Horaz: Briefe
Verlag: Philipp Reclam jun. | Jahr: 1893 | Übersetzer: Johann Heinrich Voß
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11. An Bullatius.
| Wie, Bullatius, fandst du die herrliche Lesbos und Chios? Wie nahm Samos sich aus? wie Krösos fürstliche Sardes? Smyrna mit Kolophon dann? Ob über dem Ruhm, ob darunter? Deucht vor dem Marsfeld dir und dem Tiberis alles verächtlich? | ||
| 5 | Oder erregt dir eine von Attalus Städten die Sehnsucht? Lobst du dir Lebedos gar, unmutig des Meers und der Landfahrt? Lebedos kennest du doch: kaum Gabii liegt, noch Fidenä, So ein verödetes Dorf; gleichwohl dort wünscht' ich zu leben, Und, vergessend die Meinen, ja bald auch jenen vergeßlich, | |
| 10 | Ferne vom Lande zu schauen die rasende Wut des Neptunus. Keiner indes, der nach Rom von Capua reiste, beregnet Und voll Kot, wird wollen im Gasthof leben; und nicht, wen Frost durchkältete, lobt deshalb sich Öfen und Bäder, Als ob dort erst völlig das Glück aufblühte des Lebens; | |
| 15 | Auch nicht, wenn in der Wog' ein gewaltiger Süd dich umherschwang, Wem wohl ist, dem behagt so Rhodus, samt Mytilene, | |
| 20 | Weil's noch geht, und freundlich behält Fortuna das Antlitz, Werde zu Rom hier Samos gelobt, hier Chios und Rhodus. Du, wann immer ein Gott mildreich dir gesegnet ein Stündlein, Nimm es mit dankbarer Hand und verzeuch nie Frohes ein Jahr lang: Daß, wo immer du warst, du gelebt zu haben in Anmut | |
| 25 | Sagen darfst. Denn wenn nur Vernunft und Besinnung den Mißmut, Kein weitherrschender Ort am verbreiteten Meere, hinweghebt; Luft allein, nicht Herz vertauscht, wer über das Meer rennt. Rüstig beschäftiget uns Unthätigkeit. Bald mit dem Vierspann Jagen wir, bald mit dem Segel dem Glück nach. Was du verlangt, ist | |
| 30 | Hier, ist in Ulubrä schon, fehlt nur der zufriedene Sinn nicht. |