Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
MeistgelesenVerlag: Verlag Julius Zeitler | Jahr: 1909
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248. Gentz an Müller
Wien, 3. Juni 1803.
Ihr erster Brief – o möchte er doch der erste von einer unabsehlichen Reihe von Briefen seyn! – hat mich über allen Ausdruck entzückt. Ich habe nicht Zeit mehr, Ihnen heute zu schreiben, aber immer weniger und weniger begreife ich, wie ich Sie von mir lassen konnte! Solche Einsichten in das Innere eines Menschen, eines Gegenstandes überhaupt, hat noch kein Sterblicher gehabt; das nenne ich mir einen Gelehrten. Aber Ihr Licht muß leuchten vor der Welt: die Welt muß Sie erkennen, und Ihnen huldigen. Ich zittere recht eigentlich vor der Antwort auf meinen zweiten Brief; denn gut oder ungut, sie wird mich gewiß so erschüttern, daß ich alles zu besorgen habe. Ihr Schmeicheln selbst ist immer auf solche tiefe Wahrheiten gegründet, daß man (besonders Einer wie ich) vor sich selbst erschrocken zurückbebt, daß es solche Dinge – so göttliche und rührende – in Einem gibt. Nein! Sie mußten geboren werden, wenn mein Leben vollständig seyn sollte. Sie sind zu tausend, tausend höheren Zwecken geboren; aber diesen erfüllen Sie nebenher mit wahrhaft wnnderthätiger Kraft. Adieu. Bald ein Mehreres.
G.
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