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Die siebzig Geschichten des Papageien

von Wilhelm Schmidtbonn

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt | Jahr: 1927

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Kapitel 15

Die Geschichte vom Sultan, der ins Feuer springt

Sultan Bewadj hatte einen Freund Azim, einen hübschen, angenehmen, offenherzigen Menschen, der aber leider völlig dem Laster des Spiels ergeben war. Bewadj zahlte immer wieder seine Schulden, ohne ihm je einen Vorwurf zu machen. Aber sie Leute am Hof suchten Azim aus dem Land zu entfernen. Täglich lagen sie dem Sultan in den Ohren, daß dieser Azim ein abscheuliches Beispiel sei für die Jugend und nicht wert das Wohlwollen des Sultans. Aber Bewadj beschenkte Azim, je schlechter er gemacht wurde, je mehr. Bis endlich Azim sich seiner selbst zu schämen begann und mit seinem Weib aus der Stadt fortzog.

Am ersten Abend verspielte er in einer Herberge am Weg alles, was er an Geld noch mitgenommen hatte. Am zweiten Abend in der nächsten Herberge, mußte er sein Weib als Pfand dalassen. Woher nun Geld nehmen? In seiner Verzweiflung entschloß er sich zurückzukehren zu dem, der immer half, zum Sultan Bewadj. Unterwegs dürstete ihn unerträglich. Nach allen Himmelsrichtungen schaute er aus, um einen Brunnen zu finden. Endlich, als es schon Nacht wurde, sah er so etwas wie einen gemauerten Rand. Er eilte hin, band seine Mütze an seinen Gürtel und ließ sie als Schöpfbecher hinunter. Als er sich tief überbeugte, um zu sehen, ob die Mütze das Wasser erreiche, sah er auf dem Grunde des Brunnens auf einem goldenen Stuhl ein ungewöhnlich schönes Mädchen sitzen und diesem gegenüber einen Greis von gewiß hundert Jahren, nur noch braune Haut und eckige Knochen darunter. Dieser Greis saß vor einem Kessel mit Öl, das er über einem Feuer zur Glut gebracht hatte.

Azim sah starr vor Staunen hinunter, das Mädchen nach oben, so daß ihre Augen sich trafen. Das Mädchen dachte wohl, es mit einem Bettler zu tun zu haben, streifte von seinem rechten Arm einen Goldreif und legte ihn in die Mütze. Azim erstaunte darüber noch mehr, so daß er vergaß, die Mütze hochzuziehen. Da legte das Mädchen auch noch den Reif ihres linken Armes hinein. Nun kam Azim zu sich und zog die Mütze hinauf. Er fand, daß es Armbänder waren von geradezu unschätzbarem Wert.

Er ging die ganze Nacht durch, erreichte am nächsten Morgen die Stadt, und trug die Armbänder sogleich zu einem Goldschmied hin, um sie zu verkaufen. Der hatte kaum die vielen Edelsteine auf dem Goldreifen gesehen, als er die Leute zusammenrief und Azim festnahm: »Dieb! Ein Dieb! Diese Armbänder sind aus dem Schatz des Sultans gestohlen!«

Azim wurde von tausend Menschen vor den Sultan gebracht. »Den ihr mir als Dieb bringt,« sagte Bewadj, »ist mein Freund Azim. Heil mir! Wo warst du so lange?« Als sie allein waren, fragte Bewadj: »Sag, was ist das mit diesen Armbändern? Wie kommst du daran?«

Azim erzählte sein Abenteuer. Der Sultan wunderte sich. »Ich weiß, daß du nicht lügst, mein Azim. Wenn ich aber jetzt mit dir komme, kannst du mich hinführen an jenen Brunnen?«

»Gewiß! Sofort!«

Sie machten sich, sowie es Abend geworden war, ohne Begleitung auf den Weg, fanden auch den Brunnen. Der Sultan beugte sich weit über und sah das Mädchen auf dem goldenen Stuhl, den Greis und den Kessel mit Öl über dem Feuer. Er konnte nicht an sich halten und rief hinunter: »Wer seid ihr?«

Das Mädchen sah zu ihm auf und sagte mit einer sanften und ruhigen Stimme: »Ich bin die Tochter eines Geistes. Dieser Greis war, als ich ihn kennenlernte, ein Jüngling von zwanzig Jahren und von Leidenschaft zu mir besessen. Ich liebte ihn auch und hätte ihm angehört, aber um mir gleich zu werden, hätte er in diesem feurigen Öl erst seinen Körper läutern müssen. Doch er fürchtet sich, in die Glut einzutauchen. So sitzen wir fast achtzig Jahre hier. Er kann immer noch nicht zum Entschluß kommen und ich, aus Mitleid, vermag nicht, ihn zu verlassen. Das ist unsere Geschichte!«

Der Greis hob seinen Kopf, der Bart hing ihm auf die Knie herunter. »Ich würde mich gern in die Glut werfen, denn ich fürchte den Tod nicht. Aber das fürchte ich, daß mir der Tod das Glück nimmt, das Gesicht meiner Geliebten anzusehen.«

Bewadj beugte sich noch tiefer hinab. »O Greis,« rief er, »wenn ein anderer Mensch dir voran in die Glut geht und dir beweist, daß man darin nicht umkommt, sondern verschönt, verjüngt, geheiligt hinaussteigt, würdest du dann den Sprung wagen?«

»Ja, das würde ich,« antwortete der Greis, »wenn jemand vor mir hineingeht und neu herauskommt, würde ich es selbstverständlich auch wagen.«

Der Sultan hatte schon seine Kleider abgeworfen und sprang von oben in den Kessel hinein. Einige Minuten blieb er im feurigen Gischt und Dampf des Kessels verschwunden. Aber dann tauchte er auf, stieg hinaus, kaum zu erkennen, so strahlte er von neuer und unirdischer Jugend.

Das Mädchen, als sie ihn sah, stand auf von ihrem Stuhl, kniete vor ihm, legte ihre Stirn auf seine Schuhe und sagte: »Heil dir! Nach so kurzer Bekanntschaft hast du dich meiner schon würdig gemacht!«

»Nein doch!« sagte der Sultan, »nicht deine Liebe zu erringen, war meine Absicht. Sondern nur, diesem Alten Mut zu machen. Du sollst meine Tochter sein, er aber möge nun die Kleider ausziehen und in das Feuer steigen wie ich.«

Der Greis zögerte auch nicht länger. Nach wenigen Minuten stieg er aus dem Dampf heraus, ein Jüngling, schön wie im Himmel. Er griff gleich nach seinem Mädchen, sie vergaßen sich ganz im Kuß. Aber dann dankten sie beide dem, der sie unter Einsatz seines Lebens vereinigt hatte, und segneten ihn.

Sultan Bewadj und Azim gingen nun noch, Azims Frau holen. Auf goldgezäumtem Pferd wurde sie in die Stadt zurückgebracht, die mit ihrem Mann zu Fuß als Bettlerin hinausgegangen war. Dieses Erlebnis aber hatte einen solchen Eindruck auf Azims Seele gemacht, daß er dem Sultan versprach, keinen Würfel mehr anzufassen. Und entgegen den höhnischen Erwartungen der Hofleute hielt er Wort.

»Schön,« sagte Mahi Scheker, »diese Geschichte ist in der Tat ein vollgültiger Beweis, daß hier ein Fürst war, der wirklich sein Leben hingab, um Liebende zu vereinen.«

»Du aber lauf, lauf! Denn auch ich kenne keine schönere Aufgabe und bin ebenso bereit, mein Leben dafür zu opfern.«

Aber man hörte die Vögel schon vor den Fenstern lärmen. Es hatte gar keinen Sinn mehr, auch nur bis zur Tür zu gehen und nachzuschauen, ob noch Mond oder schon Sonne über der Stadt stehe. »Es ist bald wieder Abend,« sagte Mahi Scheker und legte sich, um zu ruhen und an den Geliebten zu denken.

Der elfte Abend

Diesen Tag verbrachte Mahi Scheker voll Geduld in ihrem Zimmer. Manchmal sang sie, manchmal legte sie Kleider und Schmuck an, um auszusuchen, was ihr zum Abend am besten stände. Kaum war es dunkel geworden, bat sie den Papagei um Erlaubnis zu gehen. Der Vogel sah gleich, daß ihr Verlangen nach dem schönen Jüngling aufs höchste gestiegen war. Darum hielt er es für das beste, zu schweigen. Sie bat noch einmal, der Papagei antwortete nicht.

»Ist denn unter uns eine Uneinigkeit vorgekommen?« fragte sie, »oder bist du aus irgendeinem Grund verdrießlich über mein Betragen?«

»Wie könnte ich einer so schönen Herrin irgend etwas übelnehmen?« sagte der Papagei. »Nein, ich war nur ganz versunken darin, über deine Angelegenheit nachzudenken.«

»Ach, wenn du wirklich nachgedacht hättest, hättest du schon längst einen Weg gefunden, mich mit meinem Freund zu vereinigen.«

»Herrin, ich schlafe ja überhaupt nicht mehr. Es hat nur bis jetzt an der Gelegenheit gefehlt, dir meine Freundschaft zu zeigen. Aber es ist ja meistens so, daß die Treue eines Dieners erst später an den Tag kommt. So hätte doch Sultan Kobad seinen Papagei sogar umgebracht, wenn Gott den Vogel nicht gerettet hätte.«

»Was ist das für eine Geschichte?« fragte Mahi Scheker.

Der Papagei begann: