit dem Sie mich dauernd beleidigen.‹

♦ ›Verstellen wir uns nicht weiter, meine Teure! Sie wissen längst sehr gut, wen ich meine. Ich schwöre Ihnen, wenn Sie mir diesen Lüchow ausliefern werden, will ich von Stund' an wieder Ihnen gehören. Sonst nie mehr!‹

♦ Ich fühlte, jetzt gab es kein Zurück für mich. Auch ein noch so eifriges Widersprechen schien mir in diesem Augenblick nicht mehr geraten. Selbst ein allzu großes Erstaunen wollte ich nun nicht weiter darstellen. Ich kreuzte einfach mit der kindlichsten, willfährigsten Bewegung, die mir zur Verfügung stand, meine beiden Arme über meinem ein wenig offenen Busen und erklärte ihm: ›Eure herzoglichen Gnaden haben mir nur zu befehlen, was ich nach Dero Meinung in dieser Angelegenheit weiter zu tun habe.‹ Diese Gefügigkeit auf meiner Seite schien ihn zugleich zu ergötzen und in Erstaunen zu versetzen. Er schnalzte einmal mit der Zunge, was er nur bei fröhlichen Ritten und sonstigen ausgelassenen Gelegenheiten zu tun pflegte. Dann entwickelte er mir seinen Kriegsplan gegen meinen jungen Grafen weiter: ›Sie müssen ihm vorher noch eine Zusammenkunft gewähren. Schließlich wird auch der verliebteste, brunftigste Hirsch nicht ohne weiteres ins Todesgarn laufen.‹

♦ Nun war es wieder an mir, Überraschung mit Entrüstung geschickt zu mischen.

♦ ›Mein erhabener Herr Gemahl! Ich weiß nicht, was Sie mir noch anzusinnen gedenken. Aber ich flehe Sie nur um eines an. Was Sie mir auch weiter zumuten mögen, lassen Sie es nur vor Zeugen geschehen! Ich möchte nicht, daß durch solch ein Beisammensein, wie Euro Gnaden es von mir verlangen, nur der Schatten eines neuen Mißtrauens in Dero Seele entstehen könnte. Ich wiederhole, daß ich mich bisher nicht des geringsten Vergehens gegen meinen hohen Gatten und gegen die eheliche Treue schuldig weiß. Darum ist es mein innigster Herzenswunsch, daß dem Zusammentreffen mit diesem mir fremden jungen Mann irgendwer beiwohnen möchte.‹

♦ Der Herzog hörte offenbar weniger auf meine Beteuerungen, als daß er darüber nachsann, wie mein Vorschlag am besten und unauffälligsten durchzuführen sei.

♦ Doch da kam ihm, der entgegen seiner sonstigen etwas schläfrigen, schwerfälligen Art in dieser ganzen Angelegenheit etwas Erfinderisches und Zupackendes zeigte, schon der rettende Gedanke.

♦ ›Schön! Ich habe zu meinem Ärger vernommen, daß die Gattin meines hochverehrten Oheims, unsere alte Scholastika, eine gewisse Herbstschwäche für diesen eitlen jungen Gimpel empfinden soll. Sie hat ihn mehrfach in den letzten Wochen in ihrer Einöde empfangen. Stellen Sie nun dem Gecken durch eine Ihrer Hofdamen ein Briefchen zu, daß Sie ihn übermorgen gegen Abend bei Ihrer Tante erwarten wollen!‹

♦ Bei diesem Rat unterbrach ich ihn auf das heftigste: ›Nein! Keine dieser Dirnen! Was Sie mir auch auferlegen mögen, erlassen Sie es mir, mich in die Hände solcher Geschöpfe zu begeben, die, einzig nur auf ihren persönlichen Vorteil bedacht, jeden Anlaß mit Wonne benutzen, um uns herunterzubringen und zu verunglimpfen.‹

♦ Der Herzog zeigte sich entzückt von dieser meiner Äußerung. Denn er sagte mir die größte Schmeichelei, die mir bisher von ihm zuteil geworden war: ›Sie sind äußerst gescheit, meine Liebe. Ich bin überzeugt, Sie würden einen höchst geweckten Erbprinzen auf die Welt bringen.‹

♦ Ich neigte mich leicht errötend vor ihm, durch diese Verbeugung meine Ergebenheit ausdrückend, daß es nur an ihm liege, dies mich beglückende Ereignis zur Wirklichkeit werden zu lassen.

♦ ›Sie haben vollkommen recht, meine Teure!‹ fuhr der Herzog fort und räusperte sich wiederholt, wie er denn bei dieser unsrer ganzen Unterredung an einer gewissen gereizten Heiserkeit litt. ›Ich werde persönlich Scholastika veranlassen, den jungen Tropf auf morgen abend zu sich zu bitten. Sie werden dann zufällig ebendort erscheinen.‹

♦ ›Wenn Euro herzoglichen Gnaden mir eine letzte Gunst erweisen wollen, so mögen Sie mir erlauben, dies mir unerträgliche Beisammensein so kurz wie möglich zu gestalten.‹

♦ ›Das wird ganz an Ihnen liegen, in welcher Zeit Sie ihn für das Kommende gewinnen werden.‹

♦ ›Für welches Kommende?‹

♦ ›Der Herzog drehte sich bei dieser meiner Frage mehrfach zurück, wobei sein Kopf wieder etwas von einem Kondor annahm, von einem jener großen Geier, deren einen ich als Kind einmal in dem Vogelhaus eines mit uns befreundeten Fürsten gesehen hatte. Der Fleischlappen, der ihm zwischen Kinn und Hals herunterhing, straffte sich wie bei jenen Tieren, wenn sie auf Beute stoßen, nun auch bei ihm zu einem wilden Entschluß zusammen. Auch wurden seine Augensäcke ganz schwarz, als sei finstere Galle in sie hineingeflossen. Und ein eigentümlicher Geruch wie von einem Raubtier stieg von ihm aus. Ich muß dabei das Sonderbare gestehen, daß mich dieser sein mir ungewohnter Anblick zugleich anzog, wie abstieß.

♦ ›Wozu hab' ich ihn vorzubereiten‹ fragte ich, nun unwillkürlich selber in einen Flüsterton geratend.

♦ ›Für die letzte nächtliche Zusammenkunft!‹ sagte der Herzog. Dann zog er mich in eine Ecke des Raums und hauchte mir dort, weil er tatsächlich vor Heiserkeit nicht mehr sprechen konnte, seinen fürchterlichen Plan ins Ohr. Ich selber fühlte mich nach der grauenvollen Enthüllung seines Anschlags, die er mir dort machte, wie erfroren. Ja, ich verbrachte die ganzen nächsten Stunden in solch einer Empfindung eines halb Abgestorbenen. Bis ich dann jählings in einer Hitze erwachte, wie sie den, der durch den Tod in die Hölle fällt, erwarten mag.

♦ Scholastika muß über die Aufforderung des Herzogs, Lüchow zu sich einzuladen, aufs äußerste verwundert gewesen sein. Sie hatte gerade während der letzten Zeit die Besuche Lüchows gänzlich abgestellt. Sehr zum Schmerz des jungen Grafen, der sich damit wieder einer der Hoffnungen, mich erwischen zu können, beraubt sah. In Scholastika war nämlich etwas Unheimliches vorgegangen. Sie hatte sich, ohne daß sie es wußte und wissen wollte, in den anmutigen Lüchow verliebt. Weniger noch in seine geschmeidige, schlanke, jugendliche Gestalt, als in sein vornehmes, männliches und ritterliches Wesen. Wer weiß wie oft hatte sich ihm ganz wie von selbst Gelegenheit geboten, bei ihr von mir zu sprechen. Aber er hatte dies stets mit letzter Zurückhaltung getan. Nicht ein Ton, nicht ein stilles seliges Lächeln, wie es Männer, die bei uns ans Ziel gelangt sind, gerne selbstbewußt vor andern sehen lassen, war ihm jemals über unser Verhältnis entglitten. Und grade der besonders in Liebesdingen mitteilsamen geschwätzigen Scholastika hatte dies einen ungemein starken Eindruck gemacht. Ein Mann, halb ein Jüngling noch, der so verschwiegen blieb, mußte einer Frau wie Scholastika gefallen.

♦ Aber nach ihrer Art, die in Taten nicht aus sich heraus konnte noch herausgehen mochte, verwehrte sie nun dieser ihrer Zuneigung für Lüchow jede Möglichkeit, sich zu äußern. Sie war nicht und nie Mutter gewesen und konnte darum auch ihre Gefühle für ihn nicht auf diese Weise betätigen. Um nun nicht die Rolle der alten verblühten Schönheit zu spielen, die hinter einem jungen Manne herjagt und fiebert und ihn dadurch völlig verliert, hatte sie beschlossen, für eine Zeit lieber ganz auf ihn zu verzichten. Diese Zeit freilich muß für sie, wie sie mir später einmal gestanden hat, geradezu ein Martertum gewesen sein. Sie verlor sich selber während dieser Spanne mehrfach so sehr, daß sie dazu überging, ihre arme kranke und ihr überlassene Schwester Dana zu quälen und zu mißhandeln. Nicht sehr schlimm und nur so, wie ein vernünftiger Erzieher sich ein ungezogenes und ungeratenes Kind vornimmt. Aber zuweilen habe sie in diesem Zustand, so erklärte sie sich, geradezu ein Zorn gegen dies schwache Geschöpf gepackt, das sich von der Leidenschaft für das Männliche derartig habe um den Verstand bringen und zugrunde richten lassen. Nach und nach hatte Scholastika sich dann wieder zurechtgefunden, wiewohl sie noch nicht ganz von dieser Gespanntheit und Gärung befreit war, als ihr der Herzog jenen seinen Wunsch zukommen ließ, den jungen Grafen auf morgen abend zu sich zu bitten.

♦ In einer seiner Launen, die andre gern zum besten halten und triezen mochten, wählte er gerade das Hofdämchen Rosalba aus, um der ehrwürdigen Scholastika dies Gesuch zu übermitteln. Scholastika, die durch mich und andre von dem Getändel Bescheid wußte, das zwischen diesem Persönchen und ihrem überkeuschen Gatten gespielt hatte, hielt es für unter ihrer Würde, bei dieser dummen Pute nach den Gründen zu forschen, die den Herzog zu diesem plötzlichen Anliegen an sie bestimmt hatten. Sie vermutete, gewöhnt bei Hofe stets Ränke zu wittern, irgend eine Falle dahinter, die man ihr stellen wollte, und segnete hinterher erneut die Vorsicht, die sie gegen Lüchow letzthin beachtet hatte. Sie empfing den jungen Grafen darum auch möglichst kühl, obgleich sie sich noch nicht ganz zu jener Abgeklärtheit, die sie ihm gern gezeigt hätte, aufschwingen konnte. Ihr Mitgefühl und ihre Zuneigung zu ihm wuchsen wieder, als sie seiner ansichtig wurde und nun bemerkte, wie blaß und abgemagert er in der letzten Zeit geworden war. Der arme Mensch verzehrte sich in der Tat nach mir und fiel vor Sehnsucht, mich erneut zu besitzen, von Tag zu Tag mehr ab.

♦ Ich hatte Gelegenheit, diesen meinen ungemeinen Einfluß auf ihn gleich bei meinem Eintritt bei Scholastika zu bemerken. Ich hatte ihr, um meinen heutigen Besuch möglichst unauffällig erscheinen zu lassen, schon am Tage vorher kurz meine Aufwartung gemacht. Infolgedessen konnte ich ungezwungen im Vorüberfahren wiederum bei ihr einkehren und nur mein hellstes Erstaunen darüber zeigen, daß ich den jungen Grafen an diesem Abend bei ihr antraf. Lüchows an sich schon bleiches Antlitz entfärbte sich bei meinem Eintreten derartig, daß er ganz aschfahl, wie ein bereits Gestorbener aussah. Erst nach und nach trat bei meinem Anblick das Blut in seine Wangen und seine edle Stirne zurück, so daß ich mir im stillen wie eine Zauberin vorkommen mußte, die Menschen, die bereits die Farbe des Todes angenommen haben, wieder beleben kann.

♦ Unser Gespräch zu dritt war eine Qual für uns alle. Scholastika drehte als Gastgeberin mühsam eine nichtssagende Unterhaltung auf, dachte aber dabei unaufhörlich darüber nach, was den Herzog und mich zu dieser offenbar vorbereiteten Zusammenkunft zwischen mir und Lüchow veranlaßt hätte. Lüchow selber wurde durch Scholastikas Anwesenheit gehemmt, und ich wartete heimlich nur auf den Augenblick, in dem ich die mir befohlene Aufgabe ausführen konnte. Uns allen dreien brachte diesmal Vana die Erlösung, die plötzlich wie ein Schatten durch die Gartentüre hereinhuschte und uns mit einem vorüberfliegenden wirren Lächeln musterte, als ob in Wahrheit wir drei in dieser Stunde die geistig Verstörten wären und sie allein die Klare und Gesunde sei.

♦ Scholastika benutzte das Verschwinden der irren Schwester, die uns mit einem schauerlichen Wackeln ihres Gespensterkopfes verließ, der Kranken in den Jagdsaal nachzugehen, in dem Vana mit Vorliebe ihr unheimliches Wesen trieb. Letzthin suchte Scholastika, um die schlechte Behandlung wieder gutzumachen, die sie eine trübe Zeitlang der Schwester hatte angedeihen lassen, durch eine besonders sorgsame Pflege das Begangene auszugleichen. Der Irren zuliebe hatte sie sogar vor kurzem dicht vor ihren Fenstern einen kleinen Veilchengarten angelegt, wiewohl sie selber den Duft dieser Blumen, der etwas Feuchtmodriges für sie hatte, nicht besonders schätzte. Doch Vana mochte irgend eine zarte Liebeserinnerung bei dem Geruch empfinden, der diesen dunkelblauen Blümchen entströmt. Denn sie schnupperte mit Vorliebe an den Beeten oder Hängen, auf denen Veilchen wuchsen. Ja, sie wieherte manchmal in ihrer Narrheit wie eine Stute vor Freude auf, wenn ein warmer Sonnenstrahl oder ein Windhauch ihr den Ruch dieser Blumen zutrug, der wenigen, die eine gute Pflege zweimal im Jahre bei uns zum Blühen bringt.

♦ Scholastika deutete im Weggehen mir und Lüchow mit einer stummen Handbewegung an, daß wir uns während ihrer Abwesenheit draußen aufhalten möchten. Sie war noch immer so verliebt in meinen Grafen, daß sie in ihrer Eifersucht auf mich diese Aufforderung, mit der sie uns einander überließ, nicht in Worte fassen konnte. Wir folgten beide etwas verlegen dieser Gebärde, die uns, wenn auch höflich, hinauswies. Kaum aber waren wir in der frischen Luft, als Lüchow sofort jeden Zwang fallen ließ und mich mit einem sanften Scherz zur Rede stellte: ›Warum hast du dich mir so lange entzogen, meine Herzogin.‹

♦ Ich bat ihn leise, um unsrer Liebe willen sich möglichst zu beherrschen. Worauf er mir zustöhnte – anders kann und mag ich es nicht nennen: ›Ich glaube, daran habe ich es nicht fehlen lassen, an Selbstbeherrschung.‹ Darf ich bei der Gelegenheit bekennen, daß er mir durch diese rückhaltlose Abhängigkeit von mir, die er mit diesen Vorwürfen wider mich offenbarte und mit der fiebrigen Art, mit der er dieses tat, ein wenig lächerlich und unleidlich wurde. Ein Mann sollte sich hüten, mit einer von uns anzubandeln. Besonders, wenn er glaubt, durch das Letzte, das ihn mit uns verbindet, unser vollkommen sicher zu sein. Gerade dies Herrenrecht auf mich, das Lüchow durch meine einmalige Schwäche zu besitzen glaubte, verdroß mich, wenngleich er auch nur ganz zart darauf pochte. Doch ich mußte mir sagen, daß ich von diesem jungen Menschen irgendwie abhängig war, daß er mir gegenüber jetzt oder später dringlicher werden könnte. Und dies Gefühl wurde mir immer unerträglicher. Ich begriff jetzt nur zu gut meine kaiserliche Base, die Alleinherrscherin der Reußen, die nach Möglichkeit einen jeden Geliebten nach der Nacht, die sie ihm gewährt hatte, heimlich umbringen ließ. Und diese Erkenntnis ließ mich alles, was nun folgte, leichter ausführen, als ich gedacht hatte.

◆ Ich versicherte zunächst meinem Anbeter, daß allein die rasende Eifersucht meines Gatten mich vor jeder weiteren Begegnung mit ihm ferngehalten habe. Diese Eifersucht des Herzogs sei noch immer im Wachsen, wiewohl ich ihm doch wahrlich in der letzten Zeit keinen Grund mehr dazu gegeben hätte. Das halb spöttische, halb schmerzliche Lächeln, das ich bei dieser Bemerkung sehen ließ, war für Lüchow eine Aufforderung, meine Hand und meinen halb nackten Arm bis zur Biege mit einem Schwall von Küssen zu bedecken. Ich bat ihn erneut, sich zu fassen. Denn ich müßte ihm nun etwas sehr Unerfreuliches mitteilen. Der Herzog beabsichtige nämlich, um meinen Verehrer aus meiner Nähe zu bringen, ihn zu einer geheimen Sendung zu verwenden, die an mehrere deutsche Höfe abgehen sollte. Und zwar würde voraussichtlich heute schon sein Vermittler bei ihm vorsprechen, da die Reise in der allernächsten Zeit vor sich gehen müsse.

◆ ›Das einzige Gute für uns wird dabei dies sein,‹ so wandte ich mich nun zum Trost an meinen armen Grafen, der seinen Kopf bei meiner Jammernachricht wie eine naß gewordene Trauerfahne hängen ließ: ›Wir werden einander, bevor Sie aufbrechen müssen, noch einmal sehen und haben können. Denn, hörst du,‹ so flüsterte ich ihm jetzt ganz hastig ins Ohr ›der Herzog veranstaltet morgen auf seinem Lustschloß Monplaisir eine venezianische Nacht zu Ehren irgend eines Bückeburger Fürsten, der ihn besuchen will. Es wird mir leicht sein, mich durch einen kleinen Krankheitsvorwand von diesem Fest, das bis in den Morgen dauert, freizumachen, zumal die Herren bei solchem Geschwelge lieber allein und unter sich bleiben.

◆ Ich erwarte dich kurz vor Mitternacht. Du wirst die Gartentüre unmittelbar unter meinem gelben Schlafgemach benutzen. Sie liegt hinten nach dem Schloßgarten zu und ist die einzige, die nicht bewacht wird. Hier ist der Schlüssel zu ihr. Gib gut acht! Sobald du aufgeschlossen hast, wird unten im Flur eine vermummte Gestalt auf dich zutreten und dich in eine blaue Kammer geleiten. Es ist dies mein Ankleideraum, der neben meinem Schlafgemach liegt. Rede die Person um Himmels willen nicht an, die dich zu mir bringt, damit kein Geräusch im Flur entsteht! Es ist eine Hofdame von mir, die einzige, der wir Vertrauen schenken können. Sobald ich dich in die blaue Kammer eintreten höre, werde ich von dort aus deine Führung zu mir selber übernehmen.‹

◆ Mein junger Ritter empfing diese frohe Botschaft bis auf den letzten verliebten Scherz, den ich ihm zulächelte, mit einer ganz sonderbaren Miene. Die Freude schien ihm zu plötzlich gekommen zu sein, als daß er sie schon recht genießen konnte. Wir waren über unserm Gespräch in das Veilchengärtchen gegangen, das jetzt bereits im Schatten des Jagdschlosses lag, hinter dem die Sonne sank. Die letzte Wärme des Tages entlockte den frischen Veilchenbeeten und Rändern, die Scholastika angelegt hatte, noch einen schweren Duft. ›Findest du nicht, daß es hier nach Tod und Verwesung riecht?‹ fragte mich Lüchow plötzlich und stieß den Atem, den die Blumen entsandten, wie ein Gift von sich fort. Ich gab ihm über meinen Fächer mein verführerischstes Lächeln zurück: ›Wenn ich gewußt hätte, daß es dich so wenig nach mir gelüstet, so würde ich mir manches erspart haben.‹

◆ Doch nun fiel er fast weinend vor mir nieder und beschwor mich mit den heißesten Worten, ihm seine Verdüsterung nicht zu verargen. Er sei durch die lange Trennung von mir und vor Sehnsucht ganz außer sich geraten und fast entmannt. Er müsse mich wieder besitzen, oder er würde zugrunde gehen. Er habe sich so sehr nach mir gehärmt, daß er schier in Wahnsinn gefallen sei. Und wenn ich ihm nicht diese nahe Liebesstunde in Aussicht gestellt hätte, so würde er nicht wissen, wie er noch weiter leben könne.

◆ Nun war es an mir, die Spröde zu spielen und sein Feuer noch mehr zu schüren. ›Nein!‹ meinte ich, es wäre wohl doch besser, wir schöben unsre Zusammenkunft bis nach seiner Reise hinaus. Die Sendung, die der Herzog mit ihm vorhabe, würde ihn ohnedem genug zerstreuen. Und dann sei sein Verlangen nach einer neuen Vereinigung wohl doch nicht so stark, daß wir ein Wiedersehen übereilen müßten. Er möge sich ruhig in der Zeit seiner Abwesenheit einmal selber erproben, ob er wirklich so sehr an mir hinge, oder ob er sich diese Leidenschaft nur in verstiegenen Augenblicken vortäusche.

◆ Aber nun gebärdete sich Lüchow tatsächlich fast wie ein Wahnsinniger. Er umspannte meine Füße und Beine mit einer Wucht, als ob er mich mir selber hätte entreißen wollen. ›Mußt du mich nun noch mit deinen Zweifeln foltern, du Quälerin!‹ stammelte er. ›Hast du mich nicht schon genug gemartert, hartherzigste Herzogin, indem du vor mir ausgewichen bist wie vor einer Feuersbrunst. Du hättest dich mir niemals gewähren dürfen oder du mußtest es immer tun, du kaltes Geschöpf!‹

◆ ›Um Himmels willen!‹ beruhigte ich ihn und hielt seine letzten Worte mit meinen Händen zwischen seinen Lippen fest, weil er gegen seinen Willen nicht mehr flüsterte, sondern laut geworden war. ›Stehen Sie auf! Unsre Wirtin naht!‹ Er erhob sein Gesicht, das voll von Tropfen hing, die teils von seinen Tränen, teils von dem Tau der Veilchen herrührten, in die er ab und zu seine glühende Stirne getaucht hatte. Und sonderbar! Mir kam sein Kopf plötzlich wie der eines Hingerichteten vor, an dem da und dort Tropfen schimmern, die von seinem eigenen Blut an ihn gespritzt sind. Mein Schauder wurde noch erhöht durch einen jähen Aufschrei, den Lüchow ausstieß, indem er auf eine runde Luke im Dachgeschoß des Schlößchens zeigte, aus der Rosalbas leerer Puppenschädel hervorguckte.

◆ ›Was will die Fratze dort?‹ kreischte Lüchow und drohte so fürchterlich zu ihr hinauf, daß sie augenblicklich verschwand. Ich redete ihm gut zu, daß dies eben jene allein zuverlässige Hofdame sei, die ich dort oben als Wachtposten hingesetzt habe, damit uns niemand überraschen könne. Sie werde auch diejenige sein, die als Vermummte ihn zu mir führen werde. In Wahrheit hatte ich dem Herzog zugestanden, daß diese Person als Augenzeugin meiner Aussprache mit Lüchow beiwohnen könnte, um ihn aus ihrem Mund davon zu überzeugen, daß ich mir nichts mit ihm vergeben hatte. Freilich hatte ich klugerweise dafür Sorge getragen, daß Rosalba als Vertraute des Herzogs sich nur in Sehweite und nicht in Hörweite von uns befand, während ich meine Auseinandersetzung mit Lüchow hatte. Seine erregten Gebärden und Stellungen konnte ich hinterher als zu unserm abgekarteten Spiel gehörend entschuldigen.

◆ ›Mußte es denn gerade diese Larve sein, die du in unser Geheimnis zogst!‹ beschwerte sich mein Liebhaber leise. ›Diese Schmeißfliege,‹ fuhr er ärgerlich fort, ›die sich an einen drängt in ihrer Fadheit und belästigt und einen Wunders wie vertraulich machen will?‹ Auf Befehl des Herzogs hatte sich Rosalba eine Weile an Lüchow herangeschmeichelt, um durch List oder Liebe von ihm etwas über unsre Beziehungen herauszubekommen. War aber von ihm derart schroff abgefertigt worden, daß sie seitdem einen nicht geringen Haß gegen ihn in ihrer niedrigen Seele trug.

◆ ›Man wird noch schreckhaft vor lauter Gereiztheit!‹ sagte Lüchow jetzt und fuhr sich mit der Hand über Stirn und Augen, um dort etwas wegzuwischen. Dann starrte er zu der jetzt leeren runden Dachluke hinauf. ›Als ob ich einen Totenkopf gesehen hätte, ist mir.‹ Mich selber fror jetzt, weil ich soeben bei seinem eigenen Anblick eine ähnliche Erscheinung gehabt hatte und dieser Spuk sich nun bei ihm fortsetzte.

◆ ›Kommen Sie nicht zu mir!‹ bestürmte ich ihn jetzt. ›Folgen Sie Ihrer inneren Stimme, die Sie warnt! Bleiben Sie weg! Reisen Sie! Kehren Sie nie mehr wieder! Vergessen Sie mich! Lieben Sie eine andre! Suchen Sie sich eine treue Frau! Heiraten Sie! Verlassen Sie unsern Hof, unser Land! Werden Sie anderwärts glücklich! Meiden Sie mich und den Herzog! Denken Sie nicht mehr an mich! Begraben Sie diese Leidenschaft!‹ Dies und andres bat ich ihn jetzt, von einem fast mütterlichen Mitleid für ihn ergriffen, und fühlte dabei doch mit einem beinahe sinnlichen Genuß, wie jedes meiner Worte nur einen neuen Knoten in das Band schlug, mit dem ich ihn umwunden hielt. Ich hätte noch mehr gesagt, wenn nicht Scholastika in diesem Augenblick zu uns getreten wäre. ›Ich werde kommen und wenn es mein Verderben sein sollte!‹ war das letzte, was ich ihn zu mir sprechen hörte. Auf Scholastikas Meldung, daß draußen ein Bote des Herzogs mit einem eiligen, dringenden Auftrag auf ihn warte, empfahl er sich dann sofort mit einem Handkuß von uns beiden. Und ich habe ihn nie mehr gesehen.

◆ Ich wollte mich nach seinem Weggang gleichfalls möglichst wortlos entfernen, als Scholastika mich mit einemmal festhielt. Und zwar umfaßte sie mein Gesicht mit beiden Händen, was sie nie zuvor getan hatte, und starrte es ganz aufmerksam und lange an, als ob sie es noch niemals gesehen hätte.

◆ ›Was für undurchdringliche graue Augen sie hat, die kleine Teufelin,‹ sprach sie mich unvermittelt an. Dann ging sie in den Verhörerton über. ›Was habt ihr gegen den armen Grafen vor, ihr beiden? Welche Schurkerei ist da ausgeheckt, welches Gift gemischt worden? Wo soll das Netz ausgestellt werden, in dem er sich zu Tode flattern wird? Heraus mit der Sprache!‹

◆ Ich schüttelte sie mit Entrüstung und Entschiedenheit von mir ab, indem ich ihr erklärte, ich sei ihr nicht die geringste Rechenschaft schuldig. Sie möge sich an meinen hohen Herrn Gemahl, den Herzog, wenden, wenn sie ihre sträfliche Wißbegierde stillen wolle. Ihren weiteren Ausbrüchen entziehe ich mich dann durch schleunigste Flucht.

◆ Am andern Morgen kennt Scholastika, von sinnloser Liebe und ebenso großer Angst um Lüchow ergriffen, weder Scheu noch Sitte mehr. Sie fährt zu dem jungen Grafen hin. Läßt sich bei ihm, der mitten in den Reisevorbereitungen steckt, aufs dringlichste melden. Er kommt, ganz bestürzt über diesen formlosen Besuch. Sie bedrängt ihn, ihr alle seine Pläne mitzuteilen. Warnt ihn davor, sich zu irgend etwas gebrauchen zu lassen. Rät ihm, sofort ohne jede Ausrede außer Landes zu gehen. Beschwört ihn, um seiner Seligkeit, seines Lebens willen, jede noch so flüchtige Berührung mit mir zu vermeiden. Lüchow stutzt. Dann faßt er sich angesichts dieser um ihn besorgten älteren Dame, deren Furcht etwas Überhitztes, Krankhaftes annimmt. Während ihres ganzen Geredes hält er seine Linke leicht in seiner Seitentasche, wo er zärtlich den Schlüssel umklammert, den ich ihm ausgehändigt habe. Leise entsinnt er sich ihrer irren Schwester und versucht, Scholastika wie eine wunderliche Verschrobene zu behandeln. Da schreit sie ihn, kreischt sie ihn, wie mir später Späher und Zwischenträger berichten, völlig außer sich geraten an:›Sie belügt und betrügt Sie, Ihre angeschmachtete Herzogin!‹

◆ Der Graf lächelt wie ein junger Priester, dem man seine Schutzheilige anzutasten wagt und zu besudeln sucht. Er will nichts gehört haben. Und versteht auch in der Tat nicht, was sie sagt. ›Wollen Sie sich nicht einmal die Schnupftabakdosensammlung meines Vaters ansehen?‹ fragt er nicht eben geschickt Scholastika. ›Es sind sehr kostbare Stücke darunter, nur einmal vorhandene Seltenheiten.‹

◆ Da stürzt Scholastika aufs tiefste gekränkt und beschämt von dannen. Verbirgt sich in ihrem befestigten Schlößchen mit dem scharfen Befehl an die Dienerschaft, niemanden, und wenn es der schönste Mann der Welt wäre, vorzulassen. Stopft sich Watte in die Ohren und weiß eine ganze Weile nicht mehr, wer die Verrücktere von beiden ist, sie oder Vana.

◆ Indessen schreitet der Tag weiter und läuft die Sonne hemmungslos ihre Bahn ab. Der Herzog, mein Gemahl, hat auf den Abend ein Prunkmahl bestellt, zu dem ich allein eingeladen bin. Er ißt und trinkt noch reichlicher als sonst. Wir wechseln nur wenige nichtssagende Worte. Erst gegen Ende der feierlichen Tafel meint mein Gatte, indem er plötzlich seine erhitzte Hand auf meine nicht minder heiße drückt: ›Meine englischen Vettern würden Wetten darum auflegen, ob er erscheinen wird oder nicht.‹ Worauf ich ihm versichere: ›Ich würde die höchsten darauf eingehen, daß er kommt.‹ Als ich dabei ein paar mißtrauische Blicke des Herzogs auffange, füge ich gleich hinzu: ›So gut glaube ich die mir von Eurer Gnaden aufgezwungene Rolle gespielt zu haben.›

◆ Er jagt darauf einen hohen Becher voll Sekt in sich hinein, dem er mit einem ausgedrückten Pfirsich noch eine ganz besondere Blume gegeben hat. Plötzlich röten sich die Fenster oben ganz unheimlich. ›Es rührt von dem Widerschein des fernen Feuerwerks her, das ich verschwörungsgemäß auf Schloß Monplaisir abzubrennen befohlen habe. Es soll nichts an der Zubereitung fehlen!‹ lächelt der Herzog teuflisch vor sich hin. ›Jetzt reitet Lüchow an dem blauen venezianischen Feuer vorüber,‹ muß ich denken. ›An dem hohen Springbrunnen vorbei, der für niemand andern rot aufleuchtet und in den Schloßweiher zerstäubt als für ihn. Jetzt schaut er ihn an, den Springbrunnen, der purpurn wie seine Todesfackel brennt. Jetzt blickt er zu dem rauschenden, vielfarbigen Dreh-, Wurf und Steigfeuer hinüber, das sich für keinen Zuschauer als für ihn verschwendet. Jetzt sieht er den bunten Funken nach, die im Dunkeln zerstieben wie er. Und hat nur die Sehnsucht, zu dir zu eilen und dich zu umschlingen.‹

◆ Mir stockt das Herz im Hals, als der Herzog sich jetzt erhebt und mich der Wollust entreißt, der ich mich in Gedanken an meinen totgeweihten, zu mir fliegenden Geliebten ergeben habe. Er weiß und ahnt im Grunde nichts von Betrug, mein Herr Gemahl. Sonst würde er sich jetzt, in diesem Augenblick auf mich geworfen und mich erwürgt haben. ›Sollen wir noch ein Spielchen machen?‹ schlägt er kaltblütig vor. Wartet meine Zustimmung nicht einmal ab, sondern bestellt dem Diener seine geliebten zweiunddreißig Karten, mit denen wir uns in eine Ecke setzen. Nach ein paar Spielen, bei denen wir beide unsre Zerstreutheit und unsre Spannung uns schlecht verheimlichen, springt der Herzog auf. Eine Art Jagdfieber, wie ich es sonst wirklich nur, wenn er auf die Pirsch zog, auf seiner Stirn gesehen habe, überkommt ihn. Seine geröteten Augen flackern. Und ein Zittern in seinen Händen macht sich in einem steten an sich Herumzupfen etwas zu schaffen. Er blinzelt wie ein Verbrecher seiner Genossin zu. ›Es ist bald so weit. Gehen wir! Ich bitte dich, mich binnen kurzem in deinem Schlafgemach zu erwarten.‹ Voll Genugtuung spüre ich, daß er mich mit ›du‹ anredet, was er seit langem vermieden hat. Beseligt fühle ich, daß ich wieder volle Macht an ihm habe. Ich eile voran. Ich hatte das Lager, das mich endlich wieder mit meinem Herrn vereinigen sollte, auf das herrlichste ausgeschmückt. Nicht so sehr mit Blumen, weil ich wußte, daß er sich nicht sonderlich viel aus ihnen macht. Nur ein paar schwer duftende, fast schwarzrote Rosen hatte ich aus einer wilden Laune zu Füßen des Betts gelegt. Aber das kostbarste, schneeigste Linnen und die vornehmsten Spitzen um das Kopfkissen waren von mir sorgfältig ausgesucht worden.

◆ Da naht der Herzog. Mit einem dicken dreiarmigen silbernen Handleuchter in der Linken. Anscheinend hat er zwischendurch noch Wein zu sich genommen, denn er geht ein wenig schwer. Und ein süßer, harziger Burgunderduft, der mich an meinen seligen Vater erinnert, weht vor ihm her. Er löscht leise eine Kerze nach der andern, indem er mir zuflüstert: ›Es muß hier dunkel sein.‹ Dann lauschen wir, nebeneinander auf dem Bett sitzend, in die Nacht hinaus, die uns schwül in diesem Raum umfängt. Ein häßliches Gefühl des Verbundenseins, wie es Tiere, die im Dickicht einem andern auflauern, verspüren mögen, legt sich drückend auf uns. Matt heben sich die goldenen Umrisse meines, unsres Lagers aus dem Dunkel. Jetzt hören wir langsame Schritte sich dem Schlosse nähern. Sie scheinen noch zu stocken, noch zu zögern. Ein eigentümliches Empfinden, halb Hoffnung, halb Enttäuschung, beschleicht mich dabei. Da! Ein Schlüssel wird umgedreht. Es knirscht in dem rostigen Schloßgewinde.

Und mir ist, als ob mein Herz mit umgewendet würde. Jetzt werden sie fester und lauter, die Schritte.

◆ Lüchow steigt die Treppe zu mir herauf. Er ist so vertrauensvoll gewesen, daß er die vermummte Gestalt, die ihn unten im Flur empfängt, nicht einmal genau betrachtet hat. Jetzt steht er in dem blauen Ankleideraum, den nur eine dünne Tapetenwand von meinem Schlafgemach trennt. Ich glaube durch sie seinen Atem zu hören, der von dem Stufensteigen und vor Erwartung heftiger weht. Aber mit einemmal scheint ihn ein Befremden zu überschaudern. ›Wer bist du?‹ spricht er den Vermummten an. Ich höre zum letztenmal dies süße Lispeln von seinen Lippen, das mich so oft betört hat. Dann klirrt ein scheußliches meckeriges Gelächter von der Treppe her. Rosalba, die kleine Schurkin, hatte sich dort ganz gegen die Abmachungen versteckt, um voll Neugier, Rachsucht und Schadenfreude die Untat belauschen zu können. Infolgedessen mußte der gedungene Kerl sich tückischer beeilen als es in seinem Plan war. Er springt an Lüchow heran und schleudert ihm eine Handvoll Asche in die Augen, die er geistesgegenwärtig aus dem kalten Rauchfang des Zimmerherdes zusammengerafft hat. Und dann erwürgt er den blind um sich Tappenden, Schlagenden. Erwürgt ihn hinterrücks mit der Schärpe meines Vetters, die Lüchow mir zu Gefallen für diese Nacht umgelegt hatte.

Ich höre ihn keuchen, ersticken und dann niederbrechen und fühle mich im gleichen Augenblick von meinem herzoglichen Gatten, der all diesen Vorgängen, die sich nebenan ereignen, mit fast verzückten Grimassen gefolgt bezwungen, überwältigt und geschändet. Wie Flecken geronnenen Bluts lagen nachher die zertretenen schwarzroten Rosenblätter zu unsern Füßen.

◆ Wie oft, wie bitter hab' ich diese Nacht noch bereut, zu der ein Satan in meiner Brust mich aufgestachelt haben muß! Nach außen hin wußte man freilich diesen Mord trefflich zu vertuschen. Der erkaufte Schuft, der ihn ausgerichtet, schleppte die Leiche Lüchows, nachdem er ihr noch ein paar Dolchstiche beigebracht hatte, gleich in der nämlichen Nacht in ein Gehölz unfern der Landesgrenze. Es hieß am andern Tage, Wegelagerer und Raubmörder hätten anscheinend den abreisenden jungen Grafen überfallen, der neben seinen Aufträgen auch einige äußerst wertvolle Schmucksachen mit sich geführt hätte, die ihm vom Herzog zur Überreichung an fremden Höfen anvertraut worden wären. Durch umfassende Nachforschungen, die natürlich nicht das geringste Ergebnis hatten, wußte mein Gatte, der sich auf solche verlogenen Flausen vortrefflich verstand, jeden Verdacht von sich abzuschminken. Der Mordbube selber wurde, reich belohnt, frühzeitig nach England abgeschoben, wo er ein Werber geworden sein soll. Auf einem seiner Seelenfänge hat er dann später einen ähnlichen gewaltsamen Tod wie sein Opfer gefunden. Rosalba sollte zunächst wegen ihrer Herumschnüffelei auf der Treppe nach Anordnung des Herzogs lebenslänglich eingesperrt werden. Doch gelang es der Schmeichelkatze, als sie sich wie ein Haufen Schmutz und Dienerdemut vor ihn hinwarf, seine Gnade zu erwirken. Doch beließ er sie nicht am Hof, wo sie wie manche weiblichen Geschöpfe, die hier leicht wurmstichig werden, bald ganz verfault wäre. Sie mußte den Schleier nehmen. Und der Herzog erkaufte sich ihr vollkommenes Schweigen, indem er sie schließlich zur Abtissin machte.

◆ Nur ich blieb von dieser Nacht für immer versehrt zurück. Der Herzog ging wenigstens durch seine Eifersucht einigermaßen gerechtfertigt aus diesem schauerlichen Handel hervor, wenngleich auch er innerlich danach nicht schöner wurde. Aber ich hatte mich nur als Mittel benutzen lassen, als Sache, als Köder, und war auf solche Weise zwischen zwei Männern zerrieben. Ich habe seitdem meine geistige Gesundheit nie wieder gefunden, noch eine Stunde, einen Augenblick reinen Glücks genossen, und bin mir stets wertlos vorgekommen, wie eine Münze, der ihr Gepräge und Gerändel weggekratzt worden ist. Als herbe Frucht dieser entsetzlichen Nacht wurde dem Herzog von mir ein Sohn geboren, der jetzige Erbprinz, der mich als Kind schon haßte und der mir, seiner Mutter, später bis auf den heutigen Tag nur Schimpf und Schmach angetan hat. Von vornherein von den niedrigsten Gefühlen gegen mich beseelt, ist dieser grausame Knabe mein Quälgeist geworden, der mich, wie er nur konnte, gedemütigt und gekränkt hat. ›Lüchows Racheengel‹ habe ich ihn oft im stillen genannt, wenn er mich wie ein Stück ärgerlichen Fleisches behandelte, dem er sein boshaftes, gemeines Wesen zu verdanken hatte. Von Launen hin und hergehetzt und wie ein Handschuh einer gereizten Dame auf- und abgezogen oder umgekrempelt, kannte dieser Mißwurf der Schöpfung kein größeres Vergnügen, als seine Mutter zu erniedrigen und zu verhöhnen. Er treibt dies bis auf den heutigen Tag manchmal so stark, daß dann selbst der Herzog, mein Gemahl, ein Einsehen hat und ihn wie einen wild gewordenen frechen Hund von mir scheucht. Leider macht mein Gatte auch in dieser Hinsicht keine Ausnahme von dem üblichen Wesen der meisten Fürsten, daß er nämlich zuerst sich wunders wie nach einem Nachfolger und Erben gesehnt hat, aber nun, wo dieser Thronanwart in unserm Prinzen vorhanden ist, sich nicht im geringsten mehr um ihn kümmert und ihn fast wie Luft behandelt.

◆ In meiner Not um meinen Sohn habe ich meinen Abscheu überwunden und mich sogar eines Tages an den mir verhaßten Oheim meines Mannes gewandt, an den tugendsäuerlichen, überfrommen Dominikus. Aber ich mußte bei unsrer kurzen Unterredung bemerken, daß dieser Kirchenläufer nun, wo es immer mehr mit ihm zu Ende geht, vollends hintersinnig geworden ist. Er sammelt nämlich letzthin Leichenpredigten in ungemeiner Zahl und gibt das wenige, was er noch besitzt oder was ihm der knauserige Herzog zusteckt, für die Beschaffung solcher Ergüsse aus. Die liest er sich dann allabendlich mit Salbung bei Kerzenlicht wie einem Verstorbenen vor, der schon im Sarge liegt, und dessen Leichnam man noch solche Erbauungsreden auf den Heimweg zum Himmel mitgibt. Ein derartiger schon verwesender und zerfließender Wehmutsbruder ist natürlich nicht der rechte Mann, einen wilden, entarteten Schößling wie meinen Sohn aufzubinden und zu erziehen.

◆ Mit Scholastika bin ich nur noch einmal in meinem Leben zusammengekommen. Das war etwa einen Monat nach dem Abscheiden Lüchows. Da ließ sie sich ganz unvermutet bei mir melden, weil sich folgendes begeben hatte. Nach dem jähen Verschwinden Lüchows war auf seinem Pult ein Brief entdeckt worden. Auf dessen Umschlag stand: ›Vier Wochen nach meinem etwaigen Tode zu öffnen.› Diese Anordnung war befolgt worden. Und man fand nun in dem größeren ein kleineres Schreiben vor, das Lüchow unmittelbar vor seinem letzten Aufbruch von seinem Schloß an Scholastika gerichtet hatte, und das ihr von den Erben Lüchows ausgehändigt worden war. Dieses Briefchen, das sie mir zu lesen gab, hatte folgenden Wortlaut:

 

Unter den Ulmen meines Herrenhauses.

 

»Liebe mütterliche Freundin! Es ist Abend um mich geworden. Und ein kühler Wind weht aus den Bäumen auf mich herab. Da beschleicht mich die Erinnerung an Ihren heutigen Besuch und die Auseinandersetzung, die ihm folgte. Mir ist nun, als sei ich nicht dankbar genug gewesen, als habe ich Sie irgendwie verletzt und stehe drum dafür in Ihrer Schuld. Nichts aber hat mich mein Leben lang mehr bedrückt als das Gefühl, Schuldner einer Frau zu sein. Auch Ihnen gegenüber möchte ich dies Empfinden nicht länger haben. Deshalb setze ich mich kurz vor meiner Reise schnell noch hin, um Sie wenigstens brieflich um Verzeihung zu bitten, falls mein zerstreutes Benehmen von heute morgen Sie wider meinen Willen gekränkt haben sollte. Halten Sie meine Fahrigkeit bitte der Ungeduld eines Mannes zugute, der sich schon mitten in Vorbereitungen und Rüstungen für seine Fahrt befand, als Sie ihm die unerwartete Ehre antaten, ihm Ihre Aufwartung zu machen!«

»Wissen Sie, meine Hochverehrte, daß mir vor einer jeden Reise das Gefühl meines nahen Todes kommt? Immer aufs neue geschieht mir dies. Ich sehe mir dann mein Schloß, meine Wände, meinen Garten und alles, was ich habe, aus den Augen eines bereits von hier Verabschiedeten an. Die Kürze dieses unsres flüchtigen Aufenthaltes zwischen zwei dunklen Ewigkeiten wird mir nie mehr bewußt, als wenn ich die Regelmäßigkeit meines Lebens durch etwas so Ungewisses, wie es eine jede Reise ist, unterbrechen muß. Durch eine Reise in der großen Reise, auf der wir uns von unsrer Geburt bis zu unsrem Grabe befinden.«

»Sie zeigten so viel Teilnahme, so viel Freundschaft für mich, daß ich mich Ihnen auf jeden Fall erkenntlich erweisen möchte. Ich gedenke Ihnen von meiner Fahrt ein Geschenk mitzubringen. Und zwar das, was mir unterwegs am meisten gefallen wird. Sollte mir jedoch inzwischen irgend etwas zustoßen, so will ich auch diesen Fall bei Ihnen als meiner warnenden Stimme vorgesehen haben. Ich bitte Sie, wenn ich sterben sollte, den kleinen Ring mit dem roten Rubin, den ich an meiner Linken trage, als Vermächtnis von mir anzunehmen und halte meine Erben hiermit an, diese Bestimmung auszuführen. Es ist der edelste und mir teuerste Schmuck, den ich zu verwenden habe.«

»Sie haben mich fast ein wenig furchtsam gemacht, meine Liebe. Denn ich erschrak plötzlich des Todes, als ich dieses Letzte schrieb, über einem Geräusch: dem Wiehern meines Lieblingspferdes, das mich gleich eine Strecke von hier bringen soll. Wir sind solche Sklaven unsrer Einbildung, daß wir, wenn man uns etwas Trauriges vorhergesagt hat, geradezu die trüben Anzeichen sammeln, die uns auf ein solches Unheil hinzudeuten scheinen. So trifft es sich soeben, daß mich, kaum daß ich den Schauder über diesen Tierlaut hinter meinem Rücken abgeschüttelt habe, ein neues Schicksalswinken unheimlich berührt. Diesmal war es eine Krähe, die sich, dem nahenden Winter vorhergesandt, frech an meinen Tisch, an dem ich dieses schreibe, niedersetzt. Als ob sich schon der Totenvogel an mich drängen dürfte.«

»Ich aber will jetzt meine Feder ausspritzen. Und mit ihr alles Düstere, Spukhafte, was mich umschwirrt. Will mir ein Lied vorpfeifen, ähnlich jenem, das ich Ihnen so manches Mal auf Ihren Wunsch gesungen habe: ›Einmal hab' ich's doch genossen, drum sich hier zu leben lohnt!‹ Und dann will ich den Kerl sehen, der mir das Gruseln beibringen kann. Mag das Krähenvieh noch so laut über mir krächzen, ich segle in die Nacht hinaus. In mir ist so viel Schwarzes, daß ich die Finsternis nicht zu fürchten brauche. Was tut's, ob ich zerschelle? Haltet den Käfer auf, der ins Licht rasen will! Er fliegt durch eure Finger durch in das Leuchtende, in die Liebe. Schweigend grüße ich Sie, gute mütterliche Freundin, aus dem Schweigen, das ich nie brechen werde, nicht einmal durch meinen Tod, in den ich mich, wann und wie er sich mir auch nähern mag, wie in das süßeste Geheimnis hüllen will. Vielleicht daß er in der tiefen Gemeinsamkeit, die uns alle dort erwartet, das Rätsel der Liebe löst, mit dem wir in dem Wirrwarr hier oben auf Erden einander plagen und martern.«

◆ Immer heftiger weinte ich auf das Blatt hernieder, das er mit seinen letzten Schriftzügen bedeckt hatte. ›Lassen Sie Ihre falschen Bühnentränen,‹ unterbrach mich Scholastika mit ihrer kühlen Sachlichkeit mit der sie auch ihre Sammlungen auf dem Liebesgebiet nüchtern wie ein Verzeichnisführer verwaltete. ›Händigen Sie mir lieber den Ring aus, den mein von Ihnen betörter junger Freund mir mit diesem Brief vermacht hat.‹

◆ Ich spielte die vollkommene Hilflosigkeit was mir auch, da ich in der Tat nichts über den Verbleib des Schmuckes von Lüchow wußte, vorzüglich gelang. Aber Scholastika bestand auf ihrem Recht. ›Sprechen Sie mit dem Herzog darüber! Er wird schon Bescheid wissen. Er hat sich bereits genug bereichert, indem er die Hälfte der Besitzungen des kinderlos gestorbenen Grafen für sich als Krongut einziehen ließ. Setzen Sie ihm, wenn es nottut eine Drohung auf die Brust, Ihrem Herzog! Er kann Ihnen ja im Ernstfall nichts mehr verweigern. Sie haben sich ja durch das schwärzeste Sakrament mit ihm verbunden, Sie Anstifterin zum Meuchelmord, Sie Zuschlepperin Ihres ahnungslosen Liebhabers, die Sie Ihre Leichtfertigkeit mit dem unschuldigen Blut eines gutgläubigen Jünglings abgewaschen haben, Sie Verräterin, Sie allerniedrigste Dirne, die sich den Platz und weiteren Verbleib in ihrem Ehebett und auf ihrem Thrönchen mit einem Toten erkauft hat, Sie Spinnentier, Sie – – !‹

Ich schnitt ihre weiteren Beleidigungen ab, indem ich die Herzogin herauskehrte, meinem Kammerdiener klingelte und ihn aufforderte, die gnädige Frau, die sich offenbar etwas erhitzt habe, hinauszugeleiten. ›Die Luft draußen wird Ihnen gut tun,‹ fügte ich zu Scholastika gewandt noch auf französisch hinzu ›sie schlägt am schnellsten den Koller des Alters nieder, der uns, wenn ich mich Ihrer früheren Belehrungen recht entsinne, für die Freuden und Wonnen, die wir uns haben entgehen lassen, hinterher peinigen soll?‹

Worauf sie mich mit Blicken, die wie Dolche funkelten, verließ. Hernach trug ich dem Herzog Scholastikas Bitte wie die ganze Angelegenheit vor. Wir sahen bei dieser Unterredung aneinander vorbei, wie wir es seit jener Nacht zu halten pflegten, wenn wir zusammen sind. Es ergab sich aus seinen stoßweise vorgebrachten Mitteilungen, daß der Soldmörder, durch den Lüchow erdrosselt worden war, den Schmuck des jungen Grafen dem Herzog vereinbarungsgemäß abgeliefert hatte. Schon um nicht durch eine weitere Verschleppung der Kostbarkeiten Lüchows neue Spuren auftauchen zu lassen, die zu einer Entlarvung der ganzen Tat hätten führen können. In der reichen Schatzkammer des Herzogs verschwanden die paar Kleinodien meines Anbeters, der Rubinring, ein Armband und mehrere andre wertvolle Ringe, wie Blutstropfen in einer Schlächterei. Mein Herr Gemahl machte einen längeren Kampf mit seinem Geiz durch, eh' er sich entschloß, den Rubinring Lüchows der immer wieder nach ihm verlangenden Scholastika auszuliefern. Schließlich ließ er ihn, damit man ihn nicht leicht wiedererkennen könnte, ein wenig umarbeiten und übergab ihn dann der erfreuten Scholastika. Aber nur mit der Bedingung, daß er nach ihrem Ableben wieder dem Schatzgewölbe des Schlosses einverleibt werden müsse.

Vermutlich hätte der Herzog das Schmuckstück noch nicht herausgerückt, wenn nicht Scholastika in diesen Tagen von einem Verlust betroffen und darum doppelt trostbedürftig gewesen wäre. Wenngleich dieser Verlust auch für sie eine gewisse Erlösung bedeutete, so ergriff er sie doch, da sie diesem Leid sich nun einmal geduldig und getreu angewöhnt hatte, aufs tiefste. Ihre wahnsinnige Schwester Vana war nämlich in der letzten Zeit, vielleicht durch die Erregung von Scholastika selber wieder viel unruhiger geworden und in kranke Schwingungen versetzt. In einem solchen gespannten Zustand war sie, um sich zu suchen, im Widerspruch zu ihrer bisherigen Vorsicht vor diesen Gegenständen, in einen großen Spiegel gerannt und hatte sich dann beim Herumwühlen in seinen Scherben in selbstzerstörerischer Weise derart verletzt, daß sie, die blasse, zarte Person, die ohnedem nicht viel zuzusetzen hatte, an dem Blutverlust und den Wunden gestorben war.

♦ In dieser traurigen, einsamen Lage, in der Scholastika nun ohne diese letzte, wenn auch kranke Gesellschaft und fern von ihrem glaubensirren Gatten ihren Abend in ihrem kahlen Schlößchen – halb Jagdhütte nur, halb Festung – verbringen mußte, wagte der Herzog ihr nicht länger einen Schmuck vorzuenthalten, der ihr rechtlich zustand und den sie so heiß begehrte. Infolgedessen glüht nun das Andenken Lüchows bei zwei Frauen fort: In meinem Herzen, das sich oft mit Scham und Schmerzen, wenn auch dabei mit einer heimlichen süßen Seligkeit seiner erinnert. Und an der Hand einer alten Frau, die manches Mal seinen roten Ring betrachten und dabei seufzen oder auch weinen mag, daß sie nicht statt dieses Schmucks seinen Herrn selber besitzen konnte.♦

Die arme Sperate, die nur mit häufigem Schaudern diese in ihren Schriftzügen teilweise erloschene Geschichte wieder hervorzauberte, war über solchem Wiedererweckungswerk selber mehr und mehr dahingeschwunden. Ihr Bruder Hartwig hatte ein paarmal versucht, ihr die alten vergilbten Blätter zu entwinden, auf denen die Seelenergießungen dieser tückischen zwiespältigen Herzogin zu lesen standen. Er fürchtete nicht mit Unrecht, daß die Schwester sich mit dieser Neubelebung eines Stücks der Vergangenheit selber aufreiben könnte. Doch Sperate bat jedesmal aufs neue so innig darum, dies Frauenbekenntnis weiter lesen und enträtseln zu dürfen, daß Hartwig es ihr nicht abschlagen mochte. Glücklicherweise schmolz der Vorrat der Vergangenheit unter ihren Augen, ihrem brennenden Atem, der die mit unsichtbarer Tinte geschriebenen Stellen hervorhauchte, mehr und mehr zusammen. Und bald stand ja auch der Hochzeitstag vor der Türe, der Sperate ohnedem ihrer eindringlichen Beschäftigung mit dem Gewesenen eine Zeitlang entreißen würde. Die Schwester Hartwigs erwartete diese Tage und die Ankunft Richardas zu dieser Gelegenheit mit einer fast fieberhaften Stimmung. In ihrer Entrücktheit von der Erde, die sie immer mehr zu einem bloßen Geist machte, vermeinte Sperate jetzt manchmal nicht anders, als daß Richarda sich von ihrem Flug wie ein Engel ihr nahen würde, um ihr letztes Sterbliches zum Himmel zu entführen.

Doch ehe dieses letzte eintrat, geschah ihr leider noch etwas, das sie auf das häßlichste mit der heutigen Welt und der Gegenwart in Berührung brachte. Sie hatte soeben das letzte Blatt der Beichte jener längst verstorbenen Herzogin beiseite gelegt, als es draußen klingelte. Ihr Bruder war vor einer Stunde zu seiner Bücherei ins Schloß geeilt. »Nur für ganz kurze Zeit,« wie er, stets besorgt für Sperate, ihr versicherte. Seine Lust, alte Papiere durchzuwühlen und dabei unbekannte Neuheiten zu entdecken, hatte unlängst wieder reiche Nahrung gefunden. Er war nämlich hinter die große Sammlung von Leichenpredigten geraten, die der alte Frömmigkeitspächter Dominikus angelegt hatte. Und dabei waren ihm neben vielen höchst merkwürdigen trauervollen Salbadereien in allen möglichen Sprachen auch einige Totenreden in die Hände gefallen: Und zwar sonderbarerweise Totenreden, die sich Dominikus, der fromm Verwirrte, heilig Unheilige, selber als seinem eigenen Leichnam gehalten hatte. »Da liegst du nun auf der Bahre, du elendiger Sünder!« begannen die meisten von ihnen. »Die Wollust des Fleisches ist wie Staub worden und Asche deine Begierden. Könntet ihr euch alle so sehen, die ihr den eitlen höllischen Freuden dieser Erde nachjagt, und die ihr schon bald werden müßt wie dieser hier: ein Häuflein Haut und Knochen, das nach dem Grabe schreit, das es verschlingen soll. Schauet her, wo sind die bösen Gedanken hingefahren und wo die geilen Gelüste geblieben, die diesen Leib einst in seiner sündigen Jugend durchzuckten? Starr und kalt ruht er da, eine Beute der Vergänglichkeit: Seine schlaffen, vom Tod erfrorenen Hände, hebt sie ihm doch hoch, ob er noch nach den Wonnen greifen kann, nach denen sein Schoß einst lechzte! öffnet seine gebrochenen Augen noch einmal und schaudert vor dem, was euch aus ihnen wie aus verschleierten Fenstern anstarrt! Mag ihm keiner mehr in die wächsern gewordenen Ohren flüstern, was ihm in jungen Jahren seine Teufelchen zuraunten: ›Pst! Es gilt Jagd auf Schönheiten zu machen‹.

»Nein! Das wagt keiner mehr von all den Verführern und Kupplern, die an einem jeden Hof mit Vorliebe ihr Unwesen treiben. Wolltest du doch, allmächtiger, ewiger Vater, die blinden Stirnen derer erleuchten, die ihrem schnöden Leib dienen und unterworfen sind ihr Leben lang! Wolltest du ihnen wenigstens im Alter, so ihnen die Haare welken und fallen wie die Blätter im Herbst und die Glieder matt werden und sich krümmen, die Erkenntnis zudonnern: Gehe in dich, du ausschweifender Knecht der vergänglichen Freuden, wie es dieser Tote getan hat, der, als er zu Jahren kam, Gott anflehte: Ach lieber Herr, ich will ein Geding mit dir machen. Ich will recht in mir sterben, auf daß du recht in mir lebst und wirkest. O Herr Jesu Christe, du Schönster unter den Menschenkindern, du holdseligster Bräutigam unserer Seelen, öffne deine weißen Arme recht weit, auf daß dieser reuige Tote erlöst an deinen Wunden ruhen und aus deiner süßen Brust deine reine Liebe trinken kann! Denn er hat Buße getan mit zerbrochenem und zerschlagenem Herzen und in der Zerknirschung seines Geistes für die Missetaten seiner Jugend, da er sich noch mit fremdem Fleisch vermengete. Darum erbarme dich seiner, Herr, und wasche ihn, daß er schneeweiß werde und tilge von ihm jede Augen- und Fleischeslust, die noch an ihm haften sollte!

»Freilich, dieser Leichnam hat sich in den letzten Jahren, da er noch hier im Staube wallte, schon aller üppigen Weltfreude entkleidet und ist den harten Weg zu dir hinaufgepilgert, du unser aller Erlöser. Darum, du himmlischer Noah, strecke deine Hand aus und zeuch das arme Täublein dieser Seele zu dir, auf daß sie Ruhe finde! Denn sie hat längst eingesehen, daß alle Fleischeswonne vergeht und jede Hoffart schwinden muß vor dem schrecklichen schmerzvollen Ende, das uns allen bevorsteht, also daß es keine weltlichen Wappen auf Erden mehr geben sollte außer diesem: Dem grinsenden Totenkopf und unter ihm zwei gekreuzte Knochen, wie sie als Klöppel uns einstmals zum jüngsten Tage trommeln werden.«

Auf diese Weise ging es nach der Art von Trauerrednern, die kein Ende finden können in ihrem Gezeter, weiter fort. Und Dominikus war es offenbar nicht leid geworden, seinem Leichnam Tränen der Zerknirschung nachzuweinen. Hartwig zerstreute sich zuweilen damit, dem ewigen Klagegesang dieses reumütigen Sünders nachzugehen, wobei ihm eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Dominikus und seiner Schwester Sperate darin zu liegen schien, daß beide sich, trotzdem sie noch lebten, schon für tot hielten. Auch heute, wo Hartwig in der Bücherei unter jenen alten Bildern gewesener Fürstlichkeiten saß, erging er sich in Gedanken an die Schwester daheim in dieser Grabmalerei des Dominikus, die freilich im Gegensatz zu den lichten Himmelsträumen Sperates ganz finster gehalten waren und in Moder und Grüfte führten.

Sperate, die sich, wenn sie nicht mit der Vergangenheit verkehrte, eigentlich nur noch mit Engeln unterhielt, ließ durch ein Kind, das in der Abwesenheit des Bruders bei ihr aufwartete, die Türe öffnen, als sich das Klingeln wiederholt hatte. Und nun trat herein jener häßliche fliegende Händler, der zum Ekel Richardas stets seine Ware, seine heißen Würstchen den am Flughafen eintreffenden oder dort abfliegenden Reisenden in die Ohren schrie. Der fettige, anklebrige Kerl, der sich wieder in seinen Staatsanzug für städtische Besuche geworfen hatte, übersah die Sachlage sofort.

»Ihr Bruder vermutlich noch im Amt, liebes Fräuleinchen? Bitte bleiben Sie ruhig liegen. Viel Sprünge können Sie ja doch nicht machen. Und ich nehme mit Ihrer Verbeugung vorlieb. Schade. Ich hätte ihm etwas höchst Wissenswertes mitzuteilen, etwas Persönliches, was ich in Erfahrung gebracht habe. Ja! Etwas, das ihn sehr nahe betrifft. Ich kann's ihm ja auch schreiben. Aber Sie können ihn schon sachte darauf vorbereiten, Fräuleinchen. Es ist etwas scheußlich Unangenehmes für ihn, etwas Schmähliches.«

»Nein, wehrte Sperate schon von vornherein entsetzt ab. »Schreiben Sie es ihm lieber selber, wenn es sein muß! Ich möchte ihm nichts dergleichen zutragen.« Der schmierige Bursche weidete sich an dem Grauen der gänzlich schutzlosen Sperate. Seine tückischen braunen Augen nahmen das Bild dieses rührend unbeholfenen reinen Mädchens mit grausamer Wonne in sich auf. Er sah zum erstenmal ein Wesen vor sich, das ganz Liebenswürdigkeit und Güte war. Und dies zu vergiften, bereitete ihm eine geradezu teuflische Lust.

Er hatte von irgend einem der Fluggehilfen Haralds von dessen Seitenflügen mit Richarda vernommen. Und er packte nun seine unsaubere Wissenschaft umständlich und mit lüsterner Ausmalung vor der armen Sperate aus. Er zerhackte den guten Ruf der Braut ihres Bruders, wie er zu Hause in seiner Garküche die Fleischabfälle, die er zusammenkaufte, für seine Würste kleinschnitt und verarbeitete. Gewohnt, Verleumdungen und Klatschereien auszustreuen, hatte er eine höchst eindringliche Art bekommen, einem andern seinen Tratsch beizubringen und sein Gift einzuspritzen. Wie er daheim sein Metzgermesser handhabte und roh und unbedenklich seine Wurstware zurechtmachte, so stopfte und zwängte er jetzt seine häßlichen Geheimnisse der schwachen Sperate die auf ihrem Stuhle lag. Er zischelte alles, was er wußte und dazu noch mehr, was er sich zu ihrer Folterung erfand, der Wehrlosen durch seine schwarzen Stummelzähne zu, aus denen ein billiger Wacholderschnapsduft wie ein Dunst aus der Hölle wehte.

Dann, als er sich lange genug an ihrem Zucken und Zittern erfreut hatte, rieb er sich die Hände gegeneinander, wie er es zu tun pflegte, wenn er die klebrigen Fleischüberbleibsel zum Schluß seiner Arbeit von seinen Fingern strich: »So! Nun wissen Sie genug von Ihrer reichen vornehmen Verwandtschaft, Fräuleinchen. Das ist ein geselchtes Frauenzimmer, sag' ich Ihnen. Überhaupt die Weiber heutzutage. Die paaren sich mit den Mannsleuten nächstens noch in der Luft wie Käfer. Eine fein gewürzte Geschichte ist das mit ihrem Fliegerfreund, nicht wahr? Salz, Muskat, Zwiebel und Knoblauch ist drinnen wie in meinen Würstchen. Na! Nun brühen Sie mal die Sache tüchtig heiß Ihrem Bruder auf, wenn er heimkommt! Und hängen Sie sie nicht mehr lange in die Räucherkammer. Alles hübsch in ihn hineingefüllt! Feste weg mit der Hand, so wie ich arbeite, ohne die langweilige Wurststopfmaschine! Aber wissen Sie was! Ich kann's ihm auch noch schriftlich beibringen. Doppelt gefüllt schmeckt besser. Sie sind womöglich viel zu gefühlsselig, zu butterig, um ihm das Ding zu drehen. Schön! Ich werde ihm einen Preßkopf liefern, daß ihm das Herz zu kalter Sülze werden soll. Darauf können Sie Wurstgift nehmen. Empfehle mich Ihnen und meine Ware. Glanzleistung von mir ist Schwartemagen. Alle Donnerstage frisch. Oder ziehen Sie Leberwürste vor? Hochfein! Mit Nelken, Koriander und Majoran durchsetzt und mit noch allerhand anderm Unbeschreiblichem. Geschäftsgeheimnis! Ich bring' Ihnen nächstes Mal eine Probeauswahl meiner Erzeugnisse mit. Alles in beste Därme verarbeitet. Sie werden Augen machen. Auf Wiederhören!«

Wie betäubt von diesem Rohling blieb die leidende Sperate zurück. Sie hatte seit ihrem Unfall in ihrer Jugend sich kaum noch mit den Menschen berührt, außer mit ihrem Bruder. Höchstens daß sie einige von ihnen aus der Vergangenheit und Vorzeit kennenlernte, wie in jenen Denkwürdigkeiten der Herzogin, die sie entziffert hatte. Doch war dies zunächst lediglich aus Liebe zu ihrem Bruder geschehen, daß sie sich mit diesen Blättern befaßt hatte, froh, dem Menschen, der stets um sie besorgt war, auch einmal etwas beistehen zu können. Und dann waren ihr jene bloß geschriebenen Wesen auch nicht so nahe gekommen. Waren nur wie Schatten an ihr, die sich selber schon im Schattenland wähnte, vorübergehuscht.

Nun trat auf einmal unvermutet die grelle Wirklichkeit und die Menschheit in der Gestalt dieses knotigen Schlächters an sie heran und stapfte durch ihre Seele. Ja, er zerriß mit seinen Fleischerfäusten den zarten Schleier, der für sie um alles Irdische lag und zerkleinerte ihr das, was sie groß und hoch und schön gesehen hatte. Richards, das reiche vornehme Mädchen, das von ihr wie ein Engel genommen worden war, der durch den Himmel zu ihr angereist käme, um sie auf Fittichen mit hinaufzunehmen, es war zu einer flatterhaften Buhlerin, einer verlogenen Dirne erniedrigt worden. Der Bruder, der vertrauensvolle liebende Mann mußte ihr wie ein harmloser, dummer, betrogener Kerl vorkommen, den man zum Narren gehalten und überlistet hatte.

Aufstöhnend vor Scham über die Welt der Menschen wandte sich Sperate mit letzter Kraft ihrer Zimmerorgel zu. Der Arzt hatte ihr seit einiger Zeit jedes Spielen auf das strengste untersagt, aus Furcht, sie könnte sich über dem Ausschweifen in das Zauberreich der Töne ganz verflüchtigen. Und Hartwig hatte sie bei diesen berechtigten Bedenken des Fachmannes so flehentlich angesehen, daß Sperate selber scheu geworden war. Doch für wen brauchte sie nun noch ihre Leiche zu erhalten: für den Bruder, der ihr lächerlich bedauernswert, oder für seine so heiß von ihr verehrte Braut, die ihr arglistig und verworfen erschien? Nein! Sie streifte das letzte schmerzliche Erinnern, das sie noch an diese Welt hatte, jetzt ab, indem sie sich mit den himmlischen Klängen vermengte und vermählte, die ihre zarten durchsichtigen Fingern noch den Tasten zu entlocken wußten. Sie spielte sich unter den schmerzlich wonnigsten Gefühlen ihr Sterbelied vor, einen alten Kirchengesang, den sie mit eigenen Tontraumgebilden durchrankte. So löste sich ihre Seele, die schon lange nicht mehr hier beheimatet war, leise aus den schwachen Fesseln ihres kranken Körpers, der sie letzthin kaum noch hatte halten können. Selig ermattet von dem süßen Spiel mit dem Wohllaut, das sie getrieben hatte, sank sie mit ihrer Stirn, ihrem Kopf, der kaum noch etwas wog, auf die Tasten ihrer Orgel und schlief kraftlos für ewig ein. Hartwig fand die unwirklich blaß gewordene Schwester noch in dieser Stellung und vermeinte, in ihrem schönen Anblick verloren, zunächst nicht anders, als daß die heilige Cäcilie aus den Wolken gestiegen und sich in die schlummernde Sperate verwandelt habe. Bis er wirklich merkte, daß dies Mädchen der Erde ganz entrückt und zu jenen Gestalten aufgefahren war, die der Märchenglaube einer kindlichen Menschheit sich als eine spielende, singende Schar um den Sitz des Allerhöchsten versammelt dachte.

Als Richards zu ihm eintrat, hielt Hartwig ernst und in sich vergraben die Totenwacht bei seiner Schwester. Richarda hatte den eigentümlichsten Heimflug zu ihrem Verlobten gehabt. Nach dem Abrauschen des Regens, dem Verklingen des Gewitters war sie mit Harald von der verwahrlosten Stätte seines früheren Werks aufgestiegen. Die Sonne neigte sich schon dem allabendlichen Ende ihrer Laufbahn zu und vergoldete die Wolken im Osten, die sich dort, müde von der Schlacht, die von ihnen geführt worden war, zusammengeballt hatten. Fern am Himmelsrand ging noch ein sanfter letzter Regen nieder. Und aus diesem feinen strömenden Gesäusel bildete die Sonne noch einen riesigen hohen Regenbogen. Durch dessen siebenfarbigen Glanz flogen die beiden füreinander glühenden Menschen eine ganze Weile. Und diese Augenblicks in denen Harald und sie wie von dem Licht einer andern schöneren Welt bestrahlt, durch den höchsten Schimmer, den wir kennen, geflogen waren, wollten Richards später immer als das Herrlichste an diesem ganzen flüchtigen Liebeserlebnis erscheinen.

Sie hatte sich fest vorgenommen, mit dem Bekenntnis ihres Abenteuers, vielmehr ihrer Abenteuer, vor ihren Verlobten zu treten. Denn, wie manche Frauen einmal sind, rechnete sie ihr Vergehen gegen Hartwig erst von ihrem wiederholten engen Beisammensein mit Harald. Ihr erstes Begegnen war, so redete sie sich vor, nur ein Überrumpeln, ein jähes Sichvergessen gewesen, das man wohl aus seiner Erinnerung streichen konnte. Dieser zweite Zusammenschluß ließ sich nicht mehr verschweigen und vertuschen. Drum hatte sich Richarda ja auch vorher das Wort des Fliegers geben lassen, daß er voll für seine Tat einstehen werde, ehe sie wiederum die Seine geworden war. Nur im festen Vertrauen auf ihn ließ sie sich noch ein neues Mal überhaupt von ihm nehmen und besitzen. Sie hatte gehofft, gemeinsam mit Sperate dem armen Hartwig ihr schweres Geheimnis zu übermitteln. Sie glaubte dadurch, daß sie noch einen zweiten und den ihm liebsten Menschen in die Sache mit hineinzog, ihrem Verlobten weniger wehe zu tun, als wenn sie allein ihm dies eingestände. Der Umgang mit dem etwas schulmeisterlichen Hartwig hatte sie auch selber ein wenig stubenweise gemacht. Sie dachte sich in ihrem Kopf die Dinge zurecht und ins reine, und glaubte damit auch, daß die Wirklichkeit sich gleichlaufend zu ihrer Vorstellung verhalten werde.

Doch nun sah sie sich plötzlich durch den schnellen Tod der kranken Sperate überrascht und fühlte peinlich, wie es von vornherein ganz anders ausging, was sie sich so schön ausgerechnet hatte. Die Helferin, die ihr beistehen sollte, den Bruder zu beschwichtigen, war ihr jählings genommen. Und sie wurde, ganz abgesehen von dem Schmerz, den sie um die Tote empfand, so traurig wie einer, dem beim Beginn eines Spiels gleich der beste Trumpf entwunden wird. Noch schlimmer aber überraschte es sie, als sie merkte, daß Hartwig über das, was mit ihr geschehen war, bereits völlig Bescheid wußte. Bei seiner Heimkehr hatte der junge Gelehrte nämlich im Briefkasten ein Schreiben vorgefunden, in dem ihm von jenem häßlichen Fleischer haarklein von den Liebesfahrten seiner Braut, soweit sie ihm zur Kenntnis gekommen, Mitteilung gemacht worden war. Hartwig hatte nach dem ersten Schrecken und Kummer, durch den er durch den Verlust der Schwester gestürzt worden war, spät abends, um sich zu zerstreuen, den Brief hervorgeholt und ihn, noch ehe Richarda bei ihm eintrat, gelesen. So warf sich denn, altem tückischem Schicksalsbrauch zufolge, am gleichen Abend noch ein zweites Unglück auf das Herz des armen Gelehrten, der sich nun plötzlich beider Frauen, an denen er mit ganzer Seele gehangen hatte, beraubt sah.

Für Richarda war das Schrecklichste bei dieser niederträchtigen Anzeige dies, daß sie nun mit dem freien, offenen Geständnis, das sie ablegen wollte, nachhinkte, und daß Hartwig es nun nicht mehr so recht glauben konnte und mußte, daß sie selber ihre Abirrungen einzugestehen gedachte. Er hatte ihr wortlos den Fetzen überreicht, der ihm von jenem Metzger zugetragen worden war. Und Richarda sah nun ihren Verlobten aufs häßlichste und platteste in ihr Tun und Treiben eingeweiht, über das sie ihm freimütig und ehrlich hatte Rede stehen wollen. Das zerriß ihr das Herz und beschämte sie zugleich in einer so qualvollen Weise, daß sie das, was sie getan hatte, tausendmal ungeschehen wünschte. So erniedrigt kam sie sich mit einemmal vor ihrem Verlobten vor, als ob sie ihn während der ganzen Zeit betrogen hätte. Schweigend saßen sie beide eine Stunde und länger neben der Leiche Sperates, die Hartwig sanft auf den Liegestuhl gebettet hatte, der eigentlich schon im Leben ihr Sarg gewesen war. Denn ohne sich lang aus ihm erheben zu können, hatte die Schwester, seit Jahren kaum beweglich, in ihm geruht. Den beiden Verlobten, Hartwig und Richarda, wurde allmählich zumut, als säßen sie zusammen bei dem Leichnam ihrer Liebe, wie sie zu zweit, ganz still geworden, bei der Toten weilten, während die Wanduhr, der Sperate so oft gelauscht hatte, unermüdlich wie die Zeit weiterlief.

Da schluchzte Richarda laut auf und stürzte sich mit einem Gefühl der völligen Verzweiflung vor Hartwig nieder. Sie barg ihr Haupt auf sein Knie und weinte wie eine Frau, die sich zu spät zum Beichten entschloß, und nun nicht wieder gutmachen kann, was sie begangen hat. Hartwig blickte auf sie nieder, auf den schönen, hohen, hochgewachsenen Rücken, den Harald so heiß an ihr bewunderte. Und plötzlich sah Hartwig diesen andern neben Richarda stehen, trotzdem er ihn gar nicht kannte und nicht einmal ahnte, wie er ausschauen mochte. Doch ritterlich, wie er in seiner Lage als Betrogener bleiben wollte, wehrte er das Unbehagen, ja den Ekel ab, der ihn ergreifen wollte. Und er strich der vor ihm knienden Richarda über das kurze, glatte, flachsfarbene Haar – brotblond hatte die tote Sperate es immer genannt und gerühmt, wie ihm traurig lächelnd einfiel. Und dazu sagte er nur dies. Immer nur dies ein paarmal: »Du warst ja noch nicht fest gebunden.«

Jedesmal aber, wenn er es wiederholte, fuhr es Richarda wie ein Stich durchs Herz. Denn sie spürte, daß er sie mit diesen Worten abschob und sich von ihr trennte und schied. Damit kam es ihr zugleich zum Bewußtsein, wie sehr sie noch an diesem Manne hing, und wie schmerzlich es ihr war, daß nun ihr Verlöbnis mit ihm für immer aus und zu Ende sein sollte. Sie empfand dabei im stillen eine hohe Achtung vor diesem Menschen, der, ganz anders wie Harald, nicht einen Tag lang unklare und nicht reinliche Verhältnisse um sich duldete. Ohne einen Augenblick zu zögern, trat dieser blasse Bücherbewahrer und Stubengelehrte sofort zurück, wenn es sich darum handeln sollte, mit einem andern Manne zu teilen. Wohingegen Harald, der wilde, durch die Lüfte jagende Tatenmensch, womöglich nichts darin gefunden hätte, sie als Frau mit einem andern zu haben und zu genießen. Ganz unwillkürlich neigte sich Richardas Herz in diesen Augenblicken wieder stärker ihrem Verlobten zu als einem schlichten, gradlinigen Mann, dessen »Ja« ein »Ja« und dessen »Nein« ein »Nein« ist, und der nicht unschlüssig sich halb und halb haben und geben mag. Erst in dieser Stunde, wo sie ihn verlieren sollte, spürte Richarda recht, was sie an ihm besessen und was sie, das reiche, verwöhnte und übersättigte Mädchen, veranlaßt hatte, diesen kleinen, unansehnlichen und in seinem Beruf damals noch gar nicht an sein Ziel gelangten Beamten und Büchermenschen zum Bräutigam zu erwählen. Die Zuverlässigkeit und Stetigkeit Hartwigs und seine unbedingte Treue waren es gewesen, die sie, das gern herumschweifende Mädchen und ihr Zigeunerblut, zu ihm hingezogen hatten.

Nun begegnete sie diesen von ihr geliebten Eigenschaften auf eine traurige Weise erneut wieder. Welch einen stillen, bleibenden Wert hatte sie sich um ein paar tolle, rasch verglühte Liebesstunden verscherzt. Denn es wurde ihr immer schmerzlich klarer, daß Hartwig sie nach dem, was geschehen war, nicht mehr als seine Verlobte, noch sich als ihr weiter verpflichtet betrachtete. Eine ungewöhnliche Bitterkeit überkam den gemessenen jungen Gelehrten in den folgenden Tagen mit der ihn ständig mehr drückenden Erkenntnis von ihrer Schuld. Nun wußte Hartwig sich hinterdrein auch die krankhaften Zustände Richardas während ihrer Brautzeit zu erklären: Ihre Schwächen, die sich in Herzklopfen oder Ohnmachtsanfällen geäußert hatten. Alles nur Folgen jener ihm unwillkürlich von Anfang an verhaßten Fliegerei und des verliebten Geflatters, das sich daran angeschlossen hatte. Daß er nicht der erste bei ihr gewesen war, das hätte Hartwig am Ende verwinden können. Aber daß sie ihn heimlich hintergangen hatte, zweimal, wenn gleich sie auch immer wieder beteuerte, daß sie es nur einmal getan habe, und daß sie ihm alles auch ohne die widerliche Anzeige enthüllt haben würde, dies Ränkespiel von ihr war es, was Hartwig gegen sie einnahm.

Er war stets ein Muster von Aufrichtigkeit gewesen. »Wasserklar« hatte sein Spitzname als Lehrer auf der Schule gelautet, auf der er eine Zeitlang vor dem Antritt seiner Stellung an der Schloßbücherei gewirkt hatte, weil er seinen Schülern einmal in einem stundenlangen Vortrag die Vortrefflichkeit des reinen, glashellen, durchsichtigen Wassers gepriesen hatte. Darum trug er nun doppelt schwer an seinem Schicksal, der Verratene, der Geprellte zu sein. Jede Lüge, und wenn sie auch nur einmal begangen war, flößte ihm eine fast körperliche Abneigung gegen den Menschen ein, der sich damit befleckt hatte. Und das war die Schattenseite seiner Offenheit und Aufrichtigkeit, daß er eben darum einem, der anders war wie er, schlecht durch die Finger sehen und schwer verzeihen konnte. Sobald Hartwig reine Verhältnisse und helle Luft und Wahrheit um sich spürte, war er im Handeln wie im Leiden gleich leistungsfähig. Man durfte ihm dann ruhig das Größte zumuten, er tat es und bestand es ohne Klage und ohne Seufzer wie ein Held. Sobald er sich aber in die kleinste falsche Machenschaft verwickelt oder auf einen krummen Weg gedrängt sah, wurde er vollkommen hilflos, verwirrt und unfähig, weiter zu gehen.

Es war Richardas Unglück, daß sie nicht sogleich mit dem Geständnis ihres Fehltritts zu ihm gekommen war, sondern eine längere Weile darüber hatte verstreichen lassen. Denn nun war ihr Bräutigam ihr gänzlich verloren, und sie wußte vorderhand nicht, ob er je wieder zu ihr finden würde. Gerade das Verschwommene, das nun um sie war dadurch, daß sie sich ein paarmal von ihm verflogen hatte, schien für Hartwig ein unüberwindbares Hemmnis zu sein. Als er endlich einmal mit ihr in ein paar Sätzen über das Vergangene sprach und dabei auch des häßlichen Zuträgers gedachte, der wie ein Abdecker ihre Liebe weggeräumt hatte, da verstieg sich Hartwig zu den einzig harten Worten, die er in dieser Sache von sich gab: »Der Schuft hat wohl nicht ahnen können, was er mir angetan hat. Alles Verflossene schwimmt jetzt für mich in einer trüben Brühe, ähnlich jener, in der er seine häßlichen Wurstwaren auf der Straße feilbot.«

Gerade die vornehme, stille Art, mit der ihr Verlobter, ohne ihr den kleinsten, leichtesten Vorwurf zu machen, sie und ihr Geschick behandelte, berührte Richarda so tief, daß ihr manchmal die Tränen über sein Schweigen und seine Zurückhaltung in die Augen traten. Nach außen hin fiel es zunächst kaum auf, daß die beiden ihre bereits aufgebotene Vermählung vorläufig wieder hinausschoben. Man fand es nur zu begreiflich, daß Hartwig nicht sofort nach dem plötzlichen Hingang seiner Schwester, mit der er so innig verbunden gewesen war, seine Hochzeit feiern wollte. Darum wurde dieser Aufschub kaum besprochen, durch den Hartwig wieder in den Zustand des ewigen Bräutigams zurückfiel. Aber Richarda hatte ja nun die Erklärung des andern Mannes in der Hand, vielmehr in ihren Ohren. Denn Harald hatte ihr mit allen Eiden eine dauernde Vereinigung zugesagt. Sie erinnerte ihn an diesen seinen Schwur durch eine kurze Drahtnachricht, die sie ihm nach Hause schickte.

Harald war verstörter und überreizter noch als sonst heimgekehrt, wo ihn der Dunst seiner Sippe gleich mit all ihren Sorgen und kleinen Leiden empfing. Josephe, seine Frau, hatte sich während seiner Abwesenheit überanstrengt und mehrfach hinlegen müssen, wodurch die Kinder naturgemäß noch mehr vernachlässigt und verwildert waren, als er sie schon das letztemal angetroffen hatte. Josephe, die früher so rotbackige, rundliche, wohlgemute Frau, war blasser und spitzer geworden. Aber sie begrüßte den heimgeflogenen Gatten mit einer fast fiebrigen, krankhaften Lebhaftigkeit: »Sieh mich nicht an!« wehrte sie seine verwunderten Blicke ab. »Ich weiß, ich werde mehr und mehr zu einer Vogelscheuche und hagere tagtäglich noch ab. Doch es hat sich gelohnt, daß ich mir das Essen abgezogen habe und den Kindern auch, soweit mir dies möglich war!« fügte sie mit ihren zärtlichen, treuherzigen Augen auf ihre Brut gerichtet hinzu: »Denk dir, Harald! Ich habe durch meinen Hunger und meine Sparsamkeit das Geld für meinen Flug mit dir zusammen. Hab' es Groschen für Groschen und Mark für Mark von dem Haushaltungsgeld abgespalten, das du mir jedes Mal bei dem letzten Abschied für uns hiergelassen hattest.«

Aber nun wurde Harald zornig. Er habe sie doch gebeten, diesen dummen, überspannten Gedanken aufzugeben. Und nun schädige sie ihre Gesundheit und selbst die ihrer drei Kinder, um diese ihre tolle Laune durchführen zu können. Sie solle doch endlich lernen, sich zu bescheiden und auf den Kreis ihrer häuslichen Pflichten zu beschränken. Sie sei dazu da, die Kinder sorgfältig aufzuziehen und nicht so verlottern zu lassen, wie sie es letzthin anscheinend tue. Der Junge werde noch einen Ziegenpeter und das Mädchen einen Weichselkopf bekommen, wenn sie als Mutter die Kinder nicht besser waschen und reinlicher halten würde. Man müsse sich schämen, mit solchen unsaubern Rangen, die mit Löchern in ihren Kleidern und Strümpfen herumliefen, über die Straße zu gehen. Und es sei eine Schande, daß man das Heim jedesmal, wenn man zurückkehrte, umso verwahrloster vorfände.

So schimpfte Harald drauflos, wobei er zu seiner Verwunderung merkte, daß dies Schelten ihn nicht weiter verstimmte, als er es schon war. Im Gegenteil, er redete und tobte sich seinen Ärger mehr und mehr von der Seele. Und das Herrengefühl, dies hier tun zu dürfen, wo er als Hausvater auf seinem von ihm unterhaltenen Boden stand, hatte sogar etwas Befriedigendes für ihn. Er wurde ganz stolz, daß er hier und seiner Josephe gegenüber einmal gewissermaßen als Gläubiger auftreten konnte, während er vor Richarda zu seiner Peinlichkeit stets wie eine Art Schuldner dastand. Er hing viel mehr als er wußte an den Seinigen und an der Last, die er sich mit Frau und Sippschaft um den Hals gehängt hatte. Seine »Sandsäcke«, wie er diese häusliche Belastung wohl vor seinen Mitfliegern nannte, waren ihm irgendwie notwendig. Sonst hatte er überhaupt nicht mehr heimzukehren brauchen von seinen Flügen, sondern sich einfach irgendwohin in ein fremdes Land begeben und dort ein neues Leben beginnen können. Aber die Ankerketten, die ihn hier festhielten, mußten doch wohl noch stärker sein als der Drang, der grauen Erde und dem Kreis seiner Pflichten zu entfliehen. Denn wie leicht hätte er sie andernfalls zerreißen können, aushäusig und von der Erde gelöste wie er oben zwischen den Wolken war. Er brauchte nur allein aufzusteigen, wegzufliegen und in irgend einer fernen Einöde heimlich zu landen, sein Flugzeug im Stich zu lassen und sich in die Büsche zu schlagen. Dann konnte er unter fremdem Namen von vorne anfangen und Weib und Brut vergessen.

Aber das war schneller und schöner geträumt als getan für Harald. Er hatte sich nun einmal in ein Schuldverhältnis mit vier Menschen, seiner Frau und seinen drei unmündigen Kindern, eingelassen, aus dem er nicht ohne weiteres verschwinden konnte. Selbst die Geschäfte und Fehlbeträge und Verpflichtungen seines ererbten zusammengebrochenen Werkes hatte Harald ja gewissenhaft abgewickelt und beglichen und sich dabei nach dem Urteil aller Beteiligten als ein anständiger und ehrbarer Kaufmann erwiesen. Und nun sollte er den liebsten Wesen gegenüber, die er zum Teil selber in diese Welt gelockt hatte, und für die er noch die Verantwortung trug, feige kneifen und flüchtig werden! Das schien ihm so unmöglich zu sein, wie ihm im Krieg der Gedanke an Fahnenflucht nie und nimmer gekommen wäre.

In dieser Lage traf ihn die Drahtnachricht der nunmehr entlobten Richarda und stürzte ihn erst recht in Bedrängnis. »Ich rechne auf dein Wort!« rief sie ihm zu und forderte ihn damit zu einer Entscheidung und zu raschen Taten auf. Harald aber – und das war wohl auch der tiefere Grund dafür, daß er die ihm als Trümmer vermachte Anlage nicht wieder aufrichten konnte – gehörte zu jenen Menschen, die vor lauter Besinnlichkeit schwer zu einem Entschluß und dann gewöhnlich endlich noch zu einem falschen kommen. Wie er jenen Zettel mit der Frage »Wen liebe ich?« in die Luft geworfen hatte, als er zuerst von seiner Leidenschaft für Richarda ergriffen und sein Herz zwischen ihr und Josephe gespalten wurde, so hätte er jetzt gern in den Himmel gerufen: »Was soll ich tun?« Und wäre froh gewesen, wenn ihm seine Entscheidung durch einen höheren Befehl erleichtert worden wäre. Doch solche Schicksalsprüche und Götterworte, wie sie noch unsere Vorfahren herangezogen hatten, gab es heute nicht mehr. Es galt, in seine eigne Brust zu steigen und sich selber solche Fragen zu beantworten. Und wieder einmal kostete Harald alle Qualen der Unschlüssigkeit aus.

Josephe sah ihn, der sich und seine Schwäche wieder hinter die alten Pläne seines Werks versenkte, lange scheu von der Seite an, wie er düster vor sich hinstarrte und mit der breiten Hand immerzu über seine gespannte Stirn strich. Sein blondes kurzes Haar hing vorne nur in einer einzigen Strähne in die etwas unsicher blickenden blauen Augen, die wie die Richardas weitsichtig waren. »Nur noch eine Locke ist ihm von all seiner Fülle und strotzenden Jugendlust geblieben!« mußte Josephe denken, wie sie ihn so sitzen und ab und zu durch sein Haar fahren sah, das durch das ständige Tragen der Fliegermütze schon flach und lichter geworden war. Sie hatte sich nach Art mancher liebenden Frauen, die, wenn man sie ausgescholten hat, sich auf die niedrigste und schwerste Arbeit werfen, an ihren Waschzuber gestellt und die Hemdchen der Kinder vorgenommen. Aber nun ärgerte sie sich auch schon wieder, daß sie dies getan hatte, weil sie sich zu erinnern glaubte, daß Harald sich einmal wütend über den Laugen- und Seifengeruch in ihren Zimmern beklagt hätte. Heimlich, ohne daß sie es wußte, von dem schwankenden Hin und Her seiner Gedanken mitangesteckt, faßte sich Josephe plötzlich ein Herz in ihrem Zweifel. Sie setzte sich, was sie seit langem nicht mehr getan hatte, auf den Schoß ihres Mannes und redete ihm gut zu: »Du brauchst dir doch nicht mehr Sorgen zu machen, als wir schon haben. Vielleicht findest du auch einmal einen guten Menschen, der dir etwas leihen mag auf dein zerstörtes Werk. Und du kannst es dann wieder aufwecken, das nur scheinbar schläft. Kannst die Wolkenwanderei sein lassen und dich aufs neue hier unten auf der festen Erde betätigen. Siehst du, ich habe Vertrauen zu dir. Ich gebe dir ein Darlehen, einen Vorschuß auf deine Unternehmungen. Ich überlasse dir das, was ich für meine überflüssige Fliegerei gespart hatte, als meine erste Einzahlung. Sicherlich werden bald andere meinem guten Beispiel folgen.«

Harald hatte es auf der Zunge, ihr zu sagen, daß sich bereits eine gefunden habe, noch vor ihr, die ein ganzes großes Vermögen in sein Werk stecken wollte, nicht nur ein paar lumpige Sparpfennige. Doch im gleichen Augenblick kam es ihm ungerecht und grausam gegen Josephe vor, wenn er ihr dies gerade bei dieser Gelegenheit, wo ihre Einlage nur klein gegen die Richardas wirkte, mitgeteilt hätte. Seine Frau aber fuhr ahnungslos fort, ihn zu beruhigen, indem sie ihm die Zukunft so goldig wie möglich ausmalte: »Einstweilen, bis das neue Werk läuft, verdienst du ja noch genug für uns alle. So viel jedenfalls, daß wir schon Abzüge als Betriebszulage für dich machen können. Die Kinder werden einmal größer und stärker werden und ihrem Vater helfen. Und ich habe noch einmal eine hübsche Erbschaft zu erwarten, wie du weißt, wenn der Bruder meiner Mutter, der uralte Pfarrer, bald stirbt.«

Josephes eingefallene Backen röteten sich über ihrem Plaudern und Hoffen wieder wie früher, wo sie Harald oft wie reife Apfel angelacht hatten. Sie bekam aufs neue das alte vertrauensvolle Kindergesicht, in das er sich als Knabe schon verliebt hatte, wenn sie zusammen über die Wälle ihrer gemeinsamen Heimatstadt gestrichen waren: »Wie leicht ist es, sie zu täuschen!« mußte sich Harald denken, als er sich wie ehemals in der Jugendzeit in ihre runden blauen Augen vertiefte. Doch gerade weil es nicht schwer war, sie zu hintergehen, machte es ihm keine rechte Freude. Selbst wenn sie ihm nie in ihrem Leben etwas vorgeworfen hätte, weil ihr nichts von seiner Untreue bekannt geworden wäre, so hätte sich Harald seiner Arglist stets heimlich vor ihr schämen müssen. Schon jetzt, wo erste tatsächlich nur erst ein paarmal hintergangen hatte, war es ihm stets peinlich gewesen, vor sie hinzutreten, als sei gar nichts geschehen und als habe er ihr nichts weiter angetan. Einen anhaltenden, stetigen Zustand aus solcher Lüge zu machen, das erschien Harald auf die Dauer unmöglich. Noch unmöglicher aber war es für ihn, ihr, seiner Ehefrau, mit der ihn, bis er Richarda kennenlernte, nichts wie Liebe verbunden hatte, einen Schmerz zuzufügen. Er konnte zuweilen mit ihr zanken und böse tun. Aber das war nur Geplänkel, das kaum Streit, geschweige denn Feindschaft bedeutete. Und nun sollte er ihr den Entschluß einer Trennung mitteilen und damit das größte, bitterste Leid antun, was er als ihr Mann ihr überhaupt beibringen konnte! Das erschien ihm vorderhand ein ganz unausführbares Verlangen.

In dieser Unklarheit und Verlegenheit begab er sich zu Richards. Zum erstenmal in seinem Leben. Denn das junge Mädchen hatte ihn bisher nie aufgefordert, sie zu besuchen. Aber nun, wo sie sich als seine Braut betrachtete, empfing sie ihn sofort, als er ihr gemeldet wurde. Sie hatte ihn ja auch selber zu dieser Aufwartung, die er ihr nun machte, eingeladen, indem die Drahtnachricht, die ihm von ihr übersandt war, am Schluß die Angabe ihrer Wohnung enthielt.

Richarda hauste in einem vornehmen Stockwerk im Gartenviertel der Stadt. Ihren Fenstern gegenüber lag ein kreisrunder Teich, in dessen Mitte sich eine kleine Vogelhütte für drei Schwäne befand, die das Wasser auf das ziervollste belebten. Der Widerschein des Weihers machte, besonders wenn die Sonne sich in ihm spiegelte, die Räume Richardas ungewöhnlich hell. Aber das liebte sie, deren Wesen und Schicksal sich eher dem Dunklen und Verworrenen zuneigte, aus dem Gefühl der Sehnsucht heraus, mit der man sich oft dem Entgegengesetzten seines Seins zuneigt. In ihrem Innersten verschlungen und ungerade, schwärmte sie mit ihrem Verstand doch für das Lichte, das Helle und Ungebrochene. Darum hatte sie sich auch diese Wohnung ausgesucht, in der sie wie in einem Glashaus lebte, sie, die vor lauter Reinlichkeit nicht den leisesten Geruch an sich hatte und ganz duftlos war, wie Harald erstaunt immer wieder bemerkte.

Die Wände des weißen Wohnzimmers, in dem sie Harald empfing, waren mit einigen alten Bildern und Stichen von früheren Kunstreitern und Reiterinnen geschmückt. Sie hatte sie noch von ihrem Vater geerbt, der sein Leben lang ein unsteter Mensch, während einiger Jahre sogar mit fahrendem Künstlervolk herumgezogen war. Auch diese Neigung hatte sie von ihm überkommen, so daß ihr eine Weile, besonders in ihrer Kindheit, nichts lieber gewesen war, als den eigentümlichen beizenden Duft der großen Reithallen, aus Sand und Pferdehauch gemischt, in sich aufzunehmen. Ja, als kleines Mädchen hatte sie sogar einmal vorgehabt, selber Schulreiterin zu werden und sich an den Darstellungen jener Damen erfreut, die mit langen schwarzen Röcken und hohen steifen Hüten auf ihren wohlabgerichteten Pferden trällernd durch die Reitbahn sprengten oder sich zu den kunstvollen Schritten ihres Renners anmutig im Sattel wiegten. Bis dann die Welt der Bücher und des Geistes die Heranwachsende Richards ergriffen und sie jenem tierischen Dunstkreis, wie sie ihn nun empfand, immer mehr entrissen hatte. Nur eine starke Liebhaberei für alle Übungen, die den Körper, die Nerven und den Mut stärkten, und wenn es auch nur das Fliegen gewesen wäre, war ihr noch aus jener Zeit geblieben, in der sie, neben dem vornehmen reichen Vater sitzend, die Mehrleistungen der Reiter und Springer und ihrer Damen auf ihren Vollblutgäulen bestaunt hatte.

Als Harald sich bei ihr melden ließ, war Richards damit beschäftigt, einen Brief an Hartwig zu schreiben. Sonderbarerweise hatte sie sich nämlich vor ihrer Abreise aus Gotha mit ihrem Verlobten wieder angefreundet. Und zwar bei dem Begräbnis von Sperate, an dem sie noch teilgenommen hatte. Sie war mit Hartwig in ein Gespräch über die Tote geraten, an der sie beide mit innigster Liebe gehangen hatten. Und dann waren sie, was ihnen plötzlich ganz natürlich erschien, noch ein großes Stück Wegs von Sperates Grab zusammen gegangen. Sie hatten sich im Hin- und Hergeplauder noch einmal das Bild der Verstorbenen vorgemalt, die sie in ihrer ganzen Reinheit und Güte immer noch umschwebte. Und wie sie gegenseitig nun in ihrer Zuneigung für Sperate miteinander wetteiferten, noch immer schönere Züge zu ihrem Bildnis beizutragen, hatten sie selber wieder immer mehr zueinander gefunden und aufs neue im stillen entdeckt, wie vortrefflich sie sich miteinander unterhalten konnten.

»Weißt du noch, wie verliebt sie in die Töne war?« »Ja! Und entsinnst du dich noch, wie sie oftmals die Augen schloß, wenn sie spielte? Man hätte vermeinen sollen, daß sie die Tasten der Orgel nicht mehr gesehen und sich hin und wieder vergriffen hätte. Aber das geschah niemals, wenn du dich erinnerst!«

»Sie muß wohl in sich selbst so voll Wohlklang gewesen sein, daß es ihr unmöglich war, einen falschen Ton hervorzurufen.«

»Das hast du sehr richtig ausgedrückt, Richa!« fügte Hartwig in seiner schulmeisterlichen Art hinzu, als hätte er wieder wie früher einem Schüler ein gutes Zeugnis auszustellen.

Auf solche Weise waren die beiden ehedem Verlobten wieder näher zueinander gerückt und hatten sich zu einem Freundschaftsverhältnis vereinigt und zu einem Gefühl der Brüderschaft, wie es bei beiden wohl von Anfang an vor aller Liebe das Stärkste gewesen war. Hartwig hatte es sogar übers Herz gebracht, sie bei ihrer Abreise bis zum Bahnhof zu geleiten, da sie ihn diesmal nicht mit dem Flugzeug verließ. Unterwegs waren sie noch in das lebhafteste Gespräch über die Denkwürdigkeiten der Herzogin geraten, deren Schlußteile, so wie sie von Sperate hervorgezaubert worden waren, Hartwig inzwischen seiner gewesenen Braut zu lesen gegeben hatte. Richards war voll Begierde, noch das eine und andere von den Persönlichkeiten zu erfahren, die durch ihr Leben spukten. So eindringlich hatte sie diese Schatten in sich ausgenommen, denen zum großen Teil noch durch den Mund der sterbenden Sperate wieder Atem eingehaucht worden war. Und Hartwig, immer froh, wenn er einen belehren konnte, berichtete gern alles, was er noch wußte, von jenen Tagen und Menschen.

Nach seiner Erzählung war der Herzog seltsamerweise fast ähnlich umgekommen wie der arme junge Graf, der seiner Eifersucht und Rachgier zum Opfer fallen mußte. Mit den Jahren hatte sich in diesem Fürstchen ständig stärker eine Eigenschaft entwickelt, die schon in seinem mittleren Alter abstoßend für seine Frau und seine Umgebung gewesen war: der Geiz. Der war schließlich so mächtig über ihn geworden, daß er fast nichts mehr für sich und seine Hofhaltung ausgeben mochte. Infolgedessen ließ er sich, worüber seine Gattin ja schon früh zu klagen hatte, in seiner Tracht derart vernachlässigen und verkommen, daß er einen unangenehmen Geruch um sich verbreitete, wie er von ungewaschenen und ungeputzten Menschen auszugehen pflegt. Dabei behielt er bis zuletzt sein hochfahrendes Wesen bei und verlangte von jedem, mit dem er noch zu tun hatte, unbedingteste Unterwürfigkeit. Das einzige Vergnügen für diesen ehemals feisten Herrn, der sich jetzt im Alter immer mehr zusammenzog, was ihn eher noch verhäßlichte, die einzige letzte Leidenschaft also für ihn war die Jagd geblieben. Vermutlich weil ihn dies Steckenpferd, mit dem er höchstens die Felder seiner Untertanen zertrampelte, wenig kostete und oftmals sogar noch etwas einbrachte. Auf einer größeren Treibjagd nun, zu der er sich von einem seiner Pachtgrafen noch dazu hatte einladen lassen, ereilte ihn der Tod. Das heißt vielmehr, er schlich sich auf folgende Weise an ihn heran: Der Herzog, der während des Tages und der Jagd aus Knickrigkeit hungrig geblieben war, hatte befohlen, das Mahl recht früh am Abend abzuhalten. Dies Essen bestand zum größten Teil aus dem Wildpret, das man über Tag geschossen hatte. Wie ein Gieriger stürzte sich nun der hohe Herr über einen Hasen her den man ihm als ersten Kosthappen überreicht hatte. Nach seiner Gewohnheit packte er das dampfende Tier gleich mit beiden Händen und wühlte sich, da er sehr schlechte Zähne hatte, in das Fleisch hinein. Dabei geriet ihm, der vor Heißhunger zitterte, ein großer, starker Knochen in den Hals, und zwar derartig verquer, daß er ihn trotz allem Würgen und Zerren nicht mehr herausbekommen konnte. Die Herren, die um ihn waren, beeilten sich auch nicht weiter, eine ärztliche Hilfe herbeizuholen – seinen Hofarzt hatte der Herzog vor kurzem aus Sparsamkeit entlassen–,sondern lachten über die Sprünge und heftigen Bewegungen ihres Herrn auf die verstohlene Hofmannsweise, bis sie plötzlich den Ernst seines Gezappels und Herumfuchtelns, das sie für Anstellerei genommen hatten, erschrocken begriffen, als der Herzog mit einem gurgelnden Schreien zusammensackte und erstickt war. Er hatte, da ihn letzthin häufig fror, eine gefütterte Marderjacke zur Jagd angezogen, in der er auch beim Essen gewesen war. In diesem braungelben Pelz ließen ihn die Herren seiner Umgebung wie ein totes Tier liegen und brachen selber schleunigst von der Jagdtafel auf, um sich bei dem Erbprinzen, dem nunmehrigen Herzog, der schon lange nach dem Tod des knauserigen Alten gefiebert hatte, möglichst von Anfang an beliebt zu machen.

Die Herzogin zog sich nach dem Abscheiden ihres Gatten gänzlich vom Hof zurück, bevor noch der neue Herzog, ihr Sohn, sie abblitzen lassen und kaltstellen konnte. Sie benutzte alsbald eine Reise ihres Sohnes nach England, um ihn, der sie verabscheute und haßte, ganz von ihrem Anblick zu befreien. Sie ließ sich in einem der beiden Ecktürme des alten Schlosses, in dem man in späteren Jahren gelegentlich Schauspiele veranstaltete, oben in einer Art Rumpelkammer nieder, wo sie ihre letzten Jahre weltverloren und scheu wie eine Eule verlebte. Gegen ihr Ende steigerte sich mehr und mehr bei ihr eine krankhafte Eigenheit: Sie litt unter einer Geräuschangst, die oft so quälend für sie wurde, daß sie, trotzdem sie sich die Ohren übervoll mit Watte zugestopft hatte, noch in Zuckungen geriet über irgend einen von ihr noch vernommenen oder bloß eingebildeten Lärm. Unter den Klängen, die sie zu hören vermeinte, kehrte am häufigsten das feine Lispeln einer Stimme wieder, die aus weiter Ferne mit ihr sprach, und dann am meisten peinigend für sie ein würgender Laut, wie ihn ein Mensch, der erdrosselt wird, von sich stößt. Ab und zu sollen die Martern, die ihr diese Furcht vor Geräuschen beibrachte, so schmerzvoll geworden sein, daß die Herzogin ihre Speicherbude, in der sie verstaubte, vor Unruhe verlassen mußte. Sie sei dann eine Weile, wie ein Vogel ohne Nest, auf dem weiten Schloßhof zu Gotha zwischen den beiden dicken Türmen hin und her geflattert.

Ganz besonders schauerlich muß dabei gewirkt haben, daß sie sich im Umherirren die Ohren krampfhaft mit beiden Händen zugehalten hat, ohne damit die Geräusche, die durch eine andre Leitung als allein durch das Gehör zu ihr drangen, los zu werden. Sie habe dies gespenstische Herumkreisen gewöhnlich so lange getrieben, bis sie durch einen Schrotschuß oder mehrere, die ihr Sohn aus einem der vielen Fenster des Schlosses in der Richtung nach ihr abfeuerte, wieder in ihr Versteck zurückgejagt worden sei. An einer Turmtüre im Erdgeschoß zeigte man noch längere Zeit den Einschlag einer solchen Ladung, die dann noch der Herzogin ins Gesicht zurückgesprungen sei, also daß ihre liebliche Milch- und Blutlarve, um die ein schöner Jüngling wie Lüchow sein Leben gelassen hatte, späterhin pulvergeschwärzt und wie durchsiebt von Schrotkugeln gewesen sein soll.

Soviel hatte Hartwig der auf den Ausgang der Personen an jenem alten herzoglichen Hof neugierigen Richarda zu berichten gewußt. Sie waren über seiner Erzählung den Steig am Bahnhof, zu dem ihr früherer Bräutigam sie begleitet hatte, auf und ab gegangen, wie man es beim Warten auf einen Zug wohl zu tun pflegt. Erst bei dessen Ankunft hatte sich die Miene des ganz in die Vergangenheit vertieften Hartwig wieder verfinstert, als sei ihm nun plötzlich erst aufs neue klar geworden, daß und an wen er seine Braut verloren hätte. Und nun galt es für Richards, sich mit dem andern auseinanderzusetzen, um dessentwillen sie von Hartwig aufgegeben wurde. Sie hatte sich gerade über dem Schreiben, dem an ihren verlorenen Bräutigam begonnenen, wieder der mancherlei Zärtlichkeiten erinnert, die wie ein natürliches Band zwischen ihnen beiden als Verlobten ausgetauscht worden waren. Und die gewaltsamen, stürmischen, mehr sinnlichen als seelischen Vereinigungen, die sie mit Harald gehabt hatte, wollten ihr jetzt fast als unnötige Zufälligkeiten erscheinen und als flüchtige Erlebnisse, die sich verwischen ließen. Aber Hartwig war es ja, der diese Dinge so ernst nahm, daß er ihr förmlich ihren Ring, der sie mit ihm verlobte, wieder ausgehändigt hatte. Drum mußte sie nun den andern Mann halten, falls sie nicht beide verlieren wollte.

Harald befand sich in einer noch größeren inneren Bedrängnis als Richarda. Er merkte es wieder recht, als er hier unter dem ihm gleichgültigen Bild eines alten englischen Reitmeisters saß und auf sie wartete. Er kam sich in dem fremden hellen Zimmer wie unter einem Glassturz vor oder wie ein geliehener Ausstellungsgegenstand, der hierher gebracht worden war, wo er eigentlich nicht hingehörte. Daheim blickten die Seinigen, der warme kleine Kreis, der von ihm lebte, sicher jetzt manchmal schon auf die Uhr, ob der Vater nicht nach Hause käme. Er hatte sein Weggehen mit einigen notwendigen geschäftlichen Besorgungen begründet. Und schon diese Ausrederei erschien ihm jetzt kindisch und schülerhaft, als müsse er sich wieder wie als kleiner Junge gegen einen Lehrer oder Vorgesetzten wegen einer Versäumnis herauslügen. Andrerseits mußte er gegen Richarda als Mann von Ehre handeln und das ihr gegebene Wort einlösen. Er entsann sich – wie lang war das schon her –, wie er ehedem um Josephe bei ihrem frommen, biedern Vater, dem alten harthörigen Pfarrer, angehalten hatte. Und die Wiederholung einer solchen Begebenheit, die er jetzt vorhaben mußte, quälte ihn schon vorher in seiner Vorstellung: »Man sollte manche Dinge einfach nicht zweimal erleben,« dachte er, »sie werden lächerlich dadurch.«

Da erschien Richarda und reichte ihm ihre Hand zum Kusse hin. Sie erröteten beide, als sie einander nun ansahen, als hätten sie sich gegenseitig angemerkt, wie schwer ihnen dies Zusammensein und diese Aussprache wurde. Harald hätte sie am liebsten gleich an sich gezogen und den Rausch erneuert, den sie schon zweimal miteinander getauscht hatten. Doch Richarda hielt ihn und sich zurück, indem sie ihn fragte, wie man seinen Entschluß daheim bei ihm aufgefaßt hätte. Nun schwatzte Harald ihr irgend etwas vor, lauter Flunkereien oder ausweichende Ausflüchte, wobei er erneut das Peinliche dieser Schwindeleien und Ausredereien empfand. Bis Richarda plötzlich, seiner Lügen und seiner kläglichen Lage müde, ihn schroff entlarvte, indem sie ihm sagte: »Du hast dich ja noch gar nicht vor der Welt zu mir erklärt. Du schiebst eine Entscheidung hinaus, weil du nicht um meinetwillen die andre verlieren willst. So sag' mir doch wenigstens die Wahrheit, statt mir etwas vorzutäuschen, was nicht ist, was ich mir nur einbilden um wieder schwach vor dir zu werden!«

Sie fühlte, sie hatte ins Schwarze getroffen. Denn Harald, ohne sie widerlegen zu können, versuchte nun unter fortwährenden Liebesbeteuerungen, sie auf dem Wege der Zärtlichkeit zurückzugewinnen. Jetzt sah erst Richarda ein, wie wenig ihr dieser Mann gehörte, um den sie aus bloßer Leidenschaft ihren Verlobten verspielt hatte. Vielleicht konnte sie ihn sich erzwingen, indem sie sich ihm fortan versagte und ihn so sich unterjochte, wie man eine Festung durch Hunger zur Übergabe nötigte. Doch was hatte sie dann an einem solchen Mann, der nicht freiwillig zu ihr kam, sondern nur durch seine Tollheit und Lüsternheit getrieben wurde? Sie hatte sich in dem Glauben gewiegt, daß Harald sie über alles liebte, und daß er ohne Überlegung wie auch ohne Schmerz die alten Bande lösen und von sich abstreifen würde, um sich ganz ihr geben und weihen zu können. Und sah ihn nun mit seinem Herzen noch fest verstrickt und kaum geneigt, das ihm angewohnte Leben zu verlassen. Damit erst wurde für Richarda das, was sie getan hatte, zu einem offenen Unrecht gegen seine Frau und die Seinen. Und die Scham hierüber folterte sie zugleich mit den heftigsten Selbstvorwürfen, die sie sich machte.

Eine unendliche Daseinstraurigkeit, auch ein Erbteil ihres Vaters, der sich aus Schwermut auf einer seiner vielen Seefahrten ins Meer gestürzt hatte, überkam dies Mädchen, als sie sich so vom Schicksal besiegt fühlte. Das Spiel war verloren. Zwischen zwei Männern zerrieben, hatte sie nun keinen mehr. Freilich wurde Harald jetzt nicht müde, sie immerfort seiner Liebe zu versichern. Doch sie glaubte ihm nicht mehr recht und konnte es nicht wieder mit der Vertrauensseligkeit, die sie vor kurzem noch zu ihm gehabt hatte. Schließlich war es doch nur ein halber Mann, der ihr bestenfalls zufiel. Und das mochte sie so wenig, wie es Hartwig, ihr Verlobter, gekonnt hatte, sich mit der Hälfte zu begnügen, wo das Ganze nicht erreichbar war. Darum gab sie am Schluß ihrer Unterredung, die ihr als Brautwerbung Haralds vorgeschwebt hatte, diesen völlig frei, indem sie ihn von seinem Eheversprechen lossagte und sich in sich selbst zurückzog.

Gerade dies aber verletzte und reizte zugleich den Flieger derartig in seinem Mannestum, daß er seitdem nicht mehr als geistig gesund anzusprechen war. Die Verwirrung noch zu vermehren, wurde in dieser Zeit Josephe, seine Frau, aus der gleichen trüben Quelle, die voll Neid gegen Richarda und ihren Reichtum bereits vorher den Klatsch um sie verbreitet hatte, von den Liebesbeziehungen dieses Mädchens zu ihrem Gatten in Kenntnis gesetzt. Und nun sah sich Harald seines letzten erlogenen Halts auf Erden beraubt. Richarda verwehrte sich ihm, und Josephe begrub unter Tränen das Glück ihrer Ehe. In ihrer ersten Bestürzung hatte sie eine Aussprache mit ihrer Nebenbuhlerin Richarda suchen wollen. Aber diese hatte ihr und sich diesen peinlichen Auftritt, den Streit und die Auseinandersetzung zweier Frauen um einen Mann, erspart, indem sie ihr mitteilte, daß sie alle Beziehungen zu ihrem Gatten gänzlich abgebrochen hätte.

Harald selber fand sich in der umstrittenen Rolle, in die er nun geraten war, immer unglücklicher. Der ewige stille Vorwurf, der ihn aus Josephes verweinten Augen und von ihren verhärmten eingefallenen Wangen ansah, quälte ihn nicht minder als die Beschämung, die er über seine Falschheit und Schwäche gegenüber Richarda empfand. Er hatte sich, so schien es ihm, gegen beide Frauen unmännlich benommen. Und das drückte gerade ihn, der im Krieg seinen Mann gestanden hatte und ihn nun auch weiter stehen wollte, aufs bitterste. Er kam sich manchmal wie am Pranger vor, als einer, der zwei Frauen entehrt und unglücklich gemacht und nichts wie Mißgeschick um sich verbreitet hatte. Dabei mochte er keine von ihnen ganz fallen lassen. Der Gedanke, von zwei Frauen noch immer geliebt zu werden, war ihm, je unglücklicher er wurde und je schlechter es ihm ging, ein desto stärkerer Trost und oft noch die einzige Erhebung, die es für ihn gab. Und er klammerte sich im Versinken immer mehr und mehr an diesen letzten Stolz, der ihm übriggeblieben war, über zwei Herzen verfügen zu können.

In seiner Zerbrochenheit war er auf der Jagd nach einem Ausweg wieder in die früheren Pläne geraten, die darauf hinausliefen, die alten, von seinen Ahnen ererbten Anlagen, von denen jetzt nicht einmal der Schornstein mehr stand, aufs neue aufzubauen. Er wollte sich selbst und damit auch den beiden Frauen, die ihm mit Recht, wie ihm schien, ein wenig über die Achsel ansahen, wieder Achtung einflößen. Wenn er sich wieder an der Spitze eines aus dem Boden neu aufgeschossenen großartigen Werkes befände, würde sich die Ehrerbietung vor ihm wie von selbst einstellen, würde er die frühere Spannkraft finden und den Trotz, es aufs neue gegen die ganze Welt aufzunehmen. In seiner Unerfahrenheit in geschäftlichen Dingen geriet Harald nun auf der Suche nach Geldgebern, die ihn bei seinem Plan unterstützen sollten, an einen Betrüger allerschlimmster Art. Dieser Halsabschneider benutzte die Unkenntnis Haralds und seine häufige Abwesenheit, die durch seine Fliegertätigkeit verursacht wurde, dazu, den an sich gutherzigen und undurchtriebenen Mann in ein Meer von Schulden und Verpflichtungen zu stürzen. Er schwindelte dem armen Luftmenschen, der sich hier unten immer weniger zurechtzufinden wußte, einen Wechsel nach dem andern ab und Unterschrift um Unterschrift, bis Harald schließlich vollkommen in seinen Schlingen war. Zum Schein hatte der Gauner auf dem Gelände Haralds mit Mauerarbeiten begonnen, die dieser von seinen Flügen voll Stolz schon von oben herab zu betrachten pflegte. Doch dieses Gemäuer lugte kaum rot aus der Erde hervor, als der gewerbsmäßige Wucherer den Strick um Haralds Hals zuzog, die Arbeiten einstellte und den Grund und Boden, der ihm längst verpfändet war, vorläufig für sich beschlagnahmte. Auf diese Weise hatte Harald nun auch das letzte Stück Land verloren, das noch von Haus aus sein Eigentum gewesen war. Und er sah sich zudem noch mit einer Schuldenlast wie mit einem Mühlstein beschwert, der seinen Nacken herunterzog und ihm den Rest von Lebensmut, der noch in ihm flackerte, vollends nahm.

Josephe verfolgte diese seine letzten Erlebnisse, die sie nur von seinem Gesicht ablesen mußte, denn er sprach niemals mit ihr über geschäftliche Dinge, mit der äußersten Besorgnis. Sie ging in ihrem Kummer um ihn schließlich so weit, daß sie ihm erklärte, sie wolle sich selber für ihn aufopfern: »Ich scheide einfach aus dem Leben, Harald. Ich trete zurück, um dir freie Hand zu lassen. Ganz heimlich werde ich plötzlich verschwinden. Du brauchst nicht für mich zu sorgen. Ich werde mir schon selber durchhelfen. Ich will auch nicht feierlich Abschied nehmen. Weder von dir, noch von den Kindern. Eines Tages bin ich einfach für euch weg und aus der Welt. Nur das einzige mußt du mir versprechen, Harald, daß ich euch alle nach zehn Jahren noch einmal wieder sehen darf. Nicht für lange Zeit. Nur ganz kurz. Und auch dies Versprechen darf dich nicht drücken. Du sollst währenddessen alles tun, was du willst, und ganz leben, wie du magst. Du sollst der freieste Mann von der Welt sein, während ich verschollen bin und bleibe.«

Doch Harald wehrte ihre liebevollen Zugeständnisse nur mit einem stummen Kopfschütteln ab. Er streichelte ihr in seinen Sorgen einmal flüchtig die ehedem so roten, frischen und runden Backen, wobei er niedergeschlagen dachte, wie verwelkt und vergrämt sie unter seiner Obhut geworden war. »Ich bin ein schlechter Gärtner für dich gewesen, Josephe. Die Äpfel deiner Wangen, die du mir in die Ehe mitbrachtest, sehen nun ganz grau und verschrumpelt aus.«

»Soll ich zu ihr gehen, zu der andern, Harald, und ihr erklären, daß ich zurücktreten und ihr nicht länger im Wege stehen will? Sie kann dir jetzt besser helfen als ich, jetzt, wo du dich in Geldnot befindest. Leugne es nicht! Ich kann es doch an den Falten deiner Stirne lesen.«

Josephe wollte sie ihm wegstreichen. Aber sie ließ ihre schon erhobene Hand wieder sinken. »Sie wird es schöner können als ich, die andre. Sie ist ja reich und großmächtig. Sie kann im Nu alles Elend, alle Armut von dir scheuchen.«

Doch nun brauste Harald auf. »Meinst du, ich sei so erbärmlich geworden, um bei Frauen für mich betteln zu müssen? Seh' ich denn schon so heruntergekommen wie ein Zuhälter aus? Nein! Nein! Ich werde euch schon wieder hochkriegen, dich und die Kinder. Verlaßt euch darauf! Oder ich werde auf der Strecke bleiben wie mein zusammengepurzelter Schornstein. Ich allein wäre es, der hier draufzugehen verdient, wenn denn einer verrecken muß.« Mit solchen und ähnlichen Kraftausdrücken, in denen er sich und seine Ohnmacht jetzt gerne austobte, stürzte Harald dann wieder von dannen, um noch das nächste Gehalt, das ihm zustand, für leere Zusagen zu verschreiben, die sein Schröpfer ihm machte. Die arme Josephe flüchtete sich, allein zurückgeblieben, in ihre letzte Zuflucht, in ihre Gläubigkeit, die ihr im elterlichen Pfarrhaus tagtäglich eingeimpft worden war. Sie hielt auch ihre Kinder nun auf das eifrigste zum Gebet an. Und das fromme Vierspiel ihrer Stimmen klang hilfeflehend zum Höchsten empor, wenn Harald fort war und den Himmel oder die Erde nach neuen Erwerbsmöglichkeiten durchjagte.

Richarda hatte sich in diesen Tagen, die sie innerlich immer mehr von Harald trennten, aufs neue dem früheren Verlobten genähert. Ohne sich ihm im mindesten aufzudrängen, war sie doch mehrmals zu Hartwig hinübergereist, ihn über den Verlust der Schwester zu trösten und mit ihm über all das, was sein geistiger Beruf mit sich brachte, zu plaudern. Sie dachten beide nicht daran, den alten Zustand der Verbundenheit Wiederaufleben zu lassen, sondern begnügten sich vorläufig mit der schönen Freundschaft und Gemeinschaft, die sie erneut umschlang. Der Gasthof, ein Nebenbau des alten Schlosses, der vordem als Kammerherrenwohnung gedient hatte, und in dem Richarda seit ihrer Bekanntschaft mit Hartwig zu hausen pflegte, war für sie fast eine zweite Heimat geworden. Sie war an diese Art Leben durch ihren Vater gewöhnt, der ständig mit ihr als Kind herumgezogen war und oft erklärt hatte, man könne sein Dasein auf Erden eigentlich nur in einem Gasthof fristen, denn man würde dadurch stets auf das deutlichste an das Wesen unsrer Pilgerschaft erinnert.

Es ging langsam in den Frühling hinein, als Richarda wieder einmal die Fahrt zu ihrem ehemaligen Bräutigam antrat. Der Zug, den sie jetzt immer benutzte, trug sie die ihr so wohlbekannte und so oft durchreiste wie überflogene Strecke nach Gotha wie im Traum dahin. In dem halbmüden Zustand, in den einen das erste warme Wetter im Jahr zu versetzen pflegt, blickte Richarda aus dem ruckweisen Schlaf, in den sie infolgedessen auf ihrer Polsterbank verfiel, hin und wieder von ihrem Fensterplatz in die Gegend hinaus. Jetzt kamen sie an der Stelle vorbei, wo Harald einst seine Notlandung hatte vornehmen müssen und wo dann jene beiden schnurrigen Kerle vorübergekommen waren, die eine Tonne vor sich hergerollt hatten, mit der sie die Welt umwandern wollten. »Wer weiß, wo die jetzt mit ihrem Faß sein mochten?« mußte Richarda denken und zugleich auch daran, daß wir alle unser Leid und unsere Luft wie solch eine Tonne um die Erde rollen müssen.

Jetzt dampfte der Zug an der Stätte vorüber, wo hinten in der Ferne das Gelände lag, auf dem in früherer Zeit einmal das Werk von Harald gestanden hatte. Die Anschlußgleise, die einstmals von der Eisenbahn dorthin geführt hatten, waren längst so sehr überwuchert und verrostet, daß man die Schienen kaum noch sehen konnte. Oder da und dort nur spärlich, wie man frühere feste Grundsätze in dem Leben eines leichtsinnig oder verzweifelt gewordenen Menschen kaum noch erkennen kann. Auch die begonnenen Neubauten, die letzthin wieder gänzlich unterbrochen waren, taten sich nur erst wenig hervor. Und man vermochte sie von der Hauptstrecke mit bloßem Auge kaum zu bemerken.

An dem kleinen Bahnhof, der in der Nähe der toten Anlagen Haralds höchst selten benutzt wurde, stieg diesmal ein dicker Herr in das Abteil von Richarda ein. Augenscheinlich ein Vieh- oder Getreidehändler, nach seinem Äußern zu schließen, das halb ländlich, halb städtisch wirkte. Der Mann war ganz erhitzt und abgejachert vom Laufen nach dem Zug, also daß er eine geraume Weile brauchte, bis er wieder zu Atem und zur Ruhe kam. Endlich war er so weit, daß er wieder sprechen konnte. Und da er ein sehr gemütlicher und geschwätziger Bursche war, fing er mit der ihm gegenübersitzenden Richarda langsam eine Unterhaltung cm, die freilich zunächst noch einseitig von ihm geführt wurde: »Man sollte sich nicht mehr so abäschern in meinen Jahren, Fräulein, besonders wenn man es nicht mehr nötig hat. Wenn einem die goldene Uhrkette über dem Bauch bald wieder zu knapp wird. Aber es war ein zu ergötzliches Schauspiel, die beiden Kampfhähne zu betrachten. So von oben herab als Unbeteiligter und ohne daß man selbst drin mit verwickelt ist.

»Ja! Ja!« holte er zur Erläuterung seiner Geschichte aus und wies mit seinem dicken, in seinem Geschäft etwas verkrüppelten Zeigefinger in die Gegend: »Da hat einmal ein großes Werk gestanden, eine Gießerei oder etwas ähnliches Stattliches. Wahrhaftiger Gott! Mit einem Schlot, länger als mein erfrorener Finger hier, das kann ich Ihnen sagen. Solch einem heutigen Windhund hat das Unternehmen gehört, einem Kerl, der in den Wolken herumfliegt, statt hübsch hier unten sein Brot zu verdienen. Was soll ich Ihnen erzählen! Er ist langsam immer mehr und mehr heruntergekommen, und man hat ihm sachtekens, ohne daß er's merkte, alles abgeknöpft, bis er im Hemd dastand.

»Nun hat der neue Eigentümer von dem Grund und Boden Besitz ergriffen. Er will eine Ziegelei aus der alten Klitsche machen, heißt es. Steine braucht man immer. Besonders nach einem Kriege. Und da hätten Sie jetzt eben unsern Flugkünstler sehen sollen, wie er sich wehrte um jedes Ar, das man ihm aus den Zähnen reißen wollte. Sogar eine alte Bretterbude, die als Überbleibsel des früheren Werks noch da herumfaulte, verteidigte der Kerl, als ob es ein Stück Goldland gewesen wäre. Es soll das ehemalige Kesselhaus gewesen sein, also das Herz des Betriebs. Vielleicht daß der Luftmensch sich deshalb derart um den Verlust dieses Kastens angestellt hat. Oder was ihm sonst an diesem Haufen morscher Bretter gelegen haben mag? Jedenfalls muß er sich eine Weile geradezu verschanzt haben in diesem Verschlag. Denn sie haben ihn vorhin erst mit Gewalt und Schutzmannschaft aus dem hölzernen Unterschlupf vertreiben müssen. Richtig wie einen Dachs, den man mit Gabeln und Zangen aus seinem Bau herausgraben muß. Es sah zu possierlich aus, wie sie ihn aus der Bude hervorholten. Es schien fast, als ob er seinen Winterschlaf dort abhalten wollte.

»Freilich!« fügte der dicke Händler als Nutzanwendung oder Folge seiner Erzählung hinzu, »man kann es schließlich begreifen, wenn einer sich seiner Haut wehrt, solange, bis sie ihm das Fell über die Ohren gezogen haben. Und daß jemand den Koller kriegt und eine Viechswut, wenn einer von den Neureichen ihn ausgefleddert hat, ist auch nicht zu verwundern. Manch einer, der geschäftsblind ist, merkt es ja erst nach neune, wie gründlich man ihn gefedert hat, wenn er sich wie ein nackter Spatz vor dem Gerichtsvollzieher sieht.«

Richarda brauchte ihr feistes Gegenüber kaum noch nach Einzelheiten zu fragen, um zu wissen, daß es sich bei seiner Erzählung um Harald und seinen letzten Verzweiflungskampf handelte. Sie bekam wieder das tiefste Mitgefühl für ihren Liebhaber. Und gerade daß er um diesen, den andern wertlos erscheinenden Ort, um die bretterne Zufluchtsstätte ihrer Liebe, so erbittert gestritten hatte, berührte sie besonders tief. Sie erschien sich nun fast grausam, daß sie ihn, den unentschiedenen, entschlußschwachen Mann, der gleichwohl, wie man hörte, um einen ihm liebgewordenen Platz wie ein Toller toben konnte, von sich gewiesen und sich nicht mehr um ihn und sein Schicksal bekümmert hatte. Und sie merkte mit einem Male, wie warm noch der Rest von Liebe war, den sie für ihn empfand. Ihr Herz schlug plötzlich wieder nach zwei Seiten, was ihr eine sonderbar süße Pein verursachte. Von zwei Männern zugleich begehrt und umworben zu werden, wäre das nicht eigentlich ein Wunschzustand für die Frauen? grübelte sie. Und Gedanken, die ihr im Leben wie beim Lesen jener alten Denkwürdigkeiten der Herzogin gekommen waren, durchkreuzten ihre Stirne, bis solche Träume und Wünsche sich wieder an der Wirklichkeit wie Vögel an einem harten Felsen zerstießen.

Den Wert der Zuverlässigkeit eines Mannes verspürte das Mädchen dann gleich wieder bei der Ankunft des Zuges. Der schmerbäuchige Krämer, der ihr Haralds letzten Trotz berichtet hatte, war während der Fahrt ein paarmal zudringlich geworden. Sie hatte sich hernach schlafend gestellt, um seinen weiteren Annäherungen zu entgehen. Und war auch wirklich in weicher Erinnerung an Harald auf ihrem Polster ein wenig eingenickt, bis der plumpe Fuß des Händlers, der mehrfach verstohlen nach dem ihren tastete, sie wieder häßlich geweckt hatte. Wie froh war Richarda nun, als Hartwig sie am Bahnhof abholte, und damit die weiteren Bemühungen ihres fetten Gegenübers, der sich schon auf eine Verfolgung dieser Reisebekanntschaft spitzte, kurzweg abgeschnitten wurden. Die Schwäche und Losgelöstheit einer einsamen Frau kam da Richarda erneut zum Bewußtsein, als sie nun mit einemmal wieder den Schutz eines Mannes genoß.

Die traurige Geschichte von Haralds letztem Ausfall gegen die sich wieder einrenkende bürgerliche Ordnung der Dinge bekam für Richarda noch einen trübseligen Nachklang durch folgende Begebenheit: Als sie mit Hartwig die Straße vom Bahnhof zu ihrem Gasthof hinabschritt, gingen sie an einem Leichenwagen vorüber. Der zeichnete sich durch nichts aus als dadurch, daß nicht ein einziger Kranz den bloßen braunen Sarg schmückte, der, von schwarzen Vorhängen umflattert, darinnen lag. Des weiteren fehlte hinter diesem Trauerwagen jeder Leidtragende. Kein Mensch, nicht einmal ein Leichenbitter, folgte dem Toten, der da weggefahren wurde. Und nun erfuhr Richarda von ihrem früheren Verlobten, daß es die sterblichen Überreste jenes schändlichen Metzgers waren, die zu Grabe getragen wurden. Der verleumderische Kerl, dessen häßliche Anpreisung seiner Ware, seiner heißen Würstchen, Richarda so oft angewidert und erschreckt hatte, war ein Opfer seines Fleischergewerbes geworden.

Er hatte sich nämlich an einer seiner Rotwürste, einer von ihm so benannten Saunudel, die er für sich aus besonders dicken Stücken, wie er sie liebte, zurechtgehackt halte, selber vergiftet. Dieser Unfall war vielleicht noch ein Glück für ihn. Denn es häuften sich in der letzten Zeit die Anzeigen, die man wegen seiner beständigen Verleumdungen und üblen Nachreden in der ganzen Stadt gegen ihn erhob. Man hatte den gefährlichen Schlächter bisher noch immer geschont, weil man nie wußte, welche üblen Folgen das Aufstechen einer solchen Giftblase nach sich ziehen könnte. Doch war es letzthin kaum noch angängig, gegen ihn ein Auge zuzudrücken, weil die Empörung über diesen Angeber und Spaltpilz in der Gesellschaft zu heftig wurde. Man begann jetzt allgemein zu erkennen, welch ein Teufel hinter seiner Biedermannsmiene, seinen senfbraunen kriecherischen Augen steckte. Der widerwärtige Kerl hatte sich darum auch jüngst etwas stiller und vorsichtiger verhalten. Er war im Winter mit seiner Wurstware, seinem Handwagen und seinem übelriechenden Kocher in die Nähe des Bahnhofs gerückt, wo sein harmloseres, aber dennoch bösartiges Hauptvergnügen darin bestand, die Vorüberhastenden auf allerlei Unangenehmes und Unordentliches, was sie an sich hatten, aufmerksam zu machen. Sei es auf ein Loch in ihren Strümpfen oder einen Flecken an ihren Kleidern und Hosen oder auf einen Knick im Hut oder auf einen lächerlichen Faden, der irgendwo heraushing. Nun hatte sich sein zerstörerisches Wesen an diesem im Dunkeln wühlenden Fallensteller gerächt, indem es ihn mit seinem eigenen Machwerk zersetzte und in die Grube warf. Und nicht ein einziges menschliches Geschöpf mochte dem Aas dieses Kerls folgen, der zeitlebens nichts lieber getan hatte, als die Leute gegeneinander aufzuhetzen.

Richarda sah erleichtert dem schwarzen kahlen Wagen nach, der knatternd die verfaulenden Überreste dieses Luders auf die Knochenstätte trug. Noch aus dem quietschenden Umdrehen der Räder meinte sie den häßlichen Lockruf: »Heiße Würstchen« zu vernehmen, mit dem dieser Schleicher früher seine Hackware ausgeschrien hatte. Schaudernd vor solchen Gärungspilzen in der Menschheit ging sie mit Hartwig ihrem Gasthof zu. Unterwegs trat sie für eine Weile mit ihrem gewesenen Bräutigam in seine Bücherei ein, deren auch förmlich bestätigter Leiter er vor kurzem geworden war. Bei seinem Nachforschen in der Vergangenheit der Stadt und des Hofes hatte Hartwig neuerdings einige Bilder entdeckt, die er der darauf begierigen Richarda zeigen wollte.

Zwar waren es nur ein paar kleine, auf Porzellan gemalte Rundbildchen, noch dazu stark abgeschabt und verkratzt, weil sie mit allerlei Krimskrams in einer Waffenkiste gelegen hatten. Wenn sie darum auch nicht einen Wettbewerb mit den großen Fürstengemälden aufnehmen konnten, die rings von der Holztäfelung der Bücherei herniederschauten und Richarda fast wie vertraute Gespenster grüßten, so war es doch höchst anziehend, die beschädigten Bildchen mit den andern größeren zu vergleichen. Bei zweien hatte Hartwig jedenfalls mit Sicherheit schon eine Übereinstimmung mit den oben an der Wand vorhandenen Gemälden feststellen können. Bei einem Porzellanbildchen, das offenbar die Herzogin wiedergeben sollte. Und zwar in ihrer letzten Zeit, wo sie rauchgeschwärzt wie die heilige Barbara, zu der sie der Maler auch offenbar künstlerisch gestalten wollte, in ihrem Turmkäfig den Tod fast mit ebenso heißer Inbrunst wie einst den jungen Lüchow erwartet hatte. Man erkannte noch in der Darstellung, wenn auch gemildert angedeutet, die Schrotnarben in ihrem Gesicht, die darauf wirkten wie die runden Überbleibsel der Blattern, die das Antlitz so mancher ihrer Zeitgenossen bös entstellten. Das andre Bildchen konnte niemand anders als Scholastika darstellen. In einem weiten Kleid in roter Kappesfarbe, das den Ansatz ihres zu ihrem Kummer nur von Frauen bewunderten Kugelbusens zeigte, blickte sie geputzt aus ihrer Zeit und ihrem leer gebliebenen Herzen in die Gegenwart.

Vergebens hatte Hartwig gehofft, etwas von den Aufzeichnungen und Sammlungen dieser Dame zu finden, und war darum schon in die tiefsten Keller und auf die höchsten Speicher der herzoglichen Bücherei geklettert. Bis in die äußersten Winkel des Schlosses hatte er danach gestöbert, ohne etwas von ihr hervorzukramen. Vermutlich hatte die gestrenge reinliche alte Dame vor ihrem Tode alles säuberlich vernichtet, was ihre geistigen Neigungen betraf. Insbesondere hätte der junge Gelehrte von heute gern etwas auf ihre Hauptschrulle Bezügliches entdeckt, auf die Möglichkeit einer doppelten Gemeinschaft einer Frau mit zwei Männern. Die Erfahrungen, die er mit Richarda gemacht hatte, veranlaßten Hartwig, sich mit dieser Frage innerlich stark zu beschäftigen. Bisher war es streng von ihm vermieden worden, sich mit Richarda über diese Sache zu unterhalten. Aber jetzt, wie er ihr das kleine Abbild jener absonderlichen Frau zeigte, kam es ihm ganz von selbst von den Lippen: »Welch eine närrische Schwäche dieser Person, eine Lehrmeinung in der Liebe aufzustellen, die nie zu verwirklichen ist, und die, wenn sie es wäre, für alle drei Beteiligten nur Verwirrung und Unheil bringen könnte!«

Richarda schwieg, von der Entschiedenheit und Härte betroffen, mit der er dies in seiner hofmeisternden Art von sich gab. »So etwas«, fuhr Hartwig sie zu belehren fort, »läßt sich wohl auf dem Papier zusammensinnen, aber die Schöpfung wird jeglichen solcher Versuche, die Einehe zu überwinden, mit einem großen seelischen Unglück und Ungemach rächen.«

»Wäre denn nicht eine Gemeinsamkeit zu dreien zu denken?« wollte sich Richarda wehren.

»Zu denken wohl, aber nicht zu leben,« unterrichtete Hartwig weiter. »Ein solches Hirngespinst widerspricht dem ersten sittlichen Gefühl, das den Menschen vom niederen Tierreich absondert, dem Eigentumssinn. Jeder gesunde Mann mit Selbstbewußtsein will seine Frau für sich allein haben und behalten, wie dies auch der Wunsch eines jeden richtigen Weibes für ihren Teil ist. Eine Vermischung dieses Gefühls durch ein andres wird naturgemäß ein dauerndes Unbehagen zur Folge haben und kann niemals glücklich enden.«

»Aber die Fälle, die von Scholastika gesammelt worden sind und das Gegenteil beweisen?«

»Stehen nur auf dem Papier und sagen nichts gegen das regelmäßige und gesunde Verhalten der gut durchschnittlichen Menschheit in dieser Frage. Mag sein, daß es naturwidrige und krankhafte Wesen geben mag, die sich auf eine Teilung ihres geschlechtlichen Eigentums einlassen. Aber diese höchst seltenen, ungewöhnlichen Ausnahmen können mich und die allgemeine Rechnung der Schöpfung nicht irremachen. Außerdem vermag ich nicht an eine lange Dauer der glücklichen geschlechtsgemeinsamen Beziehungen dreier Menschen zu glauben. Früher oder später wird sich ein Widerstreit und hernach ein Zusammenstoß zwischen den dreien herausstellen, der mit einer mehr oder minder peinlichen Trennung endet.«

»Aber diese Scholastika will doch soundso viele dreieckige Verhältnisse, um der Kürze halber dies häßlich gewordene Wort zu gebrauchen, gefunden haben oder haben finden lassen, denen ein guter Ausgang beschieden war.«

»Ich erkläre dir, Richa, daß dies eine rein gedankliche Liebeslehre einer durch aufgezwungene Enthaltsamkeit verrückt und verdreht gewordenen alten Jungfer ist. Sie hat sich durch ihren Briefschreiber und Berichterstatter, der vermutlich ein alter schrulliger englischer Schwerenöter war, allerlei auftischen lassen, was dieser selber wahrscheinlich nicht verantworten konnte. Hinterher, als er merkte, daß ihr die Mitteilung solcher glücklichen Verhältnisse zu dritt besonders Vergnügen bereitete, wird der geriebene flunkernde Kauz ihr manches nach dem Munde geredet beziehungsweise geschrieben haben. Und sie, die von der Liebesbetätigung abgesperrte Frau, hat sich dann allerhand Wahrscheinlichkeitsrechnungen wie ein Zahlenkünstler seine Formeln zusammengetüftelt, ohne einen so schwierigen und verschlungenen Begriff, wie es die Liebe ist, richtig in ihre Musterfälle einzusetzen.

Ich wiederhole nochmals, ich bin äußerst mißtrauisch in bezug auf das mutmaßliche befriedigende Ende aller dem menschlichen Wesen stracks zuwiderlaufenden Vereinbarungen. Das Wissen von dem Miteigentum, das ein andrer an der geliebten Frau hat, wird einem jeden rechten Mann wie ein Pfahl im Fleisch sitzen. Und dies gilt nicht nur im Körperlichen, sondern auch für das Seelische. Das Gefühl, daß ein andres männliches Wesen irgendwelche Macht, irgendwelchen Einfluß entscheidender Art auf ein Weib hat, steigert sich bei dem, dem diese Frau von Rechts wegen gehört, vom ersten Unbehagen bis zur tödlich quälenden Eifersucht, wenn er ein anständiger reinlicher Kerl ist.«

»Sind das nicht veraltete und abgelebte Anschauungen aus der Zeit des Herrenrechtes der Männer? Mir scheint, was du da sagst, läuft auf dasselbe hinaus, was man früher vertrat, als man einen Ehebruch nur bei der Frau bemerkte und bestrafte.«

»Nein, Richa! Man nenne mich einen Wüstling, wenn ich der Frau nicht das gleiche zubillige wie dem Mann. Ich verlange Einheit und Ausschließlichkeit in der Liebe genau für beide Teile. Und daß ich recht habe mit dieser Forderung auch für die Frauen, die vielleicht ebenso zur Vielehe neigen wie der Durchschnitt der Männer, dafür berufe ich mich auf euch selber. Ihr Frauen werdet nicht lange einen Mann achten und damit auch lieben können, der euch nicht ganz und streng für sich allein fordert. Wer euch mit einem andern haben und teilen mag, der verliert euch allmählich, aber schließlich sicher. Jede andre Auffassung widerspricht dem Urwesen der Frau.

»Wie du es denkst und haben willst, mein Lieber.« »Ja, Richa! Und dies ist mein letztes Wort in dieser Frage, die eigentlich gar keine Frage ist. Wenigstens nicht für den gesund geschaffenen Menschen. Ich kann den Gedanken einer Teilung eines von mir geliebten Geschöpfs nicht einmal in meiner Vorstellung ertragen, geschweige denn im Leben. Im selben Augenblick, als ich jenes von dir erfuhr, waren wir für ewig getrennte Leute! Wir sind befreundet geblieben, weil wir beide vernünftig sind und vieles gemeinsam haben. Aber von einer Liebe und Ehe kann zwischen uns beiden nie und nimmermehr die Rede sein.«

Hartwig hatte dies alles in seiner nüchternen, haarscharfen, schulmeisterlichen Art vorgebracht. »Nie und nimmermehr!« Gerade diese abschneidende Fassung war es, die Richarda aufs tiefste traf. Dabei konnte sie trotz der gelehrt gespreizten Ausdrucksweise Hartwigs, die sie innerlich ein wenig belächelte, ihm nicht zürnen. Im Gegenteil, diese seine Entschiedenheit flößte ihr trotz ihres Kummers noch Achtung ein. Nur sah sie sich jetzt endgültig von diesem Mann aufgegeben, und das verletzte ihre Eitelkeit und weiter noch ihren Stolz.

Gegen ihre Neigung und ihren Willen wird sie damit wieder auf jenen gedrängt, dessentwegen Hartwig sich dauernd von ihr lossagt. In diesem aufgewühlten Zustand kommt sie in ihrem Gasthof an. Dort in ihrem leeren, einsamen Zimmer wirft sie sich angekleidet aufs Bett. Sie versucht zu weinen, ohne es zu vermögen. Plötzlich pocht jemand von draußen an die Türe. Und ehe sie noch etwas sprechen kann, tritt Harald zu ihr ein. Mit zerzaustem Anzug, wirrem Haar und gerötetem Kopf. Noch zitternd und verstört von der wilden Auseinandersetzung, die er mit jenen Blutsaugern gehabt hat, durch die er aus seiner letzten Zuflucht, von seinem früheren Grund und Boden vertrieben worden ist. Er erzählt der gleich ihm ausgestoßenen Richarda in ein paar fliegenden Sätzen von der Begebenheit. Es schmeichelt ihr ungemein, daß er so zäh und hartnäckig um ihren Schlupfwinkel gestritten hat, um diese Bretterbude, die ihre holdesten Erinnerungen umschließt. »Und was soll nun aus dir werden?« fragt sie bekümmert den völlig außer sich geratenen Mann.

»Das laß meine Sorge sein,« trumpft Harald auf und tut, als ob er noch weiß Gott was Gutes im Rückhalt hätte. »Was geht es dich an, was mit mir geschieht? Wir sind ja nicht einmal verlobt, wie du und er.«

Nun berichtet ihm Richarda, was zwischen ihr und Hartwig vorgefallen ist, und daß er die Verlobung für immer aufgehoben hat. Dies versetzt Harald in die spöttischste Stimmung gegen seinen Nebenbuhler.

Aber Richarda wehrt jede Verhöhnung und Beleidigung ihres gewesenen Bräutigams vorweg ab. Der Flieger begreift nun allmählich, was vorgefallen ist: »Dann gehörst du also wieder mir?« fragt er und starrt sie voll Verwirrung über dies Liebesgeschaukel auf Erden an. Richarda schüttelt ihren schönen blonden Kopf. »Wie kann ich einem gehören, der selber schon einer andern Frau gehört?« spricht sie. Und es ist ihr dabei zu Mute, als ob sie wie früher in der Glaubenslehre als Kind ein Sprüchlein aussagt.

»Doch! Doch!« bestätigt Harald jetzt sich und ihr mit stürmischem Nicken. Dann reißt er mit einem Ruck den Schlüssel aus ihrer Zimmertür, als könnte er sich damit ihrer ganz und gar versichern, und stürzt mit einem verzweifelten Gelächter von dannen. Richarda überlegt lange, was sie nun tun soll. Den Wirt oder seine Dienerschaft um Schutz und Beistand angehen mag sie nicht. Sie hat genug unter dem Gerede solcher Leute in dieser Stadt zu leiden gehabt. Sie will den Tratsch dieser kleinen Welt nicht noch verbreitern helfen. Sich selber zu bewaffnen gegen Harald und seine Angriffe erscheint ihr erst recht überflüssig. Weiß sie doch aus schöner Erfahrung, daß er zu den Männern zählt, die nur das nehmen, was sich ihnen freiwillig gibt. Es genügt, wenn sie sich ihm verweigert. Sie braucht diesen ihren Entschluß ihm gegenüber nicht zu betonen, noch gar mit einem Dolch in der Hand zu unterstreichen. Und wie sie noch darüber nachsinnt, welch eine Macht eine Frau über einen Mann hat, solange er sie noch liebt, und wie herrlich es sein müsse, wenn einer, der ihr und nur ihr zu eigen wäre, mit einem Schlüssel zu ihr durch die Welt laufe, schlummert sie ein, ganz ermattet von den seelischen Aufregungen dieses Tages.

Als sie fröstelnd mitten in der Nacht erwacht, kniet Harald neben ihrem Lager. Er umschlingt sie mit seiner Rechten, hebt ihren geliebten, hochgewachsenen Rücken empor und küßt sie, die es noch halb träumend geschehen läßt. Dann bittet er sie: »Du mußt noch einmal mit mir fliegen, hörst du, ein letztes, allerletztes Mal.«

Erst will sie es verneinen. Aber schon spricht er, bittet er weiter: »Du mußt wissen, man hat mich entlassen, mich aus dem Staatsdienst weggejagt, weil ich hier unten völlig versagt hätte. Dort oben in der Luft, in unserm Reich –« bei diesen Worten wies der Flieger mit einer zärtlichen Gebärde über sie beide – »dort in den Wolken konnten sie mir nichts nachsagen. Sie haben mir sogar das beste Zeugnis ausgestellt, das sie jemals einem ihrer Angestellten mit auf den Weg gegeben hätten, wie sie sich brüsteten. Aber weil ich hier auf Erden ein unsicherer, bedenklicher Kerl geworden wäre, gegen den allerlei Anzeigen wegen Zahlungsunfähigkeit, wegen großer Schulden und Bedrohungen gegen Wucherer vorlägen, so müsse man mich an die Luft setzen, ausbooten oder abbauen, wie es die hohen Herrn Winde mit meinem Schornstein getan haben. Man bedauere unendlich, sei tief unglücklich, schneide sich selber in die Haut und den Geldsack dabei, weine Krokodilstränen und leide sämtliche sieben Schwerter und dreizehn Martern mit mir, und so weiter und so weiter! Aber man könne doch in Zukunft das Leben der erlauchten Reisenden nicht weiter einem Wagehals anvertrauen, einem Verzweifelten, der vollkommen zusammengekracht und in die Hände von Ausbeutern geraten sei. Ein Mann, der hier unten nichts, aber auch rein nichts mehr zu verlieren habe, außer einem Haufen von drückenden Verpflichtungen, die ihn immer wieder auffressen würden, ein solcher leichtsinniger Hund sei sich nicht mehr seiner Verantwortung bewußt. Aber bei meiner starken Befähigung für meinen Fliegerberuf würde sich sicher bald eine nichtamtliche Stelle finden, die Verwendung für mich hätte. Mit einem Wort: Meine Verlobung mit dem Staat ist aufgelöst wie die deine. Ich bin dienstlich zugelassener Luftpostbote gewesen. Man hat mich abgehalfert und dem gewöhnlichen Fuhrpark zur Verfügung gestellt. Zum zweitenmal in meinem Leben sind mir die hohen Achselstücke, meine Flügelstützen, von den Schultern abgeschnitten worden. Meines Ranges enthoben, von meinem bevorzugten Posten abgelöst siehst du mich vor dir knien.«

Richarda streichelte voll Mitgefühl seine Haarsträhne, die immer dünner und schütterer in seine von den ständigen Sorgen zerrissene Stirne hing. Sie wollte ihm gern eine Zärtlichkeit bieten und ein gutes, süßes Wort, wie sie früher ihrem Lieblingspferd ein Stück Zucker in den Mund geschoben hatte, wenn die Reitstunde zu Ende war. Doch aus Furcht, zu weich gegen ihn zu werden, unterließ sie es. Sie bot ihm nur erneut ihre wirtschaftliche Hilfe an: »Du weißt, du kannst noch immer auf mich zählen. Ich bin bereit, dir jede beliebige Summe, die du verlangst, zinslos vorzustrecken.«

Aber Harald schnitt ihr lachend jedes weitere Wort nach dieser Richtung ab. Er tat es mit der Frische, Freimütigkeit und Derbheit, die sie an ihm liebte, als er sagte: »Halten zu Gnaden, Hoheit! Aber so zermatscht bin ich noch nicht. Man hat mir eine Anweisung als Reugeld verabfolgt, eine Abfindung, von der ich ein bis zwei Jahre wie ein großer Herr oder gar wie ein Preisboxer leben könnte. Bei äußerster Sparsamkeit sogar drei bis vier Jahre. Es ist der höchste Preis, den ich je in meiner Tasche getragen habe. Also weitere Anleihen brauche ich für das nächste nicht aufzunehmen. Und dann – beglückwünsche mich, mein Kind! – habe ich soeben schon einen neuen Posten bezogen. Man will mich als Himmelsschreiber anstellen, verstehst du wohl, als einen Flieger, der mit weißer Wolkenschrift irgend einen Namen, den sich die Leute drunten merken sollen, oben an die große blaue Anschlagtafel hinzukritzeln hat. Ich soll also ein Marktschreier oder Ausposauner werden, ein Anstreicher, der die schöne Schaufläche des hohen Raums über uns verunzieren muß. Das soll auf die Dauer noch gewinnbringender und einträglicher für mich werden als mein bisheriger Luftpostkutschendienst. Du siehst also, ich bin, wie es scheint, vom Esel auf das Pferd geraten. Mein Schornstein beginnt wieder zu rauchen, wie er es weiland getan hat, als ich noch den Abfall meiner Ahnen gen Himmel qualmen ließ.«

Erst jetzt merkte Richarda daß Harald sich vor Verzweiflung oder Freude draußen einen Rausch geholt hatte. Seine unsicher blickenden blauen Augen starrten sie immerzu mit einem großen, prüfenden Ausdruck an, als hätte er ihr Inneres ausloten und um irgend etwas befragen wollen. Gerade in der seelischen Lage, in der das von ihrem früheren Bräutigam soeben für immer verstoßene Mädchen sich befand, sprang die überspannte Stimmung Haralds auf sie über und entzündete noch einmal ihr Herz für diesen ihr so schicksalsverwandten Geliebten. Er fühlte sich nicht nur aus dem Gleichgewicht geraten. Das war bei ihm, dem aus seinem Stand, Rang und Reichtum heruntergesunkenen Mann, meist der Fall. Nein! Er befand sich in dieser Nacht in einer überirdischen Laune und einer schon jenseitigen Fröhlichkeit, die Richarda, deren Herz ihm noch immer halb verpfändet war, bezaubern mußte. Sie wußte selber hinterher nie genau, ob sie sich ihm in jener Nacht erneut gegeben hatte und die Seinige geworden war oder nicht.

Sie entsann sich nur schmerzhaft eines Vorgangs, den sie im Halbschlaf wahrgenommen hatte: Harald war plötzlich aufgestanden und an das Schreibpult gegangen. Und ohne daß Richarda es wußte, hatte sie gefühlt, daß er dort einen Brief an seine Frau niederschrieb. Denn an wen in aller Welt hätte er sonst um diese Stunde und in ihrer Nähe noch schreiben mögen? Mit dieser Wunde in ihrer Brust schlief Richarda ein, um erst am frühen Morgen zu erwachen. Harald strahlte in seiner Fliegerausrüstung vor ihr, als sie die Augen aufschlug. Draußen vor dem Fenster lag ein grauer Nebel in der Luft.

»Ich fürchte, meine Himmelsschrift wird heute unleserlich bleiben!« meinte Harald mit einem Achselzucken nach draußen hin. »Immerhin, ich muß mich melden zu meinem Kunststückchen. Ich hab' mich verdungen für diesen Morgen, meine Todes- und Kopfsprünge zu machen.« Richarda wurde bei seinen Worten an die Zeit erinnert, in der sie mit ihrem Vater irgend einen Kunstreiter oder Springer, Hochturner oder Seiltänzer bestaunt hatte. Genau so wie diese Art Wagehälse sich mit einem unbestimmten Lächeln um den zuckenden Mund vor einem Riesenwagnis der zuschauenden Menge vorgestellt hatten, zeigte sich jetzt Harald ihren Augen. An der Türe blieb er noch einmal stehen: »Aber wenn sich das Wetter aufklären sollte, hörst du, so fliegst du doch noch ein einziges Mal mit mir, nicht wahr? Du mußt meinem neuen Aufstieg als Lockvogel deinen Segen geben. Deine Begleitung wird mir das Häßliche dieser Anpreisung, die ich da betreiben muß, verschönern und veredeln.«

Er wartete ihre Zusage gar nicht ab, sondern stürmte, wie von einem höheren Befehl angezogen, hinaus. Richarda schlummerte noch eine Weile in einem halbwachen Zustand weiter. Mit einem Male fing sie an zu träumen, daß sie bereits flöge, und zwar zwischen Hartwig und Harald, die sie beide mit sich emporzogen. Der eine an ihrer rechten und der andre an ihrer linken Hand. Das schien ihr zunächst ein wohliges Gefühl zu sein. Aber je länger es dauerte und je höher sie kamen, desto mehr verlor sich dieser angenehme Kitzel, um einer ansteigenden Qual zu weichen. Die wuchs und wuchs ins schier Unerträgliche, bis beide Männer sie plötzlich losließen, also daß sie hinuntersauste zur Erde, wo sie mit einem Schrei aufwachte. Innerlich ganz zerschlagen und bedrückt zog sich Richarda zu dem neuen Tag an. Es war noch immer grau draußen. Aber der Nebel löste sich langsam in einen feuchten Niederschlag auf. Ihr fiel das Unternehmen ein, das Harald für den heutigen Tag plante, und sie trat, um sich von den Wetteraussichten zu überzeugen, auf den Erker hinaus. Die hohen Platanen, die im Sommer mit ihrem Grün in die Fenster schauten, waren noch kahl. Aber die dicken Knospen der Blätter wollten jeden Augenblick schon aufspringen. Der Nebel rieselte in Schwaden herunter. Durch die schwarzen Zweige an den glänzenden, harzigen Knospen vorüber und die glatten weißlichen Stämme der Platanen herab, die man wegen ihrer oft sich abschürfenden Rinde, die sie wie ein Gewand ablegen, im Volk auch den »Kleiderbaum« nennt. Ein dünner Duft stieg aus den langsam sich wieder grünenden Rasenflächen der Anlagen empor und kündete ganz zart den Frühling an, den ab und zu freilich noch ein paar kleine Schneeflocken als rauhe Grüße von den Bergen durchkreuzten.

In diesem Augenblick trat eine Dame aus dem Nebenzimmer auf den Erker, den sie mit Richarda gemeinsam hatte. »Frau Wetusta!« sagte diese unwillkürlich laut, als sie ihre Nachbarin erkannte. Diese, die zuerst ganz erschrocken mit ihrem krankhaften Zucken den Kopf herumgedreht hatte, lud sie nun ein, bei ihr einzutreten und mit ihr zu frühstücken. »Man hat es mir irrtümlicherweise noch für zwei heraufgebracht,« sagte Frau Wetusta in ihrer hastigen Sprechweise. »Man wußte nicht, daß unser Abschied schon vorüber war. Ja, mein Kind, wir haben gestern abend zusammen unsre Henkersmahlzeit eingenommen, mein Freund, der junge Künstler, von dem ich Ihnen erzählt habe, und ich. Es mußte sein. Wiewohl mich niemand zu dieser Entscheidung zwang, hab' ich sie doch herbeigeführt. Und glauben Sie mir, ohne daß ich wiederum alle Sterne über uns zu Zeugen anzurufen brauche, ich werde diese endgültige Trennung nie mehr durch einen noch so flüchtigen Besuch durchbrechen, und wenn ich darüber wahnsinnig werden sollte. Tausendmal lieber will ich leiden, als daß mein armer guter Gatte sich quälen soll.«

Frau Wetusta berichtete nun der mit ihr frühstückenden Richarda, wie ihre trübe Ahnung sich erfüllt und wie jene elende Metzgerseele auch ihr Liebesgeheimnis durch einen Brief ohne Unterschrift ihrem Mann verraten habe. Auf den ersten Schrecken ihres nervenschwachen, schwermütigen Gemahls sei dann ein dumpfes Sichergeben in sein Geschick erfolgt. Er brüte die Tage reglos vor sich hin. Nur zuweilen seufze er auf und schüttle über sich verzweifelt den grauen Schädel.

»Und sehen Sie! Das ertrug ich nicht länger, daß er sich selbst Vorwürfe macht, die er nicht verdient. Denn dies sein Gemütsleiden, das ihn quält, ist seinerseits durch nichts verschuldet. Ist vielleicht aus einer traurigen Veranlagung entstanden oder von irgend einem belasteten Ahnen auf ihn übergesprungen. Und die Schmerzen, die er darüber empfindet, noch durch etwas zu vermehren, das ich tue, aber unterlassen kann, will ich nicht weiter auf mich laden. Ich hab' es vermocht und übers Herz gebracht, zu schweigen und ihn zu täuschen. Denn, glauben Sie mir, Lügen sind nicht das schlimmste, wenn man sie ganz verbergen kann. Aber ihm mit seinem Wissen eine Kränkung anzutun, das vermag ich nicht. Das geht über meine Kraft und gegen meinen Willen. Darum hab' ich mich hiermit für immer von jedem zweiten Mann geschieden und will mich fortan durch verdoppelte und verdreifachte Liebe und Fürsorge für meinen Ehegatten in der Entsagung üben. Was verlier' ich denn auch groß, wenn ich ein Abenteuer aufgebe, von dem mir nach jedem Abschied nur ein stundenlanger schmerzlicher Stachel zurückbleibt? Aber wenn es mir auch noch so schwer werden mag, ich werde alles ertragen lernen, wenn ich nur nicht einen andern zu schädigen brauche, zumal dieser andre mein eigener, von mir heißgeliebter Gatte ist.«

Frau Wetusta hatte diesen ihren »Fall«, wie ihn Scholastika bezeichnet und in ihre Sammlung eingereiht haben würde, mit ihrer ein wenig schauspielerischen Wucht vorgetragen. Hierbei bewegte sie ihren wuseligen, schon mit grauen Locken durchkringelten Kopf, dessen beständiges Zucken früher manchmal ungeduldig machen konnte, weniger als sonst. Schon durch ihren bloßen Entschluß, dieses bisherige falsche Doppelleben aufzugeben, schien sie bedeutend ruhiger geworden zu sein. Auf dem Tisch in ihrem Zimmer stand noch eine leere Flasche Schaumwein mit zwei Gläsern, aus denen das verlarvte, versteckte Liebespärchen offenbar gestern abend einander ein Fahrwohl für ewig zugetrunken hatte. Dies und das ganz ähnliche in der Lage dieser flüchtigen Nachbarin mit ihrer eigenen stimmte Richarda so nachdenklich und zugleich schwermütig, daß sie alsbald aufstand und sich von ihrer Flugbekanntschaft empfahl.

Lange saß sie dann in ihrem Zimmer zwischen ihren halb noch offenen, halb schon zugepackten Koffern wie ein Auswanderer und grübelte vor sich hin. Noch einmal haspelte sie alle Gedankengänge Hartwigs mit sich ab und freute sich fast, ihm in jedem Recht geben zu müssen. Wie ein Schulbeispiel für ihn und seine Lehren hatte sich dies Abenteuer zur Seite nun wieder aufgelöst: Das schnell verrauschte trübselige Erlebnis dieser Frau, die nun nichts Besseres zu tun wußte, als sich und das, was noch heil an ihrer Seele geblieben war, schleunigst zu ihrem kranken Gatten zu retten.

Nie war Richarda sich geschlagener, verlorener, einsamer und zweckloser vorgekommen als in diesen Augenblicken, da sie selber wie ein leeres Stück Reisegut zwischen ihren Koffern an dem offenen Gasthoffenster saß. Draußen triefte der frühlingswarme Morgennebel auf die schwarze Straße, als weinte die Schöpfung über die falsche Rechnung, die da wieder eines ihrer Kinder gemacht hatte. Wie gutgläubig in ihr Geschick war dies Mädchen gewesen! Von Jugend auf verwöhnt und reich und frei aufgewachsen, hatte sie die Grenzen, die eine jede Liebe um sich zieht, nicht beachtet. Im Vertrauen auf Harald war sie zu ihm übergegangen, ohne zu bedenken, ob er auch frei für sie war. Das erschien ihr, der von früh kaum ein Wunsch jemals abgeschlagen worden war, so selbstverständlich, daß der Mann, dem sie sich geschenkt hatte, fest zu ihr halten würde. So selbstverständlich, daß sie sich seiner vorher durch nichts als durch einen Schwur versichert hatte. Und nun wurde ihr erst klar, daß Harald ihr damals etwas gelobt hatte, was er gar nicht versprechen konnte. So gebunden war er ja innerlich noch an eine andre und würde es bleiben bis ans Ende.

Zerbrochen über dies ewige traurige Liebeseinmaleins, das sich in ihrem Kopf herumdrehte, begann Richarda zu ihrer Erlösung zu schluchzen, so laut zu schluchzen, daß ihr schöner hoher Rücken, der noch von Haralds Händen brannte, wie im Krampf zitterte. Da wurde es plötzlich ganz hell um sie, so hell wie damals, da der Flieger sie in seinem Bretterhaus wie ein Herold des Lichts und des Himmels zum erstenmal umfangen hatte. Draußen war nämlich die letzte graue Schicht gesunken, und ein ganz klarer märzblauer Himmel spannte sich über die Straße und die Stadt. Er war so blau, daß er zuerst fast schwarz aussah und jenen dunklen Veilchen glich, die um diese Zeit aus der Erde aufbrechen. Da stürmte Harald in das Zimmer hinein. »Komm mit. Es ist alles bereit. Mein Wolkenroß knattert schon und knirscht in die Zügel. Du wirst mit zum Flugplatz hinausfahren. Hörst du! Draußen töfft unser Wagen. Sie wollten es nicht dulden, daß ich eine Begleitung mitnähme. Aber ich werde dich schon zu mir hineinschmuggeln, du wirst sehen. Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Wir kraxeln zusammen die blaue Wand hoch, um dort etwas anzumalen.«

Richarda blickte noch einmal in ihrem Zimmer herum. Die alte Abenteuerlust des Vaters überkam sie wieder, jenes in den meisten Frauen so starke Verlangen nach etwas Ungewöhnlichem, etwas Großartigem, das sie aus den ausgefahrenen Gleisen hinausträgt und aus dem abgeleierten Einerlei der Alltäglichkeit.

»Ich brauche ja wohl nichts mitzunehmen,« meinte sie zerstreut, »außer meinem Mantel und meiner Mütze. Spätestens am Abend sind wir ja wieder da!«

»Am Abend sind wir da!« wiederholte Harald mit einer so eigentümlichen Eindringlichkeit, daß Richarda ein Schauder überflog. Der Fliegeraberglauben quälte sie, als ihr jetzt die goldene Nadel an der alten römischen Münze, ein Geschenk von Hartwig, zerbrach, als sie sich damit ihr Halstuch zustecken wollte. Sollte sie es wirklich wagen, heute mitzufliegen? Aber was hatte sie hier unten aufzugeben, wenn ihr in der Tat oben ein Unheil zustoßen sollte! Ein verlorenes, verlassenes Leben. Denn Hartwigs Liebe zu ihr war ja zerbrochen, wie diese seine Nadel, die sie still beiseite legte. Und seine Freundschaft, so schön sie war, konnte sie kaum wärmen und nicht mehr erhitzen, wie die wenigen herben Zärtlichkeiten, die sie früher miteinander getauscht hatten. Nur ein Bruchstück der alten heißen Liebe war sie noch, diese Freundschaft, die ihr von ihm verblieben war. Der Kraftwagenführer, der vor dem Gasthof auf den Flieger wartete, ließ wiederum seine Hupe tönen.

»Hörst du! Man wird schon ungeduldig. Man kann es kaum noch aushalten, bis ich ihre Ware austrompete und an den Himmel male.«

Der Ekel des Herrenmenschen über diese seine nunmehrigen Herren, die alles, auch die schönsten Erfindungen, nur für ihr Geschäft und ihren Kundenfang ausnützen, packte Harald. »Das hat mir noch gefehlt, diese häßliche Hast, mit der sie einen ausschroten, die Nurgelddenker, um mir die letzte Lust an dem madigen Aufenthalt hier unten zu nehmen.«

Richarda beachtete seine Worte nicht weiter. Sie war an solche grimmigen Ausbrüche gegen die irdische Welt bei ihm gewöhnt. Der Stolz des Kriegers, der in den Schluchten bereit war, sein Leben, sein Höchstes, das ihm keiner bezahlen konnte, zu opfern, saß noch so tief in ihm, daß er jede Gelegenheit benutzte, selbstsüchtigen Gewinnjägern seine Verachtung ins Gesicht zu speien. Jählings riß er jetzt Richarda noch einmal an sich, ehe sie das Zimmer verließen und unter Menschen traten.

Aber es war keine Umarmung mehr wie sonst, die mit jedem Kuß sich fester knüpft und sich des andern für Lebzeiten auf Erden zu versichern sucht. War nur ein kurzes Zusammenpressen, das schon in Gedanken an die Ferne und an andre Sterne geschieht. Auch Richarda fühlte sich sonderbar zerstreut und befangen. Sie spürte noch einmal den beizenden Geruch, der aus seiner Windjacke strömte, und die ganze verführerische Abenteurerlust, die ihn umwehte und sie einst bestrickt hatte. Doch er kam ihr andrerseits nur noch wie eine Leihgabe vor, dieser wilde hagere Mann, wie etwas, das einem nicht gehört und das uns bald wieder genommen sein wird. Sie sah ihn im Spiegel, wie er jetzt sein Sturmband fester zog, und dachte: Welch ein schöner, aber ganz fremder Mensch steht da neben mir!

Dies Empfinden steigerte sich noch, als sie beim Verlassen des Gasthofs wahrnahm, wie er dem Hausmeister heimlich und hastig einen Brief zusteckte, denselben Brief offenbar, den er in dieser Nacht geschrieben hatte. Und peinlich kam es ihr da wieder zum Bewußtsein, welch ein verkehrtes Liebes-Doppelleben dieser Mann an ihrer Seite führte.

Der Kraftwagen trug beide im Nu zu der Abfahrtstelle für Harald. An der Stelle, wo früher immer der widerwärtige Wursthändler seine Ware ausgemeckert hatte, wurde jetzt eine Anschlagsäule errichtet, die bereits mit schreiend bunten Zetteln beklebt war. »Überall muß man heute sich und seine Tüchtigkeit und seine Machwerke herausstreichen und anpreisen. Sonst mag kein verlaufener Hund uns mehr aus der Hand fressen, knurrte Harald. Er befand sich in der Stimmung, in der einem alles auf Erden gegen den Strich geht und selbst das Sonnenlicht auf der Stirne weh tut. Er hatte am frühen Morgen bereits alle Vorbereitungen für den Aufstieg getroffen. Nun schleppte man die Büchse mit Gas herbei, die hinten am Flugzeug befestigt wurde.

»Ich muß wie die Fliegen mit dem Hintern schreiben,« scherzte er sich verspottend zu Richarda hin, die seinen kecken Ton mit einem unterdrückten Lächeln erwiderte. Alles war nun zum Abflug bereit, und Harald nahm in seiner Werbekutsche Platz. Da raste der Auftraggeber der luftigen Anpreisung nochmals über den hölzernen Steg auf ihn zu und schärfte ihm ein: »Recht lange und deutliche Buchstaben, hören Sie, und scharf aufhören und nichts verwischen! Man muß den Namen unsres unübertrefflichen Erzeugnisses ganz klar am Himmel erkennen können, meilenweit, beachten Sie das! Wir verplempern nicht für eine schlechte Ausführung Tausende von Mark. Das Tamtam muß sich lohnen. Seien Sie vorsichtig und geschickt! Machen Sie tadellose Arbeit! Einwandfrei! Geld kostet sie uns genug!«

Harald sah an dem Einpeitscher voll Verachtung vorüber zu Richarda hin, als wollte er sich ein letztes Mal an ihr weiden, wie sie groß neben dem kleinlichen Unternehmer stand und ihr die blonden Haare im Wind um die Mütze wirbelten. »Vorwärts, Bahn frei!« rief der Flieger jetzt, müde des platten Geredes. Der Mann jagte, um sein Leben besorgt, von dem Plankensteg weg. Und nun zog Harald mit einem Griff die stehengebliebene Richarda zu sich in sein Flugzeug. Es geschah wider die ausdrückliche Vereinbarung, die er mit den Veranstaltern dieses Werbekunststücks getroffen hatte. Aber was schierte ihn noch das Geschrei und Gezeter und Gefuchtel der Leute, die da unten am Ende des Abfahrtsteges lauten Einspruch erhoben! Er gehörte schon der Luft an, und diese erbärmlichen Erdenwürmer hatten ihm nichts mehr zu sagen noch zu verbieten.

Nie war er Richarda schöner und großartiger erschienen, als in diesen Augenblicken, wo er wie ein überirdisches Wesen, ein Gott, sie an sich zog und mit ihr wortlos der Erde entschwebte, die keine Macht mehr über ihn, den ins höchste Gesteigerten, hatte. Wie auf alten Gemälden, auf denen der Raub einer sterblichen Frau durch einen der Himmlischen dargestellt ist, mußte es aussehen, wie Richarda jetzt emporgerissen mit ihm verschwand. Auch sie betrachtete das häßliche Getöse der irdischen Welt des Geldes nun mit der Verächtlichkeit, mit der ein Sterbender auf das sich wichtig scheinende Getue der lauten Leute herabblickt. Sie hing mit ihren blauen Augen stolz an den Gesichtszügen ihres Nachbarn, die sie von der Seite sah. Seine edel gebogene Nase krümmte sich, sobald er in die Höhe stieg, mehr als sonst und gab ihm etwas Vogelkopfartiges. Seine auf der Erde manchmal unsicher wirkenden Augen spannten sich, wenn es in die Lüfte ging, und schauten durchdringend wie ein Habicht in die Ferne. Und seine starken breiten Hände hielten das Steuer, das ihm drunten meist entglitt, hier oben so sicher und fest, als ob er für das Wolkenreich, in das er sich jetzt heraufschraubte, geschaffen wäre.

Sein männliches Aussehen entzückte Richarda so sehr, daß sie ihm, was sie nach Art der meisten Frauen selten tat, eine Liebkosung zuflüstern mußte: »Mein Adler!« Der Flieger gab ihr ein Scherzwort zurück, einen der zärtlichen Namen, mit denen er sie, wenn sie allein waren, belegte. Seine Aufmerksamkeit war jetzt ganz auf sein Flugzeug gerichtet, das er schnell höher und höher steigen ließ. Langsam versuchte er die Wirkung des Gases hinter sich festzustellen, indem er ein wenig entweichen ließ.

»Siehst du, wir qualmen schon,« machte er sie im Spiegel, der vor ihnen hing, spöttisch auf das kleine feine Gaswölkchen aufmerksam, das gleich wieder verschwand. »Anders wie unser Bruder Schornstein dort hinten im Gelände, der nie mehr rauchen wollte und darum zuletzt selber ins Gras biß und sich lang hinlegte, um wenigstens noch etwas zu bedeuten. Man wird ihn und seine Ziegelsteine jetzt stückweis verschachern und nutzbar machen! Das ist die Losung der Zeit!«

Harald war nun in die vorgeschriebene Höhe für seine luftigen Schreibkünste gelangt, wie er an dem Höhenmesser feststellte. Und plötzlich entwickelte er Richards seinen Plan, den er schon eine ganze Zeit mit sich herumgetragen hatte, als etwas völlig Neues, als einen Einfall, der ihm soeben gekommen sei:

»Weißt du, wir werden nicht das häßliche Wort an den Himmel schmieren, das mir die plundrigen Pfennigseelen dort tief unter uns aufgetragen haben, dies scheußliche, aus verdorbenem Griechisch und Küchenlatein zusammengebraute Lockwort, das sie für ihre Käufer ausgeknobelt haben. Wir wollen ganz groß ›Liebe‹ an das Riesengewölbe schreiben, das uns allein zugehört.«

Richarda sträubte sich, indem sie meinte, man würde ihm einen solchen Scherz schwer verargen und ihn gleich ganz entlassen. Aber sie willigte schließlich gern ein, als er weiter sprach: »Dann haben wir einmal doch allen laut zugerufen, was uns verbindet: Liebe! Dann haben wir uns öffentlich zueinander bekannt, wie du es immer von mir wünschtest. Dann haben wir es in die Welt gerufen und Zeugnis abgelegt. Entsinnst du dich noch jenes Zettels mit der Frage: ›Wen liebe ich?‹, den ich einstmals nach dir verlangend in die Lüfte warf?«

»Aber natürlich, Harald. Er hat uns doch zuerst zusammengebracht!«

»So wollen wir es jetzt auch den Lüften und Leuten verkünden, daß wir uns lieben, daß wir zueinander passen und gehören.«

Der Flieger begeisterte sich über seinem kecken Entschluß so sehr, daß seine Sprache, sonst frisch von der Leber weg klingend, jetzt etwas Feierliches, Sonntägliches bekam. Und das Mädchen an der Seite wurde nun ganz von seinem Plan hingerissen, als er mit rauschendem Gas daranging, den ersten Buchstaben »L« an den Himmel zu schreiben.

Was machte es, höhnte nun auch sie in ihrem überhitzten Gefühl, wenn die Erdenwürmer dort unten keiften und zankten, daß er nicht ihre Handelsware angepriesen hatte! Man konnte ihnen diese Ausgabe ja leicht ersetzen. Mit Geld war ja alles auf der käuflichen Erde wieder gutzumachen. Fast alles wenigstens. Und war es nicht wirklich herrlich für sie beide, daß sie nun ihr eigenes Wort, ihre Formel, die sie beide verband, mit Riesenbuchstaben auf den Himmelsbogen hefteten! Was der Mann neben ihr da unten in dem leidverstrickten menschlichen Jammertal nicht hatte leisten können, fest und öffentlich zu ihr zu stehen und sich ihr anzutrauen vor allen Augen, das vollbrachte er nun hier, hoch in dem Weltraum, den er als sein Gebiet soundso oftmals schon durchquert hatte. Wie Sternenklang und ein riesiges Flügelschlagen tönte ihr das wilde Rauschen in die Ohren, mit dem Harald immer weiter, Buchstabe auf Buchstabe, groß das Wort »Liebe« hinmalte, jenen Begriff, den die irdischen Zwerge in ihrer Gottheit, ihrem Glauben verehrten und anbeteten, um ihn untereinander möglichst wenig zu beachten, ja ihn in Kriegen und in bürgerlichen Streitigkeiten gänzlich zu verleugnen. Alle sollten es, mußten es nun sehen, was sie beide vereinigte, die sie das schönste Wort, das es für unsre Jungen gab, deutlich aufleuchten ließen.

Der Himmel wölbte sich wasserblau über ihnen. Und nie hatte Richarda mehr das Gefühl gehabt, auch auf ihm wie auf dem Meer zu schwimmen, als jetzt, da sie neben dem Mann saß, der langsam sein Werk vollbrachte. Sie sah, wie er scharf wie ein Falke in den Spiegel vor sich schaute und dachte, daß wir Menschen durch ein häufiges Fliegen mit der Zeit vielleicht Vogelgesichter bekommen würden. Und das stimmte sie noch lustiger und leichter in dem goldenen Licht, das sie umflutete.

Harald aber schrieb und schrieb neben ihr klar und sichtbar sein Wort, ihr beider Kenn- und Paßwort, als eine Losung an den Himmel. Es strahlte ihnen jetzt in seiner Vollendung hell aus dem kleinen Spiegel entgegen, der die weiße Wölkchenschrift in seiner Form wiedergab. Die Frau an seiner Seite überrieselte es vor Wonne, wie damals, da sie zusammen durch den Regenbogen wie durch ein Tor von Hoffnungen geschwebt waren. Nun geschah sie ja doch noch, die himmlische Vermählung, die Richarda von dem Flieger gefordert und erträumt hatte. Nun war sie doch von ihnen beiden vor aller Welt gefeiert worden.

Harald hatte sich mit jedem neuen Buchstaben weiter von der Stadt entfernt, die seine Malerei verwundert bestaunte. Was kümmerten ihn und die glückselige Frau neben ihm die dummen, verblüfften Gesichter der Leute auf Erden, die drunten fast mit Verlegenheit dies Wort über sich begafften, das sie so gern im Munde, aber kaum oder nur kurz in ihre Herzen führten? Was fragten die beiden festlich Gestimmten, dies sonderbare Liebespaar in den Götterlüften, nach der Verwunderung und Entrüstung der Auftraggeber unter ihnen, die wütend wurden, daß nun ihr schönes Geld für ein so blödes wertloses Wort verpulvert würde, statt für ihre köstliche, einträgliche Handelsware? Das Grinsen wie das Zetern der irdischen Kleinwelt drang nicht bis in ihre Höhe hinauf, von der sie auch das Gekrabbel der Erdenläuse nicht mehr sahen, die ihr Flugzeug selber nur so winzig wie eine Mücke am Himmelsrand wahrnehmen konnten.

Bei den letzten Buchstaben war das Flugzeug auch schon so weit von der Stadt, daß man ihren Umriß nicht mehr zu erkennen vermochte. Harald ging jetzt ein wenig tiefer herunter. Es fiel Richarda erst später ein, daß er anscheinend nach einem vorgefaßten genauen Plan gehandelt haben müßte. Er suchte sich zurechtzufinden und einen Überblick zu gewinnen. »Richtig!« stellte er fest. »Wie ich es mir gedacht habe. Wir sind ganz in die Nähe von meinem Werk gekommen. Meinem Werk!« wiederholte er, sich selber bespöttelnd. »Ich kenne mich hier noch ganz gut aus, trotzdem die hohe Merkstange, mein Schlot, umgepustet worden ist. Sollen wir uns das Gelände nicht noch einmal aus der Vogelschau betrachten?«

Richarda hatte nichts dagegen, wiewohl sie durch den eigentümlichen lauernden Ton in seiner Stimme merkwürdig unheimlich berührt wurde. »Allerdings, zu mir einladen kann ich dich nicht mehr, meine Windsbraut. Wir haben keine Zuflucht und keine Höhle mehr dort unten, die uns und unsre Liebe birgt. Nicht einmal unsre verlassene Bretterbude gönnt man uns. Sie würden uns mit Ziegelsteinen, die sie jetzt dort brennen, wegjagen, wenn ich es nochmals wagen sollte, mich dem Erbe meiner Väter zu nähern. ›Dallesbruder!‹ Das war die letzte Liebkosung, mit der man mich von meinem alten Eigentum vertrieben hat.«

Leicht und schwungvoll umkreiste Harald jetzt die Stelle, auf der früher die an ihn übergegangenen Anlagen, wenn auch nur noch in ihren Überresten, gestanden hatten. Es sah aus, als ob er sich mit diesen zierlichen himmlischen Ranken, die er da mit seinem Flugzeug über seinem früheren Besitztum aus führte, über alles Erdenhafte, Vergängliche hätte lustig machen wollen. Mit einem sonderbaren abwesenden Lächeln, das Richarda noch nie an ihm beobachtet hatte, starrte der Flieger sich noch einmal seine einstige Habe an: Das war also das, um das er sich sorgenvolle Tage und schlaflose Nächte gemacht und mit andern bissigen Zweibeinern herumgekatzbalgt hatte, die paar Haufen Land, von seinem Flugzeug im Nu zu überschauen! War es nötig gewesen, um solch eine kleine Fläche, einen winzigen Fetzen Erde, sich in Mühen, Leiden und Schulden zu stürzen? Verdiente dieser kahle, karge Streifen Gelände es, daß man seinetwegen sich in persönliche Reibereien einließ wie ein Faustkämpfer oder Messerstecher?

Harald ließ ein närrisches Lachen ertönen, bei dem die Frau neben ihm plötzlich zu Eis gefror. »Was tust du? Was hast du vor?« schrie sie ihn an, erschrocken von dem wahnsinnigen Ausdruck, den sein Gesicht angenommen hat. »Nichts! Nichts!« sagt er nur und lacht weiter wie ein Irrer vor sich hin. Er hat das Getriebe abgestellt, das Steuer losgelassen, als ob ihn alles nichts mehr anginge. Das Flugzeug beginnt zu schwanken, zu wackeln, zu zappeln. Nun taumelt es, ohne jede Lenkung und Führung, wie ein Blatt im Herbst zur Erde nieder. Richarda hat begriffen, was der Mann neben ihr vorhat. »Um Himmels willen!« betet sie, lallt sie, weint sie. Ihr ist dabei zumute wie als Kind, wo sie zusammen mit ihrem Vater dem Todessprung eines Kunstturners beigewohnt hat, eines Gauklers, dem sein Wagnis mißlang, der mit zerschmetterten Gliedern vor ihnen aufschlug.

Auch genau den gleichen eintönigen Trommelwirbel, den man bei diesen Tollkühnheiten anzuschlagen pflegt, glaubt sie in ihren Ohren zu vernehmen. Ihre Angst überwiegt sogar den Schmerz den sie um Harald empfindet, daß er sie mit dieser Verzweiflungstat überrumpelt, statt sie vorher mit in sein finsteres Geheimnis zu ziehen. Sie will ihrem Nachbar ins Steuer greifen. Vermag es aber nicht. Wie gelähmt sitzt sie neben ihm und wartet, halb betäubt schon, auf den fürchterlichen Aufschlag. Da – vor der letzten Strecke, kommt jählings der alte Fliegergeist noch einmal über den verwirrten Harald. Er versucht, die Steuerung des Fahrzeugs an sich zu reißen. Ja, es gelingt ihm, den heruntertrudelnden Vogel wieder zu fangen und kurz ins Gleichgewicht zu bringen.

Er scheint pfeilgerade auf seine verlorenen Anlagen stürzen zu wollen. Gleich einem Bussard ist er anzuschauen oder wie der Rächer seiner Ehre, der das ihm Geraubte sich mit seinen Fängen zurückholen will. Doch jetzt verläßt ihn die Kraft oder die Lust erneut. Es ist, als ob der nahe schale Anblick seines ihm entwundenen Besitztums ihn aufs neue erschlaffte und erstarrte. Kopflos übergibt er sich und die entsetzte Gefährtin wieder dem blinden Schicksal. Wie ein Schnitzel schwarzes zerlumptes Papier, das ein Wind über der Straße herumwirbelt, flattert sein Flugzeug, umgekippt wie er selber zur Erde. Schließlich begräbt es den Flieger noch, indem es mit seiner Wucht sich tief in den Boden bohrt, und ihn, der von dem Gewicht des Ganzen zermalmt wird, völlig mit sich zudeckt. Als wollte es rings der Umwelt den Anblick des abgestürzten ehemaligen Herrn dieses Werkes und Geländes ersparen.

Richarda wurde zu ihrem Glück bei der vorletzten Umdrehung des Flugzeugs hinausgeschleudert und fiel durch einen günstigen Zufall auf den Rest des weichen Formersandes, der noch von der Gießerei, die hier einst geglüht hatte, übriggeblieben war.

Wie durch ein Wunder, so stand später in den Zeitungen zu lesen, kam dadurch Richarda mit dem Leben davon. Freilich wurde sie beim Aufschlagen auf die Erde immerhin so empfindlich verletzt, daß sie lange die meiste Zeit nur noch liegend verbringen konnte. In diesem hilflosen Zustand empfing Hartwig, ihr alter Bräutigam, sie wieder. Wurde sie ihm, wie er selbst sich später gerne ausdrückte, aufs neue vom Himmel zurückgesandt? Freilich vergingen darüber Monate um Monate, bis ihre Herzen ganz allmählich wieder zusammenrückten. Erst als seine frühere Braut nach fast zwei Jahren mühsam wiederhergestellt aus dem Genesungsheim entlassen worden war, sie, die nun wieder wie in ihrer ersten Brautzeit ihm ganz allein gehörte, erst da nahm Hartwig sie in sein nach dem Tode Sperates ganz leer und still gewordenes Heim wie eine Schwester auf. Nahm sie auf voll Mitgefühl für die Verlassene, die überrascht Vergewaltigte, die vor Verzweiflung über seine hartnäckige endgültige Absage sich jenem andern nochmals anvertraut hatte. Und nahm sie auf als eine holde Fortsetzung der rührenden Sperate mit all der brüderlichen Zärtlichkeit, die in ihm war.

Die Leiche Haralds war in aller Heimlichkeit beigesetzt worden. Man hatte sie aus der Erde, in die sie mit dem abgestürzten Flugzeug verwühlt war, wieder hervorgeholt. Und auf die inständigen Bitten seiner Gattin hatte sich der neue Besitzer des Werkes schließlich gegen eine bedeutende Kaufsumme damit einverstanden erklärt, daß man Harald nun an der Stätte neu bestattete, an der er verunglückt war. Einen ganzen Tag lang hatte die Leiche in dem früheren Kesselhaus, in dem Harald und Richards ihre Liebe genossen hatten, zur Schau gelegen. Und die Arbeiter und Taglöhner, die sich jetzt hier auf der Ziegelei betätigten, waren ehrfürchtig herangegangen und hatten dem schönen Toten, dessen hageres vornehmes Gesicht kaum entstellt war, ihre Huldigung erwiesen: Ihm, als dem bedauernswerten umgekommenen Nachfahren derer, die ehemals hier geherrscht hatten: Ihm, als dem Pechvogel, dessen Sterne irgendwie schief und verdreht zur Erde gestanden haben mußten, also daß er ihr mit seiner Kehrseite das Wort »Liebe« als seinen Abschiedsgruß zugeschrieben hatte.

Da war Josephe, die den Toten so ruhen sah, auf den Gedanken gekommen, ob man nicht Harald hier an Ort und Stelle beerdigen könne. Inmitten der Arbeit und der Werkanlagen, die bis vor kurzem ihm gehört hatten und die jetzt, wenn auch in andrer Weise, wieder aufblühten. Er hatte immer davon geträumt, den Betrieb, den seine Vater hier geführt hatten, neu erstehen zu lassen. War es da nicht richtig, wenn er wenigstens im Tode bei seinem Werk verblieb, dessen Aufbau er ersehnt hatte? Und war es nicht der beste Platz, den man für den abgestürzten Flieger finden konnte, wenn man ihn neben seinem erloschenen hingestreckten Schornstein zur Ruhe bettete, an dessen ragender Pracht, als er noch an den Himmel rührte, sich Harald oft getröstet und aufgerichtet hatte.

Josephe wurde es nicht leid, daß sie dem Emporkömmling, der jetzt hier hauste und den Boden verwaltete, gegen eine so große Summe dazu bewogen hatte, den toten Harald weiter hier schlummern zu lassen. Es stellte sich heraus, daß Harald sich kurz vor seinem letzten Aufstieg sehr hoch hatte versichern lassen. So hoch, daß nach Begleichung aller seiner Schulden noch ein sehr erklecklicher Betrag für seine Witwe und Kinder übrigblieb. Die Versicherungsgesellschaft hatte nicht gezögert, das Geld auszuzahlen, weil nicht zu beweisen war, daß Harald seinem Leben freiwillig ein Ende gesetzt hatte. Infolgedessen hatten Josephe und ihre und seine Kinder nach Haralds Ende Mittel genug zum Leben. Ja, sie hatten es in diesem Punkte sogar besser als zu der Zeit, da er noch zwischen Sorgen und Schulden auf Erden und am Himmel herumhastete, zumal Josephe kurz nach seinem Tode die ersehnte Erbschaft machte, auf die sie ihren Harald schon mehrfach vertröstet hatte. Ja, sie wurde schließlich, nachdem sie ihre Enttäuschung und ihre Trauer überwunden hatte, wieder so rund und rosig und pausbäckig, wie sie es auf ihren alten Brautbildern war, deren eines Harald bis zu seinem Tod in seiner Brieftasche über seinem Herzen getragen hatte.

Richarda konnte zum erstenmal wieder wie ein geheilter Reiter am Stock durch das Zimmer gehen, als Hartwig ihr meldete, daß sie in wenigen Tagen nun endlich getraut werden würden. Ganz heimlich hatte er alles bestellt und angeordnet, und brachte ihr nun mit dem unerläßlichen Rosenstrauß, den er früher immer als duftenden Gruß bei ihrer Ankunft zugesandt hatte, die erfreuliche Nachricht.

»Und denke dir, Richa!« sagte er ihr lachend in seinem Gelehrtendeutsch: »Es bedurfte kaum noch weiterer Förmlichkeiten, da unser Fall ja bereits seit längerem stadtbekannt und gerichtskundig wäre. Ich brauchte bloß unser altes Aufgebot wieder erneuern zu lassen, um damit endlich aus dem für mich unleidlich gewordenen Zustand des ewigen Bräutigams erlöst zu werden.«

Richarda lächelte ihn unter Tränen an und ließ sich von ihm zu dem Langstuhl führen, auf dem einst seine Schwester geruht hatte und den sie nun benutzte.

»Siehst du, Richa!« redete Hartwig nun der noch leicht Erschöpften zu, die dieses sein Opfer, wie sie es bezeichnete, lange nicht annehmen wollte. »Ich habe wieder etwas entdeckt: Keine neuen Denkwürdigkeiten und Aufzeichnungen aus der Geschichte unsres Hofs und unsrer Herzöge. Leider nicht. Aber ich habe eine Erfahrung gemacht und eine Wahrheit gefunden, fügte er mit einem leisen, sich selbst und auch seine Verlobte leicht verspottenden Unterton hinzu: Nämlich die, daß bei weitem nicht alle Menschen lieben können. Für den Durchschnitt, zu dem ich gehöre – erhebe keinen Einspruch gegen diese Tatsache, Richa! –, für den ist das Wort ›Liebe‹ viel zu groß, zu wichtig, zu heldenhaft und bühnenmäßig. Leutchen wie ich, die können wohl andre erziehen – du hast selbst oft genug unter meiner Schulmeisterei gelitten, gesteh es nur! – oder sie können andre pflegen wie ich meine Schwester Sperate gehegt habe und nun dich verwöhnen will. Aber zum Lieben langt es nicht recht aus. Zum Lieben sind wir kleinen Wesen nicht geboren. Wenigstens nicht zum Lieben im himmelhochjauchzenden, himmelanstürmenden und -anschreibenden Sinne. Darum konnte ich auch Freundschaft mit dir schließen, eine schöne, aber kühle Empfindung, wie du weißt, als ich dich damals als Braut verlor. Und bin nun froh, daß ich gut zu dir sein und dich hätscheln und pflegen darf wie meine Bücher, von denen ich auch manchmal das eine oder andre, das mir besonders wohl gefällt, an mich drücke und liebkose. Denn das kann und konnte ich immer, einen pflegen und sorgsam betreuen. Aber lieben, nein, das ist zu schwer und zu hoch für mich.«

Richarda streichelte ihn immerzu bei diesen seinen Worten, während ihr die Tränen die noch blassen Wangen herunterliefen. Sie mußte der zärtlichen Stunde dabei gedenken, die sie mit Hartwig in der Bücherei gehabt hatte. Damals hätte sie sich gleich mit ihm einschließen und zusammentun sollen wie heute, statt noch einmal nach dem andern zu langen. Dann wäre sie jetzt gesund und heiter und hätte nicht das gewöhnliche Los der meisten Kunstturnen Seiltänzer und Abenteurer erlitten, die oft am Ende ihrer Laufbahn mit zerbrochenen Gliedern daliegen. Und doch mochte sie nun nicht mehr mit dem Schicksal hadern, das ihr endgültig diesen Mann als einzigen zugespielt hatte. Vielleicht war es wahr, was Hartwig ihr tagtäglich neu bestätigte, daß sie durch ihren Sturz nun alles abgebüßt hatte, was von ihr an ihm als ihren Bräutigam und nun baldigen Gatten gesündigt worden war.

Die Trauung der beiden erfolgte ganz still in ihrem Heim. Zwischen den Zimmerlinden, die Sperate noch gepflegt und gepflanzt hatte. Und als sich nach der Feierlichkeit der junge Beamte, der sie getraut hatte, an die kleine Orgel setzte und die Tasten zu einem geistlichen Gesang rührte, da glaubten die seligen beiden, die Schwester sei in diesen Tönen zu ihnen zurückgekehrt und segne den soeben geschlossenen Bund, den sie, solange sie atmete, wie kein andrer gewünscht und gefördert hatte. Die Ehe zwischen Hartwig, dem wohlbestallten Bücherwart der Stadt, und seiner Richarda wurde trotz ihres ständigen Leidens eine der schönsten auf dieser so selten einstimmigen Welt. Sie wurde so ausgeglichen, so wohltuend und verträglich, daß, als ihnen nach zehn Jahren das erste und einzige Kind, ein Sohn, geboren wurde, Hartwig mit dem Lächeln eines Mannes, der gesiegt und sich selbst überwunden hat, den Vorschlag machte, dies kleine reizende Wesen, das ihnen vom Himmel zugefallen sei »Harald« zu nennen. Doch Richarda bat mit ihrem sanftesten Lächeln Hartwig, er möge seinem Söhnchen gestatten, seines Vaters Namen als den besten Namen weiterzuführen: »Denn, wenn du auch nicht lieben kannst, wie du fälschlich behauptest und dich damit verkleinern willst, so kannst du doch etwas, das viel mehr ist als lieben: Einen andern Menschen glücklich machen!«

 

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