Beaumarchais
Verlag: C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung | Jahr: 1911
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10. Beaumarchais in London
Campagnes du Sieur Caron de Beaumarchais en Angleterre pendant les années 1774–1775–1776. Gaillardet, S. 218–225. Fournier, Introduction XXIV. – Boutaric, Correspondance secrète inédite de Louis XV. Paris, Plon, 1866, II, 356–361. – über Morande vgl. Brissot, Mémoires, 280 ff. Robicquet Théveneau de Morande. Paris, Quantin 1882. – Ich folge Gudin, Hist. de Beaumarchais 112 ff., ferner dem (undatierten, Ende Mai oder im Juni verfaßten) Rechenschaftsbericht Beaumarchais' an Ludwig XVI. Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv. – Archives des affaires étrangères, Angleterre, 1773 (502), 1774 (504. 505) Briefe d'Eons: als der Chevalier Morande Vorstellungen machte, antwortete er: » Que diable, je ne puis pas choisir un meilleur sujet pour en venir au but qui est l'argent. Voulez-vous que je fasse des romans ou des sermons, personne ne me lira.« Lauraguais war Beaumarchais' Beistand bei den Verhandlungen mit d'Eon: dieser ebenso geistvolle, als exzentrische Schuldenmacher war nach der Lektüre der Mémoires im Prozeß Goezmann ein unbedingter Beaumarchais-Enthusiast geworden ( Journ. hist. V.): späterhin wurde er ein Todfeind des Dichters, der von seinen abenteuerlichen Finanzplänen nichts hören wollte. (Vgl. Fournier 756.) Im Oktober 1775 löste Beaumarchais Morandes Leibrente gegen ein Kapital ab. ( Arch. des aff. étr., Angleterre 512.)
Pour vous livrer la guerre
Ma plume me suffit au défaut du tonnerre.
Le Gazetier cuirassé.
Beichtväter, Minister und Polizeigewaltige müssen endlich notgedrungen Menschenverächter werden: so meinte eines Abends der vielberufene Abenteurer »Graf« St. Germain im Salon der Pompadour und Ludwig XV. fiel ihm sogleich in die Rede mit dem schwermütigen Ausruf: Et les rois! Es war der Ausdruck seiner innersten Überzeugung; das Handwerk des Königs brachte ihm in der Tat die schlechteste Meinung von Mannesehre und Frauenwürde bei, seine Selbstkritik war größer, als seine Selbstachtung. »Kein rechtschaffener Kerl kann es an meinem Hofe aushalten«, so äußerte er wiederholt. Die Geringschätzung der Menschen nahm bei ihm selbst ihren Anfang und fand ihr Ende unter den Großen des Reiches sowenig, als unter den kleinen Leuten von Versailles. Wer immer ihm nahte, war von Eitelkeit oder Habsucht getrieben. Feil schien ihm alles, was in seine Kreise sich drängte, und Beaumarchais der letzte, der mit dem Ruhm auch das Martyrium des Volksmannes auf sich zu nehmen gedachte.
In der Besorgnis, das Urteil des Parlaments könnte am Ende doch vollstreckt werden, war unser blâmé in die Garderobe des Königs geflohen. Dort erfährt er von seinem Freunde La Borde, dem Kammerdiener Ludwigs XV., daß die Getreuen der Du Barry in höchster Aufregung seien über das Fehlschlagen aller Versuche, eine in London vorbereitete Schmähschrift » Mémoires secrets d'une fille publique« gewaltsam zu unterdrücken. Und alsbald schwillt das Herz Carons, von phantastischen Hoffnungen erfüllt. Er teilt La Borde sein Vorhaben mit, nach London zu reisen und insgeheim den Autor des Pamphlets durch ein ausgiebiges Schweigegeld zur Vernunft zu bringen; er hofft, indem er dem königlichen Herrn in dessen Liebeshändeln zu Willen ist, seine Feinde zu erniedrigen und sein Glück zu den Sternen emporzutragen. Der Kammerdiener spricht Ludwig XV. von Beaumarchais' Absicht und bald nachher begibt sich unser Held unter dem Schutze Contis in einem Wagen des Fürsten von Ligne über Gent nach London, wo er den Namen eines Monsieur de Ronac (Anagramm aus Caron) führt: ein Inkognito, das er selbst am wenigsten hütete. Es ist ein Todfeind Beaumarchais', der uns also die Vorgeschichte seiner Sendung erzählt, aber auch in den Darstellungen seiner Freunde nimmt sich der Sachverhalt nicht viel anders aus.
Gudin berichtet, daß Sartines dem Autor der »Mémoires« im Namen des Königs den Rat gab, sich nirgends blicken zu lassen und beileibe in den Händeln mit Goezmann und La Blache nichts weiter zu veröffentlichen. Daraufhin ließ der »französische Wilkes« (aus Flandern durch La Borde) an Ludwig XV. ein Schreiben gelangen, des Inhalts: er werde wohl schweigen, doch nicht aus Furcht, sondern freiwillig, da – Seine Majestät es wünsche; nur wolle er – bis vor Ablauf der gesetzlichen Berufungsfrist gegen das Urteil des Parlaments – im Ausland unter einem angenommenen Namen, von welchem er seinem königlichen Herrn Meldung machen werde, verweilen, nach diesem Beweise seiner Unterwürfigkeit aber heimkehren, um die schuldige Gerechtigkeit zu fordern: la justice est la dette des rois. Soweit mag Gudin gut berichtet sein: unglaubhaft klingt es aber, wenn er fortfährt: Kaum wäre Beaumarchais in England gewesen, so hätte der König La Borde gefragt, ob der um seiner Überlegenheit willen so vielgerühmte Freund nicht vielleicht vollbringen könne und wolle, was das Ministerium seit achtzehn Monaten fruchtlos anstrebe: das Erscheinen verschiedener druckreifer Schmähschriften hintanzuhalten. Gegen eine solche persönliche Einmischung des Königs spricht seine ganze Haltung in dieser Frage; gegen die Erzählung Gudins zeugt in unserem Falle aber auch noch ein (im Wiener Archiv abschriftlich erhaltener) Brief Beaumarchais', in dem er Ludwig XVI. Rechenschaft über die seinem Vorgänger geleisteten Dienste gibt, er bestätigt da selbst, daß er keinen unmittelbaren Auftrag von Ludwig XV. erhielt. Zur Befeuerung seines Tatendranges hatte die beiläufige Mitteilung La Bordes genügt, daß der Gazetier cuirassé bisher allen Anschlägen der Polizei, der List, wie der Gewalt erfolgreich Widerstand geleistet. Und nirgends hofft Beaumarchais, die ihm vom Parlament Maupeou aberkannten bürgerlichen Ehrenrechte rascher wiederzugewinnen, als unter der von Voltaire verfluchten canaille de la littérature, durch keine Leistung die Huld des Herrschers voller zu verdienen, als durch die Bezähmung des »neuen Aretin«, wie sich der Gazetier selbst nannte, während Mit- und Nachwelt ihn mit besserem Recht als »literarischen Bravo« behandelt.
Théveneau de Morande – dies der eigentliche Name des »Geharnischten« – von Geburt ein Burgunder, bereitete den Seinigen schon in seiner Jugend schwere Sorgen. Bei den Dragonern tat er nicht lange gut. Im Nu bringt er seinen Vater, einen ehrlichen Provinzanwalt, um 30 000 Franken, doch erst auf dem Pariser Boden kam sein Gaunergenie zu voller Entfaltung. Anfangs gefiel er sich als Parasit reicher Lebemänner, denen er ihre Schönen abspenstig machte. Die Polizeiinspektoren Sartines' sagen ihm noch weit schlimmere Dinge nach: er preßt Courtisanen Geld ab und wird als Dieb in einem verrufenen Hause dingfest gemacht. Über ein Jahr büßt der Schelm, homme dangereux pour la capitale, dies Stücklein im Gefängnis. Als man ihn endlich, seiner scheinbaren Reumütigkeit halber, freiläßt, hat Théveneau nichts Eiligeres zu tun, als dem Grafen St. Florentin eine Ode zu widmen, dermaßen gepfeffert, daß er, um seine besten Jahre nicht in der Bastille zu vertrauern, eilends nach England fliehen muß. Wohl trifft er mittellos in London ein, aber das ficht ihn nicht weiter an; flugs drängt er sich an reiche Wüstlinge, deren Geheimnisse er aushorcht und sich mit schwerem Gold abkaufen läßt. Im August 1771 verkauft er gegen ein Entgelt von 1000 Guineas das Manuskript des Gazetier cuirassé, ein Werk der Finsternis nach dem Wort Voltaires, eine zynische Skandalchronik, der alsbald mélanges confus sur des matières fort claires folgen. Es fehlt Morande nicht an freundlichen Aufmunterungen und Beiträgen von »hochgestellten Persönlichkeiten« in Versailles und Paris, aber auch an anderem Lohn fehlt es nicht immer: Graf Lauraguais prügelt ihn gelegentlich auf offener Straße und zwingt ihn, ihm vor Gericht kniefällig Abbitte zu leisten. Der Zwischenfall hält das Lästermaul nicht ab, gleich nachher an alle, nur irgendwie namhafte Franzosen, auch an den Alten von Ferney, Erpresserbriefe zu richten. Nur die wenigsten fertigen ihn spöttisch oder entrüstet ab und so nährt ihn sein neues Handwerk bedeutend besser, als sein altes, das er darum noch lange nicht aufgibt: Courtisanen zu brandschatzen. Beide glaubt er zu vereinigen, als er die Du Barry und Ludwig XV. wissen läßt, er habe ein vierbändiges Werk unter der Feder: »Geheime Denkwürdigkeiten einer öffentlichen Dirne«. Der König nimmt die Sache anfangs mit dem richtigen Gleichmut hin. Als ihm der Graf von Broglie zuerst von dem Handel schreibt mit dem Bedeuten, der Chevalier d'Eon sei bereit, Morande mit einem Schweigegeld von 800 Guineas vollständig abzufinden, lautet die Antwort: »es geschieht nicht zum erstenmal, daß man mir Böses der Art nachgesagt hat.« Die königliche Mätresse dagegen nimmt die Drohung nicht entfernt mit derselben Kaltblütigkeit hin. Schon das Gerücht, daß in dem Buch erzählt werde, wie der Erzbischof von Rheims ihr die Pantoffeln reiche; wie sie Maupeou die Perücke vom Kopf und den Kanzlertalar zum Schabernack von den Schultern reiße; wie Ludwig XV. seiner geliebten Chonchon den Kaffee kocht, unbeirrt durch ihre Frage: »möchte man es glauben, daß Du der Gebieter von 20 Millionen Franzosen bist?« – bringt ihre Getreuen in Aufruhr. Die Pariser Polizei versucht es, ungeschickt genug, zunächst mit einem Gewaltstreich; sie schickt eine Brigade nach London ab, die unter dem Vorwand einer Lustreise Théveneau auf ein in der Themse bereitliegendes Schiff locken und nach Frankreich entführen soll. Der Pamphletist bekommt Wind von dem Vorhaben und schlägt im eigentlichen Wortsinne neues Kapital aus der Verfolgung. Fürs erste läßt er die verkleideten Polizeiagenten in seine Nähe, selbst in seine Wohnung; nachdem er ihnen bei dem Anlaß ein schönes Stück Geld abgenommen, schlägt er aber Lärm und erhitzt die braven Londoner dermaßen, daß die Pariser Häscher fast gelyncht und in die Themse geworfen werden. Der Fall macht ungeheures Aufsehen, die Engländer haben die Juniusbriefe nicht umsonst gelesen. König und Ministerium sind machtlos dem Abenteurer gegenüber; es wiederholt sich, auf die diplomatische Anfrage Frankreichs, genau dasselbe, wie bei der, elf Jahre zuvor, vergebens geforderten Auslieferung eines weit gefährlicheren Störenfriedes, des Chevalier d'Eon; die Londoner Machthaber müssen mit Bedauern erklären: »Sein Benehmen ist verabscheuungswürdig, seine Person aber unverletzlich.« So verfahren ist der Handel, als Beaumarchais eingreift.
Als der Dichter des »Barbier« in London eintrifft, hört er auf seine vielfachen Erkundigungen, daß die ersten Exemplare der Schmähschrift schon gedruckt zur Versendung bereitliegen. Da er sogleich bei Morande vorspricht, verwehrt ihm dieser den Zutritt mit dem Bemerken, er sei allerorten von Mördern und Hinterhalten umgeben; die Pariser Regierung habe ihn neuerdings mit Hilfe einer bestochenen Magd knebeln und unschädlich machen wollen; wäre Monsieur de Ronac selbst ein Engel, seine Eigenschaft als Franzose müsse ihn von jedem Verkehr mit ihm absehen lassen. Mit solchen Redensarten kommt man keinem Beaumarchais bei; die Zeit drängt; durch List und Zähigkeit bringt er Théveneau de Morande nicht bloß dazu, ihn zu empfangen; er bestimmt ihn auch, mit der Veröffentlichung seines Pamphlets eine kurze Weile zuzuwarten. Mit einem Probeexemplar der Mémoires der Du Barry begibt sich Monsieur de Ronac inzwischen wiederum nach Versailles, um Ludwig XV. selbst lesen und entscheiden zu lassen, ob dies »höllisch boshafte Buch« nicht um jeden Preis zu unterdrücken sei? Der König nimmt mit behaglichem Wohlgefallen Morandes Buch und Beaumarchais' Diensteifer zur Kenntnis: alles Weitere überläßt er vorerst aber dem Herzog von Aiguillon, an den er Ronac weist mit dem ausdrücklichen Verbot: den Minister unter keiner Bedingung wissen zu lassen, daß der Monarch das Pamphlet erhalten und gelesen habe. Beaumarchais gehorcht selbstverständlich und spricht unter seinem Inkognito bei Aiguillon vor, seinem Leidensgefährten nach Gudins Bemerkung (denn auch der Herzog wäre vom Parlament von Paris wegen seiner Händel mit dem berühmten Jesuitenfeind La Chalotais »bemakelt« worden: eine Ehrenkränkung, die seiner Ernennung zum Kriegsminister und Leiter des Auswärtigen Amtes keinen Eintrag tat). Mr. de Ronac fand auch diesem nichtswürdigen Galan der Du Barry gegenüber die Eloquence du moment, so daß Aiguillon im Verlauf der Audienz plötzlich ausrief: »Entweder sind Sie der Teufel oder Beaumarchais in eigener Person.« Aber diese schmeichelhafte Erkennungsszene förderte die ferneren Unterhandlungen der beiden in keiner Weise. Der Minister, ein rachsüchtiger Gewaltmensch, verlangte vor allem den oder die Verfasser der Schmähschrift ausgeliefert oder doch wenigstens genannt zu erhalten. Und da sich Beaumarchais beharrlich weigert, Angeberei zu treiben, »der Handlanger einer allgemeinen Verfolgung, der Fackelträger von Häschern und Kerkermeistern der Bastille zu werden«, herrscht ihn der Minister so aufgebracht an, wie er in denselben Tagen Dumouriez hatte einschüchtern wollen. Während der letztere aber sogleich nach dem Degen griff, zog sich Beaumarchais betreten zurück und nur dem persönlichen Eingreifen des Herrschers zuliebe will der von Aiguillon entmutigte »Vertrauensmann« Ludwigs XV. eine zweite Reise nach London angetreten haben.
Morande hat inzwischen den weisen Rat d'Eons beherzigt, daß wer einmal gleich ihm das Handwerk eines Straßenräubers betreibe, dem eben vorbeifahrenden, goldstarrenden Galawagen ein so hohes Lösegeld als irgendmöglich abdringen müsse. Während sich der Gazetier vorher mit 800 Guineas ein für allemal hätte abfertigen lassen, forderte und erhielt er von Beaumarchais am 29. April rechtsförmlich und vertragsmäßig eine Abfindungssumme von 32 000 Livres, ferner eine Leibrente von 4000 Livres zugesichert, welch letztere nach seinem Ableben zur Hälfte auf seine Frau übertragen werden sollte. d'Eon hatte wohl recht, Morande scherzhaft vorzuwerfen, er wäre ein Tropf gewesen, sich bei derselben Gelegenheit nicht gleich auch aus Staatsgeldern Leibrenten für seine unehelichen Kinder, für seine Hunde und Katzen auszubedingen. Beaumarchais freilich berühmte sich dagegen, er habe Morande nicht bloß dazu vermocht, sämtliche Exemplare seines Pamphlets in einem großen Ziegelofen außerhalb Londons in Gegenwart von Lauraguais und Gudin vor ihm verbrennen zu lassen; es sei ihm überdies geglückt, den Gazetier aus einem gefürchteten Wilddieb in einen brauchbaren Jagdhüter zu verwandeln, d. h. Morande als wohlbesoldeten Spion der Pariser Regierung die französische Flüchtlingskolonie in London überwachen zu lassen. Zugleich heckte Beaumarchais einen weitergreifenden Plan aus, demzufolge mit Hilfe seines alten Madrider Freundes, des jetzigen Ministers Lord Rochford, fortan kein Franzose auf englischem Boden ungestraft gegen die heimatliche Regierung schreiben dürfe. Das einfache, wohlfeile Rezept Morandes befolgte er aus gutem Grunde nicht: der Gazetier meinte späterhin als erfahrener Fachmann, das gescheiteste sei, solchen Libellen gar keine Beachtung zu schenken; wenn die Machthaber sich um derlei Schmähschriften bekümmern, werden ihrer immer mehr; sonst verleiden Papierfabrikanten und Drucker unberufenen zahlungsunfähigen Pasquillanten am raschesten ihr Stücklein. Oeuvres VI, 263–267. Wiener Haus-, Hof- und Staatsarch. – Eine Reihe der folgenden Briefe danke ich der gütigen Mitteilung des würdigen Sohnes von Loménie, Charles de Loménie. – La calomnie! Et quel est le jour depuis 1774 où la calomnie s'est reposée autour de Marie Antoinette? Goncourt, Histoire de Marie Antoinette, Paris, Charpentier, 1878, S. 197 ff.
Trunken von seinen Erfolgen macht sich Beaumarchais auf die Heimfahrt. Schon sieht er die Schmach des Parlamentsurteils getilgt, schon wähnt er sich als geheimer diplomatischer und literarischer Agent in dauerndem persönlichen Verkehr mit dem König – da erfährt er bei seiner Landung in Boulogne die jähe schwere Erkrankung und bei seinem Eintreffen in Versailles den Tod Ludwigs XV. All seine Mühen und Reisen sind umsonst gewesen. »Ein anderer«, so schreibt er einem Freunde, »würde sich wegen solcher Schicksalstücke aufhängen«, Beaumarchais' Schnellkraft spottete des unvermuteten Schlages. Er war drauf und dran gewesen, der Vertrauensmann Ludwigs XV. in dessen heikelsten, höchstpersönlichen Angelegenheiten zu werden … der alte König war nun freilich tot. Was hinderte ihn aber, des gleichen Amtes, nur mit besserem Erfolge, bei dem neuen Herrn zu walten? Schätzte und beschützte ihn nicht der Polizeileutnant Sartines als einen der fähigsten Nothelfer? und durfte er nicht erwarten, daß das Regiment Ludwigs XVI. Pasquille gegen Marie Antoinette mit derselben Beflissenheit und Freigebigkeit unterdrücken werde, wie das alte die Schmähschriften gegen Du Barry? lag es nicht in seiner Hand, von Morande einen ganzen Katalog druckreifer, gegen die junge Königin gerichteter Libelle in Prosa und Versen zu erhalten und Sartines einzureden: seine ganze Zukunft hänge davon ab, Marie Antoinette bei ihrer Thronbesteigung den Beweis seiner Fürsorge in der Art zu erbringen, daß er nicht eine der ungezählten, von der Partei der Feinde Österreichs und ihrer Person, den d'Aiguillons, Maupeous, Mesdames und ihren Leuten ausgehenden Verleumdungen in die Öffentlichkeit und damit bis zu ihrem Gemahl dringen lasse? Auf die erste Nachricht Beaumarchais', daß in London das Erscheinen eines infamen, gegen die Ehre der Königin gemünzten Pamphlets bevorstehe, ist denn Sartines auch, von der Beredsamkeit und Gewandtheit seines Gewährsmannes gleicherweise bezaubert, unbedingt mit all seinen Vorschlägen einverstanden. Er stellt ihm Gelder und Vollmachten, kurz alles was er verlangt, zu Gebote. Das ist aber kein Kleines, Beaumarchais begehrt (aus Gründen, die uns bald klar werden dürften) eine eigenhändige Vollmacht Ludwigs XVI., in welcher der Monarch erklären soll: »Herr von Beaumarchais wird, meinem Geheiß zufolge, so rasch als möglich nach Holland und England abreisen, um meine geheimen Aufträge zu vollführen; die Schnelligkeit und Verschwiegenheit, die er dabei betätigen wird, sollen mir die willkommensten Zeichen seines Eifers sein.« Nicht auf einen Schlag erhält er einen so großen Beweis des königlichen Vertrauens, auf den er ungemein phantastische, seine verwegensten spanischen Anschläge überbietende Pläne baut; und doch baut er auf feste Grundlagen: auf seine genaue Kenntnis der Charaktere Sartines' und des Königs. Sein Unternehmen glückt denn auch anfangs über Erwarten.
In mehreren (im Wiener Staatsarchiv erhaltenen) Briefen offenbart er Ludwig XVI. zunächst alles und vielleicht noch etwas mehr, als was er in Wahrheit für dessen verewigten Großvater ins Werk gesetzt hat. Er berichtet auch, daß er Théveneau de Morande unter dem Vorwand, alte, im Tower aufbewahrte, die Rechte beider Kronen betreffende Urkunden zu prüfen, ein Jahrgehalt ausgeworfen habe, damit er genauen, regelmäßigen Bericht über alle wichtigen politischen Ereignisse und über alle Erzeugnisse der Schmutzliteratur erstatte. So habe er erfahren, daß gegen die Königin unter dem Titel: » Avis à la branche espagnole« eine Schmähschrift vorbereitet werde, die zugleich in London und Amsterdam gedruckt werden solle. Seine (Beaumarchais') Sache sei es, dieses Vorhaben zunichte zu machen; er gedenke aus England über Holland heimzureisen, um auch dort einen Geheimkorrespondenten zu bestellen und durch kluge Maßregeln in diesen beiden Reichen zügelloser Preßfreiheit alles aufzuhalten, was gegen den König und die Seinigen in Umlauf gebracht werden könne. Schon habe ihm in dieser Richtung Lord Rochford seinen vollen Beistand zugesagt: allerdings nicht als Minister Englands, sondern als Parteigänger Frankreichs; dazu sei aber zuvor noch erforderlich, daß Beaumarchais seinen alten Freund durch schlüssige, urkundliche Zeugnisse davon überzeuge, daß er auf den unmittelbaren Wunsch und Befehl des Königs handle. Er benötige also erstens einen Paß auf den Namen Ronac, zweitens einen Kreditbrief auf 500 Guineas, drittens die S. 211 in Beaumarchais' Entwurf ihrem vollen Wortlaut nach mitgeteilte Vollmacht. Auf diese eigenhändige Erklärung Ludwigs XVI. legt unser Held (auch in den Briefen an Sartines Sartines erklärte späterhin ausdrücklich, daß die erste Mitteilung, in betreff des anstößigen Pamphletes gegen Marie Antoinette, von Beaumarchais ausgegangen sei. Vgl. die Depesche Mercys bei Arneth, 55. – Ich folge hier außer Gudins Biographie einem mir von Charles de Loménie mitgeteilten Brief.) den größten Nachdruck: wie leicht könnte man ihn sonst, so wiederholt er mehrmals, in der Fremde nur für einen gewöhnlichen Späher oder Polizeiagenten halten? Sartines trägt Beaumarchais am 25. Juni kurzweg auf, abzureisen; an dem Paß und Kreditbrief läßt man es nicht fehlen. Aber obgleich er das so dringend geforderte königliche Handschreiben noch nicht erhält, schreibt er einem Vertrauten triumphierend: »der Teufel, der mein Leben schaukelt, hat mir meinen Herrn und Beschützer geraubt; gleichwohl sehe ich getrost zu, wer von uns beiden zäher sein wird, der Satan oder ich.« Und nun folgen geheimnisvolle Andeutungen: er sei im Begriff, mit ehren- und vertrauensvollen Aufträgen des neuen Herrn in neue Länder abzugehen. Der Boden brennt ihm unter den Füßen, aber noch muß er seine Reise um einen Tag aufschieben, da Conti ihn dringend bittet, der Aufführung eines neuen Dramas auf seinem Liebhabertheater im Temple beizuwohnen: »So wurde mir vor meiner Abfahrt nach London das rührendste Schauspiel beschieden; man (Marsollier) hat mein spanisches Abenteuer, schlankweg nach meinem Mémoire, auf die Bühne gebracht; das Stück« – »Norac und Javolci«, d. h. (im Anagramm) Caron und Clavijo – »wurde so lebhaft beklatscht und die ganze Gesellschaft hat sich unter so herzlichen Beifallsbezeugungen mir zugewendet, daß ich unter dem Eindruck meiner Erinnerungen und dieser Auszeichnung in helle Tränen ausbrach.« Marsolliers Stück ist abgedruckt in Bd. III seiner Oeuvres choisies, Paris 1825, unter dem Titel: »Beaumarchais à Madrid«. Der ursprüngliche Titel ist aufrechterhalten in einer sehr freien italienischen Umarbeitung Norac e Javolsi. Drama inedito di Mars … de Viv … Riduzione italiana dal Signor Francesco Gardini. Venezia 1809. (Terza raccolta di scenici componimenti.) – Vgl. auch Marsollier des Vivetières. Lettres inédites communiquées par Emile Perret de la Menue. Lyon 1866.
Am nächsten Morgen verläßt der Held des Marsollierschen Stückes Paris. Auf der Überfahrt wird das Schiff von einem furchtbaren Sturm heimgesucht und Beaumarchais dermaßen seekrank, daß ihm ein Blutgefäß springt; seine Unpäßlichkeit hält ihn jedoch nicht ab, von London aus Sartines sogleich mit einer Flut von Nachrichten heimzusuchen. Es sei ihm, dank einer wohlgelungenen intrigue de valets geglückt, den Drucker des Avis zu bestechen und sich heimlich, für ein paar Nachtstunden, das Manuskript des Libells zu verschaffen: die Schmähschrift sei von so giftiger Bosheit gegen Marie Antoinette erfüllt, daß alles an die Unterdrückung des Pasquills gesetzt werden müsse; die Anschuldigungen gegen die Königin seien zudem so tückisch, daß man Ludwig XVI. schlechterdings nicht die Schrift ihrem vollen Umfang nach mitteilen dürfe, der König könnte sonst selbst Verdacht schöpfen; zum mindesten aber würde Marie Antoinette nie verzeihen, daß man ihr eine solche Beleidigung nicht erspart habe. Alles hänge nun davon ab, daß Sartines ihn wirksam unterstütze; während er (Beaumarchais) aber von nicht gar hoch fallen könne, gefährde der Polizeigewaltige, Allbeneidete, Vielbefehdete in dieser Sache seine glänzende Stellung, Gegenwart und Zukunft. Schaffe er ihm die königliche Vollmacht, so könne er für den Erfolg einstehen; sonst macht der Briefsteller Sartines für alle Folgen verantwortlich.
Es brauchte nicht so vieler Worte, um den Polizeileutnant willfährig zu stimmen. Im vollen Vertrauen auf Beaumarchais als Retter aus so arger Gefahr, bringt es Sartines zuwege, daß Ludwig XVI. eigenhändig an Beaumarchais, wortwörtlich nach dessen Vorschrift, das langerbetene Schreiben richtet. Am 11. Juli schickt der Polizeileutnant das kostbare Blatt nach London mit einem Begleitbrief, in dem er seinen Vertrauensmann um möglichst viele Nachrichten bittet. Daran läßt es unser Held nicht fehlen; er überschüttet Sartines mit Briefen, auch aus Orten, die niemals in den ursprünglichen Reiseplan einbezogen waren: denn Beaumarchais eilt gleich nach Erhalt des königlichen Handschreibens nach – Wien, wie er versichert auf der Jagd nach einem betrügerischen Drucker, der ihm nicht alle Exemplare der Schmähschrift ausgefolgt, in Wahrheit von der Absicht geleitet, als beglaubigter Vertrauensmann des Königs sich bei Maria Theresia einzudrängen und die Gunst der Kaiserin durch seine angeblichen Bemühungen um ihre Tochter zu gewinnen. Was ihm bei seinen spanischen Entwürfen vorschwebte, mit Hilfe der Marquise de la Croix der allmächtige Mittelsmann zwischen Frankreich und Spanien zu werden, das wollte er nun unter besseren Vorbedingungen in seinen Wiener Anschlägen vollenden: der unentbehrliche, geheime Agent zwischen zwei Höfen und Reichen zu sein. Während er aber in Spanien die Liebe Karls III. zu einer schönen Sünderin in den Mittelpunkt seines Kalküls gestellt hatte, rechnete er diesmal mit einer weit edleren und zuverlässigeren Neigung, der Mutterliebe der Kaiserin für ihr so grausam angefeindetes Kind. Und wenn zu guter Letzt Beaumarchais' neuer Plan noch schmählicher fehlschlug, als seine spanischen Projekte, so traf ihn diesmal schwerer, als wahrlich nicht geringe Schuld, auch der Fluch der Lächerlichkeit: denn der vermeintlich allen Regenten und Ministern überlegene Monsieur de Ronac brachte zu seiner eigenen Verherrlichung eine Kriminalkomödie in Umlauf, deren plumpe Lügen damals sofort von den stumpfsten und schärfsten Geistern, von dem Postknecht, der ihn des Weges führte, bis zum Staatskanzler Kaunitz, der ihm das Handwerk legte, durchschaut wurden und heute noch seinen Ruf als gewitzter Kopf in Frage stellen. Wir haben mit diesen Bemerkungen der Darstellung nicht vorgegriffen: denn alle folgenden Erzählungen Beaumarchais' wollen nicht auf Treu und Glauben hingenommen, sondern nur als phantasievolle Geschichten eines noch dazu ungeschickten »Maschinisten« aus der Schule Figaros geprüft und beurteilt sein.
Beaumarchais berichtet, daß der Eigentümer des Libells » Avis à la branche espagnole«, ein sicherer William Atkinson, sich gegen ein Honorar von 1200 Guineas bereit erklärt habe, 4000 Exemplare der Schmähschrift in London, beziehungsweise in Amsterdam, zur Vernichtung auszuliefern; dagegen verpflichtet sich Beaumarchais in einem, wesentlich nach dem Schema des Morandeschen Vertrages gehaltenen (im Wiener Staatsarchiv aufbewahrten) Abkommen, Atkinson eine Anzahlung von 400 Guineas, den Rest von 800 Guineas aber in Amsterdam zu geben.
»Und am nächsten Samstag, 23. Juli, 3 Uhr morgens, habe ich, Ronac, mich zu Fuß von London auf die Straße nach Oxford begeben und daselbst einen Wagen aus jener Richtung mir entgegenkommen gesehen; Herr Atkinson ist mit zwei Begleitern, anscheinend Druckerjungen, ausgestiegen; der Wagen fuhr nun ungefähr eine Viertelmeile seitwärts; endlich wurde an einem ziemlich abgelegenen Orte Halt gemacht, dort wurden 4000 Exemplare aus dem Wagen genommen und genau gezählt: alles stimmt; nur acht Exemplare weist Atkinson in verletztem, beflecktem Zustand vor.«
Als sich Ronac aber nun auch das Manuskript zeigen läßt, bemerkt er (der sich vorher durch List Einblick in das Original verschafft haben will), daß dasselbe nur eine Ab-, nicht die Urschrift sei. Atkinson will Ronac glauben machen, daß er kein anderes habe; als dieser aber zur Antwort gibt, er lüge und er würde nicht eher abgefunden werden, bevor er Ronac nicht das Originalmanuskript ausfolge, errötet (!) Atkinson und gesteht, daß er dasselbe wohl besäße, aber dessen Rückstellung (an den Autor?) versprochen habe. Ronac setzt dem Ertappten so scharf zu, daß dieser sich endlich zu Wagen aufmacht, um das gewünschte Manuskript aus Oxford zu holen. Inzwischen läßt Ronac mit Hilfe der Druckerjungen Feuer an die Druckschriften legen, so daß fast die ganze Auflage verbrannt war, als Atkinson nach dreistündiger Abwesenheit wieder zurückkehrte. Eine Weile weidete sich Beaumarchais an der Bestürzung des Ankömmlings über diesen Streich; dann gab er ihm die bedungenen 400 Guineas und willfahrte auch Atkinsons Verlangen, daß alle handschriftlichen Kopien zu seiner, wie zur Sicherheit seiner Auftraggeber mitverbrannt würden. Über alle diese großen und kleinen Vorfälle setzt Beaumarchais-Ronac ein Schriftstück auf, das er auf seinen Knien zu Papier bringt. Der Schlußsatz des merkwürdigen Protokolls lautet: »Auf meine Bemerkung, daß mein Kontrahent sehr wahrscheinlicherweise nicht Atkinson heißt, da er einem Italiener weit mehr, als einem Engländer gleiche, gestand er mir, daß sein eigentlicher Name: G. Angelucci laute. Demgemäß verlangte ich, daß er die gegenwärtige Quittung über 400 Guineas auch mit diesem, seinem echten Namen fertige, was er denn gleichfalls tat.«
An demselben 23. Juli findet Beaumarchais aber noch Zeit und Lust, seinem alten Freund Garrick brieflich für den Anteil zu danken, den er, wie vordem an der »Eugénie« The private correspondence of David Garrick. London 1831. S. 609. Dieser Brief, sowie ein früherer (s. oben S. 93) in Betreff der Eugénie, ist den Beaumarchais-Biographen bisher entgangen., nun auch am »Barbier von Sevilla« genommen: er werde unbedingt nach seinen, des erfahrenen Theatermannes, Vorschlägen Bartolos Diener L'Eveillé Opium geben und ihn auf offener Szene schlaftrunken zeigen. »Als ich just an diese Verbesserungen ging, erhielt ich einen Brief aus Paris, demzufolge eine Dame eine Abschrift meines Stückes in Gesellschaften umlaufen und vorlesen lasse. Die Nachricht hat mich dermaßen aufgeregt, daß ich auf der Stelle beschloß, den »Barbier« in fünf Akte umzuarbeiten, damit mir in Frankreich niemand mit einem unbefugten Druck meiner Komödie zuvorkäme.« (Eine Schlimmbesserung, die der Pariser Uraufführung des »Barbier von Sevilla« verhängnisvoll werden sollte.) Zugleich übersendet er Garrick ein vollständiges Exemplar seiner Mémoires im Prozeß Goezmann als Zeichen seiner Achtung und Sympathie: ja er hätte das Geschenk dem großen Schauspieler und seiner Frau am liebsten persönlich überbracht, wenn ihn nicht »unaufschiebbare Geschäfte« nach Holland abberiefen.
Am 24. Juli schifft er sich nach Calais ein. In diesem französischen Hafen angelangt, schreibt er Sartines, in längstens vierzehn Tagen wolle er wieder daheim sein; indessen habe er in England seine Operation trotz mannigfaltiger Fährlichkeiten glücklich zum Abschluß gebracht. Das war nun freilich eine (bewußt oder unbewußt vorgebrachte) irrige Behauptung, denn in Holland beginnen erst die Schwierigkeiten oder – Reinekestücklein seiner Sendung. Am 3. August will Beaumarchais Angelucci in Amsterdam getroffen und von ihm eine dritte Abschrift des Manuskriptes, sowie die in London gedruckten Blätter des Vorwortes erhalten, zum Entgelt aber Atkinson am nächsten Tag einen namhaften Betrag in Barem und den Rest in Wechseln gegeben haben. Der Handel scheint vollständig beendigt. Da sendet er plötzlich am 6. August einen Brief nach Paris, in dem er sehr entrüstet anzeigt, Atkinson sei abends zuvor jählings aus Amsterdam verschwunden. Diese überhastete Flucht habe ihn auf den Verdacht gebracht, Atkinson-Angelucci sei vielleicht gar mit einem andern Manuskript des Libells durchgebrannt, um dasselbe anderwärts zu veröffentlichen. Und sein Verdacht sei Gewißheit geworden, als er von einem engeren jüdischen Landsmann Angeluccis, dank einer Bestechung von 25 Louis, in Amsterdam erfahren habe, der Flüchtling sei auf dem Wege nach Nürnberg, um in einer deutschen, und wenn das nicht gelingen sollte, in einer heimischen italienischen Druckerei die Schmähschrift drucken zu lassen. Diese völlig unerwartete Neuigkeit bestimme ihn, dem wortbrüchigen Angelucci über Trier und Köln in Eilfahrten nachzusetzen. Sein angebliches Ziel ist Nürnberg, denn – so schreibt er am 12. August aus Frankfurt am Main – er hoffe mit voller Zuversicht, Atkinson noch vor den Toren dieser Stadt einzuholen. Er klagt über Schmerzen in der Brust, Fieber und Reisestrapazen auf den schlechten Fahrstraßen; er bedürfe dringend einen Aderlaß, um seine Lebensgeister wieder aufzufrischen. Trotzdem will er nur vier Stunden in Frankfurt verruhen: so wichtig sei es, des Italieners habhaft zu werden. Aber so hastig er auch vorwärts stürmt, er hätte vielleicht doch noch einen freien Augenblick erhascht, die Bekanntschaft des in derselben Stadt weilenden Frankfurter Anwaltes zu machen, der just vorher sein spanisches Abenteuer dramatisiert hatte, sofern Mr. de Ronac von diesem Stück überhaupt etwas gewußt hätte; der junge Goethe aber, der nachmals den Spuren Cagliostros in Italien nachging, würde sicherlich mit Anteil den fremden Abenteurer aufgenommen und betrachtet haben, der vor dem größten Theaterstreich seiner Reise steht.
Unterwegs, zwischen Würzburg und Diebach, hört Mr. de Ronac, daß letzthin der Postwagen bei Possenheim ausgeraubt worden: eine Neuigkeit, die er für den Plan seines Intrigenstückes als dankbares Motiv eines unvorhergesehenen Zwischenspiels sofort zu verwerten gedachte. Kurz vor der Einfahrt in die Station Neustadt a. d. Aisch bemerkt nämlich der Postillon, daß »sein Passagier aufsteht und aus dem Sitzkästlein etwas wie ein Kammfutter und daraus einen Spiegel und ein Scheermesser heraustut«. Der Kutscher Dratz fährt infolgedessen langsam, ganz bedenklich, daß der Passagier sich unter dem Fahren sollte rasieren wollen. Beim Lichtenholz (einem kleinen Wäldchen zur Linken der Chaussée) läßt der Passagier halten, steigt aus, heißt durch seinen Bedienten den Postillon weiterfahren und geht mit dem spanischen Rohre in der Hand in das Gehölz. Der Postillon war der Meinung, es geschehe eines natürlichen Triebes willen; doch weilen in der Nähe einiges Gesträuch, vermochte er nicht abzusehen, warum derselbe so weit holzeinwärts gehe. Als der Postillon wieder haltmachen will, verwehrt ihm das der Bediente. Gemächlich trotten die Pferde bis an das Ende des Wäldchens. Hier wartet der Postillon, da der Passagier nicht nachkommt, »bey einer halben Stunde. Mittlerweile wären drei Handwerksbursche, Zimmergesellen, so bey ihren Bündlen Zwergäxte auf dem Rücken gehabt, nachgekommen, und als eine Weile darauf der Passagier auch wieder beykommen, hätte solcher ein weißes Tüchlein um die eine Hand gewickelt gehabt und, wie der Bediente dem Postillon auf Deutsch gesagt, gesprochen, er hätte Spitzbuben gesehen. Es hätte demselben aber nichts gefehlt, noch er (Sager) an des Passagiers Hand oder sonst am Leibe etwas gesehen, und er dahero zu dem Bedienten gesprochen: vielleicht hat der Herr die Handwerksbursche gesehen und vor Spitzbuben gehalten. Der Passagier habe sich dann wieder eingesetzt und fortfahren lassen. Als er durch die Statt oberhalb dem Armenhaus gekommen war, ließ er die Fenster aufmachen«; hiebei sah Dratz, daß Jenem »Blut durch das weiße um die Hand gewundene Tüchlein dringe, auch an der linken Seite des Halßes an der Halßbinde etwas Blut seye und auf sein Fragen derselbe gesagt: er wäre geschossen worden«. Der Postillon will nun sogleich zu dem Stadtvoigtey-Amt zurück; das leidet aber Beaumarchais nicht, sondern eilt weiter nach Nürnberg. Gleich nach seiner Ankunft im Gasthof zum Rothen Hahn fragt Ronac nach dem Bürgermeister, zu dem er gehen müsse. Auf den Bescheid des Wirtes Konrad Gruber, daß es wohl schon zu spät sei, verschob er sein Vorhaben auf den nächsten Tag und erzählte vor dem polnischen Obristleutnant von Nitschky und dem Postsekretär von Fetzer: »er sei am hellen Tag zwischen 3–4 Uhr von Straßenräubern angefallen und verwundet worden; er wäre vor Neustadt, um sich zu erleichtern, in das Tannenwäldchen gegangen: sogleich aber hätte er einen zu Pferd auf sich zukommen sehen, desgleichen einen andern zu Fuß. Jener wäre stark auf ihn hergeritten und hätte ihm alsogleich mit bloßem Seitengewehr einen heftigen Stoß mörderisch auf die Brust versetzt. Zum Glück für ihn wäre der Stoß jedoch auf seinem an einer goldenen Kapsel anhangend gehabten Orden abgeglitscht, so daß er dadurch am Kinn verwundet wurde und an der Brust eine Quetschung erlitten. Zugleich schilderte er beide Kerle, die »er nach allem Augenschein für Juden hielte, in einer eigenhändigen Beschreibung auf das natürlichste«. Mit der Vollständigkeit seiner Theateranweisungen vergegenwärtigt er die beiden Räuber ihrer äußeren Erscheinung, ihrer Tracht und ihrem Behaben nach. Und er hat nicht bloß die gelbe Gesichtsfarbe und Adlernase des einen, das blonde Haar und die vollen Wangen des zweiten bemerkt: er kennt auch ihre Namen; die Spießgesellen haben einander angerufen, und Ronac hat deutlich vernommen, daß die Bursche – Angelucci und Hatkinson heißen. Die Stammgäste des »Rothen Hahns« bezeugen dem Fremdling natürlich ihre lebhafteste Teilnahme. Der Wirt sieht auch, daß Ronac »an der Hand lädiert sei; doch zeigt ihm der die Blessur nicht ganz, sondern tut die Binde nur etwas beiseite; auch läßt er sich ein ihm angebotenes englisches Pflaster weder auflegen noch sich von einem Chirurgen verbinden«. Am nächsten Morgen steht er vorzeitig auf, so daß ihn der Wirt »nicht gar zu richtig im Kopf halten kann«. Vormittags geht er noch zum Bürgermeister, dem er, nachdem er bei seinem Besuch die ganze »Räubergeschichte« erzählt hat, in einem sogleich nachgesandten Brief noch anzeigt: »man werde den von ihm so genau beschriebenen Mann um so leichter ausforschen und erkennen, als er ihm mit dem Pistolengriff ein paar Zähne eingeschlagen habe; vielleicht sei er auch an den Hüften verwundet, denn als er sich auf den Boden warf, habe Ronac dessen Ledergürtel aufgeschnitten, um ihn zu fesseln und mit sich fortzuschleppen, ein Vorhaben, das nur daran scheiterte, daß ein paar Spießgesellen des Wegelagerers in der Ferne erschienen. Da nun der Klang des Posthorns auch die Spitzbuben irremachte, habe er sich zurückgezogen, das Rohr in der Rechten, die Pistole in der Linken«. Nach diesen überraschenden Enthüllungen verläßt Mr. de Ronac, »ein Edelmann aus Frankreich«, Nürnberg mit dem Bedeuten, dringende Geschäfte führten ihn nach Wien zur Kaiserin, unterdessen mögen die Magistrate innerhalb ihres Gerichtsbannes nur besonders acht auf die beiden Räuber Angelucci und Atkinson haben. Zu Wagen setzt er die Reise bis Regensburg fort. Das Schüttern der Kutsche schmerzt ihn jedoch dermaßen, daß er daselbst seine Chaise auf ein Floß stellen läßt und seine Fahrt auf der Donau fortsetzt. Er ist kaum zu Schiff, als er auch schon sein Abenteuer nach Paris berichtet: in zwei umfangreichen Briefen Wohl an Sartines: der Adressat in dem mir von Charles de Loménie mitgeteilten Briefe heißt Talia: offenbar ein Leihname., die biographisch und psychologisch für die Kenntnis Beaumarchais' gleich wichtig sind. Er berichtet alle Einzelheiten des räuberischen Überfalles. Abgelöst werden diese Historien ab und zu von lebendigen Augenblicksbildern der Landschaft und Staffage. Am eigentümlichsten sind aber unablässige Betrachtungen seiner Individualität und Lage: eine Selbstzergliederung, die all diejenigen zum Nachdenken, wo nicht gar zum Schweigen mahnt, die Figaros Monolog als unnatürlich anfechten, da nun und nimmer ein Mensch im Zustand der höchsten Aufregung die eigene Persönlichkeit und das eigene Geschick so einläßlich und so kritisch analysieren werde. In den Schreiben an Roudil und Gudin und in gar vielen andern Briefschaften Beaumarchais' finden wir ein gleiches: er spricht zu sich und zu andern von niemandem lieber, fleißiger und selbstverräterischer, als von seinem interessanten Ich. So vergleicht er sein Abenteuer zunächst mit dem Erlebnis des Cartesius, der ja auf demselben Flusse stromab fahrend und im Kahne behaglich lesend, hörte, wie die Schiffer (im Glauben, er verstände ihre Sprache nicht) sich verabredeten, ihn zu töten. Mit derselben Geistesgegenwart, mit welcher der Philosoph aber angesichts der Meuchelmörder seine Waffen prüfte, habe er einen räuberischen Überfall zuschanden gemacht. Damit aber seine Freunde, vor allem aber seine Freundinnen nicht erst aus dem Zeitungsblatt erschreckende und lügenhafte Berichte von dem Zwischenfall erhalten, erzählt er selbst die Geschichte, nur breiter und weiter ausgeschmückt, als den Nürnberger Honoratioren. Beaumarchais weiß nun mit einem Male, daß die Räuber deutsch geredet, daß er dem ersten Strolch stumm seine Pistole zeigte und also rückwärts schreitend, sich an eine dicke Tanne lehnte und mit einer geschickten Wendung den Baum als natürliche Schutzwehr gegen den Angreifer benutzte. Und nun folgt die ausführliche Beschreibung des Handgemenges, bei dem der erste Räuber, nachdem Beaumarchais' Pistole versagte, mit voller Wucht einen Dolchstoß auf seine Brust führte. »Es war um mich geschehen,« ohne die wunderbare Fügung mit der goldenen Kapsel, die nun in neuer Pracht vergegenwärtigt wird. In Frankfurt habe er nämlich ein Seidenfutteral für den Talisman (der königlichen Vollmacht) machen lassen, da er das kalte Metall bei der Hitze nicht auf bloßem Leibe tragen wollte D'Eon bei Gaillardet: Semblable à un galérien il porte à son cou une chaîne d'or, à laquelle est suspendue une petite boîte contenant une petite commission secrète, large tout au plus d'un ou deux pouces, signée par Louis XVI. Avec ce talisman il se croit bien supérieur aux ministres du roi etc. S. 422. 423. Vgl. l. c. 258. 259. 302 ff.. Die unvermutete Rettung aus solcher Todesnot habe ihm neue Kraft gegeben, wie ein Tiger sei er auf den Banditen gestürzt. Wenn er nun auch ein paar Schnittwunden an Hals und Händen abbekam, so habe er den Feigling doch überwältigt, so daß sein nichtswürdiger Kamerad das Roß des Bezwungenen bestieg und sich davonmachte, »während der letztere kniend, mit gefalteten Händen und den Worten: O mein Gott! um sein Leben flehte«. Schon wäre der Erzähler drauf und dran gewesen, den Banditen umzubringen: »da kam mir in den Sinn, daß die Tötung eines fußfällig um sein Leben flehenden Menschen eine Art von Mord, eine jeden Ehrenmannes unwürdige Feigheit sei«. Mein Lakai und der Postillon (? vgl. S. 218, 219 und 240) sagten, sie hätten den Spitzbuben mit der blauen Weste ohne Ärmel, den Rock über die Schulter geworfen, neben dem Wagen vorüberlaufen gesehen; vielleicht hoffte er meinen Wagen zu plündern, da er sich meiner Börse nicht hatte bemächtigen können. Ich wusch mit einem uringetränkten Taschentuch meine Wunden; die auf der Brust war nur eine leichte Schramme, die am Kinn aber sehr tief; ein Glück, daß bei dieser Verwundung nicht das Hirn verletzt wurde! Mein schlimmstes Leiden aber bleibt ein stechender Schmerz in der Magengrube bei jedem Atemzug« – vielleicht Nachwehen der schweren Seekrankheit und der anstrengenden Wagenfahrt auf den vielgescholtenen erbärmlichen Straßen – »ich muß im Handgemenge einen starken Schlag in diese Gegend bekommen haben, den ich nicht sogleich verspürte. Künftig wird man meinen Beinamen ändern und mich statt Beaumarchais le blâmé Beaumarchais den »Benarbten« ( balafré) nennen müssen. ( Balafré, setzt er ganz im Stil seiner Zeit hinzu, qui ne lassera pas que de nuire à mes succès aphrodisiaques; mais qu'y faire?) Meine Geschäfte sind beendigt. In drei Wochen kann ich in Paris sein. Ich halte es mit dem Wort: Fleisch und Blut kehrt immer wieder. Adieu, mein Freund! Versammeln Sie, ich bitte Sie darum, zu Ehren des armen Krüppels meinen Vater, meinen kleinen Gudin, Freund Chateigneraye, Lépine, kurz, wen Sie wollen, und trinken Sie, nachdem Sie allen die Geschichte umständlich erzählt haben, auf meine Gesundheit. Wenn Ihr mich wiederseht, werdet Ihr es machen, wie die Bauern, in deren Dörfern ich haltmache und die mein Abenteuer von den durchkommenden Postillons gehört haben. Sie rotten sich um meinen Wagen zusammen und sagen, wie mein Diener mir verdolmetscht: »Seht doch, da ist der Franzos, der im Wald von Neustadt totgeschlagen wurde.« Ich lache und sie sperren die Mäuler voll Verwunderung auf, einen Ermordeten lachen zu sehen. Aber ich spreche von gestern, denn heute bin ich auf der Donau, einem sehr schönen Fluß, dessen vielgekrümmter Lauf jeden Augenblick ein anderes Bild der Uferlandschaft bietet.« Rühmend gedenkt er noch der allgemeinen Teilnahme und Hilfsbereitschaft, die er vom Bürgermeister bis zum Gastwirt bei allen Nürnbergern gefunden: »Ich schickte eines Tages dem Prinzen von Conti aus Ostende eine Schilderung des Lebens und Treibens im Hafen, mit der Bemerkung, daß wenn ich an den Schranken des Parlaments von Paris ein wenig mit der Menschheit hadern mußte, ich mich am Hafendamm von Ostende gründlich mit ihr aussöhnte. So habe ich auch in Nürnberg all die Menschenliebe wiedergefunden, die mich in Neustadt verlassen hatte.«
Der überlange Brief tut seiner Schreiblaune so wenig Eintrag wie seine Wehleidigkeit: am nächsten Tag ist er flink dabei, auch Gudin in einer umfänglichen Epistel zum Herold seiner Heldentaten zu bestellen. An den Linzer Landungsplatz kommen zwei Hirten mit ihren Klarinetten; die Schäfer spielen vortrefflich und die Hoffnung auf ein paar » craitches« (Kreuzer) läßt sie trotz Sturm und Regen ausharren. »Sie kennen meine Liebe zur Musik und wissen, daß ich nun gleich guter Dinge bin. Zwei Waldhornspieler gesellen sich zu den Klarinettisten, und damit bin ich meilenweit von allen Dieben, Dolchen, Wäldern, Parlamenten, kurz allen bösen Quälgeistern entfernt, die viel unglücklicher sind, als ich, den sie so sehr verfolgt: denn sie haben Unrecht. Aber schon naht eine neue Verfolgung: man untersucht mein Gepäck, um nachzuforschen, ob ich nicht bloß in meinem Felleisen, sondern vielleicht gar in meiner Brieftasche irgend etwas mitführe, was den Gesetzen der Kaiserin widerspricht. Das Lustigste aber ist, daß die Leute, welche meine Papiere durchsehen, kein Wort Französisch verstehen. Sie können sich also vorstellen, welch gründliche Untersuchung das abgibt. Noch ein Gulden! – (denn darauf läuft die ganze Visitation hinaus). Nun schwimm' ich auf meinem mit sechs Ruderern bemannten Boot wieder stromabwärts. Der Regen hat aufgehört; vom Gipfel bis zum Fuß der Berge gewähren die Abstufungen vom Dunkelgrün der Tannen zu den hellen Farben der Linden und der reichbebauten Fluren einen entzückenden Anblick. Unsere Maler mögen immerhin sagen, daß die Natur dem Auge (nach den Prinzipien der Perspektive) nur drei ›Gründe‹ offenbart: Vor-, Mittel- und Hintergrund: ich beharre darauf, daß es ihrer vier, fünf, ja unendlich viele gibt, und doch ist mein Auge nicht entfernt so geübt, wie das ihrige – O Gott! wie sehr leide ich!« Damit beginnt ein neues Klagelied über Brustweh, Bluthusten und den schlechten Kalkül der Räuber, die um ein paar elender Dukaten willen das eigene und fremde Leben auf's Spiel setzen: »Dennoch bin ich nicht so arg zu bedauern, als Sie vielleicht glauben: ich lebe ja noch, da ich schon tot sein sollte« und wenn er selbst an der Verletzung im Magen stürbe: »was verschlägt es? welche Laufbahn ist voller erfüllt, als die meinige? wenn die Zeit nach den Ereignissen bemessen wird, die sich darin zusammendrängen, dann habe ich zweihundert Jahre gelebt. Ich bin nicht lebenssatt, aber ich kann die Freude des Daseins, ohne zu verzweifeln, andern überlassen. Ich habe die Frauen mit Leidenschaft geliebt, meine Empfänglichkeit für ihre Reize war die Quelle der größten Wonnen. Ich war gezwungen, mit Männern zu leben, und diese Notwendigkeit hat mir ungezählte Leiden bereitet. Wenn man mich fragen würde, was überwog: Lust oder Leid? ich würde ohne Zaudern sagen – die Freude.« Auch das exemplifiziert er wiederum umständlich an seinem Neustädter Abenteuer.
Wir müssen es bei den bisherigen Proben bewenden lassen, sie sind ein schlüssiger Beweis dafür, wie ernst es Beaumarchais selbst seinen Intimen und Verwandten gegenüber mit (noch dazu schlecht erfundenen) Falstaffiaden nahm; denn daran, daß der ganze Überfall im Lichtenholze bestenfalls nur Halluzination gewesen, wird (wenn das noch notwendig sein sollte) die folgende, auf die Untersuchungsakten und den »Lokalaugenschein« gegründete Darstellung kaum mehr einen Zweifel übrig lassen. Auch die Beweggründe, die Beaumarchais bei diesen bewußten Lügen oder unbewußten Phantastereien geleitet haben, werden bald durchsichtig werden. Unbegreiflich aber bleibt die Hartnäckigkeit, mit der er seinen Lieben gegenüber ganz überflüssigerweise seitenlange kasuistische Abhandlungen über seine Empfindungen und Hochgefühle während des Raubanfalles und nachher zum besten gibt. Hier steht man vor dem Rätsel, ob und wem zu Gefallen er seine wenigen wahren Freunde mystifiziert? Diese Fragen steigen bei jeder erneuten Lektüre des Briefes an Gudin wieder auf, in welchem er dem Freunde »beichtet« und Ablaß (wegen seiner halb blutdürstigen, halb edelmütigen Gesinnung gegen den besiegten Räuber) erbittet. Oeuvres VI, 269–300. In etwas anderer Redaktion nach einer unter den Beaumarchais-Papieren der Com. Franç. aufbewahrten Fassung bei Fournier 756–64. Eine interessante Kopie derselben besitzt auch das Wiener Archiv. Übersetzt bei Lewald, Beaumarchais, Stuttgart, 1839, 108–29.
»Wenn all das eine üble Wendung nehmen sollte, so wissen Sie, mein Freund, wieviel Leute Sie zu trösten haben; zuerst sich selbst, denn Sie würden einen Mann verlieren, der Sie von Herzen liebt; dann die Frauen; die Männer freilich, von meinem Vater abgesehen, würden große Seelenstärke bei diesem Verlust an den Tag legen. Aber keinesfalls dürfen Sie diesen Brief verbrennen. Ich wünsche vielmehr, daß Sie mir denselben wieder einhändigen; man läßt so gewissenhafte Bekenntnisse nicht gern in fremden Händen. Könnt' ich Sie doch nur noch einmal fröhlich umarmen! Suchen Sie, ich bitte Sie darum, meinen armen kleinen Schatz (?) auf: denn all das ist etwas stark für einen zarten Frauenkopf; suchen Sie auch (Schwester) Julie auf; ich will Ihnen dafür nach der Heimkehr danken, und suchen Sie endlich meine kleine Doligny (die erste Darstellerin der Pauline in den Deux amis) auf: sie hat mir in den Tagen meiner schlimmsten Bedrängnis so herzlichen Anteil bewiesen. Und die arme Marquise – selbstverständlich!« – »So lange man keine Post findet und Papier übrig behält, ist der Brief nicht zu Ende. Ich habe geschlafen und geträumt, daß man mich ermorde! ich bin in einer tödlichen Krisis erwacht. Wie frei atme ich wieder! Die steinigsten Berge an beiden Ufern sind mit Reben bedeckt; alles was ich sehe, ist Kraftleistung der Kultur. Die Böschung ist so steil, daß man in den Abhang Staffeln einhauen und jede Bergesstufe untermauern mußte, um die Abrutschung des Erdreiches zu verhindern; es ist das die Arbeit des Mannes, der den Wein trinken wird, aber die Rebe, die nichts trinken wird – wenn Sie sehen könnten, wie sie mit voller Kraft den Saft aus dem kahlen Gefels saugt, an das sie sich anklammert, Sie würden gleich mir sagen: ein jedes tut hier sein Bestes. An dieser Stelle (es ist wohl der Donaustrudel bei Grein gemeint) ist der Fluß so eingeengt, daß er schäumt, und dies erinnert mich im kleinen an unsere gemeinsame Überfahrt von Boulogne nach Dover, wo wir so krank waren. Noch 25 deutsche Meilen und ich werde in einem guten Bett in Wien sein, wo ich mir wenigstens acht volle Tage gütlich tun will; da es dort Ärzte gibt, wird es wohl auch nicht an Aderlässen fehlen, denn das ist ja ihr vornehmstes Kunststück. – Die Nähe einer großen Hauptstadt: Kapellen, Festungen, der Schiffsverkehr, all das zeigt mir, daß wir ankommen: zusehends mehren sich die Menschen; sie werden einander immer ärger drängen und am Ende meiner Fahrt dicht aneinandergepreßt sein.«
Am 20. meldet Beaumarchais in einer kurzen Nachschrift seine Ankunft in Wien und nicht an ihm lag es, wenn er sein Tagebuch nicht nach wie vor in Form von offenen Briefen an seine Pariser Freunde weiter fortsetzen konnte. Das eigentliche Motiv seiner Wiener Reise hatte er freilich, bei all seiner Redseligkeit, keinem von ihnen verraten. Es war ein Vorhaben, neben dem (um mit dem Patriarchen zu reden) das »Problema« des Raubanfalles im Lichtenholze nur als belangloser Zwischenfall erschien: der Entwurf einer Hofkomödie, der nicht schlecht ausgeklügelt war, wenn Beaumarchais als Hauptpersonen Könige vom Schlage Ludwigs XVI., Machthaber von der geistigen Beschaffenheit Sartines' hätte beschäftigen können. Traf er an der Grenze Österreichs aber auch die ererbten Übelstände des Trinkgeldes an – in der alten Kaiserstadt waltete neben der Herrscherin Maria Theresia als Kanzler Wenzel Kaunitz und vor der strengen Prüfung dieses Mannes vermochten noch ganz andere Leute wie Monsieur de Ronac nicht zu bestehen.