| Der Meister hat den Bau vollbracht, Die Kirche ragt, wie er's erdacht, Er hat getüncht die glatte Wand, Gewölb' und Kuppel schön gespannt, Die Pfeiler schlank emporgestreckt, Das Dach mit Ziegeln bunt gedeckt; Vollendet ist's nach seinem Sinn, – Doch ist der Gott noch nicht darin! Der Bildner hat den Bau geschmückt, Mit farbigen Scheiben ihn erhellt, Das Bild auf den Altar gestellt, Standsäulen an den Ort gerückt, Schön ausgeprägt im Christusbilde Das Menschenleid, die Gottesmilde, Am Tabernakel Schnitzwerk zart Und Uebergoldung nicht gespart; Vollendet ist's nach seinem Sinn, – Doch ist der Gott noch nicht darin! Der Priester hat den Bau geweiht, Hat betend dreimal ihn umschritten, Entflammt die ewige Lamp' inmitten, Auf daß sie leuchte aller Zeit; Hat Wasser, Asche, Salz und Wein Gesegnet, hat gesalbt den Stein, Die heiligen Leiber eingesenkt, Meßkleider, Glocken, Opferschrein Mit Weihbronn segnend übersprengt; Vollendet ist's nach seinem Sinn, – Doch wohnt der Gott noch nicht darin! Jetzt öffnen sich die Pforten weit, Es strömt herein des Volks Gedränge, Da flüstern Lippen, rauschen Gesänge, Da kommt die Andacht, kommt das Leid, Der laute Jubel, das stille Bangen, Der Fluch, der Dank, das Allverlangen, Der rasche Zorn, das raschere Zagen, Der rauhe Spott, das weiche Klagen, Der Ketzertrotz, der Duldersinn, – Der Gott ist da, sein Geist weht drin! |
| Zum Prior sprach in Neuburgs Zelle Pfaff Wigand: »Euer Abt singt morgen Die erste Mess' in der Kapelle, Die wir gebaut. Nun bannt die Sorgen, Den Ordenszwang einmal im Jahr! Uebt heit'ren Brauch der Provenzalen Und der Burgunder Conventualen, Die jährlich um des Herrn Altar Die Kränze lustiger Thorheit schlingen; Herrn Otto soll es Freude bringen, Den Ernst verwirren eures Alten Und glätten seine Abbasfalten. Wer allzuweis' begann, verfährt Sich oft zum Schluß in Narrengleise; Laßt uns beginnen umgekehrt, Zu schließen einst erträglich weise. Seht, Klosterweisheit gleicht dem Bronnen Der Reben in verschloss'nen Tonnen; Ihr dürft sie nicht zu fest verkeilen, Müßt lüpfen klug den Spund bisweilen; So wird der Most zur Ruhe kehren Und sich zu goldner Reinheit klären. Versäumt es ja nicht, daß die Enge Des Reifs der wilde Geist nicht sprenge!« Da wird dem Prior ernstlich bange, Er spürt verschlossene Weisheit gähren, Er fühlt das Lüpfen schon, das Klären Und nickt mit sanft entflammter Wange. Ein Priestergreis im Silberhaar, Der Abt Rudwin, steht am Altar. Er hebt den Kelch von Golde klar; Die Schale zieren bis zur Mündung Viel Schilderei'n, der Klostergründung In Gold gegossene Berichte. Der Holderstrauch in Waldesdichte, Der Schleier dran, der windentführte, Die Rüdenschaar, die ihn erspürte; Das Stifterpaar von frommem Sinn, Der Markgraf und die Markgräfin, Auf hohem Roß zum Funde jagend, Aus ihren Händen Kirchlein tragend; Das Alles hat mit Musengunst Reich ausgeprägt die Goldschmiedkunst. Nicht glückt's der holden Aventüre, Daß sie des Priesters Sinn entführe Vom Opfer, dem er zugewandt. Sein Mund berührt des Kelches Rand, Sein Geist versenkt sich festgebannt Ins heiligste Mysterium. So hängt in klarer Mittagsstunde Ein Falter fest am Blumenmunde, Versunken ganz ins Heiligthum Des Kelches, still, bewegungslos; Es haucht kein Lüftchen; alle Dinge Ruhn, glänzen, schweigen regungslos, Nur leise zittert seine Schwinge. Als nun aufs Knie der Priester fällt Und hinter ihm der Frater schellt, Das klingt so hohl, so blechern grelle Wie von der Trift der Leitkuh Schelle. Herr Nithart schlägt die Orgel heut; Vom heiligen Chor doch brausen nieder Nur seine Buhl- und Schelmenlieder, Der Sänger ist wohl arg zerstreut. Vom Rauchfaß, das ein Bruder schwingt, Ein schnöder Stank den Raum durchdringt, Als glömmen auf den rothen Kohlen Anstatt des Weihrauchs alte Sohlen. Der Abt erhebt sich zum Gebet, Da liegt das Meßbuch ganz verdreht, Die Ministranten mit Behagen An Wurst und feistem Braten nagen Und füllen auf dem Altartisch Mit Wein die mächtigen Humpen frisch. Zum Himmel will's den Blick ihm reißen, Doch sieht er, was sein Aug' nicht glaubt: Dort nickt bedeckt mit einer weißen Schlafmütze selbst Gottvaters Haupt! Ein Narrenfest umtost, umrankt Rings um und um die heilige Handlung, Nur Abt Rudwin nicht zuckt, nicht schwankt Und lauscht allein der Gotteswandlung; Um seinen Mund kein Lächeln spielt, Aus seinem Aug' kein Zornblick zielt. So ragt aufrecht der Priestergreis, Wie über nebelwirrem Thale, Das Haupt getaucht in Gottesstrahle, Des Alpen-Mönchs erhabnes Eis. Und als er nun, zum Volk sich wendend, Das Dominus vobiscum spricht, Da steht vor ihm, das Auge blendend, Die närrische Gemeine dicht, Die Heiligensäulen an den Gängen Das Haupt bedeckt mit Schellenhüten, Der Fastnachtskränze grelle Blüthen, Die an den Kirchenfahnen hängen; Lai'nbrüder, die in Stolabändern Und umgekehrten Meßgewändern, Geschminkt die Wangen bunt und Stirnen, Im Chorgestühl mit leichten Dirnen Ein Würfelspiel, ein Kartenschlagen, Wer weiß um welche Preise, wagen; Ein Frater auf die Kanzel steigt, Verbeugt sich, räuspert sich und – schweigt Und äfft Geberden, zieht Grimassen, Sein Volk scheint's trefflich aufzufassen. Dem Prior leuchten froh die Züge, Denn seiner Ehrsucht ward Genüge, Da er gewählt zum Bischof hier, Ob Bischof auch der Narr'n und Gecken, Ob auch die Inful nur Papier, Sein Hirtenstab ein Haselstecken! Nur Frater Büchermaler senkt Sein traurig Haupt in stillen Qualen, Weil er an Heimgelass'nes denkt, Ans Bibelbuch, das er soll malen, Zumeist an jenen Initialen, Drin Eva's Bildniß vor dem Falle, Umrahmt von dunkler Laubenhalle; Er sieht allorts das süße Weib, Die runden Brüstlein, den weißen Leib! Hier blinzt aus zarter Nonnentracht Manch altes, rothes Mönchsgesicht; Dazwischen weiblich zart und licht Ein jung Novizenantlitz lacht, Das Haupt verhüllt im Schleiertuch; Er liest als Festbrevier das Buch Des losen Troubadours Vidal; Da flammt manch süßer Gnadenstrahl, In jeder Stroph' als Canon klingt's, Respons und Antiphone singt's: »Es lebt in Elend qualenvoll, Wer, was er liebt, nicht sehen soll!« Der Abt in feierlicher Strenge Ragt segensprechend aus der Menge, Aufrecht das Haupt, die Stirne rein, Die Arme breitend ohne Wanken, Wie aus dem Taumel wilder Ranken Ein leuchtend Kreuz von blankem Stein. |