Sämtliche Schriften – Band 1: 1911 - 1921
MeistgelesenVerlag: Rowohlt
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Neues Volkstheater: »Verbrüderung«
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Wenn man also heute ein Stück schreibt, das in keiner Weise den Anforderungen der Bühne entspricht, so nennt man das ganz einfach »Bühnenstück«.
Und dann gibt man sich Mühe, sich in so etwas wie eine Kollektivseele hineinzuspintisieren und möglichst jede Physiognomie zu vermeiden und alles zu tun, daß besagtes »Bühnenstück« in keiner Weise sich von denen der anderen Mitstrebenden unterscheidet. Hasenclever, Rubiner, Toller, Wangenheim, viele Namen, und doch könnte das alles ein Einziger geschrieben haben. Paul Zech hat als Lyriker sein eigenes Gepräge, desto bedauerlicher, daß er als Dramatiker sein Gesicht verleugnet und in jene expressionistische Normalmaske kriecht, die wir in den letzten Jahren bis zum Überdruß genossen haben.
Das Neue Volkstheater setzt an so etwas immer viel Hingabe und Aposteleifer. Aber mit Schaudern sieht man den Verfall der Schauspielkunst kommen, wenn das in gleichem Tempo weitergeht. Wo bleibt Individualisierung, wo bleibt Abstufung, wo bleibt die Kunst des Dialogs, wenn das ganze Spiel sich beschränken muß auf Solo- oder Gruppengebrüll vor der Rampe? Alle Feinheiten werden zertrampelt und, wie einst vor dem Durchbruch der Moderne, triumphiert das rollende Auge und die geballte Faust. Die Gestaltung wird beiseite geschoben von der Gesinnung. Wenn, nach einem bekannten Ateliersprüchlein, Picasso, der Vater des Kubismus, heute wie Ingres malt, so dichten unsere Jüngsten wieder wie Wildenbruch. Und Paul Zech in der »Verbrüderung« leider zuweilen wie die Birch-Pfeiffer.
Man geht traurig davon, denn man sieht ein großes Talent einer heute schon niedergehenden Mode demütigst die Füße küssen.