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Lyrische Gänge

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von Friedrich Theodor Vischer

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt | Jahr: 1888

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Kapitel 62

Der Hohenstaufen.

Da steht er wieder, ernst und hoch und kahl!
Ein weißes Tuch umhüllet sein Gelände,
Der Wintersonne später, bleicher Strahl
Fällt auf die weichgeschwungnen Bergeswände.

Vom Westen kommt dieß geisterhafte Licht,
Weiß wie der Schnee, auf dem es wiederstrahlet;
Doch schau', wie sich das Weiß in's Rothe bricht!
Abhang und Gipfel scheint in Blut gemalet.

Ein Himmelszeichen! Heilig Opferblut
Krönt fernher scheinend deinen Scheitel wieder!
Ein Kaisermantel wallt in Purpurglut
Auf's Neue dir um deine Heldenglieder.

O herzdurchschauernd Bild! Ich glaub' es kaum!
Mein Auge thaut, ja fließet nur, ihr Thränen!
Ich darf's erleben! Wahrheit wird der Traum
Der Jünglingsseele, wird mein frühes Sehnen!

Nein, du mein deutsches Volk, du träumst nicht mehr
Von alter Herrlichkeit in kahler Blöße;
Wie kleidet er dich traurig schön und hehr,
Der blut'ge Festschmuck deiner neuen Größe!