Im Schatten Shakespeares
MeistgelesenVerlag: Horen-Verlag | Jahr: 1929
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Kapitel 162
62
Eine Staubwolke wurde an das Drahtgitter herangeweht. Und gleich darauf rauschte Lady Suffolk in die Fasanerie herein, groß, fleischig, ausladend; das immer zu rote Gesicht mit dem dreifachen Unterkinn und der rassigen Habichtsnase kalkig überpudert. Hinter ihr drein trippelte das Hottentottenknäbchen in grasgrüner seidener Pagentracht, das Ende ihrer langen Schleppe auf der Schulter tragend. Zuweilen entglitt der Zipfel den Kinderhänden, und Staub wirbelte zum Himmel.
Lady Suffolk gab sich den Anschein, als bemerke sie das wüste Aussehen des Prinzen nicht. Nach zeremoniöser Begrüßung sagte sie, sich an Arbella wendend:
»Man erwartet Sie, Lady Arbella.«
»Wer, Madam?«
»Ein Weibsbild. Sie steht auf der Fahrstraße hinter der Gartenpforte dort. Als sie mich in der Allee sah, winkte sie mich heran und bat, ich sollte es Ihnen bestellen.«
»Hat die Frau ihren Namen genannt, Madam?«
»Ja, – Moll Cutpurse ... Ihr ist das Betreten von Whitehall verboten, – weiß der Himmel, weshalb. Sie sagte, sie kenne Sie von Cymry Castle her.«
»Ja, ich entsinne mich ... An welcher Gartenpforte steht sie?«
»Kommen Sie, ich begleite Sie hin, Lady Arbella.«
Durch das Drahtgitter sah man die plumpe Gestalt des Herzogs von Holstein (– the Duke of Holst –), der jetzt eben geckenhaft tänzelnd auf die Fasanerie zu kam. Da er kein Wort Englisch konnte, verständigte er sich in deutschem Französisch.
»Où es-tu donc, Hal? II est temps de partir!«
»Tout de suite, mon cher oncle! Je viens à l'instant!«
Obgleich Hal diese Antwort gab, trat Arbella nah an ihn heran, blickte ihm flehentlich in die Augen und flüsterte:
»Begleite mich, Hal! Ich weiß nicht, warum ich mich fürchte.«
»Ich kann den Holsteiner nicht warten lassen, Harpy. Geh nur. Moll ist besser als ihr Ruf.«
»Nicht um mich – um dich ist mir bange.« »Ich werde nicht ertrinken: ein Ozean von Sekt hat keine Haifische, Harpy!«