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Der Briefträger hat um elf Uhr nichts gebracht. Wenn Farou gestern abend vor dem Schlafengehen nicht geschrieben hat, dann wird wohl Nachtprobe gewesen sein.
»Glauben Sie, Fanny?«
»Bestimmt. ›Die Wohnung ohne Frau‹ ist nicht schwer in Szene zu setzen, aber die kleine Asselin eignet sich durchaus nicht für die Rolle der Suzanne.«
»Aber sie ist doch so hübsch«, meinte Jane.
Fanny zuckte die Achseln.
»Meine liebe Jane, was nützt ihr das schon, daß sie hübsch ist? Hübsch braucht eine Frau nicht zu sein, um die Rolle der Suzanne spielen zu können. Ein Aschenbrödel wie die Dorilys war gerade die Richtige. Haben Sie denn die Erstaufführung des Stückes gesehen?«
»Nein.«
»Ach ja; eine dumme Frage … Neunzehnhundertneunzehn!«
»Das Stück ist nicht veraltet«, sagte Jane.
Fanny wendete ihr ein von einem schwarzen Haarscheitel halb verhängtes Auge zu.
»Doch, meine Liebe, wie alle Stücke, selbst die Farous, nach wenigen Jahren. Nur Farou wird nicht alt.«
»Um so besser für Sie«, meinte Jane.
»Für mich und für die kleine Asselin derzeit«, fügte Fanny hinzu.
Sie lachte gutmütig und schälte sich einen saftigen Pfirsich.
Jane deutete mit dem Kinn nach dem »kleinen Farou« hinüber, doch dieser tupfte Zuckerkrümel vom Tischtuch auf, leckte sich die Fingerspitzen ab und schien nichts gehört zu haben.
»Sie verstehen«, begann Fanny Farou aufs neue, »die Asselin hat die Rolle der Suzanne für die Tournee bekommen, weil in diese Tournee auch Deauville, Seebäder und Kasinos inbegriffen sein sollen. Es ist für eine Kasino-Tournee nicht schlecht, wenn man wie die Asselin Autos hat, Liebhaber, Kleider und eine bezahlte Reklame, kurz alles, was das Unternehmen davor bewahrt, Pleite zu machen … Verstehen Sie mich, Jane – Jane, mit dem blassen Gesicht?«
»Ich verstehe.«
Sie war blaß und zerstreut, wie zumeist an vier Tagen von sieben. Hastig entschuldigte sie sich:
»Ich habe schlecht geschlafen, müssen Sie wissen …«
Der »kleine Farou« richtete seine blauen Augen auf Jane, worauf sie nicht gefaßt gewesen war, und sie wendete sich mit dem folgenden Satze, ohne es zu wollen, an ihn:
»Ich glaube, es war eine Ratte hinter der Holzverschalung …«
»Und eine Jalousie war losgegangen, in der Platane schrie ein Käuzchen, den Wind nicht zu vergessen, der hühühü durch die Türritze pfiff, wozu auch noch das Küchenfenster klappte«, setzte Fanny fort. »Was meinst du, Jean? Habe ich noch etwas vergessen?«
Ihr Lachen steckte die beiden anderen an.
»Meine liebe Jane, merken Sie sich ein für allemal, daß Sie das Recht haben, in der Nacht schlecht zu schlafen und dann am Tage müde zu sein. Es ist heiß, man läßt sich gehen, Farou schwitzt, flucht und tobt, und die Asselin hat nichts zu lachen!«
»Ich bewundere …«, begann Jane.
Doch ihr Blick begegnete aufs neue den blauen Augen des »kleinen Farou«, die im strahlenden Mittagslicht ganz farblos schienen, und sie unterbrach sich.
»Kleiner Farou, geben Sie mir die Johannisbeeren, please.«
Er gehorchte eilig, und seine Hand begegnete unter dem Korb aus geflochtenem Silber der Janes. Die krampfhafte Bewegung, mit der er die Finger zur Faust ballte, glich einem geekelten Zusammenzucken, und er errötete so heftig, daß Fanny in Lachen ausbrach.
»Es gibt übrigens um vier Uhr noch eine«, hob Jane nach einer kurzen Pause wieder an.
Fanny, die eben in ihren Pfirsich gebissen hatte, fragte mit feuchtem Munde:
»Eine … was?«
»Eine Post …«
»Ach so!« sagte Fanny und schob mit einem Finger ihren Haarscheitel hoch; »daran hatte ich nicht mehr gedacht. Aber mit dieser Vieruhrpost kommt fast nie etwas aus Paris. Willst du trinken, kleiner Farou?«
»So kurz angebunden?«
»Bitte, Mamie.«
Er errötete, weil er blond war und weil er seine Stiefmutter ein wenig taktlos fand. Dann verfiel er in eine jener jugendlichen Träumereien, während welcher sein wilder Name, Farou, so gut zu ihm paßte wie eine Hütte aus Baumrinde oder ein Negerschurz aus Stroh. Er verlor jeglichen Ausdruck, senkte die Wimpern, öffnete den jungen Mund und verbarg hinter einer gewohnheitsmäßigen Unbeweglichkeit geheime Gier und ein Zartgefühl, das durch ein Wort, ein Lachen aufs heftigste verletzt werden konnte – er war sechzehn Jahre alt.
Der Schatten einer Veranda gestattete, daß bei jeder Mittagsmahlzeit der große Tisch, nachdem man Zeitungen und Handarbeiten von ihm abgeräumt hatte, bis zur Schwelle der Halle geschoben wurde. Am Abend drängten sich, wenn der »große Farou« nach Hause gekommen war, vier Gedecke auf dem abgestoßenen Eisentischchen, das stets auf der Terrasse stand.
»Ich habe zuviel gegessen«, seufzte Fanny Farou, indem sie als erste aufstand.
»Zur Abwechslung«, meinte Jane.
»Dieser Sahnenkäse, ach, meine Lieben! …«
Träge schritt sie zu dem großen Sofa und streckte sich darauf aus. In liegender Stellung wurde sie sehr hübsch. Sie hatte eine weiße Haut, lange schwarze Haare, stark gewölbte, sanfte Augen und volle weiche Lippen; richtig stolz aber war sie nur auf ihre kurze, silbrig-zarte Nase mit den schön gerundeten Nasenlöchern.
»Fanny Farou, Sie werden zu dick werden«, drohte Jane, die neben ihr stand.
Sie wechselten einen Blick schalkhafter Selbstsicherheit. Die eine, Liegende, wußte, daß sie schön war, sie zeigte, zurückgelehnt, ihre reizende Nase und das weiche Kinn einer leidenschaftlichen und allzu gutmütigen Frau. Die andere reckte stehend einen schönen schlanken Körper empor und einen Kopf, der von blonden Haaren gekrönt war, wenn man die Farbe feiner Asche, ein wenig goldig am Nacken, silbrig an den Schläfen, als blond bezeichnen kann. Von einer aufrichtigen und körperlichen Zuneigung erfaßt, beugte sich Jane vor, stopfte ein Leinenkissen unter Fannys Nacken und bedeckte ihre langen, trägen Arme und ihre nackten Knöchel mit steifem Tüll.
»So! Nun rühren Sie sich nicht mehr, sonst kriechen die Fliegen unter den Tüll … Schlafen Sie, Fanny, Sie Faule, Sie Unverbesserliche, Sie Gefräßige – aber nicht länger als eine halbe Stunde!«
»Und was wollen Sie bei dieser Hitze machen, Jane? … Wo ist Jean? … Er sollte, solange die Sonne so hoch steht, nicht … Ich werde es seinem Vater sagen …«
Durch den plötzlichen Schlaf der Vielesser bezwungen, murmelte Fanny die letzten Worte und schwieg dann. Jane betrachtete einen Augenblick lang das entspannte Gesicht, seine Form, seine südländische Färbung, und entfernte sich.
Zum Rhythmus ihres heftig arbeitenden Herzens gebar Fanny einen banalen und unverständlichen Traum: sie sah die Halle, die Terrasse, das wasserlose Tal, die vertrauten Bewohner der Villa; doch drohend emporsteigende dunkelviolette Gewitterwolken erfüllten Tiere und Menschen und selbst die Landschaft mit Angst. Eine traumhafte Jane stand unter der Veranda, blickte in die leere Allee unterhalb der Terrasse hinab und weinte. Mit einem Ruck erwachte Fanny, setzte sich auf und drückte beide Hände gegen ihren schwachen Magen. Vor ihr unter der Veranda stand müßig und unbeweglich die wirkliche Jane; beruhigt wollte Fanny sie rufen, doch Jane neigte den Kopf und stützte die Stirn an die Fensterscheibe: bei dieser schwachen Bewegung löste sich eine Träne von ihren Wimpern, rollte über ihre Wange, glitzerte am flaumigen Rand der Lippe und fiel auf die Bluse hinab, wo zwei Finger sie vorsichtig auffingen und wie eine Brotkrume zerdrückten. Fanny legte sich wieder nieder, schloß die Augen und schlief aufs neue ein.
»Mamie! die Post!«
»Wie? ist es schon vier Uhr? Seit wann schlafe ich denn? Und warum hat Jane … Wo ist Jane?«
»Hier auf der Leiter«, antwortete die hohe verschleierte Stimme, die »Farou der Große« die Engelsstimme nannte.
Durch Schlaf und Traum verstört, spähte Fanny in die Lüfte nach Jane, als ob sie einen Vogel suchte, und Jean brach ausnahmsweise in ein Lachen aus.
»Was gibt's denn zu lachen, du Affe? Stell dir vor, im Augenblick, da du mich aufwecktest, träumte ich, daß …«
Doch sie wurde sich endlich bewußt, daß ein großer weißer Brief in der Hand Jeans vor ihren Augen herumtanzte; lebhaft griff sie danach.
»Fort mit dir, Bote! Aber nein, bleib da, mein kleiner Jean; es ist ein Brief von unserem Farou, meine Lieben …«
Sie las mit einem Auge, da das andere von dem Scheitel schwarzer Haare bedeckt war. Ihr hochgeschobenes weißes Kleid spannte über ihren Brüsten, und sie bot den Blicken der andern jene ein wenig unordentliche, aber völlig harmlose Schönheit dar, die ihr ein leicht kreolisches Aussehen verlieh, eine Ähnlichkeit mit George Sand, wie Farou behauptete. Sie hob die Hand, um Aufmerksamkeit zu erbitten.
Nach den Proben von gestern und vorgestern«, las sie, »habe ich allen Grund zu glauben, daß die Truppe ausgezeichnet sein und › Die Wohnung ohne Frau‹ auf dieser Tournee besser gespielt werden wird als bei der Erstaufführung. Die kleine Asselin …« – Aufgepaßt, Jane! – »Die kleine Asselin setzt alle Welt in Erstaunen, selbst mich. Wir arbeiten vortrefflich miteinander. Szenen, Nervenkrisen, Verzückungen und alle anderen Scherze haben wir abgestellt – es war, weiß Gott, an der Zeit. Ach! meine liebe Fanny, wenn die Frauen wüßten, wie unausstehlich ein Mann sie finden kann, wenn er keine Lust hat, die Ursache ihrer Tränen noch die ihres Glückes zu sein! …«
Fanny schob ihren Haarscheitel mit dem Finger in die Höhe und schnitt eine komisch empörte Grimasse:
»Hören Sie, hören Sie, Jane – Jean, laß uns allein –, das sieht geradeso aus, als ob der arme Farou sich – wie soll ich mich ausdrücken? – aufgeopfert hätte?«
»Das sieht geradeso aus«, wiederholte Jane.
Sie setzte sich neben die Freundin auf das Sofa und strich ihr mit sanfter Hand die Frisur zurecht, ordnete den feinen bläulichen Scheitel, der die schwarzen Haare über der linken Wimpernreihe teilte.
»Wie unordentlich Sie wieder sind! Und die Falten des Rockes ganz verknittert … Ich habe dieses Kleid satt; morgen bringe ich einen schönen gelben Stoff aus der Stadt mit, oder einen blaßblauen, und zur Rückkehr Farous am Sonnabend haben Sie ein neues Kleid.«
»Ja?« fragte Fanny gleichgültig. »Meinen Sie, daß das notwendig ist?«
Sie betrachteten einander. Die runden schwarzen Augen mit den dichten Wimpern blickten fragend in die grauen der blonden Freundin. Jane schüttelte den Kopf:
»Ach! ich bewundere Sie, Fanny … Sie sind wirklich erstaunlich.«
»Ich? Nicht daß ich wüßte!«
»Jawohl, erstaunlich. Ohne zusammenzuzucken, ohne Unwillen, ja selbst ohne irgendwelchen Hochmut gestehen Sie sich ein, daß Farou sich … aufgeopfert hat.«
»Ich muß wohl«, meinte Fanny. »Wenn ich es mir nicht eingestünde, wäre damit irgend etwas anders? Nicht das geringste.«
»Ja … ja … Aber trotzdem, ich muß sagen …«
»Daß Sie an meiner Stelle nicht zum Spaßen aufgelegt wären?«
»Das wollte ich nicht gerade sagen«, meinte Jane ausweichend.
Sie stand auf und ging zur Terrasse, um sich zu vergewissern, daß »Farou der Kleine«, der imstande war, zu verschwinden wie eine Schneeflocke auf einer warmen Fensterscheibe, nicht horchte.
»Ich finde, Fanny, wenn ein Mann, der mir gehört, der mich zu seiner Frau gemacht hat … Zu erfahren, daß dieser Mann sich irgendeine Theaterhure beigebogen hat, und philosophisch zu folgern: ›er hat sich eben aufgeopfert‹ und ›der Beruf bringt das mit sich‹ – ich muß schon sagen, nein, nein … Ich bewundere Sie, aber … ich könnte das niemals!«
»Ausgezeichnet, Jane. Glücklicherweise verlangt niemand von Ihnen, es zu können.«
Jane stürzte zu Fanny hin und kauerte sich vor ihr auf den Boden.
»Fanny, Sie sind mir doch nicht böse? An manchen Tagen bin ich ungeschickt, schlecht, unglücklich. Sie kennen mich ja, Fanny …«
Sie rieb ihre Wangen und ihre sehr kleinen rundlichen Ohren an dem weißen Kleid und suchte mit der Stirn die Hand der Freundin.
»Sie haben so schöne Haare, meine kleine Jane«, murmelte Fanny.
»Sie sagen das, als ob es mir zur Entschuldigung dienen könnte!«
»In gewisser Hinsicht, Jane, in gewisser Hinsicht. Ich kann einer Jane mit so schönen Haaren nicht böse sein. Ich kann auch mit Jean nicht zanken, wenn seine Augen sehr blau sind. Sie, Jane, Sie sind über und über mit einem silbernen Aschenstaub bedeckt, die Haare, die Haut, die Augen, mit einem feinen silbernen Staub, mit Mondenflimmer, mit …«
Jane wendete ein erregtes, von plötzlichen Tränen überströmtes Gesicht zu ihr empor und rief:
»Ich habe nichts Schönes an mir! Ich tauge nichts! Ich verdiene, daß man mich verabscheut, daß man mir die Haare schert und mich prügelt!«
Sie ließ den Kopf wieder auf Fannys Knie fallen und schluchzte heftig, während die ersten Schläge eines Gewitters zu rollen begannen, von Gipfel zu Gipfel der niederen Berge im Echo wiederholt.
›Sie hat ihre Krise‹, dachte Fanny geduldig. ›Das kommt von der Gewitterluft.‹
Jane beruhigte sich rasch, zuckte die Achseln, um sich über sich selbst lustig zu machen, und schneuzte sich diskret.
›Immerhin‹, überlegte Fanny, ›sie hat »Theaterhure« und »sich beibiegen« gesagt. Niemals noch habe ich sie ein dialektisches oder ein gemeines Wort benützen hören. Ein Sprachvergehen in ihrem Munde bedeutet soviel wie eine gewalttätige Gebärde. Eine gewalttätige Gebärde bei diesem Wetter! … Sonderbar.‹
»Was machen wir bis zum Abendessen?«
Jane, die immer noch in der Haltung einer Bittstellerin zu den Füßen Fannys kniete, hob die Stirn:
»Wollen Sie nicht in die Stadt kommen und beim Bäcker Tee trinken? Wir können zu Fuß zurückgehen.«
»Oh!« rief Fanny entsetzt.
»Nein? Sie werden zu dick, Fanny!«
»Ich werde immer dick, wenn es heiß ist und ich mehr als zehntausend Francs in der Kasse habe. Aber Sie kennen mein Leben gut genug, Jane, um zu wissen, daß ich immer wieder Gelegenheit habe, abzumagern.«
»Ja … Soll ich Ihnen die Haare waschen? Nein, das wollen Sie nicht. Sollen wir die roten und die schwarzen Johannisbeeren, die vom Mittagessen übrig sind, ausdrücken? Eine Handvoll Zucker, ein wenig Kirsch, wir schütten den Saft über den Kuchen von vorgestern, der sich damit vollsaugt, servieren dazu einen Topf frischer Sahne, und so haben wir am Abend eine ganz neue Nachspeise, die zudem nichts kostet.«
»Wie in einer Familienpension«, sagte Fanny voll Abscheu. »Ich habe aufgefrischte Reste nicht gern.«
»Ganz wie Sie wollen, liebste Fanny! Möge Gott Sie auch ferner vor Familienpensionen bewahren, in denen ich tatsächlich eine Menge nützlicher Dinge gelernt habe …«
Die Sanftheit des Vorwurfs schien Fanny zu entwaffnen. Sie erhob sich, auf Janes Schulter gestützt.
»Übrigens«, rief sie, »frische Sahne, Johannisbeersaft, ja, das lockt mich eigentlich! Unter einer Bedingung, Jane …«
»Mir wird bange …«
»Daß Sie sich ganz allein um dieses kulinarische Kunstwerk kümmern. Ich hingegen will Farou ein paar Zeilen schreiben, in mein Zimmer hinaufgehen und mich kalt abwaschen und …«
»Und? …«
»Und weiter nichts. Das ist ohnehin ungeheuer viel!«
Stehend erschien sie kleiner als im Liegen. Es fehlte ihr an wehrhafter Koketterie. Sie rollte ihre schönen Hüften selbstzufrieden wie eine Frau aus dem Volke. Jane blickte ihr nach. »Fanny, wann werden Sie sich entschließen, einen Hüfthalter zu tragen?«
»Das hängt von der Temperatur ab, mein Kind. Bei fünf Grad über Null trage ich einen Hüfthalter. Schauen Sie auf das Thermometer und geben Sie acht, daß die frische Sahne bis heute abend nicht sauer wird. Ich esse sie so gerne …«
Jane war ihr nachgegangen, zog ihr den Saum des Rockes zurecht und steckte ihr mit leichter Hand eine Strähne ihrer langen schwarzen Haare auf.
»Schön, böse Fanny. Alles wird heute abend in Ordnung sein. Ich werde sogar versuchen, Jean zum Essen herbeizutreiben, indem ich auf eine Kasserolle klopfe, wie man es in den Bauernhöfen tut, wenn man die Hühner füttern will. Was Sie Ihrer Freundin alles zu tun geben!«
Sie lachte ungezwungen und begann sofort damit, verwelkte Blütenblätter vom Tischtuch aufzusammeln, Krümel fortzublasen, einen Aschenbecher auszuleeren …
›Meine Freundin? … Ja, sie ist meine Freundin. Trotzdem ist Freundin vielleicht etwas zuviel gesagt …‹, dachte Fanny, während sie Stufe für Stufe die Treppe hinaufstieg. ›Wer hat mir je so viel Freundschaft bezeigt? Niemand. Sie ist also meine Freundin, eine wirkliche Freundin. Aber es ist merkwürdig, daß ich Jane in Gedanken nicht meine Freundin nenne …‹
Sie warf ihre Kleider ab, sowie sie in dem ehelichen Schlafzimmer allein war. Die obersten Zweige der Bäume berührten den Balkon und kratzten nachts an den geschlossenen Fensterläden. Der nachlässige Hausbesitzer hatte seit zwei Jahren nicht daran gedacht, die Bäume stutzen zu lassen, und die große Lichtung in dem Blätterwerk schloß sich allmählich. Von Bäumen bepflanzt und hügelig, atmete die Gegend die Melancholie einer wasserlosen Landschaft aus. Kein Fluß, das Meer viele Meilen weit entfernt; kein See spiegelte die Weite des Himmels. Die Fassade des Hauses mit der am Morgen sonnenbeschienenen Terrasse nahm um zwei Uhr nachmittag ihr wirkliches Gesicht an, von Balken, Schutzdächern und schokoladefarbigen Fensterläden durchkreuzt; der gegenüberliegende Hügel beleuchtete durch Widerstrahlung all dies mit einem falschen Licht, das traurig die Sonne nachahmte. Nur dürftig mit einem Hemd bekleidet, betrachtete Fanny, auf das Balkongitter gestützt, eine Landschaft, die sie das Jahr zuvor bei der Heimreise nie mehr wiederzusehen geglaubt hatte.
›Farou hat es gewollt‹, dachte sie. ›Zwei Sommer hintereinander in derselben Gegend, das ist uns noch nicht oft geschehen. Aber wenn es Farou hier gefällt …‹
Sie wendete sich um und blickte in das Zimmer hinter sich, das geräumig war wie eine Tenne und im Schatten der halb geschlossenen Fensterläden noch größer aussah.
›Alles ist hier zu groß. Wie soll man da mit zwei Dienstleuten …? Wenn Jane nicht hier wäre, könnte man auf und davon laufen.‹
Sie horchte auf den Schritt unten in der Halle, der keine Müdigkeit verriet.
›Sie ist erstaunlich. Bei dieser Hitze! Und so nett ist sie, wenn man von ihren Empfindlichkeitskrisen absieht. Ein ganz klein wenig zu nützlich für eine Freundin … Ja, das ist es: ein ganz klein wenig zu dienstbeflissen …‹
Sie erblickte in einem Spiegel ihr Bild: dunkel und nachlässig, die Hände in die Hüften gestützt, die Haare herabgeglitten; und sie schalt:
›Wie sehe ich aus! Und Jane eine zu nützliche Freundin zu nennen! Ich, die ich nicht einmal die Manuskripte Farous auf der Maschine tippen kann!‹
Sie stürzte sich ins kühle Wasser, als ob sie damit eine hausfrauliche Leistung vollbrächte, frisierte sich, zog ein lila geblümtes Sommerkleid an, das aus dem Vorjahre stammte, und setzte sich zum Schreiben hin. Sie fand einen Bogen weißen Papiers und einen gelben Geschäftsumschlag, war damit ohne weiteres zufrieden und begann ihren Brief an Farou:
›Lieber Großer Farou,
indem ich ein bis zwei kleinen Asselins die Mühe überlasse, Dein Leben angeregt zu gestalten, fasse ich in zwei Worte zusammen, was es von uns zu berichten gibt: nichts Neues. Wir erwarten Dich. Die emsige Jane grübelt über ausgewählten Speisen; der kleine Farou schmachtet, seinem Aussehen nach zu schließen, immer noch als ein Gefangener in dem unbequemsten aller Lebensalter; und was schließlich Deine faule Fanny anbetrifft …‹
Ein englisches Liedchen klang von der Terrasse herauf.
›Aha!‹ dachte Fanny, ›heute scheint Jane den Tag zu haben, an dem sie sich nach Davidson zurücksehnt.‹
Beschämt warf sie sich diesen scherzhaften Einfall vor, gleich darauf ergötzte sie sich daran.
›Es ist doch gar nicht so schlimm, was ich da gedacht habe! An den Tagen, da Jane an Davidson denkt, singt sie englisch. Ist Meyrowicz an der Reihe, ruft sie Jean Farou herbei: »Kommen Sie her, Jean, ich will Ihnen einen polnischen Volkstanz zeigen!« Und wenn ihre Gedanken bei Quéméré verweilen, ergeht sie sich in Erinnerungen an Pferde, erzählt sie mit melancholischer Zärtlichkeit von einer gewissen bretonischen Stute, die gescheckt und sehr satteltief war …‹
Sie puderte sich noch einmal das Gesicht und beobachtete, wie auf dem nächsten Hügel der Schatten eines anderen Hügels emporstieg.
›Traurig ist diese Gegend. Was wohl Farou daran schön finden kann? Zwei Sommer nacheinander an demselben Ort zu verbringen, das habe ich in zwölfjähriger Ehe noch nicht erlebt. Es ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen, wie traurig es hier ist. Nächsten Sommer …‹
Doch bei dem Gedanken daran, was in zwölf Monaten sein werde, verlor sie den Mut.
›Erst müssen wir sehen, ob das Stück fertig wird; und ob Farou im Vaudeville weiter Erfolg hat. Aber wenn Atalante im Herbst vom Théâtre Français wieder aufgenommen wird … Ach! ich will lieber nicht an diese Dinge denken, das ist am gescheitesten.‹
Sie kannte keine andere Weisheit.
›Das wichtigste ist, daß Farou hierher zurückkehrt, um seinen dritten Akt zu beenden. Wir sind auch alle ganz verloren, wenn er nicht da ist …‹
Ein stummer Windhauch bewegte die Zweige, die den Balkon berührten, und ließ die weiße Kehrseite der Lindenblätter sehen. Fanny beendete ihren Brief und trat dann auf den Balkon hinaus. Ihre Haare lagen schlaff um ihren Kopf, das Kleid war über die eine Schulter hinuntergeglitten. Sie stützte die Ellbogen auf das Balkongitter. Unter ihr stand Jane mit verschränkten Armen an der niedrigen Mauer der Terrasse und blickte ebenfalls in die Landschaft der Franche-Comté hinaus, der es an einem Fluß, an einem Teich, an dem Lächeln des Wassers, an verkehrten Spiegelungen, an dem Duft sumpfiger und mit Blumen bedeckter Ufer mangelt. Fanny stieß einen modulierten Ruf aus, der zu dem hübsch frisierten runden Kopf hinabdrang, dem Kopf mit den aschfarbigen, golddurchsponnenen kurzen Haaren. Jane bog den Nacken zurück, ohne sich umzuwenden, in der Art, wie es die Katzen tun.
»Ich wette, Sie haben wieder geschlafen?«
»Nein«, sagte Fanny, »nicht einmal. Diese Gegend widert mich an, denken Sie sich nur.«
Jane geriet in Bewegung. Sie lehnte sich halb sitzend an die Mauerbrüstung.
»Aber nein, das ist doch nicht möglich! Seit wann denn? Haben Sie das Farou gesagt? Könnten Sie nicht …«
»Mein Gott, Jane, nicht so aufgeregt! Kann ich nicht eine so einfache Meinung äußern, ohne daß Sie außer sich geraten, unzusammenhängende Worte sprechen und sich gebärden, als wollten Sie mit dem Kopf gegen die Wand rennen?«
Sie lachte, über das Balkongeländer gebeugt, und schüttelte eine Fahne schwarzer Haare, die ihr auf die Schulter herabhing.
»Mes longs cheveux descendent jusqu'au bas de la tour«, sang Jean Farou, der den steilen Abhang zur Terrasse heraufkam.
»Da haben wir einen«, rief Fanny, »der jetzt schon so falsch singt wie sein Vater!«
»Aber er hat nicht die Stimme des Großen Farou«, meinte Jane. »Jean versuchen Sie doch einmal, so wie der Große Farou, wenn er heimkommt, zu sagen: ›Ach! all die Frauen! Was habe ich doch Frauen in meinem Hause! …‹«
Jean ging, ohne zu antworten, an ihr vorüber und verschwand in der Halle; mit einem Kopfschütteln blickte Jane zum Balkon des ersten Stockes hinauf:
»Der hat mir einen Blick zugeworfen! Der junge Herr versteht keinen Spaß!«
»In seinem Alter versteht man keinen Spaß«, sagte Fanny nachdenklich. »Ohne es zu wollen, verletzen wir dieses Kind hundertmal am Tage.«
Sie hörte Schritte auf der Treppe und rief:
»Jean!«
Der Junge öffnete die Tür des Zimmers und blieb auf der Schwelle stehen:
»Mamie?«
Er trug, ohne daß es sein Aussehen beeinträchtigt hätte, ein recht jämmerliches Sommergewand, ein verwaschenes Tennishemd, eine zu kurze weiße Leinenhose, die an den Knien grünlich schimmerte, einen Gürtel und Leinenschuhe, die der Sohn des Hausmeisters verschmäht hätte. Er wartete darauf, daß Fanny spreche, öffnete den Mund halb, um zu atmen, und ließ seine Stiefmutter sein Gesicht betrachten, das sonngebräunte, reine, bewegliche und undurchdringliche Gesicht eines sechzehnjährigen Kindes.
»Wie du aussiehst! … Woher kommst du?«
Er wendete den Kopf gegen das Fenster, um anzudeuten, daß er von draußen komme, aus der Weite der Landschaft, aus dem Violett des Schattens, dem Grün der Wiesen … In seinen blauen Augen leuchtete ein fast wildes tierisches Leben, doch sie gaben nur ihre Bläue, ihren Glanz preis. Unten nahm Jane ihr englisches Liedchen wieder auf, und Jean Farou ging, nachdem er die Tür heftig hinter sich geschlossen hatte, in sein eigenes Zimmer.
›Der närrische Wildling‹, dachte Fanny. ›Da ist er also in Jane verliebt. Das wäre ganz in Ordnung, wenn sie nur ein bißchen netter mit ihm sein wollte.‹
Das Abendbrot versammelte alle drei auf der Terrasse. In Farous Abwesenheit zeigten Fanny und Jane eine recht schwankende Laune, und Jean Farou bewahrte, ob nun sein Vater anwesend war oder nicht, ein unduldsames Schweigen, das er nur selten brach.
»Merkwürdig«, sagte Fanny, indem sie den Kopf gegen den weißen Himmel hob, »wie wenig anziehend das Ende des Tages hier ist. Die Sonne geht irgendwo dahinten unter, für andere …«
»Die Berge haben ein eintöniges Gesicht«, sagte Jane.
»Maeterlinck«, murmelte Jean Farou.
Die beiden Frauen lachten, und der kleine Farou warf ihnen einen bösen Blick zu.
»Ich habe genug von eurer kläglichen Heiterkeit«, rief er und verließ den Tisch.
Fanny zuckte die Achseln und folgte ihm mit den Augen.
»Er wird unmöglich«, sagte Jane. »Wie können Sie erlauben, Fanny …«
»Pst, Jane! … Sie verstehen das nicht.«
Sie schüttelte den Kopf, und ihre weichen Haare bewegten sich auf ihrer Stirn und über den kleinen, fast runden Ohren. Wenn sie Fanny überzeugen wollte, öffnete sie ihre grauen, ein wenig goldig gesprenkelten Augen weit und hob die Oberlippe, um vier kurze weiße Zähne zu zeigen. Fanny jedoch achtete nicht auf den Ausdruck in Janes Gesicht, den sie als ihre ›kindliche Miene‹ zu bezeichnen pflegte. Sie rauchte ohne Vergnügen und drückte in versteckter Feindseligkeit ihre Zigarette mit dem Daumen aus.
»Nein, Jane, sagen Sie mir nicht immer wieder, daß ich gut sei. Und glauben Sie mir, Sie verstehen dieses Kind nicht im geringsten.«
»Und Sie?« fragte Jane.
»Ich wahrscheinlich auch nicht. Alles, was ich weiß, ist, daß wir den kleinen Farou oft unglücklich machen. Besonders Sie. Denn er ist in Sie verliebt, selbstverständlich. Und Sie behandeln ihn manchmal mit einer Gleichgültigkeit, die ein wenig hart ist.«
»Er fängt früh an, wahrhaftig!«
»Mein Gott, Jane, wie entrüsten Sie sich doch so leicht! Sie sind hübsch, und mein Stiefsohn ist sechzehn Jahre alt. Ich weiß sehr gut, daß Jean sich niemals getrauen würde, Ihnen eine Liebeserklärung zu machen, ja daß er vielleicht niemals den Wunsch haben wird, es zu tun …«
»Ich möchte es ihm auch nicht geraten haben.«
Jane erhob sich und stützte sich auf die niedrige Mauer der Terrasse.
›Na, jetzt hab' ich's‹, dachte Fanny. ›Sie hat mir sehr trocken geantwortet und wird mir nun womöglich von der Erziehung der englischen Jünglinge erzählen. Es scheint heute wirklich der Tag Davidsons zu sein.‹
Jane aber zeigte, als sie sich wieder umwandte, das lachende Gesicht eines Kindes von ungefähr dreißig Jahren und rief:
»Meinen Sie nicht, Fanny, daß es aufreizend ist, wenn man seit Wochen rings um sich keinen einzigen Gegenstand findet, der sich kalt oder doch wenigstens kühl anfühlte? Die Mauern sind um Mitternacht noch heiß, das Silbergeschirr ist lauwarm, und die Fliesen … Es macht einen müde …«
»Wer trägt die Schuld? Dieser verflixte Farou … Er will sein Stück durchaus hier beenden.«
»Sie hätten sich wehren müssen, Fanny, sich selbst und uns allen zuliebe! Auch der Diener kann sich vor Mattigkeit kaum auf den Beinen halten …«
Sie runzelte die Stirn mit den aschblonden, durch einen feinen Kohlestrich ein wenig verstärkten Augenbrauen und blickte streng in die Landschaft hinaus, die in der trockenen Abendluft einzuschlummern begann.
»Sie sagen ja und immer nur ja … Und wenn es Ihnen noch etwas nützte, Ihr ewiges sklavenhaftes ›Ja, mein Lieber‹ … Ach, die Frauen, wahrhaftig …«
»Kss … Kss …«, zischte Fanny.
Jane schwieg und errötete auf ihre Weise, das heißt, ihr sonngebräuntes Gesicht wurde noch ein wenig dunkler.
»Ich mische mich in Dinge ein, die mich nichts angehen, ich weiß schon …«
»Oh, das stört mich nicht im geringsten.«
Fanny wurde sich im nachhinein bewußt, daß eine so doppelsinnige Absolution Jane verletzen könnte, und fügte hinzu:
»Jane, seien Sie doch nicht so spöttisch gegen den kleinen Farou. Er ist sechzehn Jahre alt. Das ist schwer für einen jungen Burschen.«
»Ich war auch einmal sechzehn Jahre alt. Und niemand hatte Mitleid mit mir.«
»Sie waren aber ein Mädchen. Das ist etwas ganz anderes. Und übrigens«, fuhr Fanny als Antwort auf einen pathetischen Blick fort, »auch Sie haben schließlich aus Verzweiflung in diesem Alter oder ein wenig später einem Vorübergehenden über die Mauer hinweg eine Rose zugeworfen …«
»Das ist wahr, sehr wahr«, stimmte Jane, plötzlich gerührt, zu. »Sie haben, wie immer, recht, Fanny … Ich sage Ihnen ja, ich bin böse, schlecht, unlogisch …«
Sie drückte die Schultern Fannys an sich, lehnte ihre Wange an die nachlässig aufgesteckten schwarzen Haare und wiederholte:
»Ich bin schlecht … schlecht …«
»Aber warum denn?« fragte Fanny, die selten ob einer höflichen Lüge in Verlegenheit geriet.
Jane kehrte ein naives Gesicht gegen den rosigen Himmel und zeigte vier kleine Zähne:
»Was weiß ich! … Das Leben hat mich nicht verwöhnt … Alter Groll, der seine häßliche Schnauze erhebt … Liebe, liebe Fanny, helfen Sie mir … Und erzählen Sie Farou nicht, daß ich so … so unerträglich war in seiner Abwesenheit …«
Sie blieben, bis es dunkel wurde, Schulter an Schulter nebeneinander, sprachen wenig, zeigten mit dem Finger nach einer Fledermaus, nach einem Stern, horchten auf den leisen kühlen Windhauch in den Bäumen und dachten an den rötlichen Sonnenuntergang, den sie nie zu sehen bekamen, es sei denn, sie stiegen auf den gegenüberliegenden Hügel.
Unterhalb der Terrasse knirschte der Kies. Folgsam rief Jane:
»Hello, Jean Farou!«
»Ja«, antwortete eine rauhe junge Stimme.
»Wollen wir eine Platte spielen? Oder eine Patience legen?«
»Gut … Ja … Wie Sie wollen«, erwiderte die trotzige Stimme.
Aber er lief so schnell herbei, daß Fanny erschrak, als sie ihn plötzlich ganz dicht vor sich sah, weiß bis auf Gesicht und Arme und von jenem tragischen Nimbus umgeben, der der Jugend eigen ist.
Jane faßte ihn brüderlich unter dem Ellbogen und führte ihn zu dem Spieltisch, dessen mottenzerfressenes grünes Tuch nach Schimmel und alten Zigarren roch.
»Hello, Boy!«
›Ganz entschieden ist heute der Tag Davidsons‹, dachte Fanny zufrieden.
Hören Sie!«
»Ich höre.«
»Ist es immer noch die Szene mit den gestohlenen Briefen?«
»Ich denke, ja. Gestern früh gibt er mir fünfzehn Seiten abzutippen. Fünf Minuten später nimmt er sie mir wieder weg, und das in einer Art … in einer Art! …«
»Ich weiß«, sagte Fanny lachend. »Als ob Sie ihm den Knochen weggenommen hätten, an dem er nagte. Was kann man machen? Er gebiert eben nur unter Blitz und Donner. Wie finden Sie die ersten zwei Akte?«
»Wunderbar«, sagte Jane.
»Ja«, meinte Fanny nachdenklich. »Es ist beunruhigend.«
Ein Murmeln, wie bei der Messe, wie das einer betenden Menge, wie zu Beginn eines Aufstandes, drang aus dem Hause. Wenn es schwieg, konnte man in den Lüften einen ernsten Antwortgesang hören; das Summen der letzten Bienen, die in den Wipfeln der Linden und im Efeugerank an der Arbeit waren. Ein heiserer Aufschrei unterbrach den undeutlichen Meßgesang, der hinter den halb geöffneten Fensterläden gesungen wurde; doch die beiden Frauen erschraken nicht, ebensowenig Jean Farou, der sich auf einem geflochtenen Liegestuhl hingestreckt hatte und ein Buch zwischen den müßigen Händen hielt.
»Es ist immer dieselbe Szene: Branc-Ursine wird dabei ertappt, wie er die Lade aufbricht«, sagte Fanny. »Wenn erst zwei Farous Stücke schreiben und vor sich hin sprechen werden, wohin sollen wir uns dann flüchten?«
Die verschleierten blauen Augen Jeans leuchteten auf.
»Ich werde niemals Stücke schreiben, Mamie, niemals.«
»Es ist leichter, darauf zu verzichten, als es zu versuchen«, warf Jane ein.
»Zu verzichten ist nicht immer am leichtesten«, sagte Jean.
Er errötete, weil er diese Entgegnung gewagt hatte, und Fanny sah, wie unter dem Ohr des jungen Burschen, den nackten Hals entlang, das Blut schneller schlug.
»Jane, müssen Sie Ihren kleinen Freund denn immerfort necken?«
»Ich necke ihn gern«, sagte Jane gut gelaunt. »Es steht ihm so gut. Neulich einmal, ich weiß nicht mehr, wann es war, sah er allerliebst aus mit einer Träne zwischen den Wimpern …«
Sie drohte ihm fröhlich mit einer Hand, an der ein silberner Fingerhut glänzte. Fanny hob die Stirn mit dem Band aus seidigen schwarzen Haaren:
»Wie! er auch?«
»Er auch?« wiederholte Jane. »Was soll das heißen, Fanny, erklären Sie!«
Sie lachte, nähte und warf einen glücklichen Blick aus ihren grauen, bernsteingesprenkelten Augen rings um sich; ein goldener Kreis der untergehenden Sonne bewegte sich auf ihren Haaren, und sie schien den wenig anziehenden Sommerabend, der nach erhitztem Granit roch, freudig zu ertragen.
»Neulich einmal«, sagte Fanny … »Wartet, es war ein Tag, an dem ein Brief Farous kam, und wir wußten ebensowenig wie er, daß er so bald hierher zurückkehren würde …«
»Mittwoch«, sagte Jean, ohne aufzusehen.
»Vielleicht … Ich hatte nach dem Mittagessen geschlafen, und als ich aufwachte, sah ich Sie hier unter dieser Veranda stehen … Eine Träne hing an Ihren Wimpern, sie lief Ihnen über die Wange herab, und Sie fingen sie zwischen zwei Finger auf, wie eine kleine Erdbeere oder ein Reiskörnchen …«
Indes Jane zuhörte, verwandelte sich ihr Lächeln in schmollende Spitzbüberei, schließlich in schmeichlerischen Vorwurf. Sie wies mit dem Kinn nach Jean Farou hinüber.
»Fanny, Fanny, geben Sie meine kleinen Geheimnisse, die Schwankungen meiner Laune doch nicht einem Zuhörer preis, der so …«
Sie schwieg plötzlich, und auf ihrem Gesicht malte sich Verblüffung. Als Fanny den Kopf wandte, sah sie ihren Stiefsohn mit offenem Munde dastehen, als wolle er einen Schrei ausstoßen. Er hob die Arme zum Himmel und stürzte dann hastig davon, die Treppe der Terrasse hinunter.
»Was … Was hat er denn?«
»Ich weiß nicht«, sagte Jane. »Er hat die Arme zum Himmel gehoben, Sie haben es doch gesehen?, und ist davongerannt.«
»Er hat mir einen Schrecken eingejagt …«
»Aber nein! weshalb denn?« sagte Jane.
Sie nahm ihren Fingerhut ab und zupfte sorgfältig die Fäden von ihrem Kleid.
»Er ist eben, wie man in seinem Alter ist«, fuhr sie fort. »Von übertriebener Romantik. Das wird vergehen.«
»Glauben Sie? …«
Fanny faltete mechanisch ein Stück ungebleichter Leinwand zusammen, ein Deckchen, auf das sie mit großen ungeschickten Stichen rote Blumen stickte. Sie schritt an die Mauerbrüstung, beugte sich vor und rief:
»Jean, bist du da?«
Eine leicht spöttische Stimme klang, die ihre nachahmend, herauf:
»Wolf, bist du da?«
»Dummer Kerl!« schrie Fanny, »dich krieg ich noch am Wickel! Gebärdet sich wie der erste Liebhaber auf der Bühne! Hol dich der Kuckuck! Du Schmierenkomödiant …«
Ohne ihre Rede zu beenden, richtete sie sich auf und schwang ihre schönen Hüften herum, die nach Aussage des Großen Farou aus besseren Zeiten stammten. Sie hatte die Stimme ihres Gatten in nächster Nähe ertönen gehört.
»Nun also, da ist er ja fertig geworden«, sagte sie hastig zu Jane.
»Für heute …«, meinte Jane zweifelnd.
Eine auf die Schulter der anderen gestützt, betrachteten sie Farou, der sich näherte. Er ging schläfrigen Schrittes und tauchte langsam aus seinem Arbeitstage empor, in dessen Verlauf er, seinen dritten Akt vor sich hin murmelnd, brummend oder laut brüllend, mit gedankenloser Hand Kragen, Jacke – aus Shantungseide –, Krawatte und Weste von sich geworfen hatte. Er trug sechs Fuß über dem Erdboden ein angegrautes Haupt, gelocktes Haar, das sich, in die Stirn fallend, mit den Brauen mischte und seine gelben Augen beschattete. Groß, müde, kräftig, häßlich vielleicht, aber sicher zu gefallen, ging er gewöhnlich einher, als ob er in die Schlacht oder zu einer Feuersbrunst wolle, und wenn er durch das Dorf schritt, um sich Zigaretten zu kaufen, riefen die Mütter erschreckt ihre Kleinen zu sich heran. Er betrachtete die Frauen, ohne sie zu sehen, und kaute an einer Rose. Er befand sich immer noch in dem dunklen und prächtigen Boudoir, in dem der Staatsanwalt Branc-Ursine sich so weit vergaß, daß er einen Schreibtisch aufbrach und Briefe stahl, die die schöne Madame Houcquart, die Mätresse, die er nicht mehr liebt, zugrunde richten sollen.
»Schöner Farou!« rief Fanny zärtlich.
Die sanftere Stimme Janes wiederholte, zum Spaß im selben Tonfall: »Schöner Farou!«
So getreu war die Nachahmung, daß Fanny ihr erstaunt wie einem Echo lauschte.
Erweckt durch den doppelten Ruf und durch ein spanisches Geißblatt, dessen mächtiger Duft ihm den Weg versperrte, blieb Farou stehen und begann sein gewohntes Liedchen zu singen:
»Ach! all die Frauen! All die Frauen! Was habe ich doch Frauen in meinem Hause!«
Er gähnte, schien vollends zu erwachen und die Welt rings um sich aufs neue zu entdecken. Er zog seine Hose aus Shantungseide höher und kratzte sich am Kopfe. Er war ohne Arg und Koketterie, glücklich zumeist und jung mit seinen achtundvierzig Jahren, wie es Männer sind, die in ihrem Alltagsleben nur die Gesellschaft von Frauen um sich dulden.
»Welche von euch beiden hat mich zuerst gerufen?« fragte er.
Er wartete die Antwort nicht ab und begann zu tanzen, wozu er mit einer schönen, falschen Stimme ein improvisiertes Couplet sang, das in schlicht militärischen Ausdrücken Monsieur Branc-Ursine, die schöne Madame Houcquart und der beiden Tun verfluchte. Doch plötzlich erblickte er seinen Sohn, der die Steinstufen zur Terrasse heraufstieg, hielt inne und rief, Fannys und Janes wegen, die ihn bewunderten, possierlich:
»Achtung! Die Polizei.«
»Fertig, Farou?«
Fanny ließ keine allzu große Unruhe merken. Hatte doch Farou schon so viele dritte Akte aus dem Ärmel geschüttelt … Er betrachtete sie mit wilden, aber keineswegs bösen Blicken.
»Fertig? Was glaubst du!«
»Aber du bist doch wenigstens vorwärtsgekommen?«
»Vorwärtsgekommen? Ja, selbstverständlich bin ich vorwärtsgekommen. Ich habe die ganze Szene in den Papierkorb geschmissen.«
»Oh!« sagte Fanny mit einem Ausdruck, als hätte er eine Vase zerbrochen.
»Nur so arbeitet man gut, mein Schatz. Jane, halten Sie sich bereit, die endgültige Fassung abzutippen!«
Er klatschte die Hände und schritt auf und ab wie ein Menschenfresser.
»Bis heute war die Szene ganz schlecht. Heute aber …«
»Wie hat sich denn Monsieur Branc-Ursine heute benommen? Hat dieser meisterhafte Schurke die Briefe an einen sicheren Ort gebracht?«
Fanny, die damit beschäftigt war, den Großen Farou zu kämmen, klappte ihr Taschenkämmchen zusammen und trat zur Seite, um Platz für die Antwort zu machen.
»Es wäre mir lieb«, sagte Farou obenhin, »wenn Jane zu ihren zahlreichen und vielfältigen Kenntnissen auch noch die der Graphologie hinzufügte.«
»Das könnte ich sehr leicht!« rief Jane. »Es gibt Handbücher … Ich kenne eine ausgezeichnete Einführung … Weshalb?«
»Man hat mir versichert, daß Graphologen, die sich einzig und allein mit den Schriftzeichen, mit den t-Strichen und den l-Schlingen, beschäftigen, nicht imstande sind, die Texte, die man ihnen anvertraut, wirklich zu lesen, das heißt zu verstehen.«
Jane errötete heftig.
»Ist dies ein Tadel?«
»Ach! keine Spur! Nur ein Scherz.«
»Den ich aber nicht vergessen werde.«
Die gelben Augen Farous blitzten auf:
»Schauen Sie nicht wie eine beleidigte Hausschneiderin drein, Jane, das macht mir keinen Eindruck.«
Sie biß sich auf die Lippen, hielt zwei Tränen zurück, und Fanny zankte mit Farou wie eine Frau, die an solche Zwischenfälle gewöhnt ist.
»Farou! Du Ungeheuer! Schämst du dich nicht? Und all das wegen dieses Ekels Branc-Ursine! Sag mir, Farou: stiehlt er tatsächlich die Briefe aus dem Schreibtisch?«
»Was sollte er sonst machen?«
Sie schnitt eine Grimasse und rieb sich mit einem Finger ihre reizende Nase.
»Fürchtest du nicht, daß das ein wenig ans Kino oder … oder an das Melodrama gemahnt?«
»An das Melodrama! Was du nicht sagst!«
Er verhöhnte sie lieblos und hochmütig.
»Doch«, bestand Fanny auf ihrer Meinung. »Glaub es mir.«
Er breitete seine mächtigen Arme aus:
»Also, was würdest du tun, wenn du wüßtest, daß in einem Safe, einer Lade, mit einem Wort, irgendwo verschlossen, die Briefe eines Mannes sind, der der Geliebte … Schneuzen Sie sich einmal tüchtig aus, Jane, und dann kommen Sie her und sagen auch Sie Ihre Meinung … Was würdest du tun, Fanny?«
»Nichts!«
»Nichts«, wiederholte Janes Stimme im gleichen Ton.
»Ach! Ihr Armen! Ihr sagt das, aber …«
»Nichts!« entschied Jean Farou, der mit dem Abend zurückgekehrt war und durch die Dämmerung neue Zuversicht gewann.
»Du Floh, du!« knurrte Farou.
»Nun, wenn selbst Jean behauptet, daß er nichts tun würde … Psychologe, komm einmal her … Du siehst in der letzten Zeit nicht sehr gut aus …«
»Das macht die Hitze, Mamie.«
»Tatsache ist … ich kenne jemand«, verkündete der Große Farou, »der diese Nacht auf dem kleinen Sofa schlafen wird. Und das bin ich.«
»Nein«, sagte Fanny, »das bin ich.«
»Und ich auf der Terrasse«, sagte Jane, sie überbietend.
»Und ich gar nicht«, sagte Jean.
»Warum, Jean?«
»Es ist Vollmond, Mamie. Da laufen die Katzen und die jungen Burschen nachts herum.«
Seine Haare, seine Augen und seine Zähne leuchteten im herabsinkenden Schatten, gaben ihm etwas Phosphoreszierendes, und er bebte wie eine Quelle. Sein Vater maß ihn mit einem Blick, dem väterliche Liebe und väterlicher Stolz mangelten.
»In deinem Alter …«, begann Farou.
»… hatte ich schon einen Mann getötet und einen gezeugt«, zitierte der Kleine.
Farou lächelte geschmeichelt.
»Eh! Eh! …«
»Das ist ja hübsch«, nörgelte Jane.
»Es ist nur ein Zitat«, erklärte Farou herablassend.
Ein tiefer Jünglingsblick heftete sich auf Farou, leer oder von Geheimnissen beschwert, unenträtselbar.
Der Abendzug pfiff und keuchte traurig den Schienenstrang am Fuße des nächsten Hügels dahin, oberhalb des Dorfes, das schon in blaue Schatten getaucht war. Ein Mond von stumpfem Rot erhob sich über den Horizont und stieg am Himmel empor.
»Wohin gehen Sie, Jane?«
»Ich gehe bis zur unteren Terrasse, Großinquisitor, und komme dann wieder zurück, ich habe zu viel gegessen.«
»Drei Löffel Reis und eine Handvoll Johannisbeeren«, sagte Fanny.
»Trotzdem. Kommen Sie nicht mit, Fanny?«
»Den ganzen Weg wieder heraufsteigen! …« rief Fanny entsetzt.
Das weiße Kleid und das englische Liedchen entfernten sich. Fanny hob den schweren Arm ihres Gatten empor und legte ihn sich um die Schultern. Er ließ es sich gefallen, seine müßigen Finger hingen auf ihren Busen herab. Indem sie den Kopf neigte, küßte sie die Hand, die ein wenig haarig war wie die Blätter des Salbeis, das weißere und weichere Handgelenk, die grüne Ader. Entwaffnet und vertrauensvoll nahm die Hand diese fast schüchterne Liebkosung hin.
»Wie lieb du bist«, sagte die träumerische Stimme Farous über Fannys Kopf hinweg.
Der schüchterne Mund preßte sich fester auf das Handgelenk, auf die Männerhand, die für die Hacke, für den Spaten, für schwere Waffen gemacht war und nur eine Füllfeder führte. Auf die Schultern seiner Frau gestützt, stand Farou und schien mit offenen Augen zu schlafen.
›Schläft er vielleicht schon?‹ fragte sich Fanny.
Sie wagte es nicht, die freundschaftliche Umarmung zu lösen. Aus Arm und Hand, die lässig hingegeben auf ihrer Schulter ruhten, atmete sie einen angenehmen Geruch nach warmer Haut und parfümiertem Alkohol. Sie sagte sich nicht: ›Der Mann, der mich das Gewicht seines Armes tragen läßt, war und ist meine große Liebe.‹ Aber es gab keine Linie in der Handfläche, keine Falte um das schon alternde Gelenk, die nicht die Erinnerung an Liebe in ihr erweckt hätten, das Fieber des Dienens und die Gewißheit, einem Mann anzugehören und immer nur ihm angehört zu haben.
Ein katzenhaftes, leises Rascheln bewegte die Blätter, ein leichter Körper drückte sich gegen den Stamm eines Lindenbaumes:
›Das ist Jean‹, dachte Fanny. ›Er beobachtet Jane da unten.‹
Dem Lachen nahe, hätte sie fast Farou aufmerksam gemacht, aber sie besann sich. Der Schatten der Bäume vor dem Mond zeichnete ein blaues Blätterwerk auf den Kies; in wenigen Augenblicken war der Himmel nächtlich geworden.
»In der Bretagne hätten wir es weniger heiß gehabt«, seufzte Fanny mit leiser Stimme.
Farou zog seinen Arm zurück und schien zu bemerken, daß er nicht allein war.
»In der Bretagne? Warum in der Bretagne? Ist es hier etwa nicht schön?«
»Ach du! … du bist eine Eidechse!«
»Man arbeitet hier nicht schlecht … Möchtest du anderswohin fahren?«
»Ach nein! jetzt nicht … Ich meinte nur wegen des nächsten Jahres … Wir kommen doch nächstes Jahr nicht wieder hierher?«
Zwei breite Schultern hoben sich zweifelnd.
»Manches ist hier unbequem … Es ist einem sehr heiß und doch hat man nicht genug Sonne … Der Junge ist schlecht untergebracht, sein Zimmer ist einfach schauerlich heiß. Man sollte ihn umquartieren.«
»Ja, warum nicht?«
»Du bist komisch! … Es ist doch kein anderes Zimmer mehr da.«
»Unsinn. Es gibt immer noch ein anderes Zimmer.«
»Ja … das Ostzimmer.«
»Was für ein Ostzimmer?«
»Das Zimmer, das Jane bewohnt.«
»Wenn Jane drinnen wohnt, dann ist es allerdings nicht frei.«
»Aber wird Jane nächstes Jahr noch bei uns sein?«
Farou wendete seiner Frau ein naives Gesicht zu.
»Ich hab' keine Ahnung. Wie sollte ich das wissen? Warum darüber nachdenken?«
»Ich meinte nur wegen Jean.«
»Beklagt er sich denn?«
»Ach, Farou … Das würde ihm doch nicht ähnlich sehen. Noch dazu, wenn er Jane damit Unannehmlichkeiten bereitete … Was fällt dir ein! …«
»So? …«
Fanny sah, daß Farous Brauen sich über den gelben Augen zusammenzogen, in denen ein Mondstrahl glitzerte. Der Wind rollte einige Blüten und geröstete Blätter über den Erdboden hin. Ein leichter Schritt ahmte das Geräusch der Blätter auf dem Kiese nach, und das weiße Kleid Janes erschien am Rande der Terrasse. Auf der anderen Seite landete Jean Farou, indem er mit leichtem Sprung den Hauptast der Linde verließ.
»Kinder!« rief Farou, »ich weiß nicht, ob es euch so geht wie mir, aber ich falle um vor Schlaf.«
»Dies bedeutet, daß wir alle schlafen zu gehen haben«, meinte Jean.
»Allerdings. Und Sie, Jane, begeben sich in ihr Ostzimmer.«
»Habe ich ein Ostzimmer?«
Sie schüttelte ihre Haare zurecht.
»Jawohl, Mondenstaub! Ein Ostzimmer. Kühler als die anderen. Fanny hat es mir soeben mitgeteilt.«
»Aus welchem Anlaß?« fragte Jane unwillkürlich. »Oh! Verzeihung! Ich bin ungezogen!«
»Manchmal«, stimmte Farou zu. »Geben Sie die Pfote. Gute Nacht, Jane. Vorwärts, Kleiner.«
»Ach, Vater! … Viertel vor zehn! Bei diesem Wetter! Ist das nicht schade?«
Ein schläfriger Diener schlich im Hause umher und drehte da und dort das armselige, rötlich schimmernde elektrische Licht an. Farou durchquerte die Halle, gähnte auf der Treppe brüllend und schüttelte seinem Sohne zerstreut die Hand. Gleich darauf begann Jean Farou hinter der geschlossenen Tür seines glutheißen Zimmers alle Bewegungen Janes zu verfolgen, die die knarrenden Dielen ihm verrieten.
Wenn auch Fanny Farous Leben in Paris durch Gläubiger, Schauspieler, Zugluft und wechselnde Dienstboten bewegt war, verlief es im ganzen doch ziemlich friedlich. Fanny nahm ihren Frieden mit sich samt dem Plaid der ewig Frierenden aus weicher Vigognewolle, in dessen langen Haaren die Kuchenkrümel haften blieben. Der gestikulierende Schatten Farous hatte sich im Verlauf einer Probe der »Wohnung ohne Frau« auf sie herabgesenkt, während sie in dem Akt, in dem das nächtliche Fest vor sich geht, hinter den Kulissen Klavier spielte.
»Sie sehen aus wie eine halbgeschälte Haselnuß, zwischen Ihren schwarzen Scheiteln«, warf ihr Farou gleich bei der ersten Begegnung hin.
Er war schlecht gekleidet – an jenem Tage hing ihm das zerrissene Gummiband eines seiner Sockenhalter über den Schuh herab.
»Du bist blaß wie ein farbiges Mädchen, komm mit mir«, befahl er ihr acht Tage später.
»Aber … meine Eltern … Ich bin … ich bin ein junges Mädchen«, gestand Fanny entsetzt.
Er warf einen schmerzlichen Blick nach oben:
»Oh, mein Gott, wie lästig! … Was kann man da machen? Dann werde ich dich eben heiraten! …«
Die Farous – ihrer drei, denn es kam ein legitimierter kleiner Jean hinzu – lebten in Paris zunächst von recht wenig. Dann aber begannen die Stücke Farous, die durch eine ein wenig wuchtige Schönheit glänzten und so manche starke Stellen aufwiesen, die er selbst ganz harmlos fand, aus der Vorstadt in die Boulevard-Theater vorzudringen und mehr als hundert Aufführungen zu erleben; und die äußere Erscheinung sowie auch die Wesensart des unoffiziellen Farou förderten Farou, den Autor. Porto-Riche fand ihn »grob und ungeschliffen«, weil er sich gegen Porto-Riche tatsächlich grob und ungeschliffen benahm. Die Mitarbeiterschaft eines Mitglieds der Académie Française lehnte er als eine erniedrigende Plackerei ab, und das in derb soldatischen Ausdrücken. Bataille sprach herablassend von der »genialen, schwer verdaulichen und entwaffnenden Dummheit« Farous. Der Held eines dreiaktigen Stückes von de Flers und Caillavet, »Der Hafenarbeiter« betitelt, ähnelte Farou, der sich zuweilen auf den Vagabunden, das Findelkind hinausspielte, und zwar vor Leuten, die nicht wußten, daß sein Vater lange Zeit hindurch in irgendeiner obskuren Mittelschule zwölfjährigen Jungen Geschichtsunterricht erteilt hatte.
Als der Erfolg wuchs, begannen die Farous wie Fürsten zu leben, aber sie merkten es nicht. Zwischen Reportern, Journalisten, Publikum und Schauspielern wohnten sie gleich Fürsten in einem Glashaus; doch nichts ist undurchdringlicher als ein Haus aus schillerndem Glas. Nach dem Muster eines Monarchen hatte Farou glänzende und flüchtige Abenteuer, doch hörte er um solcher Geringfügigkeiten willen keineswegs auf, an Fanny Gefallen zu finden. In der toten Saison machten sie fürstliche Schulden, blieben aber trotzdem allezeit gleich Fürsten einfachen Freuden zugetan. Farou konnte vor einer derben dampfenden Speise in Entzücken geraten und verstand es, das Nichtstun zu schätzen. Hinter geschlossenen Türen faulenzte er in Hemdsärmeln oder blätterte vergnügt in illustrierten Zeitschriften, während Fanny, einen Fuß beschuht, den anderen nackt, die langen Haare gelöst um die Wangen hängend, ihr sanftes Antilopenschnäuzchen über ein Kartenspiel gebeugt hielt und zwanzigmal hintereinander eine Patience versuchte.
Ein junger Gefährte teilte diese Freuden. Jean Farou stützte seine Knabenstirn, später sein Jünglingskinn auf Fannys Schulter und beriet seine Stiefmutter:
»Na, dieses Spiel hast du aber schön verpatzt, Mamie!«
Das Kind, das man um seiner Schönheit willen liebenswürdig und wegen seiner blauen Augen zärtlich fand, vergalt Fannys zerstreute Zuneigung mit Gleichem, schmiegte sich aber liebevoll an sie, sooft es erriet, daß sie mit Farou unzufrieden war oder Kummer hatte. Sie erwies ihrem Stiefsohn ein Wohlwollen, das nicht so sehr persönlich als allgemein war, liebte ihn als eine geheimnisvolle Emanation des großen Farou.
»Bist du sicher, daß du kein Bild seiner Mutter aufbewahrt hast?« fragte Fanny ihren Mann. »Ich würde so gerne wissen, wie sie ausgesehen hat.«
Farou antwortete mit einer weit ausholenden Bewegung seiner geöffneten Arme, einer Gebärde, die alle Erinnerungen, alle Kümmernisse und alle Verantwortlichkeit in den Wind schlug.
»Ich kann keine finden! … Es war aber ein liebes Geschöpf, nicht sehr kräftig, die Arme …«
»Klug?«
Die zerstreuten, goldig schimmernden Augen Farous richteten sich erstaunt auf seine Frau.
»Du mußt wissen, ich habe sie nur wenig gekannt …«
›Das glaube ich gern‹, dachte Fanny. ›Wird er von mir dasselbe sagen, wenn er jemals …‹
Über das ›wenn er jemals‹ wagte sie sich nicht hinaus, prahlerische Zukunftsbeschwörerin, die sie war, denn sie konnte sich ein Leben ohne Farou nicht vorstellen, ohne seine Anwesenheit, ohne sein Messegemurmel, seine Art, die Türen mit einem Fußtritt zuzuwerfen, wenn ein dritter Akt nicht gelingen wollte, ohne seinen Heißhunger nach Frauen, ohne die Stunden der Zärtlichkeit, während welcher sie ihm verliebte Worte des Lobes ins Ohr murmelte wie eine kleine Wilde:
»Du bist süß … weich wie Salbei … glatt wie ein Fingernagel … sanft wie ein ruhender Hirsch …«
Er behandelte sie so sehr als Favoritin, daß sie nicht daran dachte, ihm das Recht streitig zu machen, das alle regierenden Despoten für sich in Anspruch nehmen, das Recht nämlich, etliche Bastarde in die Welt zu setzen.
»Schöner Farou! Schlimmer Farou! Unerträglicher Farou!«
Mit halber Stimme oder auch nur in ihrem Herzen nannte sie ihn so, ohne irgend etwas hinzuzufügen, als Gläubige, der die Litanei genügt. Sie hatte in den ersten Jahren versucht, ihrem Herrn am Tage ebenso wie in der Nacht zu dienen. Der ungeduldige Farou aber entmutigte bald ihren Anfängerinneneifer als Sekretärin. So behielt sie ihren Posten einer Geliebten, in das Schicksal ergeben, kindisch, genäschig, gütig und faul wie eben jene Frauen, die die Last einer ernsten Zuneigung schon um die Mitte des Tages müde werden läßt.
Eines Tages – es war gegen das Ende der Generalprobe von »Atalante« gewesen – hatte sich Farou im Hintergrund einer Loge des Théâtre Français mit einem triumphierenden »Nun, was sagst du?« an Fanny gewendet, und sie hatte geantwortet: »Die Szene zwischen Piérat und Clara Cellerier ist entschieden zu lang. Wenn du mittendrin irgend jemanden eintreten ließest, der Kaffee bringt oder ein Telegramm, so würde die Szene nachher viel lebendiger weitergehen und das Interesse des Publikums wäre wieder reger.« Seither hatte Farou sie nie wieder um ihre Meinung gefragt, die zu äußern sie jedoch niemals versäumte. Wenn Farou, der keine Kritik vertragen konnte, seiner Frau ein »Was du nicht sagst!« entgegenschleuderte, verschärft durch einen schwer wie Gold lastenden Blick seiner gelben Augen, dann bewies Fanny in solchem Fall eine merkwürdige Freiheit des Geistes und der Rede. Sie erklärte sich und bestand auf ihrer Ansicht, wobei sie ihre Augenbrauen mit einem Ausdruck freimütiger Unbefangenheit hochzog.
»Mir ist es doch gleichgültig, nicht wahr? Du kannst machen, was du willst. Nur wirst du mich als Zuhörer nicht dazu zwingen, es natürlich zu finden, daß eine Frau sich um solch einer Kleinigkeit willen umbringt …«
»Eine Kleinigkeit?« schrie Farou. »Ein Verrat? Und noch dazu ein so wohlüberlegter! Eine Kleinigkeit! Na, hörst du!«
Fanny hob die Nase und betrachtete Farou, die Augen halb geschlossen, mit einer Unverschämtheit, die sie sonst selten zeigte:
»Es ist vielleicht keine Kleinigkeit. Aber die Tat deiner Denise – soll ich dir meine Meinung darüber sagen? Sie ist unecht, ist erfunden, und zwar von einem Mann erfunden.«
Er lenkte sie, was immer sie tun mochte, von der Diskussion ab, manchmal mit einer Diplomatie, die er nur für diese Fälle verwendete. Meist ging er mit einem plötzlichen Ausruf zu einem anderen Thema über:
»Wo ist mein Kragenknopf, zum Kuckuck?! Und der Brief von Coolus? Wo ist der Brief von Coolus? In dem Anzug, den ich gestern anhatte? Meine Taschen werden also niemals ausgeleert? Was?«
Fanny rannte im Zimmer umher, verlor einen Pantoffel, verstreute die Schildpattnadeln, die ihre unmodern langen Haare zusammenhielten, wechselte die Farbe, den Blick, die Ausdrucksweise; denn zwölf Jahre des ehelichen Zusammenlebens hatten sie nicht von ihrer besonderen Ehrerbietung geheilt, bei der jedoch Farous Talent und Ruhm weit weniger in Anschlag kamen, als er geglaubt hätte. Leicht erregbaren Gemüts, lernte sie allmählich doch, sich an die Ungewißheit ihres Daseins zu gewöhnen. Zwischen Farou und seine Gläubiger stellte sie ihre Geduld, die jeder Erfindungsgabe entbehrte, die Vornehmheit einer verläßlichen Angestellten. Doch wenn der Vorschuß von Bloch und die Einkünfte beim Kino erschöpft waren, fiel ihr kein anderes Hilfsmittel ein, als das Auto oder ihren Pelz zu verkaufen oder einen Ring zu versetzen.
»Merkwürdig, wie unmodern Sie sind! Sie müssen sich eben zu helfen wissen, sapperlot!« riet ihr Clara Cellerier vom Théâtre Français.
Diese große mittelmäßige Schauspielerin, die, so bekannt sie sein mochte, doch niemals das Zeug dazu gehabt hatte, berühmt zu werden, schüttelte mitleidig ihre wohlgeschnittenen grüngoldenen Haare, die sie in kleine Hütchen zwängte. Schlank, in jugendlichen schwarzen Kleidern, kühn angezogen, verriet Clara Cellerier ihre achtundsechzig Jahre nur durch den Gebrauch des Wortes »sapperlot«, durch eine gewisse militärisch neckische Art und die Neigung, von einem Manne zu sagen, er sei »ein feiner Kavalier«.
»Man weiß von keinem, dem sie nicht nachgestellt hätte«, pflegte Berthe Bovy zu versichern.
Clara behandelte Fanny wie eine junge Verwandte aus der Provinz, mit theatralisch herablassender Freundlichkeit, sagte »Na, na, Kleines« zu ihr und gab ihr Ratschläge über Schönheitspflege und Adressen von billigen Schneiderinnen. Fanny aber zog sich aus Nachlässigkeit schlecht an und trug ihre Kleider zwei Jahre lang, wenngleich sie manchmal im Besitz eines Pelzes war. »Atalante« trug ihr einen Seal ein, »Die Wohnung ohne Frau« einen Nerz und »Die gestohlene Traube« einen Blaufuchs. Doch verkaufte sie alle drei, als »Der Tausch« mit großem Krach durchfiel, weil Farou es gewagt hatte, in ein Kriegsstück die Geschichte zweier Liebenden einzuflechten, die den Krieg vergessen.
Fanny erinnerte sich nur zu gut an die darauffolgende harte Zeit ihres Lebens: kein Geld oder fast keines, der kleine Farou an Paratyphus erkrankt, das Stubenmädchen aus Angst vor der Ansteckung davongelaufen. Zu eben diesem Zeitpunkt hielt es die Polizei für notwendig, in der Wohnung der Farous zu erscheinen und den Diener wegen Verletzung des Sittlichkeitsgefühls zu verhaften. Inzwischen quälte sich Farou, von der Welt zurückgezogen, mit dem vierten Akt seines neuen Stückes ab und tobte unter Faustschlägen auf Tisch und Türen darüber, daß die Maschineschreiberin, Madame Delvaille, es gewagt hatte, ein Kind in die Welt zu setzen, ehe noch der vierte Akt das Licht des Tages erblickt hatte.
»Alles geht schief!« schrie er in der Ferne hinter geschlossenen Türen.
»Du hast gut reden«, klagte Fanny leise. Sie stand in einem abgenützten Morgenrock, mit glanzlosen Haaren, und preßte für den fiebernden kleinen Farou Zitronen aus.
An einem trostlos grauen Morgen erwachte Fanny auf ihrem Bettdiwan inmitten von dicken Staubschichten, Teppichen mit aufgerollten Ecken, Zitronenschalen und verstreuten Pantoffeln; die Luft roch nach ausgeströmtem Gas – der Hahn des Badeofens schloß nicht dicht – und nach Kölnerwasserkompressen. Immer wieder war sie in der Nacht durch heisere Rufe: »Mamie … mir ist heiß. Mamie … zu trinken« aufgescheucht worden. Und nun fühlte sie jene Reizbarkeit in sich aufsteigen, die Tiere überkommt, wenn sie der Erschöpfung nahe sind, und Frauen, die ein hübsches, ein wenig zu weiches Kinn haben.
›Ich habe genug. Die Aufwartefrau kommt jeden Tag später, wir haben nicht genug Geld, um eine Krankenpflegerin zu bezahlen. Farou findet das alles ganz selbstverständlich und denkt nur an seinen vierten Akt … Ich will einmal gehen und ihn aufwecken und ihm meine Meinung sagen … Ich werde ihm mitteilen, daß er sich auch einmal selber um seinen Sohn zu kümmern hat …‹
Doch da rief der kleine Farou jammernd »Mamie!«, und Fanny lauschte, als ob es zum erstenmal wäre, der Stimme dieses Kindes, das selbst im Delirium nur bei einer fremden Frau Hilfe suchen konnte … Und sie fing erneut an, Wasser zu kochen, Schüsseln auszuspülen, Zitronen auszupressen und Kaffee zu mahlen.
An jenem selben Morgen läutete eine anmutige junge Frau an der Tür, verlangte den »Meister« zu sprechen und verkündete ihm, daß Madame Delvaille, die »glücklich eines schönen und acht Pfund schweren Knaben genesen« sei, ihren Posten nicht früher als in drei Monaten wieder antreten könne. Sie bot Farou ihre Interimsdienste an, und er stimmte stumm und wild mit einem Nicken des Kopfes zu. An den folgenden Tagen zeigte Mademoiselle Jane Aubaret während des Mittagessens mit den Farous an einer flüchtig gedeckten Ecke des Tisches eine wohltuend aufmunternde Liebenswürdigkeit; sie schüttelte die Kissen des kranken Jungen zurecht und stärkte Fanny mit Portwein, in den sie Eigelb geschlagen hatte. Allmählich stellte sich heraus, was alles Jane zu leisten imstande war. Fanny faßte alsbald neuen Mut, und vereint wogen die beiden vier Dienstboten auf. Heimlich beobachtete eine die andere. An der Art, wie sie beide helles Schuhwerk putzten, die Badewanne reinigten, ohne mineralische Seife zu verwenden, Eier in eine Kumme schlugen und Feuer im Herd anmachten, ohne sich die Finger zu beschmutzen, erkannten sie einander als tüchtige Arbeiterinnen, als Kinder jener kleinen französischen Bürgerinnen, die emsig und sorgsam schaffen und weder der eigenen Mühe noch des Schweißes ihrer Nachkommenschaft achten. In der Welt der armen, aber stolzen Bürger, die etwas auf sich halten, lehrt man die Mädchen noch, daß man vor der Schule die Betten lüften, das Fahrrad putzen und Strümpfe und Trikothandschuhe im Waschbecken auswaschen muß.
Diese Zusammenarbeit trug Früchte. Ein theaterbegeisterter junger Diener trat an Stelle des Lüstlings, das Stubenmädchen kehrte zurück, ein säuerlich frischer Geruch von Apfelkuchen und Bohnerwachs erfüllte das Haus wie Weihrauch, und das Thermometer des kleinen Farou zeigte 37,2. Mitgerissen lächelte der große Farou Fanny, die Braune, Jane, die Blonde, und seinen schmal gewordenen Sohn an, der durchsichtig war wie eine Muschel, brachte seinen vierten Akt zustande, schlüpfte damit vor der Nase Pierre Wolffs ins Vaudeville, bekam einen sehr schönen Vorschuß bei Bloch und balgte sich wieder verliebt mit Fanny herum.
»Fanny, ich kann dir nur raten, geh dir einen Pelz kaufen. Wart nicht zu lange, Fanny!«
Ihre schönen leuchtenden Augen betrachteten ihn zärtlich, sie liebkoste ihn mit dem Munde und den zarten, samtweichen Nasenflügeln und fühlte sich überglücklich; unvorsichtigerweise hatte sie den Arzt bezahlt.
»Vergiß das Geschenk für Jane nicht«, sagte Farou ein wenig später; »wir brauchen sie ja nun nicht mehr. Ein Uhrarmband, selbstverständlich.«
Aber weder Farou noch Fanny konnten voraussehen, daß Jane im Augenblicke des Abschiednehmens ihnen unter Tränen in die Arme stürzen und verwirrte Bitten stammeln würde, aus denen hervorging, daß sie aufrichtigen Kummer empfand, den »Meister« sehr ungern verließ, Angst vor der gefährlichen Einsamkeit hatte und das Bedürfnis fühlte, sich einer Freundin wie Fanny zu widmen … Fanny brach ebenfalls in Tränen aus, die tagblinden Augen Farous glänzten feucht, und Jane erklärte ihnen, daß ein bescheidenes Vermögen sie vor der unangenehmen Alternative bewahre, entweder auf Kosten ihrer neuen Freunde zu leben oder ein Gehalt von ihnen annehmen zu müssen.
Die bürgerliche Boheme begeistert sich ebensosehr wie die andere für uneigennützige Freundschaft. Unter vier Augen sangen die Farous Lobeshymnen auf Jane und freuten sich, immer neue gute Eigenschaften an ihr zu entdecken.
»Diese Jane ist ein vortreffliches Mädel«, sagte Farou, »wirklich vortrefflich.«
»Ich weiß nicht, ob sie vortrefflich ist«, antwortete Fanny, »aber sie taugt mehr, als deine Redensarten im Stile eines guten Zeugnisses für ein Dienstmädchen besagen. Stell dir vor, sie hat mir diese Brokatbluse gemacht, damit ich meinen schwarzen Seidenplisseerock auftragen kann.«
»Eine hübsche Art hast du, jene zu rehabilitieren, die ich herabsetze, indem du sie tagelang zum Nähen anstellst! … Übrigens«, fügte Farou mit einem Blick voll löwenhafter Sanftmut hinzu, »Jane sieht wirklich ganz wie eine jener vornehmen Frauenspersonen aus, die nur bei reichen Leuten nähen, weil sie mit armen nichts zu tun haben wollen …«
Fanny lachte unwillkürlich:
»Gott bewahre mich vor dem Guten, das du mir nachsagen magst, Farou!«
Wenngleich Jane allmählich den Reiz einer neuen Verwandten, einer unbekannten Pflegerin, einer unerforschten Freundin verlor, blieben ihre Verdienste doch immer die gleichen. Sie ertrug die Launen Farous, seine Scherze, die oft verletzender waren als seine Wutanfälle, schrieb flink auf der Maschine und bediente das Telephon. Sie behielt die Telephonnummern der Theater, die Namen der Generalsekretäre und verstand es, den »Damen« in den Kartenbüros zu schmeicheln. Sie nannte Quinson »Lieber Freund« und teilte ohne sichtbares Erstaunen die finanzielle Mißwirtschaft eines Ehepaares, das auf das Notwendige zu verzichten pflegte, um gierig nach dem Überflüssigen zu verlangen.
Blond – wenn man die allerfeinste Asche, die Asche des Pappelbaumholzes, blondfarbig nennen kann – und in die Loge der Farous zugelassen, wurde Jane alsbald ein Gegenstand der Skandalgeschichten, die die Freikartenbesitzer einander zuzuflüstern pflegen.
»Mit wem schläft dieses hübsche aschblonde Mädchen? Wahrscheinlich mit der dunkelhaarigen Fanny?«
»Aber nein, mein Guter, mit dem Bocksfuß Farou, der ihr den Titel einer Sekretärin beilegt und sie seiner Frau ins Haus setzt.«
Von Clara Cellerier geradezu befragt, brachte Farou die Angelegenheit mit einem Wort in Ordnung:
»Lassen Sie Ihre Phantasie doch nicht auf Abwege geraten, teure Freundin. Ich halte es gleich Ihnen ehrfurchtsvoll mit den Klassikern. Jane ist meine natürliche Tochter, und es besteht zwischen ihr und mir nichts weiter als eine schlichte blutschänderische Beziehung!«
»Wo ist Jane?« fragte Fanny ungezählte Male am Tage, von der Gewohnheit beherrscht, wohin sie den Blick wendete, ein liebenswürdiges und tätiges junges Geschöpf zu sehen.
Die Anwesenheit Janes konnte als Luxus Fannys gelten. Ein Altersunterschied von sieben Jahren berechtigte Fanny zu einer gewissen Ungeniertheit und Jane zu der Zuvorkommenheit einer Gesellschafterin oder einer dienstbeflissenen Nichte. Wenn Farou nach Hause kam, beachtete er Jane nicht mehr als ein Möbel. Ihre Abwesenheit jedoch fiel ihm auf:
»Wo ist Jane?«
»In ihrem Zimmer, denke ich«, antwortete Fanny. »Sie ist eben von Perugia zurückgekommen.«
»Sie kauft ihre Schuhe jetzt bei Perugia? Nobel!«
»Warum sollte sie sie nicht bei Perugia kaufen, wenn sie Lust dazu hat? Ihr Fuß ist ein wenig kleiner als der meine, und da ich bekanntlich sehr faul bin, nimmt sie einen Wollstrumpf mit und probiert auch für mich Schuhe … Soll ich sie rufen?«
»Nein, was sollte ich denn mit ihr?«
»Du hast doch eben nach ihr gefragt …«
»So? … Ja, ich wollte mein Piperazin.«
»Das kann dir wirklich der Diener bringen. Bald wirst du dir von ihr auch noch deine Taschentücher waschen lassen!«
»Und du vielleicht nicht?«
Sie wechselten ein Lachen des Einverständnisses und des Vorwurfs. »Wo ist Jane?« fragte mit zusammengekniffenem Mund und ängstlichen Augen der kleine Farou, indem er vor Janes leerem Stuhl stehenblieb, als würde er durch eine unsichtbare Schnur festgehalten. Und Fanny antwortet ihm boshafterweise mitunter, noch ehe er die Frage gestellt hatte.
Im Juli pflegten die Farous Paris mit einer Sommerfrische zu vertauschen, die sie im Annoncenteil einer illustrierten Zeitung ausfindig machten oder sich von Clara Cellerier empfehlen ließen.
Farou brauchte Einsamkeit, Wochen der launenhaften Arbeit ohne Methode und ohne Maß, und die Gewißheit, keinen »widerlichen Gesichtern« zu begegnen. Außerhalb der Stadt verbarg er nur mit Mühe seine Unfähigkeit, die großen Gaben der Natur – Meer, Sonne und Wald – zu genießen; er teilte Fanny sein Unbehagen mit, jene gewisse hochnäsige Schüchternheit kleiner Leute.
»Pau soll so hübsch sein«, hatte Fanny vorgeschlagen. »Weißt du, daß ich Dinard noch nicht kenne? Findest du es nicht komisch, wenn einer in meinem Alter Dinard noch nicht kennt?«
»Was ich nicht komisch fände«, brummte Farou, »wäre, dreimal am Tage mit der Nase auf Max Maurey zu stoßen!«
»Was hat er dir denn getan? Ist er nicht nett mit dir?«
»Doch.«
»Na, also …?«
»Das hat nichts damit zu tun, meine Liebe … Du verstehst das nicht. Dem Maurey macht es Spaß, sich dreimal am Tage umzuziehen. Mir nicht. Ein für allemal, ich will den Sommer ganz allein verbringen, ohne Schuhe und ohne Kragen.«
Er befriedigte seine Nomadenhäuptlingsgelüste, indem er bei der Abreise den Oberbefehl führte. Eine immer wechselnde Dienerschaft begleitete die fortziehenden Farous. Ausgerüstet mit zwei neuen Koffern und zwanzig schlecht verschnürten Paketen, suchten sie feuchte Landhäuser, düster möblierte Schlösser, Villen mit dünnen Wänden auf, Orte, die die moderne Touristik mied, in denen jedoch Clara Cellerier seinerzeit flüchtige Stunden des Glückes genossen hatte. Die Schreibmaschine, die letzten Romane der Saison, die Manuskripte Farous, das Wörterbuch, die Schrankkoffer und der Plaid Fannys wurden untergebracht und Jean Farou in die Freiheit der Felder losgelassen.
›Was wird Jane ohne uns anfangen und was wir ohne Jane?‹ fragte sich Fanny bestürzt, als der Monat Juli nahte und die Freundschaftsflitterwochen bedrohte.
Doch sie beruhigte sich, als sie Farou sagen hörte: »Jane, Sie nehmen den ersten und den zweiten Akt sowie alle Notizen zum dritten mit. Die Schreibmaschine geben Sie dem Diener, sie muß im Coupé befördert werden.«
›Das wäre also in Ordnung‹, seufzte Fanny erleichtert.
Die Gegenwart dünkte sie aufs neue angenehm, und sie richtete sich wieder einmal in einem Erker ein, auf Rohrstühlen, ausgerüstet mit einem neuen Buch, ihrer Angoradecke, einer Bonbonschachtel und einem Lederkissen. Eines Tages mußte sie sich jedoch durch Janes Vergangenheit aus der Ruhe stören lassen.
»Fanny, Sie müssen alles über mich wissen«, begann Jane ein wenig feierlich.
»Weshalb?« fragte Fanny, bei der die Ehrlichkeit vor der Höflichkeit kam.
»Aber, Fanny, ich stürbe vor Scham, wenn ich Ihnen etwas verbärge … Nach der Aufnahme, die ich hier gefunden habe! Sie müssen wissen, wer ich bin, im Guten wie im Schlechten, damit Sie mich beurteilen können …«
Während dieser Einleitung irrten Fannys Augen, blauschwarz wie die einer Rassestute, ängstlich zu den Wolken, zur Lampe, zu einem Vorübergehenden auf der Straße und vermieden Jane und ihren liebevollen Blick, Jane und ihr duftiges Haar, Jane und ihr schlichtes Kleid – so schlicht war es, daß man es unbedingt bemerken mußte.
›Warum‹, fragte sich Fanny, ›warum langweile ich mich schon im vorhinein wie bei der Bearbeitung eines amerikanischen Stückes? Warum auch dieses Stammbaumprotokoll, dieser Bericht über Abkunft und Verwandtschaft in einem Hause, in dem keiner den andern etwas fragt? Hat das einen Zweck? Und ist es schicklich?‹
Schon begann Jane zu enthüllen, daß sie als mitgiftlose Tochter eines Zeichenprofessors – »im Gymnasium Dugay-Trouin können Sie Arbeiten meines Vaters sehen, unter anderem eine vorzügliche Kohlezeichnung, ›Esel an der Tränke‹« – auf ein winziges Gärtchen in Saint-Mandé beschränkt gewesen sei und da zwischen kahlen Fliederbüschen und Lorbeerbäumen in Töpfen eine schüchterne und wilde, zu allem bereite Seele spazierengeführt habe, die Seele eines armen jungen Mädchens, das keinen Beruf hat.
Jane sprach nicht vor Farou. Sie wartete, bis das Ende der Mahlzeit ihn wieder an seine Arbeit oder zu müßiger Ruhe zurückführte. Auch mit Fanny allein, wartete sie, bis diese das Buch von ihren Knien herabgleiten ließ oder erfrischt, mit einem »Was gibt es Neues, Jane?« vom Nachmittagsschlaf erwachte. Da Jane nicht ordentlich von Anfang an erzählte, wurde sich Fanny niemals darüber klar, ob Meyrowicz, ein Pole von großer Schönheit, Kollektivist außerdem, Jane dem Mister Davidson weggenommen oder sie erst gewonnen hatte, nachdem sie dem gefährlichen Zauber besagten Davidsons, »des« englischen Komponisten, bereits entronnen war.
›Ob sie in England wohl nur einen einzigen haben?‹ fragte sich Fanny.
Die Geschichte von Antoine de Quéméré, dem ersten Unglück Janes, wußte sie immerhin auswendig.
»Wenn ich meinen Vater an der Rampe der kleinen Terrasse erwartete«, erzählte Jane, »stellte ich mich stets viel zu früh dahin, so daß ich, auf das Gitter gestützt, eine schmerzhafte Stelle oberhalb des Magens bekam. Es gab da niemals etwas Neues zu sehen, und ich wurde oft ganz schwindlig, indem ich immer dasselbe betrachtete … Ich schwenkte eine Blume in der Hand … Mädchen sind Dämonen, wie Sie wissen …«
›Ich weiß das nicht‹, dachte Fanny bei sich.
»… und an meinen allerschlimmsten Tagen sagte ich mir: ›Wenn ein Mann vorüberkommt, lasse ich die Blume fallen‹ … Schließlich ist mir die Blume wirklich aus der Hand geglitten und zwischen die Ohren eines Pferdes gefallen … aber auf dem Pferde saß ein Reiter.«
›Bravo!‹ rief Fanny innerlich. ›Welch hübscher Schluß für einen ersten Akt! Könnte ich ihn nicht Farou vorschlagen? …‹
Doch gleich darauf zog sie die Nase kraus.
›Warum erinnert mich das schon wieder an ein englisches Stück? … Dieser Meyrowicz hat Jane wenigstens geprügelt. Sie behauptet es zumindest und hat mir auch die Stelle an ihrem Arm gezeigt, wo der widerliche Sadist sie verbrannt hat … All das Unglück Janes macht mir so viel oder noch weniger Eindruck als die »geknickte Lilie« im Kino …‹
»Farou«, sagte sie eines Tages zu ihrem Mann, »erkläre mir, warum eine unverheiratete Frau, wenn sie von ihren Liebhabern spricht, diese gewöhnlich als ihr ›Unglück‹ bezeichnet? Und warum dieselben Männer ›mein erstes Glück‹, ›mein zweites‹ und so weiter heißen, wenn die Dame verheiratet ist?«
»Red doch keinen Quatsch!« antwortete die tiefe träumerische Stimme Farous. »Und laß mich überhaupt in Ruhe.«
»Farou, ich werde schließlich glauben, daß du überhaupt gar nichts verstehst. Begreifst du, weshalb Jane voll Verachtung und fluchend von den Männern spricht, mit denen sie das Bett geteilt hat?« Farou schien zu überlegen.
»Ja, das kann ich verstehen. Das ist ganz natürlich.«
»Oh! …«
»Es ist ein ehrenhafter Überrest der Keuschheit des Weibchens. Es ist Reue. Es ist das Streben nach Besserem.«
»Farou, ich muß lachen!«
Er ließ seinen gelben Blick streng über sie hingleiten, als ob sie seine Herde wäre oder sein Gemüsegarten, von einer Mauer umfriedet.
»Du bist es, die nichts versteht. Du bist viel zu einfältig. Du bist ein Ungeheuer. Und außerdem liebst du mich, das nimmt dir jegliche Urteilsfähigkeit.«
Sie schlang die Arme um seinen Hals und rieb ihre kleine Nase gegen seine Wange.
»Du machst mir warm«, sagte Farou, indem er sich aus ihren Armen löste. »Du bist logisch und konsistent wie ein dritter Akt. Laß mich arbeiten. Schick mir Jane, ein Glas Orangeade, eine Traube, kurz, irgend etwas Leichtes …«
»Bist du eben bei einem reizenden kleinen zweiten Akt … mit einer Bettszene?« meinte Fanny boshaft.
»Laß mich in Ruh, Fanny! Nur nicht geistreich sein! Nur ja nicht geistreich sein! Du bist die einzige gewöhnliche Frau, die ich kenne. Wache über deine Vorzuge!
Mit schwerer sanfter Hand strich er über die schwarzen Haare seiner Frau, und sie fragte ihn bescheiden und ganz leise, ob er sie liebe.
»Ich weiß es nicht …«
»Was? …«
»Nein, ich merke es nicht immer, daß ich dich liebe. Aber wenn ich aufhörte, dich zu lieben, würde ich das sofort merken. Und ich würde sehr unglücklich werden …«
Sie blickte mit berechneter Eindringlichkeit zu ihm empor, denn sie wußte, daß ein flehender Blick viel Weißes um ihre schwarzen Augensterne sehen ließ:
»Oh! … sehr unglücklich! … Kannst du denn sehr unglücklich sein?«
»Hoffentlich nicht«, sagte er ein wenig ängstlich. »Ich bin es nie gewesen … Du doch auch nicht?«
Sie hob zweifelnd die Schultern und schüttelte den Kopf.
»Nein … Nein …«
›Nein‹, wiederholte sie im stillen. ›Kleine Kümmernisse, viele kleine Kümmernisse … Unannehmlichkeiten, die du mir viel häufiger bereitest als ich dir, glaube ich … Deine nichtsnutzige Wesensart – und ich, die ich mich überflüssig fühle … Aber all das hat so gut wie nichts zu bedeuten … Nein … Nein …‹
»Schöner Farou … Schlimmer Farou … Ungezogener Farou …«
Gerührt, summte sie halblaut, damit er nicht höre, daß der Faden ihrer Stimme schwankte wie ein Wasserstrahl im Winde.
›Sehr unglücklich … Kann er sehr unglücklich sein? Oder auch nur traurig? Er ist gewiß nicht böse. Doch hat noch nie jemand Gelegenheit gehabt, zu sagen oder auch nur sagen zu hören, daß er gut sei. Fröhlich ist er übrigens auch nicht. Wie wenig sieht er doch einem Theatermenschen gleich! Trotzdem liebt er das Theater … Nein, er liebt das Theater nicht, er schreibt gern Stücke. Warum fühle ich mich immer wieder dazu getrieben, sein Handwerk, seine Kunst mit launenhafter Frauenarbeit zu vergleichen? Nein, es ist nicht ganz und gar eine Frauenarbeit, aber es scheint mir ein leichtes Handwerk. Doch wenn es wirklich ein leichtes Handwerk wäre, würden Scharen von anderen darin Erfolg haben. Wenn also Farou Erfolg hat, so beweist das, daß er sehr begabt ist. Ist er sehr begabt? …‹
Bei diesem äußersten Punkt ihrer Überlegung angelangt, empfand Fanny dasselbe Unbehagen, das sie überkam, wenn sie sich etwa einen Stierkampf allzu genau ausmalte, oder einen Blutsturz, irgendeinen Unfall. Sie riß sich gewaltsam aus einer Art Leere, die etwas Verlockendes hatte, und begann gewohnheitsgemäß zu rufen:
»Jean! Wo bist du? … Jane! Ich habe schon wieder meinen Lippenstift verloren! … Jane! Wo ist die große blaue Vase? Ich habe Blumen gepflückt!«
Niemand antwortete ihr. Sie gähnte müde, da sie an diesem Morgen früh aufgestanden war. Über die Brüstung aus Ziegeln gebeugt, bewunderte sie den steilen Abhang, den Wiesenpfad dahinter und die von jungen Platanen besäumte Straße.
›Herrgott! Wieweit bin ich doch gegangen! Sie werden ganz verblüfft sein.‹
Die Luft duftete noch nach Morgendämmerung. Ein Nordostwind erquickte das ganze Land und sammelte Harzgerüche, den Duft des Thymians, der auf einer kleinen Hügelkette wuchs, und die bittere Lohe eines niederen Eichenwäldchens, um sie zu der Anhöhe zu tragen, auf der die »Villa Déan« stand.
›Dieses Haus ist völlig verlassen! Wo sind sie nur alle?‹
Ein leises Geschirrgeklapper drang aus der Küche, die an der grünlich feuchten Hinterseite des Hauses lag. Fanny sah sich allein inmitten der gelb gestrichenen Eisenmöbel, die leer und scheußlich dastanden, sie fühlte sich plötzlich verlassen in diesem Land, das sie schlecht kannte und nicht gern hatte … Sie warf ihren schon welkenden Strauß aus rosa Hanf und Glockenblumen auf den Tisch.
»Farou!« rief sie.
»Melde gehorsamst, hier bin ich!« antwortete Farou aus solcher Nähe, daß Fanny erschrak.
»Du bist da? Was! Du bist da?«
»Na, was ist denn los? Sind die Schafe wieder einmal in den Hafer geraten?«
Er wußte wohl, daß »Farou« ein Name ist, den man Schäferhunden zu geben pflegt, und geruhte darüber zu scherzen.
Hell gekleidet, nachlässig, aber sauber, ohne Hut auf dem Kopf, stand er aufrecht in der Tür der Halle, einen Knotenstock in den Händen. Er begann zu lachen, weil Fanny vor Erstaunen den Mund aufriß wie ein Fisch. Sie wurde böse:
»Warum lachst du? Vorhin warst du nicht in der Halle, ich habe ja eben den großen roten Topf von dort geholt. Du bist also spazierengegangen … Aber nein, ich komme ja eben von den Wiesen drunten; wo wärst du da gegangen? Du bist weder eine Stecknadel noch ein Sylphe! Hörst du mich, Farou? Und außerdem hast du eine breite Nase. Ich habe noch nie bemerkt, daß du eine so breite Nase hast. Warum hältst du mich zum Narren? Warum sagst du nichts?«
Er lachte und zeigte dabei seine weit getrennt stehenden Zähne, die Zähne eines Menschen, der zum Glück prädestiniert ist. Um dieses blutrot schimmernden Mundes willen senkte Fanny die Stimme und setzte die Miene einer liebevoll gehegten Dienerin auf.
»Bist du fertig?« fragte Farou.
»Gewiß bin ich fertig! Mehr verdienst du gar nicht!«
Sie betrachtete die in guter Laune strahlenden Augensterne Farous und begann mit halber Stimme eine der Litaneien zu singen, die sie einst in Stunden gesättigter Liebe ersonnen hatte, die Worte ebenso wie die Musik:
»Gelb wie alter Bernstein … wie zorniges Gold … wie flammende Topase … wie der Gerstenzucker der frommen Schwestern von Moret …«
Die Augen, die sie besang, verschleierten sich, und die müden Lider Farous schlugen schneller.
»Ach, Farou! …« seufzte Fanny geschmeichelt …
Doch sie riß sich zusammen und unterdrückte ihre Freude mit ungeschickter und konventioneller Verschämtheit. Farou, der ihrem Blick folgte, sah seinen Sohn herankommen, verwandelt und verschönt durch einen blauen, in der Taille gegürtelten Overall. Er wiederholte seinen altbekannten Scherz:
»Achtung! Die Polizei!«
»Ach, da ist ja einer!« rief Fanny. »Woher kommst du, du Vergißmeinnicht? Und wo ist Jane?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Jean Farou höflich.
»Du kommst doch hoffentlich in diesem Aufzug nicht aus dem Dorf?«
»Der Mechanikeranzug ist jetzt die große Mode«, sagte Jean im gleichen Ton.
Äußerlich gelassen, schien er in ungeduldiger Bewegungslosigkeit zu vibrieren, das Blau seines Leinenkittels übertrumpfte das seiner Augen und der Wind erhob über seiner Stirn eine Flamme goldiger Haare.
»Findest du nicht auch, daß er sehr hübsch wird?« flüsterte Fanny ihrem Mann leise zu.
»Sehr«, stimmte Farou kurz angebunden bei. »Aber, wie zieht er sich an! …«
»Du hast gut reden! In unserer Kasse herrscht Ebbe. Ich warte, solange es geht, bis ich den Jungen neu ausstatte. Am Ende der Ferien wird er wahrhaftig kein Hemd mehr anzuziehen haben.«
»Warte nicht mehr, Fanny. Dieses Luder von einer ›Atalante‹ ist endlich verkauft. Du kannst ihm seidene Unterhosen anschaffen – wenn auch nicht allzu viele.«
Er hielt ihr zwei Papiere hin, die sie nicht lesen konnte, einen Scheck und einen Brief.
»Ist das englisch?«
»Amerikanisch, meine Gnädigste. Fünfzig.«
»Tausend?«
»Yes. Und ›Die gestohlene Traube‹ soll demnächst auch noch an die Reihe kommen. Klopfe unter den Tisch.«
»Jean! Komm her, Jean!«
»Ich hab's gehört«, sagte der kleine Farou von weitem. »Bravo, Papa! Danke, Papa!«
»Hast du die Nachricht heute morgen gekriegt, mein lieber Farou? Während ich in den Feldern spazierenging? … Gesegnet sei die Hand, die mich beschenkt!«
Ganz warm vor Glück, schob sie die schwarze Haarsträhne von ihrem rechten Auge und beugte sich hinab, um schnell die kräftige parfümierte Hand zu küssen, die noch den Scheck und den Brief aus Amerika hielt. Sie sah violette Flecken auf den ein wenig dürren Fingerknöcheln, stieß einen Schrei aus und begann kindisch zu lachen:
»Ach, du warst bei Jane! Du hast dir den Brief übersetzen lassen! Das sind Flecken von dem Farbband der Schreibmaschine in ihrem Zimmer. Ertappt!«
»Oha! …« rief Farou, indem er seine befleckten Finger betrachtete. »Das ist unglaublich! Was für Augen!«
»Du kannst das in deinem nächsten Stück verwenden! Ich überlass' es dir für deinen Branc-Ursine!«
Sie lachte laut und kitzelte den großen Farou mit einem langen Hanfstengel. Ein wenig außer Atem, tanzte sie, beweglich und rund, rings um ihn herum. Sie hielt erst inne, als sie dem harten Blick des kleinen Farou begegnete, aus dem verächtliche Reinheit leuchtete.
›Jane hat recht‹, dachte sie beleidigt. ›Der Junge wird unmöglich …‹
»Jane!« schrie sie mit schriller Stimme. »Ja–a–ane!«
»Was willst du denn schon wieder von ihr?« brummte Farou.
»Sie soll mit mir ins Dorf kommen. Unterschreib deinen Scheck, Farou! Ich gehe in die Filiale von King … Und wir bringen guten süßen Champagner mit und frischen Kuchen, kurz, eine Razzia soll es werden … Ja–a–ne!«
Jane erschien, die Hände an den Ohren. Sie trug ein lila Leinenkleid, das beim Waschen eingelaufen war, aber gut zu ihrem gebräunten Teint und den helleren Haaren stand. Sie versuchte, zwischen Fannys Schreie ein Wort einzustreuen:
»Wie ist Ihnen doch … Wie ist Ihnen doch an Geld gelegen, Fanny! … Sie sind … Der Schlächter wird Sie hören …«
»Der kann mir gestohlen werden!« kreischte Fanny. »Ich schmeiße ihm seine achtzehnhundert Francs ins Gesicht, so … Jean, lauf in die Garage hinunter und sag Fraisier, er soll den Wagen herausholen … Ach! meine Lieben, wie ist das schön! Mein großer Farou, du bist ein Prachtkerl! Jane, was möchten Sie gerne haben?«
»Ich? Nichts … Nichts …«
»Hörst du sie, Farou? Du mußt sie zwingen, Farou, du mußt sie zwingen, sich etwas zu wünschen.«
Sie drehte sich lebhaft zu ihm herum. Dieser lärmenden Freude fern, hielt er das Haupt mit den dichten braunen, von weißen Fäden durchzogenen Locken geneigt und schien einem sanfteren Laut nachzuhorchen, ein weniger bewegtes Bild zu betrachten.
»Wie? …« fragte Fanny mit schüchterner Stimme.
Farous Blick kehrte zur Wirklichkeit zurück.
»Geht, geht! Und kommt bald wieder. Ich bin schon mächtig hungrig …«
Sie nahmen zwei große Hüte von den Wandhaken, aus weißem Stroh der eine, der andere aus gelber Leinwand, und liefen den steilen Abhang hinunter. Fanny zog Jane, die mit der Schulter nachgab, sich weich und schmiegsam machte, um nicht zu lasten, nicht zu stolpern, geduldig und ein wenig abwesend schien. Farou blickte ihnen nach; sein Gesicht hatte immer noch jenen sanften Ausdruck, der bei ihm die wildeste Unschuld verriet. Er fühlte, daß sein Sohn sich ihm näherte, und wechselte die Miene.
»Du gehst nicht mit?«
»Nein, Papa.«
»Wenn du nichts dagegen hast.«
Die ehrerbietige Formel kam gerade spät genug, um in Farou den Eindruck zu erwecken, daß sie eine verschleierte Freiheit sein könnte. Er hob die Augen seinem Sohne zu, der, halb auf der Mauer sitzend, mit Kieselsteinen jonglierte, und wollte grob zu ihm sprechen wie zu einer Frau. Er ließ davon ab, indem er den Fremden, der aus ihm hervorgegangen war, genauer betrachtete, dieses kaum noch fertige Wesen, das, furchtlos über die Tiefe gebeugt, in Gestalt und Haltung doch schon so durchaus männlich war, jenes Übermaß an Männlichkeit besaß, das häufig einem schwachen Körper eigen ist und über dessen Anmut triumphiert. Farou bezwang sich und überwand weise seine Feindseligkeit.
»Was willst du denn mit dir anfangen?«
Jean Farou mißverstand ihn.
»Ich … ich werde auf sie warten. Sie werden ja nicht lange ausbleiben.«
Lässig zog Farou die Hand aus der Tasche, um seine Rede zu unterstützen, und wechselte erläuternd den Ton:
»Nein … Ich meine: was willst du mit dir anfangen?«
Er versuchte wie eine Waffe die schüchterne Bitte: »Würdest du mich … weglassen … mich fortgeben? Könntest du mich irgendwo unterbringen … zum Beispiel bei deinen Freunden, den Secrestats, in Argentinien?«
Farou wendete den Kopf gegen den steilen Weg, auf dem kurz zuvor das gelbe und das lila Kleid gewandelt waren, gleich zwei dicht nebeneinander dahinwirbelnden Blütenkelchen, und sein schönes, reifes Männerantlitz wurde weich.
»Das hängt von Verschiedenem ab«, antwortete er ohne Begeisterung. »Es hängt selbstverständlich von den Bedingungen ab, unter denen ich dich … unter denen wir dich unterbringen und dir den Aufenthalt in der Fremde ermöglichen könnten …«
Jean stürzte sich auf die halbe Zusage:
»Gewiß! Außerdem eilt es ja gar nicht … Wenn es dir recht ist, will ich mich, sowie wir wieder in Paris sind, an die hiesigen Secrestats wenden. Es ist dann auch noch die Frage meines Militärdienstes in Betracht zu ziehen. Aber bis dahin könnte ich schon einen fast dreijährigen Aufenthalt in Südamerika hinter mir haben und in das Handelswesen eingeführt sein.«
Er straffte seine junge Stimme, sprach übertrieben bestimmt und rasch, um sich in Gegensatz zu einer gewissen Laxheit zu stellen, die in den Worten seines Vaters zu bemerken gewesen war. Jeder von beiden verabscheute, indem er den anderen betrachtete, den Anblick eines von ihm verschiedenen Menschenwesens. Farou stieß sich an einem Sohn von metallischem Blau und hellem Gold, hart, scharf facettiert, mit geheimnisvollen Brechungen; während Jean vor der dicken Weichheit des großen Farou errötete, vor dem Bild dieses elastischen, eigenwilligen Mannes, dem es an Sinn für die Zukunft mangelte wie nur einer wollüstigen Frau.
Farou zwang sich leicht zum Schweigen, weniger leicht zu der Gebärde, die seinen schweren Arm auf die Schulter des Sohnes hob.
»Wir könnten ihnen ein Stückchen entgegengehen«, sagte er.
›Nein … nein …‹, widersetzte sich Jean Farou innerlich, empört über die muskelige Last. ›Nein … nein …‹
Doch er ertrug das Gewicht des Armes mit einem komplizierten Schmerz; die ein wenig haarigen Finger, die neben seiner Wange herabhingen, der Geruch nach gebräunter Haut, nach Tabak und Parfüm öffneten sein stolzes Kleinjungenherz, quälten ihn mit dem heftigen Wunsch, zu weinen und diese herabhängende Hand zu küssen …
Er gab dem Wunsche nicht nach, denn schon war er sich bewußt, daß das, was einem Kinde gestattet ist, nicht über die Kinderzeit hinausreichen darf. Er paßte seinen Schritt dem Farous an und trat zurück, sooft der Pfad so schmal wurde, daß sie nicht nebeneinander gehen konnten.
Unmöglich ist zuviel gesagt. Ich war wegen dieses Schecks ganz außer mir. Ich habe neulich sehr übertrieben. Er ist ein armer, unbeschäftigter Junge, um den sich keiner von uns kümmert, wie es sich gehörte … Er ist durchaus nicht unmöglich. Er ist sogar sehr lieb ..‹
»Jean, hörst du?« sagte Fanny laut. »Du bist sehr lieb.«
Er wendete lebhaft den Kopf, nickte ihr lächelnd zu, wie einem Menschen, den man schnell wieder loswerden möchte, und versank aufs neue in seine ruhelose Unbeweglichkeit.
»Jean, du brauchst mindestens vier … oder sagen wir drei Anzüge von Brennan. Wir wollen uns auf drei beschränken, denn es ist gescheiter, du hast drei Anzüge und einen Mantel dazu als … Heb mir die Schere auf, Jean, bitte, es wäre sehr lieb von dir.«
Er sprang auf, griff, zu einer Kugel gerollt, nach der Schere, reichte sie Fanny und war mit einem zweiten Sprung wieder auf seinem Platz.
»Findest du nicht auch, daß es gescheiter ist, einen Mantel zu kaufen? Ich will dir nicht schmeicheln, aber sicher wird Clara Cellerier dann von dir sagen: ›Er ist ein feiner Kavalier!‹ Kann ich sie nicht gut nachmachen? … He, Jean Farou! Was betrachtest du denn so aufmerksam? Was in aller Welt interessiert dich so sehr?«
»Eine braune Raupe«, sagte Jean.
Er log. Sein brennend blauer Blick haftete blind an den gelben Flechten der Mauer. Ganz Ohr, lauschte er, nicht den Worten, denn die zerstreute der Wind, aber doch dem Ausdruck der beiden Stimmen, die auf der ersten Terrasse, fünfzehn Fuß tiefer unten, miteinander sprachen. Fanny, die an ihrem gewohnten Platz auf der Schwelle der Halle nähte, konnte nicht einmal das Murmeln der Stimmen hören. Jean maß den Abstand – zwei, drei Schritte –, der ihn von der Ziegelmauer trennte, und die Dicke des groben, knirschenden Kieses. Er überlegte auch, daß am Ende der oberen Terrasse ein alter Eibischstrauch stand, der über die Brüstung hing und es ermöglichte, daß man, den Kopf vorgebeugt, unsichtbar zwischen den Blättern, auf die untere Terrasse hinabsah. Die Aufmerksamkeit und Überlegung ließen sein rosiges, sonnverbranntes Gesicht mit den Sommersprossen auf den Wangen magerer erscheinen; er hielt den Mund geschlossen, und seine Wimpern schlugen nicht. Schließlich atmete er tief, als wolle er losspringen, und rief sehr laut, in kindlichem Ton: »Ich will dir das Stickgarn halten, Mamie, aber das wird dich eine Krawatte mehr kosten!«
Darauf stürzte er gegen den Strauch hin, schlüpfte lautlos mit Kopf und Schultern unter das Blätterwerk, schob aber nur Stirn und Augen über die Brüstung vor.
Verblüfft, die Nadel in der Luft, betrachtete ihn Fanny. Die Augen weit aufgerissen und den Mund halb geöffnet, drückte sie ihr Erstaunen mit jener Naivität aus, die Farou so oft belustigte.
Im Augenblick darauf erhob sie sich, und Jean, der sie hörte, befahl ihr durch eine Armbewegung rückwärts, sich still zu verhalten. Worauf sie die Nadel bedächtig in die Leinwand stach, die sie bestickte, mit leisen Schritten die Terrasse überquerte und sich zu ihrem Stiefsohn unter dem Blätterwerk des Eibischstrauches gesellte.
Unten stand Farou und sprach mit Jane. Eine Wolke über der untergehenden Sonne verbreitete ein falsches, scharfes Rosa und gab seinem losen weißen Anzug eine unbestimmte Farbe. Er saß wie eine Reiterin im Damensattel auf der Mauer und sprach in kurzen Sätzen, während er das wasserlose Tal betrachtete. Mit einer Hand warf er seine dichten Locken zurück und blies ein müdes »Phüü« vor sich hin. Fanny dachte, er sagte: ›Was für eine verdammte Hitze!‹ oder ›Den vierten Akt bringe ich niemals fertig!‹ Er deuchte sie nicht anders als sonst, müde, schön, erfreulich anzusehen. Jane im lila Kleid hielt maschinebeschriebene Blätter in der Hand. Sie näherte sich Farou und reichte ihm eine Seite hin, die er lachend zurückwies, ohne Zweifel protestierte er: »Nein, danke, genug!« Jane aber wich nicht von der Stelle; da erhob sich Farou und schob sie mit einem Ruck der Schulter weg, einer achtlosen Bewegung, die Fanny wohl vertraut war: sie kannte diese Geste eines Hafenarbeiters, deren Farou sich bediente, um die Krawatte abzuschütteln, den Kamm hinzuwerfen oder die Zärtlichkeit einer verliebten Gattinnenhand abzuwehren … Zu ihrer großen Überraschung zeigte sich Jane durchaus nicht empört, stützte sich vielmehr lachend auf eine Leiter, die an die Mauer gelehnt stand. Sie lachte laut, wobei ihr Hals sich verkürzte, und hob die Hände, indem sie die Finger in der Luft baumeln ließ; der Klang ihres Lachens drang bis zur oberen Terrasse hinauf, und in dem Ausruf, der es beendigte: »O Gott! o Gott! was für Geschichten!«, erkannte Fanny einen Tonfall, der Jane sonst nicht eigen war.
»Sie macht mich nach, meiner Treu …«
Sie wendete sich zu dem Jungen, der an ihrer Seite lauerte. Um seine Unbeweglichkeit zu sichern, hielt er mit beiden Händen den Rand der Mauer umklammert und bewies, daß er zu beobachten, zu schweigen, zu verstehen wußte und Übung darin hatte. Er schien weder erstaunt noch bekümmert, sondern warf Fanny einen herrischen Blick zu, der ihr zu schweigen befahl und die Würde der Haltung, wenn schon nicht des Tuns zu wahren …
Unten nahm Farou die Heiterkeit Janes schlecht auf. Sie lachte nicht mehr; ihr Gesicht zeigte den Ausdruck der ehrlichsten, der freimütigsten Brutalität … Mit lebhafter Hand pflückte sie einen Grashalm und kaute daran, während Farou zu ihr sprach, leise, langsam und in einem Tone, aus dem Drohung, Frechheit und wohlüberlegte Schmähung zu erkennen waren. Dann schnitt sie ihm das Wort ab, bellte einige kurze Sätze, rollte den Halm, an dem sie gekaut hatte, zusammen, warf ihn Farou ins Gesicht und wendete sich mit einer ein wenig theatralischen Lässigkeit zur Treppe.
»Schnell, schnell zurück!« flüsterte Jean Farou Fanny hastig und befehlshaberisch ins Ohr.
Seine harten Knabenfinger stießen Fanny bis zu ihrem Liegestuhl. Als Farou als erster auf der obersten Stufe der Treppe auftauchte, saß Fanny und hielt den Faden einer Strähne groben roten Stickgarns, die Jean Farou zu ihren Füßen wie eine Katze spielend durcheinanderwirrte.
»Ein reizendes Familienbild«, spottete Farou.
Seine Augen waren hell und hart.
›Er ist schlechter Laune‹, dachte Fanny.
Sie zitterte und zwang sich nur mit Mühe zu ihrer gewohnten Sicherheit, beschämt darüber, daß sie unter den Blättern des Eibischstrauches das Gesicht und die Erregung einer Spionin zurückgelassen hatte. Zu ihren Füßen begann Jean Farou, die Garnsträhne auf den erhobenen Händen, mit schriller Stimme zu singen. ›Er übertreibt‹, dachte Fanny. Empörung über ihn regte sich in ihr, und fast hätte sie ihm vorgehalten: ›Wie kannst du es wagen …‹ Doch das Kind warf ihr einen wachsamen Blick zu: ›Wir sind noch nicht zu Ende‹, und sie schwieg.
»Fanny«, sagte der große Farou nun mit sanfter Stimme, »was ich eben gesagt habe, war dumm. Vergiß es.«
Durch ein Zusammenziehen der Lippen bezwang sie die Tränen, die ihre schönen vorgewölbten Augen zu befeuchten drohten, und sie fühlte sich ganz verwirrt, weil sie für Farou nichts anderes empfand als unveränderte Liebe und Dankbarkeit und den Wunsch, sich zu entschuldigen, zu gestehen …
»Nein … nein …«, sagte sie abwehrend, trotz des knienden Kindes, das den Blick nicht von ihr wendete.
Nun erschien auch Jane auf der Terrasse, und die Verwirrung Fannys machte mit einem Male einer Aufmerksamkeit Platz, die selbst ihrem tiefsten Innern Schweigen gebot. Sie fand die Leichtigkeit der Bewegung und der Sprache wieder und zollte sich darob insgeheim Beifall.
»Ach! da sind Sie ja!« rief sie.
»Was ist denn los?« fragte Jane. »Haben Sie auf mich gewartet? Ich war nicht weit weg.«
»Ja … ja …«, sagte Fanny leichthin und schüttelte den Kopf mit der schwarzen Haarsträhne.
Sie betrachtete Jane voll Neugierde:
›Sie auch? … Mit Farou? Wie? Seit wann? … Ist es wahr? … Ich fühle keinen Schmerz. Es ist gar nichts Schreckliches! … Allerdings bin ich daran gewöhnt … Die hübsche Vivica, die im dritten Akt der » Gestohlenen Traube« tanzte … Und vor kurzem erst die kleine Asselin … Ach! es vergeht sehr schnell bei Farou! …‹
Doch sie erinnerte sich einer gewissen Blässe Janes. ihrer zerstreuten und trüben Stimmung, ihrer heftigen Tränen; wann war das alles eigentlich gewesen?
›Ach ja! an dem Tag, da ich ihr den Brief vorlas, aus dem hervorging, daß Farou sich der kleinen Asselin »aufgeopfert« hatte …‹
Jane setzte sich, öffnete ein Buch, das auf dem abgestoßenen Eisentischchen lag, tat so, als ob sie läse, und hob dann den Kopf gegen den grauen, regenverheißenden Himmel:
»Wie schnell doch das Ende des Sommers kommt! Jean, Sie wären zu nett, wenn Sie mir meine Weste brächten, die ich … ich weiß nicht, wo … gelassen habe …«
»Ich weiß, wo sie ist«, rief Jean, ließ die Garnsträhne fallen und lief davon.
Aufmerksam, unter neuen Schlägen erzitternd, hörte Fanny Jane voll Verblüffung zu.
›Aber das ist ja mein Buch, das sie da nimmt! … Es ist mein Stiefsohn, dem sie Befehle erteilt, und es ist mein Haus, in dem sie …‹
Sie fühlte, wie ihr das Blut unter den Ohren erst leise, dann heftiger zu schlagen begann und ihr den Hals zuschnürte, und sie erinnerte sich einer Zeit, da sie heftig und eifersüchtig gewesen war. Unruhig richtete sie den Blick auf Farou.
›Wird sich nicht, muß sich nicht irgend etwas ereignen?‹
Doch er träumte, den Bauch an die Ziegelmauer gedrückt, groß, schwerfällig, einfach, abwesend. Er wendete den Kopf ein wenig gegen Jane hin:
»Ist das Buch hübsch?«
»Es geht«, antwortete diese, ohne sich zu rühren.
Jean Farou brachte die Weste, legte sie Jane mit einem Ausdruck über die Schultern, als ob er sich zu verbrennen fürchtete, und verschwand. Ein Geklapper von Geschirr und Löffeln verkündete die Stunde des Abendessens. Niemand sprach. Fanny hätte am liebsten um Hilfe gerufen, gefleht, daß Irrtum und Unwissenheit wieder über sie kämen, oder Wut, Geschrei, irgendeine wilde Szene … Farou verkündete gähnend: »Ich gehe mir die Hände waschen«, und Jane sprang plötzlich auf und nahm ihre kleinmädchenhafteste Miene an:
»Oh! Die Pfirsiche im Eisschrank! Sie werden zu kalt geworden sein!«
Sie stürzte davon, umarmte Fanny im Vorübergehen mit einem leisen, flüchtigen Kuß, den Fanny ohne Abscheu und Unbehagen empfing.
Sie schlief wenig, war aber nicht übermäßig erregt. Die Morgendämmerung zeigte ihr Farou schlafend in dem größeren der beiden Betten. Müde betrachtete sie ihn und dachte dabei weder an ihn noch an sich. Sie stellte fest, daß er tatsächlich eine breite Nase hatte, die seine Augen weit auseinander rückte. ›Man sagt, das lasse auf ein gutes Gedächtnis schließen.‹ Und schon streckte sie ein schönes Bein unter der Decke hervor, um in dem anderen Bett neben dem großen warmen Körper, der unbeweglich und gefühllos dalag, Zuflucht zu suchen. Sie unterdrückte die gewohnheitsgemäße Regung, zog das Bein zurück und legte sich wieder hin.
›Ich bin lächerlich. Man könnte wahrhaftig glauben, daß Farou mich zum erstenmal betrügt. Was hat er doch neben mir schon Frauen gehabt!‹
Sie zählte sie leise auf und blieb kalt, empfand beinahe Spaß daran, sie eine um die andere zu nennen. Ein dumpfes Geräusch im oberen Stockwerk, ein unterdrücktes weibliches Husten verriet ihr, daß jemand im Hause nicht schlief oder mit der Morgendämmerung aufgewacht war.
›Das ist sie. Ganz gewiß ist das sie. Auch sie schläft nicht. Sie wartet auf den Tag, sie wartet … Übrigens muß sie wunderbar warten können, trotz ihrer zeitweiligen Gefühlsausbrüche. Was erwartet sie wohl? Schließlich sind wir doch ein vernünftiges Mädchen. Wir wissen genau, daß Farou …‹
Im gleichen Augenblick aber ließ sie fügsam einen leisen Schock über sich ergeben, der sie eine kurze Zeitspanne zurückwarf und sie dazu zwang, einen Augustnachmittag aufs neue durchzuleben, jene Siesta mit dem schweren Magen und dem Traum von Gewitter und Erwartung, in dem Jane verstohlen geweint hatte. Nachher hatte die Wirklichkeit gleich dem Traum ihr eine weinende Jane gezeigt, die unter der Veranda stand und eine Träne zerdrückte. Eine Träne, eine einzige Träne, gefaßt und zwischen zwei Fingern zerdrückt wie ein Krümelchen glühender Kohle … Unter so vielen zornigen oder wollüstigen Tränen die einzige, deren Perlengewicht Fanny niemals hätte kennenlernen wollen, die einzige auch, die ihr da inmitten der hellen und klaren Unglücksatmosphäre neuen Mut geben, sie verjüngen und zu frischer Kraft und Rührigkeit bewegen konnte.
Sie erhob sich leise, geschickt und mit aller Vorsicht, als ob sie sich im Dunklen bewegte. Der schlafende Farou seufzte, drehte sich herum und schlug die Decke um sich wie eine große Welle. Oft und oft hatte die Bosheit der Leute oder die Nachlässigkeit Farous selbst Fanny dahin gebracht, sich diesen Männerkörper vorzustellen, wie er, einen weichen Frauenkörper bändigend, sich den Liebesgenuß erkämpft … So manches Winkelchen ihres Gedächtnisses barg Erinnerungen an bittere Tränen und schlaflose Nächte, an Briefe, die sie Farou insgeheim entwendet und ihm dann wieder ebenso verstohlen zurückgegeben hatte. Unbekannte Vornamen und Schriften, verwischbare Eindrücke … Zeiten der Ruhe kamen dann immer wieder bald, sie konnte sie im voraus schon berechnen, und sie erwartete sie geduldig.
»Ich kenne nichts Bewunderungswürdigeres als die stolze Nachsicht Fanny Farous ihrem großen Kater von einem Gatten gegenüber!« erklärte Clara Cellerier mit ihrer schrillen jugendlichen Altdamenstimme.
›Es ist nicht schwer, stolz zu sein und selbst nachsichtig, wenn man etwas, und sei es auch nur ein Verrat, allein zu bewältigen hat … Seit wann bin ich nicht mehr die einzige in meinem Hause, die um Farou leidet?‹
Mit einer Armbewegung faßte sie das Seil ihrer schwarzen Haare zusammen, die sie lästig dünkten:
›Ach! ihr! Die Schere, und eins, zwei …‹
Sie beneidete Jane um ihre kurzen silbrigen, honigfarbenen, roggengelben Haare, die der Wind ihr über die Stirn wehte.
›He! du Blonde! dir muß auch die Zeit dort oben lang werden. Sie weint so leicht, ich muß ihr recht im Wege sein …‹
Sie fühlte, wie sie errötete, drückte die geballte Faust gegen die Zähne und warf einen wütenden Blick auf den schlafenden Mann, den das allmählich rosig werdende Morgenlicht nicht störte. Auf dem Rücken liegend, öffnete er den Mund kreisförmig, und sein ganzes Gesicht drückte eine gewichtige Harmlosigkeit aus. Fanny fühlte sich von einer verächtlichen Heiterkeit ergriffen:
›Man könnte schwören, daß er gleich zu singen anfangen wird!‹
Sie betrachtete die breite Nase Farous, das flache, von einer senkrechten Falte gespaltene Stück Stirn, das die Brauen trennte, die kurzen, geraden Wimpern. Kinn und Mund begannen, entspannt, alt auszusehen, die obere Hälfte des Gesichtes aber, von einem rätselhaften Glück gestärkt, der baumrunde Hals, das Gewirr der Haare, eine heitere Trivialität, all das gemahnte an Mythologie und Faun. Fanny wendete sich von dem halb geöffneten Munde ab: ›Mit nüchternem Magen riecht er nach Menagerie, wie alle Leute …‹
Die breite Hand Farous mit nach oben gekehrter Handfläche streckte sich an einem adernreichen Arme vor, öffnete sich vertrauensvoll Fanny entgegen, und fast hätte sie, überrascht, diese nägeltragende Blume mit Liebkosungen bedeckt.
›Ach! wie muß ich jetzt auf alles achten! Ich muß Haltung bewahren, ich muß überlegen, ich muß entscheiden …‹
Leise schritt sie zum Badezimmer, straff vor wacher Aufmerksamkeit und heimlich stolz auf ihren jungen Schmerz.
Bleib doch nicht so liegen, Jean! … Jean, steht auf … Was hast du denn? Wenn dir nichts fehlt, darfst du dich nicht derartig gehenlassen, ich erlaube es nicht, hörst du, Jean? Bist du gefallen? … Sag, bist du gefallen?«
Fanny wagte es nicht, ihn zu schütteln, aber sie war empört darüber, daß der Junge bei vollem Bewußtsein mitten auf dem Wege liegenblieb, blond und hingestreckt wie ein getötetes junges Reh. Sein langer Körper lag schlaff quer über die Böschung des Weges, Haare und Füße hingen herab. Eine seltsame Farbe, ein grünlicher Ton in seinem Gesicht, verriet Blässe unter der gebräunten, sommersprossigen Haut. Ein feuchter blauer Blick stieg zu Fanny empor.
»Gefallen …«, murmelte er. »Ganz richtig, Mamie, ich bin gefallen.«
Sie hob eine schlaffe Hand auf, die den Druck der ihren nicht erwiderte.
»Wo hast du Schmerzen?«
»Nirgends, Mamie, danke!«
Er schloß die Augen aufs neue und atmete tief. Fanny, die unsicher nach Anzeichen eines Sturzes, nach Blutspuren suchte, konnte sich beim Anblick der Unbeweglichkeit, der Schlaffheit, ja selbst der Blässe des von Geheimnissen umhüllten Kindes eines bestimmten Argwohns nicht erwehren.
»Du bist lange in der Stadt geblieben, Mamie.«
Er sprach mit geschlossenen Augen, die Stimme klang tonlos.
»Du bist komisch … Hast du eine Ahnung, was ich alles zu kaufen hatte! … Woher weißt du übrigens, daß ich lange weg war? Und dann war die Post noch nicht aussortiert, so daß ich warten mußte … Ich konnte nicht wissen, daß ich dich wie eine abgemähte Blume hier auf dem Weg finden würde … Du, und es gibt eine große Neuigkeit! Wenn du wüßtest, was in dem Telegramm steht, das ich Farou bringe … Aha! das weckt dich auf, wie ich sehe …«
Jean hatte sich ohne Mühe aufgesetzt; unterhalb seiner Lider aber war immer noch etwas wie ein violetter Hauch zu sehen.
»Ein Telegramm vom Vaudeville … Laß aber vor Farou nicht merken, daß du den Inhalt schon kennst … ›Lieber Meister, bitte sofort zurückkommen, Probenbeginn von Unmögliche Unschuld …‹«
»Herrgott! wie ich den Titel nicht leiden kann!« murmelte Jean.
» › … dringend Aufführung erster November. In aufrichtiger Bewunderung Silvestre.‹«
»Er telegraphiert ›Lieber Meister‹ und ›In aufrichtiger Bewunderung‹? Allerhand! …«
»Das gehört sich doch!«
»Gewiß gehört es sich. Und wie ist es mit Trick und Bavolet, denen die ›erste Novität‹ kontraktlich zugesichert wurde? Was mag es da wieder für eine Rauferei zwischen ihnen und Silvestre gegeben haben!«
»Sie sind eben noch nicht fertig.«
»Nicht fertig? Das sieht den beiden nicht ähnlich …«
Er erholte sich, während er in scharfem Ton allerlei Vermutungen vorbrachte.
›Alle Welt ist immer weit besser unterrichtet als ich‹, dachte Fanny.
»So reisen wir also?« fragte der kleine Farou nach einer Pause.
»Jawohl … Aber sprechen wir nicht von der Abreise, hier kommt Fraisier … Fraisier, tragen Sie bitte meine Pakete hinauf … Wenn der Herr nicht arbeitet, bitten Sie ihn, hier herunterzukommen; arbeitet er aber, so stören Sie ihn nicht.«
»Er arbeitet nicht«, flüsterte ihr Jean hinter dem Rücken des Chauffeurs zu.
»Was sagst du?«
Fanny sah ihren Stiefsohn mit einem so brutalen Blicke an, daß er die Augen senkte und aufstand, als ob er einem Schlag ausweichen wollte. Sie maß ihn, indes er fassungslos vor ihr stand, beschämt, gleichsam befleckt durch ein Wissen, das er ihr preisgeben wollte …
»Wenn er nicht arbeitet, wird er herunterkommen. Ich will mich hier unten ausruhen. Du weißt, daß er Kranke nicht leiden kann. Da du dich besser fühlst, geh dich waschen und deinen äußeren Menschen ein wenig in Ordnung bringen. Ich möchte nicht, daß er dich in dieser Verfassung sieht.«
Der Junge gehorchte und stieg den steilen Pfad hinauf. Er hatte gegen Atemlosigkeit anzukämpfen, die ihm von dem Ohnmachtsanfall noch zurückgeblieben war. In seinen blonden Haaren hingen Sandkörner und Erdkrümel, als wäre er ein Toter, den man aus dem Grabe geholt hat.
Erst als er schon verschwunden war, begann Fanny ihn zu bedauern.
›Armer kleiner Kerl! In seinem Alter wird man so leicht zur Bestie, zum Helden oder zum Verzweifelten …‹
Sie fühlte sich gehoben, weil sie ihn zu beurteilen vermochte. Und sie ließ sich auf der Holzbank nieder, die am Fuße des steilen Abhangs stand. Der Himmel, den der morgendliche Regen nicht ganz gesäubert hatte, wurde über der untergehenden Sonne hell; langgezogene Wolkenstreifen glänzten in demselben purpurnen Violett wie die Berge, einem Violett, das der Franche-Comté eigen ist, dem der Levkojen und der Klematis vergleichbar. Farou war da, ehe sie noch nach ihm ausgeschaut hatte.
»Was ist denn los, Fannychen? Es fehlt dir doch nichts? … Ich habe nicht gearbeitet«, fügte er hinzu. »Denn ich bin eigentlich so gut wie fertig … Es gibt Sachen, die man nicht erzwingen darf, sie werden von selbst, man schreibt sie in die Luft hinein, singt sie in einem Eisenbahnzug vor sich hin, erfindet sie gleichzeitig mit einem stummen Spiel …«
Er zeichnete auf den Himmel, und Fanny erkannte in den gelben Augen, in den besänftigten Zügen Farous, ja selbst in dem gesunden und wollüstigen Geruch des über sie gebeugten Körpers die vollendete Begnadung, die Farou nach dem Liebesgenusse umfloß. Sie stand auf, straffte sich und brach nicht in Tränen aus.
»Du wirst sie trotzdem allerschnellstens schreiben müssen, mein lieber Farou. Sieh mal …«
Er las das Telegramm, wieherte zweimal schadenfroh und zufrieden »Aha! Aha!« und runzelte dann die Stirn:
»Dann habe ich aber Charles Boyer nicht … Bernstein wird ihn nicht loslassen.«
»Aber Bernstein ist doch so reizend …«
»Das hat nichts damit zu tun. Reizend … Reizend … Du sprichst von Bernstein, als ob er ein Vogel oder ein Kätzchen wäre! … Reizend … Jane!« schrie er, indem er den Kopf hob.
»Was willst du denn von Jane?«
»Was ich will? Daß wir schleunigst nach Paris fahren, selbstverständlich … Ein Telegramm an Blanchar … Eins an Marsan … Ach! und der verdammte kleine Carette … für die Rolle des Barman … Wir werden seine Adresse bei Quinson kriegen …«
Er wühlte mit allen zehn Fingern in seinen Haaren und wurde plötzlich weich:
»Nun werden die Keilereien um die Darsteller wieder losgehen … Dreißig Namen; Endergebnis: niemand … Jane! Was treibt dieses Frauenzimmer nur, wenn man sie braucht? … Schon wieder beim Frisieren wahrscheinlich oder mit einem rosafarbenen Schürzchen in der Küche, um feine Bäckereien zu machen … Der Schutzengel des Hauses … Der gute Geist mit dem Staubsauger … Jane!«
Er strahlte vor angeborener Roheit und Undankbarkeit. Fanny hörte ihm stumm zu und war zum erstenmal verwirrt. Die gelben Augen hefteten sich auf sie.
»Nun, Fanny? Du scheinst nicht zu erfassen, was das Ganze bedeutet! Ein volles Jahr und vielleicht noch etliche folgende können wir damit versorgt sein … Trick und Bavolet zurückgesetzt … Es ist noch ein Gott im Himmel, wahrhaftig! Eil dich ein bißchen! Gibt's nicht einen Nachtzug, mit dem wir fahren könnten? Jane!«
»Sie werden uns doch nicht zwingen wollen, mit dem Zug um drei Uhr früh zu fahren, Großer Farou? Ein Zug ohne Schlafplätze, voll von Schweizern … Meinen Sie nicht auch, Fanny?«
Jane war mit raschen Schritten, aber keineswegs hastig, herbeigekommen.
»Im Notfall könnten ja Sie allein diesen Zug nehmen …«
Er platzte naiv heraus:
»Allein? Seit wann reise ich denn allein, wenn es nicht unbedingt nötig ist? Und dann in Paris das zugesperrte Haus, der Gasometer zu öffnen und tausend mühsame Geschichten … Aber meinetwegen, macht, was ihr wollt … Ach! diese Frauen! Ich bin wirklich zu gut! …«
Er wurde ungeduldig wie immer, wenn er nachgab, und wandte sich mit einer großen Geste, die die Verstoßung der beiden Frauen andeuten sollte, dem Hause zu.
»Lassen Sie ihn«, sagte Jane halblaut. »Ich werde Plätze für den morgigen Tagzug bestellen. Dann sind wir morgen abend um acht Uhr zu Hause, und er kann von neun bis Mitternacht mit Silvestre sprechen. Was würde er denn morgen nachmittag in Paris anfangen? Man muß ihn immer zu seinem Glück zwingen, er ist wie alle anderen … Yvonne de Bray wird er ja auf keinen Fall kriegen … Ach! er hätte Yvonne de Bray gebraucht …«
Sie lachte aufgeregt.
»Wenn es auf Sie angekommen wäre, Fanny, hätten wir uns zu der nächtlichen Abreise bequemen müssen … ›Gut, mein Lieber‹, hätten Sie seufzend gesagt … Fanny, ich brauche Fraisier noch einmal, um die Telegramme aufzugeben … Ich tippe sie sofort. Wir haben immerhin jede einen Koffer zu packen und dann noch den Farous … Wenn man Jean aufstöbern könnte, würde ich ihn nach dem Bahnhof schicken … Aber es geht schneller, wenn ich fahre … Bei der Wäscherin ist noch Wäsche. Die muß Fraisier holen, während ich auf der Post bin …«
Sie mäßigte sich und setzte eine leicht schalkhafte Miene auf:
»Fanny, Sie müssen ein prachtvolles Kleid für die Generalprobe haben! Auf zum Kampf … Sehen Sie, wie meine Nasenflügel zittern!«
Fanny beugte sich untätig über das Tal hinab, in dem unter dem Regen die ersten Herbstzeitlosen erblüht waren. Auf dem roten Heidekraut lag, als wolle er es niedermähen, ein Strahl der tief stehenden Sonne.
»Sonderbar«, sagte sie endlich, »ich glaubte diese Gegend zu verabscheuen … Nun, da ich weiß, daß wir nicht mehr hierher zurückkommen werden, finde ich sie anziehend …«
Sie rief Tatkraft und Verstellungskunst an und fand nichts als eine verächtliche Wehmut.
»Bedauern Sie den Abschied nicht, Fanny. Sie werden Schöneres sehen. Sie dürfen nächstes Jahr nicht auf Farou hören … Nächstes Jahr …«
An Fanny gelehnt, senkte sie die Stimme zu einer gehässigen Betonung, die nicht geheuchelt schien. Fanny hörte in ihren Worten eine Feindseligkeit, die nur Farou gelten konnte. Sie nahm den stützenden Arm, der sich ihr bot, an – ein biegsamer Arm, am Handgelenk dünn wie der Hals einer Schlange, voll in der Beuge, sanft, geschickt, dienstbereit.
›Dieser allzu dienstfertige Arm … Aber wenn ich alle Frauen verabscheuen wollte, die Farou geduzt haben, würde ich nur noch Männern die Hand schütteln können.‹
Sie ließ von ihren Bedenken ab, faßte neuen Mut und hob ihr Selbstgefühl, indem sie sich ein wenig von oben herab an Jane wendete:
»Jane, bitte, seien Sie so freundlich, mir das Inventar der Möbel der Villa Déan herauszusuchen … Der alte Déan ist so genau …«
Jane stützte sie bei der stärksten Steigung des Weges unter dem Ellenbogen und antwortete: »Ja, ja«, während sie den Blick auf die Tür des Arbeitszimmers gerichtet hielt, aus dem ein großes Farou-Gelärme drang: Schranktüren flogen krachend zu, Tischbeine kratzten über das Parkett, dazwischen ertönte die sanfte Klage eines gescholtenen Dienstmädchens. Der Abend und die halbe Nacht vergingen unter Lärm. Um elf Uhr setzte Farou es sich in den Kopf, daß er eine Szene des vierten Aktes umarbeiten und in der Halle neu diktieren müsse. Seine Stimme widerhallte an den kahlen Wänden, er zeigte den harten Gesichtsausdruck eines inspirierten Irren und schritt ohne Unterlaß über den ächzenden Fußboden auf und nieder: dieses Gehaben im Verein mit dem frommen Gehorsam der stenographierenden Jane vertrieb Fanny; sie zog sich auf die Terrasse zurück. Die Feuchtigkeit der stillen Nacht verbreitete einen faden Geruch, den Vanillegeruch gewisser Schilfgräser.
Vor der geöffneten Tür wirbelten Nachtfalter wie grauer Schnee, und Jean Farou schlug die größeren unter ihnen mit einem Hut zu Boden. Manchmal sprang er nach Katzenart senkrecht in die Höhe, und Fannys Aufmerksamkeit wandelte hin und her zwischen dem anmutigen Tanz des Kindes und der Stegreiftätigkeit Farous, dieser so schwierigen und hochgeachteten Arbeit. Sie predigte sich Gelassenheit und wendete den Kopf ab, sooft das Gesicht Farous über das Lichtrechteck auf dem Boden der Terrasse glitt und sie an ihre Pflicht zu leiden erinnerte.
›Wiederum ein Stück von Farou … Unsicheres Manna … Was werde ich in Paris anfangen? Bedeutet sie einen Zusammenbruch meines ganzen Daseins, diese Geschichte zwischen ihm und Jane, oder nur eine Krankheit, die ebenso vergehen wird, wie sie gekommen ist, ohne daß ich es merke? …‹
Eine warme Wange suchte ihre herabhängende Hand. Jean Farou hatte sich lautlos neben sie auf den Boden gesetzt.
»Was willst du?« flüsterte sie ganz leise und gereizt.
»Nichts«, sagte ein unsichtbarer Mund.
»Leidest du?«
»Gewiß«, gestand der Schatten schlicht.
»Es geschieht dir recht.«
»Beklage ich mich etwa?«
»Du bist ein kleiner Unheilstifter.«
»Ach! Mamie, du hast kein Solidaritätsgefühl …«
Die feuchte Wange drückte sich an ihre Hand.
»Nein«, flüsterte Fanny stolz.
Sie fühlte in sich eine Festigkeit, etwas wie eine Verhärtung durch die Kraft der Einsamkeit, und zu klagen war ihr ebenso widerlich wie einen Verbündeten zu haben.
»Was machst du nur für Geschichten, Junge, Junge …«
Sie schüttelte mißbilligend den Kopf. Dabei lösten sich ihre Haare und glitten ihr, kühl wie eine Blindschleiche, den Rücken hinab.
»Für dich ist das alles nicht so schlimm, Mamie«, seufzte der Schatten.
Sie scharrte mit dem Fuß im Kiese:
»Es handelt sich nicht darum, wie die Dinge für mich stehen. Es handelt sich überhaupt nicht um mich! Verstanden? Du bist sechzehneinhalb Jahre alt, du bist verliebt, du bist unglücklich – alles ist in Ordnung! Sieh zu, wie du damit fertig wirst!«
»Sieh zu, wie du damit fertig wirst! Ach! Findest du, daß das ein nützlicher Rat ist, Mamie? …«
Sie flüsterten mit äußerster Heftigkeit und Vorsicht. Vor einem ungestümen Ausbruch schützte sie die Nähe Farous, der immer noch auf und ab schritt, gelegentlich auch über die Schwelle der Halle kam und abgehackte Sätze in die Nacht hinaus sprach: »Mm … Mm … Besinne dich, mein bester Didier … Mm … Mm … Werde wieder der, der du vor diesem schrecklichen Tage … Nein, das ist trottelhaft … Werde wieder der tapfere kleine Kerl, der gestern noch den Mut hatte, mir …«
Er kümmerte sich während des Diktierens nicht um Jane und schritt bis auf Fanny zu, als ob er sie zertreten würde, ohne sie zu sehen. Sie liebte diese, übrigens seltenen, Krisen der Arbeit vor Publikum nicht, empfand sie als eine Art Exhibitionismus.
»Besinne dich, mein bester Didier, ich beschwöre dich. Nicht du bist es, der da spricht, sondern sie – sie spricht durch deinen Mund … Mm … Ich beschwöre dich … Oh! Schluß! Warum lassen Sie mich so etwas diktieren, Jane?«
»Was soll das heißen, so etwas?«
»›Ich beschwöre dich‹ und ›Besinne dich‹. Und haben Sie schon jemals einen Menschen ›Mein bester Didier‹ angesprochen? Übrigens, Sie wären imstande, einen so anzusprechen … Sagen Sie einmal ›Mein bester Farou‹.«
Mit gespitzten Ohren horchten Fanny und Jean auf das gezwungene und unglückliche Lachen Janes.
»Sie haben nicht die geringste Lust, mich ›Mein bester Farou‹ zu nennen, was?«
»Nicht die geringste.«
» Didier, ich beschwöre dich … Na ja, man darf auch nicht vergessen, daß das Vaudeville eine Art Vorstadttheater ist … Ich beschwöre dich, besinne dich … Und eine Viertelstunde vor Mitternacht bekommen sämtliche Insassen des Zuschauerraumes ein wenig Sinn für höhere Gefühle … Werde wieder der, der du gestern warst … Etcetera, etcetera … Das Folgende wie im Manuskript. Gute Nacht! Fanny, ich gehe hinauf!« schrie Farou.
Hinter ihm ordnete Jane die Blätter, legte sie säuberlich übereinander und bezog die Maschine für die Reise. Sie war blaß und gleichgültig wie eine müde Beamtin, und Fanny konnte an ihr keine Spur von geheimem Triumph noch von verliebter Gewohnheit entdecken …
›Werde ich an nichts anderes mehr denken als an sie?‹ fragte sich Fanny angstvoll.
Ein besorgter Blick Janes wanderte zu ihr hinüber, die unsichtbar im Dunklen saß. Sie erhob sich und ließ Jean als ein schmachvolles kleines Häufchen zurück.
»Gehen Sie hinauf, Fanny?«
»Jawohl, das glaube ich … Mir ist jetzt schon ganz übel vor dem morgigen Tag … Und all die Pariser Gesichter, die man nun wieder zu sehen kriegen wird … Farou hat Sie so lange beansprucht, es ist schon spät.«
»Das ist ja mein Beruf. Aber er quält sich mit diesem kleinen Stückchen Szene, es ist nicht zu glauben … Es wird schon fast kindisch …«
Sie verteidigte ihn, indem sie ihn anklagte, und ohne Überzeugung. Sie schob ihren Arm durch den Fannys.
»Fanny, warum ergreifen Sie niemals meinen Arm, warum nur immer ich den Ihren? Ich bin müde, Fanny …«
»Das ist kein Wunder! … Seit heute morgen sind Sie ein Opfer Ihres Berufes!«
›Welch ein Beruf!‹ dachte Fanny und zählte auf: ›Stubenmädchen, Laufbursche, Sekretärin, Haushälterin, dazu eine halbe Stunde Liebe – wenn es viel ist … Weiß Gott! Ich sehe wohl die Lasten ihrer Stellung, aber die Vorteile? …‹
Sie fühlte sich ein wenig gemein und ganz aufgeheitert. Aber ihr Optimismus brach zusammen, als sie, nicht weit von Farou liegend, der sanft schnaufte wie ein Kochtopf, die bläuliche Scheibe des unverhängten Fensters vor sich hatte. Zwei Tage zuvor war dieses nächtliche Fenster noch leer gewesen, hatte in jener Minute, da das Auge zwischen widerspenstigen Lidern bunte Hirngespinste zu schauen beginnt, sich nur mit goldenen und dunkelroten Kreisen bedeckt: nun aber schmückte es sich mit einem Reif aufsteigender Bilder, die Fanny unbeweglich betrachtete, hingestreckt auf die Flut ihrer schwarzen Haare und von einer Hoffnung gewiegt, wie Kranke sie hegen:
›Ist es weiter nichts als das? Weiter nichts als das? …‹
Im Augenblick der Abreise war Fanny die am wenigsten Fröhliche der kleinen Gesellschaft, doch waren alle an ihre fröstelnde Unbeholfenheit gewöhnt, die sie an der Schwelle der Bahnhöfe den Schritt verlangsamen, auf dem Trittbrett des Autos schwanken ließ. Als es Zeit war, die Schlüssel der Villa Déan dem Hausmeister zu übergeben und in den Wagen zu steigen, schien Fanny aufzuwachen; sie knüpfte die Enden ihres Schals unter einem Ohr und drückte den Filzhut, dem der große Chignon eine seltsame Form verlieh, bis auf die Nasenwurzel herab. Unentschlossenen Schrittes ging sie auf der Terrasse hin und her und rüttelte an der Klinke der verschlossenen Tür.
»Aber nein, Fanny, nein, Sie haben nichts vergessen«, rief Jane ihr zu.
›Ich möchte‹, dachte Fanny, ›ich möchte den Sommer noch einmal beginnen, ausgerüstet mit dem, was ich nun weiß. Ich würde das Haus dann anders sehen, und die Gegend und die Leute und mich selbst. Schon haben die leeren Stühle hier nicht mehr dasselbe Gesicht; das plumpe Gebäude ist weniger häßlich; ich sehe die Anordnung der Zimmer, der beiden Stockwerke so klar vor mir, als wäre die Fassade des Hauses eingestürzt …‹
Sie hörte Gelächter und sah, daß Jean Farou zum Spaß sich sämtliche Mäntel übereinander umgelegt hatte und kegelförmig wie ein Heuschober einherschritt. Sie ließ sich vom Lachen der anderen anstecken, stolperte und verrenkte sich den Fuß.
»Ach! du, mit deinen Knöcheln aus Butter!« murrte Farou.
»Es wäre besser, wenn Sie ihr die Hand reichten«, bemerkte Jane.
Sie kam als letzte, anmutig in ihrem wasserdichten Jungmädchenmantel aus blaßblauer Seide. Farou blieb stehen, um auf sie zu warten, streckte die Hand durch den weißen Ledergürtel, der ihre Taille umschnürte, und zog sie vorwärts.
»Hü! Hott! Trab, blaues Pferdchen!«
Wie immer zu Ende der Ferien sah er aus, als hätte er geborgte Kleider an, Weste und Jacke offen, den Hut im Nacken. Über der Stirn kräuselte sich der dichte Haarschopf wie der Kopfschmuck eines jungen Stiers. Die mangelhaften Bügelfalten der Hose, die schlecht geknüpfte Krawatte mißfielen Jane; Farou aber lachte, wobei seine Augen hell schimmerten und seine Zähne sichtbar wurden: er verstand es, sich kokett über den guten Ton hinwegzusetzen.
»Hü! Hott! Pferdchen!«
›Welche Unbefangenheit!‹ dachte Fanny bewundernd. ›Und was hat sie eben zu ihm gesagt? Daß es besser wäre, wenn er mir die Hand reichte … Wie oft hat sie seit drei – nein, vier Jahren Sätze dieser Art gesagt? Ich achtete nicht darauf … »Es wäre besser, wenn Sie ihr die Hand reichten« …‹
Seidige Spinnwebfäden verhängten den Weg; die Sonne der achten Morgenstunde, tiefstehend und rot, trocknete den Tau nicht. Ein trockener, goldener Herbst leckte gegen den Fuß der Hügel wie eine lässige Flamme. Fanny pflückte im Vorbeigehen, über die Hecke des Gemüsegartens greifend, einige violette Astern, die sie am Vorabend verschmäht hatte.
Im Zuge wollte Jane es Fanny recht bequem machen: sie rollte die leichte Kashadecke auf und steckte das Papiermesser zwischen die Seiten eines ganz neuen Romans. Fanny aber sehnte sich weder nach Fürsorge noch nach Schlaf.
»Ich sitze gut, danke, ich brauche nichts«, sagte sie mit zerstreuter Stimme.
Ihre schönen, ein wenig tierischen Augen irrten über die Wiesen. Eine violette Arabeske auf den Zipfeln ihres Schals und die starke Schminke ihrer Lippen wirkten zusammen, sie, die den Teint einer weißhäutigen Brünetten hatte, noch blasser als sonst erscheinen zu lassen.
Jean Farou stand auf dem Bahnsteig und versprach, Fraisier das Auto führen zu lassen, versprach, nicht in finsterer Nacht zu fahren, versprach bereitwillig, aber heuchlerisch alles, was man von ihm verlangte.
»Welche Zeitung wollen Sie, Fanny?«
»Im Augenblick keine, danke! Ich habe alles, was ich brauche.«
›… Und das unglaublichste ist, daß es mir gar nicht schlecht geht‹, setzte sie innerlich fort.
Längs der Fenster des Zuges begannen kleine Bahnhöfe der Franche-Comté vorüberzugleiten, belastet von Weinreben mit schweren dunklen Trauben. Farou las die Zeitungen auf seine Art.
»Noch nichts drin … Nein, noch kein Wort darüber.«
»Worüber denn?« fragte Fanny zusammenfahrend.
»Über den Beginn der Proben selbstverständlich. Kommst du eben vom Mond?«
»Weißt du, wenn ich um fünf Uhr aufstehen muß …«
Eine Kurve der Eisenbahnstrecke führte Fanny in der Ferne noch einmal den Hügel vor Augen, den sie verlassen hatte, und die viereckige Villa, die sie nicht wiedersehen sollte. Sie beugte sich vor, um eines der wenigen Häuser verschwinden zu sehen, die sie seit ihrer Verheiratung zwei Sommer lang beherbergt hatten.
Hat er zu Mittag gegessen? Sicher hat er nicht zu Mittag gegessen!«
»Doch, er hat gesagt, er werde sich im Theater etwas holen lassen … Als ob Farou Gefahr liefe, Hungers zu sterben! … Es ist zum Lachen! …«
»Immerhin ist er die letzten drei Tage nicht vor vier Uhr schlafen gegangen!«
»Na, und was weiter? Das ist ganz normal.«
»Ach, wie spartanisch Sie sind! Eine spartanische Gattin sind Sie. Wahrhaftig. Man möchte es nicht glauben, wenn man Sie sieht. Übrigens ist das sehr schön, sehr groß – diese Strenge, diese Verachtung alles Materiellen, diese …«
Sie bettelten nicht gerade um ein Plätzchen im Hause – und wäre es auch nur das für die Flickfrau bestimmte Eckchen! –, aber sie hielten Fanny ein frommes, angsterfülltes Gesicht entgegen, das eigentlich nicht für sie, sondern für Farou bestimmt war, und trugen jene schamlose Ekstase zur Schau, die dem dramatischen Autor und den berühmten Schauspielern so gerne gezeigt wird. Sie nannten Farou nur ›Er‹ oder ›der Meister‹.
›Was ist denn schon weiter dabei!‹ dachte Fanny. ›Er hat ein Stück geschrieben, ja, er hat wieder einmal ein Stück geschrieben. Wenn er Tischler wäre oder einen elektrischen Apparat erfunden hätte oder einen Fliegenfänger oder ein Serum, gerieten sie da auch alle in solche Aufregung, als ob ihnen der Heiland geboren worden wäre?‹
Sie senkte ihr ein wenig fettes Kinn und schwieg, hoffend, daß die Bittstellerinnen daraufhin bald gehen würden. Diese aber kümmerten sich in ihrem Eifer nicht um sie.
»Ist es ein Werk derselben Art wie › Atalante‹ oder › Die Wohnung ohne Frau‹?«
»Die Aufführung wird verschoben, nicht wahr? Mademoiselle Aubaret sagt mir vorgestern, daß …«
»Ach wirklich, Jane, sagten Sie vorgestern …?«
Fanny wendete Jane ihr geschminktes, fleischiges Pariser Lächeln zu, und Jane, die, blond, in einer Ecke des Raumes strahlte, dämpfte sofort ihren Glanz.
»Wer nichts weiß, kann auch nichts sagen, Fanny. Der Meister läßt mich, ebenso wie Sie, völlig im dunkeln. Aber Madame Cellerier hat die Ohren überall!«
Clara Cellerier rauchte männlich wie ein Student, indem sie heftig vor sich hin blies. Ein Hut aus grobem Stroh von der Form eines kleinen Eimers, ohne Rand, der einzige Schandfleck in einem grauschwarzen Ensemble, gab ihr ein Kinn, das Fanny nicht an ihr kannte. Die alte Schauspielerin kleidete sich kühn, mit einer provinzlerischen Bravour sozusagen, die dem Publikum der Comédie Française nun schon dreißig Jahre lang Eindruck machte. Sie hatte an diesem Tage eine jener jungen Schauspielerinnen zu Fanny mitgenommen, die es verstehen, einem dramatischen Autor frühmorgens zu telephonieren, ihm dann in einem Fahrstuhl zu begegnen, unter seinem Blick die Sprache zu verlieren, ihm einen hastigen, wilden Kuß auf die Hand zu drücken und daraufhin vor Scham zu ersterben. Der Schützling Clara Celleriers hoffte, im Schatten glühend, daß Farou zum Abendessen heimkommen werde. Sie beschränkte sich stumm darauf, ihrem Gesicht – dem Gesicht einer lebhaften Blondine – einen Ausdruck von Bekümmerung aufzuerlegen, und schien den Tränen nahe, als sie hörte, daß Farou seit einer Woche weder zum Schlafen noch zum Essen, überhaupt so gut wie gar nicht nach Hause komme.
»Sie werden dieses Fieber vor den letzten Proben noch kennenlernen, Kleines, verlassen Sie sich darauf«, versprach ihr Clara Cellerier.
»Oh, Madame! … Ich wäre glücklich, es kennenzulernen … Wenn man nur die geringste Verwendung für mich fände.«
Fanny betrachtete sie kühl belustigt; der Typus war ihr nicht neu.
›Die Art kenne ich. Diese hier wird vielleicht ihre kleine Rolle kriegen, sie ist recht hartnäckig …‹
Jane erhob sich nicht, um der jungen Anwärterin ein leeres Weinglas aus den Händen zu nehmen.
Einige der Damen warteten bloß darauf, daß es Zeit sei, zum Abendessen zu gehen.
›Sie werden abziehen‹, dachte Fanny, ›sobald sie Lust haben, nach Hause zurückzukehren, oder wenn es Zeit ist, irgendwelche Freunde in einem Restaurant zu treffen. Und dann werden sie erzählen, sie hätten einen reizenden Nachmittag bei Farous verbracht … Ich mag weder diese Protektorin noch dieses große, von einem ersten Schneider angezogene Frauenzimmer; ebensowenig die Kusine Farous, die es für ihre Pflicht hält, sich Brauen und Wimpern zu färben, wenn sie zu uns kommt, und sich mit einem Rot zu beschminken, das sie nachher auf der Treppe der Untergrundbahn wieder abwischt … Wie ist doch mein Haus so langweilig … Und diese Möbel … Man würde sie nicht einmal für einen zweiten Akt in der Scala verwenden können! … Ich müßte …‹
Eine Art Vogelfrau in metallischem Grün, kurz gekleidet, so daß die muskeligen Beine zu sehen waren, schritt durch den düsteren viereckigen Salon. Erste Varietékomikerin, brannte diese Vogelfrau darauf, zum Drama oder zur Komödie überzugehen. Ihr kleines Armeleutegesicht blieb selbst geschminkt der nebensächlichste Teil ihres Akrobatinnenkörpers. Sie watschelte wie eine Taube, von der Gewohnheit beherrscht, riesige Bühnen zu überschreiten, schillernde Schleppen und Schaumwogen von Federn hinter sich herzuziehen und bei jedem Schritt einen wohlausgebildeten herzförmigen kleinen Muskel an ihrer Matrosenwade hervorspringen zu lassen. Sie nahm Fannys Hände zwischen ihre grünen Handschuhe, seufzte eine vornehme Klage, und ihr leidvoller Rückzug ließ bei den anderen wieder ein wenig Heiterkeit aufleben.
»Die richtige Kokotte«, sagte Clara Cellerier. »Und zu denken, daß aller Wahrscheinlichkeit nach sie die Hauptrolle in › Wandlung‹, dem nächsten Stück Farous, spielen wird!«
»Sie macht volle Häuser«, meinte Fanny.
»Es ist noch gar nicht so sicher«, sagte Jane.
Die junge Schauspielerin bewegte sich schmerzlich auf ihrem Sitz.
»Nehmen Sie Ihr Cape um, Kleines, Sie kommen mit mir«, befahl ihr Clara Cellerier.
Die junge Schauspielerin machte gesenkten Hauptes einige Schritte wie eine, die in die Verbannung geschickt wird, und Clara Cellerier nahm Fannys Kopf wie ein Ei in ihre beiden Hände, um sie auf die Stirn zu küssen.
»Meine liebe Fanny, wo haben Sie Ihre Sorglosigkeit gelassen?«
»Meine Sorglosigkeit?«
»Ja, Ihre … Ihre Unbekümmertheit … Ihre schöne Gelassenheit … Sie scheinen mir nun völlig aufgewacht? Offenbar sitzen Sie in diesen Tagen gleichsam auf glühenden Kohlen … Aber welche Entspannung nach dem Triumph! Schöne kummervolle Augen
Sie drückte ganz leise mit der flachen Hand Fannys Augenlider herab, die sich nach dieser zärtlichen Berührung wieder hoben.
›Die kluge alte Frau! Sie sieht alles …‹
Fanny betrachtete das kühne Gesicht der alten Schauspielerin, ihre Schminke, die, scharf und hart, verschwommene Linien hervorzuholen strebte, den Hut aus grobem Stroh und das jugendliche schwarze Kleid. Sie wollte eben irgendeine Antwort hinwerfen, als Farou eintrat. Als wäre sie verwundert, schloß die junge Schauspielerin die Augen, öffnete die Lippen und preßte eine Hand auf die Brust. Der erste Blick Farous galt ihr. Erschöpft, Staubflecke auf dem Anzug, mit feuchter Stirn und zerdrücktem Kragen, kehrte er von der Probe heim, als käme er von einer Rauferei oder von einem Faustkampf in einer Schenke oder wäre eben irgendwo eine Kellerstiege hinabgestürzt. Doch beim Anblick der jungen Schauspielerin erhellte sich sein Gesicht, er lächelte wie ein Genesender, schwach und glücklich, und verjüngte sich in wenigen Sekunden zusehends, ruckweise, wie ein Feuer emporflammt …
»In welchem Zustand Sie sich befinden!« seufzte Clara Cellerier.
Farou schnalzte ungeduldig mit den Fingern zu ihr hinüber. Er betrachtete die junge Schauspielerin und suchte nach ihrem Namen.
»Schenken Sie ihm ein Glas Portwein ein«, flüsterte Clara Cellerier Fanny ins Ohr.
Fanny schüttelte den Kopf und wies mit dem Kinn nach Jane hinüber, die in finsterer Hast zwei rohe Eidotter mit Zucker abrührte und dann Marsala darübergoß.
»Diese Tätigkeit scheint Mademoiselle Aubaret nicht viel Spaß zu machen«, flüsterte Clara.
Sie wechselte ein Lachen, das Fanny ein wenig demütigte, und Farou tat endlich den Mund auf:
»Guten Tag, meine Herrschaften! … Ich bitte um Verzeihung, Clara, ich bin tot … Aber dieses Kind da, das ist doch die kleine … Nun, ich kenne sie doch … die kleine …«
Er hielt die Hand der jungen Schauspielerin an der Spitze des kleinen Fingers fest und schwenkte einen wehrlosen und anmutigen nackten Arm.
»Die kleine Inès Irrigoyen«, flüsterte Clara Cellerier Farou zu.
»Ein hübscher Name für eine Blondine!«, sagte Farou.
»Aber ich heiße wirklich so«, gestand die junge Frau wankend.
»Gut, gut, es sei Ihnen verziehen … Aber weshalb stehen denn alle?«
»Wir gehen, wir gehen«, sagte Clara. »In einem derartigen Augenblick …«
Ihr ausgezeichnet gespielter falscher Aufbruch setzte die Zögernden in Bewegung und verjagte alle, sogar die Kusine Farous. Hinter ihnen wiederholte Clara, auf dem Platze tretend:
»Gehen wir … gehen wir … Entfernen wir uns schleunigst … In einem derartigen Augenblick …«
»Ist es gut gegangen?« fragte Fanny.
Eine zornige Erinnerung runzelte die Brauen Farous, und seine gelben Augen bedrohten eine abwesende Horde:
»Ja … ja … Ach! diese Kamele! … Übrigens werden sie prachtvoll sein … Besonders …«
»Besonders wer?« fragte Clara gierig.
Er warf ihr einen Blick voll des professionellen Mißtrauens zu.
»Die meisten werden prachtvoll sein.«
»Ach! wie sind sie doch glücklich!« wagte die blonde Schülerin. »Drei Zeilen in einem Stück von Ihnen, Meister, bedeuten schon eine große Rolle.«
Er lachte ihr tückisch ins Gesicht, um ihr zu zeigen, daß er ihr nicht auf den Leim gehe. Fanny kannte dieses ein wenig negerhafte Lächeln, diese ungezwungene Grimasse mit gerunzelter Nase und unbedeckten Zähnen, die Farou sehr gerne auf Photographien und in interessierten Unterredungen zeigte.
»Drei Zeilen? Möchten Sie drei Zeilen haben?«
Wie von einem Schwindel ergriffen, klammerte sich die Inès genannte junge Frau an Claras Hand und hielt den Atem an.
»Drei Zeilen … und noch eine Null neben der Drei? Die kleine Rolle der Tipperin? … Was? Wie? … Was für eine Scheußlichkeit ist das, Jane?«
Er stieß das Glas von sich, das Janes Hand ihm hinhielt.
»Schon wieder dieser Pansch aus rohen Eiern? Geben Sie das bitte einem Schwindsüchtigen. Ich möchte ein Glas Portwein.«
Er trank und wechselte den Ton.
»Mademoiselle … Inès, merken Sie sich bitte, daß die Probe Punkt eins beginnt«, sagte er kalt. »Favier hat die Rolle, er wird sie Ihnen ausfolgen. Mademoiselle Biset hat sie heute nachmittag zurückgegeben.«
»Zurückgegeben?« wiederholte Clara Cellerier im Tone des Entsetzens. »Mein lieber Freund, in welch einer Zeit leben wir? Zurückgegeben? Biset hat ihre Rolle zurückgegeben?«
»Jawohl. Oder ich habe sie hinausgeschmissen, wenn Ihnen das lieber ist.«
Clara warf sich militärisch in die Brust.
»O ja! das ist mir lieber! Im Namen der Theaterehre ist mir das lieber … Wird die Generalprobe verschoben? Nein? Die Erstaufführung findet am festgesetzten Tage statt? Das ist bewunderungswürdig! Kommen Sie, Kleines. Wie glücklich Sie sie machen, teurer Meister!«
Sie zog die blonde Frau mit sich, die auf einen guten Abgang bedacht war, das heißt, ein wenig wankte, einige Worte stammelte und auf der Schwelle der offenen Tür in die Hände klatschte wie ein glückseliges Kind.
»Gar nicht übel«, urteilte Farou, während er sich Kragen und Krawatte abriß. »Sie hat jenen Mangel an Natürlichkeit, der für die Rolle paßt.«
»Es gäbe auch noch die Portierstochter«, schlug Jane im Hintergrund des Salons vor.
Fanny drehte sich verblüfft nach ihr herum und erblickte sie, blaß, mit bösen und glänzenden Augen.
»Sie könnten gefälligst dafür sorgen, daß das Stubenmädchen mir ein Bad einläßt und ein Hemd und Schuhe vorbereitet«, antwortete Farou. »Und lassen Sie Ihre Kompetenz in Theaterdingen dabei bewenden!«
Jane verschwand wortlos, schloß jedoch die Tür mit Lärm.
»Wie du nur mit ihr sprichst! …« sagte Fanny, peinlich berührt.
»Kümmere dich nicht darum Fanny-ma-Fanoche!«
Er streckte sich, den Hals entblößt, auf das Sofa und schloß die Augen. Er war ermattet, seiner selbst sicher und siegreich in seiner Ruhe.
»Gehst du wieder fort?« fragte Fanny mit leiser Stimme.
»Gewiß gehe ich wieder fort.«
»Ißt du zu Hause?«
»Nein. Ich wäre zu müde, wenn ich jetzt äße, fiele ich vor Schlaf um … Ich werde dort irgend etwas essen.«
»Bist du zufrieden?«
»So ziemlich.«
Er beschränkte sich auf dieses kurze Wort, und sie drang nicht weiter in ihn. Was hätte sie auch erfragen sollen? Sie kannte einige Szenen des Stückes, eine überraschende Lösung, die ihr nicht gefiel, den Schluß des zweiten Aktes, über den Farou mit geheuchelter Gleichgültigkeit ihre Meinung eingeholt hatte. Sie fühlte sich bedrückt, dem Berufsleben ihres Mannes fremder denn je.
›So ist das nun … Zwölf Jahre des Zusammenlebens, und eine derartige Verlegenheit zwischen uns, eine derartige Gezwungenheit der Rede …‹
»Du bist hübsch heute.«
Sie erzitterte und beeilte sich, dem schönen gelben Blicke, der auf sie gerichtet war, entgegenzulächeln.
»Ich dachte, du schliefest, Farou.«
»Du bist hübsch, aber du siehst traurig aus. Vielleicht bist du auch wirklich traurig.«
Er hob eine Hand und ließ sie schlaff wieder auf das Sofa fallen.
»Welch seltsamen Augenblick du wählst, Farou …«
»Fanny, meine Liebe, wie sollte man den Augenblick wählen? … Ich komme aus einer Schlacht«, sagte er, indem er sich erhob und die Arme dehnte. »Die Leute dort … Da ist einer, der kann seine große Szene nur spielen, wenn er sein rechtes Profil zeigt. Sowie ich ihn den Platz wechseln lasse, wird er schlecht. Dann ist da eine, die spielt ihre Verzweiflungsszene mit kurzgeschnittenen und glatt angeklebten Haaren … Wenn du sehen könntest, wie sie den Kopf an den Knien ihres Geliebten wetzt … Ach … Und zu alledem noch Silvestre! … Welch ein Affenkäfig! … Du hast das schönste Gesicht eines menschlichen Wesens.«
Er legte seine schweren Hände auf Fannys Schultern und weidete sich an ihrem weißen Antlitz mit den schweren bräunlichen Lidern. Sie ließ sich in einer tiefen Verwirrung betrachten, die angenehm war wie ein wollüstiger Schmerz. Ein Krachen des Parkettbodens verriet Fanny, daß Jane das Zimmer wieder betreten hatte.
»Ich freue mich, festzustellen«, sagte Farou, ohne sich umzuwenden, »daß Sie die Türen manchmal auch leise schließen können, Jane.«
Er erhielt keine Antwort. Indem er Fanny verließ, schritt er bösartig auf Jane zu.
»Nun? Wohltätiger Kobold mit dem Dundee-Marmeladetopf! Mir scheint, Sie sind jetzt ein wenig gelassener?«
Von Müdigkeit übermannt, lachte er ein beinahe trunkenes Lachen und rächte sich nunmehr für die lange geübte Zurückhaltung, für all den Zorn, den er in der kleinen Nische am Rande der Bühne hatte unterdrücken müssen …
»Es scheint, daß Sie blonde Darstellerinnen nicht sehr schätzen … Wie, Jane?«
Fanny war ihm nachgegangen und zog ihn zurück, als ob er sich über einen Abgrund beuge.
»Farou, schweige!« bat sie ihn hastig.
Sie beobachtete Jane, die außer sich war, seltsam blaß und herausfordernd …
»Ihretwegen werd' ich mir keinen Zwang antun!« sagte Farou sehr laut.
Jane raffte sich zusammen, als ob sie, einen Schlag fürchtend, ihn schon zurückzugeben versuchte, während sie ihn mit ihrer blonden Stirn und den unkörperlich nebelhaften Haaren parierte. Eine unbekannte Grimasse verzog den kindlichen Bogen ihres Mundes, und ihr Blick wurde gehässig und erbärmlich.
»Jane!« schrie Fanny, indem sie die Arme ausstreckte.
Ihr Schrei, ihre Bewegung erschütterten den gestrafften schwachen Körper, dessen verkrampfte Feindseligkeit die Erinnerung an eine junge Fanny früherer Tage in ihr erweckte, die, von Farou grob angefahren, dieser totenbleichen, aber tapferen Gegnerin ähnlich gewesen war …
»Geh fort!« befahl Fanny ihrem Gatten. »Jawohl, geh fort. Du hast draußen zu tun. Und ein anderes Mal wirst du die Freundlichkeit haben, deine schlechte Laune an mir auszulassen. Nicht an anderen, zumindest nicht vor mir … Du … du bist unmöglich vor einer Erstaufführung. In drei Tagen wirst du … wirst du weitaus netter sein.«
Sie stotterte ein wenig und fühlte ihr Kinn zittern. Sie wußte seit langem nicht mehr, was Zorn ist, und indem sie sich zu bezwingen bemüht war, lächelte sie unbestimmt, wie gewisse Tiere lächeln, wenn die eigene Wut sie entzückt. Farou verkannte dieses Lächeln und fügte sich wie einer, der sich schuldig fühlt.
»Scheußlich bin ich!« seufzte er. »Ich fühle mich scheußlich. Ein Vieh bin ich!«
Er unterstrich und wiederholte das Wort im Ton billiger Selbstgefälligkeit. Fanny schöpfte Atem und preßte den Mund zusammen, um zu verhindern, daß ihr Kinn zitterte.
»Jane, würden Sie so gut sein …«, begann er mit gesänftigter Stimme.
Fanny aber schnitt ihm das Wort ab.
»Nein! Heute abend nicht! Morgen wird alles besser sein. Geh in deine Probe, wetze dir die Krallen an Hinz und Kunz, an Silvestre, am Logenschließer, wenn du willst, aber laß uns in Frieden!«
»Es gibt doch keinen Logenschließer bei den Proben«, sagte Farou beleidigt.
»Geh, Farou, nimm dein Bad, geh! …«
Er verschwand, und Fanny machte sich sofort daran, die leeren Gläser zusammenzustellen, und sie sprach dabei, damit Jane noch eine Weile schwiege.
»Ach Gott! ach Gott! … Nein wirklich … Wie ist sein Beruf doch scheußlich! … Das bißchen Portwein, das er getrunken hat, genügte, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen …«
Währenddessen dachte sie:
›Dem wäre ich ja mit knapper Not entgangen. Wie konnte Jane sich nur so gehenlassen? Sie war nahe daran, zu sprechen, zu schreien, hauptsächlich aber zu sprechen …‹
Frisch gepudert und frisiert, färbte Jane sich die Lippen neu. Dann biß sie sich darauf, schluckte die Schminke und benützte den Stift mechanisch noch einmal.
»Ach! wissen Sie«, sagte sie plötzlich, »ich wäre nicht um eine Antwort verlegen gewesen! Ich fürchte mich nicht vor ihm, wenn er auch der Große Farou ist. Ich habe schon anderes erlebt …«
Sie blickte herausfordernd nach der Tür, die Farou hinter sich geschlossen hatte, und es entschlüpften ihr Worte, wie sie eine kampfbereite Dirne oder ein aufgebrachter Arbeiter hervorstößt. Die gespannte kleine Grimasse veränderte aufs neue ihren Mund, und Fanny überlief es vor Unbehagen und Einsamkeit.
»Jane, wie wäre es, wenn wir äßen? Ich hasse solche Nervenausbrüche. Wir sind allein, Jean ist in einer Versammlung seines Vereins ›Tatkräftige Jugend‹ …«
Jane nahm ihren Arm. Ihre noch verkrampften Finger tanzten auf Fannys Hand, und sie gab ihr einen Kuß hinters Ohr, der jeglichen Ausdrucks entbehrte.
›Vor zwei Monaten‹, dachte Fanny, ›hätte ich mich allein zu Tisch gesetzt, oder ich hätte das Fräulein tüchtig angeschnauzt … Aber ich bin so schüchtern, seit ich weiß, daß die beiden schuldig sind …‹
Sie hatte eine stoische Gefährtin vor sich, die trank, aß und sprach. Von Zeit zu Zeit aber wurde Jane gleichsam durchsichtig und schwieg. Dann sah Fanny Schmerz oder Leidenschaft in ihr emporflackern, so wie man aus dem Gesicht einer schwangeren Frau die verborgenen Bewegungen ihres Kindes erraten kann.
Ein wenig später am Abend kehrte Jean Farou heim. Er verbreitete einen Tabak- und Mannsgeruch, der nicht der seine war. Er vibrierte noch von den Schreien, die hundert verwegene junge Münder rings um ihn ausgestoßen, von sinnlosen und eitlen Worten, die er selbst in den Rauch gerufen hatte. Neu gekleidet, die Krawatte schlecht gewählt, eine bekümmerte Falte unter den Augen und einen neuen Schatten auf den Lippen, erschien er Fanny wie eine beschmutzte Frucht. Er unterbrach, indem er eintrat, ein langes Schweigen, in das die beiden Frauen, nähend die eine, die andere lesend, sich geflüchtet hatten, während sie dicht nebeneinander unter der Familienlampe saßen.
»Bist du zufrieden? Hast du genug gebrüllt? Hast du genug Fusel getrunken? Hast du deine Grundsätze verkündet? Und die der anderen umgestoßen? Ist dir übel?«
Fanny wartete nicht auf die Antworten; sie drängte sich zwischen Jean Farou und Jane; Jean aber war nicht abzulenken, er betrachtete nur das Gesicht Janes. Schließlich wendete er sich Fanny zu, um sie mit den Augen zu befragen:
›Was hat sie? Was ist vorgefallen? Was hast du ihr getan?‹
Durch ein Achselzucken gab Fanny ihm wütend zu verstehen:
›Ach! hol dich der Kuckuck!‹
Der kleine Farou wagte nicht, mit Jane zu sprechen. Sie hielt ihn sich durch ihre offensichtliche Geringschätzung fern, war hauptsächlich durch eine Art monogamen Abscheus von ihm getrennt.
»Ja«, sagte er endlich, ohne sich bewußt zu werden, daß ihn niemand mehr irgend etwas fragte. »Es war eine sehr lebhafte Versammlung. Wunderbar. Wir haben unsern Vätern Ehre gemacht. Sie hätten die Dummheiten, die wir vorbrachten, gewiß gelten lassen. Ein Narrentanz.«
Seit der Rückkehr nach Paris veränderte er sich und erwarb eine Sicherheit, die ihm nicht wohl anstand. Fanny, die zuweilen ein mütterliches Gefühl in sich verspürte, betrachtete ihn mit Trauer.
»Ist Vater im Vaudeville?«
»Selbstverständlich«, sagte Fanny.
»Geht's gut vorwärts?«
»Er sagt, ja. Hat er dich noch nicht dahin mitgenommen?«
»Ebensowenig wie dich, Mamie. Und Sie, Jane?«
»Ich genieße keinerlei Vorrechte«, antwortete Jane, die Augen auf ihr Buch gerichtet. »Ich habe im Vaudeville, seit geprobt wird, nur kurze Leseproben gehört sowie Zähneknirschen und Streitereien zwischen Silvestre und den Dekorateuren. Farou verbirgt seine Arbeit auf der Bühne wirklich wie …«
»Wie eine Katze ihre Geschäftchen im Sand«, sagte Fanny, die gerne gewollt hätte, daß man ein bißchen lache. »Warum eigentlich, möchte ich wissen?«
»Aus Schüchternheit«, sagte Jean.
Jane hob den Kopf bei diesem Wort und senkte ihn dann mit einem bösen kleinen Lächeln wieder über ihr Buch.
»Du wirst mir doch nicht vormachen wollen, Mamie, du habest noch nie bemerkt, daß mein Vater schüchtern ist?«
»Ich gestehe«, sagte Fanny geärgert, »daß mir dieser Wesenszug bisher an ihm … nicht besonders aufgefallen ist.«
Aber sie sprach zögernd und dachte dabei nach.
»Das glaube ich dir gern, Mamie, jawohl, das glaube ich dir … Auch Jane dürfte es noch nicht bemerkt haben.«
Dieser indirekte Angriff brachte Jane nicht aus der Ruhe. Jeans Blick verschlang Janes Schultern, Arme, Knie, Janes Haare, doch Fanny las in dem leuchtenden Blau der vom Rauch geröteten Augen nichts anderes mehr als wilde Gier und hoffnungslosen Groll.
›Vielleicht beginnt er sie zu hassen‹, dachte sie.
Er verlor allmählich das Wohlwollen seiner Stiefmutter und war sich dessen bewußt. Obgleich sie sich nicht mehr mit seiner Körperpflege befaßte, schulmeisterte sie ihn doch noch gerne in dieser Hinsicht mit der Rauheit einer Amme: »Hast du dir auch die Fußnägel geschnitten und Eno Fruit Salt genommen … Ich kenne dich! Dein Wahlspruch ist: Seidensocken und unsaubere Füße. Geputzte Zähne und eine weiße Zunge.«
Aber um nichts in der Welt hätte sie es vermocht, diesen allzu blauen, diesen hellsichtigen und harten Augen gegenübersitzend, zu sagen:
›Erkläre mir, wieso du weißt, daß dein Vater schüchtern ist! … Sage mir – du, der du nicht mit ihm lebst, so wenig nur mit ihm sprichst und nicht sein Verbündeter bist –, sage mir, was du von ihm zu wissen meinst, was du auf wunderbare Weise von ihm weißt …‹
Das geheimnisvolle und unglückliche junge Geschöpf trat von einem Fuß auf den anderen, nahm Zeitungen auf, schüttelte einen leeren Zigarettenkasten; Jane aber wandte sich erst erschauernd von ihrem Buche ab, als sie eine ferne Turmuhr Mitternacht schlagen hörte.
»Bleibt ihr denn alle beide noch lange hier sitzen?«
»Farou hat die ganze Nacht zu tun. Silvestre hält sich an die festgesetzten Daten. Freitag morgen: die Schneiderinnen. Freitag abend: Generalprobe …«
»Und Sonnabend eine Einnahme von vierundzwanzigtausend Francs«, setzte Jean fort.
»Insch'allah!«
»Wer ist denn heute dagewesen, Mamie?«
»Leute«, sagte Fanny lakonisch. »Clara. Die Kusine Farous. Und noch andere … Niemand.«
Jane, durch die Namen Claras und der Kusine Farous aufgestört, fürchtete auch noch den der jungen Inès Irrigoyen zu hören und zeigte ein leidendes und kampflüsternes Gesicht, doch Fanny kam die blonde junge Frau in diesem Augenblick überhaupt nicht in den Sinn.
»Und somit gehe ich schlafen, meine Lieben.«
»Ich auch«, sagte Jane.
»Eine erstaunliche … Ein erstaunliches Zusammentreffen der Wünsche«, spöttelte Jean.
Er hatte nicht gewagt, »Solidarität« zu sagen. Jane hörte das Wort trotzdem und ging zum Angriff über.
»Jawohl, mein junger Herr. Jawohl, eine erstaunliche Solidarität! Haben Sie daran etwas auszusetzen, Herr Farou junior?«
»Ich? Nein … Nicht das geringste …«
Er verlor die prächtige Haltung eines beleidigten Kindes und betrachtete seine erste Feindin mit Entsetzen.
»Pst! Pst! Ruhe! Ruhe!« befahl Fanny sanft. »Oh! diese Farous, ich hab' sie wahrlich satt …«
Sie drängte Jean Farou gegen sein Zimmer.
»Schlaf gut, mein Kleiner.«
Sie konnte aber nicht verhindern, daß er im Augenblick, da er sich auf der Schwelle umdrehte, Jane an ihre Schulter gelehnt sah, in einer beabsichtigten Pose der Schwäche und dabei voll Herausforderung.
Die folgenden Tage brachten Fanny die ihr notwendige banale Aufregung und Ablenkung durch allerlei unvorhergesehene Geschehnisse: Esther Mérya, die Hauptdarstellerin, erkältete sich: Henri Marsan verstauchte sich den Fuß in einer Kulissenschiene; dann verzögerte auch noch eine neue Dekoration, die von Farou abgelehnt, von Silvestre jedoch trotzdem bestellt worden war, die Generalprobe. Bei jedem Zwischenfall stellte Fanny gelassen fest: »Genauso wie bei › Atalante‹. Ganz dasselbe ist bei der › Gestohlenen Traube‹ passiert …«
Der vergeßliche und empfindliche Farou aber, von seinem ewig wiederholten Text angewidert, empörte sich allen Ernstes:
»Wo hat man je schon ein solches Kuddelmuddel gesehen? Wo? In Berlin etwa oder in London? … Was für eine Schweinewirtschaft! Was für ein blödsinniges Durcheinander! Was für eine …«
»Und deine kleine Irrigoyen, was macht die in all dem Wirrwarr?« fragte Fanny unvermittelt.
»Wer? … Ach so! die … nichts macht sie, Gott sei Dank! Biset hat die Rolle wieder zurückgenommen.«
»Ach!« verwunderte sich Fanny. Sie hörte sich zu wundern auf, indem sie an Jane die Wiederkehr, die Fortschritte einer Zufriedenheit wahrnahm, die ihre Augen, ihren Teint und den Klang ihrer Stimme erhellte. Beim leisesten Ruf Fannys kam sie herbeigeeilt: »Was wollen Sie, liebe Fanny?«, gleich einem jungen Mädchen, blond, rosig, flink, und emsig wie eine Biene. Mit geschlossenen Lippen summte sie kaum hörbar ein Liedchen. Angesprochen, geschah es, daß sie bei einem »Wie, Fanny?« auf ihrem Gesicht den unschuldigen und hoffnungsvollen Ausdruck einer Braut sehen ließ.
Gleichzeitig gewann Farou – sowie er den Proben, den Beleuchtungsversuchen und dem Krankenbett Esther Méryas den Rücken gekehrt hatte – seine gute Laune wieder, jene Fröhlichkeit, die bald in lichten Höhen schwebte, bald sich im Kote wälzte, dazu seinen friedlich goldenen Blick, ja selbst jenen Duft, den er ausströmte, wenn er in der Liebe glücklich war. Fannys Stimme wurde düster. Der Betrug verließ die niedrigeren Zonen, stieg bis zu ihr empor. Farous Vergnügen hörte auf, ein vorübergehendes Abenteuer zu sein, eine auf der Straße geborene Laune, der Straße, dem Theater angehörend, wo immer, wann immer flüchtig befriedigt. Sie gelangte dahin, sich kindisch die Stufen in der Hierarchie des Ehebruchs vor Augen zu halten:
›Die kleinen Asselins, die Vivicas, die Irrigoyens und das ganze Gezücht, das geht Jane an. An ihr ist es dann, zu toben, verstohlen ein wenig zu weinen und – wenn sie es wagt! – Farou Szenen zu machen. Aber Jane selbst, in meinem Haus, in meinem armen kleinen Bereich, dem Bereich einer Frau, die nichts ihr eigen nennt …‹
Während schlafloser Nachtstunden wünschte sie nun zum erstenmal ein eigenes Zimmer, in dem sie allein hätte schlafen, allein hätte wachen können. Die Wohnung hatte nur ein einziges Gastzimmer, und das gehörte Jane. Der kleine Farou schlief in einem Raum, den man, wenn er ihn nicht bewohnt hätte, »das Boudoir der gnädigen Frau« genannt haben würde. Fanny und ihr Gatte ruhten nachts Seite an Seite; ein einziger Bettrahmen umgab ihre Zwillingsbetten. Seit Jahren glitten ihre aneinander gewöhnten Körper nachts gemeinsam durch das Meer der Träume. Der treulose Gewohnheitsmensch Farou forderte die Anwesenheit, die warme Unbeweglichkeit Fannys, die Flut ihrer gelösten schwarzen Haare, die er durchwühlen konnte, wenn er die Hand in der Finsternis ausstreckte … Sein Schlaf liebte den Fannys, ihre vorgewölbten Augen, so dicht von großen Lidern beschützt, ihren im Schlummer trotzigen Mund und ihren ganzen Körper, ihren völlig weiblichen, an rundlichen Wölbungen reichen Körper, der auf der Seite ruhte, die Ellbogen dicht an den Knien.
»Nichts ist verschlossener als du, wenn du schläfst«, pflegte er zu sagen.
›Er nannte mich eine Vagabundin wegen dieser zusammengekauerten Stellung. Er sagte, ich müsse seinerzeit ein Landstreicherdasein geführt und in Straßengräben geschlafen haben …‹
Bekümmert und feige anfänglich, später weise und verstellt, verließ sie sich auf ihr Gesicht, das, voll und rundlich wie das eines Kindes, nur große Erregungen verriet, und schwankte hin und her zwischen einem langweiligen Schmerz und der Angst vor allem, was äußerliche Unordnung ist, vor Geschrei, Geständnissen, verkrampften Gesichtern und Körpern …
Menschen, die gleich der Schwalbe und dem Star nur zu gewissen Jahreszeiten erscheinen, brachten ihr Zerstreuung. Sie durchquerten die öde Wohnung, und man konnte aus ihrem Kommen schließen, daß die gewitterhafte Periode der Proben nun bald vorüber sein, das Stück endlich geboren werden würde. Fanny sah flüchtig einen Kollegen Farous, dessen Spezialität vorwurfsvolle Szenen waren; hinter einer geschlossenen Tür hörte sie laute weinerliche Klagen:
»Nein, mein Guter, wenn du es dir zur Aufgabe machst, mir meine Themen vor der Nase wegzuschnappen oder systematisch die wieder aufzunehmen, die ich bereits mit mehr oder weniger Glück auf die Bühne gebracht habe, dann mußt du mir das vorher sagen! Deine › Unmögliche Unschuld‹ ist meine › Kämpferin‹, wirklich nichts anderes als meine › Kämpferin‹. Wie? Das Thema der Liebe ist frei für jeden Bühnendichter? Gewiß, da hast du recht, aber das ändert nichts daran, daß die Ähnlichkeit zwischen den beiden Stücken sehr groß ist. Schon haben de Flers und Croisset sich in unverschämter Weise meiner › Rosine‹ bedient … Gib zu, daß ich Pech habe! …«
»Du hast wirklich nichts anderes als das«, antwortete Farou, der, wie Fanny behauptete, für Männer kein Mitleid übrig hatte.
Sie sah junge Schauspielerinnen kommen und gehen, die in gedämpftem Ton sprachen, um in Farou das Gefühl geheimen Einverständnisses zu erwecken; würdige Matronen mit dröhnenden Stimmen und einen wunderschönen Jüngling, der von Tränen überströmt wie eine Rose vom Regen wegging.
»Was hat er denn? Was hast du ihm getan, Farou? Er weint ja!«
Farou brach in ein Lachen aus.
»Das glaube ich, daß er weint! Es ist Crescent.«
»Wer?«
»Crescent.«
»Wer ist Crescent?«
Farou hob die Arme gegen den Himmel.
»Oh! Du bist wirklich die einzige, die die Angelegenheit Crescent nicht kennt! Ich habe keine Zeit. Frage Jane …«
Fanny erfuhr die Angelegenheit Crescent niemals … Schließlich kamen die Spezialreporter für Generalproben und die Photographen. Für diese ebenso wie für jene setzte Farou seine Miene eines Fauns im Sonnenschein auf, stand ihnen, beide Fäuste auf seinen Schreibtisch gestützt, gegenüber … Daraufhin kamen abwechselnd Henri Marsan und Esther Mérya, die beiden Hauptdarsteller, und beklagten sich einer über den anderen. Dann kamen obskure Komödianten mit Gerichtsdienergesichtern, die gewissenhaft und bescheiden seit einem Monat die Proben mitgemacht hatten und trotzdem vier Tage vor der Hauptprobe erklärten, daß sie »unter diesen Umständen« auf gar keinen Fall spielen würden.
»Unter welchen Umständen, Farou?«
Farou machte eine Geste despotischer Gleichgültigkeit.
»Ich weiß es nicht. ›Unter diesen Umständen‹ … ›unter solchen Bedingungen‹ … ›in Anbetracht der Verhältnisse‹ … Das sind Füllworte und obligate Formeln.«
»Und meinen sie es ernst?«
»Aber nein, Fanny. Du fällst auch auf alles herein. Das ist ganz normal. Sie werden spielen und noch dazu ausgezeichnet.«
»Aber welchen Sinn hat es denn …?«
»Welchen Sinn? … Du darfst den Wahn der Menschen nicht vergessen, Fanny. Sie haben das Bedürfnis, sich in meinen Augen oder in den ihren zu vergrößern.«
Er ging zu einem trockenen Ton über.
»Fanny, übermorgen kommst du zu meiner letzten Arbeitsprobe. Und wenn du meinen Sohn siehst, sei so freundlich, ihm zu sagen, daß er dich begleiten kann.«
»Und Jane?«
»Jane weiß Bescheid.«
›Das ist eine Vorladung‹, dachte Fanny, ›keine Einladung. Man muß das unterscheiden. Warum verfällt er in diesen Ton, wenn er sich entschließt, mir ein neues Stück zu zeigen? »Aus Schüchternheit«, würde Jean Farou sagen …‹
»Du wirst ohne Zweifel mit Freude feststellen, daß ich die Diebstahlsszene abgeschwächt habe … Branc-Ursine stiehlt immer noch die Briefe, aber er tut es hinter den Kulissen in einem Nebenzimmer.«
Fanny unterdrückte ein Lachen, indem sie sich in die Wangen biß. Farou vermochte nur im Tone unfreundlicher Lehrhaftigkeit mit ihr über seine Stücke zu sprechen.
›Aus Schüchternheit‹, dachte Fanny von neuem. ›Der unerbittliche Junge hat recht gehabt …‹
Und sie begann in sich hineinzulachen.
›Er stiehlt hinter den Kulissen … Das ist köstlich!‹
»Das Publikum«, fuhr Farou fort, als stünde er vor der Schultafel, »weiß Bescheid, weil er das Paket in der Hand hält, und das stumme Spiel wird weitaus besser wirken als der Schrei … Das ist der Aktschluß … Verstanden?« beendete er erleichtert.
»Sehr gut, sehr gut!« stimmte Fanny bei. »Weitaus besser! Weitaus weniger …«
»Ja, ja, ich weiß«, unterbrach sie Farou. »Und nun geh schleunigst zu deiner Anprobe. Wirst du schön sein?«
Sie mimte die Andalusierin, machte samtene Augen unter dem schwarzen Haarscheitel.
»Verführerisch! Verführerisch und doch diskret. Spitzen, Spitzen auf der nackten Haut, eine riesige Korallenplatte mitten auf der Brust … Ganz wie deine Großmutter!«
»Fein! dann werde ich mit meiner Großmutter schlafen!«
Sie erinnerte sich noch viel später, daß er an jenem Tage einen abwesenden Blick hatte, ein nervöses Zittern im rechten Augenlid, und daß man durch einen Schleier von Überarbeitung sein heftiges Bedürfnis nach Ferien, nach lauter Lustigkeit, Dummheiten und Festesfreude sehen konnte. Er lächelte Fanny auf weibchenhafte Art zu und senkte die Stimme:
»Bei Aubert soll ein wunderschöner Film laufen …«
Sie hatte ein wenig Mitleid mit ihm, indem sie sich bewußt wurde, daß es ihm an Schlaf, an Freiheit, an behaglichen Mahlzeiten mangelte und daß er trotzdem niemals einer beruflichen Pflicht oder Mühe auszuweichen versuchte …
»Gehst du heute nachmittag nicht auf die Probe?«
»Nicht um Tonnen Goldes! Ich gehe erst heute abend wieder hin. Sie proben übrigens viel besser ohne mich. Ich störe sie fast … Ja, ich störe sie«, wiederholte er melancholisch … »Es ist komisch, bei den letzten Proben kann ich ihnen eigentlich nie nützlich sein …«
»Also dann ruh dich aus, pfleg dich ein bißchen und mach dich schön … Jane, kommen Sie mit zu meiner letzten Anprobe?« rief sie.
Jane tauchte aus dem Eßzimmer auf, die Ärmel hochgekrempelt, eine Schürze über den Rock gebunden und sehr hübsch.
»Fanny, wo denken Sie hin! Was würde das neue Stubenmädchen inzwischen anstellen? Sie kann nicht einmal den Tisch decken! Man möchte glauben, daß die Leute, bei denen sie vor uns war, niemals gegessen haben … Und dann muß ich mir Wäsche plätten …«
Sie schwenkte ihr Bügeleisen mit der langen elektrischen Leine, und Fanny ging allein fort.
Müde kam sie zurück. Sie hatte die »Gattin des Autors« spielen müssen, vor eiskalten jungen Verkäuferinnen und lyrischen, beweglichen, alten, die, unter weißen oder roten Haargebäuden, von falscher Rührung geschwellt waren und von blutrünstigem Klatsch, dabei in einer außer Mode gekommenen Leidenschaft für das Theater, die Künstler und die »Boulevardstücke« brannten. Diese Alten stellten Fanny hundert Fragen, hielten aber wunderbarerweise am Rande der empörendsten Indiskretion inne. Sie liebte diese pfiffigen alten Damen – tückisch, satanisch und mütterlich zugleich, wie die Häscher einer Hölle für rekonvaleszente Verdammte dünkten sie sie.
Als Fanny heimkehrte, roch die Wohnung sehr sauber. Schon im Vorzimmer verkündete ein säuerliches Aroma, daß Farou sich in einem Bade erfrischt hatte. Er sang in der Ferne, während er zwischen seinem Arbeitszimmer und der seinerzeit weißen, nun aber gelb und in ihren Einrichtungen unmodern gewordenen Badestube hin und her ging.
Das neue Stubenmädchen, das sich in den ersten achtundvierzig Stunden äußerst dienstbeflissen zeigte, schritt hinter dem Diener her und lauschte den Weisungen, die er ihr mit leiser Stimme erteilte. Alle beide kreisten mit frommen Schritten um den gedeckten Tisch, als wäre er ein Sterbebett; Fanny wußte jedoch schon, daß das neue Mädchen im Dienerzimmer rauchte und die Zigarettenreste unter ihrem Fingerhut ausdrückte … Was tat das schon! Das Haus glich an diesem Abend einem Heim, mit einem Herrn ausgestattet und mit einer wahrscheinlich ergebenen und ganz gewiß nur wenig schuldigen Freundin … Ein Bedürfnis, in Frieden zu leben, nichts zu wissen, zu altern, machte Fannys Herz weich.
»Quand refleurira le lemps de la crise,
Quand Rip, Pierre Wolff et tous les Bourdet
Aaront tous la ceri–i–se …
Quand Mirande, altier sur ses parts de prise …«
sang Farou.
Ein Lachen Janes empfing diese Improvisation, und Fanny, die einen großen Karton auf dem Bett abstellte, ehe sie die Lichter des Toilettentisches anknipste, sah gegen den hellen Hintergrund des Badezimmers Farou in Hemdsärmeln und Jane mit ihrer Stubenmädchenschürze, den Rasierpinsel auswaschend.
»Wie?« fragte Farou. »Ist das etwa kein hübsches Lied?«
»Urdumm ist es!« antwortete die Engelsstimme Janes.
»Ach, wirklich? dumm? …«
Er drückte Jane an die Wand, verbarg sie ganz mit seinem großen, breiten Körper. Man sah nichts mehr von ihr als die kleinen Füße und einen nackten Ellbogen, auf Farous Schulter gelegt.
Die flache Hand auf ihre Stirn gedrückt, bog er ihr den Kopf zurück und küßte sie ungesäumt und bequem auf den Mund.
»Und das, ist das auch dumm?«
Die als Dienstmädchen verkleidete junge Frau schüttelte sich mit einem Ausdruck koketter Frechheit, sah sich in dem Spiegel und sagte halblaut:
»Das ist schlimmer als dumm, es ist verpfuscht.«
Sie verschwand von dem hellen Hintergrund des Badezimmers, und Fanny zitterte vor Angst.
›Sie wird mich sehen … Sie wird hier hereinkommen … Dann wird sie wissen, daß ich sie und ihn gesehen habe …‹
Und sie floh ins Eßzimmer, wo sie, um sich Haltung zu geben, ein Glas Wasser trank, als Jane zu ihr trat.
»Sie trinken Wasser vor dem Essen? Werden Sie denn nie vernünftig werden, Fanny? Sind Sie eben zurückgekommen? Wo ist das Kleid?«
»Ich habe es mitgebracht«, sagte Fanny.
»Das war sicherer. Aber trinken Sie doch nicht so schnell! Was haben Sie denn?«
»Mir ist ein bißchen kalt«, sagte Fanny.
Jane nahm ihr das halbleere Glas weg.
»Kalt? Nein, Fanny! Machen Sie doch jetzt keine Scherze! Nur keine Grippe vor der Premiere! Aber Ihr Aussehen gefällt mir gar nicht! Geben Sie mir Ihre Hände!«
Fannys Hände ließen sich durch zwei Hände Gewalt antun, die noch den säuerlichen Geruch von Farous Bad an sich hatten; zwei entschlossene dunkelgraue Augen bezwangen prüfend die ihren und forschten nach der möglicherweise drohenden Krankheit … Sie unterdrückte hustend ein Schluchzen, und ihre Augen wurden feucht.
»Der Hals, natürlich! Aspirin, Chinin, ins Bett, etwas Warmes trinken … Farou!«
»Lassen Sie ihn …«
»Ich denke nicht daran! … Farou!«
Er kam, Wangen und Ohren weiß von Puder, das improvisierte Liedchen noch auf den Lippen.
»Sie ist krank«, unterbrach ihn Jane kurz.
»Nein«, protestierte Fanny, mit den Armen um sich schlagend.
»Nein?« fragte Farou.
»Sie i–s–t krank«, wiederholte Jane nachdrücklich. »Großer Farou, Sie gehen doch ins Theater? Also dann fahren Sie bitte an der Apotheke vorbei, die nachts offen hat, und schicken Sie mit dem Auto Aspirin, Senfpflaster und Methylenblau … Ich schreibe das alles auf, und Sie geben Fraisier den Zettel …«
Sie ging aus dem Zimmer, während Farou sich über Fanny beugte und mehrere Male wiederholte:
»Was ist denn, Fanny? Was ist denn …«
›Ach! hol's der Kuckuck!‹ dachte Fanny. ›So ist's bequemer.‹
Sie lächelte Farou entschuldigend an, schloß die Augen und ließ sich der Länge nach auf den Teppich gleiten.
Ihre geheuchelte Ohnmacht gab ihr Aufschub und Ruhe. Hinter geschlossenen Lidern verschanzt, horchte sie auf den Klang der Stimmen, auf die erregten Atemzüge. Farou hob sie mit beiden Armen auf, ungeschickt und mit großem Kraftaufwand; sie gab sich diesen Männerarmen, die zu entzücken und zu verwunden geschaffen waren, völlig hin. Sie wußte, daß er ihr beim Durchschreiten der Tür die Füße gegen den Pfosten stoßen würde, daß er sie aber sicher hielt. Immer dieser säuerliche Badegeruch …
»Ach, Platz, bitte, damit ich durch kann«, sagte er zu Jane.
»Ich wollte Ihnen nur die Tür aufhalten, die zuschlägt … Glauben Sie, daß man eine Frau, die ohnmächtig ist, so schütteln soll? Warten Sie, ich muß das Bett aufmachen … Sagen Sie Henriette, sie soll die Wärmeflasche füllen …«
»Soll ich nicht dem Doktor Moreau telephonieren?«
»Wenn Sie das für notwendig halten. Für den Augenblick weiß ich ebensoviel wie er. Vor allem muß eine schnelle Reaktion herbeigeführt werden … Sie hat nichts an den Bronchien, sie atmet gleichmäßig.«
Sie sprachen schnell und leise. Fanny zog diesen Zustand, der ihr Gelegenheit bot, zu lauschen, sich zu entspannen, da und doch fern zu sein, in die Länge. Es war ihr gelungen, den Kopf so zu rollen, daß sie schön aussah und die Nachttischlampe ihre gesenkten Lider rosig beleuchtete. Eine Hand schob ihr eine heiße Gummiflasche unter die Füße.
»Sie ist sehr heiß«, sagte die Stimme des Stubenmädchens. »Soll ich der gnädigen Frau die Strümpfe ausziehen? …«
»Da kann ich also fortgehen?« fragte Farou.
»Ja, gehen Sie. Vergessen Sie die Apotheke nicht.«
»Keine Sorge! … Soll ich vom Theater aus telephonieren?«
»Wenn Sie wollen. Ich habe den Eindruck, daß es nur ein vorübergehendes Unwohlsein ist.«
»Aber dergleichen geschieht ihr doch sonst nie«, meinte Farou verwundert.
»Trotzdem kann es ihr ausnahmsweise einmal geschehen! Gehen Sie schnell …«
Die Hand Janes, die nach den Haken des Kleides suchte, streifte Fannys Busen, und Fanny zuckte wider Willen zusammen wie nur ein völlig Wacher. Beschämt öffnete sie die Augen.
»Ach! da sind Sie ja erwacht!« sagte Jane. »Sie sind ganz wach … Na, hören Sie einmal! …«
Sie wollte lachen und brach in ein nervöses Weinen aus. Sie vergaß ihre Gewohnheit, sich zu Boden gleiten zu lassen und ihr tränenüberströmtes Gesicht zwischen Fannys Knien zu verbergen; sie stand aufrecht und weinte schlicht, ein zusammengeknülltes Taschentuch vor den Augen. Mit einer Hand winkte sie:
»Warten Sie, gleich ist es vorüber …«
Die großen Augen Fannys, die dunkel und ausdruckslos auf ihr ruhten, störten sie nicht. Sie setzte sich auf das Bett und schob die schwarze Haarsträhne in die Höhe, die über Fannys weiße Wange herabhing.
»Nun erzählen Sie. Wie ist es gekommen?«
Fanny drückte ihre geballten Fäuste gegeneinander und nahm alle Kraft zusammen, um zu schweigen.
›Wenn ich spreche, wird Jane ausrufen: »Was! Deshalb? Weil Farou und ich …? Aber das ist ja eine uralte Geschichte! Sie werden das doch nicht wichtig nehmen! Sie haben ja selbst hundertmal gesagt …«‹
»Sie sind doch nicht etwa schwanger?«
Das Wort dünkte Fanny so albern, daß sie lächelte.
»Was habe ich denn so Komisches gesagt? Glauben Sie, daß Sie vor allen kleinen Farous gefeit sind?«
»Nein«, sagte Fanny verlegen …
Was in ihrem Wesen das Gewöhnlichste und das Empfindsamste war, betrachtete einen Augenblick lang das Bild, das alle Frauen bewegt: ein Kind, undeutlich und klein … Fanny legte die Hand auf Janes blonde Stirn und war unter Zögern unvorsichtig.
»Würde es Ihnen … keinen Kummer machen … Kurz, wäre es … Ihnen denn recht, wenn ich einen bösen kleinen Farou in die Welt setzte?«
Janes Lider senkten sich und alle Züge ihres Gesichtes – die erweiterten und bleich gewordenen Nasenflügel, die Winkel des zitternden Mundes, das Kinn, das die Bewegungen der leer schluckenden Kehle verriet – kämpften und siegten.
»Nein«, sagte sie, indem sie die Augen wieder öffnete. »Nein«, wiederholte sie, als wolle sie eine Forderung, die sie in sich erstickt hatte, widerlegen – »nein.«
›Ich glaube nicht, daß sie lügt‹, sagte sich Fanny.
Sie zog ihre Hand nicht zurück, die die blonden Haare streifte. So hielt sie sich auf Armeslänge einen Kopf fern und einen Körper, die sie beinahe umschlungen und an die Brust gezogen hätte, erfaßt von der verworrenen schwesterlichen Regung einer Haremsfrau.
Ein wenig später verlangte es sie, die kleinen Vorteile ihrer Lage auszunützen. Sie stellte eine der beiden Mächte dar, die das Dienstpersonal zu achten weiß: Krankheit und Reichtum. Sie bekam eine Tasse Fleischbrühe, Apfelbrei mit Bratensaft und Weintrauben, und illustrierte Zeitungen wurden ihr aufs Bett gelegt. Jane zog sich in den Salon zurück, damit sie »die Kranke« nicht ermüde.
›Wie man sich doch um mich kümmert!‹ dachte Fanny.
Sie bemühte sich, auf dem Rücken liegenzubleiben, die auf das Bett hingestreckten nackten Arme suchten kühle Stellen.
›Wahrscheinlich habe ich ein wenig Fieber; nein, es ist das Ohrensausen vom Aspirin …‹
Ein rauschendes Tönen, ein Auf und Ab wie von Flut und Ebbe, näher kommend, um sich wieder zu entfernen, zeigte ihr ein immer wieder verschwindendes Bild, dessen Bedeutung sie in jenem Augenblick nicht recht erfaßte: Jane, gegen die Wand gedrückt, fast völlig verdeckt von dem mächtigen Körper Farous … Sie schlief ein und wachte gegen elf Uhr wieder auf: Jean Farou bat Jane mit gedämpfter Stimme um die Erlaubnis, einzutreten. Jane hielt ihn prüde auf der Schwelle des Zimmers zurück.
»Sie werden sie ermüden … Ein Junge paßt nicht hierher … Wenn sie eine gute Nacht verbringt, so können Sie morgen …«
Durch den kurzen Schlaf erquickt, wollte Fanny schon nicht mehr, daß man sie als Kranke behandle, und rief:
»Ja, ja, komm nur! Setz dich hierher … Es fehlt mir eigentlich nichts.«
»Nichts?« protestierte Jane. »Wie ein Stück Holz ist sie umgefallen, genau hier, wo ich jetzt stehe! Sie kam von ihrer Anprobe zurück, ich hatte sie gar nicht kommen hören, und wir fanden sogar, daß sie recht lange ausblieb …«
Jean, der sich bereits langweilte wie bei einem Spitalsbesuch, hob, mit einem Male aufmerksam, den Kopf:
»Wer, wir?«
»Ihr Vater und ich … Ihr Vater ist nicht zur Probe gegangen. Seine Darsteller waren schon mit den Schneidern beschäftigt. Er hatte gebadet, sich rasiert und große Toilette gemacht …«
Aber Jean hörte nicht mehr zu. Er hörte ostentativ nicht weiter zu und blieb stumm, als Jane aus dem Zimmer ging.
»Ich kann sehr gut sprechen«, sagte Fanny, als sie allein waren. »Übrigens fehlt mir auch nichts mehr. Ich bleibe nur liegen, weil es im Bett gut ist und weil ich bei der Generalprobe nicht schlecht aussehen möchte; die Leute könnten denken, ich hätte Lampenfieber.«
Er antwortete nicht. Nach einem Augenblick des Schweigens sah er Fanny ins Gesicht und warf ihr ein so scharfes, ein so eindringliches »Was war also los?« zu, daß sie darüber errötete.
»Was soll los gewesen sein? … Nichts!«
Sie bewegte sich unruhig im Bett und schob das Kopfkissen hoch.
»Sie waren also da«, drang Jean weiter in sie, »als du heimkamst?«
Sie antwortete nichts, und ihre Augen mieden den grellblauen Blick, der sie bedrängte.
»Und dann? … Dann bist du … Dann ist dir schlecht geworden … Wie? …«
Bei diesen Worten sah sie den Jungen wieder quer über der Wegböschung liegen, Kopf und Füße herabhängend, die blonden Haare von Erdkrümeln bedeckt … Heute aber war das Kind nur mehr ein vor Schmerz rasender Fremder, egoistisch, selbstsüchtig berauscht von der Lust, sich weh und immer noch weher zu tun. Nicht ein Hauch von Mitleid feuchtete die blauen Augen, die sie, ihrer nicht achtend, ausforschten, und auf dem reinen, halbgeöffneten Mund zitterte eine einzige schmachvolle Frage, dieselbe, immer dieselbe …
»Wo waren sie … wo? …« stotterte er.
Sie hätte nie geglaubt, daß es so weit mit ihm kommen würde.
Nicht ein Hauch von Mitleid … Sie wendete den Kopf auf dem Kissen ab, um ihre Tränen zu verbergen.
»Als du nach Hause kamst, waren sie …«
Zwischen ihren von Tränen behangenen Wimpern sah sie das Kind, das sie recht und schlecht betreut hatte, das seit mehr als zehn Jahren an ihrer Seite aufwuchs. Erfüllt von seinem ersten Schmerz, lebte es nur diesem.
›Wie grausam ist doch ein hoffnungsloses Kind!‹ sagte sich Fanny.
Und ihre leichter fließenden Tränen verhüllten ihr das blonde Gesicht, die wilde Wißbegier der blauen Augen.
»Waren sie hier?«
Da sie schwieg, machte er eine Bewegung heftiger Ungeduld, die seine Verachtung für Tränen erkennen ließ.
»Wenn ich du wäre, Mamie! …«
Kindlicher Dünkel machte die große Geste der Drohung, die den Jungen von seinem Sitz emporhob, entschuldbar.
›Ein Kind …‹, dachte Fanny, ›das ich erzogen habe … Es war so sanft und zärtlich.‹
Sie erging sich in rührenden Gemeinplätzen, um sich noch mehr weinen zu machen; aber das Neue, das in ihr war, das jüngst erst Erweckte, duldete das nicht lange.
›Erzogen? … Lächerlich. Und was seine Sanftmut und Zärtlichkeit anbetrifft … Er hat mit niemandem Mitleid, in diesem Augenblick nicht einmal mit der Frau, die er liebt …‹
Die Nähe des erbitterten Kindes kühlte sie ab, und sie sprach mit ruhiger Stimme:
»Du wirst nie ich sein, mein Kleiner. Erhoffe es nicht. Und laß mich nun ruhen. Gute Nacht, mein Junge, gute Nacht!«
Er ging nicht. Sein Blick wanderte rings durch das Zimmer, als ob er Hilfe, Zeugen, Parteigänger suchte, das Haus in Aufruhr versetzen wollte. Erst als Janes Stimme ertönte, erhob er sich in gehorsamer Hast.
»Der nächtliche Besuch dauert recht lange … Ermüdet er Sie nicht, Fanny?«
»Ein bißchen …«
»Hören Sie, Jean? Gehen Sie schnell, mein Kleiner.«
Er überschritt die Schwelle, indem er es vermied, an Jane zu streifen, und Fanny, von dem kampflüsternen Kinde befreit und von seinen unerbittlichen, wild gegen die Wände des Zimmers tobenden Gedanken, atmete auf.
Die Einsamkeit und das Schweigen wurden nur durch den Lärm der Straße gestört und durch Jane, die schlank und hell im Zimmer umherschritt, durch den kaum fühlbaren Luftzug, der den Rhythmus ihres Kleides und ihre weichen Sklavinnenbewegungen bis zu Fannys Bett hintrug …
Eine Gaslaterne, unten auf der Straße, diente als Nachtlampe. Geöffnet und bleich, erhellte auch Farous Bett das Zimmer.
Die Schlaflosigkeit ist anfangs fast wie eine Oase, in die jene flüchten, die heimlich nachdenken oder leiden wollen. Seit drei Stunden ersehnte Fanny die Dunkelheit und just die Schlaflosigkeit. Sie fand darin nichts anderes als das frische, lebensvolle Bild zweier Menschen, die an die Wand des Badezimmers gedrückt standen. Sie betrachtete es in allen Einzelheiten, den nackten Ellbogen auf der männlichen Schulter ruhend, die Haare Farous als rundliches Gewirr gegen die Wand gezeichnet, zwei fliegende Schürzenzipfel … Nichts Schreckliches im Grunde genommen, und nichts Unanständiges, kein Schimmern entblößten Fleisches, nichts, was die unregelmäßigen Sprünge des Herzens in Fannys Brust gerechtfertigt hätte, dies eingebildete Zu-Stein-Werden des Herzens, noch die Verwirrung oder die maßlose Angst, das Paar hätte ihre Anwesenheit merken können.
›Ich muß mit Farou sprechen. Mit Farou – oder mit Jane? Mit Farou und mit Jane.‹
Sie kannte sich nicht mehr.
»Du bist viel zu einfach, du bist ein Ungeheuer«, pflegte Farou zu sagen.
Wo war jene Fanny, das Ungeheuer?
›Ja, zuerst muß ich mit Farou sprechen. Kein Geschrei, keine Szene, ihm einfach nur eine Situation vor Augen führen, die unmöglich ist … ganz und gar unmöglich! … Wir sind keine jungen Liebesleute mehr, ich kann also nicht im Namen einer körperlichen Eifersucht sprechen, die auch nur etwas ganz Nebensächliches ist …‹
Doch eine Laune dieses ganz Nebensächlichen brachte ihr den guten, kraftvollen und gesunden Mund Farous in Erinnerung und das Schnauben seiner Nase, wenn er einen zärtlich wilden Kuß in die Länge zog.
Mit einem Ruck setzte sie sich auf, machte Licht und ergriff einen Spiegel, der auf dem Nachttisch lag. Die Maske gewalttätiger Leidenschaft, die sich über ihr sanftes Frauenantlitz gebreitet hatte, zeichnete eine Falte in ihr Kinn und schob die Unterlippe vor. Sie korrigierte beides. Abgesehen von den schönen Augen mit dem entschlossenen Blick, fand sie sich häßlich, doch der Ausdruck von Gewalttätigkeit in ihrem Gesicht mißfiel ihr nicht.
›Ich kann doch noch zornig werden‹, dachte sie, so etwa, wie sie zu Zeiten einer Belagerung gesagt hätte: »Nun, wir haben immerhin noch Zucker für drei Monate!«
Sie strich sich mit der Hand sänftigend über Wangen und Kinn, schob ihr gewalttätiges Gesicht beiseite:
›Im Notfall … Man weiß nie …‹
Sie beruhigte sich, fühlte sich irgendwie sicherer, da sie auf ihrem Antlitz die angeborene Wildheit des Weibstieres gesehen und betastet hatte, unversehrt, zu jeglicher Verwendung bereit. Ihre gute Gesinnung bewog sie zum Aufschub:
›Später. Auf jeden Fall erst nach der Premiere.‹
Auch drehte sie brav die Lampe ab, und als Farou gegen drei Uhr morgens nach Hause kam, blieb sie unter ihren Haaren unbeweglich und belauerte ihn.
Im Halbdunkel ging er zwecklos hin und her und hustete vor Müdigkeit und Nervosität. Dann legte er seine Kleider ab wie ein Besiegter. Sein breiter Rücken war gekrümmt, wenn er nicht daran dachte, sich gerade zu halten, und die Arme zogen die Schultern nach vorne. Beim Anblick solcher körperlicher Traurigkeit fühlte sich die unwandelbare Verbündete langer Jahre fast getrieben, ihm zu Hilfe zu eilen, einen Trunk, ein Lächeln, Worte darzubieten, alle erprobten Tröstungen einer zehnjährigen Vergangenheit … Sie hielt sich zurück, empfand einen seltsamen Schmerz und heuchelte Schlaf.
Werden wir allein sein, Farou?«
»Selbstverständlich. Die Cellerier kommt auch, ich konnte ihr das nicht abschlagen.«
»Weshalb nicht?«
»Sie hat einen gewissen – offiziösen – Einfluß beim Théâtre Français … Sollte …«
»Sie spielt sich überall als die Weise und Erfahrene auf«, warf Jane ein.
»Sollte › Die gestohlene Traube‹ vom Gymnase, wo sie seit drei Jahren steckt, ins Théâtre Français gelangen, dann ist es mir sehr recht, wenn ich die Cellerier für mich habe …«
»Ach so … Und wer kommt noch?«
»Ihre Hoheiten die Schneider, Schneiderinnen und Modistinnen … Pérugia … Ein Agent aus Amerika, zwei deutsche Theaterleute … Photographen … Silvestre bringt auch einige Leute mit … Und van Dongen, weil er Esther Mérya malt.«
»Na schön …«, sagte Fanny gereizt. »Also eine Aufführung für die Schneiderinnen. Für ganz Paris mit einem Wort. Das hätte ich wissen müssen. Oh! dieses Telephon!«
Farou betrachtete seine Frau erstaunt. Niemals noch hatte er sie wegen eines neuen Stückes aufgeregt oder schlechter Laune gesehen. Jane stand seit dem frühen Morgen, den Hörer am Ohr, vor dem Telephon.
»Der Kritiker von › Echo de la Périphérié‹ möchte noch einen Sitz.«
Farou geruhte nicht zu antworten. Mit einem Male zum Müßiggang verurteilt, hatte er einen nicht enden wollenden und qualvollen Nachmittag verbracht.
»Warum bist du heute nicht ins Theater gegangen? …«
Er lächelte gezwungen.
»Weil mich dort niemand mehr braucht. Jane, fragen Sie doch, wer eben geläutet hat. Ernest ist derartig dumm … Und dann rufen Sie mir das Büro Silvestres an … Was ist wegen der Blumen geschehen? … Sind die roten Rosen für Esther bestellt?«
»Jawohl«, sagte Jane.
»Und die Zigarren für Marsan und die Brieftasche für Carette? Alles besorgt?«
»Jawohl«, sagte Jane.
»Und die Loge Abel Hermants? Haben Sie das Notwendige veranlaßt?«
»Jawohl«, sagte Jane. »Gegen eine Parterreloge umgetauscht, die er lieber hat.«
»Was sind das für Papiere unter dem Briefbeschwerer da?«
»Ansuchen um Freiplätze selbstverständlich.«
Farou erwiderte kleinlich aufgeregt:
»Aber die habe ich noch nicht gesehen! Sie müssen mir dergleichen immer zeigen, unbedingt! Warum haben Sie das nicht sofort getan?«
Jane hielt ihm die Papiere hin, er stieß sie zurück. Fanny hörte stumm zu.
»Ist das etwa Regen, was man da hört?« fragte Farou auffahrend.
»Ja«, sagte Jane. »Aber das Barometer steigt.«
»Wieviel Uhr ist es?« fragte Fanny in das Schweigen hinein.
»Oh! Fanny!« knirschte Farou, »es ist immer noch zu früh. Allein schon wegen der vielbesprochenen Tatsache, daß Esther sich im zweiten Akt umziehen muß, steht uns heute abend eine Stunde des Anprobens, des Jammerns und der Nervenkrisen bevor … Wir essen doch noch etwas, ehe wir gehen? Wenn Jean noch nicht zu Hause ist, so möchte ich bitten, daß wir nicht auf ihn warten.«
»Jean kommt direkt ins Vaudeville«, sagte Fanny.
»Und wo ißt er?«
»In seinem Klub.«
»Hat er einen Klub?«
»Er ist siebzehn Jahre alt.«
Wie jedesmal, wenn Fanny Humor bekundete, zog Farou die Augenbrauen hoch und hütete sich zu lächeln.
»Wenn ich gewußt hätte, daß so viele Leute kommen, hätte ich mich anders angezogen«, sagte Fanny. »Wird Silvestre im Zuschauerraum sein?«
»Ja«, antwortete Farou. »Und auf der Bühne auch. Ferner in seinem Büro, hinter den Kulissen und im Souffleurkasten.«
»Was sagt er über das Stück?«
»Das weiß ich nicht.«
»Wie? Du weißt es nicht?«
»Nein, wir sprechen nicht mehr miteinander.«
»Aber das hast du mir ja gar nicht erzählt! Warum denn nicht?«
»Wir stehen vor einer Generalprobe, es wird seit sechs Wochen geprobt, er ist der Direktor, ich bin der Autor. Einen andern Grund gibt es nicht.«
Er trommelte an die Fensterscheiben, über die der Regen in langen Streifen herabrieselte. Er gähnte klagend:
»Es ist gar nicht so lustig, wie man glaubt, wenn man ein Stück fertig hat.«
Bei aufgezogenem Vorhang wurde auf der Bühne zwischen etlichen Maschinisten und dem Dekorateur ein nicht enden wollendes Gespräch geführt. Es dauerte schon eine halbe Stunde und mochte sich noch lange hinziehen, denn der dicke Obermaschinist, mit einer flötenden Stimme begabt, überschritt weder im Ton noch in seinen Worten die Grenze der Höflichkeit; dem Dekorateur, der Barrès ähnlich sah, machte die Sache Spaß, und er übertrumpfte seinen Gegner an ausgesuchtester Artigkeit. Jane und Fanny saßen in einer Parterreloge und wußten bereits alle Einzelheiten der Dekoration des ersten Aktes auswendig, die sich durch echte alte Möbel, englisches Silber und falsche Bücherreihen auszeichnete. Schließlich zogen sie sich in den Hintergrund der Loge zurück, das Kinn im Pelzkragen verborgen, den Rücken gekrümmt wie auf einem Bahnsteig. Gegen halb zehn schlüpfte Jean Farou in die Loge und erkundigte sich: »Hat es noch nicht angefangen?«, worauf er nur ungewisse Zeichen zur Antwort bekam. Sein Zwiegespräch unterbrechend, wendete sich der Dekorateur gegen den Zuschauerraum und rief die schwarze Leere, die parallelen Wogenkämme der bezogenen Sitzreihen an:
»Ist Monsieur Silvestre im Saal?«
Nach einer Pause, die recht lange schien, antwortete eine seraphische Tenorstimme aus unsichtbaren Höhen:
Der Regen tropfte gleichmäßig auf die Kuppel.
»Was tun wir?« fragte Jean.
»Warten«, entgegnete Jane. »Ach! da ist Farou!«
Die Bühne ließ ihn größer erscheinen. Er wechselte einige Worte mit dem gleichgültig dastehenden Dekorateur, führte den umfangreichen Obermaschinisten in eine Ecke, worauf dieser abging und mit zwei mageren Maschinisten wiederkehrte. Dank ihren Bemühungen verschwand ein blaues Kanapee samt einem chinesischen Tischchen; sie wurden durch einen großen Schreibtisch und zwei Stühle ersetzt. Daraufhin strich sich der Dekorateur seine Barrèslocke aus der Stirn, setzte den Hut auf und verließ die Bühne. Farou fischte aus einem Korbe, den ein Bühnenarbeiter hielt, eine Standuhr im Stile Louis Quatorze, eine japanische Vase, einen Schreibtischleuchter, der aus Silber zu sein vorgab, und eine Ledermappe. Er verteilte die Nippsachen auf die Möbel, zupfte künstliche Rosen auf. Dann trat er zurück, um die Wirkung zu beurteilen, schob ein Möbelstück zurecht, bog eine Blume herab. Fanny verfolgte diese nichtige Betätigung ohne Sympathie, als ob sie hätte zusehen müssen, wie Farou Damenhüte anfertigte oder am Rahmen stickte. Jane berührte sie am Arm.
»Sie werden bestimmt vergessen, das Siegellack in die Lade zu legen.«
Fanny sah, wie ernst und aufmerksam sie war, und versuchte eifersüchtig, es ihr nachzutun.
Eine weiß behandschuhte Hand erhob sich aus einer Gruppe, die sich in der Mitte des Zuschauerraumes rings um die photographischen Apparate gesammelt hatte.
»Das ist die Cellerier – sie winkt Ihnen, damit Sie wissen, daß sie da ist.«
»Die Cellerier und wer noch?«
»Leute, die sie mitgenommen hat, ohne Zweifel …«
»Eine Frechheit!« sagte Jean.
»Die Direktricen der Schneidersalons sind da drüben unter dem Balkon. Das bedeutet, daß die Mérya angezogen ist und die Dorilys auch … Ich frage mich, worauf jetzt noch gewartet wird.«
Sie biß an ihrem Daumennagel. Fanny, die von einem Gähnkrampfe heimgesucht wurde, zog ihren Mantel fester um Schultern und Knie. Jean Farou verließ die Loge und kehrte mit weißlichen Bonbons zurück, die nach altem Essig schmeckten. Mit kleinen seitlichen Tanzschritten schoben sich die Eingeladenen in ihre Sitzreihen, wobei sie einander wie in der Kirche im Flüsterton begrüßten.
Aus schwarzgähnenden Logen, die Fanny für leer gehalten hatte, hörte man husten, lachen, das Zuklappen einer Handtasche.
Auf der Bühne beugte sich zwischen zwei Türflügeln ein Frauenkopf vor, glänzte in allen Farben wie ein bunter Blumenstrauß und zog sich bald wieder zurück.
»Das ist die Mérya«, sagte Jane ganz leise und ehrfurchtsvoll.
»In eine Blondine verwandelt«, bemerkte Jean.
»Und gut geschminkt. Haben Sie sie sehen können?«
»Ja. Strahlend. Sie sieht um zehn Jahre jünger aus. Wenigstens ist es mir so vorgekommen.«
Sie flüsterten fieberhaft. Jean saß in der unbequemen Parterreloge dicht neben Jane, berührte sie mit der Schulter, mit den Knien und atmete eine Luft, die von ihrem Parfüm und ihrer blonden Wärme durchtränkt war. Die Dunkelheit entwaffnete ihn, aber er erstickte ein pfeifendes kleines Lachen, als sein Vater über die Bühne schritt, sehr würdig, einen spanischen Schal über seinen Arm gehängt.
»Ach! da ist Marsan mit Farou … Gefällt Ihnen das Jackett Marsans?«
»Ein Jackett hat mir noch niemals gefallen. Warum hat er ein Jackett an?«
»Er ist zum Schießen!« erklärte Jean, von Stolz auf seinen neuen Anzug geschwellt.
»Fanny, können Sie sich noch an Ihren Lachkrampf bei der Kostümprobe von ›Atalante‹ erinnern?«
»An meinen Lachkrampf?«
»Ja, wegen der Hausjacke Graults, seiner Verführerjacke aus rotbraunem Tuch. Wissen Sie es nicht mehr? Sie konnten gar nicht aufhören! …«
›Ja, ja, ich hatte einen Lachkrampf … Ich lachte wie verrückt. Ich will wieder wie verrückt lachen können. Ich werde den Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, überwinden, man übersteht dergleichen wie eine Krankheit … Ich will …‹
»Die Mérya tritt auf«, flüsterte Jane. »Oh, das Kleid ist aber wunderschön! Fanny, sehen Sie sich einmal das Kleid der Mérya an … Fein, nicht?«
»Schwarz kleidet doch immer gut …«
»Mamie, wirst du Esther Mérya in der ersten Pause in ihrer Garderobe besuchen? Darf ich mitkommen?«
»Nein, nein!« sagte Fanny lebhaft, hüllte sich fester in ihren Mantel und lehnte sich zurück. »Ich gehe nicht zu ihr. Geh doch mit deinem Vater.«
»Sie heißt eigentlich Mayer, nicht wahr, Mamie?«
»Selbstverständlich.«
Sie sah, wie der Junge sich wider Willen vom falschen Scheine des Theaters gefangennehmen ließ, sobald ein oder zwei beliebig gestaltete Bühnenfiguren die Szenen betraten. Er zeigte stets größte Kälte und Interesselosigkeit gegenüber dem Berufe Farous; doch angesichts der Schauspieler und Schauspielerinnen, der Schminke, der Garderoben mit ihrer stickigen Luft, der Zelebrierung und Vorbereitung der theatralischen Riten wurde er wieder zum geblendeten Kinde.
»Farou ist grün«, bemerkte Jane.
»Er sieht nur neben Marsan so aus«, meinte Fanny, »denn der hat sich braun geschminkt, als ob er einen Mann aus den Kolonien vorstellen sollte. Welch komischer Einfall!«
»Das wirkt männlich.«
»Wirklich?« fragte Jean betroffen.
Fanny lächelte, als sie sah, wie er, naiv trotz aller Leidenschaft und Feindseligkeit, den geringfügigsten Bemerkungen Janes Bedeutung zumaß. Der Vorhang fiel; eine kalte Stimme erbat Ruhe und fügte hinzu:
»Ich ersuche alle, die mit dem Stück nichts zu tun haben, von der Bühne abzutreten.«
»Die Mittelloge im Parterre. Die wie ein riesiges schwarzes Maul aussieht. Silvestre ist soeben gekommen. Er meint Vater, wenn er ›alle, die mit dem Stück nichts zu tun haben‹ sagt.«
Zwölf rasch aufeinanderfolgende Schläge ertönten, dann drei feierliche; ein träges kleines Staubwölkchen erhob sich unter dem Vorhang vom Boden; das gewichtige Mobiliar erschien wieder, und die Probe begann. Um zuzuhören, lehnte Fanny die Schläfe an die Logenwand und schloß die Augen. Auf einen gedämpften Ausruf Janes hin öffnete sie sie wieder.
»Ach … den hat sie schön verpatzt, den Schrei! Nur gut, daß ihr das heute geschieht und nicht morgen! … Trotzdem, einer Frau von so viel Routine, dürfte so etwas nicht passieren, es ist unerhört! Farou wird nicht übel wütend sein! Was sagen Sie dazu, Fanny?«
Fanny sagte nichts. Verblüfft riß sie sich aus einem tiefen Schlummer, den sie für ganz kurz gehalten hatte. ›Ist es möglich … Ich habe geschlafen …‹ Es wurde ihr klar, wie sehr ihr Kummer sie von allem ringsum trennte. Die anderen nachahmend, wiederholte sie, während der Vorhang fiel:
»Es ist wirklich unerhört …«
Es wurde wieder ein wenig hell im Saal. Jane, die ganz blaß war, biß wütend an ihrem Daumennagel. Die Logentüre öffnete sich unter der behandschuhten Faust Clara Celleriers.
»Es ist kein Unglück, Kinder«, rief sie. »Nur morgen muß sie aufpassen. Eine alterfahrene Schauspielerin wie ich weiß, woher so etwas kommt, solche rein stimmliche Unglücksfälle. Die Heizung in den Garderoben ist schuld daran, weiter nichts. Müdigkeit mag auch eine Rolle spielen, das will ich zugeben … Wenn die Mérya ihre Stimme ein wenig maskiert hätte – ihr versteht, höher geschraubt, so etwa: ›äh, äh, äh‹ –, dann wäre ihr das Quack nicht passiert … Uff, das wäre also überstanden.«
Sie setzte sich. Die matte Beleuchtung beraubte sie ihrer frischen Farben und ließ von ihrem Gesicht nur die zwei großen Schattenlöcher der Augen und die tiefe Höhle des Mundes sehen. Fanny hatte einige Augenblicke lang das Gefühl, als habe sie so lange geschlafen, daß Clara Cellerier inzwischen um zwanzig Jahre gealtert sei.
»Aber sprechen wir von dem Stück. Welch ein Werk, sapperlot! Diese unumwundene Art, das Thema anzupacken, wie? Farou ist ein Mordskerl! Ein erstaunlicher! Auch muß ich zugeben, daß Marsan erstklassig spielt. Und der Bursche ist und bleibt ein feiner Kavalier. Ganz unter uns, Fanny: wenn die Mérya ihm geradeheraus sagt: ›So viele Frauen sind schon in dieses Büro gekommen, um Rettung bei Ihnen zu erflehen, ich aber werde diesen Raum nicht verlassen, ehe ich nicht einen von uns beiden zugrunde gerichtet habe‹ – finden Sie das nicht ein wenig … zu deutlich? Es verrät dem Zuhörer zuviel von dem Stück. Was meinen Sie?«
Fanny errötete in der Dunkelheit; diese Sätze waren nicht durch ihren Schlaf hindurch bis an ihr Ohr gedrungen. Jane entgegnete, ihr zuvorkommend mit Feuer:
»Oh! Madame, eine Frau wie die schöne Madame Houcquart kann nicht anders sprechen! Sie hat das Zeug dazu, mit offenen Karten zu spielen.«
»Sie ist weder ängstlich noch ein harmloses junges Ding«, bekräftigte Jean. »Sie läßt sich nicht dazu herab, einem Branc-Ursine durch Schlauheit beizukommen! Nicht, Mamie?«
»Ihr macht mich ganz verrückt! Ich muß das Stück mindestens zweimal hören … Ich bin nicht so flink mit meinem Urteil«, sagte Fanny feige.
Indes sie das Erscheinen Farous befürchtete, trat er eben ein. Er schien nun weder gereizt noch unruhig, nicht einmal enttäuscht. Vielleicht hatte ihn schon jenes Gefühl gelangweilter Gleichgültigkeit überkommen, das ihn den Theatern, die seine Stücke spielten, fernhielt, sowie die Uraufführung vorüber war.
»Guten Abend, Clara! … Es ist gut gegangen, nicht wahr? Bis auf den mißglückten Schrei der Mérya – doch das ist ja nur eine ganz äußerliche Sache …«
Clara hing sich an seine Schultern und küßte ihn.
»Welch ein Werk! Welcher Aufbau! Reiner Farougranit!«
Farous Blick suchte Fanny.
»Oh!« meinte er leichthin, »vielleicht ist es nur Agglomerat … Fanny, gefällt es dir oder gefällt es dir nicht?«
Sie nahm seine Hände, drückte sie und versuchte ihn durch stumme Begeisterung zufriedenzustellen.
»Du sagst mir deine Meinung später … Du bist meine strenge kleine Richterin … Ich zittere …«
Er scherzte in gezwungenem Ton, und Fanny fand, daß es ihm an Stolz fehle. Sie haßte an Farou alles, was an Demut gemahnte, und ließ ihren Unmut an ihrem Stiefsohn aus:
»Nun, Jean? Hast du deinem Vater nichts zu sagen? Du warst doch eben noch hingerissen! Ich konnte die beiden kaum im Zaume halten«, sagte sie, indem sie auf Jean und Jane deutete.
»Bravo, Papa, bravo!« rief Jean nun auf Befehl.
»Ja?« fragte Farou zerstreut … »Warten wir das Ende ab … Ihr seid sehr nett … Und nun kehre ich in meinen Stall zurück.«
»Wenn Marsan Sie hörte! …« prustete Clara.
Das fröhliche Lachen zeichnete ihr im Halbdunkel den riesigen schwarzen Mund eines Totenkopfes ins Gesicht.
Im Orchester hißten die Photographen Magnesiumballons, und Clara gähnte:
»Das wird lange dauern … Wie wär's, wenn wir draußen eine Zigarette rauchten und einen Grog tränken?«
»Nein, nein!« sagte Fanny lebhaft.
Sie verbesserte sich:
»Ich meine, ich möchte das nicht. Mir ist kalt, und ich bin nervös … Geht ihr drei, ich ruhe mich aus … Doch, doch, geht!«
Allein gelassen, lehnte sie aufs neue die Schläfe an die Logenwand und übte sich in Geduld. Ihr Mißgeschick hatte etwas Enttäuschendes. Sie hätte bald wie ein junges Mädchen sein wollen, das im Kummer schreit, sich die Haare rauft, sich maßlos gebärdet, bald sehnte sie sich nach der leichtherzigen Gelassenheit des verflossenen Jahres zurück, nach der leisen Bitterkeit in ihrem Herzen, mit der sie insgeheim Farou immer wieder freigesprochen hatte. Sie konnte es ihrem Kummer nicht verzeihen, daß er erträglich war und, zwischen Verzweiflung und Gleichgültigkeit die Mitte haltend, seinen Platz in einer geistigen Region einnahm, die Zerstreuungen zuließ und Freuden, Bedenken und Entschädigungen. Ohne Unterlaß staunte sie darüber, daß der Verrat Farou in ihren Augen nicht verändert hatte und daß selbst Jane …
›Abgesehen davon, daß ich das eine nicht ertragen kann, wünsche ich ihr nichts Böses … Zumindest glaube ich nicht, daß ich ihr Böses wünsche …‹
Clara Cellerier kehrte zurück, von Jane gefolgt.
»Haben Sie geschlafen, düstere Schöne? Ich gehe wieder … Nein? Also hören Sie die Neuigkeiten des Hauses, mein Kind: Marsan hat ein Geschwür am Finger und Fieber … Dorilys und Biset behaupten – was sage ich: behaupten! sie schreien es in alle Winde –, Choquart habe sie hier nur engagieren lassen, um sie alle beide bequem zur Verfügung zu haben … Wenn Sie gesehen hätten, wie Farou Frieden stiftete! Er hielt Dorilys in einem, Biset im anderen Arm; und die beiden nützten die Situation nach Kräften aus, wie Sie sich denken können, besonders Dorilys. Es war zum Schreien komisch …«
›Wenn man keine Freundin hat‹, dachte Fanny, ›wen fragt man dann um Rat? Niemanden. Was nützt einem übrigens der Rat einer Freundin? Diese alte Clara würde mir eine den Traditionen, ihren Traditionen entsprechende Meinung vortragen, mir wird ganz übel, wenn ich nur daran denke … Die Meinung einer Francillon oder einer Mimi würde sie mir auseinandersetzen …‹
»Es regnet nicht mehr!« rief Jane. »Ich habe es gewußt, daß das Barometer recht hat! … Es ist ganz milde draußen …«
Gleichzeitig mit ihr drangen Frische und Feuchtigkeit und der Rußgeruch des Pariser Regens in die Loge. Ihre kalte Hand suchte sofort die Fannys.
»Es wird gleich wieder anfangen, Fanny. Beeilen Sie sich, Madame Cellerier! Silvestre hat verkündet, daß er jeden guillotinieren lassen werde, der nach dem Aufgehen des Vorhanges eine Tür öffnet oder einen Sitz herunterklappt … Der zweite und der dritte Akt haben dieselbe Dekoration, man kann also hoffen, daß um zwei Uhr spätestens … Jean habe ich mit einem der Söhne Silvestres zurückgelassen, aber da es Zwillinge sind, kann ich nicht sagen, mit welchem …«
Sie beugte sich über Fanny, suchte sie unter der Krempe des Hutes.
»Ich weiß nicht warum, ich habe den Eindruck, als ginge es Ihnen nicht gut … Ich bin beunruhigt. Ich lasse Sie nicht gern allein … Hier haben Sie ein kleines Veilchensträußchen. Der Veilchengeruch fehlt ihm allerdings …«
Fanny berührte das steife, von Wassertropfen betaute winzige Sträußchen, ohne es zu sehen; es lebte noch und roch nach Sumpf wie ein Tierchen aus dem Straßengraben. Sie dankte mit einem Kopfnicken und einem Lächeln um den geschlossenen Mund. An ihre Seite setzte sich nun das einzige Menschenwesen, zu dem sie mit Hoffnung auf Verständnis hätte sprechen können. Sie wickelte sich in ihren Mantel und machte Jane Platz.
»Im Café nebenan sagen sie, daß es ein sehr starkes Werk zu sein scheine …«
»Ja, ja … Zur Abwechslung.«
»Zur Abwechslung?«
»Ja, doch … ›Ein starkes Werk … Ein straff gebauter dritter Akt … Eine sichere Hand führt die Personen des Dramas ihrer Bestimmung entgegen …‹ Solche und ähnliche Wendungen haben wir ohne Zahl gelesen, Sie ihrer noch mehr als ich, denn Sie kleben die Ausschnitte zusammen … Die ›Kraft‹ Farous … das ist Farou selber … Seine Körperlichkeit, seine äußere Erscheinung … Ich habe oft gedacht, wenn Farou ein kleines Männchen mit Kneifer wäre, so hätte man anderes gelesen: ›Eine feine Schärfe … Eine zart pointierte Ironie …‹ Glauben Sie nicht? … Was meinen Sie?«
»Was denkt Farou über diese Ansicht? Haben Sie sie ihm mitgeteilt?«
»Es spricht sich nicht leicht mit Farou. Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?«
»Doch«, sagte Jane.
Der Vorhang ging in die Höhe. Auf der Bühne begannen Mérya und Dorilys ihre große Szene, wobei diese ihre unschuldsvolle Kinderstimme noch höher schraubte als sonst, während jene ihren samtenen, schon ein wenig rauh werdenden Alt spielen ließ. Die eine gab vor, sie werde den Geliebten behalten, wenn auch nicht heiraten, die andere behauptete, dieser Mann gehöre ihr. Zweimal brach unter den etwa fünfzig Zuhörern vereinzelt ein kräftiger Applaus los, fuhr hier und dort knackend auf wie Ginsterzweige, wenn sie ins Feuer geworfen werden.
»Ausgezeichnet ist das«, flüsterte Jane.
Die beiden Schauspielerinnen verdoppelten ihre falsche Kaltblütigkeit, ihren gemimten Stolz; sie fühlten schon den Erfolg des kommenden Tages. Ihr Spiel färbte sich mit jener übertriebenen Natürlichkeit und Überzeugung, die das Theater selbst dem plattesten Enthusiasmus zugänglich machen. Fanny hörte die Stimme Clara Celleriers in einer Pause »Bravo!« rufen, die Farou just dafür eingerichtet hatte, daß man »Bravo!« rufe, und die erregte Auseinandersetzung nahm ihren Fortgang. Diesmal hörte Fanny zu, aber ohne Ehrfurcht.
›Vielleicht bildet er sich wirklich ein, daß sich dergleichen im Leben so abspielt. Es ist zum Lachen.‹
Unter dem Schutz ihres Hutes blickte sie zu Jane hinüber, ohne den Kopf zu wenden. Jane kaute an ihrem Daumen, und ihre Lider schlugen.
›Sie ist bewegt … Vielleicht bildet auch sie sich ein, daß sich das so abspielen könnte … Welchen Tag muß ich wohl wählen, damit sie und ich selbst erfahren, daß es sich nicht so abspielt? …‹
Tragische Schreie beleidigten ihr Ohr. Mérya verlor die Haltung vor einer steifen, visionären Dorilys, die aufrecht wie eine Jeanne d'Arc dastand und ihr trotzte:
»Nein, Sie wissen nicht, Madame, wissen nicht mehr, was ein junges Mädchen ist … Die ganze unberührte Kraft, die ganze Unschuld, die ich in mir trage, das Schlimmste, dessen ich fähig bin, und das Schönste, was ich zu geben vermag, all das setze ich gegen Sie ein, mit alldem kämpfe ich – kämpfe um ihn …«
In ihrem Innern betrachtete Fanny zwei wirkliche Frauen, düster, maßvoll, besorgt, den Klang ihrer Stimmen zu dämpfen, der Neugierde der Dienerschaft‹‹ zu entgehen, den Schein zu wahren … Sie fröstelte. ›Es wird bald sein müssen … – bald …› Eine Hand berührte ihren Nacken, schob ihr den Pelzkragen in die Höhe und schlüpfte unter ihren Arm, um in dem warmen Eckchen der Armbeuge, gleichsam eingeschlafen, liegenzubleiben.
›Immer diese Hand … Was soll ich mit dieser Hand? Und wenn ich an einem künftigen Tage diese Hand zurückstoßen, mit Gewalt die Finger aufbiegen muß, die sich vielleicht an meinem Arm, im Stoff meines Kleides festklammern werden? …‹
Diese unbewegliche Hand beschäftigte sie mehr als der Aktschluß. Jane ihrerseits hing in starrer Wachsamkeit am Kommen und Gehen der Schauspieler, als fühlte sie schuldbewußt, daß sie nicht genug aufpasse. Jean Farou trat geräuschlos ein, setzte sich auf den Ecksitz, den die an Fanny gedrückte Jane frei ließ, und hatte bis zum Aktschluß nur für die ineinandergeschlungenen Arme Sinn, verfluchte sie, trachtete Fanny durch Blicke zu zwingen, daß sie den schutzsuchenden Arm loslasse. Wortlos und hartnäckig kämpfte Fanny, und der Vorhang fiel, ehe sie nachgegeben hatte.
»Ah! … bravo!« stimmte Jane, eine Sekunde später, in die Begeisterung des Publikums ein.
Der Vorhang manövrierte wie bei einer Generalprobe. Mérya trug bereits alle Anzeichen einer Erschöpfung zur Schau, die ihr am nächsten Tage Ehre machen sollte, und Dorilys wurde, während sie sich dankend verneigte, wieder die unverwüstliche jugendliche Liebhaberin, auf die das Theater noch ein Vierteljahrhundert zählen konnte.
Der dritte und der vierte Akt, in zwei Bilder zusammengefaßt, stellten die Geduld und die Kraft Fannys auf eine harte Probe. Die Hälfte der Nacht ging damit hin. Ein Wirrwarr nach altehrwürdigem Brauch, Auflehnung, wie die Routine sie vorschreibt, längst klassisch gewordene äußere Schwierigkeiten verzögerten die Stunde, da Farou, mit jener Kälte, die er jedem seiner Werke bezeigte, sowie er es reif vor die Menge hatte fallen lassen, erleichtert sagen konnte:
»Das alles geht mich nichts mehr an.«
Fanny und ihre beiden Gefährten fanden ihn auf der Bühne wieder. Ein Regisseur erklärte ihm:
»Das Siegellack im ersten Akt ist vergessen worden, die elektrische Taschenlampe im zweiten hat nicht funktioniert; im dritten muß die Türglocke versetzt werden; der Kaffee, ebenfalls im dritten, muß in der Tasse dampfen; der Mondenschein muß weniger blau sein (das haben wir bereits mit Julien besprochen). Und dann: ein anderer Telephonapparat … Sonst noch etwas, Monsieur Farou?«
»Nein … Nein, mein Guter … Ach! der Lampenschirm im zweiten Akt … der Volant war zu kurz, die Leute in den ersten Reihen schauen direkt in das grelle Licht der Birne.«
»Das hat Monsieur Silvestre aufgeschrieben.«
»Also dann weiß ich nichts mehr … Gute Nacht, mein Lieber, und vielen Dank!«
Er blieb äußerlich geduldig, aber seine Augen irrten in ausdrucksloser Geschäftigkeit von rechts nach links und von links nach rechts über die Bühne, die wie durch ein Zauberwort leer geworden war.
»Wo sind sie?« fragte Fanny. »Wo sind sie alle?«
»Wer denn?«
»Nun … Mérya, Chocquart, Dorilys …«
»Fort.«
»Wieso denn? Das ist doch nicht möglich, der Vorhang ist doch eben erst gefallen … Ich hätte gerne …«
Farou zuckte die Achseln, während er sich einen wollenen Schal um den Hals wickelte.
»Fort, sage ich dir. Uff! … Sie sind prächtig, aber ich kann sie nicht mehr sehen … bis morgen. Sie können mich auch nicht mehr sehen … Es ist uns voreinander übel, verstehst du …«
Er schob seine Arme unter die Ellbogen der beiden Frauen und zog sie mit sich.
»Es ist ein großer Erfolg«, sagte Fanny in nachdenklichem Tone.
Sie wollte leidenschaftslos urteilen und Farou gerecht werden, anerkennen, daß er, wie immer, allein und ehrlich gearbeitet habe; da es ihr an Begeisterung fehlte, versuchte sie die Leistung nach den Früchten, die sie tragen sollte, abzuschätzen.
»Ja, es ist ein großer Erfolg«, wiederholte sie. »Ich glaube es.«
Sie trennten sich, um eine schmale Treppe hinunterzusteigen. Farou ging voraus und schwenkte die Arme. Mit einem Sprung nahm er die letzten drei Stufen, dehnte die Arme, daß sie krachten. ›Wie schade! …‹ seufzte Fanny innerlich.
Sie seufzte in einem unklaren Bedauern, das sie jedesmal empfand, wenn sie in Farou, gefesselt, einen Mann erkannte, der die Axt hätte führen sollen, eine Maschine bedienen, Zügel halten, Ruder handhaben … Jean folgte der Gruppe und warf einen Schatten mit vorgebeugtem Kopf auf die Mauer.
Draußen angekommen, atmete Farou in tiefen Zügen die Regenluft ein: »Ach! zu Fuß nach Hause gehen! …« Aber er warf sich auf den Rücksitz seines Wagens und rührte sich nicht mehr.
Fanny saß zu seiner Rechten, Jane zu seiner Linken. Seine gleichgültigen Hände ruhten, aus Platzmangel, auf je einer Schulter der beiden. Jean Farou auf einem Klappsitz betrachtete hartnäckig die um zwei Uhr morgens leeren Straßen. Bei jeder Laterne tauchte Farous Hand, von Janes Schulter herabhängend, aus der Dunkelheit auf, und Fanny lauerte wider Willen auf den immer wiederkehrenden Lichtschein, um diese lässige Hand und das starre Profil Jeans zu beobachten.
»Halb drei!« verkündete Farou. »Und morgen ist ein scheußlicher Tag.«
»Oh! …« protestierte Jane, »er ist gewonnen.«
»Was nicht hindert, daß man vor Schlaf umkommt. Nicht wahr, Jean?«
»Ja, man kommt um«, bestätigte eine schwache Stimme.
Fanny fand den Weg lang und litt von neuem. Sie fürchtete, daß ihre eigene Spannung, die Angst Janes und das unversöhnliche Schweigen Jeans, vermengt, zu irgendeinem schrecklichen Unheil führen könnten, vor der Zeit, ehe das schützende Dach erreicht, die Türen geschlossen waren … Farou gähnte, streckte seine langen Beine aus, ließ ein paar belanglose Bemerkungen fallen, beglückwünschte sich, da er einen halb verhüllten Mond durch die Wolken laufen sah, der schönes Wetter verkündete. Unempfindlich für andere, feinere Vorzeichen, bannte er dennoch durch flüchtig hingemurmelte Menschenworte für den Augenblick, was seine heitere und patriarchalische Unmoral bedrohte.
Merkwürdig, daß diese Société des Auteurs niemals die Ziffern in eine Reihe mit den gedruckten Namen setzen kann. Sehen Sie einmal, Fanny. Weil die getippten Zahlen zu tief stehen, sieht es aus, als hätten wir vorgestern abends 2440 gehabt, und die Mathurins 22 000.«
Jane hielt Fanny den Einnahmenausweis hin.
»Haben Sie die Blätter von der ersten Woche, Jane? Geben Sie sie mir. Zwanzig … Sechzehn, siebzehntausend und vier, achtzehntausend und vier, zwanzigtausendzweiunddreißig …«, las Fanny mit leiser Stimme. »Sehr schön, nicht wahr?«
Jane nickte.
»Das will ich meinen! Ein Vermögen, Fanny! Und nun noch die Feiertage …«
»Feiertage?«
»Weihnachten doch! Drei Matineen, zwei Nachtvorstellungen … Und die Wiederaufnahme der ›Wohnung‹ im Antoine … Und die Tournee der ›Traube‹ in den Vorstadttheatern … Dieser Farou! Man getraut sich schon gar nicht mehr, mit ihm zu sprechen«, sagte Jane ziemlich bitter.
»Also, ist es … wirklich ein Erfolg?« fragte Fanny nachdrücklich. »Man kann dessen nun ganz sicher sein?«
»Was für eine Frage! … Warum wollen Sie, daß …?«
Sie wurde sich bewußt, daß Fanny, obgleich sie den Kopf noch über die Blätter gebeugt hielt, nicht mehr las. Sie bemerkte auch, daß Fanny ein neues dunkelblaues Kleid anhatte, in dem sie schlank aussah und vornehm, als wollte sie einen formellen Besuch machen oder eben abreisen, und daß die Papiere in ihren Händen zitterten.
»Also …«, seufzte Fanny, »also … einmal muß es ja sein …«
Sie hob einen trüben und fast flehenden Blick zu Jane empor. Die Schminke ihres Mundes ließ einen merkwürdig weißlichvioletten Lippenrand frei, und die niedrig stehende Dezembersonne, die durch die Bäume des Champ-de-Mars schien, zwang sie, die Augen halb zu schließen.
Von dieser Sonne beschienen, gemahnte Janes Haar an die zartgrünen Fäden junger Maiskolben. Mit einer raschen Bewegung rückte ihr Kopf aus dem Lichtstrahl.
»Es muß sein …«, wiederholte Fanny in dumpfem Ton. »Also … Meine arme Jane …«
Das Klopfen ihres Herzens, das Summen des Blutes in ihren Ohren verscheuchten, was sie hatte sagen wollen.
›Was habe ich gesagt … meine arme Jane … Das ist nicht das Richtige …‹
Sie hatte es aber mit einer Rivalin zu tun, die kein Bedauern ertragen wollte und sie nur noch einige wenige Worte aussprechen ließ:
»Hören Sie, Jane … Ich weiß, daß Sie … daß Farou …«
»Warten Sie!« unterbrach Jane. »Warten Sie! einen Augenblick …«
Ernst sammelte sie ihre Kräfte. Auf ihren Wangen zeigte sich eine sonst unsichtbare, sehr zarte rosa Schminke und umgrenzte das langgezogene Oval ihres Gesichtes.
»Was wollen wir tun?« fragte sie.
Wegen des »wir« errötete Fanny.
»Wie? wie meinen Sie das?«
»Ich meine … Soll Farou oder sollen wir darüber entscheiden? Wenn Sie es erlauben, will ich mich setzen. Das Stehen fällt mir nicht leicht.«
Sitzend mußte Jane ihr Gesicht zu Fanny emporheben, ein Gesicht, das anfangs friedlich erschien, nur daß ihm seine gewohnte Harmlosigkeit fehlte. Es war, als ob sie, um unbehinderter kämpfen zu können, nur das Wesentliche ihrer Züge behielte, die schon die nahenden Dreißig verkündeten: einen Mund von wechselnder Form unter einer ein wenig langen Nase und sehr schöne Augen, die Augen einer eifersüchtigen Frau. Sie hob aufs neue an:
»Haben Sie schon mit Farou über die Angelegenheit gesprochen?«
»Nein, das wüßten Sie ja.«
»Nicht unbedingt … Ich danke Ihnen, daß Sie mit mir sprechen, und zwar zuerst …«
»Ich, zuerst? Dachten denn Sie daran, mit mir zu sprechen?«
Durch eine Handbewegung wies Jane den Gedanken an eine derartige Absicht weit von sich.
»Nein … Oh! weiß Gott! nein! … Ich wollte sagen, daß Sie nicht mit Farou, sondern zuerst mit mir sprechen. Was also beschließen wir?«
Eine derartige Ruhe, selbst wenn sie geheuchelt war, traf Fanny unvorbereitet. Sie wußte sich wohl imstande, aus dem Stegreif zu reden, aber nur von einer Bewegung der Leidenschaft getragen. Da ihr nichts Besseres einfiel, lächelte sie.
»Mich dünkt, es liegt auf der Hand, was wir zu beschließen haben«, sagte sie.
»Gut, ich verstehe. Doch das ist dann Ihr Beschluß, Fanny, einzig und allein Ihrer …«
Die flehenden grauen Augen warnten Fanny, daß sie nicht mit Vermessenheit der Rede zu rechnen habe, sondern mit dem unausgesprochenen Hintergedanken, der die Worte diktiert. Doch ihre weißen Nüstern blähten sich, und der herannahende Zorn erhellte sie ganz.
»Werden Sie nicht zornig, Fanny … Mein Gott, wie wir doch jedes Wort abwägen müssen! … Werden Sie Farou außerhalb unserer … Auseinandersetzung lassen? Wird er von unserem Gespräch nichts erfahren?«
»Nein, was fällt Ihnen ein? Das ist unmöglich!«
»Haben Sie sich das überlegt, Fanny?«
»Gründlich überlegt.«
Sie log. Sie hatte nur gedacht, daß nach einem irgendwie herausgeschrienen »Ich weiß alles!« die Dinge sich ordnen oder unheilvoll zusammenstürzen würden. Nun aber sah sie nichts weiter vor sich als eine vernünftige junge Frau, die zwar gewiß bewegt war, jedoch schon erörterte, was zu geschehen habe, sich ohne Zweifel ihre praktische Erfahrung zunutze zu machen und eine resigniert lavierende Taktik anzuwenden gedachte.
›Sie kennt dergleichen!‹ dachte Fanny. ›Sie hat schon so mancher Frau einen Mann streitig gemacht …‹
»Ich fürchte«, sagte Jane, indem sie den Kopf schüttelte, »daß Sie weit weniger über das Ganze nachgedacht haben als ich …«
»Ich denke wahrscheinlich seit kürzerer Zeit als Sie darüber nach.«
»Ja, wenn Sie so wollen.«
Doch Fanny gefiel weder diese Nachgiebigkeit noch der ungezwungene Ton. Sie senkte die Stirn wie ein Pferd, das vor einem Sprung den Kopf einzieht, und verdoppelte ihr Kinn.
»Was wird er tun?« fragte Jane leiser, als spräche sie zu sich selbst.
Fanny lächelte, wobei der blasse Rand ihrer rot geschminkten Lippen deutlicher sichtbar wurde, frug dann Jane:
»Haben Sie Angst?«
»Angst? Nein … Oder vielleicht doch.«
»Angst wovor?«
Jane senkte ihren Blick traurig in den Fannys.
»Aber Fanny! Angst vor allem, was geschehen kann, vor allem, was unser Leben verändern wird …«
»Sie können ihn immer noch außer Haus sehen«, sagte Fanny mit einem häßlichen Ton in der Stimme.
»Wen sehen? … Ach! Farou … Ich dachte nicht an Farou.«
»Das ist sehr undankbar«, sagte dieselbe Stimme.
»Ich schulde Farou keinen Dank«, erwiderte Jane, indem sie die Augenbrauen hochzog.
»Nur gut, daß Sie, vor mir zumindest, auch von ihm keinen fordern.«
Ein krampfhafter Husten verschlug Fanny den Atem. Jane machte eine entmutigte Bewegung, stützte den Ellbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hand. Die Dezembersonne hatte den Raum schon verlassen, und das helle grüne Licht der Dämmerung lag auf dem seltsamen Haar Janes, das ein flaches und zu breites Stück Wange zwischen der Nase und dem sehr kleinen Ohr sehen ließ. Eine Träne glitt als ein Streifen über diese flache Wange und erreichte den Winkel des Mundes, der sie gleichgültig trank.
»Dreieinhalb Jahre, vier … Fast vier Jahre …«, zählte Jane für sich.
Unterstützt durch eine plötzliche Wallung, riß Fanny sich aus ihrer Starrheit.
»Ich erlasse Ihnen jegliche Statistik und alle Einzelheiten«, schrie sie.
Das von einer Träne berieselte Profil wendete sich lebhaft, und Jane blickte ihre Freundin durchdringend an.
»Was glauben Sie denn, Fanny, glauben Sie etwa, daß ich seit fast vier Jahren … daß Farou …«
»Haben Sie doch keine Angst vor Worten! Und was die Zeit anbetrifft … so wissen wir wohl, daß sie nicht von Belang ist, nicht wahr?«
»Oh, doch, meine Liebe, wenn es sich um Farou handelt! …«
Sie zuckte die Achseln, als ob sie lachte.
»Fanny, Sie haben eine ganz gewöhnliche Laune Farous vor sich … das Allergewöhnlichste, was man sich denken kann …«
Die Demut, die bittere Grimasse Janes empörten Fanny, als wären sie der Ausdruck niedrigsten Komödiantentums.
»Das ist nicht wahr! Haben Sie doch den Mut, nicht zu lügen! Drohe ich Ihnen denn? Beklage ich mich etwa? Kommen wir doch wenigstens anständig … und in aller Ruhe … mit unserem Gespräch zu Ende … Ja, in aller Ruhe …«
Sie wurde heiser, denn sie sprach sehr laut, und voll verworrener Freude verließ sie sich darauf, daß der Zorn sie weiter führen werde. Gleichzeitig aber gab sie dem Wort »in aller Ruhe«, als sie es wiederholte, einen gemäßigten Ton. Da sah sie zu ihrem Erstaunen Jane wieder aufrecht stehen, das Gesicht kühn emporgehoben.
»Was? Was ist nicht wahr? Was wäre ich denn sonst? Ich bitte Sie! Die Frau, die Farou liebt, vielleicht? Sie denken, ich verkleinere mich, um Sie zu rühren? Meine arme Fanny! Wenn Sie mir nicht jegliche Statistik erlassen hätten, würde ich Ihnen kein Geheimnis aus der Zahl der Wochen machen, die vergangen sind, ohne daß Farou mich anders zu behandeln geruhte als …«
Eine heftig zugeschlagene Tür schnitt ihr das Wort ab. Alle beide horchten, die Hände auf den Hüften, in der Haltung erbittert Streitender.
»Es ist nicht er«, sagte Jane schließlich. »Wenn er es gewesen wäre, hätten wir zuerst die Eingangstür gehört …«
»Sie macht sehr wenig Lärm, seit sie die neuen Polsterstreifen hat«, sagte Fanny. »Doch vor dem Abendessen kommt er ja nie hier herein …«
Abgekühlt, entfernten sie sich voneinander, als ob sie stillschweigend auf einen Schlachtplan verzichteten. Fanny zog die doppelten Vorhänge an den zwei Fenstern zu und drehte die Lampen auf den beiden Tischen an. Sie setzte sich, schürte die Glut im Kamin und legte Holzscheite auf. Sie fühlte die Kälte der beginnenden Nacht, die bei einem scharfen Nordwind kristallklar war, und sie zitterte trotz der Zentralheizung und des Holzfeuers.
Ihr zorniger Augenblick war verflogen, und schon empfand sie geringere Lust anzugreifen, selbst auch nur »in aller Ruhe«, Jane und die Wahrheit anzugreifen oder Jane und die Lüge. Weise und von kurzem Willen, sagte sie sich schon:
›Wir haben uns vorher wohler gefühlt. Keine von uns beiden wird aus dem, was kommt, Gewinn oder Glück ziehen … Es wäre besser, wenn Jane nicht mehr sprechen wollte …‹
Aber Jane sprach von neuem.
»Ach! Fanny, wenn ich mich verständlich machen könnte … Sie wissen nicht, Sie wissen nicht …«
Fanny schob die weiche schwarze Haarsträhne aus ihrer weißen Stirn.
»Aber ich werde es wissen«, sagte sie in dumpfem Ton. »Ich fürchte, ich kann Sie nun nicht mehr daran hindern, mir alles mitzuteilen … Ich bitte Sie, lassen wir uns nicht dazu hinreißen, Dinge zu sagen … Dinge, wie Frauen sie einander über ihre Liebhaber, ihr Monatsübel, ihre Krankheiten zu erzählen pflegen, ekelhafte Dinge …«
Sie schluckte voll Abscheu ihren Speichel. Und sich widersprechend, fügte sie hastig hinzu:
»Übrigens weiß ich genug … Ich habe Sie eines Tages im Badezimmer gesehen, als er Sie küßte … Sie hatten eine Schürze um und plätteten …«
Sie schwieg beschämt. Doch an Jane waren Beschämung und Stillschweigen verloren. Von gierigem Verlangen nach Geständnissen und von Groll erfüllt, stürzte sie sich auf diese Erinnerung:
»Im Badezimmer? An dem Tag, an dem ich plättete? Ach! ausgezeichnet! Ach! sprechen wir davon! Ach! das trifft sich wunderbar!«
Sie begann auf und ab zu gehen, während sie sich mit einem biegsamen Papiermesser auf die Handfläche klatschte.
»Ja! Ja! An jenem Tage! Er hat mich geküßt, wie er ein Stubenmädchen geküßt hätte, verstehen Sie? Und wenn ich Stubenmädchen sage, so ist das viel. Ich bin in seinen Augen noch weniger als ein Stubenmädchen, weniger als alle Asselins und Irrigoyens der Welt! Und dabei wissen Sie doch, was so ein Flirt Farous bedeutet, Fanny! Sie haben mir oft genug davon gesprochen! Mir Ihre überlegene Weisheit gezeigt, Ihre Nachsicht … Ihre Duldsamkeit …«
Jane hielt einen Augenblick inne, warf ihre Haare zurück und schnupfte die Tränen der Erregung auf. Zwei magere kleine Tropfen zitterten und glänzten in ihren Augenwinkeln, und sie klatschte sich immer noch mit dem Papiermesser in die Hand. Doch während Jane immer mehr in Verwirrung geriet, überkam Fanny eine völlig unangebrachte Ruhe, aus der heraus sie urteilte, daß keinerlei Paroxysmus zu Jane passe. ›Sie ist für mittelmäßige Äußerungen geschaffen; für aschblonde Schmerzen …‹
»Wenn man Sie hört, Fanny, könnte man glauben, daß Sie nicht wissen, wer Farou ist!«
»Er ist mein Gatte«, sagte Fanny.
Sie durchtränkte ihre Antwort mit einer ziemlich pomphaften Schlichtheit und war des nicht zufrieden. Trotzdem hatte der Satz die erwartete Wirkung, denn Jane rief:
»Gott sei Dank, Fanny!«
»Ich dachte nicht, das wem immer danken zu müssen«, sagte Fanny. »Selbst Ihnen nicht.«
Jane schien zum erstenmal eingeschüchtert und blickte unsicher hierhin und dorthin.
»Ich wollte sagen: Gott sei Dank, daß auch Sie da waren … Nicht nur er … Man fühlt sich derartig einsam mit Farou …«, schloß sie wie von ungefähr.
Und in derselben tastenden und überstürzten Art fügte sie hinzu:
»Mit anderen Männern fühlt man sich gewiß auch einsam … Aber mit Farou noch mehr .. Ich schulde Farou keinen Dank, das ist vollkommen richtig. Aber ich bin voll Dankbarkeit gegen jemanden hier
»Eine reizende Art, sie mir zu bezeigen!« platzte Fanny heraus.
Auf diesen Aufruf hin beruhigte sich Jane, als ob es nun an ihr wäre, sich phlegmatisch zu verhalten.
»Ich habe sie Ihnen bezeigt, Fanny, wie ich konnte … Es war nicht immer leicht. Seit vier Jahren denke ich so sehr viel mehr an Sie als an Farou …«
Fanny erhob sich steif.
»Nein«, sagte sie. »Das nicht. Bis jetzt ist nichts zwischen uns ungeheuerlich; alles ist vielmehr äußerst banal. Doch einen sentimentalen Schlußgesang will ich nicht ertragen … Oh! Jane! …«
Sie verbarg das Gesicht in den Händen und enthüllte es sofort wieder, damit Jane nicht glaube, sie weine.
»Ich bin durchaus nicht sentimental«, protestierte Jane. »Warum hätte ich denn viel an Farou denken sollen?«
Sie las in den Zügen Fannys jenes Erstaunen, das Farou »die Verblüffung des hübschen Fisches« nannte, und setzte ungeduldig fort:
»Aber ja … Was Sie nicht sofort verstehen, halten Sie für Lüge. Sie sind so unerfahren, Fanny …«
Sie wurde sanfter und streckte die Hand gehöhlt gegen das heiße Gesicht Fannys aus, als wollte sie das süße und schwere Oval der Backe umfangen:
»So unerfahren … so unberührt … So ganz anders als ich …«
»Ja, ja …«, fiel ihr Fanny mit einer unangebrachten Zuvorkommenheit ins Wort, denn es überkam sie plötzlich eine kindliche Angst, Quemere, Meyrowicz und Davidson könnten in das Gespräch einbezogen werden.
»Sie sagen ja, ja, aber wie können Sie in Ihrem Zustand begreifen … Nun ja, ich meine in Ihrem Zustand der Unerfahrenheit, dem Zustand eines jungen Mädchens, in dem Sie Ihr Leben verbringen … Für Sie gibt es Farou und nochmals Farou und nur Farou und keinen anderen Mann als Farou … Das ist sehr schön – übrigens bin ich nicht einmal sicher, ob das sehr schön ist –, ich aber, ich sehe und sah Farou niemals mit denselben Augen wie Sie, oder sagen wir besser: mit demselben Herzen wie Sie … Es hat nicht sehr lang gedauert, bis mir der Unterschied zwischen Ihnen beiden klar wurde, Fanny, und von dem Augenblick an, da er mir klargeworden war … Ach! …«
Sie bewegte sich unruhig, wechselte den Tonfall, als ob sie endlich zu dem schmerzlichsten Teil der Unterredung gekommen oder ihn fast schon bewältigt habe. Mit einer Handbewegung wies sie von sich, was sie ausdrücken wollte, und holte es sogleich wieder heran. Die Aufrichtigkeit entfernte sich von ihr und näherte sich ihr aufs neue wie eine Versuchung.
»Und dann, verstehen Sie, dann hat es nicht mehr lange gedauert! Nein, dann hat es nicht mehr lange gedauert!«
»Aber was denn in aller Welt?« fragte Fanny.
Jane wand die Schultern unter ihrem Kleid mit einer provinzlerischen und verkrampften Linkischkeit, die Fanny zum ersten Male an ihr bemerkte.
»Ich schäme mich, Ihnen das zu sagen, Fanny … Es macht mir nichts, mit Ihnen über Farou zu sprechen. Farou ist ein Mann, ein verführerischer Mann, ein bekannter Mann, ein talentvoller Mann; kurz, Fanny, ich gestehe Ihnen, daß nicht viel dazu gehört, ein Mädchen wie mich zu verführen, das keinen Grund hat, tugendhaft zu sein, keusch und einsam zu bleiben … Es ist nichts Erstaunliches daran, daß ich mich leicht verliebte, eifersüchtig und unzufrieden wurde, kurz all das, was Sie an mir bemerkt haben … Aber im Grunde genommen hat Farou, abgesehen davon, daß er Farou ist, als Mensch wirklich nichts Außerordentliches an sich … Während Sie, Fanny, Sie …«
Sie setzte sich, nahm ihr Taschentuch und begann zu weinen, in einer tränenreichen, leichten und stillen Art, die ihr neu und angenehm zu sein schien.
Sie schneuzte sich die Nase und hob gelassen wieder an:
»Sie, Fanny, Sie sind ein weitaus wertvollerer Mensch als Farou. Weitaus …«
»Oh!« sagte Fanny großartig, »wie schlecht müssen Sie ihn kennen!«
Jane wendete ihr einen feinen Frauenblick zu.
»Der Beweis …«, sagte sie, halb lächelnd. »Sie sind nahe daran gewesen, mich glauben zu machen, daß er unvergleichlich sei …«
»So, so«, sagte Fanny, mit dem Kopf nickend, »jetzt wird es noch meine Schuld sein …«
»Ja und nein … In gewisser Beziehung.«
Sie wollte Fanny ohne Zweifel den Stand der neuen Sklavinnen schildern, der modernen Leibeigenen, die elegant leben, dem Anscheine nach unabhängig sind, sozusagen frei herumfliegen wie befiederter Samen durch die Lüfte, wollte erklären, wie leicht diese Frauen in ihrer Umgänglichkeit und Anonymität verführen, doch sie verzichtete darauf angesichts des dunkelhaarigen und dickköpfigen Weibstieres, das, an sein Heim gekettet, eine ältere Lebensform verkörperte.
»Ich spreche selbstverständlich von der ersten Zeit. Nachher …«
»Nachher sind Sie meine Freundin geworden«, sagte Fanny mit einer Sanftmut, die Böses ahnen ließ.
»Nein«, erwiderte Jane bestimmt. »Das war ich schon vorher. Und ich konnte nicht aufhören, es zu sein …«
»Um einer solchen Kleinigkeit willen«, fügte Fanny hinzu.
»Ich habe wirklich nichts von einer verhängnisvollen Frau an mir«, fuhr Jane fort. »Noch etwas von einer eigennützigen Dirne oder von einer Ehrgeizigen. Sie müssen mir das zugeben. Was riskierten Sie mit mir? Nicht viel …«
»Ja … Sie wären gerne die einzige gewesen, die mich betrügt«, präzisierte Fanny mit derselben Sanftmut.
»… Aber ich hatte gegen mich, gegen uns, Ihre Nachsicht mit Farou, Ihre verdammte Nachsicht, Ihr sogenanntes Verständnis für Farou … Ihre Manie, ihn mit Lob zu überhäufen und mit Flüchen, die noch hundertmal schmeichelhafter sind … Ihre ›Überlegenheit‹, die darin bestand, Farou allen Frauen zur Verfügung zu stellen, haben Sie die ehrenhaft gefunden, Fanny? Ich nicht. Ach, nein! ich nicht! … Das war ein Zug, der Sie herabsetzte, das Bild entstellte, das ich mir von Ihnen machte … Sie«, sagte sie, indem sie Fanny mit anspruchsvoller Bewunderung betrachtete, »Sie waren ich, nur eben viel schöner.«
Sie entfernte sich, hob einen Augenblick den Vorhang des einen Fensters hoch und ließ ihn schnell wieder fallen, als wollte sie verbergen, was sie in der kristallklaren Nacht draußen gesehen hatte. Sie kam zurück, legte die Hand auf die Schulter Fannys und schüttelte sie leise:
»Sie fragten mich vorhin, ob ich Angst hätte? Aber ich zittre, ich erstarre vor Angst! Fanny, Sie denken daran, sich meiner zu entledigen, Sie finden, daß die kleinen körperlichen Angelegenheiten der Liebe Verbrechen sind, wenn ich im Spiele bin, Sie wollen Farou von mir loslösen, als ob er das nicht schon selbst besorgte, und zwar seit langem; Sie wollen reines Haus machen und vielleicht auch noch mein Zimmer ausräuchern … Es ist unglaublich, daß man derartig viel Aufhebens von der Liebe machen kann! Ein Mann ist doch nichts so Ernstes, nichts Ewiges! Ein Mann ist … eben nichts weiter als ein Mann … Glauben Sie, daß man einen Mann je ganz allein finden kann, losgelöst von allem, frei und bereit, einem sein Leben zu widmen? Ein Mann ist niemals allein, Fanny, und es ist wirklich schrecklich, daß er immer eine Frau, eine andere Geliebte, eine Mutter, ein Dienstmädchen, eine Sekretärin, eine Verwandte oder sonst irgend jemanden hat! Wenn Sie wüßten, was ich rings um einen Geliebten an Frauen begegnet bin! … Es ist grauenhaft. Das Wort ist nicht zu stark.«
Sie umfaßte ihre Arme so fest mit den Händen, daß ihre Fingerspitzen bleich wurden. Plötzlich schenkte sie ein Glas mit Wasser voll und wollte es an die Lippen führen, doch besann sie sich und reichte es Fanny hin.
»Verzeihen Sie. Ich sterbe vor Durst.«
»Ich auch«, sagte Fanny.
Sie tranken schweigend, höflich wie Tiere, die am Rand des Baches eine Kampfpause machen. Die Aufregung malte sich verschieden auf den beiden Gesichtern: Jane war rot an den Backen, Fanny blaß, mit kohlschwarzen Ringen um die Augen und einem entschminkten Mund von negerhaftem Lila. Fanny stieß, als sie getrunken hatte, einen tiefen Seufzer der Ermüdung aus, und Jane bog die Hand wieder rings um die runde Wange, ohne sie zu berühren:
»Arme Fanny! … Welche Qual ich Ihnen bereite! … Wollen Sie …«
Sie wagte nicht fortzufahren. Fanny sagte kurz: »Nein, danke!« und grübelte über den genauen Wortlaut eines Vorwurfs nach, den Jane Farou einmal gemacht hatte:
›Sie hat zu ihm gesagt: »Sie täten besser daran, ihr die Hand zu reichen« oder: »Es wäre gescheiter, wenn Sie ihr die Füße nicht gegen die Tür«, oder etwas genau … Sie sagte ihm auch an dem Tage, da die beiden glaubten, ich sei in Ohnmacht gefallen: »Stoßen Sie ihr die Füße nicht gegen die Tür«, oder etwas Ähnliches, und: »Glauben Sie, daß man eine Ohnmächtige so tragen soll?«‹
»Ihnen danke ich es, daß ich die Freude des Dienens kennengelernt habe«, sagte Jane leise.
Fanny konnte ihre Erregung nicht bezwingen. Sie erhob sich und begann sich im Kreise zu drehen wie in Stunden des Frohsinns, mit der Behendigkeit eines beweglichen, rundlichen Wesens.
»Nein«, sagte sie, »nein, ich kann es nicht ertragen … Da das alles vorbei ist, müssen Sie Ihre Redeweise ändern, Sie müssen aufhören, uns zu rühren, unsere Beziehung auszubeuten, unsere Vergangenheit, unsere …«
Eine Tür öffnete sich hinter ihr.
»A–a–a–ah!« gähnte eine kräftige, fröhliche Stimme. »All die Frauen! All die Frauen! Was habe ich doch Frauen in meinem Hause!«
Er kehrte ein wenig aufgelöst und zufrieden heim; seine schönen, schmachtenden und undurchdringlichen gelben Augen verkündeten, daß er einen flüchtigen Sinnengenuß oder eine lange Arbeit hinter sich hatte. Leichtverdientes Geld für mehrere Monate und ein wachsender Erfolg schmückten ihn mit einer Jugendlichkeit, die ihm nicht gerade lächerlich anstand, aber auch nicht ganz zu ihm paßte; er trug sie ungefähr so wie einen flatternden Künstlerschlips.
»Eben habe ich Pierre Wolff getroffen«, rief er aus. »Ich muß verdammt gut aussehen, denn er prophezeite mir Arteriosklerose, Altersschwäche und …«
Er wurde sich bewußt, daß weder Fanny noch Jane sich bei seinem Eintreten gerührt hatten. Forschend blickte er in die beiden Gesichter, sah, daß sie anders waren als am Morgen desselben Tages, und fragte in herrischem Ton:
»Was ist los?«
»Farou …«, begann Fanny …
»Fanny, ich versichere Ihnen …«, flehte Jane.
»Was ist los?« wiederholte Farou lauter und ungeduldig. »Weibergezänk? Dienstbotenstreitereien?«
Fanny blickte zu Jane hinüber und ließ ein leises Lachen hören. Jane bedeutete ihr durch eine Bewegung des ganzen Körpers, daß sie zurücktrete, brachte mimisch etwas wie Höflichkeit zum Ausdruck, als ob sie sagen wollte: »Ich lasse Ihnen volle Freiheit, sprechen Sie …« Worauf Fanny ihr mit einem Kopfnicken antwortete: »Ich nehme alles auf mich.«
»Farou«, hob Fanny aufs neue an, »wir haben eben eine ernste Aussprache miteinander gehabt, Jane und ich. Du siehst, daß wir vollkommen ruhig sind. Wir beabsichtigen, es zu bleiben.«
Sie sprach mit einem Mund, der völlig lilafarben geworden war, und formte jedes Wort mühsam. Farou bemerkte die Blässe der Lippen in dem Gesicht seiner Frau und zu große, zu schöne Augen, die, von Stumpfheit erfüllt, nichts mehr ausdrückten. Er glaubte offenbar, daß sie einer Ohnmacht nahe sei, denn er streckte einen Arm aus. Sie aber erklärte:
»Jane ist deine Geliebte, ich bin deine Frau, wir können ohne dich nichts endgültig entscheiden.«
Farou, der sich gesetzt hatte, erhob sich langsam. Seine Augenbrauen senkten sich majestätisch, und die beiden Frauen empfanden einen Augenblick lang etwas wie Angst, jedoch nur, weil sie ihn schön fanden. Eine wie die andere erwartete irgendein Ungewitter, einen Ausbruch, sie wußten selbst nicht was …
»Welche von euch beiden hat davon zu sprechen begonnen?« fragte Farou endlich.
»Ich selbstverständlich«, erklärte Fanny beleidigt.
Er heftete den Blick auf sie, aber es war ein Blick ohne Feuer, erfüllt von einem schon überlegten Mißtrauen.
»Wußtest du es schon seit langem?«
Sie log, aus einer Art Prahlsucht heraus:
»Oh! … seit sehr langem …«
»Und du hast das so gut verborgen? Alle Achtung!«
Sie vermutete einen gemeinen Gegenangriff und machte eine Bewegung der Abwehr.
»Aber«, fuhr Farou fort, »wenn du es wirklich so lange verborgen hast … so wundert es mich … ja wirklich, es wundert mich, daß du nicht dabei geblieben bist –?«
Einen Augenblick verdutzt, faßte sie sich wieder und schrie:
»Glaubst du denn, daß man dergleichen immer für sich behalten, daß man für alle Ewigkeit schweigen kann?«
»Ich bin davon überzeugt«, sagte Farou. Mit einer Gebärde rief sie Jane zu Hilfe und stotterte:
»Nein, so etwas … nein, so etwas …«
»Besonders du«, fügte Farou hinzu.
»Ich bin es gewohnt, meinst du? …«
Bis dahin hatte Farou die zitternden Hände Fannys überwacht. Als er aber ihre Augen voll Tränen sah, wurde er ungezwungener.
»Du bist es gewohnt – ja – wenn du so willst. Habe ich dir, was immer geschehen ist, seit zwölf Jahren jemals auch nur den geringsten Teil meiner Zärtlichkeit entzogen?«
Nach dieser Frage trat Jane leisen Schrittes in den Lichtkreis der Lampe, und Farou zuckte zusammen.
»Ich fühle sehr wohl, Jane, wie besonders peinlich diese Szene für Sie sein muß … Aber alles, was Sie sagen könnten, würde sie noch peinlicher machen. Ich bitte Sie inständig, das nicht zu vergessen.«
»Aber ich wollte ja gar nichts sagen«, erwiderte Jane.
»Übrigens«, fuhr Farou fort, »bin ich bereit, alle Verantwortung auf mich zu nehmen.«
Ein schriller Ausruf Fannys unterbrach ihn.
»Wie? Verantwortung? Was soll das heißen? Wer macht dich für irgend etwas verantwortlich? … Darum handelt es sich nicht, Farou … Sag, was immer du willst, tu etwas, kümmere dich um uns, aber nicht so, nicht auf diese Art … Schnell, Farou, schnell!
Es war ihr unerträglich, daß er sich in einem derartigen Augenblick mäßigen konnte, und schon beschuldigte sie ihn der Ehrfurcht vor den uralten Gepflogenheiten des Mannes, der zwischen zwei Frauen steht. Warum hatte Farou noch nicht getobt, alle menschliche Billigkeit, alle Schonung und das Feingefühl Janes und Fannys zum Teufel gewünscht und den, wenn auch nur einstweiligen Gegenstand seiner Herzenswahl in die Arme geschlossen? ›Mein Gott! wie langsam er doch ist! … Irgendeine Gewalttat, aber eine der Liebe, gegen eine von uns beiden, gleichviel gegen welche, einen Verzweiflungsanfall, aber einen der Liebe … Sind wir denn schon so alt, daß er so kalt bleiben kann und noch nicht einmal gottslästerlich geflucht hat? ..‹
»Wir sind doch keine Narren«, sagte Farou. »Ich bin nur ein Mensch, aber einer, der entschlossen ist, ruhiges Blut zu bewahren, und das in einer Situation, in der so viele Männer und Frauen aus der Fassung geraten. Wenn ich gegen Jane …«
»Ich komme hier nicht in Frage«, fiel Jane ihm ins Wort. »Ich fordere doch nichts, will mir scheinen? Ich komme nur dann in Frage, wenn Fanny wünscht, daß ich das Haus verlasse … was recht begreiflich wäre.«
Er stimmte mit ernstem Kopfnicken zu. Fanny suchte in dem männlichen, von einer starken Haarmähne verdüsterten und derbgeschnittenen Antlitz einen mannhaften Entschluß und einen Widerschein der Bewegung, die Janes Worte in ihr erweckt hatten.
»Fanny weiß sehr gut …«, sagte Farou.
Er hob, an seine Frau gewendet, noch einmal an:
»Du weißt sehr gut, Fanny, daß du meine liebe Fanny bist. Und ich bin trotz allem seit mehr als zehn Jahren immer deiner zärtlichen Liebe teilhaftig gewesen. Diese zehn Jahre bürgen mir dafür, daß du jene schonen wirst, die Schonung verdient. Ich danke es dir schon im vorhinein.«
›Jene, die Schonung verdient‹ nahm den Schluß der wohlgesetzten Rede sowie auch die Verblüffung Fannys gelassen hin. Ihr gespitzter Mund deutete sogar ein Pfeifen ironischer Bewunderung an. Seit dem Eintritt Farous schien sie die Fähigkeit verloren zu haben, sich aufzuregen und zu staunen; sie verfolgte die Bewegungen der beiden mit zugekniffenen Augen.
»Was soll das heißen? Farou, was soll das heißen? …« murmelte Fanny bestürzt.
Sie wendete sich Farou wieder zu, als er gerade ein nervöses Gähnen unterdrückte.
›Der Wunsch, von hier fern zu sein, quillt ihm aus allen Poren!‹ dachte sie außer sich. ›Er wird fortgehen … Er wird irgendeinen Vorwand finden, um fortgehen zu können. Wird er weiter nichts mehr sagen? Beendet oder beginnt man auf diese Weise einen Lebensabschnitt? …‹
»Farou!« rief sie voll zorniger Trauer.
»Ja, ja, meine liebe Fanny, ich bin da. Ich höre. Willst du, daß wir allein miteinander sprechen?«
»Farou! …«
Sie wies diese Sanftmut zurück, diese Zuvorkommenheit, die, so schien ihr, einer delirierenden Kranken gegenüber angebracht gewesen wären. Sie hätte Farou packen und schütteln mögen, um ihm eine unwillkürliche Bewegung abzuzwingen, einen nicht zu unterdrückenden Ausruf, etwas Lebendiges, Echtes, einen Fluch, eine Klage …
Farou wagte es, ihr die Hand auf die Stirn zu legen, ihren Kopf zurückzubiegen und sich über sie zu neigen. Im Grunde seiner großen gelben Augensterne las Fanny den Wunsch, sie durch sinnliche Mittel zu überzeugen, dahinter aber glaubte sie, zusammengekauert, aufmerksam und ein wenig feige, den Geist der Vorsicht zu erkennen … Die Erregung fiel von ihr ab, und indem sie den Hals nach vorne beugte, ließ sie die schwere Hand auf ihr Haar gleiten. Ruhig sagte sie zu ihm:
»Höre, Farou … Ich bin nicht imstande, mit dir zu sprechen … Du bist zu früh gekommen, verstehst du? Ja, ja, du bist zu früh gekommen.«
»Um so besser«, sagte Farou würdig. »Mein Platz ist hier. Sprechen wir uns aus.«
Fanny betrachtete ihn entmutigt. Nun hatte sie ihrerseits Lust, im Ton einer erbärmlichen Güte mit ihm zu sprechen.
»Nein, Farou, laß … Jane und ich müssen einfach nur unser Gespräch beenden und noch heute abend einige … praktische Entschlüsse fassen. Nichts wird zwischen Jane und mir gesagt werden, was uns zwänge, die Stimme zu erheben … Nicht wahr, Jane?«
»Selbstverständlich«, sagte Jane.
Sie stand immer noch an derselben Stelle, hinter Fanny, mit aufmerksamen Augen.
»Gut …«, stimmte Farou bei … »Gut … Ich wüßte nichts dagegen einzuwenden. Ist es dir recht, wenn ich nebenan bleibe, im Arbeitszimmer? Ich verlasse mich darauf, daß nichts von dem, was nur uns drei betrifft, in die Öffentlichkeit dringen wird. Nicht einmal bis ins Dienerzimmer, wie? Kann ich mich unbedingt darauf verlassen?«
Während er die letzten Worte sprach und dabei seinen gelben Blick bald auf die eine, bald auf die andere Frau heftete, gewann er, rückwärts gehend, die Tür.
»Ja, ja, ja«, antwortete Fanny auf jeden Satz.
Ungeduldig nickte sie mit dem Kopf, und das schwarze Seil ihrer Haare löste sich nun am Ende doch. Mit beiden Händen faßte sie sie hastig wieder zusammen.
Der Blick Farous hing aufmerksam an den beiden verstörten Gesichtern, an der Fülle gelöster Haare, die zwei weiße Arme zusammendrehten … In seinen Augen leuchtete ein Friedensvorschlag auf: Fanny konnte ihn nicht sehen, Jane aber begriff so gut, welcher Art er war, daß sie mit einer angriffslustigen Bewegung auf Farou zuschritt.
»Ja, Sie können beruhigt sein. Aber lassen Sie uns allein.«
Farou gehorchte mit einem ein wenig krampfhaften Lächeln. Jane folgte ihm bis zur Tür, die sie hinter ihm schloß, und kehrte zu Fanny zurück, die eben mit dem Aufstecken ihrer Haare fertig war.
»Na schön!« sagte Jane trocken.
»Ja …«, seufzte Fanny niedergeschlagen.
Sie ließ ihre beiden Arme fallen.
»Ruhen Sie sich aus, Fanny. Es eilt nicht.«
Fanny kehrte zu ihrem Lehnstuhl am Kamin zurück und setzte sich ganz dicht ans Feuer. Da das Stubenmädchen durchs Zimmer ging, war Jane genötigt, sich zu setzen, die Korrespondenz Farous durchzublättern und so zu tun, als ob sie die Blätter der »Société des Auteurs« ordnete. Gleich darauf kam das Stubenmädchen ein zweites Mal durch den Salon, Smoking und Wäsche Farous im Arm.
»Er geht aus«, sagte Fanny mit leiser Stimme.
»Ja«, sagte Jane. »Heute abend ist Kostümprobe im Gymnase. Werden Sie hingehen?«
Fanny antwortete nichts. Sie rollte sich in ihrem Lehnstuhl zusammen, die Brust an den Knien, und betrachtete das Feuer. Jane, kaum gegen die Lehne ihres Stuhles gestützt, schien darauf zu warten, daß man sie von einem Wachposten ablöse. Sie schrieb Notizen in ein Heft, schien im Kopf zu rechnen und sah nach der Uhr auf ihrem Handgelenk.
Gegen sieben Uhr kehrte Jean Farou heim. Fanny antwortete mechanisch auf sein »Guten Abend, Mamie!« und rührte sich nicht. Doch er strömte ein so empörendes, ein so verräterisches Parfüm aus, daß die beiden Frauen gleichzeitig den Kopf hoben.
»Bist du das, der so riecht?« fragte Fanny.
»Wie denn, Mamie?«
Die müden Augen, der glänzende, geschwollene, fieberhafte Mund, die Jugend, die der Fall verdunkelt hatte –: all das zeigte der Junge Jane, drängte es ihr auf als eine starrköpfige Beleidigung. Er lachte hart und ließ sie das gemeine Parfüm riechen, die Ankündigung seiner endlichen Befreiung, den Geruch einer anderen Frau …
»Geh dich umziehen«, befahl ihm Fanny. »Es wird uns übel.«
Er ging aus dem Zimmer, stolz darauf, daß er verstanden und getadelt worden war.
»Mein Gott!« sagte Fanny. »Wie häßlich ist das doch, ein kleiner Junge, der zum Mann wird … Es fehlt nicht viel, und er hätte sie uns mitgebracht … So stolz ist er darauf, eine Geliebte für sich zu haben …«
»Für sich und gegen mich«, sagte Jane.
»Sie haben recht.«
Sie fühlten sich ganz und gar allein und sprachen geradeheraus.
»Er tut, was er kann, er gibt sich alle Mühe, Sie nicht mehr zu lieben …«
»Ach! mich zu lieben … Vielleicht gerade genug, um mir Böses zu wollen … Vielleicht hat er mir sogar Böses angetan … Ich frage Sie nicht, Fanny«, setzte Jane lebhaft hinzu. »Wenn es Ihnen recht ist, sprechen wir, solange wir ungestört sind, nicht viel, aber klar … Nehmen wir an, daß ich morgen aus dem Hause gehe …«
»Nein, nein!« unterbrach Fanny. »Später, nach dem Essen … Sie hören doch, daß schon gedeckt wird.«
Jane betrachtete ihre Freundin lange.
»Sie wollen, daß ich hier zu Abend esse?«
»Aber selbstverständlich!« sagte Fanny gereizt. »Wir wollen die Sache doch nicht komplizieren.«
»Gut. Sie haben recht. Ich gehe in mein Zimmer, um ein wenig Ordnung zu machen. Wenn Sie mich brauchen …«
Sie fand Fanny an derselben Stelle wieder, am Feuer, das ausging. »Fanny, das Abendessen!« flüsterte sie ihr zu. Nach kurzer Toilette kam Fanny in das Eßzimmer, wo das von Jean mitgebrachte Parfüm, ein wenig abgeschwächt, in der Luft schwebte. In ungewohnter Höflichkeit wartete Farou stehend, bis seine Frau sich gesetzt hatte.
Fanny bemerkte, daß er sich gut rasiert, frisiert und diskret mit Ocker gepudert hatte. Sein Smoking saß ihm straff um die Hüften, er hielt den Nacken aufrecht und bog die Schultern zurück. ›Auf wen hat er es denn heute abend abgesehen?‹ fragte sich Fanny. ›Vielleicht auf mich …‹
Bei Tisch sitzend, fühlte sie sich ermattet, feige und hungrig. Sie aß viel, zur größten Überraschung Farous, der sie beobachtete, während er mit seinem Sohne sprach. Auch Jane richtete das Wort an Jean, der, nicht ohne Frechheit, eine Pause des Staunens eintreten ließ, ehe er ihr antwortete. Als Farou seiner Frau aus der Champagnerkaraffe feierlich einschenkte, spottete sie seiner:
»Du siehst heute abend ein bißchen so aus wie ein erster jugendlicher Liebhaber, der eine komische Rolle zu spielen hat, ich weiß nicht, warum …«
Und sie lachte jenes leichte Lachen, das Genesenden oder Übermüdeten eigen ist. Sie dachte:
›Und was macht bei alledem mein Kummer? Wann werde ich mich mit ihm beschäftigen? Ich hatte heute Zeit für Vernunft und Unvernunft, für Zorn, für alles, nur nicht für ihn … Sie werden es noch dahin bringen, daß er mir abhanden kommt …‹
Farou verließ das Haus in gewandter Behendigkeit, indem er sprach, sich eine Zigarette anzündete, seinen Überrock anzog. Fanny glaubte ihn im Vorzimmer, Jane in der Badestube, als er schon die Straße überquerte. Allein mit Jane, schüttelte Fanny den Kopf, ein wenig benebelt von dem herben Wein:
»Ein Abgang genau wie der der Aufwartefrau.«
»Wieso?« fragte Jane verdutzt.
»Haben Sie noch nicht bemerkt, daß man nie genau weiß, wann die Aufwartefrau weggeht? Sie verschwindet wie eine Sylphe. Und das, weil sie immer eine kleine Erinnerung mitnimmt: eine Schnitte Fleisch für ihren Mann, ein wenig Kaffee in einer Flasche, den Rest des Zuckers aus der Dose …«
Sie lachte von neuem. Doch im Salon, wo sie Zuflucht suchte, hatte jemand schon das Feuer neu entfacht, über die Armlehnen ihres Lieblingssessels den großen wollenen Schal ausgebreitet, und der Kummer in seiner alleregoistischesten Form schnürte Fanny die Kehle zusammen. Der Gedanke des Verlassenseins, die Drohung bevorstehender Einsamkeit verjagten die flüchtige Wärme, die sie der reichlichen Mahlzeit verdankte. ›Man ist sehr einsam mit Farou …‹ Sie setzte sich, wickelte sich eine Decke um die Beine und schloß die Augen über zwei Tränen.
»Störe ich Sie?« fragte Jane mit leiser Stimme.
»Nein, nein!« antwortete Fanny, ohne die Augen zu öffnen.
»Ist es Ihnen recht, wenn wir jetzt miteinander sprechen? … Ja? … Morgen will ich ganz früh die Delvaille telephonisch zu erreichen versuchen. Im Grunde wird sie entzückt sein, ihre Stellung wieder antreten zu können.«
»Wer ist Delvaille? Wozu? Welche Stellung?«
Fanny zog Kamm und Nadeln aus ihren Haaren und bettete den Kopf auf die langen Algen von feucht glänzendem Schwarz.
»Delvaille ist die frühere Sekretärin Farous, wissen Sie sich denn nicht mehr zu erinnern?«
»Nicht die Delvaille, Jane! Nein, nein, nicht die Delvaille!«
In dem Gesicht von orientalischer Blässe unter den gelösten Haaren öffnete Fanny die feuchten Augen einer sanften und wilden Schiffbrüchigen. Nur mit Mühe sammelte sie sich, um das Bild der ehemaligen Sekretärin zu scheuchen, der rundlichen, kleinen, emsig tätigen schwangeren Frau Delvaille … Die Delvaille bei der Arbeit … Und Jane? Und Jane? … Jane fort, Jane verschwunden …
»Nichts«, gestand sie. »Aber es gibt wirklich dringendere Dinge, als die Delvaille zu bestellen. Kann der Papierkram Farous nicht einmal warten? Zum Teufel mit Farous Schreiberei!«
»Zum Teufel, das wär' mir noch recht, aber ich will nicht, daß Sie damit belastet werden … Bedenken Sie nur …«
»Eben. Ich will mir zum Bedenken alle Zeit lassen.«
Sie fiel auf ihr Haarkissen zurück. Als Jean Farou in Abendkleidung plötzlich eintrat, wimmerte sie leise.
»Schon wieder krank, Mamie? Das kommt aber jetzt recht oft vor … Warum fragst du keinen Arzt? … Ich wollte dir nur gute Nacht sagen …«
Als er ihr die Fingerspitzen küßte, sah sie, daß er sich eine neue Frisur zugelegt hatte. Am Handgelenk trug er ein feines Goldkettchen und an seinem Hemd Knöpfe, die sie nicht kannte. Die beiden Frauen erkannten diese von einer Frau aufgedrückten Siegel deutlich.
»Glücklicherweise lasse ich dich in guten Händen zurück … Gute Nacht, Jane …«
Mit bösem und leichtfertigem Gesichtsausdruck ging er fort.
»So, jetzt ist er zufrieden«, sagte Jane. »Wenn ich nicht irre, verließ er uns mit einer ›giftigen Anspielung‹.«
»Armer Kerl!« sagte Fanny zerstreut.
»Na, hören Sie …«, tadelte Jane. »Sie könnten wirklich Besseres tun, als sie bedauern.«
Diese Mehrzahl machte Fanny nachdenklich. Das Knistern des Feuers und das regelmäßig pickende Geräusch der Nähnadel wirkten einschläfernd auf sie.
»Was nähen Sie eigentlich?« fragte sie auffahrend.
»Ich flicke meine dicken Handschuhe«, sagte Jane. »Dieses Leder ist derartig hart … Unverwüstlich und sehr praktisch für die Reise …«
»Ja? …«
Fanny fröstelte bei dem Wort »Reise«. Sie dachte an Kälte, an pfeifenden Wind, an öde weiße Bahnsteige, sah das Hotelzimmer mit seiner kahlen elektrischen Birne an der Decke. Sie gehörte nicht zu denen, die ins Exil gehen, und konnte sich keine andere Einsamkeit vorstellen als die einer Beiseitegeschobenen, noch einen anderen Entschluß als den, zu warten.
Der Diener ging durch das Zimmer; er trug eine Flasche Mineralwasser, Orangen und zwei Gläser ins Schlafzimmer.
›Orangen und zwei Gläser …‹, sagte sich Fanny. ›Ganz richtig, Farou wird ja wiederkommen.‹
Sie fürchtete die nächtlichen Stunden, die beiden Betten, die beiden Körper, Farou und seine vielleicht zu gewärtigende Strategie der Wollust, die nicht ohne Gefahr war …
›Ich kenne ihn‹, dachte sie bedrückt. ›Er wird bestrickender sein als heute nachmittag … Oh! heute nachmittag …‹
»Jane«, rief sie, »können Sie mir nicht sagen
Die Nähende hielt inne, die Nadel in der Luft. Sie hatte ihr wahres Gesicht noch nicht wieder hinter der Maske eines jungen Mädchens von ungefähr dreißig Jahren verborgen, und lächelte mit einer tiefen Falte der Bekümmerung in der Wange.
»Ich wüßte nicht, was ich Ihnen jetzt nicht sagen könnte, Fanny …«
»Dann sagen Sie mir also, ob Sie wie ich finden, daß Farou sich heute in unglaublicher Weise enthüllt hat … daß er …«
Sie konnte sich nicht mehr beherrschen, stand auf und schaffte sich Erleichterung, indem sie schrie:
»Ich habe ihn unter aller Kritik gefunden, unter aller Kritik! Warum war er unter aller Kritik?«
»Und wie dachten Sie, daß er hätte sein sollen? Was haben Sie anderes erwartet?« erwiderte Jane scharf. »Glaubten Sie, er werde geistreich sein? Oder Sie prügeln? Oder mich zum Fenster hinauswerfen? … Ein Mann in dieser Situation! … Es gibt gewiß nicht einen unter hundert, der sich da, wenn schon nicht mit Ehren, so doch vorteilhaft herauszieht
Sie schüttelte den Kopf.
»Es ist zu schwer für sie«, schloß sie ohne Kommentar und als ob sie das Wesentlichste ihrer Erfahrung für sich behielte.
»Warum?« fragte Fanny schwach.
Jane biß den Faden mit den Zähnen ab.
»Darum. Weil es einmal so ist. Sie sind furchtsam, müssen Sie wissen«, sagte sie, an dem unfreundlichen Plural festhaltend. »Und dann sind sie eben so gemacht, daß sie in dem, was man eine Szene oder einen Streit nennt, sofort die Möglichkeit erblicken, sich unser für immer zu entledigen …«
Fanny antwortete nichts. Sie dachte an vergangene Tage der Verliebtheit, da sie, von Eifersucht erfaßt, geweint und gejammert hatte, angesichts eines Farou, der stumm geblieben war, losgelöst, auf einen jener Gipfel geflüchtet, von denen aus der Gegner Mann zusieht, wie sein kostbarstes Gut, das hindernde Überflüssige, umherwirbelt und ins Leere hinabgleitet … Sie ging auf und ab, um die Steifheit loszuwerden, die ihr den ganzen Körper verkrümmte. Sie blieb vor Jane stehen und sah sie prüfend an.
»Verfolgen Sie ein Ziel, indem Sie so schlecht von Farou sprechen?«
»Ein Ziel? Nein.«
»Ist irgendein Anlaß dazu da? Haben Sie einen Plan? Eine Absicht? Irgendeinen bestimmten Gedanken? Wie?«
Sie stützte die beiden Hände auf die Hüften, auf ihr weites dunkelrosa Kleid, und schüttelte eine Wolke schwarzer Haare über Jane.
»Verdächtigen Sie mich?« fragte Jane mit zitternden Lippen.
»Nein! noch nicht. Aber warum sprechen Sie schlecht von Farou?«
Jane blickte mit zusammengekniffenen Augen nach der Tür des Arbeitszimmers hinüber. Aber da es mehr der Worte bedurft hätte, um den Mann zu erklären, als um ihn anzuklagen, ließ sie es bei einer uralten Beschwerde bewenden.
»Aus Ranküne«, erklärte sie, indem sie Fannys Blick aushielt.
›Aus Ranküne …‹, wiederholte sich Fanny. ›Ganz so wie sie es bei Quéméré und bei Davidson macht, also? …‹
Sie begriff nicht, daß Jane den großen Farou wie einen Meyrowicz abtun konnte, ebensowenig, daß sie nur über das einzige Wort »Ranküne« verfügte, um die Undankbarkeit auszudrücken und die hämische Strenge, mit der das Weibchen aller Rassen das Männchen bedenkt, dem es nicht ohne Schaden entronnen ist.
»Aus Ranküne«, wiederholte Jane, »aus Ranküne, daran ist nichts zu ändern! .. Sie können das gar nicht verstehen, nicht wahr? Sie sind eben Fanny … Sind viel zu sauber für all das .. liebe … liebe Fanny …«
Sie hatte es endlich gewagt, eine der herabhängenden Hände zu ergreifen, und sie drückte sie gegen ihre Wange. Die Hand kämpfte erschreckt, wollte entschlüpfen, machte sich weich, um zu entrinnen, und Jane nahm die Nadel wieder auf.
›Sie ist also gekommen‹, dachte Fanny vor der schwarzen Fensterscheibe, ›sie ist gekommen, die Stunde, da ich entscheiden muß, ob ich gewaltsam diese Hand von mir löse, auf die ich wartete … Hand, um mein Handgelenk geschlossen, in der meinen ruhend, unter meinem Ellbogen sich höhlend, Hand auf meiner Schulter, Gemahl der meinen während langer Ferienspaziergänge … Ich wußte, daß ich mit dieser Hand zu schaffen haben würde, mit der Hand, die mir die weiche Wolldecke bringt, den Kragen meines Mantels aufstellt, meine Haare pflegt, mit der Hand, die unter den feuchten Laken des kranken kleinen Jean der meinen begegnete … Es ist dieselbe Hand, die, von Durchschlagpapier befleckt, die Finger Farous violett färbt und ihn mir verrät …‹
»Es ist eiskalt zwischen den beiden Fenstern, Fanny …«
›Aber‹, fuhr Fanny fort, während sie gehorsam zum Feuer zurückkehrte, ›wie und nach welchem Recht werde ich abwägen zwischen dem, was ich dieser Hand schulde, und dem, was sie mir genommen hat? …‹
Sie verfiel in ein langes Träumen, das zuweilen dem Schlafe ganz nahe kam. Wenn sie die Augen wieder aufschlug oder vom Feuer abwendete, schweifte ihr Blick durch den Salon mit den hohen, von großen Schirmen beschatteten Lampen.
Auf einem der Tische breitete Jane Mappen und Briefordner aus. ›Der Papierkram Farous …‹
»Hat es denn irgendwelchen Nutzen, was da drin ist?« fragte Fanny.
Der golden und silbrig glänzende runde Kopf, das müde junge Gesicht wendeten sich ihr zu.
»Nicht den geringsten, aber er will, daß alles aufgehoben wird. Es ist eine Manie … Da kann man nichts machen. Und so halte ich eben den Kram in Ordnung …«
Das warme Schweigen umhüllte die beiden aufs neue, nur durch gedämpften Lärm von draußen her gestört, beschützt durch das leise Geschwätz des Feuers. Gegen elf Uhr erhob sich Jane und trug Mappen und Ordner ins Arbeitszimmer.
›Wenn sie fortgeht‹, träumte Fanny weiter, ›werde ich morgen allein an diesem Feuer sitzen, als eine Frau, die mit der Liebe so gut wie abgeschlossen hat. Farou wird vielleicht finden, daß er mir Gesellschaft leisten muß … Das wäre am allerschlimmsten. Denn er würde auf und ab gehen, vom Fenster zum Kamin, vom Kamin zum Fenster, erfüllt von dem glühenden Wunsch, zu entkommen, oder er würde, den Kopf schief zurückgelehnt, in diesem Lehnstuhl schlafen. Oder er würde nebenan arbeiten, Jane jeden Augenblick entbehren und uns beide verfluchen. Nach Verlauf einer Woche würde er Ersatz für sie gefunden haben … Ich jedoch werde keinen Ersatz für sie finden. Er wird wie ein Mohammedaner bald mit einer neuen Favoritin glücklich sein. Er wird zu seiner harmlosen Unbefangenheit zurückfinden, zu seiner Einsamkeit und seinem Beruf. Ich aber, mit wem könnte ich wieder zu zweit sein? Man ist zu zweien nicht zuviel, um mit Farou … gegen Farou … allein zu sein …‹
Sie erhob sich von ihrem Lehnstuhl und suchte mit den Augen nach einem Buch, einem Spiel; der zugeklappte grüne Tisch wartete nicht mehr auf Karten.
›Vor Jane hatte ich hier an meiner Seite einen blonden kleinen Jungen, der mit mir Karten spielte … Lange Zeit hindurch war er ungefähr zwölf Jahre alt. Diesen kleinen Jungen habe ich verloren. Er war anmutig, und der Klang seiner Stimme, seine Verstellungskunst, seine damals so zarte Gesundheit brachten etwas Weibliches in unser Haus, in dem es nun nur noch Farou geben soll … Ich bin nicht mehr jung genug, nicht reich, nicht tapfer genug, um neben Farou – oder fern von ihm – allein zu bleiben
Sie war bemüht, sich ein klares Bild von Farou zu machen, ohne jede eheliche Retusche. Aber sie wurde müde wie einer, der mit zurückgebogenem Nacken schweigsame Vögel verfolgt, die in großen Kreisen um ihr Nest fliegen, ohne sich niederzulassen. Sie gedachte einiger hartnäckig treuer Paare und versuchte zu ermessen, welche Rolle da der Mann, der Meinung der betreffenden Frauen nach, spielte.
›Pah … Das Sicherste an ihrem Besitz ist, daß sie von ihrem Mann sprechen können, daß sie sich über ihn beklagen, mit ihm prahlen, ihn erwarten. Aber all das könnten sie am Ende auch, ohne daß er anwesend wäre, ohne daß er existierte …‹
Sie merkte, daß sie die Überbleibsel einer reinen Religion verlästerte, deren Anhänger nur von der Erwartung des Gottes und den Kindereien des Kults zehren; und sie machte kehrt und wendete sich aufs neue einer Hilfe zu, die ihr nur aus einer wenngleich wankenden und ein wenig verräterischen Solidarität werden konnte, aus einer weiblichen Solidarität, die vom Manne immer wieder untergraben und auf Kosten des Mannes immer wieder erneut wird … ›Wo ist Jane?‹
»Jane!«
Jane erschien sofort. Trotz der Müdigkeit, die ihr ein graues Aussehen gab, war sie bereit, zu wachen, auf jeden Ruf hin zur Stelle zu sein, gewissenhaft zu arbeiten.
»Jane, wollen Sie nicht schlafen gehen?«
»Nicht vor Ihnen.«
»Warten Sie auf Farou?«
»Nicht ohne Sie.«
Sie setzte sich an die andere Seite des Kamins, Fanny gegenüber, und schürte kummervoll das Feuer. Sie horchte auf die Geräusche der mitternächtigen Straße und saß mit einem Male starr, weil draußen ein Auto seine Fahrt verlangsamte.
›Wenn ich Jane nur die Haut ritze, so kommt mit dem ersten Blutstropfen immer noch Farou zum Vorschein‹, dachte Fanny. ›Morgen, immer wird es dasselbe sein, wenn sie unversehens mit mir zusammenstößt.‹
Das schwere Tor des Hauses schloß sich unten, dann die Aufzugstüre auf dem Treppenabsatz. Jane heftete einen unruhig fragenden Blick auf Fanny und erhob sich.
»Wohin gehen Sie? Es ist nur Farou, der heimkehrt«, sagte Fanny mit übertriebener Gelassenheit.
Jane aber gestand erbleichend ihre Furcht ein und stotterte:
»Eine Szene … es ist so peinlich …«
»Ich? … Farou … eine Szene? Meine Liebe«, sagte Fanny, indem sie die Überlegenheit der Älteren wiederfand, »ich denke nicht daran! Weshalb sollte ich Farou eine Szene machen? Wir haben Farou nur allzusehr in etwas einbezogen, was uns allein betrifft … Daran bin ich schuld«, fügte sie mit einiger Überwindung hinzu.
Sie horchten auf das lange Tasten eines Schlüssels. Schritte im Vorzimmer schlugen den Weg zum Arbeitszimmer ein, hielten inne, kamen nachdenklich gegen den Salon. Dann wechselten sie den Ausdruck, wurden leicht, verflüchtigten sich …
»Er entfernt sich«, sagte Fanny ganz leise.
»Er hat das Licht unter der Türe gesehen … Sollten Sie nicht zu ihm gehen?« schlug Jane vor.
Fanny zuckte die Achseln. Mit allen zehn Fingern hob sie die dichten Haare von ihrem Nacken, um sich Kühlung zu schaffen, näherte die Füße dem Feuer, schälte sich eine Orange.
»Es eilt nicht«, sagte sie schließlich. »Wir haben ja Zeit. Ist es sehr spät?«
»Nein, nein, kaum halb eins«, versicherte Jane. »Hier ist es so gut sein«, sagte sie mit verhohlener Angst. »Morgen werde ich …«
»Pst, Jane! Wer verlangt von Ihnen, daß Sie an morgen denken? … Morgen ist ein Tag wie alle andern. Es ist hier gut sein …«
Sie wechselten nur noch spärliche und gleichgültige Worte. Während die eine zu lesen, die andere zu nähen vorgab, wünschten sie weiter nichts als zu schweigen, Kräfte, die der Mann nicht herausgefordert hatte, ausruhen und abebben zu lassen und hoffen zu dürfen, daß das Stillschweigen ihre kaum geborene schwächliche Sicherheit nähren werde.