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Hermann Conradi: Lieder eines Sünders

von Hermann Conradi

Verlag: Verlag von Wilhelm Friedrich | Jahr: 1887

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Kapitel 55

Triumph der Sehnsucht.

Das sind die Wogen der Sehnsucht,
Die fluten mir durch das Herz –
Der Sehnsucht, köstlich berückend,
Wie Knospenbotschaft im März . . .

Das sind die Wogen der Sehnsucht,
Die in mir branden und blüh'n –
Die mich berauschen, wie schwüles
Düften von weißem Jasmin.

Wie im Traume war ich gewandelt,
Von engem Genügen erfüllt –
Vor mir ein kleines, banales
Farbloses Werkeltagsbild . . .

Sie nahm so ganz mich gefangen,
Die winzige Werkeltagspflicht –
Zerschmolz mein stolzes Verlangen,
Verhing mein suchend Gesicht . . .

Still war es – freudlos und leidlos
Rann Stunde um Stunde dahin –
Und keine war drängende Sehnsucht –
Und keine Empörerin . . .

Nun strömen und rollen wieder
Die Schauer der Sehnsucht wild –
Zerbrochen liegt das Bildniß –
Mein Auge ist unverhüllt . . .

Ich fühle unendliche Schmerzen
Und Wonnen namenlos –
Ich kreise mit den Gestirnen,
Bin klein und doch riesengroß . . .

Bin Staub und doch die Axe –
Ein Punkt und doch Alles zugleich . . .
Ich verzehre mich in Sehnsucht –
Und bin an Erfüllung so reich!
. . .