Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
MeistgelesenVerlag: Verlag Julius Zeitler | Jahr: 1909
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189. Müller an Bonstetten
Cologny, den 21. März 1776.
Ihre Briefe machen der göttlichen Providenz Ehre; so gerecht scheint es, daß Sie die Glückseligkeit, welcher Sie schon lange würdig gewesen, endlich erhalten. Ausser der Freundschaft beseelt mich noch eine andere angenehme Empfindung; ich sehe meine eigne Glückseligkeit für befestigter an, als zuvor, weil ich gewohnt bin, sie genau mit der Ihrigen zu verbinden. Die Liebe erstickt in gemeinen Seelen die sanftern und stillern Gefühle der Freundschaft, aber mein Freund, wie alle starken Seelen, weiß Mann zu seyn, wo und wann er Mann seyn soll, Freund gegen seinen Freund, und jede Tugend hat ihre angewiesene Stelle, und keine schadet durch Uebermaaß der andern. Fahren Sie fort, mein Allerliebster, in der Befolgung Ihrer Prinzipien, durch dieses System sind in alten und neuen Zeiten alle vortrefflichen Menschen zur Glückseligkeit und zur moralischen Würde gelanget, hiedurch werden Sie die Honigmonate anf Ihr ganzes Leben ausdehnen, und Ihre Frau wird Sie nicht weniger verehren, als zärtlich lieben. Ich, mein Lieber, werde täglich, wenn es möglich ist, vollkommner der Eurige, und meine ganze Seele gießt sich mit Wollust in die Ihrige, weil die Ihrige aller meiner Gefühle fähig ist. Ich will nichts mehr sagen, sind Sie nicht der Vertraute meines ganzen Herzens?
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