Fabeln von Helmut Wördemann
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Der bekehrte Imperativ
Es war einmal ein Imperativ, der hieß »Schlag zu!« Er führte ein rechtes Lotterleben. Bei jeder Rauferei musste er mitmachen. Es kam sogar vor, dass ein Vater ihn gegenüber der Mutter missbrauchte, wenn diese ihren Sohn prügeln sollte. Auch auf Schulhöfen hatte der Imperativ immer wieder zu tun.
Eines Tages trieb er sich – wie schon oft – auf einem Rummelplatz umher. Er geriet in eine Gruppe betrunkener Viehhändler, die vor Beginn der Kirmes verkauft, gekauft, gekuckt und gesoffen hatten. Der Alkohol hatte die rauen Burschen schwach gemacht, am empfindlichsten war plötzlich das sonst so robuste Selbstbewusstsein, so dass es sich aufblähte, um wenigstens groß auszusehen. Dabei geriet das Selbstbewusstsein des einen in Konflikt mit dem des anderen. Aus den Berührungen der protzigen Ballons wurden Reibereien und die verstärkten sich zu Raufereien.
»Schlag zu!« riefen die Zuschauer, die sich schnell in einem unförmigen Halbkreis um zwei Streithähne versammelt hatten, die ihre Meinungen nicht mehr in Worten ausdrücken konnten und sich deshalb ihren geballten Fäusten überließen. Beide hatten ihre begeistert mitergrimmten Anhänger, so dass der Imperativ völlig charakterlos hin und her springen musste.
Beide Kämpfer gehorchten aufs Wort, bis einer der Männer den anderen so heftig im Gesicht traf, dass dieser hintenüberstürzte. Dort stand ein Karussell. Er prallte aber nicht gegen die Wand, sondern stürzte rückwärts unter die bunte Verschalung auf das Gestänge des Antriebwerkes zu. Um Millimeter schlug sein Kopf an einer Eisenstrebe vorbei, die ihm den Schädel hätte zerschmettern können.
»Nein!« rief da der Imperativ. »Nein! Nein! Nein! Das mache ich nicht mehr mit. Ich hau ab. Es wird ja wohl noch eine friedliche Beschäftigung für mich geben. Ich gehe zu den Frauen.«
Nun hatte der Imperativ aber das Pech, an eine Keife zu geraten, die ihren Zorn immer in blitzenden Gewitterreden austobte. Sie schlug nie, aber wenn jemand in der Nähe war, der ihr die Handgreiflichkeiten abnehmen konnte, schrie sie berstend unbeherrscht:»Schlag zu! Schlag zu!«
»Ich werde dir `was husten,« sagte der Imperativ und ließ sich vom Wind forttragen, ehe die zu rabiater Hilfe aufgerufene Freundin überhaupt verstand, was die Keife wollte.
So kam der Imperativ in einen Garten, wo ein Teppich auf einer Stange hing. Eine kräftige junge Frau stand blöde zögernd davor, als wüsste sie nicht, was sie mit dem Klopfer in ihrer Hand machen sollte. Da schlüpfte der Imperativ in ihren Kopf und rief sich selber auf: »Schlag zu! Schlag zu!«
Die Frau lauschte nach innen, nickte, lächelte und hieb auf den Teppich ein, dass der Staub entsetzt aus seiner Ruhe flog. Er kitzelte sie noch eben boshaft in der Nase, setzte sich zu einem Teil auch als Dreck in ihren Kleidern fest, suchte aber im großen und ganzen eine andere Niederlassung.
»Friedliche Arbeit ist ja auch nicht ganz sauber,« sagte sich der Imperativ, »aber es kommt doch `was Ordentliches dabei zustande.«