Fragmente 1875-1879, Band 2
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[Dokument: Notizbücher]
[August 1879]
44 [1]
Weißt du, daß jeder von den Eigenschaften der Menschen und Dinge, denen du jetzt deine schönsten Worte giebst, ohne Weiteres annimmt, es seien deine Eigenschaften.
44 [2]
Schubert verhält sich zu Beethoven wie die naive Dichtung zur sentimentalischen. Schubert artige Musik ist der Gegenstand der Beethovenschen Musikempfindung.
44 [3]
Die moralische Verkehrtheit hat darin ihren Anschein von Radikal-Bösem, daß der Mensch heute intellektueller ist als morgen, aber auch umgekehrt. Er ist etwas verschiedenes: aber man nimmt den Intellekt als fest.
44 [4]
Gesetzt, jemand hat Herzeleid durch einen boshaften anonymen Brief: die gewöhnliche Kur ist die, seine Empfindung entladen, indem man einem Anderen Herzeleid macht. Diese alberne Art uralter Homöopathie müssen wir verlernen: es ist klar, daß wenn er sofort auch einen anonymen Brief schreibt, womit er jemandem eine Wohlthat und Artigkeit erweist, er seine Wiedergenesung auch erlangt.
44 [5]
Einem Unglücklichen, der einen Trost will, muß man entweder zeigen, daß alle Menschen unglücklich sind: das ist eine Wiederherstellung seiner Ehre, insofern sein Unglück dann ihn doch nicht unter das Niveau herabdrückt: wie er geglaubt hat. Oder man muß zeigen, daß sein Unglück ihn unter den Menschen auszeichne.
44 [6]
Man soll da, wo etwas gethan werden muß, nicht von Gesetz reden, sondern nur da, wo etwas gethan werden soll. Gegen die sogenannten Naturgesetze und namentlich die ökonomischen usw.
44 [7]
„Eitelkeit" ein Quellengebiet, aus dem die mächtigsten Ströme der Moralität hervorgebrochen sind.
44 [8]
Sobald wir uns verstimmt oder gallsüchtig fühlen, sofort den Geldbeutel heraus oder die Brieffeder oder den nächsten Armen oder das erste beste Kind, und etwas verschenken, womöglich mit wohlwollendem Gesicht: wenn es aber nicht geht, dann auch mit verbissenen Zähnen.
44 [9]
Poesien welche, wenn man sie in Prosa übersetzen will, verdunsten.
44 [10]
Mit so zarter und verschämter Haut daß das Blut ganz von ferne aus durchzublicken wagt.
44 [11]
Plato's Ansichten – er kannte die verbotenen Eingänge aller Heiligthümer.
44 [12]
Walter Scott, 2 Novellen = das Beste.
Die 3 vollkommenen Erzähler.
44 [13]
Jean Paul im Verkehr mit den d<eutschen> Schr<iftstellern> z. B. S<chiller> war mehr als ein k<leiner> G<oethe>.
44 [14]
Seine Rigorosität im Laokoon hatte Eine gewichtige Gegnerschaft: die guten Dichter. Auch soll man ihm nicht vergessen, daß er die unsterbliche Lächerlichkeit – – –
44 [15]
Kein Parteimensch versteht die Treue gegen sich selber.
44 [16]
Den großen Werth der neuen Institutionen angeben – Schutzwehr und Bollw<erk> gegen das Räuber- und Ausbeuterthum in Geist und Geld.