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Franz Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters

von Franz von Dingelstedt

Verlag: Klinkhardt & Biermann | Jahr: 1923

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Kapitel 18

XVII

Aber nein! Ich ziehe mit leisem Schritt
Vorbei der verfluchten Stätte.
Ich weckte ja sie zum Leiden mit,
Sie droben im Witwen-Bette.

Du armes, junges, süßes Weib,
Zum Schatten umgewandelt,
Seit du den blühenden, schönen Leib
An jenen Todten verhandelt!

Nun hast du dein beneidet' Glück,
Die Titel, die Mittel, die Größen,
Und gäbst es mit tausend Freuden zurück
Für deiner Armuth Blößen;

Für eine Stunde freier Lust
An des verlassenen Buhlen Herzen,
Für ein Kindlein an deiner runden Brust,
Gezeugt und gesäugt in Schmerzen.

Mich friert es, denk' ich an ihren Schlaf,
An die rothen Augenlider,
Die kaum ein schmerzliches Ruhen traf,
An die matt-hinwelkenden Glieder.

Ja, armes Weib, hätt' ich nun mein Horn,
Dir gäb' ich's mit lautem Ergezzen;
Solltest's dem alten Sünder vorn
An die schamlose Stirne sezzen!