So wär' ich gelangt nun zum letzten Worte, Zu dem des Danks für die deutlichen Zeichen Daß der wandernde Sänger euch werth geworden; Denn ihr habet huldvoll und herzerfreuend Meine Lieder belohnt mit lautestem Beifall. Erst freilich maaßt ihr mit fragenden Blicken Den dreisten Fremdling der völlig freundlos Nach Wien sich gewagt, mit lebendigem Worte Vor euch zu erneuen die Niblungensage. »Der ist mehr als muthig!« sagte so Mancher, Und nicht Wenige dachten: was will der Dichter Vom deutschen Rhein hier im Donaureiche? Was soll uns der Sigfrid? Die Sorge des Tages Verleidet die Lust, zu lauschen auf Mären, Dem Geiste der Gegenwart gänzlich entfremdet, Der Theilnahme todt seit tausend Jahren. Doch wie völlig das falsch, wie kein Fünkchen Wahrheit Der Vorwurf enthält, nun habt ihr's erfahren. Ihr merktet es bald daß die Mären der Vorzeit Vom Muster der Mannheit und deutschen Gemüthes Das noch heut in euch pochende Herzblut durchpulse, Und zu raschem Verständniß der Riesengestalten In den heiligen Hallen des Heldenruhmes Wies euch den Pfad euer eignes Empfinden. O vermöchte mein Mahnen nicht minder siegreich Auch den verwandten Wahn zu entwurzeln Daß Belustigung nur des Liedes Amt sei, Daß nur dunkle Zeiten zu heiligem Dienste Der Dichtung bedürfen, die jetzt verdämmernd Nur noch Spätlingsgebild zum Spielen treibe! Ja, des Menschen Macht hat die Erde bemeistert; Wie mit Zauberkraft dient sie sein Dasein zu zieren. Doch schaltend mit Schätzen und schimmerndem Reichthum, In der wirklichen Welt in Wohlsein schwelgend, Vergißt er zu gern des göttlichen Erbtheils, Des unsterblichen Ursprungs der eigenen Stärke Und neigt zu Genüssen, die zehren statt nähren. Dann will er's nicht merken, daß erst das Märchen, Von Dichtern erdacht, auf Dädalusschwingen Den machtlosen Menschen beflügeln mußte Um dann einst auch durch Arbeit nach endlosen Altern Zu erfinden die Fahrt auf dem Feuerwagen; Daß Gesang in der Seele die Sehnsucht erst wecken Und die Ziele der Zukunft ihm zeigen mußte, Um, langsamen Schrittes, doch niemals erschreckend Vor Hindernissen, in fester Hoffnung Und rastlosem Ringen dies Ziel zu erreichen. Dann hält er wohl Heere allein für die Heilskraft Ein Reich zu retten und ruhmvoll zu mehren Und vergißt es fast ganz, daß Ein Götterbildner, Ein Meister Homer weit mächtiger waltend Den gewissesten Weg zur Weltbeherrschung Für Hellas erschloß, als hundert Schlachten. Wenn mein Lied es vermocht hat, mit leiser Mahnung Euch deutlicher Das in's Gedächtniß zu rufen; Wenn mein Zauberspiegel euch zeigte die Spuren Nach dem Ziele der Zucht in die Zukunft zu schreiten; Wenn ihr nicht nur genascht habt und flüchtig genossen Sondern zugleich mit gläubigem Sinne In der Sage vernommen die Seherworte, In den Helden der Vorzeit die Heilsgefäße Erkannt, die das Köstlichste kunstvoll bewahren: Jenes göttliche Mark des germanischen Geistes Das vor allen auf Erden Unserem Volke Die Stärke verleiht zu der stolzen Bestimmung Die Völker zu führen als leuchtendes Vorbild: – Dann – und nur dann, ich sag es euch deutlich – Dann übt' ich mein Amt als Mund der Sage In eurer Mitte nicht völlig erfolglos. So lebet nun wohl und widmet zuweilen Ein fragendes Wort, ein freundlich Gedenken Dem fahrenden Sänger der Vorzeitsage. |