← Zurück zur Startseite

Zwischen oben und unten

von Franz Werfel

Verlag: Bermann-Fischer Verlag | Jahr: 1946

Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:

Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:

Wie verwende ich eine EPUB-Datei?
Kapitel 6

Von der reinsten Glückseligkeit des Menschen

1

Lassen Sie mich, meine verehrten Zuhörer, diesen unseren gemeinsamen Gedankenweg mit einer persönlichen Erinnerung beginnen. In einer Zeit großer Trauer, da ich den Verlust eines geliebten Menschen nicht und nicht verschmerzen konnte, geriet ich eines Abends in das glänzende Operntheater einer italienischen Stadt. Man gab »Mignon«, eines jener Werke, das sich, wie Sie ja wissen, gegen den Haß der Kenner, die Verachtung der Kritiker, das Naserümpfen der Snobs eine bescheiden verschämte Unsterblichkeit erobert hat. Ich erhoffte mir nicht viel von dieser Mignon, die ich seit meiner Jugendzeit nicht mehr gehört hatte. Was war zu erwarten? Ein fader Zeitvertreib, gemildert durch die sonderbare, erregte Behaglichkeit, die in italienischen Opernräumen daheim ist. (Zeitvertreib, welch ein tiefes und schreckliches Wort! Einem dumpfen Unbehagen an den wirklichen Werten gehorchend, vertreiben, verjagen wir Menschen unsre kurze Lebenszeit, indem wir Karten spielen, öde Kino- und Theaterstücke aufsuchen oder uns in leere Geselligkeit stürzen). Es kam jedoch an jenem Abend ganz anders, als ich vermutet hatte. Den Grund kann ich nicht nennen. Waren es die Goetheschen Gestalten, die durch den Schleier des Librettos hindurch unbesiegbar strahlten, war es die plastische Anmut und Sehnsüchtigkeit der kindvertrauten Melodien, war es die unvergleichliche Protagonistin – der erwartete Zeitvertreib verwandelte sich von Szene zu Szene immer stärker in jene reine Glückseligkeit, die wir heute betrachten und deuten wollen, in die Glückseligkeit der Kunst.

Als ich damals das Theater verließ und durch die leeren hallenden Straßen der fremden Stadt nach Hause ging, fragte ich mich: Was ist das? Welche Macht hat den ununterbrochenen Schmerzgedanken in meinem Bewußtsein gelockert und in tröstliche Sphären gerückt? Eine alte, etwas verstaubte Oper, gewiß keines der Geniewerke der Musik! Kostümierte Sänger, die, bis auf die Titelheldin, sich gar nicht die Mühe gaben, menschliche Erschütterungen zu vermitteln, sondern vorsichtig und effektsicher ihre schönen Töne spannen! Und doch, ich war ein anderer geworden. Durch das laue Medium der Mignon-Oper hindurch hatte mich jene Glückseligkeit erleichtert und beschwingt (eine erlösende Tränenseligkeit), die vielleicht die uneigennützigste Freundin unseres Lebens ist.

Anstatt aber eine Antwort auf meine Frage zu finden, sah ich plötzlich während meines Heimweges »das Tal der Könige« vor meinem geistigen Auge. Auf einer ägyptischen Reise hatte ich vor vielen Jahren diese einsam gewaltige Begräbnisstätte der Pharaonen in der Wüste besucht. Das Tal der Könige ist ein gut verborgener Gebirgskessel in der Nähe der Tempelstadt von Theben. Unübersteigbare Schroffen in gelben, braunen, kobaltblauen, violetten Tönungen bilden hier ein farbig ödes Ende der Welt. Man muß in der Sommerglut des ägyptischen Winters auf steilen Stufen die halbe Höhe der abschließenden Berge erklimmen, um zu den Eingängen der königlichen Totenwelt zu gelangen. Plötzlich findet man sich in einem schmalen und kühlen Stollen, wo man, wie es einem scheint, auf schaukelnden Brettern einen endlosen Weg in das Berginnere dieses Reiches zurückgelegt hat. Dann und wann wirft die starke Taschenlampe des führenden Arabers ihren scharfen Kegel in seitliche Höhlen und Abgründe. Die aufgewickelte Mumie irgendeines Ramses betrachtet den störenden Besuch mit dem abgezehrten, doch wohl erhaltenen Antlitz eines ironisch verhungerten Intellektuellen. Nun aber mündet der Weg in eine Flucht von mittelgroßen Zimmern und Kammern, die einer ausgeräumten bürgerlichen Wohnung gleichen. Die Lampe des Führers erleuchtet die Wände. Diese Wände aber sind von der Decke bis zum Fußboden mit Malereien bedeckt, die nach drei und vier Jahrtausenden ihre Leuchtkraft noch nicht eingebüßt haben. In unerschöpflicher Folge sind lange Bilderbänder voll erzählender Frische untereinander gereiht. Sie schildern die Fahrt des Sonnengottes durch die Unterwelt, die dämonischen Gewalten, die ihn anfallen, die Kämpfe, die er mit ihnen besteht, das Seelengericht in der großen Urteilshalle, wo die tiergestaltigen Richter versammelt sind und die guten und bösen Taten des Abgeschiedenen auf die goldene Wage gelegt werden. Neben dieser durchlaufenden religiösen Schilderei ist jedoch noch Platz genug in den Grabkammern für die tausendfachen Bilder des irdischen Lebens selbst. All diese Bilder im Innern des Berges, in der Tiefe des Todes und der Finsternis, erstrahlen von Behagen und Fröhlichkeit. Da sieht man reizende Musikantinnen im Tanzschritt dahinschweben, den elfsaitigen Psalter, die langhalsige Laute im Arm oder die Doppelflöte an den Lippen. Eine vom Feldzug heimgekehrte Kompagnie steht in Reih und Glied. Frauen und Kinder, die sie empfangen haben, winken mit hocherhobenen Armen. Neger worfeln in rhythmischem Schwung das Getreide. Andere Sklaven rupfen Gänse, Enten und Wachteln. Adelige Herren gehen in den Sümpfen auf Jagd. Vom schwanken Boot aus erlegen die Kühnen das gewaltige Nilpferd. Indessen geben ihre Frauen vornehme Damengesellschaften. Die Herrin des Hauses führt den Freundinnen ihr jüngstes Töchterchen vor. Die Kleine ist nackt, damit die Damen den reizenden Kinderkörper mit gebührenden Ausrufen des Entzückens bewundern können.

Diese Bilder und noch viele andere drängten sich mir mit merkwürdiger Lebhaftigkeit auf, als ich aus dem Theater ging. Ich sah auch vor mir die farbenbunten Säulenschäfte der Tempel von Karnak und Luxor, diese mächtigsten Säulen der Welt, mit ihren Lotoskapitälen, ich sah die langen Züge der Reliefs, in denen man lesen kann wie in aufgeschlagenen Büchern, die Statuen der Götter und die Standbilder der Könige, an deren Riesenknie sich die zarten Gestalten der Königinnen schmiegen. Unter dem Druck der ägyptischen Erinnerungen mußte ich stehen bleiben damals. Waren all diese herrlichen Bildwerke nicht einzig und allein um den Grabesrand versammelt, mit glänzendem Antlitz einzig und allein dem Tode zugewandt? Da wurde es mir klar: Kunst ist das Gegenteil von Zeitvertreib. Sie ist Zeit-Verhaftung. Sie ist Tod-Vertreib.

Jedermann, der den Verlust eines nahen Menschen erlitten hat, weiß, wie erregend es ist, irgendeinem Gegenstand aus dem Besitz oder Gebrauch des Verstorbenen wieder zu begegnen. Die Dinge bestehen weiter, wenn unser Fleisch und Blut schon vermodert ist. Je weniger Leben ein Ding hat, umso länger lebt es. Die Steine waren, ehe noch ein Mensch war, und sie werden sein, wenn er nicht mehr ist. Doch der Mensch ging hin und hauchte den Steinen Leben ein. Er tat es, um sich von der Vergänglichkeit zu erlösen. Er mischte die feurigen Farben und malte die Grabgewölbe seiner Könige im Innern des Gebirges aus. Diese Gewölbe wurden dann für alle Zeiten vermauert und durch labyrinthische Irrgänge gegen Schatzräuber und Grabschänder gesichert. Die Bilder des schönen Lebens an den Wänden waren dazu bestimmt, bis ans Ende aller Tage von tiefster Finsternis umfangen zu sein. Und doch, der Tote würde sich an ihnen entzücken und vergnügen, an all diesen verewigten Augenblicken des Alltags, an den musizierenden Tanzmädchen, den Soldaten, den Getreidedreschern, an den adligen Jägern und vornehmen Damengesellschaften. Die ägyptische Bildnerei ist vielleicht deshalb die größte aller Zeiten, weil sie ihre ganze Energie auf den Gedanken des Todes gerichtet hielt und eben dadurch diesen Gedanken vernichtete. Sie vor allem lehrt uns damit, eine der wichtigsten Wurzeln der Künste in der Ökonomik der Menschenseele bloßzulegen.

Unsern Zeiten blieb es vorbehalten, in den Künsten gleichsam nur das Kleingedruckte des Lebens zu mißachten. Politik, Technik, Sport, Börse, Geschäft, das sind die ernsten Wirklichkeiten, die den sogenannten »ganzen Mann« fordern, wenn auch nur, um ihn in jeder Minute zu vierteilen. Das andere gilt uns als Aufputz, als »Entspannung« nach des Tages Mühe. Der Mensch, der den ganzen Tag lang keine Zeit hat, will am Abend eben diese vertreiben. Wie würden wir erschrecken, wenn wir der leeren Mühe unserer Tage Aug in Aug gegenüberstünden! Wir haben es nicht verstanden, wie die alten Ägypter das Bewußtsein des Todes bildend zu bändigen. Der moderne Mensch lebt in einer beständigen Verzweiflung, die dem antiken Menschen unbekannt war. Wir leiden an den ungehobenen, ja an den erdrosselten Glückseligkeiten in uns. Jede Glückseligkeit aber ist ein Wissen um den Nicht-Tod, ist ein wundersames Innewerden, ein lustvolles Erkennen, daß es keinen Tod gibt. Die Rolle der Kunst war es und ist es in allen Zeiten, uns diese Glückseligkeit des Nicht-Todes in gewissen Augenblicken einzuflößen.

Wie kommt es nun, daß diese Augenblicke immer seltener werden, und die Menschen immer weniger der schöpferisch befreienden Verzückung zugänglich sind?

2

Die Kindheit ist das Genie unter den Lebensaltern des Menschen. Als Kind ist auch der Mittelmäßigste gezwungen, die unbegreifliche Schöpferleistung zu wiederholen, die am Anfang der Menschwerdung steht: Das Benennen der Dinge, das zugleich ein Neuerschaffen der Dinge ist. Aus den Bekenntnissen vieler großer Männer wissen wir, daß für sie die Erlebnisse der Kindheit den beständigen Antrieb ihrer Produktivität bedeutet haben. Unter der erkaltenden Kruste glühte in ihnen ewig das verborgene Magma ihrer Frühzeit, die Erinnerung an den feurig-flüssigen Zustand der erwachenden Seele.

»Was für die Teile gilt, das gilt fürs Ganze.« Dieser antike Satz hat Gültigkeit auch für den Menschen. Unsere, die moderne Geistesverfassung tröstet uns über das Beunruhigende gewisser Urwahrheiten hinweg, indem sie diese durch das Wort »Mythos« neutralisiert. Weil wir die bedrängende Sprache der Mythen nicht mehr verstehen, glauben wir in ihnen erfabelte Phantastereien und kindische Märchen sehen zu müssen. Ist es aber nicht sehr bedenkenswert, daß in den Kindheitserinnerungen der menschlichen Kultur überall die Geschichte der Sintflut und, ihr vorangehend, die Geschichte eines glückseligen Zustandes der Welt aufgezeichnet ist? Paradies oder aurea aetas, das goldene Zeitalter. Plato spricht von einem »uralten Volk, besser als wir und näher bei den Göttern wohnend«. Dieses Volk sei von dem ursprünglichen Kosmos, der Ideenwelt, noch nicht so weit entfernt gewesen gleich uns, die wir ihrer nur durch schwache Erinnerung teilhaftig sind. Auch die Theologie der Kirche lehrt den Begriff einer »Ur-Offenbarung«, die längst vor Sinai und Golgatha auf geheimnisvolle Weise dem Menschengeschlechte inne ward.

Kein logischer Grund besteht, der die Annahme eines »goldenen Zeitalters« unbedingt in das Bereich des Märchens verbannen kann. Ich hoffe im Gegenteil Einiges anführen zu dürfen, was einen ursprünglich glückseligeren Zustand der Menschenseele auf Erden nicht unbegreiflich erscheinen lassen wird. Wir müssen uns aber vorher ein wenig von der überkommenen Vorstellungsart und Gedankenform entfernen, die den letzten Generationen eingeprägt worden ist. Ich meine damit die biologische Vorstellungsart von der Entwicklung. Wir sind gewohnt, diese Entwicklung des Lebens uns gewissermaßen von einem kosmischen Fahrplan geregelt zu denken, der ziemlich pünktlich die Stationen anzeigt, die von den niedrigen zu den höheren, von den einfachen zu den differenzierten Formen führten und führen. Eine ununterbrochene Linie wäre das, die schnurgerade die anorganische Materie in die organische übergehen läßt, das Pflanzenreich in das Tierreich und endlich das Tier in den Menschen. Von dieser populär-darwinistischen Vorstellung können wir modernen Menschen uns nur schwer befreien, obgleich es noch keinem Forscher gelungen ist, den schöpferischen Abgrund zu erhellen, der zwischen anorganischer und organischer Materie klafft. Wohl gibt es fleischfressende, tierähnliche Pflanzen, doch unseren Geist erleuchtet nicht der Genieblitz der Schöpfung, der diese beiden Naturreiche verbindet. Wir beobachten den Menschenaffen, wir vergleichen seine Anatomie mit der des Neandertaler Skeletts. Aber was hilft das? Alle Forschergedanken verschwimmen zu unbestimmten Hypothesen, da wir den Gottesspruch nicht mehr hören, der das vierfüßig wagrechte Wesen aufrichtete, ja auf richtete, in dem herrlichen Doppelsinn dieses Wortes, im Sinn der Vertikale und im Sinn des Trostes. Die Natur läßt uns mit einem Sphinxlächeln gewisse Zusammenhänge ahnen. Den schlüssigen Beweis des Übergangs aber, um den einzig es sich handelt, den entzieht sie uns und verwandelt ihn zum Mysterium. Und dahinter sollte kein Sinn und keine bewußte Absicht liegen?

Zu der eben dargestellten populär-wissenschaftlichen Anschauungsart gehört auch unser Verhältnis zu den sogenannten primitiven Volkstämmen, zu gewissen Südsee-Insulanern, Patagoniern, Pygmäen und so weiter. Wir sehen in diesen innerlich und äußerlich zumeist bettelarmen Menschen mit ihren absurden Göttern, ihrer kläglichen Naturerklärung, ihren Totems und Tabus den Zustand unserer eigenen Vorfahren, eine Kopfstation jenes Fahrplans, der ebenfalls für uns gültig ist. Aber auch diese Anschauung ist durch nichts bewiesen. Können die Primitiven nicht ebenso gut Herabgekommene sein, aus den Kulturen geschleuderte Unbegabte? Die neuere Wissenschaft ist nicht abgeneigt, sich diese Frage ernsthaft zu stellen.

Unser technischer Hochmut geht so weit, daß wir den Rang der einzelnen Kulturepochen nur nach der jeweiligen Art und Vollkommenheit des Werkzeugs beurteilen. Wenn ich von Funden aus der Stein- oder Bronzezeit lese, so erschrecke ich jedesmal, wie gering der Zwischenraum ist, der uns von diesen Vorvätern trennt, die unserer Anschauung nach ja Primitive gewesen sein müssen. In mitteleuropäischen Breiten sind es kaum dreitausend Jahre. So knapp also liegt die Zeit hinter uns, da wir, der massiven Ansicht gemäß, elende, unwissende abergläubige Wilde waren. Es ist daher kein Wunder, wenn der moderne Durchschnittsmensch, sofern ihn solche Gedankengänge überhaupt berühren, von der Höhe seines Komforts auf die vorgeschichtliche und auch noch auf die antike Welt mit einer erschauernden Herablassung niederblickt und es für ganz und gar widersinnig hält, daß sein Fortschritt zugleich ein Rückschritt sein könnte, und sein unbezweifelbarer Aufstieg den Preis einer unermeßlichen seelischen Verarmung gekostet habe. Dieser Zeitgenosse kann davon kaum abgebracht werden, sich für einen ausgemachten Parvenü zu halten, der aus dem prähistorischen Kultur-Nichts stammt, aus dem Urwaldghetto des Primitivismus. Daß er aus »Glanz und Wonne« der Seele herkommen könnte, aus Platos uraltem Volk, den Göttern näher wohnend, das erscheint ihm bestenfalls als verrückte Träumerei. Er glaubt zwar bis zu einem gewissen Grade an ein goldenes Zeitalter. Die politischen Weltanschauungen aber, denen er anhangt, versetzten dieses, jede ihrer Art gemäß, in die Zukunft. Er vergißt, daß seine geschichtliche Erinnerung kaum mehr als sechstausend Jahre zurückreicht, daß aber Seinesgleichen schon vor Jahrhunderttausenden auf Erden gelebt hat, wenn man der Paläontologie trauen darf. Ist es nicht höchst naiv zu meinen, daß jene kurze belichtete Strecke die gesamte Kulturgeschichte bilde, während die ungeheuren Zeiträume vorher den aufrechtgehenden Zweifüßler nur als hordenbildendes Halbtier gekannt haben? Wer weiß, vielleicht hat unser Geschlecht in den schweigenden Jahrhunderttausenden Aufstiege und Abstürze zu und von einer Höhe erlebt, die heute nicht einmal erträumt werden kann.

Der moderne Mensch will es nicht für wahr halten, daß gewisse schöpferische Kräfte in ihm bankrottiert haben, daß er eine sportgestählte Bettelgestalt des großen Verlustes ist. Er glaubt sich vielmehr im Besitze eines Schuldscheins der Glückseligkeit, der einst eingelöst werden wird, wenn seine politische Ersatzreligion die materiellen Vorbedingungen dazu geschaffen hat.

Was ist es nun, das uns dazu bewegen könnte, diese durchschnittlichen Anschauungen der heutigen Welt nicht zu teilen? Erlauben Sie mir, meine Damen und Herren, daß ich, um eine Antwort zu finden, wiederum von einer persönlichen Erfahrung berichte. Während einer langwierigen Arbeit war ich durch den von mir gewählten Stoff verhalten, mich ein wenig mit dem Studium der altbabylonischen Kultur zu befassen. Obzwar diese hochberühmte Kultur gleich der altägyptischen bis an die dunkle Grenze der Vorgeschichte zurückreicht, so ist auch sie nur eine Erbin; auf der magischen Erde Mesopotamiens waren ihr ältere Gesittungen vorangegangen, die sumerisch-akkadische, und vor dieser noch geheimnisvollere, die man eben erst zu entschleiern beginnt. In den Werken, die ich durchnahm, trat mir die altchaldäische Geisteswelt als ein rein kosmisches, oder besser, als ein astrozentrisches Sinngebäude entgegen. Der Babylonier und seine kulturellen Vorläufer waren in einer uns heute kaum mehr begreiflichen Art Sternenmenschen. Das All des Nachthimmels war der Raum, in den sie ihr irdisches Leben hineinhoben und aus dem sie ihr überirdisches Leben zurückempfingen, in ununterbrochenem Austausch. Wenn man diese archaischen Kulturen die Erfinderinnen der Astronomie nennt, so sagt man etwas Richtiges, keineswegs aber etwas Vollständiges aus. Gewiß, die Chaldäer hatten eine wissenschaftliche Astronomie von großartigen Ausmaßen entwickelt. Sie waren die Schöpfer des Kalenders. Sie teilten den amorphen Ablauf der Tage in Wochen, Monate, Jahre und darüber hinaus in bestimmte Äonen oder Weltenjahre ein. Auf Tausenden von Tonscherben, die auf uns gekommen sind, stellten sie die kompliziertesten Berechnungen an, weissagten für Jahrhunderte die Sonnenfinsternisse voraus, bestimmten die Umläufe der Hauptplaneten, die Wiederkunft der Kometen, das langsame Vorrücken der Sternbilder am Firmament. Doch so großartig dies alles auch sein mag, es ist nur ein geringer Teil ihrer wesenhaften Leistung.

Gegenwärtig geht wieder eine starke Welle astrologischer Neugierde durch die Welt. Nicht nur feinere Geister befassen sich mit dieser Lehre, die den fatalen Zusammenhängen zwischen Gestirn und Mensch gewidmet ist. Auch Politiker und Börsenspekulanten befragen sie, ehe sie zu einem Putsch schreiten oder einen großen Abschluß tätigen. Ich kenne Friseure und Kellner, die im Nebenamt Horoskope stellen. Gewiegte Astrologen inserieren in der Zeitung und weniger gewiegte schlagen auf Vergnügungsplätzen und Jahrmärkten ihre Zauberbude mit den Tierkreiszeichen auf. Jeder weiß, daß die heute geübte Horoskop-Kunst nicht auf den eigenen Erfahrungen unserer Zeit beruht, sondern im einzelnen und im ganzen von der Antike übernommen wurde. Der moderne Astrologe verwendet seine Kunst wie eine Maschine, mit welcher er zwar Resultate erzielt, deren Zusammensetzung und Mechanik er aber nicht versteht. Er hat von den Chaldäern gelernt, daß zum Beispiel der Saturn negative Einflüsse ausübt und die Konstellationen belastet. Mit dieser Tatsache rechnet er, aber er weiß nicht warum. Sein Wesen schweigt vollkommen dazu, der Saturn ist für ihn nichts anderes als ein leerer Name auf einer Tabelle; wahrscheinlich hat ihn sein Auge am Nachthimmel niemals von anderen Sternen unterschieden. Mit wenigen Worten: in uns sind die ursprünglichen Seelenkräfte erloschen, ohne die es eine wesensgemäß lebendige Anschauung der kosmischen Zusammenhänge nicht gibt. Die Altbabylonier aber und jene Völkerwellen, die ihre Meister waren, darunter vielleicht das platonische Volk, haben diese für uns unfaßbaren Seelenkräfte noch besessen und dank ihnen das schwindelerregende Werk geleistet, die unübersehbare Sternschrift des östlichen Nachthimmels zu entziffern und zu enträtseln. Und nur durch ihre Macht konnten sie die hohe astrologische Lehre von den Entsprechungen entdecken, die sich in dem chaldäischen Grund- und Kernsatz zusammenfassen läßt: »Alles was oben ist, das ist auch unten!«

Nun sind wir auf allen möglichen scheinbaren Umwegen an dem Orte angelangt, zu dem ich hingestrebt habe. Wenn wir unseren Blick auf die uns zugängliche Kindheit des Menschentums, auf die archaischen Kulturen hinwenden, so wird es klar, daß wir zwar an analytischer Methodik unvergleichlich reicher, an wesensganzer Erkenntniskraft unvergleichlich ärmer geworden sind. Die Annahme jener aurea aetas, des platonischen gottnahen Volkes, die Existenz eines erhabenen pränoachidischen Geschlechtes erscheint uns dann nicht mehr widersinnig.

Ein neuerer Naturforscher hat auf den urtümlichen Menschen den treffenden Ausdruck geprägt, er sei »natursichtig« gewesen. Ich aber möchte dieses Wort in »geistsichtig« verwandeln. Denn mehr als eine natürliche, eine geistige Schauung ohne Beispiel vollbrachte jener priesterliche Mann, der mit seinem ganzen Wesen die negativen, niederziehenden Kräfte des Saturnplaneten erspürte und ihm in schöpferischer Erkenntnis – alles, was oben ist, ist auch unten – das Blei, die dunklen Farben und das Schierlingskraut zuordnete. Wir müssen bei diesen Männern und Völkern einen Augenblick lang in Ergriffenheit verweilen. Wann und wo sie auch lebten, vor zehntausenden Jahren auf den sagenhaften Kontinenten Atlantis und Lemuria oder auf mesopotamischem Boden, sie haben die allergewaltigste Geistestat unserer Gattung vollbracht, sie sahen die Wirklichkeit der Götter im Wandel der Gestirne, sie deuteten sie, und sie sahen gewiß auch Gott. Vielleicht kannten sie noch nicht das Rad, noch nicht das Schiff und kaum erst das Haus. Ihr Alltagsleben war vermutlich weit notdürftiger und ausgelieferter als das der Primitiven. Doch in der Nacht erhoben sie ihre hellsichtigen Augen und ihre hellsichtigeren Seelen zum Himmel und verbanden in bestürzender Zusammenschau die Gestirne zu Sternbildern und gaben jedem seinen Namen. Sie ordneten in unausdenklicher Geistestiefe das Firmament und das Chaos der Lichtpunkte, die es bedecken, in die festen zwölf Häuser und machten die Zeichen des Tierkreises zu den Herren dieser Häuser, indem sie auch diese benannten. Auch heute noch sagen wir »Löwe« und »Stier«, »Wassermann« und »Fische«, »Skorpion« und »Widder«. Wir nennen die Tierkreiszeichen bei ihren alten Namen. Der gelehrte Astrologe kennt den aus Urzeiten überlieferten Einfluß, der sich hinter diesen Zeichen verbirgt. Doch die eigentliche Bedeutung der Namen ist uns verloren gegangen wie das Erlebnis jener Kräfte, die sich in ihnen verbergen. Wir plappern sie auf Treu und Glauben nach. Daß aber, wenn auch in unendlich verwässertem Sinn, diese Begriffe auf uns gekommen sind, ist der unwiderlegliche Beweis dafür, daß vor Jahrzehntausenden gottnahe Geschlechter gelebt haben müssen, die uns an kosmischer Einsicht und geistiger Fassungskraft gewaltig überlegen waren.

Das goldene Zeitalter, von dem die Menschheitsmythen berichten, besaß nicht nur die göttliche Gabe des Schauens, sondern auch die nicht minder göttliche Gabe des Nennens. Man braucht kein Ethymologe und kein Sprachphilosoph zu sein, um vor der Weisheit und abgründigen Bedeutsamkeit der Sprache zu erschauern. Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Dadurch erst, daß ihm das Wort verliehen ward, wurde der Mensch zum echten Kinde Gottes. Jene aber, denen es nach einer Epoche stammelnder Versuche zuerst in aller Herrlichkeit und Fülle verliehen ward (womit die Gottheit das Werk der Aufrichtung vollendete), jene nahmen das größte Menschheitsgeheimnis mit ins Grab. »Jedes Wort«, sagt Emerson, »war ursprünglich ein erhabenes Gedicht. Heute ist es ein Grab der Muse.« Dieser Satz ist nicht nur ein schöner Aphorismus, er läßt sich sogar beweisen. Betrachten wir irgend ein Wort analytisch, z. B. den Ausdruck »Existenz«. In getreuer Übersetzung heißt Existenz »Hervorgegangenheit« oder »Hervorgetretenheit«, wobei das Zeitwort weniger bedeutsam ist, als das richtungsweisende »ex«. Das einfache Wort Existenz, das wir nichtsahnend gebrauchen, drückt demnach nicht nur die Tatsache des Seins aus, sondern bekennt zugleich, daß es kein autonomes Sein gibt, und daß alle Existenz aus etwas Höherem hervorgegangen ist. Auch die deutsche Sprache deutet dasselbe Verhältnis an, indem in ihr das Wort Sein gleichlautend die Rolle des Infinitivs und des Pronomens spielt: Esse und Suum. Ich bin demnach fest überzeugt davon, daß am Beginn der wahren Menschensprache, als auch sie endlich aus keuchendem Tierlaut und tastender Artikulation »aufgerichtet« war, nicht etwa mitteilende Prosa stand, sondern erkenntnistrunkener Gesang, interjizierender Hymnus und esoterische Formel. Vor dem Bericht war der Vers.

Die Lichtgestalt des goldenen Zeitalters ist Orpheus. Durch erstmalige Nennung bannte er Felsen, Bäume und Tiere, sodaß sie sich losrissen und ihm nachfolgten. An den Eingangspforten der Menschheit stehen somit Sehertum und Dichtertum als die ältesten Wächter. Ihnen verdanken wir alles Gute, denn sie haben uns über die steile Schwelle hinübergeholfen. Wenn wir ihrer vergessen, so schrumpfen wir zu gottverlassenen Intellekten zusammen. Es ist kein Fabelwahn, daß die Mythen das goldene Zeitalter, welches vom innersten Schauen und Nennen beherrscht war, das Alter der Glückseligkeit nennen. Denn was ist Glückseligkeit anderes als die Gnade, alle in uns eingepflanzten Seelenkräfte voll entfalten zu dürfen? Wiederum also Zeit-Verhaftung und Tod-Vertreib.

3

Die für uns unvorstellbaren Seelenkräfte, die wir beschwören, das ursprüngliche Schauen und das ursprüngliche Nennen, waren zuerst in eine einzige zusammengeballt, ebenso aber auch die Objekte, an denen sie sich maßen. Ob Planet oder Tierkreis, ob Fels oder Quell, ob Baum oder Tier, alle Dinge lebten in der schaurig-heiligen Umhüllung des Numinalen, des Gottheitlichen. Im archaischen Weltalter gab es keine Sonderung in der Zusammenschau. Die Menschen wohnten den Göttern näher. Das heißt, sie wurden der geheimen Bedeutungen der Wesen und Dinge dadurch inne, daß sie diese mit erhellten Augen sahen und mit erleuchteten Namen nannten. Das Rind, um ein Beispiel zu nennen, war etwas völlig andres, als es für uns ist. Es war mehr als ein Säugetier mit Spalthufen und Hörnern. Die unverbrauchten Seelenkräfte des Menschen erkannten in ihm eine bestimmte gottheitliche Eigenschaft, die sich innerhalb der Schöpfung nur im Rinde spiegelte. Ein namenlos feiner Sinn erspürte im Stier die Sonne und in der Sonne den Stier. Die Tiere alle waren nicht nur, sondern sie bedeuteten auch über ihr Sein hinaus. Der archaische Mensch lebte und dachte einzig und allein im Gleichnis. Hierin unterscheiden wir uns am tiefsten von ihm. Für uns sind die Dinge nur, aber sie bedeuten nichts.

Die Wesensart des goldenen Zeitalters, des platonischen Volkes, ist durch keinen Fund dokumentiert, und kann es auch nicht sein. Wir müssen aber auf sie aus den uns bekannten antiken Religionen und Künsten notwendig rückschließen.

In dem nacharchaischen Zeitalter, das wir das frühe Altertum nennen wollen, sehen wir schon die ursprüngliche, vom Morgentau der Menschenschöpfung trunkene Einheit aufgehoben. Der Zerfall der Seelenkräfte hat begonnen. Die Menschheit tut den ersten Schritt auf unsere eigene Epoche hin. Was wir an hochgepriesenen Dokumenten besitzen, sind schon Bekundungen des ersten Abfalls. Der Mensch ist nicht mehr Seher der Götter, und der von ihnen gespiegelten Wirklichkeiten, er ist nicht mehr der Nenner der Namen und der durch sie geoffenbarten Zusammenhänge, und zwar dies alles in einem; die erlahmende Urkraft beginnt sich nach verschiedenen Richtungen hin zu sondern. Die erste Säkularisierung des Gottheitlichen tritt ein. Der gewaltige Stamm teilt sich in drei Äste. Das allumfassend Religiöse selbst wird zur Theologie, das erkennende Zusammenschauen verjüngt sich allmählich zur forschenden Wissenschaft, die vulkanische Kraft der ersten Namengebung zum bewußten Dichtertum. Dieser Prozeß läßt sich an den vorhandenen Werken klar beweisen. Ein frühes Epos, wie z. B. der babylonische »Gilgamesch«, ist uns fast noch unzugänglich, wir können es nicht verstehen. Der Grund liegt darin, daß sich hinter den Taten und Leiden des Helden sowie seiner Götter zwei und zehn und hundert zumeist kosmisch-astrale Bedeutungen verbergen, die das erzählte Geschehen beschatten und den Leser, der keinen geistigen Schlüssel besitzt, wie ein abstruses Wortdickicht verwirren. Anders schon Homer. Hier ist alles »allgemein menschlich« und »schön«. Jeder Gymnasiast versteht Homer, sofern er nur durch die gepanzerte Garde der Aoriste und unregelmäßigen Verben durchgedrungen ist. Das kommt daher, daß in Ilias und Odyssee, die etwa aus dem elften Jahrhundert vor Christus stammen, jene geheimen Bedeutungen bereits zurückgedrängt und laisiert sind. Wahrscheinlich waren in Homers Zeiten die geistigen Schlüssel längst auch schon verloren gegangen. Der Wandel der Sterne am Nachthimmel wurde nicht mehr erlebt, sondern nur mehr gelehrt. Die Götter dieser Epen sind bereits im hohen Grade anthropomorph. Während sie im Gilgamesch noch vollkommen ihren überirdischen Charakter bewahren, hat der Mensch der Ilias seine Götter schon naturalisiert und sich selbst angeglichen. Wenn Homer die Rinderherde des Sonnengottes, des obenwandelnden Hyperion, zeigt, so ist dies eine poetisch realistische Schilderung und nichts weiter. Die Rinder haben ihre numinale Bedeutung, die in Alt-Ägypten und Babylon noch lebendig war, hier restlos eingebüßt. (Doch gerade in diesem Akt der Vermenschlichung des Gottheitlichen wird zugleich die klassische Dichtkunst geboren.)

Das, was ich meine, kann auch noch durch das Beispiel der Entwicklung der Schriftzeichen von den Hieroglyphen zum Buchstaben-Alphabet verdeutlicht werden. Am Anfang steht auch hier nicht das Primitive, sondern das Komplizierte, die heilige Bilderschrift nämlich, dieses weihevolle System gestaltlicher Symbole, mit dem alle Dinge und Begriffe ihrer religiösen Bedeutung gemäß ausgedrückt wurden. Erst im Ablauf langer Epochen verflachte sich die heilige Priesterschrift zur demotischen, zur profanen Schreibweise, um endlich zu unserm Alphabet abzumagern, das nur noch die Laute zusammensetzt. Reste der ursprünglichen Inspiration sind auch in diesem knappen Alphabet noch zurückgeblieben. Wer aber weiß heute noch, wenn er die Buchstaben A und B aufschreibt, daß er mit dem spitzen Alpha das Dreiecks-Zeichen der göttlichen Einheit hinsetzt, mit dem ringsum abgeschlossenen Betha das Zeichen des Kosmos!?

In der menschlichen Geschichte gibt es keinen Fortschritt, der nicht zugleich Rückschritt, keinen Rückschritt, der nicht zugleich Fortschritt wäre. Das ist das Gesetz von der Erhaltung der historischen Energie. Der Sündenfall, der Verlust des Paradieses, der Entzug der urersten Glückseligkeit – oder wie immer wir das Geheimnis der entschwundenen Einheit unserer ursprünglichen Seelenkräfte nennen wollen –, wir haben ihm nicht nur unser ganzes Lebensleid zur Last zu legen, sondern wir schulden ihm ebenso unendliche Förderung. Der Stamm hat sich in mehrere Äste geteilt. Doch die köstlichen Früchte wachsen nicht auf dem Stamm, sondern auf den belaubten Ästen. Im goldenen Zeitalter gab es zwar ein Nahewohnen den Göttern, aber keine Religion, es gab ein hervorbrechendes Sehen, Singen und Sagen, aber keine gestaltete Dichtkunst und Musik. Zuerst mußte das Flammenschwert des Engels blitzen, der Donnerruf der Verstoßung erschallen, damit der plötzlich geblendete Mensch seinen Marsch aus der Erniedrigung durch die Steinwüste der Geschichte zu jenem Erlösungsziel antrete, das er erhofft, aber nicht kennt. Nicht völlig nackt hat ihn der Urteilsspruch entlassen. Verlor er auch die Geistsichtigkeit, so begleitet ihn doch der Geist in mehreren Gestalten. Das Gottesbewußtsein blieb bei ihm, die Spekulation und die Kunst. Letztere, und sie vor allem beschäftigt uns hier, ist der gnadenvollste Abglanz der archaischen Seelenkräfte im Exil, in der Diaspora auch noch des modernen Lebens. Jedes Mal, wenn uns beim Erlebnis irgendeines Kunstwerkes jene so schwer mitteilbare Entzückung anrührt, dann werden die zersplitterten Seelengewalten des goldenen Zeitalters in uns für einen Augenblick wieder gesammelt.

Ich habe mit diesem Satz eine Definition gewagt. Jedes echte Gedicht hat die Macht, in einem befähigten Empfänger einen längst verlorenen Zustand seltsamer Wonne hervorzurufen. In dieser Wiedererweckung liegt das tiefste Geheimnis der ästhetischen Wirkung. Schon die aristotelische Theorie von »Furcht und Mitleid« ist eine verkleinernde Erklärung. Prüfen Sie sich selbst! Es ist nicht das Stoffliche, das Sie in die angedeutete künstlerische Erregung versetzt. Wäre es etwas Stoffliches, etwas aus dem Leben Übersetztes, wie vermöchte sonst absolute Musik eine Wirkung zu üben!? Sie können es ja gar nicht ausdrücken, was in einer ursprünglichen Melodie so herrlich auf Sie wirkt. Aber Ihr ganzes Wesen spannt und dehnt sich, Ihr Selbstgefühl wächst, sodaß das niedrigere Ich mit seinen kleinen Nebengedanken völlig darin verschwindet, das Todesbewußtsein tritt ins Nichts zurück, die trostreiche Gewißheit, nicht vergehn zu können, durchleuchtet einen zeitlosen Blitz lang Ihr ganzes Wesen. Die originale Melodie hat Ihnen für einige Sekunden zurückgegeben, was Ihnen an der Pforte des Paradieses genommen worden ist. Sie nennen mit der hymnischen Erwiderung Ihrer Seele die Dinge zum erstenmal, Sie sind der Zusammenhänge inne, Sie wohnen der Gottheit näher. Die Erinnerung an den archaischen Zustand der Glückseligkeit hat Sie berührt.

Von der Erinnerung in diesem Sinne handelt Plato immerfort. Sie als die seelische Kraft der Wiedererkennung ist ein Königsgedanke seines Systems. Nur durch Erinnerung an einen geistigen Kosmos, an dem wir einst teilhatten, seien wir imstande, die Ideen zu erkennen, das heißt sie wieder zu erkennen.

Diese platonische Erinnerung erklärt auch die so sonderbaren Erschütterungen, die wir der Kunst verdanken. In einem Leben der Zermürbung erinnert sich unsere Seele plötzlich der ihr eingeborenen Kräfte, sie wird vorübergehend geistsichtig, sie kommt zu sich selbst in ihrer ursprünglichen Fülle. Im strengen Sinne versetzt uns also einzig und allein diese Geistsichtigkeit, durch Bild, Lied, Gedanken in uns hervorgerufen – Plato nennt sie μανία – in den Zustand der reinen Glückseligkeit. Alle anderen Freuden gehören zu der niedrigeren Ordnung der Triebbefriedigungen.

4

Wir haben somit erkannt, daß die Künste nicht spätere Erfindungen des menschlichen Kulturaufstieges sind, sondern die ersten Voraussetzungen für diesen, sein großes Apriori. Wir haben erkannt, daß in ihnen jene unfaßbaren ursprünglichen Seelenkräfte bis zu einem hohen Grade lebendig geblieben sind, die der Zivilisation nach und nach aufgeopfert werden mußten. In den bildenden Künsten ruft die Unvergänglichkeitsgewißheit der menschlichen Seele der vergänglichen Erscheinung ihr formendes Halt zu. In den sprechenden Künsten bannt der aus hingerissenem Herzen erschallende Name nicht nur das Genannte, sondern zugleich seine übersinnlichen Bedeutungen.

Die Geschichte der Künste zeigt wie alles Menschliche keine lineare Fortschreitung, sondern ein sich Weiter-Bewegen in immer erneuerten Zyklen und Spiralen. Bei Betrachtung dieser Zyklen offenbart sich uns stets das gleiche Gesetz. Von ihren tastenden Anfängen her ersteigt die Kunst jedesmal mit begnadeter Schnelligkeit ihren Hochstand, der unverbrüchlich religiös und symbolisch ist. Von da geht es abwärts bis zum bitteren Ende der jeweiligen Epoche, das ebenso unverbrüchlich durch Realismus und Naturalismus gekennzeichnet wird. Das gilt nicht minder für die ägyptische und hellenische Kunstgeschichte mit all ihren Spiralen, als etwa für das Schicksal der mittelalterlichen Wand- und Tafelmalerei, die schließlich im architekturlosen, im autonomen Staffeleibild degeneriert. Immer wieder im Kleinen derselbe Akt der Säkularisation, der Loslösung des Menschen vom Gottheitlichen! Doch nicht zu ihrem Vergnügen fällt die Welt vom Schöpfer ab. Es ist ein übermenschlicher Zwang, der sie jedesmal niederringt, ein Müdewerden und Erlahmen, das mit dem erbittertesten Trotz seltsam gemischt ist. Der mythische Mensch, der erste Adam, das frisch geschaffene und aufgerichtete Ebenbild Gottes, er hat, wie primitiv auch sein Leben gewesen sein mochte, in der Natur überall die übernatürliche Bedeutung erschaut. Was aber ist im Gegensatz dazu der Realismus? Die Formel drängt sich auf die Lippen. Es ist der trotzige Wille zum Bedeutungslosen, zum Nichts-Bedeutenden. Der Realist mit seiner geschwächten Seele fürchtet und leugnet das in die Dinge eingeschaffene Geheimnis, von dem zu singen der uranfängliche Sinn aller Kunst war.

Mit dem Worte Realismus aber bin ich in unser eigenes Zeitalter geraten, das im Hinblick auf unsern Gegenstand zu deuten der letzte, doch nicht der leichteste Teil meiner Aufgabe ist. Ich werde nicht den romantischen Fehler begehen, die Welt, in der wir leben müssen und leben wollen, mit einem einseitigen Verdammnisspruch zu belegen. Wir leiden alle an dieser Zeit, gleichgültig ob wir den Grund des Leidens in materiellen und politischen Unzulänglichkeiten oder in metaphysischem Abfall erblicken. Eine Erscheinung deuten aber heißt nicht nur ihrer klar, sondern auch ihr gerecht werden.

Der Vergleich der archaischen Welt mit der Kindheit, dem Genie unter den menschlichen Lebensaltern, lag nahe. Im Begriff der Kindheit steckt unendliche Kraft zum Lernen, verschwenderisches Entgegennehmen und Geben, unschuldiges Einverstandensein, leidenschaftlicher Glaube an die Dauer des eigenen Ichs, ewige Augenblicklichkeit, Mangel an Konsequenz und am schürfenden Willen, die Dinge auszubeuten. Mit solchen Farben ist das Bild des archaischen Menschen für uns gemalt. In dieses Bild aber schimmert merkwürdigerweise noch die verklärte Blässe eines anderen Lebensalters hinein. Es ist das erhabene äußerste Greisentum, wie es in antiken Greisengestalten sarastrohaft nachtönt.

Welches Menschheitsalter gaben wir uns nun selbst? Fragen wir, um Antwort zu bekommen, die durchschnittliche »Weltanschauung« unserer Tage um Rat.

Der Zeitgenosse glaubt in seinem Herzen nicht, daß die Schöpfung eine geistige Schöpfung sei, und daß daher ihr Sinn und Ziel auch geistig sein müsse. Er hegt gewisse verschwommene Vorstellungen von einem materialistisch-ökonomischen Anfangsgrund und Endzweck der Menschheit. Sein wertvollster Traum ist eine gerecht geregelte Gesellschaftsordnung, die jedermann ein volles Maß irdischen Wohlergehens zusichert. Aus diesem Wohlergehen werde sodann das endgültige Kulturwunder, das goldene Zeitalter erblühen. Es ist erstaunlich, wie sehr die politischen Ideologien des Tages trotz aller Feindschaft in diesem antimetaphysischen Punkt einander gleichen. Ob national oder international, ob biologisch oder ökonomisch begründet, es sind nur geringe Unterschiede in dieser naiven Zukunftsgläubigkeit, der tiefsten Ungläubigkeit, die den allgemeinen Materialismus ausmacht.

Welches Lebensalter aber denkt zumeist ökonomisch-materialistisch? Die Kindheit nicht. Die Jugend auch nicht, denn sie steht allzusehr unter Herrschaft der Triebe. Ökonomisch beginnt der Mensch zu denken, wenn die Leidenschaften von ihm gelassen haben und Eros ihn nicht mehr mit Katastrophen bedroht. Der postklimakterische Mensch nach Fünfzig könnte zur Allegorie des ökonomisch-materialistischen Zeitalters dienen. Es bietet sich als Sinnbild ein um alles geprellter Sparfuchs und Knauser dar, der närrisch vor Verzweiflung durch die Straßen der Städte taumelt. Er hat an nichts als an verzinsliche Sicherheiten geglaubt, und gerade in seinen Sicherungen und Sicherheiten hat ihn das Schicksal zu Tode getroffen. Daß die geistigen Tatsachen nur der Überbau der gesellschaftlich-wirtschaftlichen Bedingnisse seien, das war ein Meistergedanke Harpagons, des alternden Geizhalses, der das materialistische Zeitalter versinnbildlicht.

Doch die Spielerei solcher Vergleiche darf nicht zu weit getrieben werden. Das Bild des alternden Knausers wird vom Bilde einer düster entschlossenen Jugend überschnitten, die mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten durch ihr Elend geht. Und doch, diese Zeit, die wir hier in Allegorien malen, ist viel gewaltiger, als es der erleuchtetste Mitmensch ahnen könnte. Wiederum bewährt sich jenes eherne Gesetz des Ausgleichs, daß nämlich jeglicher Gewinn einen Verlust bedeutet und jeglicher Verlust einen Gewinn. Wir mußten zuerst dem Geiste entsagen, um uns der Materie in Wirklichkeit zu bemächtigen. Wir mußten zuerst die Überwelt verlieren, um diese Welt zu gewinnen. Es fragt sich nur, ob wir nach solchen Siegen eine lebendige oder eine tote Beute in Händen halten.

Eroberung dieser Welt um den Preis der Überwelt! In all den Jahrtausenden, die zwischen dem Zeitalter des ersten Wagenrades und etwa dem Jahre 1830 vergingen, hat sich das technische Verhältnis des Menschen zum Erdball nur unwesentlich verändert. Die Leistung der phönikischen Schiffe, die im Auftrage König Salomos das Kap der guten Hoffnung umsegelten, um nach Ophir zu gelangen, war um nichts geringer als die Seemannsleistung des Kolumbus und noch spätere Entdeckertaten. In all diesen Epochen blieb sich die Ausdehnung der Erdoberfläche für den Menschen, die Unüberwindlichkeit des Raumes und die Abgeschlossenheit der verschiedenen Kulturen ungefähr gleich. Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begann jener tellurische Umsturz, dessen atemberaubende Gewalt nur der ausgepichteste Hochmut unterschätzen könnte. Die Ausdehnung der Erdoberfläche schmolz zusammen, der Raum wurde überwunden, die Abgeschlossenheit zerbrach. Wahrhaftig, es ist nicht staunenswert, daß der zeitgenössische Mensch zu glauben begann, vor ihm habe nicht Seinesgleichen gelebt. Er träumte nicht mehr von der lichten Höhe über sich, sondern er stieg in die Stratosphäre auf, um nachzusehen, was dort sei. Und siehe, es war nichts dort. Denn der Mensch ist immer nur das zu entdecken fähig, was er selbst mit sich bringt. Erlassen Sie mir, bitte, die langweilige Aufzählung all jener unvergänglichen Großtaten, die schließlich zum Bau von aberhundert Bombengeschwadern und zur emsigen Durchdringung der Ätherwellen mit Jazzmusik, politischen Propagandareden, Übertragung von Boxkämpfen, Länderspielen und Bastelstunden geführt haben.

Vor das Bild des allegorischen Harpagon schiebt sich ein anderes Antlitz. Es sind die blitzdurchfurchten Züge des Prometheus. Wenn jemals eine Zeit den Beinamen »die prometheische« verdient hat, so ist es die unsere. Prometheus aber ist an den Felsen gefesselt, und der Adler des Zeus hackt ihm zur Rache für die verratene Metaphysik – das ist der Raub des göttlichen Feuers – mit seinem scharfen Schnabel die Leber aus. Leber und Galle sind nach antiker Ansicht der Sitz der Melancholie, der Verzweiflung am Leben. Das echte Zeitalter des Prometheus leidet an der Verzweiflung am Leben. Zum Beweise dessen werde ich nicht die grauenhafte Selbstmordchronik der Zeitungen heranziehen, sondern, wie paradox es Ihnen auch dünken mag, Bilder scheinbarer Lebenstrunkenheit: Ich sehe buntbewimpelte, sonnengleißende Strandbäder vor mir. Sie sind dicht übersät von Wasserfanatikern, Männern, Frauen, Kindern. Eine Orgie blühenden Menschenfleisches. Die Menge ist so groß, der Platz so klein, daß zwischen dem beklemmenden Gewoge der Körper kaum ein armer Fleck weißen Sandes zu erkennen ist. – Ich sehe eine Schar von keuchenden, rucksackbelasteten Touristen. Das Klettergerät ist an ihr Gepäck geschnallt. Das sind nicht die heiter gelassenen Gesichter von Wanderern. Das sind die angespannten verbissenen Willenszüge von Sportsheroen. Sie werden morgen irgendeine Nord- oder Ostwand erstürmen. Halbwüchsige unter ihnen trotzen sich wütend Kräfte ab, die sie nicht besitzen. Die Sommer- und Winterbilder der modernen Natur-, Sports- und Bewegungstollheit lassen sich beliebig verhundertfachen. Für scharfe Augen haftet ihnen etwas Absichtsvolles, Gewaltsames an, das sehr weit vom Ausdruck echten Genusses entfernt ist.

Diese Triumphe der Schnelligkeit und Körperüberwindung gleichen dem aggressiven Rausch aus billigem Alkohol. Sie sind massenmäßige Weekend-Betäubungen der inneren Leere einer Menschenart, die nicht allein sein kann. Was bedeutet das alles? Was haben wir verloren, das wir mit also zusammengebissenen Zähnen wiedergewinnen wollen? Warum schmeißen wir uns der Natur so inbrünstig ordinär an? Wie verzweifelte Parias?! Wir dulden ihre Stille nicht mehr. Die Ehrfurcht vor ihr ist verschwunden. Dieselben, die von sich behaupten, Neuheiden zu sein, entheiligen die lügnerisch vergöttlichte Natur durch ihr Massenunwesen ebenso, wie sie den Menschen durch ihre Politik entehren.

Die Gesichtszüge der Zeit verraten eine düster kaltschnäuzige Anbetung alles Unangenehmen. Vom Norden her erschallt eine krampfiges Heil dem Leiden und dem Tode. Nun freilich, leiden und sterben läßt sich auch ohne besondere Gaben, während Freude und Glücksvermögen ein ausgesprochenes Talent voraussetzen.

Daß in diesem teils harpagonischen, teils prometheischen Zeitalter der bedeutungsfeindliche Realismus die geltende Kunstrichtung ist, das muß nicht eigens betont werden. In diktatorischen Staaten wird er sogar behördlich angeordnet und jede Abweichung von ihm unter Acht und Bann gestellt. Er führt in solchen Ländern tönende Namen wie zum Beispiel »Heroischer Optimismus«. Was heißt das? Der künstlerische Gestalter möge sich hüten, den Dingen einen anderen Sinn zu geben als den offensichtlichen und allgemein anerkannten, nämlich keinen. Er möge sich aber noch unbedingter davor hüten, auch nur einen einzigen Hauch der Verzweiflung an der Sinnlosigkeit kundzutun, die er gestaltet. Dies ist etwas erschütternd Neues. Die Diktatoren fordern geradezu ein religiöses Ja zu dem elenden Zustand der von ihnen beglückten Menschheit. So elend ist dieser Zustand, daß ganze Völker dermaßen abgestumpft sind, daß er ihnen nicht mehr zum Bewußtsein kommt, und daß sogar weite Kreise in noch verschonten Ländern von dem fanatischen Verlangen brennen, gleichfalls zum Kuschen gebracht und moralisch kastriert zu sein. Denn vor dem Starken zu kuschen und den Schwachen nicht nur moralisch zu kastrieren, das ist bisher die einzige Heldentat der neu-heroischen Gesinnung.

Das Eingeständnis der Verzweiflung am Nichts wird mit der furchtbarsten Zensur bestraft: »Zersetzend«. Aber der wahre Wert dieses Realismus liegt doch einzig darin, daß er zersetzend ist, das heißt, daß er sich zu seinem Elend bekennt. Der staatlich befohlene und konzessionierte »Optimismus« hebt somit jede Möglichkeit zu einer höheren Geistes- und Kunstleistung auf. Diktatorisch regierte Staaten verfallen dem kulturellen Kältetod. Die Wirklichkeit bestätigt diese Feststellung in schauriger Fülle. Man muß nur an die gemalten Aktphotographien und die kolorierten Ansichtskarten erinnern, wie sie die wohlgearteten Vertreter des Heroismus einer entarteten Kunst entgegensetzen; ohne Zweifel zum fassungslosen Gruseln der Nachwelt.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich bekämpfe in dem Begriff »Realismus« nicht die wahrheitsgetreue Schilderung der Wirklichkeit zugunsten irgendeiner verblasenen Symbolik. Die Welt dehnt sich vor dem Künstler und Dichter aus, wie sie ist, in ihrer ganzen grausamen Schärfe, damit er sie gestalte und nenne. Wer sich ihr mit längst ausgelaugten Gleichnissen und übernommenen Metaphern nähert, ist ein fader Epigone oder Dilettant. Der echte Künstler und Dichter erhebt das tatsächlich Gesehene zum Gesicht. Der scharfäugigste Einblick aber, die getreueste Wiedergabe, die eindruckvollste Schilderung, mag sie in uns auch Bewunderung für die Beobachtungsgabe ihres Autors wecken, ein dichterisches Gesicht ist sie noch lange nicht. Die vollkommene Aussage einer Tatsache, der gestaltete Stoff selbst, verrät keine Bedeutung. Die Vision einer Tatsache erst entschleiert ihre Bedeutung und läßt sie uns ahnen. Hierin liegt der große Unterschied. Ein nur realistisches Buch erweitert unsre Kenntnis des Faßbaren. Ein inspiriertes Gedicht sticht uns den Star für das Unfaßbare. Wirkliche Kunst ist eine Art Atomzertrümmerung des Stoffes, durch die archaischen Seelenkräfte verursacht, die im Künstler lebendiger fortbestehen als in anderen Menschen.

Der allbeliebten Meinung, es gebe in unseren Tagen keine wahren Künstler mehr, muß mit Leidenschaft entgegengetreten werden. Es gibt ihrer so viele wie zu irgendeiner geschichtlichen Zeit. Sie nehmen in einer besonderen Art an der allgemeinen Lebensverzweiflung des modernen Menschen teil. Mochte immer nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten der Kunst innerlich mächtig sein, heute ist sie wie noch niemals gezwungen, in Katakomben zu leben. Die Kluft zwischen Schaffenden und Empfangenden wird von Jahr zu Jahr größer. Wer von ihnen trägt die Schuld? In den handwerklich bestimmten Künsten, wie Malerei und Musik, wird die krankhafte Vereinsamung am deutlichsten. Unverbundenheit und Unverbindlichkeit zwingt die stärksten Talente, die sich nicht zu Kommis der Vergnügungskundschaft herabwürdigen wollen, in eine äußerste Esoterik. Fünfundzwanzig Kenner schaffen für fünfundzwanzig Kenner. Eng verfeindet hängt der Haufen im luftleeren Raum.

Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß auch die extreme Kunst einige Pyrrhussiege erfochten hat. Die ornamentalen Sumpfblumen und Schlinggewächse der Sezessionisten zogen um die Jahrhundertwende in die bürgerlichen Wohnzimmer ein, ähnlich wie heute schon die Tapeten mancher Lokale mit kubistischen und futuristischen Schreckgebilden sänftlich bemalt sind, ohne daß irgendwer Anstoß nimmt. Auch die wütendsten Kakophonien der Neutöner wurden bereits zu braven Haustieren im Dienste der Begleitmusik von Gangsterfilms gezähmt.

Leider aber ist auch die Esoterik des l'art pour l'art nur ein achtungswürdiger Irrtum. Denn Esoterik ohne Richtung aufs Übersinnliche ist keine. Die radikal moderne Kunst der Abseitigen begeht einen ähnlichen Fehler wie der alles überschwemmende Vulgär-Realismus. Dieser betrachtet allein den Stoff. Sie kümmert sich nur um die Ausdrucksmittel. Wieder ein klares Gleichnis des Zerfalls!

Es darf freilich nicht vergessen werden, daß die schöpferischen Geister heute vor einer fast unlösbaren Aufgabe stehen. Die Tyrannei der Zeit zwingt sie, jene uralten Seelenkräfte in sich zu verleugnen, durch deren Besitz sie einzig und allein schöpferische Geister sind. Welche eherne Sicherheit fordert es, das Tabu zu verachten, welches auf Begriffe wie »Pathos«, »Romantik«, »Mystik« in ihrer ganzen Mißverständlichkeit gelegt ist?! Wie verführerisch ist es, die grauenvolle Einsamkeit des aussichtslosen Kampfes abzuwerfen und gehorsam an die Seite einer jener Weltanschauungen zu treten, die dem Glücklichen nicht nur das Leben, sondern auch die höhere Verantwortungslosigkeit gewährleisten?!

Und doch. Nur die rarsten Non-Konformisten, nur die ganz und gar Einsamen und Unzugehörigen werden es dereinst gewesen sein, die auch unsre entheiligte Welt geheiligt haben, Zeugnis ablegend von ihr und von sich.

5

Mir wollen zwei Verszeilen nicht aus dem Sinn. Sie stammen aus folgendem schönen Gedicht von Lenau.

HIMMELSTRAUER

Am Himmelsantlitz wandelt ein Gedanke,
Die düstre Wolke dort, so bang, so schwer;
Wie auf dem Lager sich der Seelenkranke
Wirft sich der Strauch im Winde hin und her.

Vom Himmel tönt ein schwermutmattes Grollen.
Die dunkle Wimper blitzet manchesmal,
So blinzen Augen, wenn sie weinen wollen,
Und aus der Wimper zuckt ein schwacher Strahl.

Nun schleichen aus dem Moore kühle Schauer
Und leise Nebel übers Heideland;
Der Himmel ließ, nachsinnend seiner Trauer,
Die Sonne langsam fallen aus der Hand.

Wenn Sie die herrlichen Verse in sich nachklingen lassen, werden Sie gewiß verstehen, warum gerade dieses Gedicht mir zu Bewußtsein kommen wollte. Durch die ihm innewohnende Kraft wird der Gedankenweg, den wir zurückgelegt haben, beleuchtet und bestätigt. Lenaus »Himmelstrauer« ist ein wundersames Beispiel dafür, wie auch in später Zeit jene urersten Seelenkräfte plötzlich die Augen aufschlagen und da sind. Betrachten wir nur die Halbstrophe des Anfangs:

»Am Himmelsantlitz wandelt ein Gedanke,
Die düstre Wolke dort, so bang, so schwer.«

Der majestätisch ernste Schritt der ersten Zeile, die schleppende Kadenz der zweiten, warum erschüttern und beglücken sie? Ein einfaches Bild, der Abendhimmel und eine einsam ziehende Wolke, weiter nichts. Ein einfaches Gleichnis, Himmel und Antlitz, Wolke und Gedanke, weiter nichts. Und dennoch, durch die bildliche Gleichsetzung zweier faßbarer Größen wird eine dritte unfaßbare Größe fühlbar gemacht. Es tut sich unsrer Empfindung ein unaussprechlicher Durchblick und Tiefblick in ein Sein auf, das nur dem Gleichnis sich öffnet. Die Geistsichtigkeit eines Dichters erweckt unsere eigne längst verschüttete Geistsichtigkeit. Wir sehen plötzlich mit Augen, wir hören mit Ohren, die noch nicht durch die Gewöhnung der Jahrtausende abgestumpft sind. Was wir aber in der kurzen Spanne künstlerischer Erschütterung sehen und hören, das kräftigt unsre Seele mit geheimnisvollen Nährwerten, sodaß sie jubelnd das empfangene Glück weiterschenken möchte. – Ich habe zwei Verse von Lenau zitiert, aber wir alle, Sie und ich, könnten wahrscheinlich viele Verse andrer Dichter nennen, die ebenso die Seele bewegen. Und durch hundert Gleichnispaare hindurch, die das Faßbare an einander messen, würde der Strahl des Unfaßbaren uns immer wieder treffen.

Wie reich sind wir doch! Welch eine unermeßliche Erbschaft besitzen wir, die trotz alles Leides und allen Zerfalls im Geheimen weiter wächst!? Uns leuchtet in Bild und Ton und Wort der unverwüstliche Schatz einer Gnade, die nur schenkt und schenkt und kein Opfer fordert. In jeder gestalteten und gesungenen Eingebung ist ein Strahl der ersten Offenbarung mit einversponnen. Darum ist sie glückseligmachend. Sie zaubert uns für Augenblicke zu unserm Ursprung zurück, da die noch einigen Seelenkräfte schauend und Namen gebend in jubelnder Verzückung des Gottheitlichen inne wurden.

Wir müssen uns davor hüten, in den musischen Kräften und musischen Gütern einen leeren Aufputz zu sehen, der nichts mit dem »praktischen Leben« zu tun hat. Das wollen uns nur jene Armen einreden, die niemals von ihnen berührt worden sind. Es gibt keine politische Menschheitsfrage, die diese Kräfte entbehren könnte. Friede, Völkerversöhnung, Humanität, Kampf um Menschenwürde haben in ihnen ihre letzte Wurzel. Der neobarbarische Fanatismus der mit Haß genährten Massen kann nur vernichtet werden durch die lichten Begeisterungen jener unverlierbaren Kräfte, die an der Wiege der Menschwerdung standen. Jeder Sieg, den sie nicht segnen, wird eine Niederlage sein, das heißt eine tödlich enttäuschende Abwandlung desselben Elends. Denn sie allein bewirken das Bleibende, sie, der einzige, der große Tod-Vertreib des Menschengeschlechtes.

Der Schöpfer hat den Menschen aufgerichtet. Die lange Wanderung der Geschichte beugt ihn immer wieder herab. Wir Gewaltigen, die den Raum durchfliegen und den Ätherwellen Zügel anlegen, wir wanken zugleich todmüde des Weges, den Blick starr auf den Boden gesenkt. Ist es so schwer, den Kopf zu heben? Brennt nicht unauslöschlich auch in uns die verzehrende Sucht nach dem Höheren? Nicht verloren hat unsere Seele die platonische Erinnerung an die Mania, an den ekstatischen Zustand unsrer Morgenfrühe. Die Abgekehrtheit und der Stoffwahn dieser Gegenwart wird wie ein Angsttraum zerrinnen. Das Seher- und Sagertum der Kunst aber ist eine der hilfreichen Mächte, die liebend harrt, den Menschen aus diesem Angsttraum aufzuwecken.