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Der Amethystring

von Anatole France

Verlag: Musarion Verlag | Jahr: 1920 | Übersetzer: Irene v. Guttry

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Kapitel 3

II.

General Cartier de Chalmot, Abbé Guitrel und Herr Lerond, der pensionierte Staatsanwaltsvertreter, waren bei dem Herzog de Brécé zu Besuch. Die Herren hatten gemeinsam die Stallgebäude, den Hundezwinger und die Fasanerie angesehen und dabei über die Dreyfusaffäre gesprochen.

Es war Abend geworden, und sie schlenderten jetzt langsam durch die große Parkallee auf das Schloß zu. Die massive Fassade mit den unzähligen Giebeln und übereinander gelagerten Dächern hob sich dunkel von dem graubewölkten Himmel ab.

»Ich bleibe dabei,« sagte der Herzog, »der ganze Lärm um diese Angelegenheit ist nichts weiter als eine infame Mache, die von den Feinden Frankreichs inszeniert wird.«

»Und von den Feinden der Religion,« warf Abbé Guitrel milde ein. »Man kann kein guter Franzose sein, ohne ein guter Christ zu sein. Und man sieht ja auch, daß der Skandal in erster Linie von Freidenkern und Freimaurern, von den Protestanten ausgeht.«

»Ja, und von den Juden,« sagte der Herzog, »von Juden und Deutschen. Es ist eine unerhörte Frechheit, ein Urteil des Kriegsgerichts auch nur anzuzweifeln! Man kann doch unmöglich annehmen, daß sieben französische Offiziere sich einfach getäuscht haben sollten!«

»Nein, das kann man allerdings nicht,« erwiderte Guitrel.

»Ein Justizirrtum ist im allgemeinen das Unwahrscheinlichste, was man sich denken kann,« bemerkte Lerond; »bei dem weitgehenden Schutz, den das Gesetz dem Angeklagten gewährt, ist er so gut wie ausgeschlossen. Das gilt vor allem von dem Zivilverfahren, aber ich möchte es auch von der Militärgerichtsbarkeit behaupten. Vor dem Kriegsgericht wird wohl etwas summarischer verfahren, aber wenn es auch dem Angeklagten weniger Schutz bietet, so findet er ihn dafür in dem Charakter der Richter. Meiner Ansicht nach heißt es die Armee beschimpfen, wenn man es wagt, die Gesetzmäßigkeit eines Kriegsgerichtsurteils auch nur anzuzweifeln.«

»Sie haben vollkommen recht,« sagte de Brécé. »Wie kann man überhaupt annehmen, daß sieben französische Offiziere einen solchen Irrtum begehen könnten – halten Sie das für möglich, General?«

»Schwerlich,« antwortete Cartier de Chalmot, »ich persönlich halte es für äußerst unwahrscheinlich.«

»Ein Syndikat des Verrats,« sagte der Herzog lebhaft, »es ist unerhört!«

Dann schlief das Gespräch allmählich ein. Brécé und der General entdeckten in einer Lichtung ein paar Fasanen; die instinktive Luft am Töten regte sich in ihnen und sie bedauerten, daß sie keine Gewehre bei sich hatten.

»Sie haben die schönste Jagd der ganzen Gegend,« sagte der General. Aber der Herzog de Brécé war noch in seine Gedanken vertieft und sprach vor sich hin:

»Einerlei – die Juden werden Frankreich kein Glück bringen.«

Er war der älteste Sohn des verstorbenen Herzogs de Brécé, der einst als Kavallerieoffizier bei der Assemblée von Versailles eine glänzende Rolle gespielt hatte. Erst nach dem Tode des Grafen von Chambord begann er sich politisch zu betätigen. So hatte er die Zeit der frohen Hoffnungen und erregten Kämpfe, die monarchistischen Unternehmungen, die so amüsant waren wie eine Verschwörung und mit fast religiösem Eifer betrieben wurden, nicht miterlebt: das gestickte Bett, das die Hofdamen dem Fürsten schenkten, die Banner und Fahnen, die weißen Pferde, die den König zurückgeleiten sollten – alles das hatte er nicht zu sehen bekommen. Kraft seiner Geburt Abgeordneter von Brécé, betrat er das Palais Bourbon mit feindlichen Gefühlen gegen den Grafen von Paris und mit dem heimlichen Wunsch, das Königtum dürfe nicht durch die jüngere Linie wiederhergestellt werden. Abgesehen davon war er ein loyaler Monarchist. Er wurde in Intrigen verwickelt, die er selbst nicht recht verstand, verwirrte sich bei den Abstimmungen, amüsierte sich zwischendurch in Paris und wurde bei der Erneuerung der Kammer in seinem eigenen Wahlkreis durch Doktor Cotard aus dem Felde geschlagen.

Von da an widmete er sich nur noch seiner Familie, der Landwirtschaft und der Religion. Um 1789 besaßen die Brécés noch 112 Kirchspiele, dazu gehörten 170 Lehen, 4 betitelte Landgüter und 18 Kastellaneien. Von alledem gehörten ihm jetzt nur noch 800 Hektar Boden und Wald rings um das historische Stammschloß der Familie. Aber seine Jagden verliehen ihm im ganzen Departement den Nimbus, nach dem er im Palais Bourbon vergebens gestrebt hatte. Schon Franz I. hatte in den Wäldern von Brécé und La Guerche gejagt, außerdem befand sich hier die als Wallfahrtsort berühmte Kapelle Notre-Dame des Belles Feuilles.

»Achten Sie auf das, was ich Ihnen sage,« wiederholte der Herzog, »die Juden sind ein Unglück für Frankreich … Aber warum schafft man sie nicht hinaus? Es wäre doch einfach genug.«

»Sicher wäre es das beste,« erwiderte Lerond, »aber es ist nicht ganz so einfach, wie Sie meinen. Um den Juden beizukommen, müßte man ein entsprechendes Naturalisationsgesetz haben, und gesetzliche Bestimmungen wie diese sind ungemein schwer zu fassen, weil sie unser ganzes öffentliches Recht modifizieren würden. Leider ist es sehr unwahrscheinlich, daß unsere Regierung sie einbringen und dafür eintreten und daß das Parlament sie annehmen sollte … Der Senat taugt nichts …

Wenn wir die geschichtliche Entwicklung überblicken, müssen wir uns klar werden, daß das ganze 18. Jahrhundert ein großer Irrtum des menschlichen Geistes war, und daß sowohl die soziale Wahrheit wie auch die religiöse Wahrheit vollauf in den Traditionen des Mittelalters zu finden ist. Wie in Rußland, so wird es sich bald auch in Frankreich als notwendig erweisen, den Juden gegenüber jene Prozeduren zu wiederholen, die zur Zeit der Feudalherrschaft – diesem wirklichen Urbild einer christlichen Gesellschaft – üblich waren.«

»Es liegt doch auf der Hand,« sagte der Herzog, »daß das christliche Frankreich den Franzosen und den Christen, aber nicht den Juden und den Protestanten gehören muß.«

»Bravo,« sagte der General.

»Einer meiner Vorfahren,« fuhr de Brécé fort, »der aus einem mir nicht bekannten Grunde den Beinamen Nez-d'Argent führte, lag unter Karl XI. mit dieser Provinz im Kriege. An diesem Baum, den Sie dort unten sehen, hat er 636 Hugenotten hängen lassen. Nun, ich muß offen gestehen, ich bin stolz darauf, von diesem Nez-d'Argent abzustammen. Ich habe seinen Ketzerhaß geerbt und verabscheue die Juden ebenso wie er die Protestanten.«

»Ihre Gesinnung ist nur lobenswert, Durchlaucht,« bemerkte Abbé Guitrel, »und macht dem hohen Namen, den Sie tragen, alle Ehre. Aber ich möchte mir erlauben, Sie auf einen Punkt aufmerksam zu machen. Die Juden wurden im Mittelalter nicht als Ketzer betrachtet, und man kann sie auch eigentlich nicht als solche bezeichnen. Nur der getaufte Christ, der die Glaubensdogmen kennt, aber trotzdem von ihnen abweicht oder sie bekämpft, ist ein Ketzer. Dahin gehörten oder gehören noch die Arianer, die Montanisten, Priscillianisten, Manichäer, Waldenser und Albigenser, ferner die Wiedertäufer, die Kalvinisten, die Ihr berühmter Ahnherr so gut zu versorgen wußte, und noch eine ganze Reihe anderer Sekten, deren Ansichten im Gegensatz zu unserem wahren Glauben stehen. Die Mannigfaltigkeit ist eben das Charakteristikum des Irrtums. Auf dem unheilvollen Abhang der Häresie gibt es keinen Halt; das Schisma bringt ein neues Schisma hervor und so fort ins Unendliche. Bossuet gibt uns eine ausgezeichnete Definition des Ketzers; er sagt: ›Wer eine eigene Meinung hat, wer seiner persönlichen Ansicht und seinem persönlichen Gefühl folgt, der ist ein Ketzer.‹ Den Juden aber, der weder die Taufe noch die Erkenntnis der Wahrheit empfangen hat, können wir nicht als Ketzer betrachten.

Wir sehen ja auch, daß die Inquisition die Juden als solche nicht verfolgte, außer wenn sie die Kirche lästerten oder andere vom Glauben abwendig machten. Richtiger wäre es, Durchlaucht, die Juden Ungläubige zu nennen, denn ungläubig heißen wir jeden, der, da er nicht getauft ist, nicht an die Wahrheiten der christlichen Religion glaubt. Und doch dürfen wir sie nicht in demselben Sinne Ungläubige nennen, wie Heiden oder Mohammedaner. Die Juden nehmen in der Weltordnung der ewigen Wahrheiten eine ganz besondere Stellung ein, und die Theologie muß sie entsprechend ihrer Rolle in der Tradition einreihen. Im Mittelalter nannte man sie ›Zeugen‹, und dieser Ausdruck trifft wohl wie kein anderer den Kern der Sache. Das jüdische Volk war Zeuge aller Ereignisse, auf die unser Glaube sich gründet, deshalb hat Gott es nicht ausgerottet. Wir dürfen nicht meinen, daß er die Juden absichtlich verblendet hat, damit sie für das Christentum zeugen; aber er bedient sich ihres hartnäckigen, freiwilligen Unglaubens, um uns im wahren Glauben zu bestärken. Und deshalb läßt Gott dieses Volk inmitten aller anderen fortbestehen.«

»Aber inzwischen,« sagte der Herzog, »rauben sie uns aus und richten die besten Kräfte unseres Volkes zugrunde.«

»Und beschimpfen unsere Armee,« warf der General ein, »oder vielmehr, lassen sie durch besoldete Kläffer beschimpfen.«

»Das ist ein Verbrechen,« sagte der Abbé milde. »Frankreichs Heil beruht auf dem Zusammengehen des Klerus mit der Armee.«

»Aber warum nehmen Sie dann die Juden in Schutz, Herr Abbé?« fragte der Herzog.

»Ich nehme sie durchaus nicht in Schutz, Durchlaucht,« erwiderte Guitrel. »Im Gegenteil, sie glauben nicht an die Gottheit Christi, und um dieses unverzeihlichen Irrtums willen kann ich sie nur auf das schärfste verdammen. Um so mehr, als sie mit unerhörter Hartnäckigkeit daran festhalten. Ihr Glaube deckt sich zum Teil mit dem unseren, aber sie glauben nicht alles, was man glauben muß. Deshalb sind sie verworfen. Jedoch diese Verdammung trifft das ganze Volk, nicht den Einzelnen und vor allem nicht jene, die sich zum Christentum bekehrt haben.«

»Mir persönlich sind die bekehrten Juden ebenso widerwärtig wie die anderen,« sagte de Brécé, »vielleicht sogar noch widerwärtiger. Es ist die Rasse, die ich verabscheue.«

»Gestatten Sie mir, das nicht für Ernst zu halten, Durchlaucht,« antwortete der Geistliche, »denn es wäre unchristlich gedacht. Und Sie sind gewiß meiner Meinung, daß man in gewissem Maße manchen nichtbekehrten Israeliten dankbar sein muß für ihr Wohlwollen und ihre Freigebigkeit zugunsten unserer wohltätigen Stiftungen. Manches christliche Haus dürfte sich die Familien B … und F … in dieser Beziehung zum Beispiel nehmen, – das ist nicht zu leugnen. Und ich muß gestehen, Frau Worms-Clavelin hat mehr als einmal eine wirklich engelhafte Gesinnung bekundet, obgleich sie noch nicht offen zum Katholizismus übergetreten ist. Vor allem haben wir es der Gattin des Präfekten zu verdanken, daß die geistlichen Schulen in unserem Departement inmitten der allgemeinen Verfolgungen ungestört fortbestehen können. Und die Baronin Bonmont ist zwar von jüdischer Abstammung, aber sie ist im Geiste und in der Tat Christin geworden und wandelt in den Fußstapfen jener frommen Witwen früherer Jahrhunderte, die ihren Reichtum mit der Kirche und den Armen teilten.«

»Die Bonmonts heißen eigentlich Gutenberg und stammen aus Deutschland,« bemerkte Lerond. »Der Großvater hat sein Vermögen durch Fabrikation von Absinth und Wermut, also von Giften, erworben. Er wurde dreimal wegen Nachahmungen und Fälschungen bestraft. Der Vater war Industrieller und Finanzmann und hat sich auf schmachvolle Weise durch Spekulation und Wucher bereichert. Seine Witwe hat später dem Erzbischof Charlot einen goldenen Altarkelch gestiftet. Ich muß da an die beiden Anwälte denken, die den guten Pater Maillard predigen hörten und dann in der Kirchentür einander zuflüsterten: Gevatter, sollen wir es wieder herausrücken? – Übrigens ist es doch merkwürdig, daß es in England überhaupt keine Judenfrage gibt.«

»Es liegt nur daran, daß die Engländer phlegmatischer sind und nicht so heißes Blut haben wie wir,« meinte der Herzog.

»Gewiß, das ist vollkommen richtig,« erwiderte Lerond, »aber es kommt noch etwas anderes hinzu: die Engländer stecken ihr Kapital in die Industrie, indes unsere arbeitsame Bevölkerung ihr Geld zur Sparkasse trägt, mit anderen Worten: es der Spekulation, das heißt den Juden, anvertraut. Das ganze Elend kommt daher, daß wir die Einrichtungen, die Gesetze und die Sitten der Revolution beibehalten haben. Der einzige Weg zur Rettung wäre die Rückkehr zum ancien Régime.«

»Ja, das ist wahr,« sagte der Herzog nachdenklich.

Während sie noch so sprachen, rollte auf dem Parkwege, den der verstorbene Herzog den Dorfbewohnern freigegeben hatte, ein Wagen mit einer lustigen, lärmenden Gesellschaft an ihnen vorbei. Inmitten der Bauernburschen und Dorfmädchen, die ihre Hüte mit Blumen bekränzt hatten, saß ein jovialer, rotbärtiger Herr, rauchte seine Pfeife und tat, als ob er mit seinem Spazierstock Fasanen schießen wollte. Es war Doktor Cotard, der Abgeordnete des Kreises Brécé, der einstigen Lehensherrlichkeit de Brécé.

Herr Lerond klopfte den Staub von seinen Kleidern, den der vorübersausende Wagen aufgewirbelt hatte, und sagte: »Es macht wirklich einen merkwürdigen Eindruck, Durchlaucht, daß der Quacksalber Cotard im Parlament diese Gegend vertritt, wo Ihre Vorfahren acht Jahrhunderte lang glorreich geherrscht und ihre Untertanen mit Wohltaten überhäuft haben. Grade gestern las ich in dem Buch des Herrn de Terremondre einen Brief, den der Herzog de Brécé, Ihr Urgroßvater, im Jahre 1787 an seinen Verwalter geschrieben hat und worin sich seine Herzensgüte offenbart. Erinnern Sie sich an diesen Brief, Durchlaucht?«

Der Herzog glaubte sich zu erinnern, aber die Einzelheiten waren ihm nicht mehr gegenwärtig. Und nun zitierte Lerond aus dem Gedächtnis die wichtigsten Sätze aus jenem ergreifenden Briefe. ›Ich höre,‹ so schrieb der gute Herzog, ›daß man den Einwohnern von Brécé verboten hat, im Walde Erdbeeren zu pflücken, und daß sie darüber ganz außer sich sind. Man wird es noch dahin bringen, daß sie mich hassen, und nichts auf der Welt wäre mir schmerzlicher.‹

»In dem Büchlein von Terremondre,« fuhr Herr Lerond dann fort, »habe ich auch noch allerhand interessante Einzelheiten aus dem Leben des Herzogs gefunden. Während der schlimmsten Zeiten der Revolution lebte er völlig unbehelligt hier in Brécé, seine einstigen Vasallen liebten und achteten ihn als ihren Wohltäter. Die Nationalversammlung erklärte ihn seiner angestammten Titel für verlustig und verlieh ihm statt dessen den Titel eines Kommandanten der Nationalgarde von Brécé. Terremondre erzählt uns ferner, daß der Herzog sich am 20. September 1792 in den Schloßhof begab und dort eigenhändig einen Freiheitsbaum pflanzte, an dem die Inschrift angebracht wurde: Der Tugend zu Ehren!«

»Herr de Terremondre hat dieses Wissen aus unseren Familienarchiven geschöpft, die ich ihm zur Verfügung gestellt habe,« sagte der Herzog. »Ich selbst hatte leider nie genug Muße, um sie eingehend zu studieren. Jener Louis de Brécé, von dem Sie sprechen und den man den guten Herzog nannte, starb aus Gram im Jahre 1794. Er war ein so vortrefflicher Charakter, daß selbst die Revolutionäre ihn achteten. Es wurde allgemein anerkannt, daß seine Königstreue ihm selbst zur Ehre gereichte, daß er ein guter Herr, ein guter Vater und ein guter Gatte war. An den angeblichen Enthüllungen eines gewissen Archivars Mazure ist sicher kein wahres Wort. Er behauptet, der gute Herzog habe zu seinen schönen Vasallinnen intime Beziehungen unterhalten und gerne von dem Recht der Brautnacht Gebrauch gemacht. Was mich betrifft, so halte ich dieses Recht für ziemlich hypothetisch, denn ich habe in unseren Familienarchiven keine Spur hiervon gefunden.«

»Dieses Recht bestand wohl in einzelnen Provinzen,« sagte Lerond, »beschränkte sich aber auf eine Abgabe von Fleisch oder Wein, welche die Vasallen ihrem Lehnsherren vor der Hochzeit zu entrichten hatten. Ich glaube mich zu entsinnen, daß sie in einigen Gegenden auch in klingender Münze entrichtet wurde, und daß sie drei Sous betrug.«

»Nun, jener Mazure soll überhaupt ein gehässiger Mensch sein, und was seine Anschuldigungen betrifft, so glaube ich, daß der Herzog vollkommen gerechtfertigt dasteht. Nur leider –« der Herzog seufzte ein wenig und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort: »– leider hat er sehr viele schlechte Bücher gelesen; in seiner Bibliothek fanden sich vollständige Ausgaben von Voltaire und Rousseau, in Maroquin gebunden und mit seinem Wappen. Er stand wohl bis zu einem gewissen Grade unter dem verwerflichen Einfluß, den die philosophischen Ideen am Ausgang des 18. Jahrhunderts bis in die höchsten Gesellschaftskreise ausübten. Übrigens war er sehr schreibselig und hat Memoiren hinterlassen, die ich im Manuskript besitze. Meine Frau und Herr de Terremondre haben sie durchgeblättert. Man ist überrascht, in diesen Aufzeichnungen tatsächlich den Voltaireschen Geist zu finden. Der Verfasser spricht manches Mal seine Sympathie für die Enzyklopädisten aus, er stand übrigens auch mit Diderot in Korrespondenz. Alles in allem hielt ich es für besser, die Veröffentlichung dieser Memoiren nicht zu gestatten, obgleich Herr de Terremondre und verschiedene Gelehrte mich darum gebeten haben.

Der gute Herzog hat recht hübsche Verse gemacht. Er beschrieb ganze Hefte mit Madrigalen, Epigrammen und dergleichen. An sich wäre das ein harmloses Vergnügen, aber er läßt sich unverzeihlicherweise dazu hinreißen, über die kirchlichen Zeremonien, ja sogar über die in unserer Kapelle geschehenen Wunder zu spotten. Ich bitte Sie, meine Herren, niemals darüber zu sprechen, es muß ganz unter uns bleiben. Es wäre mir ein äußerst peinlicher Gedanke, diese Anekdoten der boshaften Öffentlichkeit und der ungesunden Neugier eines Herrn Mazure preiszugeben. Dieser Herzog de Brécé war mein Urgroßvater. Mein Familiensinn ist sehr stark ausgeprägt. Ich hoffe, Sie werden mich darob nicht tadeln.«

»Aus dem, was Sie uns eben erzählt haben, Durchlaucht,« sagte Abbé Guitrel, »läßt sich eine wertvolle Lehre und manch tröstliche Erkenntnis gewinnen. Wir sehen, im 18. Jahrhundert hatte der Unglaube in Frankreich derart überhand genommen, daß selbst ehrenfeste Männer aus den höchsten Kreisen, wie Ihr Herr Urgroßvater, sich irreführen ließen. Für seine Verirrungen ist jedoch Frankreich schwer gestraft worden durch eine furchtbare Revolution, unter deren Folgen wir immer noch leiden. Jetzt beginnt es umzukehren und Buße zu tun. In allen Schichten der Bevölkerung, vor allem in den oberen Gesellschaftskreisen, sehen wir die wahre Frömmigkeit wieder aufleben. Ein Beispiel, wie Sie es geben, Durchlaucht, bleibt sicher nicht ohne Wirkung. Das 18. Jahrhundert im ganzen genommen erscheint als ein Jahrhundert der Verbrechen, das 19. hingegen könnte man, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Jahrhundert der öffentlichen Buße nennen.«

»Möchten Ihre Worte sich erfüllen!« seufzte Lerond. »Aber ich wage es kaum zu hoffen. Ich komme durch meinen Beruf als Anwalt viel mit der breiten Masse des Volkes in Berührung und ich sehe immer wieder, daß in religiöser Beziehung fast nur Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Feindseligkeit herrscht. Erlauben Sie, daß ich es offen ausspreche, Herr Abbé: auf Grund meiner Welterfahrung neige ich mehr dazu, den trüben Ahnungen Ihres Amtsbruders Lantaigne beizustimmen, als Ihren Optimismus zu teilen. Wir brauchen ja nur das Nächstliegende ins Auge zu fassen: sehen Sie diese christliche Gemeinde von Brécé, die den Atheisten und Freimaurer Cotard zu ihrem Vertreter gewählt hat!«

»Aber wer weiß,« fragte der General, »ob der Herzog ihn nicht bei den nächsten Wahlen aus dem Felde schlagen wird? Ich habe sagen hören, der Kampf sei durchaus nicht aussichtslos, und eine große Anzahl von Wählern habe sich schon bereit erklärt, für den Schloßherrn zu stimmen.«

»Mein Entschluß steht fest,« antwortete der Herzog, »und nichts wird mich bewegen, ihn zu ändern. Ich werde mich überhaupt nicht wieder als Kandidat aufstellen lassen. Ich bin nicht so beschaffen, wie die Wähler von Brécé sich ihren Vertreter wünschen, und die Wähler sind nicht so beschaffen, daß ich sie vertreten möchte.«

Dieser Ausspruch war nach der letzten mißglückten Wahl unter der geistigen Mitwirkung seines Sekretärs, Herrn Lacrisse, entstanden, seitdem pflegte der Herzog ihn bei jeder Gelegenheit anzubringen.

In diesem Augenblick sahen die Herren durch die große Parkallee die Damen des Hauses – Mutter, Frau und Tochter des Herzogs – auf sich zukommen, drei hohe, massive Gestalten mit straff zurückgekämmtem Haar, sonnenverbranntem Teint und zahlreichen Sommersprossen. Alle drei trugen schwarze Wollkleider und derbe Stiefel. Sie wollten zur Kapelle Notre-Dame-des-Belles-Feuilles, die an einer Quelle mitten im Park lag, halbwegs zwischen Schloß und Dorf.

Der General schlug vor, die Damen zu begleiten.

»Wir könnten nichts Besseres tun,« meinte Herr Lerond.

»Sicherlich,« sagte der Abbé, »um so mehr, als unser Herzog das Heiligtum so reich und geschmackvoll restauriert hat, daß es eine wahre Augenweide ist.«

Abbé Guitrel interessierte sich ganz besonders für die Kapelle, er hatte sogar eine archäologische und fromme Broschüre über sie geschrieben, um die Pilger anzulocken. Laut seinen Angaben erstand das Heiligtum unter der Regierung Chlotars II. »Um jene Zeit,« so sagt der Verfasser, »zog sich der heilige Ostregisilius, hochbetagt und reich an guten Werken, in die Einsamkeit zurück und erbaute mit eignen Händen eine Hütte, worin er unter frommen Betrachtungen sein seliges Ende erwarten wollte, und ein Bethaus, woselbst er ein wundertätiges Bild der Jungfrau Maria aufstellte.«

Diese Behauptung wurde von dem Archivar Mazure im ›Leuchtturm‹ aufs heftigste angegriffen. Er stellte fest, daß der Marienkult erst lange nach dem 6. Jahrhundert aufgekommen war, also konnte es zu der Zeit, wo der heilige Ostregisilius gelebt haben sollte, noch keine Marienbilder geben. Darauf antwortete Guitrel in der ›Semaine religieuse‹, die Druiden hätten schon vor Christi Geburt Bildnisse der Jungfrau, die ein Kind gebären wird, verehrt. So habe Maria auf diesem uralten Boden, wo späterhin ihr Kultus so wunderbar erblühen sollte, schon damals ihre Altäre und ihre Bilder gehabt, gewissermaßen prophetische Bilder – vergleichbar mit den Weissagungen der Sybillen –, die ihrem Erdendasein vorauseilten. Daß der heilige Ostregisilius zur Zeit Chlotars II. eine Marienstatue besessen habe, sei also durchaus nicht unwahrscheinlich. Der Archivar Mazure erklärte diese Auslegung für Phantasterei. Außer Professor Bergeret, der sich für alles interessierte, hatte übrigens kein Mensch die Polemik verfolgt.

Weiter heißt es in Guitrels Broschüre: »Das Heiligtum, das dieser Apostel errichtet hatte, wurde im 13. Jahrhundert mit großem Prunk weiter ausgebaut. Während der Religionskriege, die im 14. Jahrhundert die Gegend verheerten, steckten die Protestanten die Kapelle in Brand. Dem Muttergottesbild jedoch vermochten sie nichts anzuhaben, denn es ging unversehrt aus den Flammen hervor. Auf den Wunsch Ludwigs XIV. und seiner frommen Mutter wurde die Kapelle wieder aufgebaut, um unter der Schreckensherrschaft abermals vollständig zerstört zu werden. Die Kommissäre des Konvents schleppten alles, was sich in dem Heiligtum befand, darunter auch das Bild der heiligen Jungfrau, in den Schloßhof von Brécé und steckten ein Freudenfeuer an. Eine fromme Bäuerin rettete einen Fuß des Marienbildes aus den Flammen und bewahrte ihn, sorgfältig in altes Linnen gehüllt, in einem Kochkessel auf, wo er im Jahre 1815 wiedergefunden wurde. Im Jahre 1852 wurde dieser Fuß in die neue Marienstatue eingefügt, die der selige Herzog von Brécé in Paris anfertigen ließ.«

Abbé Guitrel zählt dann noch die verschiedenen Wunder auf, die sich seit dem 6. Jahrhundert bis auf unsere Tage in der Kapelle Notre-Dame-des-Belles-Feuilles zugetragen haben. Die Fürsprache dieser Mutter Gottes galt vor allem für wirksam gegen Schwindsucht und alle katarrhalischen Erkrankungen. Guitrel behauptet auch, sie habe 1871 die deutschen Soldaten von dem Schloß und dem Marktflecken Brécé ferngehalten und wunderbare Heilungen an zwei Verwundeten vollbracht, die damals im Schlosse untergebracht waren.

* * *

Die Gesellschaft hatte den Grund des engen Tales erreicht, in dem die Kapelle stand und ein kleiner Bach zwischen moosbewachsenen Steinen dahinrieselte. Das Heiligtum erhob sich auf einem Unterbau von erratischem Sandstein und war rings von Zwergeichen umstanden. Es war erst kürzlich nach den Angaben des Diözesanarchitekten Quatrebarbe im modern religiösen Stil renoviert worden, den man in besseren Kreisen für gotisch hielt.

»Dieses Bethaus,« sagte Abbé Guitrel, »wurde 1559 von den Kalvinisten in Brand gesteckt, 1793 von den Revolutionären ausgeraubt und glich nur noch einem Trümmerhaufen, bis unser Herzog – wie ein zweiter Nehemias – das Heiligtum wieder aufrichten ließ. In diesem Jahr hat nun der Papst einen besonderen Ablaß für die Wallfahrer erlassen, zweifellos in der Absicht, den Marienkult in unserer Gegend zu fördern, und Se. Eminenz Herr Erzbischof Charlot ist selbst hierhergekommen, um die heiligen Mysterien zu zelebrieren. Seitdem strömen die Pilger in Scharen herbei, nicht nur aus unserer Gegend, sondern auch von weither. Dieser fromme Wetteifer kann dem Lande nur zum Segen gereichen. Ich selbst durfte mehrere angesehene Familien aus der Stadt herführen, und mit der gütigen Erlaubnis des Herzogs habe ich hier an diesem begnadeten Altar schon mehr als einmal die Messe gelesen.«

»Das ist wahr,« sagte Frau de Brécé, »und mir scheint, der Herr Abbé zeigt weit mehr Interesse für unsere Kapelle wie unser Pfarrer.«

»Der gute Traviès ist sicher ein ausgezeichneter Priester,« bemerkte der Herzog, »aber er ist auch ein leidenschaftlicher Jäger. Er hat nichts anderes im Kopf wie die Rebhuhnjagd. Auf dem Wege zu einem Sterbenden, dem er die letzte Ölung bringen sollte, hat er neulich drei Stück erlegt.«

»Jetzt im Winter kann man die Kapelle besser sehen,« sagte Guitrel, »in der schönen Jahreszeit verschwindet sie ganz in dem dichten Laubwerk.«

»Einer der Gründe,« sagte der Herzog, »die mich bewogen haben, die Kapelle wieder aufrichten zu lassen, war die im Laufe der Forschungen in meinem Archiv gemachte Entdeckung, daß der Kriegsruf meiner Familie lautete: Brécé Notre-Dame.«

»Das ist wirklich interessant,« bemerkte der General.

»Nicht wahr?« sagte Frau de Brécé.

Die Damen betraten, gefolgt von Herrn Lerond, die rohe Brücke, die über den Bach zur Kapelle führte. In diesem Augenblick kroch drüben auf der anderen Seite der Schlucht ein etwa vierzehnjähriges, zerlumptes und schmutziges Mädchen mit weißblondem Haar aus dem Gebüsch, lief rasch die Stufen hinauf und verschwand im Inneren des Heiligtums.

»Das ist Honorine,« sagte Frau de Brécé.

»Seit langem schon wollte ich sie einmal sehen,« sagte Lerond, »und ich danke Ihnen, Durchlaucht, daß Sie mir Gelegenheit geben, meine Neugier zu stillen. Ich habe so viel von ihr sprechen hören.«

»Allerdings,« bemerkte der General Cartier de Chalmot, »man hat förmliche Enqueten über das Mädchen angestellt.«

Indessen sagte der Abbé: »Herr de Goulet ist ein getreuer Besucher dieser heiligen Stätte. Oft weilt er stundenlang hier, um ihr nahe zu sein, die er seine Mutter nennt.«

»Wir schätzen Herrn de Goulet außerordentlich,« sagte die Herzogin, »und es ist wirklich zu bedauern, daß seine Gesundheit so schwächlich ist.«

»Ja, das ist sie leider,« erwiderte der Abbé, »seine Kräfte nehmen von Tag zu Tag ab.«

»Er müßte sich mehr schonen,« meinte die Herzogin, »vor allem sich mehr Ruhe gönnen.«

»Wie kann er das, Durchlaucht?« sagte der Abbé. »Die Verwaltung des Kirchspiels nimmt ihn vollständig in Anspruch.«

Sie betraten jetzt gemeinsam die Kapelle und sahen Honorine mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf vor dem Altar knien; sie rührte sich nicht und schien ganz in Ekstase versunken. Man wollte sie nicht stören, so nahm man schweigend das Weihwasser und ließ langsam die Blicke von dem gotischen Tabernakel zu den bemalten Glasfenstern schweifen, auf denen der heilige Heinrich mit den Zügen des Grafen von Chambord dargestellt war, sowie Johannes der Täufer und der heilige Guido, die Gesichter nach Photographien des Grafen Johannes, gest. 1867, und des seligen Grafen Guido, 1871 Mitglied der Versammlung zu Bordeaux.

Das wundertätige Marienbild stand auf dem Altar und war mit einem Schleier verhüllt. Die Wände der Kapelle waren in lebhaften Farben gehalten, und über dem Weihwasserkessel stand die lichte, blaugegürtete Statue der Muttergottes von Lourdes.

Mit der mechanischen Ehrerbietung, die ihm durch fünfzigjährige Gewohnheit in Fleisch und Blut übergegangen war, blickte der General zu ihr auf und betrachtete die blaue Schärpe, als sei es die Fahne einer befreundeten Nation. Er war von jeher Spiritualist gewesen und hatte den Glauben an ein jenseitiges Leben für die notwendige Grundlage aller militärischen Disziplin gehalten. Alt und kränklich geworden, begann er jetzt seine Frömmigkeit auch zu betätigen. Die Skandale der letzten Zeit beunruhigten und deprimierten ihn seit einigen Tagen, obgleich er sich nichts anmerken ließ. Für seine Arglosigkeit hatte diese allgemeine, leidenschaftliche Erregung etwas Beängstigendes. So betete er im stillen zur Muttergottes von Lourdes, sie möge die französische Armee in Schutz nehmen.

Die ganze Gesellschaft stand immer noch da und betrachtete die zerrissenen Schuhe des betenden Mädchens. Ernst, schwerfällig und düster, waren sie ganz in die Bewunderung dieser regungslosen kleinen Wildkatze versunken. Lerond, der sich für einen guten Beobachter hielt, gab sich alle Mühe, sie eingehend zu studieren.

Endlich erwachte Honorine aus ihrer Ekstase; sie stand auf, verneigte sich vor dem Altar und wandte sich zum Gehen. Als sie die Anwesenden bemerkte, blieb sie anscheinend überrascht stehen und strich sich mit beiden Händen die Haare aus der Stirn.

»Nun, mein Kind, hast du jetzt die heilige Jungfrau gesehen?« fragte die Herzogin.

Und Honorine antwortete im Tonfall der Katechismusstunde, als sagte sie eine eingelernte Antwort her: »Jawohl –, gnädige Frau, die heilige Jungfrau ist eine ganze Weile geblieben, dann hat sie sich aufgerollt wie eine Leinwand. Und dann hab' ich nichts mehr gesehen.«.

»Hat sie mit dir gesprochen?«

»Jawohl, gnädige Frau.«

»Was hat sie zu dir gesagt?«

»Sie hat gesagt: das Elend ist groß zu Hause.«

»Sonst nichts?«

»Ja, sie hat dann noch gesagt: es wird viel Elend auf dem Lande geben, mit dem Vieh und der Ernte.«

»Hat sie dich nicht ermahnt, brav zu sein?«

»Du mußt viel beten, hat sie gesagt, und dann noch: ich grüße dich. Das Elend ist groß zu Hause.«

Die Worte des Kindes verklangen in einem erhabenen Stillschweigen.

»Und war sie sehr schön, die heilige Jungfrau?« fragte dann Frau de Brécé.

»Ja, sehr schön, aber ihr fehlte ein Auge und eine Backe, weil ich nicht genug gebetet habe.«

»Hatte sie eine Krone auf dem Kopf?« fragte nun Lerond, in dem der einstige Untersuchungsrichter erwachte.

Honorine zögerte, dann nahm sie einen tückischen Ausdruck an und antwortete:

»Sie hatte die Krone neben dem Kopf.«

»Rechts oder links?« fragte Lerond weiter.

»Auf beiden Seiten.«

Frau de Brécé kam ihr zu Hilfe:

»Du meinst wohl, bald zur Rechten, bald zur Linken nicht wahr, das wolltest du sagen?«

Aber Honorine hüllte sich, wie sie manchmal zu tun pflegte, in trotziges Stillschweigen, sie schlug die Augen nieder, rieb das Kinn an der Schulter und wand sich in den Hüften hin und her. Man hörte nun auf, sie zu befragen, sie schlüpfte leise zur Tür hinaus, und der Herzog erzählte den Gästen ihre Geschichte.

Honorine Porrichet war die Tochter von blutarmen Bauersleuten, die schon seit Jahren in Brécé ansässig waren. Als Kind war sie sehr kränklich und ihr Verstand entwickelte sich so langsam, daß man sie anfangs für blödsinnig hielt. Der Dorfpfarrer rügte ihr verwildertes Wesen und ihre Gewohnheit, sich tagelang in den Wäldern umherzutreiben. Überhaupt war er ihr nicht günstig gesinnt. Aber die erleuchteten Geistlichen, die sie in Augenschein nahmen und befragten, konnten nichts Bedenkliches an ihr entdecken. Sie lief beständig in die Kirchen und versank dort in einen traumhaften Zustand, der ihrem Alter nicht entsprach. Als die erste Kommunion heranrückte, wurde ihre Frömmigkeit noch exaltierter. Um diese Zeit erkrankte sie an Kehlkopfschwindsucht und die Ärzte gaben sie auf, unter anderen auch der Doktor Cotard. Als die neue Kapelle Notre-Dame-des-Belles-Feuilles durch Erzbischof Charlot eingeweiht worden war, hielt Honorine sich fast beständig dort auf. Sie verfiel dort in Ekstasen und hatte Visionen. Die Muttergottes erschien ihr und gab sich zu erkennen. Und eines Tages berührte die Jungfrau Maria ihren Hals und verkündigte ihr, sie sei geheilt.

»Honorine hat diese merkwürdige Tatsache selbst erzählt,« sagte der Herzog. »Sie hat es wiederholt mit der größten Schlichtheit erzählt. Es wurde behauptet, ihre Aussagen hätten nicht immer übereingestimmt, aber es handelte sich tatsächlich nur um einige geringfügige Nebenumstände, bei denen sie sich widersprach. Ebenso steht es fest, daß das furchtbare Leiden, von dem sie bedroht war, plötzlich verschwand. Nach jener wunderbaren Begebenheit haben verschiedene Ärzte sie untersucht, und sie konnten weder an der Lunge noch an den Bronchien etwas Anormales finden. Selbst Doktor Cotard mußte zugeben, daß er hier vor einem Rätsel stand.«

»Wie denken Sie über diese Tatsachen, Herr Abbé?« fragte Lerond.

»Sie sind immerhin bemerkenswert,« erwiderte der Abbé, »und geben dem Gläubigen viel zu denken. Jedenfalls kann man sie nicht genau genug prüfen. Mehr kann ich nicht darüber sagen. Es liegt mir ferne, derartige interessante und trostreiche Begebenheiten skeptisch von der Hand zu weisen, wie Abbé Lantaigne es tut. Aber ebensowenig kann ich sie ohne weiteres als Wunder anerkennen, wie Herr de Goulet. Kurz, ich enthalte mich jeder persönlichen Meinung.«

»Bei der kleinen Honorine Porrichet kommen zwei Dinge in Betracht,« sagte der Herzog, »einerseits diese tatsächlich wunderbare Heilung, die, wie man wohl sagen darf, alles ärztliche Wissen Lügen straft, und andererseits die Visionen, mit denen sie ihrer Aussage nach begnadet wird. Sie wissen, Herr Abbé, daß man während einer dieser Visionen ihre Augen photographiert hat, und daß auf der Photographie deutlich eine Muttergottes zu erkennen ist, die sich in ihren Pupillen widerspiegelt. An der Ehrlichkeit des Photographen ist nicht zu zweifeln. Verschiedene glaubwürdige Persönlichkeiten haben die Aufnahme gesehen und bestätigen, daß man mit einer starken Lupe das Marienbild unserer Kapelle deutlich erkennen kann.«

»Gewiß, alle diese Umstände verdienen unbedingt Beachtung,« antwortete der Abbé, »aber man hüte sich, vorschnell zu urteilen und verfrühte Schlüsse zu ziehen. Wir dürfen nicht die Ungläubigen nachahmen, die alles von ihren momentanen Leidenschaften aus beurteilen. Grade was Wunder anbelangt, ist die Kirche äußerst vorsichtig. Sie verlangt Beweise, unwiderlegliche Beweise.«

Lerond fragte, ob man sich die Photographien verschaffen könne, die das Bildnis der Muttergottes in den Pupillen der kleinen Honorine wiedergaben, und der Herzog versprach, an den Photographen zu schreiben. Er meinte sich zu erinnern, daß er an der Place Saint-Exupère wohnte.

»Wie dem auch sein möge,« sagte Frau de Brécé, »jedenfalls ist die kleine Honorine ein sehr ordentliches, sehr anständiges Mädchen. Und auch das muß eine besondere Gnade Gottes sein. Ihre Eltern haben so schwer mit Not und Krankheit zu kämpfen, daß sie sich gar nicht um sie kümmern können. Aber ich habe mich selbst davon überzeugt, daß sie einen tadellosen Lebenswandel führt.«

»Was leider hier im Dorfe nicht bei allen Mädchen ihres Alters der Fall ist,« fügte die alte Herzoginwitwe hinzu.

»Das ist nur allzu wahr,« sagte de Brécé, »die Unmoral nimmt unter der ländlichen Bevölkerung immer mehr überhand. Ich werde Ihnen gelegentlich abschreckende Einzelheiten darüber erzählen, General. Aber die kleine Honorine ist die Unschuld selbst.«

* * *

Während man sich auf der Schwelle des Heiligtums in dieser Weise unterhielt, kehrte Honorine in das Dickicht zu Isidor zurück. Isidor ruhte dort auf einem Lager von welken Blättern und erwartete sie mit Ungeduld, denn er hoffte, sie werde ihm ein paar Kupfermünzen oder etwas zu essen mitbringen. Außerdem war sie seine Freundin, und er hatte sie sehr gern. Als er die Herrschaften vom Schloß zur Kapelle gehen sah, hatte er es Honorine gleich mitgeteilt, damit sie rasch hinliefe und sich in Ekstase versetze. Als sie wiederkam, fragte er gleich:

»Was haben sie dir gegeben – zeig' her.«

Dann schlug er sie, weil sie nichts mitgebracht hatte, aber ohne ihr sehr weh zu tun. Sie wehrte sich mit Kratzen und Beißen, dann sagte sie:

»Laß doch, was soll das?«

»Schwöre, daß sie dir nichts gegeben haben,« sagte Isidor.

Sie schwor. Und dann saugten beide das Blut auf, das aus ihren mageren Armen tröpfelte, und versöhnten sich wieder. Und da sie nichts anderes hatten, vergnügten sie sich miteinander und trösteten sich mit Zärtlichkeiten. Isidor war der Sohn einer Witwe, einer schlimmen Person, die dem Trunk ergeben war. Wer sein Vater war, wußte man nicht. Er brachte sein Leben in den Wäldern zu, und niemand kümmerte sich um ihn. In Liebessachen hatte er schon viel erlebt, obgleich er zwei Jahre jünger war als Honorine, und es war das einzige, woran er in den Wäldern von Guerche, Lénonville und Brécé noch niemals Mangel gelitten hatte. Was er jetzt mit Honorine trieb, geschah eigentlich nur aus Langeweile und weil er nicht anderes anzufangen wußte. Honorine zeigte wohl etwas mehr Temperament dabei, aber im Grunde legte auch sie nicht viel Wert auf etwas so Alltägliches und leicht Erreichbares. Es genügte ein Hase, ein Vogel oder irgendein großes Insekt, um beide wieder abzulenken.

* * *

Der Herzog de Brécé kehrte mit seinen Gästen in das Schloß zurück. Die kalten Mauern des Vorsaals waren mit unzähligen Mordtrophäen geschmückt, mit großen und kleinen Geweihen, Wildschweinköpfen und gebleichten Knochen. Die präparierten Tierköpfe, die zum Teil schon von Motten angefressen waren, sahen mit ihren Emailaugen so traurig drein, als sei der Schrecken des Todeskampfes immer noch nicht ausgelöscht. Und all diese Opfer dienten dazu, ihre erlauchten Mörder – lauter französische Edelleute oder napolitanische und spanische Bourbonen – zu verherrlichen. Unter der monumentalen Treppe stand ein uralter Wagen, der sich zu Lande und zu Wasser gebrauchen ließ, das heißt, man konnte den inneren, bootsförmig gestalteten Teil herausheben, um etwa bei einer Jagd einen Fluß zu durchqueren. Der Wagen wurde in hohen Ehren gehalten, weil mancher verbannte König damit gefahren sein sollte.

Abbé Guitrel stellte seinen baumwollnen Regenschirm sorgfältig unter einen unheimlichen schwarzen Eberkopf und ging dann als erster durch die linke Tür zwischen den zwei zerquälten Karyatiden von Ducerceau hindurch in den Salon. Dort saßen die Damen des Hauses, die auf dem Heimweg vorangegangen waren, mit ihrer Nachbarin und Freundin, Frau de Courtrai und unterhielten sich über Heiraten, Todesfälle, Krankheiten und Medikamente. Da es fast immer irgend einen Todesfall in der Familie oder eine Fürstentrauer gab, waren sie alle in Schwarz und wirkten so sehr einfach und ländlich, beinah klösterlich in den großen getäfelten Räumen mit den bemalten Plafonds. Die Malereien waren stark nachgedunkelt, und nur hier und dort erkannte man einen graubärtigen Heinrich IV., den eine vollbusige Minerva küßte, oder einen bleichen Ludwig XIII., zwischen zwei üppigen allegorischen Gestalten in flatternden Gewändern, die den Sieg und die Gnade darstellten, dann wieder »die Zeit«, einen nackten, ziegelroten Greis, der die Lilien verschont, dazwischen an allen Ecken und Enden kleine Genien mit Grübchen in den Lenden, einen Wappenschild in den Händen, darauf drei goldene Fackeln, – das Wappen der Herzöge de Brécé.

Die alte Herzoginwitwe strickte schwarze Wolltücher für Waisenkinder. Seit der fernen Zeit, wo sie für das Nachtlager des Königs in Chambord eine Steppdecke gestickt hatte, war das die einzige Beschäftigung, die ihre Tage und ihr Herz ausfüllte.

Auf den Tischen und Konsolen standen unzählige Photographien in den verschiedensten Rahmen aus Plüsch, aus Nickel, aus Kristall, aus geschnitztem Holz oder gepunztem Leder. Und ebenso vielfältig waren die Formen, da gab es vergoldete Hufeisen, Paletten mit Farbenklexen und Pinseln, Kastanienblätter und Schmetterlinge. In den Rahmen steckten Bilder von Männern, Frauen und Kindern, von Freunden und Verwandten, da waren Prinzen aus dem Hause Bourbon, der Graf von Chambord, Papst Pius IX. und verschiedene Prälaten. Auf einer altertümlichen Konsole, die von vergoldeten Türken getragen wurde, stand der Erzbischof Charlot. Sein breites Gesicht lächelte väterlich den jungen Militärs zu, die um ihn herumstanden, Offiziere, Unteroffiziere und Einjährige, am Kopfe, am Kragen und an der Brust den bescheidenen kriegerischen Schmuck, den die demokratische Armee der Kavallerie noch übrig gelassen hat. Er lächelte den Jünglingen im Sportskostüm zu und den jungen Mädchen. Damenbilder gab es auf allen Tischen, an allen Ecken und Enden, alte und junge, einige mit stark ausgeprägten, fast männlichen Zügen, und nur zwei oder drei wirklich hübsche.

»Ah, willkommen liebe Nachbarin,« rief der Herzog, der jetzt mit dem General eintrat, »wie geht es Ihnen?«

Dann setzte er das im Park mit Lerond begonnene Gespräch in einer Ecke fort:

»Die Armee ist schließlich alles, was uns übrig geblieben ist. Von alledem, was einst Frankreichs Macht und Größe ausmachte, ist nur sie übrig geblieben. Die parlamentarische Republik hat die Regierung erschüttert, das Ansehen der Justiz geschwächt und die öffentliche Sittlichkeit untergraben. Nur die Armee steht noch aufrecht da inmitten der allgemeinen Zerstörung, und deshalb sage ich, daß es frevelhaft ist, sie auch nur anzutasten.«

Er hielt inne. Es lag nicht in seiner Art, irgendwelche Fragen eingehend zu erörtern; er pflegte sich nur ziemlich allgemein auszudrücken, und niemand zweifelte an seiner edlen Gesinnung.

Frau de Courtrai hatte bisher ausschließlich über Medizinaltees gesprochen; jetzt blickte sie auf und sah den Herzog an. Ihr Gesicht hatte etwas von einem alten Waldhüter.

»Ich will hoffen, daß Sie ausdrücklich das Abonnement auf jenes Blatt rückgängig gemacht haben, das mit den Feinden der Armee und des Vaterlandes gemeinsame Sache macht. Mein Mann hat der Redaktion die Nummer mit dem gewissen Artikel zurückgeschickt … Sie wissen … der infame Artikel …«

Und der Herzog erwiderte: »Mein Neffe schreibt mir, daß in seinem Klub eine Petition angeschlagen ist, man möge das Abonnement auf eben diese Zeitung rückgängig machen. Die Unterschriften mehren sich von Tag zu Tag. Fast alle Mitglieder des Klubs haben unterzeichnet, – mit dem Vorbehalt, sich die einzelnen Nummern des Blattes zu kaufen.«

»Die Armee ist über all diese Angriffe erhaben,« sagte Lerond.

Und jetzt brach auch der General Cartier de Chalmot sein Schweigen:

»Ich freue mich, es aus Ihrem Munde zu hören. Und wenn Sie, wie ich, mit den Soldaten zusammen lebten, würden Sie freudig überrascht sein über die Disziplin, die Ausdauer und den Eifer unserer französischen Truppen. Unser Heer ist durchaus erstklassig, und ich kann nur immer wieder betonen, solche Truppen sind jeder Aufgabe gewachsen. Ich stehe am Ende meiner Offizierskarriere und kann wohl mit einer gewissen Autorität versichern, daß der Geist der französischen Armee das höchste Lob verdient. Unsere tüchtigsten Generäle haben mit anerkennenswerter Energie ihre Kraft für die Neuorganisation eingesetzt, und ich stehe nicht an zu erklären, daß der Erfolg ein glänzender ist.«

Er senkte die Stimme und fuhr noch ernster fort:

»Ich möchte jetzt nur noch den Grundsatz aufstellen, daß man bei den Mannschaften mehr Gewicht auf die Qualität, als auf die Anzahl legen und darauf sehen sollte, Elitetruppen zu bilden. Ich spreche das in der Überzeugung aus, daß kein großer Heerführer mich widerlegen kann. Mein militärisches Testament ist in folgender Formel enthalten: Die Zahl ist nichts, die Qualität alles. Ich füge noch hinzu, die Armee bedarf unbedingt einer einheitlichen Leitung, sie muß einen ungeteilten, unbeugsamen Willen über sich fühlen, dem sie zu gehorchen hat.«

Der General hörte auf zu sprechen. Seine matten Augen waren feucht geworden, durch seine schlichte Greisenseele gingen unklare Empfindungen, die er sich selbst nicht zu deuten wußte. Einst war er der schönste Offizier der kaiserlichen Garde gewesen, jetzt war er kränklich, verbraucht und fand sich in der modernen Welt nicht mehr zurecht.

Frau de Courtrai fand wenig Geschmack an theoretischen Gesprächen, sie wandte jetzt ihren wilden Männerblick dem General zu und sagte:

»Hören Sie, General, – man zollt unserer Armee, Gott sei Dank, die größte Hochachtung, sie ist die einzige wirkliche Macht, um die wir alle uns scharen – warum überträgt man ihr denn nicht einfach dir Regierung? – Warum schickt man nicht einen Oberst mit seinem Regiment in das Palais Bourbon und ins Elysée …«

Aber als sie sah, daß die Stirn des Generals sich umwölkte, hielt sie sofort wieder inne.

* * *

Der Herzog winkte Herrn Lerond mit dem Finger:

»Sie haben die Bibliothek noch nicht gesehen, Herr Lerond? Ich möchte sie Ihnen zeigen, Sie haben so viel Sinn für alte Bücher. Es wird Sie sicher interessieren.«

Und nun führte er den Rechtsbeistand der geistlichen Brüderschaften durch eine weite, kahle Galerie, deren schwerfällige Deckengemälde Apollo und Ludwig XIII. darstellten, wie sie die Feinde des Königreichs in Gestalt von Furien und Hydren zermalmen. Am Ende der Galerie lag die Bibliothek, die Herzog Guido, Marschall von Frankreich und Gouverneur der Provinz um das Jahr 1605, an der Neige seines Lebens und seines Vermögens eingerichtet hatte.

Der viereckige Saal nahm das ganze Erdgeschoß des östlichen Flügels ein und hatte je ein Fenster nach Norden, Westen und Süden, die nicht durch Vorhänge verhüllt waren und einen wunderbaren Ausblick boten: im Süden eine Rasenfläche mit einer großen Marmorvase, darauf zwei Tauben ruhten, das feine Geäst der winterlichen Bäume des Parkes und im purpurn verdämmernden Hintergrunde der Allee die weißen Statuen des Galatea-Bassins; im Westen die weite, ebene Landschaft, schimmernd im Goldglanz der untergehenden Sonne, und im Norden, wo das Licht kühler und die Umrisse bestimmter waren, gepflügte Hügel, violette Erde, Schieferdächer, rauchende Schornsteine und der zierliche, spitze Kirchturm von Brécé.

Der ganze Raum hatte etwas Strenges, die Einrichtung bestand aus einem Tisch und zwei Stühlen im Louis-Quatorzestil und einem Globus aus dem XVII. Jahrhundert, mit einer Windrose auf der noch unerforschten Fläche des Stillen Ozeans. An den Wänden standen vergitterte Schränke, die bis an die Decke reichten, die graugestrichenen Holzfächer überragten sogar den Kamin, der in antikem Rot gehalten war. Durch das Geflecht aus vergoldetem Kupferdraht sah man die beblümten Rücken der alten Bücher.

»Der Marschall hat diese Bibliothek begründet,« sagte Brécé, »sein Enkel, der Herzog Johann, hat sie dann zur Zeit Ludwigs XIV. erweitert und so eingerichtet, wie Sie sie jetzt sehen. Man hat seitdem kaum etwas daran geändert.«

»Haben Sie einen Katalog?« fragte Lerond. Der Herzog verneinte. Herr de Terremondre, der ein großer Liebhaber von alten Büchern war, habe ihm dringend zugeredet, einen Katalog anfertigen zu lassen, aber ihm fehle immer die Muße, sich damit zu beschäftigen.

Dann schloß er einen Schrank auf und Lerond nahm einen Band nach dem andern in die Hand, große, kleine und mittlere, in verschieden marmoriertes Kalbleder, in Pergament, in rotes oder blaues Maroquin gebunden, alle mit den drei Fackeln des Familienwappens und der Herzogskrone. Lerond war kein gewiegter Bibliophile, und doch staunte er, als ihm ein wundervoll geschriebenes Manuskript der » Dîme royale« in die Hand fiel, das Vauban dem Marschall geschenkt hatte. Es war mit einer Titelzeichnung und mehreren Vignetten geschmückt.

»Sind das Originalzeichnungen?« fragte Lerond.

»Wahrscheinlich,« meinte der Herzog.

»Sie sind signiert,« sagte Lerond, »ich glaube, es soll Sebastien Leclerc heißen.«

»Das ist wohl möglich,« antwortete Brécé.

Lerond entdeckte in den reichgefüllten Schränken die Werke Tillemonts über römische Geschichte und Kirchengeschichte, das Landrecht der Provinz, unzählige Abhandlungen von alten Rechtsgelehrten, theologische Werke, Familienchroniken, alte lateinische und griechische Klassikerausgaben, daneben jene riesengroßen Bücher, die herausgegeben wurden, um die Hochzeit des Königs, seinen Einzug in Paris, seine Genesung oder seine Siege zu verherrlichen.

»Das ist der älteste Bestand der Bibliothek,« sagte Brécé, »der durch den Marschall selbst erworben wurde. Und hier« – dabei schloß er noch zwei, drei andere Schränke auf, »hier steht, was Herzog Johann gesammelt hat.«

»Das war jener Minister Ludwigs XIV., den man den guten Herzog nannte?« fragte Lerond.

»Eben der,« erwiderte Brécé.

Die Sammlung des Herzogs Johann nahm die ganze Kaminwand und die Wand des Nordfensters ein. Lerond las laut die Titel, die in Goldbuchstaben zwischen zwei Rippen auf den reichverzierten Buchrücken aufgetragen waren: da war die » Encyclopédie méthodique«, die Werke Montesquieus, Voltaires, Rousseaus, des Abbé Mably, Condillacs und die »Niederlassung der Europäer in Indien« von Raynal. Dann blätterte er in den Gedichtbändchen und Erzählungen von Grécourt, Dorat, Saint-Lambert, La Fontaine und dem von Marillier illustrierten Bocaccio.

»Die Kupfer sind ein wenig frei,« sagte der Herzog, »einige Werke aus der gleichen Zeit mußte ich beiseite schaffen, weil die Darstellungen geradezu unsittlich waren.«

Neben dieser galanten Literatur entdeckte Lerond eine ganze Reihe politischer und philosophischer Werke, Abhandlungen über die Sklaverei und über den amerikanischen Freiheitskrieg. Er schlug die » Voeux d'un solitaire« auf und fand darin viele Randbemerkungen von der Hand des Herzogs Johann. Eine davon las er laut vor:

»Der Autor hat recht: von Natur sind alle Menschen gut. Nur die falschen Prinzipien der Gesellschaft machen sie schlecht.«

»Das hat Ihr Urgroßvater im Jahre 1790 geschrieben,« fügte er hinzu.

Der Herzog stellte das Buch wieder an seinen Platz, wobei er sagte:

»Ja, es ist wirklich interessant.« Dann öffnete er den Schrank an der Nordseite: »Hier stehen die Bücher meines Großvaters, der am Hof Karls X. Page war.«

In den verschiedensten dunklen und hellen Lederbänden standen da Chateaubriands Werke, eine ganze Sammlung von Denkschriften über die Revolution, die historischen Werke von Anquetil, Guizol, Augustin Thierry, der Kursus über Literatur von La Harpe, die gaule poétique von Marchangy und die Reden von Lainé.

Und neben all diesen Büchern aus der Zeit der Restauration und der Juliregierung lagen ein paar zerlesene Broschüren über Pius IX. und die weltliche Macht, zwei oder drei zerfetzte Romane, eine Festrede auf Jeanne d'Arc, die der Erzbischof Charlot am 8. Juni 1890 in Saint-Exupère gehalten hatte, und einige Andachtsbücher für Damen der Gesellschaft. Das waren die Beiträge, mit denen der jetzige Herr von Brécé und dessen Vater die im Jahre 1605 durch den Marschall begründete Bibliothek bereichert hatten.

* * *

»Erlauben Sie, daß ich die Schränke wieder zuschließe,« sagte der Herzog. »Man muß vorsichtig sein. Meine Söhne sind schon große Buben und könnten leicht einmal auf den Gedanken kommen, die Bibliothek zu durchstöbern. Es sind zu viele Bücher da, die sich nicht für junge Leute eignen und ebensowenig für Damen, die etwas auf sich halten … einerlei, in welchem Alter sie stehen.«

So schloß er die Schränke mit dem erhebenden Gefühl, eine moralische Handlung zu begehen, und es gewährte ihm große Genugtuung, daß man Unzucht, Zweifel, Gottlosigkeit, schlimme Gedanken, kurz, die ganze Sündhaftigkeit der Welt so hinter Schloß und Riegel verwahren konnte. Und eigentlich war das schön und edel gedacht, wenn sich auch etwas Eitelkeit hineinmischte und ein leiser Neid auf das reichere Wissen anderer. Als er endlich den Schlüsselbund in die Tasche gesteckt hatte, wandte er sich befriedigt zu Lerond.

»Über der Bibliothek liegt das Königszimmer. In den alten Inventarien wird die ganze obere Etage mit diesem Namen bezeichnet. In dem eigentlichen Königszimmer steht das Bett, in dem Ludwig XIII. geschlafen hat. Es ist noch mit den alten Seidenstickereien bedeckt. Das Zimmer ist wirklich sehenswert.«

Herr Lerond konnte sich kaum mehr aufrecht halten. Für seine Beine, die jahraus, jahrein unter dem Schreibtisch steckten, war schon der Rundgang durch Park und Ställe und die Wallfahrt zur Kapelle zuviel gewesen. Jetzt knickte er beinah zusammen, und die Füße brannten ihn höllisch, denn er hatte, um ganz korrekt zu sein, unglücklicherweise Lackschuhe angezogen. So blickte er verzweifelt zur Decke empor und stammelte:

»Es ist schon spät – müßten wir nicht eigentlich zu den Damen zurückkehren?«

Brécé war nur unerbittlich, wenn es sich um seine Stallungen handelte, in bezug auf die anderen Sehenswürdigkeiten ließ er mit sich reden.

»Ja, es wird tatsächlich schon dunkel,« sagte er, »also dann ein anderes Mal, – rechts, Herr Lerond, rechts.«

Als sie dann an der Tür standen, rief der einstige Staatsanwaltsvertreter:

»Nein, diese Mauern, Durchlaucht, die sind ja von einer unglaublichen Dicke!«

Die Jagdtrophäen im Flur, die historischen Malereien des Salons, die herrlichen Wandteppiche, der prunkvolle Plafond der Galerie und die schönen Bücher in ihren kostbaren Einbänden, alles das hatte er mit kühler Ruhe betrachtet und keine Miene dabei verzogen, aber angesichts dieser gewaltigen Mauern wurde er plötzlich lebendig und strahlte vor Bewunderung. Endlich hatte er etwas gefunden, was wirklich Eindruck auf ihn machte, ihn zum Nachdenken anregte und ihm moralische Befriedigung gewährte. Seine Richterseele war in ihrer Blüte geknickt worden, zugleich mit seiner Karriere, damals, als die Dekrete in Kraft traten, und man hatte ihn allzufrüh um die Freude gebracht, Strafen zu diktieren. Deshalb frohlockte jetzt sein Herz beim Anblick dieser finsteren, schweigsamen Mauern, und sie erfüllten seine Phantasie mit wollüstigen Vorstellungen – Gefängnisse, Kerker, schwere Strafen, Sühne – Gesetz, Justiz, Gerechtigkeit und Moral.

»In der Tat,« sagte der Herzog, »grade hier, zwischen der Galerie und dem anderen Flügel, sind sie ungemein dick, denn es ist die alte Festungsmauer, die schon 1405 errichtet wurde.«

Lerond betrachtete sie eingehend, maß sie mit den Augen, beklopfte sie mit seinen kleinen krummen Fingern; er verliebte sich förmlich in sie, verehrte sie und ergriff Besitz von ihr.

Als sie wieder in den Salon traten, sagte er:

»Meine Damen, der Herzog war so liebenswürdig, mir seine interessante Bibliothek zu zeigen, und auf dem Wege dahin habe ich die fabelhafte Mauer gesehen, die den nördlichen Flügel mit der Galerie verbindet. Ich glaube, etwas Ähnliches gibt es selbst in Chambord nicht.«

Aber weder die herzoglichen Damen noch Frau de Courtrai hörten seine Worte. Sie waren gerade intensiv mit etwas anderem beschäftigt.

»Jean,« rief Frau de Brécé ihrem Mann zu, »bitte, sieh dir das hier einmal an.«

Und sie zeigte ihm ein Futteral aus rotem Chagrinleder, das auf einem Tischchen neben der Lampe stand. Das Futteral hatte die Form einer Kugel, auf die man einen Fingerhut gesetzt hat, der untere Teil war kleeblattförmig ausgebogen. Daneben lag eine Visitenkarte und unter dem Tisch ein Haufen zerknittertes Seidenpapier.

»Bitte, sieh es dir an, Jean.«

Abbé Guitrel, der neben dem Tischchen stand, öffnete ehrfurchtsvoll das Futteral und entnahm ihm ein goldenes Ziborium.

»Wer hat dir das geschickt?« fragte der Herzog.

»Sieh doch die Karte an – es ist mir furchtbar peinlich und ich weiß gar nicht, was ich tun soll.«

Brécé nahm sein Lorgnon und betrachtete die Visitenkarte. Da stand:

Baronin Jules de Bonmont
für die Kapelle Notre-Dame-des-Belles-Feuilles.

Er legte die Karte wieder hin, steckte das Lorgnon in die Tasche und murmelte vor sich hin: »Das ist wirklich sehr unangenehm.«

»Ein Ziborium, ein schönes Ziborium,« sagte Abbé Guitrel.

»Als ich Chorknabe war,« sagte der General, »nannten die Patres dieses Gefäß Kustodia.«

»Gewiß,« antwortete Guitrel, »Ziborium oder Kustodia nennt man das Gefäß, worin die Hostien für das Abendmahl aufbewahrt werden. Nur ist die Kustodia zylindrisch gewölbt und hat einen kegelförmigen Deckel …«

Der Herzog dachte immer noch nach, und eine tiefe Sorgenfalte durchfurchte seine Stirn.

»Warum stiftet diese Baronin Bonmont, die doch Jüdin ist, ein Ziborium für unsere Kapelle? Warum drängen sich die Juden mit aller Gewalt in unsere Kirchen?«

Der Abbé hatte die Hände in seine Ärmel geschoben, er strich mit der Zunge über die Lippen und sagte sanft:

»Darf ich mir die Bemerkung erlauben, Durchlaucht, daß die Frau Baronin Jules de Bonmont Katholikin ist.«

»Aber ich bitte Sie,« rief der Herzog, »sie ist eine österreichische Jüdin, eine geborene Wallstein, und ihr Mann, der Baron de Bonmont, hieß ursprünglich Gutenberg.«

»Gewiß, Durchlaucht,« erwiderte Guitrel, »ich bestreite durchaus nicht, daß die Baronin von jüdischer Abstammung ist. Nur möchte ich mir gestatten, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie bekehrt und getauft, also Christin ist, und ich muß hinzufügen, eine gute Christin. Sie tut ungemein viel für unsere katholischen Stiftungen und kann wohl als Beispiel …«

Der Herzog unterbrach ihn:

»Herr Abbé, ich kenne Ihre Ansichten und ich achte sie, wie ich Ihr geistliches Gewand achte. Aber für mich bleibt der getaufte Jude eben doch ein Jude. Ich kann da keinen Unterschied machen.«

»Ich auch nicht,« sagte Frau de Brécé.

»Diese Empfindungen sind auch bis zu einem gewissen Grade berechtigt, Durchlaucht,« erwiderte der Abbé. »Aber Sie können doch nicht darüber hinwegsehen, was die Kirche lehrt, nämlich, daß der göttliche Fluch nur die Schuld der Juden, nicht aber ihre Rasse trifft. Verworfen werden nur diejenigen, die …«

»Es ist schwer,« sagte der Herzog, der inzwischen das Gefäß aus dem Futteral genommen hatte und es in die Höhe hielt.

»Es ist mir wirklich furchtbar peinlich,« sagte die Herzogin.

»Es ist sehr schwer,« wiederholte de Brécé.

»Und vor allem ist es sehr schön gearbeitet,« bemerkte der Abbé. »Es hat wirklich etwas Distinguiertes, wenn ich mich so ausdrücken darf, wie alle Arbeiten von Rondonneau Junior. Der erzbischöfliche Goldschmied versteht es wie kein anderer, sich an die Traditionen der kirchlichen Kunst zu halten, ihre Formen und ihre Ornamentik mit großer Treue und viel Geschick nachzubilden. Dieses Ziborium ist eine ganz hervorragende Arbeit im Stil des XIII. Jahrhunderts.«

»Der Kelch und der Deckel sind aus massivem Gold,« sagte de Brécé.

»Nach der Vorschrift der Liturgie,« erwiderte Abbé Guitrel, »muß der Kelch aus Gold, oder wenigstens aus innen vergoldetem Silber sein.«

Der Herzog kehrte das Gefäß um und bemerkte:

»Der Fuß ist hohl.«

»Gott sei Dank,« rief seine Frau.

Der Abbé betrachtete das Werk von Rondonneau Junior jetzt etwas genauer.

»Sie dürfen überzeugt sein,« sagte er, »daß es im Stil des XIII. Jahrhunderts gearbeitet ist. Man hätte keinen besseren wählen können. Das XIII. Jahrhundert ist das goldene Zeitalter der christlichen Goldschmiedekunst. Wie Sie an diesem schönen Stück sehen können, gab man dem Ziborium damals die gefällige Form eines Granatapfels. Der kräftige und nicht zu dünne Fuß ist mit Emaille und kostbaren Steinen geschmückt.«

»Barmherzigkeit, mit kostbaren Steinen!« rief die Herzogin.

»Betrachten Sie die fein ziselierten Engel- und Prophetengestalten in den rautenförmigen Feldern, es macht sich wirklich gut.«

»Jener Bonmont war ein Gauner,« warf die alte Herzoginmutter plötzlich ein, »ein ausgemachter Dieb. Und seine Witwe hat nichts zurückgegeben.«

»Nun, wie Sie sehen, macht sie jetzt den Anfang,« sagte de Brécé, indem er auf das schimmernde Gefäß wies.

»Was sollen wir tun?« fragte die Herzogin.

»Zurückschicken können wir es jedenfalls nicht,« antwortete de Brécé.

»Warum nicht?« sagte die Herzoginmutter.

»Aber Mama, weil es einfach unmöglich ist.«

»Dann muß man es also behalten?« fragte die Herzogin.

»Nun ja, natürlich.«

»Und sich bei ihr bedanken.«

»Allerdings.«

»Was meinen Sie, Herr General?«

»Es wäre jedenfalls vorzuziehen gewesen, diese Dame hätte ihr Geschenk unterlassen, da Sie doch keinerlei Beziehungen zu ihr haben. Aber es liegt wohl auf der Hand, daß man diese Höflichkeit nicht mit einer Beleidigung erwidern kann.«

Abbé Guitrel nahm das Ziborium in seine ehrwürdigen Hände und sagte:

»Ich bin überzeugt, die Mutter Gottes wird gnädig auf diese Gabe herabsehen, die eine fromme Seele für ihren Altar gestiftet hat.«

»Aber zum Kuckuck,« sagte der Herzog, »die Mutter Gottes bin in diesem Falle ich. Wenn Frau de Bonmont und ihr Sohn bei mir eingeladen sein wollen, – und das werden sie wollen – so muß ich sie jetzt wohl oder übel in meinem Hause empfangen.«