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Licht und Schatten

von Charlotte Niese

Verlag: Fr. Wilh. Grunow | Jahr: 1895

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Kapitel 15

Vierzehntes Kapitel

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Book illustration Der heiße, trockne Septembertag ging zur Rüste, und Rüppell fuhr mit einem leeren Möbelwagen langsam durch die Straßen der Vorstadt. Sein Dienst begann jetzt, nachdem die erste Heftigkeit der Seuche nachgelassen hatte, erst bei Sonnenuntergang. Dann hatte er sich bei einer der Cholerabaracken einzufinden, sein Wagen wurde ihm möglichst schnell mit Särgen gefüllt, und er hatte die stillen Schläfer, die in den schwarzen, mit Teer angestrichenen Kisten lagen, nach dem Ohlsdorfer Kirchhof hinauszufahren. Wenn nicht die Aussicht auf den lohnenden Erwerb sehr lockend gewesen wäre, so würde Rüppell sich schwerlich zu diesem Geschäft herbeigelassen haben. Denn er war von Natur furchtsam und trotz seines Unglaubens, oder gerade deswegen, über alle Maßen abergläubisch. Er fürchtete sich vor allem, vor der stillen Majestät des Todes wie vor den aufgehäuften leeren Särgen, mit denen er manchmal bis an die Leichenhalle der Cholerabaracken fahren mußte. Und er fürchtete sich am allermeisten vor der Krankheit selbst.

Aber die Zeiten waren eben schlecht. Zu verdienen gab es sonst nichts, und Schulden hatte er außerdem auch noch. Wollte er nicht verhungern, dann mußte er arbeiten. Seine jetzige Arbeit aber wurde ihm gut bezahlt, und wenn ihn das Grauen zu sehr überwältigen wollte, dann nahm er einen Schluck Branntwein. Das war gut gegen alles: da vergaß man alles Unangenehme; nicht allein die Cholera und ihr Grausen, auch die Rose. Es war sonderbar, und Rüppell hatte es selbst kaum glauben wollen, aber er konnte die Rose nicht vergessen, wenn er nüchtern war. Schon damals, als seine Frau noch lebte, hatte er sie gern gehabt, lieber als seine Frau, wenn er sich dies auch kaum eingestanden hatte. Nachdem er aber Witwer geworden war, war es ihm so natürlich vorgekommen sie zu heiraten, daß er gar nicht weiter über seine Gefühle nachdachte. Es war ganz selbstverständlich, daß Rose ihn nahm und Folkert laufen ließ; darüber quälte er sich keinen Augenblick, und erst dann, als er das Mädchen selbst hatte aussprechen hören, sie wolle ihn nicht mehr, erst dann war es ihm klar geworden, wie sehr er sie eigentlich liebe. So wie er war, so verwandelte sich diese Liebe zuerst in glühenden Haß – am liebsten hätte er das Mädchen gemordet; als Folkert dies verhinderte, und er, kühler geworden, selbst einsah, daß dieser Mord ihm nur Schaden gebracht hätte, empfand er erst allmählich, daß sein Leben doch ein andres geworden sei. Er hatte sich auf das enge Zusammenleben mit Rose gefreut: sein würde sie sein, eifersüchtig wollte er über ihre Schönheit wachen – nun konnte er sich auf nichts mehr freuen.

Seine Kinder waren ihm nur lästig gewesen; geliebt hatte er sie niemals, und daß sie jetzt alle in den Baracken waren, ließ ihn kühl. Sie würden wohl wieder gesund werden, dachte er, und er dachte zugleich mit Verdruß an die Pflichten, die sie ihm wieder auferlegen würden. Nach seiner Ansicht hatte er überhaupt gegen niemand Pflichten als gegen sich selbst; andre Menschen aber hatten natürlich Verpflichtungen gegen ihn.

So kam es, daß er allmählich in einen Zustand brütenden Hasses hineinkam, der viel schlimmer war, als die erste wild aufflammende Wut. Er haßte nicht allein Rose und dachte an sie mit dem Verlangen nach Rache, er haßte die ganze Menschheit, und je mehr von ihr starben, desto angenehmer war es ihm.

Er konnte aber nicht immer so viel denken. Gewöhnlich war er betrunken und saß mit stieren Blicken auf dem Kutscherbock, ohne sich viel um seine Pferde zu bekümmern. Die waren klüger als er und wußten den bekannten Weg auch schon zu finden.

Am heutigen Abend war er übrigens einigermaßen nüchtern. Er hatte am Tage mehrere Stunden fest geschlafen und hatte sich eben erst seine Flasche frisch füllen lassen und erst wenig daraus getrunken. Dies kam daher, daß er, gerade als er aus der Stadt fuhr, eine Gestalt hatte gehen sehen, die ihn an Rose erinnerte. Sie war es nicht gewesen: ein schärferes Hinsehen hatte ihm dies gezeigt; aber seine Gedanken kehrten doch zu ihr zurück. Vor reichlich acht Tagen, an einem der schrecklichsten Choleratage, als er gerade als Leichenkutscher angenommen war und über den Gänsemarkt ging, war ihm Rose begegnet. Nicht allein, sondern am Arm eines jungen und eleganten Mannes, den Rüppell dem Ansehen nach kannte. Es war Herr Oskar Lindberg, der Mitinhaber einer großen Firma, der bekannt wegen seines Reichtums aber auch wegen seiner Vorliebe für hübsche Mädchen war. Alle Leute hatten ihn übrigens gern, weil er immer freundlich war und eine offne Hand hatte. An dem Tage aber sah er gar nicht freundlich, sondern außerordentlich blaß und sorgenvoll aus. Rose hingegen sprach lebhaft auf ihn ein, zeigte alle Augenblicke ihre spitzen kleinen Zähne und lächelte ihn so holdselig an, daß ihre schönen Augen hell aufleuchteten. An Rüppell ging das Paar vorüber, ohne ihn zu beachten, er aber lehnte sich gegen einen Laternenpfahl und blickte ihnen lange nach. Wo hatte er seine Augen gehabt, als er damals mit Rose die Dampfschiffsfahrt machte? Da war auch der Herr Lindberg auf dem Schiffe gewesen, und er hatte ihn nur nicht erkannt. Rose und der feine Herr hatten mit einander gesprochen – er erinnerte sich ganz deutlich –; damals hatte sich die Bekanntschaft wohl gemacht, und nun saß Rose in der Wolle und lachte ihn aus. Natürlich hatte sie den einfachen Arbeiter nicht gewollt, wo sie jemand anders einfing, der ihr ganz andre Sachen schenken konnte. Natürlich nicht! Vielleicht heiratete der Herr sie, und sie fuhr später im Wagen stolz an Rüppell vorbei, dessen Braut sie auch gewesen war!

Der Arbeiter stand noch immer an demselben Fleck, und starrte in die Luft, bis ein Schutzmann an ihn herantrat und ihn scharf fragte, was er hier zu thun habe? Da lachte er höhnisch auf und ging seiner Wege. Das war vor ungefähr zehn Tagen gewesen; seit der Zeit hatte er wenig mehr nachgedacht, weil der Branntwein ihm über das Nachdenken hinweghalf. Kam aber einmal ein Augenblick ohne Rausch, dann nagte etwas an ihm, das ihn mit kalter, rachsüchtiger Wut erfüllte. Nur einmal wieder das Mädchen sehen, nur einmal sie in seiner Gewalt haben, sie töten können, es mußte eine Wonne sein! Rüppell stöhnte wild auf, und dann hieb er auf die Pferde ein.

Als er anhielt, war er an dem Platze angekommen, wo er seine stille Ladung aufzunehmen hatte. Gedankenlos blieb er auf seinem Bock sitzen, bis eine scharfe Stimme ihn anrief, selbst Hand anzulegen. Da stieg er denn widerwillig hinunter und schob mit Hilfe eines Arbeiters die für ihn bereit stehenden Särge in den Wagen. Ein Aufseher überwachte die Arbeit. Es war derselbe Mann, der Rüppell zum Hinunterkommen aufgefordert hatte, und der mit einer Laterne jeden Sarg beleuchtete und seine Nummer in ein Notizbuch eintrug. Er hatte ein gutes, etwas trauriges Gesicht, und Rüppell, der zuerst Lust verspürt hatte, ihm eine grobe Antwort zu geben, unterließ es lieber. Dafür nahm er in einer Pause einen Schluck Branntwein.

Trink man nich so viel, Rüppell, das is nich gut for dir! sagte eine Stimme hinter ihm. Es war Folkert Dierks, der plötzlich aus dem Dunkel auftauchte und einen kleinen Gegenstand liebevoll auf den Armen trug. Er sah unverändert aus, trotz seines langen weißen Rockes, ebenso kräftig und robust wie früher.

Laß das alte Predigen! murrte der andre. Wer sich schinden soll, wie ich, der muß auch einen warmen Trost haben! Überhaupt, ne dumme Wirtschaft! setzte er halblaut und verdrießlich hinzu. Mit all der Bagage werden Umstände gemacht, als wenns lauter Prinzen wären. Zuerst gings besser! da schmiß man sie ohne weitres in die Erde: nun kriegt jeder Sarg ne Nummer, und alles geht so viel langsamer!

Ordnung muß sein! sagte Folkert bedächtig. Zuerstens konnten die Leute da nich über kommen – nu is das allens anders. Und Bagasche is das auch nich, was hier liegt, sind allens Menschens, und wo du doch so for die Gleichigkeit bist –

Bin ich auch! unterbrach ihn Rüppell barsch. Davon verstehst du doch nichts! Und nun sag mir doch, wer der Mann ist, der die Särge anschreibt und hier herum kommandiert!

Das is einer von die Freiwilligens! flüsterte Folkert.

Wie so? gab der andre in demselben Tone zurück.

Nu, da sind doch ein ganzen Berg Herren und Damens hier, die haben sich gemeldet zum Pflegen und for allens, wozu man ihnen brauchen kann –

Na, die werden sich auch ordentlich bezahlen lassen! lachte Rüppell höhnisch.

Folkert schüttelte den Kopf. Ne, sagte er, sie kriegen keinen Groschen! Allens umsonst, Rüppell, und sie thun das bloß, weil daß sie Christenmenschen sind. Von Bagasche hat hier noch kein ein von die Feinen gesprochen, kann ich dich sagen!

Scheinst mir 'nem Pfaffen in die Hände gefallen zu sein! höhnte Rüppell, sich kurz abwendend und wieder zu seiner Arbeit kehrend.

Zwei freiwillige Arbeiter hatten seinen großen Wagen schon gefüllt, und er ließ sie gewähren, obgleich er innerlich fluchte. Denn sie faßten jeden Sarg behutsam an und arbeiteten mit einer gewissen Sorgfalt, die ihn ärgerte. Dazu sahen sie, trotz ihrer Arbeiterkleidung, wie Leute aus bessern Ständen aus, und das war in Rüppells Augen ihr größter Fehler. Er wußte nicht, daß nicht allein aus Hamburg, sondern aus vielen andern Städten freiwillige Helfer gekommen waren, die den abgearbeiteten Ärzten und Pflegern zur Hand gingen – er konnte sich nicht denken, daß man diese schwere und abstoßende Arbeit ohne Vergütung verrichtete, und er erblickte in diesen Helfern eine überaus gefährliche Konkurrenz.

Mürrisch lehnte er sich an einen Baum und steckte seine kleine Pfeife in Brand, ehe er sich wieder auf den Bock schwang. Um ihn herum flammten jetzt große Pechfackeln und warfen ein zuckendes Licht auf die schweigende und doch belebte Umgebung. Hinter ihm her waren noch mehr Wagen gekommen: sie alle verlangten nach derselben Ladung, und in dem flammend roten Lichte gingen die freiwilligen und gedungenen Arbeiter hin und her. Jeder trug einen Sarg, wenn nicht zwei, und in der Entfernung hörte man unaufhaltsam dumpfes Klopfen. Rüppell kannte dieses Geräusch; er hörte es eigentlich kaum mehr – in dieser Nacht klang es plötzlich aufdringlich an sein Ohr, und er trat ärgerlich mit dem Fuße auf. Was ging es ihn an, wenn noch hunderte von Särgen mehr zugehämmert wurden, seinetwegen konnten noch tausende sterben, wenns ihm nur Gewinn brachte! Und er führte wieder die Branntweinflasche an die Lippen.

Der Aufseher trat jetzt auf ihn zu, gab ihm eine Nummernliste und sagte ihm, daß er abfahren könne. Rüppell hätte ihm die Liste am liebsten an den Kopf geworfen, aber er steckte sie doch brummend ein. Als er den Pferden die vorgebundnen Futtersäcke wieder abnahm, faßte Folkert ihn am Arm.

Den setz ich bei dich vorne hin! sagte er etwas verlegen, und Rüppell sah, daß das, was der Dithmarscher auf dem Arme trug, ein kleiner, mit Blumen, geschmückter Sarg war.

Den Donner auch! schrie der andre wütend. Soll ich sowas noch bei mir auf dem Bock haben? Denkst du, ich hab nicht genug davon hinter mir im Wagen?

Aber es is doch klein Heine! murmelte Folkert entschuldigend. Ich dacht, du magst ihm doch lieber bei dich haben, als da hinten zwischen all die Fremdens! Und Blumen hab ich auch gekriegt for ihm, sie mochten ihm all so gern leiden, der Doktor und all die andern, weil daß er so lange liegen mußt und ümmer so geduldig war!

Klein Heine! Rüppell war doch zusammengefahren bei den Worten. Er hatte mitunter gedacht, sein Junge sei schon lange tot, und hatte sich längst darüber getröstet; eigentlich war das Trösten überflüssig gewesen, er hatte sich nur achselzuckend in den Gedanken gefunden, auch ein Kind an der Seuche verloren zu haben.

Lieber Gott, Kinder waren ja nur eine Last, so lange der Staat oder der Kirchhof sich nicht ihrer annahmen – die Eltern konnten sie wirklich nicht gebrauchen! So hatte Rüppell schon lange gedacht; nun empfand er doch etwas ganz Sonderbares, etwas, das ihm die Stimme noch rauher machte, als er Folkert anwies, den Sarg dicht neben ihn auf den Bock zu stellen.

Is ganz still gestorben! sagte Folkert mit seiner eintönigen Stimme. Kein ein hat da was von gemerkt, bloß daß er vordem ein büschen unruhig war. Da war ein Wärter, ich glaub das war ein verkleideten Pastor, der hat ihn was von'n Herrn Jesus verzählt, und daß der die Kinners so gern leiden mocht. Da hat klein Heine sich nu über gefreut, weil daß hier ihm ja doch niemand gern leiden mochte. Bloß Tante Tine und ich, und das is ja nich viel. Und gestern morgen hat er mir noch gefragt: Unkel, sagt er, wenn ich man bloß mit die annern Kinners in Himmel spielen kann, wo ich doch hink und gar nicht mitkommen kann, wenn die andern Greifert spielen und Ball? Und ob ich da woll mal ein Drachen steigen lassen kann? Ich kam ganz in Verlegenheit, Rüppell, weil ich mir ja auch woll auf'n Himmel freue, abers doch nich so recht Bescheid weiß. Abers er fragt mir noch einmal, und dann noch einmal, und wird immer ängstlicher, weil ich ihn nich antworten thu. Und da kommt mit einemmal der Pfleger und sagt: Sei man ganz ruhig, klein Heine; der Herr Jesus wartet schon auf dir! Sollst mal sehen, was in'n Himmel für nette Kinners sind! Alle wollen sie mit dich spielen und freuen sich auf dir! Und er sagte noch viel mehr und viel schöner als ich das verzählen kann, und Heine wurde ganz still und geruhig und hat gar nix mehr gesagt. Bloß heute morgen, als die Sonne anfing zu scheinen, hat er mich noch einmal angelacht. Unkel, sagt er, nu gehts gleich los! Und denn is er still eingeschlafen!

Die Pferde standen und spitzten die Ohren, weil sie auf Rüppells Anruf warteten. Der saß aber auf dem Bock wie im Traum. Er hatte Folkerts Worte gehört, er sah, daß der Dithmarscher jetzt zurücktrat, und nun hob er mechanisch die Peitsche und zog die Zügel an.

Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung. Noch warfen die Fackeln helles Licht auf den Weg, – seitwärts standen die Arbeiter, die damit beschäftigt waren, einen andern Wagen zu beladen, und hinter ihm klang das dumpfe Klopfen; dann fuhr Rüppell allein unter dem dunkeln Septemberhimmel. Hell flimmerten die Sterne, und wer ein aufmerksames Auge zu ihnen erhob, der konnte immer mehr der leuchtenden Körper entdecken, die auf uns herab geschienen haben seit Erschaffung der Welt. Aber Rüppell war nicht gewohnt nach oben zu blicken. Er saß unbeweglich auf seinem Bock und ließ es geschehen, daß die Pferde aus einem kleinen Trab allmählich in ein gemächliches Schlendern fielen. Er sollte in dieser Nacht eigentlich noch einmal einen Leichentransport haben, aber er dachte nicht an den Auftrag, den ihm der Aufseher zuletzt zugerufen hatte. Seine Gedanken waren verstört, und ihm fiel immer wieder ein, wie es gewesen war, als Heine geboren wurde. Da hatte er seine Frau noch gern gehabt und sich unbändig gefreut, als er den Kameraden sagen konnte: ich habe 'nen strammen Jungen! Ja, damals waren die Zeiten noch gut gewesen; aber später war es ihm mit den Kindern doch zu viel geworden. Weshalb auch sorgte der Staat nicht für sie? Was sollte er, ein armer Arbeiter, mit ihnen? Und Rüppell schlug plötzlich auf die Pferde und fluchte auf den Staat. Dann sank er wieder in sich zusammen, und mit einemmale stand Roses Gestalt vor seiner Seele. Sie war an allem schuld. Hätte sie ihn nur gleich nach dem Tode seiner Frau geheiratet, dann wäre Heine natürlich nicht krank geworden, und seine andern Kinder auch nicht. Denen hatte die Mutter gefehlt, und wenn man ihm eine gemütliche Häuslichkeit gegeben hätte, dann würde es ihm auch nicht eingefallen sein, so viel in der Schenke zu leben und sein Geld auszugeben. Nein, sicherlich nicht. Rose war schuld an allem.

Er stöhnte wieder vor Wut und wollte auf die Pferde schlagen, als diese plötzlich einen Seitensprung machten und dann baumstill standen. Auf einem Prellstein am Wege saß eine helle Gestalt, die sich, von einer entfernten Laterne beleuchtet, gespenstisch ausnahm. Die Pferde, von Rüppell angetrieben, scheuten noch einmal. Wären sie jung und mutig gewesen, würden sie mit dem Wagen wohl in einen Graben gegangen sein; sie waren aber alt und abgetrieben; da blieben sie lieber regungslos stehen und ließen die Flut von Schimpfworten, die aus ihres Lenkers Munde kamen, geduldig über sich ergehen.

Rüppell war außer sich. Vor Angst und auch vor Zorn. Auch ihm erschien die helle Gestalt wie ein Gespenst, an dem seine Pferde ihn so bald wie möglich vorbeizuführen die Verpflichtung hatten; dafür, daß sie stehen blieben, hätte er sie töten können.

Plötzlich erhob sich die Gestalt und kam an seinen Wagen. Die Haare sträubten sich ihm, und das Vaterunser fiel ihm ein, über das er sonst spottete. Schon murmelten seine Lippen die erste Bitte, da klang eine Stimme an sein Ohr.

Rüppell, bist du es, und wo kommst du her?

Es was Roses Stimme, und es war dem Manne als ob sein eben erst erstarrtes Blut mit einem Feuerstrom vermischt würde.

Rose? fragte er halb zweifelnd.

Nun natürlich, gab sie in ihrem ihm bekannten verwöhnten Tone zurück, ich bin es. Ich habe mich vollständig verlaufen und weiß gar nicht, wo ich bin. Das kam von dem abscheulichen Droschkenkutscher! Was thust du denn hier? Hast du einen Möbeltransport?

Ja, sagte er, halb in Gedanken. Was hattest du denn mit dem Droschkenkutscher? fragte er dann, um nur etwas zu sagen.

Nun, der sollte mich doch aufs Land fahren zu netten Leuten, wo ich bleiben kann, bis die dumme Krankheit vorüber ist. Alle Menschen fliehen ja, und ich will natürlich auch nicht in der Stadt bleiben. Aber wir waren in verschiednen Dörfern, und nirgends wollte man mich aufnehmen. Der Ortsvorsteher hätte es verboten, sagten sie. Da sind wir denn kreuz und quer gefahren, und der Kutscher wurde böse und wollte immer mehr Geld haben, und dann klagte er über Schmerzen in den Beinen. Das waren natürlich Wadenkrämpfe, mit denen die Cholera immer anfängt, und da es doch schon dunkel wurde, bin ich schnell aus dem Wagen gesprungen und fortgerannt. Aber ich habe mich verlaufen und weiß gar nicht wo ich überall gewesen bin. Schließlich habe ich mich auf diesen Stein gesetzt und die Wagen gezählt, die vorüberfuhren. Eine ganze Menge, sage ich dir, Rüppell. Auch Leichenwagen, und ich habe mich sehr gefürchtet, bis ich eingeschlafen bin. Und dann hieltest du mit einem mal hier, und ich hörte deine Stimme.

Rose hatte schnell gesprochen. Es schien ihr eine Beruhigung zu sein, mit jemand sprechen zu können, und ihr Schwager hörte ihr still zu. Er hatte ein sonderbares, erstickendes Gefühl im Halse, aber er versuchte dieses Gefühls Herr zu werden.

Wo ist denn dein feiner Freund geblieben? fragte er, während er langsam vom Wagen kletterte und die Zügel über den Rücken der Pferde legte.

Der? Roses Stimme klang etwas verlegen. Nun, der ist davon gereist. Er sagte, seine Mutter hätte ihm telegraphiert, er solle in die Schweiz kommen, und mit einemmale war er fort!

Sie schwieg, und Rüppell konnte sehen, daß sie den Kopf hin und her wandte. Er stand jetzt neben ihr: er fühlte ihren warmen Atem auf seiner Wange, und er wußte, wenn sie jetzt einige Schritte zurücktrat, dann fiel das Licht der einsam brennenden Laterne dort auf ihr Gesicht und in ihre Augen.

Ja, Rüppell, sagte sie nun mit einem bittern Auflachen. Du hasts immer gesagt: alle Reichen taugen nichts – nun mußte ich dies auch merken! Er hat mir soviel geschenkt, und mir so gute Worte gegeben, daß ich wirklich glaubte, er hielte etwas von mir! Ich dachte auch ich wäre seine erste Liebe, was ich doch wohl verlangen konnte! Aber er hat vor mir eine feine Dame vom Theater geliebt, was mich wirklich ärgerte. Und als seine Mutter schreibt, er soll kommen, da hört er auf die, und mich läßt er sitzen. Mich, die schöne Rose Valentin! Aber ich zahle es ihm heim, dem Laffen! Er soll noch an seine Treulosigkeit denken.

Da nimmst du dir wohl einen andern? fragte Rüppell lauernd; und sie zuckte die Achseln.

Nun ja – wenn die Zeiten mal besser werden! In den Laden mag ich nicht mehr, und wenn man jeden Abend Champagner getrunken und fein gegessen hat – dann schmeckt vieles andre nicht mehr! – Aber nun laß mich bei dir einsteigen; hier ists kalt und eklig. Kommst du heute nacht noch nach Hause? Da kann ich ja mit dir gehen. Tante Tine giebt mir wohl ein Unterkommen, wenn sie mich auch auslümmeln wird! Aber was wissen so alte Frauenzimmer vom Leben!

Mich wunderts bloß, daß du nicht bange bist vor mir! sagte Rüppell mit schwerer Zunge, und Rose trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Aber sie konnte sein Gesicht nicht sehen und lachte ein wenig.

Bange? Nun Rüppell, du bist doch vernünftig geworden! Ihr Männer stellt Euch manchmal so schrecklich an –; aber nun ist ja alles wieder gut! Und du hast mir so viel Schaden gemacht! Mein Hut mit den prachtvollen Federn –

Sie stieß einen Schrei aus – denn der Mann hatte sie plötzlich an der Kehle gefaßt. Seine Rachbegier hatte sich bis dahin zügeln lassen; nun war sie übermächtig geworden, und der Branntwein, den er getrunken hatte, stieg ihm ins Gehirn. Er hatte nur einen Gedanken. Rose sollte sterben, und dann wollte er sie zu den Särgen in seinen Wagen werfen. Auf dem Kirchhof waren immer offne Gräber, und in der Dunkelheit konnte er mit Leichtigkeit eine Leiche ohne Sarg einschmuggeln, niemand würde es merken! –

Rose hatte nur einmal hell aufgeschrien, dann versagte ihr die Stimme, weil Rüppell ihr den Mund zuhielt. Er stopfte ihr sein Taschentuch zwischen die Zähne, und während er sie mit eiserner Gewalt auf die Erde niederdrückte, suchte er nach seinem Messer. Er wußte plötzlich nicht mehr, in welcher Tasche es steckte, und konnte sich auch nicht darauf besinnen. Wütend stieß er einen rauhen Schrei aus, einen Schrei, den seine Pferde mißverstanden; mit einem Ruck zogen sie den Wagen an. Allerdings nur einige Schritte weit, aber der Wagen schwankte doch hin und her, und vom Kutschbock polterte ein dunkler Gegenstand gerade vor Rüppells Füße. Es war Heines Sarg.

Mit einem Fluch ließ der Mann Rose los und nahm den kleinen Kasten in seine Arme. Ja, er vergaß Rose im Augenblick. Er vergaß seine Rache, seine Wut, seine Mordlust – er sah plötzlich eine Wiege mit einem rosigen Kinde darin, und dann saß er auf seinem Bock, ohne daß er wußte, wie er hinaufgekommen war. Ein feiner Regen begann zu fallen, der die Pferde zu ermuntern schien; sie gingen fort, ohne daß es einer Aufmunterung bedurft hätte, und Rüppell hielt den Sarg auf seinen Knien und lachte zufrieden in sich hinein. Er wußte nicht, wie es zugegangen war, aber er hatte Rose getötet, und nun fühlte er sich erleichtert. Wo sie geblieben war, das wußte er nicht, doch das ging ihn nichts an; sie war tot – ganz tot, mehr wollte er nicht. Kein einzigesmal blickte er zurück nach dem Wegrande, wo Rose saß und wimmernd an ihrem Knebel zerrte.

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