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Erzählungen und Märchen

von Rudolf Baumbach

Verlag: Verlag von A. G. Liebeskind | Jahr: 1885

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Kapitel 11

Weihnachtszauber.

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Book illustration Die Sonne wollte nach kurzem Lauf zur Rüste gehen. Sie versuchte die Thurmspitzen und die beschneiten Giebeldächer zu vergolden, und da ihr dies heute nicht sonderlich gelang, so versank sie eilig hinter einer grauen Wolke. Vereinzelte Sterne guckten aus ihren Fenstern, aber der von den Bergen herüberwallende Nebel verdarb ihnen die Aussicht; darum machten sie ihre Fenster wieder zu und gingen schlafen. Ihr Schimmer war ohnedies heute überflüssig, denn in einer Stunde werden tausend und tausend Lichter, von frohen Menschen entzündet, durch die Dezembernacht leuchten. Weihnachten, die fröhliche Zeit, ist gekommen, und eine Schaar von unsichtbaren Engeln schwärmt freudebringend durch die Strassen und Gässchen der alten Stadt.

Aber auch Wesen mit Fleisch und Bein und frostgerötheten Wangen tummeln sich in den Strassen. Die meisten tragen einen sorglich eingehüllten Gegenstand, der später, wenn er unter dem lichtstrahlenden Tannenbaum liegt, mit einem Freudenruf begrüsst werden wird. Alles hat heute Abend Eile. Keine Gruppe schwatzender Dienstboten hemmt den Strom der Vorübergehenden, und wenn sich zufällig zwei Bekannte treffen, so eilen sie mit flüchtigem Gruss aneinander vorbei. Mählig wird's stiller auf der Strasse, die Thüren der Kaufläden schliessen sich, und die Fenster der Wohnungen werden hell. Hie und da dringt gedämpfter Kinderjubel aus dem Innern der Häuser, und mit hallenden Tritten schreiten die Wächter über das Strassenpflaster.

Durch das Thor eines alten Patrizierhauses ging in das Innere ein hochgewachsener Mann, der einen breitkrämpigen Hut und einen langen Mantel trug. Ein weisser Pudel folgte ihm. Im ersten Stock angelangt, öffnete der Mann eine Thür, auf deren Schild der Name eines geachteten Künstlers stand, und nach wenigen Augenblicken betrat er ein wohnliches, von mildem Lampenlicht erhelltes Gemach. Ein mächtiger, grauer Kater erhob sich von dem Kissen, welches neben dem Ofen lag, und begrüsste den eintretenden Herrn mit leisem Schnurren. Dann erwies er die gleiche Höflichkeit dem Pudel und legte sich wieder nieder. Pudel und Kater kannten sich seit vielen Jahren und lebten zusammen nicht wie Hund und Katze, sondern wie zwei brave Kameraden, die miteinander in die Schule gegangen sind.

Der Mann entledigte sich des Hutes und des Mantels und trat an's Fenster. In dem gegenüberliegenden Haus flimmerten die Lichter eines Christbaums, und die Schatten von Kindern und Erwachsenen zeichneten sich auf den niedergelassenen Vorhängen. Lange blickte der Mann auf die erleuchteten Fenster, dann wandte er sich ab, strich sich mit der Hand über die Augen und sprach leise vor sich hin: »Ich bin allein.«

Als ob er dem hätte widersprechen wollen, näherte sich ihm der Pudel und berührte seine Hand mit der kalten Nase, aber sein Herr achtete der Liebkosung nicht. »Ich bin allein,« wiederholte er. Dann setzte er sich in einen Sessel und starrte vor sich nieder.

Es waren keine heiteren Bilder, die der Einsame an sich vorübergleiten liess: eine traurige Kindheit, ein Jünglingsalter voll harter Entbehrungen, mühevolles Ringen und Enttäuschungen aller Art. Ehre und Gut war ihm endlich zu Theil geworden, aber in der Zeit der Noth hatte er es verlernt, sich zu freuen. Die Jugend war dahin, auf seinem dunklen Haar schimmerte der Reif des beginnenden Herbstes – und er war allein.

Da, wie er so vor sich hinbrütete, vernahm er plötzlich dicht neben sich die Worte: »Gevatter, wollen wir eins zusammen plaudern? Der Herr schläft.«

»Mir recht,« klang die Antwort. »Fang' du an.«

»Das ist mein Pudel und mein Kater,« sagte sich der Mann, »und ich träume. Richtig, in der Christnacht gewinnen die Thiere Sprache; das habe ich in meiner Jugend oft gehört. Wenn ich nur nicht aufwache, bevor ich vernommen, was sich die Beiden mitzutheilen haben.«

»Freund Kater,« hob der Pudel an, »weisst du, dass mir der Herr seit einiger Zeit gar nicht recht gefällt? Er vernachlässigt mich. Dass er mich im Sommer nicht hat scheren lassen, will ich ihm verzeihen, aber dass er meine Dienste fast nie in Anspruch nimmt, das schmerzt mich tief.«

»Ja,« erwiderte der Kater, »er ist nicht mehr der alte. Denke dir, gestern hat er sogar vergessen, mir mein Frühstück zu reichen. Ein Ende muss ich auf meine alten Tage wieder Mäuse fangen. Das wäre hart.«

»Weisst du, Gevatter,« sprach der Pudel, »was das Beste für uns und für ihn wäre? Wenn wir eine Frau in's Haus bekämen, die nach dem Rechten sieht und Ordnung hält.«

»Au!« liess sich der Kater vernehmen. »Das ist eine bedenkliche Sache. Die Freunde, die sich der Mann als Junggesell erworben hat, werden von der Frau meist mit scheelen Augen angesehen. Wir sind beide über die besten Jahre hinaus. – Wenn uns nun die junge Frau die Thür wiese, was dann Gevatter?«

»Ich wüsste schon Eine, die das nicht thäte,« gab der Pudel zur Antwort, »und du kennst sie auch.«

Der Kater wies mit der Vorderpfote nach einem kleinen Bild an der Wand. Es war ein weiblicher Kopf mit grossen dunklen Kinderaugen. »Meinst du diese da?«

»Ja,« sprach der Pudel. »Das wäre eine Frau für uns. Mir ist sie gewogen, das weiss ich, und dir ist sie auch nicht gram, denn ich habe mit eignen Augen gesehen, wie sie dir neulich, als du auf der Spatzenjagd um ihr Fenster schlichest, einen Napf voll Milch vorsetzte. Und unsern Herrn« –

»Den mag sie auch,« fiel der Kater ein, »das weiss ich. Denn wenn sie am Fenster sitzt und näht und der Herr geht über die Strasse, so dreht sie ihren schönen, weissen Hals nach ihm und wird roth, und wenn die Menschen roth werden« – –

»Ich kenne das,« unterbrach der Pudel den Kater. »Wir beide sind also einverstanden, und das ist die Hauptsache, sie muss unsere Frau werden.«

»Aber der Herr?« fragte zweifelnd der Kater.

»Das wird sich finden,« sprach der Pudel mit Zuversicht. »Doch still! Er regt sich, er erwacht.«

Der Schläfer fuhr aus dem Sessel in die Höhe und warf einen misstrauischen Blick auf seine Zimmergenossen. Aber die lagen, wie es schien, in süsse Träume versunken, zusammengeringelt wie die Schneckenhäuser auf ihren Kissen und regten sich nicht. Und der Mann ging, die Hände auf dem Rücken, »mit grossen Schritten auf und ab wie Einer, der über etwas Wichtiges mit sich zu Rathe geht.

Wir lassen den Vereinsamten bei Pudel und Kater und steigen die Treppe hinan, so weit sie eben reicht, und sie reicht bis unter das Dach, wo in engen Kammern arme, geplagte Leute von des Tages Last ausruhen. In einem dieser kleinen Stübchen, dem saubersten und nettesten von allen, sassen zwei Frauen, eine alte und eine junge. Vor ihnen auf dem Tisch standen zwei dampfende Schalen und ein angeschnittener Kuchen. Das Mädchen hatte ein feines, blasses Gesichtchen und zwei grosse, dunkle Augen, die bald wehmüthig, bald lustig in die Welt hineinschauten. Das Mädchen war eine Nähterin, die Alte ihres Zeichens eine Waschfrau und die Muhme der Kleinen. Sie war aus ihrem feuchten Heim in der Vorstadt hergekommen, um die Geschenke in Empfang zu nehmen, die ihr die Nichte zugedacht hatte: ein paar Pfund Zucker und Kaffee und ein Gestrick aus weicher, grauer Wolle, über welches die Alte zuweilen mit ihrer runzeligen Hand liebkosend hinstrich. Der Kuchen auf dem Tisch wurde zusehends kleiner, denn die Muhme ass, als ob sie drei Tage gefastet hätte, und als sie nicht mehr konnte, liess sie es nach einigem Sträuben geschehen, dass ihr die Nähterin den Rest zum Mitnehmen in Papier einwickelte.

»Kind,« sprach die Alte, indem sie sich zum Heimgang rüstete, »du thätest klug, dich heute beizeiten schlafen zu legen, denn in der heiligen Nacht geschehen allerlei seltsame Dinge, und du bist so gar allein. Hast du denn keine Furcht?«

Das Mädchen schüttelte lachend den Kopf. »Was für seltsame Dinge, Frau Muhme?«

»Bist du jemals in der Christnacht um zwölf Uhr an einer Kirche vorübergegangen?« fragte die Wäscherin. »Nein? – O, wenn ich reden wollte! Doch ich will dir nicht bange machen. Auch kann eine Jungfer in der Christnacht erfahren, wen sie zum Mann bekommt; aber das ist eine gefährliche Geschichte.«

Die Kleine horchte auf. »Wie muss man das anfangen?« fragte sie.

»Kind,« warnte die Alte, »du wirst doch nicht?«

»Nein, ich bin nicht so fürwitzig, aber wissen möcht' ich doch, wie man es anstellt, um das zu erfahren.«

Die Muhme setzte sich wieder und kramte ihre Weisheit aus. »Wenn eine Dirne am Weihnachtsabend mutterseelenallein in ihrer Kammer sitzt und zwei Gedecke auf den Tisch stellt, so erscheint ihr der Zukünftige. Aber er hat nicht Fleisch und Blut; es ist eine Geistererscheinung, und wenn der Hahn kräht, verschwindet sie. Darum thut die Dirne gut, einen Hahn in einem Sack neben sich zu legen. Und macht ihr der unheimliche Gast bange, so braucht sie nur den Hahn zu kneipen; dann schreit er, und der Spuk verschwindet. Manche sagen auch, es sei der Gottseibeiuns; der die Gestalt des Liebhabers annimmt. Das glaube ich zwar nicht, aber es ist immer ein gefährliches Spiel. Ich habe eine furchtbare Angst ausgestanden, als ich die Sache versuchte.«

»So?« fragte das Mädchen neugierig, »Ihr selbst habt den Zauber versucht? Und ist Einer gekommen?«

»Nein,« sagte die Alte, »es ist eben Keiner gekommen, und da wusste ich, dass ich ledig bleiben würde und bin's auch wirklich geblieben. Aber es reut mich fast, dass ich dir das alles erzählt habe. Gelt, du thust's nicht? – Und nun, mein Kind, sei schön bedankt für die Weihnachtsgaben, und leuchte mir, denn draussen ist's stockfinster, und die Treppe ist so steil.«

Die Nähterin begleitete die Alte mit dem Lämpchen und kehrte dann wieder in ihr stilles Gelass zurück. Das heisse Getränke hatte ihr Gesichtchen sanft geröthet, und wie sie jetzt mit hausmütterlicher Geschäftigkeit Teller und Schalen zusammenräumte, wäre sie für Jedermann eine liebe Augenweide gewesen, aber da war Keiner, der sich am Anblick der jungen Knospe hätte erlaben können.

Das, was ihr die Muhme erzählt hatte, ging ihr doch im Kopfe herum. Erst lachte sie über den Weihnachtszauber, dann wurde sie nachdenklich, und schliesslich – es war ja nur ein unschuldiger Scherz – holte sie ein weisses Tuch herbei, deckte es auf den Tisch und legte zwei Gedecke darauf. – So, nun kann er kommen. Zwar einen Hahn hat sie nicht, aber sie trägt ein Kreuzchen am Halse, und vor dem Kreuz muss aller Spuk weichen. Sie sass nieder, hielt die kleinen Hände im Schooss gefaltet und liess die Männer, die sie kannte, im Geist an sich vorübergehen: den gelockten Ladendiener aus dem Kramladen, der ihr den Zucker und den Kaffee immer so reichlich zuwog; den Feldwebel, der ihr zuweilen begegnete und sie so achtungsvoll grüsste, und den Schreiber im gegenüberliegenden Haus, der alle Abend auf der Flöte: »Wenn ich ein Vöglein wär'« spielte – aber von diesen war keiner der Rechte. Zuletzt kam noch Einer, aber der war ein ernster, vornehmer Herr, der dachte schwerlich mehr an die arme Nähterin in der Dachkammer.

Vor zwei Jahren, damals lebte noch die Mutter, war er ihr zum erstenmal auf der Treppe begegnet, war stehen geblieben und hatte sie mit mildernsten Augen angeschaut. Am folgenden Tag hatte er sie angeredet und sie gebeten, ihm zu einem Bild Modell zu stehen. Anfangs hatte sie sich geweigert, denn man hatte ihr gräuliche Geschichten von Malern und Modellen erzählt, aber der Herr hatte ihr so freundlich zugeredet, und so war sie denn in Begleitung der Mutter zu ihm in das Atelier gekommen. Später hatte sie auch das fertige Bild gesehen. Es stellte einen alten Mann mit einer Harfe dar, und neben ihm sass ein junges Mädchen, und das Mädchen war die kleine Nähterin, wie sie leibte und lebte. Wie das Bild in die Welt hinaus gewandert war, hatte ihr der Maler eine grosse Banknote in das Arbeitskörbchen gesteckt. Sie hatte sie eigentlich nicht annehmen wollen, aber weil die Mutter damals auf dem Siechbett lag, durfte sie die Gabe nicht zurückweisen und das Geld langte gerade für die Beerdigung der Mutter und für ein kleines, gusseisernes Grabkreuz. Seit jener Zeit hatte sie der Maler nicht wieder angeredet, aber sie sah den ernsten Mann tagtäglich, und mit seinen zwei Gefährten, einem Pudel und einem Kater, hatte sie Freundschaft geschlossen und that den Thieren Gutes, wo sie konnte.

Die Lampe knisterte und schreckte die Nähterin aus ihren Träumen. Sie sah vor sich die zwei Gedecke stehen, und sie lächelte und seufzte hinterdrein. »Du bist doch ein recht thörichtes Geschöpf,« sagte sie leise und erhob sich, um die Gedecke wieder zu entfernen.

Da klopfte es an die Thür. Hilf Himmel, wenn der Weihnachtszauber kein Märchen wäre! Und die Thür that sich auf, und die Geistererscheinung, die in der Oeffnung sichtbar wurde, glich dem Maler auf ein Haar. Die arme Kleine aber sank bebend in den Sessel und barg ihr Gesicht in den Händen.

»Guten Abend,« sprach der Geist mit tiefer Stimme, und dann kam er näher, setzte sich neben die Nähterin und ergriff ihre Hand. Sonst haben die Geister eiskalte Hände, in der aber, welche die zitternde Rechte des Mädchens umschloss, kreiste warmes Leben.

Und dann hob der Geist an zu sprechen. Er sprach von dem einsamen, freudelosen Dasein, das er führe, und noch vieles Andere von Liebe und Treue, und das Mädchen horchte mit klopfendem Herzen. – Wenn es am Ende gar kein Geist wäre! Mit zitternden Händen langte sie nach dem Kreuzchen, das sie im Mieder trug. Vor dem Kreuz wird aller Zauber zunichte. Sie zog es hervor und hielt es dem Geist entgegen.

Der aber lächelte, ergriff das Kreuz und sprach: »Du armes Kind glaubst meinen Worten nicht. Ich schwöre dir auf das Kreuz, das ich in meinen Händen halte, ich meine es treu und ehrlich mit dir. Willst du mein Weib werden?«

Da jubelte die Seele der Kleinen auf wie eine Lerche. Nein, das war keine Spukgestalt, die beim Hahnenschrei in Nebel zerfliesst, das war ein Adamssohn mit Fleisch und Bein, sein Mund, den ihre Lippen suchten, war heiss, und sein Herz klopfte an ihrer Brust mit ungestümen Schlägen.

O du selige, fröhliche Weihnacht!

Da kratzte etwas an der Thür, und als sie aufgethan wurde, sprang der Pudel herein und hinter ihm ward der Kater sichtbar. Sie kamen, um ihre Glückwünsche zu bringen. Der Pudel sprang bald an seinem Herrn, bald an dem Mädchen in die Höhe und winselte vor Freude. Der Kater aber machte einen krummen Buckel und schnurrte dazu wie ein Spinnrad. Dass die beiden Menschen sich zusammengefunden hatten, war das Werk der klugen Thiere. Sie waren stolz darauf, aber sie sprachen nicht davon, denn wahres Verdienst belohnt sich im Stillen.

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