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Joseph und seine Brüder. Band II. Der junge Joseph

von Thomas Mann

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH | Jahr: 1990

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Kapitel 6

Fünftes Hauptstück. Die Fahrt zu den Brüdern

Die Zumutung

Wir hörten: Jaakob hatte das Haupt geneigt, als die Verbitterten vom Vaterherde sich losgesagt hatten, und er hob es von da an nur selten noch. Die Jahreszeit, die nun einfiel, diese Zeit der dörrenden Glut und der schlimmsten Sonnenverbrennung alles Landes – denn es näherte sich der Augenblick, da die Sonne zu schwinden beginnt, und obgleich dies der Jahrespunkt war, an dem die Rechte ihm einst den Joseph beschert hatte, im Tammuz-Mond, pflegte Jaakobs Gemüt doch unter der kohligen Öde dieses Kreislaufviertels zu leiden –: die Jahreszeit also mochte seiner Niedergeschlagenheit wohl Vorschub leisten und ihm dienlich sein, sie sich selbst zu erklären. Der wahre Grund seiner Gedrücktheit war aber doch die einmütige Kundgebung der Söhne, ihr Weggang, dies Ereignis, von dem man zuviel sagen würde, wenn man behauptete, es hätte dem Jaakob großen Schmerz bereitet – so nicht; in seinem Herzen gab er wirklich ›Zehn für Einen‹, aber es war etwas anderes, es in Wirklichkeit tun und damit rechnen zu müssen, daß die Aufkündigung der Gemeinschaft durch die Brüder endgültigen Sinn erweisen und daß er, Jaakob, statt mit zwölf Söhnen mit zweien dastehen werde als ein entlaubter Stamm. Das war erstens der Stattlichkeit abträglich, außerdem aber schuf ihm die Vorstellung eine sorgenvolle Gottesverlegenheit; denn er fragte sich, wie groß die Verantwortung sein werde, die er damit vor dem planenden Herrn der Verheißung auf sich lud. Hatte der Zukunftsvolle es nicht klüglich verhindert, daß alles nur eben nach Jaakobs Herzen ging und er fruchtbar wurde allein in Rahel? Hatte Er ihn nicht zahlreich gemacht auch gegen sein Herz durch Labans List, und waren sie nicht alle, auch die von den Ungeliebten, Früchte des Segens und Träger des Unabsehbaren? Jaakob sah sehr wohl ein, daß seine Auserwählung Josephs eine üppig-eigensinnige Privat- und Herzensangelegenheit war, die, durch ihre Folgen, nur in schädigenden Widerstreit mit Gottes unbestimmt weitläufigen Anschlägen zu geraten brauchte, um sich als sträflicher Übermut zu erweisen. Dies aber schien sie im Begriffe zu tun: Denn mochte auch Josephs Torheit der unmittelbare Anlaß des Zerwürfnisses gewesen sein und Jaakob ihm schmerzlich zürnen deswegen, so täuschte er sich doch nicht darüber, daß er und sonst niemand für diese Torheit vor Gott und Menschen aufzukommen hatte. Er haderte mit sich selbst, indem er mit Joseph haderte. Hatte es Unheil gegeben, so war der Knabe nur dessen Mittler gewesen, und haftbar dafür war Jaakobs liebendes Herz. Was hätte es geholfen, sich das zu verbergen? Gott wußte es, und vor Gott verbarg man sich nicht. Der Wahrheit die Ehre geben, das war Abrams Erbschaft, und es hieß weiter nichts, als sich kein X für ein U machen über das, was Gott wußte.

Dies waren die Gewissenserwägungen, die Jaakob anstellte in der Zeit nach der Weizenernte und die seine Entschlüsse bestimmten. Sein Herz hatte Schlimmes gestiftet; es mußte sich überwinden, den verzärtelten Gegenstand seiner Schwäche, der des Schadens Mittler gewesen war, auch zum Mittler des Ausgleichs zu machen und ihm zu diesem Zweck etwas zuzumuten, ihn ein wenig rauh anzufassen zur Buße für ihn und das eigene Herz. Darum rief er den Knaben ziemlich bestimmten Tones an, da er ihn von ferne sah, und sprach:

»Joseph!«

»Hier bin ich!« antwortete dieser und war gleich zur Stelle. Denn er freute sich, angerufen zu werden, da der Vater seit der Brüder Weggang wenig mit ihm gesprochen hatte und ein ahnungsvolles Unbehagen auch in ihm, dem Toren, von jenem letzten Beisammensein zurückgeblieben war.

»Höre einmal«, sagte Jaakob, indem er aus irgendwelchen Gründen den Zerstreuten spielte, nachdenklich mit den Augen blinzelte und den Bart durch die Hand streichen ließ, »wie ist mir denn, weiden deine Brüder, die Älteren, nicht allesamt miteinander im Tale Schekem?«

»Doch«, erwiderte Joseph, »des glaube auch ich mich wohl zu entsinnen, und narrt mich nicht mein Gedächtnis, so wollten sie einmal alle zusammen gen Schekem ziehen, deiner Herden zu warten, die da weiden, der fetten Auen wegen, die es dort gibt, und weil dieses Tal hier das Deine nicht alles trägt.«

»So ist es«, bestätigte Jaakob, »und es ist dies, weswegen ich dich rief. Denn ich höre nichts von den Söhnen Lea's, und von den Kindern der Mägde bleibt mir die Kunde aus. Mir ist unbekannt, wie es steht auf den Auen dort, ob Jizchaks Segen war bei der Sommerlammung oder ob Leberfäule und Aufblähen mir das Meine verheeren. Über das Befinden meiner Kinder, deiner Brüder, weiß ich nichts und höre nicht, ob sie in Frieden das Weiderecht üben in einem Burgbann, wo, wie ich mich erinnere, einst schwere Geschichten geschahen. Das macht mir Gedanken, und es war in solchen Gedanken, daß ich beschloß, dich zu ihnen zu senden, damit du sie mir grüßest.«

»Hier bin ich!« rief Joseph wieder. Er blitzte den Vater mit weißen Zähnen an und schlug halb hüpfend den Boden mit seinen Fersen vor lauter Bereitwilligkeit.

»Wenn ich's überschlage«, fuhr Jaakob fort, »so gehst du ins achtzehnte Jahr deiner Geburt, und es ist Zeit, daß man dich etwas rauh anfaßt und auf die Probe stellt deine Mannheit. Daher mein Beschluß, dir diese Sendreise zuzumuten, daß du hinwegziehest von mir auf kurze Zeit zu deinen Brüdern, um sie alles zu fragen, was ich nicht weiß, und kehrst zurück zu mir mit Gottes Hilfe nach zehn oder neun Tagen und sagst mir's an.«

»Aber hier bin ich ja!« entzückte sich Joseph. »Die Einfälle Väterchens, meines Herrn, sind golden und silbern! Ich werde eine Reise tun über Land, ich werde die Brüder besuchen und nach dem Rechten sehen im Tale Schekem, das ist ein Spaß! Hätt' ich nur etwas wünschen dürfen nach Herzenslust – dies und nichts anderes wär' es gewesen!«

»Du sollst«, sagte Jaakob, »nicht nach dem Rechten sehen bei den Brüdern. Danach zu sehen, sind sie Manns genug, sie selber, und brauchen das Kind nicht. Auch ist es die Meinung nicht, in der ich dich sende. Sondern du sollst dich vor ihnen neigen mit Ziem und Umgangsform und sprechen: ›Ich bin gekommen etliche Tagereisen weit, um euch zu begrüßen und nach eurem Befinden zu fragen, aus eigenem Antriebe sowie auf Weisung des Vaters, denn wir begegneten einander in diesem Wunsche.‹«

»Gib mir den Parosch zu reiten! Er ist hochbeinig und zäh, sehr stark von Knochen und gleicht meinem Bruder Issakhar.«

»Es spricht für deine Mannhaftigkeit«, erwiderte Jaakob nach einer Pause, »daß du dich freust auf die Sendreise und erachtest es nicht als sonderliche Zumutung, hinwegzuziehen von mir auf eine Anzahl von Tagen, so daß der Mond sich verändert aus einer Sichel zum Halbrund, ohne daß ich dich sehe. Sage aber deinen Brüdern: ›Der Vater wollt' es.‹«

»Bekomm' ich den Parosch?!«

»Ich bin zwar gewillt, dich rauh anzufassen nach deinem Alter, den Esel Parosch aber geb' ich dir nicht, denn er ist bockig, und seine Klugheit entspricht nicht seinem Feuer. Viel besser für dich ist die weiße Hulda, ein freundlich behutsam Tier, auch schmuck von Ansehen, wenn du unter Leuten reisest, die sollst du reiten. Damit du aber erkennst, daß ich dir etwas zumute, und die Brüder erkennen es auch, so verordne ich, daß du die Fahrt allein zurücklegst, von hier nach Schekems Flur. Denn ich gebe dir keine Knechte mit und lasse den Eliezer dir nicht zur Seite reiten. Sondern selbständig sollst du fahren, auf eigene Hand, und zu den Brüdern sprechen: ›Allein komm' ich auf einem weißen Esel, euch zu besuchen, so wollt' es der Vater.‹ Dann mag es sein, daß du die Rückfahrt zu mir nicht einzeln machen mußt und allein, sondern daß die Brüder mit dir ziehen, einige oder alle. Jedenfalls ist solches mein Hintergedanke bei dieser Zumutung.«

»Das will ich schon einfädeln«, versprach Joseph, »und mache mich anheischig, sie dir zurückzubringen, dergestalt, daß ich dir Bürge sein will und mich vermesse: Ich kehre nicht wieder, es sei denn, ich bringe sie dir!«

Dies sinnlos herausgeschwatzt, tanzte Joseph mit dem Vater herum und jubelte über Jah, weil er auf eigene Hand eine Reise tun und die Welt sehen sollte. Dann lief er zu Benjamin und zu Eliezer, dem Alten, es denen zu erzählen. Jaakob aber blickte ihm nach mit Kopfnicken und sah wohl, daß, wenn hier von einer Zumutung die Rede sein konnte, sie ihn betraf und daß er niemanden hart anfaßte denn sich selbst. Doch war es nicht in Ordnung so, und wollte es nicht seines Herzens Haftpflicht für Joseph? Er würde das Kind eine Reihe von Tagen nicht sehen, das schien ihm Buße genug für seine Schuld; er ließ sich nicht träumen und hatte keinerlei Begriff davon, was man an höherem Ort unter ›Hart anfassen‹ verstand. Er rechnete mit einem Fehlschlagen von Josephs Sendung, insofern er in Erwägung zog, daß dieser ohne die Brüder zurückkehren möchte. Das fürchterlich Umgekehrte drang nicht in seine Vorstellung; das Schicksal schloß es zur eigenen Sicherung davon aus. Da alles anders kommt, als man denkt, ist das Verhängnis sehr behindert durch die fürchtend vorwegnehmenden Gedanken des Menschen, die einer Beschwörung gleichen. Darum lähmt es die sorgende Einbildungskraft, daß sie auf alles verfällt, nur nicht auf das Verhängnis, welches so der Abbiegung durch den vorstellenden Gedanken entgeht und seine ganze Urwüchsigkeit und schmetternde Schlagkraft bewahrt.

Während der kleinen Vorbereitungen, die Josephs Ausflug erforderte, fühlte Jaakob sich sinnig-bedeutend an vergangene Schicksalstage erinnert: an seine eigene Abfertigung von zu Hause durch Rebekka nach der von ihr geleiteten Segensvertauschung, und seine Seele war voll feierlicher Empfindung der Wiederkehr. Man muß sagen, daß es eine gewagte Zusammenschau war, die er da anstellte; denn seine Rolle hielt den Vergleich nicht aus mit der Rebekka's, dieser heldenmütigen Mutter, die wissend ihr Herz geopfert, den richtigstellenden Betrug gefügt und dann, im Bewußtsein wahrscheinlichen Nimmerwiedersehens, den Liebling in die Fremde entlassen hatte. Das Thema unterlag mancher Abwandlung. Es war wohl so, daß auch Joseph vor der Wut verkürzten Brudertums von Hause mußte, doch nicht von der Wut floh er hinweg, sondern Jaakob sandte ihn sozusagen in Esau's Arme: Die Szene am Jabbok war es, auf die er es abgesehen und mit deren Wiederkehr er es so eilig hatte, die äußere Demütigung, die äußerlich-notdürftige und vorbehaltvolle Versöhnung, die Überpflasterung des Unschließbaren, den Schein-Ausgleich des Nichtauszugleichenden. Der Würdig-Weiche war weit entfernt von Rebekka's handelnder und die Folgen auf sich nehmender Entschlossenheit. Was er anstrebte mit Josephs Sendung, war nichts als die Wiederherstellung des – als unhaltbar doch sattsam erwiesenen – vorigen Zustandes; denn daß nach der Zehne Heimkehr das alte Spiel, zusammengesetzt aus Jaakobs Schwäche, dem blinden Übermut Josephs und tödlicher Vergrämung der Brüder sich heillos fortgesetzt haben würde und notwendig zu denselben Ergebnissen hätte führen müssen, bezweifelt wohl niemand.

Gleichviel, der Goldsohn ward abgefertigt zur Reise von wegen Bruderzwistes: soweit war es Wiederkehr, und Jaakob sorgte für weitere Ähnlichkeit, indem er auch Josephs Abreiten auf die erste Morgenfrühe ansetzte, noch vor Sonnenaufgang, da es seinerzeit so gewesen war. Kaum daß er Jaakob war bei diesem Abschiede; er war viel eher Rebekka, war Mutter. Lange hielt er den Scheidenden, murmelte Segenssprüche an seiner Wange, nahm einen Schutz vom eigenen Halse und hing ihn ihm um, drückte ihn wieder und tat alles in allem mit ihm, als solle Joseph auf wer weiß wie lange oder für immer, siebzehn Tage weit oder mehr, gen Naharajim ins Wildfremde reisen, da doch der Junge, mit Mundvorrat übermäßig ausgerüstet, zu seinem größten Vergnügen sich anschickte, auf sicheren Wegen einen Sprung nach dem unfernen Schekem zu tun. Da sieht man, daß der Mensch sich unverhältnismäßig gehaben kann, wenn man sein eigenes Bewußtsein zum Maßstabe nimmt, während sein Benehmen, unter dem Gesichtswinkel des ihm unbewußten Schicksals betrachtet, nur allzu passend erscheint. Dies kann zum Troste werden, wenn das Bewußtsein sich lichtet und wir erfahren, wie es gemeint war. Darum sollten Menschen nie leichten Abschied voneinander nehmen, damit sie unter Umständen sich doch sagen können: Wenigstens habe ich ihn noch recht an mein Herz gedrückt.

Unnütz zu bekunden, daß dieser Abschied am Reisemorgen, zur Seite der wohlbepackten, mit bunten Wollblumen und Glasperlen geschmückten Hulda, nur ein Letztes war, dem viele Ratschläge, Empfehlungen und Abmahnungen vorangegangen waren: Jaakob hatte den Knaben den Weg und seine Stationen gelehrt, so genau er sie wußte, ihn, ganz nach Mutterart, vor Überhitzung und Erkältung gewarnt, ihm die Namen von Männern und Glaubensverwandten in verschiedenen Ortschaften genannt, bei denen der Reisende nächtigen mochte, ihm streng untersagt, sich, wenn er die Stätte Urusalim berühre und am Baals-Tempel die Behausungen der Geweihten erblicke, die dort für die Aschera webten, mit einer von ihnen auch nur in das kleinste Gespräch einzulassen, und ihm vor allem immer wieder eingeschärft, sich ausgesucht artig gegen die Brüder zu verhalten: es könne nicht schaden, so hatte er ihn angewiesen, wenn Joseph sich siebenmal vor ihnen niederwürfe und sie recht oft als seine Herren anspräche – dann würden sie wahrscheinlich beschließen, fortan die Hand mit ihm in die Schüssel zu tauchen und ihm nicht mehr von der Seite zu gehen ihr Leben lang.

Von alldem wiederholte Jaakob-Rebekka manches beim letzten Lebewohl im Morgengrauen, bevor er dem Jungen erlaubte, das Bein über den Esel zu schwingen und schnalzend abzureiten gen Mitternacht. Er ging sogar noch ein Stück weit redend neben der morgenmunteren Hulda her, konnte aber nicht lange Schritt halten und blieb entsagend stehen, das Herz schwerer, als passen wollte. Er fing einen letzten Blitz auf der Zähne des Zurücklachenden und hob die Hand gegen ihn. Dann entzog eine Wegbiegung ihm des Sohnes Gestalt, und er sah den Joseph nicht mehr, der abgeritten war.

Joseph fährt nach Schekem

Dieser nun, nicht mehr sichtbar dem Vaterauge, aber an seinem Orte wohlig vorhanden und bei sich selbst, trabte, weit hinten auf der Kruppe seines Tieres sitzend, die schlanken braunen Beine vorgestreckt und den Oberkörper keck zurückgeworfen, im zarten Schein der Morgensonne auf der Straße nach Beth-Lachem durch das Bergland dahin. Seine Laune paßte durchaus zu den erkennbaren Umständen, und daß der Vater den Abschied unverhältnismäßig gestaltet, nahm er mit heiterer Nachsicht und Liebesverwöhnung hin, wobei nicht im geringsten sein Herz durch das Bewußtsein beschwert wurde, daß er bei dieser ersten Trennung der Vatersorge ein Schnippchen geschlagen hatte.

Jaakob nämlich hatte in Verhaltungsmaßregeln für den Reisenden sich weitläufig ergangen und keine Vorschrift noch Warnung vergessen; nur eine hatte er verabsäumt, eine Rücksicht und höchst erforderliche Schonung hatte er, durch Schuld eines sonderbaren und nicht ganz unsträflichen Gedankenausfalls, dem Jungen anzuempfehlen vergessen und dachte auch nicht daran, bis der Gegenstand, den die Vermahnung hätte betreffen sollen, ihm gräßlich wieder vor Augen kam: Die Schleier-Ketônet hatte er ihm nicht zu Hause zu lassen befohlen, und das hatte Joseph sich listig schweigend zunutze gemacht. Er führte sie mit sich. Er brannte dermaßen darauf, sich der weiteren Welt darin zu zeigen, daß er buchstäblich gezittert hatte, der Vater möchte im letzten Augenblick sich die Untersagung einfallen lassen, ja, wir halten für möglich, daß er in diesem Falle den Alten belogen und erklärt haben würde, die heilige Stickerei liege im Kasten, während sie in Wahrheit sich heimlich unter seinem Gepäck befand. Vom Rücken seines Reittiers, der milchweißen Hulda, eines reizenden Geschöpfes, dreijährig, klug und willfährig, wenn auch zu harmlosem Schabernack geneigt, von jenem rührenden Humor, den das verschlossene Wesen der Kreatur zuweilen durchblicken läßt, mit beredsamen Sammetohren und drollig-wolliger Stirnmähne, hinabwachsend bis zu den großen und lustig-sanften Augen, deren Winkel sich nur allzu bald mit Fliegen füllten, – von Hulda's Rücken hing beiderseits mancherlei Reisebedarf und Zehrung herab: der Ziegenschlauch mit saurer Dünnmilch gegen den Durst, Deckelkörbe und Tontöpfe mit Grieß- und Obstkuchen, Sangen, gesalzener Ölfrucht, Gurken, gerösteten Zwiebeln und frischen Käsen. Dies alles und mehr, zur eigenen Stärkung des Reisenden wie auch zu Geschenken an die Brüder bestimmt, hatte der Vater sorgsam in Augenschein genommen und nur in ein Behältnis nicht Einblick getan, das seit alters das allerüblichste Gerät auf Wanderschaft bildete: Es war ein rundes Leder, das als Tischtuch, eigentlich selbst als Tischplatte beim Speisen diente und am Rande mit metallenen Ringen benäht war. Sogar der Bedu der Wüste, und gerade er, benutzte es, es kam von ihm. Durch die Ringe zog er einen Strick und hängte zur Reise den Eßtisch als Beutel ans Tier. So hatte auch Joseph getan, und in dem Tisch-Beutel, zu seiner diebischen Freude, stak die Ketônet.

Wozu gehörte sie ihm und war sein Erbe, wenn er sich nicht auf Reisen sehen lassen sollte darin? In Heimatsnähe kannten ihn die Leute auf Wegen und Feldern und riefen ihm erfreut seinen Namen zu. Weiterhin aber, nach einigen Stunden, als sie ihn nicht mehr kannten, war es gut, sie nicht allein an dem reichlichen Mundvorrat, den er führte, merken zu lassen, daß es ein Feiner war, der vorüberritt. Darum, zumal auch die Sonne stieg, zog er bald das Prunkstück hervor und tat es sich an nach Geschmack, den Kopf damit schützend, so daß der Myrtenkranz, den er wie gewöhnlich trug, nicht mehr auf seinem Haar, sondern auf dem sein Gesicht umrahmenden Schleier saß.

An diesem Tage erreichte er die Stätte nicht mehr, für die er sich auch so geschmückt und wo er nach Jaakobs bewegter Weisung wie nach eigenem Triebe sich zu verweilen, zu opfern und anzubeten gedachte; und doch wäre von Beth-Lachem, wo er bei einem Manne aus Jaakobs Freundschaft, einem Zimmerer, welcher an Gott glaubte, unterstand, nur noch ein Feldweg bis dorthin gewesen. Am zweiten Morgen aber, nach der Verabschiedung von dem Gastfreund, seinem Weibe und seinen Gesellen, war bald der Ort erreicht, und Hulda wartete unter dem gestützten Maulbeerbaum, während Joseph, angetan mit dem bräutlichen Erbstück, an dem Stein, den man einst am Wege aufgerichtet, seine Gebete und Libationen darbrachte, – dem Gedenkstein für Gott, der durch ihn gemahnt sein mochte, was er hier einst getan.

Es war morgenstill zwischen den Weinbergen und felsigen Ackerparzellen und noch kein Hin und Her auf der Straße gen Urusalim. Ein kleiner Wind spielte gedankenlos in dem blanken Laube des Baumes. Die Landschaft schwieg, und schweigend nahm die Stätte, wo Jaakob einst das Labanskind eingebettet, die Spenden und Andachtsbezeigungen des Sohnes hin. Er stellte Wasser zum Steine und legte Rosinenbrot dazu, küßte den Boden, darunter ein bereitwilliges Leben vergangen war, und richtete sich wieder auf, um mit erhobenen Händen, die Augen und Lippen, die er von der Vergangenen hatte, zum Himmel gewandt, Verehrungsformeln zu murmeln. Nichts antwortete aus der Tiefe. Das Vergangene schwieg, in Gleichgültigkeit gebannt, der Sorge unfähig. Was davon Gegenwart hatte hier am Orte, das war er selbst, der ihr Brautkleid trug und ihre Augen zum Himmel wandte. Hätte es ihn nicht mahnen und warnen mögen, das Mütterliche, aus seinem eigenen Fleisch und Blut, darin es am Leben war? Nein, dort war es gebannt durch blinde, verhätschelte Knabentorheit und konnte nicht reden.

Also zog Joseph wohlgemut seines Weges weiter, auf Straßen und bergigen Richtpfaden. Es war die gelungenste Reise von der Welt; kein Mißgeschick noch irgendein unvorhergesehener Zwischenfall beeinträchtigte ihre Glückhaftigkeit. Nicht gerade, daß die Erde ihm entgegengesprungen wäre; aber gefällig breitete sie sich vor ihm hin und bot ihm erfreuten Gruß durch der Leute Augen und Münder, wohin er kam. Längst kannte man ihn nicht mehr persönlich, aber sein Typ ist außerordentlich populär in diesen Zonen, und nicht zuletzt durch die Kraft des Schleiers erregte seine Erscheinung Gunst und Freude bei allen, die ihn sahen, zumal bei den Weibern. Sie saßen, Kinder säugend, an den grell besonnten, aus Lehm und Mist gebackenen, gelöcherten Wällen der Dörfer, und das Behagen, das das Trinken der Brut ihnen bereitete, wurde verstärkt durch den Anblick des Hübschen und Schönen, der vorüberritt.

»Gesundheit, du Augapfel!« riefen sie ihm zu. »Gesegnet sei, die dich Herzblatt gebar!« –

»Vollkommene Gesundheit!« erwiderte Joseph und wies ihnen die Zähne. »Dein Sohn soll über viele gebieten!«

»Tausend Dank!« riefen sie hinter ihm her. »Astaroth begünstige dich! Du ähnelst einer ihrer Gazellen!« Denn sie schworen alle auf Aschera und hatten nur ihren Dienst im Kopf.

Manche hielten ihn, wiederum vermöge des Schleiers, aber auch auf Grund seines vielen Mundvorrats, geradezu für einen Gott und zeigten Neigung, ihn anzubeten. Doch war dies nur auf dem platten Lande so, nicht auch in ummauerten Städten, die da Beth-Schemesch oder Kirjath-Ajin, auch Kerem-Baalat oder ähnlich hießen und an deren Teichen und Torplätzen er mit den Leuten plauderte, bald umringt von ihnen in großer Anzahl. Denn er brachte sie zum Erstaunen durch eine Bildung, wie Städter sie lieben, redete ihnen von Gottes Zahlenwundern, von den Äonen, von den Geheimnissen des Pendels und den Völkern des Erdkreises, erzählte ihnen auch, damit sie sich geschmeichelt fühlten, von der Dirne aus Uruk, die den Waldmenschen zur Gesittung bekehrte, und legte bei alldem so viel Anmut des Mundes und erfreuliche Form an den Tag, daß sie untereinander meinten, er könne recht wohl der Mazkir eines Stadtfürsten und eines großen Königs Erinnerer sein.

Er ließ Sprachkenntnisse glänzen, die er mit Hilfe Eliezers erworben, und redete unterm Tore chettitisch mit einem Manne aus Chatti, mitannisch mit einem aus dem Norden und einige Worte ägyptisch mit einem Viehhändler aus dem Delta. Es war nicht viel, was er wußte, aber ein Gescheiter redet mit zehn Worten besser als ein Dummer mit hundert, und er verstand es, wenn nicht dem Unterredner, so doch denen, die zuhörten, den Eindruck wunderbar polyglottischer Beliebigkeit zu erwecken. Einem Weibe, die schreckhaft geträumt hatte, deutete er am Brunnen ihren Traum. Ihr hatte geschienen, daß ihr Söhnchen, ein dreijähriger Knabe, plötzlich größer gewesen war als sie selbst und einen Bart gehabt hatte. Das bedeute, sagte er ihr, indem er vorübergehend weiße Augen bekam, daß ihr Sohn sie bald verlassen und sie ihn zwar wiedersehen werde, aber erst nach vielen Jahren, als erwachsenen Mann mit einem Bart … Da das Weib sehr arm war und möglicherweise genötigt sein würde, ihren Sohn in die Sklaverei zu verkaufen, hatte die Deutung eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich, und die Leute bewunderten die Vereinigung von Schönheit und Weisheit, die der junge Reisende verkörperte.

Immer luden mehrere ihn zu sich ein, daß er ihr Gast sei auf einige Tage. Er aber versäumte sich nicht mehr, als Menschenfreundlichkeit gebot, und befolgte, so gut es ging, des Vaters Reiseordnung. Von den drei Nächten, die seine vier Wandertage trennten, verbrachte er noch eine in einem Hause, als Gast eines Silberschmiedes, namens Abisai, welcher den Jaakob einst besucht hatte und dem Gotte Abrahams zwar nicht unbedingt und ausschließlich anhing, aber ihm große Neigung entgegenbrachte und die Tatsache, daß er aus dem Mondmetall Abgötter herstelle, damit entschuldigte, daß er schließlich leben müsse. Das gestand Joseph ihm weltmännisch zu und schlief unter seinem Dache. Die dritte der kurzen Dunkelheiten verging ihm im Freien, in einem Feigenhain, wo er sich bettete; denn er hatte der übermäßigen Hitze wegen am Tage gerastet und gelangte so spät zur dritten Station, daß er nicht mehr Einlaß begehren mochte. Ähnlich aber erging es ihm auch zuletzt, da er seinem Ziele schon nahe war. Denn auch die Hochstunden des vierten Tages hatte er unterm Zwang der Sonne in Ruhe verbracht, und da er tags unter Bäumen geschlafen hatte und erst gegen Abend weitergezogen war, geschah es, daß die zweite Nachtwache herangekommen war, als er im schmalen Tale Schekem anlangte. So begünstigt aber bis dahin seine Reise verlaufen war, es war toll und verteufelt: von Stund an, da er hier einzog und im Lichte des noch als gehöhlte Barke dahinschwimmenden Mondes die umringte Stadt mit Burg und Tempel am Hange Garizims gelagert sah, – von diesem Augenblick an ging nichts mehr recht, sondern alles schief und verquer bis zum äußersten, so daß Joseph versucht war, diesen Umschlag der Schicksalslaune mit der Person des Mannes in Zusammenhang zu bringen, der ihm vor Schekem in der Nacht begegnete und sich für die letzte Weile, die der Veränderung aller Dinge vorausging, zu seinem Begleiter aufwarf.

Der Mann auf dem Felde

Man liest, er sei irregegangen auf dem Felde. Aber was heißt hier ›irregehen‹? Hatte der Vater ihm zuviel zugemutet, und machte Jung-Joseph seine Sache so schlecht, daß er fehlging und sich verirrte? Keineswegs. Herumirren ist nicht sich verirren, und wenn einer sucht, was nicht da ist, braucht er nicht fehlzugehen, um nichts zu finden. Joseph hatte zu Schekem im Tale mehrere Knabenjahre verbracht, und die Gegend war ihm nicht fremd, wenn es auch eine Art von Traumvertrautheit war, in der er sie wiedererkannte, und wenn auch Nacht herrschte dazumal und dünnes Mondlicht. Er verirrte sich nicht, er suchte; und da er nicht fand, so ward sein Suchen zum Irrgang im Leeren. Bei schweigender Nacht, sein Tier am Zaume führend, wanderte er umher in dem welligen Gebreite von Wiesen- und Ackerland, auf das dunkel im Sternenschein die Berge schauten, und dachte: ›Wo mögen die Brüder sein?‹ Er stieß wohl auf Schafhürden, darin die Gepferchten im Stehen schliefen; ob's aber Jaakobsschafe seien, war ungewiß, und Menschen gab es nicht, – die Stille war auffallend.

Da hörte er eine Stimme und vernahm, daß ein Mann ihn fragte, dessen Schritte er hinter sich nicht hatte kommen hören, der ihn aber eingeholt hatte, so daß er an seiner Seite war. Wäre er dem Joseph entgegengekommen, so hätte ihn dieser gefragt; so aber ließ der Mann sich nicht fragen, sondern fragte selbst:

»Wen suchst du?«

Er fragte nicht: ›Was suchst du hier?‹, sondern einfach: ›Wen suchst du?‹, und es mag sein, daß diese entschiedene Art zu fragen, die ziemlich kindische und gedankenlose Antwort Josephs mitbestimmte. Der Junge war auch recht müde im Kopf, und seine Freude über das Zusammentreffen mit einem Menschen in dieser verwünschten Irrnacht war so groß, daß er den Mann, nur eben weil er ein Mensch war, sogleich zum Gegenstand eines einfältig-anschmiegsamen und unlogischen Vertrauens machte. Er sagte:

»Meine Brüder suche ich. Sage mir, lieber Mann, doch, bitte, wo sie hüten!«

Der ›liebe Mann‹ nahm keinen Anstoß an der Einfalt dieses Ersuchens. Er schien in der Lage, sich darüber hinwegzusetzen, und unterließ es, dem Suchenden die Unvollständigkeit seiner Angabe bewußt zu machen. Er antwortete:

»Hier nun einmal nicht, noch auch nur in der Nähe.«

Verwirrt betrachtete Joseph ihn von der Seite. Er sah ihn recht gut. Der Mann war eigentlich noch kein Mann in des Wortes vollster Bedeutung, sondern nur einige Jahre älter als Joseph, doch höher gewachsen, ja lang, in einem ärmellosen Leinenkleide, das bauschig durch den Gürtel hinaufgezogen und so zum Wandern kniefrei gemacht war, und einem über die eine Schulter zurückgeworfenen Mäntelchen. Sein Kopf, auf etwas geblähtem Halse sitzend, erschien klein im Verhältnis, mit braunem Haar, das in schräger Welle einen Teil der Stirn bis zur Braue bedeckte. Die Nase war groß, gerade, und fest modelliert, der Zwischenraum zwischen ihr und dem kleinen, roten Munde sehr unbedeutend, die Vertiefung unter diesem aber so weich und stark ausgebildet, daß das Kinn wie eine kuglige Frucht darunter hervorsprang. Er wandte den Kopf in etwas gezierter Neigung zur Schulter und blickte über diese aus nicht unschönen, aber mangelhaft geöffneten Augen mit matter Höflichkeit auf Joseph hinab, schläfrig verschwommenen Ausdrucks, wie er entsteht, wenn einer zu blinzeln verabsäumt. Seine Arme waren rund, aber blaß und ziemlich kraftlos. Er trug Sandalen und einen Stock, den er sich offenbar selbst zum Wandern geschnitten.

»Hier nun einmal nicht?« wiederholte der Knabe. »Wie kann das sein? Sie sagten so bestimmt, daß sie alle miteinander gen Schekem zögen, da sie von Hause gingen. Kennst du sie denn?«

»Obenhin«, antwortete sein Begleiter. »Soweit es erforderlich. O nein, sehr vertraut bin ich nicht mit ihnen, nicht allzusehr. Warum suchst du nach ihnen?«

»Weil der Vater mich zu ihnen gesandt hat, daß ich sie grüße und bei ihnen nach dem Rechten sehe.«

»Was du sagst. Du bist also ein Bote. Auch ich bin ein solcher. Ich mache oft Botenwege an meinem Stabe. Aber ich bin auch ein Führer.«

»Ein Führer?«

»Ja, allerdings. Ich führe die Reisenden und öffne ihnen die Wege, das ist mein Geschäft, und darum sprach ich dich an und fragte dich, da ich sah, daß du in die Irre suchtest.«

»Du scheinst zu wissen, daß meine Brüder nicht hier sind. Weißt du aber auch, wo sie sind?«

»Ich glaube wohl.«

»So sage es mir!«

»Verlangt dich so sehr nach ihnen?«

»Gewiß, mich verlangt nach meinem Ziel, und das sind die Brüder, zu denen der Vater mich sandte.«

»Nun, ich will es dir nennen, dein Ziel. Da ich hier vorbeikam das vorige Mal auf meinen Botengängen, vor einigen Tagen, hörte ich deine Brüder sagen: ›Auf, wir wollen gen Dotan ziehen mit einem Teile der Schafe, daß wir uns einmal verändern!‹«

»Nach Dotan?«

»Warum nicht nach Dotan? Es fiel ihnen ein, und sie taten's. Die Weide ist würzig im Tale Dotan, und die Leute der Ortschaft auf ihrem Hügel sind handelsfroh; sie kaufen Sehnen, Milch und Wolle. Was wunderst du dich?«

»Ich wundere mich nicht, denn es ist kein Wunder. Aber es ist ein Unstern. Ich war so sicher, die Brüder hier anzutreffen.«

»Du kennst es wohl wenig«, fragte der Fremde, »daß etwas nicht gleich nach deinem Kopfe geht? Du scheinst mir ein Muttersöhnchen.«

»Ich habe gar keine Mutter«, versetzte Joseph verdrießlich.

»Ich auch nicht«, sagte der Fremde. »Aber ein Vatersöhnchen scheinst du mir also.«

»Laß das auf sich beruhen«, erwiderte Joseph. »Rate mir lieber: Was fang' ich nun an?«

»Sehr einfach. Du ziehst nach Dotan.«

»Aber es ist Nacht, und wir sind müde, Hulda und ich. Nach Dotan, soviel weiß ich von früher, ist es mehr als ein Feldweg von hier. Mit Muße ist's eine Tagereise.«

»Oder eine Nachtfahrt. Da du bei Tag unter Bäumen schliefst, mußt du die Nacht wahrnehmen, dein Ziel zu erreichen.«

»Wie weißt du, daß ich unter Bäumen schlief?«

»Nun, entschuldige, ich sah es. Ich kam an meinem Stabe vorbei, wo du lagst, und ließ dich zurück. Nun fand ich dich hier.«

»Ich weiß nicht den Weg nach Dotan, zumal in der Nacht«, klagte Joseph. »Der Vater hat ihn mir nicht beschrieben.«

»Sei also froh«, erwiderte der Mann, »daß ich dich fand. Ich bin ein Führer und führe dich, wenn du willst. Ich öffne dir die Pfade nach Dotan ganz ohne Entgelt, denn ich muß ohnedies dorthin auf meinem Botengang, und führe dich auf kürzestem Weg, wenn es dir recht ist. Wir können abwechselnd auf deinem Esel reiten. Ein hübsches Tier«, sagte er und betrachtete Hulda mit seinen mangelhaft geöffneten Augen, deren Blick von so matter Abschätzigkeit war, daß er in Widerspruch stand zu des Mannes Worten. »Hübsch wie du selbst. Nur hat es zu schwache Fesseln.«

»Hulda«, sagte Joseph, »ist neben Parosch der beste Esel in Jisraels Stall. Man hat nie gefunden, daß sie zu schwache Fesseln hätte.«

Der Fremde verzog das Gesicht. »Du tätest besser«, sagte er, »mir nicht zu widersprechen. Es ist das mehrfach unsinnig, zum Beispiel, weil du auf mich angewiesen bist, um zu deinen Brüdern zu gelangen, und zweitens, weil ich älter bin als du. Diese beiden Gründe werden dir einleuchten. Wenn ich sage: Dein Esel hat gebrechliche Fesseln, so sind sie gebrechlich, und es ist kein Anlaß für dich, sie zu verteidigen, als hättest du den Esel gemacht, da du doch nur vor ihn treten kannst und ihn nennen. Und da wir beim Namen sind, so möchte ich dich auch gleich ersuchen, den guten Jaakob vor mir nicht ›Jisrael‹ zu nennen. Das ist unschicklich und mir ärgerlich. Gib ihm seinen natürlichen Namen und unterlaß hochtrabende Bezeichnungen!«

Angenehm war der Mann nicht. Seine matte, über die Achsel redende Höflichkeit schien jeden Augenblick bereit, in gereizte Verstimmung überzugehen, und zwar aus unberechenbaren Gründen. Diese Neigung zur Übellaune stand im Widerspruch zu der Hilfsbereitschaft, mit der er sich des in die Irre Suchenden angenommen, und entwertete sie gewissermaßen, nämlich so, daß der Eindruck entstand, als entspräche sie nicht eigenem Antriebe. Oder war es dem Fußgänger einfach um eine Reitgelegenheit nach Dotan zu tun gewesen? Tatsächlich nahm zuerst einmal er auf dem Esel Platz, da sie sich auf den Weg machten, und Joseph ging nebenher. Gekränkt über das Verbot, den Vater als Jisrael zu bezeichnen, sagte dieser:

»Aber es ist sein Ehrenname, den er sich am Jabbok errungen in schwerem Sieg!«

»Ich finde es lächerlich«, erwiderte der andere, »daß du von Sieg redest, wo doch von einem solchen überall nicht und auf keine Weise die Rede sein kann. Ein artiger Sieg, von dem einer aus dem Hüftgelenk hinkt sein Leben lang und trägt zwar einen Namen davon, aber nicht gerade dessen, mit dem er rang. – Übrigens«, sagte er plötzlich und vollführte eine höchst sonderbare Bewegung der Augen, die er nicht nur aufschlug, sondern schnell und gleichsam rundum schielend im Kreise herumrollte, »laß es gut sein und nenne deinen Vater nur Jisrael – bitte sehr. Es hat seine Richtigkeit, und meine Widerrede entfuhr mir nur so. Auch bemerke ich«, fügte er hinzu und ließ noch einmal die Augäpfel herumlaufen, »daß ich auf deinem Esel sitze. Ist es dir recht, so steige ich ab, daß du aufsitzest.«

Ein sonderbarer Mann. Er schien seine Unfreundlichkeit zu bereuen, aber die Reue machte nicht den Eindruck der Vollwertigkeit und Eigenwüchsigkeit – sie tat es sowenig wie seine Hilfsbereitschaft. Joseph dagegen war freundlich aus sich selbst und hielt es mit dem Grundsatz, daß man der Sonderbarkeit am besten mit erhöhter Freundlichkeit begegnet. Er antwortete:

»Da du mich führst und öffnest mir aus Güte die Wege zu meinen Brüdern, so hast du ein Recht auf mein Tier. Bleib nur noch sitzen, wenn ich bitten darf, und tauschen wir später! Du bist den ganzen Tag gegangen, während ich reiten konnte.«

»Besten Dank«, sagte der Jüngling. »Deine Worte sind zwar nicht mehr als gehörig, aber ich danke dir dennoch bestens. Ich bin vorübergehend gewisser Erleichterungen in meinem Fortkommen beraubt«, setzte er hinzu und rückte die Schultern. »Machen Sendreisen und Botengänge dir Vergnügen?« fragte er dann.

»Ich freute mich sehr, als der Vater mich rief«, antwortete Joseph. »Wer sendet denn dich?«

»Ach, du weißt, daß viele Boten hin und wider gehen zwischen den großen Herrschaften im Aufgang und Mittag durch dieses Land«, erwiderte der junge Mann. »Wer dich eigentlich schickt, das weißt du gar nicht; der Auftrag geht durch viele Münder, und es hilft dir wenig, ihn bis zu seinem Ursprung zu verfolgen, jedenfalls mußt du dich auf die Sohlen machen. Jetzt habe ich einen Brief zu besorgen in Dotan«, sagte er, »den ich hier in meiner Gürtelfalte trage. Aber ich sehe es kommen, daß ich auch noch den Wächter werde machen müssen.«

»Den Wächter?«

»Ja, es steht mir niemand dafür, daß ich nicht beispielsweise einen Brunnen werde zu bewachen haben oder sonst eine Stätte, auf die es ankommt. Bote, Führer und Wächter – man betätigt sich, wie es trifft und je nachdem, worauf es dem Befinden der Auftraggeber noch ankommt. Ob es einem Vergnügen macht und man sich eigentlich dafür geschaffen fühlt, ist eine andere Frage, die ich dahingestellt sein lassen will. Ebenso, ob man Sinn hat für die ursprünglichen Anschläge, aus denen die Aufträge hervorgehen. Ich will diese Fragen, wie gesagt, offenlassen, aber unter uns gesagt, ist viel unbegreifliche Angelegentlichkeit im Spiel. Liebst du die Menschen?«

Er fragte unvermittelt, und dennoch kam die Frage dem Joseph nicht überraschend; denn die ganze matt-verdrießliche Redeweise seines Führers war die eines mit den Menschen hochmütig-unzufriedenen und von der Notwendigkeit, unter ihnen seinen Geschäften nachzugehen, belästigten Individuums. Er antwortete:

»Wir lächeln einander meistens, die Menschen und ich.«

»Ja, weil du bekanntlich hübsch und schön bist«, sagte der andere. »Darum lächeln sie dir, und dann lächelst du zurück, um sie in ihrer Narrheit zu bestärken. Du tätest besser, ihnen eine finstere Miene zu zeigen und ihnen zu sagen: ›Was soll euer Lächeln? Diese Haare werden kläglich ausfallen und diese jetzt weißen Zähne auch; diese Augen sind nur ein Gallert aus Blut und Wasser, sie sollen dahinrinnen, und diese ganze hohle Anmut des Fleisches soll schrumpfen und schmachvoll vergehen.‹ Es wäre anständig, wenn du sie zu ihrer Ernüchterung daran erinnertest, was sie ohnedies wissen, worüber sie sich aber von dem liebedienerisch lächelnden Augenblick hinwegtäuschen lassen. Solche Geschöpfe wie du sind nichts als ein flüchtig gleißender Betrug über den inneren Greuel alles Fleisches unter der Oberfläche. Ich sage nicht, daß auch nur diese Haut und Hülle vom Appetitlichsten wäre mit ihren dünstenden Poren und Schweißhaaren; aber ritze sie nur ein wenig, und die salzige Brühe geht frevelrot hervor, und weiter innen wird's immer greulicher und ist eitel Gekröse und Gestank. Das Hübsche und Schöne müßte durch und durch hübsch und schön sein, massiv und aus edlem Stoff, nicht ausgefüllt mit Leimen und Unrat.«

»Da mußt du dich«, sagte Joseph, »an Guß- und Schnitzbilder halten, an den schönen Gott zum Beispiel, den die Weiber im Grünen verstecken und suchen ihn wehklagend, daß sie ihn in der Höhle bestatten. Der ist hübsch durch und durch, massiv aus Olivenholz, nicht blutig und dunstig. Damit es aber scheine, er sei nicht massiv, sondern blute vom Zahn des Ebers, malen sie ihm rote Wunden und täuschen sich selber, daß sie weinen mögen ums liebe Leben. So ist's nun einmal: Entweder das Leben ist Täuschung oder die Schönheit. Du findest nicht beides im Wahren vereinigt.«

»Pf!« machte der Führer und rümpfte sein fruchtrundes Kinn, indem er vom Esel herab mit halb geschlossenen Augen über die Schulter auf den Nebengehenden blickte.

»Nein«, setzte er nach einer Pause hinzu, »sage, was du willst, es ist ein ekles Geschlecht, das Unrecht trinkt wie Wasser und längst schon wieder die Flut verdient hätte, doch ohne Rettungskasten.«

»Du hast wohl recht mit dem Unrecht«, versetzte Joseph. »Bedenke aber, daß alles zu zweien ist in der Welt, Stück und Gegenstück, damit man es unterscheide, und wenn neben dem einen das andere nicht wäre, so wären sie beide nicht. Ohne Leben wäre kein Tod, ohne Reichtum die Armut nicht, und käme die Dummheit abhanden, wer wollte von Klugheit reden? So ist's aber auch mit Reinheit und Unreinheit, das ist doch klar. Das unreine Vieh spricht zum reinen: ›Bedanke dich bei mir, denn wäre ich nicht, wie wüßtest du, daß du rein bist, und wer würde dich also nennen?‹ Und der Böse zum Gerechten: ›Falle mir zu Füßen, denn ohne mich, wo wäre dein Vorzug?‹«

»Eben«, erwiderte der Fremde. »Das ist es eben, daß ich sie von Grund auf mißbillige, diese Welt der Zweiheit, und ich begreife die Angelegentlichkeit nicht für ein Geschlecht, in dem von Reinheit nur rückbezüglich und ganz vergleichsweise nur die Rede sein kann. Aber immer muß sein gedacht sein, und immerfort hat man es vor mit ihnen wunder wie weittragend, daß man dies und das und ich weiß nicht was in die Wege leite, ihr bißchen Zukunft betreffend, wie nun auch ich dich Beutel voll Wind in die Wege leiten muß, damit du zu deinem Ziele kommst – es ist recht langweilig!«

›Der verdrießliche Bursche, warum leitet er mich dann in die Wege, wenn es ihm so lästig ist?‹ dachte Joseph. ›Es ist doch dumm, den Gefälligen zu spielen und dann zu maulen. Entschieden hat er's nur aufs Reiten abgesehen. Er könnte auch einmal absitzen, wir wollten doch wechseln. Recht wie ein Mensch redet er‹, dachte er und lächelte heimlich über diese Gewohnheit der Leute, ihre eigene Art zu hecheln und sich selbst dabei auszunehmen, also daß der Mensch zu Rate saß über den Menschen, gleichsam als wäre er keiner. Darum sagte er:

»Ja, da redest du nun übers Menschengeschlecht und sitzest darüber zu Rate, aus wie schlechtem Stoff es sei. Aber es gab eine Zeit, da den Kindern Gottes selbst der Mensch nicht aus zu schlechtem Stoffe war, daß sie eingingen zu seinen Töchtern, und wurden Riesen und Gewaltige daraus.«

Der Führer drehte den Kopf in seiner gezierten Art über die dem Joseph entgegengesetzte Schulter.

»Was du für Histörchen kennst!« antwortete er mit einem Kichern. »Für deine Jahre weißt du Bescheid in den Vorkommnissen, das muß ich sagen. Für mein Teil, des sei bedeutet, halte ich die Geschichte für eitel Klatsch. Wenn sie aber wahr ist, so will ich dir sagen, warum die Kinder des Lichts so taten und sahen nach den Töchtern Kains. Sie taten's aus übergroßer Verachtung, jawohl. Weißt du, wohin die Verderbnis gediehen war der Töchter Kains? Sie gingen mit aufgedeckter Blöße und waren Mann und Weib wie Vieh. Ihre Hurerei spottete so sehr aller Grenzen, daß man es gleichsam nicht mit ansehen konnte, ohne davon ergriffen zu werden, – ich weiß nicht, ob du das verstehst. Sie trieben es über die Maßen, warfen die Kleider zur Erde und gingen nackend auf den Markt. Wenn sie die Scham nicht gekannt hätten, so hätte es angehen mögen, und den Kindern des Lichts wäre ihr Anblick nicht so in die Glieder gefahren. Aber sie kannten die Scham genau, sie waren von Gottes wegen sogar sehr schamhaft, und ihre Lust bestand eben darin, die Scham unter ihre Füße zu treten: ist so etwas auszuhalten? Der Mann buhlte mit seiner Mutter und Tochter und seines Bruders Weibe offen auf den Straßen, und sie hatten alles in allem nur eines im Sinn: den greulichen Genuß der verletzten Scham. Mußte das den Kindern Gottes nicht in die Glieder fahren? Sie wurden verführt durch Verachtung – kannst du das nicht verstehen? Der letzte Rest von Respekt war dahin bei ihnen vor diesem Geschlecht, das man ihnen auf die Nase gesetzt, als ob sie nicht genug gewesen wären für die Welt, und das sie hatten achten sollen um höherer Angelegentlichkeit willen. Sie fanden, der Mensch sei einzig zur Unzucht da, und ihre Geringschätzung nahm buhlerischen Charakter an. Wenn du das nicht verstehst, bist du nur ein Kalb.«

»Ich kann es zur Not verstehen«, erwiderte Joseph. »Woher weißt du es übrigens?«

»Fragst du deinen Eliezer auch, woher er es weiß, was er dich lehrt? Soviel wie er weiß ich auch von den Vorkommnissen und wohl noch etwas darüber, denn als Bote, Führer und Wächter kommt man herum in der Welt und erfährt das Verschiedenste. Ich kann dich versichern, daß die Flut schließlich nur kam, weil sich herausstellte, daß die Geringschätzung der Himmelskinder für den Menschen bereits buhlerisch geworden war: das gab den Ausschlag; sonst wäre sie vielleicht nie gekommen, und ich will nur hinzufügen, daß es darauf abgesehen war, auf Seiten der Kinder des Lichts, die Flut zu erzwingen. Aber leider gab es dann ja den Rettungskasten, und es kam der Mensch zum Hintertürchen wieder herein.«

»Seien wir froh deswegen«, sagte Joseph. »Wir würden anderen Falles hier nicht plaudernd dahinziehen gen Dotan und abwechselnd den Esel benutzen laut unserer Verabredung.«

»Ja, richtig!« versetzte der andere und rollte wieder rundum schielend die Augäpfel im Kreise. »Ich vergesse alles im Plaudern. Ich muß dich ja in die Wege leiten und dich bewachen, daß du zu deinen Brüdern kommst. Wer ist aber wichtiger, der Wächter oder der Bewachte? Nicht ohne Bitterkeit muß ich antworten: der Bewachte ist wichtiger; denn für ihn ist der Wächter da, und nicht umgekehrt. Daher will ich jetzt absitzen, daß du reitest und ich gehe im Staube daneben.«

»Das kann ich mit ansehen«, sagte Joseph, indem er aufsaß. »Es ist ja der reine Zufall, daß du auch nur zeitweise reiten kannst und mußt nicht den ganzen Weg im Staube gehen.«

So zogen sie weiter unter den Sternen bei dünnem Mondlicht, von Schekem nordwärts gen Dotan, durch enge und weite Täler, über steile Berge, voll Zedern- und Akazienwald, vorüber an schlafenden Dörfern. Auch Joseph schlief stundenweise, wenn er auf dem Esel saß und der Führer im Staube ging. Da er aber einmal – es war schon ums Morgendämmern – erwachte aus solchem Schlaf, bemerkte er, daß am Behänge des Esels ein Körbchen mit Preßobst und ein anderes mit gerösteten Zwiebeln fehlte, und mußte feststellen, daß die Gürtelfalte des Führers entsprechend dicker geworden war. Der Mann stahl! Das war eine peinliche Entdeckung, und es erwies sich, wie wenig Grund er gehabt hatte, sich selber auszunehmen, indem er das Menschengeschlecht hechelte. Joseph sagte kein Wort, zumal er selbst im Gespräch das Unrecht verteidigt hatte um seines Gegenteiles willen. Auch war der Mann ja ein Führer und also dem Nabu geweiht, dem Herrn des Westpunktes im Kreislauf, der in. die unterweltliche Welthälfte führt, ein Diener des Gottes der Diebe. Die Annahme lag nahe, daß er eine fromme Symbolhandlung vollführt hatte, indem er seinen Schützling im Schlafe bestahl. Darum sagte Joseph nichts über seinen Befund, sondern achtete die Unehrlichkeit des Mannes, die Frömmigkeit sein mochte. Aber peinlich war ihm die Entdeckung gleichwohl, daß der Führer ausdrücklich gestohlen hatte. Es lag darin über das Wie und Wohin seiner Führung eine Andeutung, die den Joseph unliebsam berührte und ihm etwas das Herz beklemmte.

Nicht lange aber, so geschah etwas viel Schlimmeres als der Diebstahl. Die Sonne war aufgegangen hinter Feld und Wald, und Dotans grüner Hügel war schon in Sicht: schräg rechts lag er vor ihnen im Morgenstrahl, die Ortschaft auf seiner Kuppe. Joseph, der gerade zu Esel saß, während der Dieb den Zügel hielt, schaute dorthin: Da gab es einen Ruck und Sturz, und es war geschehen. Hulda war in ein Erdloch getreten mit einem Vorderfuß, war eingeknickt und konnte sich nicht mehr erheben. Sie hatte die Fessel gebrochen.

»Gebrochen!« sagte der Führer nach kurzer gemeinsamer Untersuchung. »Jetzt sieh dir die Bescherung an! Sagte ich's nicht, daß sie zu dünne Fesseln hat?«

»Daß du scheinbar recht behalten, sollte dich nicht freuen angesichts dieses Unsterns, und gar nicht in Betracht kommen sollte es in diesem Augenblick. Du hast sie geführt und nicht achtgegeben, so daß sie unglücklich ins Loch trat.«

»Ich habe nicht achtgegeben, und mich klagst du an? Das ist rechte Menschenart, durchaus einen Schuldigen haben zu müssen, wenn etwas schiefgegangen ist, wie man's vorhersagen konnte!«

»Es ist auch rechte Menschenart, durchaus das Unglück vorausgesagt haben zu wollen und einen unnützen Triumph darin zu suchen. Sei froh, daß ich dich nur der Unachtsamkeit anklage; ich hätte anderes gegen dich vorzubringen. Du hättest mir auch nicht raten sollen, die Nacht durch zu reisen; so hätten wir Hulda nicht übermüdet, und nie wäre die Kluge gestrauchelt.«

»Meinst du, daß ihre Fessel wieder heil wird von deinen Klagen?«

»Nein«, sagte Joseph, »das meine ich nicht. Aber nun bin ich wieder so weit, zu fragen: Was fang' ich an? Ich kann doch mein Tier hier nicht liegen lassen mit all seinem Behänge an Mundvorrat, davon ich die Brüder beschenken wollte in Jaakobs Namen. Es ist noch viel, obgleich ich einiges verzehrt und anderes mir anderweitig abhanden gekommen. Soll Hulda hier hilflos verenden, derweilen die Tiere des Feldes meine Schätze fressen? Ich bin nahe daran, zu weinen vor Verdruß.«

»Und wer wieder Rat weiß«, erwiderte der Fremde, »bin ich. Sagte ich nicht, daß ich gelegentlich auch wohl einmal den Wächter mache, wenn's sich ergibt? Wohlan, gehe nur zu! Ich will hier sitzen und deinen Esel bewachen, nebst den Eßbarkeiten, und den Vögeln und Räubern wehren. Ob ich mich ursprünglich dafür geschaffen fühle, ist eine Frage für sich, die hier nicht zur Erörterung steht. Genug, ich will sitzen als Eselswächter, bis du zu deinen Brüdern gekommen bist und kehrst mit ihnen zurück oder ein paar Knechten, die Schätze zu holen und nach dem Tiere zu sehen, ob es zu heilen ist oder zu töten.«

»Danke«, sagte Joseph. »So wollen wir's machen. Ich sehe schon, du bist recht wie ein Mensch, du hast deine guten Seiten, und vom anderen reden wir nicht. Ich spute mich, wie ich kann, und kehre wieder mit Leuten.«

»Darauf verlass' ich mich. Du kannst nicht fehlgehen: um den Hügel herum und dann zurück in das Tal dahinter ein fünfhundert Schritt durch Busch und Klee – da findest du deine Brüder, unfern einem Brunnen, in dem kein Wasser ist. Wenn du vom Esel noch etwas brauchst, so besinn dich. Einen Kopfschutz etwa gegen die steigende Sonne?«

»Du hast recht«, rief Joseph, »das Mißgeschick raubt mir alle Gedanken! Das lass' ich nicht hier«, sagte er und zog die Ketönet aus dem beringten Lederbeutel, »auch nicht in deiner Hut, so gute Seiten du aufweisest. Das nehme ich mit zum Gange in Dotans Tal, daß ich doch stattlich daherkomme, wenn schon nicht auf der weißen Hulda, wie Jaakob es wollte. Gleich hier tu' ich's um und an vor deinen Augen – so – und so – und etwa noch so! Wie gefällt dir's? Bin ich ein bunter Schäfervogel in meinem Rock? Mami's Schleiergewand, wie steht es dem Sohne?!«

Von Lantech und seiner Strieme

Unterdessen saßen die von Lea und die Söhne der Mägde hinterm Hügel im Grunde des Tals alle Zehn um ein niedergebranntes Feuer, daran sie ihr Morgenmus gekocht hatten, und starrten in die Asche. Sie waren alle schon zeitig, unter ihren gestreiften Zelten hervor, die fern im Busche standen, an den Tag gegangen – zu verschiedenen Zeitpunkten, aber alle sehr früh, und einige schon vor Morgengrauen, da der Schlaf ihnen wenig gemundet hatte; denn selten mundete er einem von ihnen, seitdem sie Hebron verlassen, und die Veränderungslust, die sie bestimmt hatte, die Weiden Schekems mit Dotans Flur zu vertauschen, war eben nur aus der trügerischen Hoffnung gekommen, er möchte ihnen anderwärts besser munden.

Sie waren, mürrisch und vor Steifheit der Glieder manchmal über das am Boden kriechende und Schlingen bildende Wurzelgeflecht des Ginsters stolpernd, zum Brunnen gegangen, der vorn bei den Schafen war, wo die Herde das Feld bedeckte, und der lebendiges Wasser hatte, während die Zisterne hier in der Nähe um diese Jahreszeit trocken und leer von Wasser war; sie hatten getrunken, sich gewaschen und angebetet, nach den Lämmern gesehen und sich dann zusammengefunden, wo sie zu essen pflegten: im Schatten einer Gruppe rotstämmiger und ausladend astreicher Kiefern. Man hatte offene Aussicht hier: über das ebene, nur mit Buschwerk und einzelnen Bäumen besetzte Land hin, auf den Hügel, den Dotan, die Ortschaft, krönte, das ferne Gewimmel der Schafe und sanftes Gebirge in hinterster Sicht. Die Sonne war schon ziemlich hoch gestiegen. Es duftete nach erwärmten Kräutern, nach Fenchel, Thymian und anderen Aromen des Feldes, beliebt bei den Schafen.

Die Jaakobssöhne saßen im Kreise auf ihren Fersen, das nachglimmende Reisig mit dem Topfe darüber in ihrer Mitte. Sie hatten längst fertig gegessen und saßen tatenlos, mit geröteten Augen. Ihre Leiber waren gesättigt, aber in ihren Seelen nagte ein Hunger und trockener Durst, den sie nicht zu nennen gewußt hätten, der ihnen jedoch den Schlaf verdarb und die Kräftigung aufhob, die ihnen das Morgenmahl hätte zuführen sollen. Ein Dorn saß ihnen im Fleisch, jedem einzelnen, der nicht herauszuziehen war, der schwärte, quälte und zehrte. Sie fühlten sich schlaff, und den meisten von ihnen schmerzte der Kopf. Wenn sie die Fäuste zu ballen versuchten, so ging's nicht. Wenn diejenigen, die einst das rächende Blutbad zu Schekem angerichtet um Dina's willen, sich prüften, ob sie jetzt noch, heute und hier, die Männer seien zu solcher Tat, so fanden sie: nein, sie seien die Männer nicht mehr; der Gram, der Wurm, der schwärende Dorn, der zehrende Hunger im Innern entnervte und entmannte sie. Wie schmählich mußten namentlich Schimeon und Levi, die wilden Zwillinge, diesen Zustand empfinden! Der eine stocherte stumpf mit seinem Hirtenstabe in der letzten Glut. Der andere, Schimeon, den Oberleib hin und her wiegend, erhob in der Stille einen halblauten Singsang, in den nach und nach einige andere summend einstimmten, denn es war ein uraltes Lied, Bruchstück einer halb verwehten, nicht vollständig überlieferten Ballade oder Epopöe aus versunkenen Zeiten:

»Lamech, der Held, nahm der Weiber zwei,
Ada und Zilla mit Namen genannt.
›Ada und Zilla, höret mein Lied,
Ihr Weiber Lamechs, vernehmt meinen Spruch!
Einen Mann erschlug ich, weil er mich kränkte,
Einen Jüngling streckt' ich für meine Strieme.
Siebenmal gerochen ward Kain,
Doch Lamech siebenundsiebzigmal!«

Sie wußten nicht mehr davon, was voranging weder noch weiter Folgendes, und schwiegen also. Aber sie hingen dem abgerissenen Klange nach und sahen Lamech, den Helden, mit ihres Geistes Auge, wie er voll heißen Stolzes daherkam in Waffen von seiner Tat und den sich bückenden Weibern kündete, daß er sein Herz gewaschen. Sie sahen auch den von ihm Gestreckten im blutigen Grase liegen, das nur wenig schuldige Sühnopfer für Lamechs wild empfindliche Ehre. Das robuste Wort ›Mann‹ ward zum Zarteren bestimmt im Reime durch den Jünglingslaut, der in seiner blutenden Holdheit mitleidige Regungen hätte begünstigen können. Sie wären allenfalls Ada's und Zilla's, der Weiber, Sache gewesen, doch mochten sie nur zur Würze ihrer Anbetung dienen von Lamechs unbestechlich mörderischer Mannheit und anspruchsvoller Rachsucht, die ehern und alt das Lied und seine Gesinnung beherrschte.

»Lamech hieß er«, sprach Lea's Levi und zerstieß stochernd verkohltes Reisig. »Wie gefällt er euch? Ich frage das, weil er mir gut und eher vorzüglich gefällt. Das war noch einer, ein Kerl, ein Löwenherz, von echtem Schrot, so was gibt es nicht mehr. Im Liede gibt es das ausschließlich noch, man singt's und erlabt sich daran und denkt vergangener Zeiten. Der mochte vor seine Weiber treten gewaschenen Herzens, und wenn er sie heimsuchte, eine nach der anderen, mit seiner Kraft, so wußten sie, wen sie empfingen, und zitterten vor Lust. Trittst du auch wohl so, Juda, vor Schua's Tochter und du, Dan, vor die Moabiterin? Sagt mir doch an, was aus dem Menschengeschlecht geworden ist seit dazumal, daß es nur noch Klügler und Frömmler erzeugt, doch keine Männer?«

Ihm antwortete Ruben:

»Ich will dir sagen, was aus des Mannes Hand nimmt seine Rache und macht, daß wir ungleich geworden Lamech, dem Helden. Es ist zweierlei: Babels Satzung und Gottes Eifer, die sprechen beide: Die Rache ist mein. Denn die Rache muß von dem Manne genommen sein, sonst zeugt sie wild weiter, geil wie der Sumpf, und die Welt wird voll Blutes. Welches war Lamechs Los? Du weißt es nicht, denn das Lied kündet's nicht mehr. Aber der Jüngling, den er schlug, hatte einen Bruder oder Sohn, der schlug den Lamech zu Tode, daß die Erde auch sein Blut empfange, und aus Lamechs Lenden wiederum einer schlug Lamechs Mörder um seiner Rache willen, und so immer fort, bis weder aus Lamechs Samen noch aus dem Samen des Ersterschlagenen einer mehr übrig war und die Erde ihr Maul schließen mochte, denn sie war satt. So aber ist es nicht gut, es ist Sumpfzeugung der Rache und hat keine Regel. Darum, als Kain den Habel erschlagen, heftete Gott ihm sein Zeichen an, daß er ihm gehöre, und sprach: Wer ihn totschlägt, das soll siebenfältig gerochen werden. Babel aber setzte ein das Gericht, daß der Mann dem Rechtsurteil sich beue für Blutschuld und nicht wuchere die Rache.«

Darauf Silpa's Sohn, Gad, in seiner Geradheit:

»Ja, so sprichst du, Ruben, mit dünner Stimme, die aus deinem mächtigen Leibe kommt, unerwartet, sooft man's hört. Hätte ich deine Glieder, ich wollte nicht reden wie du und die Läufte verteidigen mit ihren Veränderungen, die den Helden entmannen und aus der Welt bringen das Löwenherz. Wo ist der Stolz deines Leibes, daß du mit dünner Stimme redest und willst Gott die Rache anheimgeben oder dem Blutgericht? Schämst du dich nicht vor Lamech, der sprach: ›Diese Sache ist eine Sache zu dreien, zwischen mir und dem, der mich kränkte, und der Erde‹? Kain sprach zu Habel: ›Wird Gott mich trösten, wenn Naëma, unsere süße Schwester, deine Gaben annimmt und dir lächelt, oder wird's das Gericht entscheiden, wem sie gehören soll? Ich bin der Erstgeborene, so ist sie mein. Du bist ihr Zwilling, so ist sie dein. Das macht nicht Gott aus noch Nimrods Gericht. Laß uns aufs Feld gehen, daß wir es ausmachen!« Und er machte es aus mit ihm, und wie ich hier sitze, Gaddiel genannt, den Silpa gebar auf Lea's Schoß, so bin ich für Kain.«

»Und ich meinerseits wollte kein junger Löwe mehr heißen, wie das Volk mich nennt«, sagte Jehuda, »wenn ich nicht auch für Kain wäre und mehr noch für Lamech. Der hielt auf sich, meiner Treu, und schätzte nicht niedrig ein seinen Stolz. ›Siebenmal?‹ sprach er. ›Pah! Ich bin Lamech. Siebenundsiebzigmal will ich gerochen sein, und da liegt er, der Laffe, um meiner Strieme willen!‹«

»Was mag's für eine Strieme gewesen sein«, frug Issakhar, der knochige Esel, »und worin mag's der erbärmliche Jüngling versehen haben gegen Lamech, den Recken, daß er nicht Gott noch Nimrod die Rache ließ, sondern nahm sie vielfältig mit eigener Hand?«

»Das weiß man nicht mehr«, erwiderte diesem sein Halbbruder Naphtali, von Bilha. »Des Jünglings Frechheit ist unbekannt, und was Lamech abwusch mit seinem Blut, das ist aus der Welt Gedächtnis gekommen. Doch hab' ich's vom Hörensagen, daß Männer in unseren Zeiten viel eklere Schande schlucken, als Lamech sich bieten ließ. Sie schlucken sie, sagt man, die feigen Schlucker, und machen sich fort, woandershin, da sitzen sie dann, und in ihnen gärt der Schandfraß, daß sie nicht essen noch schlafen mögen, und sähe sie Lamech, den sie bewundern, so träte er sie hinten hinein, denn weiter sind sie nichts wert.«

Er sagte es mit boshaft geläufiger Zunge, verzerrten Gesichts. Die Zwillinge ächzten und suchten die Fäuste zu ballen, doch ging's nicht. Sebulun sprach:

»Das waren Ada und Zilla, die Weiber Lamechs. Ada ist schuld, das will ich euch sagen. Denn sie gebar Jabal, den Urahn derer, die in Zelten wohnen und Viehzucht treiben, Abrams Ahn, Jizchaks und Jaakobs, unseres sanften Vaters. Da haben wir den Verderb und die Bescherung, daß wir keine Männer mehr sind, wie du sagst, Bruder Levi, sondern Klügler und Frömmler, und sind als wie mit der Sichel verschnitten, daß Gott erbarm'! Ja, wären wir Jäger oder gar Seefahrer, das wäre was andres. Aber mit Jabal, Ada's Sohn, kam die Zeltfrömmigkeit in die Welt, das Schäferwesen und Abrams Gottessinnen, das hat uns entnervt, daß wir zittern, dem würdigen Vater ein Leides zu tun, und der große Rüben spricht: ›Die Rache ist Gottes‹. Aber ist denn auf Gott Verlaß und auf seine Gerechtigkeit, wenn er im Streite Partei ist und flößt selber dem nichtswürdigen Jüngling die Frechheit ein vermittelst abscheulicher Träume? Wir können gegen die Träume nichts tun«, rief er leidend, so daß seine Stimme sich überschlug, »wenn sie von Gott sind und es bestimmt ist, daß wir uns beugen!«

»Aber gegen den Träumer könnten wir etwas tun«, schrie Gad, auch er aus gequälter Brust, »auf daß«, setzte Ascher hinzu, »die Träume herrenlos wären und nicht mehr wüßten, wie wahr werden!«

»Das hätte geheißen«, erwiderte Re'uben, »sich wider Gott setzen so und so. Denn es ist gleich, sich gegen den Träumer erheben oder gegen Gott, wenn die Träume von ihm sind.« Er redete in der Vergangenheitsform, sagte nicht ›hieße‹, sondern ›hätte geheißen‹, zum Zeichen, die Frage sei abgetan.

Dan war es, der nach ihm sprach. Er sagte:

»Hört, Brüder, und achtet auf meine Worte, denn Dan wird Schlange und Otter genannt, und einer gewissen Spitzfindigkeit wegen taugt er zum Richter. Es ist wohl wahr, und Ruben hat recht: Tränkt man's dem Träumer ein, auf daß die Träume herrenlos und ohnmächtig werden, so setzt man sich freilich dem Zorne aus derer, die Willkür üben, und beschwört auf sich die Rache der Ungerechten, das ist nicht zu leugnen. Aber darauf, spricht Dan, muß man's ankommen lassen, denn es ist nichts zu erdenken, was ärger wäre, oder so arg nur wie der Träume Erfüllung. Um diese aber hat man die Willkür dann jedenfalls gebracht, und möge sie auch zürnen und wüten, – die Träume suchen umsonst ihren Träumer. Man muß vollendete Tatsachen schaffen, so lehrt's das Geschehene. Hat nicht auch Jaakob dies und jenes erlitten für seinen Trug und nichts zu lachen gehabt in Labans Diensten um Esau's bitterer Tränen willen? Nun, er hat's ausgestanden, denn den Hauptvorteil hatte er weg, den Segen, der war in Sicherheit und beiseite gebracht, und kein Gott, welcher immer, hätte etwas dagegen vermocht, beim besten Willen. Ausstehen muß man Tränen und Rache um des Gutes willen, denn was beiseite gebracht und in Sicherheit, das kommt nicht wieder …«

Hier verwirrten sich seine Worte, die doch so spitzfindig begonnen. Aber Ruben erwiderte, und es war seltsam, den baumstarken Mann so blaß zu sehen:

»Du hast gesprochen, Dan, und magst nun schweigen. Denn wir sind von dannen gezogen und haben uns geschieden vom Vaterherd. Was uns ärgerte, ist fern in Sicherheit, und in Sicherheit sitzen auch wir, zu Dotan, fünf Tage von dort, das ist die vollendete Tatsache.«

Darauf und nach diesen Gesprächen ließen sie alle die Häupter hängen, tief hinab, fast zwischen die Knie, die hochstanden, da sie "auf ihren Fersen saßen, und hockten da in sich gebückt um die Asche wie zehn Bündel Leidwesen.

Joseph wird in den Brunnen geworfen

Es geschah aber, daß Ascher, Silpa's Sohn, neugierig auch im Grame, ein wenig über die Knie schielte und seine Augen ins Land gehen ließ. Da sah er es fern im Lichte zucken wie einen Silberblitz, der verschwand, doch gleich wieder aufblinkte, und als er genauer hinspähte, da waren es zwei und mehrere Blitze, die einmal einzeln und ein andermal gleichzeitig erschimmerten, an verschiedenen Punkten, doch nahe beisammen.

Ascher stieß Gad in die Seite, seinen Vollbruder, der neben ihm saß, und wies ihm mit dem Finger das Irrlicht, damit er ihm hülfe, es zu verstehen. Und da sie es prüften, die Hand über die Augen legten und sich mit den Mienen berieten, wurden andere aufmerksam durch ihre Unruhe; es wandten sich solche um, die mit dem Rücken gegen die Weite gesessen; sie sahen einander nach den Augen und folgte einer der Richtung, in der das Schauen des andern ging, bis alle die Köpfe gehoben hatten und gemeinsam hinausspähten nach einer Gestalt, die da näherwandelte und an der das Gleißen war.

»Ein Mann kommt und gleißt«, sprach Juda. Nach einer Weile aber, während der sie schauend warteten und die Gestalt heranwachsen ließen, erwiderte Dan:

»Ein Jüngling vielmehr.«

Und in demselben Augenblick wurden sie alle auf einmal in ihren braunen Gesichtern so fahl wie Ruben schon vorher, und ihre Herzen schlugen in wild beschleunigtem Gleichtakt wie Pauken, so daß es ein dumpfes Konzert und hohles Poltern war an dem Ort in atemloser Stille.

Joseph kam über das Gebreite daher, im bunten Rock, den Kranz auf der Schleierkapuze, gerade auf sie zu.

Sie glaubten es nicht. Sie saßen, die Daumen in die Wangen gedrückt, die Finger vor den Mündern, den Ellenbogen aufs Knie gestützt, und starrten über ihre Fäuste hinweg mit quellenden Augen auf das sich nähernde Blendwerk. Sie hofften zu träumen und fürchteten es. Mehrere weigerten sich, in Schrecken und Hoffnung, noch dann die Wirklichkeit zu begreifen, als der Kommende sie schon so naheher anlächelte, daß kein Zweifel mehr möglich war.

»Ja, ja, gegrüßt!« sagte er mit seiner Stimme und trat vor sie hin. »Traut euren Augen nur, liebe Männer! Ich bin gekommen von Vaters wegen auf Hulda, der Eselin, um nach dem Rechten zu sehen bei euch und um –« Er stockte betreten. Sie saßen ohne Wort und Regung und stierten, eine unheimlich verzauberte Gruppe. Wie sie aber so saßen, wurden, obgleich doch kein Sonnenaufgang noch -untergang war, der sich in ihren Gesichtern hätte malen können, diese Gesichter so rot wie die gewundenen Stämme der Bäume in ihrem Rücken, rot wie die Wüste, dunkelrot wie der Stern am Himmel, und ihre Augen schienen Blut verspritzen zu wollen. Er trat zurück. Da erscholl ein dröhnendes Röhren, das Zwillings-Stiergebrüll, das die Eingeweide erschütterte, und mit langgezogenem Schrei wie aus einer gequälten Kehle, einem verzweifelt frohlockenden Ahhh der Wut, des Hasses und der Erlösung, sprangen sie auf alle Zehn in wild-genauer Gleichzeitigkeit und stürzten sich auf ihn.

Sie fielen auf ihn, wie das Rudel verhungerter Wölfe auf das Beutetier fällt; es gab kein Halten und kein Besinnen für ihre blutblinde Begierde, sie stellten sich an, als wollten sie ihn in mindestens vierzehn Stücke zerreißen. Ums Reißen, Zerreißen und Abreißen war's ihnen wirklich vor allem in tiefster Seele zu tun. »Herunter, herunter, herunter!« schrien sie keuchend, und einhellig war die Ketônet gemeint, das Bildkleid, das Schleiergewand, das mußte von ihm herunter, wenn es auch schwerhielt in solchem Getümmel; denn verschlungen war es ihm angetan, um Kopf und Schultern befestigt, und ihrer waren zu viele für eine Tat, sie waren einander im Wege, stießen einer den andern von dem fliegend und fallend zwischen ihnen Umhergeprellten weg und trafen sich wechselseitig mit Schlägen, die ihm galten und von denen freilich noch immer hinlängliche für ihn abfielen. Er blutete sofort aus der Nase, und sein eines Auge schloß sich zur blauen Beule.

Das Drüber und Drunter aber machte sich Rüben zunutze, der alle überragend mitten unter ihnen war und auch »Herunter, herunter!« schrie. Er heulte mit den Wölfen. Er tat, wie allezeit diejenigen getan haben, die eine entfesselte Menge notdürftig zu lenken vorhatten und, um sich Einfluß auf die Ereignisse zu wahren, mit scheinbarem Eifer am Schlimmen teilnahmen, damit Schlimmeres verhütet werde. Er gab sich den Anschein, als würde er gestoßen, stieß aber in Wahrheit selbst, indem er, so gut er konnte, diejenigen, die daran waren, auf Joseph einzuschlagen und ihm das Gewand abzureißen, von ihm hinwegpuffte, um ihn nach Möglichkeit zu schützen. Namentlich auf Levi hatte er acht, von wegen seines Hirtenstabes, und stolperte beständig gegen ihn. Trotz seinen Manövern aber ging es dem entsetzten Jungen so schlecht, wie er's, der Gehegte, sich nie hätte träumen lassen. Er taumelte fassungslos, den Kopf zwischen den Schultern, die Ellbogen gespreizt unter diesem Hagelgewitter wüster Brutalität, das aus blauem Himmel, ohne greulicherweise sich im geringsten darum zu kümmern, wohin es traf, auf ihn niederprügelte und seinen Glauben, sein Weltbild, seine wie ein Naturgesetz feststehende Überzeugung, daß jedermann ihn mehr lieben müsse als sich selbst, in kurze und kleine Stücke schlug.

»Brüder!« stammelte er mit gespaltener Lippe, von der ihm das Blut, zusammen mit dem aus der Nase, über das Kinn lief. »Was tut …« Eine Kopfnuß, der Ruben nicht hatte zuvorkommen können, riß ihm das Wort vom Munde; ein äußerst bedenkenloser Fauststüber ins Magenweiche zwischen den Rippen ließ ihn sich niederkrümmen und unter der Meute verschwinden. Es ist nicht zu leugnen, vielmehr zu betonen, daß die Aufführung der Jaakobssöhne, soviel Gerechtigkeit ihr zur Seite stehen mochte, die allerbeschämendste war, ja geradezu rückfällig genannt werden mußte. Sie gingen unter die Menschheit hinab und erinnerten sich ihrer Zähne, um dem Blutend-Halbohnmächtigen das Mutterkleid vom Leibe zu reißen, da ihre Hände leider noch mehr zu tun hatten. Sie waren nicht stumm dabei, und nicht nur »Herunter, herunter!« war ihre Parole. Wie arbeitende Männer, die ziehen und wuchten, sich mit eintönigen Rufen zum gemeinsamen Werke betäuben, so sie: Aus den Tiefen ihrer Erbitterung holten sie Abgerissenes, das sie wieder und wieder hervorächzten, um sich in Wut damit zu halten und die Besinnung zu scheuchen. »Neigen sich, neigen sich!« – »Sieh nach dem Rechten!« – Dorn du im Fleische!« – »Schleichendes Übel!« – »Da – deine Träume!« – Und der Unselige?

Ihm war, was mit der Ketonet geschah, das Entsetzlichste und Unfaßlichste von allem; es war ihm schmerz- und grauenhafter als alle verbeulende Unbill, die nebenherlief. Er trachtete verzweifelt, das Gewand zu bewahren, die Trümmer und Lappen davon noch an sich zu halten, schrie mehrmals auf: »Mein Kleid!« und bettelte in Ängsten der Jungfräulichkeit: »Zerreißt es nicht!« noch, als er schon nackend war. Denn die Entschleierung geschah allzu gewalttätig, als daß sie sich eben nur auf den Schleier hätte beschränken können. Hemdrock und Schurz gingen mit herunter, ihre Fetzen lagen vermengt mit denen des Kranzes, des Schleiers im Moose umher, und auf den Bloßen, das Gesicht mit den Armen notdürftig Deckenden gingen die Schläge des Haufens – »Neigen sich, neigen sich!« – »Da – deine Träume!« – erbarmungslos nieder, abgelenkt und in ihrer Wirkung ein wenig beeinträchtigt einzig vom großen Rüben, der immer fortfuhr, den Gestoßenen zu spielen und dabei die anderen von Joseph fortzustoßen, indem er so tat, als seien sie ihm hinderlich, seinerseits recht nach Lust und Wut auf das Opfer einzuschlagen. »Dorn du im Fleische!«, »Schleichendes Übel!« rief auch er. Dann aber rief er etwas anderes, was der Augenblick ihm eingab, rief es laut und wiederholt, damit alle es hörten und ihre Sinnlosigkeit davon lenken ließen: »Binden! Ihn binden!«, »An Händen und Füßen!« Es war eine neue Parole, die er da ausgab, neu und in größter Hast zum Guten erfunden. Sie sollte der unabsehbaren Aktion ein vorläufiges Ziel setzen und eine Atempause herbeiführen, durch die Rubens angstvoller Wunsch, das Äußerste abzuwenden, etwas Zeit gewinnen würde. In der Tat, solange man beschäftigt war, Joseph zu binden, würde man ihn nicht schlagen; und wenn er gebunden lag, würde etwas vorderhand Befriedigendes getan und ein Abschnitt der Handlung erreicht sein, bei dem man zurücktreten und Weiteres zu überlegen haben würde. Dies Rubens eilige Berechnung. Und so propagierte er seine Losung mit einem verzweifelten Eifer, als bezeichne sie das einzig Zweckmäßige und Vernünftige, was jetzt zu geschehen habe, und als sei jeder ein Narr, der nicht darauf höre. »Da – deine Träume!« schrie er. »Binden – ihn binden!«, »Dummköpfe ihr!«, »Rächt euch wie Tröpfe!«, »Statt mich zu stoßen, bindet ihn lieber!« – »Ist denn kein Strick da?!« rief er noch einmal aus voller Kraft.

Doch. Gaddiel zum Beispiel trug einen Strick um den Leib, und er nahm ihn ab. Da ihre Köpfe leer waren, mochte Rubens Parole darin Platz finden. Sie fesselten den Nackten, banden ihn mit ein und demselben Strick an Armen und Beinen, verschnürten ihn gehörig, so daß er stöhnte, und Rüben beteiligte sich emsig an dem Werk. Als es geschehen war, trat er zurück und wischte sich aufatmend den Schweiß, als habe er's die ganze Zeit allen zuvorgetan.

Die anderen standen mit ihm, vorläufig außer Gefecht gesetzt, keuchend, in verwilderter Muße. Vor ihnen lag Rahels Sohn, kläglich zugerichtet. Er lag auf seinen gefesselten Armen, den Hinterkopf steil im Kraute, die Knie hochgezogen, mit fliegenden Rippen, zerbeult, verbleut, und über seinen von brüderlicher Wut begeiferten Körper, an dem Moos und Staub klebten, lief in schlängelnden Rinnsalen der rote Saft, der der Schönheit entquillt, wenn man ihre Oberfläche verletzt. Sein eines nicht verhauenes Auge suchte entsetzensvoll seine Mörder und schloß sich zuweilen krampfhaft wie im Reflexschutz gegen neue Gewalttat.

Die Untäter standen pustend und übertrieben ihre Erschöpfung, um die Ratlosigkeit zu verdecken, die bei keimender Besinnung sich ihrer bemächtigte. Sie ahmten den Ruben nach im Schweißwischen mit dem Handrücken, bliesen die Lippen auf und machten Gesichter, die eine der Rachetat nachklingende ungeheuer gerechte Entrüstung zum Ausdruck brachten, als wollten sie sagen: ›Was auch geschehen sein möge – kann irgendein Mensch uns einen Vorwurf daraus machen?‹ Sie sagten es auch in Worten, die sie zu ihrer Rechtfertigung voreinander und vor jedem außer ihnen waltenden Urteil kurz ausatmend hervorstießen: »So ein Gauch!« – »So ein Dorn!« – »Dem haben wir's gezeigt!« – »Dem haben wir's ausgetrieben!« – »Sollte man's glauben?!« – »Kommt hier daher!« – »Kommt hier daher vor uns!« – »Im bunten Rock!!« – »Uns vor die Augen!« – »Will nach dem Rechten sehen!« – »Aber wir sahn danach!« – »Daß er's gedenke!«

Aber indem sie dies ausstießen, regte sich – gleichzeitig in ihnen allen – ein Grauen, zu dessen Übertäubung all diese Stoßredensarten eigentlich dienen sollten; und wenn man das heimliche Grauen näher besah, so war's der Gedanke an Jaakob.

Du großer Gott, was hatte man mit des Vaters Lamm gemacht – vom Zustande, in dem Rahels jungfräuliches Erbe sich befand, noch ganz zu schweigen? Wie würde der Ausdrucksvolle sich anstellen, wenn er's gewahrte oder erfuhr, wie würden sie dann bestehen vor ihm, und wie würde es ihnen allen ergehen? Re'uben dachte an Bilha. Schimeon und Levi dachten an Schekem und an Jaakobs Grimm, wie er über sie gekommen, als sie von ihrer Heldentat heimgekehrt waren. Naphtali, er besonders, hielt sich zum vorläufigen Tröste gegenwärtig, daß Jaakob fünf Tage entfernt und vollkommen ahnungslos war; ja, zum ersten Male empfand Naphtali den trennenden und in Unwissenheit haltenden Raum als großen Segen. Die Raumesmacht jedoch, das begriffen alle, würde nicht aufrechtzuerhalten sein. Über ein kleines mußte Jaakob alles erfahren, wenn nämlich Joseph ihm wieder vor Augen kam, und der Gefühlssturm mit zuckenden Flüchen und rollenden Donnerworten, der dann unvermeidlich war, würde nicht auszustehen sein. Sie hatten tiefe Kindesangst davor, so ausgewachsene Burschen sie waren, Angst vor dem Fluch als Gebärde und Angst vor des Fluches Sinn und Folgen. Verflucht würden sie sein allesamt, das war klar, weil sie die Hand erhoben gegen das Lamm, und endgültig-ausdrücklich würde der Gleisner über sie erhoben sein als Erberwählter!

Die Erfüllung der Schandträume – ihr eigen Werk! Genau das also, um was der Gott durch die Schaffung vollendeter Tatsachen hätte gebracht werden sollen. Sie fingen an zu bemerken, daß der große Ruben sie dumm gemacht hatte mit seiner Parole. Da standen sie nun, und da lag der Segensdieb, leidlich gezüchtigt zwar und gebunden, aber waren das vollendete Tatsachen zu nennen? Etwas anderes, wenn Joseph dem Alten nicht wieder vor Augen kam, wenn dieser Vollendetes und Endgültiges erfuhr. Dann würde freilich der Jammer noch gräßlicher sein – nicht auszudenken. Aber an ihnen – das war einzurichten – würde er dann vorbeigehen. Am Halben waren sie schuldig. Am Ganzen mußten sie es nicht sein. Das überlegten sich alle gleichzeitig in ihren Köpfen, wie sie da standen – auch Ruben. Er konnte nicht umhin, diesen Sachverhalt anzuerkennen. Die Schläue, mit der er die Handlung zum Stehen gebracht, war aus seinem Herzen gekommen. Sein Verstand sagte ihm, daß zuviel geschehen war, als daß nicht mehr hätte geschehen müssen. Daß dieses Mehr zu geschehen und dennoch um Gott nicht und um keinen Preis zu geschehen hatte, bildete die Wirrnis seines Geistes. So ingrimmig und verlegen hatte des großen Rüben muskulöses Gesicht noch niemals dreingeschaut.

Jeden Augenblick fürchtete er zu hören, was unvermeidlich laut werden mußte und worauf ihm die Antwort fehlte. Da wurde es laut, und er hörte es. Einer sprach es aus, gleichviel wer; Ruben sah nicht hin, wer es zufällig war; der notwendige Gedanke war aller: »Er muß fort.«

»Fort«, nickte Ruben mit grimmiger Bestätigung. »Du sagst es. Du sagst nicht, wohin.«

»Überhaupt fort«, antwortete die Stimme. »Er muß in die Grube fahren, daß es ihn nicht mehr gibt. Es hätte ihn schon lange nicht geben dürfen, jetzt aber darf es ihn ganz und gar nicht mehr geben.«

»Ganz deiner Meinung!« versetzte Rüben mit bitterem Hohn. »Und dann treten wir vor Jaakob, seinen Vater, ohne ihn. ›Wo ist der Knabe?‹ wird er gelegentlich fragen. ›Es gibt ihn nicht mehr‹, antworten wir dann. Sollte er aber fragen: ›Warum gibt's ihn nicht mehr?‹, so werden wir antworten: ›Wir haben ihn umgebracht.‹«

Sie schwiegen.

»Nein«, sagte Dan, »nicht so. Hört mich, Brüder, ich bin Schlange und Otter genannt, und eine gewisse Spitzfindigkeit ist mir nicht abzusprechen. So machen wir's: Wir lassen ihn in die Grube fahren, in eine Grube hinab, in den dürren Brunnen hier, halb verschüttet, darin kein Wasser ist. Da ist er in Sicherheit und beiseite gebracht und mag sehen, was seine Träume sind. Vor Jaakob aber lügen wir und sprechen sicheren Mundes: ›Wir haben ihn nicht gesehen und wissen nicht, ob's ihn noch gibt oder nicht. Wo nicht, so hat allenfalls ein reißend Tier ihn gefressen. O Jammer!‹ Wir müssen ›O Jammer!‹ hinzufügen um der Lüge willen.«

»Still!« machte Naphtali. »Er liegt ja nahebei und hört uns!«

»Was macht das?« erwiderte Dan. »Er wird's niemandem ansagen. Daß er's hört, ist ein Grund mehr dafür, daß er nicht von hier gehen darf, aber er durfte schon vorher nicht, und es geht nun alles in eins. Wir können ruhig reden vor ihm, denn er ist schon so gut wie tot.«

Ein Klagelaut kam von Joseph her, aus seiner von der Fesselung hochgezerrten Brust, auf der zart und rot die mütterlichen Sterne standen. Er weinte.

»Hört ihr's, und erbarmt es euch nicht?« fragte Ruben.

»Ruben, was soll das«, erwiderte ihm Juda, »und was redest du von Erbarmen, möge es sich auch einmischen bei dem einen oder anderen von uns so gut wie bei dir? Löscht sein Weinen in dieser Stunde es aus, daß die Kröte unverschämt war all ihrer Lebtage bis über den Himmel hinaus und uns untertreten hat beim Vater mit schändlichster Gleisnerei? Kommt Erbarmen auf gegen das Notwendige, und ist's ein durchschlagender Grund, daß er von hier gehe und alles ansage? Also, was frommt's, vom Erbarmen zu reden, wenn sich's auch einmischt? Hat er nicht schon gehört, wie wir lügen werden vor Jaakob? Das geht über sein Leben bereits, daß er's gehört hat, und ob mit oder ohne Erbarmen, Dan sprach die Wahrheit: Er ist schon so gut wie tot.«

»Ihr habt recht«, sagte Ruben da. »Wir wollen ihn in die Grube werfen.«

Wieder weinte Joseph jammervoll auf.

»Aber er weint ja noch«, meinte einer erinnern zu müssen.

»Soll er nicht einmal mehr weinen dürfen?« rief Ruben. »Laßt ihn doch weinend in die Grube fahren, was wollt ihr mehr!«

Hier fielen Worte, die wir nicht unmittelbar wiedergeben, weil sie eine neuzeitliche Empfindlichkeit erschrecken und, eben in unmittelbarer Form, die Brüder, oder einige von ihnen, in ein übertrieben schlechtes Licht setzen würden. Es ist Tatsache, daß Schimeon und Levi sowie der gerade Gad sich erboten, dem Gefesselten kurzerhand den Garaus zu machen. Jene wollten es mit dem Stabe besorgen, ausholend mit beider Arme Kraft nach guter Kainsart, daß er hin sei. Dieser ersuchte um den Auftrag, ihm rasch mit dem Messer die Kehle zu durchschneiden, wie Jaakob einst mit den Böcklein getan, deren Fell er brauchte zum Segenstausch. Diese Vorschläge wurden gemacht, es ist nicht zu leugnen; aber es liegt nicht in unseren Wünschen, daß der Leser endgültig mit den Jaakobssöhnen zerfalle und ihnen auf immer die Verzeihung verweigere, darum lassen wir es nicht geradezu in den Worten der Brüder laut werden. Es wurde gesagt, weil es gesagt werden mußte, weil es, in unserer Sprache zu reden, in der Konsequenz der Dinge lag. Und es war wiederum nur folgerecht, daß diejenigen es über die Lippen brachten und sich dafür zur Verfügung stellten, zu deren Rolle auf Erden es am besten paßte und die damit, sozusagen, ihrem Mythus sich gehorsam erwiesen: die wilden Zwillinge und der stramme Gad.

Aber Ruben erlaubte es nicht. Es ist bekannt, daß er Widerstand leistete und nicht wollte, daß dem Joseph wie Habel oder wie den Böcklein geschah. »Dem widerspreche und widerstehe ich«, sagte er und berief sich auf seine Eigenschaft als Lea's Erster, in welcher er trotz Fall und Fluch wohl noch ein Wort mitzureden habe. Der Knabe sei ja so gut wie tot, sie hätten es selbst gesagt. Er weine nur noch etwas, das sei alles, und es genüge, ihn in die Grube zu werfen. Sie sollten ihn doch ansehen, ob das noch Joseph, der Träumer, sei, er sei ja schon unkenntlich von dem Geschehenen, woran er, Ruben, sich wie einer beteiligt habe, sich auch noch besser beteiligt hätte, wenn er nicht wäre von allen Seiten gestoßen worden. Aber das Geschehene sei eben nur ein Geschehen gewesen, kein Tun, so könne man es nicht nennen. Es sei zwar durch sie, die Brüder, geschehen, aber sie hätten's nicht getan, sondern es sei so mit ihnen dahingefahren. Jetzt aber wollten sie klaren Sinnes und nach ausdrücklichem Beschluß einen Greuel tun und die Hand wider den Knaben erheben, daß sie des Vaters Blut vergössen, während es bisher nur geflossen sei, wenn auch durch sie. Aber fließen und vergießen, das sei ein Unterschied in der Welt wie Geschehen und Tun, und wenn sie das nicht unterschieden, so seien sie am Verstande zu kurz gekommen. Ob sie als Blutgericht eingesetzt seien, fragte er, zu urteilen in eigener Sache und dann den Blutspruch auch noch selbst zu vollziehen? Nein, kein Blutvergießen, er dulde es nicht. Was ihnen nach dem Geschehenen zu tun bleibe, sei, den Knaben in die Grube zu befördern und das Weitere dem Geschehen zu überlassen.

So der große Ruben, aber es hat nie jemand geglaubt, daß er sich selbst betrog, dem Erz- und Grundunterschied von Tun und Geschehen gar so strenggläubig anhing und meinte, den Jungen in der Grube verkommen zu lassen, das heiße nicht, die Hand wider ihn erheben. Wenn etwas später Jehuda die Frage stellte, was es denn hülfe, den Bruder zu erwürgen und sein Blut zu verbergen, so hätte er damit den Ruben nichts Neues gelehrt. Längst hat die Menschheit in Rubens Herz geblickt und gesehen, daß er nichts wollte, als Zeit gewinnen – er hätte nicht sagen können, wofür –, Zeit ganz einfach, die Hoffnung zu fristen, daß er Joseph errette aus ihrer Hand und ihn so oder so dem Vater zurückbringe. Es war die Furcht Jaakobs und grimmig verschämte Liebe zu dem Verhaßten, die ihn dies heimlich betreiben – und auf Verrat sinnen ließen an dem Brüderclan, es ist nicht anders zu nennen. Aber Re'uben, das dahinschießende Wasser, hatte allerlei gutzumachen an Jaakob von wegen Bilha's, und wenn er ihm den Joseph zurückbrachte von hier, würde dann nicht die Geschichte von damals mehr als wettgemacht, der Fluch von ihm genommen und seine Erstgeburt wiederhergestellt sein? Wir geben uns nicht die Miene, genau über Rubens Dichten und Trachten Bescheid zu wissen, und wünschen nicht, die Motive seines Betreibens zu verkleinern. Aber verkleinern wir sie denn, wenn wir als möglich anheimstellen, er habe im stillen gehofft, das Rahelskind zugleich zu erretten und zu besiegen?

Übrigens stieß er kaum auf Widerstand bei den Brüdern mit seiner Forderung, sich des Tuns zu enthalten und das Geschehen walten zu lassen. Es wäre ihnen wohl allen recht gewesen, wenn ihr Tun, solange es noch ein Geschehen war, in einem blinden Zuge zum Ziel geführt hätte; aber es nach der nun einmal eingetretenen Besinnungspause als reines Tun nach ausdrücklichem Blutbeschluß zu vollenden, hatte im Grund niemand Lust, auch die Zwillinge nicht, so wild sie waren, auch Gaddiel nicht, so stramm er sich gab; sie waren recht froh, daß ihnen der Auftrag, den Kopf und die Kehle betreffend, nicht zuteil wurde, sondern daß abermals Rubens Autorität und seine Parole durchschlugen: wie vorhin die des Bindens, so nun die des Brunnens.

»Zur Grube!« hieß es, und sie ergriffen den Strick, mit dem Joseph gebunden war, faßten zu da und dort und zerrten den Armen querfeldein gegen den Ort, wo sie abseits in der Trift die leere Zisterne wußten. Einige hatten sich vorgespannt, zu zerren, einige halfen seitwärts nach, und ein paar trabten hinterdrein. Re'uben trabte nicht, sondern wanderte mit langen Schritten an des Transportes Beschluß, und wenn ein Stein kam, ein böser Wurzelstumpf oder hartes Gebüsch, so griff er den Hingeschleiften an und hob ihn auf, daß er nichts Unnützes erleide.

So ging's zur Grube mit Joseph mit Hoihupp und Hoihe, denn eine Art von Lustigkeit ergriff die Brüder bei dieser Fahrt, der taube Übermut vieler bei gemeinsamem Werk, so daß sie lachten und juxten und einander Blödes zuriefen, wie etwa: sie schleppten eine Garbe, wohl gebunden, die solle sich neigen ins Loch, in den Brunnen, in die Teufe hinab. Das war aber nur, weil sie sich alle erleichtert fühlten, nicht nach dem Muster Habels oder der Böcklein tun zu müssen; und dann auch, damit sie Josephs Flehen und Wehklagen nicht hörten, der immerfort mit seiner gespaltenen Lippe jammerte:

»Brüder! Erbarmen! Was tut ihr! Macht halt! Ach, ach, wie geschieht mir!«

Das half ihm nichts, dahin ging's mit ihm im Trabe durch Kraut und Busch eine gute Strecke weit über Land bis zu einem moosigen Abhang, den ging es hinunter, und unten war ein kühler Grund, gemauert, mit Eichen- und Feigengebüsch im trümmerhaften Gemäuer und zersprungenem Fliesenboden, wo hinab einige steile und schadhafte Stufen führten: über die schleppten sie Joseph, der sich in seinen Fesseln und in ihren Armen verzweifelt zu wehren begann, denn ihm grauste vor dem Brunnen, der da gebaut war, und vor dem Loch des Brunnens, besonders aber noch vor dem Brunnenstein, der nebenbei auf den Fliesen lag, bemoost und schadhaft, bestimmt, das Loch zu verschließen. Doch wie auch Joseph sich sträubte und weinte, sein unverschlossenes Auge entsetzensvoll in des Rundes Schwärze gerichtet, – sie hißten ihn auf den Rand mit Hoihupp und Hoihe und stießen ihn gar ins Übergewicht, daß er fallen mußte, wer wußte, wie tief.

Es war tief genug, wenn auch nicht abgründig, kein bodenloser Schlund. Solche Brunnen reichen oft dreißig Meter und mehr in die Erde hinab, aber dieser war außer Benutzung und seit langem schon stark verschüttet mit Erde und Bröckelgestein, vielleicht um alten Haders willen um den Ort. Wenn es fünf Klafter waren oder sechs, die Joseph hinabmußte unter Tag, so war's schon viel, wenn auch freilich zuviel, um da je wieder emporzusteigen bei verschnürten Gliedern. Auch stürzte er mit viel Lebensvorsicht und gesammelter Achtsamkeit, fand halben Halt da und dort mit Füßen und Ellenbogen am Mauerrand, die Fahrt zum Rutschen ermäßigend, und landete leidlich unverstaucht im Schutt, zum Schrecken von allerhand Käfern, Rasseln und Kellergewürm, die solches Besuches nicht gewärtig gewesen. Während er aber, irgendwie hingefallen, da unten bedachte, wie dies gegangen sei, taten die Brüder oben das übrige mit Mannesarmen und bedeckten sein Haus mit dem Stein in rufender Arbeit. Denn er war wuchtig, und nicht eines Mannes Werk war es, ihn auf die Grube zu wälzen, sondern alle faßten sie an und teilten sich die Arbeit, zumal sie ein Stückwerk bildete an und für sich. Denn der alte Deckel, grünlich bemoost und wohl fünf Schuh groß im Durchmesser, war in zwei Hälften zersprungen, und als sie sie einzeln aufs Rund gewälzt hatten, da schlössen sie nicht einmal, sondern klafften, und durch den Spalt, hier breit und dort schmal, fiel etwas Tageslicht in den Brunnen. Zu dem blickte Joseph auf mit seinem sehenden Auge, wie er da irgendwie hingefallen lag in runder Tiefe, nackt und bloß.

Joseph schreit aus der Grube

Die Brüder nun, nach getanem Werke, setzten sich hin auf die Stufen des Brunnengelasses, um auszuruhen, und einige zogen Brot und Käse aus ihren Gürteltaschen, daß sie ein Frühstück hielten. Levi, roh, aber fromm, gab zwar zu bedenken, daß man nicht essen solle beim Blute; aber sie erwiderten ihm, es gebe kein Blut, das sei ja der Vorteil, daß auf diese Manier Blut weder geflossen noch vergossen sei; und so aß Levi auch.

Sie kauten blinzelnd und nachdenklich. Diese Nachdenklichkeit aber betraf vorderhand etwas ganz Nebensächliches, was ihnen dennoch für den Augenblick vor allem eindrucksvoll war. Ihre Hände und Arme, die beim Begräbnis tätig gewesen, trugen die Erinnerung an die Berührung mit Josephs bloßer Haut, und diese Erinnerung war überaus zart, obgleich die Berührung so unzärtlicher Art gewesen, und teilte sich ihren Herzen als eine Weichheit mit, der sie blinzelnd nachspürten, ohne sich recht auf sie zu verstehen. Auch war nicht die Rede davon unter ihnen, sondern was sie sprachen, galt nur der Feststellung, daß Joseph nun auf die Seite gebracht und samt seinen Träumen sicher aufgehoben sei, es galt der gegenseitigen Beruhigung darüber.

»Nun gibt's ihn nicht mehr«, sagten sie. »Uff, das wäre getan, und wir können nun ruhig schlafen.« Daß sie ruhig schlafen könnten, wiederholten sie desto nachdrücklicher, je zweifelhafter ihnen die Sache war. Sie mochten schlafen des Träumers wegen, der ausgeschieden war und dem Vater nichts würde ansagen können. Aber eben in diesem beruhigenden Gedanken war der an den Vater enthalten, der vergebens auf Josephs Heimkehr warten würde, ewig vergebens, und diese Vorstellung, soviel Sicherheit sie gewährte, lud keineswegs zum Schlafen ein. Es war für sämtliche zehn, ohne Ausnahme, auch für die wilden Zwillinge, eine grauenvolle Vorstellung, denn ihre Kindesfurcht vor Jaakob, vor der Zartheit und Macht seiner Seele war die ausgeprägteste, und daß Joseph nicht würde reden können, war erkauft mit einem Angriff auf diese pathetische Seele, den sie sich nur mit Schrecken vergegenwärtigten. Was sie an dem Bruder getan, hatten sie am Ende aus Eifersucht getan; aber man weiß ja, welches Gefühl in der Eifersucht seine Verzerrung erleidet. Sah man sich freilich die geölte Roheit Schimeons und Levi's an, so mochte die Bezugnahme auf dies Gefühl reichlich unpassend erscheinen, und ebendarum brauchen wir halbe Worte. Es gibt Fälle, denen nur mit halben Worten gedient ist.

Sie grübelten kauend und blinzelnd, an Händen und Armen das Nachgefühl der Sanftheit von Josephs Haut. Ihr Nachdenken war schwer, und es wurde erschwert und gestört durch das Weinen und Betteln des Versenkten, das dumpf aus dem Grabe zu ihnen drang. Denn nach dem Fall hatten seine Sinne sich so weit wieder gesammelt, daß er sich der Notwendigkeit erinnerte, zu jammern, und er flehte von unten:

»Brüder, wo seid ihr? Ach, geht nicht fort, laßt mich nicht allein im Grabe, es ist so modrig und schauervoll! Brüder, erbarmt euch und rettet mich einmal noch aus der Nacht der Grube, darin ich verderbe! Ich bin euer Bruder Joseph! Brüder, verbergt nicht eure Ohren vor meinem Seufzen und Schreien, denn ihr tut fälschlich an mir! Ruben, wo bist du? Ruben, ich rufe deinen Namen an, unten aus der Grube! Sie haben's mißverstanden! Ihr habt's mißverstanden, liebe Brüder, so helft mir doch und erlöst mein Leben! Ich kam zu euch von Vaters wegen fünf Tagereisen weit auf Hulda, der weißen Eselin, euch Geschenke zu bringen, Sangen und Obstkuchen, ach, wie ist's fehlgeschlagen! Der Mann ist schuld, daß es fehlschlug, der Mann, der mich führte! Brüder in Jaakob, hört und versteht mich, ich kam nicht zu euch, nach dem Rechten zu sehen, dazu braucht ihr das Kind nicht! Ich kam, mich zu neigen vor euch mit Ziem und Umgangsform und nach eurem Befinden zu fragen, daß ihr heimkehrtet zum Vater! Brüder, die Träume … War ich so ungezogen, euch Träume zu erzählen? Glaubt mir, ich habe euch vergleichsweise nur ganz bescheidene Träume erzählt, ich hätte euch … Ach, nicht das wollt' ich sagen! Ach, ach, meine Knochen und Sehnen rechts und links und alle meine Glieder! Mich dürstet! Brüder, es dürstet das Kind, denn es hat viel Bluts verloren um eines Irrtums willen! Seid ihr noch da? Bin ich schon ganz verlassen? Ruben, laß mich deine Stimme hören! Sag ihnen, daß ich nichts ansagen werde, wenn sie mich erretten! Brüder, ich weiß, ihr denkt, ihr müßt mich in der Grube lassen, weil ich's sonst ansagen werde. Beim Gotte Abrahams, Jizchaks und Jaakobs, bei eurer Mütter Häuptern und bei Rahels Haupt, meines Mütterchens, schwöre ich euch, daß ich's nicht ansagen werde, nie und nimmer nicht, wenn ihr mich einmal noch aus der Grube errettet, nur noch dies eine Mal!«

»Ganz gewiß würde er's ansagen, wenn nicht heute, so morgen«, murmelte Juda zwischen den Zähnen, und es war keiner, der nicht diese Gewißheit geteilt hätte, Ruben nicht ausgenommen, wie sehr sie in Widerstreit liegen mochte mit seinem schwebenden Hoffen und Planen. Desto geheimer aber mußte er dieses halten und es kräftig verleugnen; darum legte er die hohlen Hände an den Mund und rief:

»Wenn du nicht still bist, so werfen wir Steine auf dich, daß du gar dahin bist. Wir wollen nichts mehr hören von dir, denn du bist abgetan!«

Als Joseph das hörte und die Stimme Rubens erkannte, entsetzte er sich und verstummte, so daß sie ungestört blinzeln und den Vater fürchten konnten. Es lag so für sie, daß Jaakobs Harren und langsames Verzweifeln, das ganze gefühlvolle Elend, das sich zu Hebron vorbereitete, sie weiter nicht hätte anzugehen brauchen, wenn sie die Absicht gehabt hätten, ihre Selbstverbannung aufrechtzuerhalten und in dauerndem Zerwürfnis mit dem Vaterherde zu leben. Das gerade Gegenteil jedoch war der Fall. Die Versenkung Josephs konnte nur einem Zwecke dienen: das Hindernis zu beseitigen, das zwischen ihnen und dem Herzen des Vaters stand, um das es ihnen allen aufs kindlichste zu tun war; und die Wirrnis bestand darin, daß sie sich gezwungen gesehen hatten, diesem zarten und machtvollen Herzen das Äußerste zuzufügen, um es für sich zu gewinnen. Tatsächlich war dies der Gesichtspunkt, unter dem sie alle zur Zeit die Dinge sahen. Nicht auf die Bestrafung des Frechen und nicht auf ihre Rache, noch auch nur in erster Linie auf die Zerstörung der Träume war es ihnen, so fühlten sie einmütig, angekommen, sondern darauf, den Weg frei zu machen zum Herzen des Vaters. Er lag nun frei, und sie würden zurückkehren – ohne Joseph, wie sie ohne ihn ausgezogen waren. Wo war er? Er war ihnen nachgeschickt worden. Wird einem derjenige nachgeschickt, gegen dessen Leben der eigene Auszug eine Kundgebung war, und man kehrt ohne ihn wieder, so ist das fragwürdig. Nicht ohne ein gewisses schauerliches Recht wird einem dann die Frage nach dem Verbleibe dessen gestellt werden, ohne den man zurückkehrte. Selbstverständlich konnten sie diese Frage mit Achselzucken beantworten. Waren sie ihres Bruders Hirten? Nein, aber damit würde die Frage nicht beantwortet sein, sondern fortfahren, ihren großen, dringlich mißtrauischen Blick auf sie gerichtet zu halten, und unter diesem Blick, unter den Augen der Frage würden sie Zeugen sein des qualvollen Harrens, dessen Vergeblichkeit ihnen bekannt war, und des langsamen Verzweifelns, worein es der Natur der Dinge nach einzig ausgehen konnte. Das war eine Pönitenz, davor ihnen graute. Sollten sie also außenbleiben, bis die Hoffnung ausgebrannt sein und das Harren sich in die Erkenntnis ergeben haben würde, daß Joseph nicht wiederkehrte? Das würde lange währen, denn Harren ist zäh, und unterdessen konnte leicht die Frage sich selbst beantworten und für sie alle zum Fluche werden. Worauf es ankam, war offenbar, des Knaben Nimmerwiederkehr sofort und kurzerhand auf eine Weise klipp und klar zu stellen, die den Reinigungsbeweis für sie, die Verdächtigen, in sich trug. Dies arbeitete in ihnen allen, und in Dan, der Schlange und Otter genannt wurde, gedieh es zum Vorschlag. Denn er zog seine eigenen Gedanken von früher, man müsse dem Alten beibringen, ein wildes Tier habe Joseph geschlagen, mit gewissen Anregungen Gads und seiner Erinnerung an die Böcklein zusammen, die Jaakob einst zum Segenstausche geopfert, und sagte:

»Hört auf mich, Brüder, ich tauge zum Richter und weiß, wie wir's machen! Denn wir nehmen ein Tier der Herde und tun es ab mit Kehlschnitt, daß dahinläuft das Blut. In das Blut aber des Tieres tauchen wir das Ärgernis, das bunte Kleid, Rahels Brautgewand, das zerfetzt am Platze liegt. Das bringen wir vor Jaakob und sprechen zu ihm: ›Dies haben wir gefunden auf der Flur, zerrissen und voll Bluts. Ist es nicht deines Sohnes Kleid?‹ Dann mag er seine Schlüsse ziehn aus des Kleides Zustand, und es wird sein, als wiese ein Hirte dem Herrn die Reste des Schafes vor, das ein Löwe geschlagen: so ist er gereinigt und braucht sich nicht einmal freischwören von Schuld.«

»Still doch!« murmelte Juda, peinlich berührt. »Er hört es ja unterm Stein, was du sagst, und versteht, wie wir's machen wollen!«

»Was schadet's?« erwiderte Dan. »Soll ich flüstern und lispeln um seinetwillen? Das geht alles über sein Leben hinaus und ist unsere Sache, aber nicht seine mehr. Du vergißt, daß er so gut wie tot ist und abgetan. Wenn er's versteht und auch dies versteht, was ich jetzt mit ungekünstelter Stimme sage, so ist's gut bei ihm aufgehoben. Niemals haben wir frei und unbedacht reden dürfen, wenn er unter uns war, denn wir mußten gewärtig sein, daß er's dem Vater anzeigte und wir in die Asche kamen. Das ist's ja eben, daß wir ihn endlich unter uns haben als unsern Bruder, dem wir vertrauen mögen, und darf alles hören, so daß ich ihm eine Kußhand zuwerfen möchte in die Grube. Was dünkt euch also von meiner Eingebung?«

Sie wollten reden darüber, aber Joseph fing wieder zu jammern an und zu flehen und beschwor sie weinend von unten, es nicht zu tun.

»Brüder«, rief er, »tut's nicht mit dem Tiere und mit dem Kleide, tut es dem Vater nicht an, denn er übersteht's nicht! Ach, ich bitte euch nicht für mich, Leib und Seele sind mir gebrochen, und ich liege im Grabe. Schont aber den Vater und bringt ihm das blutige Kleid nicht, er ist des Todes! Ach, wenn ihr wüßtet, wie er mich verwarnt hat in seiner Bangigkeit von wegen des Löwen, wenn er mich allein fand bei Nacht, und nun soll ich gefressen sein! Wenn ihr gesehen hättet, wie er mich abgefertigt zur Reise mit ängstlicher Sorgfalt, ich aber hielt es ihm lässig zugute! Weh mir, es ist wohl unklug, daß ich euch von seiner Liebe spreche zum Kinde, aber was soll ich tun, liebe Brüder, und wie mir raten, daß ich euch nicht reize? Warum ist doch mein Leben verschlungen mit dem seinen, daß ich euch nicht beschwören kann, seines zu schonen, ich bäte denn auch um meines? Ach, liebe Brüder, hört mein Weinen und tut seiner Bangigkeit das Schrecknis nicht an mit dem blutigen Kleide, denn seine weiche Seele erträgt's nicht, und er fällt auf den Rücken!«

»Nun«, sagte Ruben, »das steh' ich nicht aus, es ist unerträglich.« Und er stand auf. »Gefällt's euch, so gehen wir anderswohin und weiter weg. Man kann nicht reden bei seinem Jammern und sich nicht bedenken bei seinem Geschrei aus der Tiefe. Kommt zu den Hütten!« Er sagte es zornig, damit die Blässe seines muskelstarken Gesichtes aussähe wie Zornesblässe. Aber sie rührte daher, daß er erkannte, wie recht der Knabe mit seiner Angst hatte um den Vater. Denn auch er sah es kommen, daß dieser buchstäblich und ohne Redensart auf den Rücken fallen werde bei des Kleides Anblick. Daneben aber und ganz besonders hatte es dem Ruben die Wahrnehmung angetan, daß Joseph des Vaters gedachte in seiner Not und angstvolle Fürbitte einlegte für die Weichheit seiner Seele – für diese vor allem und für sich selbst erst um ihretwillen. Schob er wohl jenen nur vor, um sich selbst zu bewahren, und deckte sich hinter ihm nach alter Gewohnheit? Nein, nein, es war anders diesmal. Ein anderer Joseph schrie hier unterm Steine hervor als der, den er einst an den Schultern geschüttelt, um ihn zu erwecken aus eitler Torheit. Was ihm nicht gelungen mit seinem Schütteln, das hatte offenbar der Sturz in die Grube vermocht: Joseph war aufgewacht, er bat für des Vaters Herz, er spottete dieses Herzens nicht mehr, sondern trug Reue und Sorge darum; und diese Entdeckung bestärkte den großen Ruben außerordentlich in seinen schwebenden Vorsätzen, machte ihm aber gleichzeitig ihre rat- und heillose Unbestimmtheit doppelt empfindlich.

Daher seine Blässe, als er aufstand und alle aufforderte, mit ihm den Ort zu verlassen, wo Joseph geborgen war. Sie taten es auch. Zusammen gingen sie weg von da, die Schleierfetzen aufzulesen am Ort der Verprügelung, sie zu den Zelten zu bringen und dort zu beratschlagen über die Eingebung Dans. So blieb Joseph allein.

In der Höhle

Es war ihm in der Seele schrecklich, in seinem Loche allein zu bleiben, und des längeren noch jammerte er hinter den Brüdern drein und flehte sie an, ihn nicht zu verlassen. Er wußte aber kaum, was er rief und weinte, und zwar, weil seine eigentlichen Gedanken nicht bei diesen mechanischen und oberflächlichen Bitten und Klagen waren, sondern unterhalb ihrer; und unter den eigentlichen gingen wieder noch eigentlichere dahin als ihre Schatten und Bässe im Tiefenstrom, so daß das Ganze einer bewegten Musik glich, senkrecht zusammengesetzt, von deren Führungen oben, mitten und unten sein Geist gleichzeitig in Anspruch genommen war. Dies bot auch die Erklärung dafür, daß er sich beim Flehen einen solchen Fehler hatte entschlüpfen lassen wie den: er habe den Brüdern nur sehr bescheidene Träume erzählt, verglichen mit anderen, die er auch noch geträumt. Dies auch nur einen Augenblick für einen mildernden Umstand zu halten, konnte nur jemandem unterlaufen, dessen Gedanken nicht voll bei dem waren, was er sagte, sondern in dem mehreres vorging, und so war es mit Joseph.

Vieles ging in ihm vor schon seit dem ungeahnten und entsetzlichen Augenblick, da die Brüder auf ihn gefallen waren wie Wölfe und er mit dem Auge, das sie ihm nicht sogleich mit den Fäusten verschlossen, in ihre wut- und gramverzerrten Mienen geblickt hatte. Diese Mienen waren recht nahe an seinem Gesicht gewesen, während die Tobenden ihm mit Nägeln und Zähnen das Bildkleid vom Leibe rissen, – schrecklich nahe, und die Qual des Hasses, die er darin hatte lesen können, hatte den Hauptanteil gehabt an dem Grauen, das er unter ihren Mißhandlungen empfunden. Selbstverständlich hatte er sich grenzenlos gefürchtet und vor Schmerzen geweint unter ihren Schlägen; Furcht und Schmerzen aber waren von Mitleid ganz durchtränkt gewesen mit der Hassesqual, die er in den übernahen, wechselnd vor ihm auftauchenden, schwitzenden Masken gelesen, und das Mitleid mit einer Pein, als deren Urheber wir uns bekennen müssen, kommt der Reue gleich. Ruben hatte ganz recht gehabt mit seiner Wahrnehmung: Diesmal war Joseph so derb geschüttelt worden, daß seine Augen sich auf getan hatten und er sah, was er angerichtet – und daß er es angerichtet. Während er zwischen den Fäusten der Wütenden dahin und dorthin flog und sein Kleid verlor; während er gefesselt am Boden lag und dann während seines argen Transportes zum Brunnenhause waren seine Gedanken in aller Schreckensbetäubung nicht stillgestanden; sie waren keineswegs nur bei der fürchterlichen Gegenwart gewesen, sondern in großer Hast zurückgeflattert über eine Vergangenheit hin, in der dies alles, verborgen seiner Vertrauensseligkeit und doch auch wieder ihr halb und frech bewußt, sich vorbereitet hatte.

Mein Gott! die Brüder! Wohin hatte er sie gebracht? Denn er begriff, daß er sie so weit gebracht hatte: durch viele und große Fehler, die er in der Voraussetzung begangen, daß jedermann ihn mehr liebe als sich selbst, – dieser Voraussetzung, an die er geglaubt und doch auch wieder nicht ganz wirklich geglaubt, nach der er aber jedenfalls gelebt und die ihn, das erkannte er klar und deutlich, in die Grube gebracht hatte. In den verzerrten und schwitzenden Masken der Brüder hatte er es mit seinem einen Auge deutlich gelesen, daß dies eine über Menschenkraft gehende Voraussetzung gewesen war, mit der er ihre Seelen durch lange Zeit überanstrengt und ihnen großes Leid zugefügt hatte, bis es nun endlich zu diesem für ihn und zweifellos auch für sie so fürchterlichen Ende gediehen war.

Arme Brüder! Was mußten sie ausgestanden haben, bis daß sie sich verzweiflungsvoll an des Vaters Lamm vergriffen und es tatsächlich in die Grube geworfen hatten! In welche Lage hatten sie sich damit gebracht – von seiner eigenen zu schweigen, die freilich hoffnungslos war, wie er sich schaudernd eingestand. Denn daß er, dem Vater zurückgegeben, reinen Mund halten und nicht alles ansagen werde, das würde er ihnen niemals glaubhaft machen können, weil es nicht glaubhaft war, ihm selber auch nicht, – und also mußten sie ihn in der Grube lassen, daß er darin verdürbe, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Das sah er ein, und desto verwunderlicher mag es scheinen, daß das Grauen vor dem eigenen Schicksal in seiner Seele Raum ließ für Mitleid mit seinen Mördern. Dennoch ist dies der erwiesene Sachverhalt. Joseph wußte genau und gestand es sich, wie er da auf dem Brunnengrunde saß, offen und ehrlich ein, daß jene unverschämte ›Voraussetzung‹, nach der er gelebt, ein Spiel gewesen war, an das er selber nicht ernstlich geglaubt hatte, noch hatte glauben können, und daß er, um nur hiervon zu reden, den Brüdern die Träume nie und nimmer hätte erzählen dürfen – es war ganz unmöglich und über jede Statthaftigkeit taktlos gewesen. Daß es das war, darüber war er sich auch, wie er nun zugab, im stillen und geheimen jederzeit und auch im Augenblick, da er also handelte, vollkommen im klaren gewesen, – und dennoch hatte er es getan. Warum? Es hatte ihn unwiderstehlich gejuckt, so zu tun; er hatte es tun müssen, weil Gott ihn eigens so geschaffen hatte, daß er es täte, weil Er es mit ihm und durch ihn also vorgehabt hatte, mit einem Wort, weil Joseph in die Grube hatte kommen sollen – und, ganz genau gesagt, hatte kommen wollen. Wozu? Das wußte er nicht. Allem Anscheine nach, um zu verderben. Aber im Grunde glaubte Joseph das nicht. Im Untersten war er überzeugt, daß Gott weiterschaute als bis zur Grube, daß Er es weittragend vorhatte wie gewöhnlich und einen zukünftig-fernen Zweck verfolgte, in dessen Diensten er, Joseph, die Brüder hatte zum Äußersten treiben müssen. Sie waren die Opfer der Zukunft, und sie taten ihm leid, so schlecht es dabei auch ihm selber ging. Sie würden dem Vater das Kleid schicken, die Unseligen, nachdem sie es im Blute des Böckleins gleichwie in seinem gewälzt, und Jaakob würde auf den Rücken fallen. Bei diesem Gedanken trieb es den Joseph fliegend auf, den Vater zu schützen vor solchem Anblick – mit dem einzigen Ergebnis natürlich, daß er, gestochen von Schmerzen wie von Tierbissen, in seinen Fesseln zurücksank an die Brunnenmauer und wieder zu weinen begann.

Er hatte schlimme Muße, zu weinen, Angst, Reue und Mitleid zu erproben und, an seinem Leben verzweifelnd, dennoch insgeheim an Gottes heilsweise Zukunftszwecke zu glauben. Denn, grausam zu sagen, drei Tage sollte er im Gefängnis bleiben, drei Tage und Nächte nackt und bloß und verschnürt dort unten im Moder und Staube, bei den Rasseln und Würmern des Brunnengrundes, ohne Labe noch Letzung, ohne Trost und jedwede vernünftige Hoffnung, je wieder ans Licht zu gelangen. Wer es erzählt, dem muß daran liegen, daß man sich's recht vorstelle und mit Schaudern sich ausmale, was es bedeutete, für ein Vatersöhnchen zumal, das sich so äußerst Hartes nie hatte träumen lassen: wie elendsvoll ihm die Stunden schwanden, bis sein kümmerlicher Tagesanteil im Spalt des Steines erstarb und statt dessen ein mitleidiger Stern seinen demantenen Strahl zu ihm hinabsandte ins Grab; wie neues Oberlicht dort zweimal erwachte, ärmlich verharrte und wieder verging; wie er in der Dämmerung inständig hinauf spähte an den gerundeten Wänden des Hauses, ob denn nicht an ein Aufwärtsentkommen mit Hilfe schadhafter Mauerstellen und in den Fugen wurzelnden Buschwerks allenfalls hoffnungsweise zu denken sei – da doch der deckende Stein und die Fessel, schon einzeln und nun gar im Verein, jede Hoffnung im Keim erstickten; wie er sich in dem Stricke wand, um eine minder peinvolle Lage und Sitzart ausfindig zu machen, die, wenn auch zur Not gefunden, binnen kurzem unerträglicher war als die vorige; wie Durst und Hunger ihn quälten und seines Magens Leere ihn im Rücken schmerzte und brannte; wie er sich gleich dem Schafe mit seinem eigenen Unrat besudelte und darin nieste und fröstelte, daß ihm die Zähne schnatterten. Höchlich ist es uns darum zu tun, jedermann zur lebendig-wirklichen Einbildung so umfassender Unannehmlichkeiten anzuhalten. Und doch ist es auch wieder unsere Sache, abzuwiegeln und, eben um des Lebens und der Wirklichkeit willen, dafür zu sorgen, daß sich die Einbildungskraft nicht übernehme und nicht ins Leer-Gefühlvolle sich verliere. Wirklichkeit ist nüchtern – in ihrer Eigenschaft eben als Wirklichkeit. Inbegriff des Tatsächlichen und Unleugbaren, womit wir uns abzufinden und zu verständigen haben, dringt sie auf Anpassung und richtet sich rasch ihren Mann nach Bedürfnis zu. Leicht sind wir hingerissen, eine Lage unerträglich zu nennen: es ist der Einspruch stürmisch empörter Menschlichkeit, wohlgemeint und auch wohltuend für den Leidenden. Doch macht er sich leicht auch wieder vor diesem, dessen Wirklichkeit das ›Unerträgliche‹ ist, ein wenig lächerlich. Der Mitfühlend-Empörte steht zu dieser Wirklichkeit, da sie ja nicht die seine ist, in einem gefühlvoll-unpraktischen Verhältnis; er versetzt sich in die Lage des anderen, wie er da ist: ein Phantasiefehler, denn eben vermöge seiner Lage ist ja jener nicht mehr wie er. Was heißt denn auch ›unerträglich‹, wenn's doch ertragen werden muß und gar nichts anderes übrigbleibt, als es zu tragen, solange der Mensch bei Sinnen ist?

Voll und klar bei Sinnen nun aber war Jung-Joseph schon längst nicht mehr, schon seit dem Augenblick nicht, seit die Brüder vor seinen Augen zu Wölfen geworden. Was über ihn hereingebrochen war, hatte ihn sehr benommen und jene Herabminderungen bewirkt, die das ›Unerträgliche‹ braucht, um ertragen zu werden. Die Prügel, die er erhalten, waren betäubend gewesen, die unglaubwürdige Beförderung ins Brunnenloch desgleichen. Der damit herbeigeführte Zustand war schmerzhaft-verzweifelt, aber die Schreckensgeschehnisse waren damit doch wenigstens zum Stillstand gekommen, zu einer gewissen Befestigung gediehen, und seine Lage hatte, wieviel gegen sie einzuwenden sein mochte, zum mindesten den Vorzug der Sicherheit. Geborgen in der Erde Schoß, brauchte er weitere Gewaltsamkeiten nicht zu fürchten und hatte Muße zu jener Gedankenarbeit, die seine leiblichen Beschwerden zeitweise fast ganz aus seinem Bewußtsein schaltete. Die Sicherheit ferner (wenn dieses Wort angesichts wahrscheinlichen, ja so gut wie gewissen Todes erlaubt ist; aber der Tod ist für irgendeinen Zeitpunkt immer gewiß, und doch fühlen wir uns sicher), das Sicherheitsgefühl also begünstigte den Schlaf. Josephs Erschöpfung war so groß, daß sie die horrende Unbequemlichkeit aller Umstände übermochte und ihn in Schlaf senkte, so daß er durch längere Zeitstrecken nichts oder wenig von sich wußte. Erwachte er dann, so mischte sich sein Erstaunen über die Erquickung, die der Schlaf ganz auf eigene Hand, ohne Beihilfe von Speise und Trank zu gewähren vermag (denn Nahrung und Schlaf können eine Weile füreinander eintreten), mit dem Entsetzen über das Immer-noch-Andauern seines Elendes, das ihm auch im Schlaf nicht ganz aus dem Sinn gekommen war, dessen Strenge sich aber übrigens, wenn auch nur sozusagen, ein wenig zu lockern begonnen hatte. Es gibt keine Strenge und Angezogenheit, die nicht auf die Dauer denn doch etwas nachließe und kleine Zugeständnisse an die Bewegungsfreiheit gewährte. Wir denken an den Strick und daran, daß seine Züge und Knoten am zweiten und dritten Tage nicht mehr genau die Straffheit der ersten Stunde bewahrten, sondern einiges darangegeben und sich zu einem gewissen Entgegenkommen gegen die Bedürfnisse der armen Glieder bequemt hatten. Auch dies wird gesagt, um das Mitleid aufs Nüchtern-Wirkliche abzustimmen. Selbst wenn man hinzufügt, daß Joseph natürlich immer schwächer wurde, geschieht es nur einesteils, um das Mitleid auch wieder wachzuhalten und die Besorgnis nicht ausgehen zu lassen; denn anderenteils bedeutete diese zunehmende Schwäche und Abnahme ja auch wieder eine praktische Milderung seiner Leiden, so daß es ihm, von ihm selbst aus betrachtet, je länger die Lage währte, sozusagen immer besser ging, da er ihrer Elendigkeit schließlich kaum noch gewahr wurde.

Seine Gedanken aber arbeiteten bei fast vergessenem Leibesleben immer rege fort, und zwar dergestalt, daß in dem musikalischen Körper, den sie darstellten, jene ›Schatten und Bässe‹, die zuunterst waren, dank seiner träumerischen Schwäche immer stärker hervortraten und zuletzt die Oberstimmen fast ganz und gar übertönten. Oben führte die Todesfurcht, die sich, solange die Brüder nahe gewesen, in dringlichstem Jammer und Flehen ergossen hatte. Warum war sie, seit sich die Zehn entfernt, nach außen hin ganz verstummt, und warum ließ Joseph keinen Not- und Hilferuf mehr aufs Geratewohl aus seiner Tiefe ergehen? Die Antwort ist: weil er es völlig vergaß über der Vordringlichkeit von Gedankengängen, die wir schon andeuteten und welche die Erklärung seines jähen Sturzes, die Vergangenheit, die vielleicht gottgewollten, aber darum nicht weniger großen und schweren Fehler der Vergangenheit betrafen.

Das Kleid, das die Brüder ihm abgerissen, und zwar schauerlicherweise zum Teil mit den Zähnen, spielte eine hervorstechende Rolle dabei. Daß er sich nicht hätte darin vor ihnen spreizen, ihnen den Anblick seines Besitzertums nicht hätte aufdrängen, vor allen Dingen jetzt und hier nicht hätte darin vor sie hintreten dürfen, leuchtete ihm so überwältigend ein, daß er sich mit der Hand hätte vor den Kopf schlagen mögen, wenn nicht die Fessel das verhindert hätte. Aber während er es im Geiste tat, gestand er sich zugleich die Sinnlosigkeit und sonderbare Heuchelei dieser Gebärde ein; denn es war ja klar, daß er dies immer gewußt und dennoch so gehandelt hatte. Staunend blickte er in das Rätsel selbstverderberischen Übermuts, das ihm durch sein eigenes vertracktes Benehmen aufgegeben war. Es zu lösen, ging über seinen Verstand, aber es geht über jeden, weil allzuviel Unberechenbares, Widervernünftiges und vielleicht Heiliges darin einschlägig ist. Wie er gezittert hatte, daß Jaakob nur nicht möchte im Tischbeutel die Ketonet entdecken – gezittert vor seiner Errettung! Denn er hatte den Vater ja nicht betrogen, seine Gedächtnisschwäche ausgenutzt und heimlich das Erbe eingepackt, weil er über die Wirkung, die des Schleiers Anblick auf die Brüder ausüben mußte, anderer Meinung gewesen wäre als jener. Er war ganz derselben Meinung gewesen und hatte ihn trotzdem eingepackt. War das zu enträtseln? Aber da er nicht vergessen hatte, für sein Verderben zu sorgen – warum hatte Jaakob vergessen, ihm vorzubeugen? Auch hier lag ein Rätsel. Daß er den bunten Rock zu Hause ließe, hatte der Liebe und Angst des Vaters ebenso wichtig sein müssen, wie es seiner, Josephs, Begierde wichtig gewesen war, ihn mitzuschmuggeln. Warum hatte die Liebe und Angst sich etwas so Wichtiges nicht in den Sinn kommen lassen und verabsäumt, der Begierde einen Strich durch die Rechnung zu machen? Wenn es dem Joseph gelungen war, das Prunkstück im Zelte dem Alten abzulisten, so nur, weil sie ein Spiel spielten und weil Jaakob das Kleid dem Sohne ebenso wünschte, wie dieser es für sich begehrte. Die Nutzanwendung war bald gezogen. Zusammen hatten sie das Lamm in die Grube gebracht, und nun würde Jaakob auf den Rücken fallen.

Das mochte er wohl tun und danach die großen, gemeinsam begangenen Fehler der Vergangenheit bedenken, wie Joseph es tat hier unten. Aufs neue gestand er sich, daß seine Schwüre, er würde dem Vater gewiß nichts anzeigen, falls er ihm einmal noch zurückgegeben werde, nur aus oberflächlicher Angst gekommen waren um sie beide und daß er ihm vielmehr, wenn der alte Zustand von vor der Grube sich wiederherstellte – was Joseph natürlich mit einem Teil seines Wesens inständig wünschte –, unfehlbar und unvermeidlich alles anzeigen werde, so daß die Brüder in die Asche kommen würden. Daher wünschte er mit einem anderen Teil seines Wesens die Wiederherstellung nicht, die übrigens ausgeschlossen war – er war einig mit seinen Brüdern in diesem Punkt, so einig, daß er Lust hatte, die Kußhand zu erwidern, die Dan ihm hatte in die Grube senden wollen, weil es zum ersten Male mit ihnen war wie unter Brüdern und er alles hören durfte, auch das von dem Blute des Böckleins, das für sein Blut gelten sollte, denn es ging über sein Leben hinaus und war bei ihm aufgehoben als wie im Grabe.

Dans Äußerung, daß man vor Joseph reden könne wie man wollte, da jedes Wort nur noch die Unmöglichkeit seiner Heimkehr verstärke, und daß man also geradezu gut tue, solche Dinge vor ihm zu sagen, die über sein Leben hinausgingen, weil man ihn damit fest an die Unterwelt band, wie einen Totengeist, vor dem man sich fürchtete, hatte starken Eindruck auf Joseph gemacht, und in seinen Gedanken spielte sie die Rolle des Gegenstücks und der Umkehrung der bisherigen Voraussetzung seines Lebens, daß er seinerseits auf niemanden Rücksicht zu nehmen brauche, weil jedermann ihn mehr liebe als sich selbst. Nun war es an dem, daß man auf ihn nicht mehr Rücksicht zu nehmen brauchte, und diese Erfahrung bestimmte den Gang jener Schatten und Bässe seiner Gedanken, die unter den oberen und mittleren liefen und, je schwächer er wurde, ein desto sonoreres Übergewicht über die Oberstimmen gewannen.

Sie hatten aber schon früher, zusammen mit den anderen, ihren Gang angetreten: Schon gleich, als das Herausgefordert-Ungeahnte Wirklichkeit geworden, als er, von Kopfnüssen und Stübern getroffen, zwischen den Brüdern hin und her geflogen war und sie ihm das Bildkleid mit Nägeln und Zähnen vom Leibe gerissen hatten, – von Anfang an also hatten sie mitgesprochen, und mitten im prasselnden Entsetzen hatte sein Ohr zum guten Teil ihnen gehört. Verfehlt wäre die Annahme, daß Joseph unter so tödlich ernsten Umständen aufgehört hätte zu spielen und zu träumen – wenn unter solchen Umständen zu spielen und zu träumen noch spielen und träumen heißt. Er war Jaakobs wahrhafter Sohn, des Würdig-Sinnenden, des Mannes mythischer Bildung, der immer wußte, was ihm geschah, der in allem irdischen Wandel zu den Sternen blickte und immer sein Leben ans Göttliche knüpfte. Eingeräumt, daß Josephs Art, seinem Leben durch die Anknüpfung ans Obere Richtigkeit und Wirklichkeit zu verleihen, ein anderes, weniger gemüthaftes, sondern witzig berechnenderes Gepräge trug als in Jaakobs Fall: mit der Überzeugung, daß ein Leben und Geschehen ohne den Echtheitsausweis höherer Wirklichkeit, welches nicht auf Heilig-Bekanntem fußt und sich darauf stützt, sich in nichts Himmlischem zu spiegeln und sich darin wiederzuerkennen vermag, überhaupt kein Leben und Geschehen ist; mit der Überzeugung also, daß das Untere gar nicht zu geschehen wüßte und sich selber nicht einfiele ohne sein gestirnhaftes Vorbild und Gegenstück, war es auch ihm vollkommen ernst, und die Einheit des Doppelten, die Gegenwart dessen, was umschwingt, die Vertauschbarkeit von Oben und Unten, so daß eins sich ins andere wandelt und Götter zu Menschen, Menschen aber zu Göttern werden können, bildete auch seines Lebens Hauptgewißheit. Nicht umsonst war er der Schüler Eliezers, des Alten, der auf so kühne und freie Art ›Ich‹ zu sagen wußte, daß der Blick sich sinnend an seiner Erscheinung brach. Die Durchsichtigkeit des Seins, sein Charakter als Wiederholung und Rückkehr des Urgeprägten – dieses Grundbekenntnis war Fleisch und Blut auch in ihm, und jede geistige Würde und Bedeutung schien ihm an dergleichen Selbstgefühl gebunden. Das war in der Ordnung. Was nicht mehr ganz in der Ordnung war und vom Würdig-Bedeutenden spielerisch abartete, war Josephs Neigung, aus der allgemeinen Denkeinrichtung Nutzen zu ziehen und auf dem Wege bewußter Selbstbeeinflussung die Leute damit zu blenden.

Er hatte achtgegeben vom ersten Augenblick an. Man möge es glauben oder nicht, aber im verstörtesten Trubel der Überrumpelung, im schlimmsten Drange der Angst und Todesnot hatte er geistig die Augen aufgemacht, um zu sehen, was ›eigentlich‹ geschah. Nicht als ob Angst und Not darum geringer geworden wären; aber auch eine Art von Freude, ja von Gelächter war ihnen dadurch zugekommen, und eine verstandesmäßige Heiterkeit hatte das Entsetzen der Seele durchleuchtet.

»Mein Kleid!« hatte er aufgeschrien und in bedeutendem Schrecken gebettelt: »Zerreißt es nicht!« Ja, sie hatten es ihm zerrissen und abgerissen, das Mutterkleid, das auch des Sohnes war, so daß beide es trugen im Austausch und eins wurden durch den Schleier, Gott und Göttin. Entschleiert hatten die Rasenden ihn ohne Erbarmen – wie Liebe die Braut entschleiert im Bettgemach, so hatte ihm ihre Wut getan und hatten ihn nackend erkannt, so daß Todesscham ihn durchschauert hatte. In seinem Geist wohnten die Gedanken ›Entschleierung‹ und ›Tod‹ nahe beisammen, – wie hätte er nicht in Ängsten die Fetzen des Kleides an sich halten und bitten sollen: »Zerreißt es nicht!«, und wie hätte nicht zugleich Verstandesfreude ihn erfüllen sollen über die Bewährung, die jene Gedankenverbindung durch das Geschehen erfuhr, darin sie sich vergegenwärtigte? Keine Not des Fleisches und der Seele konnte die Aufmerksamkeit seines Geistes ertöten auf die sich häufenden Anspielungen, mit denen das Geschehen sich als höhere Wirklichkeit, als durchsichtig und urgeprägt, als Gegenwart im Umschwung, kurz als gestirnhaft zu erkennen gab. Und diese Aufmerksamkeit war sehr natürlich, da es um Sein und Selbigkeit ging bei den Anspielungen, um den Durchblick seines Ich, den er dem Rüben neulich zu dessen größter Verblüffung ein wenig geöffnet hatte und der sich im Gang der Geschehnisse mehr und mehr erhellte. Er hatte jammervoll aufgeweint, als der große Ruben seine Zustimmung gegeben hatte, daß man ihn in die Grube würfe; im gleichen Augenblick aber hatte sein Verstand gelacht wie über einen Witz, denn das gebrauchte Wort war geladen mit Anspielungen: »Bôr« hatten die Brüder gesagt in ihrer Sprache und hatten sich einsilbig-vielsinnig damit ausgedrückt; denn die Silbe enthielt den Begriff des Brunnens sowohl wie den des Gefängnisses, und dieser wieder hing so nahe mit dem des Unteren, des Totenreiches zusammen, daß Gefängnis und Unterwelt ein und derselbe Gedanke und eines nur ein anderes Wort fürs andere war, zumal auch der Brunnen bereits in seiner Eigentlichkeit dem Eingang zur Unterwelt gleichkam und sogar noch durch den runden Stein, der ihn zu bedecken pflegte, auf den Tod deutete; denn der Stein deckte sein Rund wie der Schatten den Dunkelmond. Was für Josephs Verstandesaufmerksamkeit durchs Geschehen schimmerte, war das Urvorbild des Gestirntodes: des toten Mondes, den man nicht sieht drei Tage lang vor seinem zarten Wiedererstehen, des Sterbens der Lichtgötter zumal, die der Unterwelt verfallen für einige Zeit; und als das Gräßliche Wirklichkeit wurde, die Brüder ihn aufs Brunnenrund und auf den Rand der Grube hißten und er hinab mußte unter Tag mit angespannter Geschicklichkeit, da war seinem wachsamen Witz die Anspielung völlig deutlich gewesen auf den Stern, der am Abend ein Weib ist und am Morgen ein Mann und der in den Brunnen des Abgrundes hinabsinkt als Abendstern.

Es war der Abgrund, in den der wahrhafte Sohn steigt, er, der eins mit der Mutter ist und mit ihr das Gewand trägt im Austausch. Es war der unterirdische Schafstall, Etura, das Reich der Toten, darin der Sohn Herr wird, der Hirte, der Dulder, das Opfer, der zerrissene Gott. Zerrissen? Sie hatten ihm nur die Lippe zerrissen und die Haut da und dort, aber das Kleid hatten sie ihm abgerissen und es zerrissen mit Nägeln und Zähnen, die roten Mörder und Verschwörer, seine Brüder, und würden es in das Blut eines Ziegenbocks tauchen, das für sein Blut gelten sollte, und es vor den Vater bringen. Gott forderte vom Vater das Opfer des Sohnes – von dem Weichen, der schaudernd bekannt hatte, daß er ›es nicht vermöchte‹. Der Arme, er würde es wohl vermögen müssen, und es sah Gott gleich, daß er wenig Rücksicht nahm auf das, was der Mensch sich zutraute.

Hier weinte Joseph in seinem durchsichtigen Elend, das der Verstand überwachte. Er weinte über den armen Jaakob, der es würde vermögen müssen, und über das Todesvertrauen der Brüder. Er weinte vor Schwäche und Benommenheit von den Dünsten des Brunnens, aber je kläglicher sein Zustand sich im Laufe der zweiundsiebzig Stunden gestaltete, die er hier unten verbrachte, desto stärker traten die Unterstimmen seiner Gedanken hervor, und desto täuschender spiegelte seine Gegenwart sich im Vorbildlich-Himmlischen, so daß er am Ende Oben und Unten überhaupt nicht mehr unterschied und in träumerischer Todeshoffärtigkeit nur noch die Einheit des Doppelten sah. Mit Recht mag das als Maßnahme der Natur verstanden werden, ihm über das Unerträgliche hinwegzuhelfen. Denn die natürliche Hoffnung, an der das Leben festhält bis zum äußersten, braucht eine vernünftige Rechtfertigung, und diese fand sie in solcher Verwechslung. Zwar ging sie über sein Leben hinaus, diese Hoffnung, daß er nicht endgültig verderben, sondern irgendwie werde errettet werden aus der Grube, denn praktisch erachtete er sich für tot. Daß er es war, dafür stand ihm das Vertrauen der Brüder, das Kleid im Blute, das Jaakob empfangen würde. Die Grube war tief, und eine Rettung zurück in das Leben, das vor dem Sturz in diese Tiefe lag, war nicht zu denken; sie war solch ein Ungedanke, wie daß der Abendstern zurückkehren möchte aus dem Abgrund, darein er gesunken, und der Schatten möchte gezogen werden vom Schwarzmond, daß er wieder voll wäre. Aber die Vorstellung des Sterntodes, der Verdunkelung und des Hinabsinkens des Sohnes, dem zur Wohnung die Unterwelt wird, schloß diejenige ein von Wiedererscheinen, Neulicht und Auferstehung; und darin rechtfertigte Josephs natürliche Lebenshoffnung sich zum Glauben. Sie galt nicht der Rückkehr aus der Grube ins Vorige, und dennoch war in ihr die Grube besiegt. Auch hegte Joseph sie nicht nur für sich und auf eigene Hand, sondern an Stelle des armen Alten zu Hause hegte er sie, mit dem zusammen er sich in die Grube gebracht und der auf den Rücken fallen würde. Es ging wohl über des Sohnes Leben hinaus, daß Jaakob das blutige Kleid empfing. Mochte aber der Vater nur glauben über den Tod hinaus nach alter Zumutung, dann würde dennoch, dachte Joseph im Grabe, das Blut des Tieres angenommen werden wie einst für das Blut des Sohnes.