Gedichte
MeistgelesenVerlag: J. G. Cotta'scher Verlag | Jahr: 1859
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Kapitel 112
(Todtenkränze.)
IV.
35. | |
| »Schließ' Deine Augen!« rief der Geist. Und wieder Entrafft er mich, und trug mich durch die Lüfte Den weiten Weg zurück, den wir genommen; Tief unter mir die aufgeriss'nen Klüfte Der grauen Fluth! – Wie auf des Aars Gefieder War ich entlang dem Mittelmeer geschwommen Im Wolkenzug. – Gekommen War nun die Küste Frankreichs, bunt begränzet, Sie, die von Oele triefet, und im Laube Der Rebgewinde würzt die Moschustraube, Vom wolkenlosen Himmel stets beglänzet; Unfern der Mündung, wo der Rhone Wellen, Die berggebornen, sich dem Meer gesellen. | |
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| Ein Diamant im hellen, goldnen Schilde, Erglänzet Avignon mit seinen Thürmen, Und blüthenduftend liegt, wie Götterauen, Von Wettern niemals heimgesucht und Stürmen, Rings um die Stadt das selige Gefilde; Sie, eine Jungfrau, reizend anzuschauen, Ruht lächelnd an dem blauen Wasser der Rhone! Hell spinnt ihr zur Seiten Die Sorgue sich, die Königin der Quellen, Und der Durance anmuthreiche Wellen Sieht man durch dunkle Lorbeerbüsche gleiten. Ihr hundert helle Burgen, Edelsteine – Vaucluse – sey mir gegrüßt im Rosenscheine! – | |
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| »Sieh jenes graue Mönchenkloster ragen« – Sprach jetzt der Geist, – »von Sankt Franciscus Orden – Siehst Du's, dort mit dem Thurm? Das ist die Stelle, Wo Laura, die ein Stern der Liebe worden, Der herglänzt hell aus den vergangnen Tagen, Die Ruhstatt fand in dunkeler Kapelle; Vor des Altares Schwelle Liegt sie, entrafft den irdischen Beschwerden.« – Von ihrem Namen tönten alle Zungen, Ein König selbst hat ihr zum Preis gesungen!Als der König von Frankreich, Franz I., auf einer Reise nach Marseille nach Avignon kam, besuchte er Lauras Grab, und ließ sich den Sarg öffnen, in dem sie ruhte. Als der Stein gehoben war, fand man den Leichnam bis auf die Gebeine ganz zu Asche verweset. Auf der Brust ruhte eine Kapsel von Blei, in welcher sich eine Denkmünze befand, auf deren einer Seite Lauras Bildniß, auf der andern die Buchstaben M. L. M. J. zu sehen waren. Auf einem dabei liegenden Pergamente stand folgendes Sonett, das man ohne Grund dem Petrarca zuschrieb: Qui riposan le caste e felici Ossa Di quell' alma gentil, e sola in terra, Aspro e dur sasso hor ben teco hai soterra Il vero honor, la fama, e belta scossa. Morte hai del verde lauro svelta e mossa Fresca radice, e il premio di mia guerra Di quattro lustri, e piu, s'ancor non erra Mio pensier tristo, e'l chiudi ion poca fossa. Felice pianta in borgo d'Avignone Nacque e mori, e qui con ella giace La penna, e il stil, Pinchiostro, e la ragione. O delicate membra, o viva face, Che ancor mi nuoci, e struggi in ginocchione Ciascum preghi il signor t'accetti in pace. Mortal Bellezza indarno si sospira L'alma beata in ciel vivrà in aeterno, Pianga el presente, e il futur secol priva D'una tal luce, ed io degli occhi e il tempo. Der König befahl, daß für Laura ein neues, prächtigeres Grabmal errichtet, und mit folgender, von ihm selbst verfaßten Grabschrift versehen werden sollte: En petit lieu compris vous pouves veoir Ce qui comprend beaucoup par renomée Plume, labeur, la langue, et le scaveoir Furent vaincus par l'aymant, et l'aymey. O gentil ame estant tant estimée, Qui te pourra louer qu'en se taisant? Car la parole est toujours reprimée Quand le subjet surmonte le disant. So lang' noch Liebe wandelnd geht auf Erden, So lang', Petrarca, klingen Deine Lieder Aus jeder Brust, ein süßes Echo, wieder! | |
Qui riposan le caste e felici Ossa Morte hai del verde lauro svelta e mossa Felice pianta in borgo d'Avignone O delicate membra, o viva face, Mortal Bellezza indarno si sospira | |
| En petit lieu compris vous pouves veoir Ce qui comprend beaucoup par renomée Plume, labeur, la langue, et le scaveoir Furent vaincus par l'aymant, et l'aymey. O gentil ame estant tant estimée, Qui te pourra louer qu'en se taisant? Car la parole est toujours reprimée Quand le subjet surmonte le disant. | |
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| O selig Paar, wohl werth, daß man Dich neide! Wie, wer den Berg erstieg, tief in den Thalen Die Wolken schaut, indeß sein Haupt im hehren Lichte des Aethers glänzt, von goldnen Strahlen: So standet auf des Lebens Höh'n Ihr Beide, Tief unter Euch das irdische Verkehren! Ihr mochtet nicht begehren All jenen Tand, nach dem die Thoren trachten, Gehäufte Schätze, Macht, die zu erstreben Die Spanne Leben wir vergeudend geben, Den eitlen Glast, Ihr durftet ihn verachten! Umschlungen glänztet Ihr im Kern der Sonne, Hoch über Nebeln trüber Erdenwonne! | |
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| »Und dennoch sag' ich Dir, daß mehr der Thränen Geflossen sind aus Laura's süßen Augen, Mehr Vipern an Petrarca's Brust gehangen, Die Ströme seines Blutes draus zu saugen, Ihn zu zerfleischen mit den gift'gen Zähnen, Als je genetzet zarte Rosenwangen, Je eine Brust umschlangen! –Petrarca sagt hierüber selbst in einem seiner Briefe: »Amore accerrimo sed unico et honesto in adolescentia laboravi, et diutius laborassem, nisi jam tempescentem ignem mors acerba, sed utilis extinguisset.« Der Tag des heil'gen Leidens war gekommen,Petrarca sah Laura das erstemal in der St. Claren-Kirche zu Avignon den 6. April 1327 am Charfreitage. Era il giorno che al sol si scoloraro Per la pictà del suo fattor il rai Quando io fui preso, e non me ne guardai Che i hei vestr' occhi, donna, mi legaro. Petr. Part. I. son. III. Als sie zum ersten Mal sich sahn und fanden; Aus einer Liebe jenes Tags entstanden, Wie wäre da nicht bald die Qual entglommen? Ja, solch ein Band, gestählt in Lust und Schmerzen Es kann nicht früher brechen als die Herzen!« | |
| Era il giorno che al sol si scoloraro Per la pictà del suo fattor il rai Quando io fui preso, e non me ne guardai Che i hei vestr' occhi, donna, mi legaro. | |
| Petr. Part. I. son. III. | |
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| »Und doch geschah's, viel eher als sie starben! – Von jener Flamm' ist Asche nur geblieben; Es hat das kurze Seyn nicht überdauert, Was doch unsterblich, ewig schien, ihr Lieben!Squarciafico erzählt von der Verbindung Petrarca's mit einem Mädchen aus dem Hause Beccari. Sie gebar ihm eine Tochter, die er nach seinem Namen Franciscola nannte, und später an einen Lombarden, Franz von Brosano, verheiratete. Franciscola starb noch zu Lebzeiten ihres Vaters im Kindbett, und wurde zu Treviso in der Franciscus-Kirche begraben, wo eine Marmorplatte mit folgender Inschrift ihre Grabstätte bezeichnet: Franciscae parienti peremptae Francisci Petrarchae Laureati filiae, Franciscus de Brosano, Mediolanensis, maritus. Die tiefen Wunden heilten, wurden Narben; Der Ihn einst selbst zum Sterben hätt' durchschauert, Ihr Tod, ward mild betrauert, Und anderm Reiz das Auge zugewendet! – Und dieser Rausch, Wahnsinn so lang' er währet, Durch Eures Blutes Wallungen genähret, Der, wenn er nicht mehr wächst, auch schon geendet, Der, meinst Du, sey des Lebens höchste Krone?« – So sprach der Geist, mit Mitleid halb und Hohne! | |
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| »Und wohl Euch, wenn's so ist! Wenn mit der Helle Des Tages, die unmerklich nur verschwindet, Der Blumenkelch sich schließt, der Glanz verblühet, Der Ton verhallt, und so die Nacht sich findet, Die Ruh' uns bringt! Wenn allgemach die Welle Des Gluthmeers, das den Himmelsraum durchsprühet, In tiefrem Roth verglühet, Und aus der Röthe sich die Schatten weben Zu immer dicht'rer, farbenlos'rer Hülle; Bis der Bewegung, der Gestalten Fülle Mit Finsterniß unkenntlich sie umgeben! Wohl, wenn's so ist, Ihr nicht den Taumel mehret, Und frischen Trank zu neuem Rausch begehret!« – | |
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| »O, hütet Euch, setzt ihn nicht an die Lippen, Den giftigen, verhängnißvollen Becher! Ihr wißt nicht, was Ihr trinkt! o, setzt ihn nieder! Ihr wähnt umsonst, Ihr unglücksel'gen Zecher, Von seinem Rande Seligkeit zu nippen! Schon ras't Ihr, und der Parzen grause Lieder Tönt Euer Wahnsinn wieder! – Nicht immer hat sich Liebe selbst verzehret, Verglimmend, ruhig, wie der Kerze Flimmer, Die um so schneller lischt, als hell ihr Schimmer; Weit öfter hat sie Euch als sich zerstöret, Wenn, wie die Gaben, die Medea sandte, Ihr unheilvoll Geschenk' zur Flamm' entbrannte!« – | |