Künstlerroman. Zweiter Band
Verlag: Verlag von Carl Krabbe
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23.
»Die Sonne sinkt, ihr letzter Schein zergeht.«
Seit dem Beginne unserer wahrhaftigen Geschichte sind Monate vorübergegangen, und da wir den geneigten Leser an einem sonnigen Frühlingstage empfingen, so brauchen wir kaum zu sagen, daß jetzt der Herbst mit seiner malerischen Pracht Besitz von Wald und Feld genommen. Liebten wir es, selbst auf Kosten der Wahrheit, uns in schroffen Gegensätzen zu ergehen, so könnten wir vielleicht passender für den Gang dieser Erzählung von einem stürmischen, düstern Herbsttage reden; doch haben wir uns streng vorgenommen, unter allen Umständen der Wahrheit getreu zu sein, und können deshalb nicht anders als von einem goldig glänzenden Herbsttage sprechen, der mit aller nur möglichen Pracht der Färbung, mit einem wolkenlosen, tiefblauen Himmel unsere Erde beglückte.
Einige Stunden von der Stadt, in der unsere wahrhaftige Geschichte spielt, befindet sich ein kleines Dörfchen, freundlich von saftig grünen Wiesen umkränzt und in geschützter Lage durch einen Höhenzug, welcher die rauhen Nord- und Westwinde abhält; durch die blumigen Wiesen schlängelt sich ein klarer, silberheller Bach, hier und da leicht überbrückt. Die reinlichen Häuser des Dorfes haben rote, weithin leuchtende Dächer; sie sind von Obstbäumen umschattet, deren Zweige sich in jetziger Jahreszeit förmlich unter der Last der Früchte beugen. Zwei Kirchen mit ihren Türmen ragen über ihre Häuser empor, von denen eine, ein alter Bau in schönen Verhältnissen, schon fünf Jahrhunderte der Zeit und den Elementen Trotz geboten und selbst die langen und schweren Kriegsjahre siegreich überstanden.
Dieses kleine Dorf heißt Erkrath und ist weiter von keiner rein historischen oder von keiner kulturgeschichtlichen Bedeutung, obgleich als Niederlassung unserer ältesten deutschen Vorfahren, sowie als römische Kolonie bekannt und benannt; auch kann man sich beim Anblicke der heute noch prachtvollen Eichenwälder mit ihren mächtigen, hundertjährigen Stämmen des Gedankens nicht erwehren, daß in diesen damals heiligen Hainen Teut, Wodan, die Sonne angebetet wurden und daß. eigentümlich geformte Steine, die man noch hier und da auf der Höhe trifft, Opferaltäre der Druiden waren.
Für den Verfasser dieser Blätter hat aber Erkrath doch noch eine ganz besondere Bedeutung, welche hier zu verschweigen er nicht bescheiden genug ist, denn sein Großvater lebte dort als ehrwürdiger Pfarrherr und seine gute Mutter hat dort auf den grünen Wiesen gewiß manche Blume gepflückt – ein Gedanke, der etwas Trauriges in sich schließt: dort liegen die Wiesen vor uns, saftig grün, von der Sonne beglänzt wie damals, und werden wahrscheinlich nach Hunderten von Jahren so erscheinen; auch Blumen werden in jedem Frühlinge unter dem Kusse der warmen Sonne dort hervorsprießen; aber die freundlichen, guten Augen, welche einst diese Blumen betrachtet, haben sich zum ewigen Schlafe geschlossen, und die lebenswarmen Hände, welche sie gepflückt und Kränze daraus gewunden, sind längst erkaltet und erstarrt – –
Vorüber – vorüber!
Wir verlassen das weite Thal mit seinem friedlichen Dörfchen, und in kurzer Zeit nimmt der Schatten prächtiger Buchen- und Eichenwälder auf. Wir haben vor uns eine hohe Bergwand, welche wir steil hinanklimmen müssen, um von der Höhe derselben eine Aussicht zu erlangen auf das weite, herrliche Rheinthal; doch waren die Füllen jenes kleinen Bergwassers, von dem wir vorhin sprachen, seit Jahrtausenden geschäftig, im Herabstürzen von jenem Berggelände dort eine tiefe Schlucht einzureißen, Höhlen aufzudecken, prachtvoll geformte Felsen abzuspülen und so eine Felsenschlucht zu erschaffen, die wir sanft aufwärts steigen können und in der wir fast bei jedem Schritte verwundert stehen bleiben möchten, um die Schönheiten dieser ungeahnten wilden Natur recht in uns aufnehmen zu können. Heute noch wie vor vielen tausend Jahren fließt das schäumende, brausende Bergwasser durch dieses enge Thal, hier auf einer ebeneren Stelle leise murmelnd über breite, glatte Kiesel hinweg, dann einen gewaltigen Abhang hinabjagend, aufs neue und toller brausend und schäumend, wild und trotzig. Riesenhafte Felswände ragen zu beiden Seiten empor und zeigen uns seltsame Vorsprünge, Schluchten und Höhen, welche die Poesie des Volkes mit den verschiedenartigsten Namen belegt hat: dort ist die Engels- und die Teufelskammer, die Wolfsgrube und der Rabenstein, die Neanderhöhle und der Neanderstuhl – letzterer eine Felsspitze, auf der vor zweihundert Jahren ein deutscher Dichter häufig ruhte und, begeistert von der großartigen Natur, Lieder zum Lobe Gottes dichtete.
Von der höchsten Spitze der Felsen, wo noch mächtige Eichen und Buchen wachsen, bis tief in das Thal hinab sind die Steinwände malerisch unterbrochen und verziert mit einzelnen Baumriesen, mit Sträuchern, welche freundlich herabnicken, mit Blumen, mit Gräsern und Moosen, und dabei welche Abwechslung in der Vegetation der nördlichen und der südlichen Felswand: hier der heiße Sonnenstrahl, dort ewiger Schatten!
So nahe bei einer größeren Stadt gelegen, wo zahlreiche Künstler häufig darauf angewiesen sind, der Natur ihre verborgenen Schönheiten abzulauschen und auf ihre Art zu verwerten, wird man durchaus nicht erstaunt sein, hier in dieser prachtvollen Schlucht neben dem Gesange der Vögel und dem Geschrei eines langsam kreisenden Raubvogels einen frischen Jodler zu vernehmen, oder ein lustiges Lied, an den Felswänden widerhallend. Aufwärts blickend, sieht man sie dann sitzen, die emsigen Zeichner, auf dem kleinen Feldstuhle, das Skizzenbuch auf den Knieen, den zugespitzten Hut auf dem Kopfe, oft im Schatten eines kolossalen Sonnenschirmes eine seltsam geformte Klippe, eine malerische Felsschlucht oder einen alten, knorrigen Baumstamm kopierend, dabei lustig und guter Dinge einander zurufend und mit lauter Stimme von einer Spitze zur anderen Bemerkungen austauschend.
An dem schönen Herbsttage, von dem wir eben reden wollen, war das ›Gesteins‹, wie diese Gegend im Munde des Volkes heißt, nicht belebt in der eben erwähnten Art, denn die beiden, welche wir hier gewahren, übertönten weder durch lauten Ruf noch durch Gesang das einförmige Brausen des Wassers. Der eine saß zeichnend ziemlich hoch über dem schäumenden Bache auf einer Felsenspitze, während der andere an den Ufern desselben stand, und zwar an einer Stelle, wo die klare Flut weniger rasch dahinschoß.
Letzterer hatte einen jener zierlichen und komplizierten Angelstöcke in der Hand, wie sie von England zu uns herüberkommen, während neben ihm auf einem bemoosten Steine ein kleines Etui lag mit jenen künstlich gemachten Insekten, welche für die arme Forelle verführerischer erscheinen, als eine wirkliche Fliege; eine größere Lachsforelle, blau und rot gefleckt, sowie ein paar kleine Steinforellen mit dunklem Rücken lagen schon als Opfer neben der arglistigen Lockspeise.
Die schlanke Gestalt Lyttons, denn er war es, welcher den Angelstock in der Hand hielt, erhob sich jetzt mit einer kaum merklichen Bewegung elastisch auf die Fußspitzen, während er mit vorgestrecktem Halse scharf in das Wasser hinabschaute; dann löste er das kleine Rad am Griffe des Angelstockes, so die Schnur verlängernd, worauf denn die kleine, farbige Fliege dicht über der Spitze des Stahlhakens lustig tanzend auf dem glänzenden Wasser dahinzuschweben schien – doch nur noch einen Augenblick, denn wie mit einemmale verschwand sie unter dem Wasser, die Angelschnur wurde so heftig angezogen, daß sich das schlanke Ende des Stockes scharf herabbog, und darauf zeigte sich im Wasser eine sprudelnde, kreisförmige Bewegung mit silberglitzernden Punkten.
»Hallo,« rief jetzt der glückliche Angler, aufwärts schauend, »unser Diner für heute ist nun glänzend beieinander, und du wirst nicht wieder sagen können, ich vertrödle meine Zeit!« – Damit stieß er den Angelstock, der unten eine scharfe eiserne Spitze hatte, fest neben sich in den Boden, zog die Schnur durch Umdrehung des Rades behutsam an sich und hob dann vermittelst eines kleinen Netzes eine zweite und noch schönere Lachsforelle aus dem Wasser.
Ohne eine Antwort abzuwarten, welche auch nicht erfolgte, pfiff er alsdann leise eine Weise vor sich hin, packte sein Angelgerät sorgfältig zusammen, und es war dieses so vortrefflich eingerichtet, daß Köder und Schnur mit der Maschinerie derselben zum Aufwickeln in ein kleines Täschchen ging, welches er um die Schultern hangen hatte, und daß der sehr lange Angelstock sich zu einem Spazierstocke zusammenschieben ließ. Dann schnitt er eine kleine Weidenruthe ab, drehte sie strickartig zusammen und befestigte seine Jagdbeute daran, welche er alsdann in die klare Flut des Baches versenkte, um sie später mitzunehmen. Nachdem dies alles geschehen, stieg er langsam aufwärts bis zu der Stelle, wo sein Freund saß, streckte sich neben diesem behaglich ins Moos und blickte auf die Zeichnung, mit welcher Olfers gerade beschäftigt war.
»Nun,« fragte der Letztere, nachdem sie längere Zeit neben einander gesessen, mit einem lächelnden Seitenblicke, »hast du bald genug ausgeruht von deinen Mühen um die edlere Fischerei, oder willst du heute dein Skizzenbuch wieder nicht zur Hand nehmen?«
Lytton hatte sich lang ausgestreckt auf den Bergabhang niedergelassen und beide Hände unter seinen Kopf gelegt. – »Ich weiß nicht,« sagte er nach einer Pause, den Himmel betrachtend, »woher es kommt, daß ich so gar keine Lust habe, etwas zu zeichnen, und ich hatte mir doch vorgenommen, eine tüchtige Ausbeute mit nach Hause zu bringen – ich glaube, ich hätte die Angelgerätschaften zu Hause lassen sollen!«
»Der Ansicht bin ich auch: es geht dir wie dem Löwen, nachdem er einmal Blut geleckt – ehrlich gesagt, ich verstehe es nicht, wie man im stande ist, so ausdauernd, so mühevoll, ja, so mit Anstrengung nichts zu thun!«
»Nachher im Gasthofe, wenn man dir meine wunderbaren Forellen auftischt, wirst du nicht mehr der Ansicht sein, ich hätte meine Zeit vertrödelt – da du kein Angler bist, kannst du auch nicht darüber urteilen; verzeihe mir – o, es ist ein großer Unterschied, an irgend einem trüben Wasser zu stehen und aufs geratewohl die Angelschnur hineinzuwerfen, oder eine dieser glänzenden, beweglichen und eleganten Forellen, die du im klaren Wasser stehen siehst, förmlich zu überlisten – und genieße ich dabei weniger die herrliche Natur um mich her? Gewiß nicht, jeder beutet sie auf seine Art aus: du bringst wundervolle Zeichnungen mit nach Hause, ich ganz vortreffliche Fische – ich darf ihnen dieses Beiwort geben, da ich sie nicht selbst erschaffen habe.«
»Und macht dir dein Gewissen keine Vorwürfe, daß du so deine Zeit vergeudest?«
»Ehrlich gesagt: nein – ist mein Zeichnen und Malen doch nur Nebensache!«
»Aber wenn man ein solches Talent hat wie du, so soll man es ausbilden!«
»Ja, wenn mein Talent bedeutend genug wäre, um später in der Kunst etwas ganz außerordentliches leisten zu können! Für das, was ich später in diesem Fache gebrauche, darf ich mir wohl erlauben, meine Herbstferien hier in diesem wunderbaren Thale vollständig zu genießen, und müßig gehe ich ja trotz alledem nicht!«
»Nein, du fängst Fische.«
»Nur als Nebenbeschäftigung; hauptsächlich aber vervollkommne ich mich in der deutschen Sprache und treibe Poesie.«
»Ah, du treibst Poesie?« entgegnete Olfers lachend. »Nun, wie du das anfängst, möchte ich wissen, oder wenigstens ein Produkt deiner poetischen Bestrebungen sehen!«
»Ich treibe Poesie, indem ich diese herrliche Natur betrachte und in mich aufnehme; ich könnte sagen, es ist eine Art malerischer Poesie, der ich mich nirgends mit so gutem Erfolge hingeben kann, als gerade hier. Schau' dort um dich her, ist nicht alles, was du siehst, malerische Poesie oder poetische Malerei?«
»Ja, du hast recht, eine Fülle unendlicher Poesie!«
»Blicke hinab auf das Wasser des Baches, wie seine klaren Fluten leuchten, obgleich er tief im Schatten dahinfließt; betrachte die Sträucher mit ihren hier grünen, dort schon buntfarbigen Blättern, mit ihren dunkelblauen und hochroten Beeren: schau dazwischen die feinen Gräser und die beiden moosbedeckten Steine – giebt es eine prächtigere und wirksamere Ufereinfassung, könntest du etwas Schöneres und Zusammenstimmenderes komponieren?«
»Ich gewiß nicht!«
»Und auch sonst niemand! – Ach, wie sich diese Felsen, so willkürlich uns ihre Formen auch erscheinen, doch so planmäßig und majestätisch aufbauen, und wie wohlthuend, wie stolz ihre helle Farbe leuchtet, umsäumt von dunklem Grün! Und weiter oben die mächtigen Stämme der uralten Eichen und Buchen mit ihren lang ausgestreckten Ästen, so ein Schattendach bildend über die enge Schlucht herüber – verzeihst du mir nun, daß ich sonst nichts thue, um mich in derartiger Poesie zu ergehen?«
»Gewiß, ich finde es sogar für mich anregend, und mein Bleistift bewegt sich rascher auf dem Papier, wenn ich dich so schwärmen höre.«
»Und ich habe dadurch mehr Ausbeute, als wenn ich ein Dutzend vielleicht mittelmäßiger Zeichnungen mit nach Hause brächte; ja, wenn ich das aufs Papier werfen könnte, wie ich es vor mir sehe, oder vielmehr wie ich es mit meinen Gedanken zu erfassen vermag oder zusammenstellen kann, oder aus dem allgemeinen Ganzen herausnehmen – alles, was du rings um dich siehst, ist es nicht wunderbar schön? Nicht nur dieses große Stück Landschaft, das da vor uns in so breiten Strichen angelegt ist, diese herrliche Schlucht mit ihrem leuchtenden Wasser, mit ihren prachtvollen Felsmassen, mit den Baumriesen hoch auf der Höhe und mit dem dunkelblauen Stück Himmel, das wir über alles dies ausgespannt sehen, sondern irgend eine Kleinigkeit aus diesem kolossalen Reichtume – sieh' diese halbverwitterte, kleine Steinmasse, die ich mit der Hand berühre, betrachte sie genau, mit dem tiefen Verständnis, womit du alles anschauest, und gestehe mir, daß eben diese Steinmasse so reizend und herrlich ausgeputzt ist, daß man laut aufschreien möchte vor Freude. – Sieh' wie naseweis das so zierliche Moos hier aus der Spalte hervorlugt, die einförmige Fläche unterbrechend, während dort unten das rankende Epheu den Block zu drei Vierteln umgiebt, wie eine goldene Einfassung den Edelstein, und damit es dieser Einfassung nicht an reicher Mannigfaltigkeit fehle, so ist sie unten eingesäumt mit rotblühenden Eriken und dem anderen Pflänzchen mit gelben Blumen, dessen Namen ich nicht weiß, da ich leider kein Botaniker bin; auch eine Unterlage fehlt meinem kostbaren Steine nicht – ist's doch gerade, als habe das hellgrün schimmernde Moos sich hier absichtlich handdick angesetzt, damit der Felsen weich ruhe, und als seien gerade an dieser Stelle die schwanken, zierlichen Gräser so hoch aufgeschossen, um ihm, wenn der Nachtwind durch die Schlucht zieht, leise flüsternd ein Schlummerlied zu singen!«
»Vortrefflich!« sagte Olfers, »ich werde dir den kleinen Felsblock zeichnen, und du sollst mir deine Poesie darunter schreiben – willst du?«
»Leider bin ich nur ein armer Improvisator, dem die besten Gedanken entfliehen, sowie er die Feder ins Tintenfaß taucht.«
»Versuchs immerhin, es wird mir in späteren Zeiten besonders für diese Tage eine liebe Erinnerung sein.«
»Sprich mir nicht von späteren Zeiten, das klingt mir gerade wie Trennung von dir, und ein solcher Gedanke hat etwas zu Trauriges für mich – 's ist gar nicht möglich!«
»Es ist möglich – es wird so kommen – und man muß sich an diesen Gedanken gewöhnen!«
»Das ist nicht meine Ansicht; soll Unangenehmes, Trauriges über uns kommen, so mag es plötzlich erscheinen, wann es Lust hat; aber ich bin nicht gesonnen, dem Leid, welches in mein Herz einziehen will, schon im voraus eine melancholische Unterlage zu bereiten.«
»Hast du Briefe aus England?« fragte Roderich nach einer Pause, wie um das Gesprächsthema zu ändern.
»Ja, es geht alles gut auf Lytton Hall; mein Großvater, der Right honorable Lord, beschäftigt sich abwechselnd mit seiner Gicht und seiner Jagd, wenn er nicht gerade einer Parlamentssitzung beiwohnt, und die Briefe meines Vaters werden ihren Beigeschmack von Mißvergnügen, ja, Kummer nicht verlieren darüber, daß er zufällig der Zweitgeborene ist; doch Gott sei Dank bin ich nicht so ehrgeizig, um seinen Kummer zu teilen! Daß meine Schwester Alice heiraten wird, habe ich dir schon gesagt – ein freudiges Ereignis, denn sie liebt ihren Bräutigam von Herzen und macht eine ausgezeichnete Partie, wie man das so zu nennen pflegt. Für mich hat die bevorstehende Hochzeit das nicht gerade angenehme, daß ich mich zu derselben nach London verfügen muß, und ich fürchte alsdann, mein verehrungswürdiger Vater könnte es für nützlich finden, mich anderswohin zu dirigieren, anstatt mir die Rückkehr hieher zu befehlen.«
»Und dein Vater hätte nicht ganz unrecht, Alfred; deinen Zweck, dich in der deutschen Sprache zu vervollkommnen, hast du erreicht.«
»Ja, durch deinen Umgang, auf die angenehmste Art und ohne den Lehrer zu langweilen oder mich von ihm langweilen zu lassen. – Warum sagtest du vorhin, mein Vater habe recht, mir die Rückkehr hieher nicht mehr zu erlauben?« fragte er nach einer Pause, indem er sich plötzlich aufrichtete.
»Nun, weil du selbst in einer andern Absicht hieher kamst, als nur eine Künstlerlaufbahn einzuschlagen.«
»Wozu ich nicht genug Talent besitze – leider weiß ich das!«
»Nun, da du gescheit genug bist, das einzusehen, so brauchst du nicht zu sagen: leider weiß ich das!«
»Du giebst mir vollkommen recht?«
»Worin?«
»Daß ich die Kunst nur als Dilettant betreibe?«
»Gewiß, bei deinem Verstande und deinem Ehrgeize. Zu etwas großem, zu etwas ganz außerordentlichem würdest du es doch nicht bringen, und ein mittelmäßiger Künstler zu bleiben, müßte dich unglücklich machen.«
»Ja, ja,« pflichtete der andere mit einem leichten Seufzer bei, »und das ist es ja gerade, warum ich nicht gern nach Hause gehe; ich werde meinem Vater keine überzeugenden Gründe entgegensetzen können, wenn er mich anderswo hinschickt – doch fort mit diesem Gespräche von Abschied und Trennung!« rief er aufspringend und setzte, die Arme ausbreitend, hinzu: »Laß uns lieber diesen prachtvollen, herrlichen Herbsttag vollkommen genießen, indem wir in den unaussprechlichen Schönheiten schwelgen, welche uns umgeben – schließe dein Skizzenbuch, Roderich – komm, laß uns eine Wanderung auf die Höhe machen.«
»Meinetwegen denn,« sagte der andere, wobei er sich zurückbog, um das Blatt, an dem er eben gezeichnet, aus einiger Entfernung zu betrachten; ich bin auch gerade so ziemlich fertig geworden, und was da noch fehlt, kann ich, wenn ich will, zu Hause nachholen.«
»Ein schönes Blatt,« meinte Lytton, die Zeichnung betrachtend; »Du hast aber etwas dazu komponiert; denn so furchtbar wirr und dabei majestätisch erscheint die Kluft doch nicht.«
»Wollte ich doch auch keine Ansicht derselben machen, sondern ich zeichnete nur etwas zusammen, was ich irgendwo werde gebrauchen können. – Aber nun komm, dein Vorschlag ist vortrefflich; wir wollen aufwärts steigen, um bei vollem Sonnenlichte noch einen Blick auf das Rheinthal zu werfen. Wie ist's mit der Ausbeute deiner Fischerei?« fragte Roderich aufstehend.
»Ich habe sie drunten im Kühlen verwahrt, bis wir später wieder vorbeikommen.«
Damit warf er seine kleine Tasche über die Schulter, der andere nahm sein Skizzenbuch unter den Arm, und so gingen sie aufwärts, dem herabbrausenden Bache entgegen.
Eine gute halbe Stunde stiegen sie empor in der gleichen wilden, malerischen Natur, immer durch die Felsschlucht, fast beständig am Ufer der klaren Düssel, schweigend, betrachtend, denn wohin sie ihren Blick wandten, die interessantesten Felsformen, die mannigfaltigste und herrlichste Vegetation. Ist es hier doch gerade so, als habe die Natur auf den verschiedensten Felsenabstufungen alles bereit gelegt, um das Auge des Malers zu erfreuen und die Hand des Botanikers zu beglücken! Von der kräftigen Eiche an, die hoch oben emporgewachsen in klaffenden Spalten des Gesteins stand, vom dichten Gesträuche, das bedeckt ist mit Beeren in allen Farben und wieder schützend ragt über der rötlichen Erika, sehen wir Hunderte von Pflanzenarten malerisch die Felsen bekränzen: die saftige Wolfsmilch, den zierlichen Schierling, den duftenden Thymian, den Stechapfel, Veilchen und Waldmeister, kryptogamische Pflänzchen an den schroffen Wänden, die uns von fern wie Risse und Schatten erscheinen, bis tief hinab, wo an den feuchten Ufern des Baches die breitblätterige Brunnenkresse wächst und wo wir neben dem lieblich blühenden Vergißmeinnicht die schöne, anlockende Beere der giftigen Belladonna sehen.
Nach langsamem Aufwärtssteigen blieb Roderich jetzt einen Augenblick stehen und sagte, auf einen kleinen Fleck zeigend, wo junge Tannen emporwuchsen: »Wie wahr ist es doch, was du vorhin sprachst, daß alles, was uns in der Natur entgegentritt, malerisch und voll Poesie ist!«
»Ja, man muß es nur zu finden wissen und die stumme Sprache der Pflanzen und des Steines verstehen – und wir beide kennen das, nicht war, Roderich?«
»Gewiß, mein Freund.«
»Deshalb ist es mir auch ein so unaussprechliches Vergnügen, mit dir durch Feld und Wald zu wandern.«
»So sieh denn hier die kleinen Tannen an – es sind noch wahre Säuglinge gegenüber ihren Eltern und Voreltern dort auf der Höhe. Sie scheinen hieher auf diesen besseren Boden in Kost und Wohnung gethan worden zu sein – nun betrachte einmal zwischen ihnen diese langaufgeschossenen, dürren Gräser, die so pedantisch mit ihren hohlen Köpfen schütteln oder sich beistimmend auf und ab neigen. Ist es nicht gerade so, als seien sie den kleinen Tannen zur Aufsicht dahin gesetzt, als seien diese steifen, dürren Demoiselles die Lehrerinnen dieser frischen, lustigen Waldkinder?«
»Ja, ja,« lachte Lytton, »schau nur, wie gravitätisch sie sich verbeugen und sich bedanken für das Kompliment, welches wir ihnen soeben gemacht; aber da habe ich noch was prächtigeres für dich. Schau dir dort jene herrliche Nadelholzkultur an, von so tiefgrüner und zarter Farbe, daß es dir zwischen den hellgrauen Felsen fast zu dunkel erscheint; zwischen ihnen hoch empor ragt eine einzige Birke mit ihrem weißen, glänzenden Stamme.«
»Gewiß – sehr schön! Sie erscheint in ihren goldgelben Blättern wie ein flammender Busch, wie ein Leuchtzeichen, im Sonnenglanze wie wirkliches Feuer, gewiß weithin sichtbar.«
Die beiden Freunde hatten in kurzem die Höhe zwischen der Düssel und dem Mettmanner Bache erklommen, eine schauerlich wilde Gegend, deren Höhe durch die sie umgebenden Felsenspitzen ein kleines Thal bildet. Und nicht nur der Zufall allein hatte dem kleinen Thale diese Gestalt gegeben; Erdwälle und Reste von Mauern, die man zwischen den aufstrebenden Steinen bemerkt, sind von Menschenhänden erbaut. Hier oben wachsen Eichen, welche Jahrhunderte gesehen und daselbst mit ihren Wurzeln die Urfelsen erfaßt wie auch das Mauerwerk durchschlungen haben, von dem wir eben sprachen: es ist uns dies der beste Beweis von dem hohen Alter des letzteren.
»Wäre ich Archäologe,« sagte Roderich, indem sie das Thal durchschritten, um den südlichen Rand desselben zu ersteigen, »so würde es mir ein großes Vergnügen machen, hier die sorgfältigste Nachforschung anzustellen, um vielleicht doch zu erfahren, ob hier unsere deutschen Vorfahren mit den Römern kämpften oder ob Wittekind hier oben im unwegsamen Urwalde seine Penaten verteidigte, oder ob, wie man annimmt, die Hunnen des Attila die damaligen Bewohner des Landes zwangen, hier im einsamen Walde eine Zufluchtsstätte zu suchen.«
»Läßt sich aus dem Namen dieser Höhle nichts erraten?«
»Schon die Benennung Hunns- oder Hunnenklippe spricht für meine zuletzt ausgesprochene Ansicht. Dort oben,« fuhr er, auf den Wald am nördlichen Gebirgsabhange zeigend, fort, »haben wir das Jammerthal, welches unbedingt eine traurige Fortsetzung der Geschichte dieses Felskessels ist.«
»Du sprachst vorhin den Wunsch aus,« meinte der Engländer, weiterschreitend, »diese Gegend erforschen zu können; gewiß ein guter Wunsch, doch bin ich überzeugt, daß dies in nicht gar zu langer Zeit auf die praktischste und gründlichste Art geschehen wird. Ich kenne einen Archäologen; der damit umzuspringen versteht; seine Vorfahren sind Landsleute von mir,« setzte er lachend hinzu, »und er heißt mit seinem Familiennamen Eisenbahningenieur. Ich möchte jede Wette machen, daß es nicht zehn Jahre dauern wird, und es werden durch Einschnitte, die man durch diese Berge macht, und durch Tunnels, welche man durch diese Felsen treibt, auch die Geheimnisse dieses Bodens blosgelegt.«
»Leider – und wir werden alsdann keine Zeit mehr finden! tagelang in dieser herrlichen Felsschlucht zu verweilen, so anregend, so erfrischend, so genußreich, wie wir es jetzt thun; wir werden durch das keuchende Ungetüm Dampfwagen durchgerissen werden, das Reisebuch in der Hand, in dem wir nachlesen können, hier habe es einstens ein stilles, prachtvolles, malerisches Thal gegeben.«
»Und einen berühmten Maler, der es mit seinem unberühmten Freunde besucht,« lachte Lytton und setzte hinzu, indem er seinen Hut lustig über dem Kopfe schwang: »Doch was kümmert mich heute die Zukunft, wir wollen der Gegenwart leben!«
»Ja, ja, wenn man auch nur mit der Vergangenheit so rasch fertig werden könnte!« meinte Roderich ernst.
»Versuchen wir es mit einem untrüglichen Mittel; dort oben sehe ich einen Felsblock wie für uns zu einer Bank hergerichtet; da wollen wir uns lagern, hinaus in die Gegend schauen und eine gute Cigarre rauchen. Ich erinnere mich eines Bildes, wo ein Araber, auf einer Felsspitze stehend und den Aufgang der Sonne begrüßend, ihr als Morgenopfer den bläulichen, gekräuselten Rauch aus seiner Pfeife darbringt – den Mann habe ich immer beneidet.«
Der Felsblock, von dem der Engländer gesprochen, erwies sich in der That als einen behaglichen Sitz; auch glühten im nächsten Augenblicke ein paar ausgezeichnete Cigarren, und welche Aussicht hatte man von da oben! Zur Linken die Rheinebene mit dem Schlangenlaufe des majestätischen Stromes, dessen Wasser hier dunkel beschattet ist, dort spiegelhell aus dem grünen Thale hervorblinkt. An seinen Ufern Dörfer und Städte. Am vorderen Rande ausgedehnte, goldgelbe Fruchtfelder, während sich an der rückwärts liegenden Grenze derselben sanfte Anhöhen erheben, Weinberge mit jetzt noch dunkelgrünem Laube, welche scheinbar ansteigen bis zu den Gebirgen der Eifel und der Maas. Und gerade vor uns im bläulichen Sonnenduft, umgeben von einem unermeßlichen, leicht wogenden, hell leuchtenden Getreidemeere, aus welchem hervor, von hier aus am sichtbarsten, der silberne Strom blitzt – und wie in einer riesigen Fruchtschale gelegen, das alte, heilige Köln mit seinen Hunderten von Türmen und mit seinem massiven Dome, der wie ein eigentümlich geformter Fels über die weitgedehnte Häusermasse emporragt.
Und wenn wir unsern Blick nun höher hinauf erheben, so haben wir die lieblichsten Punkte des majestätischen Rheinthales vor uns, die sieben Berge wie blaue Wolken, Rolandseck und die ganze Gebirgskette bis zu dem freundlichen Bonn.
»Ich weiß nicht,« sagte Olfers nach einer Pause, »so oft ich das Siebengebirge betrachte, kommt eine unendliche Reiselust über mich; ich sehe alsdann den grünweißen Dampfer so lebhaft vor mir, auf dessen Verdeck ich mich befinde, aufwärts fahren, dem Süden zu, den gewaltigen Bergen der Schweiz entgegen, um von ihnen wieder hinabzusteigen nach den herrlichen, milden Ebenen Italiens.«
»Das ist wohl die Sehnsucht des Malers, die du ja doch so manchmal gestillt hast.«
»Gestillt nicht,« erwiderte Roderich nachdenkend; »ich habe wohl schon einigemale den schäumenden südlichen Becher an meine Lippen gesetzt, aber ehe ich einen tüchtigen Zug daraus gethan, stellte ich ihn wieder beiseite als guter, bedächtiger Deutscher.«
»So laß uns einmal zusammen dorthin gehen; ich werde es den Meinigen zu beweisen suchen, wie notwendig für mich eine Reise nach Italien ist, und auch du bist ja jetzt ein freier Mann.«
»Und Margarete?«
»Ah, die Kleine soll uns begleiten als ein lieblicher Schutzengel, und sie wird unsere Freundschaft mit einem noch festeren Bande zusammenweben.«
»Das brauchte es wohl eigentlich bei uns nicht,« gab Roderich zur Antwort, indem er dem Freunde die Hand reichte; »doch bin ich so müde vom vielen Arbeiten in der letzten Zeit, daß ich nicht einmal mit Genuß an eine größere Reise denken mag. Lieber möchte ich so mit dir Tage, ja, wochen- und monatelang im eigenen schönen Lande herumfahren; ich möchte das Kind mit seinem ehrlichen Gemüte nicht gern für längere Zeit mit mir in die Fremde nehmen, und es verlassen könnte ich noch weniger; seine guten, treuen Augen fesseln mich an die Stadt da unten magisch wie der Ring der Fastrada den großen Kaiser an sein heimatliches Aachen.«
»Ich verstehe dich,« erwiderte Lytton, der, sich gegen Norden wendend, seine Blicke hinabgesandt hatte nach der Stadt, welche die beiden bewohnten und deren Türme dort am Rande des Gebirges sichtbar waren – »ist sie mir doch fast eine zweite Heimat geworden.«
Roderich warf noch einen flüchtigen Blick nach der Gegend, wo Lytton mit der Hand hinwies, dann wandte er sich wieder gegen das prachtvolle Rundgemälde, das wir soeben zu schildern versuchten, und sagte nach einem längeren Stillschweigen, im Anschauen versunken: »Ich weiß nicht, woher es kommt, daß der bunte Glanz dieser herrlichen Gegend in mir eine fast wehmütige Stimmung hervorruft – eigentlich nur eine Sehnsucht, des Winters ertötender Hand, welche in kurzem hier Blätter und Beeren abstreifen wird, zu entfliehen. – Schau da oben jene Zugvögel – o, wer mit ihnen ziehen könnte, von einer Bergspitze zur andern, immer weiter und weiter, der Sonne nach – –
O, daß kein Flügel mich vom Boden hebt,
Ihr nach und immer nach zu streben!
Ich säh' im ewigen Abendstrahl
Die stille Welt zu meinen Füßen,
Entzündet alle Höh'n, beruhigt jedes Thal,
Den Silberbach in goldne Ströme fließen.
Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
Schon thut das Meer sich mit erwärmten Buchten
Vor den erstaunten Augen auf.
Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken;
Allein der neue Trieb erwacht,
Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken,
Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht,
Den Himmel über mir und unter mir die Wellen,
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht!
Ach, zu des Geistes Flügeln wird so leicht
Kein körperlicher Flügel sich gesellen!
Doch ist es jedem eingeboren,
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
Der Adler ausgebreitet schwebt
Und über Flächen, über Seen
Der Kranich nach der Heimat strebt.«
»Welch wunderbare Poesie,« sagte Lytton, der, auf Roderichs Schulter gestützt, lange schweigsam neben ihm stand und die Blicke schweifen ließ auf das herrliche Rundgemälde zu ihren Füßen – »welch wunderbare Poesie – wir haben doch in der Art nichts ähnliches! – Doch laß uns zurückkehren, die langen Schatten, welche Bäume und Felsen gegen uns werfen, mahnen uns an den hereinbrechenden Abend.«
»Wir machen den gleichen Weg ins Thal hinab?« fragte Roderich.
»Ei, das will ich meinen, ich werde doch meine Jagdbeute nicht im Stiche lassen! Auch du würdest es mir wenig Dank wissen, denn trotz der Poesie unseres Spazierganges wirst du dich nach einem kleinen Diner sehnen, bei dessen Anfertigung ich selbst meine ganze Kochkunst entwickeln werde.«
Langsam stiegen sie abwärts; unten im Thale an der Stelle angekommen, wo Lytton gefischt, fand er seine Beute gerade da, wo er sie im Bache verborgen hatte.
Roderich war einige Schritte an der Bergwand hinaufgestiegen, um von dem Platze, wo er vorhin gesessen, noch einen Blick auf die Felsmasse zu richten, die er aufs Papier geworfen, und sie alsdann noch einmal mit seiner Zeichnung zu vergleichen.
»Holla ho!« rief der andere von unten herauf, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. »Ich will dir etwas sagen: da du mir Lust zu haben scheinst, nochmals jene allerdings malerische Steingruppe vorzunehmen, so will ich dich in dieser Arbeit nicht stören, vielmehr vorauseilen und unser Diner besorgen – ist dir's recht?«
»Gewiß!« entgegnete ihm Roderich, dem es erwünscht war, ernsten Gedanken, trüben Bildern, die sich ihm aufdrängten, nachhängen zu können, ohne gestört zu werden. Der Blick, den er dort oben in die herrliche Natur gethan, hatte sein Herz weit geöffnet, dasselbe aber in Erinnerung an die letztvergangenen Tage und an die zweifelhafte Zukunft, wenn er seiner Häuslichkeit gedachte, trübe gestimmt.
Er hatte sein Skizzenbuch aufgeschlagen, blickte längere Zeit über die Blätter hinweg, und als er seiner Zerstreuung endlich inne wurde, schlug er das Buch zu und begab sich ebenfalls auf den Heimweg.
In kurzem hatte er das Ende der Schlucht erreicht, und dort erweiterte sich der Fußweg, um alsdann in die Straße einzubiegen, welche nach dem Dorfe Erkrath führte. Hier war noch ein reizender Punkt, wo man das freundliche Dörfchen vor sich liegen sah, besonders schön in Abendbeleuchtung wie jetzt. Roderich hatte schon öfters von dieser Stelle aus eine Zeichnung machen wollen und blieb auch jetzt wieder stehen, indem er im Geiste die Grenzen zu einem kleinen Bilde bestimmte, ja, er öffnete sein Skizzenbuch und warf ein paar Linien auf das Papier, wobei er aufrecht stehen blieb. Wenige Schritte vor ihm lief die Straße gegen das Dorf zu, derer wir soeben erwähnten und wo Leute hin- und hergingen, die er aber nicht beachtete und welche ebensowenig auf den unbekannten Maler Rücksicht zu nehmen schienen – und doch ging jetzt eine Bäuerin vorüber, an deren Seite sich eine andere Frau befand, welche beim Anblicke Roderichs eine fast ungestüme Bewegung machte und ihren Kopf plötzlich rückwärts wandte.
Diese Bewegung konnte ihm nicht entgehen, ja, sie beschäftigte ihn mit einemmale so ausschließlich, daß er Hand und Skizzenbuch herabsinken ließ und hastig einige Schritte vorwärts machte; dann blieb er aber ebenso rasch wieder stehen und blickte mit Verwunderung und Staunen auf eine dritte, welche, den anderen folgend, vorüberging, eine Gestalt, welche er augenblicklich erkannte, ein ernstes Gesicht mit großen, glänzenden Augen, die ihn befremdet, fast traurig anschauten.
»Conchitta!«
Sie war es, und er sprach ihren Namen laut genug aus, daß sie ihn hätte vernehmen können, sich umschauen müssen und stehen bleiben. Da ging sie ruhig ihres Weges weiter, nicht rascher, nicht langsamer, nach einem leichten Kopfnicken.
Roderich brauchte sich übrigens nicht sehr zu beeilen, um mit wenigen seiner größeren Schritte an Conchittas Seite zu sein.
»Wie ich überrascht bin, Sie hier zu sehen, Conchitta,« sagte er mit bewegter Stimme, »o, so freudig überrascht – hatte ich doch keine Ahnung davon, daß Sie hieher gegangen seien!«
»Auch ich hätte nicht erwartet, Sie hier zu finden, Herr Olfers, sonst …«
Da sie diesen Satz nicht vollendete, so that dies der Maler mit einem gezwungenen Lachen, indem er sagte: »Sonst würden Sie sich wahrscheinlich gehütet haben, hieher zu kommen; es gehört nämlich nicht viel dazu, diesen Gedanken zu erraten, er paßt so ganz zu der Vernachlässigung, die ich in neuerer Zeit von Ihnen erfahren – ach, eine Vernachlässigung, die mich schmerzlich berührte! Wir hatten so sehnlichst gewünscht, Sie noch bei uns zu sehen, ich und meine kleine Margarete …«
»Ach ja – Margarete,« erwiderte das junge Mädchen, ihre Stimme schmerzlich erhebend, »o, ich habe an das Kind gedacht, viel, sehr viel an es gedacht!«
»Und doch wäre es Ihnen so leicht gewesen, diese Gedanken in ein paar freundliche Worte zu verwandeln, was uns erfreut, glücklich gemacht hätte! O, was hätte ich darum gegeben, Conchitta, an einem gewissen Tage Ihre gute, sanfte Stimme zu vernehmen!«
Die junge Spanierin machte einen raschen Schritt, wie um von seiner Seite zu kommen, wobei sie sagte: »Dort vor uns geht Mercedes, sie wird nicht wissen, wo ich bleibe.«
»O, beunruhigen Sie sich nicht darüber,« gab der Maler zur Antwort, »Mercedes hat schon ein paarmal rückwärts geschaut und mich gewiß erkannt; wir sind ja alte Bekannte, sie vergißt ihre guten Freunde nicht so leicht!« – Er schaute sie mit einem langen Blicke an, und als sie, anstatt irgend etwas zu erwidern, vor sich auf den Boden niedersah, fuhr er mit einer unmutigen Bewegung fort: »Darf ich vielleicht fragen, Conchitta, ob Sie einen längeren Aufenthalt hier nehmen wollen?«
»Wir wollten ein paar Tage bleiben.«
»Ah, Sie wollten – doch jetzt wollen Sie das natürlicherweise nicht mehr?«
»Das habe ich gerade nicht gesagt.«
»Es ist dies ein so glücklicher und angenehmer Zufall, Conchitta,« fuhr er mit einem herzlichen Tone fort; »erinnern Sie sich wohl, daß wir vor längerer Zeit davon sprachen, eine kleine Partie zusammen zu machen? Natürlich Sie mit Mercedes und ich mit einem Freunde. Lytton ist bei mir, er ist mir vorausgegangen und wird sich unendlich freuen, Sie zu sehen. Wir hatten es damals besprochen, irgend etwas gemeinschaftlich zu zeichnen, und Sie wollten alsdann Ihr Blatt nach dem meinigen korrigieren – war es nicht so? O, Sie müssen sich erinnern!«
Er sagte das so mit dem Ausdrucke inniger Freude, daß sie wohl nicht anders konnte, als langsam ihre Augen erheben und ihn einen Moment anzublicken, doch war es nicht der offene, ruhige Blick von früher; ihr Auge erschien unstet, verschleiert, und statt sich dessen, was er sagte, mit einer heiteren Miene zu erinnern, sah sie ihn ernst und trübe an, wobei sie ihre feinen Lippen fest auf einander preßte.
»Der Zufall regiert die Welt und uns alle,« sagte er hierauf mit einem angenommenen Frohsinne; »was wir so lange überlegten, ich wenigstens, woran ich so oft und so gern gedacht und was nie zur Ausführung kommen wollte, da gelingt es mit einemmale, da ist es der Zufall, welcher mir das Glück verschafft, Sie an einem so wundervollen Tage, in Glanz und Sonnenschein, in göttlicher Freiheit, umgeben von Berg und Thal wiederzusehen – o, wie ich mich darüber freue! Lassen Sie mich sehen, was Sie gezeichnet haben.«
Sie reichte ihm zögernd ihr Skizzenbuch, welches er, stehen bleibend, öffnete und eine Partie aus der Felsschlucht fand, die ihm bekannt war.
»Das ist der Blick aus der Neanderhöhle ins Freie,« sagte er – »sehr gut, Conchitta, richtig gezeichnet und mit kräftigen Strichen behandelt. Waren Sie soeben dort?«
»Wir kommen gerade daher.«
»Das war nun aber nicht liebenswürdig von dem eben noch so gepriesenen Zufalle; auch ich hatte mir heute morgen vorgenommen, jene Ansicht zu zeichnen, blieb aber weiter unten, weil Lytton fischen wollte.«
Sie streckte die Hand nach ihrem Buche aus, da sich die Entfernung zwischen ihr und Mercedes durch Roderichs Stehenbleiben bedeutend vergrößerte.
»Wäre es nicht schön gewesen, wenn wir dort gemeinschaftlich gezeichnet hätten? Es würde alsdann doch etwas in Erfüllung gegangen sein von jener hübschen Idee! – Wo wohnen Sie im Dorfe?«
»Wir nahmen keine Wohnung,« erwiderte das junge Mädchen in ruhigem, festem Tone; »wie ich vorhin schon sagte, hatten wir anfänglich wohl die Absicht, ein paar Tage hier zu bleiben; doch meinte Mercedes, es sei viel besser, abends nach der Stadt zurückzukehren, und auch ich bin vollkommen ihrer Ansicht.«
»Nur verlieren Sie dadurch den entzückenden Morgen mit seinem herbstlich prächtigen Dufte,« gab er mit großer Ruhe zur Antwort – »und auch am Abende entgeht Ihnen viel; denn während Sie im Wagen auf der staubigen Chaussee fahren, haben wir hier das Aufsteigen der Nacht in den reizendsten Abstufungen – ah, und erst den Wasserfall dort drüben im Mondscheine, man kann nichts entzückenderes sehen!«
Er sprach das mit einzelnen Pausen, während er langsam an ihrer Seite dahinging, umsonst erwartend, daß sie ihm irgend eine Antwort geben würde, um ein weiteres lebhafteres Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Doch war sie entsetzlich einsilbig, und alles, was er vernahm, war vielleicht ein kaum hörbares Ja oder eine zweifelhafte Zustimmung, indem sie sagte: »Ich glaube es, Herr Olfers.«
Er fühlte es dabei deutlich, wie diese kalte Ruhe sein Herz schneller schlagen machte und ihm das Blut rascher nach den Schläfen trieb; wäre sie unbefangen gewesen, wie früher, mitteilsam, hätte mit ihm geplaudert, wie sie es sonst wohl zu thun gewohnt war, so würde sich seine trübe Stimmung vielleicht in eine linde, wohlthuende Wehmut verwandelt haben, und er hätte ihr offen sein Leid geklagt, hätte ihr wie einer Freundin von den letzten traurigen Tagen erzählt und würde sich durch ein tröstendes Wort glücklich gefühlt haben; so aber wurde er durch ihre scheinbare Teilnahmlosigkeit, durch ihre abstoßende Kälte tief verletzt, eine Bitterkeit, welche seinem Herzen sonst fremd war, stieg in ihm auf und verwandelte sich auf seinen Lippen in Worte, die er sonst gewiß nicht gesprochen hätte.
»Ah,« fragte er in einem Tone, der wie Hohn klingen sollte, jedoch einen tiefen Schmerz nicht verkennen ließ, »Sie ziehen sich wohl von Ihren alten Freunden zurück, Fräulein Conchitta, weil Sie neue gefunden haben, deren Umgang Ihnen passender, ja, lohnender erscheint?«
»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen.«
»Was jedermann sagt, was alle sagen, welche Sie zu kennen das Glück haben!«
»Deren Zahl ist gering,« erwiderte sie mit sanfter Stimme. »Sie wissen am besten, daß ich wenige Bekannte habe – und Freunde,« setzte sie mit einem raschen Aufblicken hinzu, »vielleicht gar keine!«
»Sie weichen mir aus, wodurch ich am besten fühle, wie recht ich hatte, vorhin zu sagen, daß Sie Ihre bewährten Freunde, ohne sich einen Vorwurf zu machen, einer neuen, gelinde gesagt, eigentümlichen Wendung Ihres Schicksals opfern!«
»In der That, Herr Olfers, ich verstehe Sie nicht, und Sie würden mich verpflichten, wenn Sie in offenen, deutlichen Worten, wie ich es sonst an Ihnen gewohnt war, zu mir reden wollten!«
»Es giebt Dinge,« entgegnete er mit einer eigentümlich klingenden Stimme, »die man nicht anders sagen kann, als vor Aufregung zitternd oder indem man laut und lustig hinauslacht!«
»So thun Sie es in der letzten Weise,« erwiderte sie fest entschlossen: »ich liebe es, meine Bekannten heiter zu sehen!«
»Und Sie haben das wunderbar getroffen, von der Sache läßt sich auch am besten lachend sprechen!«
»Nun denn, so erzählen Sie mir lachend.«
»Man sagt, Sie seien im Begriffe, sich zu vermählen.«
»Ei, man interessiert sich in so weit für mich?«
»O, man interessiert sich noch mehr für Sie, man beschäftigt sich sehr mit dieser ihrer sonderbaren Idee, man lacht darüber, man spöttelt darüber, man findet es unbegreiflich – ah,« setzte er hinzu, indem er seine Stimme gewaltsam zur Ruhe zwang, »es giebt Leute, die toll vor Vergnügen werden könnten! – Aber nicht wahr, Conchitta,« fuhr er auf einmal in ganz verändertem, weichem Tone fort, »es ist das eine Lächerlichkeit, was man sagt, Sie haben nicht die Ambition, Madame Schmitz zu werden?«
Er legte seine Hand auf ihren Arm, und da er im gleichen Augenblicke stehen blieb, so sah auch sie sich zum Verweilen gezwungen. Doch wandte sie ihr Gesicht dem Strauße von Feld- und Waldblumen zu, den sie in ihrer Hand trug, und erst nachdem sie ein paar Sekunden so gestanden und er seine Frage mit einer beängstigenden Dringlichkeit wiederholt hatte, drehte sie ihren Kopf herum und schaute ihn mit großen, glänzenden Augen an, anfänglich nicht ernst, nicht traurig, sogar mit einem aufblitzenden Humor, und dabei kräuselten sich ihre Lippen, als wollte sie ihm eine heitere Antwort geben; doch, als sie sah, wie der sonst so ruhige Mann mit der festen, sicheren Haltung finster, fast drohend vor ihr stand und wie seine Lippen zuckten, da erwiderte sie in derselben kalten Ruhe, wie früher:
»Jedermann sucht sein Schicksal zu verbessern – warum sollte ich es nicht auch thun?«
»Ah, das ist nicht Ihr Ernst, Conchitta, Sie wollen sich über mich lustig machen, Sie sahen, wie sehr mich diese Sache angriff, und Sie trieben Ihren Scherz weiter, als Sie vielleicht selbst gewollt!«
»Man scherzt nicht mit so ernsten Dingen.«
»Gewiß nicht, oder man gesteht es gleich darauf, und nicht wahr, Sie gestehen mir, daß Sie gescherzt haben? Sie sahen mich verdrießlich, traurig – ich erwähnte dieses lächerlichen Gerüchtes in unverantwortlicher Heftigkeit, und um mich zu erheitern, zu zerstreuen, gaben Sie mir jene beistimmende Antwort – gewiß nur deshalb, Conchitta?« fuhr er in einem leidenschaftlichen, vor tiefer Wehmut zitternden Tone fort. »Sie wollten mich durch diesen Scherz erheitern, denn Sie wußten ganz genau, wie ernst, wie traurig mich die letzten Erlebnisse gestimmt, Sie wußten, was mich betroffen – mein Haus ist verödet!«
Das junge Mädchen zuckte zusammen und wandte sich zu rascherem Gehen; doch legte er sanft ihren Arm in den seinigen, und so mußte sie ihre Schritte mäßigen.
»Sie wußten, was mich betroffen?« wiederholte er seine Frage, »und Sie werden es begreiflich finden, daß ich es vorzog, hier in der schönen Natur zu leben, als bei mir, mich vergeblich umschauend, durch die leeren Zimmer zu schreiten – ich bitte Sie um alles, was wert und heilig, beantworten Sie mir meine Frage: Sie wußten, was mich betroffen?«
»Ja, ich wußte es – o, es ist fürchterlich, daß es dahin kommen mußte! Könnten Sie in mein Herz sehen, Herr Olfers, o, könnten Sie es mit mir fühlen, wie tief ich dieses entsetzliche Ereignis beklage!«
»A–a–a–ah! Auch Sie finden, wie dieses Ereignis so beklagenswert für mich, für mein Kind, für mein Haus, für meine Zukunft sei?«
»Und für alle, die es gut mit Ihnen meinen; Sie werden doch nicht daran zweifeln, daß ich zu diesen gehöre?«
»Und Sie glaubten nicht an die Notwendigkeit dieses unglücklichen Ereignisses, wenn wir es so benennen wollen?«
»Nie, nie – gewiß nicht!«
»Sie halten es nicht, wie alles, was uns begegnet, für eine Fügung, die sich zum Guten und Bessern wenden kann?«
»Ich nicht – gewiß nicht!«
»Vor Ihnen liegt also meine Zukunft, wenn Sie die Güte haben wollten, sich mit derselben einen Augenblick zu beschäftigen, trüb und finster, trostlos finster, Sie lassen mir nicht die Hoffnung auf einen einzigen freundlichen Lichtstrahl, auf einen Stern, der doch wieder aufsteigen könnte, um mein nächtliches Leben zu erhellen? – O, ehe Sie antworten, Conchitta, lassen Sie mich noch zwei Worte zu Ihnen reden: Seit jenem Ereignisse dachte ich wie Sie, all' die vergangenen Tage, gestern noch, heute, die anscheinend so lachende Natur hatte für mich einen Grundton von Trauer: der klare, glänzende Himmel schien mir umflort, wenn ich an meine Zukunft dachte – da mit einemmale sah ich Sie, und mit Ihnen erschien mir ein heller, verheißender Stern!«
»Nicht diese Worte, Herr Olfers, aus Barmherzigkeit nicht solche Worte! – Habe ich denn eine übermenschliche Kraft, um das zu ertragen?« setzte sie leise mit sich selbst redend hinzu.
»Und jetzt geben Sie mir eine Antwort auf meine Frage von früher – giebt es keine Hoffnung für mich, Conchitta? – Nicht für heute und morgen,« fügte er hastig bei, »nicht für die nächsten Monde, meinetwegen nicht einmal für die nächsten Jahre – giebt es keine Hoffnung für mich?«
»Keine,« erwiderte sie mit ruhiger, fester Stimme, indem sie sanft und langsam ihren Arm aus dem seinigen zog.
»Keine« – wiederholte er mit tonloser Stimme – »wenn Sie das sagen, muß es wahr sein – also keine.«
Trotzdem sie fürchtete, ihn anzuschauen, wollte sie ihm doch zeigen, daß sie nach den eben ausgesprochenen Worten keine Scheu habe, ihn anzublicken; doch bemerkte sie wohl, wie furchtbar er litt: seine Rechte, mit der er sich über die Stirn strich, war feucht von Schweiß.
»Eine traurige Wahrheit,« sagte er alsdann, »ist immer besser, als ein langer Zweifel – darf ich um Ihren Arm bitten, mein Fräulein, um Sie nach Hause zu begleiten? Seien Sie überzeugt, daß ich Ihnen von meiner Zukunft nicht mehr reden werde; wir wollen uns nur mit der Ihrigen beschäftigen, und ich thue dieses gern, indem ich mir erlaube, Ihnen aufs herzlichste zu gratulieren.«
Während er so sprach, blickte er das junge Mädchen nicht an, sondern schaute an den westlichen Himmel, welcher so klar und glanzvoll erschien und auf dem sich alle entfernten Gegenstände schwarz wie auf Goldgrund abhoben. Die Sonne war verschwunden, und trotz des immer noch grellen Lichtes, welches über dem Horizonte flammte, sah man doch schon einen Stern silbern glitzernd in dem flüssigen Golde des Abendhimmels glänzen.
»Ah,« sagte der Maler, nach einer langen Pause auf den Stern zeigend, »wie denkt man dort droben milder und gütiger für mich! – Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Fräulein Conchitta,« wiederholte er, »ohne Sorge, ohne Unruhe, ich werde Sie nur von Dingen unterhalten, die Ihnen angenehm sind.«
Sie legte schüchtern ihren Arm in den seinigen, sie ging ein paar Schritte schweigend, und erst als er mit gewaltsam angenommener Heiterkeit, seine Äußerung von vorhin wiederholend, sagte: »Gewiß, wir wollen diesen kurzen Rest unseres Weges noch lustig sein, ich will Sie nur von Schönem und Angenehmem unterhalten« – antwortete sie in weicherem Tone als bisher: »Das können Sie nicht und das verlange ich auch nicht, Herr Olfers; denken Sie von dem, was die Leute sagen, wie es Ihnen gutdünkt, halten Sie mich meinetwegen für kalt, für gefühllos, nur um eines beschwöre ich Sie, glauben Sie mir, daß die Antwort, welche ich Ihnen vorhin gab und die ich Ihnen geben mußte, von mir vollkommen überlegt war!«
»O, daran habe ich nie gezweifelt – wer würde es wagen, Sie mit Ihrem ruhigen Gemüte und Ihrem kalten Nachdenken einer Übereilung anzuklagen? Ich gewiß nicht!«
»O, Herr Olfers,« sagte sie mit bebender Stimme, »sagen Sie mir nicht solche Worte, sprechen Sie nicht mehr mit mir!«
»Und warum sollte ich nicht mehr mit Ihnen sprechen bei einer so passenden Gelegenheit an einem so schönen Abende?«
»Weil mir der Ton Ihrer Stimme weh thut!«
»Es ist traurig genug für mich, daß Ihnen alles an mir mißfällt, sogar der Ton meiner Stimme!«
»O, schweigen Sie – ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist!«
»Gut denn, ich werde Ihnen gehorchen, mein Fräulein.«
Und abermals fuhr er mit der Hand über seine von Schweiß befeuchtete Stirn.
Conchitta fühlte an seinem bebenden Arme und am zitternden Klang seiner Stimme, wie schmerzlich bewegt er war, und da sie die ruhige, feste, so schwer aus dem Gleichgewichte zu bringende Natur wohl kannte, so hatte sie das tiefste Mitleiden mit seinem Zustande und mußte sich daher gewaltsam zwingen, um nicht in Thränen auszubrechen, und dieses um so mehr, da sie wohl fühlte, daß sie etwas versöhnliches zu ihm sprechen mußte. – »Ich habe sie immer für meinen Freund gehalten,« sagte sie deshalb nach einer Pause, indem sie ihn mit einem innigen, herzlichen Blicke anschaute – »ich habe so wenig Freunde – wohl nur einen einzigen – lassen sie mich meinen einzigen Freund nicht verlieren!«
»Ihren einzigen Freund? Einen ihrer vielen Freunde, wollen sie sagen, und einen, dessen Verlust sie bald verschmerzen würden!«
»O, nie, nie – Roderich!« rief sie in leidenschaftlichem Tone – es war heute zum erstenmale, daß sie seinen Namen so ohne alles weitere aussprach.
»O Conchitta, meine geliebte Conchitta, haben Sie Mitleid mit mir!«
Das junge Mädchen zuckte schauernd zusammen und wandte sich so rasch von ihm ab, daß ihre Hand aus seinem Arme glitt.
»Conchitta!«
Sie stand einen Augenblick wie unentschlossen da, ja, als wollte sie sich gegen ihn wenden, doch nur eine Sekunde, als sie, aufschauend, ihre Schwester gewahrte, welche zurückgekommen war, um nach ihr zu sehen.
»Ah, Merced,« rief sie in einem bebenden Tone – »komm, laß uns von Herrn Olfers Abschied nehmen, der so freundlich war, mich bis hieher zu geleiten!«
Worin der Abschied bestand, den die beiden Schwestern von ihm nahmen, wußte er später nicht mehr ganz genau; war es doch so dunkel geworden in seinem Innern wie in der Natur, nur der glänzende Himmel stand noch vor ihm in all' seiner Pracht, und während der Stern seiner Hoffnung untergegangen war, strahlte jener Stern am nächtlichen Himmel immer noch in unveränderter Klarheit.