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Der Zug brauste heran. Der grelle Pfiff der Lokomotive erscholl, die weißen Wolken des letzten Dampfes fuhren mit lautem Stöhnen aus dem Schlote. Die Dame, welche mit ihrem Sohne auf dem Perron stand, erzitterte leise. Der junge Mann, auf dessen Arm sie den ihrigen stützte, fühlte es und sah ihr mit zärtlichem Blicke in die Augen.

Liebe Mutter, flüsterten seine Lippen.

Ja, mein Junge, nun muß geschieden sein, erwiderte sie.

Es ist ja nicht zum ersten Male, meinte er tröstend, und Du hast mich immer gesund wieder gesehen.

Doch wird es mir diesmal viel schwerer, Dich ziehen zu lassen. So lange Du als Student kamst und gingst, gehörtest Du doch noch zu mir. Du lebtest von mir, denn Du warst auf mich angewiesen. Jetzt gehst Du zu selbständigem Leben über, stehst auf eignen Füßen und wer weiß, wie lange es dauert, bis Du einmal wieder kommen kannst.

Nun, so weit ist Grafenberg doch auch nicht entfernt, daß ich nicht von dort aus sollte den Weg zurückfinden können. Und ich schreibe bald.

Und recht ausführlich, ergänzte die Mutter.

Da hielt der Zug. Nur wenige Minuten hemmte er seine rasende Eile an der kleinen Station. Einsteigen, einsteigen! mahnten die Schaffner. Eine letzte Umarmung, ein letzter inniger Kuß auf die Lippen der Mutter und Anton saß im Wagen. Mit feuchtem Blick sah sie ihm nach.

Gott erhalte Dich gesund und brav, sagte sie, als er ihr noch einmal zum letzten Gruß die Hand herausreichte. Dabei zerdrückte sie eine Thräne in ihrem dunkeln Auge und als sich nun mit ungeduldigem Pfiff und erneutem Keuchen das eiserne Ungeheuer in Bewegung setzte und auf seiner schmalen Bahn erst langsam, dann immer schneller davon zu gleiten begann, winkte sie mit ihrem Tuche dem, welchen es ihr entführte, nach, so lange nicht die sich rasch bis zur Unerkenntlichkeit zusammenschiebende Reihe der Fenster es ihr unmöglich machte, von dem geliebten Haupt, das bis dahin ihr immer noch zugenickt hatte, etwas zu unterscheiden. So kehrte sie denn in ihre einsame kleine Wohnung zurück, welche ihr nun erst recht einsam vorkam. War Anton doch die letzten Monate, nachdem er sein Examen glücklich und gut bestanden hatte, gleichsam auf Wartezeit bei ihr gewesen, bis sich die Stelle gefunden, zu deren Übernahme er nun abgereist war. Er war Techniker und in der großen Porzellanfabrik zu Grafenberg sollte er sich zuerst praktisch bewähren. Es war keine Stelle, welche er mit großem Enthusiasmus übernommen hatte. Er verlangte höher hinaus. Aber er mußte zunächst zufrieden sein, überhaupt einen Platz zu finden, da die wenn auch sorgenfreie, doch nur bescheidene Existenz seiner Mutter ihn früh daran gewöhnt hatte, vorsichtig zu Werke zu gehen und kühne Hoffnungen lieber hinauszuschieben und ihre Erfüllung von einer begünstigtern Zukunft zu erwarten, als sich in unsichern Verhältnissen zu wissen. Was ihn zunächst in der Fabrik beschäftigen sollte, war die Aufstellung und Leitung einer neuen Maschine, für deren Anfertigung er mehrere bedeutsame Winke gegeben und in einer Zeitschrift veröffentlicht hatte, wodurch die Aufmerksamkeit auch weiterer Kreise auf ihn gelenkt war. So war es eine recht ehrenvolle Berufung, welcher er Folge leistete, aber da sich sein Gedanke nun erst in der Praxis bewähren sollte, doch auch eine Art ernster Prüfung, der er entgegenging. Aber er zweifelte nicht an dem vollen Gelingen seines Werkes, denn der Enthusiasmus, welcher der gesunden und unverbildeten Jugend gewöhnlich eignet, wurde in ihm durch einen feurigen und lebhaften Sinn unterstützt.

Die Reise brachte Anton keine weiteren Erlebnisse, als sie mit jeder ähnlichen Unternehmung verbunden zu sein pflegen. Er kam abends in der kleinen, schön gelegenen Stadt an, von deren Bahnhofe ihn ein Fuhrwerk abholte, um ihn nach seinem neuen Bestimmungsorte zu führen. Die Fabrik selbst liegt isoliert auf einer Höhe, welche eine schöne Aussicht über den Strom und ein weites welliges Hügelland eröffnet. Der erste Eindruck, als er morgens sein Fenster aufthat und seinen Blick über die anmutige, mit dem jungen Glanze des Frühlings geschmückte Landschaft gleiten ließ, war deshalb ein sehr freundlicher. Die üppigen Wiesen und Felder, welche allmählich in den Wald übergingen, womit die meisten der Höhen bedeckt waren, schienen von einem reichen künftigen Segen zu reden. Der fröhliche Trillerschlag der Lerchen, welchen er von allen Seiten vernahm, weckte ein frohes Echo von Hoffnungen in seiner Seele. Ja so lachend, so glänzend, lag noch die schöne Zukunft vor ihm und wie er unten die feinen Parallelen mehrerer Schienenwege unterscheiden konnte, auf welchen, in weiße Dampfwölkchen zum Teil verhüllt, die raschen Bahnzüge dahinglitten, so glaubte er auch die Linien schon vor sich zu erblicken, auf welchen es ihm vergönnt sein würde, dem Ziel eines fernen Glückes in dem Lande seiner Hoffnung entgegenzueilen. Mit dem Empfange, den er bei seiner Ankunft gefunden, konnte er wohl zufrieden sein. Zuvorkommend und freundlich hatte ihn der Direktor Hauptmann begrüßt und in seinem eigenen Hause ihm zunächst Wohnung angeboten. In dessen Familienkreis war ihm der Rest des Abends in heiterm, geselligem Verkehr verstrichen und jetzt, als er sein Zimmer verließ, fand er sich an ihrem Frühstückstisch als schon erwarteter Gast willkommen geheißen.

Wir müssen immer schon früh bei der Hand sein, sagte der Direktor zu ihm. Die Kinder müssen zur Schule nach der Stadt hinunter und ein Stündchen geht immer auf den Weg.

Als das einfache Mahl beendet war, führte ihn der Direktor selbst nach der Fabrik, um ihm ihre ganze Einrichtung zu zeigen. Anton konnte sehr wohl merken, daß in der Art dieser Einführung zugleich eine Art von Examen für ihn lag. Die Erklärungen, welche ihm gegeben wurden, enthielten zugleich fast ebensoviele Fragen, auf die man eine Antwort seinerseits erwartete. Aber er fürchtete sich nicht. Er mußte freilich empfinden, daß die Praxis sich sehr anders zeigt, als der vorwiegend theoretisch Gebildete es sich träumen läßt, und die Kenntnisse, welche er frisch von der technischen Hochschule mitbrachte, wollten doch manchen verwickelten Erscheinungen, wie sie ihm hier entgegentraten, nicht ausreichen. Aber er orientierte sich rasch und glücklich und konnte an dem behaglichen Lächeln auf dem Gesicht des Direktors wohl bemerken, daß sein Debüt kein unglückliches war.

Sie hatten die meisten Räume der Fabrik schon durchwandert. In den weiten Sälen regten sich unablässig die flinken Drehscheiben, auf denen, von sicherer Hand gelenkt, der Klumpen Thon in ein zierliches Gefäß zu nützlichem Gebrauch verwandelt wurde. Daneben saßen in andern kleinen Zimmern die Arbeiter, welche die zum erstenmal gebrannten Gegenstände in tiefe Behältnisse tauchten voll weißer Flüssigkeit, welche ihnen Glasur verlieh. Draußen standen die riesigen Öfen, in welchen bei einer ungeheuren Glut das Brennen erfolgte, und wieder sah man in anderen Gelassen Leute beschäftigt, welche das unbrauchbar Gewordene zerstampften und zerrieben, um es einer neuen Verwendung zuzuführen. Um alles zu sehen, betrat man in dem untern Stock eine Reihe kleiner Gemächer, in denen an Tischen die fähigern Arbeiter die noch sämtlich schlicht weißen Gefäße je nach Bedarf mit mancherlei Farbenschmuck zu versehen hatten. Die weniger Geübten bedienten sich dabei einfacher Schablonen, aber Geschicktere trugen die farbigen Zierraten aus freier Hand auf. Schon glaubte Anton mit dem Rundgange fertig zu sein, als Hauptmann noch auf eine Thür zuging.

Hier haben wir noch den Besten, sagte er öffnend.

In dem kleinen Zimmer saß nur ein einziger Arbeiter, welcher so in sein Werk vertieft schien, daß er bei dem ziemlich geräuschvollen Öffnen der Thür nicht aufsah. Anton gewahrte nur eine ungeheure Fülle schwarzen Haares, in welcher sich schon an manchen Stellen graues, ja weißes mischte, dicht über den Tisch gebeugt. Der Direktor trat an denselben heran, zunächst mit Interesse beobachtend, mit welcher Sicherheit die zierlichen Ornamente auf die feine Tasse aufgetragen wurden, welche der Mann gerade bearbeitete.

Nun, Meister Brunow, redete er ihn an, fleckt die Arbeit?

Es geht, erscholl eine tiefe Stimme gleichmütig, fast müde, ohne daß das Haupt sich nur um eine Linie erhoben hätte.

Sehen Sie hier, Brunow, fuhr der Direktor fort, der junge Herr, welcher die neue Maschine aufstellen wird. – Jetzt erst erhob sich der Haarwald und es zeigte sich ein Gesicht, das einst freundliche und gefällige Züge gehabt haben mochte, aber durch schwere Schicksale und vielleicht verderbliche Leidenschaften zerrissen und um jede Harmonie betrogen war. Und als Brunow seine dunkeln Augen voll und ersichtlich mit einem gewissen Interesse auf den jungen ihm gegenüberstehenden Mann richtete, ging eine auffallende Veränderung mit ihm vor. Die schon geringe Färbung seines Gesichtes erlosch zur Leichenblässe und die Augen drohten aus ihren Höhlungen hervorzutreten. Fast wie ein Grauen schien es seine Seele zu beschleichen und die Hand, welche die schon beinah fertige Tasse hielt, geriet in ein so convulsivisches Zittern, daß er mit derselben auf den Tisch schlug und sie dadurch in mehrere Stücke zerbrach.

Der Direktor hatte ihn mit Verwunderung und Mißfallen beobachtet.

Ist es mit Ihnen wieder nicht richtig? sprach er mit einem Tone, dessen Härte auffällig gegen die vorhergehenden freundlichen Worte abstach. Was richten Sie mir wieder an? Die Tasse wieder ganz zerschmettert, ein so schmuckes Stück Waare! Sie kennen unsern Kontrakt. Ich werde sie Ihnen ankreiden müssen!

Schon gut, schon gut, entgegnete der Gescholtene finster. Immer ankreiden! Ich kenne das? Dabei aber verwandte er kein Auge von Antons Gesicht und es überkam ihn offenbar zuletzt wie Scheu, ja wie Furcht. Er schien fast geistesabwesend und ohne weitere Entgegnungen des Direktors abzuwarten, welcher schon mit einem Machtworte ihn niederzuschmettern bereit schien, stand er hastig auf und verließ rasch das Zimmer.

Was war das? fragte Anton, erstaunt ihm nachblickend.

Der leidige Trunk, sagte der Direktor verdrießlich. Es ist schade um den Menschen. Sehen Sie, was er leisten kann! – Er hob die Trümmer der Tasse auf und indem er Bruch an Bruch fügte, zeigte er sie Anton hin. – Das ist mehr als bloße Lohnarbeit, das ist Kunst. Sehen Sie, wie reizend er die kleine Gruppe von Kindern zusammengestellt hat! Wie natürlich und anmutig der Blumenkranz, welcher dieselbe umgiebt. Seine Sachen sind geschätzt, wir haben schon Service von ihm gehabt, die zu sehr bedeutenden Preisen verkauft sind. Er kann alles, Landschaften, Blumen, Menschen, Tiere, es kommt auch im kleinsten Format alles mit einer Anschaulichkeit zutage, welche in Erstaunen setzen muß. Ich kann diese Sachen eigentlich gar nicht schätzen und die paar Groschen, welche ich ihm auf sein Konto setze, sind nichts gegen das, was sie wert sind.

Warum thun Sie es? fragte Anton.

Ich muß es seinetwegen, entgegnete Hauptmann. Ich sagte Ihnen schon, er ist nicht zuverlässig. Er ist oft nicht nüchtern und es übt einen gewissen, wenn auch kleinen Zwang auf ihn aus, wenn er für das, was er in diesem Zustande verdirbt, sich verantwortlich gemacht sieht, ja persönlich haften muß.

Kam er Ihnen berauscht vor? fragte Anton, der sich eines gewissen Mitgefühls mit dem seltsamen Menschen nicht erwehren konnte.

Es ist um die dritte Stunde, scherzte der Beamte, wo man noch nicht voll süßen Weines zu sein pflegt. Aber die Wirkung von gestern! – Was mir jedoch auffiel, war, daß er Sie so merkwürdig anstierte. Sie kennen ihn doch nicht? Anton verneinte. – Er ist weit umhergekommen und hat gewiß einst bessere Tage gesehen, Sie mögen ihn vielleicht an jemand erinnern!

Wissen Sie etwas aus seiner Vergangenheit? fragte Anton.

So gut wie nichts, antwortete der Direktor. Er ist äußerst verschlossen und scheu. Aus ganz gelegentlichen Andeutungen setzt man sich manches zusammen. Und dann ist er doch offenbar nicht immer ein Arbeiter gewesen. Seine Leistungen gehen so weit über das Niveau auch des Besten, was unsre geschicktesten Zeichner können, daß man notwendig annehmen muß, er hat in einem bessern Lose Bankerott gemacht und ist nun hier untergekrochen. So war auch sein erstes Auftreten hier. Er kam fast als Bettler, als echter Landstreicher an. Aber hatte dabei doch die Manieren der höhern Gesellschaft. Ich weiß auch, so geheim er damit thut, daß er sich zu Hause mit wirklichen Gemälden beschäftigt. Es ist also irgend etwas nicht in Ordnung mit ihm. Doch nun kommen Sie. Hier ist nichts weiter zu sehen und auf den Querkopf ist heut nicht mehr zu rechnen.

Sie verließen das Zimmer und Anton begann mit der ihm zunächst obliegenden Thätigkeit und empfand auch bei den Vorbereitungen, um welche es sich jetzt noch ausschließlich handelte, das süße Genügen, womit das Regen der eigenen Kraft zu einer ernsten, gedeihlichen Thätigkeit immer begleitet ist, und wodurch der Übergang aus der vollen Ungebundenheit studentischen Lebens in die Berufsarbeit so wesentlich erleichtert wird.

Als er zu Mittag in das Zimmer des Direktors trat, nahm ihn dieser sofort bei Seite und sagte zu ihm: Mir ist etwas recht Unangenehmes begegnet. Brunow war hier und hat mich um seine Entlassung gebeten.

Und der Grund? fragte Anton.

Er kam nicht recht damit heraus, erwiderte jener. Er beklagte sich darüber, daß ich ihn für den angerichteten Schaden verantwortlich gemacht hätte, beteuerte, er sei durchaus nüchtern gewesen, und murmelte schließlich, daß er sich keinen neuen Aufseher gesetzt wünsche, was sich offenbar auf Sie bezog. Ich suchte ihm das völlig auszureden und sagte ihm, in welcher Eigenschaft Sie hier seien, aber das brachte keine große Wirkung auf ihn hervor. Und ich verliere den geschickten und brauchbaren Menschen so ungern.

Was kann ich dabei thun? fragte Anton.

Versuchen Sie, ihn zu treffen und reden Sie ihm auch Ihrerseits seinen dummen Argwohn aus, bat der Direktor.

Gern, wenn Sie glauben, daß es irgend etwas nützt, entgegnete der Jüngling.

Da er nach Tisch einen kleinen Spaziergang durch den an die Fabrikgebäude grenzenden Wald unternahm, begünstigte ihn das Glück, denn dort traf er mit dem Gesuchten zusammen. Brunow saß in tiefe Gedanken versunken auf einer Steinbank. Anton ging direkt auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. Dadurch aufgeschreckt, fuhr Brunow empor und die Wirkung, welche der Anblick des jungen Technikers auf ihn machte, schien dieselbe zu sein, wie morgens. Dasselbe grenzenlose Staunen, dieselbe Scheu und Angst prägten sich in den verwitterten Zügen aus.

Was setzt Sie bei meinem Anblick so in Erstaunen? fragte Anton in freundlichem Tone, obwohl die Wahrnehmung ihn nicht angenehm berührte. Der Klang der Stimme schien die Verwirrung des Arbeiters noch zu vermehren.

Welche Ähnlichkeit! stammelte er mit bleichen Lippen. Es ist nicht zu tragen.

Ruft Ihnen mein Gesicht irgend welche Erinnerung wach? fragte Anton aufs neue.

Brunow starrte ihn immer noch wie geistesabwesend an und seine Augen schienen jeden seiner Züge mit der peinlichsten Ängstlichkeit zu prüfen. Aber allmälich milderte sich das grauenhaft Gespannte seines Ausdruckes und es war, als ob es wie Rührung in ihm aufdämmere. Endlich wie sich ermannend, fuhr er aus seinem Brüten empor und sagte: Entschuldigen Sie, mein Herr, dieses verzweifelte Anstarren. Aber – er konnte vor innerer Ergriffenheit den Satz nicht vollenden.

Ich sehe gewiß jemand zufällig sehr ähnlich, den Sie kannten, wollte Anton seinem Zustand zu Hülfe kommen.

Ja wohl, ja wohl, stammelte Brunow, gewiß sehr ähnlich – o, wie aus den Augen geschnitten. Ohne Frage, ganz zufällig, ein reines Spiel der Natur.

Die Natur macht bisweilen seltsame Experimente mit Ähnlichkeiten, fuhr Anton fort, dem es aber dabei wie ein schrecklicher, unheimlicher Verdacht im Herzen emporstieg.

O sehr gut bemerkt, erwiderte der Maler, wie erleichtert, doch nicht ohne wieder mit Scheu zu ihm hinüberzublicken. Ja, die Natur liebt das. Sie hat, glaub' ich, nur einen bestimmten Vorrat von Formen auf Lager und braucht dann von Zeit zu Zeit dieselben.

So mag's wohl sein, scherzte Anton, ich habe das schon manchmal gedacht.

Sie haben noch zu wenig Erfahrung sammeln können, meinte Brunow mißtrauisch.

Aber gleichviel, wer Ihnen nun auch schon als mein Doppelgänger erschienen sein mag, fuhr der Jüngling fort, ich hoffe doch jedenfalls, daß der Eindruck, welchen ich auf Sie hervorbringe, nicht derart ist, daß Sie fliehen müssen, wo ich erscheine.

Doch am besten, sagte Brunow gepreßt. Hat der Direktor Ihnen etwas gesagt?

Ja, das hat er, und ich bin froh, mit Ihnen hier zusammenzutreffen, um Ihnen zu sagen, daß es mir leid thun würde, Sie hier aus Ihrer sichern Thätigkeit zu vertreiben, bloß durch mein Gesicht –

Nicht bloß, sagte der Mann. Sie wissen nicht, was mich nun ergreift und mich – ja – ich muß wohl sagen, forttreibt.

Sie sollten es nicht so rasch vom Zaun brechen, bat Anton. Daß ich nicht als Aufseher hierher gekommen bin, das haben Sie vom Direktor Hauptmann schon gehört. Ich bin zu einer bestimmten Thätigkeit her berufen, von der ich nicht weiß, wie lange sie mich in Anspruch nimmt und wann sie vollbracht ist. Es ist bei weitem das Wahrscheinlichste, daß ich bald wieder mein Bündel schnüre.

Diese Mitteilungen schienen in der That für Brunow beruhigend zu sein. Aber es war doch, als bedürfte er eines schweren Entschlusses und sorgfältigster Erwägung, denn obwohl Anton noch einige Zeit weitersprach, um ihn zur definitiven Zurücknahme seines Entlassungsgesuches zu bestimmen, hörte jener wohl kaum etwas davon, so ganz in sich versunken schien er. Anton faßte deshalb seine Worte in eine kurze dringende Ermahnung noch einmal zusammen und ging mit einem Abschiedsgruß davon. Brunow starrte ihm nach und als er die hohe schlanke Gestalt mit leichtem, gleichmäßigem Schritt davonwandeln sah, war es, als ob eine wahre Leidenschaft ihn erfasse. Er erhob die Arme, um sie nach ihm auszustrecken. Er muß es sein, flüsterte er vor sich hin, o ich Elender! Was soll ich thun? soll ich fort von hier, wo ich so manches fand, was mir so lange gefehlt? und kann ich bleiben?

Als Anton abends den Direktor wieder sah, flüsterte dieser ihm mit Befriedigung zu: Brunow bleibt! –

Ja, Brunow blieb. Anton fand sich durch die Änderung seines früheren Beschlusses seiner halben Verantwortung entledigt, seine Teilnahme für den Mann war dadurch nicht gestiegen. Umgekehrt aber schien dieser für den jungen Techniker mehr und mehr ein lebhaftes Interesse zu gewinnen. Der Raum, in welchem das Aufstellen der Maschine erfolgte, war einer von den kleinen Höfen, deren das weitläufige Fabrikgebäude mehrere einschloß. Auf diesen Hof ging das Fenster von Brunows Arbeitszimmer und oft genug konnte man den dunkeln Kopf hinter den Scheiben gewahren, wie er der Arbeit zusah, bei der Anton den Aufseher machte, oft aber auch selbst mit kräftigem Arme zugriff und manches von dem verrichtete, was es dabei zu thun gab. Freilich ließ Brunow sich ungern bei diesem Zusehen ertappen. So wie er sich beobachtet oder auch nur erblickt glaubte, fuhr er ängstlich zurück und vertiefte sich um so eifriger in seine eigne Beschäftigung. Einmal sagte Anton, welcher ihn gleichwohl öfters gewahrt hatte, scherzend zu ihm, als er gerade durch seine Stube kam: Sie waren besorgt, es möchte Ihnen in mir ein neuer Aufseher gesetzt sein. Beinahe scheinen die Rollen ausgetauscht. – Aber Brunow war nicht auf diesen Ton eingegangen, hatte unter starkem Erröten nur finster vor sich hingebrummt und war seitdem scheuer und vorsichtiger, ohne doch auf seine Gewohnheit zu verzichten.

Indes hatte sich Anton völlig in seinen neuen Wirkungskreis eingelebt. Große Abwechslung fand er nicht in seinem Berufe. Mit Hingebung lag er der Arbeit ob, welche er übernommen. Erholung fand er meist in dem Hause seines Direktors. An Sonntagen gab es kleine Ausflüge in die mit mannigfaltigen Reizen ausgestattete Umgegend. Seiner Mutter hatte er nach seinem Versprechen bald, und nach ihrem Wunsche ausführlich geschrieben, und ihr von allem erzählt. Gute Nachrichten von ihr dienten dazu, seine Zufriedenheit zu steigern. Mit besonderm Vergnügen streifte er in den schönen Wäldern umher, welche den ganzen Bergrücken bedeckten, an dessen Abhang Grafenberg lag. Immer war ihm die Natur lieb und vertraut gewesen und sie zu belauschen in dem geheimen Reize ihrer stillen Verborgenheit hatte ihn für manchen sogenannten Genuß, für manche rauschende Belustigung entschädigt. Die prachtvollen Hochwälder aber, welche sich auf den Hängen dieses Gebirges ausbreiteten, waren ihm in dieser Größe und Ausdehnung und mit solch herrlichem Bestande alt ehrwürdiger Eichen und Buchen etwas Neues und um so Verlockenderes. Eines Sonntags hatte es ihn weit hinausgezogen und es war schon ziemlich spät geworden, als er heimkehrte. Indem er den letzten Teil des Weges hinabschritt, welcher in ziemlich steiler Senkung an der Seite des Hauses vorüberführte, um dann in einer Biegung nach der Vorderseite umzulenken, ward sein Blick durch ein erleuchtetes Fenster angezogen, das oben in gleicher Höhe mit dem Punkt des Weges lag, wo er sich befand. Es war, wie er nun gleich erkannte, sein eigenes Zimmer. Das Fenster selbst stand auf und ließ ihn das Innere deutlich übersehen. Da es ihn wunderte, daß sein Zimmer in seiner Abwesenheit betreten ward, schaute er aufmerksam hinein und konnte nicht zweifeln, daß sich Brunow in demselben befand. Freilich war der flackernde Schein des Lichtes ungewiß, aber diese Fülle dunkeln Haupthaares, dessen Umrisse von der Flamme mit einem feurigen Streifen bezeichnet wurden, konnte niemandes sonst sein. Was mochte er dort treiben? Er stand offenbar vor dem kleinen Schrank, auf welchem allerlei kleine Andenken und Zierraten standen, wie sie sich auch in dem bescheidenen Haushalt eines Junggesellen wohl zusammen zu finden pflegen. Nachdem er minutenlang ruhig zugesehen hatte, konnte er sich nicht enthalten, laut Brunow hinüberzurufen. Das Licht erlosch sofort und damit war auch die Gestalt des Angerufenen von dem eintretenden Dunkel verschlungen. Anton eilte schnell die kleine Strecke des Weges hinab und erreichte eben die Hausthüre, als der, welchen er gesehen, aus derselben zu entwischen suchte.

Was hatten Sie auf meinem Zimmer zu suchen? fuhr er den Ertappten ziemlich heftig an.

Auf Ihrem Zimmer? fragte der Angeredete verlegen und stockend.

Ja, wo ich Sie eben mit brennendem Lichte gewahrte und anrief. Suchen Sie keine Ausflüchte!

Ich habe Ihnen nichts genommen, sagte Brunow, der nun seine Fassung wieder gewann, trotzig.

Das hoffe ich, meinte Anton, ich habe auch nichts, was die Begehrlichkeit anderer reizen könnte.

Doch, entgegnete Brunow ganz rasch und leise, ich habe mit mir kämpfen müssen, um Ihnen nicht einen Gegenstand zu entwenden.

Was? stammelte Anton.

Erschrecken Sie nicht, fuhr Brunow fort, es war nichts Kostbares, Sie würden es vielleicht kaum vermißt haben.

Kommen Sie mit hinauf, sagte Anton. In Ihrer Rede ist etwas, was mir auffällt, ja ich möchte sagen ängstigt.

Jetzt nicht, bat Brunow, lassen wir es für heute genug sein. Nehmen Sie mir mein Eindringen nicht übel und halten Sie mich keiner Schlechtigkeit für fähig. Das ist alles, um was ich Sie bitte.

Damit lüftete er zum höflichen Gruß seinen Hut und ging trotz der Einwendungen, welche Anton versuchte, davon. Als dieser sein Zimmer betrat, sah er sich neugierig um, ob er erraten könne, was des seltsamen Menschen Begier gereizt haben möge. Auf dem kleinen Schranke standen außer einigen Photographien, von denen die eine seine Mutter vorstellte, in geschnitzten Rahmen, einige Gläser und Aschenbecher. Alles befand sich in voller Ordnung. Nur eins der Gläser war von seinem Platze gerückt. Es war ein einfacher Krystallbecher mit einem zierlichen Henkel, wie man sie wohl in Bädern zum Brunnentrinken kauft. Auf der Vorderseite war ein verschlungener Namenszug und ein Datum eingraviert. Sollte das der Gegenstand sein, welchen Brunow gemeint hatte? Anton hatte den Becher einmal, als er krank gewesen, von seiner Mutter erhalten, welche ihn aus früherer Zeit besaß. Er war ihm wert, weil sich die Erinnerung daran knüpfte, daß er damals am Rande des Grabes geschwebt hatte und der Moment, als er aus langen wirren Fieberträumen zu neuem Leben und erstem Bewußtsein erwachte, war es gewesen, in welchem ihm die Mutter in diesem Becher den Labetrunk reichte, der ihm ein neues Dasein zu verbürgen schien.

Sonderbar, sagte Anton in seinen Gedanken, was mag der seltsame Mensch für Beziehungen zu diesen Dingen haben?

Jedenfalls nahm er sich vor, sich mit Brunow sehr bald zu verständigen. Indes kam er nicht sogleich dazu. Am folgenden Morgen war dieser nicht bei seiner Arbeit, da er im Auftrage des Direktors eine kleine Reise hatte antreten müssen, um das Schloß und die schönsten Partien aus dem Park eines adligen Herrensitzes aufzunehmen, welche auf den einzelnen Stücken eines Prachtservices zur Darstellung kommen sollten. Es verdroß Anton, als er auf seine Frage nach Brunow diese Kunde erhielt, da er seine Neugier gern befriedigt hätte. Der auf diese Weise schlecht begonnene Morgen brachte noch mehr Unangenehmes. Anton hatte zur Arbeit an der Maschine einen Schlosser angenommen, dessen finsteres und tückisches Wesen ihm schon mehrfach verdrießlich geworden war. Öfters zeigte er die entschiedenste Neigung zu Widersetzlichkeit und Eigenwillen und hatte es an geringschätzigen Bemerkungen über den jungen Menschen, welcher frischgebackne und mit theoretischen Kenntnissen vollgestopft, ältere erfahrene Praktiker meistern wolle, nicht fehlen lassen. Anton hatte ihm seinen Trotz schon wiederholt verwiesen und ihn aufmerksam gemacht, daß er mit solchem Gebahren seine Stellung nicht verbessere. Heut kam es zu offenem Bruche. Am vorherigen Abend war in der Nachbarschaft ein Tanz gewesen. Martin, der Schlosser, hatte sich daran beteiligt und lange wüst gezecht, so daß seine Stimmung heut besonders gereizt war. Als die Arbeit begann, handelte es sich um das Anbringen eines Ventils mit einem Patentverschluß, worauf besonders viel ankam. Anton hatte mit großer Genauigkeit sowohl die Stärke des Deckels als auch die Weite der Öffnung berechnet. Er hatte dem Schlosser seine Weisung erteilt und stand bei dem Ambos, auf dem das Metall eben zu Verarbeitung bereit lag. Da sah er, wie Martin das Stück, welches zum Deckel bestimmt war, zu sehr auseinander arbeitete und dadurch seine Haltbarkeit zweifelhaft machte.

Halt, was machen Sie? rief er jenem zu.

Was sich gehört, brummte Martin grimmig.

Sie thun nicht, was ich Ihnen gesagt habe, erwiderte Anton eifrig. Ich habe Ihnen genau das Maß gegeben und Sie verderben absichtlich das Eisen; nun ist es nicht mehr brauchbar.

Martin antwortete heftig, daß er sich genau nach den Angaben Antons gerichtet habe, daß man aber aus dem Geschwätz – hierfür gebrauchte er einen sehr derben Ausdruck – der Herren, die sich wunder wie klug dünkten, sehr oft nicht klug werden könne. Anton stellte ihn für diese unverschämte Antwort zur Rede. Aber bei dem Menschen, welcher sich in immer heftigeren Zorn hineinarbeitete, verfing kein Zuspruch.

Immer haben Sie an mir auszusetzen, eiferte er, und herum zu commandieren. Glauben Sie, weil wir ein Schurzfell tragen und schwielige Fäuste haben, wir seien weniger als Sie? Auf Ihre lumpige Gelehrsamkeit bilden Sie sich etwas ein und können damit keinen Hund vom Ofen locken.

Anton mußte sich sehr zusammennehmen, um die Worte des zornigen Menschen zu ertragen und versuchte noch einmal, ihn zur Vernunft zu bringen. Aber umsonst, der Wütende tobte immer heftiger, redete von bevorstehenden Änderungen, welche den Gedrückten und Geknechteten zu ihrem Recht verhelfen sollten – mit Gewalt, schrie er, mit Gewalt – wir wollen haben, was wir verdienen und uns nicht bis aufs Blut schinden und quälen lassen von euch, die Ihr euch von unserem Schweiße mästet.

Anton verbot ihm das Wort, aber der Schlosser rief mit äußerster Erbitterung: Ich lasse mir von Ihnen nichts befehlen und es soll ein Ende damit haben – und damit ergriff er das glühende Eisen und schleuderte es auf Anton zu, der kaum noch zur Seite springen, aber nicht verhindern konnte, daß das glühende Metall noch seinen Arm streifte und ihn durch den schnell versengten Rock eine empfindliche Verletzung beibrachte. Hohnlachend sah es Martin und indem er den schweren Hammer beiseite warf, rief er: Wohl bekomme Ihnen der Denkzettel, nun gehen Sie hin und klatschen es Ihrem lieben Direktor.

Ist gar nicht nötig, rief da plötzlich Hauptmanns Stimme. Ich sehe Ihrem Treiben schon eine Weile zu, Sie roher Mensch. Jetzt packen Sie sich und schnüren auf der Stelle Ihr Bündel.

Natürlich, natürlich, polterte Martin, das ist ja immer das Ende vom Liede.

Hauptmann trat zu Anton. Sind Sie ernstlich verletzt von diesem Rasenden? – Es war noch nicht schlimm geworden. Martin war indes fortgestürmt. Hauptmann überlegte, ob er für sein widersetzliches und gewaltthätiges Benehmen nicht gerichtlich zu belangen sei. Anton riet lieber davon abzustehen. Er mußte doch für den Tag seine Arbeit einstellen, um die Verletzung durch Einreiben und Umschläge erst wieder zu überwinden. Auch hatte man nicht gleich einen Ersatz für Martin, da die Arbeit immerhin besondre Geschicklichkeit voraussetzte.

Gegen Abend trat der Direktor bei Anton ein. Er war in einiger Aufregung, ging im Zimmer auf und ab und sagte: Dieser verwünschte Kerl, dieser Martin, ist mit unsrer großmütigen Behandlung nicht zufrieden. Er krakehlt weiter und führt drüben in der blauen Traube die aufrührerischsten Reden.

Die blaue Traube war das Wirtshaus, wo die Arbeiter, welche zum großen Teile weiter weg von der Fabrik zu Hause waren und nicht dort ihre Verpflegung finden konnten, zu verkehren pflegten. Martin hatte dort auch sein Quartier gehabt. Gleich nach seiner Entlassung hatte er sich dahin begeben, gehörig auf die Aufregung gezecht und als mittags die Arbeiter zum Essen beisammen waren, das große Wort gehabt. Wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt, hatten seine dreisten Reden, reichlich mit den modernen Schlagworten und sozialistischen Phrasen verbrämt und mit der Unfehlbarkeit vorgetragen, welche Ungebildeten vorzugsweise eigen, bei manchem gezündet. Andere hatten sich ablehnend und zurückweisend verhalten. Seine persönliche Spitze hatte die Stimmung Martins namentlich gegen Anton gekehrt. Dieser hatte freilich bei manchen Arbeitern entschiedene Anhänglichkeit gewonnen, da sein wohlwollendes und besonnenes Wesen ihm sehr zur Empfehlung gereichte. Aber immerhin war er erst wenige Wochen in Grafenberg, hatte mit manchem noch gar keine Beziehungen gehabt und stand ihnen fremd gegenüber. So ließen sie sich denn leicht einreden, daß sein Eintreten, obgleich es keinerlei Wirkungen schlimmer Art hatte haben können, den ganzen früher befriedigenden Zustand verdorben habe und sein Verbleiben alles stören müsse. Der Direktor war durch einen der Maler, welcher auch in der blauen Traube aß, von diesen Vorgängen aufs genaueste unterrichtet. Jetzt am Abend, nachdem die Arbeit aufgehört hatte und die Arbeiter wieder dahin zurückkehrten, war zu besorgen, daß die Aufregung sich noch beträchtlich steigern würde. Anton bedauerte, daß seine Anwesenheit solche Verwicklungen herbeiführe. Aber Hauptmann beruhigte ihn darüber, indem er darauf hinwies, daß er ganz unschuldig daran sei. Solche Dinge kommen jetzt ja leider so häufig vor, daß es zu verwundern war, wenn wir hier noch nichts davon zu bemerken hatten, meinte er. Es war wohl nur die Abgeschlossenheit unserer Lage und der Umstand, daß unsere Arbeiter fast alle ländlicher Herkunft sind, was uns bisher davor schützte.

Erwarten Sie Gewaltthätigkeiten? fragte Anton.

Wer kann es wissen? sagte der Direktor. Da ward heftig an die Stubenthür geklopft und ohne das Herein abzuwarten, stürzte zitternd das Stubenmädchen ins Zimmer, dem Direktor zu melden, daß sie kämen.

Wer? fragte er, mehr belustigt über diese reideweiße Aufregung als ernstlich besorgt.

Die Leute aus der Fabrik, hieß es, und beim Öffnen der Thüre zeigte sich auch das übrige dienende Personal auf dem Gange vor dem Zimmer zusammengedrängt. Hauptmann ging ruhig hinunter, Anton folgte ihm. Die Hausflur war von einem Haufen der Arbeiter angefüllt, die offenbar alle reichlich der Flasche zugesprochen hatten, unter ihnen Martin. Alle redeten durcheinander, verstehen konnte man nichts. Als der Direktor auf der Treppe erschien, ward es stiller; auf dem letzten Absatz derselben machte er Halt und fragte: Was wollt Ihr?

Zunächst entstand ein verlegenes Stillschweigen. Dann trat Martin hervor.

Was wollt Ihr hier? fragte Hauptmann. Ihr habt hier nichts zu suchen.

Oho, hieß es unten drohend, und Martin, auf dieses Zeichen der Teilnahme gestützt, trat der Treppe mit sicherer Miene einen Schritt näher.

Ihr seid heute morgen wegen Widersetzlichkeit und Thätlichkeit entlassen, rief Hauptmann mit starker Stimme, Ihr habt Euren Lohn erhalten und wir sind fertig. Augenblicklich werdet Ihr das Haus verlassen.

Martin sah sich um. Er spricht für uns, rief es aus dem Haufen.

Er hat nichts für Euch zu sprechen, entgegnete Hauptmann entschieden. Wer mit ihm gemeinsame Sache macht, teilt sein Schicksal.

Die Drohung wirkte offenbar. Die Leute wichen eingeschüchtert zurück. Martin sah, wie alle seine Bemühungen umsonst gewesen waren und geriet in die äußerste Wut. Memmen, schrie er, laßt Ihr Euch das bieten? Habt Ihr keine Rechte gegen diese Blutsauger?

Die Arbeiter wurden wieder unruhiger. Der neue Aufseher soll weg, hieß es, er hat Martin verdrängt!

Ja, schrie dieser, den jede Zustimmung, welche er fand, zu neuer Erregung steigerte, er ist ein Leuteschinder – und als man nun oben hinter Hauptmann auch den also Angeschuldigten erblickte, gab es ein minutenlanges wüstes Gebrüll; ja Martin ging so weit, daß er zu dem Direktor emporsprang, ihm die geballte Faust vors Gesicht hielt und seine dreiste Forderung mit lautem Geschrei erneuerte. Die Lage ward kritisch. Der Direktor war offenbar im Begriff, auch seinerseits die Besonnenheit einzubüßen und den Angreifenden mit Gewalt zurückzustoßen. Anton, der dies bemerkte und nichts für die Würde und Stellung des Direktors ungehöriger erkannte, trat in diesem entscheidenden Augenblick rasch die paar Stufen herunter und Martin gerade gegenüber.

Mit mir haben Sie es allein zu thun, rief er diesem mit aufloderndem Zorn zu. Wissen Sie nicht, daß der Direktor Staatsbeamter ist und daß Sie mit jedem Schritt weiter die Bahn eines schweren Verbrechens ungescheuter betreten?

Diese laut gesprochenen Worte machten auf Martin einen nicht zu verkennenden Eindruck, besonders aber auf die Genossen unten, denen nun erst die Tragweite ihres Handelns aufzudämmern schien. Das unerschrockene Auftreten des jungen Mannes imponirte ihnen außerdem, und Anton, dieses bemerkend, rief ihnen zu, indem er ihnen den Arm, welchen er in einer Binde trug, zeigte: Laßt euch doch nicht von diesem unbesonnenen Rädelsführer mit fortreißen. Bedenkt, was für euch auf dem Spiel steht. Ihr seht, was er mir heut morgen angethan hat. Der Herr Direktor ist mein Zeuge, daß ich kaum seinem tödlichen Wurf auszuweichen vermochte. Es steht euch nicht wohl an, mit diesem Gemeinschaft zu machen.

Die Meinung schlug um. Die Zaghafteren fingen an zu bereuen. Komm herunter, Martin, hörte man rufen. Schon fingen einzelne an, die Thüre zu suchen, und der Schlosser, einsehend, daß er für weitere Thätlichkeiten keine Unterstützung finden würde, trat gleichfalls seinen Rückzug an. Diesen Moment benutzte nun auch der Direktor, welcher seine volle Sammlung wieder erlangt hatte. Er rief den Arbeitern zu: Geht nun nach Haus. Habt Ihr berechtigten Grund zur Unzufriedenheit, kommt morgen in aller Ruhe und Ordnung wieder, wir werden uns dann schon verständigen und meidet den Verkehr mit diesem. Jeden, der sich darauf ertappen läßt, werde ich entlassen.

Der Sturm war beschwichtigt. Einer nach dem andern ging und Martin folgte ihnen zuletzt, indem er allerlei vor sich hin murmelte, was wohl Verwünschungen und Flüche über die feigen Gefährten sein mochten. In der Thür drehte er sich noch einmal um, ballte die Faust gegen Anton und rief mit vor Wut zitternder Stimme: Dir bleibt es unvergessen. Wir rechnen noch ab.

Ich danke Ihnen, sagte Hauptmann, indem er Anton die Hand schüttelte, daß Sie durch Ihr Dazwischentreten mich davor bewahrt haben, mich zu vergessen. Fast hätte ich Hand an den bösen Burschen gelegt.

Ich fürchtete es, erwiderte Anton, und eben das wünschte ich zu verhüten.

Wir werden nun nichts mehr zu besorgen haben, meinte Hauptmann, und ich glaube auch nicht, daß morgen noch einer mit Beschwerden kommen wird. Aber hüten Sie sich vor der Rache dieses brutalen Menschen. Er ist aus dem Holze, aus dem man Verbrecher schnitzt. Ich habe ihm nie getraut. Vorsicht ist zunächst geboten.

Indem er dann auf den Hof hinaus trat, überzeugte er sich, daß die Arbeiter sämtlich sich entfernt hatten. Doch schien es geraten, Vorkehrungen zur Sicherheit des Hauses und der Fabrik zu treffen, da man nicht wissen konnte, wie weit der verderbliche Einfluß Martins reichen mochte und die Nacht zu übereilten Streichen einladen konnte. Das Thor, welches den Hof abschloß und meistens offen blieb, wurde verriegelt. Die wenigen Aufseher, welche ihre Wohnung in den zur Fabrik gehörigen Gebäuden hatten, wurden zur Wachsamkeit ermahnt und Hauptmann unternahm selbst noch einen Rundgang durch die ganze Anstalt. Die Gewehre und Waffen, welche sich im Hause fanden, wurden geladen und die Männer blieben noch mehrere Stunden zusammen auf, während die Frau und Kinder des Direktors, sowie die weiblichen Dienstboten zu Bett geschickt wurden, um die Aufregung der peinlichen Scenen zu überwinden. Es trug sich jedoch nichts Beängstigendes mehr zu und gegen Morgen lag alles in tiefem, ungestörtem Schlafe.

Was der Direktor vorausgesehen, trat ein. Am nächsten Morgen kam der älteste der Arbeiter, welche sich an der Revolte beteiligt hatten, vor dem Beginn der Thätigkeit in das Bureau und bat im Namen seiner aufrührerischen Genossen um Verzeihung. Alle Schuld wurde auf Martin geschoben. Hauptmann versammelte dann das ganze Personal auf dem Hofe und ermahnte zur Ruhe und Folgsamkeit. Dann werde er von weiterer Untersuchung abstehen und keine Strafen eintreten lassen. Martin freilich werde er beim Gericht verklagen. Er fuhr dann zur Stadt herunter, um von dessen Verhalten Anzeige zu machen. Aber ehe etwas gegen ihn geschehen konnte, war er verschwunden, indem er seine Wohnung in der blauen Traube schleunigst geräumt hatte.

Da ein Ersatz für ihn nicht gleich zu finden war und Antons Arbeit deshalb zunächst stockte, machte Hauptmann einige Tage später diesem den Vorschlag, einmal nach Heinrichshagen, dem Gute, wo Brunow arbeitete, hinüber zufahren. Es ist sehr hübsch dort, sagte er, und Sie werden Ihre Freude an den schönen Anlagen haben. Zugleich können Sie sich nach unsrem Meister einmal umsehen.

Das möchte ich lieber vermeiden, sagte Anton, da er in mir einen Aufseher argwöhnte.

Er hat seine Meinung völlig geändert, erwiderte der Direktor. Ich weiß, daß Sie ihm nicht unwillkommen sind.

Anton hatte nun nichts dagegen einzuwenden. Die Fahrt war köstlich. Ein frischer herrlicher Junimorgen goß seine verschwenderischsten Reize über die schöne Gegend aus. Der wundervolle Wald, von den mannigfaltigsten Vogelstimmen durchtönt, ließ das Sonnenlicht in glitzernden Funken durch sein Laubdach fallen. Öfters huschten leichte Rehe über den Weg. Als der Wald sich öffnete, lag das Thal in herrlichstem Glanz vor den erfreuten Blicken. Rasch ging es die letzten Hügel hinunter an den Strom, welcher in bewegtem Flusse an ihnen vorüberzog und auf breiter Fähre überschifft werden mußte. Nun fuhren sie zwischen fruchtbaren, wogenden Kornfeldern und üppigen Wiesen weiter, bis an dem Fuß der jenseits sich erhebenden Höhen Heinrichshagen sichtbar wurde. Mit innigem Entzücken hatte Antons empfängliches Gemüt alle die wechselnden Reize des Morgens in sich aufgenommen. Er ließ den Wagen in einem an der Straße liegenden Wirtshaus einkehren und erfuhr, daß Brunow sein Quartier hier aufgeschlagen habe. Er selbst sei im Parke beschäftigt. Anton machte sich dorthin auf. Die Anlagen waren herrlich. An dem Hange des Hügels zogen sie sich hinauf und gewährten nach allen Seiten die angenehmsten Blicke auf schöne Grasplätze, schattiges Buschwerk und öfters auf das stattliche Herrenhaus, dessen weiße Mauern, von schwarzem Schieferdach gekrönt, anmutig von dem rings umgebenden üppigen Grün abstachen.

Anton war schon durch manche schöne Wege gekommen und hatte sich dem höher gelegenen Teile des Parkes zugewendet, ohne auf Brunow gestoßen zu sein. Eben war er einen kleinen Hügel hinaufgestiegen, dessen Spitze ein Lusthäuschen trug, das von blühenden Schlingpflanzen und Kletterrosen ganz umsponnen schien. Er trat hinein und hatte durch eine fensterartige Öffnung des Häuschens ein überraschend schönes Bild vor sich. Am Fuß des Hügels breitete sich ein großer Rasenplatz aus, der offenbar unter sorgsamster Pflege stand. Wie ein festes Sammtpolster dehnte sich die grüne Fläche, von dem Wohnhause, dessen Front man hier ganz übersehen konnte, nur durch einen breiten Kiesweg getrennt. Gegenüber lag ein kleiner Weiher, auf welchem Schwäne dahinzogen. Hinter demselben erhoben sich schöne alte Bäume, einen förmlichen Wald bildend, dessen Wipfel sich in dem klaren Spiegel des Wassers abzeichneten. Auf dem Rasen selbst aber war eine muntere Gesellschaft junger Leute eifrig mit dem Lawn-Tennis-Spiel beschäftigt. Wie Schmetterlinge sahen die jungen Mädchen aus, welche einen Teil der Gesellschaft bildeten, in leichten, hellen Sommerkleidern, und mit Entzücken beobachtete Anton, mit welcher Anmut die graziösen Gestalten sich bei dem Spiel bewegten und mit welcher Geschicklichkeit und Sicherheit sie sich die kleinen bunten Bälle zuwarfen. Lautes Gelächter ertönte oft von den frischen Lippen, oft belohnte ein Bravo oder fröhliches Klatschen einen besonders gelungenen Wurf. Das anziehende Bild nahm Anton völlig gefangen. Mit seiner lebhaften Auffassung folgte er mit wirklichem Anteil dem heitern Spiel und es konnte ihm nicht entgehen, daß ein junges Mädchen mit einem Kopf voll schöner brauner Locken in hellblauem Kleide die beste Spielerin und infolge des, natürlich der Mittelpunkt der Gesellschaft war. Wie leicht und anmutsvoll waren ihre Bewegungen. Er glaubte nie etwas Schöneres gesehen zu haben. So ganz in das Schauen versenkt hatte er ganz überhört, daß sich Schritte von der Seite seinem Standorte näherten, und er erschrak fast, als plötzlich eine tiefe Stimme seinen Namen nannte.

Als Anton sich umwandte, sah er Brunow an der Seite eines Herrn von hohem Wuchse mit leicht ergrautem Haare. Er vermutete darin den Besitzer des Schlosses und Gutes, Herrn von Malzin, und er hatte sich nicht getäuscht. Brunow stellte ihn vor.

Es ist mir sehr lieb, begann Malzin, Sie hier zu sehen. Denn ich habe von Ihren technischen Geschicklichkeiten schon so viel Gutes gehört –

Und durch wen? konnte sich Anton nicht enthalten, ihn zu unterbrechen.

Durch wen? fragte der Freiherr zurück, nun durch wen anders, als Herrn Brunow. Er ist Ihres Lobes voll und weiß nicht genug von Ihrer Kunst zu rühmen.

Anton sah diesen mit einem eigentümlichen Blick an.

Ich bin freilich kein Sachverständiger, sagte Brunow, wie beschämt. Aber einiges sieht man doch und bekommt Eindrücke, auch wo es der Beobachtete nicht immer merkt. Es ist ja doch auch nichts Schlimmes was ich von Ihnen gesagt habe.

Ich rechne sogar auf Ihre Künste, sagte der Freiherr. Natürlich ist jetzt ja keine Landwirtschaft ohne Maschinen denkbar, da wir mitten im eisernen Zeitalter stecken. Nur gereicht es nicht zu unbedingter Freude. Man hat viel Schererei damit, wie selten sind die Leute sachverständig und vorsichtig genug. Fast immer hapert es hier oder hapert es da. Und nun können wir mit einer neuen und kostspieligen Mähmaschine nicht recht zu Gange kommen. Sie thun mir den Gefallen und sehen 'mal darnach.

Anton verbeugte sich zustimmend, und fragte, wo er sich hinwenden müsse.

Nur nicht gleich, erwiederte Malzin. Erst zeige ich Ihnen den Park und dann, denk ich, Sie nehmen an unserm Mahle teil. Ohne Umstände, wenn ich bitten darf.

So gingen sie zusammen weiter. Der Freiherr hatte von den Unruhen in der Fabrik gehört und es interessierte ihn sehr, das Nähere zu erfahren.

Antons sachlicher Bericht befriedigte ihn völlig. Die Kunde von den Vorgängen war hier schon sehr übertrieben angelangt. Aber er schüttelte doch bedenklich den Kopf. Wohin soll das noch führen? meinte er, die Verhältnisse werden immer mehr unterwühlt und unsicher. Was kann ein solcher böser Bursche für Unheil stiften. Die Urteilslosigkeit der Masse ist zu groß. Und wie soll man helfen?

Radicalcuren dafür giebt es nicht, sagte jetzt Brunow. Das sind Krankheitssymptome, welche allmälig überwunden werden müssen und in denen doch ein Keim von Gesundheit steckt.

Kommen Sie mir nicht so wieder, Sie Erzdemokrat, schalt der Freiherr in guter Laune. Gar nichts Gutes, gar nichts Gesundes, das ist alles vom Übel, die reine Teufelssaat.

Über Brunows Züge glitt ein Lächeln, das etwas Mephistophelisches hatte. Er schwieg jedoch, während Anton meinte: Die Schwierigkeiten scheinen jetzt gehoben, Martin ist fort und damit ist zunächst alles beseitigt.

Zugedämmt, aufgestaut die Flut, brummte Brunow. Hat der Blitz einmal gezündet, bleiben Funken nach.

Die man austreten muß, ergänzte Malzin.

Sie waren indes durch den Park gewandelt und Anton hatte reichlich Gelegenheit gefunden, die schönen Anlagen vielfach zu bewundern. Am Fuß eines kleinen Hügels sagte der Freiherr nach seiner Uhr sehend: In einer halben Stunde erwarte ich die Herren zu Tisch, dann ist es Essenszeit. Damit schlug er einen Seitenweg ein. Brunow und Anton gingen den Abhang hinauf. Oben war der Platz, an welchem der erstere offenbar zu arbeiten pflegte. Anton sah sein Malgerät. Brunow führte ihn auf die Seite, wo man die Aussicht in ein kleines Thal gewann, welches außerhalb des Parkes lag. Sehen Sie da hinab und vergleichen Sie dann meine Arbeit.

Anton folgte dem Wink. Aber wie wurde ihm? Was er da sah, wie wohlbekannt erschien es! Eine kleine Senkung, in deren Hintergrund ein Kirchlein stand. Weiße Mauern, ein rotes Ziegeldach darüber. Ringsum der Friedhof mit seinen Kreuzen und kunstlosen Grabdenkmälern. Zur Seite halb im Grün des Gartens von überhängenden Bäumen verborgen, ein freundliches Haus, mit hellen Fenstern, hinter denen man weiße Gardinen im Luftzug sich blähen sah. Blühende Gewächse in Töpfen grüßten herüber, vor der Thür unter einer Veranda sah man einen Tisch mit Sesseln. Durch den Grund des Thales rann ein munterer Bach, längs dessen ein Weg zu dem Hause und der Kirche führte und um den Friedhof herum in dem dahinter liegenden Gebüsch verschwand. Anton sah das schlichte, anheimelnde Bild mit immer wachsendem Erstaunen. Wurde hier nur eine Erinnerung lebendig, die er sonst irgendwo aufgesammelt oder – da plötzlich ward es ihm klar. Ja, er kannte diese Stätte, aber nur aus einem Bilde, das mit aller Natürlichkeit und im vollen Zauber der Wirklichkeit diese Gegend darstellte. Es hing in dem Zimmer seiner Mutter über deren Schreibtisch. Oft hatte er es angesehen und darnach gefragt. Lieber Anton, hatte sie dann seufzend gesagt, wo ich glücklich gewesen und mein Glück begraben habe. Die Worte tönten fast vernehmbar in sein Ohr. Lange hatte er so in Sinnen versunken dagestanden. Als er aufblickte, sah er Brunow mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu sich herüberschauen, wobei es wie tiefe Rührung in seinen Zügen flimmerte.

Was ergreift Sie dabei, fragte er, als Anton aufblickte.

O ich kenne das, antwortete Anton, ich kenne es wie gut von einem Bilde, das nur einen Unterschied aufweist.

Und welchen? fragte Brunow scheinbar gleichgültig.

Hier fehlt die Staffage, erwiederte der Jüngling, ein Paar, welches den Pfad hinabwandelt. Ein Mann in schwarzer altdeutscher Tracht und Arm in Arm mit ihm ein Mädchen im weißen Kleide, einen Schäferhut von Stroh auf dem Kopfe, um welchen eine Blumenguirlande liegt.

Ungefähr wie dieses, fragte Brunow und holte vom Tisch eine Platte herbei, auf welcher er dieses Thal dargestellt hatte.

O ja, rief Anton zum äußersten überrascht, genau so bis auf die Kleinigkeiten. Wie konnten Sie das alles so wissen und erfinden.

Es giebt rätselhafte Ähnlichkeiten, meinte Brunow, aber die Platte bebte sichtbar in seiner Hand. Aber nun kommen Sie, wir müssen jetzt zu Tisch hinüber gehen.

Anton konnte sich noch nicht von seinem Erstaunen erholen und sein Interesse an dem seltsamen Menschen wuchs bedeutend.

Sie sind mir noch immer den Aufschluß über Ihr Eindringen in mein Zimmer und Ihren Anteil an meinen geringen Habseligkeiten schuldig geblieben, begann er, und ich muß einmal klar über diese Dinge werden. Sie spielen Versteck mit mir und ich möchte Sie endlich einmal finden.

Ei warum nicht gar, lieber Herr, lachte Brunow laut und so natürlich, daß man einen Schatten von Zwang nur bei schärfstem Zuhören darin hätte finden können. Suchen Sie nicht mehr, als sich Ihnen zeigte. Der Zufall ist ein seltamer Zauberer und neckt uns mehr als wir Wort haben wollen. Nur über eins dürfen Sie sich nicht wundern, nämlich über die Stelle, zu der ich hier erhoben bin. Sie sehen, ich bin hier auf gleichem Fuß mit Ihnen, ja, ja, mein Herr, ganz der Gleiche, ich bin der geschätzte Künstler! Sie glauben nicht, wie mir das wohl thut. Lang entbehrte Genüsse haben um so süßeren Geschmack. Ja, ja, mein Herr geschätzter Techniker, der Gleiche, der Gleiche.

So scherzte und lachte der wunderliche Mensch durch einander, bis sie das Haus erreichten.


Es war nun schon manches Jahr her. Ein wundervoller Sommertag. In dem dichten Tannenwalde brütete die Hitze. Düfte vom Harz, das aus den schlanken Stämmen quoll, zogen in Wolken umher und erfrischten den ermüdeten Wandersmann. Oben aber in den hohen Kronen, die zum herrlichen blauen Firmament aufragten, wehte der Lufthauch und schlug die nadelbewachsenen Zweige gegen einander und erzeugte jenes eigentümliche Brausen, welches in Tannenwäldern die Seele so feierlich bewegt. Auch durch das Gemüt des einsam dahinschreitenden Jünglings zog es mit erhebendem Wehen und obwohl er die Stirne noch eben mit ungeduldiger Bewegung und einem mißmutigen Ausdruck getrocknet, erhellten sich seine offenen Gesichtszüge, als er auf dieses Rauschen, welches wie eine Sphärenmusik zu ihm herübertönte, aufmerksam wurde.

O Wind, sei mein geschwinder Bote, flüsterten seine Lippen und trage mit hurtigem Flügel nur Gutes und Schönes und Liebes hinüber, hinüber.

Dann wandelte er seines Pfades weiter, welcher sich in mannigfachen Windungen um den Berg hinaufzog. Es war im Schwarzwald und der Jüngling ein Student, welcher von Heidelberg aus einen kleinen Ausflug in die herrlichen waldreichen Berge und wasserdurchrauschten Thäler unternommen hatte. Er war allein. Er befand sich in jener glücklichen Epoche seines Lebens, wo der Jüngling der Brüder wilden Reihn flieht und am liebsten in stillem Sinnen und Träumen mit sich und seinen Gedanken allein ist. Darum wurde ihm auch der Tag nicht zu heiß und die Sonne nicht zu drückend und wenn Ermüdung über ihn kam und die Länge des Weges oder die Ermattung seiner Glieder ihn bedrücken wollte, so bedurfte es nur eines belebenden Gedankens und seine Seele hatte wieder Flügel gewonnen, mit denen sie sich dem Moment, dem Diesseits entschwang und der höchsten Erregung der Gefühle sich mit Wonne hingab. Wie leuchtete sein treues blaues Auge, als er so frisch gehoben dahinschritt und die vollen roten Lippen zwitscherten leise Töne, wie Anfänge von Liedern oder Erinnerungen von Klängen, die in seiner Seele schliefen. Da scholl heiteres Plaudern und Lachen an sein Ohr und als er um eine Biegung kam, fand er einen kleinen freien Platz in den Wald eingebettet, welcher eine schöne Aussicht auf den oberen Teil des hohen Berges gewährt, dem unser Wanderer zustrebte, während an seinem Fuße sich's mehrere Schwarzwaldhäuser auf einer breiten grünen Matte behaglich machten. Die tief herniederhängenden Dächer berührten fast den Boden und sahen mit den kleinen Fenstern vertraut zum Walde herüber, welcher ihnen nun schon so lange ein lieber Nachbar gewesen war. Bei keinem fehlte ein frisch sprudelnder Röhrbrunnen, bei keinem ein Gärtchen, und wenn es nur wenige Schritte im Geviert hatte. Treuherzig und anheimelnd sah Alles aus, wie die Bewohner selbst, mit ihren meist dunkeln Augen und luftgebräunten Gesichtern. Von diesen erblickte Edgar eine ganze Zahl, alle noch junge Menschen, dicht vor sich in einem Kreise um etwas geschart, was er noch nicht erkennen konnte. Nur einen langen Stock sah er über die Köpfe der nächst Stehenden wegragen und eine klangvolle Stimme vernahm er, welche gerade ausrief:

Nu, nu, machts nur nicht zu arg. Ihr zerreißt mir ja das Blatt! Schau, der Hannes hier hat mir schon die ganze Geschicht verwischt, nun sind die Kühe grün, als wenn ihnen das Gras auf den Bauch gewachsen wäre, statt hineinzugeraten.

Lautes Gelächter folgte diesen Worten und steigerte sich zu unbändigem Kreischen. Jauchzend sprangen mehrere der Burschen in die Höhe und klappten sich mit den Händen auf die ledernen eng anschließenden Hosen, daß es klatschte.

Da hat sie's, da hat sie's, schrie's durcheinander, warum muß sie's auch zu arg machen. Ho, Annemarie, Annemarie, wie schaust de aus?

Da drängte sich mit einigen energischen Stößen ein halberwachsenes Mädchen durch den Kreis. Und Edgar war geneigt, mit in das schadenfrohe Gelächter einzustimmen, mit welchem einige der jungen Leute hinter ihr herstürmten, denn ihr sonst zierlich geformtes Näschen prangte in der schönsten grasgrünen Farbe.

Dieser Malefizkerl, dieser Maler, zürnte sie, während sie emsig an dem verunstalteten Gesichtserker herumrieb und die jungen lachend ihr folgenden Burschen offenbar schon um die Wette versuchten, einen auf diesen unzeitgemäßen Zierrat berechneten, möglichst treffenden Spitznamen zu erklügeln. Während sie mit immer schnellerem Laufe über die Wiese davonjagte und ihre Quälgeister mit »Grasaff«, »Laubfröschle« u. dgl. hinter ihr drein setzten, hatte Edgar in den durchbrochenen Kreis hineinschauend, einen Maler entdeckt, welcher auf seinem Feldstuhl sitzend das Reißbrett mit dem darauf gespannten Blatt auf dem Knie des übergeschlagenen rechten Beines hatte, und unter der zudringlichen Kontrolle der gesamten Jugend des kleinen Weilers sein Werk betrieb. Der Kopf war bloß und allerdings durch einen mächtigen Wald schwarzer Haar, wie es schien, vor der Sonne genügend geschützt. Daß er guter Dinge war und mit seinen jungen Freunden auf dem besten Fuße stand, bewies sowohl die eben beschriebene kleine Scene, als auch das nicht endende Hin- und Herfliegen von Scherz- und Witzworten, womit er sich und seine Umgebung unterhielt.

Edgar sah und hörte diesem Vorgang mit Interesse zu. Da wurde er aber auch schon von den Anderen bemerkt und sein Erscheinen brachte natürlich Störung in den bisherigen Verlauf. Die großen Buben und Dirnen blickten ihn mit unverfälschter Neugier an. Damals waren die süddeutschen Gebirge noch nicht so abgelaufen, wie heutigen Tages und in dieser Gegend war das Eindringen Jemandes noch eine ziemliche Seltenheit. Das Gekicher und Geschwätz verstummte und dadurch erst wurde der Maler aufmerksam und sah zu Edgar hinüber, ohne sich jedoch in seiner Arbeit stören zu lassen. Dieser trat näher und sah gleichfalls mit Eifer auf die fleißigen und geschickten Finger des Künstlers.

Nun lauf, Hannes, sagte dieser zu einem stämmigen Knaben und stell Dich dort bei dem Busche auf und such Brombeeren, dann sollst Du auch mit auf das Bild.

Hannes lachte. Es giebt noch keine, sagte er grinsend und wies zwei Reihen beneidenswerter Zähne.

Dann thu, als wenn es welche gäbe, Dummrian, schalt der Maler, sonst geht der Andres und hat dann das Glück, abgemalt zu werden.

Soll ich, fragte der Andres.

Wenn's der Hannes nicht thut, war die Antwort.

Hannes zögerte noch mit einem halb verlegenen Blick auf den höchst belustigten Fremden. Da lief Andres vorweg und nun schien jenem die Gunst, auf der bunten Schilderei seinen Platz zu erhalten, so beneidenswert, daß er hinter ihm drein schoß und da Andres einen kleinen Vorsprung behielt, an dem bezeichneten Platz einen Faustkampf mit ihm eröffnete.

Ruhe, ihr Burschen, rief der Maler hinüber, Ihr tretet ja alle die Brombeeren entzwei, die Ihr suchen sollt.

Dieses Verharren bei der ihnen unverständlichen Fiction rief neues Gelächter hervor.

Einer setzt sich und der andere kann stehen, kommandierte der Maler, dann kann ich Euch alle beide gebrauchen. So nun ruhig.

Schon gewannen die beiden Bengel Gestalt auf dem Blatte, wenn auch erst in wenigen Strichen angelegt.

So, nun ist's genug, sagte der Maler, nun wird Schicht gemacht. Die Sonne schickt sich zur Ruhe an.

Er erhob sich und packte seine Sachen zusammen. Die eifrige Jugend bemächtigte sich seiner Habseligkeiten, der eine schulterte den Malstock, einer huckte den Sessel auf, ein andrer ergriff den Malkasten, ein vierter den großen Regenschirm. Das Bild trug der Maler wohlweislich selbst. Er ergriff seinen großen Strohhut und trat nun auf Edgar zu.

Nun will ich mich Ihnen doch vorstellen, sagte er artig, nachdem Sie schon so lange unbeachtet dabei gestanden haben.

Edgar erwiederte die Höflichkeit und fragte dann nach dem ferner einzuschlagenden Wege. Heut kommen Sie kaum noch weiter, sagte der Maler, Sie müssen schon in Hundsbach bleiben. Über die Hornisgrinde noch hinaus zu gehen, kann ich Ihnen nicht raten und Sie finden auch jenseits so bald keinen Ort.

Kann ich denn dort Unterkommen finden, fragte Edgar.

Wenn Sie bescheidene Ansprüche machen, meinte Stephan.

Als wandernder Student gebietet sich das von selbst, war die Antwort.

Dann kommen Sie, ich habe doch wochenlang kaum einen civilisierten Menschen gesprochen, dann halten wir heut Abend zusammen.

Sie brachen auf und folgten der kleinen Bande, welche mit bloßen Füßen über die Wiese davon getrabt war. Bald hatten sie sich in ein Gespräch verwickelt und betraten das bescheidene Wirtshaus, wo der Maler als vertrauter Hausfreund begrüßt wurde. Es fand sich für den Gast noch ein kleines Eckchen zum Schlafen. Sie saßen dann in der Gaststube zusammen, verzehrten das frugale Essen und tranken den herben Landwein dazu. Schon aber war es im Zimmer voll geworden. Alle die Bewohner des kleinen Ortes, welche abkommen konnten, fanden sich ein und als das Essen abgetragen war, sagte der Maler zu dem Wirt:

Nun her nach alter Gewohnheit.

Dieser reichte ihm eine Cither, welche Stephan vor sich auf den Tisch legte, und nachdem er gestimmt hatte, begann er sie kunstgerecht zu schlagen. Wie auf Kommando wurden Tisch und Bänke zusammengeschoben und kaum waren die ersten Klänge des Ländlers angeschlagen, als auch schon der lustige Tanz begann. Der Anblick war nicht eigentlich anmutig, die Bewegungen dazu zu steif und ungelenk. Aber mit Anteil sah Edgar die Heiterkeit, welche sich auf allen Gesichtern ausprägte und den zunehmenden Jubel trotz des kleinen Raumes, welcher den Vergnügten zur Verfügung stand. Die allgemeine Lustigkeit wuchs, als ein keckes Mädchen mit zierlichem Knix vor ihn hintrat und ihn zum Tanz aufforderte. Obwohl es ihm nicht tanzlustig zu Sinn war, fühlte er doch, daß verneinen beleidigen hieß und so machte er denn beinahe auf demselben Fleck bleibend, die monotonen Bewegungen mit; ja er kam in Aufnahme und eine nach der andern der ländlichen Schönen kam um ihn aufzufordern. Da er sich streng auf seine Pflichten als Tänzer beschränkte, kam es zu keinem Ausbruche von Eifersucht und zur allgemeinen Befriedigung endete das ungeheure Vergnügen gegen Mitternacht.

Edgar und Stephan verließen die stauberfüllte Wirtsstube und stiegen die Treppe zu ihrem Kämmerlein hinauf. Die Gegend funkelte im zauberhaftesten Mondlichte, und das leise Rauschen der Tannenwipfel im Nachtzuge mahnte an Elfenreigen. Sie standen auf der hölzernen Galerie, welche zwischen den beiden schräg hinablaufenden vorspringenden Dachenden an der Schmalseite des Hauses sich hinzog und welche mit zu den Eigentümlichkeiten der Schwarzwaldhäuser gehört.

Wie wenig bedarf der Mensch, um vergnügt zu sein! meinte Edgar.

Ein wahres Glück das, entgegnete Stephan, was sollte sonst die Mehrzahl der Menschen anfangen? Dann wäre die Erde ja ein wirkliches Jammerthal.

Und doch glauben es so wenig Leute, sagte Edgar.

Deshalb bin ich auch hier so gerne, antwortete der Maler, unter diesen Naturkindern, die noch nicht von der Blasirtheit unsrer Zeit angekränkelt sind. Mir sind die Wochen noch nicht lang geworden, obwohl ich nichts thue als den Tag über zeichnen und malen und den Abend Musik mache.

Nun die Kunst, die Sie üben, muß Sie auch ausfüllen und voll beschäftigen.

Ah, rief der Maler und schnalzte mit den Fingern, glauben Sie's ja nicht, liebes Herrchen. Die Kunst als solche macht nicht satt und nicht froh, dazu gehört Brot und was dazu und Menschen.

Edgar lachte. Menschen? fragte er dann sinnend, ein Mensch!

Ah, Sie sind verliebt, sagte Stephan. Nun ja, ich konnte mirs denken: Alter: 22 Jahre; Geschlecht: Mann; Statur: schlank; Haar: dunkel, lockig; Augen: lieblich; besondere Kennzeichen: keine. Was sollte da anders möglich sein, als verliebt zu sein. Da muß man fragen: Lieben Sie zum erstenmale?

Sie müßten nach dieser Leistung im Signalement ein ausgezeichneter Portraiteur sein, scherzte Edgar. Aber ich liebe in der That zum erstenmal.

Ei hört doch, zum erstenmale, lachte Stephan mit gutmütigem Spott. Und wen, wenn man fragen darf? Ein Ideal natürlich!

Wollen Sie es auch mit Kennzeichen und Merkmalen beschreiben? fragte der Student.

Jüngling, rief der Maler mit komischem Ernst, wie kannst Du mir diesen Frevel zutrauen. Einem Verliebten seine Geliebte schildern? ohne daß man als Lästerer und Spötter durchgeprügelt würde? Nein himmlische Farben führe ich nicht auf meiner Palette und alles Rosenrot und Himmelblau und Gold, über das ich verfüge, reicht dazu nicht aus.

Sollten Sie demnach so ganz unerfahren im Reich der Liebe geblieben sein? wandte Edgar ein.

Ich? lachte Stephan. Aber gewiß. Ich habe mich nie um die holde Weiblichkeit gekümmert anders, als hier und da welche auf die Leinwand zu kritzeln, aber auch das nur auf der Schule, wo wir natürlich auch menschliche Leiber zu zeichnen bekamen, so wenig sie uns auch zusagten oder unseren Begabungen entsprachen.

Edgar sah den Genossen von der Seite an. Seinem glückberauschten Herzen schien diese Kälte der Gefühle unglaublich.

Aber, begann Stephan neckend, ich begreife nicht, wie Sie dann heut Abend tanzen konnten. Ich meine, wenn man so recht verliebt ist, schmeckt einem ohne die Geliebte keinerlei Vergnügen.

Sagte ich Ihnen, daß ich an diesem Tanze Freude gehabt hätte? fragte Edgar doch ein wenig verdrießlich, mußte ich nicht dem Willen der Schönen folgen, hätten sie es nicht für Beleidigung gehalten?

Und hätten die Burschen die nicht vielleicht mit Prügeln gesühnt? fragte Stephan. Doch würde das in den Augen Ihrer Geliebten völlig als Entschuldigung gelten?

Vollkommen, erwiederte Edgar und froh, zum lange erhofften Thema des Gespräches übergehen zu können, entwarf er ein Bild seines Glückes. Verliebte sind meist zutrauensvoll. Daß er diesen Menschen nie sonst gesehen, den er hier zum Mitwisser seines Geheimnisses machte, daß er ihn voraussichtlich nie wieder sehen würde, schreckte ihn nicht ab. Vielleicht lag in dem letztem Umstande eher eine Verlockung zur Offenheit. Weil er ihn wahrscheinlich gar nicht wiedersah, was lag daran in der herrlichen Mondnacht, in dem romantischen einsamen Walddorf, wo ein Zufall sie zusammengeführt und der morgige Tag sie für alle Zeit trennte? Zwar war der ironisch gestimmte Maler kein unbedingt empfehlenswerter Vertrauter, aber hatte er einen andern? und was blieb seinem übervollen Herzen nun, nachdem sein schäumender Inhalt einmal in Bewegung versetzt war, anderes übrig, als sich zu leeren, auch wenn es vielleicht nicht das würdigste Gefäß war, wohinein es sich ergoß. Natürlich gab es im Grunde wenig zu erzählen. Ein kleines Idyll, wie sie hundertmal unter hundert ähnlichen Verhältnissen beschaffen zu sein pflegen. Er, der Sohn eines Gutsherren, sie, des Pfarrers Tochter. Das Haus der letztern im kleinen Seitenthal, das von dem Park seines Vaters sich abzweigt. Sie sind Jugendgenossen und Gespielen von frühe an, wie die Väter schon nahe befreundet gewesen waren. Seine ersten kindlichen Träume hatte sie geteilt, alle Zärtlichkeiten, welche außer der Familie noch zu spenden waren, gingen an sie. Er hatte sich innerlich immer zu ihr gehörig gefühlt. Und sie natürlich ebenso sehr zu ihm. Nein, er doch noch mehr zu ihr, da er keine Schwester hatte und die Lücke, welche in seinem Familienkreise dadurch entstand, durch die liebliche Sophie auf das anmutigste ausgefüllt wurde. Sie hatte Brüder und gegen den von ihr am meisten bevorzugten Georg richteten sich bei aller Freundschaft die ersten eifersüchtigen Regungen seines Knabenherzens. Wie bald war es das eines Jünglings! Wie kurz ist der Weg von der Kindheit zur blühenden Jugend! Das ungetrennte Zusammenleben fand ein Ende. Edgar mußte auf höhere Schulen. Er kam nach Dresden auf das Vitztumsche Gymnasium. Weit war der Weg nach dem Ufer der Weser, an dem die Güter seines Vaters sich ausbreiteten. Nicht jede Ferien erlaubten einen so weiten Ausflug. Auch wollten die Eltern sich gegen den Sohn hart zeigen, so schwer es ihnen auch wurde, und ließen ihn nicht häufig nach Hause kommen. Früh schon darauf bedacht, ihn zur Selbständigkeit zu erziehen und durch Reisen zu bilden, gestatteten sie gerne Ausflüge nach der sächsischen Schweiz und dem Riesengebirge. Aber die Länge der Trennung kühlte seine Empfindungen nicht ab, und wenn er wiederkam, wie erfreute es ihn, Sophie zwar größer und schöner, aber in ihrem Herzen und Verhalten unverändert zu finden. Zwar war der Moment gekommen, wo sie bei dem Wiedersehen errötet war und seine herzliche Begrüßung hatte abwehren wollen, ja, wo sie den Versuch gemacht, ihn »Herr Edgar« und »Sie« zu nennen, aber solche Anwandlungen waren nicht von Dauer und die alte Freundschaft war schnell wieder hergestellt. Ach, in Edgars Herzen war sie längst in Liebe übergegangen. Zuletzt hatte er sie Ostern wiedergesehen und seine ganze Seele war in süßem Feuer entbrannt. Kaum hatte er an sich halten können, sie nicht jetzt schon fest an sich zu binden. Des war er sicher, daß sie ebenso empfand, und wenig Wochen noch, dann war sie sein für immer! – Welch eine Wonne, welch ein Glück!

Er erzählte das Alles einfach und doch mit den Accenten inniger Wärme, die sich bis zur kaum verhaltenen Leidenschaft steigert. Stephan hatte ihm anfangs mit halbem Lächeln, dann aber immer größerer Teilnahme zugehört. Er war nicht ohne tiefe Empfindung. Dieser Bericht eines warmen, unschuldsvollen Herzens ergriff ihn mehr, als er gestehen wollte. Und als Edgar schloß, drückte er ihm warm die Hand und sagte: Sie Glückskind. – Dann aber in dem ihm gewohnten scherzhaften Ton übergehend, sagte er: Nun sehen Sie selbst, wie hätte ich Ihnen eine solche Perle recht schildern können! Aber das muß ich Ihnen gestehen, verzweifelte Lust haben Sie mir gemacht, Ihr Juwel kennen zu lernen.

Edgar fuhr wie aus einem Traume empor. Er hatte fast ganz vergessen, mit wem und zu wem er gesprochen, es war wie ein Reden mit sich selbst, er hatte nicht an den Anderen mehr gedacht, als er seine lebhaften Gedanken in Worte gekleidet. Doch war es ihm wohlthätig, daß Stephan mit herzlichem Gefühlsausdruck seine Eröffnungen erwiedert, und darum rief er nun lebhaft: O machen Sie das Wort wahr und kommen Sie im Herbst zu uns! Da sollen Sie Ihre Freude haben! –

Schwer nur konnte Edgar am andern Morgen sich auf den Zusammenhang der letzten Begebenheiten besinnen. Er starrte die Holzwände seines Kämmerchens, deren eintöniges Tiefbraun nur an einigen Stellen und nicht in der wohlthuendsten Weise durch darauf geklebte, roh gemalte Heiligenbilder unterbrochen wurde, eine Weile an, ohne darüber klar zu werden, wo und wie er sich befinde. Da erscholl von draußen ein heiterer Gesang, ein munteres Volkslied mit obligatem Jodler, von frischer Männerstimme gesungen und nun war alles klar in seiner Seele. Aha der Maler, rief er und stand schleunigst auf, um mit ihm zusammenzutreffen. Er fand ihn schon vor dem Hause beim Frühstück sitzend.

Nun, ausgeschlafen, fragte er freundlich.

Edgar setzte sich zu ihm. Es war nun doch etwas wie Zweifel in ihm, ob er diesem Fremden gegenüber nicht unvorsichtig gewesen sei. Es war ihm ungewohnt, so rasch und leicht ein Vertrauen zu erweisen, das nach Lage der Dinge ein unerhörtes genannt werden mußte. Denn ihre Liebesaffairen betrachten die meisten Verliebten als Heiligtum und jemand hinter den Vorhang dieses Allerheiligsten blicken zu lassen, wo es ihm als Fremden sehr oft so geht, wie Pompejus, der als er hinter den Vorhang im Tempel zu Jerusalem blickte, bemerkte, es sei nichts dahinter, ist ein unerhörtes Wagnis, das höchstens einmal im Jahre stattfinden sollte. Wenigstens bei allen stillen, keuschen Naturen, wie unser Westfale es war, ist es so. Hätte der lustige Kumpan, mit dem er da unten zusammensaß, sich Anspielungen oder Scherze erlaubt, es würde Edgar auf das tiefste verstimmt haben. Aber Stephan war des Vertrauens wert. Er streifte die Beichtgeheimnisse seines neuen Freundes mit keinem leichten Worte, dagegen schwatzte und lachte er viel und wußte mancherlei Schnurren und Faxen zu erzählen, sowohl aus seinem Leben in München, wo er die Malerschule besucht, wie aus der hiesigen Gegend, seinem Verkehr mit den Landleuten, so daß er Edgar völlig bezauberte und derselbe wider seinen Willen bei ihm sitzen blieb, bis die hochstehende, heiß herniederbrennende Sonne ihm den Aufbruch zum Weiterwandern bedenklich erscheinen ließ. Der Maler lachte, als er vom Fortgehen sprach, und meinte, bei der Hitze bleibe er besser gemütlich hier im Schatten hocken. Sie gingen vom lang hingezogenen Frühstück zum Frühschoppen des Landweines über und schwatzten nach Herzenslust. Stephan holte seine Skizzenbücher herbei, die Edgar mit höchstem Interesse durchblätterte. Und so blieb er den Tag, ging Nachmittags mit zur Wiese, wo sich die Scene von gestern im wesentlichen wiederholte und er sich weidlich anstrengte, mit der ländlichen Jugend auf vertrauten Fuß zu kommen, was ihm nicht ganz leicht wurde, da er doch wohl nicht die Mühe, welche er sich gab, ganz zu verbergen wußte. Nun, er war jedenfalls sehr zufrieden mit sich und fand den Tag köstlich und genußreich, wie er kaum einen in der Fremde verlebt hätte. Und so kam abends die Wiederholung der heiteren Stunden, die diesmal jedoch mit dem gemeinsamen Gesang von Volksliedern verbracht wurden und nur zum Schluß ein Tänzchen gestatteten. Und wieder stand er dann mit dem Maler auf der braunen Holzgallerie und erzählte ihm im glänzenden Mondlicht von allem, was in seinen Augen noch mehr glänzte und strahlte, seinem Glück und seiner Zukunft. Jetzt nannte er Stephan schon seinen Freund und als sie sich trennten, da rief er mit Feuer: Du mußt im Herbst kommen und mich besuchen!

Auch den folgenden Tag blieb er noch und erst dann brach er auf, als Stephan erklärte, daß er mitwolle. Seine Absicht hier oben sei erfüllt, seine Skizze fertig, er wolle nun wieder nach München zurück. Für das kleine Dorf war es ein trauriges Ereignis, dieser Aufbruch des Malers. Zum Glück hatte er unter den Mädchen keine bevorzugt, was aus seiner kühlen Gleichgültigkeit den Frauen gegenüber sich genügend erklärte. Keiner brach das Herz, keine weinte ihm nach, aber alle gaben ihm das Geleit und jede hatte aus dem kleinen Gärtchen einen Strauß ländlicher Blumen mitgebracht, so daß es eine förmliche Last war, die er zu tragen hatte, und die er mit Lachen wegwarf, als er auf der Höhe des Berges aus den Augen seiner Freundinnen war, und selbst der Andres, der ihm am längsten sein Bündel geschleppt, sich endlich von ihm getrennt hatte, mit Thränen in den Augen.

Wie mußt Du Dich freuen, die Herzen alle so erobert zu haben, meinte Edgar.

Sie werden sich schon zu trösten wissen, sagte Stephan, wenigstens bricht keins davon. Du würdest hier größeren Unfug angerichtet haben.

Wie so, meinte Edgar errötend.

Nun, nun, lachte der Maler, Du bist ein so fixer, repräsentabler Kerl und hast so verdammt vornehme Manieren.

Das schreckt eher ab, sagte Edgar.

Es ist für solche Mädchen doch ein Köder, scherzte Stephan. Nein, daß ich aufgebrochen bin, und somit Dich dort loseiste, geschah nur, um Unglück zu verhüten. Ohne mich wärst Du doch nicht gegangen.

Edgar lachte. Wohl möglich, meinte er.

Und die braune Kathrin hat sich schon ernstlich in Dich verguckt.

Warum nicht gar!

Es ist, wie ich sage, man muß die Mädchen kennen.

So ein Weiberfeind!

Aber ein Menschenkenner. Ich mache mir nichts daraus für meine Person, aber ich kann mich sehr genau in sie versetzen und ich weiß, wie es in ihnen zugeht. Und mehr als ihr Wesen verriet es mir der schwer verhaltene Zorn des Adam.

War das der lange, steife Bursche, der immer nicht mitthat? fragte Edgar.

Er hat so was Störriges an sich, sagte Stephan. Aber er hat es inwendig. Er geht schon lange um die Kathrin, das weiß ich, aber die hat auch ihren Kopf und macht sich nicht gar viel aus ihm. Und daß sie Dir nun schön that und Dich offenbar vorzog, das hat ihn in furchtbare Wut versetzt. Ich sah es gestern noch, wie er die Fäuste ballte und kaum von seinem Gesellen, dem guten Frieder, konnte in Ruh gehalten werden. Wenn Du geblieben wärst, es hätte ein Unglück gegeben, denn es kocht doch in diesen Menschen, so freundlich sie auch sind.

Aber, welche Thorheit, lachte Edgar. Ich habe doch dem Mädchen nicht mehr Freundliches erwiesen, als jeder andern.

Das Auge der Liebe und besonders der Eifersucht sieht scharf, bemerkte Stephan lachend. Das mußt Du ja selbst am besten wissen.

Und sieh! in diesem Augenblick blitzt es aus dem Gebüsch, an besten Rande sie hingingen, der Donner eines Schusses folgte unmittelbar und Edgar stieß einen Ruf des Schmerzes aus. Der Maler in seiner lebhaften, aufgeregten Art, hatte einen Satz vor Schreck gemacht und einen wunderlich langen, geschmacklosen Fluch ausgestoßen. Als er Edgar taumeln sah, sprang er auf ihn zu. Was war das? fragte er, bist Du verwundet? Der verfluchte Bube. Das war der Adam, der feige Kerl, der Dich seine Rache fühlen läßt. – Er stürzte in das Gebüsch, aber er sah niemand, nur hörte er vor sich her die Büsche von dem rasch sich durchdrängenden Flüchtling rauschen.

Er kam zurück und fand seinen Freund auf dem Boden sitzend mit blutender Schulter. Er war ganz außer sich und während er Edgar half den Rock ausziehen um die Wunde zu untersuchen, flossen seine Lippen von Scheltworten und Verwünschungen über. Daß mit einer Kugel geschossen war, zeigte sich deutlich, wie daß sie in der Schulter stak. Stephan stellte aus Stücken Wäsche, welche sich im Ranzen fand, einen Notverband her. Etwas Wein, den Edgar zu sich nahm, stärkte ihn, daß er auf Stephan gestützt, seinen Weg fortsetzen konnte, wenigstens hinunter bis zum Mummelsee, wo man in der Hütte hoffen durfte, Menschen zu finden. Wie ergreifend liegt dies stille, dunkle Gewässer in die Bergwand eingebettet, welche mit ihren himmelragenden Tannen sich in dem klaren Wasser spiegelt, um das so viel Sagen schweben. Heut hatte Edgar kein Auge für diesen tiefen geheimnisvollen Reiz der Natur und das, was er sich so gefreut hatte, mit eignen Augen zu sehen, gewahrte er kaum, als er mit wankenden Schritten den steilen Weg herunterschlich, welcher um den See herumführt um, vom Blutverlust erschöpft, vor der kleinen erbärmlichen Hütte, welche an der niedrigen Seite des Ufers sich befindet, ohnmächtig zusammenzubrechen.

Jetzt zeigte Stephan die ganze Güte seiner Natur. Man fand zum Glück die Familie eines Holzwärters in der Hütte. Schnell wurde der Junge nach Seebach hinuntergeschickt, einen Wagen heraufzuholen. Edgar wurde so gut als möglich gebettet und verbunden. Die Fahrt auf dem rumpeligen Bauerwagen war bei der Steilheit des Weges eine Qual für den Verwundeten. Stephan suchte sie möglichst zu mildern und wie eine besorgte Mutter jubelte er auf, als sie das Wirtshaus in Seebach erreichten und einen Arzt vorfanden, welchen er gleich hatte herbeirufen lassen. Dieser nahm die Kugel heraus, legte einen regelrechten Verband an, wobei er die tröstliche Versicherung gab, daß keine erhebliche Verletzung erfolgt sei, was allerdings nur dadurch erklärt werden könne, daß es ein schlechtes Gewehr und von einem sehr ungeschickten Schützen behandelt gewesen sein müsse.

O ich kenne die alte Donnerbüchse wohl, meinte der Maler, mit der sie da oben schon manchen Unfug angerichtet haben und der Adam sieht mir allerdings nicht so aus, als ob er überhaupt etwas mit Geschick machen könne.

Jetzt am Krankenbette, wo er den Freund pflegte, kamen die Tugenden Stephans immer mehr zum Vorschein. Er war ein allezeit geduldiger und immer heiterer, unermüdlicher Heger und Pfleger und da Edgars frische Gesundheit den natürlichen Proceß der Heilung aufs beste unterstützte, so wandte sich die Sache bald wieder zum Besseren. Schon war der Tag der Abreise in Aussicht genommen, wo sie mit einem Wagen sich in die Ebene wendend, den Rückweg nach Heidelberg antreten wollten, auf dem der Maler den Studenten noch begleiten wollte, als eines Abends an die Thür des Zimmers geklopft wurde und als der Maler hinaussah, stand die braune Kathrin davor.

Herr Gott, Mädel, was willst? schrie der Maler sie an. Sie stotterte allerlei heraus, ob es wahr sei, daß hier der Herr krank liege, der droben in Hundsbach mit ihnen gewesen sei.

Ja wohl, liegt er drin, sagte Stephan, krank, angeschossen wie ein Hirsch von einem frechen Wildschützen, und weißt Du, wers gewesen ist?

Ei freilich weiß ichs, sagte das Mädchen nun dreister, wir alle wissens.

Na, dann grüß den Lumpen nicht von mir, fuhr der Maler sie an, aber sag ihm, ich schämte mich mit so einem Strauchmörder, mit so einem Buschklepper zusammen gesessen und gesungen zu haben. Noch heut schmeckt mirs wie Gift auf der Zunge, als er mir sein Glas brachte und ich daraus getrunken habe, jeder Tropfen brennt mich.

Wir habens alle gesagt, erwiederte die Kathrin, und die andern Burschen haben ihn ausgehauen, daß er drei Tag nicht hat auf seinem Rücken liegen können.

Das war ihm recht, sagte der Maler, und sag ihm nur, wenn ich einmal wieder nauf käme, nach Hundsbach, dann würde ich noch einen ganz andern Tanz mit ihm anfangen. Und wenn er jetzt klug ist, dann drückt er sich bei Zeiten, denn die Gensdarmen werden wohl bald kommen, ihn zu suchen.

Ist das wahr? fragte die Kathrin erbleichend.

Es wird wohl nichts daran fehlen, meinte Stephan.

Ach du heiliger Aloysius, rief sie weinend, wie wird es ihm gehen.

Na, so ein Dutzend Jahre in Ketten, sagte der Maler unerbittlich.

Das Mädchen fuhr zusammen. O du meine Güte, weinte sie.

Na, was flennst denn, fragte der Maler. Du hast ihn ja wohl gar noch gerne.

Das Mädchen schwieg still und weinte, und dann sagte sie: Es war ja doch blos wegen mir. Er ist ein dummer Bursch, daß er meint, ich ginge dem Fremden zu gefallen. Es war ja doch kein Sterbenswörtchen wahr daran. Und nun, fuhr sie zögernd fort, da er selbst sieht, daß gar nichts an seinen dummen Gedanken ist, thut es ihm selbst leid, daß er so jäh gewesen und er ist mit hergekommen.

Er ist hier? fragte der Maler überrascht.

Er steht unten und wollts dem Herrn selber sagen, daß es ihm leid thut.

So, erst schießt er einen Menschen übern Haufen. Wars sein Verdienst, daß er ihn nicht tot geschossen hat? Und dann kommt er und sagt, so schlimm hab' ichs nicht gemeint.

Kathrin, rief jetzt Edgar von innen, der das ganze Gespräch mit angehört hatte und sich über diesen naiven Zug des Volksgemüts belustigte. Rasch, ehe der Maler es noch verhindern konnte, trat das Mädchen ein, froh, dem Drangsalen desselben entwischen zu können. Als sie hineinkam und Edgar noch bleich von den überstandenen Schmerzen und Leiden in einem alten Großvaterstuhl sitzen sah, fiel sie ihm zu Füßen und weinte laut. Edgar tröstete sie und sagte: Ruf mir den Adam nur herein, wenn er mir was sagen will.

Dankbar küßte sie seine Hand und lief hinunter, während Stephan in wunderlichem Gebühren durch die Stube lief, die Hände hinter dem Kopf gefaltet und einmal über das andere rief: Närrische Leute, närrische Leute!

Das Mädchen zerrte den Burschen herein, welcher verlegen an der Thür stehen blieb.

Na, sagte nach einer Weile der Maler, Du Racker! was soll denn.

Nun, so sags doch, drängte die Kathrin.

Und als nun Edgar zu ihm herübersah, ohne Zorn in seinem Blicke, da brach es in ihm los und indem er vor ihm niedersank, rief er: Herr, verzeihen Sie meine Dummheit! Edgar reichte ihm die Hand, die er mit Küssen bedeckte und Thränen stürzten aus seinen Augen.

Aber dem Maler war diese wortkarge Versicherung nicht ausreichend. Er stellte sich mit aufgehobener Rechter vor die Gruppe und rief: Siehst Dus denn auch ein, Du Himmelsacramenter, was für eine abscheuliche Kreatur Du bist? Sieh, das ist Fleisch, er deutete auf Edgars Schulter, und wenn Du eine blaue Bohne dahinein pustest, dann giebt's ein Loch und wenn dies Loch zwei Zoll tiefer kam, dann war das Leben dahin und wenn Dein verd– Pustrohr nicht ein so jämmerliches Machwerk wäre, dann wäre jetzt der Knochen entzwei und der Arm wäre lahm und Du hättest so wie so Deinen Mitmenschen unglücklich gemacht.

Oh – oh – stöhnte der Bursche.

Und sieh Dir diesen Menschen an, die reine Pracht und die reine Menschenfreundlichkeit und Güte.

Ja, ja, heulte Adam.

Und weshalb? Aus reiner Dummheit und Eifersucht! Glaubst Du, dieser feine Herr, der ein Baron ist, würde Deiner Kathrin etwas thun und er hätt' es ernstlich auf solch ein braunes Ding vom Lande abgesehen? Er hat längst derweil seine Braut.

Oh, alle Heiligen, schrie hier die Kathrin dazwischen und Adam ward immer zerknirschter.

Und nun willst Du dies Mädchen noch dazu heiraten? Was wirst Du für einen Mann abgeben, wenn Du jetzt schon so ohne jeden Grund aufbrausest und mit Kugeln um Dich wirfst, – Das ist ein braves Mädchen, wenn Du so fortfährst, wirst Du sie ja kreuzunglücklich machen und findest noch mal Deinen Weg dahin, wo sie Dich um einen Kopf kürzer machen, ohne viel darnach zu fragen.

Neue Ausbrüche des Schrecks und Grausens und Gelübde, welche die Angst der Seele entpreßte. Der Maler that nichts, um diese erschütterte Stimmung abzukürzen. Endlich jedoch sagte er: Und nun, wenn ich Dir zum Guten reden soll, Adam, so mach Dich für ein Wochen vier oder sechs unsichtbar. Wir wollen von der ganzen Geschichte nicht viel Aufhebens machen, aber ruchbar ist sie doch und wenn die Criminal dahinter kommt, so stehe ich für nichts. So, nun macht, daß Ihr fortkommt, thue, was ich sage und merk, was ich gesagt habe. Machst Du die Kathrin unglücklich, ich schwörs, es soll Dir Übel ergehen.

Die letzte Wendung des Gesprächs verfehlte ihre Wirkung nicht. Adam stand auf. Edgar drückte ihm noch einmal die Hand und sagte: Machs ein ander mal besser. Adam erhob seine Rechte wie zum Schwur und sagte: So wahr mir Gott helfe! Herr, ich bedanke mich auch. Kathrin aber nestelte an dem Korbe herum, den sie trug, nahm einen Blumenstrauß und ein Schälchen mit Honig gefüllt heraus, reichte es Edgar mit verlegenem Knix. Herr ich bedanke mich auch vielmals, sagte sie dabei, und dann huschte sie flink hinter dem Burschen her. Stephan trat ans Fenster. Er sah, wie sich Leute vor dem Hause angesammelt hatten. Offenbar war der Eintritt der beiden bemerkt worden. Man hörte vereinzelte Stimmen: Guck, da kommt der Malefizkerl – drauf – aber Adam und Kathrin schlichen sich längs der Häuser hin und in schnellem Lauf gewannen sie ein Quergäßchen, so daß sie weiterer Belästigung entgingen.

Guck, die gute Kathrin, sagte Edgar, sie bringt mir ein Schmerzensgeld.

Oh über die raren Blumen, spottete der Maler, wahrhaftig Goldlack und chineser Nelken. Das Beste ist noch der Topf mit Honig, wenn sie nicht nach ihrer schlechten Gewohnheit Mehl dazwischen gerührt haben.

Sie gab, was sie hatte, meinte Edgar.

Ja, und Du gute Seele hättest ihnen nicht einmal ein hartes Wort gesagt. Wenn man solche Menschen nicht gehörig anranzt, was macht es ihnen dann? Bloß Verzeihung und Güte, das nutzt nichts. Aber so seid Ihr Menschen, immer nur verzeihen und alles bedecken und vertuschen.

Sollst recht haben, alte Seele, sagte Edgar. Und nun wollen wir ihnen wünschen, daß sie glücklich fortkommen und ihnen nichts weiter passiert. Jetzt aber laß uns schlafen und morgen zurück nach Heidelberg.


Als Anton und Brunow das Herrenhaus von Heinrichshagen betraten, wies sie der Diener in einen schönen, geräumigen Gartensaal, durch dessen hohe Thüren die Luft aus dem Park erfrischend hereinströmte. Das Gemach war licht und freundlich ausgestattet und machte einen vornehm-behaglichen Eindruck. Gleich darauf trat von der andern Seite Herr von Maltitz herein und begrüßte sie freundlich. Dann kam die übrige Gesellschaft, außer der Dame des Hauses, einer ältern Gesellschaftsdame und einer Erzieherin die jungen Leute, welche vorher auf dem Grasplatz gespielt hatten und die Kinder des Hauses nebst einigen Freunden und Freundinnen waren. Brunow ward als alter Bekannter mit frohen Worten begrüßt, und namentlich die jungen Mädchen hatten es sehr auf ihn abgesehen. Sie fingen gleich an, sich mit ihm zu necken und zu scherzen.

Herr Brunow, haben Sie heut schon viel gemalt? sagte die eine.

Ei bewahre, lachte eine andere, heut hats Herr Brunow wieder mit der Langschläferei gehabt.

Das wollen Sie wissen, Fräulein Frühauf? gab er zurück.

Ja, als ich um 8 Uhr oben auf Ihrem Platze war, nichts war zu sehen und zu hören.

Ei, ei, sagte er, da saß ich schon nach mehrstündiger Arbeit bei meinem zweiten Frühstück und trank auf Ihr Wohl. Haben Ihnen die Ohren nicht geklungen?

Ja, wie eine Hummel vorbeiflog, lachte die Gegnerin.

Die Sie als Schwester erkannte, scherzte Brunow.

Ei, eine Hummel! meinte das Dämchen und rümpfte das Näschen.

Bist Du denn nicht eine tolle Hummel, Bertha? lachte ein Bruder und alle stimmten ein.

Was haben Sie denn gemalt? fragte die Blaue, welche Anton vorher so gut gefallen hatte.

Wie können Sie fragen, Fräulein Marie? Sie alle natürlich.

Wie wir spielten? sagte Bertha wieder.

Ja, gewiß.

Mich auch?

Ganz besonders, und gerade wie Sie hinfielen!

O nein, Sie sind abscheulich, haben Sie das auch gesehen?

Einem Malerauge entgeht nichts.

Anton sah dieser kleinen Scene mit großer Belustigung zu. Da ward das Essen gemeldet und man schritt nach dem Speisesaal, wobei Brunow mit großer Gravität Bertha den Arm reichte, aber nicht hindern konnte, daß zugleich Emma den andern ergriff und sagte:

Mich dürfen Sie nicht vernachlässigen, sonst bin ich Ihnen böse.

Der Himmel schütze mich vor diesem Schicksal! rief er komisch. Wie furchtbar muß der Groll einer Taube sein!

Neue Heiterkeit. Brunow nahm wirklich zwischen den beiden jungen Mädchen Platz und fuhr in demselben Tone während der ganzen Mahlzeit fort. Den ernstern Teil der Unterhaltung übernahm der Freiherr, welcher mit Anton manches Interessante besprach und bisweilen einen ernsten mäßigenden Blick nach dem Ende der Tafel hinwarf, wo Brunow in der Mitte der Jugend saß, während die Gouvernante schon längst nur mit strengen Mienen den Greuel da unten geschehen ließ und jedesmal dankbar zu dem Baron aufsah, wenn der Zügel seines Auges sich wirksam erwies. Anton fühlte sich ungemein wohl in dem Kreise, der aus so verschiedenen Elementen gemischt war. Mit besonderer Vorliebe ließ er bisweilen den Blick hinüberschweifen zu der ihm schräg gegenübersitzenden Marie, welche sich an dem Geplauder ihrer Nachbarschaft nur mit einer gewissen Zurückhaltung beteiligte. Sie gehörte zu den Freundinnen, das war klar, wurde aber von allen mit großer Herzlichkeit und Freundschaft behandelt. Die Jünglinge begegneten ihr mit einer Art von ritterlicher Galanterie, die Mädchen wie einer bevorzugten Schwester und wie sehr Herr von Maltitz ihr zugethan war, bewies der Umstand, daß sie an seiner linken Seite saß und er mit väterlicher Herzlichkeit für sie sorgte und sie gelegentlich auch scherzhaft zum Trinken ermunterte, was sie mit heiterem Sinn aufnahm und dann ein wenig am Glase nippte.

Unsre schöne Lilie schlürft das Tröpfchen Thau, dessen sie bedarf, scherzte Brunow, als er es gewahrte.

Marie, welche es hörte, ergriff wieder ihr Glas und sagte lächelnd: Auf Ihr Wohl, Herr Brunow!

Der Tausend, lachte er zurück, ist es möglich? Schönen Dank, schöne Lilie! Und er stieß mit ihr an und leerte sein Glas.

Sie müssen mich aber auch ansehen, wenn Sie mit mir anstoßen, sonst gilt es nicht!

Und austrinken, rief Bertha.

Das verlange ich nicht.

Aber einer der Jünglinge rief: Dem Wohl schließen wir uns alle an, und Glas klang an Glas.

Tief gerührt, sagte Brunow und stieß mit ihnen der Reihe nach an.

Anton sah mit einigem Zagen zu ihm hinüber. Ihm fiel des Directors Äußerung über Brunows böse Neigung ein. Er wird doch nicht des Guten zu viel thun? – Wie verwandelt überhaupt war heute dieser Mensch? Sauber und anständig sah er aus, sein Benehmen war frei und sicher; vielleicht nicht ganz der Norm höfischen Anstandes entsprechend, aber wie man sich gerade die Künstler gern denkt, welche doch ein Recht haben, kleine individuelle Besonderheiten mit größerer Deutlichkeit zum Ausdruck gelangen zu lassen, als es dem gewöhnlichen Dutzendmenschen von der feinen Sitte gestattet ist.

Die Tafel wurde aufgehoben. Man ging in den Gartensaal zurück. Kaffee ward herumgereicht. Und dann rief das junge Volk: Nun in den Garten und auf dem Teich gerudert!

Aber den Herrn Techniker nehme ich nun erst mit nach meiner Maschine, sagte der Freiherr.

Armer Techniker, flüsterte Brunow im Vorübergehen ihm zu, indem er selbst mit den jungen Leuten in den Garten schritt. Natürlich wäre Anton gern mit gegangen, aber er gehörte ja doch nicht in den heitern Kreis, wie er sich mit einem Gefühl von Bedauern sagte und folgte dem Baron nach dem Gebäude, worin die Maschinen standen. Er ließ die betreffende bespannen und als sie sich in Bewegung setzte, erkannte er leicht, wie es kam, daß sie nicht gehörig fungierte. Während sie dabei standen und er mit Sachkunde seine Ansicht entwickelte, was der Baron mit voller Zustimmung anhörte, trat ein schwarzgekleideter Herr dazu, den dieser mit einem »Guten Tag, lieber Pastor« begrüßte und Anton vorstellte. Der Pastor blieb dabei stehen und hörte den Auseinandersetzungen aufmerksam zu.

Also auseinandernehmen? fragte Maltitz.

Es wird nicht anders gehen, wenn Sie den Schaden curieren wollen, sagte Anton.

Wird es eine lange Reparatur sein, fragte jener wieder.

Eine Sache von wenig Tagen, wenn Sie Schmiedearbeit hier machen lassen können!

Der Baron dachte kurze Zeit nach, dann sagte er: Würden Sie nicht die Arbeit hier übernehmen?

Ich für meine Person sehr gern, antwortete Anton, wenn Director Hauptmann nichts dagegen hat.

Ich schicke meinen Reitknecht als Expreßboten gleich hinüber und frage an, sagte der Baron. Die Ernte naht und ich würde ungern die Maschine entbehren. Dann gehen Sie auch zu den jungen Leuten in den Park und amüsieren sich, bis wir Nachricht haben. Sie werden schon am Spektakel hören, wo sich die Gesellschaft herumtreibt.

Ist meine Marie auch dabei, fragte der Pastor.

Gewiß, Sie wollen sie doch nicht schon fortholen? Es ist alles eine Lustbarkeit und in einer halben Stunde komme ich zu Ihnen. Gehen Sie mit, Herr Brandolf!

Als sie in den Park einbogen, tönte ihnen von fern schon Scherz und Gelächter entgegen. Der Geistliche knüpfte mit Anton ein Gespräch an. Er sprach milde und klug und seine Fragen nach Antons Herkunft und Vergangenheit zeugten von Teilnahme und Herzlichkeit. Da kam ihnen um ein Gebüsch herum Marie entgegen. Ein Strahl von Freude glitt über das Gesicht des Vaters, als er sein liebliches Kind begrüßte.

Ich hörte, daß Du gekommen seist, denn Fräulein Ernst beeilte sich, es mir gleich mitzuteilen und ich habe mich ans Land setzen lassen.

Warst Du vergnügt mit den andern?

O sehr, erwiederte sie mit glücklichem Ausdruck, Herr Brunow ist zu lustig und ausgelassen.

Da aber hörte man von dem nahen Teiche her plötzlich statt des fröhlichen Gelächters und Scherzes ein angstvolles Geschrei und ein Geplätscher.

Gott, ein Unglück, rief Marie und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

So war es. Als Anton mit schnellem Sprunge an den Rand des Gewässers kam, sah er daß das kleine Boot umgeschlagen war und die ganze Gesellschaft im Wasser lag. Zum Glück war es nicht sehr tief, so daß Anton, der sich sofort hineinstürzte um zu helfen, Grund unter den Füßen behielt, bis beinahe an die Stelle des Unglückes. Von den jungen Leuten hatten sich zwei schon durch Schwimmen ans Land gerettet. Zwei, männlicher und edler gesinnt, hatten eines der Mädchen zwischen sich und brachten es eben in Sicherheit. Brunows schwarzes Haupthaar erschien auf der Oberfläche, er hatte Emma erfaßt und suchte sie zu retten, die arme Bertha aber, eben aus dem Wasser wieder auftauchend, war noch ohne Helfer und versuchte vergeblich den Rand des Bootes zu erfassen, das mit dem Kiel nach oben lag. Ein paar kräftige Stöße brachten Anton zu ihr. Er umschlang sie mit dem linken Arm und sagte: Stützen Sie Sich auf meinen Nacken. Dann holte er kräftig aus und nach kurzer Zeit war er auf dem festen Boden. Da stand die arme pudelnasse Gesellschaft. Fräulein Ernst, die Gouvernante, schoß ängstlich herbei, und machte nach allen Seiten Vorwürfe.

Nur schnell ins Haus und trockne Kleider, ermahnte der Pastor. Bei dem warmen Wetter wird das kühle Bad nicht schaden. Wie kam es nur?

Alles schrie durcheinander.

Ich bin ohne Schuld, declamierte Brunow.

Die jungen Leute hatten im Übermute zu stark geschaukelt, das war die Thaisache.

Albert und Otto, die beiden Helden, höhnte Brunow, indem er pathetisch auf die beiden Egoisten deutete, welche nur sich gleich gerettet hatten. Uns bringen sie ins Unglück, sie ziehen sich aus der Patsche.

Die Gesellschaft zerstreute sich. Die jungen Leute gingen mit Fräulein Ernst nach dem Schlosse. Brunow sagte zu Anton: Wie gern würde ich Ihnen mit meiner Garderobe aushelfen, wenn ich nur wüßte, wo Sie Hüne mein bischen Zeug hinziehen wollten. Und aus dem nassen müssen Sie heraus, so gut wie wir andern.

Der Pastor trat ins Mittel. Lassen Sie es sich bei mir gefallen. Ich werde Ihnen aushelfen. Ich bitte sehr darum.

Anton nahm das freundliche Anerbieten dankbar an und während Brunow mit hastigen Schritten abbog, um sein Wirtshaus zu erreichen, ging er mit dem geistlichen Herrn und Marie über den kleinen Hügel das vorher erwähnte kleine Thal nach dem Pfarrhaus hinunter. Mit Lebhaftigkeit trat das Bild, welches er bei Brunow gesehen hatte, vor seinen Blick, als er den Weg hinunterschritt. Im Hause angekommen, wurde er schnell von dem geistlichen Herrn mit trockener Kleidung versehen, während seine durchnäßte einem Trocknungsproceß unterzogen wurde. In einen jungen Geistlichen in ehrbarer schwarzer Tracht verwandelt, erschien er nach vollbrachter Metamorphose in der Veranda und fand dort auch die Mutter Mariens, eine Frau von zarter Erscheinung. Freundlich ward er begrüßt und wegen seiner raschen Hülfsbereitschaft beglückwünscht. Marie, aus deren Augen ein inniges Gefühl leuchtete, hatte für einen warmen Trank gesorgt und nötigte den Gast freundlich, ihn nicht zu verschmähen, um durch innere Wärme der jähen Abkühlung entgegen zu wirken. Gemütlich plaudernd saß man zusammen und Anton fühlte sich sogleich wohl bei diesen Menschen, welche er zum erstenmale sah, und zu denen er nun doch schon in eine nähere Beziehung getreten war. Der Pfarrer erzählte von der Vergangenheit, von seinem Vorgänger, der nun schon vor zwanzig Jahren gestorben war, dessen Andenken aber noch in Segen lebte. Er hatte auch nur eine Tochter, sagte er, von der er sich aber in Zorn abwendete, als sie eine vornehme Bewerbung ausgeschlagen und die Hand eines abenteuernden Malers angenommen hatte. Das war eine seltsame Geschichte. Es war der damalige Erbe von Heinrichshagen selbst, der sie begehrte, mit dem sie von Jugend auf befreundet gewesen, denn die Maltitz haben immer mit ihren Pastoren auf gutem freundschaftlichen Fuße verkehrt. Der Verschmähte blieb seitdem ledig und die Herrschaft ging auf einen weitläufigen Vetter, den jetzigen Baron über.

Anton hörte mit Spannung zu, und als der Pastor schwieg, wollte er eben mit der Frage nach genauern Einzelheiten das Gespräch fortsetzen, da erschien der Baron auf der Terrasse, welcher mit großer Erregung auf ihn zuschritt und indem er ihm beide Hände entgegenstreckte, ausrief: Da also finde ich Sie endlich, um Ihnen meinen wärmsten Dank darbringen zu können, edelmütiger Retter meines Kindes! Wie großen Anspruch haben Sie sich auf meine und aller Meinen Dankbarkeit erworben!

Anton lehnte errötend diesen Ausbruch ab, indem er meinte, so groß sei weder die Gefahr noch seine Heldenthat gewesen. Nein, nein, sagte Maltitz, reden Sie nicht zu Ihrem eignen Schaden. Sie haben es ja selbst mit angesehen, rief er dem Pastor zu, den er jetzt erst mit seinen Damen begrüßte, sagen Sie selbst, ob ich nicht recht habe. Und nicht einmal die erste Pflege hat man Ihnen bei mir angethan. Ich kann nicht begreifen, daß die Jungen oder Fräulein Ernst nicht so viel Besonnenheit hatten, Sie gleich mit ins Schloß zu bringen. Nun ich sehe, Sie sind hier vortrefflich aufgenommen und will nur hoffen, daß Sie keinen Schaden davon haben.

Anton beruhigte ihn, er fühle sich ganz wohl und völlig erwärmt, worauf Maltitz erwiderte: Ja Pastors verstehen es immer zur rechten Zeit Hülfe zu bringen und Notleidenden beizuspringen. Und wie nett man Sie herausgemustert hat! Sie sind ein vollkommener Kandidat und wenn unser Pastor, was Gott noch lange hinausschieben wolle, 'mal einen Adjunkten nötig hat, so würde ich sehr raten, Sie im Auge zu behalten.

Alle lachten und man setzte das Gespräch heiter fort. Sie hätten auch nichts dagegen, liebe Marie? scherzte der Baron, worauf diese tief errötete und in ihrer schlichten Weise sagte: Herr Brandolf hat wenigstens bewiesen, daß er Kopf und Herz auf der rechten Stelle hat und dies scheint mir auch für einen geistlichen Herrn eine Hauptsache.

Wohlgesprochen, liebes Kind, sagte Maltitz, da haben Sie recht. Ja, ja, Kopf und Herz auf der rechten Stelle, das ist so, darauf kommt es an.

Nun sprach man von dem Unfalle. Unvorsichtigkeit, sagte Maltitz, aber man soll nicht junges Volk ohne Aufsicht lassen.

Aber der Maler war ja dabei, sagte der Pastor.

Der, rief Maltitz lachend, der ist mir auch der Rechte. Trotz seines ergrauenden Haares noch ein rechter Junge und nicht mehr zurechnungsfähig, als die andern. Ich sollte ihm ernstlich böse sein, aber das bringe ein anderer fertig.

Da erschien der Reitknecht des Barons auf der Treppe der Veranda. Nun, Gottfried, was bringst Du? rief sein Herr. Der Diener überreichte ihm einen Brief, den Maltitz schnell erbrach. Vortrefflich, rief er, Director Hauptmann hat nichts dagegen zu erinnern, lieber Herr Brandolf, daß Sie ein paar Tage hier bleiben und mir die Arbeit machen. Da können wir in aller Gemütsruhe weiter reden. Er schickt Ihnen auch die nötigen Sachen. Das freut mich. Da kommen Sie nun nachher alle hinüber und lassen Sie uns den Abend vergnügt feiern. Ich hoffe, es hat niemand einen Schaden davon getragen. Damit erhob er sich. Auf Wiedersehen!

Für Anton war es eine freudige Botschaft, daß er die Aussicht hatte, noch einige Zeit hier zu bleiben, und er sprach es gegen den Pastor aus. Wir haben eigentlich das Recht der Priorität auf Ihre Gastfreundschaft, sagte dieser, aber ich fürchte, wir werden es gegen den Baron nicht durchsetzen. Er wird es sich schwerlich nehmen lassen, Sie bei Sich einzuquartieren. Was meinst Du, Marie?

O ich würde es durchsetzen, sagte Marie, aber ich weiß nicht, ob Herr Brandolf nicht das bessere Quartier im Schlosse vorzieht.

Letzteres gewiß nicht, beteuerte Anton.

Du vermagst viel bei Maltitz, sagte der Geistliche zur Tochter, aber ich fürchte, so weit reicht Deine Macht doch nicht.

Das wollen wir sehen, erwiderte Marie.

Ehe man den Weg zum Schlosse antrat, ging Anton zu dem Maler. Er traf ihn in dem Oberstübchen des kleinen ländlichen Wirtshauses, welches sonst nett und freundlich, doch nur mäßigen Comfort bot. Als er bei Brunow eintrat, fand er ihn im Bett, an demselben stand ein Glas, das Grog zu enthalten schien. Der Maler drehte sein Gesicht, das lebhaft gerötet war, dem Eintretenden entgegen.

Wie geht es Ihnen? fragte Anton, ihm die Hand reichend, die Brunow jedoch nur zögernd annahm.

Schlecht, sagte dieser. Das kalte Bad –

Oho, warf Anton dazwischen, hat Ihnen das geschadet?

Ei freilich, war die Antwort, man ist das in meinen Jahren nicht mehr gewohnt.

Sie sehen heiß aus, bemerkte Anton.

Fieber, Fieber, rief Brunow mit Lebhaftigkeit, da ihm der mißtrauische Blick nicht entgangen war, mit welchem Anton das Glas wenigstens gestreift hatte. O lieber Herr, fuhr er dann nach einer kurzen Pause mit einer Innigkeit im Tone fort, welche Anton tief rührte, nur von Ihnen nicht auch diesen schnöden Verdacht. Ich weiß, was Director Hauptmann von mir glaubt und was er Ihnen von mir gesagt hat. Du lieber Gott, diese nüchternen, braven Alltagsseelen müssen ja immer einen Grund für alles bei der Hand haben, was sich ihnen von Erscheinungen bietet, und leider ist der trivialste ihnen immer der liebste. Ich bin manchmal besonders, das weiß ich und gebe manchem was zu raten auf. Aber wissen denn diese Menschen, wie es uns ums Herz ist? haben sie eine Ahnung davon, was uns am Innern zehrt, und den Blick für den regelmäßigen natürlichen Zusammenhang trübt, so daß wir nicht immer Grund und Folge genau zu berechnen wissen. Nein, glauben Sie mir, und erschweren Sie nicht noch die Last, welche mich drückt, durch Ihre Verachtung und Mißtrauen.

Was kann Ihnen an meinem Urteil gelegen sein? fragte Anton bewegt.

Brunow antwortete nicht, aber er sah mit einem langen, sprechenden Blick den Jüngling an. Seine Lippen bewegten sich leise, als wollte er etwas sagen, aber er schwieg. Erst nach längerer Pause fuhr er fort: Ist es nicht schön hier? Wie war ich glücklich unter so trefflichen freundlichen Menschen. Ich sagte Ihnen schon, die mich als Menschen neben sich gelten ließen, und mich als ihres Gleichen nahmen, wie ich das auch bin. Aber mir verdirbt alles! oder soll ich sagen, ich verderbe alles? Nach dieser traurigen Geschichte kann ich nicht mehr bleiben.

Warum nicht, fragte Anton, und er wiederholte die Äußerungen des Barons.

Hat er das gesagt? fragte Brunow. Ja aber die Gnädige? was hat die gesagt?

Anton schüttelte den Kopf. Sollte die anders denken, als ihr Gatte?

Denken! o gewiß oft genug, wenn sie es auch nicht sagt! Ein großer Mensch, der verständig sein sollte nach Recht und Ordnung des Menschlichen, wird immer verantwortlich gemacht, wenn junge in seiner Gegenwart etwas dummes thun, mag er nun schuld sein, oder nicht. Das trifft und verurteilt mich.

Anton wollte dreinreden. Aber Brunow fuhr fort: Diese dummen Bengel, und noch dazu so feige! Sie haben es allein angerichtet. Und das liebe Kind, der kleine Kobold! Beinahe hätte es doch daran glauben müssen, wenn Sie nicht gewesen wären! Das haben Sie wirklich gut gemacht, ja Sie sind ein ganzer Mann, jeder Vater könnte auf Sie stolz sein.

Vater, erwiderte Anton wehmüthig, um diese Lobsprüche zugleich mit abzuwehren, ich habe mich nie des Glückes erfreuen können, das in dem Besitz eines Vaters liegt. Der meinige lebt nur mit ganz schwachen Spuren in meiner Erinnerung.

Brunow sah ihn mit Spannung an. Verloren Sie ihn schon sehr früh? fragte er in tiefer Erregung.

Ich war wohl kaum vier Jahr alt, und was ich weiß, war nur die eine Scene, daß er mit meiner Mutter in herbem Zerwürfnis war, sie kniete vor ihm, er redete mit Zorn und Heftigkeit, er stieß sie von sich – und ich glaube, ich habe mich dazwischen gestürzt und selbst seinen Grimm noch entgelten müssen. Dann schwindet er aus meiner Erinnerung. – Aber was ist Ihnen, rief er erschreckt, denn Brunow hatte die Augen fest geschlossen, an die Stelle der früheren Röte war fahle Blässe getreten, ein Zittern lief über den Körper des Kranken. Erst nach längerer Pause öffnete er die Augen wieder: Ich sagte Ihnen, das Fieber! –

Ich werde einen Arzt holen, erwiderte Anton. – Nein, nein, ist nicht nötig, wehrte der Maler ab. Es ist nicht schlimm. Aber Ihre Mutter lebt doch noch?

Meine Mutter lebt für mich und ich für sie, entgegnete Anton glücklich.

Und sie haßt den Vater? spricht sie oft von ihm?

Nein, niemals, aber sie haßt ihn nicht. Ich hörte es öfters Abends, wie sie in ihrem Gebete seiner als eines Fernen, doch noch Lebenden gedenkt.

Das ist ja sehr schön von ihr, sagte Brunow mühsam. Doch nach einer kurzen Pause ging er in einen leichten lebhaften Ton über und sagte: Und jetzt gehen Sie zum Schloß? Und werden als Lebensretter gefeiert? Ich sehe, Sie sind hier zu hohen Dingen berufen. Selbst Fräulein Ernst wird für Sie schwärmen und das ist gefährlich!

Ich kam, Sie mitzunehmen.

Sehr gütig, aber ich kann nicht – es geht mir dazu nicht gut genug. Aber grüßen Sie mir das junge Volk, vor allem die Bertha, doch dann dürfen Sie Emma nicht vergessen, sonst wird die eifersüchtig und das wäre furchtbar. Und die beiden Helden der Missethat, die sollen Sie mir auf krummen Säbel fordern. Und nun leben Sie wohl.

Ich komme nachher, Ihnen Bericht zu erstatten, sagte Anton.

Sehr verbunden, scherzte Brunow, namentlich wegen der Forderung. Vielleicht ziehen sie Pistolen vor. Ich bin zu allem erbötig. Dann Anton die Hand reichend, sagte er: Und nicht wahr, Sie glauben, daß ich krank bin und nicht berauscht? Ich bitte Sie, glauben Sie mir!

Gewiß, sagte Anton und ging hinaus.


Du siehst so erregt aus, mein Kind. Was hast du, fragte die Pfarrerin ihre Tochter, die liebliche Sophie, welche eben vom Schlosse heimkehrend, in das Zimmer trat.

Morgen kommt Edgar, sagte diese tonlos, mit einem leichten Zittern in der Stimme.

Die Pfarrerin sah sie forschend an. Morgen schon?

Ja, erwiderte Sophie, man ist drüben mit den Vorbereitungen zum Empfang beschäftigt. Wir haben Kränze gewunden, um die Thür zu schmücken, das ganze Schloß ist in Bewegung.

Er ist doch wieder völlig hergestellt? fragte die Mutter.

Die Wunde ist ganz geheilt und er schreibt übermütige Briefe, entgegnete die Tochter. Die Baronin las mir aus seinen letzten vor.

Und nun? fragte die Pfarrerin.

O Mutter, rief Sophie in großer Bewegung, und warf sich derselben um den Hals, wobei Thränen ihren Augen entströmten.

Mein Kind, tröstete die Mutter. Er wird die Entscheidung bringen. Du wußtest es lange vorher. Nun zagst du?

Mit Recht schluchzte Sophie. Was soll ich sagen?

Was du fühlst, volle Wahrheit, lautete der Bescheid.

Würden es die Eltern jemals zugeben? fragte das Mädchen zaghaft. Er, der Erbe, der Stammhalter?

Das müssen wir abwarten, meinte die Pfarrerin. Die Hauptsache ist für uns, wie du dazu stehst.

Ich komme zu keiner Klarheit, entgegnete Sophie. Wie lieb und gut ist er immer zu mir gewesen. Ich habe ihn immer wie meine Brüder geliebt – aber mehr?

Die Mutter schwieg. Sie hatte sich in den Gedanken hineingelebt, ihre Tochter dereinst an Edgars Seite glücklich zu sehen. Dieser Ausbruch des Gefühles bei ihrer Tochter war ihr befremdlich. Sie konnte sich nicht sofort in den neuen Zusammenhang finden. Sie hielt Sophie umschlungen und sprach leise zu ihr, was Mütter in solchen Lagen zu sagen pflegen. Es sei abzuwarten, was er bringen werde, ob er auf eine Entscheidung dringe. Des Herzens Stimme rege sich bisweilen leise, kaum vernehmlich, man dürfe nicht jeder Wallung trauen, die Schüchternheit des weiblichen Herzens, die Scheu vor dem bestimmten Jawort trübe ihren Klang. Sophie hörte ihre liebevollen Worte schweigend an. In ihrem Herzen weckten sie kein freundliches Echo. Ruhe fand sie nicht. O wenn es nur nicht schon morgen wäre, seufzte sie.

Einmal muß es doch sein, erwiderte die Mutter, und du wußtest es schon lange vorher, daß er kommen würde.

Man spielt stets mit der Gefahr, bis sie plötzlich eintritt, und sie kommt plötzlich, auch wenn man sie lange vorausgesehen hat, meinte Sophie.

Wie klug du redest, sagte die Mutter und sah sie lächelnd an. Sie wußte den ersten Kummer überwunden, aber die Sache selbst lag ihr schwer auf dem Herzen. Sie ging hinüber in das Zimmer ihres Mannes. Leise trat sie ein, um ihn nicht jäh aus seinen Gedanken zu stören, da sie wußte, daß seine Arbeit der sonntäglichen Predigt galt. Sie mußte seinen erfahrnen Rat haben. Es gab eine lange ernste Unterredung. Der Pfarrer hatte das Verhältnis Edgars zu seiner Tochter nicht so ernst aufgefaßt.

Nach Männerart sah er darin eine natürliche Fortsetzung einer Jugendfreundschaft. An ernsthafte Absichten des Jünglings hatte er kaum gedacht. Auch ihm schien eine Ablehnung seitens der Eltern sehr möglich. Davon wollte die Mutter nichts wissen. Die liebe gute Baronin, sagte sie, und der treffliche Mann. – Liebes Kind, erwiderte der Pfarrer, du kennst Welt und Menschen nicht genug. inbezug auf die sogenannte Reinheit ihres Stammbaumes sind selbst sehr verständige gute Leute äußerst borniert.

– Die Pfarrerin seufzte und schwieg. Sie hatte vor ihrem Gatten und seiner größeren Erfahrung immer den höchsten Respekt. Aber was thun? Zeit gewinnen, heißt hier vieles gewinnen, meinte der Pfarrer. Wie wärs, wenn du mit Sophie die Reise ins Bad, welche schon lange in Aussicht genommen war, am Montag anträtest. Dann könnte Edgar, wenn er Ernst machen will, mit seinen Eltern sprechen, denn das ist doch für uns die Voraussetzung jedes weiteren Schrittes und er wäre durch Sophies Gegenwart nicht beunruhigt. – Darüber gab es noch längere Reden und Gegenreden, aber die Pfarrerin stimmte endlich zu und teilte Sophie den Beschluß mit, welchen sie mit dankbarer Freude aufnahm.

Eine kleine Enttäuschung war es für die Mutter, daß Sophie zu dem Empfange Edgars nicht eingeladen ward. Bis jetzt war es jedesmal geschehen. Freilich war es am Sonnabend, und sie sagte sich, daß es eine zarte Rücksicht für das geistliche Haus sei, welchem man die Beunruhigung vor dem Sonntage ersparen wollte. Doch verfing dieser Trost bei ihr selbst nicht und gegen jemand ihn auszusprechen hatte sie nicht einmal den Mut. Auch war es kaum nötig. Der Pfarrer schien gar nicht daran gedacht zu haben und Sophie verriet mit keinem Zuge Empfindlichkeit, sondern bewahrte einen musterhaften Gleichmut der Stimmung.

Anders war der Eindruck dieser Maßregel auf den heimkehrenden Jüngling. Viel zu langsam war ihm selbst die Eisenbahn dahin geschnoben, welche er streckenweise benutzt hatte, und als er dann zur Extrapost greifen mußte, hatte er die Trinkgelder nicht gespart, um den gemächlichem Schwager zu möglichster Eile zu beflügeln. Immer summten ihm Uhlands Verse im Kopf: »Welt geh' nicht unter, Himmel fall nicht ein, bis ich mag bei der Liebsten sein.« Endlich sah er die heimatlichen Höhen, dann die Baumgruppen des Parkes den Hügel hinauf, dann das Dach des Elternhauses und immer schneller und höher schlug sein Herz. Die Arbeiter auf dem Felde blieben stehen, um den jungen Herrn ehrfurchtsvoll zu grüßen. Er rief ihnen fröhliche Worte zu, um sie an der Freude seines Innern teilnehmen zu lassen. Da war der Hof erreicht. Das Federvieh stob vor dem hastig hereinrasselnden Gefährt auseinander und erhob lautes Geschrei, ob aus Freude über seine Ankunft oder aus Ärger über die Störung, das kümmerte ihn wenig. Die Hunde folgten mit Gekläff und Gebell, als der Wagen die letzte Ecke umfuhr und an dem Schlosse von Heinrichshagen hielt. Ueber dem stattlichen Portal hing eine köstliche Guirlande und auf der Treppe erschien der Vater und die Mutter, den geliebten Sohn zu begrüßen. Hinter ihnen standen die bekannten Gestalten der Gesellschafterin, des Inspectors, aber umsonst suchten seine Augen das liebe Bild, welches bis jetzt noch jedesmal ihm ein herzliches Willkommen zugewinkt hatte, ehe er noch aus dem Wagen gesprungen war, glückverheißend und liebekündend. Die Umarmungen der Eltern erstickten zunächst jedes Gefühl des Unmuts und jede Frage der Ungeduld. Man führte ihn in den Gartensaal, wo ein festlicher Imbiß bereitet stand. Tausend Fragen und Gegenfragen flogen hin und her. Immer wieder mußte er die Geschichte seiner Verwundung mit allen Einzelheiten berichten und die immer aufs neue auftauchenden Besorgnisse der Eltern beschwichtigen. Er fand nicht Zeit, nach der zu fragen, nach der sein Herz verlangte und ohne die ihn der herzlichste Empfang doch fast kalt und freudlos bedünken wollte. Wie glücklich waren seine Eltern, wie freuten sie sich des hohen stattlichen Jünglings. Wie bewunderten sie ihn, daß er um so viel männlicher geworden sei! Aber von ihr war keine Rede. Endlich, nachdem der erste Sturm sich gelegt, für seine Leidenschaft viel zu spät, das erste Wort: Du vermissest gewiß Sophie! – Wie lange schon wollte ich nach ihr fragen! – Aber es ist Sonnabend, sagte die Mutter, wir mochten das Pfarrhaus nicht in Alarm bringen. Gestern war sie noch hier und half uns die Kränze binden. – Die gute Sophie, rief er mit Innigkeit. – Morgen wirst du sie sehen. Sie soll mit den Eltern bei uns essen! – Edgar schwieg. So hatte er es nicht erwartet. Ihn überkam eine leise Ahnung feindseliger Mächte, mit welchen er zu ringen haben werde, woran sein glückbethörtes Herz bis jetzt nicht im entferntesten gedacht. Alles hatte ihm licht und klar geschienen. Eine erste Wolke vor der Sonne. So eigentümlich ruhig, gleichmütig hatte die Stimme seiner Mutter geklungen, als sie von Sophie sprach. Ein Wiederhall seines Gefühles hatte er darin gesucht, aber nicht gefunden. Sie mußte doch wissen, wie es mit ihm stand. Freilich hatte er nie mit ihr ausdrücklich darüber gesprochen. Selten sind die Eltern die ersten Vertrauten verliebter Menschen. Aber wissen mußten es doch alle, welche ihn kannten und ihn in seiner Ferienzeit zu Hause beobachteten. Er konnte noch lange keine Ruhe finden, nicht im Zimmer, nachher nicht auf seinem Lager, obwohl beides von der mütterlichen Fürsorge ihm auf das schönste und behaglichste zubereitet war.

Am andern Morgen im Gottesdienst gab es den ersten Blick. Sophie saß im Pfarrstuhl neben der Mutter, als Edgar mit seinen Eltern die Kirche betrat. Freudig liefen seine Augen über die Gestalt der Geliebten und innig entzückt war er von dem holden Anblick. Leise, wie verschämt, grüßte sie ihn mit sanftem Neigen ihres Hauptes. Der Pfarrer that das Mögliche, um die Herzen seiner Gemeinde zu erbauen. Zwei derselben aber glichen dem Wege, auf den der Same des göttlichen Wortes fällt, um liegen zu bleiben und von den Vögeln des Himmels aufgepickt zu werden. Und es waren gerade die beiden schönsten, reinsten, sonst so aufmerksam und glaubensfroh, heut von Ungeduld, Unsicherheit, Verlangen und Scheu verstürmt und friedlos. Endlich war der Segen gesprochen, der Schlußvers gesungen. Draußen wartete man auf einander. Der erste Händedruck, welchen Edgar nicht wieder hätte lösen mögen, der erste tiefe Blick, als wollte sein Auge und sein ganzes Herz sich in das stille Geheimnis des ihrigen versenken, das erste Wort, welches kaum von seinen Lippen schweben mochte, aus Scheu, gleichsam etwas von der Innigkeit einzubüßen, welche er hinein zu schließen trachtete! Beglückter Moment! Und Sophie? Stand sie nun nicht doch wieder ganz unter dem Banne dieses edlen hohen Jünglings, der in voller Jugendschöne zu ihr trat, und dessen Wesen ganz nur die eine Frage schon auszudrücken schien, ob sie ihm nicht angehören wolle für Zeit und Ewigkeit? ob sie sich und damit alles Glück und alle Wonne ihm zu schenken besinnen könne? Die kurze Begegnung hatte ihre Beobachterinnen in den beiden Müttern, deren Auge meist so scharf sieht, wie das Herz spricht. Hier traten sie mit wohlüberlegten Freundlichkeiten dazwischen. Sophie, das war von jeher die Sitte, hatte am Sonntag mit Sonntagsschule und Krankenbesuchen, namentlich bei alten, schwachen Frauen, ihren bestimmten Kreis von Pflichten. Darum mußte ja gleich Abschied genommen werden. Aber auf Wiedersehen zu Mittag! Das war der letzte Gruß. Doch brachte das Wiedersehen volles Genüge? Festlich war das Mahl bereitet und die Tafel geziert. Edgar saß neben Sophie und überschüttete sie mit Leckerbissen und drohte ihr mit Zutrinken und Anstoßen gefährlich zu werden. Der Pfarrer brachte mit geziemenden Worten die Gesundheit des aus dem Strudel der Welt, wie aus drohender Gefahr sicher und unversehrt in den Friedenshafen des Elternhauses heimkehrenden Sohnes aus und Sophie blickte ihn mit warmem Gefühle an, als sie den Kelch mit schäumendem Champagner an seinem zum Klingen brachte. Alles ließ sich köstlich und herrlich an. Doch mit des Geschickes Mächten? – Es war schon gegen Schluß der Mahlzeit, als der Baron damit herauskam, daß für morgen schon eine Einladung von dem Onkel in Grävenitz da sei, wo sie mehrere Tage bleiben sollten und Edgar die Freuden der Hirschjagd bereitet würden. Morgen schon? fragte er wenig erbaut von der Aussicht.

Aber sein Unmut stieg, als nun der Pfarrer seinerseits die bevorstehende Abreise seiner Frau und Tochter nach Pyrmont mitteilte. Fast traute er seinen Ohren nicht, als seine Mutter den Entschluß des Pfarrers pries. Es sei ja schon so lange beabsichtigt gewesen und für die Mutter wie die Tochter als Unterbrechung des ruhigen gleichmäßigen Lebens wünschenswert und hoffentlich rechte Erholung. – Warst du denn krank? fragte Edgar Sophie mit schmerzlicher Enttäuschung. – Sie verneinte, es sei der Mutter wegen. – Und gerade jetzt, wo ich komme? Konnte es nicht längst abgemacht sein? – Die Ernte, die häuslichen Arbeiten hätten im Wege gestanden. Er war untröstlich und es war gut, daß man die Tafel aufhob, das düstere Schweigen, in welches er versank, hätte sonst bedrückend wirken müssen. Offenbar hatte man etwas gegen ihn vor, aber war Sophie daran beteiligt? Er war an ihre ruhige freundschaftliche Art gewöhnt, er traute ihr keine leidenschaftliche Erregung zu, deshalb hatte ihr Wesen ihm nichts Auffallendes. Aber je mehr er grübelte, desto mehr wollte es ihm scheinen, als sei auch sie gegen ihn verändert. Etwas mehr Feuer, etwas glühenderes Wesen hätte er doch von ihr gewünscht, vielleicht erwartet. Aber du überträgst deine Empfindung und deine Natur auf sie, sagte er sich selbst beschwichtigend. Er nahm an dem Gespräche, das beim Kaffee im Gartensaal sich fortsetzte, kaum mehr Teil, immer nur mit dem einen quälenden Gedanken beschäftigt. Doch wurde er aus seiner Träumerei aufgeschreckt, als ein Brief an ihn abgegeben wurde. Der ländliche Postbote hatte ihn auf seiner Sonntagswanderung, welche er über die Gebühr ausgedehnt, gebracht. Er war von Stephan und erhielt die Nachricht, daß dieser bei Verwandten in der Nähe sich aufhalte und binnen wenigen Tagen, des Freundes Einladung folgend, eintreffen werde. Den weiteren Teil des Briefes, in welchem der lustige Mensch mit allerlei freundlichen Scherzen und Anspielungen sich breit machte, unterschlug Edgar weislich seinen Zuhörern. Das gab denn ein neues Gesprächsthema, und Edgar fand Gelegenheit, den heiteren Cumpan und die ihm von demselben geleisteten wichtigen Dienste rühmlich zu preisen. Als der Pfarrer sich mit seiner Familie zum Abschiednehmen erhob, zuckte es in Edgars Herzen leidenschaftlich auf. Sollte wirklich seiner Liebe ein ernsthaftes Hindernis drohen? Sophie sagte ihm freundliche Worte und konnte kaum die Thränen zurückhalten, wie er mit wahrer Befriedigung bemerkte. Man sprach von baldigem frohen Wiedersehen. Edgar lächelte melancholisch dazu. Ihm war trüb und seltsam zu Sinne. Er konnte den ganzen Abend nicht zur Ruhe kommen und noch spät in der Nacht irrte er im Parke umher, wandelte den kleinen Pfad zum Pfarrhause hinunter und stand davor, das Herz voll Sehnsucht und Verlangen und zugleich voll Qualen und Zweifel. Endlich faßte er den bestimmten Entschluß, offen mit seinem Vater zu reden und dessen Einwilligung zu erlangen, um mit einer Bewerbung hervorzutreten, an deren glücklichen Ausgang er dennoch nicht zweifelte.

Am andern Morgen fuhren fast zu gleicher Zeit die Bewohner von Heinrichshagen nach verschiedenen Seiten auseinander, westwärts in das westfälische Land hinein nach Grävenitz der Baron mit Frau und Sohn, nordwärts nach Pyrmont der Pfarrer mit den Seinen. Er freilich nur zu ganz kurzem Aufenthalt, da er seine Gemeinde äußerst ungern verließ. Am andern Abend schon kehrte er zurück, nachdem er die Gattin und Sophie in einer behaglichen nicht zu teuern Wohnung untergebracht hatte. Für Sophie, die noch wenig gesehen, war der Aufenthalt in dem großen vornehmen Badeorte sehr ergötzlich. Sie fand so viel zu schauen und zu bewundern, daß sie sich vier Augen statt zwei gewünscht hätte. Freundlich war die Umgebung, hügelig, waldreich und in dem vollen Glanze des Spätsommers zu Ausflügen lockend. Und wie schön ließ es sich in der herrlichen tiefschattigen Allee sitzen beim Klang der schönen Musik, wo alles, was das Bad an bemerkenswerten Persönlichkeiten angezogen hatte, sich zusammenfand, promenierend und im Glanz der neusten Moden und des höchsten Luxus sich sonnend, plaudernd, lachend. Nur die ernsthaft Leidenden, welche dazwischen mit strenger Gewissenhaftigkeit ihren Brunnen tranken, erinnerten daran, daß man sich nicht in einem bloßen Vergnügungsorte, sondern in einem der Herstellung der Gesundheit gewidmeten Platze befand. So waren die ersten Tage vergangen, einer wie der andere, in der Hauptsache geteilt zwischen Kur und Erholung und doch jeder mit besonderem Gesichte. Das was beide lebhaft innerlich beschäftigte, kam kaum zur Sprache. Sophie suchte die verschiedenen Regungen von inniger Teilnahme und – es würde zu viel gesagt sein, Abneigung, aber freundschaftlicher Gleichgültigkeit mit einander abzuwägen und auszugleichen. Die Pfarrerin vermied absichtlich vieles Reden über Dinge, die noch nicht reif waren und deren Entwickelung sie mit Spannung und Sorge entgegensah.

So kamen sie wenige Tage nach ihrer Ankunft von der kleinen Anhöhe herunter, welche ein steinernes Denkmal zur Erinnerung an Friedrich den Großen trägt, als sie am Rande des Abhanges einen Mann erblickten, eifrig mit Zeichnen beschäftigt. Offenbar wollte er das Bild der Gegend seinem Skizzenbuch einverleiben. Sophie blieb neugierig einen Moment stehen, um im Vorübergehen einen Blick von der Arbeit zu erhaschen. Der Maler, welcher es gewahrte, stand artig auf, bot ihr das Buch und sagte höflich: Es ist noch nicht viel zu sehen. Ich habe noch kaum begonnen. Die Mutter, etwas ungehalten über die unschickliche Störung, welche die Tochter veranlaßte, sagte einige Worte der Entschuldigung darüber. Aber der Fremde sagte lächelnd: O ich bitte, das macht nichts. Wir Zeichner auf der Landstraße sind doch eine Art von Vagabunden, die jedem Zugang zu ihrer Werkstatt vergönnen müssen. Und jetzt kann ich ohnehin nichts mehr deutlich genug erkennen und muß abbrechen. Er sprang auf, und indem er sich artig verbeugte, schlug er einen Waldpfad ein, auf welchem er schnell den Blicken der Damen entschwand. Sophie sah ihm noch einen Moment nach. Er hatte etwas Anziehendes in seiner Erscheinung. Das Gesicht war bleich, aber geistvoll und von einer reichen Fülle schwarzen Haares umgeben, so daß es einen ungewöhnlichen Eindruck hervorbrachte. Die Mutter zog sie fort und machte ihr gutgemeinte Vorwürfe über ihre Unbesonnenheit, mit einem wildfremden Menschen auf diese Weise in einen Verkehr zu treten. Am andern Nachmittag saßen sie in der Allee, da kam der Fremde mit anderen Wanderern daher und indem er die beiden erkannte, grüßte er sie. Da an ihrem Tische noch ein Platz frei war, bat er um die Erlaubnis, ihn besetzen zu dürfen. Dann sagte er zu Sophie: Sie haben gestern eine Zeichnung kaum begonnen gesehen, darf ich sie Ihnen jetzt zur Prüfung vorlegen? Die Mutter selbst fand an seinem bescheidenen zurückhaltenden Wesen nichts auszusetzen und so nahm Sophie das Buch und besah mit der Mutter das anziehende Blatt. Sie gab es mit einem Worte des Dankes und der Anerkennung zurück. Aber unwillkürlich entspann sich daraus ein Gespräch und im Verlauf desselben nahm der Fremde Veranlassung, auch sonst einige Bilder aus seinem Skizzenbuch vorzuweisen. Und das machte Sophie sowohl wie der Mutter so viel Vergnügen, daß die anfängliche Zurückhaltung allmählich in ein lustiges Plaudern sich auflöste. Aber groß war das Erstaunen Sophies, als sie plötzlich das Bild Edgars zwischen zahlreichen andern Köpfen und Gestalten fand. Sie wies es der Mutter. Der Maler fragte: Kennen Sie den? Gewiß, erwiderte die Pfarrerin, o wie gut. Weitere Aufklärungen waren nun unabweislich und natürlich war der Fremde niemand anders als Stephan der Maler.

Ist denn Edgar nicht in den Ferien in Heinrichshagen? fragte der Maler, mit einigem Erstaunen in dem Tone seiner Stimme.

Gewiß, am Sonntag noch haben wir seine Ankunft festlich gefeiert, erwiderte Sophie, welcher dies nicht entging, schnell.

Und Sie hier? fragte Stephan arglos weiter.

Warum sollten wir nicht hier sein? entgegnete die Jungfrau mit einem spürbaren Hauch von Unmut in ihrem Ausdruck. Sie wollte diesem Manne, welcher offenbar von Beziehungen zwischen ihr und Edgar wußte, gleich zu verstehen geben, wie sie sich dazu verhalte. Er merkte, was sie beabsichtigte und sagte, um sich aus der ihn befallenden Verlegenheit zu retten: Ich fragte nur, weil ich mich zum Besuch bei ihm angemeldet.

Sie werden ihn jetzt wohl schon wieder zu Hause finden, nahm nun die Mutter das Wort, welche dem kleinen Zwischenfall mit Verständnis gefolgt war.

Und Sie bleiben noch länger hier? fragte er ausweichend.

Ungefähr vierzehn Tage, sagte die Pfarrerin.

Trotz seiner Anmeldung bei Maltitz schien Stephan es nicht übermäßig nötig zu haben mit seiner Abreise von Pyrmont. Und wie man sich auf neutralem Boden einer Reise oder eines Badeaufenthalts leichter auch an Fremde anschließt, als es in den gewohnten Verhältnissen der Heimat möglich, so verkehrte er auch in den nächsten Tagen und zwar täglich mehr mit den beiden Frauen. Wie zufällig traf man sich morgens bei der Brunnen-Promenade, dann saß man nachmittags zusammen in der Allee und machte auch Spaziergänge und Ausflüge gemeinsam. Die Mutter konnte nichts dabei erinnern, er war durchaus zurückhaltend bei aller Offenheit und dabei von einer Heiterkeit, daß sein Verkehr wesentlich dazu mithalf, ihnen den auf die Dauer doch etwas eintönigen Aufenthalt angenehm zu machen. Und Sophie? konnte sie sich über den Eindruck täuschen, den er mit immer verstärkter Lebhaftigkeit auf sie hervorbrachte? Als er noch nach achttägigem Zusammensein sich von ihnen verabschiedete mit dem heiteren Rufe: Also auf Wiedersehen in Heinrichshagen! Da erwiderte sie denselben mit gleicher Herzlichkeit? Auf Wiedersehen! Und als sie abends der Mutter – Gute Nacht! sagte und diese bemerkte: Es ist jammerschade, daß der fidele Mensch nun nicht mehr hier ist! Da sagte sie mit frohem Antlitz: Wir werden ihn ja wiedersehen! – Sophie! sagte die Mutter, indem sie wie halb warnend, halb drohend die Hand aufhob. – Liebste Mutter, flüsterte das errötende Mädchen, ist es nicht des Herzens Stimme? –


Als Anton das Schloß betrat, fand er die männliche Jugend schon in der Halle seiner wartend. Alle vier umringten ihn mit Lobeserhebungen. Bringen Sie Herrn Brunow nicht mit? hieß es dann. Anton machte seine Entschuldigung. O wie schade! wie schade! wir hatten uns Alle auf ihn gefreut! Aber es ist doch nicht schlimm mit ihm? Anton gab beruhigende Versicherungen. Man geleitete ihn zum Gartensaal. Als er hineintrat, fand er ihn festlich beleuchtet, doch nur die älteren Personen der Gesellschaft versammelt. Vergebens suchte sein Blick die jungen Damen. Auch Fräulein Ernst fehlte noch, und die Jünglinge hatten sich gleichfalls, nachdem sie ihn zur Thür hineingeschoben, wieder entfernt. Zunächst mußte er sich nun die Dankesbezeugungen der Baronin gefallen lassen, derer wohlthuende Herzlichkeit ihn dabei am meisten ansprach. Sie war noch in sichtlicher Erregung über den ganzen Vorfall. Eine Mutter, die beinah ihr Kind, ihren Liebling, verloren hätte! Kaum vermochte sie noch ihrer Bewegung zu gebieten, als sie Anton ihre Hand reichte, um ihm zu sagen, welch ein Glück er ihr bereitet. Wie können wir Ihnen jemals genug dafür danken! In der Art, wie sie seinen Bericht über Brunows Befinden aufnahm, glaubte Anton allerdings, wenn auch nur in leichtesten Nüancen sich äußernd, eine Bestätigung der Vermutung des Malers, welcher sich damit sicher als feiner Menschenkenner erwies, zu erkennen und tröstete sich über dessen Abwesenheit. Jedenfalls aber war es für ihn eine äußerst wohlthätige Empfindung, in diesem Kreise edler Menschen ein Recht auf Zugehörigkeit erworben zu haben und im Stillen pries er die günstige Fügung der Umstände, welche dieselbe veranlaßte. Da öffnete sich plötzlich die Thür, welche aus dem Gartensaal in einem daranstoßenden Salon führte und in demselben erschien ein phantastisch altertümlich gekleideter Herold, um mit feierlichen, wohlgesetzten Worten, denen er mit Geschick einen an das Mittelalter erinnernden Klang gab, die hochansehnliche Versammlung einzuladen, in das zweite Gemach einzutreten, wo das Schauspiel gleich seinen Anfang nehmen werde. Unschwer hatte Anton in dem Herolde Albert erkannt. Schon Alles bereit? fragte der Baron und forderte den Techniker auf, der Dame vom Hause seinen Arm zu geben. Man fand eintretend Stühle und Sessel nach der Anzahl der Gäste gesetzt und befand sich vor einer Art Bühne, die einfach genug aus Setzschirmen und einigen Vorsatzstücken hergerichtet, doch mit grünen Gewächsen umstellt einen freundlichen Eindruck machte. Anton mußte in der ersten Reihe der Zuschauer neben dem Baron Platz nehmen. Nach kurzer Pause begann die Musik. Der erste Satz der Cis-moll- (Mondschein-) Sonate von Beethoven, kunstvoll vorgetragen – von Fräulein Ernst, wie der Baron Anton zuflüsterte – erweckte eine weihevolle Stimmung und bereitete auf Feierliches, Erhebendes vor. Dann nachdem leise die herrlich ergreifenden Klänge verhallt waren, erschien plötzlich Marie in weißem Kleide, mit Schilfkranz und Wasserrosen als Nymphe. Es muß hier der Wahrheit gemäß bemerkt werden, daß sie sehr schöne Verse sprach, aber dieselben, wenn auch mit einigem Geschick ablas, um dem so schnell improvisierten Feste jeden Anschein des Wunderbaren und übernatürlichen zu nehmen. Man war auf dem Schloße auf kleine theatralische Vorstellungen, das Stellen lebender Bilder wahrhaft erpicht und mit einer Menge dazu nötiger Utensilien, wie namentlich einer zahlreichen Garderobe, versehen, die bei Tage betrachtet sich sehr abenteuerlich und buntscheckig präsentiert haben würde, bei Lampenlicht jedoch den besten Eindruck machte, besonders bei anspruchsloser Aufnahme und gutem Humor. Fräulein Ernst aber hatte ein hübsches poetisches Talent für Erfindung von kleinen Gelegenheitsstücken und es kann nicht verschwiegen werden, daß sie durch die Vorgänge des Nachmittags allerdings in eine große Erregung versetzt war. Sie schwärmte in der That für Antons Heldenmut, um so mehr, weil die gerettete Bertha auch ihr besonders am Herzen lag, ja ihr ausgesprochener Liebling war. Sie hatte sich schnell etwas zusammenphantasiert, was nicht mehr hatte gelernt werden können, sondern gelesen werden mußte, soweit nicht die Agierenden es sich herausnahmen, keck zu improvisieren, was sich namentlich die jungen Leute gestatteten. Nachdem die schöne Nymphe mit rührenden Worten die Stille und poetische Klarheit des Wassers gepriesen, schien plötzlich eine Beunruhigung sie zu ergreifen. Sie erwartete offenbar eine Störung ihres Friedens und verließ die Bühne, um sich nach derselben umzusehen. Da erschienen vier rohere Tritonen, die einen ziemlichen Lärm verursachten, sich wegen der Öde ihres einsamen Lebens beklagten und über die keusche Hoheit der Nymphe, die allen Bewerbungen unzugänglich sei, allerlei ausfallende und anzügliche Bemerkungen machten. Sie verrieten entschieden Lust nach den schönen Töchtern der Menschen, welche ihnen frohere Genossenschaft versprachen und nahmen sich vor, bei nächster Gelegenheit einen Raub an einer solchen zu begehen. Indem sie in die Höhe blickten, behaupteten sie ein Schiff herankommen zu sehen und mit heftigen Bewegungen und grotesken Tänzen setzten sie ihr feuchtes Element in Bewegung. Jetzt erscholl hinter der Scene weiblicher Angstruf und die wilden Wassergeister stürzten davon, sich der Beute zu bemächtigen. Da ward auf einem mit Schilf und Wasserblumen bekränzten Ruhelager ein schlafendes Kind auf die Bühne geschoben. Es war die beinah verunglückte Bertha. Und wieder erschien die Nymphe und als das Kind erwachte und sich verwundert umsah, da redete sie tröstende Worte, wie sie dafür sorgen wollte, daß sie den Ihrigen zurückgegeben werde. Doch noch gab es heiße Momente. Drei der Tritonen kehrten zurück, um die holde Jungfrau in ihre Gewalt zu bringen. Die Nymphe, zu der sich noch einige ihrer Schwestern gesellten, suchten mit hohen Worten dieselbe zu schützen. Kaum vermochte sie es, denn immer dreister und begehrlicher ward der Mut der Unholde, aber plötzlich erschien ein Ritter, »Anton«, wie er sich nannte, in strahlender Rüstung. Vor dem Funkeln seiner Lanze wich der Übermut der Tritonen. Sie stoben von dannen. Mit sittigen Worten wandte sich dann der Held zur Nymphe, sie um Erlaubnis zu bitten, die Jungfrau wieder aus ihrem feuchten Gefängnis zu entführen. Er schildert beweglich den Schmerz der Eltern und Geschwister, selbst des Fräulein Ernst, um die Geraubte. Zwar drohten aus den Coulissen öfters geballte Fäuste und zornige Mienen der um ihren Raub gebrachten Wassergeister, doch hervor wagte sich keiner derselben mehr. Die Nymphe lobte den Heldenmut des Ritters in feurigen Worten und erklärte, daß sie seinem edlen Beginnen nichts in den Weg lege, worauf er die Hand des Mädchens ergriff und sich auf den Weg zu machen schien. Die Vorstellung hatte ihr Ende erreicht. Der Vorhang zog sich zusammen. Der Applaus der Zuschauer war vorüber, alle Darsteller hatten dem Hervorrufe Folge leisten müssen, wobei sich freilich der lächerliche Umstand ereignete, daß Albert, um der Dreiheit seiner Rollen Genüge zu leisten, die Rüstung des Ritters mit dem Schilf der Tritonen bekränzte und auf sein Haupt das Barett des Herolds gestülpt hatte. Aber als sie sich eben alle zurückgezogen, öffnete sich noch einmal die Gardine und es erschien ein Transparent, das in rotem Papier die Worte leuchten ließ: »Heil Anton Brandolf, dem heldenmütigen Lebensretter.«

Dieser war tief gerührt von einer so anspruchslosen und doch herzlich gemeinten Ovation. Er war dergleichen so gar nicht gewohnt. Sein Leben hatte ihn nie in den Mittelpunkt einer Feier gestellt, und er fühlte sich von der ganzen Veranstaltung fast bedrückt. Aber man half ihm freundlich darüber hinweg und als die kleine Truppe die Metamorphose von Elfen und Geistern zu fröhlichen Jungen und Mädchen vollzogen hatte und in dem Gartensaal, wohin man sich wieder begeben hatte, in der Gesellschaft erschien, da war so viel Scherz und Lachen und Heiterkeit, daß keinerlei ernste Gedanken Raum hatten. Nur Bertha war gegen ihre Gewohnheit still. Sie war gleich auf Anton zugegangen und hatte ihm mit rührenden Worten gedankt. Sie hatte doch von dem ganzen Ereignis einen tiefen Eindruck empfangen. Daß ihr besonderer Liebling, der Maler, nicht erschienen war, bedauerte sie sehr, aber es ließ sich doch aus den Blicken dankbarer Verehrung, mit denen sie zu Anton hinaufschaute, ein Interesse für denselben herauslesen, welches ihrer Neigung zu Brunow gefährlich zu werden drohte. Man ging zu Tisch und hier ließ es sich Herr von Maltitz nicht nehmen, in einem kräftigen Trinkspruch auf Anton noch einmal mit dem Ausdruck herzlicher Dankbarkeit des heutigen Ereignisses zu gedenken und auf sein Wohl zu trinken. Alles stimmte begeistert ein, und umringte den tief gerührten Jüngling, der noch viel mehr überrascht wurde, als heimlich von hinten Maria sein Haupt mit einem Lorbeerkranz schmückte.

Bravo, rief Maltitz.

Bravo, riefen alle Jünglinge und klatschten in die Hände, und aufbehalten! als er tief beschämt sich des Schmuckes wieder entledigte. Sein Dank war nur Stammeln, aber auch das nahm man freundlich auf, da man die Ergriffenheit seines Herzens herausfühlte.

In seinem Toaste hatte der Baron auch das Wort »nun unser lieber« Gastfreund einschließen lassen.

Maria hatte dabei ihrem Vater zugenickt, er hatte sie verstanden, und als sich der freudige Tumult gelegt, trat er mit der Tochter zu Maltitz und sagte: Sie haben den Helden des Tages als Gastfreund begrüßt, dürfen wir ihn nicht für uns reclamieren? Prioritätsrechte können wir jedenfalls geltend machen. Etwas überrascht sah Maltitz ihn an, aber ein Blick in Mariens leuchtendes Auge schien seine Entscheidung zu bestimmen.

Da sehen Sie nun, Fräulein Ernst, und Ihr Jungen was Ihr angerichtet habt, rief er in guter Laune, als Ihr den Lebensretter in pudelnasser Hilflosigkeit sich selbst überlassen habt. Nun machen sie uns den barmherzigen Samariter streitig und wir haben kein Recht, ihnen denselben vorzuenthalten. Er hat uns zwar Bertha gerettet, aber der Pastor und seine Tochter haben ihn gerettet, nämlich von Unbequemlichkeit nicht nur, sondern auch von schwerer Krankheit. –

Nun wollte die Jugend zwar Protest erheben und die älteren der Knaben ließen sich mit Marie auf ein förmliches Parlamentieren ein. Aber es blieb denn doch dabei.

Nur, sagte Maltitz lächelnd, dürfen Sie mir meinen Techniker nicht der übernommenen Arbeit entziehen. – Und vor allem müssen wir gute Nachbarschaft halten, rief die Jugend. Und so trennte man sich in herzlicher Einigkeit. Als aber die Familie des Pastors mit ihrem Gaste auf dem Heimweg war. sagte Anton:

Gestatten Sie mir erst noch, den armen Brunow aufzusuchen. Ich habe es ihm versprochen, auch liegt er mir sehr am Herzen. Es ging ihm entschieden schlecht. – Der Pastor wollte mit. Anton bat ihn alleine gehen zu lassen, da er glaubte, daß es Brunow lieber sein werde, den Weg könne er bei dem hellen Mondenschein sehr gut finden.

Ich werde Ihre Wiederkehr erwarten, sagte der Pastor.

Als Anton den Krug erreichte, trat ihm der Wirt entgegen und sagte ihm, der Maler sei nicht mehr oben.

Nicht mehr hier? fragte Anton überrascht.

Nein, er kam vor einer halben Stunde oben herunter und sagte, er müsse noch heut Abend fort. –

Aber wohin denn? fragte Anton ungeduldig.

Er ist diesen Weg hinunter gegangen, erwiderte der Wirt.

Wie konnten Sie ihn gehen lassen? sagte Anton vorwurfsvoll. Er lag im Fieber, als ich bei ihm war. Er wird noch krank sein und ist in seinen Phantasien vielleicht davon gelaufen.

Der Mann zuckte die Achseln.

Lassen Sie mich hinaufgehen, sagte Anton, ich muß sehen, ob er nicht etwas für mich zurückgelassen hat. Er sprach vorher davon, er wollte fort, ich habe es ihm ausgeredet. Vielleicht hat er mir noch Aufträge gegeben.

Der Wirt ging in das Gastzimmer, um ein Licht zu holen, während Anton auf dem Flur stehen blieb. Durch die offene Thür sah er noch einige Gäste um den Tisch sitzen. Einer davon kam ihm sehr bekannt vor. Er saß in der Ecke mit verdrießlicher Miene. Als der Wirt das Licht an dem auf dem Tisch stehenden anzündete, blickte er auf und sah zu Anton, auf den der volle Schein der Flamme fiel, hinüber. Ein häßlicher Zug von Grimm und Bosheit glitt über sein Gesicht. War das nicht der Schlosser Martin? Wie ein verdunkelnder Hauch fiel dieses Bild in Antons Festtagsstimmung hinein. Der Wirt schloß beim Heraustreten die Thür und Anton stieg sinnend die Treppe hinan. Er hatte sich nicht getäuscht, als er von dem Maler noch einen Auftrag vorzufinden vermutet hatte. Auf dem Tisch des verschlossenen Zimmers lag ein kleiner zusammengefalteter an ihn adressierter Zettel, welcher die Worte enthielt: Besorgen Sie meine Arbeiten nach Grafenberg und berichtigen Sie meine Rechnung hier auf Kosten meines dortigen Guthabens. Ich muß fort, wohin, braucht niemand zu wissen.

Ein toller Mensch, murmelte Anton zwischen den Zähnen. Eine Ausgeburt seiner Fieberhitze. Er überlegte einen Moment, dann rief er den Wirt herbei und trug ihm auf, sofort noch jemand nach dem Pfarrhause zu senden, er werde die Nacht nicht kommen, da er den Maler suchen müsse, der sicherlich irgendwo zusammengebrochen sei. Für alle Kosten hafte er. Er hatte das mit dem Wirt eben verhandelt, die Thür des Zimmerchens hatte dabei offen gestanden. Er konnte nicht sehen, daß währenddem ein Mensch unten am Fuße der Treppe stand und jedes seiner Worte gierig aufzufangen schien. Er hörte nur, daß als er geendet hatte und der Wirt genaue Befolgung seiner Aufträge gelobte, hastige Schritte das Haus verließen und die Thür hastig zugeschlagen wurde. Ihm fiel der wüste Bursche unten im Gastzimmer ein. Er fragte den Wirt nach demselben.

Er kenne ihn nicht, sagte dieser, es sei ein Gast unter vielen, der heut zum erstenmale sein Haus betreten habe.

So verließ Anton das Haus und schlug rasch die Straße ein, auf welcher Brunow nach Angabe des Wirtes davongegangen war. Sie führe direct zum Strom, wo eine Fähre den Verkehr über denselben bewirkte. Der Mond schien hell, die Straße lag ganz deutlich vor ihm. An beiden Seiten derselben standen Bäume, welche im glänzenden Licht eine breite Schattenlinie bildeten. Er ging rasch dahin. Vergebens aber suchte sein Auge nach irgend einer Spur des Verschwundenen. Menschenleer lag der Weg vor ihm und nur der Schall seiner eigenen Schritte auf dem harten Grunde der Straße unterbrach die feierliche Stille der Nacht. Freilich hätte er sich Zeit genommen, genauer seine Umgebung zu durchmustern, würde er eine andere menschliche Gestalt erblickt haben, welche in der Nähe des Wirtshauses gelauert hatte und mit abgezogenen Stiefeln lautlos in dem tiefen Schatten der Bäume hinter ihm herglitt, mit wuterfülltem Herzen Gedanken des Hasses und der Rache brütend.

Eine Viertelstunde mochte Anton so gegangen sein, da kündete leises Rauschen die Nähe des Stromes an. Noch sah er ihn nicht. Doch erkannte sein Auge die breite Einfassung von Weidengestrüpp, welches ihn an beiden Seiten begleitete. Jetzt blitzte das Licht des Mondes schon funkelnd auf dem Wasser. Zur Seite dicht an das Gebüsch gelehnt stand die kleine Hütte des Fährmannes. Da in dem Moment, als Anton den Weg verließ, um den Fergen herauszupochen und wenigstens Erkundigungen einzuziehen, sprang Martin herzu, stürzte sich von hinten auf den arglosen Jüngling und indem er mit der linken Hand seinen Hals umklammerte, um ihn am Schreien zu verhindern, bemühte er sich, ihm mit der Rechten das geöffnete starke Messer ins Herz zu stoßen. Vergebens bemühte Anton sich, den Unhold abzuschütteln, der eiserne Griff an seiner Kehle gestattete ihm nur, ein lautes Stöhnen hervorzubringen, rufen konnte er nicht und schon fühlte er wie sich das Messer, trotzdem er den Arm seines Gegners selbst umklammert hatte, in seine Brust einzubohren begann, als plötzlich aus dem Gebüsch eine Gestalt auftauchte, blitzschnell hervorsprang und mit wuchtigem Knotenstock dem bübischen Angreifer einige so derbe Schläge auf den Kopf versetzte, daß er taumelnd zusammenbrach, der linke Arm kraftlos herabsank und die rechte Hand die tödliche Waffe fallen ließ.

Gerettet, rief eine jubelnde Stimme, in der Anton die des Gesuchten erkannte, auch wenn ihn nicht seine dunkle Mähne verraten hätte. Gelobt sei Gott! Gefunden, gab Anton freudig zurück.


Du kennst nun meine Ansicht, sagte der alte Baron zu Edgar. Sie waren von Grävenitz zurückgekehrt. Es waren für diesen bange Tage gewesen. Alle Lustbarkeiten, welche die Verwandten für ihn veranstaltet hatten, waren ihm gleichgültig geblieben. Er war auf die Jagd gegangen, sein gewohntes Glück hatte ihn begleitet. Er hatte einen stattlichen Achtender erlegt, ohne ein Gefühl des Triumphes zu empfinden, er hatte geritten, Pistolen geschossen, getanzt, Alles wie mechanisch, ohne mit seiner Seele dabei zu sein. Mit Gewalt mußte er sich aus seinem Brüten emporreißen, um nicht allzu sehr als stummer Gast zu erscheinen und durch zu große Trübseligkeit diejenigen zu kränken, welche es auf Freude für ihn abgesehen hatten. Immer schwebten seine Gedanken um das eine holde Bild, das ihm ferne war und das, je mehr er sich mit seiner Seele in ein stilles Anschauen davor versenkte, sich immer mehr vor seinen Blicken verschleierte. Vergebens hatte er versucht, bei seinem Vater die ihm so wichtige Angelegenheit ins Reine zu bringen. War es nur die Unruhe und die Störungen der festlichen Tage, welche ihm einen ruhigen Austausch der schweren Gedanken unmöglich machten? oder wich der Vater absichtlich seinen Annäherungen aus? Daß dieser ihn öfters mit ernstem Blicke betrachtete, daß das Auge der Mutter oft sorgend, oft mißbilligend auf ihm ruhte, empfand er wohl. Zu einer Verständigung kam es nicht. So war die Rückreise vollbracht. Die Anwesenheit der Gesellschafterin der Mutter in demselben Wagen hatte alle Erörterungen auch da unmöglich gemacht. Kaum aber war man wieder in Heinrichshagen, als er den Vater in dessen Arbeitszimmer aufsuchte und ihm nun offen seinem Gemütszustand darlegte. Dieser hörte ihn schweigend an. Er war eine ruhige ernste Natur. Alles Heftige, Gewaltsame in Empfindung und Gefühlsäußerung lag ihm fern. Mit scheinbarem Gleichmut vernahm er Edgars Geständnis. Als der Sohn in großer Erregung vollendet hatte, ergriff er das Wort. Was er sagte, hatte für Edgar nichts Verletzendes. Er sprach in ernstem natürlichen Tone. Er legte auseinander, daß der Sohn durch eine nicht standesgemäße Verbindung seine etwaigen Nachkommen von dem ferneren Besitz der Güter ausschließen werde, daß er deshalb sich jedenfalls ernstlich prüfen möge. Er wolle ihm kein Hindernis in den Weg legen. Glaube Edgar nur, mit Sophie, die er selbst persönlich sehr schätze, wie auch ihre Eltern, glücklich werden zu können, so möge er sein Glück versuchen. Jedenfalls sei es ihm lieber, wenn er sich noch besinnen und sich Zeit lasse, zu vergessen oder wenigstens die Unveränderlichkeit seiner Gefühle zu prüfen. Dann schloß er mit den oben erwähnten Worten.

Ich danke Dir, sagte Edgar tief bewegt. Ich wagte kaum so viel Güte und Offenheit bei Dir zu erwarten. Das übertrifft meine Hoffnungen.

Sei mein guter Sohn, sagte der Alte und reichte ihm die Hand.

Drei Tage waren dann vorübergegangen. Auch die Mutter hatte eingehend mit ihm gesprochen. In der Hauptsache zeigte sie sich mit dem Gatten einig. Doch wußte sie die Schattenseiten der Mesalliance, wenngleich sie sich hütete, dieses Wort ihrem Sohn gegenüber zu gebrauchen, vielmehr es in nicht selten kühnen Wendungen umschrieb, schärfer hervorzuheben und das Glück einer standesgemäßen Verbindung gebührend herauszustreichen. Das machte auf Edgar jedoch geringen Eindruck. Er ging nach der dreitägigen ausbedungenen Wartezeit zu dem würdigen Prediger, um mit dem offen zu reden. Dem alten Mann war das Herz schwer, als er in das offene zutrauensvolle Gemüt des Jünglings hineinblicken durfte, den er so lange schon kannte und den er auf seiner Lebensbahn immer mit inniger Teilnahme begleitet hatte. Er vermochte es nicht über sich ihm seine Hoffnungen zu rauben, wenn er auch andeutete, daß er seiner Tochter keineswegs völlig sicher sei. Man wolle ihre Rückkehr abwarten, ehe man auf Entscheidung dringe. Er werde jedenfalls seine Sache bei ihr führen, denn, schloß er seine Worte, indem er den Jüngling bewegt an sein Herz drückte, was könnte mir Lieberes und Tröstlicheres begegnen, als mein Kleinod in so treue zuverlässige Hände zu legen!

Tiefbewegt ging Edgar nach Hause. Da sah er auf dem Wege vom Schlosse her sich einen Menschen entgegenkommen, den er mit inniger Freude begrüßte. Es war Stephan, der inzwischen eingetroffen.

Willkommen, Freund, rief er ihm entgegen. Wie schön daß Du Wort hältst.

Wie natürlich, daß ich eine solche Einladung nicht vergesse, entgegnete Stephan mit fröhlichem Lachen. Du lebst ja süperb hier. Das reine Paradies. Und du weißt, wo ich herkomme?

Nein, entgegnete Edgar.

Wirklich nicht? siehst Du nicht den Abglanz Deines Glückes auf meinen Wangen schimmern? Welch ein Mädchen?

Du warst in Pyrmont?

Von dort komme ich.

O, rief Edgar überrascht, Du hast sie gesehen?

Wie könnte ich anders. Wie könnte dies Juwel meinem Auge, einem Malerauge, verborgen bleiben? Ich bin von meinem Weiberhasse gründlich geheilt. Ich bewundere, ich verehre sie und durch sie ist ihr Geschlecht um fünfzig, achtzig, ja, was sage ich um volle hundert Procent in meinen Augen gestiegen.

Erzähle, erzähle, unterbrach Edgar mit einem leisen Gefühl des Mißfallens seinen pathetischen Erguß.

Und nun berichtete Stephan alles im Zusammenhange. Freilich war ein rechter Zusammenhang doch nicht in seinen Worten. Er berichtete von der ersten Begegnung und dann kam wieder ein dithyrambischer Ausbruch seines Gefühles. Mit tiefer Bewegung hörte Edgar zu. Bisweilen zog sich doch sein Herz krampfhaft zusammen, wenn er in das glühende Antlitz des Freundes blickte. Mußte nicht die heitere, frische Art des Malers auf ein Mädchenherz einen tiefen Eindruck hervorbringen? Er verglich unwillkürlich seine ruhige stille Art mit der sprudelnden Lebendigkeit des andern und versank immer mehr in ein tiefes, ernstes, schmerzliches Sinnen. Stephan merkte es nicht. Er redete auf das Lebhafteste weiter, immer bemüht, den Reiz der Geliebten dem Freunde zu preisen und immer mehr verratend, wie ihr Bild in seinem eigenen Herzen glühe. Sie waren lange umhergewandert. Endlich kehrten sie ins Schloß zurück. Der Baron und die Baronin freuten sich des angenehmen heitern Gesellschafters und der Abend verstrich in fröhlichem Geplauder. Als Stephan auf andere Dinge gelenkt war und aus seinem Münchener Leben erzählte, da schwand auch für Edgar jeder Grund des Kummers und er hörte ihm mit der alten Freude zu.

Und was meinst Du, fragte der Maler zum Schluß, wo ich nur noch vor drei Wochen gewesen bin? Wieder in Hundsbach und habe ein fröhlich Fest mit gefeiert.

Doch nicht gar ein Hochzeitsfest? lachte Edgar.

Freilich und was für eins!

Das der Katharine mit dem Adam?

Getroffen, rief Stephan und berichtete, wie die Sache verlaufen sei. Adam hatte sich, seinem Rate folgend, eine Zeit verborgen gehalten, dann war die Geschichte vergessen und nun war die Hochzeit gewesen. Und was hab' ich ihr geschenkt? fragte er lachend. Ein paar derbe Pantoffeln und habe ihr gesagt, was sie damit machen sollte. Und der lange Adam stand dabei, trocken wie immer, lachte aber ganz vergnügt, als ginge es ihn garnichts an. Sie wird ihn schon regieren, daß es eine Art hat. – Das kann er gebrauchen, meinte Edgar. – Sicher und er hat es gut getroffen. –

Der Maler machte es sich im Schlosse bequem. Er fing auch an, einiges aus der Gegend aufzunehmen. Als sie eines Morgens auf dem uns schon bekannten kleinen Hügel im Park saßen, trat der Pastor zu ihnen. Heute Abend kommen die Meinen wieder, sagte er mit einem bedeutsamen Blick auf Edgar. – Victoria, rief der Maler. Aber noch seh' ich Ihr Haus ohne freudigen Schmuck. Wo sind die Guirlanden in der Thür, die Fahnen am Giebel, die Blumen auf den Wegen, die ihr kleiner Fuß zuerst betreten wird?

Wir sind solche Dinge nicht gewohnt, sagte der

Geistliche. Mein Kind weiß, daß sie ohnehin im elterlichen Hause willkommen ist.

Lassen Sie mich machen, rief der Maler. Dem Pastor war dieser von vorn herein nicht sehr angenehm gewesen. Ihm fehlte ein Zug von Bestimmtheit, von Solidität der sittlichen Anschauung im höchsten Sinne dieses Wortes in dessen Charakter. Auch seine Leistungen als Künstler, soviel er darüber hatte herausbringen können, schienen ihm nicht vielversprechend. Ließ sein Alter auch noch nicht große Werke von durchschlagendem Werte erwarten, so schien es doch nach manchen Äußerungen, als ob sein Talent überhaupt noch nicht den richtigen Curs steuere. Die auf sein Schaffen bezüglichen Bemerkungen waren unbestimmt, z. t. widersprechend. Er sammelte Studien und Skizzen aller Art, aber wo blieb die Verwertung? Es waren nur Anfänge, Vorsätze, von denen er zu berichten wußte. Nach allem diesen war der ehrliche Prediger nur allzu geneigt, Stephan bei all der anziehenden Frische seines Wesens doch nur für einen »Halben« gelten zu lassen. Und vor »Halben« hatte seine ganze Natur nur Abscheu. Dieser Enthusiasmus für den Empfang seiner Tochter berührte ihn deshalb seltsam. Er suchte abzuwehren. Aber damit kam er nicht weit. Vielmehr liefen die beiden Jünglinge gleich davon, um was sie vorhatten, auszuführen. Kopfschüttelnd ging der geistliche Herr nach seiner Behausung hinunter. Nachmittags gegen fünf hörte er das Rollen von Rädern. Er hatte die Seinen so früh noch nicht erwartet und trat mit einigem Erstaunen an's Fenster. Aber siehe, es war noch nicht der Reisewagen, sondern ein kleines Handwägelchen, auf dem der ganze Empfang aufgehäuft war und Stephan und Edgar folgten demselben unmittelbar. Jetzt zeigte sich der erstere groß. Im Augenblick hatte er eine Gardinenleiter geholt und arbeitete an der Ausschmückung mit einem Eifer und Geschick, als wenn sein Loos ihn zu nichts Höherem bestimmt hätte. Über der Thür war ein mächtiges Schild angebracht, das in farbigen Riesenbuchstaben die Inschrift trug: Willkommen. Das gleiche Wort prangte auf einem zur Fahne verarbeiteten großen Leintuche, das auf der Giebelseite, welche sich zuerst den Blicken der Ankommenden darbot, befestigt wurde. Guirlanden von kunstloser Arbeit, aber für den momentanen Effect brauchbar genug und mit den roten Beeren der Eberesche, Georginen und Astern in leuchtenden Farben reichlich geschmückt, umgaben die Thür. Der Platz vor dem Hause, wo der Wagen halten mußte, und die Stufen der Treppe wurden dick mit Grün und Blumen bestreut. Der Pastor drohte lächelnd mit dem Finger den Eifrigen zu, aber diese fingen nur sein Lächeln auf und lachten herzlich zu ihm empor. Als sie ihr Werk beendet, verschwanden sie. Aber Stephan sagte zu Edgar: Wir sollten uns doch hier möglichst nahe verbergen, um verstohlen die Wirkung beobachten zu können, welche unsere That auf ihre Lieblichkeit hervorbringt. Sie fanden ein Versteck in der Nähe des Hauses im Gebüsch und sahen es, wie Sophie mit leuchtenden Blicken die Herrlichkeit anstaunte und Stephan hörte mit Wonne, daß, als der Pastor ihre Frage nach dem Urheber derselben mit seinem Namen beantwortete, frohlockend ausrief: Das sieht ihm ähnlich, er ist ein Prachtmensch. – Auch Edgar hatte diese Worte vernommen und ein melancholischer Seufzer war die Wirkung, welche sie bei ihm hervorbrachten. Und als sie nun bald nachher, gleichsam vom Schlosse kommend, im Pfarrhause zur Begrüßung erschienen und Sophie ihnen entgegentrat, und zwar Edgar zunächst die Hand reichte, aber doch schon mit ihrer ganzen Seele zu dem Maler hinübereilte und ihm die feurigen Dankesworte zurief für seine schöne Überraschung, da fühlte er mit Entsetzen, daß seine Partie verloren sei und obwohl er sich mechanisch an dem heiteren Gespräch zu beteiligen suchte, das beide sogleich mit einander anknüpften, er über Stephans Scherze lachte, und selbst muntere Fragen an Sophie richtete, das fühlte er, daß bei ihnen das Herz seine Stimme mit erhebe, während er nur mit dem Kopf und dem Willen, seine Erregung zu verbergen, thätig sei. So trennte man sich endlich.

Der Pfarrer benutzte noch ein ruhiges, halbes Stündchen des Abends, um Sophie mit Edgars Werbung bekannt zu machen. Er hielt es für seine Pflicht, dem Ärmsten möglichst bald Gewißheit zu verschaffen. Die Aufnahme seiner Worte war nicht die, welche er wünschte. Sophie gab ihm offen zu erkennen, daß sie Edgar stets geschätzt, sie gab zu, wie einen Bruder geliebt habe, aber daß nichts Lebhafteres in ihr für ihn spreche, kein inneres Gefühl sie zu ihm ziehe. Und als der Pastor wärmer wurde und ihre Empfindung als eine nur momentane, nicht eben als dauernden Ausdruck ihres Innern gelten lassen wollte, da ward sie lebhaft, widersprach mit einem Eifer, welchen er kaum an ihr kannte, und rief zuletzt weinend: Willst Du mich denn zu einer Ehe mit ihm zwingen? – Das sollte nun freilich nicht geschehen und mit trauerndem Herzen stand er von seinem Drängen ab. Anderen Tages kam der Moment, wo sie es ihm selber sagen mußte. Hatte sie sich früher davor gefürchtet, jetzt hatte es seine Schrecken für sie verloren. Sie war sich klar geworden und aus der Unentschiedenheit ihres Gefühles zu voller Sicherheit erwacht, konnte sie mit mildem Ernste ihm für seine Liebe danken, aber ihm ebenso bestimmt erklären, daß seine glühenden Worte kein gleiches Feuer in ihr entzündeten. Als er aber dann zum Schlusse sagte: Du liebst einen Andern! Da lief dunkler Flammenschein über ihr Gesicht, aber sie blieb die Antwort schuldig. Ich weiß es, rief er mit sich selbst-vergessender Heftigkeit, ich weiß es Du liebst Stephan, – und nachdem er eine kleine Pause gemacht, ihre Antwort zu erwarten, aber ihre Lippen schwiegen, während allerdings das Blitzen ihres Auges und das Klopfen ihres Herzens beredte Sprache redeten, da schlug er die Hand vor die Augen und mit den Worten: Und ich selbst habe sie zusammengeführt! stürzte er aus dem Zimmer.

Sophie blieb in tiefer Ergriffenheit zurück. Sie hatte gehandelt, wie sie es sich schuldig zu sein glaubte. Ihrer einfachen Natur entsprach es, den Impulsen ihres Innern vor allem gehorsam zu sein. Sie konnte nicht bereuen, was sie gethan, als sie einen Thatbestand aufdeckte, welcher wie schmerzlich auch immer, doch nicht auf die Dauer zu verschleiern war. Sie empfand inniges Mitgefühl mit dem Jüngling, der ihr so wert war und der nun im Schmerz von ihr gestürmt war, gewiß mit einer unsäglichen Bitterkeit im Herzen, dem sie weh gethan für so große Liebe und Treue. Aber sie konnte nicht anders.

Ja in Edgar tobte allerdings ein Sturm von Gefühlen, wie er ihm sonst fremd war. Seine einheitlich angelegte, harmonische Natur kannte die Doppelströmungen des Innern mit ihren Strudeln und Untiefen nicht. Er empfand einen unsäglichen Abscheu gegen Stephan, den er schnödesten Verrates zieh, aber er mußte sich dabei doch sagen, daß die Natur allein ihren Lauf gehabt und ihren Weg gegangen sei. Wen konnte er verantwortlich machen? War jener nicht verführerisch? und ihr Herz nicht ungebunden? wenigstens noch unverpflichtet? warum hatte er nicht längst geschrieben und dadurch eine Entscheidung bewirkt? Damals hatte sie Stephan noch nicht gesehen! Aber er war zu tugendhaft, zu wohlerzogen gewesen, um den von dem Anstande geforderten Instanzenweg zu verlassen! O diese abscheuliche Zucht und Sitte, diese nichtswürdige Wohlanständigkeit, die für den Schmuck seines Lebens gegolten, bei Allen, welche ihn kannten, und die ihn nun betrog um Alles, was für ihn Wert gehabt hatte, Liebe und Freundschaft! So lag er auf seinem Zimmer eingeschlossen den ganzen Abend und die ganze Nacht. Er war nicht zum Abendbrot unten erschienen, er hatte seinen Eltern eine entschiedene Weigerung gegeben, als sie Einlaß begehrten. Er wollte und konnte niemand sehen!

Sophie ahnte, was in ihm vorging. Sie lag noch lange im Fenster, um in die Nacht hinauszuträumen. Da knisterten leise Schritte auf dem Kieswege. Eine Gestalt huschte heran. Sie blieb zwar im Schatten der nächsten Bäume stehen, aber es war Sophie, als sähe sie ein paar leuchtende Augen auf sich gerichtet. Sie war im Begriff zurückzutreten, da rief es leise von unten »Sophie, holde Sophie?« Und als sie nun einen Moment noch zögerte, da trat der Erwartete aus seinem Versteck hervor, und rief ihr nur wenige Worte zu, aber sie waren entscheidend für ihr Leben, denn sie hauchte aus der Tiefe ihres Herzens seiner dringenden Frage ein festes freudiges Ja herunter. Er kehrte nicht ins Schloß zurück. Was dort geschehen, er wußte es; daß er dem Freunde nicht mehr vor die Augen treten würde, stand in ihm fest. Er mußte ihm für einen Verräter gehalten und konnte sich doch nicht schuldig finden. Er brachte die Nacht im Park zu. Es war herbstlich rauh, schwer rieselte der Nachtthau auf ihn hernieder Aber es focht ihn nicht an. Er wanderte umher, er fand einige Ruhe in einem der kleinen Lusthäuschen. Der eben aufblühende Morgen fand ihn in der Nähe des Pfarrhauses. Sophie stand schon hinter ihrem Fenster. Er winkte, sie kam und Arm in Arm wandelten sie den kleinen Weg auf und ab. Sie hatten sich viel zu sagen. Er zog aus seiner Tasche ein kleines hübsches Brunnenglas, wie man sie in Pyrmont gebrauchte. Es enthielt die Anfangsbuchstaben ihrer Namen, das doppelte S im zierlichen Monogramm eingeschnitten. Ich habe es schon aus Pyrmont für Dich mitgebracht, sagte er. Ich wußte, was kommen mußte. Und Edgar? flüsterte sie. – Stephan blickte einen Moment ernst und trübe, dann schnippte er mit den Fingern und sagte: Jeder muß tragen, was er muß. Recht behält doch nur des Herzens Stimme.


Der Wirt hatte selbst den kleinen Weg zu dem Pfarrhaus gemacht, um dort Antons Bestellung auszurichten, welche der Geistliche mit Befremden vernahm. Auch er tadelte mit freundlichem Vorwurf den Mann, daß er den Kranken habe entweichen lassen.

Aber konnt' ich wissen, daß er krank war? fragte der Wirt. Ein bischen nasses Bad schadet unser einem nicht. Freilich solch ein windiges Männchen, der mag ja wohl etwas anderes sein.

Aber was sollen wir nun thun, Meister Mende? fragte der Pfarrer.

Nichts, sagte dieser mit einigem Erstaunen.

Doch, entgegnete jener, wir müssen uns auch aufmachen und den armen Flüchtling suchen helfen. Meister Mende hatte keine große Lust, aber das nützte doch nichts. Der Pastor hatte schon seinen Überrock angezogen, die Mütze aufgesetzt und nachdem er sich eine Cigarre angesteckt und Mende mit gleicher Erquickung versehen, verließen sie das Haus, welches der Pastor sorglich verschloß. So gingen sie denselben Weg hinunter und waren noch ziemlich weit von dem Ende desselben entfernt, als sie plötzlich ungewohntes Geräusch hörten. Unterdrücktes Stöhnen, laute heftige Worte, Geräusch starker Bewegungen.

Da sind sie, rief der Pastor, aber es klingt nicht gut.

Sie sind aneinander, rief Mende. Sie beschleunigten ihre Schritte und kamen eben zur rechten Zeit, um Hilfe zu bringen. Der von dem heftigen Schlag betäubt niedergestürzte Martin hatte sich wieder aufgerafft und suchte zu entkommen. Anton rang mit ihm, vermochte aber des baumstarken Mannes nicht Herr zu werden. Da kam der Wirt an, welcher schnell die Situation übersehend, dem Pastor zurief: Wecken Sie den Fährmann. Ich halte den Burschen. Als jener nach einigen Minuten auch herzu kam, ward man des Wütenden Herr. Stricke, aus der Hütte herbeigeschafft, wurden benutzt, um ihm den Gebrauch seiner Glieder zu nehmen. Man schleppte ihn dann trotz alles Sträubens in das Fährhaus. Währenddes war der Pastor zu Anton getreten: Hilf Himmel, wie sehen Sie aus? Blutüberströmt!

Er wollte mir ans Leben. Aber der Maler!

Ist er hier, fragte der Geistliche.

Da liegt er in tiefer Ohnmacht, sagte Anton. Er rettete mich von dem Strolch, aber ich fürchte, er hat seine letzte Kraft dabei auf das Spiel gesetzt. Als die Männer mit Martins Bändigung fertig waren, hob man den Bewußtlosen auf. Der Gefangene ward der Obhut des kraftvollen Fährknechts überlassen. Der Meister ließ es sich nicht nehmen aus Respect vor dem ehrwürdigen Pfarrer selbst bei dem Transport des Kranken mit zu helfen. Er folgte mit Anton, welcher den Zusammenhang der Begebenheiten erklärte. So erreichte man das Gasthaus. Aber als die Träger des Kranken da hinein wollten, sagte der Pfarrer: Ihr müßt ihn nun schon mir überlassen: zum Krankenhaus taugt Euer Krug doch nicht. – Mende erhob keine Einwendungen. So kam man im Pfarrhause an. Sie gewahrten Licht. Die Frauen hatten von der nächtlichen Beunruhigung gemerkt. Weil der Geistliche öfters zu Schwerkranken oder Sterbenden gerufen wurde, hatte es sie nicht weiter beunruhigt. Doch war es in solchen Lagen der Pfarrerin alte Sitte, dann aufzustehen und dem durch die Nachtluft Heimkehrenden eine Erquickung bereit zu halten. So fanden die Männer sie auf und auch Maria hatte sich eingestellt. Als sie Antons ansichtig wurde, bei dem die Blutung der Wunde doch größer gewesen, als er es selbst gedacht, da geriet sie in heftige Aufregung.

Sie bluten, was ist geschehen? rief sie mit bebenden Lippen. Ein Bösewicht hat ihn ermorden wollen, mein Kind sagte der Pfarrer, aber Brunow hat ihn gerettet. Weinend stürzte sie in die Arme der Mutter und Antons Herz durchzog bei diesem Ausbruch ihrer Sorge und Angst ein seliges Hoffen.

Nun ward vor allen Dingen Brunow gebettet und mit einfachen Mitteln aus der Hausapotheke der Pfarrerin suchte man ihn wieder zum Bewußtsein zu bringen. Zunächst aber brach das Fieber mit Heftigkeit los. Er hatte in den wenigen Momenten, die er mit Anton noch hatte sprechen können, nur noch gestanden, daß er erschöpft am Rande jener Gebüsche zusammengebrochen sich wieder aufgerafft habe, als er aus halber Bewußtlosigkeit durch das Röcheln Antons geweckt worden sei. Anton wollte die Wache bei ihm halten, aber der Pfarrer litt es unter keiner Bedingung um so weniger, als der Jüngling durch das Messer des Frevlers nicht nur einen, wenn auch ungefährlichen Stich erhalte, sondern sich die linke Hand beim Abwehren desselben bedeutend verletzt hatte. So mußte er sich selbst verbinden lassen und Aufschläge zu machen versprechen, als man ihn entließ. Doch lag er bald in dem schweren festen Schlafe einer völligen Ermüdung, in welcher aber doch manch liebliches Traumbild an seinem Blicke vorüberfloh.

Nun folgten für ihn selige Tage. Am andern galt er noch als Reconvalescent und mußte sich pflegen lassen. Pflegen von ihr, der sein ganzes Herz immer lebhafter glühte. Vom Schlosse kamen sie alle angezogen, ihn zu besuchen. Ein immer glänzenderer Heiligenschein der Romantik wob sich um sein Haupt. Bertha weinte, als sie von der Gefahr hörte, in der er geschwebt, und sagte eifrig: O, wenn Sie gestorben wären, ich hätte mein ganzes Leben Trauerkleider getragen – und nahm es sehr übel, als Fräulein Ernst diese Äußerung als unpassend bezeichnete und die Andern lachten. Mit Brunows Befinden war noch keine Änderung eingetragen. Er fieberte und schlief fast immer. Die folgende Nacht hatte sich jedoch Anton es nicht nehmen lassen, selbst die Wache bei ihm zu halten. Die Mittel schienen anzuschlagen. Der Puls war ruhiger und gleichmäßiger, der Schlaf fester und weniger ohnmachtartig. Da als die Glocke gerade zwölfe schlug, öffnete er plötzlich die Augen und zu dem an der Seite des Bettes hinter einem Lichtschirm sitzenden Jüngling herüberblickend, sagte er: Du hier? Anton blickte überrascht auf. Brunow sah sich im Zimmer um, er schien noch keinen rechten Zusammenhang in seine Umgebung bringen zu können. Wieder aber kehrte sein unruhiges Auge mit beruhigtem Blick zu Anton zurück und wieder flüsterten seine Lippen: Du hier? – Wünschen Sie etwas, Brunow? fragte Anton. – Der Kranke sah ihn mit tiefem seelenvollen Ausdruck an und sagte: Ich habe Sie doch gerettet! – Das haben Sie, sagte Anton, und ich bin Ihnen für mutiges Einschreiten zu höchstem Dank verpflichtet. – Ein Lächeln der Befriedigung spielte um seine Lippen.

Sie sehen, berauscht war ich doch nicht, sagte er dann, und verachten brauchen Sie mich auch nicht.

Wie kommen Sie nur immer darauf wieder zurück? fragte Anton, ich habe Ihnen schon das Gegenteil versichert. Und was kann Ihnen so viel daran liegen. – Da rief Brunow: O alles, alles liegt mir daran! Sie, nur Sie sollen nicht schlecht von mir denken! und dann die beiden Hände vor das Gesicht pressend brach er in heftiges Weinen aus und rief mit leidenschaftlicher Inbrunst: Mein Sohn! mein Sohn!

Unbeschreibliches Erstaunen erfüllte das Herz Antons, als er diesen Ruf vernahm. Er glaubte zunächst an Fieberphantasieen, aber das hielt nicht vor. Er sank von einem ersten Impuls hingerissen, neben dem Bett auf die Kniee und seinen Arm um den Körper des Kranken schlingend, rief er mit kaum unterdrückter Heftigkeit: Ist es möglich? Vater? Brunow schien ihn nicht zu hören. Er lag immer noch in heftigen Thränengüssen, und nur bisweilen entrang sich seinen Lippen der Klang tiefster Bewegung: Mein Sohn! mein Sohn! und ich hab' ihn gerettet, seiner Mutter, seinem Berufe!

Leise trat der Pfarrer, welcher im Nebenzimmer von den leidenschaftlichen Ausbrüchen einiges vernommen, herzu. Was geht hier vor? fragte er ängstlich. Herr Brandolf, Sie scheinen Ihre Pflicht als Krankenwärter zu übertreten. War Ihnen nicht strengste Schonung des Patienten auferlegt.

O lassen Sie mich, sagte Brunow, er hat nichts gethan und mir wird nun viel besser werden. Er legte sanft seine Hand auf des noch immer vor ihm ruhenden Jünglings Kopf. Dieser ließ es geschehen und wunderbare Gedanken stürmten auf ihn ein. Wie oft hatte er mit sehnendem Verlangen nach einem Vater ausgeschaut und keinen besessen! Es war ein Traum seiner Kindheit gewesen, daß sein Vater lebe, aber ihm fern bleibe. Nun war sein Hoffen erfüllt, sein Traum Wahrheit. Aber so? hatte er sich so seinen Vater gedacht? Und doch fühlte er mit Freude die Hand auf seinem Scheitel, die lange fest darauf liegen blieb, immer noch fieberig und brennend, aber doch ruhig und fest wie im Gefühl eines endlich errungenen, nicht wieder verlierbaren Besitzes.

Deines Herzens Stimme hat nie zu meinen Gunsten gesprochen, hörte er es leise von den Lippen des Vaters schallen, wie wäre es auch möglich gewesen? und wie hätte ich es verdient?

Sie wird in mir erwachen, lieber Vater, antwortete Anton innig. – Ein leiser Druck der Hand, wie beschwichtigend, dann die Worte: Aber in mir. O von dem Momente an, wo du zu mir tratest, ich wußte es, du seist Sophiens Sohn! Was hat in mir die ganze Zeit her gerungen und gekämpft! Fast bin ich daran zugrunde gegangen! Gesucht und geflohen habe ich dich und hinter der Maske des Scherzes und der Thorheit ein zum Zerspringen volles Herz kaum verbergen können! Heut war es zu Ende. Meine übermütige Sorglosigkeit und Thorheit neben deiner festen Männlichkeit! Nein das war nicht zu ertragen. Ich mußte fort, fort. O mein Sohn! – Der Pfarrer war längst wieder herausgeschlichen. Aber eingedenk seiner Mahnung sagte Anton nun: Laß es jetzt genug sein, mein Vater! Rege dich nicht mehr auf, sondern pflege der Ruhe und Erholung.

Es wird nicht viel mehr helfen, erwiderte der Vater, ich bin ein morscher Stamm. Laß sich mein Herz an meinen Sohn freuen, den ich so lange entbehrt habe. Gieb mir deine Hand, du thust es doch auch gern? fragte er mit einem jähen Auflodern der Furcht. – Laß sie mir, bat er, als Anton ihm willig die Rechte bot. Er umfaßte sie mit sanftem Drucke und Anton setzte sich in den Lehnstuhl zu seiner Seite zurecht. Bald lag auf den Lidern des Ermüdeten ruhiger Schlaf.


Ja, und war es wirklich des Herzens Stimme gewesen, was Sophie so deutlich in sich reden fühlte?

Als Stephan vor ihren Vater trat, am selben Morgen, und um ihre Hand bat, da war sein Zorn gewaltig aufgelodert. Er wollte in dem Benehmen der Braut nichts weiter erkennen als einen Verrat an Liebe und Freundschaft und verweigerte jede weitere Verhandlung, obwohl Sophie ihm zum Schluß erklärte, ihr Entscheid sei gefallen und nichts könne denselben verändern. Er hatte ihr in einem, wie er glaubte, wahrhaft heiligen Zorn Schweigen geboten und seit der Zeit wurde kein versöhnendes liebendes Wort zwischen ihnen gewechselt. Stephan war denselben Tag noch abgereist. Sophie verließ Tags darauf das Elternhaus und suchte eine entfernt wohnende Tante auf. Da war nach Jahresfrist, nachdem der Vater eine widerstrebend gegebene wortkarge Einwilligung ein bloßes, »Du willst es, thue nach Deinem Willen« gesandt, die Vermählung gefeiert. Aber allerdings ein rechtes Glück ruht nicht auf der Verbindung. Es fehlte dem Maler nicht an Begabung, aber an rechtem Ernst; er war ein »Halber«, das hat des Vaters Äuge richtig erkannt. Er brachte nichts rechtes zustande. Und gerade das konnte Sophie nicht ertragen. Sie war eine kräftiggesunde Natur. War der passive Zug in Edgars Benehmen es hauptsächlich, der sie von ihm fernhielt, so konnte sie auf die Dauer die unruhige Vielbeschäftigung, die doch zu keinem Resultat führte, noch viel weniger ertragen. Daß die Leidenschaft flieht, lehrt uns schon des großen Dichters ernster Mund. Aber die Liebe muß bleiben! Doch hier bewährte es sich, daß in starken ernsten Naturen auch diese nicht bleiben kann, wenn sie nicht auf dem unerschütterlichem Grunde der Achtung ruht. Zum Glück besaß Sophie durch Erbschaft ein ziemlich beträchtliches Vermögen, das sie wenigstens vor Mangel sicher stellte. Aber davon zehrten sie auch ausschließlich. Die Geburt des einzigen Sohnes, unseres Anton, glättete die Sorgen ihres gestörten ehelichen Glückes. Aber auch dies Band hielt nicht auf die Länge die beiden zusammen. Es kam der Moment, dessen Erinnerung Antons Phantasie noch immer beschwerte, wo die Frau verzweifelnd vor dem Mann kniete, der ihr nun kurz und bündig erklärte, er sei der Scenen müde und werde sie verlassen. Das hatte sie denn doch nicht gewollt. Ihn aufrütteln, ihm Halt geben, wohl, das hatten ihre oft herben Worte beabsichtigt, aber ihn vertreiben nicht. Er hatte sie zurückgestoßen. Du brauchst Dich nicht zu fürchten, daß ich Dir Schande mache, oder zurückkehre. Aber als Fremder scheid' ich und als ein Fremder gehe ich in die Welt zurück. So war aus Stephan Brandolf der Maler Brunow geworden, den Anton in der Fabrik getroffen. Wo er sich nachher umhergetrieben, was begonnen und wieder aufgegeben, wie sich durchgeschlagen, das braucht hier nicht weiter berührt zu werden. Nun lag er hier als ein kranker Mann und freute sich des endlich wiedergefundenen Sohnes.

Edgar hatte den Schlag jenes Tages nicht wieder verwunden. Er hatte Heinrichshagen auch noch am selben Tage verlassen, auch auf Nimmerwiedersehen. Er war umhergereist, hatte immer auswärts gelebt und bei seinem frühen Tode die Beruhigung gehabt, die Güter seines Hauses in die Hände eines tüchtigen Mannes, seines nächsten Vetters, übergehen zu sehen, desselben, in dessen gastlichen Hause wir den ereignisvollen Tag mit unserm Freunde Anton erlebt haben.


Das stellte sich bald heraus, daß Stephan, wie wir unsern Freund Brunow nun ja wieder nennen dürfen, mit den Befürchtungen wegen seines Befindens recht gehabt hatte. Die Erkältungseinflüsse, namentlich das Liegen in dem feuchten Gebüsch bei schon vorhandenen Fieberzuständen, verbunden mit den heftigen Gemütsbewegungen, zogen ihm eine innere Entzündung zu, welche an seinem Leben nagte. Anton teilte seine Zeit zwischen den übernommenen Beschäftigungen und der Pflege des Vaters, und mit glücklichem Blicke sah dieser jedesmal zu ihm auf, wenn er wieder an sein Bett trat. Da rasselte eines Abends ein Wagen den Weg herunter und hielt vor dem Pfarrhause. Eine hohe Frau stieg heraus. Anton empfing sie. Es war seine Mutter. Nie hatte Stephan Sophiens anders erwähnt, als in Andeutungen, welche lauter Selbstanklagen waren. Aber aus seinem Blicke hatte es der Sohn doch herausgelesen, was ihn bedrückte und quälte und auf seinen Bericht hatte auch die Mutter keinen Augenblick gezögert, herbeizueilen. Wie stürmten die bedeutsamsten Erinnerungen auf sie ein, als sie die so lang gemiedene Gegend nun wieder betrat. Leise schritt sie an des Sohnes Hand vor das Krankenlager des Gatten und kniete dort ihrer Stimmung nicht gebietend, mit kaum unterdrücktem Weinen nieder. Der Kranke erwachte. Er sah sie an: Du Sophie! Ein langes stummes Wiedersehen! Sie sagten nur wenig! fast nichts, und doch so viel. Als aber bald darauf neben Anton Maria ins Zimmer trat, ganz unabsichtlich nebeneinander, da deutete er leicht mit dem Finger auf sie und flüsterte: Des Herzens Stimme! Und die wird sie nicht täuschen, wie dich arme Sophie! Welch einen Sohn hast du mir erzogen!

Er hatte recht. Ihn bettete man bald zur ewigen Ruhe und er fand Frieden nach seinem erstürmten Leben. Die Aussöhnung mit der Gattin breitete den letzten Schimmer des Glückes über seine scheidenden Tage. Aber schon blühte das neue Glück empor. Anton konnte seinen Wunsch, die Welt auch im weiteren Kreise zu sehen, vollauf befriedigen, da der Baron, nachdem er davon Kenntnis erhalten, in reichlicher Gewährung der dazu nötigen Summen die Mittel fand, seiner Dankbarkeit für die Rettung seines Kindes Ausdruck zu geben. Und als er als gereifter Mann zurückkehrte und seine anerkannte Tüchtigkeit ihm eine ehrenvolle Stellung sicherte, da segnete der würdige Pfarrer den Lebensbund der beiden unter herzlicher Teilnahme der ganzen Familie des Barons ein. Die Mutter aber fand in dem Glücke der beiden Kinder das, was sie selbst entbehrt hatte, Freude ihres späteren Lebens, denn der scheidende Vater hatte diesmal recht gehabt: Diesmal hatte des Herzens Stimme nicht gelogen! –

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