Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
MeistgelesenVerlag: Rieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.) | Jahr: 1860 | Übersetzer: Ludwig Seeger
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Epitaph
Hic praeteritos commemora dies, aeternos meditare.
Vierzehnte Ode.
Jung, thöricht, oder alt und weise,
Wer du auch seist, der du verirrt dich drehst im Kreise,
Durch alle Himmel fliegst, wie Wolken, ohne Ruh,
Warum der Ferne eilst du zu?
Ist hier, o Wandrer, nicht das Ziel schon deiner Reise?
Der Tod hat meinen Ruhm bedeckt mit dunkler Schmach,
Kaum ist mein Name noch auf diesem Stein zu lesen,
Er, dessen Glanz ins Aug' einst manchem Neider stach.
Ich bin ein Nichts, umsonst forscht jetzt dein Auge nach,
Ob deines Ruhms ein Theil vielleicht einst mein gewesen.
Ich ging wie du am Wanderstab
Durch's Leben einst. Der Fluß kehrt' um zu seiner Quelle.
Ruh' auf dem Marmor, der zertrümmert deckt mein Grab:
Leg ab hier deine Last, und ruh' an dieser Stelle,
Ich trug dieselbe Last, hier warf ich einst sie ab.
Verlangt nach Ruhe dich, willst du im Schatten schlafen,
Dein Lager ist bereit, hier ist es still, komm her!
Hier ist das Felsenriff, und hier der sichre Hafen,
Fahr' ein, dein Boot war lang genug gepeitscht vom Meer.
Will dir im Herzen nicht ein leiser Wunsch sich regen,
Fühlst du gefesselt nicht den Fuß an diesem Ort
Der Ruhe, blinkt dir nicht entgegen
Dein Namen, hörst du nicht der Mahnung leises Wort?
Ein Komödiant, der schlecht gelernt nur seine Rolle,
Betritt der Mensch, bald kühn, bald unter Angst und Leid,
Im Purpurmantel der, und der im Hirtenkleid,
Die Bühne, daß man ihm ein Stündchen Beifall zolle.
O störe Todte nie in ihrer Grabesruh;
Wie ich, zu ihrer Stadt mußt du auch niedergehen,
Rasch eilt mit jedem Schritt der Mensch dem Grabe zu;
Du weißt nicht, welcher Wind wird deinen Staub verwehen.
Doch, weh, dein Ohr ist taub, nicht einen Seufzer weiht,
Nicht ein Gebet mir dein verstocktes Herz. O weine,
Wein' über dich, dein Nichts, und deine Eitelkeit!
Du gehst vorbei? – So geh! – Was liegt an diesem Steine?
Was sieht dein trübes Aug' im Grab zu dieser Zeit? –
Ein Häufchen Asche, Staub, vermoderte Gebeine,
Ein Nichts – ha, und die Ewigkeit I