Die Physiologie der Liebe
Verlag: Verlag von Neufeld & Henius | Jahr: 1877 | Übersetzer: Eduard Engel
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Achtes Kapitel. Wie man die Liebe erhält und wie man sie tödtet.
Der Mann, der durch die Schuld seiner Abstammung oder durch eigene Schuld sich dem reinthierischen Grenzgebiete des menschlichen Lebens nähert, ist wie das Thier, welchem die Liebe auch nur eine Begierde ist, die entsteht, die man befriedigt und die dann wieder verschwindet. Wenn auch sein Hang nach einem Weibe nicht von der Brunstzeit, vom Frühling oder Herbst abhängt, so ist er doch stets eine lediglich erotische und vorübergehende Liebe, die nach der jedesmaligen Befriedigung stirbt und bei jedem neuen Anreiz wieder auflebt. Das erregte Fleisch bezeichnet das Entstehen, und das beruhigte Fleisch das Vergehen seiner Liebe. Der neue Anreiz kann von einer und derselben Person oder von einer andern ausgehen; das ist eine reine Nebenfrage secundärer Art, und lediglich von den Umständen, in denen er lebt, hängt es ab, ob er Monogam oder Polygam, Tugendmensch aus Gewohnheit oder Wüstling aus Laune wird. Diese Art der Liebe ist, mehr als man glaubt, vielen Menschen brauner wie weißer Hautfarbe eigen, welche immer nur ein Weib aufs neue lieben können. Die Geschichte ihrer Liebe ist eine Schnur mit Venetianischen Perlen, auf die nach jedem befriedigten Verlangen sich eine neue Perle reiht, und wenn die Farben der einzelnen Perlen keine gar zu verschiedene ist, so kann daraus ein zierlicher Schmuck werden, der den Hals einer anständigen Tugend und einer ehrenhaften Neigung umgiebt. Zwischen eine erlöschende Begierde und eine neu aufkeimende drängt sich auch wohl eine dankbare Rückerinnerung an die genossene Freude, und die süße Vorahnung einer nahenden größeren Freude, was zur Verschönerung jener Perlenschnur allerdings beitragen und das Ganze anscheinend zu einer echten und wahrhaften Liebe machen kann. Zu den erhabensten Höhen des Gefühls aber gelangen nur Wenige, ganz wie zu den Gipfeln des Denkens; während in der Niederung das Rindvieh zu Hunderten weidet, während dort Tausende fleißiger Bienen und Ameisen summen und wimmeln, vertreten zwei einsame Adler, die um die Alpenspitzen kreisen, in dieser Höhe allein das Leben.
Die Liebe ist zwar das mächtigste aller Gefühle, muß sich aber den Gesetzen der elementaren Physik fügen, welche die vielen in unseren Nervencentren sich sammelnden Kräfte, die man Gefühle nennt, allmächtig beherrschen. So lange die Leidenschaft in dem Zustande des Begehrens verharrt, das heißt so lange die Kraft noch in Spannung sich befindet und sich noch in wirkliche Arbeit verwandelt hat, dauert die Energie fort und das Gefühl bleibt stark und warm. Die ganze Kunst der Erhaltung der Liebe reducirt sich somit darauf: die Begierde zu erhalten und sie sofort nach ihrer Befriedigung möglichst wieder zu erwecken. Wie auch die Liebe mit all ihrer Allmacht sich nicht den Gesetzen der Physik zu entziehen vermag, wie der elektrische Funke eines gewissen Zeitraums bedarf, um sich von neuem zu entwickeln, – so muß man dafür sorgen, daß, während ein Theil der Kraft sich in Arbeit umsetzt, sich so schnell wie möglich ein anderer Theil bemühe, neue Kraft zu erzeugen und die Zeitzwischenräume zwischen diesen verschiedenen Stadien thunlichst auszufüllen. Den unterbrochenen elektrischen Strom zu einem zusammenhängenden zu machen, darin beruht das große Geheimniß der Erhaltung der Liebe.
So lange das Verlangen nicht gestillt, der Kampf nicht zum Siege geworden ist, erhält die Liebe sich nicht nur, sondern sie wächst; darum sorgt das Weib nur für die längere Dauer des Glückes, wenn es um Aufschub bittet und das Liebeswerben verlängert. Eine Liebe muß schon sehr schwach oder sehr roh sein, wenn sie sich noch vor dem Siege wieder abschrecken läßt, und da das Weib sehr selten Alles auf einmal gewährt, so haben die großen und kleinen Gunstbezeugungen, die es dem Sieger zugesteht, ein unaufhörliches Wachsen und Neubeleben der Liebe zur Folge. Endlich später oder früher kommt der Tag des langersehnten Sieges, und eine Umarmung läßt zwei Existenzen ineinander schmelzen, sammelt die Lava und die Wollust zweier Wesen in ein Gefäß. Aber auch in dem Falle, wo die Liebe so gemein ist, daß sie mit der Stillung des sinnlichen Durstes sich begnügt, reicht eine Umarmung nicht aus, sie zu befriedigen. Und wer kann sagen, er habe ein Weib in einer einzigen Nacht ganz und gar besessen? Die menschliche Schönheit ist so groß und so vielseitig, und die ästhetischen Bedürfnisse in uns sind so zart ausgebildet und brennend, daß auch der Genuß der bloßen physischen Wollust zum Glück sehr lange währt und sich die Liebe in stets sich erneuerndem Genusse verjüngt und erhält. Von der Mannigfaltigkeit der Reize und von der Sinnlichkeit zweier Liebenden, von ihrer »Kunst der Liebe«, die seit Ovid so sehr vernachlässigt worden, hängt die Dauer der Liebe ab, welche sich nur von dem Zauber der Formenschönheit und der Glut der Wollust nährt; in einigen Fällen kann jene Dauer eine sehr lange sein, aber ein Ende nimmt sie stets. Nur zu früh tönt die Stunde, in welcher der Flügelschlag der Zeit die prangende Jugendwange furcht und der rauhe Wind die rosigen Blätter menschlicher Schönheit zur Erde streift; es kommt die Stunde, wo dem Becher der Lust der letzte Nektartropfen fehlt, und wenn dann kein anderer Reiz hinzukommt, so stirbt die Liebe, und kein Wunder auf Erden kann sie vor dem sichern Tode retten. Die Kraft der Leidenschaft ging nur aus der Wollust und aus der Schönheit hervor; – diese ist entschwunden, jene verdorrt, und die Kraft ist dahin. Keine Kraft aber kann entstehen ohne Veränderung der Materie, keine Energie entwickelt sich ohne Veränderung des Gleichgewichts und ohne Auflösung von chemischen Verwandtschaften. Wenn also Mann und Weib nicht eine neue Kraft der Sympathie zu einander erzeugen können, so kann auch keine neue Verbindung zwischen ihnen entstehen, kein Licht und keine Wärme sich bei der beiderseitigen Berührung mehr entwickeln. Laßt sie dann nur das » De profundis« anstimmen und zusammen den Leichnam einer Liebe begraben, die nur der Lust ihr Leben verdankte und mit ihr unerbittlich sterben mußte.
In solcher Weise vergeht meistens die gemeine Liebe, und ihre Dauer kann man mit ziemlicher Bestimmtheit vorausberechnen: man braucht nur die Schönheit der beiden Liebenden, ihre Jugend, ihre Leidenschaftlichkeit und ihre Kunst zu lieben in Anschlag zu bringen. Solche Liebe kann eine Stunde, einen Tag, einen Monat, ein Jahr, zehn Jahre dauern; in seltenen Fällen kann sie so lange wie die Periode der menschlichen Jugend währen. Der Mann und ganz besonders das Weib fügen sich nicht ohne weiteres den Schlägen der Zeit, sie stellen die Schäden, welche das Alter hervorbringt, mit großer Kunst wieder her, und bedienen sich nicht allein aller möglichen kleinen Hilfsmittel und Unnatürlichkeiten, sondern erzeugen auch durch Reizmittel aller Art einen künstlichen Hunger, einen gemachten Durst. An die Stelle der Glut und des Ungestüms der Leidenschaft setzen sie die bloße fleischliche Gier und die künstlich erregte Lüsternheit. So ändert die Liebe zwar ihren Charakter, aber sie dauert doch fort; nur ist sie jetzt eine bengalische Flamme statt wie vordem ein Vulcan. Zuvor war sie nackt und doch keusch wie eine Venus Urania, jetzt ist sie bekleidet – und unzüchtig wie eine Hetäre; war sie früher eine unaufhörliche Glut, so ist sie jetzt ein Wechselfieber mit periodischen Unterbrechungen; anfangs durfte sie es wagen, dem hellen Sonnenschein Trotz zu bieten, jetzt muß sie sich scheu ins Dunkel verkriechen. Aber trotz all der Heuchelei und künstlichen Reizmittel bleibt es doch immer noch Liebe. Ihr Frauen, die ihr schaudernd Tag für Tag mehr jenes Feuer erkalten fühlt, an dem ihr so lange eure liebenden Glieder gewärmt, merket euch wohl, daß, wenn ihr euer Glück nur der Sinnenliebe verdanktet, jenes Feuer erlischt mit dem letzten Funken körperlicher Anmut und euer verzweifelter Ruf weckt die ersterbende Flamme nimmer wieder auf. Freilich, so lange ihr mit dem Galvanismus der Wollust in dem erschlafften Körper des Geliebten noch ein Verlangen wach rufen könnt, ist die Liebe noch nicht erloschen, aber ihr seht, wie tief die Kunst der Erhaltung der Liebe sinkt, wenn diese nur aus dem Verlangen nach dem Genuß hervorgegangen; sie sinkt zu einer Frage der Gesundheit herunter und wird gewissermaßen zu einem Problem der künstlichen Lebensfristung mit condensirter Nahrung. Die Enthaltsamkeit und das künstliche Versagen wird dann zum sorgsamen Studium, die Chemie der Wollust und die Physiologie der Erschlaffung treten in ihre Rechte ein, man erschöpft alle Hilfsmittel der Droguisten und bedient sich auch der Resultate der Studien über die Erhaltung der Kräfte. Jedes seidene Kleid, jedes Lächeln, jede schmachtende Bewegung des Leibes haben einen Zweck. So tief haben wir das Weib also erniedrigt, welches so gern mit uns sich zu den höchsten Höhen aufgeschwungen hätte in das Reich des Schönen, – das Weib, das nicht mit dem äußeren Genuß sich begnügte, sondern lechzte nach der Unendlichkeit des Fühlens und des Denkens mit uns.
Ihr antwortet mir vielleicht, daß ich eine zu ideale Liebe im Auge habe, die sterblichen Händen unerreichbar sei; ihr behauptet ein kräftiger Mann kann vierzig Jahre schön sein, und auch das Weib hat Anspruch auf dreißig Jahre der Schönheit und zehn Jahre der Anmuth, und eine Liebe, die dreißig oder vierzig Jahre dauere, sei doch immerhin schon eine beneidenswerthe schöne Sache. Ein Frühling und ein Sommer von vierzig Jahren, denen ein milder Herbst folgt, welcher mit süßer Rückerinnerung und zarter gegenseitiger Dankbarkeit und innigster Freundschaft ins Dämmerlicht des Greisenalters hinüberleitet, – das kann allerdings ein würdiger Triumph eines schönen, langen Liebelebens dünken. Ich gebe euch Recht, wenn ihr von der gemeinen Liebe des großen Haufens sprecht; aber wir sollten doch höher und höher unsere Blicke richten, um wenigstens die Hälfte des Berges zu erklimmen, und wir sollten alle eine Liebe begehren, die so lange wie das Leben währt und die nur im Grabe erstirbt. Ueberdies frage ich: jeder gesunde Mann kann allerdings ein Weib und jedes gesunde Weib einen Mann geschlechtlich befriedigen, – wie viel Männer und Frauen sind aber schön zu nennen? Kaum zehn unter hundert; und die Anderen, die sich mehr oder weniger dem Typus der Formenschönheit nähern, sollten nicht lieben, nicht geliebt werden dürfen?
Nein, in dem an seelischen Elementen so reichen Menschen schließt das Schöne nicht mit der äußeren Form ab und entsteht die Liebe nicht allein aus der Wollust. Freilich darf der, welcher einen neuen Menschen machen will, keine Verunstaltung, keine Krankheit haben, das ist eine rein hygienische Forderung: aber die unzähligen Formen des moralisch und geistig Schönen können und müssen unter dem süßen Hauche des Geschlechtsgefühls glühende und dauernde Leidenschaften erwecken, welche nicht mit der Sonne der Jugend zugleich untergehen. Während die Liebe jedem Manne und jedem Weibe ihre Wonne zu kosten geben kann, soll die vollkommene Liebe hervorgehen aus der Betrachtung und Bewunderung des Schönen aller Art; und wenn die Schönheit der Formen erbleicht, so erglänze das Moralisch-Schöne in seiner ganzen Pracht und die Schönheit des Denkens entwickele ihre ganze Herrlichkeit. Während ein Gestirn so verschwindet, entflamme stets ein neues, und an die Stelle der sinnlichen Begier trete der Genuß des Besitzes all der Schätze, welche das Gefühl und der Geist der von uns geliebten Person birgt. Hatten wir sie einst geliebt, weil sie schön in der Form war, so lieben wir sie hernach aufs neue und unaufhörlich, weil sie schön ist in ihrer Güte, ihrer Bildung, ihren Ideen, in Allem, was den Menschen verschönt und veredelt. Hat doch auch der Charakter und das Denken einen tief geschlechtlichen Typus, sodaß wir die Güte des Weibes verehren, ganz ebenso wie die zarte, weiche Natur des Weibes sich vor dem männlichen Muthe beugt. Wenn wir an dem Weibe nicht blos einen schönen Körper geliebt haben, sondern an ihr die volle Schönheit und Grazie bewunderten, wie sie eben nur dem Weibe eigen, dann genügt auch das längste Leben nicht, um das Verlangen nach dem Besitze ganz zu befriedigen. Noch im höchsten Alter entdecken wir stets neue Schätze, es bietet sich uns ein stets neuer Genuß, während zugleich eine Schaar seligster Erinnerungen die Leere füllt, welche die fliehende Jugend hinter sich gelassen. Das ist der erhabene Triumph der menschlichen Natur, in welcher die Liebe länger lebt als die sinnliche Flamme, als die erstorbene Wollust, als die begrabene Schönheit des Leibes: und ein warmer Strahl des Lichtes zittert um das Silberhaar eines greisen Paares, welches sich noch immer liebt, dessen Herz und Geist sich noch immer umarmen, nachdem das geschlechtliche Moment zu dem idealen sich emporgerungen. Meine Studie über die Liebe in den verschiedenen Lebensaltern wird dies Gemälde vollenden, gewiß eines der schönsten und anmuthigsten in dem großen Bildersaal der Liebe – ein Gemälde, welches wir Alle im späten Alter selbst darzustellen wünschen müssen.
Die Quellen des Verlangens sind so viele, die eine steigend, die andere fallend, daß der unstillbare Durst der Liebe stets eine ihn befriedigende Welle findet. Alle Leidenschaften beschreiben in ihrer Bahn eine parabolische Linie, je höher der Anfang, desto jäher das Ende. Daher die Erschlaffung dicht neben der höchsten Kraftentfaltung, daher die Gleichgültigkeit dicht hinter dem Enthusiasmus, daher die tausend Gefahren, die dem Gefühle den Tod drohen. Die Liebe nun bietet mehr als jede andere Leidenschaft solche Erscheinungen und Gefahren dar! Keinem ist es gegönnt, die höchste Wollust, die Extase und die Apotheose länger dauern zu lassen als wenige blitzschnelle kurze Momente. Die Unterbrechung ist eines der unerbittlichsten Gesetze des Nervensystems, und wer sich stets von Rausch zu Rausch begiebt, sich nur von Küssen und von Seufzern nährt, stirbt an dem eigenen Feuer, und was noch schlimmer ist, er sieht vor seinem Tode den Tod seiner Liebe. Wir können den Gesetzen der Natur nicht rebellisch widerstehen, wir können sie uns nicht unterthänig machen; wohl aber ist es uns gestattet, sie zu unserem Besten zu lenken, und das soll auch in unserem Falle geschehen. Zwischen einer Extase und der andern können wir die Saaten zu neuer Freude streuen und die Gleichgültigkeit verbannen, zwischen einem Genuß und dem andern bietet uns das Gefühl und der Gedanke die Möglichkeit keine Erschlaffung aufkommen zu lassen und nach der Sinnenglut uns immer in dem frischen Bade holder Erinnerung und gemeinsamer Geistesthätigkeit zu erfrischen. Das ist die vollkommene, die ideale Liebe, die sich rein und unverändert, strahlend wie ein Diamant erhält mitten im trüben Sande des Stromes. Wenige erreichen dies Ziel, doch können viele sich ihm nähern, und dem menschlichen Glück und menschlichen Streben genügt es ja schon, das verheißene Land jenseits der Berge zu erschauen.
Der Mann, welcher dem Heiligen und edeln Streben des Weibes nach größerer Theilnahme an der geistigen Thätigkeit entgegentritt, unterzeichnet damit das Todesurtheil der Liebe; indem er es nur auf das Bett und die Mutterpflichten verweist, spricht er aus, daß er nur die grobsinnliche und thierische Lust der Liebe kennt. Seid immerhin der kräftigste und vorsichtigste Mann, – selbst Venus mit all ihrer idealen Schönheit würde euch ermüden, und es käme für euch eine Stunde des Ekels. Dann freilich tadelt ihr die Eitelkeit der Liebe und fluchet dem Leben und beklagt euch über die unsanften Enttäuschungen, die seit Adams Zeiten dem Männerpöbel, der das Leben nicht von der rechten Seite zu nehmen wußte, willkommnen Stoff zu Jeremiaden gegeben haben. Nicht genug, daß wir das Weib schon aus Gerechtigkeitsgefühl höher stellen müßten, sondern wir würden dadurch auch zur Vermehrung unseres eigenen Genusses und zur Veredelung unserer Lust beitragen. Ein großer Schritt auf diesem Wege ist schon geschehen, indem das Weib des haremartigen Gynäkäons zur Familienmutter geworden ist; aber noch heute nimmt die Frau nur eine geduldete Stellung neben uns, keine Gleichstellung ein, sie ist wie ein von der Straße aufgelesenes Waisenkind, welches in einer Familie lebt, ohne einen integrirenden Bestandtheil derselben zu bilden. Wenn sie aus der bloßen Beischläferin zur legitimen Mutter geworden ist, so bleibt noch ein großer Schritt dahin zu thun, daß sie auch ein weiblicher Mensch werde, ein edles und zartes Geschöpf, welches mit uns fühle und denke, und zwar weiblich fühle und denke und uns so ergänze bei der Auffassung der Welt, von der wir nur die eine Seite sehen, daß sie bei unseren Untersuchungen und Kämpfen uns mit dem ihr eigenen Elemente unterstütze, welches eben nur ein Weib gewähren kann. Sofern ihr von der Frau eben noch etwas Anderes wollt als die bloße sinnliche Liebe, so müßt ihr die Keime von Gefühlen und Gedanken in sie pflanzen; sie wird dann mit weisem Zauber aus jenen Gefühlen und Ideen neue Liebe hervorsprießen lassen. Sie gleicht der Biene, welche Zucker und Nektar und Blütensaft aller Art in Honig verwandelt. Macht sie verständig, und sie wird den Verstand in Liebe verwandeln; macht sie stark, und mit ihrer Stärke wird sie euch bereichern; macht sie groß, so wird sie gern ihre Größe für einen Kuß von euch eintauschen. Habt keine Furcht, daß sie etwa sich über den Mann erheben werde; dazu liebt sie ihn zu sehr, und sie müßte ja, um Tyrannin zu werden, das beste Theil ihres Selbst opfern und auf ihre wahre Allmacht Verzicht leisten.
Wo zwischen Mann und Weib sich die drei Bande der Sinne, des Gefühls und des Gedankens schlingen, da erhält sich die Liebe leicht aus sich heraus und ohne künstliche Hülfe. Einige wenige Glückliche fragen sich bestürzt, wie wohl ihre Liebe jemals enden könne; die Liebe dauert in ihnen warm, stark und unerschütterlich fort und erlischt plötzlich erst im Tode, wie eine alte aber immer frisch glänzende Porzellantasse so lange schön und farbenprächtig bleibt, bis sie zufällig der Hand eines unachtsamen Dieners entgleitet und in Scherben bricht.
Ganz anders wenn die Wollust allein oder fast allein die Liebe bildet; in solchen Fällen ist das leichteste Mittel, sie zu erhalten, daß man in dem Becher der Lust stets einen Tropfen Begierde läßt, sodaß zwischen zwei Umarmungen die Wollust nie ganz erlöscht, sondern einen wesentlich geschlechtlichen Charakter den einfachsten Lebensbeziehungen, der Unterhaltung und dem Familienleben aufprägt. Es ist das auch ein sicheres, wenn zwar indirectes Mittel, welches stets die Keuschheit zwischen zwei Liebenden erhält, nur daß diese keine anderen als die rein sinnlichen Genüsse der Liebe kennen. Ich darf hierbei wohl daran erinnern, daß jede Tugend die Mutter einer neuen Tugend ist.
Die Erhaltung der Liebe ist eine der heiligsten Pflichten besonders des Weibes, wenngleich auch wir nicht ungestraft jeden Antheil an der Erfüllung dieser Aufgabe von der Hand weisen dürfen. Wir sind aber viel zu leichtsinnig, zu sehr polygam, zu anspruchsvoll in unseren plötzlichen Begierden, als daß die Klugheit und weise Sparsamkeit der Liebe für uns leichte Tugenden sein können. Die Liebe vieler Männer ist in recht kindischer Weise darauf gerichtet, Alles zu sehen, Alles zu berühren, zu begehren und sofort besitzen zu wollen. Die Frau liebt mehr als wir, aber sie übt weisere Vorsicht und hat größere Furcht; auch in der Liebe ist sie eine bessere Haushälterin, und während sie Blumen pflückt für den Genuß des Augenblicks, weiß sie die Frucht aufzusparen für die traurigen Tage des Winters. Wehe ihr, wenn sie mit ihrem verschwenderischen Lebensgefährten an Sorglosigkeit wetteifert! Beide werden aus ihrer Liebe und ihrer Wollust ein prächtig verpuffendes Brillantfeuer machen und zum tausendsten Mal die alte Geschichte von der Grille und der Ameise in neuer Auflage erscheinen lassen.
Wenn die Frauen, die dieses Buch lesen werden, auch nichts weiter daraus lernten, so würde ich sie schon für die ausgestandene Langeweile belohnt erachten und mich glücklich schätzen, nicht umsonst für das Glück der werthvollsten Hälfte der menschlichen Familie geschrieben zu haben. Mit dem Rechte meiner langen, mühseligen Erfahrung, mit dem Rechte, welches mir ein tiefes, unermüdliches Studium des Menschenherzens giebt, bitte und beschwöre ich sie, mit ihren weißen Händchen und rosigen Lippen den Mund des Mannes zu verschließen, welcher mit zu großem Durste um ihre Liebe bittet. Sie mögen ihm ein Nein! und abermals Nein! erwidern und das Ja! des Geliebten unter Blumen und Düften begraben, es auf spätere Zeiten vertrösten. Jedes Opfer bringt ihnen doppelten Ertrag; für jede Liebkosung, die sie heute verweigern, ernten sie morgen zehn. Die Frau ist schon von Altersher die Opferpriesterin, und dieses Amt möge sie bethätigen in der Erhaltung der Liebe, welche ja die Luft ist, in der sie athmet, das Blut, welches sie belebt, ihr theuerstes Gut. Unter keinen Umständen aber sage sie Ja!, wenn sie nicht wenigstens zuvor einmal Nein! gesagt; sofern sie ihren verschwenderischen Freund wahrhaft liebt, möge sie die Brosamen, die er heute verschmäht, für die Tage des Mangels sammeln; sie muß die Haushälterin der Liebe werden, wie sie jetzt schon die Hüterin der häuslichen Ordnung ist. Der Mann befruchte, – sie bewahre; der Mann erobere, – sie sammle die Beute.
Ist einerseits die geschlechtliche Keuschheit die Tugend, welche besser als jede andere die sinnliche Liebe erhält, so ist andrerseits eine gewisse Keuschheit des Fühlens und Denkens, eine gewisse Zurückhaltung im Umgang mit einander unerläßlich zur langen Dauer der wahren, der großen Liebe. Der Mann darf nie sein Weib und sie ihn nie nackt erblicken; zwischen Mann und Frau muß Alles, sowohl die Sinne, wie das Gefühl und der Geist sich Hüllen – aus Zweigen und Blumen – gefallen lassen. Das Unendliche ist gerade das, was der Mensch nie müde wird zu lieben, zu betrachten, zu erforschen, weil er es nicht wägen und nicht messen kann. Gerade so ist es in der Liebe; das Schöne, das Gute, das Wahre an der geliebten Person muß unendlich sein, damit wir es nie auf einmal sehen, es nicht messen noch wägen können. Einer Sonne gleich, die aus dem Morgengrauen sofort zum Abenddämmerlicht übergeht, die man niemals ganz erblickt, ist die ewige und unveränderliche Liebe, welche dem Winterfrost und dem Gewitter des Hochsommers widersteht und aufrecht stirbt wie die alten Heroen.
Seht euch die Glücklichen an, welche nicht allein große Leidenschaften zu erwecken, sondern sie auch zu bewahren wissen, und ihr werdet finden, daß ihnen alle die kostbaren Tugenden in hohem Maß eigen sind, welche ich unter dem Namen »Dämmerlichtpolitik« zusammenfassen möchte. Eine Schönheit, die reicher an natürlicher Anmuth als an äußerem Schimmer ist, eine Schmiegsamkeit, welche die Stärke vertritt, eine durch ein Lächeln ausgeübte Autorität, überhaupt mehr Lächeln als Lachen, eine tiefe, sanfte Güte, ein mehr sprühender als großartiger Geist, – alles das bildet das Arsenal zur Erhaltung der Liebe. Die Anmuth trägt mehr dazu bei als die Schönheit, eben weil jene eine mehr dämmernde Färbung hat als diese, die gefälligen Naturen bewahren die Liebe länger als die herrschsüchtigen, die natürliche Klugheit länger als das Genie. Es giebt Frauen und Männer, die auf den ersten Blick – wenn auch nicht gleich Feuer fangen, so doch mit tausend kleinen Magneten Einen anziehen; kaum kommt man mit ihnen in nähere Beziehung, als man sich auch schon von ihnen wie von den Saugarmen eines gewaltigen Polypen umschlungen und gefesselt fühlt.
Todt ohne jede Möglichkeit einer Wiederauferstehung ist die Liebe, wenn kein Galvanismus mehr die schlaffen Nerven weckt, kein Blutstrom mehr das Herz neu belebt. Aber die Liebe hat auch Ohnmachten und Schlaganfälle; sie kann gleich dem Regenwurm auseinanderfallen und vertrocknen und doch wieder zum Leben erwachen, sobald ein wohlthätiger Regen warmer Neigung und Schönheitsentzückens sich über sie ergießt. Wer der Liebe diesen Vorzug bestreitet, der stellt sie unter den Regenwurm, oder er kennt nicht die einfachsten physiologischen Gesetze des Lebens und der Liebe. Die Liebe kennt gleich jedem Organismus einen wirklichen Tod und einen Scheintod; jener ist unerbittlich, dieser heilbar wie jede Krankheit durch die Hilfsmittel der Kunst und der Wissenschaft.
Wie oft schon erstand eine für todt gehaltene Liebe lebenskräftiger als je zuvor. Man staunte das als ein Mirakel an und wunderte sich ob der Geheimnisse des Herzens; das Leben war eben nicht erloschen, sondern nur verborgen; denn außer Lazarus ist ein wirklich Todter bekanntermaßen nicht wieder ins Leben gerufen worden. Ein Nerv hat also noch Gefühl in sich, ein Verlangen konnte noch entstehen, und sieh da, der Scheintodte lebt wieder auf. Die Aerzte machen die Erfahrung, daß die Fälle von Scheintod am häufigsten eintreten bei Hysterismus, Starrkrampf und in allen Formen der Neurose; so hat man denn auch manche noch lebende Liebe, die nur scheintodt war, grausam begraben, da allerdings ein dem Hysterismus, dem Starrkrampf und der Neurose mehr ausgesetzter Organismus als die Liebe sich nicht denken läßt. In unserm Falle wird die Beerdigung nicht so gefährlich, weil die Liebe mit ihrer eigenen Kraft jeden Sarg, jedes Grab sprengt, jede Erde von sich schüttelt und den Trauernden wieder erscheint mit dem Trostrufe: »Weinet nicht, – hier bin ich!«
Nur in sehr seltenen Fällen stirbt die Liebe eines gewaltsamen Todes; meist sind es nur Wunden, Brüche, Ohnmachten, weiter nichts. Der wahre Tod kommt in Folge von Auszehrung und nach langer Krankheit. Oft wird es uns auch zur Pflicht, eine Person nicht mehr zu lieben, die uns plötzlich verächtlich erscheint; aber die Liebe, welche man so zum Tode verurtheilt, weint und verzagt, aber will nicht sterben. In Banden, ohne Licht, ohne Nahrung widersteht sie dem Hunger, der Finsterniß, der Kälte, aber sterben will sie nicht. Die Außenwelt hält sie vielleicht für verschwunden vom Erdboden, wie man berühmt gewordene Gefangene für todt hielt, während sie in irgend einem verschwiegenen Verließ ihr Leben vertrauerten, – aber die Liebe lebt in der Tiefe der Brust weiter und leidet alle Qualen des langsamen Todeskampfes, ja sie stirbt erst oft mit dem, welcher sie fühlt.
Wenn das Erscheinen eines neuen liebenswerthen Geschöpfes eine Liebe plötzlich tödtet, so war diese keine wahre Liebe; war sie wirklich eine solche, so entbrennt ein heißer, langer Kampf, und die Liebe stirbt wie in anderen Fällen eines langsamen, mühseligen Todes. Wenn man nur einmal nicht mehr die fleischliche Begierde und den Triumph des Besitzes Liebe nennen wird, dann wird sich's auch zeigen, daß jenes Gefühl etwas Schöneres, Größeres und Ehrenvolleres ist, als man gewöhnlich glaubt, und viele Wunder werden sich als höchst einfache Erscheinungen der Physik herausstellen, viele jetzt dunkle Geheimnisse werden in hellem Lichte erscheinen.
Die Liebe wie einen Funken aus dem harten Kiesel der Gleichgültigkeit hervorzulocken, ist ein herrliches Wunder; sie aus dem Schlafe wieder aufzuerwecken – eine begehrenswerthe Fähigkeit; unsern Lebenspfad mit den Keimen zu stets neuer Liebe und neuem Verlangen zu bedecken, mag ein berechtigter Stolz jedes Menschen sein. Aber der höchste Triumph, den wir erstreben können, besteht darin: die gewonnene Liebe zu bewahren, sie rein und klar zu erhalten, sie ungefährdet durch alle Stürme des Lebens, durch die trüben Herbstnebel und den Dezemberfrost zu geleiten, sie in ihrer ganzen Kraft von dem Frühling der Jugend bis an den Rand des Grabes zu hegen, sodaß sie gleich dem Schlachtopfer der Mexikaner unter Jubelgesängen und Blütenregen ein Ende nehme. Solch ein Wunder steht keinem Kunstwerk an Schönheit, keinen Schätzen an Werth, keinem Ruhm an Größe nach.
Viele behaupten, der natürlichste Tod der Liebe bestehe in ihrer Umwandlung in Freundschaft; der Leser weiß aber schon, was ich von den geschlechtlichen Freundschaften halte. In einem sehr seltenen Falle mag es vorkommen, daß keiner der beiden Freunde an das Geschlecht des Andern mehr denkt; aber können sie je die Liebe einer ganzen Vergangenheit vergessen, können sie die Erinnerung an die glühenden Genüsse ihres früheren Liebelebens mit einem Strich auslöschen? Wenn eine süße Gewohnheit des gegenseitigen Umgangs an die Stelle der erloschenen Liebe treten kann, wenn ein Mann und eine Frau vergessen können, daß sie eben Mann und Frau sind, – welchen Namen müßte man dann diesem seltsamen, neuen Gefühle geben? Vielleicht heißt man sie treffend »automatische Gewohnheit«; ich mache die Physiologen auf dieses seelische Phänomen aufmerksam als auf einen neuen Beitrag zur Lehre von den unbewußten, reflexen Handlungen.