Fabeln von Helmut Wördemann
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Die gutmütige Waage
Es war einmal eine Hauswaage, die wurde jeden Morgen von allen Mitgliedern der Familie benutzt, denn jeder wollte wissen, ob er seit dem letzten Tag zugenommen habe. Da aber alle gerne schlank sein wollten und sehr streng mit sich waren, beklagten sie regelmäßig ihr Gewicht.
Da erbarmte sich die Waage: »Ich kann das nicht mehr mit anhören,« sagte sie, »ich verstelle mich, das wird die Menschen freuen.«
Und vom nächsten Tag an zeigte sie ein Pfund weniger, als sie Mass. Da war der Jubel groß in der Familie. Es dauerte aber nicht lange, da merkte einer, der sich vergleichsweise auf eine andere, geeichte Waage gestellt hatte, dass die Hauswaage schwindelte.
»Mein guter Freund,« erklärte er ihr nach einer kurzen Beratung mit den anderen Familienmitgliedern, »du meinst es ja sicher gut mit uns, aber was nützt uns deine freundschaftliche Täuschung? Nichts, das heißt, für eine gewisse Zeit können wir uns einbilden, gut dazustehen mit unserem Gewicht, aber früher oder später kommt der Betrug zutage. Wir fühlen uns nicht so fit, wie wir nach deinen Angaben sein müssten. Nein, auf die Dauer hat es keinen Zweck, uns etwas vorzumachen. Also: Wir lassen dich neu einstellen, und wenn du dann wieder falsch anzeigst, wirst du aus dem Verkehr gezogen, ist das klar?«