| Fern in Latium, wo den Wellen Seine sagenvollen hellen Zinnen Circe's Cap enthebt, Steht Asturas Turm und schwebt Wie ein bleiches Heldenbildniß Ob des Meers azurner Wildniß; Schürt der Abend seine Gluten, Flammt er auf im Schauerlichte, Einsam warnend in den Fluten, Schönster Leuchtturm der Geschichte. An des Meers sandöder Düne Steht vergessen die Ruine Gleich der Gralburg hier und ruht In sirenenstimm'ger Flut; Wild umkreisen sie mit falben Flügeln schrille Wasserschwalben; Konradin! zu gellen scheinen Wind und Vogel, und zu tragen Auf den Schwingen dieses einen Wehgeschreis angstheis'res Klagen. Die romanzenvollen Lüfte, Wellensang und Waldesdüfte Schläfern ein gemach mein Herz, Selbst zum Träumer wird hier Schmerz, Und ein Heimweh macht mich weinen, Läßt Erinnerung erscheinen Mir im Turm der Ghibellinen Geister hier in dieser Stunde, Wie dem Dante sie erschienen Und gezeigt die Heldenwunde. Die da sterbend rangen nieder Romas giftgeschwoll'ne Hyder, Friedrich, Manfred, Konradin, Aber, Pfaffentum, entfliehn Nimmer konnten deinen Schlingen Und so schlangenstarken Ringen, O wie strahlen sie im Lichte, Ihres Tods verklärter Milde Heller nun durch die Geschichte, Ein Laokoon-Gebilde. Riesenkraft hast du entfaltet, Manfred, sterbend noch gespaltet Mit des Schwertes letztem Streich Petri Felsen, Roland gleich; Und gefaßt in ernstem Schweigen Sah den Konradin man steigen Aufs Schaffot; des Blutes Wellen Sog die Erde gierig nieder, Und aus tausend Rachequellen Gab Sicilia sie wieder; Deutschland wieder, als bestritten Jenen Drachen die Hussiten, Und von Wittenberg der Schwan Hat durchbraust den Vatican Und zerrupft Sanct-Petri Taube. Doch das Reich – es liegt im Staube! Mit des Purpurs Fetzen schmückten Dreißig mal sich, die zerbrachen Friedrich's Krone, und zerstückten Dreißig mal den Stuhl von Aachen. Abgeschirrt vom Siegeswagen Sind die Rosse, die getragen In dem Völkerlauf voran Die jahrhundertlange Bahn Dich, Europas Scepterführer, Deutschland dich, der Welt Regierer; Neuem Anjou nun den Bügel Hältst du, dem verwog'nen Steurer, Gibst der Weltgeschichte Zügel Tatenlos dem Abenteurer. Wie die Vögelschwärme reisen Immerzu in wüsten Kreisen Schrill und wild zu Häupten dir, Also meine Klagen hier, Turm Astura, lass' ich steigen, Heimatlose Seufzerreigen, Deutsches Grenzmal, wo vom Herzen Sich Germania der süßen Schwester riß mit tiefen Schmerzen, Die noch späte Enkel büßen. Denn Geschwister sind sie beide, Gleich an Ruhm und gleich an Leide. Aehnelt, Deutschland, dein Gesicht Auch der schönern Schwester nicht, Lorbern kränzen es nicht minder. Der Geschichte Waisenkinder Müßt die Sehnsucht ihr verhehlen, Die euch ewig hält gebunden Eure gleich zerriss'nen Seelen, Die mitsammen nur gesunden. Aber einst den Haß zu sühnen Steigt herab die Apenninen Waffenlos Germania frei Durch die freie Lombardei Zu der Römerfahrt hernieder. Dann umarmen wird sie wieder Heiß Italia, am Busen Ruh'n sie sich, verschmerzter Zeiten Froh gedenk – Europas Musen, Werden sie die Welt durchschreiten; Führerinnen dann der Heere Wieder, freier Völkerchöre, Die zum Tempel der Cultur Festlich folgen ihrer Spur, Wenn den Dom des Friedens gründen Völker, und in Rom entzünden Nord und Süd Versöhnungsflammen, Und verbrennen jener alten Zwietracht Waffen dann mitsammen, Die die Menschheit einst gespalten. Sind es Träume, die ich dichte, Ist es Zukunft der Geschichte Und des Geistes Frühlingsweh'n, Den ich schaudernd fühle geh'n Auf des Ostens Dämmerungen? Sieh', ein Haupt vom Geist durchdrungen Ward die Erde schon, Gedanken Läßt sie, flügellose, gleiten, Blitzen gleich, an tausend schwanken Ketten durch den Raum der Zeiten. Aber die Gedankengassen, Diese geisterschnellen Straßen, Die sich schlingen um die Welt, Despotie hat sie bestellt. Auf gebahnten Pfaden streben Mord und Haß durchs Erdenleben: Aber wandern in der Irre, Durch die ungebahnte Trübe, Allzuspät muß durch die wirre Wildniß erst die Menschenliebe. Und des Geistes Ritter schweifen In der Wüste wir und streifen Nach der Menschheit heil'gem Gral, Wie der Pilger Parcival; Aber könnt' ich ihn ereilen, Wollt' ich wandern tausend Meilen In der Wildniß ohne Trauer, Bis ich könnte sehen steigen, Dom der Menschheit, deine Mauer, Und mein Haupt anbetend neigen. |