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Fragmente und Fabeln

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von Gotthold Ephraim Lessing

Verlag: Gustav Tempel

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Kapitel 42

Kapitel 42

4. Der Wolf auf dem Todtenbette

Fab. Aesop. 144. Phaedrus lib. I. Fab. 8.

Der Wolf lag in den letzten Zügen und schickte einen prüfenden Blick auf sein vergangenes Leben zurück. Ich bin freilich ein Sünder, sagte er; aber doch, ich hoffe, keiner von den größten. Ich habe Böses gethan, aber auch viel Gutes. Einsmals, erinnere ich mich, kam mir ein blökendes Lamm, welches sich von der Heerde verirrt hatte, so nahe, daß ich es gar leicht hätte würgen können, und ich that ihm nichts. Zu eben dieser Zeit hörte ich die Spöttereien und Schmähungen eines Schafes mit der bewundernswürdigsten Gleichgiltigkeit an, ob ich schon keine schützenden Hunde zu fürchten hatte.

Und das Alles kann ich Dir bezeugen, fiel ihm Freund Fuchs, der ihn zum Tode bereiten half, ins Wort. Denn ich erinnere mich noch gar wohl aller Umstände dabei. Es war zu eben der Zeit, als Du Dich an dem Beine so jämmerlich würgtest, das Dir der gutherzige Kranich hernach aus dem Schlunde zog.