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Lyrische Gänge

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von Friedrich Theodor Vischer

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt | Jahr: 1888

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Kapitel 85

Kapitel 85

Gedicht und Sinn.

Du hoffst von der Dichtung Lust und Behagen
Und pflegst nach dem Sinn erst lange zu fragen?
Laß dem innern Auge das Bild sich zeigen,
So wird auch der Sinn von selber dir eigen;
Erspar' dir, Guter, die Mühe; der Sinn,
Er ist nicht dahinter, er ist darin.

Ein Kunstfreund, dem ein Gemälde man brächte:
Wie wär's, wenn er so an den Sinn nur dächte,
Daß er's nähme, die Rückwand vorwärts drehte
Und auf dem Brett, auf der Pappe spähte,
Ob nirgends darauf eine Glosse steh',
Woraus er des Bildes Sinn erseh'?

Fragst du nach der Dinge Begriff und Wesen,
Greife nach Büchern, leg' dich auf's Lesen,
Und hast du gelesen, so magst du fragen:
Wie hab' ich den Geistgewinn anzuschlagen?
Kannst du nicht schauen, so ist die Kunst,
Gesteh' es nur immer, dir eitel Dunst.