Die siebzig Geschichten des Papageien
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt | Jahr: 1927
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Die Geschichte vom Pfau aus dem Paradiese«
Jeden Abend kam ein Schakal von der Wüste in die Stadt, lief durch die Marktstraßen und Basare, suchte Brotstücke und Knochen zusammen. Eines Abends, als er wenig gefunden und noch Hunger hatte, lief er in das offene Tor einer Färberei. Überall roch er hin, warf alle Abfallhaufen durcheinander, stürzte endlich unversehens in eine mit Farbe gefüllte Erdgrube. Mit äußerster Anstrengung gelang es ihm, wieder hinauszukommen, aber da stürzte er in eine zweite Grube, in eine dritte, vierte, und als er endlich zur Tür hinaus ins Freie stob, hatte er wohl in fünfzehn Gruben gelegen, jede mit anderer Farbe. Bunt bot er einen nie gesehenen Anblick, er war ein Wundergeschöpf, ein Fabeltier geworden.
Die Tiere in der Wüste machten halt und starrten zu ihm hin. Sie wußten nicht, was für ein Wesen da zu ihnen gekommen war, aber da es so viele Farben trug, behandelten sie es mit großem Respekt. Der Schakal bemerkte das mit Genugtuung. Wenn ihn jemand fragte, sagte er: »Ich bin ein Pfau, aber nicht von eurer Erde, sondern aus dem Garten des Paradieses.«
Im übrigen aber ließ er sich durchaus auf kein weiteres Gespräch mit diesen niederen Geschöpfen ein, ging mit hochgerecktem Kopf und auch den Schwanz in die Luft gestochen und, wie ein Pfauenrad, öfters im Kreis herumgedreht, so schnell, daß man nicht mehr den Schwanz, sondern nur noch die Schwingung sah, schillernd in allen Farben. Am weitesten ging er seinen engsten Genossen, den Schakalen, aus dem Weg. Er konnte schon ihren Geruch nicht vertragen und vermied sogar in weiten Bogen ihren Mist.
So verstand er es, einen wichtigen Mann aus sich zu machen. Die Tiere ließen sich wie die Menschen gern durch Aufgeblasenheit und prangendes Kleid täuschen, machten ihn sogar zum Herrscher dieses ganzen Reviers.
Der Schakal bestimmte nun alle zu seinen Dienern, selbst die gewaltigen Löwen, die Tiger, Leoparden, Hyänen. Jeder erhielt ein Amt, jeder nahm auf sich, was ihm zugeteilt wurde, selbst die Mächtigen, die ihn durch einen Prankenhieb hätten töten können. Die prunkvollen Farben, die in der Sonne blitzten, hatten alle in Bezauberung versetzt.
Aber allmählich kamen die Tiere doch zur Besinnung zurück. Besonders der Löwe, der früher hier der Erste im Wald gewesen, begann aufrührerische Gedanken zu haben: »Er sagt, er komme aus dem Garten des Himmels, aber wer hat ihn kommen sehen? Warum bleibt er nicht dort, wo er es sicher doch viel besser hatte?«
Die anderen Tiere wurden von diesen Zweifeln angesteckt: »Gewiß ist er von dieser Erde wie wir! Aber wo kommt er her? Wie ist sein wirklicher Name?«
So rauschte es von Mund zu Mund durch den Wald, überall standen Gruppen von Tieren, die zwar noch die Befehle des Schakals ausführten, heimlich aber über ein Mittel nachdachten, hinter die Wahrheit zu kommen.
Aber die Wahrheit stellt sich immer von selbst ein, überraschend ist sie eines Tages da. Eines Abends sitzt der Schakal im Kreis der Tiere, jagt sie durcheinander mit tausend Aufträgen, läßt sich das beste Futter heranbringen, belohnt, bestraft, die sämtlichen Singvögel des Waldes müssen ihn durch Musik unterhalten.
Da, im Augenblick, als die Sonne hinter die Wipfel sinkt, beginnt ein Rudel Schakale, die durch die Reste der großen Mahlzeiten hier herbeigelockt sind, in der Nähe zu heulen. Sowie der Pfau des Himmels diesen Laut seiner Brüder vernimmt, vergißt er seine Rolle, die Urnatur in ihm wird mächtig und, ehe er weiß, was er tut, stimmt er in das Geheul mit ein, füllt den ganzen Wald mit seinem Geschrei.
Im selben Augenblick erkennen die Tiere, was da für ein Vogel unter ihnen ist. Nichts als ein gemeiner Schakal! Man schleppt ihn an einen Bach, taucht ihn hinein, sieh, da schwimmen die schönen Farben alle davon, der Fuchs sieht, daß die Spitze des Schwanzes über Wasser bunt geblieben ist, da pißt er darauf, und da ist auch sie graugelb wie das ganze übrige Schakalfell.
Ein ungeheures Gelächter schallt auf. Selbst die Bäume des Waldes bekommen Stimme und lachen mit, daß sie sich biegen. Aber der Löwe macht einen Sprung und zerreißt den Schakal in Stücke.
»Du stehst, Mahi Scheker,« schloß der Papagei, »daß kein irdisches Geschöpf von seinem Ursprung los kann, und daß jede zufällige Tünche ohne Dauer ist. Ich könnte dir noch eine zweite Geschichte erzählen, die auch hierhergehört und die mir eben einfällt.«
»Was ist das für eine Geschichte?«