Autorenseite

 << zurück 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Eine teure Depesche.

Sie saßen wieder zu dritt im Rauchzimmer: der Hausherr Andreas Grumbach, seine Gattin Frau Violet und Dagobert Trostler. Dagobert war wieder eine Woche verreist gewesen und hatte keine Nachricht von sich gegeben. Frau Violet war einigermaßen neugierig, zu erfahren, was er eigentlich auf seiner Reise angezettelt habe. Sie war in diesem Punkte nicht ganz der Meinung ihres Gatten gewesen, dem die diesmalige Abwesenheit Dagoberts besonders ungelegen gekommen war.

»Ich hätte ihn gerade jetzt so notwendig gehabt wie noch nie,« hatte er tiefer Verstimmung seiner Gattin geklagt. »Er wußte das, mußte es wissen, und dennoch setzt er sich auf und tritt, ohne auch nur ein Wort zu sagen, eine Vergnügungsreise an!«

Frau Violet glaubte an die Vergnügungsreisen Dagoberts nicht. Wenn der sich auf die Strümpfe machte, so hatte er sicherlich irgendeinen realen Zweck dabei im Auge, und welcher Art dieser sei, das war bei seiner bekannten großen Passion nicht schwer zu erraten. Gewiß hatte er wieder mit seinem vielfach bewährten Scharfsinn irgendeine Spur verfolgt, und Frau Violet rechnete nun darauf, daß er wie üblich Bericht über die Ergebnisse seiner Nachforschungen erstatten werde.

Dagobert aber machte keine Miene. Er rührte den Zucker in seinem kleinen Schwarzen um und blickte träumerisch den blauen Rauchringeln seiner Havannazigarre nach.

Frau Violet ärgerte sich ein wenig über den ostentativen Gleichmut, wo sie selbst doch schon so gespannt war. Sie gestattete sich auch eine spitzige Bemerkung.

»Dagobert, hüten Sie sich, auch mich noch böse zu machen!«

»Auch Sie?! Wer ist denn sonst noch böse?«

»Ach, niemand – nur mein Mann.«

»Der Herr Gemahl?!«

Dagobert leistete sich einen unschuldigen Augenaufschlag und fuhr dann harmlos fort: »Du bist böse, Grumbach? Das wußte ich ja gar nicht. Darf ich mich bei dieser Gelegenheit vielleicht erkundigen, was ich eigentlich angestellt habe?«

»Das weißt du ganz gut, Dagobert. Dieses eine Mal hast du wirklich nicht sehr freundschaftlich an mir gehandelt!«

»Aber wieso denn?«

»Tu nicht so! Vorige Woche hatten wir die Sitzung der Internationalen Kommission. Du weißt, was da vorgegangen ist. Nach der Sitzung verduftest du und trittst eine Vergnügungsreise an!«

»Vielleicht war es gar keine Vergnügungsreise!«

»Oder du läufst einem kleinen Defraudanten nach und lässest mich in einer geradezu welthistorischen Patsche sitzen, wo ich dich so notwendig gebraucht hätte, wie noch nie im Leben!«

»Ich muß doch bitten, meine Herrschaften!« mengte sich da Frau Violet hinein. »Man spricht nicht in Gegenwart eines Dritten und nun gar einer Dame, der Frau des Hauses, in einer fremden Sprache. Sie aber reden in einer fremden Sprache, und ich verstehe kein Wort. Was ist denn das für ein Ding, die Internationale Kommission?«

»Sehr richtig, meine Gnädigste!« bemerkte Dagobert. »Das bedarf einer Aufklärung; vielleicht auch die – wie sagte er doch? – die weltgeschichtliche Schlamastik, glaube ich.«

»Jawohl, Dagobert; um diese Aufklärung wollte ich Sie eben gebeten haben, da mein Herr Gemahl –«

»Aber liebes Kind,« entschuldigte sich Herr Grumbach, »was interessieren dich denn diese Geschichten, von denen du ja doch nichts verstehst.«

»Da mein Herr Gemahl« – Frau Violet ließ nicht locker – »mich für viel zu gering erachtet, um mich mit seinem Vertrauen zu beehren!«

»Ohne mich,« entgegnete Dagobert, »in die hier sich verheißungsvoll vorbereitende häusliche Szene einmengen zu wollen, für deren weiteren Verlauf ich meinerseits jetzt schon eine streng neutrale Stellung garantieren zu können glaube, bin ich doch der Meinung, daß das Wort jetzt Herrn Grumbach gebührt. Dort sitzt der Ankläger; er bringe seine Anklage vor, begründe sie, dann will ich sehen, was ich für mich tun kann.«

Herr Grumbach mußte sich also zu Erklärungen herbeilassen.

»Sei froh,« sagte er, sich an seine Gattin wendend, »daß du von all diesen Dingen nichts weißt. Wer weiß, ob du sonst so ruhig schliefest! Also was die Internationale Kommission ist, möchtest du wissen? Eine große Sache. Das ist eine Verwaltung, die für die Kleinigkeit von dreihundert Millionen die Verantwortung trägt.«

»Ganz nett!« meinte Frau Violet mit gnädigem Kopfnicken.

»Die Gesellschaft will eine direkte Zugverbindung zwischen Wien und Paris einer- und zwischen Wien und Rom andererseits herstellen. Sie setzt sich zusammen aus österreichischen, französischen und italienischen Kapitalistengruppen; daher die Bezeichnung Internationale Kommission.«

»Eine sehr hübsche Idee; bin ganz einverstanden.«

»Das ist lieb von dir, Violet, und wird die Kommission ungemein freuen. Zum Präsidenten der Gesellschaft haben sie mich gemacht. Natürlich! Du weißt ja, wenn irgendwo auf der Welt irgend etwas los ist, so ist immer das das erste, daß sie mich zum Präsidenten machen. Als wenn es überhaupt keinen andern gäbe!«

»Gestatten Sie hier eine Zwischenbemerkung, Gnädigste,« nahm nun Dagobert das Wort. »Es ist vollkommen richtig, was Ihr geschätzter Gemahl da bemerkt, nur müßte er noch etwas hinzufügen. Er hat seit einigen Jahren die Gepflogenheit angenommen, nirgends hineinzusteigen, ohne mich mitzunehmen, und so bin auch ich hier zum Handkuß und in die Kommission gekommen. So bin auch ich mit der Zeit, und ich kann sagen ganz contre coeur, ein Finanzgenie geworden.«

»Er hat ganz recht getan, Dagobert. Ich an seiner Stelle ließe Sie auch nicht aus.«

Nach dieser Unterbrechung fuhr Grumbach fort: »Für Donnerstag voriger Woche, neun Uhr früh, hatte ich eine Sitzung der Kommission einberufen. Die Tagesordnung war eine sehr wichtige. Die erste Emission von Aktien im Betrage von 50 Millionen war im Vorjahre glatt vor sich gegangen. Nun sollte ein weiterer Posten von abermals 50 Millionen zur Subskription aufgelegt werden, und darüber sollte ein Beschluß gefaßt werden. Dieses Mal sollte aber die Sache nicht so glatt verlaufen. Knapp vor Eröffnung der Sitzung sehe ich nur noch rasch die Depeschen des ›Freien Morgenblatt‹ durch, und da glaube ich, vom Sessel fallen zu müssen. Es war nicht anders, als wenn eine Bombe vor mir geplatzt wäre. Dort stand groß und breit ein Originaltelegramm zu lesen, daß die französische Regierung beschlossen habe, die Kotierung der neuen Emission an der Pariser Börse nicht zu bewilligen.«

»Was heißt das?« erkundigte sich Frau Violet. »Mit mir muß man deutsch reden.«

»Das hätte heißen sollen, daß die französische Regierung das Vertrauen zu unserer Unternehmung verloren habe, das französische Kapital schützen und deshalb die fragwürdigen Aktien zur Pariser Börse nicht zulassen wolle. Damit wären wir einfach zugrunde gerichtet gewesen. Nicht nur, daß das französische Kapital sich zurückgezogen halte, wir hätten das Vertrauen im Publikum überhaupt verloren, und es wäre eine bare Unmöglichkeit geworden, die Aktien unterzubringen. Das ist klar. Wer hätte sich denn unter solchen Umständen zu dieser Kapitalsanlage entschließen sollen? Zum Glück verlor ich den Kopf doch nicht. Ich eröffnete die Sitzung, die sofort einen sehr stürmischen Charakter annahm. Ich war aber der Situation gewachsen. Ich setzte den Leuten auseinander, daß wir vor allen Dingen kaltes Blut bewahren müßten, und beantragte zunächst zu beschließen, daß wir uns nicht fürchten. Wir hätten es da mit einer Tatarennachricht zu tun, die sicher nicht wahr sei. Allerdings – das ›Freie Morgenblatt‹ sei ein ernstes und anständiges Blatt, aber es sei sehr wahrscheinlich, daß es einer Mystifikation zum Opfer gefallen sei. Wenn aber das der Fall sei, dann liege hier ein verbrecherischer Anschlag, ein schmutziges Börsenmanöver vor, und deshalb habe ich als Präsident der Gesellschaft es für meine Pflicht erachtet, noch vor Eröffnung der Sitzung unsere Kriminalpolizei telephonisch von dem Fall zu verständigen und ihr die weitere Verfolgung desselben ans Herz zu legen. Diese Mitteilungen beruhigten die Versammlung doch einigermaßen, unseren Freund Dagobert speziell so sehr, daß er daraufhin die Sitzung verließ. Und seither sehe ich ihn heute, nach acht Tagen! zum erstenmal wieder. Als ich am Abend desselben Tages noch bei ihm vorsprechen wollte, um mich mit ihm zu beraten, teilte mir sein Diener mit, daß sein Herr eine Vergnügungsreise nach dem Süden angetreten habe. Da hört doch verschiedenes auf! Das sind unsere Freunde! Hoffentlich hast du dich wenigstens gut unterhalten!«

»Ich danke der gütigen Nachfrage, es war gottlob recht angenehm.«

»Das Aussehen ist erfreulicherweise ein befriedigendes. Die Sonne des Südens scheint dir wohlgetan zu haben.«

»Ich kann nicht klagen. Die Sitzung mußte ich leider meiner Reisevorbereitungen halber vorzeitig verlassen. Ich weiß auch nichts über ihren weiteren Verlauf, und es würde mich wohl interessieren, etwas von ihr über die Entwicklung der Dinge überhaupt bis auf den heutigen Tag zu erfahren. Auf der Reise erfährt man nichts, und so bin ich der reine Tor, der voll nichts eine Ahnung hat.«

»Die Angelegenheit wurde gründlich durchgesprochen. Die naheliegende Idee, dem ›Freien Morgenblatt‹ eine geharnischte Berichtigung auf Grund des § 19 des Preßgesetzes zu schicken, mußte verworfen werden. Die positive Grundlage für eine solche fehlte uns noch, und kompromittieren durften wir uns nicht. Eine telegraphische Verständigung mit der französischen Regierung schien nicht rätlich. Wenn auch nur etwas an der Sache wahr war, konnte der telegraphische Verkehr eher nur noch Schaden bringen, während auch in diesem Falle die persönliche Intervention vielleicht noch manches retten konnte. Es wurde also unser Generaldirektor Knall und Fall nach Paris entsandt. Dort sollte er durch Vermittlung unserer Botschaft mit der französischen Regierung in Beziehung treten, um sich mit ihr auseinanderzusetzen.«

»Und die Emission?«

»Wir überlegten lange, ob wir sie unter solchen Umständen wagen durften. Wir beschlossen, sie trotzdem durchzuführen. Jetzt durften wir kein Zeichen von Schwäche geben. Das hätte verhängnisvoll werden müssen. Wir eröffneten also die Subskription, als wenn nichts geschehen wäre.«

»Und der Erfolg?«

»Der Erfolg hat uns recht gegeben. Der Verlauf war, wie wir ihn erwartet hatten. Im Anfang flau, sehr flau. Darauf mußten wir ja gefaßt sein. Die Beteiligung war schwach, und an der Börse gab es am ersten und zweiten Tage einen Kursverlust von zehn Prozent, am dritten und vierten Tage sogar bis zu zwanzig Prozent. Am Abend des vierten Tages traf der Bericht unseres Generaldirektors ein. Nicht eine Silbe jenes Telegrammes war wahr gewesen. Nun konnten wir auch ein Communiqué an die Zeitungen schicken und das Publikum aufklären. In weiteren zwei Tagen war nicht nur der ganze Kursverlust hereingebracht worden, wir stehen heute sogar schon fünf Prozent über dem Emissionskurs, und ich habe das Vertrauen zu unserer guten Sache, daß wir mit Gottes Hilfe überhaupt nie mehr unter diesen Kurs sinken werden.«

»Gott sei Dank, daß die Geschichte noch so abgegangen ist!« rief Frau Violet aufatmend aus. »Aber Dagobert, schön war es von Ihnen wirklich nicht, daß Sie da schnöde abgefahren sind und meinen armen Mann im Stiche gelassen haben.«

»Man wird doch einmal im Jahre auch eine Vergnügungsreise machen dürfen, meine Gnädigste.«

»Es hätte aber nur nicht gerade in dem Moment sein müssen, als André Sie vielleicht sehr notwendig brauchen konnte!«

»Aber Sie sehen doch, Frau Violet, daß auch so alles vortrefflich gegangen ist.«

»Es hätte aber auch schiefgehen können, und in solcher Lage läßt man seinen Freund nicht allein.«

»Es ist auch wirklich so gegangen,« nahm der Hausherr wieder das Wort, »und ich glaube, mir darauf etwas einbilden zu dürfen. Jedenfalls war ich der einzige, der den Kopf nicht verlor. Sage selbst, Dagobert, ob ich mich da nicht mit Anstand aus der Affäre gezogen habe.«

»Ich habe keinen Augenblick gezweifelt, daß du dich der Situation gewachsen zeigen wirst. Darum schon bin ich mit aller Gemütsruhe abgefahren. Wie ich nun höre, ist alles ausgezeichnet gemacht worden. Besonders hoch rechne ich es dir an, daß du gar nicht erst versucht hast, mit vorzeitigen und nicht hinreichend belegten ›Berichtigungen‹ hervorzutreten. Das hätte nur aufreizend wirken und überflüssige Entgegnungen hervorrufen und im ganzen nur schaden können. Wie du es gemacht hast, war es jedenfalls am besten.«

»Ich danke für die Anerkennung,« entgegnete Grumbach lächelnd, und dann fügte er, sich an seine Gattin wendend, hinzu: »Willst du übrigens den eigentlichen Grund für seine schleunige Flucht wissen? Da wirkte ein psychologisches Motiv mit – beleidigter Künstlerstolz!«

»Jetzt bin ich aber wirklich selber neugierig, zu erfahren, warum ich abgefahren bin!«

»Ich will dir's ehrlich sagen, lieber Freund. Es war nichts anderes, als was ich schon angegeben habe. Es war da eine Gaunerei begangen worden, und ich teile der Versammlung mit, daß ich die Behörde sofort aufgefordert hatte, der Sache nachzugehen. Das vertrug Freund Dagobert nicht. Er ist der, wie ich ohne weiteres zugebe, vollkommen berechtigten Ansicht, daß man es nicht nötig hat, sich zur Aufhellung einer Lumperei an die löbliche Polizei zu wenden, wenn man so glücklich ist, ihn zur Verfügung zu haben.«

»Dieser Meinung bin ich auch,« sagte Frau Violet.

»Ich nicht minder, wie bereits erwähnt,« fuhr Grumbach fort, »nur war es hier wirklich nicht möglich, selbst wenn es das vernünftigste gewesen wäre, die Kunst Dagoberts in Anspruch zu nehmen. Wir stehen im Lichte der Öffentlichkeit, und es sind ungeheure Summen, die hier ins Spiel kommen. Es galt, ein internationales Publikum zu beruhigen. Welch einen Sturm von internationalen Rekriminationen hätte es erregt, wenn es ruchbar geworden wäre, daß wir, um die vielen Tausende von unseren Aktionären vor infamer Ausbeutung zu schützen, uns, statt an die Autorität der staatlichen Behörden, an einen privaten Herrn wenden, der zufällig Liebhaber in der Detektivkunst ist. Natürlich hätte Dagobert alles besser gemacht. Das wissen wir, aber das internationale Publikum weiß es vielleicht doch noch nicht, obschon sein literarischer Freund es an Emsigkeit wahrhaftig nicht fehlen läßt, die Welt mit seinen Leistungen bekannt zu machen. Wir wären mit Vorwürfen überschüttet worden und hätten alles Vertrauen verloren. Das siehst du doch ein, Dagobert?«

»Ich sehe das nicht nur ein, sondern ich finde darin auch bestätigt, was ich ohnedies schon längst wußte, daß du nämlich ein sehr gescheiter Mensch bist, mein lieber Grumbach, und daß die Leute nur sehr recht haben, wenn sie dich auf jeden irgendwo freiwerdenden Präsidentenstuhl setzen. Du hast mich vorhin nur nicht ausreden lassen, sonst hätte ich mir gleich zu bemerken erlaubt, daß der allerfeinste Zug in der ganzen Affäre von dir der war, daß du meinen Namen überhaupt nicht genannt hast.«

»Ich glaube aber,« mengte Frau Violet sich wieder ein, »daß diese Angelegenheit nun zur Genüge durchgesprochen ist. Dagobert hat seine – seien wir gerecht – diesmal nicht unverdiente Strafe erhalten. Damit ist die Affäre in ritterlicher Weise erledigt. Lassen wir sie also ruhen und hören wir jetzt endlich von Dagoberts Reiseabenteuern. Ohne Grund sind Sie nicht nach Italien gefahren. Das werden Sie nur niemals weismachen!«

»Ich bin geneigt zu vermuten, daß man im allgemeinen und überhaupt niemals ganz ohne Grund nach Italien zu reisen pflegt.«

»Sie verstehen schon ganz gut, wie ich es meine, Dagobert. Das Jagdfieber hat Sie getrieben; Sie haben wieder eine Spur verfolgt.«

»Ha, ich bin entlarvt!«

»Erzählen Sie etwas davon. Was hatten Sie vor?«

»Ich wollte eine Lumperei aufdecken.«

»War es ein interessanter Fall?«

»Mich hat er interessiert. Denken Sie nur, Gnädigste: in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die das Haus Grumbach sehr nahe und doch auch mich ein wenig angeht, erscheint ein offenkundig lügenhaftes Telegramm. Das wird mir offiziell mitgeteilt –«

»Was?!« unterbrach da Grumbach aufs höchste erstaunt. »Du hast dich über diese Sache hergemacht?! Unglücksmensch – und davon sagst du nicht eine Silbe?!«

»Man hat mich ja nicht gefragt! Und überhaupt, in diesem Hause läßt man ja einen Menschen nicht zu Worte kommen.«

»Aber ich warte doch schon seit einer Stunde, daß Sie erzählen sollen!« ließ sich Frau Violet darauf vernehmen. »Ich dachte, wir wären nur abgekommen.«

»Nein, Gnädigste,« fuhr Dagobert fort, »wir waren ganz bei der Sache. Übrigens war die Angelegenheit wichtig genug, um Ihnen zur Kenntnis gebracht zu werden. Wenn Ihr Rabengatte nicht früher dafür gesorgt hatte, so werden Sie ihm dafür gewiß verdientermaßen – unter vier Augen den Standpunkt klarmachen. Wenigstens kennen Sie nun die Vorgeschichte. Die Anklagerede haben Sie gehört, hören Sie nun auch die Verteidigung.«

»Ich kann mich noch immer nicht fassen,« rief Grumbach. »Ohne ein Wort zu sagen!«

»Ich hatte keine Zeit dazu. Mit der Nachricht war auch ich überrumpelt worden. Ich bin kein Frühaufsteher. Der Herr Präsident hatte die Laune gehabt, für neun Uhr früh, also zu nachtschlafender Zeit, eine Sitzung einzuberufen –«

»Das hatte seinen guten Grund,« erläuterte Grumbach. »Die europäischen Börsen sollten noch rechtzeitig von ihrem Ergebnis telegraphisch oder telephonisch verständigt werden können.«

»Jedenfalls hatte ich noch keine Zeitung gelesen,« fuhr Dagobert fort. »Als ich das Wesentlichste erfahren hatte, den Inhalt des Telegramms und die Tatsache, daß der Herr Präsident sich korrekterweise – wie ich betone – an die Behörde gewendet habe, da hatte ich in der Sitzung nichts mehr zu tun und empfahl mich englisch.«

»Ich glaube, man sagt –französisch,« meinte Frau Violet.

»Meinetwegen holländisch! Ich glaube nun nachweisen zu können, daß mir zur Veranstaltung von besonderen Abschiedsfeierlichkeiten wirklich keine Zeit übrigblieb.«

»Was taten Sie zuerst, Dagobert?«

»Zuerst natürlich ging ich auf die Polizei.«

»Aber mit der hatte doch ich mich schon ins Einvernehmen gesetzt!« warf Grumbach ein.

»Ganz richtig, eben deshalb. Ich hatte richtig kalkuliert, daß, wie gewöhnlich die wichtigeren Fälle, auch dieser meinem Freunde, dem Kriminalkommissär Doktor Weinlich zugeteilt worden sei. Ich kam glücklicherweise gerade zurecht, ihn noch veranlassen zu können, daß er die Hand davon lasse.«

»Das ist aber stark!« rief Grumbach einigermaßen entrüstet. »Wo ich die Anzeige gemacht hatte!«

»Doktor Weinlich war sehr froh, daß ich abwinkte. Er ist ein tüchtiger Praktiker und weiß, daß bei derlei Untersuchungen, wenn sie die Polizei in die Hand nimmt, nie etwas Vernünftiges herauskommt. Eine falsche Nachricht – mein Gott! man hat sich geirrt, man war unrichtig informiert, ist selbst ein Opfer geworden und so weiter. Die mala fides läßt sich in den seltensten Fällen nachweisen, und jedenfalls haben bei solchen Börsenmanövern die Betrüger ihr Schäfchen längst ins trockene gebracht, bevor die Polizei überhaupt noch einen Anhaltspunkt gefunden hat, um ihrer habhaft werden zu können. Solche Fälle gehören zu den sogenannten undankbaren. Ein positiver Erfolg ist bei ihnen höchst unwahrscheinlich, die Blamage ziemlich gewiss. Als ich also abwiegelte und das Feuer einzustellen bat, da fiel dem erfahrenen Kriminalisten förmlich ein Stein vom Herzen. Ich gebe zu, lieber Grumbach, es war eine Eigenmächtigkeit von mir, daß ich deinen Auftrag so durchkreuzt habe –«

»Du mußtest wissen, was du tust. Jedenfalls übernahmst du damit die Verantwortung.«

»Dessen war ich mir bewußt. Es mußte rasch gehandelt werden. Von der Polizei fuhr ich zum ›Freien Morgenblatt‹. Den Chefredakteur kenne ich, und ich weiß, daß er sein Blatt zu unreinlichen Manövern nicht hergibt. Er traute der Nachricht selbst nicht recht, und er hätte sie auch nicht veröffentlicht, ohne sich erst über ihre Richtigkeit zu vergewissern. Das sei aber nicht möglich gewesen. Er selbst habe das Telegramm erst am Morgen gelesen. Es war spät in der Nacht gekommen, und der Nachtredakteur habe geglaubt, es nicht unterdrücken zu dürfen, und so gab er es, wie es gekommen war, ohne Kommentar. Übrigens müsse er bemerken, daß sein venezianischer Korrespondent Sarto ein durchaus ehrenwerter und verläßlicher Mann sei. Da hatte ich endlich den ersten Anhaltspunkt. Das Telegramm war also in Venedig aufgegeben worden. Datiert war es in der Zeitung aus Paris. Darin sei an sich nichts Auffälliges, meinte der Chefredakteur. Das Telegramm war gleich druckfertig adjustiert, und die Pariser Datierung sei ganz einfach zu erklären. Die Nachricht sei entweder von Paris aus an ein venezianisches Blatt telegraphiert worden, mit dem Sarto in Verbindung stehe und von diesem dann nach Wien weitergegeben worden, oder die französische Regierung habe direkt die italienische verständigt, und Sarto habe das ebenfalls erfahren.

Ich ließ mir das Telegramm ausheben. Es war in Venedig um 10 Uhr 45 Minuten nachts auf dem Amte 1 aufgegeben worden und war in Wien um 12. 31 eingelangt. Ich bat nun den Chefredakteur, an seinen Korrespondenten sofort ein dringendes Telegramm mit bezahlter Rückantwort auszufertigen mit der Bitte, wenn es ihm möglich sei, seine Quelle anzugeben. Ich würde in etwa drei Stunden wiederkommen, um mir die Antwort zu holen.«

»Ist die Antwort eingetroffen?« fragte Grumbach gespannt.

»Prompt. Sie lautete, wie ich gleich vermutet hatte: Habe über Kotierung überhaupt nicht telegraphiert. Mißbrauch meines Namens. Werde sofort Betrug recherchieren. Sarto.« Ich ließ unverzüglich zurücktelegraphieren: »Recherchen einstellen bis nach Rücksprache mit Herrn Dagobert, die morgen früh erfolgt.« Dann ließ ich mir für alle Fälle das erste verhängnisvolle Telegramm ausfolgen und ging weiter meinen Geschäften nach.

»Wie ich Sie aber kenne, Dagobert,« meinte Frau Violet lächelnd, »haben Sie auch die ersten drei Stunden nicht müßig verbracht.«

»Gewiß nicht, meine Gnädigste; es gab sogar sehr viel zu tun. Zunächst fuhr ich – ich mußte die knappe Zeit vor der Börse noch benutzen – bei einigen großen Banken herum, deren Direktoren ich kenne. Mit diesen mußte ich mich, ohne auch nur die geringste Eile zu verraten, über die augenblickliche Weltlage überhaupt unterhalten. Dabei kamen wir natürlich auch auf die verweigerte Kotierung zu sprechen. Ich bezweifelte die Richtigkeit der Meldung. Man widersprach mir nicht, meinte aber mit vielsagendem Mienenspiel, daß es heute trotzdem eine scharfe Baisse geben würde. ›Ich glaube wohl,‹ erwiderte ich, mich dumm stellend, ›daß Frankreich jetzt massenhaft die Papiere auf den Markt werfen wird.‹ – ›I wo!‹ lautete ausnahmslos die Antwort, ›Frankreich rührt sich merkwürdigerweise gar nicht, wohl aber Italien. Italien gibt! Wir haben starke italienische Orders.‹ – Das war es, was ich hatte wissen wollen. Weiter forschte ich auch nicht. Denn das wußte ich, daß mir die Namen der Kommittenten doch nicht bekanntgegeben werden würden. Auch die Banken halten auf ihre ›Redaktionsgeheimnisse‹, und auch bei ihnen gilt es für unehrenhaft, sie preiszugeben. Es konnte nicht meine Absicht sein, jemanden zu einer Unanständigkeit zu verleiten.

Dann machte ich noch einen Sprung auf die Mittagsbörse und konnte da mit allerdings sehr gemischten Gefühlen beobachten, wie die Raubzüge gelangen. Die Beute muß eine enorme gewesen sein. Ich ging bald davon. Sie können sich denken, Frau Violet, in welcher Stimmung! So ungefähr wie ein verprügelter Hund. Dann holte ich mir die Antwort auf der Redaktion, und dann ging die Arbeit erst recht wieder los. Ich fuhr abermals zur Polizei und ließ mir durch Doktor Weinlichs Vermittlung ein warmes Empfehlungsschreiben an den Chef der Kriminalpolizei von Venedig ausstellen. Dann ging's zur italienischen Botschaft, wo ich einige Herren kenne. Ich setzte auseinander, um was es sich handle, und bat um eine eindringliche Empfehlung an den Direktor des Post- und Telegraphenamtes in Venedig. Bis ich all das beisammen hatte, war es Abend geworden, und ich hatte noch keinen Bissen gegessen. Mit dem Nachtzuge fuhr ich nach Venedig, wo ich am nächsten Morgen eintraf.

Mein erster Weg war zu Sarto. Ich lernte in ihm einen umgänglichen, älteren Herrn von guten Manieren kennen, mit dem es sich ganz angenehm plauderte. Er war früher einmal selbst Bankier gewesen. As solcher war er dann niedergebrochen, und nun brachte er sich als Zeitungskorrespondent in ehrenwerter Weise fort. Er war sehr aufgeregt über den Mißbrauch seines Namens und wunderte sich nicht wenig über die Gleichgültigkeit, mit der ich die Angelegenheit behandelte. Ich zeigte in der Tat wenig Interesse für sie. Ich teilte ihm zwar mit, daß ich allerdings Mitglied der Internationalen Kommission sei, und da ich gerade um die Wege war, ihn habe telegraphisch benachrichtigen lassen, daß ich mit ihm Rücksprache nehmen wolle, sei aber überzeugt, daß es auch hier wie bei den meisten Börsenmanövern überhaupt sehr schwer sei, dem Schwindel auf den Grund zu kommen. Er solle sich also keine überflüssige Mühe machen, dafür lieber ein kleines Vergnügungsprogramm für meinen Aufenthalt in Venedig ausarbeiten. Es werde mir ein besonderes Vergnügen sein, bei Absolvierung desselben ihn als meinen lieben Gast betrachten zu dürfen.«

»Wozu brauchen Sie denn einen Cicerone, Dagobert?« fragte die Hausfrau. »Soviel ich weiß, kennen Sie Venedig sehr genau.«

»Wie meine Tasche, Frau Violet. Ich wollte den Mann nur immer unter den Augen haben.«

»Hatten Sie denn Verdacht gegen ihn?«

»Wenn ich ihn gehabt hätte, so ward er doch schon bei unserer ersten Begegnung völlig zerstreut. Ich hatte einen andern Grund. Ich sah gleich – man hat seinen Instinkt – daß mir der Mann kaum etwas nützen konnte. Er konnte aber vielleicht schaden. So ein Korrespondent kommt viel herum. Eine unbedachte Äußerung an rechter oder unrechter Stelle über meine Anwesenheit und den etwaigen Zweck derselben hätte mir meine Aufgabe sehr erschweren, ihre Lösung vielleicht unmöglich machen können. Ich mußte also vorsichtig sein, sprach nichts von meinen Absichten und lenkte schließlich ganz ab von dem Thema, in das ich mich innerlich doch schon ganz verbissen hatte. Jetzt war das Vergnügungsprogramm die Hauptsache. Für dieses braucht man Geld. Ich fragte ihn, ob er mir nicht irgendeinen Cambiavaluterich empfehlen könnte, bei dem man seine paar Kronen in Lire umwechseln lassen könnte, ohne daß einem dabei gleich die Haut über die Ohren gezogen würde. Er nannte mir die Wechselstube des Hauses Pasqualati & Reiner.

Das ist eine vorzügliche Idee! rief ich erfreut. Das ist eine große Firma.

Und eine angesehene, fügte er hinzu; man schätzt sie auf zehn Millionen.

Das wußte ich. Die Firma ist auch in der Internationalen Kommission vertreten, und während ich hier meine Zeit angenehm verplauderte, zerbrach sich Herr Pasqualati mit den anderen Herren der Kommission in Wien den Kopf, wie dem kühnen Einbruchsversuch am besten zu begegnen sei. Er war ja mit in der Sitzung gewesen, aus der ich durchgegangen war. Ich war wirklich dankbar für die gute Auskunft.

Leider ist aus der Verwirklichung des Vergnügungsprogramms doch nichts geworden. Gerade wie wir im besten Plauschen waren, erhält Herr Sarto vom ›Freien Morgenblatt‹ den telegraphischen Auftrag, sich unverzüglich nach Triest zu begeben, um dort dem Stapellauf des neuen österreichischen Kriegsschiffes ›Erzherzog Karl‹ beizuwohnen. Dagegen ließ sich nichts tun. Er mußte sofort abreisen.«

»Und so haben Sie eigentlich von der ganzen Unterredung mit der wichtigsten Persönlichkeit in dieser Sache nichts gehabt!« meinte bedauernd Frau Violet.

»Nicht doch, meine Gnädigste; sie hat wesentlich mitgeholfen, daß ich schon am nächsten Tage die Hand auf den gesuchten Betrüger legen konnte.«

»Dagobert!« rief nun der Präsident maßlos erstaunt und aufgeregt. »Du hast den Betrüger gefunden?!«

»Weshalb wäre ich denn sonst nach Venedig gefahren?!«

»Mensch, bist du rein toll geworden?! Hat ihn und sagt kein Wort!!«

»Wer sagt denn, daß ich nichts sage? Ich bin doch eben dabei! Wenn man mich aber noch weiterhin insultiert, wie das in diesem Hause schon zur Gewohnheit geworden zu sein scheint – gut; dann sage ich eben nichts!«

»So sei doch kein Kind, Dagobert! Du siehst, ich sitze aus Nadeln!«

»Der ganze Dagobert!« sagte Frau Violet. »Er verblüfft die Leute, er überrumpelt sie, er rennt sie nieder. So macht er es auch mit uns. Man fängt doch nicht mit dem Ende an. Man erzählt doch den Leuten erst, wie alles zugegangen ist!«

»Das Ende, Frau Violet, ist die Hauptsache, alles übrige ist nebensächlich. Sie sollen ja alles erfahren, nur wollte ich dieselbe Geschichte nicht zweimal erzählen.«

»Wieso zweimal?«

»Ich muß doch über meine Unterhaltung mit dem Betrüger berichten, den wir also nun glücklich hätten. Meiner Gewohnheit gemäß habe ich ihm ganz loyal und aufrichtig erzählt, wie ich ihn eingefangen habe. Das hat immer seine Wirkung. Die Leute müssen sich selber überzeugen, daß sie mir nicht auskommen können. Dann erst werden sie gefügig.«

»Sagen Sie, Dagobert, war es wirklich Sarto selber?«

»Ach, wo denken Sie hin, Gnädigste?! Das ist, wie ich auf den ersten Blick erkannt hatte, ein durchaus anständiger und vertrauenswürdiger Mensch. Also hören Sie. Daß Sarto plötzlich abreisen mußte, war mir gar nicht so unangenehm, wie ich vorschützte. Nun behielt ich doch ganz freie Hand, und in Triest konnte er mir nichts schaden. Ich dagegen konnte ungehindert den Tag und die Nacht für meine Zwecke benutzen, und Sie können sich denken, Gnädigste, daß ich nicht müßig gegangen bin. In vierundzwanzig Stunden war ich so weit, daß ich meine Mission als beendet betrachten konnte.

Am nächsten Vormittag um zehn Uhr betrat ich die Wechselstube Pasqualati & Reiner, um mir ein paar hundert Lire einzuwechseln. Als das besorgt war, erkundigte ich mich um den anwesenden Chef, Herrn Reiner. Er wurde geholt, und ich erklärte, daß ich ein größeres Geschäft mit ihm zu besprechen hätte. Das berührte den kleinen Mann mit dem Geiergesicht sehr angenehm und er geleitete mich freundlich in sein Kabinett. Er bot mir erst einen Sitz und dann eine Zigarre an. In dem Fauteuil ließ ich mich behaglich nieder; denn ich war wirklich ein wenig müde; für die Zigarre dankte ich.

›Wenn Sie aber erlauben, Herr Reiner,‹ fügte ich hinzu – die Unterhaltung wurde in deutscher Sprache geführt – ›dann zünde ich eine von meinen eigenen an.‹

Das tat ich denn auch, und unter dem Anzünden bemerkte ich harmlos: ›Ich nehme nämlich grundsätzlich keine Zigarren von Gaunern an.‹

Da wurde der Mann bös, sprang auf und wollte seine Leute herbeirufen, um mich hinauswerfen zu lassen. Ich blieb ruhig sitzen und gab der Ansicht Ausdruck, daß es vielleicht besser wäre, die Leute nicht hereinzurufen, denn dann müßte ich vor ihnen sagen, was ich ihm vorläufig unter vier Augen mitteilen wollte. Das könnte ihm am Ende doch unangenehm werden, und ich wäre geradezu trostlos, wenn ich ihm auch nur die geringste Unannehmlichkeit dieser Art bereiten müßte.

Er nahm Räson an und setzte sich wieder. Ich solle sagen, was ich zu sagen hätte. Er jedenfalls wisse, daß er sich nichts Unrechtes vorzuwerfen habe.

›Desto besser für Sie,‹ räumte ich ein. ›Dann wird mir zum Schlusse nichts anderes übrigbleiben, als Sie um Entschuldigung zu bitten.‹

›Das war wohl früher zu überlegen, bevor Sie in so rüder Weise beleidigten!‹

›Es war meine Ansicht, und ich hege sie noch. Ich sehe aber ein, daß, wenn ich unrecht habe, es mit einer bloßen Entschuldigung nicht abgetan ist. Für diesen Fall würde ich mich auch ohne weiteres zu einer Buße von einer Million verstehen, anderenfalls aber – doch davon später!‹

›Was wollen Sie eigentlich?‹

›Wie bereits angedeutet, ich will einen Gauner unschädlich machen.‹

›So können wir nicht weiterreden!‹

›Ich sehe nicht ein, warum nicht! Ich habe in meinem Leben schon ziemlich viel Gelegenheit gehabt, mit Gaunern zu verkehren und ich muß sagen, Herr Reiner, daß, wenn die gegenseitigen Ansprüche nicht gar zu hoch gespannt waren, wir gewöhnlich ganz gut miteinander ausgekommen sind.‹

›Kommen Sie endlich zur Sache!‹ mahnte er ungeduldig.

Das war mir ganz recht, daß er ungeduldig wurde. Ich hatte absichtlich so lange herumgeredet und ihn zappeln lassen, um ihn nervös zu machen.

›Gut, ich will Ihnen reinen Wein einschenken, Herr Reiner,‹ fuhr ich fort. ›Die Vorgeschichte darf ich ja bei Ihnen als bekannt voraussetzen?‹

›Welche Vorgeschichte?‹

›Sie wollen nichts wissen – auch gut. Ich hatte nicht die Absicht, Ihnen eine Suggestivfrage zu stellen. Ich arbeite nicht mit solchen Mitteln und dazu habe ich eine zu hohe Meinung von Ihren Fähigkeiten. Fangen wir also beim Anfang an. Vorgestern brachte das Freie Morgenblatt in Wien ein Originaltelegramm mit der Meldung, daß die französische Regierung die Erlaubnis zur Kotierung der Aktien der Internationalen Eisenbahngesellschaft verweigert habe. Für die Eingeweihten, zu welchen ich mich zählen darf, war es sofort klar, daß hier ein schwindelhafter Bluff vorlag. Immerhin war der Anschlag gut genug, das Publikum irrezuführen und auszuplündern. Als Mitglied des Direktoriums der Internationalen Kommission – mein Name ist Trostler. Verzeihen Sie, daß ich so spät erst die gesellschaftliche Pflicht der Vorstellung erfülle – habe ich es als meine Aufgabe erachtet, dem Schwindel auf den Grund zu kommen. Ich habe meine Aufgabe gelöst. Das Telegramm ist eine Fälschung und der Fälscher – ich bedauere es sagen zu müssen – sind Sie, Herr Reiner.‹

›Das ist eine infame Lüge!‹

›Ich kann Ihnen die starken Ausdrücke nicht verbieten, Herr Reiner, da ich sie gerne selbst gebrauche – wo sie am Platze sind. Ein kleiner Unterschied besteht doch zwischen uns beiden. Wenn ich starke Ausdrücke brauche, dann bin ich in der angenehmen Lage, für sie den lückenlosen Wahrheitsbeweis anzutreten. Das ist eine Rechtswohltat, die Ihnen für Ihre Verbalinjurien nicht zustatten kommt. Ich zürne Ihnen deshalb nicht, schon aus dem Grunde nicht, weil Sie sich dadurch Ihre eigene Lage verschlimmern und Ihre schließliche Blamage nur noch erhöhen. Ich garantiere Ihnen, daß Sie von Ihrem hohen Roß noch schön sanft herabsteigen werden.‹

›Das werden wir ja sehen!‹

›Ich denke, es wird sich sehr bald ereignen. Das Telegramm wurde in Venedig aufgegeben. Der es aufgab, mußte in verschiedene Verhältnisse gut eingeweiht sein. Er mußte von der Sitzung der Kommission Kenntnis haben, in der die Emission beschlossen werden sollte; er mußte mit der Börsenlage vertraut sein, er mußte den Korrespondenten, dessen Namen er betrügerischerweise mißbraucht hat, kennen und durch diesen auch orientiert sein über den redaktionellen Geschäftsgang beim Freien Morgenblatt. Ich gehe weiter. Bei jedem dunklen Verbrechen hat man sich zunächst zu fragen: cui bono? Zu welchem Zwecke, wem sollte es nützen? Hier war es sehr klar: der Fälscher wollte sich selbst nützen. Er konnte also nicht der erstbeste sein. Ich will Ihnen beweisen, daß es ein Mann – wie soll ich nur sagen? – ein Mann von Gewicht sein mußte. Ein armer Teufel konnte dieser Schwindler nicht sein. Denn dann hätte ihm der ganze Schwindel nichts geholfen. Der Schwindler war unter den Millionären zu suchen. Sehr einfach: mit dem Telegramm an das ›Freie Morgenblatt‹ gingen auch telegraphische Orders für starke Abgaben ab an die großen Banken in Wien, an die Länderbank, die Unionbank, die Kreditanstalt, an die Anglobank usw. Wenn solche Aufträge ausgeführt werden sollen, dann müssen bei den Beauftragten schon entweder hinreichende Summen zur Deckung erliegen, oder es muß der Name und die Kreditwürdigkeit des Auftraggebers eine über alle Zweifel erhabene Sicherheit bieten. Sie sehen, Herr Reiner, ich mache Ihnen da eigentlich lauter Komplimente. Ein armer Schwindler kann sich in solche Unternehmungen nicht einlassen.‹

›Und auf diese Anhaltspunkte hin glauben Sie einen Ehrenmann verdächtigen zu dürfen, der in zwanzigjähriger geschäftlicher Tätigkeit sich das Vertrauen der ganzen Welt erworben hat?‹

›I bewahre, Herr Reiner! Wo werd' ich so unklug sein! Das war nur die Einleitung: ich komme schon noch deutlicher, ich fürchte, viel deutlicher, als Ihnen lieb sein wird. Ich reiste also hierher nach Venedig, um den Schwindel aufzudecken. Ich suchte den Direktor des Post- und Telegraphenwesens auf, um von ihm die Erlaubnis zu erwirken, Einsicht zu nehmen in die Originalhandschrift jener Branddepesche an das ›Freie Morgenblatt‹. Die Antwort lautete, wie ich sie erwartet hatte: Meinem Wunsche könne nicht willfahrt werden. Da ich darauf gefaßt war, regte mich die Verweigerung nicht weiter auf. Ich wußte, auch die Telegramme stehen unter dem Schutz des Briefgeheimnisses. Da war also weiter nichts zu machen. Trotzdem gab ich natürlich das Rennen nicht auf. Im Gegenteil, ich verschärfte die Pace. Ich begab mich zum Chef der Kriminalpolizei. Sie können sich denken, Herr Reiner, daß, wenn ich einen solchen Schritt unternehme, ich auch schon die Vorbereitungen dazu getroffen habe. Meine Empfehlungen waren derart, dass er mir willig seinen Beistand lieh, nachdem ich ihm den Fall auseinandergesetzt hatte. Er gondelte mit mir zum Post- und Telegraphendirektor, und nun wurde die Handschrift ausgehoben. Ich photographierte sie mir auch für alle Fälle. Ich habe nämlich eine wunderbare Handkamera, Herr Reiner. Wirklich, wenn Sie 'mal Bedarf haben sollten, so kann ich Ihnen die Firma bestens – nicht? Verzeihen Sie; ich meinte ja nur so. Das war nun schon etwas; nicht viel – ich gebe zu. Ich kenne Ihre Handschrift nicht, Herr Reiner, aber ich denke, wir hätten jetzt eine schöne Gelegenheit zur Handschriftenvergleichung. Das ist eine ganz interessante und anregende Unterhaltung. Sie scheinen keine rechte Lust zu haben, aber ich bitte – ganz nach Belieben. Ich nötige nicht. Das tue ich nie. Das hat ja auch keinen Zweck. Ich bitte Sie, stellen Sie sich das nur vor! Wenn man aufs Zureden angewiesen wäre – man würde eine schlechte Figur machen.

Wir können weitergehen. Jetzt erst begann die eigentliche Arbeit für mich. Mit dem photographierten Dokument war mir nur sehr wenig gedient. Ich wollte ja den Betrüger abfassen. Das schien nicht besonders schwierig, wenn man mir nur freie Hand ließ. Nach einer längeren Rücksprache mit Ihrem Polizeidirektor hatte ich auch das erreicht. Ich wollte mit seiner Einwilligung, beziehungsweise auf seine amtliche Anordnung, einige Stunden, wenn nötig auch mehrere Tage, hinter dem Schalter des Telegraphenamtes, das ich ins Auge gefaßt hatte, neben dem amtierenden Telegraphisten sitzen dürfen. Ich gestehe, es war nicht leicht, die Erlaubnis zu erwirken. Auch hier war es der Schutz des Briefgeheimnisses, der ihm Bedenken verursachte. Ich erklärte, daß ich überhaupt in kein Telegramm Einsicht nehmen wolle, nur solle es dem Beamten erlaubt werden, mir ein Zeichen zu geben, wenn ein Telegramm zur Aufgabe gelangen sollte, dessen Inhalt und Adresse ich vorher bekannt geben würde. Ich setzte auseinander, daß es sich um einen großen Betrug handle, und daß das Publikum geschützt werden müsse, in erster Linie doch auch das italienische. Schließlich bot ich auch eine Kaution in jeder gewünschten Höhe an als Sicherstellung gegen einen etwaigen Mißbrauch meinerseits. Der Direktor überdachte die Sache genau, prüfte meine Empfehlungen noch einmal und gab mir dann ohne Kaution vollständig freie Hand.

Ich hatte so kalkuliert: dem Betrüger war der erste Anschlag in der wünschenswertesten Weise gelungen. Das Freie Morgenblatt hatte die Fälschung nicht bemerkt. Die Börsen hatten der Berechnung gemäß reagiert. Die Kurse unseres Papiers waren stark gefallen. Die Aufklärung mußte erfolgen, aber sie war noch nicht da. Beim Börsenspiel kommt alles nur auf den Vorsprung an. Es galt also, die Wirkung der unausbleiblichen Aufklärung zu eskomptieren. Ihnen brauche ich diese Dinge nicht zu erklären, Herr Reiner. Sie sind ja darin Fachmann ersten Ranges. Also es war erst nur die Hälfte der Arbeit getan. Sie hatten teuer verkauft. Jetzt hieß es billig zu kaufen, und womöglich doppelt soviel, als verkauft worden war. Das Geschäft war ein sicheres und sehr einträgliches.

Es mußten nun die telegraphischen Kauforders an die Wiener Banken abgehen, und um diesen den entsprechenden Nachdruck zu geben, konnte es ja mit einem neuerlichen gefälschten Telegramm an das ›Freie Morgenblatt‹ versucht werden. Warum nicht, da es das erstemal so gut gelungen war? Über die Zeit, in welcher die Aufgabe erfolgen sollte, war ich im klaren. Man geht von einer Methode nicht ab, wenn sie sich einmal bewährt hat. 10 Uhr ist eine ganz schöne Zeit. Das Telegramm kommt noch gerade für den Nachtredakteur zurecht, der tausend Dinge im Kopf und jedenfalls keine Zeit mehr hat, noch lange zu forschen, zu prüfen und zu überlegen.

Ich installierte mich also gestern abend Punkt zehn Uhr auf dem Amte. Ich saß neben dem Beamten, aber mit dem Rücken zum Schalter, so daß ich von außen nicht gesehen werden konnte. Um zehn Uhr vierzig kamen die Telegramme an die Banken. Alle Achtung, Herr Reiner, Sie haben da ganz kolossal hineingefeuert! Ich habe Ihre Bemühungen sogar unterstützt und habe mir erlaubt, ebenfalls einen telegraphischen Auftrag auf ein paar hundert Stück abzusenden. Damit habe ich die Nachfrage vermehrt, und mir persönlich ist es ja sehr angenehm, wenn unsere Aktien steigen.

Bald darauf kam auch das Telegramm an das ›Freie Morgenblatt‹. Es war wieder genau 10 Uhr 45. Den Auftraggeber habe ich allerdings nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen, aber nun hatte ich doch alles beisammen. Der Ring war geschlossen.‹

›Sie haben den Aufgeber nicht gesehen und behaupten doch schlankweg, ich sei es gewesen!‹

Reiner hatte sich bemüht, einen überlegenen Ton anzunehmen, aber seine Stimme klang doch schon recht unsicher. Ich hatte nun meinen letzten Trumpf auszuspielen und vergönnte mir eine kleine Kunstpause. Ich zündete mir eine frische Zigarre an, natürlich eine von meinen eigenen – Sie wissen ja –!«

»Sie machen es jetzt mit uns, wie mit Herrn Reiner,« sagte Frau Violet. »Sie spannen uns auf die Folter und lassen uns zappeln.«

»Ich bin gleich fertig. Gnädigste. – ›Herr Reiner,‹ fuhr ich dann fort, ›Sie glauben noch immer nicht, daß ich Sie so sicher habe, als hätte ich Ihnen schon Handschellen angelegt. Das ist beinahe beleidigend; denn Sie unterschätzen mich offenbar. Ich müßte auf den Kopf gefallen sein, wenn ich nicht schon begriffen hätte, daß ich in Ihnen eine Kapazität ersten Ranges vor mir habe. Einem solchen Manne darf man nicht mit leeren Redensarten kommen, sondern nur mit Tatsachen. Ich komme mit Tatsachen. Wenn Sie noch immer leugnen, so gleichen Sie dem Fisch, der an der Angel hängt und der, indem er an der Schnur zerrt, die Widerhaken, die ihn halten, nur immer tiefer hineintreibt.

Ich sagte, daß ich Sie nicht gesehen hätte. Das ist ja richtig, aber doch nur cum grano salis aufzufassen. Ich hatte es nicht nötig, mich Ihnen zu zeigen, um so weniger, als ich meine anderweitigen Vorkehrungen schon getroffen hatte. Ein kleines Arrangement von zwei Spiegeln und einer transportabeln elektrischen Lampe von 60 Kerzenstärke. Der Beamte war beauftragt, wenn das bewußte Telegramm erscheinen sollte, sich beim Aufgeber um die Schreibweise eines Wortes zu erkundigen. Dabei mußte der Aufgeber sich zum Schalter bücken, und damit hatte er die richtige Stellung für mein Spiegelarrangement. Im zweiten, scharf beleuchteten Spiegel hatte ich nun sein Bild klar vor mir. Ich drückte los. Habe ich Ihnen schon mitgeteilt, daß ich eine ganz ausgezeichnete Handkamera von einer wirklich empfehlenswerten Firma – ach ja, Sie wissen schon!

Heute in den Morgenstunden habe ich im Atelier Naja entwickelt und kopiert. Letzteres geht bei der gesegneten venezianischen Sonne besonders rasch und leicht. Hier habe ich die Photographien. Wollen Sie sie gefälligst betrachten. Die beiden ersten sind vielleicht weniger interessant. Sie zeigen uns die Handschriften des ersten Telegramms und des zweiten. Die Schriften sind identisch. Die Bilder sind, wie ich zugebe, nicht von Belang. Denn für den Notfall können ja die Originale selbst beschafft und vorgelegt werden. Wertvoller scheint mir das dritte Bild. Es zeigt uns die Züge des Aufgebers. Finden Sie nicht, daß Sie ganz gut getroffen sind, Herr Reiner? Ihrer besonderen Beachtung empfehle ich, daß das Porträt gewissermaßen auch einen Rahmen hat. Der Rahmen des Schalters, in dem der Kopf erscheint, ist nämlich mitphotographiert und der Hintergrund auch. Wie Sie sehen, immerhin ein wertvolles Beweismittel.‹

Reiner sah sich das Bild aufmerksam an, und ich hatte nun das Gefühl, daß ich ihn endlich untergekriegt hatte, obschon er keine besondere Aufregung verriet. Seine Kaltblütigkeit war sogar eine bewunderungswürdige, als er mich mit der Frage verblüffte: ›Was soll die Geschichte kosten?‹

›Sie wird ziemlich viel kosten, Herr Reiner,‹ erwiderte ich. ›Ich glaube übrigens, Ihnen schon eine Andeutung gemacht zu haben.‹

›Ich erinnere mich nicht.‹

›Nun Ihr Telegramm wird jedenfalls eines der teuersten sein, die jemals aufgegeben worden sind. Es wird Sie eine Million Lire kosten!‹

Er fiel nicht vom Sessel und verzog nicht einmal die Miene. Er sagte nur ruhig: ›So viel verdiene ich bei dem ganzen Scherz nicht.‹

›Sehen Sie, Herr Reiner, das ist mir nun ungeheuer gleichgültig. Sie werden eine Million und nicht um eine Lira weniger bezahlen.‹

›Was wird dafür geboten?‹

›Hören Sie, Geschätzter, das ist doch der Gipfel der Unverschämtheit! Ich bin nicht da, um mit Ihnen zu verhandeln, sondern um Ihnen Bedingungen zu diktieren. Sie haben allerdings die Freiheit, solange Sie sich ihrer noch erfreuen, sie anzunehmen oder abzulehnen, aber das merken Sie sich – abgehandelt wird da nichts!‹

›Ich muß doch wissen, ob damit wenigstens die Angelegenheit abgeschlossen ist, sonst hätte es ja gar keinen Zweck, mich von Ihnen brandschatzen zu lassen.‹

›Wählen Sie Ihre Ausdrücke vorsichtiger, Herr Reiner, sonst kriegen Sie von mir noch einen Ehrenbeleidigungsprozeß auf den Hals. Ich brandschatze nicht; ich lege Ihnen eine Buße auf. Wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie auf meinen Vorschlag nicht einzugehen. Es war nur so eine Idee von mir. Ein Mandat, mit Ihnen zu verhandeln, habe ich nicht. Ich tue es aus freien Stücken und aus gutem Herzen.‹

›Dann könnten Sie es schon billiger machen!‹

›Bedauere sehr – ich bin für feste Preise. Ich bin nicht abgeneigt, von Ihnen eine Million entgegenzunehmen und sie dem Direktorium abzuliefern. Ich kann nicht wissen, ob dieses geneigt sein wird, sie anzunehmen. Für diesen Fall – es wäre der ungünstigere für Sie – würden Sie den Betrag zurückerhalten. Dann würde eben das Gericht zu sprechen haben, und das, Herr Reiner, wäre für Sie der bürgerliche Tod.‹

›Was gedenken Sie mit der von mir erhaltenen Summe zu tun?‹

›Das habe ich schon gesagt. Ich werde sie dem Direktorium übergeben. Meine Idee dabei ist, daß dieser Betrag als Dispositionsfond angelegt werde zur Verfolgung und Aufhellung etwaiger ähnlicher Schwindeleien in Zukunft. Ich arbeite hier kostenlos, aber ich kann nicht dafür gutstehen, daß ich auch in Zukunft immer Lust haben werde, jedem Schwindler nachzulaufen. Andere Leute kosten aber Geld. Sie sehen, Herr Reiner, daß Sie da mit Ihrem Gelde ein gutes Werk stiften werden.‹

›Werden Sie für Ihren Antrag beim Direktorium eintreten?‹

›Das will ich tun, eine Bürgschaft aber für seine Beschlüsse kann ich natürlich nicht übernehmen. Vorbedingung ist selbstverständlich, daß Ihre Firma aus der Kommission sofort austritt.‹

›Die Demission wird heute noch schriftlich erfolgen.‹

›Gut. Dann scheint mir die Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen, daß das Direktorium von einer gerichtlichen Verfolgung absehen wird. Nicht aus zarter Rücksicht für Sie, sondern im eigenen Interesse, um einem europäischen Skandal vorzubeugen, der ihm nichts nützen kann.‹

›Ich bin einverstanden. Sie werden aber begreifen, Herr Trostler, daß man eine Million nicht immer bereitliegen hat.‹

›Und Sie werden begreifen, Herr Reiner, daß ich hier nicht fortgehen werde, bevor ich sie habe. Ihre Firma ist gut akkreditiert. Ich nehme auch einen Wechsel.‹

›Auch das hat seine Schwierigkeit, einen solchen Betrag auf einmal flüssig zu machen. Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihnen zehn Akzepte mit der Fälligkeit am Ersten der nachfolgenden zehn Monate ausstelle?‹

›Ich habe nichts dagegen.«

Er füllte zehn Blankette aus und übergab sie mir.

›Ich glaube, wir sind fertig,‹ sagte er.

›Nicht ganz. Ich laufe nicht in Italien herum, mit einer Million in der Tasche.‹

Ich erbat ein starkes Leinwandkuvert, siegelte und schrieb die Adresse, meine Adresse. Als er die Adresse las, da gingen ihm die Augen auf.

›Dagobert Trostler,‹ rief er erstaunt. ›Sie sind Herr Dagobert?! Ja, dann allerdings wird mir manches klar!‹

Ich dankte für das Kompliment und bat, daß er den Diener hereinläute. Diesem übergab ich den Brief zur Aufgabe und fünf Minuten später hatte ich den Aufgabeschein in Händen.

›Sind wir jetzt fertig, Herr Dagobert?‹ fragte er.

›Noch immer nicht ganz, Herr Reiner. Unsere Unterredung hat Sie angestrengt; Sie bedürfen der Erholung. Sie werden jetzt ein erfrischendes Bad am Lido nehmen. Das wird Ihnen guttun.‹

›Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Dagobert, ich habe aber wirklich keine Zeit und bin auch nicht in der Stimmung, Vergnügungen nachzugehen.‹

›Ich bedaure unendlich, auf meiner Bitte beharren zu müssen. Da Sie mich zwingen, muß ich es sagen, daß ich Sie jetzt unmöglich auch nur auf einen Augenblick allein lassen kann. Noch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß der Abgang des Briefes telephonisch oder durch einen Boten verhindert wird. Ich weiß und bin im tiefsten überzeugt, daß mein Mißtrauen ein gänzlich unbegründetes ist, aber man ist nicht jeden Tag in der Lage, sich für eine Million verantwortlich zu fühlen.‹

Er nahm Hut und Stock. Wir bestiegen den Vaporetto nach dem Lido. Dort nehme ich, wie es sich für einen so illustren Gast gebührt, trotz des kurzen Weges eine Equipage. Er hatte keine rechte Lust, ins Wasser zu gehen, aber ich zwang ihn. Ich war dabei, wie er sich auskleidete und wie die Meereswogen die fragwürdige Pracht seiner Glieder umspielten. Nach und nach schien er doch auf den Geschmack zu kommen. Als ich ihn weit draußen sah unter den Hunderten von Badegästen, fühlte ich mich beruhigt.

Darauf verduftete ich schleunig und spurlos und erreichte eben noch meinen Zug. Der Brief traf pünktlich ein. Hier, lieber Grumbach, hast du die zehn Akzepte, und nun mag das Direktorium beschließen, was es für gut hält.«

Frau Violet schlug nur die Hände über dem Kopf zusammen.


 << zurück